Und deshalb, Vater des Universums, bitten wir Dich um den Sieg im Kampf,
Den Sieg über die Verkommenheit, die die Kultur tötet und die Liebe erniedrigt.
Und um Gerechtigkeit für so viele Menschen, die in Mitten der Trostlosigkeit überleben.
Und dafür, Herr des Universums, bitten wir Dich um Frieden,
den Frieden, den Du allen Menschen versprochen hast, die eines guten Willens sind.
Wenn alle Menschen der Welt zum Himmel blicken würden, gäbe es kein Unglück, keine
Unterdrückung und keinen Schmerz.
Wenn alle Menschen dieser Erde gemeinsam zu Gott beten würden wäre die Welt ein Ort des
Gliederung:
Die Struktur der Arbeit
Kurze einführende Beschreibung des Projektes
1. Reformpädagogik
1.1. Was ist Reformpädagogik? 1
1.2. Leitideen und Konzepte historischer Reformpädagogen 3
1.2.1. Johann Heinrich Pestalozzi 3
1.2.2. Friedrich Fröbel 3
1.2.3. Don Giovanni Melchiorre Bosco 4
1.2.4. Rudolf Steiner 5
1.2.5. Maria Montessori 7
1.3. historische reformpädagogische Projektgründungen 9
1.3.1. Die Kinderkolohie Meikirch 9
1.3.2. Die George Junior Republik 10
1.3.3. Pater Flanagans Boys Town 11
1.3.4. Gorki-Kolonie und Dsershiski-Kommune 13
1.3.5. Summerhill 14
1.3.6. Bosconia la-Florida 16
1.3.7. Bemposta in Spanien 18
Exkurs : Ein Gründungsmitglied Benpostas
Relevante Auszüge aus der Biographie von José Luis Campo Rodicio 24
2. Benposta in
S üdamerika
2.1. politische und soziale Rahmenbedingungen Benpostas in Kolumbien 30
2.2. Zweigstellen Benpostas in Kolumbien 37
2.2.1. Benposta Centro-Oriente 37
2.2.2. Benposta Ciudad Bolivar 38
2.2.3. Benposta Meta 39
2.2.4. Benposta Cordoba 40
2.3. Zweigstellen Benpostas außerhalb von Kolumbien 42
2.3.1. Benposta in Bolivien 42
2.3.2. Benposta in Venezuela S 42
3. Das pädagogische Konzept
3.1. pädagogisch-philosophische Grundlagen 45
3.2. Die Selbstverwaltung in Benposta Centro-Oriente 49
3.3. Das Gymnasium von Benposta Centro-Oriente 52
3.4. Die Verantwortungsstufen in Benposta Centro-Oriente 55
3.5. Die Bedeutung von Kunst und Kultur in der Be npostapädagogik 58
3.6. Die Gemeinschaft als therapeutisches Medium 59
3.7. Spiritualität in Benposta Centro-Oriente 62
3.8. Schwierigkeiten 64
4. Die Gemeinwesenarbeit
Benpostas
4.1. Kurzer Überblick 66
4.2. Elternarbeit in Benposta Centro-Oriente 67
4.3. Zusammenarbeit mit dem Roten Kreuz 68
4.4. Devinkulationsarbeit 70
Schlussgedanken :
Übertragbarkeit der Ideen auf Einrichtungen und pädagogische Projekte in Deutschland
Anhang
Erkl ärung
Literaturverzeichnis
Die Struktur der Arbeit:
Auf der nächsten Seite folgt eine kurze beschreibende Einführung in das Projekt Benposta, die dem Leser einen grundlegenden Überblick bietet.
Im ersten Kapitel erkläre ich dann den Begriff Reformpädagogik und stelle einige bedeutende pädagogische Reformatoren vor. Darauf verschiedene historische reformpädagogische Einrichtungen, und ihre Parallelen zu Benposta. Dabei lernt der Leser nicht nur die beschriebenen Projekte kennen, sondern erhält nebenbei auch weitere Informationen über Benposta. Ich habe mich bemüht, Bemposta in Spanien und Benposta in Südamerika als zwei verschiedene Projekte darzustellen. Themenschwerpunkt ist Benposta in Kolumbien. Der Exkurs in die Lebensgeschichte José Luis Campos dient der erzählerischen Vervollständigung der Geschichte Benpostas und der lebendigen Veranschaulichung der Thematik.
