Inhaltsverzeichnis
Verzeichnis der Abkürzungen 2
1. Einleitung 3
2. Theoretische Grundlagen: Begriffserklärung und -abgrenzung 5
2.1. Neologismus oder Wortneubildung? 5
2.2. Varietät, Register, Stil 6
2.3. Perry Rhodan: Eine Heftromanserie 8
2.3.1. Das Genre Science Fiction aus verschiedenen Blickwinkeln 8
2.3.2. Worum geht´s im Perryversum? Daten und Fakten zur umfang-
reichsten Science-Fiction-Serie der Welt 9
3. Neue Wörter im Perryversum 10
3.1. Klassifikation neuer Wörter nach der verwendeten Wortbildungsart 11
3.1.1. Komposition 11
3.1.2. Explizite Derivation: Präfigierung und Suffigierung 13
3.1.3. Kurzwortbildung und Kurzwort-Wortbildung 16
3.1.4. Konversion und Kontamination 17
3.2. Vorherrschende Wortbildungsmodelle in der Heftromanserie 18
3.3. Interpretation von Wortneubildungen 20
4. Namen als Elemente der Konstruktion von Feindbildern:
Die Terminale Kolonne TRAITOR als Rekruten des Chaos 23
4.1. Arten und Funktionen von Namen 24
4.2. Die Namen der Terminalen Kolonne TRAITOR und ihre
assoziationssteuernde Wirkung 25
5. Schluss 28
Literaturverzeichnis 31
Verzeichnis der Anlagen 33
Anlagen 34
1
„Science Fiction as a genre […] allows idea to become flesh, abstraction to become concrete, imaginative extrapolation to become aesthetic reality.“ 1
1. Einleitung
Jeder fiktionale Text konstruiert eine imaginäre Welt. Die literarische Gattung der Science Fiction (SF) entwirft ein Zukunftsszenario, das durch die Einführung eines naturwissenschaftlichtechnischen Novums motiviert ist; sie schildert „eine in Zukunft denkbare, nach den Fortschritten von Wissenschaft und Technik mögliche Welt.“ 2
Um eine mögliche Welt, ihre technologischen Innovationen und die sie bevölkernden Lebensformen zu beschreiben, bedarf es eines erst noch zu schaffenden Begriffsinstrumentariums: Neue Dinge verlangen nach neuen Wörtern. Das Bedürfnis einer Sprachgemeinschaft nach lexikalischer Innovation ist eine treibende Kraft des Sprachwandels und kann durch Wortbildung, Entlehnungen aus Fremdsprachen oder Wortschöpfung befriedigt werden. Untersuchungs-gegenstand dieser Arbeit sind Formen und Funktionen von Wortneubildungen der Science Fiction, einem in Bezug auf die Wortbildung außergewöhnlich produktiven Genre: „In der Science Fiction zeigt sich, wie effektiv die Wortbildung funktioniert.“ 3
Den Untersuchungsrahmen bildet die Heftromanserie Perry Rhodan (PR), eine seit 1961 im Wochenrhythmus erscheinende Space Opera, die - von der Linguistik weitgehend ignoriert - bisher vorwiegend aus literaturwissenschaftlicher und soziologischer Perspektive untersucht worden ist. 4 Dies gilt auch für das Genre Science Fiction in seiner Gesamtheit: „Die Sprache der Science Fiction wird zwar in verschiedenen Zusammenhängen berücksichtigt, ihr Reichtum und ihre signifikanten Eigenheiten wurden aber bislang kaum erfasst, geschweige denn umfassend behandelt.“ 5 Neuere Arbeiten, vor allem Oliver Siebolds Untersuchung der Wortneubildungen in der Science Fiction 6 , aber auch Hilke Elsens Forschungsbeitrag zu den Namen in Science Fiction und Fantasy 7 , unternehmen erstmalig den Versuch, die linguistische Lücke der Science-Fiction-Studies zu füllen. Vor der sprachwissenschaftlichen Analyse der ‚neuen Wörter’ aus der Romanserie PR - dem Hauptanliegen der vorliegenden Arbeit - wird in Kapitel 2 der begriffliche Rahmen dieser
