Inhaltsverzeichnis:
Inhaltsverzeichnis: 2
1. Allgemeine Einführung in den Generationenbegriff 3
1.1 Der Generationenbegriff in der Öffentlichkeit. 3
1.2 Geburt einer Generation - Definition des Generationenbegriffs 3
2. Das geisteswissenschaftlich-soziologische Generationenmodell nach Mannheim (1928)
5
2.1 Vita 5
2.2 „Das Problem der Generationen“ oder der Generationenbegriff nach Mannheim 7
2.2.1 Generationenlagerung, Generationenzusammenhang und Generationeneinheit 7
2.2.2 Gesellschaftliche Dynamik im Zusammenspiel mit Generationen 9
2.2.3 Jugend als Entwicklungsbegriff im „Geist der Zeit“ 10
2.3 Zwischenfazit zum Mannheimschen Generationenverständnis 12
3. Generationenbilder der Moderne 13
3.1 Das Kohortenkonzept nach Ryder (1964) 14
3.1.1 Geburtskohorten und sozialer Wandel 14
3.1.2 Sozialisationsprozesse. 15
3.2 Ryder vs. Mannheim, ein Vergleich. 16
4. Das Generationenkonzept an einem aktuellen Beispiel - das postheroische
Generationenverst ändnis der „Generation Golf 18
4.1 Der Ursprung der Generation Golf. Eine Generation ohne Generationenkonflikt? 18
4.1.1 Erwachsenwerden in der Generation Golf 19
4.1.2 Der Golf als Generationenobjekt. 20
4.2 „Die Generation Golf im Licht der Wissenschaft“ oder eine
empirische Untersuchung. 22
4.3 Gibt es die Generation Golf? Eine kritische Stellungnahme zu der Generationenanalyse
von Klein 23
5. Schlussbemerkung zur Ironie der Generation Golf. 24
Literaturverzeichnis : 27
Lexika : 28
Tageszeitungen : 28
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1. Allgemeine Einführung in den Generationenbegriff
1.1 Der Generationenbegriff in der Öffentlichkeit
Die zahlreichen aktuellen Thematisierungen der Generationenproblematik in der Öffentlichkeit geben Anlass, das Thema einmal genauer zu betrachten. In den klassischen Arbeiten von Dilthey, Pinder und Mannheim beruht der wissenschaftliche Gebrauchswert der Kategorie Generation auf der Annahme, „dass frühe prägende Erfahrungen für das gesamte Leben eine spezifische Art des Erlebens und Denkens, eine spezifische Art des Eingreifens in den historischen Prozess nahe legen.“ 1 Dennoch ist der Generationenbegriff keineswegs veraltet, schließlich greifen „mittlerweile akademische Studien ebenso gern zur griffigkurzlebigen Generationsformel wie populärwissenschaftliche und populärkulturelle Sachbücher“. 2 Zu klären bleibt nun allerdings, ob allein diese gemeinsame Prägung zur Entstehung einer Generation genügt und was dann hierbei der zu Grunde gelegte Generationenbegriff ist.
1.2 Geburt einer Generation - Definition des Generationenbegriffs
„Das Auftauchen des Wortes Generation im Deutschen ist ein Übersetzungsphänomen. Es begegnet einerseits in der Kette von gr. genesis - lat. generatio am Übergang von der lateinischen zur deutschen Wissenschaftssprache zunächst in der Bedeutung von Zeugung. Andererseits wird es verwendet, um jene Funktion oder Position zu bezeichnen, die die genealogische Konstitution des Gattungsbegriffs beschreibt - so beispielsweise in Übersetzungen der griechischen Philosophie.“ 3
Eine Generation bezieht sich also begriffsgeschichtlich indirekt auf die ursprüngliche Entstehung, im Vordergrund steht jedoch der Aspekt der Überlieferung und Erbschaft. „Im Kontinuum von Ursprung und Aneinanderreihung betrifft die Generation also den Bestand der Gattung in der Dimension der Zeit.“ 4 In dem ursprünglichen Zugang funktioniert die Generationen quasi als zeitlicher Ordnungsbegriff mit einer bewahrenden Komponente. Um nun festzustellen, ob dieses Verständnis dem aktuell herrschenden Generationsbedürfnis noch entspricht, ziehe ich eine weitere Definition der Generation zu Rate.
1 Mannheim, Karl (1964 [1928] ): Das Problem der Generationen. In: Ders. (Hg.): Wissenssoziologie - Auswahl
aus dem Werk, Berlin: Luchterhand, 509-565, hier S. 528.
2 Maase, Kaspar: Selbstbeschreibung statt Aufbruch. Anmerkungen zur postheroischen Generationsbildung. In:
Mittelweg 36 12 (2003), 69-78, hier S 70.
3 Weigel, Sigrid: Generation, Genealogie, Geschlecht. Zur Geschichte des Generationskonzepts und seiner
wissenschaftlichen Konzeptualisierung seit Ende des 18. Jahrhunderts. In: Musner, Lutz/ Wunberg, Gotthart
(Hg.): Kulturwissenschaften. Forschung - Praxis - Positionen, Wien (2002), 161-190, hier S. 172.
4 Weigel, S. 173.
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„1. Bevölkerungsstatistisch ist eine Generation die durchschnittliche Differenz zwischen den Geburtsjahren der Eltern und der Kinder.
2. Soziologisch ist eine Generation die Population der etwa Gleichaltrigen (mit Schwankungsbreiten, die durch die bevölkerungsstatistische Definition einer Generation begrenzt sind), die in sich homogen sind hinsichtlich ihrer Einstellungen, Orientierungen und Verhaltensweisen und sich von anderen Generationen unterscheiden lassen.“ 5 Zwar scheint diese Definition in sich schlüssig, jedoch „sind in den letzten Jahren Feuilleton und Zeitgeistpublikationen zu einem reichen Betätigungsfeld für die Erfinder neuer Generationen und Generationsnamen geworden. Für einige Zeit schien es so, als sei der Begriff eher in die Bereiche von Technik und Werbung hinübergewechselt […]. In jüngster Zeit aber ist der Begriff in den Diskurs über Haltungen, Stile und Mentalitäten zurückgekehrt, in dem ständig neue Generationen auftreten.“ 6
Somit ist das Konzept der Generation alles andere als eindeutig und der Begriff an sich beinhaltet schon eine gewisse Dehnbarkeit. Trotz dieser mangelnden Verständlichkeit kann man dem Phänomen der Generation im alltäglichen Leben kaum entkommen. Woher kommt diese plötzliche Hochkonjunktur des Generationenbegriffs? Ein Grund für den schon fast inflationären Begriffsgebrauch liegt sicher in der lebensweltlichen Gewissheit, wonach die Grundform des menschlichen Verstehens in der biographischen Erfahrung selbst zu suchen ist. Man glaubt also, unter dem Begriff der Generation dasselbe zu verstehen, weil er den Anschein einer natürlichen und daher universalen Lebenserfahrung erweckt. Jeder vermeint ganz eindeutig zu wissen, welcher Generation er auf jeden Fall oder doch gerade nicht angehört. Schließlich besitzt die Generation neben der Gemeinschaftsfunktion gleichzeitig die eines Differenzbegriffs. Ist hier bereits ein Wandel im Generationenverständnis zu erkennen, der sich durch die Verschiebung vom Zeitmaß zum kollektiven Vergemeinschaftungsprozess äußert? „Im Falle von Generationen ist damit gemeint, dass sich Menschen etwa gleichen Alters ein spezifisches Denken, Fühlen und Handeln zuschreiben und sich durch diese Gleichheitsvermutung miteinander verbunden fühlen.“ 7 Wichtig ist, dass es sich bloß um ein empfundenes Beziehungsmuster handelt, da die Generation an sich keine feste Größe darstellt. „Insofern verbirgt sich im Begriff der Generation immer schon ein komplexes Zusammenspiel von Natur und Kultur, markiert die Generation doch die Schwelle zwischen
5 Reinhold, Gerd (2000). Soziologielexikon. München; Wien: Oldenbourg Verlag, S. 205.
6 Weigel, S. 161.
7 Jureit, Ulrike (2006): Generationenforschung. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, S. 12.
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Entstehung und Fortgang, zwischen Abstammung und Erbschaft, zwischen Prokreation und Tradition, zwischen Herkunft und Gedächtnis.“ 8
Ziel dieser Hausarbeit ist es nun, das „Knäuel“ um die Generationendiskussion zu entzerren, indem die Möglichkeiten und Grenzen des gegenwärtigen Modewortes „Generation“ unter die Lupe genommen werden. Beinhaltet das Generationenkonzept auch heute noch eine brauchbare Methode, um vor allem soziale Entwicklungen zu beschreiben oder birgt der Generationenbegriff trotz der öffentlichen Popularität nur noch gähnende Leere? Der Fokus wird bei der Untersuchung besonders auf eine relativ junge Generation gelenkt, die so genannte Generation Golf. Hat sich diese Generation durch eine Werbeidee aus einer Gesellschaft der Individuen gebildet, in der wir uns zwar immer besser als Tourist, Internetsurfer oder Börsenbeobachter im Optionsraum der Weltgesellschaft bewegen können, die aber keinen Identifikationsraum für die persönliche Lebenspraxis darstellt 9 und ist es auf Grund dessen überhaupt legitim, von einer Generation an sich zu sprechen? Anhand dieser Fragestellung soll der heutige Generationenbegriff am Beispiel der Generation Golf nun erläutert werden. Hierzu ist zunächst ein Rückblick auf die historische Bedeutung des Generationenbegriffs sinnvoll.
