Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Beginn der Kreuzzugspogrome 2
3. Jüdische Wirtschaftsweise 3
4. Ursachen der Judenpogrome 4
5. Quellenbeispiele im Vergleich 6
5.1. Pro und Contra der christlichen Chronisten 6
5.2. Jüdische Sichtweise 8
6. Ergebnis und Ausblick 12
7. Quellen und Literatur 14
7.1. Quellen 14
7.2. Literatur (Auswahlbibliographie) 14
8. Karte 17
9. Abbildungen 18
2
1. Einleitung
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den Judenverfolgungen während des Ersten Kreuzzuges 1 und speziell mit den Zusammenhängen zwischen den Kreuzzugspogromen und der jüdischen Ökonomie. Die allgemeine geographische Abgrenzung ist durch das Gebiet des Romanum Imperium gegeben, wobei der rheinische Raum als Zentrum der Verfolgungen in den Mittelpunkt dieser Arbeit gestellt wurde.
Die Quellenlage zu diesem Thema ist quantitativ durchaus geeignet, um einer ausführlichen Studie die notwendige Quellenbasis zu bieten. Allerdings ergänzen sich die Kreuzzugschronisten nicht nur, sondern weichen in ihren Darstellungen teilweise stark voneinander ab, je nachdem, ob sie den Kreuzzugsaufruf allgemein positiv oder negativ bewerteten. Dies wird in der weiteren Untersuchung noch deutlich hervortreten. Die Judenpogrome während des 11. und 12. Jahrhunderts finden in den zahlreichen allgemeineren Kreuzzugsmonographien nur am Rande Erwähnung. 2 Deshalb ist es notwendig im Rahmen dieser Arbeit in die Problematik der Kreuzzugspogrome und in die laufende Diskussion über die Verbindung von jüdischer Wirtschaft und christlicher Verfolgung einzuführen. Besonders Michael Toch hat sich mit dieser Kontroverse beschäftigt und ist zu einem nicht unumstrittenen Ergebnis gelangt, dass als Ausgangspunkt der Untersuchung dienen soll. Er ist der Meinung, dass kein Zusammenhang zwischen der wirtschaftlichen Tätigkeit der Juden und den Verfolgungen vom Ersten bis zum Dritten Kreuzzug erkennbar ist. 3
2. Beginn der Kreuzzugspogrome
Schon im Frühmittelalter hatten sich in den großen rheinischen Bischofsstädten Mainz, Köln, Worms, Speyer und weiteren Handelszentren der Region Juden niedergelassen. 4 Durch die örtlichen Stadtherren und den Kaiser mit Privilegien 5 u. a. zum Schutz von Leben und Eigentum, zur freien Ausübung von Geschäften und dem entscheidenden Verbot der
1 Hierbei wird in den Begriff Erster Kreuzzug der sogenannte Volkskreuzzug impliziert.
2 Jaspert, N.: Die Kreuzzüge. Darmstadt 2003; Mayer, H. E.: Geschichte der Kreuzzüge. 9. Aufl. Stuttgart,
Berlin, Köln 2000; Riley-Smith, J.: Die Kreuzzüge. Kriege im Namen Gottes. Freiburg, Basel, Wien 1999;
Ders.: Großer Bildatlas der Kreuzzüge. Freiburg 1992; Runciman, S.: Geschichte der Kreuzzüge. München
2001; Waas, A.: Geschichte der Kreuzzüge. Freiburg 1956; u. a.
3 Toch, M.: Wirtschaft und Verfolgung: Die Bedeutung der Ökonomie für die Kreuzzugspogrome des 11. und
12. Jahrhunderts. In: Haverkamp, A. (Hrsg.): Juden und Christen zur Zeit der Kreuzzüge. Bd. 47. Sigmaringen
1999, S. 253-285.
4 Siehe Karte S. 17.
5 Beispiel siehe Abb. 1, S. 18.
3
Zwangstaufe ausgestattet 6 , konnten die jüdischen Gemeinden am Wirtschaftsleben der Rheinmetropolen teilhaben und erheblich zu dessen Aufschwung beitragen. 7 Die jüdische Kultur und Lebensweise konnte sich in vielen Städten lange Zeit entfalten, ohne dass es zu größeren Auseinandersetzungen mit den christlichen Mitbürgern kam. Das heißt aber nicht, dass es vor dem ökonomischen Erstarken der jüdischen Rheingemeinden keine Anzeichen des Antijudaismus in der lateinischen Christenheit gegeben hat. Allerdings wurden erst durch die Kreuzfahrer aus vereinzelten spontanen Übergriffen konkret geplante Judenverfolgungen im großen Maße.
