Inhalt
1 EINLEITUNG 3
TEIL I
2 DIE STRUKTUR DER JAPANISCHEN GESELLSCHAFT 8
IE UND MURA 10
KONTROLLMECHANISMEN 13
ZWISCHENFAZIT 14
3 THEORIEN SOZIALER BEWEGUNG 15
NEUE SOZIALE BEWEGUNG 17
4 SOZIALE BEWEGUNGEN IN JAPAN BIS 1970 20
SOZIALE BEWEGUNGEN IM IMPERIALISTISCHEN JAPAN 20
SOZIALE BEWEGUNGEN IM NACHKRIEGSJAPAN 23
DIE STUDENTENBEWEGUNG 23
DIE ARBEITERBEWEGUNG 24
BEREITSCHAFT ZUR RADIKALEN AUSEINANDERSETZUNG 25
ZWISCHENFAZIT 26
TEIL II
ERSTER EXKURS: DIE MINAMATA-BEWEGUNG 28
5 DIE NEUE FRAUENBEWEGUNG 31
FORSCHUNGSSTAND 31
THEORETISCHE GRUNDLAGE / IDEOLOGIE 32
ENTWICKLUNG 33
ORGANISATIONEN 35
STRATEGIEN 36
TR ÄGERSCHAFT 38
DISKUSSION 39
ZWEITER EXKURS: DIE ANTI-ATOMWAFFENBEWEGUNG 41
DRITTER EXKURS: BEWEGUNG GEGEN DEN AMPO-VERTRAG 43
6 DIE NEUE FRIEDENSBEWEGUNG 45
FORSCHUNGSSTAND 45
THEORETISCHE GRUNDLAGE / IDEOLOGIE 46
Inhalt
ENTWICKLUNG 47
ORGANISATIONEN 49
STRATEGIEN 50
TR ÄGERSCHAFT 51
DISKUSSION 52
7 ABSCHLUSSDISKUSSION 54
LITERATURVERZEICHNIS 58
ANHANG 1: FRIEDENSORGANISATIONEN I
ANHANG 2: ONLINE-ARTIKEL VI
1 Einleitung
Durch einen siebenmonatigen Aufenthalt an der Chuô-Universität 1 in Tôkyô konnte ich intensive Erfahrungen mit der japanischen Bevölkerung sammeln, wobei immer neue Fragen über das Zusammenleben in dieser Gesellschaft auftraten. Einen Teil dieser Fragen möchte ich mit dieser Arbeit versuchen zu beantworten.
Soziale Bewegungen sind ein fester Bestandteil von Modernisierungsprozessen. Auch in Japan ist ein breites Spektrum von sozialen Bewegungen zu beobachten. Zu einer Untersuchung der neuen sozialen Bewegungen in Japan wurde ich durch das nur zu deutlich werdende Bestreben vieler Japaner, mit ihren Mitmenschen in einer harmonischen Beziehung zu stehen, angeregt. Was passiert, wenn ein Aufrechterhalten der Harmonie nicht mehr möglich ist? Tatsächlich gibt es Bewegungen in Japan, die z. B. Unmut über Diskriminierungen, kriegerische Aktionen oder Umweltverschmutzungen zum Ausdruck bringen. Mich interessiert in erster Linie, wie dieser Protest in Erscheinung tritt. Wer sind die Akteure, welche Organisationen, welche Aktionen gibt es, und vor allem, welche Unterschiede bestehen zu den Bewegungen in der westlichen Hemisphäre?
In vielen Punkten, sowohl hinsichtlich der industriellen Arbeiterbewegungen, als auch gerade der nachindustriellen neuen sozialen Bewegungen, kommt Deutschland eine Vorreiterrolle zu. Viele Untersuchungen der neuen Bewegungen widmen sich daher ausgiebig den verschiedenen progressiven Massenbewegungen in Deutschland und anderen westlichen Industriestaaten, inklusive den USA. Die Autoren dieser Untersuchungen weisen vermehrt darauf hin, dass durchaus auch in anderen Teilen der Welt neue soziale Bewegungen aufkommen würden. Diese Bewegungen seien im Allgemeinen an die der westlichen Vorbilder angelehnt, spielten aber niemals eine vergleichbar große politische Bedeutung in den nationalen Modernisierungsprozessen (vgl. RUCHT, 1994:153).