2. Das geisteswissenschaftlich-soziologische Generationenmodell nach Mannheim (1928)
„Das heute herrschende Verständnis der Generation als Mentalitäts- oder Bewusstseinseinheit geht überwiegend auf eine soziologische Perspektive zurück, für deren wissenschaftliche Begründung Karl Mannheims Aufsatz „Zum Problem der Generation“ aus dem Jahre 1928 steht.“ 10
2.1 Vita
Karl Mannheim, deutscher Soziologe, wurde am 27. März 1893 in Budapest geboren und verstarb am 9. Januar 1947 in London, wohin er 1933 emigrierte. Bis 1947 lehrte er an der London School of Economics. Er wurde insbesondere beeinflusst von Hegel, Marx, Dilthey und Weber. Mannheim gilt als Repräsentant einer radikalen Wissenssoziologie, sein Hauptinteresse widmete er dem Bild einer geplanten („streitbaren“) Demokratie. 11
8 Weigel, S. 163.
9 Vgl. Bude, Heinz: Die „Wir-Schicht“ der Generation. In: Berliner Journal für Soziologie 7 (1997), 197-204,
hier S. 202.
10 Weigel, S. 164.
11 Vgl. dtv Lexikon Nr. 14 (2006), München: Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, S. 72f.
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Bezogen auf das „Problem der Generationen“ war Mannheim ein Vertreter der romantisch-historischen Herangehensweise. Gegen den Positivismus sprach der für ihn zu geradlinige, quantitative Zugriff auf das Problem, der die Schwierigkeit der Erkennung eines Anfangs-und Endpunktes von Generationen beinhaltete. Er kritisierte das positivistische Bestreben, „ein generelles Gesetz der historischen Rhythmik zu finden, und zwar auf Grund des biologischen Gesetzes der begrenzten Lebensdauer des Menschen und der Gegebenheit der Altersstufen.“ 12 Dem entgegen stellte er qualitative Forschungsansätze, in denen die Generationenfrage eher als Problem des Vorhandenseins einer nicht messbaren, ausschließlich qualitativ erfassbaren Zeit betitelt wurde. Diese Überlegungen nahm er im Diskurs mit dem Philosophen Wilhelm Dilthey und dem Kunsthistoriker Wilhelm Pinder in Augenschein.
In Anlehnung an Pinders berühmte Formulierung der „Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen“ mit der er das Phänomen des Lebens verschiedener Generationen in derselben chronologischen Zeit meinte, schaffte Mannheim den Spagat zwischen der quantitativen und der qualitativen Ebene. Denn die erlebte Zeit ist eine qualitative Größe, die Zahl der Gleichaltrigen wird wiederum quantitativ gemessen. „Das Zeitdenken muss also - um ein musikalisches Gleichnis Pinders anzuwenden - polyphon organisiert sein, in jedem „Zeitpunkt“ muss man die einzelnen Stimmen der einzelnen Generationen heraushören, die stets von sich aus jenen Punkt erreichen.“ 13
Zudem berief sich Mannheim ansatzweise auf Wilhelm Pinders „Entelechien“ (Ausdruck der Einheit des „inneren Ziels“ einer Generation / eingeborenen Lebens- und Weltgefühls) als entscheidendes Generationenmerkmal. Jede Generation bildet aus sich heraus eine eigene Entelechie, „wodurch allein sie eigentlich erst zu einer qualitativen Einheit wird.“ 14 Mannheim kritisierte dabei, dass gesellschaftliche Faktoren von Pinder unberücksichtigt blieben. „Entweder ist man hier völlig spiritualistisch und lässt alles aus Entelechien hervorgehen (die es sicher gibt), oder aber man hat das Gefühl, man müsste doch auch etwas Realismus in die Sache bringen, und dann hält das unmittelbar Vitale, Rasse, Generation (die es sicher auch gibt) her und bringt in „geheimnisvollem Naturvorgange“ die geistigen Potenzen hervor.“ 15
12 Mannheim, S. 511.
13 Ebenda, S. 518.
14 Ebd., S. 518.
15 Mannheim, S. 520.
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2.2 „Das Problem der Generationen“ oder der Generationenbegriff nach Mannheim
Wie bereits kurz erwähnt unternahm Mannheim den Versuch, „in bewusster Abgrenzung zu biologistischen Gesellschaftstheorien, eine zwar nicht in erster Linie quantifizierbare, aber dennoch messbare Rhythmik gesellschaftlicher Veränderung herauszuarbeiten.“ 16 Sein Forschungsinteresse galt besonders der Gleichzeitigkeit gesellschaftlicher Einflüsse im Sozialisationsprozess, wobei er in der Generation ein theoretisches Beziehungsgefüge sah, das noch keine konkrete Gemeinschaft bildete. Im Mannheimschen generationellen Ordnungsmodell lassen sich drei unterschiedliche Elemente des Generationenbegriffs unterscheiden - die Generationenlagerung, der Generationenzusammenhang und die Generationeneinheit, welche wiederum miteinander verknüpft sind.
2.2.1 Generationenlagerung, Generationenzusammenhang und Generationeneinheit
Bei der Generationenlagerung gilt nach Mannheim die Zugehörigkeit zur selben „historischen Lebensgemeinschaft“ 17 als Hauptmerkmal. „Jeder Mensch befinde sich in einer bestimmten Generationenlagerung, die er nicht einfach wie einen Verein verlassen könne und die dem Einzelnen sowohl spezifische Möglichkeiten eröffne wie auch Beschränkungen auferlege.“ 18 In der Lagerung ist folglich ein gewisses Potenzial aller Einzelindividuen vorhanden, die im sozialen Raum verwandt gelagert sind und denselben Wandel erleben. „So ist die Generationslagerung ihrerseits durch Momente bestimmbar, die aus den Naturgegebenheiten des Generationswandels heraus bestimmte Arten des Erlebens und Denkens den durch sie betroffenen Individuen nahe legen.“ 19
Der Generationenzusammenhang befindet sich dann bildlich gesprochen auf der nächsten Ebene. Während die Lagerung lediglich die bereits beschriebenen potenziellen Möglichkeiten enthält, „die zur Geltung kommen, verdrängt werden oder aber in andere sozial wirkende Kräfte eingebettet, modifiziert zur Auswirkung kommen können“ 20 , bedarf es einer konkreten Verbindung, um von einem Generationenzusammenhang sprechen zu können. Hier entsteht durch die „Partizipation der derselben Generationslagerung angehörenden Individuen am gemeinsamen Schicksal und an den dazugehörenden, irgendwie zusammenhängenden Gehalten“ 21 eine reale Verbundenheit. Wichtig hierbei ist aber, dass sich im generationellen Zusammenhang auch Menschen vergemeinschaften können, die zwar nicht im direkten
16 Jureit, S. 20.
17 Mannheim, S. 542.
18 Jureit, S. 21.
19 Mannheim, S. 529.
20 Ebd., S. 542.
21 Mannheim, S. 547.
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Kontakt stehen, wo sich dennoch durch die indirekte Verbindung der gemeinsamen Beteiligung Schnittpunkte bilden, die ein Gemeinschaftsgefühl hervorrufen. Durch Sozialisation entsteht hier somit eine gemeinsame Orientierung, ein Miteinander von Individuen.
