1. Einleitung
Wie berichten die „großen Zeitungen“ dieser Welt über das Ausland? Der vorliegende Text soll diese Frage in Bezug auf die französische Zeitung Le Monde beantworten. Als Methode dient eine - in zwei Schritten durchgeführte - Inhaltsanalyse. Dabei wird zuerst die allgemeine Auslandsberichterstattung der Zeitung im Januar 2000, danach die Beiträge zum Thema Tschetschenien unter die Lupe genommen. Ziel des Gesamtprojektes ist, die Basis für einen Zeitungsvergleich zu legen, ohne dabei die Eigenheiten der einzelnen Zeitungen - verursacht durch ihre unterschiedlichen Vertriebsstrukturen und ihre Geschichte, sowie ein jeweils spezifisches sozio-kulturelles und politisches Umfeld - aus dem Blick zu verlieren. „Internationale Tageszeitungen“ sind das Fenster zur Welt für ein inländisches Publikum. Sie verfügen in der Regel über ein dichtes Korrespondentennetz, meist mit einigen Präferenzregionen, die zum Herkunftsland der Zeitung eine besondere Beziehung haben. Gleichzeitig werden sie von ausländischen Eliten gelesen, die sich über Ereignisse im Erscheinungsland der Zeitung informieren wollen. Ein Teil ihrer Auflage wird, meist über Abonnements, im Ausland verkauft. Tendenziell liegen die Schwerpunkte dieser Zeitungen also auf der Information über national und international bedeutsame Ereignisse. Bei der Analyse des Auslandsteils der Zeitung ist also darauf zu achten, dass dieser Teil in erster Linie von den Präferenzen der Inländer und der Medienlandschaft im Erscheinungsland der einzelnen Zeitungen bestimmt wird. Daraus lassen sich erste Fragen ableiten: Wie stark ist das Ausland in der Berichterstattung im Allgemeinen und wie stark in den einzelnen Rubriken vertreten? Welche Funktion haben Auslandsberichte im Blatt? Tauchen sie nur auf, um die Außenpolitik des eigenen Landes zu erklären, oder werden auch Ereignisse erwähnt, die nichts mit Frankreich zu tun haben? Sind manche Länder vielleicht nur mit bestimmten Themen präsent? Welche Nachrichtenfaktoren werden wirksam, wenn Nähe oder Betroffenheit nur eine untergeordnete Rolle spielen?
Da „internationale Tageszeitungen“ eine gewisse Meinungsführerschaft im eigenen Land beanspruchen, kann man vermuten, dass es eine Verbindung zwischen dem Weltbild der Zeitung und nationalen Klischees und Vorurteilen gibt. Ein Vergleich zwischen weltanschaulich verschieden positionierten Zeitungen in Frankreich - etwa Le Monde, Le Figaro und Libération - könnte deshalb helfen festzustellen, was an Le Monde nur „typisch französisch“ ist und was ein Charakterzug der Zeitung.
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2. Le Monde - Porträt
2.1. Geschichte
Unter den internationalen Tageszeitungen gehört Le Monde zu den spät geborenen. Sie wurde erst im Herbst 1944 gegründet, kurz nach dem Ende der deutschen Besatzung in Frankreich. Mitinitiator war der Chef der provisorischen Regierung Charles de Gaulle. Eine international anerkannte Zeitung - ein „journal de référence“ - war Teil seines Programms, um in Frankreich wieder eine zivile Autorität durchzusetzen. Außerdem wollte er so den anderen Alliierten zu beweisen, dass Frankreich in die Konstruktion einer Nachkriegsordnung als gleichberechtigter Partner eingebunden werden musste.