1 Hartwig ECKERT; Ronald TURNBULL: „The Language Of Science Fiction.” In: René JONGEN; Sabine DE KNOP; Peter
H. NELDE; Marie-Paule QUIX (Hrsg.): Sprache, Diskurs und Text. Akten des 17. Linguistischen Kolloquiums, Brüssel
1982. Band 1. Tübingen: Niemeyer 1983. S. 165-172. S. 168.
2 Gero VON WILPERT: Sachwörterbuch der Literatur. Stuttgart (8., verb. u. erw. Aufl.): Kröner 2001. S. 744.
3 Oliver SIEBOLD: Wort-Genre-Text. Wortneubildungen in der Science Fiction. Tübingen: Narr 2000. S. 22.
4 Ein Sammelband mit interdisziplinärem Ansatz: Klaus BOLLHÖFENER; Klaus FARIN; Dierk SPREEN (Hrsg.):
Spurensuche im All. Perry Rhodan Studies. Berlin: Archiv der Jugendkulturen Verlag 2003.
5 SIEBOLD 2000. S. 18.
6 Wie Anm. 3.
7 Hilke ELSEN: Phantastische Namen. Die Namen in Science Fiction und Fantasy zwischen Arbitrarität und
Wortbildung. Tübingen: Narr 2008.
3
Untersuchung abgesteckt: Handelt es sich bei den Wortbildungskonstruktionen um Neologismen im eigentlichen Sinn oder empfiehlt es sich, von Okkasionalismen oder Wortneubildungen zu sprechen? Gibt es einen für die SF charakteristischen Sprachgebrauch und, wenn ja, bildet er dann eine eigene Varietät, ein Register oder einen Stil? Die theoretischen Grundlagen einer linguistischen Analyse von Wortneubildungen in der Science Fiction werden mit Hilfe sprachwissenschaftlicher Lexika und Lehrbücher und ausgewählter Forschungsbeiträge von Dieter Herberg 8 , Ulrich Busse 9 und Hilke Elsen 10 skizziert.
Eine knappe Einführung in die Heftromanserie Perry Rhodan schließt sich an: Welcher literarischen Gattung, welchem Genre, gehört die Serie an? Was sind typische Themenbereiche der Serie und wie ist sie aufgebaut? Die Gattungszugehörigkeit und die spezifischen Rezeptions- und Distributionsbedingungen von Perry Rhodan werden vor allem in der Dissertationsschrift von Rainer Stache 11 problematisiert; Oliver Siebold 12 , aber auch Hartwig Eckert und Ronald Turnbull 13 haben in ihren ergiebigen Arbeiten typische Themenbereiche der SF erörtert. In Kapitel 3 werden die Wortneubildungen zunächst nach den ihnen zugrunde liegenden Wortbildungsarten kategorisiert: Welche Arten der Wortbildung treten gehäuft auf? Weisen die Wortneubildungen eine signifikant hohe Anzahl fach-, fremd- oder wissenschaftssprachlicher Konstituenten auf, und, wenn ja, aus welchem Grund suchen die Autoren von SF-Texten die sprachliche Nähe zu Wissenschaft und Technik? Gibt es bestimmte Muster der Wortbildung, sogenannte Wortbildungsmodelle, die für die Heftromanserie PR charakteristisch sind? In Terminologie und Wortbildungstheorie orientiert sich dieses Kapitel an Wolfgang Fleischers und Irmhild Barz´ Lehrbuch Wortbildung der deutschen Gegenwartssprache 14 . Schließlich stellt sich die Frage, wie der Leser ‚neue Wörter’ verstehen kann. Ist die Bedeutung von Wortbildungsprodukten aus der Bedeutung ihrer quasi-atomaren Bestandteile zu erschließen? Oder liefert die isolierte Betrachtung von Wörtern nur unbefriedigende Ergebnisse; muss der Kontext in die Interpretation einbezogen werden? Hans Jürgen Heringers 15 Theorie des
8 Dieter HERBERG: „Neologismen der Neunzigerjahre.“ In: Gerhard STICKEL (Hrsg.): Neues und Fremdes im deutschen
Wortschatz. Aktueller lexikalischer Wandel. Jahrbuch 2000 des Instituts für deutsche Sprache. Berlin/New York: de
Gruyter 2001. S. 89-104.
9 Ulrich BUSSE: „Neologismen. Der Versuch einer Begriffsbestimmung.“ In: EURALEX 7. Göteborg: European
Association for Lexicography 1996. S. 645-658.
10 Hilke ELSEN: Neologismen. Formen und Funktionen neuer Wörter in verschiedenen Varietäten des Deutschen.
Tübingen: Narr 2004.
