1 Einleitung. 1
2 Informationsverarbeitung und Erinnerung 3
3 Framing. 7
4 Veränderung der Erinnerung durch mediales Framing. 10
4.1 Aktivierung von Schemata 10
4.2 Transformation von Schemata 12
4.3 Faktoren der Schema- Transformation. 17
5 Probleme der Schema- Theorie 26
6 Mögliche Alternativen zur Schema- Theorie 28
7 Fazit. 31
8 Literaturliste 33
1 Einleitung
Der Prozess des Erinnerns ist uns allgegenwärtig. Alles, was wir erleben, wird in unserem Gedächtnis gespeichert und lässt uns jederzeit auf unsere Erlebnisse zurückgreifen, so meint man. Doch wenn man genauer hinsieht, stellt man schnell fest, dass unsere Erinnerung wohl doch nicht so gefestigt ist, wie man meistens denkt. Vielen Menschen fällt es schon schwer, sich zu erinnern, was sie vor einigen Tagen gemacht haben, wenn nichts Besonderes passiert ist. Kaum jemand ist in der Lage, darüber Auskunft zu geben, was sich an einem beliebig herausgegriffenen Tag vor längerer Zeit ereignet hat. Aber auch besondere Ereignisse hinterlassen keine bleibenden Erinnerungen. Zuerst verschwimmen die faktischen Umstände, wie Datum, Uhrzeit, oder Wochentag, dann immer weitere Details. Mit der Zeit bleiben nur die zentralen Bestandteile eines Erlebnisses bestehen. Mit etwas Hilfe können wir jedoch unser Gedächtnis auffrischen und ein Erlebnis rekonstruieren, z.B. inhaltlich im Gespräch mit Freunden oder zeitlich mit einem Kalender. So gelingt es, Erinnerungsbilder neu zu beleben, da wir an Details erinnert werden, die dem eigenen Gedächtnis entschwunden waren, die aber an irgendeinem Punkt mit dem ursprünglichen Erlebnis verknüpft sind, das daraufhin wieder in unser Gedächtnis tritt. Auch wenn wir Medien konsumieren, werden wir ab und zu an eines unserer zahlreichen Erlebnis erinnert. Doch wer sagt, dass uns unsere Erinnerung nicht täuscht? Dass wir uns möglicherweise an Details erinnern, die gar nicht stattgefunden haben, weil wir durch diese externen Informationen unser Erlebnis anders rekonstruieren, als es sich tatsächlich zugetragen hat? An dieser Stelle kommt die Forschungsfrage dieser Bachelor- Arbeit ins Spiel: Ist es möglich, dass durch Medienberichte, also durch mediales Framing, die eigene Erinnerung an Ereignisse, die man selbst miterlebt hat, beeinflusst und verzerrt wird? Diese Fragestellung wurde bisher weder in der Kommunikationswissenschaft allein noch in Verbindung mit anderen Sozialwissenschaften wie der Psychologie behandelt, obwohl laut Matthes das Framing- Konzept in den letzten zehn Jahren in verschiedenen sozialwissenschaftlichen Forschungsdisziplinen wie Soziologie, Politikwissenschaft, Psychologie und ebenso in der Kommunikations- und Medienwissenschaft deutlich an Popularität gewonnen hat, da der Framing- Ansatz ein äußerst interdisziplinäres und zerstreutes Forschungsfeld ist. Die Hauptschwierigkeit eines einheitlichen Zugriffs liegt nicht nur in der Beteiligung so vieler unterschiedlicher Wissenschaftsdisziplinen, sondern speziell in der Kommunikationswissenschaft auch
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darin begründet, dass es hier nochmals unterschiedliche Forschungsobjekte undzweige gibt (Matthes, 2007: 19). Bertram Scheufele benennt drei Hauptstränge der Framing- Forschung: Die Kommunikatorperspektive, die öffentlichkeitstheoretische Perspektive und die wirkungszentrierte Perspektive (Scheufele, 2004: 31). Das Thema dieser Bachelor- Arbeit lautet „Verzerrte Wahrnehmung“ und behandelt eben diese Frage, wie mediales Framing die Erinnerung eines Rezipienten an ein Ereignis beeinflusst, das er selbst miterlebt hat. Insofern bezieht sie sich klar auf die wirkungszentrierte Perspektive der Framing- Forschung. Das Thema überschneidet sich mit der Kognitionspsychologie, die sich unter anderem damit beschäftigt, wie das menschliche Gehirn funktioniert und wie Erinnerungen generiert und abgerufen werden. Zur Erklärung dieser Sachverhalte ist in der Psychologie seit langem die Schema- Theorie ein bewährtes und populäres Konstrukt, das auch in die Medienwirkungs- und in damit in die Framing- Forschung Einzug gehalten hat und als theoretischer Unterbau dieser Arbeit dienen soll, natürlich nicht ohne auf ihre Schwächen hinzuweisen und andere theoretische Überlegungen einfließen zu lassen. Im ersten Teil dieser Bachelor- Arbeit wird es darum gehen, wie gemäß der Schema-Theorie Informationen im Gehirn verarbeitet und gespeichert, sowie Erinnerungen abgerufen werden. Daraufhin wird erläutert, was mediales Framing bedeutet. Im dritten Teil werden beide Forschungsbereiche systematisch zusammengeführt und die Frage behandelt, ob und unter welchen Umständen mediales Framing tatsächlich die Erinnerung an real erlebte Ereignisse verzerren kann. In einem kurzen Abschnitt werden dann die Schwächen der Schema- Theorie dargelegt, die zweifelsohne vorhanden sind, sowie kurz andere mögliche theoretische Konstrukte der Informationsverarbeitung behandelt, um schließlich zu einem Fazit und Ausblick zu kommen.