Im zweiten Kapitel beschreibe ich zuerst die politischen und sozialen Realitäten im kriegsgeschüttelten Kolumbien, um dann vor diesem Hintergrund die dortigen Zweigstellen von Benposta vorzustellen.
Im dritten Kapitel folgt die Darstellung des pädagogischen Konzeptes Benpostas, in dessen Mittelpunkt die Selbstverwaltung und die verantwortungsvolle Teilhabe der Kinder und Jugendlichen steht.
Im vierten Kapitel stelle ich eine Auswahl aus den vielen Projekten Benpostas in der Gemeinwesenarbeit vor, die im ganzen Land schon viel bewirkt haben. Abschließend untersuche ich kurz die Übertragbarkeit des Konzeptes und der Ideen auf Arbeitsfelder der Pädagogik und der Sozialpädagogik in unserer postmodernen Gesellschaft in Deutschland.
Im Anhang befindet sich, zur bildlichen Veranschaulichung, einiges graphisches Material aus der Hauptstelle Benpostas in Bogotá / Kolumbien.
Vor dem ausführlichen Literaturverzeichnis befindet sich die Erklärung, daß ich diese Arbeit selbst erdacht und geschrieben habe.
Einführung:
Die Kinderrepublik Benposta ist eine Alternative des Lebens, für Kinder und Jugendliche aller Altersstufen. Die Bewohner erhalten hier über die Versorgung des grundlegenden Bedarfs an Nahrung, Kleidung, Wohnung und Bildung hinaus die Möglichkeit, sich in der Gruppe zu entfalten, und ihre Persönlichkeit zu entwickeln. Sie sollen sich aktiv in die pädagogische Gemeinschaft einbringen, und lernen auf diese Weise Verantwortung zu übernehmen für sich selbst, und für die Gemeinschaft. Sie lernen, dass sie Rechte haben und auch Pflichten, und sie lernen ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und ihr eigenes Leben aufzubauen, genauso wie ihre Umwelt mitzugestalten.
Es gibt in ganz Südamerika einige Zweigstellen mit regional unterschiedlichen Angeboten und Programmen. In fast allen Niederlassungen gibt es eine Schule, in der Hauptstelle in Kolumbien ein Gymnasium mit Tagesschule und Internat.
Das pädagogische Konzept ist vorbildlich und es hat sich in jahrelanger Praxis immer wieder neu bewähren müssen. Im Mittelpunkt stehen die Kinder und Jugendlichen, die zu großen Teilen selber entscheiden können, wie sie ihren pädagogischen Prozess gestalten wollen. Besonders im Vordergrund dabei steht die partizipierende Selbstverwaltung der Kinder und Jugendlichen. Benposta gibt dafür einen Rahmen vor und die Erzieher und Betreuer stehen beratend und begleitend bei Seite.
Benposta setzt sich ein für die natürlichen Menschenrechte von Kindern und Jugendlichen in Ländern mit sozialpolitisch sehr schwierigen Situationen und will besonders benachteiligten und marginalisierten Kindern und Jugendlichen, die in unmenschlichen Bedingungen aufwachsen, zu angemessenen Lebensbedingungen verhelfen. Benposta ist kein Heim für Arme oder Erziehungsanstalt für Problemkinder. Solche geistigen Schubladen werden vermieden, da diese wieder neu zu Klischees, Stigmata und Verurteilungen führen. Benposta will die Kinder und Jugendlichen zu selbstbewussten, engagierten und moralischen Führungspersönlichkeiten ausbilden, die fähig sind an den dringend benötigten Sozialreformen in ihrem Land teilzunehmen. Bei der Aufnahme achtet Benposta nicht primär darauf wer am besten für die Einrichtung geeignet ist, oder wer das meiste zahlen kann, wie viele andere Schulen in Südamerika, sondern darauf, wer es am dringendsten braucht. Die meisten Kinder haben tiefsitzend traumatische Erfahrungen zu verarbeiten bezüglich physischer und psychischer Gewalt, Vertreibung, unzumutbarer Familie nverhältnisse oder unzumutbarer Wohnbedingungen in den Kriegsgebieten oder in den Armenvierteln der Städte. Aus diesen degradierenden Lebensbedingungen will sie Benposta herausholen und ihnen beibringen wie sie an dieser Situation etwas ändern können.
