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Julia Kulewatz
Zwischen Übermacht und Ohnmacht,
vom Leib-Seele-Problem der kleinen Seejungfrau
La femme poisson
Nixe
,,Komm schweb´ mit mir hindurch das Meer,
dich fortzutragen, reizt mich sehr. Nur bann dich fest an meine Hand,
denn sonst verweilst du ewiglich
im sternbehang´nen Träumerland."
(S. Schneider)
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Universität Erfurt
Veranstaltungstyp:
BA-
Literaturwissenschaft
Seminar:
,,Kunstmärchen"
Semester:
Sommersemester
2008
Titel der Hausarbeit:
,,La femme poisson:
Zwischen
Übermacht
und
Ohnmacht,
vom
Leib-
Seele-
Problem der kleinen Seejungfrau."
Abgabe:
23.08.08
Verfasserin:
Julia
Kulewatz
Studiengang: Kulturwissenschaften:
Haupt:
Literaturwissenschaft
Neben: Philosophie
Semesterzahl:
4
Art des Leistungsnachweises:
selbstständige schriftliche Arbeit
Leistungspunkte:
9
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Inhaltsverzeichnis
Prolog
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1. Das Wasser - Element der Ambiguität
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1.1
Von den Wassern des Lebens und des Todes
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1.1.1 Von den Wassern des Lebens
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1.1.2 Von den Wassern des Todes
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1.2
Personifizierte Weiblichkeit
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2. Von den Wasserfrauen: Mythologische Ursprünge
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2.1 Sirene
und
Seejungfrau
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2.2
Die Schaum- Geborene entsteigt dem Meer
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2.3
Metamorphosen:
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Dämonische Verführerinnen oder kindliche Naturwesen?
2.3.1 Dämonische Verführerin?
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2.3.2
Kindliches
Naturwesen?
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3. Der duale Aspekt:
Das Leib- Seele- Problem der kleinen Seejungfrau
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3.1
Konstruierte
Doppelnatur:
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Existenz zwischen Fischleib und Menschenfrau
3.2
Sehnsucht und Seele,
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ein fließendes Ich auf der Suche nach Identität
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4. Die kleine Seejungfrau -
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Gesichtslose, idealisierte Weiblichkeit zu Gunsten eines
romantischen Naturmärchens
Epilog
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Literaturverzeichnis
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Prolog
Bis heute fasziniert die tragische und anmutige Zwittergestalt der kleinen Seejung-
frau. Hans Christian Andersen erschuf ein kunstreiches Naturmärchen, dessen me-
lancholische Stimmung den Rezipienten noch immer zu fesseln vermag, und aus
dem ganz die idealisierten Vorstellungen der Romantik sprechen. Als personifizierte
Natur liebt und leidet das schöne Wasserkind. Die Bedeutung des weiblichen Was-
serwesens ist ebenso ambivalent, wie das Element, dem es verbunden ist, denn fast
immer geht das Leiden einher mit der zunächst lieblichen Gestalt der Wasserfrau. Ob
sie Leiden bewirkt oder selbst ertragen muss ist von der jeweiligen Epoche und dem
Kulturkreis abhängig, dem sie entwachsen ist. Die Wasserfrauen sind, wie auch im-
mer sie heißen mögen, fester und uralter Bestandteil der Mythologie, Kunst, Literatur
und sogar der Ahnenkunde. Zu allen Zeiten wusste man von Wasserwesen zu spre-
chen, deren Natur fast ausschließlich weiblich war. Bis heute umgibt sich die Nixe mit
den großen Geheimnissen der Welt und ist hin- und- her gerissen zwischen den E-
lementen, den Menschen und Tieren. Ebenso hin- und- her gerissen war ich, als ich
mich gezwungen sah, meine Themenwahl einzugrenzen, denn längst ist die See-
jungfrau zu einem Symbolwert avanciert, der Metaebenen eröffnet und sich durchaus
stimmungserzeugend verselbstständigt. Mir erschien es wichtig, mich mit der Bedeu-
tung des liquiden Elementes selbst und den daraus resultierenden teilweise polaren
Vorstellungen auseinanderzusetzen. Unter anderem werden auch die mythologi-
schen Vorfahrinnen und Schwestern der kleinen Seejungfrau fokussiert, um ihre
Gestalt innerhalb dieses mannigfachen Kontextes zu positionieren. Dabei soll eben-
so klar heraus gestellt werden, dass Hans Christian Andersens Seejungfrau ein Kind
der Romantik ist, bei dem auch der Leib- Seele- Dualismus und der daraus resultie-
rende Konflikt, eine Rolle spielen wird. Die Sehnsucht und das Streben nach der
Seele und ihre Bedeutung für eine unbeseelte, weibliche Natur stehen im Zentrum
meiner Erörterungen. Natürlich kann dabei das Verhältnis der Geschlechter zueinan-
der nicht außer Acht gelassen werden. Auch vom Schweigen soll die Rede sein und
von der lautlosen Wirkung schöner Bilder, die über Sprachlosigkeit hinwegtäuschen
soll.
