Gliederung
1. Einleitung. - 2 -
2. Die dritte Szene: Plato Único - 3 -
2.1 Der Spannungsbogen in Plato Único - 3 -
2.2 Die Doppelmoral der franquistischen Gesellschaft
am Beispiel der Figur des Don Cosme - 4 -
2.2.1 Historischer Kontext des Plato Único. - 4 -
2.2.2 Die Lüge des Plato Único und das Motiv des Hungers
anhand der Figuren Jenaro und Benigna - 6 -
2.2.3 Der Ehebruch eines ordentlichen Bürgers - 8 -
3. Fazit - 11 -
4. Literaturverzeichnis - 13 -
- 1 -
1. Einleitung
Der populäre Dramatiker José Sanchis Sinisterra ist einer der meist prämierten Autoren des zeitgenössischen spanischen Theaters. 1940 geboren, hat der Theaterautor den Bürgerkrieg und auch die schweren Jahre der Nachkriegszeit nicht mehr bewusst miterlebt. Die Erinnerungen, die im Theaterstück Terror y miseria en el primer franquismo verarbeitet werden, hat er sich durch betreffende Literatur sowie durch Gespräche mit Verwandten und Freunden sozusagen angeeignet, die die schreckliche Zeit der Repression, Hungersnot und Armut durchmachen mussten. Mit dem Terminus primer franquismo ist vor allem die Zeit zwischen dem Triumph von Francos Militärputsch 1939 und dem 1953 geschlossenen Militärabkommen mit den USA gemeint. Verschiedene Faktoren standen zu jener Zeit im Fokus des Interesses: Von 1939 bis 1945 war ein von der Falange geprägter Staat, der sich wirtschaftlich selbst versorgte, das Hauptziel. In den Folgejahren lag das Hauptaugenmerk auf der politischen Isolation als größtes Problem Spaniens. Auch um die weltliche Akzeptanz musste Francos diktatorischer Staat lange kämpfen: erst ab 1948 wurde er international anerkannt. 1
Genau in diesen Zeiträumen spielt das für meine Hausarbeit im Zentrum stehende Theaterstück Terror y miseria en el primer franquismo, genauer gesagt zwischen 1939 und 1949. Der Titel wie auch der spezielle Aufbau, das heißt die voneinander unabhängigen Szenen, sind in Anlehnung an Berthold Brechts Terror y miseria del Tercer Reich entstanden, das sich mit dem schwierigen Alltag im nationalsozialistischen Hitler-Deutschland auseinandersetzt. 2 Terror y miseria en el primer franquismo besteht aus einer lockeren Folge von neun kurzen Schauspielen, die die Lebensbedingungen sowie die Überlebensstrategien verschiedener Menschentypen in den Jahren nach dem spanischen Bürgerkrieg, das heißt in der Anfangszeit der Franco-Ära, thematisieren. Den Schwerpunkt meiner Hausarbeit habe ich auf die Untersuchung der dritten Szene dieses Theaterstückes gelegt. Dabei beginne ich mit der Beschreibung des Spannungsbogens in der Szene Plato Único. Anschließend wird die im Stück dargestellte Doppelmoral der franquistischen Gesellschaft am Beispiel der Figur des Don Cosme untersucht.
1 Vgl. Sánchez Jiménez, Santiago U. (2003): ,,Ideología del Primer Franquismo”. In: Teatro del Común (Hg.):
Terror y miseria en el primer franquismo de José Sanchis Sinisterra. Cuaderno pedagógico. Madrid: Teatro del
Común, S. 11f.
2 Vgl. Sanchis Sinisterra, José (2003): ,,Una propuesta del autor”. In: Teatro del Común (Hg.): Terror y miseria
en el primer franquismo de José Sanchis Sinisterra. Cuaderno pedagógico. Madrid: Teatro del Común, S.9.
- 2 -
Zunächst durchleuchte ich den historischen Kontext, in dem Plato Único spielt. Im Folgenden verdeutliche ich die Doppelmoral der franquistischen Gesellschaft mit Zusammenhang mit dem Thema der Hungersnot anhand den Figuren Benigna und Jenaro sowie anhand der Lüge des Don Cosme bezüglich des Plato Único. Im weiteren Verlauf wird die Doppelmoral durch ein weiteres Beispiel anhand der Figur des Don Cosme demonstriert, nämlich durch den Ehebruch dieses äußerlich rechtschaffenen Bürgers. Im abschließenden Fazit soll geklärt werden, inwiefern die Doppelmoral der franquistischen Gesellschaft durch die Themen des Hungers und des Ehebruchs in der Szene Plato Único in José Sanchis Sinisterras Theaterstück Terror y miseria en el primer franquismo verdeutlicht werden.
