Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 2
2. Jan Hussens Mitwirkung am Erlass des Kuttenberger Dekrets. 3
3. Jan von Jesnices Mitwirkung am Erlass des Kuttenberger Dekrets. 7
4. Hieronymus von Prags Mitwirkung am Erlass des Kuttenberger Dekrets. 9
5. National motivierte Denkstrukturen bei Jan Hus. 11
6. Resümee. 18
7. Literaturverzeichnis. 22
1. Einleitung
Hus , der Protestant - Hus, der Tscheche - Hus, der Sozialist: in diesem Dreiklang
fasst der Hus - Forscher Ferdinand Seibt die drei Bereiche zusammen, in denen Jan Hus im
Verlauf der Geschichte eine Bedeutung erlangt hat. 1 Hus war zweifelsohne in erster Linie ein
Kirchenreformer , hierin lag auch die Hauptmotivation seines Handelns begründet. Doch dar-
über hinaus besitzt er eine große Bedeutung für das tschechische Volk und dessen nationa-
les Bewusstsein, was nicht zuletzt dadurch ausgedrückt wird, dass Hussens Todestag, der
sechste Juli, zum nationalen Feiertag in der Tschechischen Republik erklärt wurde. Die dritte
Bedeutung in der Rezeption des Jan Hus ist mit der nationalen Komponente unmittelbar ver-
kn üpft, da zu Hus Lebzeiten die Tschechen - sehr stark vereinfacht betrachtet - überwie-
gend die unteren Bevölkerungsschichten vor allem der Städte Böhmens bildeten. 2 Richard
Friedenthal wiederum betont, Hus habe keine Nationalitäten gekannt: „Für Hus jedoch war
von Armen und Reichen die Rede, nicht von armen Tschechen und reichen Deutschen “ 3
Ging es Jan Hus ausschließlich um einen religiösen Wandel der vielkritisierten
Struktur der Kirche am Übergang vom vierzehnten zum fünfzehnten Jahrhundert, oder stan-
den wirklich darüber hinaus nationale 4 Motive hinter seinem Handeln? Diese Fragestellung
wird in dieser Arbeit anhand des Kuttenberger Dekrets erörtert, das aufgrund seines Inhaltes
ein Potenzial zur Erlangung eines Status als symbolischer Akt der Aufwertung des tschechi-
schen Volkes besitzt. Da eine entscheidende Mitwirkung Hussens am Erlass dieses Dekrets
1 Seibt, „Jan Hus: Das Konstanzer Konzil im Urteil der Geschichte“, 163
2 zur Zusammensetzung der sozialen Schichten in Prag vgl. Friedenthal, „Jan Hus“, S. 172 S. 164 zur
„Dreiteilung“ der Stadt. Auch laut Seibt („Die hussitische Revolution als europäisches Modell“, S. 38)
bildeten die Deutschen innerhalb der Bevölkerung der böhmischen Städte die Oberschicht. Hilsch
(„Johannes Hus“, S. 29f.) erwähnt „national gefärbte Spannungen“ in Prag sowie ebenfalls ein Über-
gewicht der Deutschen in den wohlhabenden Schichten, das sich jedoch zusehends zu Gunsten der
Tschechen verschob.
3 Friedenthal, „Jan Hus“, 172
4 Auch wenn Begriffe wie „Nation“ und „national“ nur bedingt für das Spätmittelalter anwendbar sind,
werden sie mangels Alternative hier im Sinne von „das tschechische Volk betreffend“ verwendet.
2
eine mögliche Erklärung für seine nationale Bedeutung darstellen würde, wird zunächst der Versuch unternommen, ebenjenen Grad der Beteiligung Hussens hieran zu ermitteln. Dies wird nicht möglich sein, ohne einige der weiteren beteiligten Personen zu betrachten und deren Anteil zu erfassen. Da vermutlich die Magister Jan von Jesnice und Hieronymus von Prag in erheblichem Maße zum Kuttenberger Dekret und dem gesamten Verlauf des vorangegangenen Universitätsstreites beigetragen haben, wird auch ihr Handeln einer Betrachtung unterzogen.