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1. Das Wasser- Element der Ambiguität
,,Das Prinzip aller Dinge ist das Wasser, denn ins Wasser kehrt alles zurück."
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(Thales von Milet um 625 v. Chr.)
Das Element des Wassers war bereits für den antiken Philosophen Thales von Milet
mehr als ein Faszinosum, für ihn war es der Ursprung aller Dinge, der Urstoff, dem
alles andere zu Grunde liegt und in den es unweigerlich zurückkehren muss. Mit die-
ser Antwort auf die Frage nach dem Ursprung begründete Thales von Milet nicht nur
die Philosophie sondern erklärte das Wasser zum Element der Schöpfung. Wasser
spendet Leben und nimmt es auch, bedenken wir den Tod durch Ertrinken. Es ver-
eint Leben und Tod, weshalb ihm bereits sehr früh eine göttliche Macht zugeschrie-
ben wurde. Die duale Fähigkeit des liquiden Elementes, Leben zu zeugen und Leben
zu zerstören, wird v. a. auch im Märchen in Form von Lebens- und- Todeswasser,
deutlich.
1.1 Von den Wassern des Lebens und des Todes
1.1.1 Von den Wassern des Lebens
,,Der höchste Mensch wendet seinen Geist zurück zu Ewigkeit und genießt die Ge-
heimnisse des Jenseits. Er ist wie das Wasser, das fließt, ohne Formen anzuneh-
men."
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(Dschuang Dsi, Das wahre Buch vom südlichen Blütenland)
Evolutionsforscher schätzen, dass das Entstehen chemischer Substanzen im Uroze-
an bereits vor etwa 3 Milliarden Jahren begünstigt wurde. Leben, welches sich aus
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Siehe: http://www.zitate.de/ergebnisse.php?kategorie=Wasser
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Siehe: http://www.zitate-aphorismen.de/zitate/thema//Wasser/178
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dem Wasser erhob, entstand dann erst vor 350 Millionen Jahren. Nach wie vor ist
Leben von Wasser abhängig.
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Auch der menschliche Körper besteht zu sechzig Pro-
zent aus Wasser, ohne Wasser kann er nicht länger als vier Tage überleben. Drei
Liter Flüssigkeit benötigen wir pro Tag, während ein großer Laubbaum bis zu hundert
Liter verbraucht. Wasser ist kein Lebensmittel, es ist das Überlebensmittel. ,,Wasser
heißt Leben."
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Das liquide Element ist Voraussetzung für Wachstum und Fruchtbar-
keit. Ohne Wasser wäre Leben unmöglich. Die Vorstellung vom lebensspendenden
Element Wasser ist in allen Kulturen und deren Ursprüngen fest verankert. Kaum ein
Schöpfungsmythos ließe sich ohne Wasser vollziehen. Wasser ist die stoffliche
Form, in der sich das Werden und ebenso das Vergehen manifestiert. Es ist greifba-
re Materie und hat doch keine eigene Gestalt, lässt aber Gestalten entstehen. Eben-
so ist es Sinnbild für Metamorphose, betrachtet man allein die verschiedenen Aggre-
gatzustände.
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Das lebendig bewegte Wasser selbst täuscht Lebendigkeit vor und
lässt uns das Leben bewusster wahrnehmen. Das Wasser enthält den Keim aller
Keime, alle Anlagen, Kräfte und Möglichkeiten um Leben hervorzubringen und zu
entwickeln. Ein weiterer Grund, warum zahllose Mythen Wasser als Lebenswasser
oder Wasser des Lebens preisen und ihm Wunderwirken zuschrei-
ben. So wird es bereits im indischen Rigweda als herrliches Nass von un-
verschmutzbarer Reinheit gerühmt, welches Kraft und Leben schenkt.
