Inhalt
Inhalt
1 Einleitung 1
I. Vorüberlegungen, Definitionen, Begriffserklärungen 3
2 Abweichendes Verhalten: Devianz vs. Delinquenz 3
3 Abweichendes Verhalten aus Sicht unterschiedlicher Disziplinen 4
3.1 Biologische Ansätze. 5
3.2 Psychologische Theorien. 6
3.3 Multifaktorielle Ansätze. 8
3.4 Soziologische Theorien 8
II. Darstellung des Paradigmenwechsels anhand ausgewählter Theorien
abweichenden Verhaltens 10
4 Ätiologische Ansätze. 10
4.1 Anomietheorien. 10
4.2 Theorien der Subkultur. 13
4.3 Theorien differentiellen Lernens 17
5 Etikettierungsansätze. 21
5.1 Symbolischer Interaktionismus 21
5.2 Primäre und sekundäre Devianz. 23
5.3 Labeling Approach. 24
5.4 Radikaler Ansatz 25
6 Auswirkungen auf die Kriminologie. 27
6.1 Unterschiede zwischen „alter“ und „neuer“ Kriminologie 27
6.2 Paradigmenwechsel und Folgen für die Disziplin. 29
6.2.1 Das wissenschaftliche Paradigma nach KUHN 30
6.2.2 Paradigmenwechsel in der Soziologie abweichenden Verhaltens:
Folgen für die Kriminologie. 32
III. Übertragung der Ansätze auf das Phänomen der „Jugendgewalt“ 36
7 Gewalttätige Jugendliche: Ein gesellschaftliches Problem? 36
7.1 Statistiken zur Jugendgewalt. 37
7.2 Jugendliche Gewalttäter als Herausforderung für die Kriminalsoziologie 39
8 Erklärungspotential der einzelnen Theorien in Bezug auf die Gewalt
durch Jugendliche. 41
8.1 Jugendgewalt aus der Sicht ätiologischer Ansätze. 41
8.1.1 Anomietheorien. 41
8.1.2 Theorien der Subkultur. 43
8.1.3 Theorien differentiellen Lernens 46
II
Inhalt
8.2 Etikettierungsansätze. 49
8.2.1 Primäre und sekundäre Devianz. 49
8.2.2 Labeling Approach. 50
8.2.3 Radikaler Ansatz 52
8.3 Fazit. 54
9 Schlussbetrachtung. 56
Literatur. 59
III
1 Einleitung
Anfang des Jahres 2008 wurde die öffentliche Meinung und die Berichterstattung sämtlicher Medien in Deutschland vorrangig von einem Thema beherrscht, nämlich der vermeintlichen Eskalation der Gewalt durch jugendliche Täter. Dabei wurde nicht nur die Zunahme der Taten und Tatverdächtigenzahlen mit Sorge wahrgenommen, sondern auch das Phänomen, dass scheinbar immer jüngere Täter immer brutalere Verhaltensweisen an den Tag legten. Auslöser hitziger Debatten um Fragen der Verschärfung des Jugendstrafrechts war ein Vorfall, der aufgrund zweier Faktoren aus der Masse der täglichen Meldungen heraus stach und so für einen Aufschrei in der Republik sorgte: Zum einen war die Attacke der beiden jungen Männer auf einen Rentner in der Münchner U-Bahn an Brutalität kaum zu überbieten - der Angriff war derart erbarmungslos, dass der Tod des Mannes von den Tätern billigend in Kauf genommen wurde.
Womöglich gab aber der zweite Faktor für die anschließende Politisierung des Vorfalls, in dessen Zuge weitere - wenngleich weniger drastische - Gewaltdelikte bekannt wurden, den entscheidenden Ausschlag: Eine Überwachungskamera filmte den Überfall, so dass wenig später alle Details wie die offensichtliche Hilflosigkeit des Opfers und die Brutalität sowie die Skrupellosigkeit der Täter für jedermann in der Republik zu sehen waren. Sofort wurden Stimmen aus allen Lagern laut, die u. a. eine Verschärfung des Jugendstrafrechts einschließlich härterer Strafen, „Warnschussarrest“, mindestens aber Einrichtungen wie Erziehungscamps (vgl. Brumlik 2008) sowie die konsequentere Anwendung geltenden Rechts zum Zwecke der inneren Sicherheit forderten 1 . Viele dieser anlässlich des hessischen Wahlkampfs von Seiten der CDU und deren Spitzenkandidaten Roland KOCH skandierten Forderungen waren in ihrer bisweilen polemischen Art wenig sachlich, ging es doch nicht zuletzt um die Tatsache, dass die beiden Täter von München ausländische (türkische und griechische) Wurzeln besaßen und als Jugendliche mit Migrationshintergrund einer gesellschaftlichen Gruppe angehören, die ohnehin im Verdacht gerade konservativer Kreise steht, für die Zunahme der Gewaltkriminalität in den letzten Jahr(zehnt)en verantwortlich zu sein 2 ; diese Auffassung entlädt sich schließlich in der Forderung nach Abschiebung junger (Gewalt-)Straftäter, obgleich diese „wie unsere original deutschstämmigen Schläger […] Produkte dieser Gesellschaft [sind]. Sie sind durch unser Bildungssystem […], unsere Schulen, unsere Jugendhilfeangebote [ge- 1 Vgl.Internet-Quellen Nr. 1 bis 4 im Anhang des Literaturverzeichnisses.