Das Jahr 1944 markiert eine völlige Umbildung der französischen Zeitungslandschaft. Von 206 französischen Tageszeitungen durften 28 nach dem Krieg wieder erscheinen, darunter Le 1 . Alle übrigen galten als Unterstützer des Vichy-Regimes und wurden verboten 2 . Ziel Figaro
der anfangs sehr restriktiven Pressepolitik war es, die Medien nach dem Krieg vom Einfluss der Konzerne frei zu halten. Dieser wird bei den Zeitungen der III. Republik im Allgemeinen beklagt. Die aus der Résistance heraus entstandenen Blätter waren oft an politische Parteien 3 . Ihre Parteilichkeit, ihre finanzielle Instabilität und geringe Reichweite machte sie gebunden
ungeeignet für die Rolle eines „journal de référence“. Die neue Zeitung entstand nach dem Bild von Le Temps, eine der großen bürgerlichen Zeitungen der III. Republik und lange Zeit inoffizielles Sprachrohr des Quai d’Orsay. Le Monde erbte von Le Temps nicht nur die Druckerei und die Redaktionsgebäude, sondern auch einen Teil der Redaktion. Vermutlich erbte sie damit in den Augen von de Gaulle auch deren Aufgabe: Seit dem Moment, als in Le Monde zum ersten Mal Kritik an de Gaulles Politik erschien, war das Verhältnis gestört. 4 . Später wendete sich der General lieber über das Fernsehen an alle Franzosen In den ersten Monaten verfügte de Gaulle über eine Machtfülle, wie sie weder in der IV. noch in der V. Republik von einem einzelnen wieder erreicht wurde. Diese Macht beruhte in erster Linie auf einem Konsens zwischen Parteien und Bewegungen der Résistance bis zur
1 Yves Guillauma, La presse en France, Paris 1990, S. 19: Le Figaro überlebte als einziges Organ der bürgerlichen Rechten.
2 Histoire générale de la Presse Française, Bd. 1, Paris 1975, S. 286: Die Frist von 15 Tagen nach dem Einmarsch der Deutschen in der das Erscheinen eingestellt werden musste, überschreitet Le Temps nur um drei Tage. Vermutlich hat de Gaulle bei Festlegung der Frist darauf geachtet, dass Le Figaro wieder erscheinen kann Le Temps jedoch nicht.
3 Die Zulassung wurde eher Blättern gewehrt, hinter denen eine Organisation stand.
4 Hubert Beuve-Méry, Onze ans de règne, 1958-1969, Paris 1974, S. 10-11: „Il y a quinze ans, je croyais comme aujourd’hui, que les institutions de la France devoient être réformées, transformées et que cela ne pouvait se faire
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Wiedererrichtung einer stabilen staatlichen Ordnung. Eine Spiegel dieses Konsens ist auch die erste Redaktion neuen Referenz-Zeitung: Der erste Direktor Hubert Beuve-Méry, Katholik und ehemaliger Résistant, in erster Linie aber fähiger Journalist, hatte vor dem Krieg als Korrespondent von Le Temps in Prag gearbeitet. Neben ihm kamen insgesamt etwa 30 5 , André Chênebenoit 6 , Journalisten aus der Redaktion von Le Temps, darunter Rémy Roure 7 . Die beiden anderen Mitglieder der Direktion waren neu: der Professor für Robert Gauthier
Recht und Ökonomie René Courtin und Christian Funck-Brentano, ehemaliges Mitglied von de Gaulles Kabinett in Algier. Auch die späteren Chefredakteure Jacques Fauvet und André Fontaine kamen erst in den Jahren 1944 und 1945 hinzu.
Le Monde schrieb von Anfang an für eine Elite. Das zeigte sich schon an ihrer Preispolitiksie kostete immer etwas mehr als alle anderen. Das zeigte sich auch direkt nach dem Krieg an ihrer Reaktion auf die Verknappung des Papierkontingentes - sie halbierte die Auflage an Stelle der Seitenzahl. Diese Elite bestand nicht nur aus Politikern sondern auch wichtigen Akteuren des wirtschaftlichen und kulturellen Lebens. Deshalb definierte sich Le Monde in erster Linie über die Politikberichterstattung. Berichte über das Ausland hatten lange Zeit 8 . Anders als ihre sogar einen festen Platz auf der Titelseite: das Bulletin de l’étranger Vorgängerin, ließ sie sich ihre Themen allerdings nicht von der Politik diktieren. Wichtig für das Profil der Zeitung war auch die Kultur, die mit Redakteuren wie Émile Henriot und 9 ganz an Le Temps anknüpfte. Von Anfang an räumte Le Monde auch Robert Kemp
intellektuellen und politischen Debatten viel Raum ein. In den 70er Jahren bekamen diese in Les Grilles du temps für eine Weile sogar eine Rubrik auf dem Titel. Heute ergreifen unter Point de vue auf Seite Eins Experten und Intellektuelle das Wort. Ebenfalls eine inhaltliche Konstante ist die Veröffentlichung von wichtigen Dokumenten in extenso, heute vor allem unter der Rubrik Verbatim. Den Erfolg dieser Strategie zeigten schon früh die Leserzahlen:
qu’autour de moi. Quand vous avez pris un chemin different [Anspielung auf das zweite Referendum zur Verfassung im Jahr 1946], j’ai su que vous n’étiez pas des miens.“
5 Jacques Thibau, Le Monde 1944-1996. Histoire d’un journal - und journal dans l’Histoire, Paris 1996, S. 53: Eigentlich als Leiter vorgesehen, aber da er bei der Gründung noch in Deutschland im Gefängnis saß, wird er statt dessen Politikchef ab 1945.
