Helmuth Zikuda
Utilitarismus Globalisierung 2
Inhaltsverzeichnis:
1. Der Utilitarismus 3
1.1 Einleitung 3
1.2 Definition und Erklärung von Utilitarismus 4
1.3 Die wichtigsten Arten des Utilitarismus 5
1.3.1 Der klassische Utilitarismus 6
1.3.2 Handlungs Regelutilitarismus: 8
1.3.3 Präferenzutilitarismus 9
1.3.4 Negativer Utilitarismus 9
1.3.5 Nutzensummen Utilitarismus 10
1.4 Kritiker und ihre Einwände 11
1.4.1 Vergleichbarkeit von Glückszuständen bzw Leidenszuständen 11
1.4.2 Gleichheit und Gerechtigkeit 12
1.4.3 Das Recht des Einzelnen auf Glück in individualistischem Sinne 14
1.4.4 Allgemeine Kritik in Bezug auf akzeptierte Regierungsformen 15
1.4.5 Passivität versus Aktivität 16
1.4.6 Zum negativen Utilitarismus 17
1.4.7 Grenzen des Utilitarismus 18
2. Von menschlichen Stärken und Schwächen 20
2.1 Warum soll der Einzelne sein Handeln am Wohlergehen der Allgemeinheit ausrichten 20
2.2 Machthunger ein Problem der Menschheit 23
2.3 Utilitarismus und Globalisierung 24
3. Utilitaristisches Handeln in der Wirtschaft ein Widerspruch 26
3.1 Wirtschaftswachstum auf Kosten aller 26
3.2 Wer übernimmt die soziale Verantwortung 28
4. Der Utilitarismus und der Weltfrieden 37
4.1 Ist die Menschheit geeignet im Frieden miteinander zu leben 38
4.2 Finden sich im Utilitarismus Lösungsvorschläge für einen Weltfrieden 41
4.3 Lösungen einer neuen Weltordnung 42
5. Literaturhinweise: 45
Helmuth Zikuda Utilitarismus & Globalisierung 3
1. Der Utilitarismus
1.1 Einleitung
Bei genauer Betrachtung der menschlichen Geschichte lässt sich eine Entwicklung der Gesellschaft durch kausale Faktoren und zwischenmenschliche Machtverhältnisse nachvollziehen. Den Menschen war es seit frühester Zeit nur möglich zu überleben, wenn sie in größeren Familien oder Gruppen zusammenlebten. Jedes Miteinander ist aber auch nur dann möglich, wenn sich alle Mitglieder einer Gruppe bestimmten Regeln unterwerfen.
Dies ist bereits in der Tierwelt zu erkennen. Tiere die in Rudeln zusammenleben, müssen ihre Rangordnung innerhalb der Gruppe permanent sicherstellen. Solche Machtkämpfe und Verhaltensweisen schränken zwar die individuelle Freiheit ein, sichern aber zugleich das gemeinsame Überleben der Gruppe in der Natur.
Schon in den frühen Epochen der Menschheit sind bereits Zusammenhänge von Familie, Sippe und Staatswesen nachvollziehbar. Es gibt kausale Faktoren, die einen dynamischen Fortschritt von der
1
Sippen- hin zur Staatsentwicklung erkennen lassen.
Wo Menschen zusammenleben, bedarf es nun einmal solcher Regeln und Normen. Gesetze gibt es um Regelverstöße zu ahnden und das Individuum vor Willkür und Aggression zu schützen. Gesetze geben dem Einzelnen aber nicht nur Schutz und Sicherheit, sondern verlangen dem Individuum auch Pflichten ab. Pflichten, um ein Leben in der Gemeinschaft überhaupt erst zu ermöglichen. Platon spricht schon davon, dass das Individuum den Interessen des Ganzen dienen solle, dabei 2 Für Platon allerdings gibt es nur eine schwarz - spielt es keine Rolle ob für Staat, Stamm oder Rasse.
weiße Sichtweise, er stellt den Kollektivismus dem Egoismus entgegen. Er greift sozusagen den Individualismus an, den er mit dem puren Egoismus gleichsetzt. Für Platon haben Gesetze einzig und alleine den Kollektivismus zu schützen, jeglicher individuelle Besitz wird dem Subjekt abgesprochen,
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sogar das Individuum selbst ist im Besitz des Staates. Dies nennt Platon das Urbild des Staates. Aus diesem Grund sagen Gesetze alleine noch nichts über die Qualität des Zusammenlebens aus, es gibt auch schlechte Gesetze, tyrannische und entwürdigende Gesetze. Da Gesetze jedoch nicht alle Bereiche des Zusammenlebens regeln und abdecken können, gibt es darüber hinaus allgemeine gesellschaftliche Normen – moralische Normen.
