VORWORT 2
DIE GEFAHREN 3
Situation Kästners von 1930 bis 45 3
Machtmittel 8
Kontrollorgane 10
GRÜNDE IN DEUTSCHLAND ZU BLEIBEN 12
KRITISCHE ANSÄTZE 16
Schreibweise 16
Konkrete Kritik in den Texten
17
Drei Männer im Schnee
Der kleine Grenzverkehr Die verschwundene Miniatur Ironie der Idylle 22
FAZIT 24
Literatur 26
1
Vorwort
Nach den Jahren des Dritten Reiches wurde vielen Schriftstellern, die Deutschland nicht verlassen hatten, zum Vorwurf gemacht, sie hätten sich in den Nationalsozialismus eingegliedert, anstatt ihn zu bekämpfen. Unter ihnen war auch Erich Kästner, der in den Jahren 1933-45 eine Gratwanderung zwischen verfolgtem Literaten und geduldetem
Trivialschriftsteller bestritt. Später kamen oft Vorwürfe, weil er seinen bissigen Stil gegen harmlose Geschichtchen eingetauscht habe. Vor 1933 beschreibt er zum Beispiel oft seine ablehnende Haltung gegenüber dem Krieg und Militär, „dort wird befördert, wer die Schnauze hält“ 1 . Als letztes Mittel gegen den Krieg gab er sogar den (ironischen) Vorschlag, die Menschheit auszurotten, um den Krieg zu beenden. 2 Aber auch die Politiker bleiben in Kästners Gedichten nicht ungeschont. Offen behauptet er: „Wenn sie etwas tun, dann sind es Fehler“ 3 Nach1933 findet man solch offene Angriffe nicht mehr. Daher liegt die Vermutung nahe, dass Kästner in der Zeit des Nationalsozialismus wirklich nur triviale Texte verfasst hat. In dieser Arbeit werde ich untersuchen, inwieweit die Kritik korrekt ist, und ob man daraus in Anbetracht der Zeit überhaupt einen Vorwurf formulieren darf.
1 Kästner, Erich: „Kennst du das Land wo die Kanonen blühn?“ In: Herz auf Taille; in: Kästner, Erich: Werke/Gedichte S. 26
2 vgl. Kästner, Erich: „Das letzte Kapitel“ In: Ein Mann gibt Auskunft; in: Kästner, Erich: Werke/Gedichte S. 171
3 Kästner, Erich: „Lob der Volksvertreter“ In: Lärm im Spiegel; in: Kästner, Erich: Werke/Gedichte S.68
2
Die Gefahren
Situation Kästners von 1930 bis 45
Erich Kästner war als kritischer Autor Anfang der 30iger Jahre weltbekannt. Seine Einstellungen gegenüber rechtsextremen Parteien hatte er in seinen bis dahin erschienenen Werken offen und deutlich dargestellt. So will er zum Beispiel wissen, dass es für das deutsche Volk „zum Glück“ war, dass der 1. WK verloren wurde. 4 Noch 1931 legt er in einem Gedicht Gott die Worte: „Es muss halt ohne Führer gehen“ in den Mund. Dieses Gedicht impliziert direkt, woher denn ein Führer für Deutschland kommen müsse. 5 Besonders in den letzten Jahren vor der Machtübernahme veröffentlichte er viele Gedichte und Satiren, um vor Hitler und der „Dummheit als Volksbewegung“ 6 zu warnen. In seinem „Brief aus Paris, anno 1935“ schildert er bereits 1932 die Situation der deutschen Intellektuellen unter dem Regime der Nazis. Geradezu prophetisch beschreibt er den nahenden Nationalsozialismus. Auch in vielen Veröffentlichungen in der „Weltbühne“ versucht er seine Mitmenschen zu warnen. Doch dort „stieß er in der Regel auf Gleichgesinnte“. 7 Hier konnte er nichts bewirken, hier konnte er nur seiner „Angst Luft machen“ 8
Kästners eigene politische Richtung in dieser Zeit lässt sich nicht zweifelsfrei rekonstruieren. Aus Briefen an seine Mutter geht aber hervor, dass er schon ahnte, dass in Zukunft Veröffentlichungen durch die Zensur gingen, und dass er bereits vor 1933 von den Nationalsozialisten körperlich bedroht wurde. Er empfahl seiner Mutter bei der Wahl zum Reichspräsidenten für Hindenburg zu stimmen, da er „im Augenblick das Beste“ wäre 9 . Es ist aber nicht wahrscheinlich, dass Kästner die politischen Überzeugungen des
4 Kästner, Erich: „Die andere Möglichkeit“ In: Ein Mann gibt Auskunft; in: Kästner, Erich: Werke/Gedichte“ S.121