2 Zum „neuen strafrechtlichen Commonsense“ in Europa siehe WACQUANT (2000).
1
gangen]“ (Gaschke 2008). Anhand dieser hitzigen Debatten, die z. T. weit über das übliche Maß politischer Parolen in Zeiten des Wahlkampfs hinausgingen und auch politisch relativ unverdächtige Interessenverbände auf den Plan riefen (vgl. Neuerer 2008), ist unschwer erkennbar, dass das Phänomen Jugendgewalt von der breiten Öffentlichkeit als eines der drängenden gesellschaftlichen Probleme der Gegenwart wahrgenommen wird; dabei muss allerdings berücksichtigt werden, dass zu allen Zeiten die Entwicklung der Jugendgewalt von der (erwachsenen) Gesellschaft mit Sorge beobachtet wurde (vgl. Böttger 1998: 43; Mansel/Raithel 2003).
Diesem Sachverhalt kann sich natürlich auch die Kriminologie bzw. die Kriminalsoziologie nicht verschließen, so dass in den bisherigen etwa 80 Jahren devianzsoziologischer Theoriegeschichte eine beachtliche Anzahl von Ansätzen zur Erklärung abweichenden Verhaltens entwickelt und veröffentlicht wurde, in welchen die Gewalt junger Menschen mal mehr, mal weniger explizit Gegenstand der Forschung war. Exemplarisch und mitunter stellvertretend für gewisse Modifikationen der jeweiligen Ansätze sollen an dieser Stelle drei Theoriestränge angesprochen werden, die als soziologische Basistheorien abweichenden Verhaltens gelten dürfen (vgl. Lamnek 1977: 37). Sie eint die Perspektive bezüglich des Untersuchungsgegenstandes: Der Täter steht im Zentrum der Untersuchung, sein Verhalten gilt es zu erklären und die Motive für das Abweichen von den gesellschaftlichen Normen zu ergründen. Dem gegenüber steht eine relativ neue Konzeptionalisierung von abweichendem Verhalten, die nicht den Täter, sondern die interaktionistischen Prozesse zwischen sozialen Individuen und Institutionen, die einer letztendlichen Etikettierung als Abweichendem vorausgehen, ins Licht der Betrachtung rückt. Die vorliegende Arbeit untergliedert sich in drei Abschnitte: Im ersten werden neben der Klärung wichtiger Begriffe und Definitionen zum Verständnis abweichenden Verhaltens alternative Erklärungsansätze nicht-soziologischer Natur in der gebotenen Kürze vorgestellt, um Gemeinsamkeiten der soziologischen Herangehensweise herauszustellen. Im Anschluss daran sollen unter Berücksichtigung der zugrunde liegenden Paradigmen zunächst die traditionellen „Basistheorien“ der Anomie, der Subkultur und des differentiellen Lernens vorgestellt werden, ehe mit dem Labeling Approach in gemäßigter wie auch in radikaler Form die Etikettierungsansätze thematisiert werden. Nach der Ausarbeitung des jeweiligen Paradigmas findet im dritten Abschnitt schließlich die Übertragung der bisherigen Ergebnisse auf das Problemfeld der Gewalt durch Jugendliche bzw. Heranwachsende statt, indem versucht wird, dem Problem mit Hilfe der einzelnen Theorien auf den Grund zu gehen und Konsequenzen eines Perspektivenwechsels aufzuzeigen .