11 Rainer STACHE: Perry Rhodan. Überlegungen zum Wandel einer Heftromanserie. Tübingen: S&F 1986. (=Reihe
SF Science Bd. 3)
12 Wie Anm. 3.
13 Wie Anm. 1.
14 Wolfgang FLEISCHER; Irmhild BARZ: Wortbildung der deutschen Gegenwartssprache. Tübingen (2., durchges. u.
erg. Aufl.): Niemeyer 1995.
15 Hans Jürgen HERINGER: „Wortbildung: Sinn aus dem Chaos.“ In: Deutsche Sprache. 12. Berlin: Schmidt 1984a.
S. 1-13.
Hans Jürgen HERINGER: „Gebt endlich die Wortbildung frei!“ In: Sprache und Literatur in Wissenschaft und
Unterricht. 53. Paderborn: Schöningh 1984b. S. 43-53.
4
gemeinsamen Wissens kann dem Kompositionalitätsprinzip ergänzend zur Seite gestellt werden und beantwortet die Frage, unter welchen Voraussetzungen das Verstehen von Wortneubildungen überhaupt erst möglich ist.
Mit einem Exkurs in Kapitel 4 versucht diese Arbeit, die Frage zu beantworten, auf welche Weise Wortneubildungen und Wortschöpfungen - vor allem als Eigennamen - zur Konstruktion eines Feindbildes beitragen können. Welche Arten von Eigennamen gibt es und welche Funktionen übernehmen literarische Namen in einem Text? Auf welche Weise beeinflussen und steuern die Namen der Terminalen Kontrolle TRAITOR, der feindlichen Macht im aktuellen PR-Handlungszyklus, die Assoziationen des Lesers? Einige ausgewählte und besonders aussagekräftige Namen der Heftromanserie werden unter Berücksichtigung des Forschungsbeitrags von Hilke Elsen 16 untersucht.
Im Schlusskapitel sollen die Untersuchungsergebnisse und -methoden mit Rückblick auf die zentralen Fragestellungen dieser Arbeit noch einmal zusammengefasst und - aus distanzierterer Perspektive - reflektiert werden.
2. Theoretische Grundlagen: Begriffserklärung und -abgrenzung
2.1. Neologismus oder Wortneubildung?
Neue, oft ungewöhnliche und wenig vertraute Wörter bilden den Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit. Der Terminus ‚Neologismus’ ist, zumindest auf den ersten Blick, griffig und präzise und scheint sich als Oberbegriff geradezu anzubieten. Bei näherer Betrachtung erweist er sich jedoch als nicht unproblematisch - Ulrich Busse weist in seinem Aufsatz Neologismen - Der Versuch einer Begriffsbestimmung 17 auf die Abgrenzungsschwierigkeiten des Neologismus von Okkasionalismen oder vogue words hin.
Nach Bußmann ist ein Neologismus ein neu eingeführter oder neuartig gebrauchter sprachlicher Ausdruck, der - im Gegensatz zu so genannten Okkasionalismen (auch: Gelegenheits-, Einmal-, Augenblicks- oder Ad-hoc-Bildungen) - „bis zu einem gewissen Grade usuell und lexikalisiert“ 18 ist. Dieter Herberg definiert „Usualisierung, Lexikalisierung und somit Integration [als] die wesentlichen Abgrenzungskriterien des Neologismus von anderen lexikalischen Innovationen.“ 19 Nach dieser engen Auffassung ist ein neues Wort erst dann ein Neologismus, wenn es bereits im Begriff ist, in den Allgemeinwortschatz überzugehen und somit Eingang in die Wörterbücher der
16 Wie Anm. 7.
17 BUSSE 1996.
18 Hadumod BUßMANN: Lexikon der Sprachwissenschaft. Stuttgart (3., akt. u. erw. Aufl.): Kröner 2002. S. 463.
19 HERBERG 2001. S. 92.
5
Standardsprache zu finden - auch wenn das Konfix neo- vielleicht zunächst eine andere Interpretation nahe legt.