Für die allgemeine Erforschung des Phänomens „soziale Bewegung“ mag diese Konzentration auf den Westen durchaus von Vorteil sein, Defizite zeigen sich allerdings
1 Japanische Begriffe und Eigennamen werden nach der modifizierten Hepburn-Transkription umgeschrieben. Die Darstellung japanischer Personennamen entspricht der in Japan üblichen Reihenfolge Familienname-Vorname.
bei interkulturellen Vergleichen der Bewegungen. So wirkt nach HELLMANN (1999:248) das persönliche Umfeld eines Bewegungsforschers und seine Nähe zum Gegenstand direkt auf die Interpretation desselbigen, und somit auch auf die Theoriefindung und die Ausarbeitung von Theorien. Es ist also fraglich, ob die Theorieansätze neuer sozialer Bewegungen ohne weiteres auf anders strukturierte Gesellschaften übertragbar sind. Zudem mangelt es an einschlägiger Fachliteratur, die sich mit neuen sozialen Bewegungen im asiatischen Raum und somit in Japan auseinandersetzt. Dennoch tauchten während der Modernisierung des Inselstaates Japan immer wieder shakai undô, also soziale Bewegungen, auf.
Es ist anzunehmen, dass sich die Voraussetzungen dieser Bewegungen von den westlichen unterscheiden, alleine schon dadurch, dass sich die japanische Gesellschaftsstruktur lange ohne äußere Einflüsse entwickelt hat. Bei der Untersuchung sozialer Bewegungen plädiert Rucht „für ein offener angelegtes Konzept, das ganz allgemein die gesellschaftlichen Kontextstrukturen sozialer Bewegung in Rechnung stellt“ (RUCHT, 1994:303). Darauf aufbauend merkt auch Hellmann an, dass es zwischen den Bewegungen in der westlichen Welt 2 und denen in Japan deutliche Unterschiede geben muss, eine strukturelle Ähnlichkeit der westlichen Bewegungen vorausgesetzt. Aus diesen Annahmen resultiert die dieser Arbeit zugrunde liegende These:
Die neuen sozialen Bewegungen in Japan unterscheiden sich in den Dimensionen Ideologie, Trägerschaft, Organisationen, Strategien und Entwicklung deutlich von denen im okzidentalen Kulturkreis, vornehmlich bedingt durch die andersartigen gesellschaftlichen Kontextstrukturen Japans.
Zur Überprüfung dieser These werden zunächst die Vorraussetzungen für neue soziale Bewegungen in Japan untersucht. Hierbei werden die sozialstrukturellen Besonderheiten der japanischen Gruppengesellschaft vorgestellt, unter besonderer Berücksichtigung des Familiensystems und des damit zusammenhängenden Konsensmodells. Dabei soll die Schwierigkeit des öffentlichen Protestes und der Konfliktbildung in der japanischen Gesellschaft dargestellt werden. In diesem Zusammenhang ist auch der Titel dieser Arbeit „Konflikt der Harmonie“ zu verstehen, aufmerksam machend auf das Paradoxon einer nach Harmonie strebenden Gesellschaft und ihre Konflikte erzwingenden Unterdrückungsmechanismen.
2 Wenn im Folgenden von der westlichen Welt oder dem Westen gesprochen wird, so bezieht sich dies auf die westeuropäischen und nordamerikanischen Staaten.
Im darauf folgenden Teil wird nach einer Definition für neue soziale Bewegungen gesucht. Eine Durchleuchtung hinsichtlich der vorher beschriebenen gesellschaftlichen Besonderheiten soll die Übertragbarkeit dieser Definition auf Japan überprüfen. Dann zeigt ein sozialhistorischer Überblick der Bewegungen in Japan bis 1970, ob und zu welchen sozialen Bewegungen es in dem japanischen (Spät-)Modernisierungsprozess gekommen ist.
