Klinische Soziologie
Ein Beratungsansatz der soziologischen Praxis?
1. Einleitung. 3
2. Die theoretischen Grundlagen der objektiven Hermeneutik. 4
3. Die objektive Hermeneutik in der Praxis 5
4. Das praxisbezogene Beispiel 8
5. Fazit. 10
6. Literaturverzeichnis 12
2
1. Einleitung
In dieser Arbeit soll anhand eines Einzelfalls exemplarisch aufgezeigt werden, welche Bedeutung die Sequenzanalyse, die im Zentrum der objektiven Hermeneutik steht, für die Sozialwissenschaften hat. Diese Methode der empirischen Sozialforschung ermöglicht die Erschließung der sinnstrukturierten Welt von Personen, basierend auf der Bedeutung verschriftlichter „Ausdrucksgestalten“ (Oevermann 1990: 7). Der Praktiker objektiver Hermeneutik analysiert rein rekonstruktionslogisch.
Die theoretischen Grundlagen dieses Ansatzes sind den Ausführungen von Ulrich Oevermann zur klinischen Soziologie entnommen, welche die konkrete Funktion des Soziologen in der Praxis behandelt (Oevermann 1990: 1). Mit dem medizinischen Begriff ‚klinisch’ kennzeichnet er ein bestimmtes Problem des Klienten, das erst durch die praktische Intervention des soziologischen Beraters explizit thematisiert und gelöst werden kann. Dabei ist unbedeutend, ob einzelne Personen, ganze Gruppen oder Organisationen als Auslöser für das Problem in Frage kommen. Wichtig bleibt die Anwendung einer spezifisch einzelfallbezogenen Methodik, in welcher sowohl die beteiligten Personen und ihre Interaktionen als auch alle Handlungen und Äußerungen für die Analyse berücksichtigt und protokolliert werden. Die Handlungs- und Kommunikationsstrukturen der Personen sind aufgrund ihrer spezifischen Intentionalität sowie der zeitlichen, räumlichen und sozialen Abhängigkeit einzigartig, wodurch nicht nur eine standardisierte Methodik ausgeschlossen wird, sondern vielmehr jedes Verhältnis von Klientensystem 1 und Berater einmalig bleibt. Das heißt in der klinischen Soziologie handelt der Berater problem- aber nicht personenspezifisch (vgl. Dewe/Radtke 1989). Bevor jedoch die Beschreibung eines spezifischen Beispiels für die Praxis folgt, müssen die theoretischen Überlegungen über die Voraussetzungen sowie den
1 Den Ansätzen Oevermanns folgend, wird der Versuch unternommen, begriffliche Ausprägungen der
Systemtheorie nach Luhmann in die klinische Soziologie zu integrieren. Häufig wird in der Soziologie
auf die „besondere Eignung der soziologischen Systemtheorie“ (Thinnes 1997: 221) als wesentliche
Sichtweise soziologischer Beratungsmethodiken verwiesen, die „gute Voraussetzungen für eine
Beratungspraxis“ (von Alemann 1996: 21) bietet. Das Zentrum soziologisch orientierter Beratung
bildet der Blick auf das Ganze, das von Niklas Luhmann als System betrachtet wird. Die Annahme der
operativen Geschlossenheit sozialer Systeme ermöglicht es die zu Beratenden im Beratungsprozess
als Klientensystem zu bezeichnen. (vgl. Wimmer 1992)
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Vollzug einer erfolgreichen Analyse und anschließenden Intervention durch den Berater dargestellt werden.
2. Die theoretischen Grundlagen der objektiven Hermeneutik
Der zentrale Gegenstand der klinischen Soziologie ist die Rekonstruktion objektiver beziehungsweise die Entschlüsselung latenter Sinnstrukturen von Ausdrücken der Lebens- und Erfahrungswelt, die je nach Einzelfall unterschiedlich sind (Oevermann 1990: 11). Das Protokollieren von Kommunikations- und Handlungsverläufen wird als Ausdruck einer spezifischen sozialen Situation betrachtet, die aufgrund erzeugter, prinzipiell rekonstruierbarer Regeln für andere verständlich und nachvollziehbar ist. Die objektive Hermeneutik ist ein Verfahren zur Analyse angefertigter Protokolle. Sie zielt auf das Erkennen innerpsychischer Wirklichkeit, welche anhand der Beschaffenheit der Ausdrucksgestalten vorliegt 2 . Somit liegt diesem Ansatz die Annahme zugrunde, dass die objektive Bedeutung verbal erzeugter Ausdrucksweisen je nach Intention unterschiedlich sinngerichtet ist. Welche Zielsetzungen liegen einzelnen Handlungen oder Informationen in regelmäßiger sowie in kontextspezifischer Bedeutung zugrunde? Aufgrund der unterschiedlichen Ausdrucksgestalten und deren Anordnungen unterliegt jeder Fall einer besonderen „Fallstrukturgesetzlichkeit“ (Oevermann 1990: 7), welche durch die hermeneutische Methodik nachvollziehbar ist. Die jeweiligen lebensweltlichen Ausdrucksgestalten werden allerdings nicht anhand standardisierter Merkmale wiedergegeben und mit anderen Fällen nach Ähnlichkeiten verglichen. Vielmehr definiert sich die Struktur jedes Einzelfalls immer wieder aufs Neue, das heißt je vollständiger die Rekonstruktion konkreter Ausdrucksformen und Kommunikationssequenzen ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, eine detaillierte Reproduktion der Fallstrukturgesetzlichkeit aufzuzeichnen. Diese detailgenaue Rekonstruktion zeigt, dass jedem Fall völlig eigene und einzigartige
2 „Die objektive Hermeneutik ist nicht eine Methode des Verstehens im Sinne eines Nachvollzugs
subjektiver Dispositionen oder der Übernahme von subjektiven Perspektiven des
Untersuchungsgegenstandes, erst recht nicht eine Methode des Sich-Einfühlens, sondern eine strikt
analytische, in sich objektive Methode der lückenlosen Erschließung und Rekonstruktion von
objektiven Sinn- und Bedeutungsstrukturen" (Oevermann 2002: 6)
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Arbeit zitieren:
Randy Adam, 2007, Klinische Soziologie - Ein Beratungsansatz der soziologischen Praxis?, München, GRIN Verlag GmbH
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