Hilke Elsen setzt sich differenzierter mit dem Neologismenbegriff auseinander und zählt Okkasionalismen und varietätenspezifische Wortneubildungen (z.B. in Fachsprachen) zu den „Neologismen im weiteren Sinn.“ 20 Kontextgebundene Augenblicksbildungen wie Bestien-Genom 21 , Dunkelfeld oder Augenkranz, die zur Bezeichnung neuer Sachverhalte oder Gegenstände dienen und sich in Science-Fiction-Texten in großer Zahl finden lassen, könnten demnach als Neologismen im weiteren Sinn verstanden werden. Wird jedoch eine hohe begriffliche Trennschärfe angestrebt, muss dem unterschiedlichen Lexikalisiertheitsgrad neuer Wörter Rechnung getragen werden. So empfiehlt sich der Terminus ‚Wortneubildung’ für unsere Zwecke als geeigneter. Eine Wortneubildung zeichnet sich nach Bußmann 22 gerade dadurch aus, dass sie noch nicht, auch nicht teilweise, lexikalisiert ist; sie ist nicht Teil des Wortschatzes und ihre Bedeutung muss somit vom Leser oder Hörer ganz neu erschlossen werden - und das ist bei Bildungen wie Dunkelfeld oder Augenkranz sicherlich der Fall.
Der Prozess des Übergangs von einer Wortneubildung zu einem Neologismus und schließlich zu einem Element der Allgemeinsprache lässt sich exemplarisch an einem Beispiel verdeutlichen: Ausgehend von der Science-Fiction-Serie Star Trek mit ihrem charakteristischen „Beam me up, Scotty!“ etablierte sich das deutsche beamen als Wortneubildung durch Suffigierung des englischsprachigen Verbs to beam mit dem Suffix -en. Was zunächst nur in Fankreisen verstanden wurde, fand Eingang in die Standardwörterbücher und ist heute im Duden als „bewirken, dass jmd. bis zur Unsichtbarkeit aufgelöst wird u. an einen anderen [gewünschten] Ort gelangt, wo er wieder Gestalt annimmt“ 23 aufgeführt. 24
2.2. Varietät, Register, Stil
Man muss nicht unbedingt das Münchener Oktoberfest, den Hamburger Fischmarkt oder den Nürnberger Christkindlmarkt besucht haben, um feststellen zu können, dass die gesprochene Sprache starke regionale Unterschiede aufweist. Der - regional determinierte - Dialekt ist jedoch
20 ELSEN 2004. S. 22.
21 Alle in dieser Arbeit untersuchten Wortneubildungen stammen aus der Heftromanserie Perry Rhodan (PR) und sind
im Wortkorpus (siehe Anhang) unter Angabe von Heftnummer und Seitenzahl aufgeführt.
22 Vgl. BUßMANN 2002. S. 105.
23 DUDEN - Deutsches Universalwörterbuch. Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich (6., überarb. Aufl.): Dudenverlag 2007.
Online verfügbar unter: http://www.duden-suche.de/suche/artikel.php?shortname=fx&artikel_id=16471 [20.07.2008]
24 Interessant ist die Tatsache, dass to beam im Englischen zunächst einen Bedeutungswandel, genauer, eine
Bedeutungserweiterung, erfahren hat. To beam bedeutet ursprünglich aussenden, ausstrahlen (vgl. sunbeam). Erst die
Serie Star Trek verlieh dem Verb die o.g. neue Bedeutung und machte to beam zum Neosemantismus.