Die Szene Plato Único spielt an einem Dienstagabend in der Elektrikwerkstatt Cosmes. Neben Cosme gestalten zwei weitere Figuren das Geschehen: sein Lehrling Jenaro und dessen Mutter Benigna, die außerdem Cosmes Geliebte ist und erst gegen Ende der Szene auftritt. Typisch für das geschlossene Drama gliedern sich die Geschehnisse in drei Etappen: die Exposition, den Wende- beziehungsweise Höhepunkt und die Lösung. 3 Im Folgenden werden diese am Text festgemacht.
Begonnen wird das Drama durch einen einleitenden Nebentext, der kurz die Räumlichkeiten und die anwesenden Figuren beschreibt sowie Regieanweisungen gibt. Im Hinterraum des Geschäfts, wo sich die Handlung abspielt, sitzt Jenaro und bemalt das neue Ladenschild für seinen Meister. Zunächst unterhalten sich die beiden über das Schild; dann bittet der junge Mann seinen Chef um einen Vorschuss, woraufhin dieser ihn auf den Zahltag - Samstag - verweist. Ferner thematisiert er den Tag des Plato Único, der dienstags abgehalten und von ihm selbst auch eingehalten wird.
Überdies fällt das Gespräch auf Jenaros Mutter, die ebenfalls für Cosme und seine Frau arbeitet. Nach und nach baut sich durch die Gespräche des Lehrlings und seinem Meister sowie durch die prekären Thematiken der typische Spannungsbogen des geschlossenen Dramas auf. Als Benigna plötzlich in den Laden tritt, wird die
3 Vgl. Stenzel, Hartmut (2005): Einführung in die spanische Literaturwissenschaft. 2.Auflage, Stuttgart: V.B.
Metzler Verlag, S.57-67.
- 3 -
Anspannung noch deutlicher. Um den Jungen aus dem Konflikt zwischen ihnen herauszuhalten und damit er nicht hinter das Geheimnis ihrer Affäre kommt, wird er zunächst in einen Laden geschickt, um Terpentin zu holen. Als er zurückkommt ist der Höhepunkt der Szenerie erreicht, da Benigna gerade angedeutet hatte, dass sie nicht schweigen würde, woraufhin Cosme mit den Worten İPues qué coño has hecho! 4 förmlich in die Luft ging. Jenaro bekommt von alldem nichts mit und wird sofort wieder an die Arbeit geschickt. Benigna weist im Folgenden die Annäherungsversuche Cosmes zurück, da einerseits ihr Sohn in der Nähe ist und die Gefahr besteht, dass er die Untreue Cosmes aufdecken könnte, und sie andererseits auch ihre Forderungen an den Werkstattbesitzer durchsetzen möchte. Letzen Endes stellt Benigna seine ganzen Lügen bloß, sagt ihm, dass sie sich nicht für dumm verkaufen lässt und dass Jenaro fortan als Messdiener arbeiten wird. Gemeinsam verlassen sie das Geschäft, was als Auflösen der Spannung des Dramas zu sehen ist.
2.2 Die Doppelmoral der franquistischen Gesellschaft am Beispiel
Historisch gesehen ist der Szenentitel Plato Único auf die Zeit der Repression unter Franciso Franco zurückzuführen. Ausgangspunkt seiner Diktatur war sein Putsch gegen die wenige Monate zuvor noch demokratisch gewählte, republikanische Regierung Spaniens. Von 1939 bis zu seinem Tod 1975 war er Staatschef von Spanien und regierte das Land nach dem Sieg der Aufständischen im Spanischen Bürgerkrieg 1939 bis zu seinem Tod in einer Diktatur. Nach dem Bürgerkrieg sah sich Franco mit zunehmenden politischen und sozialen Spannungen konfrontiert. Spanien war wirtschaftlich am Boden, verwüstet und bankrott. Es herrschte große Armut und Lebensmittelknappheit unter der Bevölkerung. Dadurch dass Spanien außenpolitisch relativ isoliert war, war von anderen Ländern keine Unterstützung zur Verbesserung des Lebensstandards beziehungsweise des Existenzniveaus zu erwarten. Dementsprechend wurden 1939 die Lebensmittel rationiert und Lebensmittelkarten eingeführt und mussten die nächsten dreizehn Jahre lang genutzt