6 Thibau, S. 53: Vor dem Krieg Chef des Kabinetts von Raymond Poincaré, secrétaire général der Redaktion von Le Temps.
7 Thibau, S. 53: erster stellvertretender Chefredakteur von Le Monde.
8 La Une. Le Monde 1944-1996, Paris 1996: Das Bulletin, von Le Temps übernommen, blieb 50 Jahre fester Bestandteil der Titelseite. Erst im Rahmen der „nouvelle formule“ von 1995 wurde es auf die Meinungsseiten im Innern versetzt. Heute werden im Editorial aber nicht mehr ausschließlich Auslandsthemen behandelt (Vorwort A. Fontaine). 9 Thibau, S. 239-41.
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10 die verkaufte Auflage lag zwischen 1945 und 1952 konstant bei etwa 150 000 Exemplaren und stieg bis 1968 kontinuierlich an.
Wie stark der Einfluss von Le Monde von ihren Gegnern wahrgenommen wurde, zeigen zwei Gegenprojekte: Le Temps de Paris (1956) und Les Débats de ce Temps (1957). Die Anspielung an Le Temps ist kein Zufall. Sie sollten ehemalige Leser ansprechen, die sich mit der Nachfolgezeitung nicht identifizieren konnten. Beide Projekte fanden Unterstützer in der Industrie, denen Le Monde zu links war. Für eine ernsthafte Konkurrenz genügte es aber 11 . offensichtlich nicht, rechter zu sein. Beide Zeitungen wurden nach kurzer Zeit eingestellt Das Gewicht von Le Monde im Ausland lässt sich anhand einer anderen Episode illustrieren. Im Jahr 1948 schickte Außenminister Georges Bidault ein Schreiben an alle diplomatischen Vertretungen, in dem er betonte, dass Le Monde unabhängig von der Regierung sei und deshalb auch ihre Kommentare nicht die Meinung der französischen Diplomatie 12 . Das Schreiben lässt erahnen, welche Rolle die Zeitung unter Diplomaten wiedergäben spielte.
Bei der Wahrnehmung von Le Monde fällt eine Eigentümlichkeit ins Auge: Beuve-Méry 13 “, andere Autoren betonen bezeichnet in einem Radiointerview die Zeitung als „anti-pouvoir
die Unabhängigkeit des Blattes gegenüber der Politik und entdecken als einzige Konstante die 14 . Le Monde erscheint dabei nicht nur als unabhängig von der Kritik am Präsidenten
Regierung, sondern fast schon prinzipiell in der Opposition. Über weite Strecken geht die Berichterstattung jedoch konform mit den Entscheidungen der Mitte- oder Mitte-Links-Regierungen der IV. Republik, später auch bedingt mit Charles de Gaulles Algerienpolitik (1958) und seiner Haltung zur NATO. Das Blatt schreibt für den Austritt der Kommunisten aus der Regierung und für den Erhalt des französischen Kolonialreiches unter dem Dach der „Union française“. In der Außenpolitik feiert Le Monde die Explosion der ersten Atombombe 15 , steht dem Marschallplan eher positiv gegenüber, als eine wissenschaftliche Revolution 16 . Dabei ebenso dem Schumann-Plan zur Gründung einer Montanunion mit Deutschland bewahrt die Zeitung ein grundsätzliches Misstrauen gegen den großen Nachbarn, das auch
10 Zum Vergleich: 1999 waren es knapp 400 000 verkaufte Exemplare (Diffusion Contrôle). Starke Schwankungen und Abstürze erlebten vor allem sogenannte Meinungsblätter wie „Humanité“ (1947: 450 000 Ex., 1950: > 200 000 Ex.; Zahlen nach Histoire générale de Presse française, Bd. 1, S. 357 und Jean-Marie Charon, La presse en France, S. 101). 11 Histoire générale de la presse française, Bd. 1, S. 429. 12 Zitiert in Thibau, S. 177, S. 434. 13 Zitiert in Thibau, S. 163. 14 Jean-Noel Jeanneney, S.205. 15 La Une, 8. August 1945.