2
I. Vorüberlegungen, Definitionen, Begriffserklärungen
Zentrales Thema dieser Arbeit ist abweichendes Verhalten, also Handlungsweisen, die aus unterschiedlichsten Gründen nicht mit sozialen Normen und Werten übereinstimmen, mehr oder weniger auffallen und - je nach Ausprägung und Häufigkeit - aus Sicht der Öffentlichkeit die gesellschaftliche Ordnung bedrohen können. Darüber hinaus wird in dieser Arbeit der Schwerpunkt auf soziologische Erklärungsversuche abweichenden Verhaltens gelegt, dementsprechend immer wieder der Rückbezug auf die gesellschaftliche Ebene und deren Einfluss auf menschliche Abweichung hergestellt. Um sich dieser Thematik jedoch adäquat nähern zu können, bedarf es zunächst einmal einer Definition abweichenden Verhaltens zum Zwecke der Unterscheidung von abweichendem und nicht abweichendem Verhalten. Darüber hinaus muss eine Erläuterung der speziell soziologischen Herangehensweise an das Thema „Abweichung“ erfolgen, indem im Vorfeld auch der Zugang anderer Disziplinen zu diesem Gegenstand dargelegt wird und so eine Abgrenzung vorgenommen werden kann.
2 Abweichendes Verhalten: Devianz vs. Delinquenz
Unter abweichendem Verhalten sind den informellen bis hin zu kodifizierten Normen zuwiderlaufende Handlungsweisen 3 zu verstehen, welche „eine mehr oder weniger große Teilklasse eines Verhaltenspotentials von Gesellschaften dar[stellt]“ (Wiswede 1973: 11) und zusammen mit nicht-abweichendem, sprich: konformem Verhalten die beiden Ausprägungen individueller Interaktionsmöglichkeiten unter sozialen Einheiten bildet. Doch so einfach, wie es zunächst den Anschein hat („entweder man ist bzw. verhält sich kriminell, oder eben nicht“), zeigen sich die möglichen Ausprägungen entsprechender Verhaltensweisen keinesfalls (vgl. Lamnek 2007: 14 f.): Die mit dieser Auffassung übereinstimmende und „normalste“, weil augenscheinlichste Kategorie abweichenden Verhaltens zeichnet sich dadurch aus, dass eine entsprechende Handlung einerseits von der Bevölkerung als abweichend („deviant“) wahrgenommen wird, zugleich aber auch als krimineller („delinquenter“) Akt strafrechtlich mit Sanktionen durch die Strafverfolgungsbehörden belegt ist. Obschon diese als typischste Erscheinungsform quasi als „Ba-
3 ImFolgenden werden die Begriffe Verhalten und Handlung aus stilistischen Gründen synonym gebraucht.
3
siskategorie“ gelten kann, sind aber noch zwei weitere Formen auszumachen, die ebenfalls im Zusammenhang mit abweichendem Verhalten genannt werden müssen: Handlungen können kriminell sein, ohne als abweichend zu gelten (etwa weitestgehend tolerierte Schwarzarbeit), wie auch nicht-kriminelles Verhalten sehr wohl abweichend sein kann (etwa Abschreiben bei Klausuren).
Gerade die Einbeziehung der letzten Kategorie unterscheidet die Soziologie abweichenden Verhaltens bzw. die kriminalsoziologische Zugangsweise 4 etwa von der formaljuristischen, welche nur solche Verhaltensweisen in den Blick nimmt, die gegen strafrechtlich fixierte Normen verstoßen (vgl. Lamnek 2007: 49 ff.). Der soziologische Kriminalitätsbegriff als ein materieller dehnt den juristischen, formellen Kriminalitätsbegriff aus, indem jedes sozialschädliche Verhalten, ob unter Strafe gestellt oder nicht, als kriminell zu definieren ist (vgl. Schwind 2008: 5 f.). Kriminalsoziologen beziehen also neben den als schwerwiegend geltenden Normverstößen auch geringfügige, nicht strafbewehrte Abweichungen in ihre Untersuchungen mit ein, weshalb sie ob der ausgesprochen weiten Verbreitung solcher „Lappalien“ auch davon ausgehen, dass abweichende Handlungen ubiquitär sind (vgl. Sack 2007: 184). Nichtsdestoweniger stellt strafrechtlich relevantes, delinquentes Verhalten eine besondere Klasse abweichenden Verhaltens dar, weshalb diesem auch unter einer soziologischen Betrachtung große Bedeutung zukommt und auf großes Interessem seitens der Soziologie stößt.
