Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Institut für Publizistik
SS 2002
Übung: Einführung in die Publizistikwissenschaft - Medienwirkungsforschung Abgabetermin: 30.08.2002
II
Ihaltsverzeichnis d
1. Einleitung 01
2. Kultivierungsanalyse & Vielseherforschung 02
2.1 Kultivierung, Viel- und Wenigseher. Worum geht es? 02 2.2 Gerbner,s Forschungen 03
2.2.1 Die Message System Analysis 03
2.2.2 Die Kultivierungsanalyse 05
2.2.3 Mainstreaming und Resonance - Weiterentwicklung der Vielseherforschung 07
3. Kritische Stimmen 10
3.1 Paul M. Hirsch - kritische Revision der Kultivierungsanalyse 10 3.2 Weitere Kritik 14
4. Neuere Ansätze zur Kultivierungshypothese 15
5. Fazit 17
6. Literaturverzeichnis 18
Bild auf Titelblatt von Warren Linn: Stossel, Scott: The man who counts the killings.
http://www.theatlantic.com/issues/97may/gerbner.htm (21.08.2002)
1
1. Einleitung
Das Fernsehen ist das zentrale und beherrschende Massenmedium in der amerikanischen Kultur; es spielt eine entscheidende und, historisch gesehen, einzigartige Rolle. 1
Eine der ersten und lange auch der wichtigsten Studien zu der langfristigen Wirkung von Fernsehen auf die soziale Realität der Fernsehnutzer war die Kultivierungsanalyse von George Gerbner und seinem Forschungsteam an der Annenberg School of Communications an der University of Philadelphia.
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit diesen Arbeiten und den Forschungsergebnissen von George Gerbner. Hierbei ist, wie es in der Literatur leider manchmal etwas unscharf geschieht, zu unterscheiden zwischen Kultivierungsanalyse und -hypothese. Unter Kultivierungsanalyse soll in dieser Arbeit nur verstanden werden, was Gerbner in seinen Studien ab 1976 als „Cultivation Analysis“ bezeichnet, auf die er neben der „Message System Analysis“, der Inhaltsanalyse zur Fernsehgewalt von 1967-80, seine Studien konzentrierte.
Bei der Verwendung des Begriffs Kultivierungshypothese steht dagegen die langfristige Wirkung von Fernsehen auf die Realitätswahrnehmung des Zuschauers im Zentrum der theoretischen Betrachtung; sie ist auch Gegenstand anderer Studien. Zunächst soll ein allgemeiner Einstieg in die Hypothese der „Kultivierung“ langfristiger Einstellungsänderungen durch das Fernsehen gegeben werden. Als nächstes werden die Arbeit und die ihr zu Grunde liegenden Gedanken Gerbners und seines Forschungsteams vorgestellt und ein Überblick über seine Forschungen und Studien zur Kultivierungshypothese gegeben. „Mainstreaming“ und „Resonance“ sind Gegenstand Gerbners neuerer Forschungen. Auch auf diese beiden Ansätze der Vielseherforschung geht ein Kapitel dieser Arbeit ein.
Anschließend wird vor allem anhand der Kritik von Paul M. Hirsch und Gerbners Erwiderung darauf die Problematik der Studien des Annenberg Teams diskutiert. Zuletzt werden einige neuere Studien zum Thema Kultivierung und Vielseher-Problematik vorgestellt, die Gerbners Forschungen bestätigen, zum Teil aber auch relativieren
1 Gerbner, George et al.: Die „angsterregende Welt“ des Vielsehers. In: Fernsehen und Bildung 1-3/1981. S.
34.
2
oder erweitern. Der 15. Jahrgang der Zeitschrift „Fernsehen und Bildung“ (Nummern 1-3) beschäftigt sich mit dem Thema „Der Vielseher - Herausforderung für Fernsehforschung und Gesellschaft“. Darin sind nicht nur die Studien von George Gerbner und die Kritik von Paul M. Hirsch zusammengefasst, sondern auch ein Aufsatz von Konrad Burdach zu dieser Kontroverse und die Studien von Jo Groebel und Peter Vitouch enthalten, die versuchen Gerbners Ansatz weiterzuentwickeln. Diese sollen hier kurz zusammengefasst werden. Zusätzlich wird je eine Studie von Heinz Bonfadelli, der Befunde zur Kultivierungsanalyse aus der Schweiz vorbringt, 2 und von Bertram Barth, der die Kultivierungsanalyse in Österreich überprüft, 3 vorgestellt. Diese Auswahl kann sicher nicht für sämtliche Studien zur Kultivierungshypothese repräsentativ sein, sie soll nur eine kleine Weiterführung zu neueren Forschungen darstellen.
Zuletzt wird die Arbeit als Fazit noch ein mal zusammengefasst, wobei der Autor hier seine eigene Meinung einfließen lässt.