1. Kapitel
Reformpädagogik
Begriffsklärung
und
Darstellung verschiedener Personen und Projekte
1
1.1. Was ist Reformpädagogik?
Um Benposta als reformpädagogische Einrichtung besser verstehen zu können, gehe ich zunächst auf den Begriff Reformpädagogik näher ein. Die Akademie für Reformpädagogik definiert diesen Begriff wie folgt: „Um 1900 entstand [...] eine breite reformpädagogische Bewegung. Sie strebte die Einführung der Kunsterziehung an, betonte den Stellenwert gemeinsamer Arbeit, plädierte für nicht-konfessionsgebundene Einheitsschulen und für die Erziehung in Landheimen. Die Reformpädagogik enthielt neoromantische, progressive, künstlerische und politische Elemente[...].“ 1 Die neuen Erziehungsideale sollten sich an den Bedürfnissen und Fähigkeiten des Kindes orientieren. Insgesamt sind viele der reformpädagogischen Konzepte von den Ideen Jean-Jacques Rousseaus (1712 - 1778) über Erziehung beeinflusst. Die Reformpädagogik trug dazu bei, die Erziehungswissenschaften an den Universitäten zu etablieren.
Ein Grundgedanke Rousseaus ist: „Alles ist gut, wie es aus den Händen des Schöpfers der Dinge hervorgeht; alles entartet unter den Händen des Menschen.“ 2 Bezüglich Erziehung will Rousseau damit sagen, daß eine zu autoritäre Erziehung mehr zerstört als anregt und nützt. Über die ‚negative Erziehung’ schreibt er daß in der Erziehung eigentlich das Kind herrscht, weil es das benutzt, was der Erzieher verlangt um zu erhalten, was ihm gefällt. Deshalb solle man den umgekehrten Weg einschlagen mit dem Zögling und „Er möge stets glauben, er sei der Herr, aber ihr müsst es trotzdem sein.“ 3 Weiterhin schreibt e r in Emile: „Setzt ihr in seinem Studium jemals die Autorität an Stelle der Vernunft, so wird er sie nie mehr gebrauchen, sondern der Spielball der Meinungen Anderer werden.“ 4 In diesen Aussagen spiegeln sich die Grundgedanken Rousseaus.
Kamp schreibt über Reformpädagogik sie sei „ein Gemisch aus Einzelbewegungen, die einander vielfältig überschneiden“ 5 .
Immer wieder auftauchende Ideen sind: Die Individualität des Menschen bei der Erziehung zu berücksichtigen anstatt alle auf eine Norm, oder das Leitbild des Erziehers hin zu formen. Des weiteren die Förderung der Persönlichkeitsbildung statt Repression und Kontrolle; das praktische Handeln einzubeziehen in die Erziehung
1 http://members.aol.com/pottakade/Akademie-Grundsätze.htm vom 12.11.2002
2 Scheuerl, Hans (Hrsg.) : Lust an der Erkenntnis. München 1992; S. 48
3 ebd. S. 54
4 ebd. S.56
5 Kamp, Johannes-Martin: Kinderrepubliken. Opladen:1995; S.43
2
als selbsttätiges Erfahrungslernen; kreatives und soziales Lernen, eigenverantwortliches Handeln und selbständig erbrachte Leistungen; psychologisch fundiertes Verständnis statt Druck; das Vermitteln von Möglichkeiten für soziale, praktische und intellektuelle Erfahrungen; das Beachten der individuellen Leistung; Ressourcenorientierung statt Defizitorientierung, was bedeutet Stärken zu stärken, anstatt zu versuchen mit Gewalt Schwächen auszumerzen. Durch ersteres, nicht durch Druck verringern sich die Schwächen automatisch. Des Weiteren das Anbieten von Wahlmöglichkeiten und ganzheitliche Förderung der Schüler, also sowohl im rationalen Bereich der linken Gehirnhälfte, wie im kreativen Bereich der Rechten; und auch der Einbezug des gefühlsmäßigen, soziale Bereichs in Erziehung; und nicht zuletzt die Idee einer kameradschaftlichen, vertraulichen und persönlichen Beziehung zwischen Erzieher und Edukant und der Verzicht auf autoritäres Machtgehabe. 6