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Man erzählt
sich von drei Gaben, die das Wunderwasser besitzen soll; es heilt, verjüngt und er-
möglicht ewiges Leben. Weshalb es von den meisten Völkern mit dem Paradies ver-
bunden wird, in vielen Religionen lassen sich diese Vorstellungen noch nachvollzie-
hen.
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Utopien von idealen Gesellschaften werden aus dem nassen Reich geschaf-
fen.
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Ebenso galt es in den verschiedensten Kulturen als Grenze zwischen Diesseits
und Jenseits und ermöglichte den Übergang zwischen den Welten. So erdachten
sich bspw. die Kelten das Land der ewigen Jugend, welches hinter den Wassern der
Welt auf sie warte. Auch in Ägypten verglich man das eigene Leben mit einem Le-
3
Vgl. Selbmann, S.: ,,Mythos Wasser.", S. 20
4
Ebd. Z. S. 20, Z. 1
5
Vgl. Blum- Heisenberg, B.: ,,Die Symbole des Wassers.", S. 22
6
Vgl. Selbmann, S. 22: ,,Mythos Wasser."
7
Bsp. Die Taufe im Christentum, in ihrer reinigenden Funktion wird auch mit Wasser vollzogen
8
Vgl. Grimmelshausens, H. J. von: ,,Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch", die Mummelsee-
Episode: in dieser Episode verkörpert der Mummelsee, bevölkert von Sylphen die ideale Gesellschaft,
die vor Gott im Einklang mit der Natur lebt.
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bensstrom, der das Reich der Toten durchfließt und sie so mit dem Leben verbindet.
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Eine ähnliche Vorstellung findet sich ebenso im antiken Griechenland, wo der Styx
die Lebenden von den Toten schied und so Ober- und Unterwelt trennte. In enger
Verbindung mit dem Lebenswasser steht auch der Baum des Lebens, den das Was-
ser durchfließt. Beide Lebenszeichen einen die drei o.g. Wundergaben. Somit ist es
nicht verwunderlich, dass in vielen Mythen der Lebensstrom den Baum des Lebens
speist. Meist befindet sich in der Nähe des Lebensbaumes die dazugehörige Quelle,
ein See, Fluss oder Brunnen als Lebenswasser. Man denke an die Weltenesche der
Nordgermanen, Yggdrasil über Urds Brunnen. Auch die Bibel preist die belebende,
verjüngende und segenbringende Wirksamkeit des Lebenswassers. Im Schöpfungs-
bericht der Bibel steht der Baum des Lebens im Zentrum des Paradieses, von ihm
aus entspringt ein Strom, der sich wiederum in die vier Hauptwasser: Geon, Phison,
Euphrat und Tigris unterteilen lässt. In frühchristlicher Zeit wurden diese vier Haupt-
ströme den Evangelien zugeordnet, ebenso hatten sie Bezug zu den Kardinalstu-
genden: Gerechtigkeit, Weisheit, Tapferkeit und Besonnenheit, auch die Himmels-
richtungen, die vier Elemente und die vier Weltalter waren für die Ströme von Bedeu-
tung. Die christliche Ikonographie lässt die
Gnadensgaben des Heiligen Geistes am Himmelstau erscheinen, dieser soll ver-
dorrte Seelen zum Leben erwecken.
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Nicht minder die wird wundervolle Wirkung
des Lebenswassers von den Dichtern gerühmt. So vergleicht Goethe im Prolog im
Himmel die Verbindung des Menschen mit dem Guten und Göttlichen und mit der
Nähe zum ,,Urquell".
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Nach hinduistischem Glauben fließen die vier Flüsse des Le-
bensbaumes vom Berg Muru nach Norden, Süden, Westen und Osten. Die hier auf-
geführten Beispiele sind nur ein kleiner Teil, der Mythen, Sagen, Legenden und Mär-
chen, die sich um das Wasser des Lebens ranken. Ich erwähnte bereits die Bedeu-
tungsambivalenz des Wassers, denn wo Licht ist, ist auch Schatten, wo Leben ist,
Tod.
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Vgl. Selbmann, S.: ,,Mythos Wasser", S. 22
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Ebd. Vgl. S. 24
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Vgl. Goethe, J. W. von: ,,Faust", V. 323- 329
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