3 Abweichendes Verhalten aus Sicht unterschiedlicher Disziplinen
Diejenigen Theorien und Erklärungsversuche von Devianz, welche den Gegenstand dieser Arbeit bilden werden, können allesamt unter einer soziologischen Perspektive subsumiert werden, d. h. sie untersuchen die Ursprünge und Ursachen von Kriminalität in gesellschaftlichen, zwischenmenschlichen und erzieherischen Einflüssen (vgl. Kerscher 1977: 9). Im Gegensatz dazu gibt es Erklärungsversuche, die entweder eher unter eine
4 Um möglichen Missverständnissen vorzubeugen, die aufgrund der unterschiedlichen geschichtlichen Hintergründe der Kriminologie im anglo-amerikanischen Raum und in Deutschland entstehen können (zur Geschichte der Kriminologie auf beiden Seiten des Atlantiks siehe SCHNEIDER [1977]), sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass mit KAISER (1989: 1) der Begriff Kriminologie im Folgenden in etwa deckungsgleich mit Kriminalsoziologie (neben der Kriminalpsychologie und Kriminalbiologie eigentlich eine der sog. „Bindestrich-Kriminologien“) verwendet wird, zumal der Einfluss der Soziologie innerhalb der Kriminologie und der kriminologischen Theoriebildung spätestens seit den 1970er Jahren derart zunahm, dass „die Kriminalsoziologie nicht nur nahtlos in der Kriminologie aufgegangen [ist], sondern vielmehr dazu beigetragen [hat], dass soziologische oder im weitesten Sinne sozialwissenschaftliche Ansätze, Perspektiven und Methoden das Fach in den führenden Ländern […] dominieren“ (Karstedt/Oberwittler 2004: 8; vgl. auch Lange 1999: 29 ff.).
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medizinisch-biologische oder aber psychologische Kategorie fallen. Im Folgenden wird zur besseren Abgrenzung der soziologischen Theorien gegenüber solchen aus anderen Disziplinen ein kurzer Abriss über die wichtigsten Richtungen innerhalb dieser Theoriestränge gegeben, wobei das Augenmerk auf den Gemeinsamkeiten der Einzelansätze der jeweiligen Kategorien liegen soll und die genannten spezifischen Theorien daher nur exemplarischen Charakter besitzen, um die Basis der Einteilung sowie die Abgrenzung der einzelnen „Theoriegattungen“ (biologische vs. psychologische vs. soziologische Theorien) voneinander deutlich zu machen. Die ausführliche Auseinandersetzung mit soziologischen Theorien, um die es ja vornehmlich gehen soll, findet im Anschluss gesondert in Teil II dieser Arbeit statt.
3.1 Biologische Ansätze
Die Grundannahme aller biologischen (oder anthropologischen) Theorien lautet, dass Verbrecher von Natur aus Verbrechen begehen, sie also als Abweichler geboren werden und daher kaum in der Lage sind, etwas gegen ihre kriminellen Handlungen zu unternehmen (vgl. Kurzeja 1976: 44 f.). Es wird eine erblich bedingte Neigung oder Empfänglichkeit für kriminelles Verhalten bei bestimmten Menschen angenommen, durch die die Ausübung von Verbrechen zwar nicht determiniert ist, aber ein erhöhtes Risiko zur Begehung solcher Taten besteht (vgl. Schneider 1998: 647). Als einer der ersten tat sich Mitte der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der italienische Arzt Cesare LOMBRO- SO (1876)mit einer Schrift hervor, in der er den Versuch machte, anhand körperlicher Stigmata bzw. Auffälligkeiten (Anomalien) eine Typologie 5 aufzustellen, die bestimmte Verbrechertypen ihrem Aussehen nach einordnen sollte( vgl. Mergen 1978: 76); er kam vor allem über Schädelvermessungen zu seinen Ergebnissen, die sich gleichsam „antithetisch“ gegen die bis dahin geltende klassische Auffassung richteten, welche seit Mitte des 18. Jahrhunderts im Geist der Aufklärung und in der Tradition Cesare BECCARIAS (2005; zuerst 1764) stehend Kriminalität als dem Wechselspiel zwischen Individuum und Gesellschaft entspringend erklärt und den Fokus vornehmlich auf die Tat gelegt hatte (vgl. Lamnek 2007: 61). LOMBROSOS zutiefst positivistischer Ansatz hingegen rückte nun den Täter und dessen (atavistische) Konstitution in den Mittelpunkt; aufgrund neuer Theorien nahm dessen Einfluss auf die kriminologische Theoriebildung jedoch schnell ab, so dass die Nachwirkungen der biologisch-anthropologischen Theorien weit weniger inhaltlicher, sondern vielmehr methodischer Natur sind, weil LOMBROSO zu- 5 ZumBegriff der Typologie (bzw. Klassifikation) in der Kriminologie siehe SCHÖCH (1985).
