Inhaltsverzeichnis:
1. Klärung des Gewaltbegriffs 1
2. Der Selbstmord
2.1 Begriffliche Definition des Selbstmords 6
2.2 Der Suizid in der historischen Betrachtung 6
2.3 Statistiken 7
2.4 Der Zusammenhang vom Depression und Suizid 8
2.5 Suizidale Verhaltensweisen 9
2.6 Die suizidale Krise 10
2.6.1 Erwägungsstadium 10
2.6.2 Ambivalenzstadium 11
2.6.3 Entschlussstadium 11
2.7 Präsuizidales Syndrom 12
2.7.1 Einengung 12
2.7.2 Aggressionsstau und Umkehr 12
2.7.3 Todesphantasien 13
2.8 Resümee: Das „Opfer- ein Täter“? 13
3. Überprüfung der Erkenntnisse an einem Beispiel und einem
Interview.........................................................................................................S. 15
Anhang
Ein Beispiel
Diskussion mit Kommilitonin
Literaturverzeichnis
1. Klärung des Gewaltbegriffs
Seit den Terroranschlägen vom 11. September ist das Thema der Gewalt global von besonderer Brisanz. Es vergeht kein Tag, an dem nicht in den Medien über Ursachen, Formen und Auswirkungen von Gewalt diskutiert wird. Dachte man bis dahin beim Begriff Gewalt zuerst an physische und psychische Verletzungen durch Prügeleien, Raubüberfälle, gewalttätige Familienväter oder dergleichen, so wird einem spätestens hier -übrigens mit ebenso brachialer Gewalt- vor Augen geführt, wie eng Gewalt an Macht gebunden ist. Die islamischen Extremisten demonstrierten, dass sie fähig sind, auch einen übermächtigen Gegner zu verletzen; dass sie mächtig genug sind, die Weltmacht USA in Angst und Schrecken zu versetzen. So steht im Lexikon: „Gewalt ist e ine Form der Ausübung von Macht durch Anwendung von Zwangsmitteln; Gewalt kann sowohl physisch als auch psychisch ausgeübt werden. Gewalt-Verhältnisse tragen zunächst stets einseitigen Charakter, können jedoch Gegengewalt provozieren.“ 1
Gewalttätigkeit kann also als Möglichkeit zu Machtdemonstration, Machterringung oder Erhaltung der Macht betrachtet werden. Erweitert man seinen Blickwinkel, ist Gewalt aber um vieles facettenreicher.
Johann Galtung definiert das Vorliegen von Gewalt, „wenn Menschen so beeinflusst werden, dass ihre aktuelle somatische und geistige Verwirklichung geringer ist, als ihre potentielle Verwirklichung.“ 2
Hier wird nun auch die sogenannte „strukturelle Gewalt“ mit einbezogen. Wenn Gewalt dort beginnt, wo der Mensch in seinen Handlungs- und Entwicklungsspielräumen bzw. Chancen eingeschränkt ist, dann bilden Gesetze und Regeln, Moral, aber auch Religion die Mittelvarianten der strukturellen Gewalt. Staat, Gesellschaft, Kultur und Religion üben strukturelle Gewalt über das Individuum aus, wenn sie, völlig legal, den Einzelnen durch Vorschriften in seinen Möglichkeiten einschränken. Die Gewalt wird gesetzlich. Politische Entscheidungen, die den Einzelnen empfindlich verletzen können, entstehen in einer Demokratie aus Mehrheitsentscheidungen. Die Mehrheit besitzt gestalterische Macht, was aber ist mit der Minderheit? Sie kann Opfer struktureller Gewalt werden. Obdachlose beispielsweise sind oft eine Zielscheibe struktureller Gewalt. Mit dem Instrument von Sondernutzungssatzungen werden sie von öffentlichen Plätzen, aus
1 Bertelsmann Lexikon; Psychologie; Gütersloh 1995; Stichwort Gewalt
2 Borg-Laufs, Michael; Aggressives Verhalten; Tübingen 1997; S. 19
1
Einkaufspassagen oder Bahnhöfen vertrieben. Die Gewalt ist auch in diesem Fall durch Satzungen legitimiert. Letztlich werden nicht die Probleme aus der Welt geschafft, sondern nur ein passantenfreundliches Bild konstruiert, das von Randgruppen „gesäubert“ ist und das Gefühl einer sicheren Innenstadt vermittelt.
