Hausarbeit zur ersten Staatsprüfung für das
Lehramt an der Grund- und Mittelstufe
Möglichkeiten der Schule zum Umgang mit
aggressiven Schüler/innen unter besonderer
Berücksichtigung von StreitschlichterKonzepten
Vorgelegt von
Beyhan Kenan
Abgabetermin: 18.05.2007
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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung... 4
2. Theoretischer Bezugsrahmen - Definition relevanter Begriffe ... 6
2.1 Definition von Aggression, Gewalt und Konflikte... 6
2.1.1 Der Aggressionsbegriff ... 6
2.1.2 Der Gewaltbegriff... 11
2.1.3 Zusammenhang zwischen den Begriffen Aggression und Gewalt... 12
2.2 Konflikte ... 13
2.2.1 Positives Konfliktverständnis ... 15
2.2.2 Umgang mit Konflikten ... 16
2.2.2.1 Destruktive Konfliktaustragung ... 16
2.2.2.2 Konstruktive Konfliktaustragung... 17
2.2.3 Konfliktkultur in der Schule ... 18
2.3 Zusammenhang zwischen Konflikt und Aggression... 19
3. Theoretische Erklärungsansätze zu menschlichem aggressiven Verhalten:
Aggressionstheorien... 21
3.1 Erklärungsansätze zur aggressiven Natur des Menschen: ... 22
3.1.1 Aggression als angeborene Triebkraft... 22
3.1.2 Zur pädagogischen Relevanz der Triebtheorien... 26
3.2 Die Frustrations- Aggressions- Hypothese... 27
3.3 Lerntheoretische Ansätze ... 29
3.3.1 Lernen am Modell... 30
3.3.2 Lernen am Erfolg ... 31
3.3.3 Signallernen ... 33
3.3.4 Kognitives Lernen... 33
3.2 Soziologische Erklärungsansätze ... 34
3.2.1 Anomie- Theorie ... 35
3.2.2 Die Subkulturtheorie ... 36
3.2.3 Etikettierungstheorien... 37
3.2.4 Aggression als Folge von Modernisierung und Individualisierung ... 38
4. Ausmaß von Aggression in der Schule... 40
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5. Pädagogische Aggressionsprävention und Aggressionsintervention ... 43
5.1 Begriffsbestimmung ... 43
5.1.1 Was ist Aggressionsintervention?... 43
5.1.2 Was ist Aggressionsprävention? ... 43
5.2 Ebenen der Aggressionsprävention ... 44
5.3 Zwischenbilanz ... 47
6. Mediation- Die Lehre von Vermittlung und Schlichtung ... 47
6.1 Begriffsbestimmung ... 47
6.1.1 Mediation ... 47
6.2 Mediation als Verfahren ... 48
6.3 Ziele der Mediation... 49
6.4. Ursprünge der Mediation... 49
6.4.1 Historische und kulturelle Wurzeln ... 49
7. Mediation an Schulen ... 51
7.1 Peer- Mediation... 51
7.1.1 Peer- Group- Education... 51
7.2 Entstehungsgeschichte und Verbreitung der Peer- Mediation ... 53
7.2.1 Entwicklung der Peer- Mediation in den USA... 53
7.2.2 Verbreitung in Deutschland ... 53
7.3 Ablauf einer Peer- Mediation... 54
7.4 Die Peer-Mediator/innen ... 59
7.4.1 Rolle und Aufgaben der Peer-Mediator/innen ... 59
7.4.2 Auswahl der Peer- Mediator/innen an der Mediationsausbildung... 60
7.4.3 Ausbildung der Peer- Mediator/innen ... 61
7.5 Peer- Mediation in der schulischen Praxis ... 62
7.5.1 Grenzen der Peer-Mediation ... 62
7.5.2 Chancen und Vorteile der Peer-Mediation... 63
8. Peer- Mediation und Aggressionsprävention ... 64
8.1 Möglichkeiten und Chancen der Peer-Mediation bei der Aggressionsprävention 64
8.2 Grenzen und Konsequenzen der Peer-Mediation bei der Aggressionsprävention66
9. Schlussbetrachtungen ... 67
10. Literaturangaben ...69
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1. Einleitung
Gewalt an Schulen ist seit den 90er Jahren ein hochaktuelles und brisantes Thema. Das
Problem Gewalt in der Schule rückte immer mehr ins öffentliche Bewusstsein. Dazu
haben vor allem die Medien beigetragen, die vermehrt über erschreckende Einzelfälle
berichtet haben.