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2 Informationsverarbeitung und Erinnerung
Um zu erläutern, wie Erinnerungen verändert werden, ist es zunächst vonnöten, zu klären, wie Informationen verarbeitet werden und wie Erinnerungen überhaupt entstehen. Die Grundtheorie zu diesen Sachverhalten soll in dieser Arbeit die Schema- Theorie darstellen, die aus der Psychologie stammt und laut Matthes bereits in den 1980er Jahren ihren Weg in die kognitiv orientierte Medienwirkungsforschung gefunden hat (Matthes, 2004: 545). Sie bezieht sich damit auf das passende Forschungsfeld und gilt hier als bewährtes Erklärungsmodell. Zudem ist sie mit der Framing- Theorie, um die es später noch gehen wird, äußerst kompatibel, nicht zuletzt finden sich schema- theoretische Überlegungen wie in zahlreichen kommunikationswissenschaftlichen Forschungsgebieten auch in der bisherigen Framing- Forschung, z.B. bei Scheufele (2003). Doch was besagt die Schema- Theorie genau?
Laut Matthes hängen gemäß der Schema- Theorie die Aufnahme und Verarbeitung von Informationen kurz gesagt von „erlernten, relativ stabilen kognitiven Wissensstrukturen, so genannten Schemata“ (Matthes, 2004: 545) ab. Sobald ein Schema einmal erworben wurde, wirkt es meist unbewusst und hat maßgeblichen Einfluss auf die Aufnahme von Informationen und die Interpretation von Erinnerungen, da es diese Prozesse strukturell ordnet und auch inhaltlich prägt (Neumann, 2005: 26). „Ein erworbenes Schema ist eine relativ stabile, gegen Vergessensprozesse vergleichsweise resistente Wissensstruktur, die Wahrnehmungen und Handlungen leitet und es gestattet, Bekanntes und Unbekanntes, Erwartetes und Unerwartetes kognitiv zu integrieren.“ (Kölbl & Straub, 2001: 520 zit. gem. Neumann, 2005: 26). Auf diese Weise wirken Schemata der Gefahr entgegen, dass man sich in neuen Erfahrungen „hoffnungslos verirrt“ (Grossmann, 2002: 107, zit. gem. Neumann, 2005: 36).
Der Begriff „Schema“ wurde erstmals von Bartlett (1932) eingeführt. Er untersuchte die Erinnerungsleistung von Versuchspersonen, indem er sie eine indianische Volkssage reproduzieren ließ. Dabei stellte er fest, dass die Genauigkeit der Wiedergabe eher die Ausnahme als die Regel war. Die Versuchspersonen schienen den Stoff stärker zu rekonstruieren, als ihn wirklichkeitsgetreu zu erinnern. Zahlreiche Details wurden weg gelassen, stattdessen verzerrten die angeblichen „Erinnerungen“ die Sage gemäß den Erwartungen der Versuchspersonen (Norman,
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1973: 179). Aus diesen Ergebnissen schloss Bartlett auf generische Wissensstrukturen, so genannte Schemata, die für die „Fehler“ in der Rekonstruktion verantwortlich seien (Matthes, 2004: 546). Eine relativ aktuelle Definition charakterisiert Schemata folgendermaßen: „A schema is a structured cluster of concepts; usually it involves generic knowledge and may be used to represent events, sequences of events, percepts, situations, relations and even objects.“ (Eysenck & Keane, 2002: 252 zit. gem. Matthes, 2004: 546) Matthes vergleicht Schemata mit Schubladen: Prinzipiell gibt es für jede Situation, jedes Objekt usw. eine Schublade. Im Prozess der Informationsverarbeitung werden eine Schublade und alle mit ihr verknüpften Schubladen geöffnet, um die Information einzuordnen. Wird die Information nicht verstanden, bleiben alle Schubladen geschlossen. Es können jedoch auch neue Schemata gebildet oder alte verändert werden. Schemata sind also vorstrukturierte, relativ stabile Wissenspakete, die bei der Informationsverarbeitung entweder vollständig oder gar nicht aktiviert werden. Im Prozess der Informationsverarbeitung gibt es zwei Stellen, an denen Schemata relevant sind: Wenn eine Information verarbeitet werden soll, wird zunächst das Schema identifiziert, welches am besten zur der Information passt. Diese Phase der Schema-Identifikation wird als datengeleitet, in der Psychologie als „bottom-up“, bezeichnet. Ob und wie die Information verstanden und eingeordnet wird hängt davon ab, welches Schema identifiziert wird. Dann steuert ein einmal identifiziertes Schema die Verarbeitung der