Die Ethik beschäftigt sich seit jeher mit Aussagen, wie wir leben sollen und nach welchen Kriterien wir unser Handeln richten sollen. Sie beschäftigt sich mit moralischen Werten und moralischen Handlungsformen.
Eine dieser ethischen Richtungen ist der Utilitarismus, der auch heute noch im angloamerikanischen Raum starken Einfluss hat und auf den ich in dieser Arbeit, in Bezug auf Fragen der Globalisierung,
1 Siehe auch: Millar, John: Vom Ursprung des Unterschieds in den Rangordnungen und Ständen der
Gesellschaft. Hsg: Hans Blumberg, Jürgen Habermas, Dieter Heinrich und Jacob Taubes. Aus dem Englischen
von Herbert Zirker Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1967.
2 Siehe Platons Werke über Staat und Gesetz
3 Er sieht in den Lehren des Perikles den Zerfall der Gemeinschaft und bekämpft diese massiv.
Helmuth Zikuda Utilitarismus & Globalisierung 4
näher eingehen werde. Vorab gebe ich noch einen kurzen Überblick über die utilitaristische Lehre an sich, deren Varianten, sowie deren Vertreter. Für eine Vertiefung und weiteres Studium des Utilitarismus gibt es hierzu im Anhang eine Literaturliste.
1.2 Definition und Erklärung von Utilitarismus
4 geht von einem positiven Idealbild der Allgemeinheit und des menschlichen Der Utilitarismus Zusammenlebens aus. Der Utilitarismus besagt, dass die moralische Qualität von Handlungsweisen von ihren resultierenden Folgen für die Allgemeinheit abhängt. Die Vertreter des Utilitarismus sind der Ansicht, dass dieses ethische Idealbild erreichbar sei, auch wenn die Umsetzung nur bedrückend
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langsam vonstatten geht.
Als Begründer des Utilitarismus gilt Jeremy Bentham, 1748 – 1832. Er lebte und studierte in Oxford und wirkte in London als Rechtsanwalt. Sein Anliegen war eine Reformation des englischen 6 , Rechtssystems. In seinem Werk „An Introduction to the Principles of Morals and Legislations“ welches 1789 erschien, geht er davon aus, dass die Nützlichkeit das maßgebliche Prinzip der Moral ist. Zu verstehen ist dies als Ideal eines allgemeinen Wohlergehens. Der daraus resultierende Grundsatz des „Prinzips des größten Glücks der größten Zahl“ wird zum ethischen Grundsatz seiner Moralvorstellung. Das Glück der Mehrheit muss das Ziel einer jeden Handlung bzw. ihrer Folgen sein.
7
Bentham bezieht sich hierbei auf Hume , seine Werke gelten unter anderem als Grundlage für Benthams Nützlichkeitsprinzip. Dieses Prinzip scheint ein geeigneter Grundsatz für die Erklärung und Gestaltung von sozialen Handlungen zu sein. Damit ist der Utilitarismus auch als Gegenposition zur kantischen Ethik zu verstehen. Insofern, als dass die Berücksichtigung von Konsequenzen und eine Folgeabwägung schlichtweg verbieten, dass jemand, etwa aus dem Grund der Maxime des Lügenverbots, unschuldige Menschen ausliefert. Zwar gibt es auch bei Kant Folgeüberlegungen, 8 Der Utilitarismus diese berücksichtigen aber ausschließlich subjektinterne Handlungsfolgen.
