Mohamed Amjahid
Leibniz Kolleg 2007/2008
Religionswissenschaft | Ethnologie
Trimesterarbeit
Vorgelegt am 14.04.2008
,,Lin iqdili laad"
*
Mystik im Alltag
Dämonen, Besessenheit und Frauenmagie als sozio-psychologische Phänomene?
Fallbeispiele aus Marokko
* Übersetzung des Titels ,,Lin iqdili laad": Der Dämon wird mein Anliegen erledigen.
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Gliederung:
Seite
Liste zur Aussprache arabischer Eigennamen und Begriffe... 3
1. Einleitung... 4
2. Fallbeispiele: Situationen der Besessenheit, des Exorzismus und der
Frauenmagie...
6
2.1. Die Tabla Sibtiin: Heiligenkult als Lustoase?... 6
2.2. Exorzismus: Dämonenaustreibung beim Imam... 9
2.3. Machen wir ihn impotent!: Die Frauenmagie... 11
2.4. Mohammed und Dawia: Ein besessenes Leben... 14
3. Erkenntnisse aus den Fallbeispielen...15
4. Resümee und theoretische Basis... 21
5. Fazit...24
Glossar...26
Bibliographie...27
2
Liste zur Aussprache arabischer Eigennamen und Begriffe:
Die Lautform der nicht aufgeführten Buchstaben entspricht der Deutschen Aussprache. Diese Liste
orientiert sich, mit leichten Veränderungen, an dem Standard der Deutschen Morgenländischen
Gesellschaft (DMG).
, , lange Vokale
Stimmabsatz
stimmloses th (englisch: thing)
stimmhaftes dsch (itallienisch: giorgia)
stark gehauchtet h
rauhes ch (deutsch: Schach)
simmhaftes th (englisch that)
s stimmhaftes s
s sch
emphatisches stimmloses s
emphatisches d
emphatisches t
emphatisches stimmhaftes s
geprester Kehllaut
gerolltes r
Gaumen r
q dumpfes k (aus der Kehle)
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1. Einleitung
Ein Muslim muss fünf Mal am Tag das Gebet (alat) verrichten und 2,5% seines Vermögens
jährlich an Bedürftige in Form einer Almosensteuer (akat) spenden.
,,Und verrichtet das Gebet, gebt die Almosensteuer und nehmt (beim Gottesdienst) an der
Verneigung teil!"
1
Er muss einen Monat im Jahr fasten (aum).
,,Ihr Gläubigen! Euch ist vorgeschrieben, zu fasten, so wie es auch denjenigen, die vor euch lebten,
vorgeschrieben worden ist. Vielleicht werdet ihr gottesfürchtig sein."
2
Ein Muslim darf keinen Alkohol trinken...
,,Ihr Gläubigen! Wein, das Losspiel, Opfersteine und Lospfeile sind (ein wahrer) Greuel und des
Satans Werk. Meidet es! Vielleicht wird es euch (dann) wohl ergehen. Der Satan will (ja) durch
Wein und das Losspiel nur Feindschaft und Haß zwischen euch aufkommen lassen und euch vom
Gedenken Gottes und vom Gebet abhalten. Wollt ihr nicht (damit) aufhören?"
3
...oder außerehelichen Sex haben.
,,Und diejenigen, die es sich (offensichtlich?) nicht leisten können zu heiraten, sollen so lange
Enthaltsamkeit üben (oder: (darauf) verzichten?) bis Gott sie durch seine Huld reich macht [...]"
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Ein ,,Standardmuslim" muss unzählige Gebote und Verbote beachten und befolgen, ihm wird viel
abverlangt. Dafür wird er zwar mit der Gnade Gottes und dem Paradies belohnt, auf Erden darf er
dafür seinen Bedürfnissen und Gelüsten nicht nachgeben. Er ist verpflichtet, sich sein Leben lang in
einer Prüfung zu bewähren. Vielen Menschen fällt dies allerdings schwer, sie gehören Kulturen an,
die in ihrer vorislamischen Tradition nicht daran gebunden waren, ein komplexes Wertesystem und
einen engdefinierten Handlungsspielraum zu beachten. Viele Muslime fühlen sich in einem
,,Korsett" an strikten Regeln eingeengt und machtlos. Gezielt oder unbewusst wird versucht, das
Leben leichter und erträglicher zu machen, ohne die Gesetzte offenkundig zu brechen und ohne aus
Gottes Gnade zu fallen.