Der anschließende empirische Teil geht im Speziellen auf die neuen sozialen Bewegungen in Japan ein. Hier wird der Fokus auf die neue Frauenbewegung 3 und die neue Friedensbewegung 4 gelegt. Die Analysen orientieren sich an den von Rucht konstatierten Dimensionen für soziale Bewegungen: Ideologie, Trägerschaft, Organisationen, Strategien und Entwicklung (vgl. RUCHT, 1994:84ff).
Mit ihrer langen Tradition weist die japanische Frauenbewegung viele Ähnlichkeiten zu ihrem westlichen Pendant auf. Im Gegensatz zu der Situation in Europa und den USA brachte die fortschreitende Liberalisierung in Japan wenig reale Vorteile für die Stellung der Frau in der Gesellschaft. Mit einem Blick auf die wechselnden politischen Gegebenheiten in Japan nach dem Zweiten Weltkrieg, schlussfolgert Mackie:
„On paper at least, the post-war system enshrines the principles of liberal democracy. However, in considering the place of women in this system, we can see the very limits of such liberal democracy. The barriers to their political participation lie not in political structures and the legal system, but in the familial structures and employment practices which shape their activities in the public sphere. “(MACKIE, 2003:7)
Zwar konnte sich die traditionelle Frauenbewegung mehrfach erfolgreich mobilisieren,
„aber die Geschlechterdifferenzierung [wurde] in der Demokratisierung fortgeschrieben und zugleich wurde ein Rollenarsenal angepaßter öffentlicher Weiblichkeit verbreitet“ (LENZ, 1998:144).
3 Die Frauenbewegung bildet sich aus all denjenigen Gruppen, Protestereignissen usw., die sich der gesellschaftlichen Anerkennung, beruflichen Gleichstellung o.ä. des weiblichen Geschlechts gewidmet haben bzw. widmen und somit vor allem emanzipatorische Ziele verfolgen.
4 Die Friedensbewegung bildet sich aus all denjenigen Gruppen, Protestereignissen usw., die sich gleichwohl mit japanischen wie auch außerjapanischen friedenspolitischen Themen auseinandersetzen.
Dies desavouierte die neue Frauenbewegung, die sich klar gegen den vorherrschenden Androzentrismus stellte.
Die neue Friedensbewegung sowie die Umweltbewegung 5 sind weitere neue soziale Bewegungen in Japan. Doch während sich die Umweltbewegung eher nicht zu einer einheitlichen und überregionalen Bewegung formieren konnte (vgl. COULMAS, 1993:176ff, VOSSE, 1998:244), schaffte zumindest der Protest gegen den Vietnamkrieg eine deutlich landesweite Protestbasis. Ebenso wie bei der Umweltbewegung zeichneten sich auch bei der Friedensbewegung territorial begrenzte Einzelziele ab, bei der letzteren konnte sich allerdings eine universale ideologische Bestimmung durchsetzen. Die Struktur der Organisationen und Netzwerke sowie ihre Trägerschaft erscheinen wiederum fast identisch. Zur Vermeidung von Repetition und mit Blick auf den begrenzten Umfang dieser Arbeit wird von einer tiefer greifenden Analyse der japanischen Umweltbewegung abgesehen. Dennoch stellt diese Bewegung eine nach den westlichen Theorien typische neue soziale Bewegungen dar (vgl. VOSSE, 1998:270), und soll deshalb exemplarisch vorgestellt werden. In Form eines Exkurses wird ein Fall von Umweltverschmutzung, sowie die Reaktion der Öffentlichkeit darauf, einen Einblick in die Welt der japanischen Umweltbewegung geben.
5 Die Umweltbewegung bildet sich aus all denjenigen Gruppen, Protestereignissen usw., die sich im Umwelt- und Naturschutz sowie anderen umweltpolitischen Bereichen engagieren.