4 Sanchis Sinisterra, José (2003): Terror y miseria en el primer franquismo. Madrid: Cátedra, S.107.
- 4 -
werden. 5 Francisco Gómez Hernández und Ana Vázquez Souto geben in ihrem Text ,,El franquismo doméstico” ein Beispiel zu der Menge einer typischen Ration an Lebensmitteln für eine Person: ein Deziliter Öl, 30 Gramm Kaffee, 100 Gramm Zucker, 50 Gramm Linsen sowie 75 Gramm Stockfisch. Das ist für eine erwachsene Person extrem wenig, zumal viele arbeiten gingen und man gerade bei körperlicher Anstrengung viele Kalorien verbrennt. Um nicht auf Dauer ausgehungert zu sein und letzten Endes an Unterernährung zu sterben, brauchten die Menschen mehr als diese Miniportion an “Nachschub“. Um mehr Nahrungsmittel beziehungsweise auch andere, die im Normalfall durch die Karten nicht zu bekommen waren, zu ergattern, konnte man sich zu dem gut laufenden Schwarzmarkt begeben, der aufgrund der hohen Preise jedoch vorrangig von den reicheren Leuten getragen wurde. Selbst unverzichtbare Erzeugnisse wurden nur zu weit höheren Preisen als den gewohnten angeboten. Dennoch war der Schwarzmarkt lebensrettend für seine Händler wie auch für den Rest der Bevölkerung. Eine andere Möglichkeit zur Nahrungsbeschaffung war der Schmuggel auf Reisen: Die Zugfahrer hatten dabei zusätzlichen Gewinn: vor den Bahnhöfen fuhren sie langsamer und die Leute, die ihn dafür bezahlt hatten, sprangen mit ihren Bündeln und Säcken voller Lebensmittel ab und rannten außer Sichtweite. So beschafften aber eher die Schwarzmarkthändler als Privatpersonen ihre Waren. 6
Um das Problem der Armut und der Unterversorgung an Essen, an dem das spanische Volk litt, zu entschärfen, wurde am 30. Oktober 1936 ein Erlass verordnet, in dem alle Restaurants, Hotels sowie öffentlichen Einrichtungen dazu angehalten wurden, jeweils am 1. und 15. des Monats nur einen plato único, das heißt einen einzigen Gang zu servieren. Fünfzig Prozent der Summe jedes solchen verkauften musste an wohltätige, soziale Hilfsorganisationen abgetreten werden. Ab dem 16. Juni 1938 wurden die Tage des Plato Único für jeden Freitag verpflichtend. Von da an gingen 25 Prozent für die finanzielle Unterstützung der Procombatientes sowie weitere 25 Prozent an den Fondo de Protección Benéficio-Social. Der Montag wurde zum día semanal sin postre, zum wöchentlichen Tag ohne Nachtisch, um auch an der Produktlieferung sparen zu können. Vor allem aus
5 Vgl. Schmidt, Peer (2004): „Diktatur und Demokratie (1939-2004)“. In: Kleine Geschichte Spaniens, Stuttgart:
Reclam, S. 455ff.
6 Vgl. Gómez Hernández, Francisco/Vázquez Souto, Ana (2002): ,,El franquismo doméstico”. In: Teatro del
Común (Hg.): Terror y miseria en el primer franquismo de José Sanchis Sinisterra. Cuaderno pedagógico.
Madrid: Teatro del Común, S.23f.