5 vgl. Kästner, Erich: „Das Führerproblem, genetisch betrachtet“ In: Gesang zwischen den Stühlen; in: Kästner, Erich: Werke/Gedichte S. 186
6 Kästner, Erich: „Ganz rechts zu singen“ In: Nachlese; in: Kästner, Erich: Werke/Gedichte S.248 7 Görtz, Franz-Joseph; Sarkowicz, Hans: „Erich Kästner, eine Biographie“ Piper: München, Zürich, 1999 S.165
8 Görtz, Franz-Joseph; Sarkowicz, Hans: „Erich Kästner, eine Biographie“ Piper: München, Zürich, 1999 S.166
9 Görtz, Franz-Joseph; Sarkowicz, Hans: „Erich Kästner, eine Biographie“ Piper: München, Zürich, 1999 S. 167
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konservativen Kandidaten teilte. Er sah in Hindenburg nur die sicherste Konkurrenz gegen Hitler. Eher könnte man Kästner eine sozialistische Einstellung zutrauen, sein unbedingter Pazifismus und sein
gesellschaftliches Engagement entsprechen ganz dieser Tradition. Doch hiergegen spricht seine positive Meinung zu den Gedanken in dem Roman von H.G. Wells „Die Welt des William Clissold“. Die dort beschriebene „Revolution von oben“ hält er für eine gute Lösungsstrategie für viele weltpolitische und soziale Probleme. 10
Insgesamt kann man sagen, dass Kästner von hart links bis kurz vor rechts in jeder politischen Richtung seine Rosinen rauspicken konnte, und sich so eine ganz eigene skeptische Politik formte. 11 Sogar die politische Propaganda befürwortete er, und erkannte früh, dass die „Führer der Propaganda eine Weltmacht“ 12 sein würden.
Kästner stellte sich sehr offen gegen die NSDAP und zog damit schon früh deren Hass auf sich. Dennoch beschloss er nach der Machtübernahme der Nazis in Deutschland zu bleiben. Er kehrte nach dem Reichstagsbrand sogar aus der Schweiz, wo er sicher gewesen wäre, wieder nach Berlin zurück, versuchte auch andere Schriftsteller zu überzeugen Deutschland nicht den Rücken zu kehren. Kästner hielt es zu diesem Zeitpunkt für seine Pflicht in Deutschland zu bleiben. Bei dem Drama des Jahrhunderts sei es nicht richtig sich auf Korrespondenzberichte zu verlassen. 13 Bei der Machtübernahme der NSDAP 1933 wurde Kästner die Schreiberlaubnis verwehrt, und seine Werke verboten und verbrannt. Das Verbot setzte sich allerdings nur langsam durch. Die
Bücherverbrennungen im Mai 1933 hatten überwiegend symbolische Bedeutung. Der Berliner Börsen-Courier hatte eine Schwarze Liste für Bibliotheken veröffentlicht. Hier war Kästner noch mit der Ausnahme „alles, außer Emil“ aufgeführt 14 . Diese Schwarze Liste hatte aber keinen rechtlichen Einfluss auf Verlage und Buchhandlungen. Es dauerte noch fast ein Jahr
10 Kästner,Erich: „Die Revolution von oben“ In: Kästner, Erich: Werke/Publizistik S. 121ff 11 vgl. Kästner, Erich: „Fabian“ In: Kästner, Erich: Werke/Romane I S.53 12 Kästner, Erich: „Reklame und Weltrevolution“ In: Kästner, Erich: Werke/Publizistik S. 237
13 Kästner,Erich: „Notabene 45“ In: Kästner,Erich: Werke/Publizistik S.439 14 Görtz, Franz-Joseph; Sarkowicz, Hans: „Erich Kästner, eine Biographie“ Piper: München, Zürich, 1999 S.179
4
bis Kästner wirklich aus deutschen Geschäften geräumt worden war. Innerhalb dieser Zeit wagte die Deutsche Verlagsanstalt sogar eine Neuerscheinung. Das fliegende Klassenzimmer erschien im Dezember 1933. Möglich war dies vielleicht wegen seines Kinderbuches „Emil und die Detektive“, das bereits vom Verbot ausgenommen war. Auch wenn diese Ausnahme hauptsächlich geschah, weil die Nazis Proteste und Unverständnis befürchteten, wenn sie ein so beliebtes Kinderbuch verboten 15 , war dies vielleicht das Schlupfloch, dass weitere
Veröffentlichungen bedingt möglich machte. In der Biografie von Sarkowicz wird diese Veröffentlichung mit dem Zusatz „Trotzdem“ erwähnt. 16 Eine logische Erklärung gibt es hier wohl nicht.