Teil I
2 Die Struktur der japanischen Gesellschaft
Um einen für die Untersuchung der neuen sozialen Bewegungen ausreichenden Überblick zu schaffen, ist es notwendig, die Grundprinzipien der japanischen Gesellschaftsstruktur vorzustellen. Nur so wird deutlich, welchen Schwierigkeiten sich diejenigen Japaner gegenübersehen, die Kritik an vorhandenen Strukturen und Gegebenheiten äußern und dieser Kritik durch öffentlichen Protest Ausdruck verleihen wollen.
Als Spezifikum japanischer Bewegungen gilt das auf reinen Konsens und Vermeidung jeglichen Konflikts ausgelegte japanische Erziehungs- und Wertesystem (vgl. NENNSTIEL, 1998b). Um die Besonderheiten der japanischen Gesellschaftsstruktur und dem sich daraus entwickelten Wertesystem näher zu bringen, gibt dieses Kapitel eine Einführung in die Tradition und Entwicklung des japanischen Konsensmodells.
Zunächst sollte eine Möglichkeit der Typisierung von Gesellschaften gefunden werden. Hellmann schlägt vor, die japanische Gesellschaft nach den von Luhmann konstatierten „System-zu-System Beziehungen“ (LU H M A N N , 1997:613) zu analysieren (vgl. HELLMANN, 1999:249). Folgende drei Formen erkennt Luhmann innerhalb der gesellschaftlichen Evolution 6 :
- Die segmentärdifferenzierte Gesellschaft besteht aus nicht-hierarchisch angeordneten, gleichartigen Teilsystemen wie z. B. Familien.
- Die stratifikatorischdifferenzierte Gesellschaft zeichnet sich durch
- Die funktionaldifferenzierte Gesellschaft bietet ungleichartige Teilsysteme,
Im nächsten Schritt muss geklärt werden, welcher Differenzierungstyp am ehesten die Struktur der japanischen Gesellschaft reflektiert. Die japanische Sozialanthropologin Chie Nakane erkennt in der gesellschaftlichen Struktur ihres Heimatlandes ein „vertikales Prinzip“ (vgl. NAKANE, 1985). Sie spricht von einer Gruppengesellschaft, deren
6 Die vierte Differenzierung nach Zentrum und Peripherie fand laut Luhmann bisher noch keine Anwendung in der Realität und wird deshalb nicht mit aufgeführt.
Teilsysteme mit Familien vergleichbar sind und einen ebenso geringen Grad der Hierarchisierung aufweisen. Ohne große Mühe kann man Japan also in die Gruppe der segmentär differenzierten Gesellschaften nach Luhmann einordnen.
Über Jahrhunderte isoliert vom Westen, durch unterschiedliche außenpolitische Ansichten verschiedener Herrscher mal mehr und mal weniger von Ostasien beeinflusst, formte sich im Inselstaat eine Gesellschaft, die sich stark von dem westlichen Typus unterscheidet. Der traditionelle Stellenwert des eigenen Haushalts, Seniorität und das Streben nach Harmonie beherrschen bis in die heutige Zeit noch weite Teile der japanischen Gesellschaft. Es ist nicht abzustreiten, dass vor allem in der Nachkriegszeit eine Verwestlichung stattgefunden hat, jedoch ist die Jahrhunderte alte Tradition, homophone Gruppen im japanischen Familienstil zu bilden, fest im japanischen Wertesystem verankert (NAKANE, 1985:16; LEBRA, 1992:15f; LENZ, 1998). Dieses Wertesystem drückt sich vor allem in dem Prinzip der „I e “ aus, dem Zusammenleben in einem Haushalt, einem Familiensystem. Die nächst größere und auf demselben Konsensprinzip basierende Einheit ist der Verbund der Nachbarschaft, also die Dorfgemeinschaft 7 .
Trotz der ständig fortschreitenden Globalisierung, der Verwestlichung japanischer Traditionen auf vielen Ebenen, sowie zahlreicher Versuche, neue Denkweisen in Japan zu etablieren, ist das Ie-Prinzip bis heute in verschiedenen Organisationen erkennbar. Vor allem aber während der Blütezeit der neuen sozialen Bewegungen in Japan in den 1970er und 1980er Jahren, durchdrang das Ie-Prinzip „auch die letzten Winkel der japanischen Gesellschaft“ (NAKANE, 1985:16) und liefert somit den gesellschaftlichen Rahmen für soziale Aktivität.