- 5 -
patriotistischen Gründen hielten auch einige spanische Bürger zu Hause einen Wochentag des Plato Único ab, um ihren Teil zur Linderung der Nahrungsknappheit beizutragen und so ihr Gewissen “rein“ zu waschen. 7 Doch die Situation der sozial Benachteiligten verbesserte sich weder durch die Aktion der öffentlichen Einrichtungen noch durch die profonde Anteilnahme privater Haushalte, sondern wurde vielmehr verharmlost und vertuscht. Die Zahl der Bettler stieg massiv an. Vor allem Kinder waren ohne den Schutz einer Familie verloren und konnten einzig und allein durch ihr oft schweres Schicksal als Waisen Mitleid und Erbarmen erregen und so überleben. Ältere Menschen beziehungsweise Erwachsene im Allgemeinen mussten sich andere Überlebensstrategien ausdenken, da sie größtenteils nicht auf die Hilfe ihrer Mitmenschen zählen konnten. 8
2.2.2 Die Lüge des Plato Único und das Motiv des Hungers anhand der Figuren Jenaro und Benigna
Der Werkstattbesitzer Cosme gehört der Mittelschicht der spanischen Gesellschaft an. Zu Beginn der Szene wird er als 50jähriger, rundlicher Mann beschrieben. Da er sich es leisten kann, eine Lehrling - Jenaro - bei sich anzustellen, muss er für die damalige Zeit relativ viel verdienen und seine Elektrikwerkstatt genug Gewinn abwerfen. Trotzdem weist Cosmes Figur geizige Züge auf, zum Beispiel als Jenaro ihn um einen Vorschuss bittet und im Verlauf ihres Dialogs immer wieder versucht, seinem Chef die Notlage seiner Familie klarzumachen, verneint er dieses Anliegen strikt und kaltherzig und verweist ihn auf die Gesetzeslage, die den Samstag als Zahltag vorschreibt:
Cosme: Nada de peros: el sábado es lo establecido por la ley. Y yo lo hago todo a derechos. 9
Selbst als sein Angestellter ihm mitteilt, dass er nur noch wenig Kraft hat, da es an diesem Tag nicht mehr als einen Teller Bohnen für sie gab, übergeht er einfach seine
7 Vgl. Sanchis Sinisterra (2003), S.103.
8 Vgl. Gómez Hernández/Vázquez Souto (2002): ,,El franquismo doméstico”, S.23f.
9 Sanchis Sinisterra (2003), S.100.
- 6 -
Not und verweist ihn auf den Día del Plato Único, 10 der dienstags von allen Bürgern Spaniens zelebriert werden soll und ignoriert dabei, dass Jenaro und seine Mutter tagtäglich so leben und essen müssen. Dementsprechend verharmlost er die dramatischen Umstände, unter denen die beiden leben müssen. Doch hört der Arbeitgeber Jenaro nicht nur nicht zu, er verschließt auch die Augen vor der Realität, denn die Spuren der Notlage des jungen Mannes sind auch in seinem Aussehen zu erkennen: Schon im einleitenden Nebentext war er als muchacho escuálido, 11 als abgezehrter, dürrer Junge beschrieben worden.
Im Gespräch mit dem jungen Mann beteuert Cosme sein eigenes, vorbildliches Einhalten des Día del Plato Único: …un día a la semana, el martes, precisamente, todos los buenos españoles hemos de comer un solo plato en cada comida, para ahorrar alimentos. 12 Da es von Francisco Franco angeordnet wurde, hält er sich als rechtschaffener Bürger daran - genau wie an den Samstag als Zahltag. Außerdem stellt er sich auf die Seite der buenos españoles, das heißt derer, die unter Franco gegen die Republik gekämpft hatten und im Folgenden seine diktatorischen Machenschaften unterstützten, und die nun wieder den Anweisungen ihres Staatschefs Folgeleisten und durch das Ausführen eines Plato Único ihren Mitmenschen Achtung entgegen bringen und Nächstenliebe zeigen. Er sieht sich als rechtschaffener Bürger, der sich ganz ordnungsgemäß an das Gesetz hält, das von den Rechten erlassen wurde: Yo lo hago todo a derechos. 13 Auch Cosmes Ideologie wird in diesem Sprachspiel deutlich. An anderen Stellen spricht er diese noch deutlicher aus, zum Beispiel durch seine patriotische Bewunderung für Francisco Franco, die er auf seinem neuen Ladenschild kundgibt: Es soll eine homenaje al Caudillo 14 , wie sich der Diktator selbst betitelte, werden. Seinen äußerlichen Status als rechtschaffener Bürger, der sich um das Wohlergehen seiner Mitmenschen bemüht, sieht Cosme unter Anderem durch die Anstellung Jenaros als seinen Lehrling als gerechtfertigt an. Für diesen Gefallen, diese große Geste, müsste ihm die kleine Familie dankbar sein. Geschickt ignoriert er dabei, dass er die Notlage des jungen Mannes völlig ausnutzt: Er bezahlt ihm lediglich einen Hungerlohn und lässt ihn täglich zwölf Stunden Arbeit verrichten, was seine Falschheit, seine vertuschte Kaltherzigkeit sowie seinen Geiz wieder zum Vorschein