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1989 noch zu spüren ist. Le Monde wird von Studentenrevolte 1968 ebenso überrascht, wie 17 . Es bleibt festzuhalten, dass Präsident de Gaulle oder die Vertreter der großen Parteien politische Stellungnahmen in den Leitartikeln von Le Monde sich oft nicht sehr vom politischen Mainstream unterscheiden.
Worauf gründet sich dann das Prestige von Le Monde als unabhängige Gegenkraft? Jacques Thibau sieht den wichtigsten Grund in der Haltung der Zeitung gegen den Nord-Atlantikpakt. 18 . Er führte die Beuve-Méry wollte ein starkes von den Supermächten unabhängiges Europa Idee vom „neutralen“ Europa in die öffentliche Diskussion ein, als die politische Landschaft Frankreichs durch die Polarisierung zwischen rechts und links gekennzeichnet war. Die sogenannte „Neutralitätsthese“ sorgte auch in der Redaktion für heftige Diskussionen, die 1950 zur ersten großen Krise eskalierten. René Courtin und Christian Funck-Brentano zogen sich zurück. Hubert Beuve-Méry gab seine Position ab, wurde auf Druck der Redakteure aber wieder eingesetzt. Die Krise führt zu einer wichtigen Veränderung der Entscheidungsstrukturen. Die Redakteure bildeten im Innern der GmbH (SARL) - Le Monde einen Redakteursrat, über den sie unter anderem an der Wahl des Direktors beteiligt wurden. 19 . Die Wirklich spürbar wurde ihr Einfluss erst nach einer zweiten Reform im Jahr 1968 Strukturreformen stärkten die Rechte der Angestellten gegenüber den Besitzern der Zeitung. Auch das war ein wichtiges Element der Unabhängigkeit: Le Monde konnte nicht - wie Le Figaro 1971 - an einen großen Medienkonzerne wie Robert Hersant verkauft werden. Neben dem Ost-West-Konflikt sind die dominierenden Themen der 50er und 60er Jahre wohl zum einen die - im Vergleich zum deutschen Wirtschaftswunder - nur langsam anlaufende 20 , zum anderen der Algerienkrieg. „Le Monde“, schreibt Jacques Modernisierung Frankreichs
Thibau, „attend d’un régime politique qu’il réponde à la légalité, à la moralité, à 21 Wenn man diesen Satz als Urteilsmaßstab der Zeitung akzeptiert, dann lässt l’efficacité.“
sich folgendes feststellen: Le Monde unterstützte die Regierungen der IV. Republik immer dann, wenn sie eine Modernisierung von Wirtschaft und Gesellschaft realisierten (Paul
16 Thibau, S. 115, S. 125f., S. 170ff., S. 183f., S. 309f. 17 Le Monde, 15. März 1968: „Quand la France s’ennuie“ (Pierre Viansson-Ponté).
18 Zitiert in Histoire générale de la Presse française, S. 397: „L’Europe ne peut se passer du concours de l’Amérique, mais elle ne peut lui abandonner son destin“ (Sirius, 17. März 1949)
19 Le Monde ist die erste französische Zeitung, die den Journalisten ein Mitbestimmungsrecht einräumt. Andere Zeitungen folgen. Beuve-Méry begründet das: „Les modifications ont un double objet.[...] En second lieu, accentuer toujours davantage le caractère communautère d’une société que ne se jamais proposé l’appropriation d’éventuels bénéfices, mais s’est toujours efforcée d’être en même temps qu’une entreprise privée une sorte de service public, d’institut de libre information et de libre réflexion.“ 20 Beispiel in La Une, 8. Juni 1954. 21 Thibau, S. 123.
