Füllet die Erde und macht sie euch untertan
Die Entstehung der Erde vor rund 4 ½ Milliarden Jahren generierte auch die der Umwelt, als das verbindliche Milieu jeglichen Lebenssystems.
Leben als autopoietischer Prozess begann dagegen erst vor etwa 2 Milliarden Jahren mit der Weiterentwicklung von Bakterien zur Vielzelligkeit, wobei erst die Evolution kernloser Prokaryoten zu zellkernhaltigen Eukarioten im Sinne einer symbiontischen Allianz zu einem Leben auf einer höheren Komplexitätsebene führte. Nach den Vorstellungen von gegenwärtiger System- und Komplexitätstheorie unterlag hingegen dieses Leben schon immer der Selbstorganisation zwischen Chaos und Musterorganisation. So definiert sich Leben zunächst als ein autopoietisches, photosynthetisches Phänomen planetarer Dimensionen. In dem ständigen Bestreben, sich auszubreiten und über sich selbst hinauszuwachsen, erhält es sich selbst prägend mitsamt seinen evolutionären Strukturen aus Materie, Energie und Information. Da chaotische Zustände sich selbst in der Regel über Fraktalisierung replizieren, erscheinen in der Folge Ungleichheiten im Mikrokosmos ebenso wie im Makrokosmos, bei denen die Muster nur vielfältig, aber nicht beliebig sind. Andere systemtheoretische Ansätze leiteten daraus eine geordnete Evolution ab, die allerdings Gleichheiten voraussetzen würde. Der Mensch, als in seiner gegenwärtigen Lebensform sich darstellender Homo sapiens, entwickelte sich vor etwa 50 000 Jahren erst relativ spät. Als einziges vernunftbegabtes Tier begann er sehr bald seine Umwelt bewusst zu identifizieren, seit ca. 10 000 Jahren sie aktiv zu beeinflussen.
Umwelteinflüsse auf biologisches Leben sind obligat, biologische Evolution ist folglich umweltgesteuert, als selektive Reaktion auf umweltinduzierte Mutationen und genetische Rekombinationen. Demnach wäre auch menschliches Umweltverständnis mit allen diesem entspringendem Handeln evolutionär geprägt.
Dies sah bisher der Mensch in praxi anders. Dank seiner Fähigkeiten die Umwelt zu manipulieren, scheint er als einziges Säugetier er in der Lage zu sein, sich aus sich selbst evolvierend über limitierende materialistische Lebensprozesse hinwegzusetzen. Um 500 v. Chr. lebten etwa 20 Millionen Menschen auf der Erde, dies entspricht etwa 1/4 der gegenwärtigen Bevölkerung Deutschlands. Mit Einsetzen der Industriellen Revolution vor 200 Jahren wuchs die menschliche Population von 700 Millionen auf aktuell über 6 Milliarden Menschen an, im Jahre 2050 werden es voraussichtlich 10 Milliarden sein.
Die Auswirkungen auf das ökologische System sind undisputabel, sollte es nicht gelingen, dieses exponentielle Wachstum zu stoppen, ist gemäß den Populationsgesetzen mit einem katastrophaler Zusammenbruch der Spezies homo sapiens im Sinne eines Pessimum der ökologischen Valenz in globalen Dimensionen zu rechnen.
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Ist die Umwelt gesund, ist es auch der Mensch.
Seit den 80er Jahren des vorherigen Jahrhunderts formiert sich verstärkt in der okzidentalen Menschheit die Sensibilität zur Umwelt, zahlreiche umweltmedizinische Untersuchungen weisen auf ein wachsendes Morbiditätspotential durch die Umweltzerstörung hin. So wurde 1989 in Frankfurt/Main die 1. Europäische Konferenz „Umwelt und Gesundheit“ veranstaltet, die Aussage „Jeder Mensch hat Anspruch auf eine Umwelt, die ein höchstmögliches Maß an Gesundheit und Wohlbefinden ermöglicht“ ist das Kernstück einer hieraus resultierenden Europäischen Charta (I. Griz 1991). Seitdem wird auf internationaler Ebene die Bedeutung von Umweltbedingungen als Voraussetzung von Gesundheit und Lebensqualität anerkannt, in der Erweiterung des menschlichen Schutzes vor Gesundheitsschäden auch auf gesellschaftliche und sozioökonomische Faktoren. Bis dahin war die Wirkung von Umweltfaktoren auf die menschliche Gesundheit überwiegend aus dem Blickwinkel eines somatischen Krankheitsmodells behandelt worden, auf dessen Grundlage Grenzwerte für zahlreiche Stoffe entstanden, die in der Aufstellung der Maximalen Arbeitsplatzkonzentration (MAK-Wert) und der Maximalen Immissionskonzentration (MIK-Wert) ihre Verankerung fanden.