Wesentlicher Auslöser der Diskussion war u.a. die Annahme, die Gewaltbereitschaft
unter Kindern habe insgesamt und in erheblichem Maße zugenommen.
Dabei wurde von Ohnmachtsgefühlen bei der Regelung von Konflikten, dem Versagen
der herkömmlichen Erziehungsmittel und den Schwierigkeiten, den alltäglichen
Aggressionen und Streitigkeiten in den Klassen und auf dem Schulgelände kompetent
zu begegnen, berichtet.
Diese dramatischen Ereignisse, die besonders von den Medien aufgegriffen wurden,
bilden sicherlich sehr extreme Formen von Aggression in Schulen. Neben diesen
Formen existieren in der Schule allerdings auch andere Erscheinungsformen von
Aggression, die mittlerweile fest zum schulischen Alltag zu gehören scheinen. Zu
erwähnen wären an dieser Stelle: Ängstigen, Bedrohen, Auflauern, Hänseln, Quälen,
Provozieren, Pöbeln, Erpressen, Schlagen, Berauben, Verletzen, Kleidung
beschädigen, Vandalismus etc.
Die Debatte der 90er Jahre zum Thema ,,Gewalt an Schulen" hat dazu geführt, dass
sich eine Vielzahl wissenschaftlicher Untersuchungen mit diesem Gegenstand
beschäftigt hat. Die Forschung hat sich dabei zunächst auf die Erklärung der
Entstehungsbedingungen von Aggression und Gewalt konzentriert und in diesem
Zusammenhang auch zahlreiche Vorschläge und komplexe Modelle zur
,,Gewaltprävention" ausgearbeitet.
Neben vielen anderen sinnvollen Ansätzen im Bereich der Gewaltprävention hat sich die
"Streitschlichtung" an vielen Schulen als ein zentraler Baustein entwickelt.
Streitschlichtung ist ein erfolgreiches Konzept, das sich in den letzen Jahren wie ein
"Buschfeuer" ausgebreitet hat: Zunächst an einzelnen Schulen, in kürzester Zeit bereits
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an Hunderten von Schulen in vielen Bundesländern. Trainingshandbücher mit Übungen
gibt es viele am Markt.
Das Streitschlichterprogramm auch als Peer-Mediation bekannt, wird als probates Mittel
zur Deeskalation von Gewalt und zur konstruktiven Lösung von Konflikten eingesetzt.
Das in den 60er und 70er Jahren in den USA entwickelte vermittelnde Streitprogramm
hat sich in der dortigen Schullandschaft bewährt. In Deutschland fehlen bislang fundierte
Ergebnisse. Es handelt meist um Dokumentationen oder Selbstevaluationen von
Projekten, die Auskunft über die bisherige Entwicklung geben.
In der vorliegenden Arbeit soll untersucht werden welchen Beitrag
Streitschlichterkonzepte zum konstruktiven Umgang mit Aggressionen leisten. Hierbei
stützt sich die Arbeit auf die Ergebnisse der Aggressions- und Gewaltforschung.
Im Anschluss darauf werden im zweiten Teil fundamentale Begriffe definiert.
Im dritten Teil werden die verschiedenen Erklärungsansätze zur Entstehung
menschlicher Aggressionen dargestellt, unterteilt in psychologische und soziologische
Erklärungsansätze.
Im vierten Kapitel wird das Ausmaß von Aggressionen in der Schule beschrieben, um
darauf aufbauend präventive Maßnahmen daraus schließen zu können.
Der fünfte Teil befasst sich mit der Begriffsbestimmung von pädagogischer
Aggressionsintervention und Aggressionsprävention, um mit ihnen entsprechend
operieren zu können.