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hingegen berücksichtigt zudem auch subjektexterne Handlungsfolgen. Die Ideale des Utilitarismus selbst lassen sich bis in die Antike, auf Sokrates, Epikur und Perikles 10 zugerechnet werden.
zurückverfolgen, daher kann der Utilitarismus dem Eudämonismus Perikles ist derjenige, dem zugesprochen werden kann, den Altruismus mit dem Individualismus vereint zu haben. Die spätere zentrale abendländische Aussage basiert demgemäß auf Perikles und wird zu „Liebe Deinen Nächsten“, und nicht zu „Liebe Deinen Stamm“. Erst aus der Liebe zum Nächsten kann sich die Liebe zur Gemeinschaft entwickeln.
Das Streben nach Glück war schon immer in der Natur des Menschen, im Einzelnen wie auch in Gemeinschaften. Naturgemäß gab es aber auch immer schon unterschiedliche Auffassungen, was
4 Aus dem Lateinischen: utilitas – Nutzen
5 Mill, John Stuart: Der Utilitarismus. Stuttgart, Philipp Reclam jun. 2006 S. 49
6 „Einführung in die Prinzipien der Moral und der Gesetzgebung.“
7 Bezieht sich auf die Werke: „Defense of Usury“ und „Treatise of Human Nature“
8 deontologische Konzeption
9 teleologische Konzeption
10 Eudämonismus: Gleichsetzung von Lust und Glück. Wenn die Glückseligkeit das Ziel und Motiv allen Strebens ist; ist somit auch eng mit dem Hedonismus verbunden.
Helmuth Zikuda Utilitarismus & Globalisierung 5
denn Glück eigentlich sei. Über das Wesen des Glücks gibt auch Aristoteles nur sehr bedingt Auskunft, wenn er schreibt:
„... wobei gutes Leben und gutes Handeln in eins gesetzt werden mit Glücklichsein. Aber was das Wesen des Glückes sei, darüber ist man unsicher, und die Antwort der Menge
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lautet anders als die des Denkers.“ Das Individuum versteht unter Glück häufig Wohlstand, Gesundheit, Anerkennung und Macht, also „körperliche Freuden“, wobei die Intensität und das Ziel, je nach Zustand des Individuums bzw. seiner momentanen Situation, variieren können. Ist der Betroffene krank, dann ist das Streben nach Gesundheit wohl das Wichtigste in seinem Leben.
Große Denker hingegen wissen, dass es über die vorher genannten körperlichen Freuden auch noch weitere Glücksarten gibt. Diese sind Glückszustände des „Bewusstseins“, oder, wie Höffe sie nennt, 12 . Sie sind sozusagen Zustände, die über unser normales Fassungsvermögen „geistige Freuden“ hinausgehen und daher nicht greifbar sind. Dazu gehören unter anderen die Selbsterkenntnis (Ich bin), das Erkennen der Welt und die Schönheit der Natur um uns herum, das Gut des Wissens und der Drang, sich Wissen anzueignen, und vor allem natürlich die Liebe. Auch wenn Mill bereits eine Unterscheidung zwischen höheren und niederen Freuden macht, werden erst mit G. E. Moore die
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geistigen Freuden als positive Freuden wirklich berücksichtigt.
Der Hedonismus selbst hat das Ziel, körperliche Freuden und die Abwesenheit von Schmerz zu erfahren, aus diesem Grunde wurde der Hedonismus auch schon seit jeher immer wieder kritisiert. In erster Linie von den Religionen, welche die körperliche und geistige Züchtigung sowie Askese der Gläubigen predigen, wie eben z.B. auch von der katholischen Kirche.
Im Gegenzug kritisiert der Utilitarismus naturgemäß solche Selbstzüchtigungen ebenso wie Menschen, die in Askese leben, weil solche Subjekte für die Mehrheit nur Schaden bringen und eine Weiterentwicklung der Gesellschaft verhindern.
Indessen wird dem Utilitarismus oftmals vorgeworfen, dass er moralische Rechte von Individuen und Minderheiten zugunsten der Allgemeinheit vernachlässigt, sogar einzelne negative Schicksale toleriert, solange nur die Folgen für die Allgemeinheit positiv sind. Ebenso sagen diese Kritiker, dass sich diese Theorie rein auf die Nutzenmaximierung stützt und daher die Verschiedenheit der Kulturen 14 Gegenargumentationen zu solchen kritischen und der Subjekte gar nicht ernst nehmen kann.