Dieses kompetiert vor allem die Umweltmedizin, eine noch verhältnismäßig junge Fachrichtung, die sich mit umweltlabilen Merkmalen sowie deren Auswirkungen auf die Umwelt-Mensch-Beziehungen beschäftigt, die klassischen Fachgebiete haben eine fachimmanent zu eingeengte Sichtweise, um der Herausforderung umweltbedingter Erkrankungen begegnen zu können. Die Umweltmedizin hat das Ziel, neue Krankheitsbilder zu erkennen, zu differenzieren und zu therapieren, sowie zu prävenieren, die durch vom Menschen ausgelöste Veränderungen der Umwelt oder von ihm in die Ökosphäre eingebrachte Substanzen verursacht werden. Hierzu übernimmt sie Wissen und Methoden anderer Disziplinen.
Allerdings vernachlässigte diese biomedizinische Sichtweise weitgehend die psychosozialen Aspekte. Während sich das Hauptinteresse bis dato auf die organmedizinischen Indikatoren von Gesundheit und Krankheit konzentriert, verstärkt sich nun die Aufmerksamkeit für die psychischen Auswirkungen von Umweltbelastungen.
Umweltbedingte psychovegetative Beschwerden sind Gegenstand der sog. Ökopsychosomatik. Hierunter versteht man die Einwirkungen der Umweltbedingungen auf den Menschen in seiner Ganzheit, im Unterschied zu der von J. Küchenhoff (1994) formulierten Umwelt-Psychosomatik. Die Ökopsychosomatik integriert in einer ganzheitlichen Organismusreaktion sowohl die durch die Umweltbelastungen direkt erfolgenden Beschwerden, als auch die Störungen, die sich als Produkt der vermittelnden psychischen Prozesse darstellen. Nach F. Alexander (1971) finden „psychologische und somatische Phänomene in demselben Organismus statt und sind nur zwei Seiten des gleichen Vorganges“.
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Nach S. Preuss validieren in der Ökopsychosomatik zwei Belastungstypen (s. Abb.1), die Belastung erster Art bezieht sich auf die schadstoffbedingten Konsequenzen, die als Noxe eine psychophysiologische Reaktion im Organismus bewirken, weshalb diese Effekte als unmittelbar bezeichnet werden können. Sie entstehen aus den tatsächlichen Immissionen auf den Menschen, unabhängig davon, ob ihr Wirkmechanismus bewusst erfasst wird oder nicht. Ihre gesundheitlichen Folgen äußern sich sowohl im somatischen als auch im psychischen Bereich, auch wenn die einzelnen Dosis-Wirkungs-Zusammenhänge bisher noch nicht bei allen Immissionen bis ins Detail geklärt sind. Zu den Umweltbelastungen in diesem Sinne gehören Schadstoffe in Nahrung und Atemluft, Lärm, elektromagnetische Felder, aber auch die baulichen Gestaltungen unserer Lebenswelt.
Die Belastung zweiter Art betrifft die erlebensbedingten Auswirkungen von Umweltbelastungen, weshalb sie als mittelbar zu betrachten sind. Sie lassen sich nicht einem spezifischen Schadstoff und einem konkreten Dosis-Wirkungs-Zusammenhang zuordnen, da die entscheidende Einflussgröße durch die Prozesse psychischer Verarbeitung entsteht, die moderierend in den direkten Zusammenhang der Belastung erster Art eingreifen (s. Abb.1). Da die vermittelnden psychischen Prozesse sich sowohl auf Faktoren mit als auch ohne Schädigungspotential beziehen, ist die Attribution dieser Phänomene von zentraler Bedeutung bei der Klassifikation von Umwelteinflüssen als mögliche Noxen. Deren Interpretationen beruhen auf persönlichen Erfahrungen, Perzeptionen, Annahmen und Vermutungen über die Belastungen erster Art.
Da konsekutive Phänomene aus Belastungen erster und zweiter Art zusammentreffen können, sind synergetische Effekte möglich, und somit „additive und überadditive Auswirkungen denkbar“.
Aufgrund der ausgeprägten emotionalen Beteiligung bedeutet die Belastung zweiter Art in jedem Fall eine erhebliche Stressbelastung, mit den entsprechenden Parametern gilt sie folglich längerfristig als gesundheitsgefährdender Faktor, der eine Reihe von psychovegetativen Beschwerden auszulösen vermag. Das Individuum wird geschwächt, und gleichzeitig wächst im Sinne eines Promotors die allgemeine Anfälligkeit für manifeste Erkrankungen, aber auch für schadstoffbedingte Beschwerden.