10 Sanchis Sinisterra (2003), S.103.
11 Sanchis Sinisterra (2003), S.99.
12 Sanchis Sinisterra (2003), S.104.
13 Sanchis Sinisterra (2003), S.100.
14 Sanchis Sinisterra (2003), S.102.
- 7 -
treten lässt. Nebenbei verleiht er seinem Unverständnis Ausdruck, dass Jenaro als junger Mann immer noch nicht lesen und schreiben kann, woraufhin dieser ihn auf die lange Arbeitszeit verweist, bei der keine Minute zum Lernen bleibt. Cosmes unberührte Reaktion: trotzdem müsse er es lernen…
Mit der Selbstsicherheit, mit der der egozentrische Mann die Andeutungen Jenaros bezüglich seiner Hungersnot immer wieder unter den Tisch fallen lässt, sie übergeht oder verharmlost, scheint es fast so, als habe er keine Ahnung vom wahren Ausmaß des Leids seines Angestellten und dessen Mutter. Bis Benigna ihm ihre Probleme im Streitgespräch sehr deutlich und direkt darlegt, scheint er keine offenen Ohren für die Probleme seines Lehrlings zu haben. Cosme heuchelt durch sein angebliches Einhalten des Plato Único Anteilnahme und Mitgefühl für den armen Teil der Bevölkerung vor und scheint sich so öffentlich für seinen wohlgenährten, runden Bauch rechtfertigt zu sehen.
Sein Schwindel bezüglich des Plato Único fliegt für den Leser sowie für Jenaro erst auf, als Benigna gegen Ende der Szene mit ihrem Sohn die Werkstatt verlassen will und sagt, dass Cosme wohl nach Hause zum Abendessen müsse. Auf eine dies widerlegende Nachfrage Jenaros reagiert der sonst so vorbildliche Bürger nicht, da er anscheinend völlig perplex von Benignas Direktheit ist. Aufgrund ihrer gemeinsamen Affäre, weiß Cosmes Geliebte mehr als sie dürfte und scheint somit auch die Gepflogenheiten und Essgewohnheiten des Ehebrechers zu kennen. Folglich kennt sie auch seine Lüge bezüglich seiner persönlichen Einhaltung des Día del Plato Único.
2.2.3 Der Ehebruch eines ordentlichen Bürgers
Wie schon unter Punkt 2.2.2 angesprochen, sieht Cosme sich als rechtschaffener Bürger, der sich an die Gesetze des diktatorischen Staates hält, was er seinen Mitmenschen auch nicht verschweigt, sondern vielmehr stolz damit prahlt - Yo lo hago todo a derechos 15 . Trotz dieser öffentlich präsentierten, vorbildlichen Lebensweise eines guten Lebens hat er trotz seiner Ehe mit Benigna, der Mutter Jenaros, eine Affäre.
Ihre Person wird während des Dialogs zwischen dem Lehrling und seinem Meister eingeführt. Da Jenaro weder lesen noch schreiben kann, legt Cosme ihm nahe, sich dies von seiner Mutter beibringen zu lassen. Unauffällig und beiläufig lenkt Cosme
15 Sanchis Sinisterra (2003), S.100.
- 8 -
das Gespräch weiter auf sie. Er fragt nach, ob sie zu Hause sei und bekommt Jenaros ihn erschreckende Antwort, dass sie bei seiner Frau sei, um mit ihr zu reden. Panik überkommt ihn, da er Angst hat, sie könnte sie von der Affäre in Kenntnis setzen.