kommenden Information und auch die Aktivierung verknüpfter Schemata. Diese Phase entspricht der konzeptgesteuerten „top-down“ Informationsverarbeitung und stellt den Kernbereich der Schema- Theorie dar. Schemata weisen eine pyramidale Struktur auf, das heißt es gibt über- und untergeordnete Schemata, die miteinander durch ein Netz von Assoziationen verbunden sind (Matthes, 2004: 547). Hierzu ein Beispiel: Ein Rezipient liest eine Meldung über einen Gewaltakt. Die ersten Worte aktivieren das Vorwissen des Rezipienten und identifizieren die zum Thema „Gewaltakt“ gehörenden Schemata. Die weitere Lektüre, also die Einordnung und die Interpretation weiterer Informationen, erfolgt dann schema- geleitet. Nun kann es vorkommen, dass der Rezipient möglicherweise einige Aspekte der Meldung nicht wahrnimmt, da sie seinem Schema nicht entsprechen. Er hat den Gewaltakt vielleicht sofort intuitiv unter dem Schema „fremdenfeindlicher Anschlag“ eingeordnet, obwohl die Meldung im späteren Verlauf einen Hinweis enthält, dass ein solcher Hintergrund nicht erwiesen sei. Daher erwartet er möglicherweise aufgrund seiner aktivierten Schemata
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etwas, das gar nicht in der Meldung vorkommt, etwa Molotow- Cocktails als Tatmittel (Wicks, 1992: 121f. zit. gem. Scheufele, 2003: 14). Damit erfüllen Schemata mehrere Funktionen: Sie entlasten das Informationsverarbeitungssystem, da nicht jeder Stimulus neu verarbeitet werden muss, sondern auf Schemata zurückgegriffen werden kann, was die Einordnung der Information erleichtert. Zudem strukturieren Schemata Erfahrungen. Diese Funktion stellt den ersten Zusammenhang von Schemata und Erinnerung dar, denn diese strukturierende Funktion ist die Basis für schema- induzierte Erinnerungsleistungen. Schemarelevante Informationen werden schneller und einfacher erinnert als schemairrelevante Informationen. Somit kann es sein, dass Teilinformationen, die nicht in ein Schema eingeordnet werden können, bei der Erinnerung unter den Tisch fallen. Schemata sind allerdings nicht nur für Erinnerungslücken, sondern auch für Ergänzungen verantwortlich: Personen fügen systematisch Informationen hinzu, die nicht Teil des ursprünglichen Stimulus sind. Hier kommt der von Minsky (1975) geprägte Begriff der „Default Options“, also der Standardwerte, ins Spiel (Matthes, 2004: 547). Minsky geht davon aus, dass Schemata Leerstellen, so genannte „slots“, enthalten, die Variablen darstellen, die durch Merkmale der konkreten Situation belegt werden. Diese Leerstellen können Informationen darüber enthalten, welche Eigenschaften ihre Belegungen haben sollen. Im einfachsten Fall finden sich hier einfache Merkmale oder ein Merkmalsbereich, z.B. dass etwas teuer, normal oder billig sein muss. In komplexeren Fällen können die Leerstellen jedoch auch Verweise auf andere Schemata enthalten. Die „slots“ enthalten Beschreibungen über typische Belegungen, lassen aber Abweichungen bis zu einem gewissen Grad zu und sind daher sehr variabel bei der Anwendung auf konkrete Situationen. (Waldmann, 1990: 9). Im Schema für einen Restaurant- Besuch gibt es z.B. Leerstellen für typische Akteure wie den Gast, den Kellner und den Koch und Objekte wie Tische, Speisekarten und Speisen (Schwarz, 1985: 3).
Wenn nun jedoch beim Abgleich von Stimulus und Schema ein für das Schema wichtiges Element nicht enthalten ist, werden Standardwerte eingesetzt, wie sie dem Schema eigentlich entsprechen würden. Würde man z.B. einer Versuchsperson einen Arzt beschreiben, könnte es sein, dass sie bei der Reproduktion der Beschreibung einen weißen Kittel erwähnt, obwohl dieser nicht Teil der ursprünglichen Beschreibung war. Derartige Ergänzungen ermöglichen eine sinnvolle Kontextualisierung von Informationen und sind für die dritte Funktion von Schemata verantwortlich, die Ergänzungsfunktion (Matthes, 2004: 547).
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Timo Wittner, 2008, Verzerrte Wahrnehmung - Wie mediales Framing die Erinnerung an real erlebte Ereignisse beeinflusst, München, GRIN Verlag GmbH
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