Als Grund für die Kontinuität der Ie wird in der vorliegenden Literatur vor allem die lange Isolation Japans genannt (u.a. SHIMIZU, 1976:13). Zu beobachten ist auch, dass viele Japaner in Zeiten wirtschaftlicher Rezession stets nach Antworten in den traditionellen asiatischen Weisheiten suchen und Halt in ihrer Gruppe finden (ebd.). Dem Familiensystem und der Dorfgemeinschaft, der persönlichen Subsumption von Individuen in Gruppen, kommt also auch bei der Betrachtung der neuen sozialen
7 Dies soll nicht bedeuten, dass sich dieses Phänomen des Zusammenlebens auf immer größere Gruppen, wie zum Beispiel eine ganze Stadt oder gar eine Präfektur ausweitet. Die Einheiten sind immer überschaubar. In größeren Unternehmen bilden sich deswegen wieder kleinere Gruppen, die sogar untereinander Konkurrenzdenken aufzeigen können und doch harmonisch für das Unternehmensziel kämpfen.
Bewegungen Japans ab den 1970er Jahren ein besonderer Stellenwert zu. Sie werden daher im folgenden Abschnitt näher untersucht.
Ie und mura
Um den Aufbau der gleichartigen Segmente zu verstehen, die so charakteristisch für die japanische Gesellschaft sind, ist ein Blick auf die Entstehungsgeschichte der japanischen Familie sinnvoll.
Seinen Ursprung findet dieses System in den ländlichen japanischen Familien, die sich traditionell weniger durch die Blutsverwandtschaft identifizierten, als vielmehr durch die Bindung der Mitglieder in einem Haushalt (NAKANE, 1985:17). Innerhalb des Familiensystems hat auch heute noch das im Standesregister festgehaltene Oberhaupt des Hauses die Entscheidungsgewalt. Es war traditionell immer der erste Sohn, der für den Fortbestand des Haushalts sorgte, während seine Geschwister das Familiensystem stets verließen und einen eigenen Haushalt gründeten bzw. in den einer anderen Familie einheiraten mussten (FUKUTAKE, 1989:30). Es war nicht üblich, engen Kontakt zu den dann außerhalb des eigenen Haushalts wohnenden Verwandten zu pflegen. Dafür verfestigte man früher oftmals die Bindung zu den neu hinzugekommenen Haushaltsmitgliedern, häufig sogar durch Adoption der Schwiegertöchter und Schwiegersöhne (NAKANE, 1985:17).
Ganz oben in der Hierarchie der Familieneinheit stand der Familienvater. Allerdings stellte diese Vormachtstellung nicht die des prädominierenden Vaters dar, die in weiten Teilen Asiens verankert war. Während in China beispielsweise auch die Erziehung Männersache war und das Familienoberhaupt seine Macht in der Erziehung immer wieder ausnutzte, war die Hierarchie in der japanischen Familie eher still. Entscheidungen wurden gemeinsam getroffen und die Ehefrau nahm ihrem Mann die Erziehung der Kinder ab (HARTMANN, 1992). Ziel der japanischen Familie war es, sich durch innere Harmonie und dem Ziehen an einem gemeinsamen Strang ganz auf die Präsentation nach außen konzentrieren zu können.
Die gesamte Erziehung bereitete die Kinder auf ein Leben innerhalb dieser patriarchalen Gemeinschaft vor. Das Harmoniebewusstsein und der Gemeinschaftssinn hatten größere Bedeutung als Eigeninitiative (FUKUTAKE, 1989:42f) und Spontaneität. Jeglicher Protest
hätte das Gefüge aus dem Gleichgewicht gebracht. Nakane betont die emotionale Beteiligung des Mitglieds an der Familie und anderen Gruppen, sowie das hohe Zugehörigkeitsgefühl (NAKANE, 1985:16). Das japanische Wort amae, inhaltlich der Ausdruck der Liebe einer Mutter zu ihrem Kind, beschreibt dieses Zugehörigkeitsgefühl, die Geborgenheit, die man in einem solchen Familiensystem erfährt.