2. Kultivierungsanalyse & Vielseherforschung
2.1 Kultivierung, Viel- und Wenigseher. Worum geht es?
Gerbner wie auch vielen anderen Medienwissenschaftlern zufolge ist das Fernsehen zu einer wichtigen, wenn nicht zur wichtigsten Sozialisationsinstanz der heutigen Zeit geworden. 4 Dabei besteht laut George Gerbner das amerikanische Fernsehprogramm vor allem aus gewalttätigen Inhalten jeglicher Form. 5 Zudem vermittelt das Fernsehen vermeintlich wahre Stereotype über Menschen, Machtverhältnisse und Themen, sowie simple Handlungsmuster, die mit der komplexen Realität nichts zu tun haben. 6 Dies kann im Hinblick auf die langfristigen Wirkungen, die das Fernsehen auf den Zuschauer, hat nicht ohne Konsequenzen bleiben. Zu dieser Schlussfolgerung gelangt Gerb- 2 Bonfadelli,Heinz: Der Einfluß des Fernsehens auf die Konstruktion der sozialen Realität: Befunde aus der
Schweiz zur Kultivierungshypothese. In: Rundfunk und Fernsehen 3-4/1988 S. 415-430.
3 Barth, Bertram: Fernsehnutzung und Realitätswahrnehmung: Zur Überprüfung der Kultivierungshypothese.
In: Rundfunk und Fernsehen 1/1988. S. 67-79.
4 Vgl.: Gerbner, George et al.: Vielseher. In: Fernsehen und Bildung 1-3/1981. S. 17/34.
Burdach, Konrad J.: Methodische Probleme der Vielseherforschung aus psychologischer Sicht. Zur Kontro-
verse Gerbner/Hirsch. In: Fernsehen und Bildung 1-3/1981. S. 100.
Vitouch, Peter: Vielseher und Attribution. Ein sozialpsychologischer Ansatz zur Medienforschung. In: Fern-
sehen und Bildung 1-3/1981. S. 160-161.
5 Vgl.: Gerbner et al. In: Fernsehen und Bildung 15, 1-3/1981. S. 22.
6 Vgl.: Ebd. S. 19.
3
ner aufgrund der These, dass das Fernsehen beim Rezipienten bestimmte Vorstellungen über die Realität, ein bestimmtes Weltbild „kultiviert“, d.h. der Zuschauer die dargestellten Stereotype und Handlungsmuster verinnerlicht und auf seine Wirklichkeit überträgt. Der Fernsehnutzer nimmt seine Umwelt quasi durch eine „Fernseh-Brille“ wahr. Der starke Gewaltanteil der Fernsehprogramme führt laut Gerbner dann dazu, dass Fernsehnutzer die Welt z.B. angsteinflößender und bedrohlicher wahrnehmen, als sie es in Wirklichkeit ist. Kultivierung ist nach Gerbner also die langfristige Wirkung des Fernsehens auf grundlegende Vorstellungen von der sozialen Realität. Durch die Fernsehinhalte wird dem Fernsehzuschauer ein einheitliches Weltbild vermittelt, das der Fernsehrealität entspricht. Diese Medienwirkung, erfolgt laut Gerbner additiv, d.h. Personen, die viel Fernsehen, werden stärker beeinflusst als Personen, die wenig fernsehen. Um diese These zu verifizieren, untersucht Gerbner in seinen empirischen Studien ab 1976 die so genannten Kultivierungseffekte bei Vielsehern („TV-Heavy-Users“) und Wenigsehern („TV-Light-Users“).
2.2 Gerbners Forschungen
2.2.1 Die Message System Analysis
Die Message System Analysis hatte nicht weniger zum Ziel, als die „Darstellung der „Fernsehwelt“ in ihrer ganzen Komplexität, also mit allen wesentlichen Merkmalen, Strukturen, Beziehungen und Wechselwirkungen“ 7 , um herauszufinden „wie diese Welt aussieht, was da geschieht, wer in ihr lebt und wer was wem antut“ 8 . Dazu wurde zwischen 1967 und 1980 jedes Jahr eine Woche lang eine Stichprobe des amerikanischen Fernsehprogramms einer Inhaltsanalyse unterzogen.
Diese Inhaltsanalyse beschränkt sich jedoch nur auf den Gewaltaspekt des Fernsehprogramms und zwar auf die Darstellung offener physischer Gewalt, da gewalthaltige Inhalte, so Gerbner, das amerikanische Fernsehprogramm stark dominieren. 9 Zur Erfassung der Gewalt wurden zwei Arten von Kennwerten ermittelt, die Gewalt-Indizes („Violence Measures“) und die Täter-Opfer-Relationen („Victimization Scores“). 10 Tabelle 1 zeigt exemplarisch verschiedene Gewalt-Indizes, die von Gerbner und seinem Forschungsteam zwischen 1967 und 1975 erstellt wurden.
7 Burdach, K. in: Schenk, M.: Medienwirkungsforschung. 1987. S. 348.
8 Gerbner, George et al.: Vielseher. In: Fernsehen und Bildung 15, 1-3/1981. S. 22.
9 Vgl.: Ebd. S. 19.
10 Vgl.: Burdach, K. in: Schenk, M.: Medienwirkungsforschung. 1987. S. 348.
Arbeit zitieren:
Paul Eschenhagen, 2002, Die Kultivierungshypothese George Gerbners, München, GRIN Verlag GmbH
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