Die Formen der Gewalt sind psychischer, physischer und/oder struktureller Natur mit dem Ziel der Machterringung oder Machterhaltung und der damit verbundenen Sicherung von Privilegien. Die Mittel nicht immer direkt, sondern auch indirekt, wie bei der strukturellen Gewalt. Soziale Ungleichheiten können aber nicht nur Folgen von struktureller Gewalt sein, wie sie sich ebenso in ungleicher Verteilung von Rechten, Besitz, Verdienstmöglichkeiten und Bildungschancen zeigt, sondern auch Ursache für psychische und/oder physische Gewalt. Jeder Gewalt liegt Aggression zugrunde. Von besonderer Bedeutung sind hier Frustrationen, die häufig aggressives Verhalten auslösen können. Eine schlechte sozioökonomische Situation, überhaupt die Umwelt, wie Familie, Schule und Beruf, aber auch die Medien werden ebenso als Ursache für Frustration und Aggression diskutiert, wie individuelle Voraussetzungen. Darunter sind das Geschlecht, die Fähigkeit zur richtigen oder falschen Wahrnehmung in sozialen Situationen und das moralische und geistige Entwicklungsniveau zu verstehen. Habe ich oft die Ausübung von Gewalt an einem Modell als erfolgreiches Verhalten beobachtet, so ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass ich dieses Verhalten nachahmen werde. Möglicherweise werde ich dann noch für mein gewalttätiges Verhalten belohnt, indem ich einerseits meinen Frustgefühlen einen „Blitzableiter“ verschaffe und darüber hinaus Anerkennung durch Andere erfahre.
Schon Freud entwickelte die Triebtheorie, auf der die Frustrations-Aggressions-Hypothese basiert, auf die ich im zweiten Teil genauer eingehen werde. Dabei wird aber nicht jede Aggression zur Gewalt. Sie ist die Bereitschaft, das Potential zur Gewalt, aber noch nicht die gewalttätige Handlung.
Nach Janke „ist die Aggression die beabsichtigte oder tatsächliche Zufügung von Reizen, die einem anderen Subjekt oder Objekt Schaden oder Schmerzen zufügen. In der neueren Psychologie wird der Aspekt der Beabsichtigung, also die Intention, als entscheidendes Merkmal für die Definition von Aggression gesehen.“ 3
3 Bronisch, Thomas; Der Suizid; München 1995; S. 40
2
Aggressionen können nicht nur Gewalt nach außen auslösen, sondern auch gegen sich selbst gerichtet werden. Diese Menschen entwickeln Selbsthass, depressives oder selbstzerstörerrisches Verhalten, wie das Ritzen oder Sucht, bis hin zum Selbstmord. Wenn Kinder in Familien mit ausgeprägtem autoritärem Erziehungsstil, als eine Form elterlicher Gewalt nur dann Zuwendung erfahren, wenn sie freundlich lächeln und keine Kritik üben dürfen, wie nachfolgendes Gedicht eindringlich darstellt, ist es nicht unverständlich, dass sie auch als Erwachsene Schwierigkeiten haben werden, mit Frustrationen „normal“ umzugehen und stattdessen aggressive Tendenzen gegen sich selbst entwickeln.
Das NEIN,
das ich endlich sagen will, ist hundertmal gedacht, still formuliert, nie ausgesprochen. Es brennt im Magen, nimmt mir den Atem, wird zwischen den Zähnen zermalmt und verlässt als freundliches JA meinen Mund. Peter Turrini
Eine Definition, die tatsächlich alle Formen von Gewalt einschließen würde, gibt es nicht. In westlichen Demokratien existiert schließlich auch der positiv besetzte Begriff der Gewaltenteilung. Ein anderer Aspekt ist der der Perspektive. Wenn Jugendliche sich prügeln üben sie negative Gewalt aus. Für den Gewalt anwendenden Jugendlichen ist die Perspektive allerdings eine andere. Oftmals betrachten Jugendliche die Gewaltausübung gegen andere als positiven Ansatz. Die Ausübung physischer Gewalt wird zur Möglichkeit eigene Grenzen zu setzen. So kann auch der „Verbalsuizid, der angekündigte Selbstmord, eine Form des „Grenzenziehens und -gestaltens“ sein, wenn er benutzt wird, um andere moralisch unter Druck zu setzen - wie dies gelegentlich bei Trennungen geschieht. Der Partner, der verlassen wird, droht sich umzubringen, wenn ihn der andere verlässt. Somit wird der Partner, der gehen möchte, in eine Rolle gedrängt, die ihn nicht nur zum
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„Bösen“ macht, sondern er wird selbst zum Opfer moralischer Erpressung, also psychischer Gewalt, da er nicht mehr selbstbestimmt agieren kann. Der Selbstmord kann bereits bei seiner Ankündigung eine Form der Gewalt sein. Dabei ist danach differenzieren, ob die Ankündigung in Form eines letzten Hilferufes oder eben als Drohung gemeint ist. Nach einem Suizidversuch, spätestens aber nach einem vollendeten Suizid wird die psychische Gewalt gegen andere deutlich. Sich selbst Gewalt anzutun bedeutet in erster Linie, sich absichtlich körperliche Verletzungen zuzufügen, mit der Intention seinen eigenen Körper zum Opfer zu machen. Der Mensch löscht Leben aus, in letzter Konsequenz sein eigenes. Der Selbstmord ist physische Gewalt in seiner radikalsten Form. Mit der Tat entledigt der Suizidant sich endgültig seiner erlebten Frustrationen und Aggressionen. Dies impliziert, dass der Selbstmörder, wenn er schon keine „Gewalt“ über sein Leben hat, dann doch über seinen Tod. Der Täter besitzt mit Beendigung seines Lebens die Macht, über den Zeitpunkt seines Todes selbst zu entscheiden und diesen selbst herbeizuführen. Er kann davon ausgehen, dass ihm- zumindest in den meisten Fällen-Aufmerksamkeit sicher ist. Zumindest in seiner Vorstellung. Außerdem kann er seinen Mitmenschen einen nachhaltigen „Denkzettel“ verpassen, ihnen Schuldgefühle vermitteln und sie damit nachhaltig psychisch quälen. Der Selbstmord greift zugleich so nachdrücklich in die Rechte, Ängste und die Verzweiflung der Lebenden ein, dass diese auch nach seinem Tod der Aggressivität des Selbstmörders ausgesetzt sind.
