Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung und Begriffsbestimmung 3
2. Fremdheit der Speisen 4
2.1 Skepsis 4
2.2 Überdeckung der Skepsis 6
2.3 Verabschiedung der Verantwortung 7
2.4 Konkurrenz und Absatz 8
3. Fremdheit der Zutaten 11
3.1 Nachhilfe für eine defizitäre Natur 11
3.2 Sekundäres Wohl 13
4. Fremdheit der Sprache 14
4.1 Abstraktion 14
4.2 Distinktion 15
5 Zusammenfassung und Fazit 17
Quellenverzeichnis 19
Literaturverzeichnis 19
Erklärung 21
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1 Einleitung und Begriffsbestimmung
Stärker noch als die Begriffe Essen oder Nahrung verdeutlicht die Bezeich‐ nung „Lebensmittel“, wie essentiell alles Dasjenige ist, was ein Lebewesen seinem Körper zur Verstoffwechslung zuführt. Neben einer intakten At‐ mosphäre mit entsprechendem Sauerstoffgehalt ist Nahrung (Wasser ein‐ geschlossen) das einzige Überlebensmittel, dessen der Mensch bedarf. Ent‐ sprechend viel Bedeutung kommt der Frage zu, welche Nahrung geeignet ist, das eigene Überleben sicher zu stellen und zum anderen eine Absenz von potenziell schädigenden Stoffen zu versprechen. Fremde, also unbe‐ kannte Speisen und Zutaten können keine geeignete Wahl sein, weil keine Kenntnis über Unverträglichkeiten besteht. Fremdheit im Zusammenhang mit Essen bedeutet zunächst räumliche Dis‐ tanz. Fremdes Essen entstammt meist einem anderen Kulturkreis, dessen Angehörige aus dem dortigen Nahrungsangebot Speisen ausgewählt ha‐ ben, die es bei uns nicht gibt oder die wir nicht als Speisen definiert haben. Das Fremde muss in Beziehung gesetzt werden zu dem uns Vertrauten, und erst die Differenz lässt uns das Fremde erkennen. Was aus der Fremde kommt, kann sich nach Waldenfels innerhalb oder außerhalb einer be‐ stimmten Ordnung befinden (1997, S. 36); übertragen auf Speisen liegt beispielsweise eine fremde Frucht innerhalb unserer Ordnung, weil wir zwar nicht um ihre Verträglichkeit wissen, sie jedoch als Frucht erkennen. Anders kann es sich mit künstlich generierten Produkten verhalten; zum ersten Mal mit einem Block Tofu konfrontiert, ließe sich nicht zweifelsfrei sagen, ob er als Nahrung oder einem Zweck dient, der uns zunächst ver‐ schlossen bleibt. Kapitel 2 beschäftigt sich mit der Frage, woher unsere Bedenken gegenü‐ ber fremden Speisen rühren und wie diese ausgeräumt werden können; es soll gezeigt werden, dass die Akzeptanz durch den Verbraucher nicht aus‐ reicht, um Produkte auf dem Markt bestehen zu lassen. In Kapitel 3 wird erläutert, dass sich der Begriff der Fremdheit mit dem technologischen Fortschritt und der Expansion der Möglichkeiten wandelt, die sich in einer ständig zusammenwachsenden Welt ergeben, denn wenn
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noch im Mittelalter für viele Menschen die Fremde zwei Tagereisen vom eigenen Heim entfernt begann, so lässt sich heute in achtundvierzig Stun‐ den die Erde umrunden, und die Fremde, körperhaft geworden in Form von chemischen Zusätzen in unserer Nahrung, findet sich wieder unmittel‐ bar vor der eigenen Tür. Kapitel 4 schließlich geht der Frage nach, inwieweit uns das Essen fremd geworden ist durch sprachliche Codierung von Nahrungsmitteln, Ernäh‐ rungstrends oder „Küchen“, die eingesetzt wird zur sozialen Distinktion, und das letzte Kapitel beinhaltet ein Fazit mit dem Versuch, Gemeinsam‐ keiten zwischen den verschiedenen Arten von Fremdheit beim Essen zu finden.