5
mindest das Verdienst zukommt, die empirische Forschung in die Kriminologie eingeführt zu haben (vgl. Schwind 2008: 94). 6
3.2 Psychologische Theorien
Seit Entstehung der Kriminalpsychologie zu Beginn des 19. Jahrhunderts versuchte diese (allerdings vergeblich), kriminelle und nicht-kriminelle Menschen in ihren Persönlichkeitseigenschaften zu unterscheiden (vgl. Schneider 1998: 648). Diese Theorien stellen auf psychische Befindlichkeiten und psychopathologische Störungen der Persönlichkeit ab, die als Ursache für abweichendes und kriminelles Verhalten gelten, und werden daher auch psychogenetische Theorien genannt (vgl. Lamnek 1997: 15 f.). Damit ergibt sich jedoch ein Problem hinsichtlich der Zuordnung zu einer rein psychologischen Kate-gorie, denn - wie später noch zu sehen ist - können etwa sozialpsychologische Theorien aus guten Gründen ebenso zu soziologischen Theorien gezählt werden. Die Zuordnung zu einer psychologischen oder aber soziologischen Theorie„klasse“ hat also immer etwas willkürliches (vgl. Schwind 2008: 111). Innerhalb der psychologischen Ansätze zur Erklärung von Devianz kommt der auf FREUD zurückgehenden psychoanalytischen Sichtweise große Bedeutung zu. Die in dieser Tradition stehenden Konzepte gehen zusammenfassend davon aus, dass abweichendes Verhalten und speziell Kriminalität auf pathologische Persönlichkeitsentwicklungen zurückzuführen sind, die wiederum das Ergebnis von frühkindlichen Entwicklungsstörungen v. a. im Bereich der Sexualität darstellen (vgl. Lösel 1985: 221). Die angeborene (antisoziale) Triebhaftigkeit des Menschen wird durch eine zu schwach ausgeprägte „Über-Ich“-Ausbildung infolge von Sozialisationsdefekten nur unzureichend eingedämmt; gleichwohl gilt im Gegensatz auch eine übermäßige Über-Ich-Ausformung aufgrund von Kompensierung der verdrängten Triebe als ursächlich für Kriminalität. Des Weiteren können fehlende emotionale Zuwendungen durch die unmittelbare Umwelt sowie präexistente Schuldgefühle abweichendes Verhalten hervorrufen. Letztlich liegt aus psychoanalytischer Sicht die Verant-wortung für die Sozialisation des Menschen bei seiner Umwelt, indem diese die Entwicklung des von Natur aus „asozialen“ und triebhaften Wesens durch Herausbildung eines „gesunden“ Über-Ichs zwecks Eindämmung und Sozialisierung bedingt (bzw. die-
6 Einweiterer Grund für die relativ kurze Popularität dürfte in der (ethisch und moralisch äußerst fragwürdigen) „logischen“ Schlussfolgerung radikaler biologischer Erklärungsansätze liegen, nach der dem Verbrechen nur über die Eugenik, also die soziale Kontrolle der Fortpflanzung, beizukommen sei (vgl. Kurzeja 1976: 44). Allerdings haben sich - wenngleich eher randständige - Varianten von konstitutionstypologischen Theorien lange halten können, wie etwa bei KRETSCHMER (1977, zuerst 1921) und SHELDON (1949) sowie in der Zwillingsforschung; dort allerdings mehr in Hinblick auf genetische Prädispositionen, wie bei LANGE (1929).
6
ses nicht ausreichend zu tun vermag) (vgl. Lamnek 2007: 84 ff.). Eine etwas andere Zugangsweise wählen die Kontrolltheorien (auch Halttheorien genannt) indem sie, wie etwa bei REISS (1951), in einem Perspektivenwechsel, aber anknüpfend an die psychoanalytische Betrachtungsweise, nicht nach den Ursachen abweichenden, sondern kon-formen Verhaltens fragen (vgl. Schwind 2008: 116 ff.). Sie gehen davon aus, dass sozi-alkonformes Verhalten erlernt und durch formelle wie informelle und äußere wie innere Kontrollen bedingt wird (vgl. Schneider 1998: 653).
Neben der psychoanalytischen Schule können zu den (sozial-)psychologischen Konzepten noch lernpsychologische Ansätze sowie Aggressionstheorien gezählt werden: Erstere halten abweichendes, kriminelles Verhalten für ebenso erlernbar (und damit auch potentiell verstärkbar) wie konformes. Die auf EYSENCK (1977) zurückgehende Auffassung, biologische Wurzeln der Persönlichkeit bedingten die (permanente) Konditionierung 7 des Menschen, wird in Bezug auf Kriminalität dahingehend gedeutet, dass Verbrecher schwerer zu konditionieren seien als Normkonforme und bei ihnen damit insbesondere die negative Konditionierung durch Strafandrohung versagte (vgl. Lamnek 2007: 92 f.). Aggressionstheorien wie die Frustrations-Aggressions-Hypothese nach DOLLARD (1973; zuerst 1939) wiederum referieren auf frühe Thesen FREUDS, indem sie feststellen, dass einer Aggression immer Frustration vorausgeht, jedoch nicht jeder Frustration grundsätzlich Aggressionen folgen müssen (vgl. Lamnek 2007: 92). Demzufolge hätten Kriminelle häufiger unter Frustrationen zu leiden, oder aber sie hätten eine niedrigere Frustrationsschwelle bzw. -toleranz als Normkonforme.
