Christine Um
Karl R. Poppers Kritik am platonischen Totalitarismus und das Ende der Utopie bei Joachim Fest.
Karl R. Poppers Kritik am platonischen Totalitarismus
und das Ende der Utopie bei Joachim Fest
I. Einleitung 1
II. Platons Lehre 2.1. Platons Zeitalter und Ursprünge seiner Philosophie 3 2.2. Platons politisches Ziel und seine Ideenlehre 4 2.3. Platonische Soziologie und die Demokratie bei Platon 6 2.4. Utopisches Programm oder Vergangenheit? 7 2.5. Platons „bester Staat“ und seine Ansichten über die 8 herrschende Klasse
III. Poppers Kritik an Platons Totalitarismus 3.1. Der Totalitarismus in Platons politischem Programm 10 3.2. Die totalitäre Gerechtigkeit 11 3.3. Die Gefahr des platonischen Utopismus 12 3.4. Offene und geschlossene Gesellschaft 16 3.5. Der „Zauber Platons“ 18
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IV. Vom Ende der Utopie bei Joachim Fest
4.1. Joachim Fest und die Utopien 21
4.2. Entwicklungsgeschichte der Utopien 23
4.3. Utopie des Nationalsozialismus und des Sozialismus 25
4.4. Scheitern der Utopien 28
4.5. Das Ende der Utopien 29
V. Literaturangaben 32
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I. Karl Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde,
Karl Poppers „die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ war bereits zu seinen Lebezeiten ein Klassiker und gilt heute als politisch-philosophisches Standardwerk. Sein Entschluss, dieses Buch zu schreiben, fiel am 13. März 1938: dem Tag, an dem Hitlers Truppen in Poppers Heimatland Österreich einmarschierten. Popper befand sich damals in Neuseeland, wo er eine Dozentur angenommen hatte. Er selbst sagte über das Entstehen der „offenen Gesellschaft“, dass er einen Beitrag zum Krieg leisten wollte, die Freiheit verteidigen und außerdem „eine Verteidigung gegen totalitäre und autoritäre Ideen und als eine Warnung vor den Gefahren des historizistischen Aberglaubens“ 1 schaffen wollte.
Popper beendete die erste Niederschrift 1942, welche zunächst von verschiedenen Verlagen abgelehnt wurde, dann aber in London während Hitlers Angriff durch seine so genannten „Vergeltungswaffen“ in Druck ging. Die erste Auflage erschien 1945, als der Krieg in Europa sein Ende fand. Popper begibt sich in diesem Werk auf eine Art „Spurensuche“ in der Geschichte: von Hitler zurück zu Platon, den er als ersten großen politischen Ideologen (Klassen- und Rassendenken) ansieht; von Stalin zurück zu Karl Marx (Kritik an Marx auch als Eigenkritik, da Popper in seiner Jugend selbst Marxist gewesen war). Die Tendenz seines Buches ist klar gefasst: gegen Hitler (anti-Nazismus) und gegen Stalin (anti-Kommunismus).
Der erste Band, „der Zauber Platons“, beinhaltet Poppers Kritik an Platon, besonders an der platonischen Staatsphilosophie und der Theorie der Formen und Ideen, kurz genannt die Ideenlehre. Er weist ausdrücklich darauf hin, dass er nicht
1 Aus seinem Vorwort zur siebenten deutschen Auflage 1992.
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die gesamte platonische Philosophie behandelt, sondern lediglich Platons Historizismus und seinen „besten Staat“. Popper ist der Ansicht, dass der Historizismus nicht nur unzulänglich, sondern sogar schädlich sei. Es ist vornehmlich die totalitäre Tendenz in Platons politischer Philosophie, die Popper kritisiert. Es enthält die wichtigsten Aspekte der Popperschen Utopiekritik und seiner Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Typen des politischen Totalitarismus. Er untersucht die gegensätzlichen Richtungen der „offenen Gesellschaft“, die er mit der abendländischen Demokratie definiert und der „geschlossenen Gesellschaft“, die er wegen ihres Kollektivismus und der staatlichen Alleinherrschaft ablehnt. Für Popper führt eine Art „roter Faden“ von Platon zu Hitler und Stalin. Für Popper steht Platon in einem feindlichen Gegensatz zur offenen Gesellschaft der Demokratie. Popper plädiert für einen methodischen Individualismus, also die Erklärung sozialer Phänomene am Verhalten der Individuen. Poppers Lehre wird heute meist unter dem Begriff des „kritischen Rationalismus“ gefasst. Die Idee zu dem Titel kam ihm in England, wo er sich durch das liberale, angelsächsische Klima nahezu befreit fühlte: "Ich kam aus Österreich, wo eine verhältnismäßig milde Diktatur herrschte, die aber von dem nationalsozialistischen Nachbarn bedroht war. In der freien Luft Englands konnte ich aufatmen. Es war, wie wenn die Fenster geöffnet worden wären. Der Name ‚Offene Gesellschaft’ stammt von diesem Erlebnis." Die Nachkriegszeit verbrachte er dann auch hauptsächlich in seiner englischen Wahlheimat, wo er in den sechziger Jahren von der englischen Krone für sein Engagement für Demokratie und eben die offene Gesellschaft geadelt wurde. Poppers Interpretation Platons wird oft als extrem subjektive Deutung bewertet. Dass bei Platon die theoretischen Grundlagen für Staatsabsolutismus, Militarismus und Führerkult (also der totalitäre deutsche Staat des NS-Regimes) zu finden sind, bestätigt Popper und er stellt bei Platon Gedanken fest, die der „offenen Gesellschaft“ feindlich sind.