Ansichten finden sich in den verschiedenen Arten des Utilitarismus wieder, zum Beispiel im Handlungs- und Regelutilitarismus.
1.3 Die wichtigsten Arten des Utilitarismus
Weiterentwickelt wurde die Idee des klassischen Utilitarismus von John Stuart Mill und Henry Sidgwick. Heute gibt es jedoch eine Vielzahl von Positionen und Unterpositionen im Utilitarismus. Sie 11 Aristoteles: Nikomachische Ethik. Buch I, Kap. 2. Stuttgart. Philipp Reclam jun. 1994
12 körperliche und geistige Freuden siehe: Höffe, Otfried: Einführung in die utilitaristische Ethik. Tübingen und
Basel, A. Francke Verlag UTB, 2003, 3.Aufl. S. 23
13 Ideeller Utilitarismus. Ein weiterer Vertreter dieses idealistischen Utilitarismus ist Bradley.
14 siehe hierzu Rawls, John: Eine Theorie der Gerechtigkeit. Frankfurt am Main 1979, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft. S. 214
Helmuth Zikuda Utilitarismus & Globalisierung 6
haben, so hat es den Anschein, oft nur mehr die Grundzüge einer hedonistischen Wertebasis gemeinsam.
1.3.1 Der klassische Utilitarismus
Nach der klassischen Formulierung Benthams gibt es nur ein positives Lusterlebnis (pleasure) und die beschriebene Nützlichkeit wird zum maßgeblichen Prinzip der Moral. Das Ideal dabei ist das allgemeine Wohlergehen der Gesellschaft. Mittels einer geforderten Nutzenkalkulation können Handlungsweisen auf ihre positiven oder negativen Folgen in Bezug auf die Allgemeinheit messbar gemacht werden, damit kann bestimmt werden, ob diese Handlungen zulässig oder unzulässig sind. Das Nutzenprinzip selbst wird so zur Bilanz von gesellschaftlichen Handlungsweisen. Nach Bentham können Handlungen wie folgt bemessen werden:
• Intensität des Lustgewinns
• Dauer und Grad des möglichen Lustgewinns
• Zeitliche und räumliche Nähe zur gesetzten Handlung
• Ob durch die gesetzte Handlung weitere Folgen zu erwarten sind (Sekundärfolgen) Laut Bentham kann und soll so jede Handlung auf Zulässigkeit bzw. Unzulässigkeit rational selbst bewertet werden. Demnach entscheiden sich aufgeklärte Personen, solange ihnen die Folgen der Handlung auch tatsächlich bekannt sind, für das allgemeine Glück und stellen das individuelle Glück 15 Um aber tatsächlich Handlungen abwägen zu können, bedarf es eines Werteschemas.
hinten an.
Die einzig zulässige Metrik für so ein Werteschema ist für Bentham „Lust vs. Unlust“ und „Glück vs. Schmerz“. Benthams Abwägung von guten und schlechten Folgen ist rein quantitativ und empirisch zu hinterfragen. Er tritt damit stark gegen die Moralisten seiner Zeit auf, weil das Nutzenkalkül auf empirisch Werte und Argumentationen zurückgreift und nicht auf Instanzen, wie z.B. Gewissen, natürlicher Menschenverstand usf., wie es bei den Moralisten der Fall ist.
Weiterentwickelt wurde Benthams Utilitarismus von John Stuart Mill 1806 – 1873. Er war Schüler und Patenkind Benthams. In seinem Werk „Der Utilitarismus“ von 1861 geht Mill auf die Kritiker des Utilitarismus und deren Argumentation ein und will beweisen, dass die vorgebrachten kritischen Argumente nicht standhalten können. Hierbei erweiterte er zwar Benthams Theorie des Nutzenprinzips, die Beförderung des allgemeinen Glücks blieb aber auch für Mill das einzige Kriterium für moralisch richtiges Handeln. Er sah jedoch die Probleme, die ein quantitativer Hedonismus mit sich bringt und führte daher zusätzlich Qualitäten der Freude ein.