Allen psychologischen bzw. psychogenetischen Theorien und Ansätzen ist gemein, dass abweichendes Verhaltens immer von der Persönlichkeit des Täters her betrachtet wird, indem stets auf Fehlentwicklungen des Individuums verwiesen wird; gleichzeitig können aber diese Persönlichkeitsstörungen nicht allein durch sich selbst erklärt werden, sondern sind auch auf soziale Bedingungen zurückzuführen, was die Erklärungskraft dieser Theorien einschränkt, zumal empirisch gesicherte Ergebnisse bezüglich des relationalen und quantitativen Verhältnisses von psychischen Störungen zur Kriminalität noch ausstehen (vgl. ebd.: 93 f.). Innerhalb der psychologischen Theorien scheinen sich mittlerweile solche Ansätze durchsetzen zu können, die stärker die sozialisationstheoretische Perspektive einnehmen und somit das Spannungsverhältnis zwischen Individuum und
7 Konditionierung wird hier (nach SKINNER und PAWLOW) als operante und klassische Konditionierung verstanden, demzufolge „die (positive) Konditionierung im Sinne sozialer Angepaßtheit mißlungen“ (Schwind 2008: 122) wäre; EYSENCK geht zudem - in Variation dieser Annahmen - von einer Reflexauslösung durch negative Reize zwecks Vermeidung bestimmten Verhaltens aus (vgl. ebd.: 125).
7
Gesellschaft thematisieren, was sich - wie im folgenden zu sehen sein wird - in einem zunehmend soziologischen Charakter der Theorien abweichenden Verhaltens ausdrückt.
3.3 Multifaktorielle Ansätze
Mehr als Antwort auf die vermeintlichen Unzulänglichkeiten der genannten Kriminali-tätstheorien - und hier nur der Vollständigkeit halber aufgeführt - können Mehrfaktorenansätze gelten, die den verschiedenen Ursachen für Kriminalität Rechnung zu tragen versuchen, indem sie sowohl verschiedenartige Anlagefaktoren als auch Umwelteinflüsse aus den vorhandenen anthropogenetischen, aber vor allem psychologischen und soziologischen Theorien extrahieren und induktiv zu einer neuen „Theorie“ zusammenfügen. So ging das Ehepaar GLUECK (1972; zuerst 1963) beinahe eklektizistisch bei der Auswahl von Variablen vor, die sie empirisch zu testen versuchten (vgl. Lamnek 1997: 16). Sie lassen dabei jedoch eine wissenschaftlich-theoretische und damit deduktive Fundierung vermissen und setzen so eher auf statistische Absicherung als auf große the-oretische Relevanz; somit kann ihnen, ungeachtet der Tatsache, dass sie eine dezidiert interdisziplinär-integrative Position einnehmen und damit gleichsam als „Vorbild“ für die interdisziplinäre Wissenschaft der Kriminologie herangezogen werden könnten, kaum der Status von Theorien zugesprochen werden. 8
3.4 Soziologische Theorien
Ohne den Ausführungen, die anschließend im zentralen Teil II dieser Arbeit folgen werden, vorgreifen zu wollen, so lässt sich doch in Abgrenzung zu den vorgenannten Theorien und Ansätzen herausstellen, worauf soziologische Konzepte abzielen. Mit SACK (1985: 234 f.) können folgende Ausgangsprämissen formuliert werden, die jeglicher soziologischer Analyse von abweichendem Verhalten zugrunde liegen: Die einzige Voraussetzung zur Analyse kriminellen Verhaltens ist die Analyse normgetreuen Verhaltens, was sich in dem Anspruch ausdrückt, Kriminalität als ausschließlich soziales Phänomen zu begreifen;
als kulturellem und eigenständigem Wesen ist es dem Menschen grundsätzlich möglich, sein Handeln frei zu bestimmen, was dieses im Sinne LUHMANNS kontingent erscheinen lässt - auch Abweichungen sind möglich, weshalb Vorkehrungen dagegen notwendig werden;
8 Dazu COHEN (1974: 221): „Ein Mehr-Faktoren-Ansatz ist keine Theorie; er ist der Verzicht auf die Suche nach einer Theorie.“
8
Devianz wird als universelle Erscheinung im Zusammenleben der Menschen betrachtet und variiert über die einzelnen Kulturen und Gesellschaften hinweg derart, dass es kein Verhalten gibt, was unter spezifisch-historischen und -kulturellen Bedingungen nicht als „abweichend“ oder gar „kriminell“ gelten würde; diese universalistische Betrachtungsweise legt den Schluss nahe, dass abweichendes und delinquentes Verhalten etwas Funktionalistisches für eine Gesellschaft darstellt, indem Abweichungen stets an die geltenden Normen erinnern und somit der normativen Stabilisierung dienen;