Dieses Konsensmodell lässt sich auch im heutigen Japan oft wieder finden. Kontinuierlich werden Konflikte innerhalb einer Gruppe unterdrückt, um die Gemeinschaft nicht zu stören. Der Einzelne bringt seine individuelle Meinung nicht zum Ausdruck, es kommt also nicht zu unterschiedlichen Positionen innerhalb der Gruppe. Widerstandslos fügt sich jedes Mitglied den gemeinsam getroffenen Entscheidungen.
Wichtiger als der enge Kontakt zu den Verwandten war in der traditionellen japanischen Familie der Verbund der Nachbarschaft, der sich im „mura“ ausdrückt. Mura, die Dorfgemeinschaft, bestand aus mehreren Familien, die wiederum untereinander einen harmonischen Umgang pflegten. Die Kinder lernten früh, welches Verhalten in dieser Gemeinschaft angebracht war und welche Gewohnheiten auf Widerstand stießen. Ein Verständnis der Kinder, was richtig oder falsch ist, förderte diese Erziehung allerdings nicht. Es wurde ersetzt durch ein Gefühl der Scham, das sich im „Verlust des Gesichts“ ausdrückte (vgl. HARTMANN, 1992).
So entwickelten sich in das Gesellschaftssystem implementierte Kontrollmechanismen. Es gab innerhalb der Gruppe kaum Möglichkeiten, Unmut zu entwickeln und diesen zum Ausdruck zu bringen. Jedes Mitglied der Gruppe musste sich der Entscheidung des Familienoberhauptes fügen. Das Familienoberhaupt wiederum, idealtypisch um den Erhalt des Gleichgewichts bemüht, traf seine Entscheidungen uneigennützig und nach Abstimmung mit den Gruppenmitgliedern. Dadurch bestand eine starke emotionale Bindung der Gruppenmitglieder zur eigenen Gruppe (uchi) 8 , die jedoch das Verständnis für anderer Gruppen (soto) 9 fast vollständig ausblendete (vgl. COULMAS, 1993:176ff).
Bis ins erste Viertel des 20sten Jahrhunderts hinein lebten mehr als 80% der Japaner in solchen Gemeinschaften (FUKUTAKE, 1989:33). Während der Verstädterung der
8 Uchi und Ie sind verschiedene Leseweisen des selben Schriftzeichens und bedeuten ebenso innen wie auch Familie oder Haushalt.
9 Soto bedeutet soviel wie draußen, außerhalb, öffentlich.
Landbevölkerung fand das Prinzip der traditionellen Idealfamilie seinen Fortbestand in verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen (vgl. NAKANE, 1985). In den darauf folgenden Jahren erhöhte sich die Zuwanderung in die Stadt immens. So übertrugen bald acht von zehn Stadtbewohnern die Wertevorstellung der Gruppengemeinschaft und das Harmonieverständnis in die Organisationen, Institutionen und Firmen:
„The ideal relationship between employees and employers in Japan is akin to the traditional one among family members. No notion of rights and obligations in the Western sense has developed. (...) In Japan economic arrangements are often conducted without the aid of a written contract, and when contracts are written they are simple and their provisions are abstract, general, and vague.“ (HANAMI, 1984:113)
Trotz dieses, unter westlichen Maßstäben betrachtet, lockeren Umgangs mit Arbeitsverhältnissen, können sich die ohne Vertrag angestellten Stammarbeiter einer Firma auch heute noch sicher sein, dass der Arbeitgeber sein Möglichstes tun wird, um ihn nicht der plötzlichen Arbeitslosigkeit auszusetzen.