„Die Anerkennung der Tatsache, dass einige Arten der Freude wünschenswerter und wertvoller sind als andere, ist mit dem Nützlichkeitsprinzip durchaus vereinbar. Es wäre unsinnig anzunehmen, dass der Wert einer Freude ausschließlich von der Quantität abhängen sollte, wo doch in der Wertebestimmung aller anderen Dinge neben der
16
Quantität auch die Qualität Berücksichtigung findet.“
15 Nach Bentham widerspricht sich individuelles Glück mit dem Wohlergehen der Allgemeinheit nicht. Nur der
reine Egoismus ist falsch, weil dieser den Gesamtnutzen außer Acht lässt.
16 Mill, John Stuart: Der Utilitarismus. Englisch/Deutsch. Stuttgart, Philipp Reclam jun. 2006, S. 27 f
Helmuth Zikuda
Utilitarismus & Globalisierung 7
Mill trat damit den Vorwürfen entgegen, worin eine reine Ausrichtung auf Lust nur tierischen Charakter habe. Die Lust des Tieres kann daher dem Glück des Menschen nicht gerecht werden. Die Menschen 17 Mill wirft den Kritikern haben höhere Fähigkeiten, allerdings nur sofern sie sich dieser bewusst sind. vor, dass diese die Begriffe von Glück und Zufriedenheit vermischen würden und erläuterte dies mit dem folgenden Beispiel:
„Es ist besser ein unzufriedener Mensch zu sein als ein zufriedenes Schwein; besser ein
18
unzufriedener Sokrates als ein zufriedener Narr.“ Ein Wesen mit geringerer Fähigkeit kann demzufolge rasch zufrieden gestellt werden, ein Wesen mit höherer Fähigkeit sucht immer nach dem Glück. Hinzu kommen natürlich noch die menschlichen Eigenschaften wie Stolz, Freiheitsliebe, das Streben nach Macht und Unabhängigkeit. Diese Eigenschaften sind aber zugleich auch jene Eigenschaften, welche oft dazu führen, dass sich dass Subjekt eher für egoistische Handlungsweisen und Ziele entscheidet als für tugendhafte Ziele. Mill sieht dieses Problem sehr wohl:
„Die Fähigkeit, edlerer Gefühle zu empfinden, ist in den meisten Naturen eine äußerst zarte Pflanze, die nicht nur an widrigen Einflüssen, sondern schon an mangelnder Pflege zugrunde gehen kann; und bei den meisten jungen Leuten verkümmert sie sehr früh,
19
...“ An dieser gesellschaftskritischen Sichtweise ist ein Unbehagen erkennbar. Dies musste Mill haben, wenn er sich das alltägliche Leben ansah und er mit menschlichen Handlungen konfrontiert wurde, die nicht seinem utilitaristischen Idealbild entsprachen. Die Schuld daran gab er aber nicht dem Individuum selbst sondern der sozialen Umgebung und dem Bildungssystem seiner Zeit. Seinem 20 immer von der sozialen Umgebung ab und Erachten nach hängen Unterschiede zwischen Individuen wären demgemäß natürlich veränderbar. Nur indem eine Änderung des Systems herbeigeführt wird, können die großen sozialen Fragen der Gesellschaft beantwortet werden. Demnach sind Unterschiede bei den Subjekten nicht angeboren und determiniert, wie viele Zeitgenossen Mills dies behaupteten, sondern eben veränderbar.
Aus diesem Grunde muss es ein absolutes Ziel der Gesellschaft sein, eine allgemeine Ausbildung zu ermöglichen und zu fördern, um jenen edlen Charakter bei Jugendlichen zu formen und zu pflegen.
Wie aber ist nun eine höhere Freude von einer niedrigeren Freude zu unterscheiden? Welche von zwei Freuden ist nun hierarchisch über der anderen? Dies können nur jene Lebewesen erkennen, die beide Freuden auch tatsächlich erfahren haben und erst wenn sich daraus die Mehrheit für eine dieser Freuden entscheidet, kann diese dann schließlich als qualitativ wertvoller angesehen werden. Mill kommt zu folgendem Schluss:
„Kein intelligenter Mensch möchte ein Narr, kein gebildeter Mensch ein Dummkopf, keiner, der feinfühlig und gewissenhaft ist, selbstsüchtig und niederträchtig sein - auch