6
bei weitem nicht die einzige ‚Abweichung’ von der Standardsprache. Die Varietätenlinguistik beschreibt zahlreiche solcher „Sprachen in der Sprache“ 25 , Sprachgebrauchsformen, die je nach Kommunikationsmedium (Mediolekt), Region (Regiolekt), Sprechergruppe (Soziolekt) oder Funktion (Funktiolekt) Besonderheiten im Wortschatz, aber auch auf phonologischer, morphologischer oder syntaktischer Ebene aufweisen. 26 Die deutsche Sprache ist kein homogenes Ganzes, sondern zerfällt in zahlreiche Teilsprachen, die jeweils unterschiedlichen Zwecken dienen. Die Science-Fiction-Literatur hat einen charakteristischen, genretypischen Wortschatz und Sprachgebrauch hervorgebracht, der sich unter anderem durch Eigenheiten in der Wortbildung auszeichnet. Kann man vor diesem Hintergrund bereits von einer ‚Science-Fiction-Sprache’, einer eigenen Varietät sprechen? Wörter wie Kontextwandler, Daellian-Meiler oder UHF-Komponente weisen fachsprachliche (funktiolektale) Charakteristika auf: Verwendung fremdsprachlicher Elemente, Kurzwortbildung und Bildung deonymischer Komposita. Dennoch scheint es unangemessen, in Bezug auf die PR-typische Ausdrucksweise von einer Fachsprache zu reden; vielmehr scheinen die Autoren dieser Space Opera einen Funktiolekt zu imitieren. Oliver Siebold verwendet in seiner Untersuchung zu Wortneubildungen in der Science Fiction wiederholt den Terminus ‚Register’, um das genrespezifische Vokabular, nach Siebold „eine Art Fachsprache“ 27 , zu bezeichnen. Der geübte PR-Leser mag in der Tat ein bestimmtes sprachliches Register aktualisieren, wenn er zum aktuellen Heftroman greift, weil er bereits mit den Eigenheiten der Serie, mit wiederkehrenden Termini vertraut ist und ihr Auftreten erwartet. Die Science Fiction als Genre bringt aber höchst unterschiedliche Texte hervor; es gibt kein annähernd einheitliches oder gar verbindliches Register, welches sich durch diese Texte zöge. Deshalb ist es zu bevorzugen, mit Dell Hymes von einem Genrestil zu sprechen:
„Größere Sprechstile, die an soziale Gruppen gebunden sind, können Varietäten genannt werden und solche, die an rekurrente Situationstypen gebunden sind, Register. Sprechstile, die an Personen, spezielle Situationen oder Genres gebunden sind, könnten einfach
personale, situative und Genrestile genannt werden.“ 28
Die Sprache der Science Fiction, insbesondere die Sprache der Heftromanserie Perry Rhodan, ist also einem charakteristischen Genrestil zuzuordnen, der sich durch die Anleihen an wissenschaftliche und technische Funktiolekte und die Ähnlichkeit mit selbigen auszeichnet. Für den geübten Leser und Fan kann dieser Genrestil zu „eine[r] Art Fachsprache“ 29 werden, die überdies seine Gruppenzugehörigkeit zum Fandom signalisiert.
25 Peter BRAUN: Tendenzen in der deutschen Gegenwartssprache. Sprachvarietäten. Stuttgart/Berlin/Köln (4. Aufl.):
Kohlhammer 1998. S. 7.
26 Vgl. Angelika LINKE; Markus NUSSBAUMER; Paul R. PORTMANN: Studienbuch Linguistik. Tübingen (5., erw. Aufl.):
Niemeyer 2004. (=Reihe Germanistische Linguistik) S. 345.
27 SIEBOLD 2000. S. 50.
28 LINKE; NUSSBAUMER; PORTMANN 2004. S. 348.
29 SIEBOLD 2000. S. 50.
7
„Wäre Perry Rhodan ein Buch, dann stünde es in der Spiegel-Bestenliste seit zwanzig Jahren jede Woche auf Platz eins.“ 30
2.3. Perry Rhodan: Eine Heftromanserie
2.3.1. Das Genre Science Fiction und die Serie Perry Rhodan aus verschiedenen Blickwinkeln
Die Science Fiction ist ein relativ ‚junges’ Genre. Zwar haben naturwissenschaftlich-technische Zukunftsutopien die Menschheit immer schon fasziniert - man denke beispielsweise an Francis Bacons Nova Atlantis -, die Gattungsbezeichnung aber „begann sich, ausgehend von Hugo Gernsback, dem amerikanischen Verleger und Pionier des Genres, [erst] Ende der 20er Jahre des
20. Jahrhunderts durchzusetzen.“ 31
Ein wesentliches Abgrenzungskriterium der Science Fiction von phantastischer Literatur im Allgemeinen ist das Bemühen, „anhand realer Tendenzen der wirklichen Welt“ 32 mögliche zukünftige Entwicklungen vorwegzunehmen. Phantastische Literatur entwirft Welten, die von der unseren verschieden sind, Science Fiction ist bestrebt, diese Verschiedenheit zu rationalisieren und zu legitimieren. Mystizismus, Magie und Zauberei bleiben der Fantasy vorbehalten, konkretere Gesellschaftsentwürfe und -kritik bilden den Schwerpunkt der Utopie bzw. der Dystopie. „Science Fiction erhebt den Anspruch des prinzipiell Möglichen, wenn auch nicht zum gegenwärtigen Stand der Wissenschaft. Fantasy setzt bewusst die Regeln der Realität außer Kraft.“ 33 Die „Rationalisierung des Phantastischen durch den legitimatorischen Rückgriff auf Wissenschaft und Technik“ 34 ist also - neben der Konzentration auf typische Themenbereiche (Raumfahrt, außerirdische Lebensformen, Zeitreisen etc.) - ein wesentliches Merkmal des Genres Science Fiction.
