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Inhalt
I. Einleitung 3
II. Hauptteil 3
1. Psychologische Analyse 3
a. Sozial-psychologische Intention. 4
b. Psychologische Darstellung Christian Wolfs 6
2. Physiognomik im Verbrecher aus verlorener Ehre 9
a. Die Räuber-Darstellung 10
b. Physiognomie von Christian Wolf 11
c. Schillers Haltung zur Physiognomik 13
III. Schluss. 15
IV. Literaturverzeichnis 16
3
I. Einleitung
Im Zeitalter der Aufklärung beschäftigten sich mehrere literarische Werke mit dem Themengebiet des Verbrechens. Während in den Jahrzehnten zuvor die Taten genauestens beschrieben wurden, stand in der Aufklärung der Verbrecher selbst im Mittelpunkt. Das Interesse galt nicht mehr dem Verbrechen und dessen Wirkungen, sondern den Motiven und der Psyche des Verbrechers. Es galt durch eine differenziertere Betrachtungsweise zu erforschen, was einen Menschen dazu bringt ein Verbrechen zu begehen. Damals entstand eine Vielzahl an psychologischen Untersuchungen, die ganz der Ansicht von Karl Philipp Moritz entsprechen, dass „der wahre Gegenstand der menschlichen Erkenntnis und insbesondere der Philosophie der Mensch sei“.
Viele der in der Literatur dargestellten Verbrechen beruhen auf wahren Begebenheiten. So auch die 1786 publizierte Erzählung Der Verbrecher aus verlorener Ehre von Friedrich Schiller. Anfangs wurde die Erzählung anonym unter dem Titel Verbrecher aus Infamie, eine wahre Geschichte in der Thalia veröffentlicht, später unter Schillers Namen als Der Verbrecher aus verlorener Ehre. Eine wahre Geschichte. in den Kleineren prosaischen Schriften (I. Teil). Der Erzählung liegt die Lebensgeschichte des Sonnenwirts Friedrich Schwan aus Ebersbach in Württemberg zugrunde, der von 1729 bis zu seiner Hinrichtung 1760 lebte. Schillers Interesse an der Begebenheit galt hauptsächlich dem seelischen Niedergang Friedrich Schwans, sowie den gesellschaftlichen und psychologischen Gesichtspunkten.
In dieser Hausarbeit ist es nun mein Ziel zu zeigen, wie Friedrich Schiller den Verbrecher in der Erzählung darstellt um seine sozial-psychologische Intention zu verwirklichen. Außerdem will ich Schillers Haltung zu der damals sehr populären Physiognomik herausarbeiten, die er in seiner Erzählung deutlich macht.
II. Hauptteil
1. Psychologische Analyse
Die Erzählung Der Verbrecher aus verlorener Ehre ist eine psychologisch moralische Erzählung und zeigt „den Streit eines von Trieben und Wünschen zerrissenen, leidenschaftlichen, sinnlichen Charakters und zugleich das komplexe Zusammenspiel von
4
Physis und Psyche“ 1 . Es soll durch die Erzählung eine sozial-psychologische Wirkung beim Leser erzielt werden.
Sozial-psychologische Intention
a.
Die Absicht, die mit dem Werk verfolgt wird, ist bereits zu Beginn der Erzählung ersichtlich. Schiller stellt seiner Erzählung eine längere Vorbetrachtung voran, in der er seinen perspektivischen Standpunkt verdeutlicht und eine theoretische Reflexion anstellt. Außerdem wird in dieser Vorbetrachtung deutlich wie Schiller zur Anthropologie und zum damaligen Strafrecht steht. Die Vorbetrachtung dient ebenso als „Legitimation seines innovativen ästhetischen Verfahrens“ 2 und als „explizite Vorgabe aufklärerischen Wirkungsmomente der Geschichte“. 3 Neben der Reflexion seiner Intention geht Schiller auch darauf ein, wie er die Geschichte behandeln will, um seine Intention zu verwirklichen. Ich werde zunächst auf Schillers Absicht eingehen und anschließend sein Vorhaben bezüglich der Erzählmethode behandeln.
Schon auf den ersten Seiten wird deutlich, dass sich Schiller in dieser Erzählung mit der Anthropologie auseinander setzten möchte. Er verweist darauf, dass ‚nichts in der Geschichte der Menschen unterrichtender ist als die Annalen seiner Verirrungen‘ 4 und spricht von Seelenlehre. Seine Intention ist es, das Bewusstsein im Menschen zu wecken, dass auch Verbrecher Menschen sind. Eine Belehrung mit Beziehung auf das eigene Selbst soll erreicht werden, die zur moralischen Besserung führt und die vorlaute Verurteilung ablöst. Schiller will die Aufmerksamkeit der Menschen auf die psychischen und moralischen Erscheinungen lenken und will deutlich machen, dass die ‚unveränderliche Struktur der menschlichen Seele durch die veränderlichen Bedingungen von außen bestimmt wird‘ (S.7). In diesem Punkt klingt auch eine Anklage gegen die Gesellschaftsordnung an, die aber sicher nicht im Vordergrund steht. Vielmehr will Friedrich Schiller wohl zeigen, dass
„eine und eben dieselbe Fertigkeit oder Begierde in tausenderlei Formen und Richtungen spielen [kann], tausend widersprechende Phänomene bewirken [kann], in tausend Charakteren anders gemischt erscheinen [kann], und tausend ungleiche Charaktere und Handlungen wieder aus einerlei Neigung gesponnen sein [können]“ (S.5)
1 Gonthier-Louis Fink, „Die Rätselhaftigkeit des Menschen in Schillers Verbrecher aus verlorener Ehre und Geisterseher“, in: Evidenza e ambiguità della fisionomia umana.Studi sul XVIII e XIX Secolo. A cura e con introduzione di Elena Agazzi e Manfred Beller, Viareggio: Baroni 1998, S.115-138, hier S.119.