Innerhalb dieser „Kommunikationsgemeinschaft“ 22 können dann Generationeneinheiten entstehen. Diese sind nach Mannheim dadurch charakterisiert, „dass sie nicht nur eine lose Partizipation verschiedener Individuen am gemeinsam erlebten, aber verschieden sich gebenden Ereigniszusammenhang bedeuten, sondern dass sie ein einheitliches Reagieren, ein im verwandten Sinne geformtes Mitschwingen und Gestalten der gerade insofern verbundenen Individuen einer bestimmten Generationslagerung bedeuten.“ 23 Generation bedeutet hier eine meist verbindende, prägende Einheit, eine kollektive Identität, die durch eine ähnliche Erlebnisverarbeitung zustande kommt. Was aber nicht der Tatsache widerspricht, dass die „konkrete Ausdrucksform durchaus unterschiedlich, sogar gegensätzlich sein könne, die aber auf einer gemeinsamen Grundstimmung basiere.“ 24 Den Beweis für diese Aussage liefert Mannheim mit Beispiel des romantischen Konservatismus und des liberalen Rationalismus zu Beginn des 19. Jahrhunderts. „Dieselbe Jugend, die an derselben historisch-aktuellen Problematik orientiert ist, lebt in einem „Generationszusammenhang“, diejenigen Gruppen, die innerhalb desselben
Generationszusammenhanges in jeweils verschiedener Weise diese Erlebnisse verarbeiten, bilden jeweils verschiedene „Generationseinheiten“ im Rahmen desselben
Generationszusammenhanges.“ 25 Somit können auch zwei Gegenpole in einem Generationenzusammenhang leben und darin dann wieder durch verschiedene Generationeneinheiten verbunden sein, dadurch, dass sie Informationen und Ereignisse auf unterschiedliche Art und Weise aufnehmen, ihre Einstellungen danach formen und sich dementsprechend verhalten.
Um dieses bislang noch recht statische System nun aber zum Leben zu erwecken, bedarf es der genauen Klärung der Frage, was denn Generationen stiftend wirkt. Das war nach Mannheim z.B. die „weitgehende Verwandtschaft der Gehalte, die das Bewusstsein der einzelnen erfüllen“ 26 , wobei allein die Inhalte nicht ausreichten zum tatsächlichen Vergemeinschaftungsprozess. „Noch mehr verbinden jene formenden Kräfte, durch die
22 Giesen, Bernhard: Generation und Trauma. In: Reulecke, Jürgen (Hg.): Generationalität und Lebensgeschichte
im 20. Jahrhundert. München 2003, 59-69, hier S. 60.
23 Mannheim, S. 547.
24 Jureit, S. 22.
25 Mannheim, S. 544.
26 Mannheim, S. 544.
8
gestaltet, diese Inhalte erst wirklich ein Gepräge und eine Richtungsbestimmtheit erhalten.“ 27 Was also für Mannheim als tatsächliche Basis einer Generation galt, waren Grundintentionen und Gestaltungsprinzipien, die von den Individuen einer Generationeneinheit geteilt wurden. Verfolgen wir diesen roten Faden einmal weiter, stellen wir fest, dass Grundintentionen eher in konkreten Gruppen entstehen, in denen eine ähnliche Wahrnehmung und von daher auch eine mehr oder weniger identische Deutung vorherrscht. „Solche Grundintentionen, Formierungstendenzen, in konkreter Verbindung einzelner Menschen einmal entstanden, sind später von dieser konkreten Gruppe auch abhebbar, haben eine in der Ferne wirkende, werbende und verbindende Kraft.“ 28 Das liegt daran, dass diese Impulse ein Ausdruck der betreffenden Generationenlagerung sind und sich deshalb auch Individuen außerhalb der konkreten Gruppe in verwandter Lagerung damit identifizieren können. Die zentralen Inhalte müssen also anschlussfähig übermittelt werden. Denn „so sind auch die eine Generationseinheit konstituierenden Grundintentionen und Formungstendenzen (die von einer solchen geschlossenen Gruppe in die Welt gesetzt werden) nur dann wirklich wirksam und expansionsfähig, wenn sie die typischen Erlebnisse der in derselben Generationslagerung befindenden Individuen zu gestalten imstande sind.“ 29 Zum Teil sind die Impulse sogar so einflussreich, dass sie Auswirkungen auf Teile vorangehender oder folgender Jahrgänge haben. Wesentliche Träger bleiben aber Individuen einer verwandten Generationenlagerung.
2.2.2 Gesellschaftliche Dynamik im Zusammenspiel mit Generationen
Zu berücksichtigen bleibt auf jeden Fall, dass nicht jede Generationslagerung aus sich heraus neue Generationenimpulse schafft. Dazu bedarf es nach Mannheim einer gewissen „Potentialität“. „Eins scheint wahrscheinlich zu sein, dass die Häufigkeit des Aktivwerdens dieser Potentialität mit der Geschwindigkeit der gesellschaftlichen Dynamik zusammenhängt.“ 30
Wie bereits beschrieben, sah Mannheim in der Generationenlagerung ja nur eine gewisse Leistungsfähigkeit, die nicht automatisch zur Bildung eines Generationszusammenhanges führen musste. Erst wenn „sich historische Umbrüche derart beschleunigen, dass herkömmliche Denk- und Gestaltungsformen nicht mehr adäquat erscheinen oder ihr latenter Wandel den Verarbeitungsdruck nicht mehr bewältigt“ 31 , dann kristallisieren sich Ansatzpunkte für einen neuen Generationenimpuls heraus. Mannheim bezeichnete diesen
27 Ebd., S. 545.
28 Ebd., S. 548.
29 Ebd., S. 548.
30 Ebd., S. 550.
31 Jureit, S. 30.
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Antrieb als „Generationsstil“ oder als „Generationsentelechie“, in welcher die Generationeneinheit sich entweder ihrer Zusammengehörigkeit bewusst ist und danach agiert oder aber „unbewusst aus einem neuen, durch sie geschaffenen Impuls heraus ihre Werke und Taten gestaltet.“ 32
Festzuhalten ist, dass mit Zunahme der gesamtgesellschaftlichen Transformation die Wahrscheinlichkeit, „dass bestimmte Generationslagerungen gerade aus ihrer neuen Generationslage heraus auf die Wandlungen mit einer eigenen „Entelechie“ reagieren“ 33 , wächst. Vorsicht ist allerdings bei zu stark beschleunigtem Tempo geboten, bei dem die gegenteilige Wirkung eintritt und sich die Ansätze der noch nicht ausgeformten Generationenentelechien wieder zurück bilden können. Der Generationenwechsel bietet also lediglich die potenzielle Grundlage für Entelechien.
Unter dem Begriff des Wechsels verstand Mannheim keine langsamen Transformationen, sondern „einen rapiden, tief greifenden und oft auch konflikthaften Umbruch. Tempo, Beschleunigung, Dynamik- diese Schlagworte charakterisieren einen Wandel, der auf kollektive Handlungsbereitschaft und Veränderungswillen abzielt.“ 34 Beim Blick auf den Generationenwechsel darf man die von Mannheim als „Zwischengenerationen“ betitelten Gruppierungen nicht außer Acht lassen. Die Generationen standen ihm zufolge in ständiger Wechselwirkung miteinander. Zwar beeinflussten sich alte und junge Generationen weiterhin gegenseitig, hinzu kamen aber, durch beschleunigte Transformationsprozesse der Gesellschaft veranlasste, seltene Neuformierungsbedingungen. Um eine gewisse Kontinuität im Generationenwechsel beizubehalten, waren es bei Mannheim in erster Linie die Zwischenstufen, die „ausgleichend auf die biologische Generationsdifferenzierung der Gesellschaft“ 35 einwirkten. Er selbst fasste diesen Ablauf so zusammen: „Gäbe es keine neue Generation im Gesellschaftsprozess, wäre die Rückstrahlung des allein aus neuen Lebenskeimen und neuen Ansätzen Erfahrbaren nicht möglich, und gäbe es keine Kontinuierlichkeit in der Generationsfolge, so könnte sich dieser Ausgleich niemals reibungslos vollziehen.“ 36
2.2.3 Jugend als Entwicklungsbegriff im „Geist der Zeit“
Offen bleibt bislang noch die Frage, in welchem Lebensabschnitt dieser gesellschaftliche Wandel einen Einfluss auf die Bildung eines Generationenbewusstseins hat.