Der Begriff der Reformpädagogik ist sehr weit gefasst und beinhaltet eigentlich so gut wie alle neueren Wege und Erkenntnisse über Erziehung und Lernen. Eigentlich beschreibt er die Entwicklung der Pädagogik und die Verbesserung dieser vergleichbar neuen Wissenschaft durch Vordenker und neue Theorien. Vieles was vor ein paar Jahrzehnten revolutionär schien wird heute auch von anerkannten Institutionen vertreten, wie etwa die Landschulheimaufenthalte, Erwachsenenbildung, Erziehung die sich am Wohl des Kindes orientiert oder das Fehlen von Prügelstrafe und Strafarbeiten im engeren Sinne oder auch ein wenig Schülermitbestimmung. Aber dennoch herrscht an vielen der Regelschulen immer noch ein eher repressiver, defizitorientierter Gesamtstil. Rationales, eingleisiges Denken, Leistung und Druck beherrschen trotz vieler Neuerungen immer noch die Atmosphäre in der Regelschule. Leistungssteigernde, konzentrations fördernde und anpassende Drogen wie z.B. Ritalin sind längst keine Ausnahme mehr. Diese Bedingungen zeigen, wie wichtig Reformpädagogik war in dem was sie schon erreicht hat, aber auch wie wichtig sie immer noch ist, in dem Vielen was noch erreicht werden könnte und um einem insgesamt veralteten System immer wieder neue Impulse zu geben. Bleibt noch darauf hinzuweisen, dass Pädagogik als das Erziehen an sich genauso alt ist wie die Menschheit. Neu daran ist nur, daß es seit Rousseau als Wissenschaft anerkannt ist.
6 http://members.aol.com/pottakade/Akademie-Grundsätze.htm vom 12.11. 2002 und www.dhm.de/lemo/html/kaiserreich/alltagsleben/pädagogik vom 12.11.2002
3
1.2. Leitideen und Konzepte historischer Reformpädagogen
1.2.1. Johann Heinrich Pestalozzi (1746 - 1827)
Der schweizer Philologe, Philosoph und Landwirt Pestalozzi wurde stark beeinflußt von Rousseau. Er gilt als Begründer der modernen Volksschule und Mitbegründer der Pädagogik als Wissenschaft. „Sein Name steht für eine Grundlegung der Sozialpädagogik“ 7 Ein grundlegendes seiner Ziele war es, daß „...auch das schwächste Kind sich mit Würde behaupten kann“ 8 . Er wollte, daß durch sogenannte ‚moralische Elementarbildung’, die Soetard 9 aktuell und zeitgemäßer ‚Pädagogik des Herzens’ nennt, sich das Kind zu einem moralisch integeren, gläubigen und schaffenskräftigen Bürger entwickelt. So wollte er beitragen zum idealen Aufbau einer neuen Welt, in deren Zentrum Gott steht und nicht die Selbstsucht des Menschen, was er die Reform des Menschenstaates zum Gottesstaat nannte 10 . Er gründete eine Armenschule und ein Töchterinstitut. Pestalozzi schrieb einige Romane und er arbeitete für eine regierungsamtliche Zeitung sowie für verschiedene Erziehungsinstitute. Obwohl sein erstes Projekt, der Neuhof - wie auch andere Unternehmungen - aus finanziellen Gründen gescheitert sind haben sich viele seiner Ideen durchgesetzt und es gibt zum Beispiel auch heute noch ein Pestalozzi-Kinderdorf in Trogen, in der Schweiz.
1.2.2. Friedrich Fröbel (1782 - 1852)
„Friedrich Fröbel ist einer der herausragenden Pädagogen des 19. Jahrhunderts. Er gilt als der Vater des Kindergartens und Vordenker der Kindergartenpädagogik“ 11 Besonders stark beeinflusst wurde der Romatiker 12 Fröbel durch die Ideen Rousseaus und Pestalozzis. Fröbel nannte als Hauptquellen für eine gesunde körperliche und seelische Entwicklung die Natur, die Arbeit und die Religion 13 .
7 Theising, Theodor: Leitideen und Konzepte berühmter Pädagogen. Freiburg. 1999 S. 25
8 http://pestalozzi.hbi-stuttgart.de/ vom 17.12.2002
9 ebd.
10 ebd.