die empirische Struktur der Erscheinung von Devianz und Delinquenz weist systematische Aspekte auf, die über individuelle Merkmale und Attribute hinaus auf ein soziales Phänomen hindeutet, weshalb zur Untersuchung von Kriminalität auf die Art und Weise des menschlichen Zusammenlebens abzustellen ist; aus diesen Hintergrundannahmen darf allerdings nicht gefolgert werden, andere als soziologische Gesichtspunkte würden darüber ignoriert; vielmehr ist „[d]ie verhaltensbestimmende Kraft von biologischen und individuellen Merkmalen […] eine sozial angesonnene, unter bestimmten Umständen erzwungene und - nach diesen Umständen variierend - auch angenommene“ (ebd.: 235).
LAMNEK (2007: 104 f.) weist neben diesem „Grundkanon“ von soziologischen Devi-anztheorien noch darauf hin, dass die jeweils zugrunde liegenden sozialen Bedingungen abweichenden Verhaltens als prinzipiell veränderbar angesehen werden und letztlich die Gesellschaft selbst (bzw. entsprechende soziale Tatbestände) aufgrund der durch Menschen geschaffenen Bedingungen für die Abweichungen verantwortlich gemacht werden müssten, was sich in einer pragmatischen Orientierung in Richtung der kriminalpolitischen Umsetzbarkeit (Prognose, Prävention, Resozialisation) der jeweiligen Theorien ausdrückt.
9
II. Darstellung des Paradigmenwechsels anhand ausgewählter 9
Theorien abweichenden Verhaltens
4 Ätiologische Ansätze
4.1 Anomietheorien
Die Anomietheorie Robert K. MERTONS stellt als „‚Mutter’ der Theorie-Familie der strukturellen Spannung“ (Sack 2007: 193) einen der zentralen Ansätze zur Erklärung von abweichendem (und explizit delinquentem) Verhalten dar und galt lange Zeit als eine der herausragenden kriminologischen Theorien soziologischer Prägung (vgl. Springer 1973: 38; Kaiser 1989: 221). Sie geht zurück auf den Anomiebegriff von Émile DURKHEIM, der bereits Ende des 19. Jahrhunderts im Rahmen von Arbeiten zur gesellschaftlichen Arbeitsteilung anomische Zustände in (Teilen) der Gesellschaft ausmachte und diese konsequent mit Hilfe sozialer Tatbestände zu erklären versuchte (vgl. Lamnek 1997: 18).
DURKHEIM leitete aus der Betrachtung der zunehmenden Arbeitsteilung die These ab, auch die soziale Differenzierung der Individuen nehme zu. Verbindet die Einzelnen im Falle geringer Differenzierung noch ein Band mechanischer Solidarität, welches v. a. auf allgemein gebilligten Moralvorstellungen begründet ist, werde dieses mit zunehmender gesellschaftlicher Differenzierung immer weiter durch eine von gegenseitigen Abhängigkeiten geprägte organische Solidarität ersetzt (vgl. Lamnek 2007: 111 ff.). Die fortschreitende Individualisierung und die damit einhergehende Schwächung des Kollektivbewusstseins mangels allgemeiner Gemeinsamkeiten führen jedoch zu einer Erosion der organischen Solidarität, was schließlich im Zustand der Anomie endet, der „gleichzusetzen ist mit der Tatsache, dass es keine gemeinsamen Verbindlichkeiten, Erwartun- 9 Angesichtsder Tatsache, dass Abweichungen und insbesondere die Teilklasse krimineller Verhaltensweisen (und damit natürlich auch der Delinquent als „Aus-der-Reihe-Tanzender“ und Nicht-Konformer) immer schon eine große Faszination auf die Menschen ausgeübt haben (vgl. Schwind 2008: 85), kann es nicht verwundern, dass trotz der relativ jungen Vergangenheit der Kriminologie eine Fülle von Erklärungsansätzen existieren, die im Rahmen der hier vorliegenden Arbeit nicht einmal ansatzweise vollständig thematisiert werden können, selbst wenn der Fokus auf soziologischen Theorien liegt und somit viele Konzepte von vornherein unberücksichtigt bleiben. Aus diesem Grund sollen nur solche Ansätze und Au-toren Erwähnung finden, die gemäß der einschlägigen Literatur (Springer 1973; Lamnek 1997, 2007; Dollinger/Raithel 2006; Kaiser/Schöch 2006) als die wesentlichen Vertreter der jeweiligen Theorierichtung angesehen werden können. Dennoch gilt es zu berücksichtigen, dass sich wie bei jeder Auswahl sicherlich auch gute Gründe für eine andere Wahl werden finden lassen.