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II. Platons Lehre
2.1. Platons Zeitalter und Ursprünge seiner Philosophie
Platons Zeit zeichnet sich durch große politische Instabilität und Unsicherheit aus. Nach Poppers Ansicht entstand aus Platons Gefühl, die Gesellschaftsordnung und alles befände sich „in Fluß“, seine grundlegende Idee zu seiner Philosophie. Platon fasst die soziale Erfahrung in einem historischen Entwicklungsgesetz zusammen: jegliche soziale Veränderung führt zu Verderbnis, zum Verfall oder zur Degeneration. Nach Platon ist dieses Gesetz Teil eines komischen Plans, welches für alle gezeugten und geschaffenen Dinge gilt. Platon hielt sein eigenes Zeitalter für ein Zeitalter tiefer Verderbnis; hervorgerufen durch die vorhergehende historische Periode, welche bereits die Tendenz zum Verfall hatte. Bis hierhin kann man Platon große Ähnlichkeit mit dem Historizismus wie bei Heraklit nachweisen, jedoch gibt es einen entscheidenden Unterschied: Platon glaubte daran, dass es sowohl durch menschlichen Verstand und Anstrengung als auch durch moralischen Willen möglich sei, das Gesetz des historischen Schicksals zu durchbrechen. Historischer Verfall habe sittlichen Verfall zur Folge und sittlicher Verfall (basierend auf rassischer Degeneration) würde zwangsläufig zu politischen Verfall führen. Platons Ziel war es nun, den politischen Verfall aufzuhalten, indem man jegliche Veränderung auf politischer Ebene aufhält. Um dies zu erreichen, müsse ein von allen Übeln freier Staat gegründet werden, frei von jeglicher Veränderung und somit auch frei von Verfall. Dieser vollkommene Staat existiert für Platon in einem goldenen Zeitalter und ist ein statischer Staat. Popper nennt ihn auch den „versteinerten Staat“. Auch mit dieser Theorie des vollkommenen Staates weicht Platon grundlegend vom Historizismus ab. Weiterhin hält Platon allen gewöhnlichen, verfallenden Gegenständen einen vollkommenen Gegenstand entgegen, welcher nicht dem Verfall ausgesetzt ist. Man bezeichnet diese zentrale Lehre seiner Philosophie auch als die „Ideenlehre“. Popper geht davon aus, dass Platons Philosophie auf seiner sozialen Erfahrung
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basierte; also die Erfahrung des Klassenkampfes und der Auflösung der eignen sozialen Umwelt. Dies lässt vermuten, warum die Ideenlehre eine so bedeutende Rolle in Platons Philosophie spielte: es war für ihn die Erklärung der allgemeinen Tendenz zum Verfall. Obwohl man bemerken muss, dass Platons erster Staat (also der beste) nahezu so vollkommen war, dass man die Veränderung und den damit einsetzenden Verfall nur schwer verstehen kann. Platon begründet den Beginn der Veränderung mit innerem Wettstreit, Klassenkampf basierend auf materiellem oder ökonomischem Selbstinteresse.
2.2. Platons politisches Ziel und seine Ideenlehre
Eine Hauptthematik bei Popper ist die Differenzierung zweier Richtungen. Popper nennt sie „Sozialtechnik der kleinen Schritte“ und „utopische Sozialtechnik“. Er befürwortet die erste und lehnt die zweite ab. Zu Beginn beleuchtet er allerdings erst den Gegensatz zwischen Historizismus und Sozialtechnik. Er analysiert die beiden Richtungen anhand ihres Verhaltens sozialen Institutionen gegenüber. Zwar bezeichnet er sie zunächst als absolut gegensätzlich, stellt jedoch auch fest, dass es auch Mischformen von Historizismus und Sozialtechnik geben kann. Er zählt Platons politische Philosophie und Sozialphilosophie als früheste und auch als wohl einflussreichste dazu, da sie vordergründig über technologische Elemente verfügt, aber im Hintergrund von einer „überreichen Ansammlung typisch historizistischer Züge beherrscht wird“².
Aus dieser Mischform entstanden später zahlreiche Lehren utopischer Systeme, welche eine Art von Sozialtechnik empfehlen, um ihre Ziele zu erreichen. Diese Ziele sind aber häufig mit historizistischem Gedankengut verflochten. Platons politische Ziele hängen von seinen historizistischen Lehren ab: er will einen Staat etablieren, der so vollkommen ist, dass er nicht verfällt. Er ist außerdem der Meinung, dass dieser perfekte Staat sogar existiert hat, und zwar weit zurück in
2 Kiesewetter, Hubert (Hrsg.) 2003: Karl R.Popper: die offene Gesellschaft und ihre Feinde,
Band I: der Zauber Platons, Tübingen: Mohr Siebeck, 8. Auflage: Seite 31, Zeile 32.
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M.A. Christine So-Young Um, 2004, Karl R. Poppers Kritik am platonischen Totalitarismus und das Ende der Utopie bei Joachim Fest, München, GRIN Verlag GmbH
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