11 Theising S.87
12 Romantik als die Epoche in der er lebte
13 Theising S. 88
4
Fröbels Erziehungsphilosophie geht von religiös mystischen Ideen aus und in allem, auch im Menschen, sei die göttliche Ordnung erkennbar. So stünde Mensch Gott und Natur in einer harmonischen Verbindung. Die ‚reine Familie’ war für in zentrales Element der Erziehung. Das Streben des Mensche n gehe in drei Richtungen 14 : Die Erforschung der Natur, das Hinabsteigen zu sich selbst und das Erheben zu Gott. Seine Erziehungslehre kreist um Selbstentfaltung, Entwicklung der eigenen Art und innerste Wesensfreiheit, was für in nicht Zügellosigkeit bedeutet. Er beschrieb die Bedeutung des freitätig gewählten Spiels und entwickelte viele pädagogisch geschickte Kinderspiele.
Fröbel stammte aus einer Pastorenfamilie, absolvierte eine Lehre als Forstgeometer und studierte verschiedene Naturwissenschaften, Mineralogie und alte Sprachen. 1816 gründete er die „Allgemeine Deutsche Erziehungsanstalt“ in Thüringen. Er leitete ein Waisenhaus in der Schweiz. 1839 eröffnete er die „Bildungsanstalt für Kinderführer“ und 1849 die „Anstalt für allseitige Lebenseignung durch entwickelnderziehende Menschenbildung“.
1.2.3. Don Giovanni Melchiorre Bosco (1815 - 1888)
Der Priester Don Bosco war ein Praktiker und es gibt wenig theoretische Abhandlungen von ihm. Er wollte Menschen in Not beistehen und bezeichnete sein Erziehungssystem als „Präventivsystem im Gegensatz zum Repressivsystem“. Als die Grundpfeiler seiner Pädagogik benennt Don Bosco Religion, Vernunft, Freude, Familie und Liebe. Seine pädagogischen Vorstellungen waren geprägt von einem christlichen Menschenbild in dessen Zentrum Moral, Verantwortung und das Anstreben des persönlichen Seelenheiles durch sittliches Handeln standen. Vernunft bedeutet das „als richtig und gut Erkannte zu tun, [...] auch die Sorge um eine eigene Berufsausbildung und ein verantwortliches Leben als Staatsbürger.“ 15 Die Freude gehörte neben Lerneifer und Frömmigkeit unverzichtbar zu Don Boscos Konzept. Familie versteht er nicht als traditionelle Familie von Vater, Mutter und Kindern, sondern als Erleben des aufgehoben seins. Und die Liebe bedeutete für ihn einen
14 Theising S. 90
15 ebd. S.178
5
‚verstehenden liebevollen Umgang’ auszuüben, und „für eine vertrauensvolle pädagogische Atmosphäre zu sorgen“ 16 .
Don Bosco war Leiter eines Kinderheimes für 400 kranke und körperbehinderte Mädchen und zwischen 1846 und 1856 gründete er Sonntags- und Abendschulen und Werkstätten für verarmte und vernachlässigte Jugendliche. Er gründete eine Salisianerordensgemeinschaft und breitete den Salisieanerorden in Europa und Südamerika aus. 1934 wurde er von Papst Pius XI. heilig gesprochen.
1.2.3. Rudolf Steiner (1861 - 1925)
Rudolf Steiner war nicht in erster Linie Erzieher sondern „Philosoph und theologischer Denker der von ihm begründeten Anthroposophie“ 17 , einer Weisheitslehre über den Menschen. Steiner erfuhr nach eigenen Angaben seine Erkenntnisse durch Kontaktierung der sogenannten „Akasha-Chronik“, dem Weltgedächtnis aus geistsstofflicher (oder feinstofflicher) Substanz. Dieses Konzept ist vergleichbar mit C. G. Jungs ‚Kollektivem Unbewussten’. Gott wird hier als ein kosmisches Ich oder kosmisches Sein gesehen, dessen Abbilder wir Menschen sind. Und die Menschen durchlaufen, wie auch der Planet Erde, gewisse Reinigungsphasen. Der Leib sei unterteilt in physischen Leib, Ätherleib und Astralleib. Die Seele teile sich in Empfindungsseele, Verstandesseele und Bewusstseinsseele und der Geist in Geistselbst, Lebensgeist und Geistmensch. „Nach der anthropologischen Lehre wirkten im sogenannten „Luziferereignis“, der biblischen Revolte der geistigen Wesen (Engel) gegen Gott, diese Wesen auf den noch unfertigen menschlichen Astralleib ein. Das noch labile Ich verlor seine Orientierung am Ursprung, geriet immer mehr in den Bannkreis der Materie und erlebte als Folge die Verstrickung in Leidenschaften, Geschlechtertrennung, Krankheit und Tod.“ 18 Dadurch würden bestimmte Reinigungsprozesse in ‚Reinkarnationen’ notwendig, um wieder zum ursprünglich reinen Zustand zurückzukehren.
