Universität Erfurt
Veranstaltungstyp: BA-Literaturwissenschaft
Seminar: „Träume und Traumatisierungen“
Semester: Wintersemester 2007/08
Titel der Hausarbeit: „Die Natur als Grundlage figuraler Traum - und -
Märchenkonstruktion, in Alfred Döblins
‘Der Ritter Blaubart’“
Abgabe: 12.02.08
Verfasserin: Julia Kulewatz
Studiengang: Haupt: Literaturwissenschaft
Neben:
Semesterzahl: 3
Art des Leistungsnachweises: selbstständige schriftliche Arbeit
Leistungspunkte: 9
2
Inhaltsverzeichnis
Prolog 4
1. Der Literarisch konstruierte Traum 6
1.1 Traumsymbole 9
2. Die Metaphorik der Natur 11
2.1 Der Wald 12
2.1.1 Das Sinnbild der Birke 13
2.2 Der Berg 14
2.3 Das Wasser 14
3. Die Figurenanlage mit Hilfe von Traum Natur 16
und Märchenelementen
3.1 Der Baron Paolo di Selvi 17
3.1.1 Der schwarze Reiter 18
3.1.2 Der braune Bart des Ritter Blaubarts 20
3.1.3 Das gebundene Ich 22
Das Geheimnis der Blaubart Kammer
3.2 Die Medusa 24
3.3 Miss Ilsebill 25
3.3.1 Die erlösende Jungfrau 25
3.3.2 Miss Ilsebill als Teil der Natur 28
Epilog 30
Bibliographie 31
Literaturverzeichnis 31
3
Prolog
Die Wurzeln des Blaubartmythos reichen bis in das 6. Jahrhundert hinein. Der breto- nische Geschichtsschreiber Albert le Grand erzählt vom Count Conomor, einem Frauenmörder, der ausschließlich schwangere Frauen tötete. Es entsteht die Legen- de vom heiligen Gildas, dem Sohn, einer erneut zum Leben erweckten Frau des Count Conomor. Eine düstere Legende, aus der der Franzose Charles Perraults 1697 das Märchen vom Blaubart entwickelte. „La Barbe- Bleue“ erschien in einer ge- druckten Sammlung von 8 französischen Zaubermärchen. Ein wieder erweckter, schattenhafter Archetyp, der nun erstmals sein charakteristischstes Merkmal erhält - la barbe- bleue. Seit der Veröffentlichung jener französischen Märchensammlung scheint die kulturelle Rezeption des blaubärtigen Frauenmörders unübertroffen. Lite- rarische Größen wie Ludwig Tieck, Max Frisch, Martin Mosebach und Alfred Döblin, um nur einige zu nennen, bemächtigten sich des grausigen Märchens und erschufen neue Bezüge und Interpretationsmöglichkeiten. Ebenso das Theater, der Film und die Musik konnten sich dem Mann mit dem blauen Bart nicht entziehen. Das Mär- chenhafte blieb erhalten, oder schlängelte sich bruchstückhaft durch traumatisch anmutende Erzählsequenzen. Verschiedenste Märchenfassungen variieren nach Kultur, Gesellschaft, Zeitgeist und literarischem Genre. Alfred Döblins „Ritter Blau- bart“, eine um 1911 geschriebene Erzählung, in der sich rezipierte Wirklichkeit mit samt dem Rezipienten verlieren kann. Ebenso wie sich die Protagonisten, die sich einer ständigen Metamorphose unterziehen müssen, selbst verlieren. In mythischen Märchenbildern überlagert und verdichtet der Autor streng konstruierte und unendlich verworrene, traumhafte Sequenzen, stellt die Natur, einem Caspar David Friedrich gleich, dem verlorenen Ich gegenüber, als Fluch und Segen zugleich. Er selbst be- zeichnet seine Werke als „entfesselte Realitäten“ 1 , die dem Rezipienten unvoreinge- nommen gegenübertreten. Döblin entführt den Leser zusammen mit seinen Protago- nisten in ein unheilvolles Seelenlabyrinth, aus dem man entkommen oder erwachen muss, unaufhörlich konfrontiert mit dem Verdrängten. Eine Liaison von Traum, Natur und Traumata, seit Urzeiten tief im Menschsein verankert und untrennbar miteinan- der verkettet. So begegnet man sich selbst in der Blaubarterzählung Döblins, eine Erfahrung, die die Protagonisten teilen.