Zu den Vertretern des Genres werden so unterschiedliche Autoren wie Jules Verne, H.G. Wells, Isaac Asimov, Stanislaw Lem, Anthony Burgess oder Douglas Adams gezählt. Eine Romanserie wie Perry Rhodan teilt zwar die o.g. Abgrenzungskriterien der SF und streift dieselben Themenbereiche, darüber hinaus hat sie jedoch mit einem Roman wie beispielsweise Solaris von Stanislaw Lem nicht viel gemeinsam - von der außergewöhnlich hohen Dichte von Wortneubildungen einmal abgesehen. Lem wird als seriöser Schriftsteller ernst genommen, seine Romane gelten als stilistisch anspruchsvoll, intelligent und subtil. Solaris lieferte darüber hinaus
30 Werner GRAF: „Die Rätselwelt. Auskunft über tausend Wochen Perry-Rhodan-Lektüre.“ In: Literatur und Erfahrung.
7. Berlin: 1981. S. 45-64.
31 SIEBOLD 2000. S. 30.
32 SIEBOLD 2000. S. 31.
33 ELSEN 2008. S. 26.
34 SIEBOLD 2000. S. 32.
8
den Stoff zu einer Verfilmung und einer beeindruckenden Bühneninszenierung, die vom Düsseldorfer Schauspielhaus in den Spielplan aufgenommen wurde.
Perry Rhodan hingegen ist in erster Linie ein kommerzielles Produkt, das sich, um auf dem Markt bestehen zu können, an den Wünschen der (breiten) Leserschaft orientieren muss. Unterhaltsame, aber recht ‚einfach gestrickte’ „Abenteuergeschichten im All“ 35 , wie sie die Heftromanserie bietet, werden gewöhnlich zu dem SF-Subgenre Space Opera 36 gezählt. Die Ähnlichkeit dieser Genrebezeichnung mit der Soap Opera ist sicherlich kein Zufall: Wie die Soap Opera, die Seifenoper im Fernsehen, haben auch die ‚Groschenheftchen’ mit gesellschaftlicher Geringschätzung zu kämpfen und werden eher belächelt denn ernst genommen. Die Literaturwissenschaft hat mit wechselnden Begrifflichkeiten versucht, Heftromanserien wie Perry Rhodan zu kategorisieren; neben dem recht neutralen Terminus ‚Trivialliteratur’ finden sich hier auch terminologische Ausfälle wie ‚Unterliteratur’, ‚Antiliteratur’, ‚untergeistiges Schrifttum’ oder ‚Vulgärliteratur’, die nicht nur den Produzenten, sondern auch den Rezipienten von Heftromanserien herabwürdigen. 37 Rainer Stache schlägt in seiner Dissertationsschrift den Begriff ‚Paraliteratur’ vor, der nach Stache „lediglich die gemeinsame Ablehnung durch die herrschende Kunstauffassung [ausdrücke]“ 38 , aber darüber hinaus wertungsfrei sei. Angesichts der Tatsache, dass die Qualität einzelner Romane stark divergiert und die Serie eine sehr heterogene Leserschaft vereint, ist der von Stache vorgeschlagene Terminus zu bevorzugen: Perry Rhodan ist dem Genre Science Fiction, genauer dem Subgenre der Space Opera, zuzuordnen. Als Heftromanserie mit ihren ganz eigenen Produktions- und Distributionsbedingungen gehört Perry Rhodan zur Paraliteratur, die gewöhnlich Ablehnung durch die herrschende Kunstauffassung erfährt.
2.3.2. Worum geht´s im Perryversum? Daten und Fakten zur umfangreichsten Science-Fiction-Serie der Welt
Die deutsche Science-Fiction-Serie Perry Rhodan erscheint seit nunmehr 47 Jahren im Wochenrhythmus beim Pabel-Moewig Verlag und ist mit einer Gesamtauflage von mehr als einer Milliarde verkaufter Hefte die „erfolgreichste[…] Science-Fiction- und Heftroman-Serie der Welt
35 SIEBOLD 2000. S. 33.
36 SIEBOLD 2000. S. 33.
37 Vgl. STACHE 1986. S. 20.
38 STACHE 1986. S. 22.
9
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