Instinktiv aber auch rational wird sich die betroffene Gruppe eine Lösung suchen, eher zurecht
legen. In vielen Regionen der Welt kommen hier die verschiedensten Glaubensvorstellungen ins
Spiel. Im so genannten Volksislam ist diese ,,Lösung" weit verbreitet. Durch die lokal adaptierten
heiligen Schriften erreicht der Islam auch seine große Pluralität und Diversität. Am Beispiel von
praktizierten Heiligenkulten in Marokko untersucht diese Arbeit die Projektion von wahren
Gegebenheiten im alltäglichen Leben auf die mystische Welt der Dämonen. Eine reziproke
1 Der Koran. Übersetzung von Rudi Paret. Vierte Auflage. Stuttgart 1985. Sure 2. Vers 43. S. 16. (Im
Folgenden: Paret Koran)
2 Paret Koran, Sure 2. Vers 183. S. 28-29.
3 Paret Koran, Sure 5. Verse 90-91. S. 89.
4 Paret Koran, Sure 24. Vers 33. S. 247.
4
Abhängigkeit und Verzahnung zwischen diesseitiger und jenseitiger Welt sind zu beobachten,
keiner der beiden Welten kann ohne die jeweils Andere mehr bestehen.
Um diese Beziehungen zu verdeutlichen und zu verbildlichen, werden vier Situationen, im Rahmen
der religiösen und gesellschaftlichen Abläufe in Marokko, beschrieben. Dabei wird besonders
darauf geachtet, nicht in eine Art Exotismus und Sensationslust zu fallen. Eine Exotisierung wird
mit dem Hinweis verhindert, dass diese Menschen einen hohen Grad an Frömmigkeit besitzen.
Diese Situationen stellen tatsächlich individuelle Erlebnisse dar, sie sind zwar auf eine gewisse
Anzahl von (rituell-)gläubigen Menschen in Marokko übertragbar, aber nicht
verallgemeinerungsfähig. Ein scheinbar logischer Automatismus ist auszuschließen, was die
Komplexität der Materie verdeutlicht. Im Hintergrund spielt die Problematik, wie man die
Praktiken darstellen kann, eine ausschlaggebende Rolle.
Im Fokus stehen folgende Fragestellungen: Welchen Zweck besitzen die heiligen Rituale? Was für
eine Rolle spielen sie im Alltag des Gläubigen?
Die erste Situation beschreibt ein Interview mit dem Leiter (muqqadem) einer bedeutenden
Bruderschaft (aifa), der zu den Praktiken der Rituale Stellung nimmt. Die zweite Situation
behandelt die Arbeit eines frommen Imams, ein Vertreter des ,,offiziellen Islams", der die Praktiken
der, nach seiner Meinung heidnischen, aifa verurteilt und zurückweist. Die dritte Situation studiert
den Gender Aspekt, ein wichtiger Gesichtspunkt in der Rollenverteilung innerhalb der Gruppe. Die
Erzählungen einer in diesem Bereich erfahrenen Frau zum Thema Frauenmagie illustrieren und
beleuchten einen Teilbereich der Interaktion zwischen den Geschlechtern und der Position der Frau
innerhalb der marokkanischen Gesellschaft generell und der Bruderschaft speziell. Der letzte
Bericht stützt sich auf den Aufsatz ,,Mohammed and Dawia: Possession in Morocco" von Vincent
Crapanzano.
5
Dieser untersucht, anhand der Biographien von Mohammed und Dawia, dieselbe
Fragestellung wie diese Arbeit. Dieses Beispiel dient als ,,externes" Fallbeispiel und soll die
Argumentation unterstützen.
Diese Fallbeispiele sind Resultate einer nun fast zweijährigen Begleitung der Feldforschung von
Martin Zillinger
6
. Interviews und Beobachtungen sind die Hauptquellen dafür. Zu eigenen
Erfahrungen kommen ethnologische Texte, beispielsweise von Vincent Crapanzano und Frank
Maurice Welte, dazu.