Durkheim hat sich aus soziologischer Sicht mit dem Selbstmord auseinander gesetzt. Er fragt nach dem Zustand einer Gesellschaft, in der ein einzelner Selbstmord begeht.
Pohlmeier greift die Hypothesen auf und erweitert Durchkheims anomischen, fatalistischen, den egoistischen, den altruistischen und den fatalistischen Selbstmord noch um den medizinischen, den aggressiven, den narzisstischen, gelernten und den politischen Selbstmord. Suizidales Verhalten tritt laut Pohlmeier häufig in Gesellschaften mit einem „Zustand der Anomie, also einer Zeit wirtschaftlicher oder politischer Veränderung, in der alle bisher gültigen Gesetze ihre regulierende Kraft verlieren und so den einzelnen sich selbst ausliefern, ohne die stützende soziale Kontrolle gesellschaftlicher Normen.“ 4
4 Pohlmeier, Hermann; Depression und Selbstmord; Düsseldorf-Bonn 1995; S. 33
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Eine hohe Gruppenintegration wiederum kann gewissermaßen den „altruistischen Selbstmord fordern“ d.h. „das Leben des einzelnen wird der Gruppe geopfert“ 5 , wenn sie den einzelnen zu stark integrieren und ihn so mit Kontrolle erdrücken. Soweit zur strukturellen Gewalt und eine ihrer möglichen Auswirkung auf den einzelnen.
„Der reißende Strom wird gewalttätig genannt, aber das Flussbett, das ihn einengt, nennt keiner gewalttätig.“ B. Brecht
Spätestens bei der Bezeichnung „Freitod“ wird klar, dass die Freiwilligkeit eine sehr relative ist. Jean Amery hat sich intensiv mit der Suizidproblematik auseinander gesetzt. In seinem Diskurs über den Freitod „Hand an sich legen“ propagiert er ein Recht auf den selbstgewählten Tod. Für Amery ist der Freitod ein „freier Tod“, „wenn er den Menschen davor bewahrt, ein inhumanes, unwürdiges und unfreies Leben zu führen.“ 6 Ein Akt der Freiheit also. Aber was ist das für eine Freiheit, wenn ein Mensch in seinem Leben so unfrei geworden ist und dies als letzten Ausweg sieht? In Extremsituationen, wie schwerster Krankheit oder Kriegsgefangenschaft mag man einen Suizid moralisch und ethisch als akzeptable Lösung in Betracht ziehen. Doch ist der Mensch durch die widrigen Umstände bereits derart in die Enge getrieben, dass von Freiwilligkeit wohl nur bedingt die Rede sein kann. Amery selbst nahm sich 2 Jahre nach erscheinen des Buches das Leben. Letztlich begeht ein Mensch Selbstmord, wenn er für sich keinen anderen Ausweg aus seiner Lebenssituation finden kann. Dabei sind die Lebenssituationen, die dazu führen, die denkbar unterschiedlichsten; der Akt der Selbsttötung jedoch immer Gewalt gegen sich und gegen andere.
5 Pohlmeier, Hermann; Depression und Selbstmord; Düsseldorf-Bonn 1995; S. 34
6 Bronisch, Thomas; Der Suizid; München 1995; S. 91
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Quote paper:
Iris Gorke, 2002, Selbstmord - eine Form von Gewalt?, Munich, GRIN Publishing GmbH
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DOI
Igor Strawinsky und sein Werk - 'Die Geschichte vom Soldaten'
Presentation (Elaboration), 16 Pages
Philosophy - Practical (Ethics, Aesthetics, Culture, Nature, Right, ...)
Scholarly Research Paper, 21 Pages
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