Hieran anschließend wird das Augenmerk zurück auf Jan Hus und die Frage nach möglicherweise vorhandenen national gefärbten Denkstrukturen gerichtet. Anhand der überlieferten Quellen sowie unter Einbeziehung der gesellschaftlichen sowie theologischen und akademischen Spannungen seiner Zeit wird der Versuch unternommen, Hinweise auf nationales Denken oder auch das genaue Gegenteil wie beispielsweise klare Ablehnungen solchen Denkens bei Jan Hus zu ergründen und diese zu deuten. Abschließend werden die Resultate der Fragen nach dem Anteil Hussens am Entstehen des Kuttenberger Dekrets sowie des Ausmaßes der nationales Motive seines Handelns zusammengefügt, um seine Aktionen im Rahmen des Prager Universitätsstreites in die Gedankenwelt des böhmischen Reformators einzufügen.
Bei der Rekonstruktion vor allem der späteren Lebensstationen Hussens ist seit mehr als einhundertfünfzig Jahren sehr viel Arbeit geleistet worden, die sich unter anderem in einigen erschienenen Biografien niederschlägt. Zusätzlich wurden eine große Anzahl von unterschiedlichen Aspekten des Wirkens von Jan Hus sowie der nachfolgenden hussitischen Bewegung in wissenschaftlichen Aufsätzen behandelt, auf die auch in dieser Fragestellung, die die nationalen Motive behandelt, zurückgegriffen werden kann. Da die einschlägigen Quellensammlungen zum Thema Jan Hus und Hussitismus für diese Arbeit nicht zur Verfügung standen, musste auf die Zitate in den Biografien und den Aufsätzen zurückgegriffen werden.
2. Jan Hussens Mitwirkung am Erlass des Kuttenberger Dekrets
Das Kuttenberger Dekret vom 18. Januar 1409, mit dem der böhmische König Wenzel IV. das Stimmenverhältnis in den Gremien der Universität zu Prag, in denen zuvor de facto einer tschechischen Stimme drei deutsche gegenüberstanden, umkehrte, besitzt auf-grund dieses Inhaltes eine starke Symbolkraft für ein erstarkendes tschechisches Nationalbewusstsein und die Emanzipation gegenüber einer deutschen Übermacht. Als Begründung für seine Entscheidung führt Wenzel im Dekret die Ungerechtigkeit an, die durch die Stimmenübermacht der Deutschen für die Böhmen in ihrem eigenen Lande entstanden sei. 5
5 Hilsch, „Johannes Hus“, S. 97
3
Doch an dieser Motivation Wenzels, der laut dieser Aussage eine ethnische Diskriminierung innerhalb der Universitätsgremien beseitigen wollte, bestehen erhebliche Zweifel. Und besonders die Rolle des Jan Hus innerhalb der politischen Vorgänge, die letztlich zum Erlass des Kuttenberger Dekrets geführt haben, ist fraglich.
Peter Hilsch erklärt die Motivation Wenzels aus dem päpstlichen Schisma heraus. Wenzel habe die Obedienz Papst Gregors XII. verlassen und sich auf die Seite der Befür-worter des Konzils zu Pisa schlagen wollen. Hierzu habe er die Unterstützung der Universität benötigt, an welcher jedoch die drei deutsches nationes zu den Konzilsgegnern gehört hätten. Hilsch vermutet, die Mitglieder der böhmischen natio, unter ihnen Jan Hus, hätten nun ihre Chance zur Änderung der inneruniversitären Machtverhältnisse erkannt und dem König den Vorschlag unterbreitet, das Stimmenverhältnisse umzukehren, um so die von Wenzel benötigte Zustimmung beschließen zu können. 6
Ferdinand Seibt betrachtet ebenfalls Wenzels Papstpolitik als das ausschlaggebende Moment für das Kuttenberger Dekret. 7 Nicht eindeutig geklärt ist laut Seibt die Rolle, die Jan Hus beim Erlass des Dekretes zukam. Diese Diskussion sei bereits im neunzehnten Jahr-hundert zwischen Constantin Höfler, der Hus eine tiefsitzende nationalistische Gesinnung attestierte, und Frantisek Palacký, welcher Hus Absichten ganz überwiegend in der Reformation der Kirche liegen sah, aufgenommen worden. 8 Seibt zieht das Fazit, Jan Hus habe an der Änderung der Stimmenverhältnisse mitgewirkt, sein Einfluss sei jedoch keinesfalls bedeutender gewesen als der seiner ebenfalls der böhmischen Nation angehörigen Fakultätskollegen und sei eher zu begrenzen als zu hoch zu bewerten. 9 In einem wesentlich späteren Werk fasst Seibt seine Ansicht der Mitwirkung Hussens an der Entstehung des Kuttenberger Dekrets zusammen, indem er ihn als „Befürworter, aber keineswegs Urheber eines königlichen Eingriffs in die Universitätsverfassung“ bezeichnet. 10 Und wiederum noch später zieht Seibt das Fazit, Hus habe, bei genauer Abwägung alles Bekannten, zwar Partei ergriffen, aber nicht Partei gebildet. Zur Bekräftigung dieser Einschätzung stellt Seibt klar, dass nicht, wie teilweise falsch behauptet worden sei, Hus im auf den Dekreterlass folgenden Sommersemester 1409 Rektor der Prager Universität war, sondern erst im darauffolgenden Wintersemester. Nach dem Abzug der Nichtböhmen im Mai 1409 sei das Amt des Rektors vom Magister Johannes Andreae Schindel bekleidet worden, der zudem vermutlich Deutscher gewesen sei. 11
6 Hilsch, „Johannes Hus“, S. 96
7 Seibt: „Johannes Hus und der Abzug der deutschen Studenten aus Prag 1409“, S. 63
8 ebenda, S. 63f.