17 Lt. seinen Kritikern verlässt Mill mit der Einführung der Qualitäten den konsequenten Utilitarismus.
18 Mill, John Stuart: Der Utilitarismus. Englisch/Deutsch. Stuttgart, Philipp Reclam jun. 2006, S. 33
19 Mill, John Stuart: Der Utilitarismus. Englisch/Deutsch. Stuttgart, Philipp Reclam jun. 2006, S. 33
20 Auch bei Fragen von Rassenunterschieden ist er dieser Meinung.
Helmuth Zikuda Utilitarismus & Globalisierung 8
wenn sie überzeugt wären, dass der Narr, der Dummkopf oder der Schurke mit seinem
21
Schicksal zufriedener ist als sie mit dem ihren.“ Eine Wertetheorie, wie Bentham sie dagegen noch vertrat, entwickelte Mill aber nicht, er übernahm jedoch die Werteüberzeugung seiner Zeit und orientierte sich an den Idealen des Bildungsbürgertums, er ging sogar weit darüber hinaus, indem er die Demokratie als beste Staatsform ansah und zudem sich noch massiv für die Gleichberechtigung und das Wahlrecht der Frauen einsetzte. Im letzten Ziel des Utilitarismus findet sich die Gesellschaft und somit auch gleich das Individuum in einem Leben wieder, welches möglichst frei von Unlust aus quantitativer Sicht ist und so reich wie möglich an Lust aus qualitativer Sicht ist.
1.3.2 Handlungs- & Regelutilitarismus:
Der Vorwurf vieler Kritiker, dass das Glück des einzelnen Individuums nicht berücksichtigt werden würde, konnte von den Utilitaristen nicht ganz ausgeräumt werden. Ethische Einwände und Beispielfälle wurden immer an Hand von Einzelschicksalen gebracht, ob in der Diskussion über Sterbehilfe, erzwungene kriegerische Handlungen oder aber an Beispielen mit Entscheidungen aus persönlichen Notsituationen heraus, meistens wurde versucht, eine Situation darzustellen, welche das Nutzenprinzip ad absurdum führen sollte. Viele solcher Beispielfälle wären aber eigentlich nicht zulässig, weil ihre Argumentation Zwangsituationen aufzeigt, bei der jede Handlung eine „falsche 22 zudem kommen beim Versuch, eine Lösung zu finden, andere ethische Handlung“ sein muss,
23
Richtungen zumeist auf gleich schlechte Lösungsvorschläge wie der Utilitarismus eben auch. Solchen Fallbeispielen treten die beiden Richtungen des Handlungs- und des Regelutilitarismus entgegen.
Zunächst gilt auch für diese beiden Richtungen das allgemeine Wohlergehen als höchstes Kriterium für moralisches Handeln.
Im Handlungsutilitarismus wird der Akt der Handlung an sich aus der Sicht der zu erwartenden Konsequenzen betrachtet und beurteilt. Also wird je nach Konsequenz eine Handlung als gut oder weniger gut eingestuft und bewertet, das kann dazuführen, dass z.B. eine Lüge besser beurteilt wird als Treue (einstufiger Beurteilungsprozess).
Beim Regelutilitarismus hingegen kommt es nicht mehr darauf an, welche Handlung welche Folgen hat, sondern ob die moralische Regel selbst – du sollst nicht lügen – zu schlechten oder guten Konsequenzen führt (zweistufiger Beurteilungsprozess).
„Falls die Konsequenzen der Regel, unter die die Handlung fällt, schlecht sind, gilt die Handlung selbst als moralisch falsch, auch wenn die Konsequenzen der individuellen
24
Handlung gut sein sollten.“
21 Mill, John Stuart: Der Utilitarismus. Englisch/Deutsch. Stuttgart, Philipp Reclam jun. 2006, S. 29
22 auf das komme ich später noch einmal zurück.
23 Herlinde Pauer Studer beschreibt in ihrem Werk einige solcher Beispiele. Pauer-Studer, Herlind: Einführung in
die Ethik. Wien, Facultas Verlags- und Buchhandels AG WUV UTB, 2003, S. 20 u. 21
24 Höffe, Otfried: Einführung in die utilitaristische Ethik. Tübingen und Basel, A. Francke Verlag UTB, 2003, 3.Aufl. S. 30
Helmuth Zikuda Utilitarismus & Globalisierung 9
In diesem Fall ist nicht die Frage, ob die Handlung an sich gute Folgen hat, sondern lautet die Frage, in wie weit das Verbot (die Regel) selbst für die Gesellschaft relevant und von Bedeutung ist.