In der zweiten Hälfte der Arbeit wird der Fokus der Überlegungen zunächst auf
,,Mediation" als Methode im Allgemeinen und davon ausgehend auf die Peer-Mediation
im Speziellen gelenkt. Die historische Entwicklung dieser Methode wird dabei ebenso
betrachtet wie der theoretische Ablauf eines solchen Mediationsverfahrens.
In einem eigenständigen Kapitel werden zudem die Möglichkeiten und Grenzen der
Peer-Mediation bei der schulischen Aggressionsprävention diskutiert. Die
Schlussfolgerungen werden in dieser Arbeit die pädagogischen Folgerungen darstellen.
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2. Theoretischer Bezugsrahmen - Definition relevanter
Begriffe
2.1 Definition von Aggression, Gewalt und Konflikte
Im folgenden Kapitel sollen zunächst Begriffsdefinitionen von Aggression, Gewalt und
Konflikte aufgeführt, Überschneidungen und Trennschärfen herausgestellt werden.
Da Aggression oft als Mittel der Konfliktlösung eingesetzt wird und dabei neue Konflikte
erzeugt werden, werden die theoretischen Reflexionen über die Bandbreite "Konflikte
Aggression Gewalt" vorgenommen.
Aggression und Gewalt werden trotz definitorischer Unterschiede synonym gebraucht.
Anstelle des Aggressionsbegriffes wird sowohl im alltäglichen Sprachgebrauch als auch
in der Wissenschaftssprache der Oberbegriff Gewalt verwendet. Ein solcher Umgang ist
jedoch nicht gerechtfertigt und bedarf der Präzisierung.
Danach werden die in der Wissenschaft relevanten Erklärungsansätze für das Auftreten
von Aggression präsentiert und zusammenfassend bewertet.
2.1.1 Der Aggressionsbegriff
Obwohl in der wissenschaftlichen Diskussion um den Aggressionsbegriff keine
allgemein gültige Definition vorliegt, wird zunächst eine terminologische Klärung
zur Bestimmung des Gegenstandes erfolgen, um dadurch einerseits eine
Verständigungsbasis zu schaffen und andererseits den gegenwärtigen
Forschungsstand der Aggressionsliteratur bezüglich der ihr zugrundeliegenden
Definitionsansätze und die damit verbundene Begriffsproblematik zu erörtern.
Schon allein der vielfältige Sprachgebrauch zeigt den vielschichtigen Bedeutungsgehalt.
Während in der psychologischen Tradition der Begriff "Aggression" bzw. "Aggressivität"
als Leitbegriff Verwendung findet, fungiert in der soziologischen Kategorie der Begriff
des "abweichenden Verhaltens", synonym dazu auch "Devianz". Entsprechend erhalten
in der Fachliteratur Begriffe wie Gewalt, Konflikt, Bedrohung oder Devianz eine ähnliche
Bedeutung. Dies veranschaulicht wie komplex der Aggressionsbegriff ist und welche
Phänomene er in sich vereint. In diesem schwierigen Bereich ist eine verbindliche
Definition, die allen Ansprüchen genügt, nicht zu erwarten. Dies gilt insbesondere dann,
wenn dabei Begrifflichkeiten aus der Alltags- oder Bildungssprache entlehnt sind, deren
Bedeutungsinhalt ambivalent, ungenau und inkonsistent ist. Beispielhaft dafür sind
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Begriffe wie Intelligenz, Sexualität, Angst, Demokratie etc., die aufgrund der
mangelnden Präzision eine einheitliche Definition nicht zulassen. Eine weitere
Schwierigkeit ergibt sich dadurch, dass im alltäglichen Sprachgebrauch im Gegensatz
zur Wissenschaftssprache Begriffe in der Regel nicht normiert sind. Dies hat zur Folge,
dass unterschiedliche individuelle und situationsabhängige Begriffsverständnisse
vorliegen.
Wie NOLTING darlegt, können im alltagsprachlichen Gebrauch der Begriffe
"Aggression" und "aggressiv" eine Vielzahl von Bedeutungen differenziert werden.