9 ebenda, S. 79f.
10 Seibt, „Deutschland und die Tschechen“, S. 148
11 Seibt, „Jan Hus - zwischen Zeiten, Völkern, Konfessionen“, S. 21. An anderer Stelle („Johannes
Hus und der Abzug der deutschen Studenten aus Prag 1409“, S.68) nennt Seibt als im Mai 1409 ein-
gesetzten Rektor jedoch Zdenko von Labaun. Den (hier nicht nur vermutlich) Deutschen Andreas
Schindel aus Dux nennt Seibt als Rektor des Sommersemesters 1410. Hilsch („Johannes Hus“, S.
4
Diese Einschätzung Seibts wird durch die Tatsache untermauert, dass Hus während der Ausfertigung des Dekrets in Kuttenberg schwer erkrankt war und sich in Prag befand. Doch andererseits besitzt das Kuttenberger Dekret eine Vorgeschichte, die länger zurückreicht als lediglich bis zu wenigen Tagen vor seiner Ausfertigung und Verkündung, was Hilsch vermuten lässt, sein Wortlaut müsse bereits vorformuliert gewesen sein. 12 Hierdurch relativiert sich die Plausibilität einer Herabsetzung der Mitwirkung Hussens aufgrund seiner Bettlägerigkeit.
Während des Prozesses gegen Hus in Konstanz sagte der Magister Andreas von Brod, ebenfalls ein Mitglied der böhmischen natio, aus, Hus habe auf den König und die Gelehrten eingewirkt, entgegen den Statuten der Universität und der Übereinkunft zwischen den nationes der böhmischen natio drei Stimmen zukommen zu lassen. Hus bestätigt diese Aussage, offenbart jedoch die Doppelzüngigkeit des Zeugen, indem er hinzufügt, sowohl jenen Andreas von Brod als auch den Magister Johannes Eliae um Ratschlag und Mithilfe gebeten und diese erhalten zu haben. 13
Hus legt demnach Wert darauf, nicht als der allein Verantwortliche des Kuttenberger Dekrets betrachtet zu werden. In Anbetracht der sehr geringen Bedeutung des Universitätsstreites für den Prozess in Konstanz besteht objektiv kein Grund, am Wahrheitsgehalt dieser Aussage des Jan Hus zu zweifeln. Auch wenn er möglicherweise feine Nuancen aufgrund einer persönlichen Enttäuschung über die Belastung durch seinen früheren Gefährten Andreas von Brod verändert darstellt, so dürfte doch die Grundaussage der Realität entsprechen. Hinzu kommt als Argument für die Stichhaltigkeit der Beteiligung der Magister Andreas von Brod und Johannes Eliae, dass sie die Vertretung der böhmischen Universitätsnation am fraglichen 18. Januar 1409 in Kuttenberg stellten. 14 Beide Magister dürften jedoch niemals ein besonders inniges Verhältnis zu Jan Hus entwickelt haben, denn sie unterschieden sich von ihm in einem sehr wichtigen Punkt: sie waren entschiedene Wyclifgegner. 15 Am Beispiel dieser beiden Gelehrten offenbart sich ein gewisser Grad von Heterogenität innerhalb der böhmischen natio, deren Mitglieder keineswegs alle Wyclifiten waren, auch wenn hier möglicherweise die Ausnahmen die Regel bestätigen.