2. Fremdheit der Speisen
Unser Wissensbestand darüber, was genießbar ist und was schädlich, ba‐ siert zum großen Teil auf Überlieferungen schriftlicher oder mündlicher Art; das Lernen und die Erziehung beinhalten den Aufbau einer entspre‐ chenden Datenbank in unserem Gedächtnis. Viele Speisen aus unserem kulturellen Umfeld sind uns vertraut und es herrscht Konsens innerhalb einer sozialen Gruppe darüber, dass sie verträglich sind. Auch wenn diese Speisen Einzelnen möglicherweise nicht schmecken oder aus ethischen oder religiösen Gründen abgelehnt werden, kommt Mennell zu dem Schluss, „…daß die Vorlieben für Speisen innerhalb der Gruppe unüberseh‐ bare Ähnlichkeiten aufweisen, während sich die Gruppe darin gleichzeitig drastisch von anderen Gruppen unterscheidet“ (1988, S. 17). Dieses Fazit beinhaltet, dass eine Entscheidung für ein bestimmtes Lebensmittel gleich‐ zeitig eine Entscheidung gegen ein anderes ist, da es heute, bei entspre‐ chenden finanziellen Möglichkeiten, keine Frage der Verfügbarkeit exoti‐ scher Speisen mehr ist. Weiterhin ist eine Zurückhaltung oder ablehnende Haltung fremden Speisen gegenüber kulturübergreifend festzustellen (Ebd.), wobei das Misstrauen auf möglicherweise unzureichenden Kontrol‐
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len und unbekannten Herstellungsverfahren gründet (Bergmann, 1999, S. 14). Dieses hält so lange an, bis die Unschädlichkeit durch Selbstversuche oder Beobachtung anderer Mitglieder der eigenen sozialen Gruppe verifi‐ ziert ist. Der moderne Mensch jedoch scheint die Fähigkeit in zunehmen‐ dem Maße zu verlieren, seine Nahrung nach gesund und schädlich klassifi‐ zieren zu können, denn bereits im 19. Jahrhundert schreibt Herder, dass die Tiere dies, im Gegensatz zum Menschen, noch vermögen (1841, S. 245), und so bleibt eine Restunsicherheit bestehen und die Sorge, falsche Ent‐ scheidungen zu treffen. Unschädlichkeit allein ist jedoch keine hinreichende Bedingung für eine breite Akzeptanz fremder Speisen, denn der menschliche Organismus exis‐ tiert in einer gesunden Balance mit den regionalen Ernährungsgewohnhei‐ ten (Remke, 1998, S. 14). Klimatische und geografische Verhältnisse spielen ebenfalls eine Rolle; so wird im milden europäischen Klima etwa das Cap‐ saicin aus der Paprikaschote nicht benötigt, das bei Menschen in heißen Ländern für eine Regulierung der Körpertemperatur sorgt, indem es die Schweißbildung anregt. Auch die aktuellen hygienischen Bedingungen in Mitteleuropa sprechen nicht für die Notwendigkeit des starken Konsums von Paprika oder Pfeffer, die beide ein wirksames Mittel gegen Darmpara‐ siten enthalten (Pollmer, 2006, S. 226, Teil 2). Die Entscheidung gegen fremde Speisen kann auch eine unbewusste sein, indem der Körper über den Ausdruck des Wohlbefindens eine Auswahl trifft. Scharfes Essen nicht zu vertragen, ist eine obigem Beispiel entsprechende Reaktion. Das Fremde scheint ein Defekt zu sein, den es zu beheben gilt, indem es zu etwas Eigenem metamorphosiert wird. Statt einen permanenten Kampf dagegen zu führen und die Skepsis zu kultivieren, scheint es letztlich öko‐ nomischer, sich das Fremde anzueignen im Sinne von erkennen oder erler‐ nen (Waldenfels, 1997, S. 48 f.). Dies kann auch der Ansatz zu einer Inte‐ gration von Migranten sein, die ihre „Küchen“ und Ernährungsgewohnhei‐ ten mitbringen, und der Nuancenreichtum in den Küchen ist mit ein Beleg für eine multikulturelle Gesellschaft mit einer ausgeprägten sozialen Schichtung (Barlösius, 1999, S. 137).
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2.2 Überdeckung der Skepsis
Skepsis ist ein Warnmechanismus der hilft, auch weniger irreversible Fol‐ gen als den Tod zu vermeiden. Doch dieser Selbstschutz ringt permanent mit der Neugier, weil der Mensch weltoffen, nicht auf bestimmte klimati‐ sche Milieus festgelegt (Gehlen, 2004, S. 38) und damit einer großen An‐ zahl Versuchungen und Wahlmöglichkeiten ausgesetzt ist. Warum wir trotz möglicher Risiken nach immer neuen Reizen suchen? Gehlen nennt es das Streben nach „Fernewerte“ (2004, S. 341) und auch Herder gibt eine ähnli‐ che Antwort auf diese Frage: „[…] unsre Ueppigkeit hingegen, um deren Willen wir alle Welttheile beun‐ ruhigen und berauben, was will, was suchet sie? Neue und scharfe Gewürze für eine gestumpfte Zunge, fremde Früchte und Speisen, die wir in einem überfüllenden Gemisch oft nicht einmal kosten, […]“ (1841, S. 244) Wenn auch diese Überlegung in unserer Zeit zu kurz gegriffen anmutet, so besteht keine wirkliche Notwendigkeit, dem natürlichen lokalen Repertoire des Angebots an Nahrung etwas hinzuzufügen, denn über Jahrtausende hinweg haben sich Menschen ausschließlich von dem ernährt, was in ihrer unmittelbaren Nähe wuchs oder lebte. Rousseau zweifelt überhaupt an, ob ein üppiges Mahl mit ungewohnten Speisen tatsächlich generell mehr Ge‐ nuss verspricht, als ein einfaches an einer Bauerntafel (1962, S. 205). Längst aber dominieren wirkungsmächtige globale Handelsverquickungen das Handeln des Einzelnen, nicht mehr nur die Nachfrage bestimmt das Angebot. Immer drängt auf den Markt, was absetzbar scheint und in das zuvor künstlich erzeugte Beuteschema der Zielgruppe passt, und so ist die Gier nach Neuem einer der Antriebe, die letztlich die Skepsis überwindet. Unmöglich zu trennen, ob wirkliche Offenheit gegenüber kultureller Diffe‐ renz das Movens ist oder der Wunsch sich abzuheben von der Räucherfo‐ relle essenden Mehrheit, wenn man andernorts einen Kugelfisch bekom‐ men kann. Das Bestreben, Ressourcen zu nutzen und den Luxus zu mehren, auch um andere neidisch zu machen (Schoeck, 1980, S. 244), „veranlasst die Menschen, zu lieben, was schwierig zu erlangen und teuer ist“ (Rousseau, 1962, S. 396). Wer sich diesen Luxus nicht leisten kann, ist
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Arbeit zitieren:
Burkhard Pordzik, 2008, Essen aus fremden Kulturen, München, GRIN Verlag GmbH
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