32 Mannheim, S. 550.
33 Ebd., S. 551.
34 Jureit, S. 30.
35 Mannheim, S. 540.
36 Mannheim, S. 541.
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Mannheim zufolge war es „ganz entscheidend für ein und dieselbe „Erfahrung“ und deren Relevanz und Formierung, ob sie von einem Individuum erlebt wird, das sie als einen entscheidenden Jugendeindruck, oder von einem anderen, das sie als „Späterlebnis“ verarbeitet.“ 37 Denn nur die Eindrücke der formativen Jugendjahre prägten seiner Ansicht nach das zukünftige Weltbild und galten als Generationen stiftend. „Ihre lebenslange Prädominanz bleibe auch dann lebendig und bestimmend, wenn das gesamte Leben darauf ausgerichtet sei, das in der Jugend erworbene Weltbild abzulegen oder zu negieren.“ 38 Die Jugend nahm hier also überwiegend die Rolle eines kollektiven Handlungsträgers ein. Bei genauerer Prüfung des Mannheimschen Generationenentwurfes zeigt sich, dass die eben angesprochene Jugend aber keineswegs als geschlechtlich gemischte Gruppe angesehen werden sollte. Mannheim berücksichtigte hier allein die „männliche Form altersspezifischer Gemeinschaften“ 39 und grenzte sein Konzept noch weiter ein, indem er sich auf soziale Eliten konzentrierte. „Historischer Wandel wird als im politisch-öffentlichen Raum hergestellter und durchzusetzender Prozess verstanden, an dem vorzugsweise Akteure beteiligt sind, die nach zeitgenössischer Vorstellung ohnehin für die notwendige politische Gestaltungsmacht prädestiniert schienen: junge, bürgerliche Männer mit Bildungshintergrund und Aufstiegsambitionen.“ 40
Es waren in Mannheims Generationenverständnis also nicht irgendwelche Jugendkohorten, die Kulturgüter an Folgegenerationen überlieferten. Es war vielmehr die elitären Bildungsbürger der damaligen Anschauung, die diese Tradierung vollzogen. Dabei überwog das unbewusste Tradieren, bei dem alle Gehalte und Einstellungen, die in der neuen Lebenssituation unproblematisch weiterfunktionieren, einsickern, so dass weder die alte noch die neue Generation etwas davon bemerkt. 41
Mit Mannheims Worten gesprochen, entsprach z.B. der „Zeitgeist“ den tradierten Kulturgütern. Dieser ist aber nicht gleichzeitig der Geist der gesamten Epoche, sondern nur der einer sozialen, dominanten Schicht, „die dann ihre geistige Prägung auch den übrigen Strömungen aufdrückt, ohne diese aber zu vernichten oder zu absorbieren.“ 42 Der Zeitgeist des 19. Jahrhunderts zeichnete sich laut Mannheim so aus, dass gar keine einheitliche Vorstellung existierte, sondern das Spannungsverhältnis der politischen Pole eine Einheit erzeugte. Das hört sich zunächst widersprüchlich an. „Die dynamisch-antinomische Einheit besteht aber darin, dass innerhalb einer Epoche die vorhandenen Polaritäten sich stets
37 Ebd., S. 536.
38 Jureit, S. 27.
39 Ebd., S. 33.
40 Ebd., S. 34f..
41 Vgl. Mannheim, S. 538.
42 Ebd., S. 557.
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aneinander orientieren und die verschiedenen Standorte wirklich erst verstehbar sind, wenn man sie als verschieden geartete Versuche der Bewältigung desselben Schicksals und der dazugehörigen sozialen und geistigen Problematik zu erfassen imstande ist.“ 43 Hier schließt sich der Kreis um das Mannheimsche Generationenverständnis. Denn genau diese gegenläufigen Pole bilden die schon beschriebenen Grundintentionen, die durch den Generationenwechsel weiter getragen werden. Dabei können sie ihren ursprünglichen Inhalt verändern, die Basis bleibt jedoch erhalten. „In diese umfassenderen, dauernden Entelechien der Strömungen bauen dann die zur Wirksamkeit gelangenden, neuen Generationseinheiten ihre Generationsentelechien ein und transformieren eben dadurch jeweils etwa die liberale, konservative und die sozialistische Strömungsentelechie.“ 44
Im Hinblick auf einzelne Individuen bedeutet das, dass sie keinem undifferenzierten Zeitgeist ausgesetzt sind, sondern eher einer „bestimmten Polarität im Gesamtgeiste der Zeit“ 45 , eben der Strömung, die aktuell in der Umwelt vorhanden ist und welche die ursprünglichen Charakterzüge der Individuen beeinflusst.
2.3 Zwischenfazit zum Mannheimschen Generationenverständnis
Entgegen der weit verbreiteten Auffassung, dass nach Karl Mannheims zeitdiagnostischer Begriffserklärung ausschließlich historische Kollektivgeschehnisse wie Revolutionen oder Kriege eine Ursache für die Generationenbildung seien, findet man in seinem Werk bedeutsame Großereignisse sogar vernachlässigt. „Frühkindliche Prägungen sowie einschneidende biographische Erlebnisse späterer Lebensabschnitte bleiben zweitrangig oder verkümmern zu wenig bedeutsamen Wiederholungssequenzen.“ 46 Gilt Mannheims Generationenverständnis damit bereits als überholt? Warum spielt dort gerade die Jugend eine so bedeutsame Rolle?
Der Soziologe Heinz Bude äußert sich dazu folgendermaßen: „Die Kategorie „Jugend“ steht für die Partizipation an gemeinsamen verbindenden Ereignissen und Erlebnissen, für schnell und direkt kommunizierbare Grundintentionen und Gestaltungsprinzipien, für eine einheitliche Stimmung des Aktivwerdens schlummernder Potenzen, aber vor allem für den Impuls zu einem entscheidenden Bruch mit dem Alten und Überlebten und für das Gefühl, dies in einer grandiosen universellen Gleichzeitigkeit zu tun.“ 47
43 Ebd., S. 558.
44 Ebd., S. 558.
45 Ebd., S. 561.
46 Jureit, S. 27.
47 Bude, S. 203.
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Mannheim selbst rechtfertigte den Begriff der Jugendgeneration so: „Mit dem 17. Lebensjahr, oft etwas früher, oft später, eben dort, wo das selbstexperimentierende Leben beginnt, entsteht erst die Möglichkeit des In-Frage-Stellens.“ 48 In dieser wirklich selbst erlebten Zeit vermischen sich neuartige und erlernte Orientierungen zum bereits akkumulierten Kulturgut und formen das Bewusstsein.
Aus der offenen Zusammenhangskonstruktion der Hoffnungsträger definiert sich dann die Generation.
Allerdings gilt heutzutage ein Identitätsentwurf, der den Menschen als fertiges Konstrukt ansieht, als nicht mehr überzeugend. „Menschen haben keine Identität, sondern arbeiten an ihr. Dabei rekurrieren sie zwar auf zurückliegende, biographisch einschneidende Erfahrungen und verfügen auch nur über ein bestimmtes Sample an Mustern der lebensgeschichtlichen Verarbeitung, dieses muss aber nicht zwingend im Jugendalter erworben worden sein.“ 49 Auf die Generation übertragen, bedeutet es, dass Wandlungen möglich sind und dass neue Erfahrungen „Intragenerationendifferenzierungen“ 50 befördern können.
3. Generationenbilder der Moderne
„In der gegenwärtigen Verwendung des Generationenbegriffes dominiert […] eine Bedeutung, die sich einem Wechsel von der genealogischen zur synchronen Perspektive verdankt und die Einheit einer altersspezifischen Gruppe meint, eine
Generationsgemeinschaft oder Kohorte.“ 51 Unter dem Synchronismus kann in diesem Zusammenhang die gleichzeitige Teilhabe an Werthaltungen oder Ressourcenzugängen verstanden werden. Generationenangehöriger ist man also nicht mehr unbedingt durch Geburt.
Dieses Generationenverständnis bietet allerdings keine neuen Aspekte, referiert es doch zumeist auf Wilhelm Diltheys Definition der Generation als „engerem Kreis von Individuen, welche durch Abhängigkeit von denselben großen Tatsachen und Veränderungen, wie sie in dem Zeitalter ihrer Empfänglichkeit auftraten, trotz der Verschiedenheit hinzutretender anderer Faktoren zu einem homogenen Ganzen verbunden sind.“ 52 Ein weiterer Gesichtspunkt wird in diesem speziellen Fall heran gezogen, indem das Generationenkonzept die Erzählstruktur des Einzelnen mit einbezieht. Somit besteht eine
48 Mannheim, S. 539.
49 Jureit, S. 27.
50 Struck, Olaf (2004): Generation als zeitdynamische Strukturierung von Gesellschaften und Organisationen. In:
Szydlik, Marc (Hg.): Generationen und Ungleichheit, Wiesbaden: VS Verlag, 49-76, hier S. 56.
51 Weigel, S. 163.
52 Dilthey, Wilhelm: Über das Studium der Wissenschaft vom Menschen, der Gesellschaft und dem Staat. In:
Gesammelte Schriften. Bd. 5, Stuttgart, Göttingen 1964, S. 37.