Hus scheint zwar eine durchaus bedeutende Rolle eingenommen zu haben, die sogar bis hin zu der eines Vordenkers und einer treibenden Kraft gereicht haben könnte; andere
100) schildert, wie Zdenko von Labaun am 09. Mai 1409 von Wenzel als Rektor eingesetzt wurde und
damit erst den Abzug der Deutschen auslöste. Demnach wäre Jan Hus nicht der erste Rektor nach
dem Erlass des Dekrets, aber im Wintersemester 1409 / 1410 der erste neu gewählte Rektor nach
dem Abzug der Deutschen von der Prager Universität.
12 Hilsch, „Johannes Hus“, S. 97
13 Seibt, „Johannes Hus und der Abzug der deutschen Studenten aus Prag 1409“, S. 65
14 Hilsch, „Johannes Hus“, S. 96
15 ebenda. Andreas von Brod warnte 1406 den Prager Erzbischof Sbinko in einem Brief vor der
Verbreitung der „pestilenzischen Schriften des Ketzers Wyclif“ (Hilsch, „Johannes Hus“, S. 77). Jo-
hannes Eliae denunzierte Anfang 1408 den Magister und früheren Hus - Schüler Matthias von Knin
5
Magister aus der böhmischen Universitätsnation könnten aber ebenfalls einen solchen Stellenwert eingenommen haben. Es lässt sich demnach lediglich festhalten, dass Jan Hus an der Entwicklung, die zum Erlass des Kuttenberger Dekrets führte, weder vollkommen unbeteiligt war noch ihren alleinigen Protagonisten stellte. Laut Werners Einschätzung nahm Hus seit 1408 die Rolle des theologischen Führers der Prager Wyclifiten ein 16 , doch macht ihn dies nicht zwangsläufig auch zu einer Führungspersönlichkeit im Stimmenstreit. Wie Seibt feststellt 17 , kann zur Ermittlung von Hus tatsächlichem Anteil ein Blick auf weitere Prager Magister hilfreich sein. Denn die Popularität Hussens verleitet schnell dazu, ihn als Hauptakteur der böhmischen Reformbewegung zu betrachten, was auch unmittelbar nach dem Erlass des Dekrets weite Teile der Prager Öffentlichkeit getan zu haben scheinen, denn Hus fühlte die Notwendigkeit, sich zu verteidigen. Er tat dies in einem öffentlichen Anschlag und beteuerte hierin, nicht er habe die Deutschen aus Prag vertrieben, sondern vielmehr sei für ihren Abzug ihr Eid vom 23. Februar 1409 verantwortlich gewesen, in dem die deutschen Studenten und Magister geschworen hatten, bei weiterem Fortbestand des Kuttenberger Dekrets die Stadt zu verlassen. 18 Für diese Wahrnehmung seitens der Prager Bevölkerung waren vermutlich Hussens große Popularität und Bekanntheit aufgrund seiner sehr gut besuchten Predigten an der Bethlehemskapelle verantwortlich, die seine Kollegen, die meist ausschließlich an der Universität tätig waren, nicht besaßen. Die Tendenz, Hus zum allein-handelnden Antreiber im Stimmenstreit zu ernennen, hält sich bis in die Gegenwart, da er „nun einmal über alle Reformer des frühen 15. Jahrhunderts zu weltgeschichtlicher Größe hinausgewachsen ist.“ 19 Doch zwei Zeugenaussagen aus Konstanz belegen unzweifelhaft die Existenz mehrerer Mitstreiter: ein Zeuge spricht von Hus cum complicibus suis, während ein zweiter Zeuge über Hus [...] cum Hieronymo et aliis aussagt. 20 Dieser zweite Zeuge benennt den ein Jahr nach Hus ebenfalls in Konstanz verbrannten Hieronymus von Prag als einen der Gefährten Hussens, doch sowohl die Pluralform der ersten Aussage als auch die ausdrückliche Nennung weiterer Personen in der zweiten Aussage weist eindeutig auf einen Kreis hin, der über Hus und Hieronymus hinausreicht.
beim Erzbischof Sbinko als Vertreter der wyclifschen Remanenzthese (Hilsch, „Johannes Hus“, S. 80).
16 Werner, „Jan Hus“, S. 83
17 Seibt: „Johannes Hus und der Abzug der deutschen Studenten aus Prag 1409“, S. 68
18 Werner, „Jan Hus“, S. 86
19 Seibt, „Hussitica“, S. 72
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Arbeit zitieren:
Michael Treichler, 2002, Das von nationalen Motiven geleitete Handeln und Denken des Jan Hus am Beispiel des Kuttenberger Dekrets, München, GRIN Verlag GmbH
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