Die Frau im klassischen Athen I. Einführung 1 1.1. Athenische Mädchen 2 1.2. Initiationsriten 3 Die Hochzeit II. 2.1. Heiratsalter 7 2.2. Brautwahl 8 2.3. Verlobung 9 2.4. Mitgift 10 2.5. Die Hochzeitsrituale 2.5.1. Das Brautbad 11 2.5.2. Das Festmahl 13
2.5.3. Die Heimführung der Braut 15 Die verheiratete Frau III. 20 3.1. Kinder 21 3.2. Scheidung und Verwitwung 22 Schlussbetrachtung IV. 4.1. Die bildliche Darstellung 24 4.2. Der Zusammenhang zwischen Hochzeit und Tod 24
Literaturverzeichnis V. 5.1. Literatur 27 4.2. Abbildungsverzeichnis 28
Christine Um
Die Hochzeit im klassischen Athen. Die Rolle der Frau: Riten und ihre Bedeutung.
1. Einführung
Die Betrachtung der Geschichte der Frauen zur Zeit der Klassik wird dadurch erschwert, dass man nur Aussagen über die Frauen von Männern hat, das das Schreiben von Schriftstücken über welches Thema auch immer den Männern vorbehalten war. Dies gilt auch für die Darstellungen in Theaterstücken wie z.B. der Komödie:
„Even more caution must be exercised when it comes to evaluation the glimpses into women’s lives which the speeches offer. (…) They were
spoken by men and addressed to male audiences.” 1
Dies gilt es als stets zu beachten. Leider wird auf diese Tatsache in der Fachliteratur häufig keine Rücksicht genommen. Man muss sich also in gewisser Weise darauf verlassen, dass die Quellen wahrheitsgemäße Aussagen über das Leben, die Stellung und die Bedeutung der Frauen machen.
Die athenische Frau hatte an sich nur eine minimale Rechtsposition. Sie stand ein Leben lang unter der Vormundschaft, zunächst unter der ihres Vaters und mit der Heirat unter der ihres Ehemannes. An der Verheiratung hatte sie keinen rechtlichen Anteil oder Mitspracherecht, es war nichts weiter als ein Übergang von einem Vormundsbereich in einen anderen.
Gesetzlich genoss eine verheiratete Frau in Athen aber dennoch eine nicht zu verachtende Sicherheit. Ihr Besitz war sicher vermacht, wenn sie ihr eheliches Heim verließ (wozu sie berechtigt war), musste ihr Gatte ihr Vermögen zurückgeben.
In dieser Arbeit sollen die für das klassische Athen üblichen Zeremonien und Riten vor, während und nach einer Hochzeit aus der Sichtweise der Frau betrachtet werden.
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Die Hochzeit im klassischen Athen. Die Rolle der Frau: Riten und ihre Bedeutung.
In einer Einleitung werden zunächst kurz mythische Mädchenriten definiert, bevor im Hauptteil (2.) alle Bräuche rund um die Heiratsfeierlichkeiten, unter anderem mit Hilfe von verschiedenen Abbildungen auf archäologischen Funden, dargestellt werden sollen. In einer Schlussbetrachtung soll dabei noch kurz auf die Bedeutung der bildlichen Darstellung von Hochzeitsriten und den Zusammenhang von Hochzeit und Tod eingegangen werden.
1.1. Athenische Mädchen
Athenische Mädchen wurden weniger gut erzogen als die Jungen. Zwar gibt es viele Belege dafür, dass auch Mädchen lesen und schreiben lernten, aber ihnen wurde bei Weitem keine so gute Erziehung wie den Jungen zuteil.