1.3.3 Präferenzutilitarismus
25 und der Präferenzutilitarismus gehören zu den neueren Arten des Utilitarismus.
Der Glücks- Entwickelt wurde der Präferenzutilitarismus im 20. Jhdt. vom Australier Peter Singer, geb. 1946. Bei 26 von Personen; diese Präferenzen werden mit den
Singer geht es um Präferenzen, um Interessen Auswirkungen einer Handlung gegenübergestellt und auf Übereinstimmung geprüft. Eine Handlung ist dann moralisch positiv zu werten, wenn die Präferenz mit der Auswirkung der Handlung übereinstimmt. Jedes Wesen hat seine Handlungen so auszurichten, dass die Präferenzen anderer Wesen nicht missachtet werden, andernfalls müssen diese ausgeglichen werden. Ansonsten ist die Handlung als moralisch falsch zu bezeichnen. Es gibt jedoch Handlungen, die nie ausgeglichen werden können. Das Töten eines anderen Menschen z.B. kann nie ausgeglichen werden. Eine Person zu töten, bedeutet für Peter Singer daher:
„... normalerweise nicht nur eine, sondern eine Vielzahl der zentralsten und bedeutendsten Präferenzen, die ein Wesen haben kann, zu verletzen. Sehr oft wird dadurch alles, was das Opfer in den vergangenen Tagen, Monaten oder sogar Jahren zu
27
tun bemüht war, ad absurdum geführt.“ Präferenzen von Menschen werden Präferenzen von anderen Lebewesen vorgezogen, weil allen 28 Wobei eingeschränkt werden muss, dass
anderen Spezien eine Rationalität abgesprochen wird.
dies doch schließlich vom Vermögen des Bewusstseinszustandes der jeweiligen Spezies abhängt. Kritiker kommen aber auf drastische Schlussfolgerungen speziell auf dem Gebiet der Sterbehilfe, bei Fragen im Umgang mit Behinderten bzw. auch bei Diskussionen um Abtreibung.
1.3.4 Negativer Utilitarismus
Aus einer sehr pessimistischen Sichtweise heraus versucht der negative Utilitarismus das Nutzenkalkül einzusetzen. Bewertet werden jedoch nur die negativen Folgen, die positiven Folgen werden außer Acht gelassen. Handlungen sind daher so zu setzen, dass allgemeines Unglück so niedrig wie möglich gehalten wird bzw. sogar vermindert werden soll. Das große Ziel ist, das Leiden auf Erden zu reduzieren und nicht zu vermehren. Die „Glücklichen“ werden dabei vollkommen
25 Der Glücksutilitarismus unterscheidet sich nur darin, dass dieser ausschließlich das subjektive Wohlbefinden als Entscheidungsgrundlage für das Handeln hat, beim Präferenzutilitarismus steht hingegen das Erreichen von individuellen Interessen an erster Stelle. Aus diesem Grunde gehe ich hier auch nur auf den Präferenzutilitarismus näher ein.
26 hierbei sind generelle Interessen gemeint, nicht kurzfristige Wünsche.
27 Singer, Peter: Praktische Ethik. Stuttgart. Philipp Reclam jun. 1994. 2.Aufl. S. 129 28 Dies betrifft vor allem die Tötung von Tieren, dies darf aber nicht missverstanden werden. S. zählt als Begründer der neuen Tierethik, siehe hierzu auch sein Werk: Die Befreiung der Tiere. Eine neue Ethik zur Behandlung der Tiere. München. Hirthammer F. Verlag GmbH. 1997 29 wobei hier natürlich angemerkt werden kann, dass jedes Wesen eine Präferenz des Überlebens hat. – Ein totes Wesen (welches auch immer) kann keine Lust mehr empfinden und daher ist es falsch, es zu töten.
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Helmuth Zikuda, 2007, Der Utilitarismus und seine möglichen Auswirkungen auf ethisches Handeln in einer globalisierten Welt, Munich, GRIN Publishing GmbH
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