Als es läutet, öffnen sie zunächst nicht die Tür, da Cosme meint, dass der Klingende auch am nächsten Tag wiederkommen könnte, da sie ja bereits geschlossen hätten. Doch Jenaro erwidert, dass es seine Mutter ist. Cosme wird nervös, wirkt durcheinander und zerstreut. Bevor er sich dennoch dazu durchringt, ihr zu öffnen, wiederholt er mehrmals, dass sie ja schon geschlossen haben. Seine Gedanken liegen auf ihrer Affäre: damit sie ungestört sein können, schickt er Jenaro aus fadenscheinigen Gründen in die Drogerie. Seine Widersprüche, dass diese so spät bereits geschlossen sei, übergeht Cosme sehr bestimmt. Als der junge Mann den Raum verlassen hat, macht der Werkstattbesitzer sich noch einmal schick für seine 10 Jahre jüngere Affäre: …se alisa rápidamente el pelo con saliva y se remete la camisa dentro de los pantalones. 16
Doch die attraktive Benigna kommt nicht, um ihn zu überraschen und ihr Abenteuer auszuleben, sondern vielmehr um ihn mit ihren Problemen zu konfrontieren. Die der unteren Schicht angehörige Benigna ist eine Bedienstete Cosmes und seiner Frau. Bisher war es so gewesen, dass sie zu ihnen nach Hause kam, um ihre Wäsche zu reinigen. Doch die Situation hatte sich schlagartig geändert: Cosmes Frau hatte ihr - wie Benigna es ausdrückt - heimlich die Unterhosen ihres Gatten aus der Wäsche geklaut. Diese hielt sie ihr vor die Nase und sprach sie äußerst zweideutig auf “verdächtige“ Flecken an: „«¿A usted no le parece que mi marido tenga algun escape?»“ 17 Diese „undichte Stelle“ kann nun einen Fleck aufgrund einer Durchfallerkrankung oder als Überrest einer Liebesnacht auf der Unterhose hervorgerufen haben. Da der Fleck sich laut Benignas Aussage am Hosenschlitz befand, ist eher von Letzterem auszugehen. Benignas Chefin weiß als Cosmes Ehefrau logischerweise über die sexuellen Aktivitäten zwischen sich und ihrem Mann Bescheid und somit, ob diese in letzter Zeit überhaupt stattgefunden haben. Somit tut sich die Frage auf, ob, wenn die Dame an einen Fehltritt glaubt, sie nicht auch schon jemanden in Verdacht hat und deswegen gerade Benigna als diese jenige warnend nach ihrer Einschätzung der Situation fragt. Auch die Wortwahl der „undichten Stelle“ lässt die Anspielungen auf einen Seitensprung deutlich werden. Eine undichte Stelle
16 Sanchis Sinisterra (2003), S.106.
17 Sanchis Sinisterra (2003), S.107.
- 9 -
kann man beispielsweise als einen auftretenden Fehler, als etwas, das es zu vertuschen gilt, deuten, was ja auf den Ehebruch meistens zutrifft. Man stelle sich die Situation nun einmal bildlich vor: Die Arbeitgeberin fuchtelt mit einer benutzten Unterhose vor ihrer Angestellten und fragt diese indirekt nach den körperlich ausgelösten Gründen für die Flecken auf dieser. Einerseits verhält sie sich damit äußerst distanz- und schamlos gegenüber ihrer Wäscherin. Auch die Thematik, die sie mehr oder weniger eindeutig anspricht, ist als private Angelegenheit zu werten, über die man nicht mit einer Angestellten reden würde. Durch die von ihr genutzte Sie-Form usted hält sie diese aber andererseits weiterhin auf Distanz.
Der ehebrecherische Cosme reagiert auf Benignas Bericht schockiert und panisch und fragt sie wiederholt, was sie darauf geantwortet habe. Doch seine Angst wird beruhigt, denn seine Geliebte hat dichtgehalten. Sie macht ihm außerdem deutlich, dass es ihr bei ihrer unmoralischen Beziehung nicht um Zuneigung oder andere Zärtlichkeiten geht und Cosme sich längst nicht mit ihrem gut aussehenden, verstorbenen Mann auf eine Stufe stellen kann. Benigna will aus der Affäre lediglich eine praktischen Nutzen ziehen: in ihrer Notlage als allein erziehende Witwe nicht mehr unter Hunger leiden zu müssen.