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Ramadier, Pierre Mendès France). Die Rückkehr Charles de Gaulles wurde unterstützt, da er 22 . Le Monde war natürlich Stabilität und eine schnelle Lösung des Algerienkrieges versprach gegen den Krieg. Wenn die französische Armee folterte und die Generäle in Algerien sich immer weniger um die politische Autorität kümmerten, wenn eine Minderheit von Algerienfranzosen es schaffte, ihrem Mutterland eine Politik aufzuzwingen, dann war das weder gesetzlich noch moralisch. Außerdem bot der Krieg einen Vorwand zur empfindlichen Einschränkung der Pressefreiheit. Allein 1958 wurde die in Algerien erscheinende Auflage 23 . Mit dem Ende des Krieges fand Le Monde eines ihrer von Le Monde 37 Mal beschlagnahmt
großen Themen jedoch im Kampf gegen die Gefahr einer autoritären Herrschaft, die in der Präsidialverfassung der V. Republik angelegt ist.
Im Verlauf der 60er Jahre wurde Le Monde zu einer Institution. Diese Position verdankte sie der Geburtshilfe durch die Politik, der persönlichen Unabhängigkeit ihres Gründers und einem politischen Kurs, der weitgehend in Übereinstimmung mit den großen Strömungen der französischen Gesellschaft war, ohne dabei den eigenen Charakter zu verlieren. Gemessen am Anstieg der Verkaufszahlen erlebte Le Monde die erfolgreichste Periode von 1955 bis 1968. Die Verkäufe näherten sich immer mehr denen von Le Figaro (1955: ca. 120 000 Ex., 1968: 24 . Zu Beginn der 70er Jahre wurde ungefähr ein Fünftel der Auflage im ca. 350 000 Ex.)
Ausland gelesen, bis zum Beginn der 80er Jahre stieg dieser Anteil auf etwa dreißig Prozent 25 . Die starke Ausstrahlung in die Provinz (1971: 57 % der Gesamtauflage) machten Le an
26 . Gleichzeitig mit der Auflage wuchs auch Monde zur nationalsten Tageszeitung des Landes
die Seitenzahl. Eine neue Druckerei in St. Denis ermöglichte den Druck von bis zu 32 Seiten pro Exemplar. Neben der Tageszeitung entstanden weitere Veröffentlichungen zu Spezialthemen: Le Monde diplomatique (1954), le Monde de l’éducation (1974), Dossiers et Documents (1973) und Le Monde des philatélistes, Le Monde de la musique (1978). Eine wöchentliche Ausgabe, die die wichtigsten Artikel der Tagesausgaben zusammenfasste, erschien ab 1969 auch in Englisch. Die englische Ausgabe wurde ab August 1971 ein Teil des Guardian Weekly. Eine weitere Kooperation mit internationalen Tageszeitungen bestand seit
22 Siehe Sirius, le suicide de la IV. République, Paris 1958. Das Pseudonym stammt noch aus der Résistance. Später unterschrieb Beuve-Méry so seine politischen Kommentare.
23 Histoire générale de la Presse française, Bd. 2, S. 173: Wiederholt direkt in Frankreich beschlagnahmt werden unter anderen Humanité, L’Express und Le Nouvel Observateur. 24 Charon, S. 101.
25 Patrick Éveno, Le Monde 1944-95. Histoire d’une Entreprise de Presse, Paris 1996, S. 152. 26 Zahlen in Histoire Générale de la presse française, Bd. 2, S. 373.