Die kindliche Entwicklung teile sich auf in 7 -Jahresphasen. Jeweils nach diesen würden weitreichende Wandlungen , Metamorphosen, stattfinden. Die erste Phase
16 Theising S. 178 f.
17 ebd. S.217 f.
18 ebd. S. 218
6
sei die Zeit des Vorbildes und der Nachahmung. Hier solle der Erzieher die Umgebung des Kindes angenehm, anregend, vorbildlich und nachahmenswert gestalten. Dann folge die Phase der Autorität und Nachfolge. In dieser würden Gewohnheiten, Charakter, Temperament und Gewissen gebildet. Wichtig für den Erzieher sei seine Rolle als Vorbild. In der dritten Phase der Geschlechtsreife werde der Erzieher Gesprächspartner und Bezugsperson. Im vierten Jahrsiebt gründe der Mensch eine Familie und gestalte die Welt.
Anthroposophische Erziehung und Walldorfpädagogik wollen dem Schüler als eine ewige Identität über mehrere Inkarnationsstufen und Weltsysteme hinweghelfen. Dabei nimmt der Lehrer auch die Rolle eines Priesters ein und „der Unterricht wird zum Gottesdienst im Sinne eines Dienstes an der Seele des Kindes und der Entfaltung des Göttlichen im Kinde“ 19 .
Leber schreibt über Waldorfpädagogik: „Im freien Geistleben muß zwischen jenen, die Leistungen erbringen, und jenen, die sie empfangen, eine Vertrauensbeziehung bestehen“ 20 . Diese Vertrauensbeziehung sei wichtig im Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler, aber auch zwischen den Eltern und Lehrern.
Das Projekt der Walldorfschule entstand 1919 im Auftrag der Zigarettenfirma Waldorf Astoria in Stuttgart, wo Steiner eine Schule für die Arbeiter dieser Fabrik gründete. Die grundlegenden Neuerungen waren Koedukation der Geschlechter, soziale Koedukation verschiedener Volksschichten, ein Klassenlehrer, der die Schüler von der ersten bis zur achten Klasse führt, Epochenunterricht, also ein Jahresthema anstatt genormtem Stoffplan, keine Zensuren sondern verbale Beurteilungen, kein Sitzenbleiben, künstlerische Arbeit und Handwerk in allen Altersstufen. Die erste Walldorfschule war ein großer Erfolg und heute gibt es in Deutschland etwa 70 mit ca. 30.000 Schülern und weltweit etwa 200 21 Waldorfschulen.
19 Theising S. 220
20 Leber, Stefan: Die Sozialgestalt der Waldorfschule. Stuttgart 1974 S. 212
21 Zahlen aus: Theising. S. 221
7
1.2.4. Maria Montessori (1870 - 1952)
Die Italienerin Maria Montessori studierte Medizin, war Dozentin an einem Institut für Lehrerinnen und Direktorin eines heilpädagogischen Institutes. Später studierte sie Pädagogik, Experimentalpsychologie und Anthropologie 22 . Als Ärztin, beschäftigte sich mit der Erziehung und Förderung behinderter Kinder und mit den Forschungen des Arztes Jean-Marc Gaspard Itard, der heute als Begründer der Heilpädagogik gilt. Montessori betrachtete es als die höhere Aufgabe des Menschen „das Werk der Schöpfung fortzusetzen“ 23 . Ihr Enkel Mario Montessori berichtet von ihrer Fähigkeit „auf eine höhere Ebene des Denkens und zu einer neuen Sicht der Realität zu führen“ 24 .