Doch genau hier liegt ihr frisch aufgetretenes Problem: Sie muss die Wäsche des Ehepaares bei sich zu Hause reinigen, was nicht nur enorme Probleme und mehr zeitliche Anforderung mit sich bringt, sondern auch einige Zusatzkosten birgt. Mit ihrem Sohn lebt Benigna in einer Wohnung im 5. Stock, in die sie die Wäsche sowie das Wasser erst einmal hinaufbefördern muss. Auch bezüglich des Wäschetrocknens gibt es Schwierigkeiten: Auf dem kleinen Platz, auf dem sie die Wäsche aufhängen könnte, tummeln sich Tauben, die diese durch ihren Kot wieder beschmutzen würden und die Arbeit von vorne losginge. Um in ihren Problemen ernst genommen zu werden und einen praktischen Nutzen aus der Sache ziehen zu können, spielt die kämpferische Benigna ihre Reize aus und lässt Cosme mit seinen Annäherungsversuchen abblitzen. Obwohl sie sich ihm in ihrer Affäre hingibt und sozusagen ihren Körper für das Wohlergehen ihrer Familie opfert, kommt der Mann ihr kaum entgegen und seine augenscheinlichen “guten Taten“ wie die der Anstellung ihres Sohnes lassen sie trotzdem am Existenzminimum nagen und großen Hunger erleiden. Cosme ist somit weder ein ehrlicher Mensch, der
- 10 -
sich an die “Gesetze“ einer Ehe hält, seine Ehefrau liebt und sie nicht durch eine Affäre verletzt und demütigt.
Er stellt sich öffentlich als rechtschaffener Bürger dar, der in seinem Geschäft großzügig den Lehrling seiner armen Angestellten beschäftigt und sich vorbildlich an alle Regeln des Staatschefs hält. Da die Kirche eine relativ präsente und einflussreiche Institution in der Franco-Ära darstellte, müsste man meinen, dass er sich auch an die Gebote einer Ehe hält. Für Außenstehende hat es sicherlich auch diesen Anschein, denn kirchlich hat er seiner Frau die Treue geschworen, sie zu lieben und zu ehren in guten wie in schlechten Tagen. Für Christen ist eine gültig zustande gekommene Ehe bis zum Lebensende bindend und soll in Ehren gehalten werden. Wer sich nicht daran hält und wie Cosme Ehebruch begeht, wird sich letzten Endes vor Gott verantworten müssen und von ihm gerichtet. Doch Cosme ignoriert auch diese unverfrorene Sünde. Er betrügt seine Ehefrau nicht nur einmal, sondern regelmäßig in einer heimlichen Affäre und demütigt sie dadurch. Folglich bricht der heuchlerische Cosme nicht nur die Vorgaben bezüglich des Día del Plato Único, sondern auch die Gebote der Kirche und ist für den Rezipienten der Szene als unsympathischer, egoistischer Lügner ohne Moral entlarvt.
3. Fazit
In der schweren Nachkriegszeit der Franco-Ära litten viele unter Hunger und Armut und lebten weit unter dem Existenzminimum. Um sich durchzuschlagen, mussten sie im Alltag zu den ungewöhnlichsten Mitteln greifen. Benigna zum Beispiel prostituiert sich zwar nicht öffentlich, aber immerhin für einen Mann: ihren zehn Jahre älteren Arbeitgeber. Cosme ist für sie weder körperlich anziehend noch spielen Gefühle bei ihr eine Rolle. Doch eines war wichtig: er hatte für die damaligen Verhältnisse relativ viel Geld. Es ist also ein rein praktischer Nutzen, den die Witwe aus der Affäre ziehen möchte: Als seine Wäscherin ausreichend Geld zu verdienen, ihrem Sohn eine Anstellung zu besorgen und somit den gemeinsamen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Jenaro aber bezahlt der Werkstattbesitzer mit einem Hungerlohn, was die kleine Familie nicht aus ihrer Misere herausholt, sondern Benigna weiter kämpfen lässt, denn auch andere Lasten kommen zu ihren bereits existenten Problemen hinzu: Die neue körperliche Anstrengung, da sie auf Forderung seiner Ehefrau die Wäsche bei sich zu Hause waschen muss, sowie die Zusatzkosten, die dadurch ihren Wasserverbrauch erhöhen. Als die Lage sich so
- 11 -
verschlechtert hat und Cosme im Gespräch kaum auf ihre Probleme eingeht und sie eher zu besänftigen statt ihr zu helfen gedenkt, geht Benigna mit ihrem Sohn und sagt dem egoistischen Mann Lebewohl, der sich nur am eigenen Vorteil orientiert. Nach außen hin wirkt der Werkstattbesitzer sicherlich wie ein wohlschaffender Bürger, der aus Mitgefühl einer Familie Arbeit gibt und sie so vor den Strapazen des Überlebenskampfes rettet. Er möchte stets in einem guten Licht stehen und hebt seine guten Taten - wie das Einhalten des Día del Plato Único - gerne hervor. Offiziell hält er sich an die staatlichen Vorgaben des Diktators, doch auch hier wird seine Doppelmoral deutlich: Da die Kirche einer der unterstützenden Machtpfeiler Francos war, galt es für die Bürger noch mehr als sonst, sich vorbildlich an ihre Gebote zu halten. Doch Cosme betrügt seine Ehefrau regelmäßig hinterrücks und demütigt sie dadurch. Dieses vorgeblich vorbildliche Verhalten eines guten Bürger der franquistischen Gesellschaft legt Cosme in Wirklichkeit ab, um sein egoistisches Verhalten, mit dem er seine Vorteile auszunutzen weiß, vollkommen ausleben kann.