1 Vgl. http://w3.ub.uni-konstanz.de/v13/volltexte/2003/1001//pdf/BlauerTiger.Net.pdf
4
Bereits Günter Grass, der deutsche Nobelpreisträger für Literatur warnte:
„Wer sich selbst genügt, sei vor Döblin gewarnt!“ 2
2 Vgl. http://www.xlibris.de/Autoren/Doeblin/Werke
5
1. Der literarisch konstruierte Traum
Der Traum
Der Traum, ist im engeren Sinn eine Bezeichnung für ein Fantasieerlebnis vorwie- gend optischer und akustischer Art während des Schlafs; im weiteren Sinn die Be- zeichnung für etwas Unwirkliches oder Ersehntes beziehungsweise für etwas eigent- lich unvorstellbar Großartiges. Das Vorherrschen des Emotionalen, die mangelnde Scheidung zwischen Umwelt und Ich, sowie unklare Zeit- und- Ortsbegriffe, assozia- tives Denken und mehr- beziehungsweise vieldeutige Bilder sind Trauminhalte. 4
Die Traumvorstellung ist verzerrt und das Gegenüber der Realität. Die Psychoanaly- se geht davon aus, dass der Traum dem Träumenden die Möglichkeit gibt ihm das Unbewusste zu erschließen. Sigmund Freud, Begründer der Oneirologie 5 , stellt Träume als wiederkehrende Projektionen von menschlichen Triebregungen dar, die sich dem Träumenden in symbolischer Zeichenschrift erschließen. Der Traum als psychische Selbstregulation, Verdrängtes dringt verschlüsselt in Traumsymbolen an die Oberfläche. Bereits Platon sah im Traum eine Form des Wissens, Wahnträume zeigten den Zustand der Seele auf, sie drängten dem wahnhaft Träumenden, dem Unwissenden ein höheres Wissen auf, das Wissen um die eigene Existenz. Die Phi- losophie behandelt das Dasein nach Descartes als einen stetigen Wechsel zweier Realitäten; von Wahrnehmung und Imagination, Wirklichkeit und Traum. 6 Während die Romantik erst im Erwachen aus dem Traum das eigentliche Trauma sah, der Traum wurde zum schöpferischen Paradies stilisiert, zum innersten Ort der Zurück- gezogenheit. Sinn des Traumes war die Existenz des Romantischen selbst. 7 Schon
3 Vgl. http://www.zitate.de/ergebnisse.php?kategorie=Traum 4 Vgl. http://lexikon.meyers.de/meyers/Traum 5 Oneirologie: Psychoanalytische Traumdeutung nach Freud 6 Vgl. Frischmuth, B., S. 36
7 Vgl. Ebd.
6
seit Anbeginn der Zeit träumt der Mensch. Träume sind unleugbar verwandt mit Mär- chen, Mythen und kollektiv überlieferten Menschheitserfahrungen, aus denen auch die Literatur hervorgeht. Ganze Generationen von Schriftstellern nahmen sich des Traumes im literarischen Sinne an. Man versuchte ihn zu lösen, in Form von Bilder- rätseln oder Zeichensystemen. Aus diesen Bemühungen heraus entstand der litera- risch konstruierte Traum, konstruiert von Träumenden, mit den Mitteln des Traumes. Jedoch übersah man oftmals den Traum im Ganzen, ihn als kompakte Form zu be- trachten und dann auf andere Medien zu transferieren. Obwohl sich der Inhalt über die Form überträgt. Der Traum ist und bleibt Bedeutungsträger seiner selbst. 8 Eben- so wie sich Trauminhalte über dessen Form erschließen lassen, so erschließt sich auch die Literatur über ihre Form, über den Aufbau des literarischen Fragments und dessen Verknüpfung innerhalb des Konstrukts. Der Traum dient als Vorlage für die entstehende Literatur und liefert ihr ein ‘Arbeitsmaterial’ der anderen Art. Träume er- scheinen uns oftmals auf den ersten Blick zusammenhangslos und sequenzartig, so dass der Träumende beispielsweise mit seiner Umwelt verschwimmen kann, so wie es den döblinschen Figuren ebenfalls ergeht. Der Schriftsteller benutzt scheinbar zusammenhangslose Sequenzen, um sein literarisches Schaffen ebenso zu entrü- cken, wie den Traum. Das Konstrukt bekommt etwas Surreales und ist für den Rezi- pienten nicht mehr fassbar. Auch Franz Kafka bediente sich einer traumhaften Kon- struktionsweise, indem er beispielsweise den Fragmentcharakter erhielt und die Text- fragmente innerhalb des Literaturkonstruktes, wenn überhaupt, nur lose verband. Es entsteht eine Räumlichkeit, die Enge vermittelt, sich ständig verdichtet und schließ- lich an Grenzen stoßen lässt. Der Rezipient wird in ein regelrechtes Labyrinth un- durchsichtiger Verhältnisse hineingezogen. Ebenso wie an Kafka kann man an den Traum keinesfalls mit dem Anspruch es Verstehens heran treten. Vielleicht sind eini- ge Passagen verständlich, das Ganze jedoch erhebt sich über das Konstrukt und ist entrückt:
„Das Ganze ist immer mehr als die Summe seiner Teile!“ 9
8 Vgl. Ebd.
9 Vgl. http://www.focus.de/wissen/bildung/philosophie/aristoteles_aid_6036.html
7
Auf diese Weise erhebt sich auch der Traum über den Träumenden, die konstruierte Literatur über den Schriftsteller. Als Simulacrum des Schöpfers tritt der Traum hervor, und aus der angewandten, übertragenen Methodik des Traumes, schließlich die Lite- ratur. Die Struktur des Traumes ist auf die Literatur übertragbar. Der für das 20. Jahrhundert bedeutende Philosoph, Semiotiker, Schriftsteller und Literaturkritiker, Roland Barthes beschreibt die strukturale Literatur ebenso wie die surreale als „[…]die geregelte Aufeinanderfolge einer bestimmten Anzahl geistiger Operationen, […].“ 10 Die strukturalistische Tätigkeit bestünde in der absoluten Rekonstruktion eines Objektes, um die Eigenschaften und die Funktionsweise des zu rekonstruierenden Objektes zu ergründen. 11 Träume wirken oftmals unvollständig und die Rekonstrukti- on ist diffizil. Dennoch muss der Schriftsteller, der einen Traum in das literarische Medium übertragen will, ausschließlich strukturell vorgehen. Die Struktur ist das Si- mulacrum des Objektes und sie kann als solche auf die Literatur übertragen werden. Das Simulacrum als imitiertes Objekt, tritt zu Tage, das eigentliche Objekt, hier der Traum, verbleibt im Verborgenen, unverstanden. Zerlegung und Arrangement be- stimmen Traum und Literatur. Das Fragment an sich entzieht sich der Bedeutung, verändert man jedoch seine Lage oder Beschaffenheit, so bewirkt dies eine Verände- rung des Ganzen, da das Fragment erst im Kontext Bedeutung gewinnt. Das Ganze definiert sich über die Grenzen, die den im Konstrukt enthaltenen Fragmenten, ge- setzt werden. 12 Auch Döblin setzt Grenzen. Am prägnantesten sind die räumlichen Grenzen, denen er seine Protagonisten aussetzt. Die traumhafte Methode der Ver- dichtung lässt geschaffene Räume enger werden oder zwingt die Charaktere sich mit mühelos anmtender Leichtigkeit zu verwandeln und sich zu verlieren. Der Autor setzt starke Polaritäten, die sowohl im Märchen von Nöten sind, als auch im Traum vor- kommen. Geschickt verknüpft er Zeitsprünge, Grenzüberschreitungen, paradoxe Si- tuationen und Wendungen, um den Rezipienten in einer schier undurchdringlichen Traumkonstruktion gefangen zu nehmen. Es bleibt ein unaussprechlicher Rest von Rätselhaftigkeit, eine Grenze, ein Abgrund den der Rezipient nicht verwinden kann und die ihn die Warnung Günter Grass’ ernst nehmen lässt. Hans- Christoph Neuert hat gesagt:
10 Vgl. Barthes, R., “Die strukturalistische Tätigkeit“, http://www.lrz-
muenchen.de/~nina.ort/barthes.html 11 Vgl. Ebd.
12 Vgl. Ebd.
8
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Julia Kulewatz, 2008, Die Natur als Grundlage figuraler Traum- und Märchenkonstruktion in Alfred Döblins ‘Der Ritter Blaubart’ , Munich, GRIN Publishing GmbH
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