„The abstractness and vagueness of Japanese contracts is based on the presumption that the parties to the contract have, or will have, a close personal relationship and can rely on mutual understanding and trust. “ (ebd., 1984:113)
Die emotionale Verbundenheit weitet sich nun zunehmend auf die verschiedenen Gruppen aus, denen die Japaner angehören. Allerdings merkt Imamura an, dass die Nachbarschaft immer mehr an Relevanz verliert, und sich zusätzlich der Familienvater, eingespannt durch zunehmende geschäftliche Agilität, von seiner Familie daheim distanziert (IMAMURA, 1987:2). Diese Distanzierung spricht für die Annahme, dass nicht etwa Verwandtschaftsgrad oder Klassenzugehörigkeit die Grundlage für soziale Bindungen sind, sondern im Gegenteil die „situationsbedingte Stellung“ (NAKANE, 1985:13), durch die sich Mitglieder einer Gruppe definieren. So haben es in Japan auch überbetriebliche Gewerkschaften nie zu einem Durchbruch geschafft, vielmehr kommt es zu Betriebsgewerkschaften bzw. Zusammenschlüssen aller Mitarbeiter eines Unternehmens. So vereinen sich in japanischen Unternehmen die Blue-Collar und die White-Collar Arbeiter mit dem Management und arbeiten Hand in Hand für das gemeinsame Ziel: die Stellung des eigenen Unternehmens zu verbessern. Sollte es doch
zu Arbeitskämpfen kommen, so sind diese unternehmensspezifisch und treten nur dann auf, wenn ein Part der Gruppe das gesamte Gefüge auseinander brechen will 10 . Sicherlich sind innerhalb der Gruppen hierarchische Strukturen zu erkennen, die den westlichen ähneln, allerdings sind diese nicht als solche in der Gruppe verankert. Es zählt nicht wer etwas sagt, sondern was gesagt wird, und vor allem wie.
Kontrollmechanismen
Nachdem in der Darstellung der japanischen Gesellschaftsstruktur klar geworden ist, welche Erklärung das japanische Wertesystem selbst für die Schwierigkeit von Konfliktaustragungen liefert, geben auch zahlreiche daraus hervorgegangene Kontrollmechanismen den Autoritäten Möglichkeiten, offenen Konflikten aus dem Weg zu gehen.
Einigen Konflikten wird durch Institutionalisierung und damit einhergehender Berechenbarkeit, die Intensität geraubt. Deutlich wird dies beispielsweise anhand der alljährlichen Arbeitskämpfe im Frühjahr, die von den Gewerkschaften organisierte so genannte Frühjahrsoffensive. Die Streiks wurden längst etabliert und bewirken eine (schon vorhersehbare) Lohnerhöhung 11 . Der Sinn dieser Streiks liegt in der Bestätigung des Zusammenhaltes der Gruppe.
Häufig werden Auseinandersetzungen so gelöst, indem sich der Schwächere dem Stärkeren ohne Widerstand unterwirft, um auf diese Weise verlustreiche Kämpfe zu verhindern. Durch die Versprechen der stärkeren Partei wird die öffentliche Konfliktaustragung verhindert, sodass die schwächere Partei sich am Ende einer totalen Niederlage gegenüber sieht (vgl. NENNSTIEL, 1998b:80).
Ein weiteres Verfahren ist die Instrumentalisierung von Protestbewegungen. Viele Beispiele im japanischen Modernisierungsprozess zeigen, dass vor allem sozialistische oder kommunistische Parteimitglieder die Themen der Bewegung aufgriffen und sich programmatisch anpassten. Allerdings gab es nach der Wahl dann häufig keinen Platz mehr für die Belange der Bewegung (ebd., 1998b:81).
10 Eine Ausnahme bilden die so genannten Frühlingsstreiks, symbolische Protesthaltungen, die vor allem dem Zusammenhalt der Gewerkschaft dienten.
11 Einen Überblick zur Frühjahrsoffensive gibt ISHIDA, 1984:29ff
Ein weiterer Mechanismus ist die Verzögerungs- bzw. Hinhaltetaktik, wie zum Beispiel bei der Minamata-Bewegung (vgl. O SIANDER, 1998:212), beziehungsweise die Eigenschaft, jeglichen Protest schlichtweg zu ignorieren.