- 12 -
4. Literaturverzeichnis
Gómez Hernández, Francisco/Vázquez Souto, Ana (2002): ,,El franquismo doméstico”. In: Teatro del Común (Hg.): Terror y miseria en el primer franquismo de José Sanchis Sinisterra. Cuaderno pedagógico. Madrid: Teatro del Común, S.22-26.
Sánchez Jiménez, Santiago U. (2003): ,,Ideología del Primer Franquismo”. In: Teatro del Común (Hg.): Terror y miseria en el primer franquismo de José Sanchis Sinisterra. Cuaderno pedagógico. Madrid: Teatro del Común, S.11-17. Sanchis Sinisterra, José (2003): Terror y miseria en el primer franquismo. Madrid: Cátedra.
Sanchis Sinisterra, José (2003): ,,Una propuesta del autor”. In: Teatro del Común (Hg.): Terror y miseria en el primer franquismo de José Sanchis Sinisterra. Cuaderno pedagógico. Madrid: Teatro del Común, S.9-10.
Schmidt, Peer (2004): „Diktatur und Demokratie (1939-2004)“. In: Kleine Geschichte Spaniens, Stuttgart: Reclam, S. 455-460.
Stenzel, Hartmut (2005): Einführung in die spanische Literaturwissenschaft. 2.Auflage, Stuttgart: V.B. Metzler Verlag, S.57-67.
Strickstrack-García, Roswitha (Hg.) (2006): Terror y miseria en el primer franquismo, DVD, Unterricht Spanisch, Seelze: Friedrich Verlag.
- 13 -
Arbeit zitieren:
Julia Grützmacher, 2008, Die Doppelmoral der franquistischen Gesellschaft, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde
Hausarbeit (Hauptseminar), 25 Seiten
Die spanische Gesellschaft unter der Diktatur Francos
Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde
Seminararbeit, 19 Seiten
Die Fertigkeit Sprechen im Fremdsprachenunterricht
Romanistik - Französisch - Didaktik
Hausarbeit (Hauptseminar), 18 Seiten
Lehrwerkanalyse und -vergleich - Spanische Lehrwerke im modernen Fremd...
Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde
Hausarbeit (Hauptseminar), 24 Seiten
Julia Grützmacher hat den Text Die Doppelmoral der franquistischen Gesellschaft veröffentlicht
Julia Grützmacher hat einen neuen Text hochgeladen
Handbuch der Text- und Sozialgeschichte Osteuropas
Von der Spätantike bis zum Nat...
Siegfried Tornow
The Inside Text: Social, Cultural and Design Perspectives on SMS
Social, Cultural and Design Pe...
R. Harper, L. Palen, A. Taylor
Sekundäre Flüssigkeitsverschiebungen unter den Bedingungen von Blutver...
Klinische und tierexperimentel...
Jan Schumacher
Sekundäre Haftung im Lauterkeits- und Immaterialgüterrecht
Dogmatische Grundlagen und Lei...
Stephan Neuhaus
LA LANGUE POETIQUE INDO-EUROPE
G Pinault
0 Kommentare