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Februar 1972 in Form einer Beilage, die Le Monde zusammen mit den Zeitungen Die Welt, 27 herausbrachte. La Stampa und The Times
Auf dem Höhepunkt des kommerziellen Erfolges 1969 ging Hubert Beuve-Méry in den Ruhestand. Nachfolger wurde Jacques Fauvet. Doch die Tradition der Institution Le Monde räumt ihrem Gründer bis heute einen herausragenden Platz ein: So heißt ein Gebäude der 28 , Beuve-Méry hat als Gründer immer noch einen Platz auf dem Druckerei in Ivry „Sirius“
Titel. Wenn André Fontaine 1996 die besten Titelseiten der letzten 52 Jahre veröffentlicht, dann geschieht das nicht ohne im Vorwort den Geist Beuve-Mérys zu beschwören - echte und 29 . behauptete Kontinuität durch alle Änderungen hindurch
Nach der politischen Befreiung Frankreichs 1945, schien 1968 die Befreiung des Individuums anzukündigen. Doch die 70er Jahre waren für die Macher von Le Monde eine Enttäuschung. Gesellschaftliche Reformen wurden durch die lange Wirtschaftskrise gebremst. Die V. Republik, die nach Überzeugung der Redakteure zu sehr auf de Gaulle zugeschnitten war, um nach ihm weiter zu bestehen, erfreute sich unter Pompidou und Giscard d’Estaing bester Gesundheit. Die Vereinigung der linken Parteien zerschlug sich 1978 ohne die regierenden Konservativen abgelöst zu haben. Zum Machtwechsel kam es dann erst 1981. Enttäuschend wenig Bewegung auch in den internationalen Beziehungen: Trotzt Aufnahme von Großbritannien, Irland und Dänemark 1972 wurden sie europäischen Institutionen kaum weiterentwickelt. Die Entspannung zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion führte, nach den Worten von André Fontaine, nur dazu, das Wettrüsten vom quantitativen in 30 . den qualitativen Bereich zu verlagern
Unter Jacques Fauvet stand die Zeitung deutlich weiter links als unter Beuve-Méry und verteidigte die Bürger gegen den Staat. Das brachte sie in Verdacht, in Frankreich die Linksradikalen und in ihrer Auslandsberichterstattung den Weltkommunismus zu unterstützen. Der wichtigste Grund für die Vorwürfe war allerdings derselbe wie in den 50er Jahren: Le Monde schrieb auch unter Jacques Fauvet gegen den Nord-Atlantikpakt und eine enge Anbindung Europas an die Vereinigten Staaten. Das war auch der Grund für den Start des vorerst letzten Konkurrenzprojektes zu Le Monde im September 1977. Ähnlich folgen- 27 Mit denselben Partnern organisiert Le Monde ein Kolloquium 1973 in Paris, bei dem unter anderen auch Oberst Gaddafi zu Wort kommt. Internationale Zeitungen haben offensichtlich auch die Tendenz selbst Weltnachrichten zu produzieren. 28 HBM’s Deckname in der Résistance. 29 La Une, Vorwort. 30 Le Monde, 1. Juni 1980.
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und erfolglos wie seine Vorgänger, wurde J’informe nach wenigen Ausgaben wieder 31 . eingestellt
Die Wirtschaftskrise der 70er Jahre ließ auch die Medien nicht unberührt. Eine Tageszeitung herauszubringen war seit Ende des Krieges immer teurer geworden. So überlebte fast keine der 1968 entstandenen Zeitungen. Eine Ausnahme ist Libération von Jean Paul Sartre. Die etablierten Blätter reagierten auf die steigenden Kosten, indem sie zum einen versuchten, die Auflage zu steigern und sich zum anderen zu Medienkonzernen zusammenschlossen. Le Monde blieb unabhängig. Im Jahr 1977 verzeichnete Le Monde die höchste Auflage aller 32 und gleichzeitig das erste Defizit. Dieses Defizit sollte noch Pariser Tageszeitungen 33 . Grund dafür waren und sind vor allem die ansteigen, bis 1980 auf 7,5 Millionen Francs
hohen Kosten: Die Seitenzahl pro Exemplar hatte sich bis in die 70er Jahre erheblich erhöht. 34 . Hinzu kamen Zwischen 1972 und 1973 stieg der Preis für Papier auf fast das Doppelte starke Lohnerhöhungen nach dem Grenelle-Verträgen von 1968 und die zunehmende Konkurrenz um Werbegelder durch das Fernsehen. Generell leidet die Pariser Presse unter dem Einfluss und der Streikbereitschaft der Gewerkschaft „Le Livre“ und den hohen Preisen für die Verteilung durch die „Nouvelles Messageries de la Presse Parisienne“. Abonnements gibt es kaum. Die Zeitungen haben deshalb weniger Planungssicherheit als große deutsche 35 . Zeitungen und hohe Zusatzkosten durch die unverkauften Exemplare
Zum ersten Mal stellte sich Ende der 70er Jahre neben den finanziellen Schwierigkeiten das Problem der Nachfolge. Anders als Beuve-Méry konnte Jacques Fauvet seinen Nachfolger nicht mehr selbst einsetzen. Die Redaktion entschied darüber mit einer Zwei-Drittelmehrheit. 36 und Jacques Amalric 37 ausgetragen, Der Streit wurde hauptsächlich zwischen Claude Julien
beide vor allem durch ihre Auslandsberichte profiliert. Dabei handelte sich nicht nur um einen persönlichen sondern auch um einen ideologischen Konflikt. Von Julien war eher einer Fortsetzung der antiamerikanischen Haltung zu erwarten, während Amalric Amerika deutlich positiver gegenüber stand. Chefredakteur wurde jedoch André Laurens, der es sich zur
31 vgl. Thibau, S . 437: Hier ist nicht mehr der Vorgänger die Referenz sondern eine Zeitung, die ihr Publikum sachlich informiert, eine Aufgabe, der Le Monde nach Ansicht der Initiatoren nicht mehr nachkam. Finanziert wurde das Blatt u.a. von Paribas, L’Oréal und Michelin. 32 Thibau, S. 444.