Zwischenfazit
Die Entscheidung, sich einer sozialen Bewegung anzuschließen, bedarf entweder persönlicher Betroffenheit oder der Solidarität mit den Protestierenden. Diese können sich in Europa und den USA oft einer breiten Mehrheit im Land sicher sein, während das in einer in viele unabhängige Gruppen aufgeteilten Gesellschaft utopisch klingt. Vor allem die Zugehörigkeit vieler zu einer bestimmten gesellschaftlichen Klasse machen in Europa und den USA Massenbewegungen möglich. In Japan ist die Austragung von Konflikten generell verpönt.
Festzuhalten ist vor allem, dass es schwierig ist, Protest in einer Gruppengesellschaft zu äußern und erst recht, die Mitglieder anderer Gruppen für „die Sache“ zu gewinnen und so diesen Protest in eine überregionale soziale Bewegung zu verwandeln. Um kollektives Vorgehen zu ermöglichen, sind also umfassende Aufklärung, schockierende Ereignisse oder ein Bruch mit dem gesellschaftlichen Wertesystem nötig. Hierzu gehört eine Beteiligung der Regierung am Irakkrieg ebenso wie die Kündigung von Arbeitnehmern 12 .
12 Wie schon angedeutet, identifiziert sich ein Arbeitnehmer mit seiner Arbeitsgruppe bisweilen mehr als mit seiner eigenen Familie. Ihn aus dem Arbeitsleben zu reißen bedeutet ein Bruch mit der Harmonie und erweckt Unmut in der gesamten Nation.
3 Theorien sozialer Bewegung
Um die charakteristischen Eigenschaften neuer sozialer Bewegungen verständlich zu machen, muss zunächst eine allgemeine Definition für soziale Bewegungen an sich gefunden werden. Bei der Suche nach einer geeigneten Definition, soziale Bewegung von anderen Formen kollektiven Handelns abzugrenzen, treten erste Schwierigkeiten auf. So exisitiert keine einheitliche Begriffsbestimmung für „soziale Bewegung“, sondern eine Fülle von Theorieansätzen, die sich seit den ersten Untersuchungen sozialer Bewegung 13 geformt haben.
Es gibt daher verschiedene Möglichkeiten, sich den Bewegungen in Japan auf theoretischem Wege zu nähern. Ein Blick in japanspezifische Lexika, die nicht in japanischer Sprache abgefasst sind, enttäuscht. Soziale Bewegungen werden in ihrer Gesamtheit nicht erfasst, nur einzelne Bewegungen werden vorgestellt (e.g. Kodansha Encyclopedia of Japan, 1983). Einen Schritt weiter begibt sich Nennstiel, die in einem japanischsprachigen Soziologielexikon soziale Bewegungen erklärt findet als:
„[...]kollektive Aktivitäten zur Reformierung gesellschaftlicher Zustände, deren strukturelle Widersprüche dazu beitragen, daß Alltagsbedürfnisse nicht ausreichend befriedigt werden.“ (KATAGIRI 1993:595; Übers. nach NENNSTIEL, 1998a:59)
Eine soziale Bewegung wird hier als kollektive Aktivität bezeichnet, die mit dem Ziel gesellschaftlicher Veränderung auftritt. Diese Definition liefert erste Einschränkungen, lässt aber Raum für Spekulationen, welche Bewegungen zu den sozialen Bewegungen gezählt werden können.
Einen ähnlichen Ansatz findet Smelser in seiner Theorie sozialer Bewegung, die schnell unter japanischen Soziologen bekannt wurde und dort einige Anhänger fand. Soziale Bewegung bezeichnet Smelser als kollektive Episode, bei der, vergleichbar mit dem Wertschöpfungsprozess, jeder Schritt ein Element zur Zielerreichung ist und auf die vorhergehenden Schritte aufbaut. Da Smelser allerdings panische Massenbewegungen ebenso wie politisch motivierte Bewegungen mit seiner Definition erklärt, ist dieser
13 MATHIAS (1998:15) datiert die Anfänge der Bewegungsforschung mit Verweis auf die Frankreich- Studie von Lorenz von Stein auf das Jahr 1850
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Daniel Joachim, 2006, Konflikt der Harmonie - Neue Soziale Bewegungen in Japan, München, GRIN Verlag GmbH
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