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Wechselbeziehung zwischen subjektiver und objektiver Geschichte. „Auf diese Weise wird seine biographische Erzählung zur Mikroerzählung der Geschichte, während umgekehrt der Verlauf seiner individuellen Lebensgeschichte wiederum im Takt von generationstypischen Lebensabschnitten erzählbar ist.“ 53
Bevor ich mich nun aber der fortschreitenden Generationenentwicklung widme und die Generationen der Gegenwart innerhalb des weiten Feldes der Generationentheorie einfüge, möchte ich noch kurz zu einem anderen Generationenverständnis Stellung beziehen.
3.1 Das Kohortenkonzept nach Ryder (1964)
Der Bevölkerungswissenschaftler Norman B. Ryder geht in seinem Generationenansatz vom demografischen Metabolismus aus. Darunter versteht er einen Prozess ständiger personeller Ablösung. Während einerseits Menschen sterben, entsteht an einem anderen Ort parallel schon wieder neues Leben.
Dieser fortwährende Kreislauf der Sterblichkeit und Fruchtbarkeit hat Auswirkungen auf die Gesellschaft, welche von Ryder als Kollektiv mit vom Lebenszyklus seiner Mitglieder unabhängiger Lebensdauer definiert wird. 54 Die besondere Herausforderung besteht hier in der ständigen Veränderung, mit der sich jedes Individuum auseinandersetzen muss. „Every individual arrives on the social scene literally without sociopsychological configuration.” 55 Mit einem Mindestmaß an Stabilität und Vorhersehbarkeit ausgestattet, wird es nun vom sozialen Umfeld gemäß dem gesellschaftlichen „Design“ geformt.
Bei diesem Vorgang kommen die Faktoren der Sterblichkeit und der Fruchtbarkeit wieder ins Spiel. Sie ermöglichen Flexibilität und gefährden gleichzeitig Stabilität. Die Unvermeidbarkeit des Sterbens führt zur Entwicklung der Fortpflanzung und damit zu Veränderung und Evolution.
3.1.1 Geburtskohorten und sozialer Wandel
Den Mittelpunkt der Kohortenanalyse Ryders bieten selbige. „A cohort may be defined as the aggregate of individuals (within some population definition) who experienced the same event within the same time interval.” 56
Ein von allen Individuen geteiltes Ereignis ist die Geburt, welche häufig zur Kohortenbildung verwendet wird. Solch eine Geburtskohorte umfasst alle Menschen einer Altersspanne in
53 Weigel, S. 164.
54 Vgl. Ryder, Norman B. (1997[1964]): The Cohort as a Concept in the Study of Social Change. In: Hardy,
Melissa A. (Hg.): Studying Aging and Social Change. Conceptual and Methodological Issues, Thousand
Oaks/London: SAGE Publications, 66-92, hier S. 67.
55 Ryder, S. 67.
56 Ebd., S. 68.
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einer bestimmten Epoche, was nicht zu verwechseln ist mit einer (familialen) Generation, bei der eine zeitliche Einheit der Verwandtschaftsstruktur vorausgesetzt wird. Konzeptuell sind die einer Kohorte zugehörigen Personen also eher vergleichbar mit einer ethnischen Gruppe. Zwar werden sie jeweils unterschiedlich mit dem sozialen Erbe konfrontiert, abhängig davon, in welcher soziokulturellen und historischen Situation das Individuum aufwächst. Trotzdem verfügen sie auch über ähnliche Charakteristika aufgrund paralleler Erfahrungen. Geburtskohorten ermöglichen sozialen Wandel dann dadurch, dass hier innovative und konservative Kräfte aufeinander prallen. Die Konfrontation zwischen der Jugend und den Eltern birgt ein gewisses Konfliktpotenzial, welches den Wandel vorantreibt. „If change occurs, those who are brought up in the new world will differ from those who initiated the change.” 57
Zu erwähnen ist noch, dass eine Kohorte nicht zwingend eine Geburtskohorte sein muss. Auch andere bestimmte Zeitpunkte im Lebenslauf, wie z.B. eine Heirat oder der Arbeitseintritt, können zur Kohortenbildung benutzt werden.
3.1.2 Sozialisationsprozesse
„Far from being monopolized by the parents, socialization is a continuous process throughout life, shared in by every group of which a person may become a member.” 58 Dieses zentrale Konzept gesellschaftlicher Entwicklung ist also ein lebenslanger Prozess, der bereits mit dem Eintritt in die so genannten Institutionen, die im Folgenden erläutert werden, in Gang gesetzt wird. Dem liegen bestimmte Annahmen zugrunde: 1. Sozialer Wandel impliziert veränderten Einfluss der Sozialisationsinstanzen. 2. Diese Veränderung liefert einer Kohorte ihre Identität.
Dabei sind Kohorten einerseits Träger des sozialen Wandels, andererseits aber auch Ausdruck desselben.
Zu Beginn des Sozialisationsprozesses steht die Familie als erste zentrale Institution. „It is an omnipresent authoritarian component of the child’s environment, a primary group satisfying virtually the entire range of needs and furnishing the context within which the concept of self relative to others first arises.“ 59
Hier weist Ryder jedoch auf den sinkenden Einfluss dieser Instanz hin, der aufgrund veränderter familialer Strukturen abnimmt. Der Prozentsatz geschiedener Ehen steigt und Eltern sind in der heutigen technologisierten Zeit nur noch selten in der Lage, ihre Kinder auf sämtliche Lebenslagen vorzubereiten.
57 Ebd., S. 76.
58 Ryder, S. 79.
59 Ebd., S. 79.
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„In a society of specialization and change parents are inadequate models for children and the specialized agency of formal education must be created.” 60 Die Schule als zweite Institution fördert unabhängiges Denken. Die familialen Bande, die Stabilität geben, werden gelockert und die Lehrer treten als Substitute an die Stelle der Eltern.
In der „Peer Group“, die sich meistens während der Schulzeit bildet, werden Interessen und Einstellungen gefördert, die eventuell denen der Familie und Gesellschaft entgegenstehen können. Die „Peer Group“ besteht aus einer Gruppe Gleichaltriger, deren Beziehung zueinander sich stark auf die Einstellungen auswirkt. „The solution is the peer group, which has the primary group characteristics of the family and the achievement orientation of the society.” 61 In dieser Instanz ist die Möglichkeit sozialen Wandels am wahrscheinlichsten. Die letzte von Ryder genannte Institution bildet der Arbeitsplatz, der sich vor allem durch Stabilität und eine hierarchische Struktur auszeichnet.
„Around his job, the individual establishes a network of spatial arrangements linking places where he lives, shops, plays and visits.” 62 Dieses Zitat verdeutlicht, dass die Lebensphase, in der das Individuum seinem Beruf nachgeht und somit einer gewissen Routine unterliegt, von einer Vermeidung von Risiko und dem Wunsch nach Kontrolle geprägt ist. Auch die Zugehörigkeit zu bestimmten Vereinigungen wie einer Partei oder der Kirche senkt die Möglichkeit individueller Transformation.
Obwohl die allgegenwärtige Technologisierung und Industrialisierung den sozialen Wandel fördern, wirkt diese Regelmäßigkeit des Alltags der Entwicklung mit einer Bremsfunktion entgegen.
3.2 Ryder vs. Mannheim, ein Vergleich
Nach diesem kurzen Exkurs zu Norman B. Ryders Kohortenanalyse lassen sich einige Unterschiede, aber auch Parallelen zwischen seinem und dem Generationenkonzept von Mannheim erkennen.
Ryder wählt die quantitative Herangehensweise, basierend auf soziokulturellen Daten. Diese Kohortendaten sind meist sequenziell auf Beobachtungen der Zeit, in der das zu beobachtende Verhalten auftritt und das Intervall seit dem Kohorten definierenden Ereignis bis zu diesem Zeitpunkt gestützt. Bei der Wahl einer Geburtskohorte entspricht das Intervall dem Alter. Eine solche Bearbeitung bietet den Vorteil der Methodensicherheit, hat jedoch das Manko, dass das Konzept so nur auf hierarchisch strukturierte Gesellschaften passt, in denen eine feste Rollenvergabe auf der Basis verwandtschaftlicher Strukturen stattfindet.
60 Ebd., S. 81.
61 Ebd., S. 82.
62 Ryder, S. 85.
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Mannheim hingegen bevorzugte die qualitative Vorgehensweise. In Ryders modernerem Ansatz durchläuft das Individuum verschiedene Phasen. „The model dominating the literature on human development presents life as a movement from amorphous plasticity through mature competence toward terminal rigidity.” 63 Hierbei betont er, dass jeder Kontakt zu einer neuen Gruppe das Individuum sozialisiert und diese Prägung durchaus auch noch im Alter geschehen kann. „Clearly childhood socialization cannot prepare a person for all the roles of his later years. Indeed, parents effectively inhibit many types of learning by selectively sheltering their children from and exposing them to the world outside the home.” 64 Allerdings lässt sich in Anlehnung an Mannheim sagen, dass auch Ryder die höchste Wahrscheinlichkeit für den sozialen Wandel in der Jugend sieht, da die spätere Entwicklung wieder zu Stabilität tendiert.