Durch Wanderprediger, wie dem Eremit Peter von Amiens 8 , einem gewissen Folkmar 9 und Gottschalk verbreitete sich der Kreuzzugsaufruf Urbans II. entgegen seiner ursprünglichen Absicht unter der meist armen, bäuerlichen Bevölkerung und es sammelten sich in Nordfrankreich, Belgien und dem Rheinland große Scharen. 10 Dieser erste Bauern- oder besser Volkskreuzzug brach in mehreren Gruppen bereits vor dem eigentlichen Starttermin, dem 15. August 1096 nach Jerusalem auf. Unter der Führung kleiner Adliger, wie Walter ohne Habe (Sans-Avoir), Wilhelm von Melun und Emicho von Flonheim oder Leiningen 11 stürmten diese Haufen, im Gegensatz zu den gut organisierten Ritterheeren, die Judenviertel vieler rheinischer Städte und ermordeten Kinder, Frauen und Männer. Von diesen Ereignissen berichten sowohl christliche, als auch jüdische Chroniken. Eine Auswahl dieser soll im Weiteren näher beleuchtet und verglichen werden 12 , um anhand der Quellen mögliche Indizien nicht nur für eine religiöse, sondern auch ökonomische Motivation der Pogrome herauszufiltern.
3. Jüdische Wirtschaftsweise
Die Juden des frühen Hochmittelalters waren nicht nur Kaufleute und Händler. Unter ihnen waren auch Handwerker, Ackerbürger, Ärzte und Gelehrte. 13 Allerdings können sie nicht als Grundherren oder Bauern eingestuft werden, weil die mittelalterliche feudale
6 Beispielhaft hierfür ist das umfangreiche Privileg Heinrichs IV. vom 19. Februar 1090 für die Juden von
Speyer. Nachzulesen in: Hartmann, W. (Hrsg.): Deutsche Geschichte in Quellen und Darstellung 1: Frühes und
hohes Mittelalter 750-1250. Stuttgart 1995, S. 313.
7 Wie das von Schubert, K.: Jüdische Geschichte. 4. Aufl. München 2001, S. 40 erwähnte Beispiel das Bischofs
Rüdiger von Speyer zeigt.
8 Zur Anschaulichkeit, aber ohne historische Grundlage siehe Abb. 3, S. 19.
9 Folkmar = Dietmar (?), Folker von Orléans (?).
10 Vgl. Abb. Titelblatt.
11 Nach Zöllner, W.: Geschichte der Kreuzzüge. 5. Aufl. Berlin 1987, S. 56 war der Graf von Leiningen sogar
ein Verwandter des später noch entscheidenden Erzbischofs von Mainz.
12 Frutolf von Michelsberg, Albert von Aachen, Elieser bar Nathan und Salomo bar Simeon.
13 Roth, C.; Wurmbrand, M.: Das Volk der Juden. Eine Universalgeschichte. Frechen 2001, S. 145.
4
Gesellschaftsordnung Nichtchristen grundsätzlich ausgrenzte. Mit dem Aufkommen der Geldwirtschaft und der Ausdehnung des Fernhandels 14 erfreuten sich die Juden trotz des kirchengesetzlichen Antijudaismus eines starken ökonomischen Aufschwunges. Einer der Gründe warum die Juden mit dem Handel viel Geld verdienten, waren wohl gerade die zahlreichen Verfolgungswellen, durch die sie bereits seit 70 n. Chr. in die gesamte Diaspora vertrieben wurden. Dadurch besaßen sie internationale Verbindungen, beherrschten orientalische Sprachen und konnten bei den weit verstreut lebenden Glaubensgenossen günstige Handelskredite aufnehmen. Die Geschichtsforschung hat aber herausgestellt, dass von einem Handelsmonopol der Juden nicht ausgegangen werden kann. 15 Die Juden im Rheingebiet trieben vor allem eine Art Zwischenhandel, indem sie von jüdischen und nichtjüdischen Händlern meist teure Waren, wie Pelze, Seide, Edelmetalle, Arzneien, Kräuter und Farbstoffe erwarben, um diese an die städtischen Oberschichten weiterzuveräußern. Allerdings mussten zuvor große Geldsummen für den Ankauf der Handelsgüter bereitgestellt werden. Somit prosperierte der christlicherseits verachtete Geldhandel. Vor allem auf kleine, kurzfristige und deshalb mit einem sehr hohen Zinssatz und Pfand belegte Kredite 16 konnten Juden eine oft verhängnisvolle Oligopolstellung erringen, da sie nicht an das biblische Zinsverbot gebunden waren. 17
Aufgrund der wirtschaftlichen Potenz der jüdischen Gemeinden waren sowohl weltliche als auch geistliche Fürsten bis hin zum Kaiser an ihren finanziellen Möglichkeiten interessiert und boten im Gegenzug die im zweiten Abschnitt genannten Privilegien.