Eine Interpretation zur Funktion des Volksislams in der marokkanischen Gesellschaft der muibbin
7
wird gegeben. Es folgt der Aufbau einer theoretischen Basis, die die Hypothesen erläutern soll.
5 Vincent Crapanzano: Mohammed and Dawia. Possession in Morocco. In: Case studies in spirit possession. Hrsg. v.
Vincent Crapanzano u. Vivian Garrison. New York 1977. (Im Folgenden: Crapanzano Dawia)
6 Hier ein besonderer Dank an Martin Zillinger, Tübingen, der mir bei vielen Punkten die Augen geöffnet hat und
dem ich auch sonst sehr viel verdanke.
7 Nach Crapanzano die Verehrer und somit Anhänger der Bruderschaften.
5
Wie typisch für Ethnographien ist diese auch in der Ich-Form geschrieben.
2. Fallbeispiele: Situationen der Besessenheit, des Exorzismus und der
Frauenmagie
Die deskriptive Ethnologie wurde schon zum Anfang, als noch der imperialistische Gedanke ,,des
Beherrschens" das Hauptmotiv und den Antrieb dieser Disziplin darstellte, als szientistische, also
abwertend für quantifizierende und unkritische Wissenschaft angesehen. Der Gegenstand der
Forschung z.B. eine exotische Kultur wird durch eine spezielle Optik, der der Stammesgesellschaft,
und einer definierten Methode, hier die Feldforschung, analysiert.
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Allerdings muss die
Feldforschung als einziges effektives Mittel zum Verstehen anderer Kulturen noch heute herhalten.
Nur durch eine rezeptive Grundhaltung kann der Ethnograph eine Einsicht in die für ihn fremde
Gesellschaft genießen. Wie Clifford Geertz in seiner ,,Dichten Beschreibung"
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, werde auch ich
versuchen, durch gezielt ausgesuchte Situationen ein Verstehen der Heiligenkulte und ihrer sozialen
und psychischen Funktion zu erleichtern.
Die Ethnologie ist demnach eine empirische Wissenschaft, die induktiv und nicht deduktiv arbeitet.
Die Feldforschung stellt ein Instrument der Übersetzung dar.
Das Interview mit Jilali, dem muqqadem, habe ich Ende Juni 2007 geführt. Dazu kommen auch
Interviews, die ich im Rahmen der Zusammenarbeit mit Martin Zillinger mit ihm geführt und die
ich transkribiert habe.
Die Erzählungen vom Imam Mustafa stützen sich auf eine Jahrelange Bekanntschaft, in der wir
viele Gespräche führten und ich seine Arbeit miterleben konnte.
Die Erlebnisse und Erzählungen von Fatna, der gefürchteten ,,Hexe", gehen auch auf mehrere
Gespräche und Interviews zurück.
Die Geschichte von Mohammed und Dawia wird von Crapanzanos Aufsatz zitiert.
2.1. Die Tabla Sibti
in: Heiligenkult als Lustoase?
Jilali
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ist muqqadem einer großen aifa in Meknes. Er bereitet zur Zeit seine zweite Hochzeit vor.
Von seiner ersten Frau hat er sich scheiden lassen. Alleine zieht er seine zwei Töchter auf, beide
noch im Schulalter. Wir setzten uns in seinen alun, das Wohnzimmer für besondere Anlässe.
Bevor ich zu den Fragen komme, reden wir etwas über Politik und Familie, zwei der
8 Vgl. Justin Stagl: szientistische, hermeneutische und phänomenologische Grundlagen der Ethnologie. In:
Grundfragen der Ethnologie. Hrsg. v. Wolfdietrich Schmied-Kowarzik u. Justin Stagl. Beiträge zur gegenwärtigen
Theorie-Diskussion. Berlin 1993. S. 15 ff.
9 Clifford Geertz: Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme. Frankfurt am Main 1987. S. 47.
10 Alle Personen wurden aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen anonymisiert, die Namen wurden dafür geändert.
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