Obwohl Ryder sich von seinem Konzept immer währende Gültigkeit verspricht, geht er bloß ansatzweise auf die immense Wirkungskraft von Konflikten ein. Zwar erkennt er die Tatsache an, dass solche zwischen Eltern und Kindern existieren, sieht darin aber lediglich geringe Auswirkungen für die Gesellschaft. Der bedeutendere Motor sozialen Wandels in moderneren Gesellschaften sind bei ihm technologische Innovationen, die er in Zusammenhang mit der Kohortenzugehörigkeit bringt.
Im Gegensatz zu Mannheims Generationen sind die Kohorten also eher passiv in Bezug auf den sozialen Wandel und zeichnen sich durch eine Fremdbestimmung aus. Jedoch gibt es auch Gemeinsamkeiten zwischen beiden Modellen. Diese bestehen z.B. in dem einheitlichen Ziel, den sozialen Wandel und dessen Auswirkungen zu erklären. Im direkten Vergleich sieht man, dass das Kohortenkonzept Ryders bereits im Begriff der Generationenlagerung bei Mannheim angelegt ist. Die von der Elternsituation und der Zeit abhängige Konfrontation mit dem unterschiedlichen sozialen Erbe beeinflusst das spätere Leben und macht die Lagerung des Individuums in der Gesellschaft aus. Die „Peer Group“ entspricht der Generationeneinheit. Ryder beschreibt sie als „Teilmenge“ der eigenen Kohorte. „Perhaps when a collectivity rather then an individual is being socialized, it develops a sense of cohort solidarity and alters the outcome of socialization.” 65
63 Ebd., S. 77.
64 Ebd., S. 88.
65 Ryder, S. 82.
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4. Das Generationenkonzept an einem aktuellen Beispiel - das postheroische Generationenverständnis der „Generation Golf”
„Gemessen am Idealtyp der selbstbewusst eingreifenden Generation(seinheit), tritt gegenwärtig eine Wandlungstendenz deutlich hervor: Die Angebote eines boomenden Generationsmarktes werden seit etwa einem Vierteljahrhundert zunehmend genutzt - jedoch nicht identifikatorisch; heute dominiert eine selbstbezogen-ästhetischer Gebrauch.“ 66 Vor diesem Hintergrund wird auf den folgenden Seiten erörtert, ob der heute verwendete Generationenbegriff in der Lage ist, die dynamische Vielschichtigkeit sozialer Wandlungsprozesse überhaupt zu erfassen.
„Wichtig für generationsbildende Anlässe ist zunächst, dass sie Zugangs- und Bestandskohorten oder Alterskohorten in unterschiedlicher Weise betreffen, d.h. geeignet sind, Generationslagen auszubilden. Doch erst dann, wenn diese gleichzeitig ungleich betroffenen Kohorten in direkte Austauschbeziehungen oder in direkte oder indirekte, d.h. generationspolitisch vermittelte Aushandlungen zueinander treten und generationale Selbst-oder Fremdzuschreibungen vorgenommen werden, öffnet sich das Feld für Generationsanalysen.“ 67
Zur Veranschaulichung betrachten wir anhand der Generation Golf, inwieweit verschiedene Kohortenstrukturen Anlass für unterschiedliche Generationenprozesse bieten.
4.1 Der Ursprung der Generation Golf. Eine Generation ohne Generationenkonflikt?
„Die achtziger Jahre waren wie eine gigantische Endlosschleife. […] Noch ahnte man nicht, dass man einer Generation angehörte, für die sich leider das ganze Leben, selbst an einem Montag, anfühlte wie die träge Bewegungslosigkeit eines gut gepolsterten Sonntagnachmittags. Ja, noch ahnte man nicht einmal, dass man überhaupt einer Generation angehörte.“ 68
„Schöpfer“ dieser Generation ist Florian Illies, deutscher Journalist und Buchautor, der am 4. Mai 1971 geboren wurde. In seinem Werk „Generation Golf - Eine Inspektion“ (2001) entwirft er ein kritisches Bild seiner eigenen Generation, wobei er den Fokus auf die Geburtskohorten der 1965 bis 1975 in Westdeutschland Geborenen legt und sich besonders mit der Jugendzeit in den achtziger Jahren auseinander setzt. Namensgeber für diese Generation ist der VW Golf.
66 Maase, Kaspar: Farbige Bescheidenheit. Anmerkungen zum postheroischen Generationsverständnis. In: Jureit,
Ulrike/ Wildt, Michael (Hg.): Generationen. Zur Relevanz eines wissenschaftlichen Grundbegriffs. Hamburg
2005, 220-242, hier S. 221.
67 Struck, S. 60.
68 Illies, Florian (2001): Generation Golf. Eine Inspektion. Frankfurt/M.: Fischer, S. 16.
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Die Abteilung „Marktkommunikation Deutschland“ der Volkswagen AG lieferte im August 1997 folgende Definition dazu: „Die „Generation Golf“ ist eine Bewegung von völlig unterschiedlichen Menschen, die durch den Golf eine Gemeinsamkeit erhalten: sie fahren oder schätzen den Golf, unabhängig von Geschlecht, Alter, Einkommen oder Familienstand. Denn er passt zu einer individuellen Lebenseinstellung, die sich nichts vorschreiben lässt: der Lebenseinstellung der „Generation Golf“.“ 69
In dieser Kampagne ist keine Spur von Abgrenzung erkennbar, obwohl es sich um den uns schon bekannten Generationenbegriff handelt, der in der bisherigen Verwendung mit Differenz und Konflikt einhergeht.
Untersucht wird nun, ob Deutschland wirklich eine „harmonische, durch die Qualitäten des VW Golf verbundene Vier-Generationen-Familie“ 70 ist oder ob es andere Bedingungen außerhalb dieser Werbekampagne sind, die genau am Beispiel der Generation Golf dann zu Generationenbildung führen. Sind es „alltägliche sozialisations- oder allokationsbezogene Verlaufsanlässe“ oder doch eher „zeitspezifische Ereignisse“? 71
4.1.1 Erwachsenwerden in der Generation Golf
Zur Beantwortung der Frage wird der Blick auf die Phase der Kindheit und Pubertät gerichtet, um verdeutlichen zu können, mit welchem sozialen Erbe die Generation Golf ausgestattet ist. Kennzeichnend ist hier in erster Linie die finanzielle Sorglosigkeit der Wohlstandszeiten der 1980er und 1990er. „Mit anderen Worten: Ich fühle mich, als hätte der Postbote gerade das Rundum-sorglos-Paket abgegeben, oder wie die Katze, der Frauchen neben das Sheba gerade noch einen Halm Petersilie gelegt hat.“ 72
Aufgrund der guten wirtschaftlichen Situation sind es für die Mittelschichtkinder der Generation Golf „lebensweltliche Bezugsgrößen wie ökonomische und soziale Bedingungen, die für die generationelle Verortung als ausschlaggebend empfunden werden.“ 73 So nehmen sie Konsumgewohnheiten und besondere Medienereignisse als Differenzerfahrungen wahr. Aus dieser unbeschwerten Perspektive entwickelt sich eine gewisse Orientierungslosigkeit, schließlich macht sich ein Mitglied der Generation Golf in seiner „frühen Liebe zum Oberflächlichen, dem Markenfetischismus und der völligen Distanzlosigkeit zur Scheinwelt der Werbung“ 74 eher Gedanken über seine Kleidungswahl als über den Welthunger oder ähnliche politische Angelegenheiten.
69 Maase, Farbige Bescheidenheit, S. 224.
70 Maase, Farbige Bescheidenheit, S. 224.
71 Vlg. Struck, S. 60.
72 Illies, S. 9.
73 Jureit, S. 97.
74 Vgl. Illies, S. 27f..
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Mit dem Motto „Wenn jeder an sich denkt, ist ja an alle gedacht“ 75 wird der Alltag gemeistert. Es entsteht eine „Generation der Lebensästheten“, in der jeder um sich selbst kreist. Realsymbol für diese Lebenseinstellung ist der VW Golf, genauer gesagt das Golf-Cabriolet, das der Generation Golf den Weg aus der Tristesse der Achtziger weist. 76 Die Identifikation mit diesem Fahrzeug gilt als perfekter Ausdruck des vorherrschenden Lebensgefühls. Ein Volltreffer für die Werbekampagne von VW!