4. Ursachen der Judenpogrome
Um die zentrale Frage nach den Zusammenhängen zwischen der jüdischen Wirtschaft und den Verfolgungen beantworten zu können, müssen die Gründe für das inhumane und barbarische Vorgehen der ersten Volkskreuzfahrer erschlossen werden. Wie lässt sich ein solches Verhalten erklären, wenn wie oben geschildert Christen und Juden lange Zeit friedlich miteinander auskamen.
14 Vgl. Abb. 2, S. 18.
15 Johanek, P.: Der fränkische Handel der Karolingerzeit im Spiegel der Schriftquellen. In: Düwel, K. (Hrsg.):
Untersuchungen zu Handel und Verkehr der vor- und frühgeschichtlichen Zeit in Mittel- und Nordeuropa. Teil 4:
Der Handel der Karolinger- und Wikingerzeit. Göttingen 1987, S. 60; Siems, H.: Handel und Wucher in
Frühmittelalterlichen Rechtsquellen. München 1992; Sprandel, R.: Gewerbe und Handel 900-1350. In: Aubin,
H.; Zorn, W.: Handbuch der deutschen Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Stuttgart 1971, S. 204-207.
16 Siehe Abb. 4, S. 19.
17 Toch: Wirtschaft und Verfolgung, S. 262-263.
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Zwei Hauptursachen lassen die Quellen 18 erkennen: erstens ökonomische und zweitens religiöse. Erstens handelte es sich größtenteils um mittelose Kreuzfahrer, aus dem niederen Adel, sowie der städtischen und ländlichen Mittel- und Unterschichten, die alleine schon aufgrund der unzureichenden Organisation dazu bereit oder gezwungen waren, sich Wegproviant durch Mord und Plünderungen zu beschaffen. Die reichen jüdischen Gemeinden waren deshalb eine lukrative Finanzierungsquelle für den kostenintensiven Kreuzzug. Darüber hinaus konnten sich viele Stadtbürger gleichzeitig der jüdischen Konkurrenz entledigen und ihre Schuldtitel beseitigen. 19 Allgemeine Zustimmung fanden die Pogrome ebenso durch die Fanatisierung breiter Bevölkerungsteile, die in den letzten beiden Jahren schwere Missernten, Hunger und existenzielle Not erlitten hatten, während die jüdischen Handelsgeschäfte mit teuren Waren für die reichen städtischen Oberschichten florierten. Habgier und Neid kann das unglaubliche Ausmaß an Gewalt aber nicht ausreichend erklären. So gegenteilig es klingen mag, aber die Plünderer und Mörder sahen ihre Handlungen als Teil des heiligen Krieges im Namen Gottes. Der Aufruf des November 1095 zur Befreiung Jerusalems schlug einen ungewollten Bogen zu den Juden. Auch den theologisch kaum gebildeten Massen muss bekannt gewesen sein, wer für den Tot Jesus Christus verantwortlich gemacht wurde. Die Kreuzfahrer fragten sich verständlicherweise, warum sie den langen und beschwerlichen Weg ins Heilige Land auf sich nehmen müssten, um die Feinde Gottes zu bekämpfen, wenn doch vor der eigenen „Haustür“ der „Nahfeind“ Jude bekehrt oder getötet werden könnte. 20 Durch die Rache an den Nachkommen der Jesusmörder sollte ein gottgefälliges Werk unternommen werden, das schließlich sogar mit dem Ablassversprechen verbunden wurde. 21 Hierbei spielte der Bekehrungseifer vieler Christen eine entscheidende Rolle, wobei den Juden zwischen „Tod oder Taufe“ keine große Wahl gelassen wurde. Schließlich dürften die machtpolitischen Verhältnisse dieser Zeit, die Judenverfolgungen begünstigt haben. Kaiser Heinrich IV. wurde durch die Auseinandersetzungen mit Welf II. von 1090 bis 1097 der Zugang zu den nordalpinen Reichsteilen versperrt. Sein Aufenthalt in Oberitalien während der Monate des Durchzugs der Kreuzfahrerscharen führte zu einem
18 Näheres unter 5. Quellenbeispiele im Vergleich.
19 Armanski, G.: Es begann in Clermont: Der Erste Kreuzzug und die Genese der Gewalt in Europa.
Pfaffenweiler 1995, S. 105.
20 Guibert de Nogent: De vita sua. II,5, ed. von Labande, E. R., Paris 1981, S. 246.
21 Durch die mündliche Überlieferung des Ablassversprechens „sola devotione“ Urbans II. wurde schnell aus
dem Erlass der hiesigen Sündenstrafen eine „remissio peccatorum“, die auch auf den Kampf gegen die Juden
bezogen wurde.
Arbeit zitieren:
Magister Artium Christian Hall, 2004, Der Zusammenhang zwischen Ökonomie und Verfolgung der Juden während der Pogrome des Ersten Kreuzzuges 1096, München, GRIN Verlag GmbH
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