2 R. Jacobsen, „Die Entscheidung zur Sittlichkeit“, in: W. Freund, Deutsche Novellen von der Klassik bis zur Gegenwart, München,1993, S.15-25, hier S.20.
3 Ebd., S.20.
4 Friedrich Schiller, Der Verbrecher aus verlorener Ehre und andere Erzählungen, Stuttgart, Reclam 1999, S.5. Weitere Zitate aus der Erzählung mit Seitenangaben in Klammern im Text.
5
und dass „Weisheit und Torheit, Laster und Tugend in einer Wiege“ (S.8) beisammen sind. Es gibt demnach ‚zwischen Durchschnittsmenschen und Verbrechern nur einen graduellen Unterschied im Hinblick auf den Trieb und die Richtung der Leidenschaft‘ 5 , denn auch Verbrecher haben die ‚Kraft zur sittlichen Existenz‘. 6 Die Psyche des Verbrechers steht für Schiller deutlich im Mittelpunkt und die Erzählung soll im Großen und Ganzen „ein Beitrag zu den Annalen der menschlichen Verirrungen“ 7 und zur Seelenkunde sein.
Die Methode eine Belehrung mit Bezug auf das eigene Selbst des Lesers zu verfassen wird in der Vorbetrachtung erläutert. Schiller will „heilsamen Schrecken“ (S.6) verbreiten, der den Leser moralisch bessert, sieht aber die bisherige Geschichtsdarstellung als nicht geeignet an.
„Es bleibt eine Lücke zwischen dem historischen Subjekt und dem Leser, die alle Möglichkeiten einer Vergleichung oder Anwendung abscheidet und statt jenes heilsamen Schreckens, der die stolze Gesundheit warnet, ein Kopfschütteln der Befremdung erweckt.“(S.6) Laut Schiller muss diese Lücke durch die Erzählung verkleinert werden um zu verhindern, dass der Leser „den Unglücklichen, der doch in eben der Stunde, wo er die Tat beging, so wie in der, wo er dafür büßet, Mensch war wie wir, für ein Geschöpf fremder Gattung an[sieht]“ (S.6). Nur wenn der Leser ein „dunkles Bewusstsein ähnlicher Gefahr“ (S.6) hat, rührt ihn das Schicksal des Verbrechers. Ein solches Bewusstsein kann auf zwei verschiedene Arten erzeugt werden. „Entweder der Leser muss warm werden wie der Held, oder der Held wie der Leser erkalten“ (S.6). Schiller wählte die zweite Methode um nicht die „republikanische Freiheit des lesenden Publikums“ (S.7) einzuschränken. Er will vielmehr, dass die Leser selbst beurteilen und schließlich zur ‚eigentlichen Gerichtsinstanz‘ 8 werden. Um dies zu erreichen verzichtet er auf den „hinreißenden Vortrag“ (S.7) und versucht den Leser mit dem Held bekannt zu machen. „Wir müssen ihn seine Handlungen nicht bloß vollbringen, sondern auch wollen sehen“ (S.7) und deshalb werden nicht die Taten dargestellt, sondern die Motive, die dahinter stehen. Die Darstellung ist eher ‚kalt‘ und der Erzähler beschreibt die ‚geschichtlich wahre Entwicklung von den Motiven zu den Taten‘. 9 Der auktoriale Erzähler erscheint laut Borcherdt als „Anwalt, der hinter seinem Angeklagten steht und ihn zu verteidigen sucht“. 10 Er stellt die ‚Spannung von Schuld und Gerechtigkeit, von Laster und
5 H. H. Borcherdt, „Einführung“, in: H. H. Borcherdt, Schillers Werke.Nationalausgabe, Bd.16, Erzählungen, Weimar 1954, S.372-380, hier S.373.
6 B. v. Wiese, „Friedrich Schiller, Der Verbrecher aus verlorener Ehre“, in: Die deutsche Novelle von Goethe bis Kafka, Interpretationen I, Düsseldorf 1956, S.33-46, hier S.37.
7 Vgl. Borcherdt, „Einführung“, S.373.
8 E. Marsch, „Friedrich Schillers ››Der Verbrecher aus verlorener Ehre‹‹“, in: E. Marsch, Die Kriminalerzählung, München 1972, S.105-121, hier: S.140.
9 Vgl. Marsch, „Friedrich Schillers ››Der Verbrecher aus verlorener Ehre‹‹“, S.139.
10 Vgl. Borcherdt, „Einführung“, S.374.
Arbeit zitieren:
Ilona Späth, 2008, Psychologische Analyse und Physiognomik in Schillers "Der Verbrecher aus verlorener Ehre", München, GRIN Verlag GmbH
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