4.1.2 Der Golf als Generationenobjekt
„Oberschüler und Studenten fahren nun lieber Golf statt R4, sind eher auf Konsum statt auf Ideologie fixiert und müssen sich auch nicht permanent von ihren Eltern distanzieren.“ 77 Der Oberbegriff des VW Golf bietet ein ausreichendes Identifikationsspektrum. Er ist durch eine erfolgreiche Medienorganisation mit Emotionen geladen. Dadurch herrscht eine enge Korrespondenz zwischen dem erschaffenen Bild und der Generationenbildung, welche ein z.T. mobilisierendes Gemeinschaftsgefühl entstehen lässt.
Darüber hinaus fungieren solche emotionale Bilder als Gefühlscontainer. Einmal in diesem gespeichert, sind die Bilder dann bei Bedarf wieder abrufbar und trotz vorangegangener Tradierung sogar fortsetzbar, was beachtlich zur Vergesellschaftung beiträgt. Die Mediengesellschaft ist besonders dadurch gekennzeichnet, dass sich Bewegungen und Akteure als Teil einer medialisierten Vergesellschaftung verorten, in der Bindungsangebote und Identifikationsmöglichkeiten in der Anonymität des öffentlichen Medienraums durch Bilder entworfen und verworfen werden. 78
Unter den Bedingungen der massenmedialen Gemeinschaft bewirkt die generationelle Selbstthematisierung des Kollektivangebotes Golf nach Heinz Bude derzeit leider eher starke Gefühle und schwache Handlungsverpflichtungen, so dass der direkte Konflikt mit den Eltern in den Hintergrund tritt.
Woran liegt es aber genau, dass sich dieses Phänomen der immer stärker auftretenden Gleichgültigkeit gerade bei der Generation Golf so ausgeprägt zeigt? Inwieweit tragen in diesem Fall insbesondere massenmediale Bilder zu Generationenprozessen bei? Fest steht, dass in der heutigen Zeit dem Einfluss der Medien nur schwer entgangen werden kann. „Insbesondere die Vielzahl und zunehmende Omnipräsenz fotografischer Visualia lässt
75 Jureit, S. 98.
76 Vgl. Illies, S. 40.
77 Jureit, S. 100f..
78 Vgl. Knoch, Habbo: Gefühlte Gemeinschaften. Zur Relevanz eines wissenschaftlichen Grundbegriffs.
Hamburg 2005, 295-319, hier S. 296.
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argumentieren, dass jede Form generationeller Selbst- oder Fremdverortung in medialen Korrespondenzräumen stattfindet und durch Bildmuster mitgeprägt wird.“ 79 Medien können also mit ihrer Steuerungsfunktion Generationenbildung bewirken, indem sie Gefühle transportieren.
Am Beispiel der Generation Golf bewirkt diese emotionale Mobilisierung allerdings kaum etwas. Anstelle von extremem Aufbegehren gegenüber den traditionellen Werten der Elterngeneration, deren eigene Jugend noch durch Rebellion gekennzeichnet war, herrscht hier politisches Desinteresse. Der Generationenkonflikt wird nicht unmittelbar zwischen Eltern und Kindern, sondern eher in abgeschwächter Form durch eine Abgrenzung von Werten und Lebenseinstellungen der 68er ausgetragen.
„Die Vorgängergeneration hat, wenn ich mich recht erinnere, den lieben langen Tag lang demonstriert.“ 80 Haben die 68er damit den Kampf für ihre Nachfahren schon ausgefochten, so dass bei jenen keinerlei Ambitionen mehr bestehen, sich an politischen Auseinandersetzungen zu beteiligen und Illies die Love Parade als einzige Demonstration nennt, zu der sich die Generation Golf in der Lage sieht?
Auffällig ist die Emotionslosigkeit oder Unlust der Generation Golf in Bezug auf politische Ziele. „Ich war zwar auch gegen den Krieg, aber deshalb nicht gegen die Amerikaner, und deshalb war mir die Sache nicht ganz so wichtig.“ 81 Alles, was auch nur den Anschein erweckt, kompliziert zu werden und nicht direkt mit der eigenen Person in Verbindung gebracht werden muss, wird bequem ausgeblendet.
Offen bleibt, ob diese unkritische Passivität nun dadurch bedingt ist, dass die Elterngeneration der Achtundsechziger nicht ernst genommen wird oder die Mitglieder der Generation Golf tatsächlich dem Vorurteil entsprechen, „materialistisch, selbstbezogen und zu keinem wirklich intellektuellen Gedanken fähig“ 82 zu sein?
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Generation Golf eine Generation „ohne heroischen Anspruch, ganz ohne Bindung an Handlungsgruppen und leitende Akteure, dennoch aber als Gemeinschaft durch zeitgleiche Erfahrungsweisen kodierter Gefühle geprägt“ 83 ist.
Der Golf ist dabei besonders gut als Generationenobjekt geeignet, da Bilder im Allgemeinen keine eindeutigen Botschaften transportieren. Sie bieten stattdessen eine Vielzahl von Identifikationsmöglichkeiten, die eine Anschlusschance für unterschiedliche Interessengruppen bedeutet.
79 Ebd., S. 298.
80 Illies, S. 163.
81 Ebd., S. 164.
82 Jureit, S. 100.
83 Knoch, S. 303.
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Schon Mannheim pflichtete dem bei: „Deshalb ist auch Eindeutigkeit, zu scharfe Bestimmtheit kein unbedingter sozialer Wert; produktives Missverständnis ist oft Form des Weiterlebens.“ 84
4.2 „Die Generation Golf im Licht der Wissenschaft“ oder eine empirische Untersuchung
Interessant ist, dass die Generation Golf durch ihre Antriebslosigkeit zwar häufig Anlass zur Kritik bietet, sie selber trotzdem durchaus zufrieden mit ihrer indifferenten Lebensmaxime ist. „Aber eigentlich haben wir mit 23 Jahren das Leben, das unsere Eltern mit 45 führen. Das merkwürdige ist wahrscheinlich, dass wir darüber nicht unglücklich sind. Und dass wir dennoch ewig infantil bleiben.“ 85
Das Zitat beinhaltet Illies kühne Behauptung, dass sich die Generation Golf von den Werten ihrer Vorgängergeneration abwendet, die stark postmaterialistisch geprägt sind. Damit steht er „in unmittelbarem Widerspruch zu den Implikationen der bis heute einflussreichsten sozialwissenschaftlichen Wertewandelstheorie.“ 86
Der empirische Sozialforscher Markus Klein nimmt die von Illies indirekt gestellte Herausforderung an und befasst sich in seinem Essay mit der Existenz der Generation Golf. Dabei übersetzt er dessen Beschreibung in die Sprache der Wertewandelstheorie. Kleins neu formulierte These lautet: „Die von 1965 bis 1975 Geborenen bilden eine Generation, gekennzeichnet durch ihre Wendung gegen die postmaterialistische Orientierung der Vorgängergeneration, der 68er.“ 87
Anhand empirischer Beweisführung überprüft er, ob die Generation Golf sich tatsächlich den materialistischen Dispositionen der Nachkriegsgeneration annähert, bei denen Wohlstand und Sicherheit als oberste Priorität galten.
Das Resultat birgt einige Überraschungen. Entgegen aller Erwartungen widerlegt es die eindimensionale Entwicklung der Inglehartschen Theorie der „Silent Revolution“, die „gemeinhin im Sinne einer stetigen Ausbreitung postmaterialistischer Werte im Zuge der Generationensukzession interpretiert wird.“ 88
Mit einer Einschränkung, nämlich der, dass die Analyse auf die Population der Hochgebildeten begrenzt wird, entsprechen Illies Behauptungen der Realität.
84 Mannheim, S. 545.
85 Illies, S. 168f..
86 Klein, Markus (2003): Gibt es die Generation Golf? Eine empirische Inspektion. In: Kölner Zeitschrift für
Soziologie und Sozialpsychologie 55/1, 99-115, hier S. 100.
87 Maase, Selbstbeschreibung statt Aufbruch, S. 71.
88 Klein, S 100.
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Es zeigt sich, dass die Generation Golf im Sinne einer klar abgegrenzten Geburtskohorte mit einem spezifischen Werteprofil existiert und somit dem von Mannheim formulierten Generationenbegriff entspricht. „Das zentrale Charakteristikum der Generation Golf scheint dabei darin zu bestehen, dass sie - obgleich zunächst in hohem Maße für die Übernahme postmaterialistischer Wertorientierungen prädisponiert - sich von diesen Werten im Lebensverlauf immer stärker abwendet.“ 89
Als Begründung hierfür nennt Klein die unsicheren sozioökonomischen Rahmenbedingungen wie z.B. die angespannte Situation auf dem Arbeitsmarkt, denen sich die Mitglieder der Generation Golf stellen müssen.