Wuchsen Mädchen und Jungen im frühen Kindesalter noch zusammen auf, wurden sie im Alter von etwa sechs Jahren getrennt: Jungen besuchten fortan Schulen, Mädchen blieben daheim bei ihrer Mutter. Walter K. Lacey beruft sich hinsichtlich dieses Aspektes auf Xenophon, 2 der das niedrige Heiratsalter der Mädchen dafür verantwortlich macht. Der oft zitierten Frage:
„Gibt es jemandem, mit dem du dich seltener unterhältst als mit deiner Frau?“ und der Antwort:
„Falls überhaupt, jedenfalls nicht viele“, geht der Hinweis voraus, dass ein Mann seine nahezu unwissende Frau erst einmal lehren muss, wie sie beispielsweise Haus und Vermögen zu verwalten hat. Sokrates fährt fort, indem er fragt:
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Und, hast du sie denn nicht als blutjunges Mädchen geheiratet, die so wenig wie irgend möglich gehört und gesehen hatte? Muss man sich dann nicht vielmehr darüber wundern, wenn sie irgendetwas von de, was sie sagen oder tun soll, versteht, als wenn sie versagt? (…) Und ich halte dafür, dass eine Ehefrau, die ein guter Partner im Oikos ist, in jeder Hinsicht genauso wichtig für dessen Wohlstand ist wie ihr Gemahl.“ Das Unwissen und die Unmündigkeit, die einer Braut unterstellt wird, wird also mit ihrer Jugend begründet (und nicht mit mangelnder Lernfähigkeit wie es Platon vertreten hat).
Des Weiteren kann man davon ausgehen, dass es vom Standpunkt der griechischen Klassik wichtiger war, die Jungen zu stärken, um den Oikos zu erhalten, wenn sie erwachsen wurden.
1.2. Initiationsriten
Die so genannten Initiationsriten sollten Mädchen in die verschiedenen Aspekte des Frau-Seins einführen. Julia Iwersen begründet dies mit der Tatsache, dass aufgrund der „Beschaffenheit des weiblichen Körpers und Charakters kein endgültiger Übergang möglich“ 3 sei und dass aufgrund dessen spezielle Initiationsriten stattgefunden haben. Wichtig bei der Betrachtung dieser Riten ist, dass sie offenbar nur einem kleinen Teil von Mädchen zuteil kam. Dies hängt mit ihrer Herkunft oder Schichtgehörigkeit zusammen, denn nur Mädchen aus alteingesessenen und traditionsreichen Familien durchliefen Initiationsriten. Dennoch möchte ich in der Einleitung darauf eingehen, da diese Riten veranschaulichen, dass im klassischen Athen kultische Bräuche an der Tagesordnung waren. Die Betrachtung der Initiationsriten bildet einen guten Einstieg für die Darstellung der zahlreichen Hochzeitsrituale. Die primäre Funktion der Initiationsriten war die Beendigung der Kindheit bzw. Mädchenzeit. Sie standen in besonders enger Beziehung zu der
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Göttin Artemis, der Repräsentantin der Natur. Artemis verkörperte vor allem auch alle lebenserneuernden Prozesse, die eng mit den Frauen und ihrem weiblichen Zyklus zusammenhingen. Auf der mythischen Ebene wurde ein Mädchen im Übergang von Kind zur Frau-Werdung im Bild der Nymphe symbolisiert. Wörtlich übersetzt heißt „Numfé“ nichts anderes als „Braut“. Karl Kerény deutet diesen Begriff allerdings folgendermaßen: „Das Wort nymphe bedeutet ein weibliches Wesen, durch das ein Mann zum nymphios, das heißt zum glücklichen, am Ziel seiner Männlichkeit
angelangten Bräutigam wird.“ 4
Nymphen, Bewohnerinnen von Bergen, Bäumen und Quellen, gehörten zum Gefolge der Artemis. Artemis wachte über die Keuschheit ihrer Nymphen. In einer Überlieferung ließ sich eine ihrer Nymphen von Zeus verführen, woraufhin Artemis sie in eine Bärin verwandelte. Basierend auf dieser Erzählung gab es ein so genanntes Bärenritual, von dem leider nur unzureichende Quellen verblieben sind. Es scheint sich den lückenhaften Überlieferungen nach um eine Art „Altardienst für Artemis“ 5 gehandelt zu haben, währenddessen Trankopfer gebracht und Kinderkleidung gewebt wurde. Am Ende des Tempeldienstes wurde eine Ziege geopfert. Die Mädchen sollten sich damit auf das Leben als verheiratete Frau vorbereiten und Artemis über den Verlust ihrer Nymphe, die sie in eine Bärin verwandelt hatte, beschwichtigen.