33 Guillauma, S. 34f.; 1993 sind es nach Jacques Thibau (S. 470) 40 Millionen Francs. 34 Histoire générale de la presse française, Bd. 2, S. 335. 35 Jeanneney, S. 209.
36 1980 von Jacques Fauvet zu seinem Nachfolger bestimmt, kommt es zwischen ihm und der Redaktion im Verlauf des Jahres 1981 zu mehreren Zusammenstößen, die dazu führen, dass er zu Le Monde diplomatique wechselt.
37 Chef des Auslandsdienstes seit 1979.
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Aufgabe machte, das Journal auf einen weniger ideologischen Kurs zu lenken. Er scheiterte jedoch schon zwei Jahre später am immer weiter wachsenden Defizit der Zeitung. Zwischen 1981 und 1985 nahm die Auflage der Zeitung zum ersten Mal mehrere Jahre hintereinander ab. Vielleicht lag das ja daran, dass Le Monde zum ersten Mal seit langem einer Regierung wieder grundsätzlich positiv gegenüberstand, und ihre Leser damit noch nicht umgehen konnten. Laurens’ Nachfolger André Fontaine startete einen Plan zur finanziellen Erholung des Unternehmens. Zwischen 1985 und 1987 erlebte Le Monde eine Phase starker Strukturreformen. Fontaine suchte außerhalb der Zeitung Möglichkeiten der Finanzierung und fand sie zum einen bei den Lesern, zum anderen bei einigen großen französischen Firmen. Parallel zur Erhöhung des Kapitalstockes, begannen auch die Auflage und die Einkünfte aus der Werbung wieder zu steigen. Le Monde baute 1989 zusammen mit Hachette eine moderne Druckerei in Ivry. Die Strukturreformen erklären nicht den Anstieg der Auflage: Den begründet Jacques Thibau durch die immer wichtigere Rolle des investigativen Journalismus. Die Bedeutung, die dieser in den vergangenen 15 Jahren für Le Monde gewonnen hat, zeigt schon die Tatsache, dass der derzeitige Chefredakteur Edwy Plenel sich besonders über Enthüllungsjournalismus profiliert hat. Le Monde wird dadurch stärker als zuvor zu einem Akteur des politischen Lebens, eine Entwicklung die Plenel positiv bewertet: „Nous sommes aussi acteurs, impliqués par nos commentaires, nos reportages, nos enquêtes qui minimisent tel fait, en grossirent un autre, en oublient un troisième. Nous pouvons être honnêtes, nous ne 38 . Unter André Fontaine ändert sich auch die Aufmachung des Titels: serons jamais objectifs“
Plantu bekommt regelmäßig seinen Platz auf der ersten Seite. 39 . Den Finanzschwierigkeiten begegnete Zwischen 1991 und 1995 fiel die Auflage aufs neue
Jean-Marie Colombani, Direktor seit 1995, mit einer neuen Strukturreform, die noch umfangreicher war als die erste. Aus der GmbH wurde eine Aktiengesellschaft. Belegschaft und Gründer hielten in dieser Aktiengesellschaft noch etwas mehr als 50 Prozent der Aktien, 40 . Außerdem verfügt er eine die Gesellschaft der Leser und die beteiligten Firmen den Rest umfangreiche Layoutänderung, die zur besseren Lesbarkeit beträgt und etwas mehr Farbeinsbesondere auf dem Titel - unterbringt. Einen Bruch mit der Tradition stellt die neue Aufmachung vor allem in einem Punkt dar: Das Bulletin de l’étranger verschwand ab 1995