Ein Grunderlebnis, das später als ‚Montessori-Phänomen’ bekannt wurde, war das, was sie später als „Polarisation der Aufmerksamkeit“ 25 bezeichnete: Sie beobachtete ein etwa drei Jähriges Mädchen, das tief versunken war mit der Beschäftigung mit einem Einsatz-Zylinderblock. Selbst als der Stuhl, auf dem das Mädchen saß, auf einen Tisch gehoben wurde und als alle anderen mit Singen angefangen haben unterbrach sie ihre Aufmerksamkeit nur ganz kurz. Erst später hörte sie, unabhängig von Anreizen aus der Umgebung, mit ihrer Tätigkeit auf, und „schaute zufrieden um sich, als erwache sie aus einem erholsamen Schlaf“ 26 . Dieses Erlebnis zeigte ihr, daß ein Kind fähig ist, sich völlig der Situation und dem Moment hinzugeben, und durch Konzentration „zu enormen Lernergebnissen kommen“ kann. Und „das ohne die Hilfe Erwachsener“. Montessori forderte vom Pädagogen ein grundlegendes Umdenken. Er sollte Assistent, Beobachter und Helfer des Kindes sein, und Raum geben für selbständige Entscheidungen. Die Erzieher sollen, laut Montessori, die materielle Umgebung pflegen, „wie es ein treuer Diener tut, der das Haus in Erwartung seines Herrn bereitet“ 27 . Er müsse Übungen vormachen können und das Kind ‚aktiv’ mit der Umgebung in Verbindung bringen und sich dann ‚passiv’ verhalten, wenn diese Beziehung erfolgt ist. Er müsse beobachten ob das Kind der Hilfe bedarf und kommen, wenn er gerufen wird. Er müsse zuhören und antworten und die Arbeit des Kindes respektieren ohne zu unterbrechen und Fehler
22 ebd. S. 150
23 Oswald, Paul und Schulz-Benesch, Günter : „Kosmische Erziehung“. Freiburg 1988 S.170
24 ebd.
25 Theising S. 152
26 ebd.
27 ebd.
8
respektieren ohne zu korrigieren. Zentrale Ansicht Montessoris ist, dass „die geistigen Kräfte des Kindes durch sinnvoll strukturierte Angebote einer vorbereiteten Umgebung (didaktisches Material) aktiviert werden können.“ 28 Dieses Material nannte sie „Sinnesmaterial“ 29 .
Die Reifung des Menschen vollziehe sich nach bestimmten Reifegesetzen. In bestimmten ‚sensiblen Perioden’ lerne das Kind bestimmte Verhaltensweisen und Fähigkeiten besonders gut.
1911 wurde ihre Methode an italienischen und schweizer Volksschulen eingeführt und es entstanden Modellschulen in Paris, New York und Boston. Sie gründete nationale und internationale Montessorigesellschaften und führte internationale Kongresse durch. 1936 wurden ihre Bücher in Deutschland unter dem faschistischen Regime verbrannt, und in Italien Schulen geschlossen. Sie emigrierte nach Indien und führte dort ihr Unterrichtsprinzip an den Schulen ein. Ihr Sohn führte ihr Werk weiter und gründete die internationale Montessorigesellschaft. Später wurde auch in Deutschland eine Montessorigesellschaft gegründet.
28 Theising S. 153
29 ebd. S. 154
9
1.3. historische reformpädagogische Projektgründungen
In den nachfolgend beschriebenen Einrichtungen und Projekten zeigen sich ähnliche reformpädagogische Ideen wie in Benposta. Es gibt individuelle Unterschiede, aber alle diese Einrichtungen sind in einem Punkt gleich: Die Gründer und die Mitglieder wollen oder wollten etwas ändern und ‚die Welt verbessern’, bezüglich der Durchsetzung von Menschenrechten und Kinderrechten auch für Randgruppen, der Reformierung der Pädagogik und der Einführung von moralischen und christlichen Werten ohne Entmündigung und Erniedrigung der Zöglinge. Und viele haben das durch ihre im alltäglichen Leben umgesetzten Ideale auch geschafft.