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Eine wesentliche Rolle spielen bei der Beurteilung von Umweltnoxen und –toxikologie in Anbetracht der zunehmenden globalen Nahrungsmittelverknappung Ernährungsbilanzierungen auf der Grundlage der FAO (Food and Agriculture Organization ).
Ernährungsimbalancen führen zu Stoffwechselstörungen und klinisch manifesten Ernährungsschäden, typisch hierfür sind dystrophische Krankheitsbilder sowohl in stenophagen Ländern mit absoluter Nahrungsmittelunterversorgung als auch in jenen bei zwar ausreichendem, aber in Einzelfällen aus sozialimmanenten Gründen nicht verwertbarem Angebot.
Hier erfasst die Umweltmedizin ebenso die durch ökologische Modalitäten geschädigte Bevölkerung „armer Länder“ wie durch soziale Missstände zur Mangelernährung gezwungenen Bevölkerungsanteile „reicher Länder“.
Dieser hierfür zuständige Zweig der Umweltmedizin befasst sich u.a. mit der Substitutionstherapie mit Mikronährstoffen, erforderliche soziologische Maßnahmen werden hiervon nicht erfasst.
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HAUPTTEIL Nahrungsmittelrealität steht für marode Qualität
Die heutige Lebensmittelqualität erfüllt aufgrund von unnatürlicher Züchtung, Transport, Lagerung, Zubereitung etc. schon lange nicht mehr die Voraussetzungen für eine ausgewogene gesunde Ernährung, da sie nur noch ein Bruchteil der früher vorhandenen Nähr- und Wirkstoffe enthält. Die Forderung der letzten Jahrzehnte, zur Gesunderhaltung „fünfmal täglich frisches Obst und Gemüse zu essen“, ist daher nicht nur realitätsfern in ihrer Anwendung, sondern zudem unzureichend für die Versorgung des Organismus mit für ihn lebenswichtigen Nährstoffen.
Zu dieser Erkenntnis war bereits 1968 Linus Pauling (1954 Nobelpreis für Chemie, 1965 Nobelpreis für Frieden) gekommen. Nach seiner Beurteilung führt diese permanente Fehlernährung zu chronischem Mangel und Gesundheitsstörungen des überwiegenden Teils der Bevölkerung, insbesondere in Phasen hoher körperlicher und geistiger Anstrengung sowie bei bestimmten Risikogruppen, weshalb er ein Verfahren zur Substitution von etwa 45 lebensnotwendigen Vitalstoffen entwickelte.
Unterstützt wird diese Auffassung von der modernen nutriologischen Medizin, diese identifiziert zusätzlich neben klaren Qualitätsdefiziten immunologische Reaktionen gegen Nahrungsmittel, wobei Frauen doppelt so häufig wie Männer betroffen sind. Insgesamt leiden mehr als 40% der Europäer an Nahrungsmittelintoleranzen.
Dieses spezielle Konzept der Nährstoffsubstitution etablierte sich als Orthomolekulare Medizin, der Begriff „orthomolekular“ ist griechisch lateinischer Herkunft und bedeutet soviel wie „richtige Moleküle“. Linus Pauling definierte 1968 in einem Artikel der Science: „Orthomolekulare Medizin ist die Erhaltung guter Gesundheit und auch die Behandlung von Krankheiten durch Veränderungen der Konzentration von Substanzen im menschlichen Körper, die normalerweise im Körper vorhanden und für die Gesundheit erforderlich sind“.
Die Orthomolekulare Medizin erhebt zudem den Anspruch, neben der bloßen Vermeidung von Mangelerscheinungen und therapeutischer Funktionen vor allem auch Prävention zu erfüllen, wie es fester Bestandteil jedes anerkannten medizinischen Verfahrens ist.
Hierunter versteht man allgemein ein Konzept der Krankheitsvorbeugung einschließlich der Gesundheitsförderung und der Gesundheitserziehung, und somit umfasst die Orthomolekulare Medizin durch ihre besondere Betonung der Prävention deren gesamtes Spektrum von der Verminderung von Risikofaktoren zur Inzidenz von Erkrankungen, über die Reduzierung deren Prävalenzen, bis zur günstigen Beeinflussung chronischer Restzustände. In dem Sinne und Umfange wie Prävention einen Bestandteil des Komplexes der Prophylaxe darstellt, kann Orthomolekulare Medizin somit auch prophylaktisch tätig sein.
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Dr.med.dent. Hubertus R. Hommel, 2007, Komplementäre Verfahren der Regulationsphysiologie und Regulationsmedizin: Orthomolekulare Medizin und Pharmazie, Munich, GRIN Publishing GmbH
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