Im selben Monat war Kästner auch zum ersten Mal verhaftet worden, sein Konto wurde gesperrt, angeblich, weil man glaubte, Kästner hätte das Land verlassen, und sei nur zurückgekehrt um sein Geld abzuheben, darüber hinaus hätte er von Prag aus Gedichte veröffentlicht, in denen das Regime offen angegriffen wurde. Kästner konnte jedoch beweisen, dass es sich bloß um einen Zusatz zu einem nicht kritischen älteren Gedicht handelte, und dass die beanstandeten Zeilen nicht von ihm stammten. 17 Nach dieser Verhaftung wurde im Februar 1934 sein Berufsverbot vorrübergehend aufgehoben. In dieser Zeit begann er mit „Drei Männer im Schnee“ und sorgte durch ein Verwirrspiel in den Briefen an seine Mutter dafür, dass das dazugehörige Theaterstück einem anderen Schriftsteller zugeordnet wurde. Er ahnte, dass seine Schreiberlaubnis nicht von Dauer sein würde, was sich im Oktober 1934 bestätigte. 18 Sein Arbeitsverbot beschränkte sich allerdings nur auf den deutschen Raum. Da Kästner im Ausland ein angesehener Schriftsteller war, konnte er dort gewinnbringende Arbeit tun. Seine Veröffentlichungen für das Ausland
15 Kordon, Klaus: „Die Zeit ist kaputt/ die Lebensgeschichte des Erich Kästner“ Beltz&Gelberg; Weinheim 1997 S. 158
16 Görtz, Franz-Joseph; Sarkowicz, Hans: „Erich Kästner, eine Biographie“ Piper: München, Zürich, 1999 S. 185
17 Kordon, Klaus: „Die Zeit ist kaputt/ die Lebensgeschichte des Erich Kästner“ Beltz&Gelberg; Weinheim 1997 S. 163
18 Görtz, Franz-Joseph; Sarkowicz, Hans: „Erich Kästner, eine Biographie“ Piper: München, Zürich, 1999 S. 190
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wurden zwar ebenfalls von der Kammer geprüft und zensiert, waren aber erlaubt, da die Devisen für die deutsche Wirtschaft wertvoll waren. 19 Seine Humoresken wurden im Ausland ein Erfolg. Das Theaterstück „Das lebenslängliche Kind“ war auch auf deutschen Bühnen ein Erfolg, jedoch nur kurz. Da die Mitarbeit Kästners an diesem Stück nicht zu leugnen war, wurde die Aufführung der Komödie verboten.
Kästner nahm sein Berufsverbot nicht einfach hin. Er versuchte innerhalb des Systems dieses Verbot aufheben zu lassen. Auch wegen dieser wagen Hoffnung, bald wieder innerhalb Deutschlands publizieren zu dürfen, achtete Kästner sehr genau darauf, was er schreiben durfte und was nicht. Zunächst war es Kästner noch erlaubt im Ausland zu veröffentlichen, und seine Bücher durften in Deutschland verkauft werden, lediglich Werbung für Kästner war hier verboten. Diese Regelung galt bis Ende 1935. In dieser Zeit schrieb Kästner die Fortsetzung seines Kinderbuches „Emil und die drei Zwillinge“ sowie seinen ersten Kriminalroman „Die verschwundene Miniatur.“
Zwischenzeitlich versuchte er immer wieder auf offiziellen Wegen sein Berufsverbot aufheben zu lassen. Bei einer Unterredung wurde ihm sogar ein Angebot gemacht im geheimen Auftrag der Regierung in einer gefälschten Emigrantenzeitschrift den politischen Kampf gegen seine emigrierten Kollegen aufzunehmen. Kästner schaffte es sich aus dieser Situation herauszureden, dieser Gesinnungswandel würde ihm nicht geglaubt. In Prag jedoch wird kurz darauf in einer Emigrantenzeitschrift veröffentlicht Kästner sei der Partei beigetreten. 20
In der folgenden Zeit bemühte sich Kästner um den Verkauf der Filmrechte seiner Bücher ans Ausland, denn seine Arbeitserlaubnis war ihm noch immer nur für den deutschen Raum entzogen. Die Filmrechte brachten ihm eine stattliche Summe ein, von der er in den späteren Kriegsjahren zehren konnte. In dieser Zeit entstand „Der Kleine Grenzverkehr“ unter dem Titel „Georg und die Zwischenfälle“, der zwar die nationalsozialistische Devisenpolitik als Hintergrund für eine Komödie benutzt, diese aber nicht
19 Görtz, Franz-Joseph; Sarkowicz, Hans: „Erich Kästner, eine Biographie“ Piper: München, Zürich, 1999 S. 210
20 Kordon, Klaus: „Die Zeit ist kaputt/ die Lebensgeschichte des Erich Kästner“ Beltz&Gelberg; Weinheim 1997 S. 166
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Arbeit zitieren:
M.A. Claudia Thur, 2005, Erich Kästner als Autor der inneren Emigration, München, GRIN Verlag GmbH
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am Monday, February 07, 2011-