10
gen und Regeln mehr gibt, die die Interaktion der Gesellschaftsmitglieder leiten und steuern“ (ebd.: 112). Verstärkt wird dieser Missstand durch die Zügellosigkeit des menschlichen Wesens. Obwohl ihnen nur begrenzte Güter zur Befriedigung ihrer Ansprüche zur Verfügung stehen, neigen Menschen zu überhöhten und daher nicht erfüllbaren Wünschen; der durch diese Diskrepanz hervorgerufene belastende Zustand des Einzelnen wird in einer „intakten“ Gesellschaft durch anerkannte, aus ihr selbst hervorgehende Autoritäten und Moralvorstellungen (wie Normen und Werte) gemäßigt. In anomischen Verhältnissen hingegen ist diese Einhalt gebietende und die Ansprüche der Menschen begrenzende Machtinstanz nicht mehr gegeben, so dass das Kollektivbewusstsein - auch subjektiv spürbar - geschwächt wird und in Folge dessen Einzelne selbstdestruktive Depressionen bis hin zur Suizidgefährdung 10 , v. a. aber auch abweichendes Verhalten zur (letztlich unmöglichen) Befriedigung ihrer Bedürfnisse zeigen (vgl. Böhnisch 2006: 26).
MERTON (1974) greift den von DURKHEIM ins Spiel gebrachten anomischen Zustand der Normlosigkeit auf und erweitert ihn, indem er seinerseits eine Diskrepanz ausmacht zwischen dem kulturellen Anspruch westlicher Gesellschaften, egalitär und offen zu sein, und deren tatsächlicher Struktur, durch welche die legitimen Möglichkeiten der Realisierung dieser allgemein verbindlichen kulturellen Ziele innerhalb einer Gesellschaft je nach Schichtzugehörigkeit tatsächlich höchst unterschiedlich determiniert sind (vgl. Sack 1985: 239; Schwind 2008: 135); die sich daraus ergebenden Spannungen in der sozialen Struktur entladen sich dabei in Abweichungen (vgl. Sack 2007: 193 f.). So bieten sich dem einzelnen Gesellschaftsmitglied individuell verschiedene Optionen zur Bewältigung dieses Ungleichgewichts, welche MERTON in folgender Typologisierung zusammenfasst, die Anpassungstypen bezüglich der Einstellung des Einzelnen zu kulturellen Zielen in Abhängigkeit zu institutionalisierten Mitteln formuliert (vgl. Merton 1974: 292 ff.):
Konformität: Sowohl die Ziele als auch die Mittel werden angenommen, so dass sich das Individuum im Gegensatz zu den folgenden Typen nicht abweichend, sondern den Regeln und Normen entsprechend verhält.
Innovation: An den Zielen wird festgehalten, wobei jedoch die Mittel zu deren Erreichung abgelehnt werden. Diese Verhaltensweise zeichnet den Prototyp des Kriminellen (z. B. Diebstahl als Mittel zur Erreichung von Wohlstand) aus.
10 DURKHEIMS Feststellungen hinsichtlich der Anomie sind nicht zuletzt Ergebnisse seiner Untersuchungen zu Selbstmordraten (vgl. Durkheim 1983, zuerst 1897).
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Arbeit zitieren:
Bachelor Adrian Bente, 2008, Soziologische Theorien abweichenden Verhaltens und der innerdisziplinäre Paradigmenwechsel am Beispiel jugendlicher Gewalttäter, München, GRIN Verlag GmbH
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Adrian Bente's Text Soziologische Theorien abweichenden Verhaltens und der innerdisziplinäre Paradigmenwechsel am Beispiel jugendlicher Gewalttäter ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
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Siegfried Lamnek
Konstruierte Normalitäten - normale Abweichungen
Gesine Drews-Sylla, Elena Polledri, Halyna Leontiy, Elisabeth Dütschke
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