38 Edwy Plenel, La part de l’ombre, Paris 1992, S. 20.
39 Thibau zieht eine Parallele zum Golfkrieg (S. 470). Dieser habe dazu geführt, dass sich die Bürger von den Medien im Allgemeinen getäuscht gefühlt hätten. In der Mikroanalyse ist zu untersuchen, ob der Golfkrieg eventuell zum Vergleich herangezogen wird.
40 An Le Monde beteiligt sind heute Canal +, Havas, CLT, la Stampa. Hubert Beuve-Méry unterstützt die Reform nicht: „Les moyens de vivre ne peuvent l’emporter sur la raison de vivre qu’est l’indépendance.“ (Thibau, S. 471)
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im Innenteil und wurde zum normalen Editorial, in dem auch innenpolitische Themen behandelt werden. Ist das Ausland deshalb weniger wichtig? Oder taucht es vielleicht nur in anderer Form auf?
41 2.2. Le Monde heute
* erscheint täglich (außer sonntags), 13 Uhr, datiert auf den jeweils folgenden Tag * Preis 7,50 FF * Erscheinungsort: Paris * Verlag: AG Le Monde
* Personal: ca. 1.000 Mitarbeiter, davon 274 Journalisten und Grafiker (incl. vier festen Karikaturisten und 19 Auslandskorrespondenten)
* Leitlinien: "mieux comprendre le statut du monde"/ Transparenz & Ausführlichkeit * Aufbau: La Une: Aufmacher-Text
∅ 4 Seiten International:
davon 2 Seiten Reportagen ∅ 3 Seiten Frankreich: viele Analysen ∅ 3 Seiten Gesellschaft: ähnlich wie Vermischtes ∅ 1 Seite Regionen: Berichte aus den Departements ∅ 3 Seiten Horizonte:
∅
3 Seiten + Börsenkurse Wirtschaft:
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Kommunikation: 1 Seite
Medien und Werbung, vor allem Wirtschaftsbereich ∅ 4 Seiten Heute:
Sport, Wissenschaft, Reisen, Gastronomie, Service ∅ 3 Seiten Kultur: Kunst, Veranstaltungen, Kritiken Kiosk: 1 Seite
Medien, vor allem Buntes und Internet Letzte Seite: letzte Nachrichten (weil letzte Druckseite) = ca. 28 Seiten (ohne Werbung) * Layout:
9 wenig Farbe und kaum Fotos, und wenn dann vor allem auf dem Titel und in den „bunten“ Rubriken (Horizonte, Heute, Kultur) 10 Karikaturen wichtig im gesamten Politikteil
11 täglich gleicher Aufbau der Titelseite (neun Artikel, darunter der Aufmacher und ein Kommentar)
12 Nachrichten und Meinungen stehen zum großen Teil auf unterschiedlichen Seiten (International/ France - Horizonts/ Analyses/ Débats) * Auslandsberichterstattung: ausführlich, sehr Deutschland-fixiert * Agenturen: AFP/ Reuter/ Associated Press/ United Press International/ Itar-Tass * Presseschau: "Dans la Presse" (Print, Radio, Fernsehen) * Seitenumfang: max. 40 Seiten * Korrespondenten: Europa: 9 USA: 3 (UNO+NY + DC)
Rußland, Israel, China, Japan, Südasien /Indien, Südost-Asien, Elfenbeinküste/ Afrika: je 1 * Anteil der Werbung: Jahr durchschnittliche Seitenzahl Werbeseiten
41 Soweit nicht anders angegeben, sind die Zahlen zu finden unter http://tout.lemonde.fr.
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Arbeit zitieren:
Kristin Klank, 2001, Die Auslandsberichterstattung internationaler Tageszeitungen am Beispiel von Le Monde, München, GRIN Verlag GmbH
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