Er wagt sogar noch eine Zukunftsprognose, in der er sich aber etwas vorsichtiger in Bezug auf die Stabilität dieser Entwicklung äußert. „Die Ergebnisse der hier berichteten Analysen deuten zwar in eine eindeutige Richtung, doch wird abzuwarten sein, inwieweit sich diese Entwicklungen im Laufe der nächsten Jahre wirklich als stabil erweisen oder aber sich womöglich nur als kurzfristige Abweichung von einem langfristigen Entwicklungspfad entpuppen, der letztlich doch den Prognosen Ingleharts entspricht.“ 90
4.3 Gibt es die Generation Golf? Eine kritische Stellungnahme zu der Generationenanalyse von Klein
„Viele sind schon gescheitert auf der Suche nach den Werten unserer Generation. Niemand hat so recht bemerkt, wie nahe wir in der Entideologisierung und Entpolitisierung den Werten der skeptischen Generation der Nachkriegszeit sind. Viele glauben stattdessen, wer so viele Inhalte der Vorgänger ablehne, müsse Neues haben, was an dessen Stelle trete. Aber so einfach ist das nicht.“ 91
Auch bei der empirischen Untersuchung der Generation Golf von Markus Klein gibt es kritische Gegenstimmen. So ist z.B. der deutsche Volkskundler Kaspar Maase erstaunt über die Entschiedenheit, die hinter Kleins Aussage steckt.
Er stellt vor allem die Validität dessen Forschungsdaten in Frage. Diese Umfragedaten stammen aus einem Langzeitpanel und beziehen sich noch auf einen vom US-amerikanischen Politologen Inglehart entwickelten Wertewandelsindex. Maase geht sogar so weit, dass er Markus Klein unterstellt, die Daten zu seinen Zwecken verändert zu haben. „Um zu seinem Ergebnis zu kommen, muss Klein nämlich das Paradigma bisheriger Generationenforschung auf den Kopf stellen: Seine Generation Golf - GG - ist nämlich nicht
89 Klein, S. 113.
90 Ebd., S. 114.
91 Illies, S. 185f..
23
bestimmt durch die Persistenz von Differenz, sondern gerade durch das Fehlen von Vorprägungen und durch Wandlungsfähigkeit im Lebenslauf.“ 92
Ob diese Fähigkeit zur Anpassung damit zusammenhängt, dass die Generation niemals einen wirklichen Konflikt austragen musste oder es ihr an einer wahren Identifikationsfigur mangelt, bleibt vorerst dahingestellt.
Fest steht, dass sich die Generation Golf bei der Konfrontation mit den wirtschaftlichen Globalisierungsfolgen und der Krise des Wohlfahrtsstaates auf die elterlichen Werte zurück besinnt.
Die spezifische Formbarkeit dieser Kohorte widerspricht der historischen Generationenformel nach Mannheim, der auf die lebenslange Wirkung früher Prägungen hinwies. „Sie ist uneingeschränkt flexibel, der prognostische Wert der Generationsanalyse liegt bei Null - a generation to end all generations.“ 93
5. Schlussbemerkung zur Ironie der Generation Golf
Sind wir am Ende dieser Erörterung etwa wieder zum Anfang zurückgekehrt? Ist der Generationenbegriff vielleicht gar keine Antwort, sondern vielmehr eine Frage? „Der Generationenbezug ist gegenwärtig deutlich flüchtiger, spielerischer und vor allem humorvoller. Der verkrampften Inszenierung als politisch-moralische Elite folgt eine eher unverbindliche Selbstbetrachtung, die verschiedene Perspektiven auf sich und die Welt auszuprobieren erlaubt.“ 94
Am Beispiel der Generation Golf sehen wir genau, dass Generationen zunehmend nach externen Faktoren oder sogar direkt nach Produkten benannt werden. Hier vollzieht sich ein Paradigmenwechsel der Lebensführung, der die Moral durch Ästhetik ablöst. 95 Geht dadurch der qualitative Generationengedanke nach Mannheim verloren? Repräsentiert die Ironie das Lebensgefühl kurz nach dem Ende der heroischen Generationenkonzepte mit großen Ideologien?
Die zwischenzeitlichen Befunde weisen zwar nicht in eine eindeutige Richtung, aber sie lassen die weitere Beobachtung interessant und aufschlussreich erscheinen. Wer hätte zu Beginn der Generation Golf gedacht, dass sich aus einer einfachen Werbeidee ein solcher Generationendisput entfachen wird. Ob es sich in dem Fall um eine legitime Generationenbezeichnung handelt, ist umstritten.
92 Maase, Selbstbeschreibung statt Aufbruch, S. 72.
93 Maase, Farbige Bescheidenheit , S. 227.
94 Jureit, S. 103.
95 Vgl. Steffens, Gerd: Im Generationen-Container. Die 68er und ihre Nachfolger. In: Blätter für deutsche und
internationale Politik 6 (2001), 737-747, hier S. 743.
24
Während eine Seite dies stark dementiert und auf eine „ultimative Generation Plaste und Elaste“ schimpft, verteidigt die Gegenseite das Konzept der Generation Golf. „Man hat zu Recht darauf hingewiesen, dass mit dem Ende der Selbst- und Fremdbeschreibung der Bundesrepublik als Klassengesellschaft Bedarf nach anderen Modellen zur sozialen Ordnung und Selbstverortung entsteht. Und für diesen Zweck ist offenbar Generation besonders gut zu denken.“ 96
Den Sympathisanten bietet die Generation Golf eine Selbstpositionierung im sozialen Wandel. Durch die Identifikation mit kodierten Objekten entsteht hier eine gewisse Generationenverbundenheit. Das Verlangen nach Emotionen wird in Werbeaussagen gestillt, die es sich zum Ziel machen, durch ihre Werbeträger ein Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen, mit dem sich eine große Bandbreite identifizieren kann.
Zusätzlich können sich die Befürworter mittlerweile noch auf die empirische Bestätigung der Generation von Markus Klein stützen. Auch wenn seine Analyse der Generation Golf durchaus fragwürdig ist, scheint sie einigen eiligen Lesern der Frankfurter Allgemeinen Zeitung eventuell als „hartes soziales Faktum beglaubigt: die entpolitisierte, an traditionellen Werten wie Leistungsorientierung, Selbstbescheidung, Disziplin orientierte Generation Golf.“ 97
Die Frage ist nun, inwieweit diese moderne Generation von Dauer ist. „Ein solches generationelles Verständnis bindet deutlich weniger Adressaten beziehungsweise muss mit anderen, nicht weniger luftigen Entwürfen konkurrieren, zwischen denen auch gern mal hin und her gewechselt wird. Der Generationendiskurs erlebt eine unverkennbare Pluralisierung.“ 98
Diese Fülle an Generationenkonzepten erschwert die Generalisierbarkeit des gesamten Begriffs. Welches von ihnen für das Individuum das Beste ist, ist nicht klar erkennbar. „Es geht […] um Prägung und Gewordensein, nicht um Auftrag und Aufbruch - und prägende Geschichtskonstellationen, so sieht es das Alltagsbewusstsein, sucht man sich nicht aus, man erfährt sie.“ 99
Angesichts der Tatsache, dass auch der heutige Generationenbegriff von Mehrdeutigkeit geprägt ist, ist die andauernde Präsenz der Mannheimschen Generation nicht wirklich verwunderlich.
Zur Fortsetzung der Generation Golf bekennt ihr Chronist: „Veränderungen wird die Zukunft kaum bringen. Und deswegen kann man sich umso intensiver um die eigene, ganz persönliche
96 Maase, Selbstbeschreibung statt Aufbruch, S. 77.
97 Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22. April 2003: Die Generation Golf gibt es wirklich. Ein soziologischer
Nachweis.
98 Jureit, S. 103.
99 Maase, Farbige Bescheidenheit, S. 233.
25
Vergangenheit kümmern. […] Wir haben, obwohl kaum erwachsen, schon jetzt einen merkwürdigen Hang zur Retrospektive“, um dann selbstironisch festzustellen „und manche von uns schreiben mit 28 Jahren ein Buch über die eigene Kindheit, im eitlen Glauben, daran lasse sich die Geschichte einer ganzen Generation erzählen.“ 100
100 Illies, S. 197.
26
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27
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o dtv Lexikon Nr. 14 (2006), München: Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co.
KG. Tageszeitungen:
o Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22. April 2003: Die Generation Golf gibt es wirklich.
Ein soziologischer Nachweis.
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