In der Mythologie der Artemis spielen Menschen- bzw. Mädchenopfer immer wieder eine Rolle. Das wohl bekannteste Opfer ist Iphigenie, die Tochter Agamemnons. Agamemnon hatte auf besonders grausame Art und Weise einen weiblichen Hasen getötet, und musste zur Versöhnung der Göttin seine Tochter Iphigenie als Opfer darbringen. Homer spricht allerdings in seiner Ilias nicht von ihrer Tötung als Opfer, sondern davon, dass Agamemnon seinem Gefährten Achilleus anbietet, einer seiner drei Töchter heiraten zu dürfen. Hier wird eine Austauschbarkeit der Heirats-und Opfersymbolik deutlich.
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Die sinnbildliche Opferung der Tochter bringt auch zum Ausdruck, das es ein ganz konkretes Opfer gibt, dass ein Mädchen bei ihrer Verheiratung an die Gesellschaft erbrachte: die Unterordnung in einen neuen Oikos, die Unterordnung an ihre Familie und die häuslichen Pflichten, denen sie nachzukommen hatte.
Die Arrhephoroi hingegen, eine Mädcheninitiation im Dienste der Athene, hatte einen sexuellen Hintergrund. In einer nächtlichen Prozession brachten zwei Mädchen im Alter zwischen sieben und elf Jahren, die „heiligen Gegenstände“ 6 in Körben auf ihren Köpfen durch einen unterirdischen Gang vom Tempel der Athene zu einem Schrein der Aphrodite. Danach wurden auf demselben Wege andere Mysterienobjekte vom Schrein der Aphrodite zurück zum Tempel der Athene gebracht. In der Fachliteratur geht man von einem Zusammenhang mit dem Mythos von Erichthonios aus: Erichthonios entstammte einem der Göttin Athene geltendem Annäherungsversuch des Hephaistos. Er wurde von der Erde geboren und hatte die Gestalt einer Schlange. Er wurde in einem verhüllten Korb den Töchtern des Königs Kekrops zur Bewachung übergeben, nachdem die Mädchen versprochen hatten, nicht in den Korb zu sehen. Zwei der Mädchen konnten jedoch nicht gegen ihre Neugier an und sahen in den Korb. Als die Schlange herauskroch, versetzte dies die Schwestern derart in Angst, dass eine sich verrückt geworden von der Akropolis stürzte.
Julia Iwersen beruft sich in der Analyse dieses Mythos auf Nicole Loraux, die die Schlange eindeutig als phallisches Symbol deutet, mit dem die männlichen Athener sowohl ihre „Virilität, als auch ihre Autochthonie“ 7 zum Ausdruck brachten. Die Mädchen, die nicht in den Korb sehen sollten, stellen die Behandlung von Frauen durch die politische Ordnung Athens dar. Das Entdecken und die Verfolgung durch die Schlange lassen sich als Berührung mit der Sexualität des Mannes interpretieren. Die Handlung
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dieses Mythos verdeutlicht das Erwachen der Sexualität. Diese sollte freilich erst nach der Hochzeit eines Mädchens stattfinden. Die Mädchen des Arrhephoroi-Ritus stellten die ungehorsamen Töchter des Königs Krekops dar. Der Gang mit den Körben zwischen Athene-Tempel und Aphrodite-Schrein stellte den Höhepunkt dieses Brauches dar. Was im Einzelnen für Aktivitäten im Rahmes dieser Zeremonie stattgefunden haben, ist leider nicht bekannt. Man weiß nur, dass während dieser Zeit die Mädchen besondere Kleidung tragen mussten und nur eine bestimmte Brotsorte, das Anástaton, aßen. In der neueren Forschung geht man davon aus, dass aus diesen alten Initiationsriten die antiken Mysterienreligionen entstanden sind.
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Anmerkungen zu I.:
1 Blundell, S. 114.
2 Zitiert nach Lacey, S. 154.
3 Iwersen, S. 116.
4 Kerény, Bd.1, S. 141.
5 Iwersen, S. 119.
6 Dies., S. 122.
7 Zitiert nach dies., S. 123.
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M.A. Christine So-Young Um, 2005, Die Hochzeit im klassischen Athen, München, GRIN Verlag GmbH
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