1.3.1. Die Kinderkolonie Meikirch
Eine der frühesten vergleichbaren Einrichtungen ist die Anfang des 19. Jahrhunderts von Emanuel Fellenberg gegründete Kinderkolonie Meikirch. Fellenberg war begeistert von den Ideen Pestalozzis (siehe oben) und wollte zum ‚Wohle der Armen’ eine autonome 30 Kinderkolonie gründen, auch um zu beweisen, daß Pestalozzi doch Recht hat. Der Geist der Einrichtung läßt sich in folgendem Zitat gut erfassen: „Sie wußten und waren stolz darauf, nicht bloß für sich selbst zu arbeiten, sondern Pioniere einer neuen Zeit zu sein; denn wenn ihr Werk gelang, dann würde es zum Segen für all die anderen Waisen, die als Verdingkinder 31 ein unglückliches Dasein fristen.“ 32 Hier zeigen sich Parallelen zu Benposta, wo man sich im Rahmen der Menschenrechtsarbeit in Kolumbien besonders für die Rechte aller Kinder und Jugendlichen einsetzt.
Ein Besucher namens Woodbridge der emotional sehr von Meikirch ergriffen ist, hat beim Gedanken an die Einrichtung ein ‚Bild des Friedens in seinem Herzen’ 33 und träumt von einer besseren Zukunft. Es gehe hier um das „Unterordnen unter einen Willen zur Erreichung eines gemeinschaftlichen Zwecks“ 34 und er schreibt: „ In
30 in der ursprünglichen Bedeutung im Sinne von unabhängig, selbständig
31 Kinder die durch die Waisenbehörde gegen Entschädigung bei Pflegeeltern untergebracht wurden
32 Gilomen, Hermann: Die Kinderkolonie Meikirch. Langensalza: 1929 S. 7
33 ebd. S. 20
34 ebd. S. 21
10
Meikirch [...] waren erzieherische Fragen gelöst, mit denen die heutige praktische Pädagogik noch ringt.“ 35
In Meikirch wurde viel gearbeitet. Auf den Feldern, im Wald und am Hof. Die Überlebensgemeinschaft von Jungen im Schulalter, etwas abseits des Dorfes mit gleichem Namen, wurde von einem Lehrer betreut, der zusammen mit den Kindern dort lebte. In den Schulstunden, die in Meikirch stattfanden wann immer der Arbeitsalltag es zuließ, gab es stets einen Bezug zur praktischen Arbeit. Abends wurden Probleme besprochen, und morgens plante der Lehrer den neuen Tag. Es zeigen sich hier einige weitere Parallelen zu Benposta bezüglich viel Arbeit und gemeinsamer Gespräche am Abend. Auch in Benposta leben die älteren Betreuer zusammen mit den Kindern.
Die Erziehung war laut dem Bericht in Meikirch sehr liebevoll und christlich fundiert. Jeder mußte, wie in Benposta, in der Gemeinschaft seine Aufgaben zum Wohle der Allgemeinheit ausführen.
Auch wenn in diesem Projekt ein für Fellenberg sehr wichtiges Ziel, die völlige Autonomie, nicht erreicht werden konnte, wurden hier die Ideen Pestalozzis realisiert und umgesetzt und die Einrichtung wurde positives Beispiel für einige Nachfolgeprojekte.
1.3.2. Die George Junior Republik
Im Jahr 1895 gründete der ‚Menschenfreund’ William Reuben George 36 in den Vereinigten Staaten von Amerika, höchstwahrscheinlich ohne von Meikirch gehört zu haben, die ‚George Junior Republik’ in der delinquente Jugendliche rehabilitiert werden sollten. Er wollte sich möglichst eng an die große Republik der USA halten im Aufbau. Eine seiner psychologisch-theoretischen Grundlagen war, daß Strafffälligkeit weder eine Geisteskrankheit noch eine Charakterschwäche sei 37 , sondern durch die Lebensbedingungen erlernt wird. Benposta arbeitet nicht speziell mit delinquenten Jugendlichen, aber die Einstellung zu dem Thema weist Parallelen auf. „Kein Kind oder Jugendlicher ist schuldig. Dieje nigen, die bezeichnet werden als ‚schlecht’, ‚verwahrlost’ oder ‚delinquent’ sind unschuldige Opfer einer sozialen
35 Gilomen S. 39
36 Kamp S.204 - 233
37 Diese Ansicht war damals noch relativ weit verbreitet
Arbeit zitieren:
Christian Güra, 2003, Benposta-Kolumbien - Eine Kinderrepublik zwischen pädagogischer Reformbewegung und Realutopie einer gerechten Gesellschaft, München, GRIN Verlag GmbH
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