"So denken manche Menschen nur an massives, intensives Verhalten wie
körperliche und verbale Angriffe oder Sachbeschädigung... Andere Menschen
beziehen hingegen auch subtilere Formen wie Missachtung oder mangelnde
Hilfeleistung mit ein. Für manche gehört zur Aggression eine affektive Erregung
(Ärger, Wut), während andere gerade ein Handeln aus kühler Berechnung
besonders aggressiv finden. Viele Menschen sprechen nur dann von Aggression
wenn sie das Verhalten ungerecht finden... Einige fassen Aggression und vor
allem das Adjektiv aggressiv so weit, dass jedes offensive, energische oder
tatkräftige Handeln sich mit erschließen lässt."
Da der Aggressionsbegriff sich nicht in eine allgemeingültige Definition pressen lässt,
werden anhand wissenschaftlicher Umschreibungen Akzente gesetzt, die Orientierungs-
und Verständigungshilfen geben, die die spezifischen Komponenten von Aggression
benennen. Zunächst können in der wissenschaftlichen Diskussion zur Terminologie von
Aggression weite und enge Definitionen unterschieden werden (z.B. BACH &
GOLDBERG 1974, MITCHERLICH 1969, HACKER 1971). Weite Auslegungen gehen
vom etymologischen Ursprung des Wortes Aggression (vom lateinischen ad- agredi:
"heran- gehen") aus. In diesem ursprünglichen Sinne wird jede gerichtete, offensive
Aktivität des Menschen als Aggression, als Tatkraft beschrieben. Diese Definitionen
besitzen in der Wissenschaft bzw. in der Psychologie kaum Relevanz, werden meist von
triebtheoretisch orientierten Autoren vertreten.
Solch weitgefasste Definitionen von "Aggression" sind als Grundlage für die eigene
Studie unbrauchbar, da sie Aggression von anderen Verhaltensweisen nicht
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spezifizieren, dadurch weder eine Analyse noch adäquate Aussichten für pädagogische
Prävention und Interventionsmaßnahmen bereitstellen.
Zur Bestimmung destruktiv- aggressiven Verhaltens bieten sich Definitionen aus der
größeren Gruppe des engeren Typs an. Diese wählen einen präzisierenden Zugang,
indem sie Aggression rein deskriptiv als einen Sachverhalt mit der Zuschreibung einer
"intendierten Schädigung" zu bestimmen versuchen.
Beispiele solcher Definitionen sind:
Aggression umfasst jene Verhaltensweisen, mit denen die direkte oder indirekte
Schädigung eines Individuums, meist eines Artgenossen, intendiert wird" (Merz
1965), bzw.: "Unter aggressiven Verhaltensweisen werden hier solche
verstanden, die Individuen oder Sachen aktiv und zielgerichtet schädigen, sie
schwächen oder in Angst versetzen" (Fürntratt 1974).
Dabei wird Aggression lediglich auf der Verhaltens- bzw. Handlungsebene bestimmt,
und zugleich eine klare Grenze zu aggressiven Emotionen wie Ärger und Wut gezogen,
da es sich hierbei um zwei unterschiedliche Aspekte handelt, die nicht unbedingt
einander bedingen. Die beiden Bestimmungsstücke "Schaden" und "Intention" gelten in
der Definitionsdiskussion als unstrittig. Aggression mit Schädigung meint Verletzung,
Schmerzzufügung, und um dabei Handlungen auszuschließen, bei denen eine
unbeabsichtigte Schädigung vorkommt (z.B. versehentliches Anrempeln auf der Straße)
oder Situationen, in denen eine Schädigung sich nicht vermeiden lässt (z.B. bei der
Haarwachsbehandlung in Beauty- Salons), nehmen die meisten Definitionen die
"Intention", "Absicht" oder "Zielsetzung" als weiteres Merkmal auf. Allerdings ergibt sich
hierbei das Problem, dass die Intentionalität auf der Beobachtungsebene schwer zu
erfassen ist. Aus diesem Anlass bevorzugt SELG anstelle des Begriffs "Intention" die
Bezeichnung der "Gerichtetheit" zu verwenden, und plädiert zur validen Erfassung
beobachtbarer Merkmale des Verhaltens heranzuziehen. So formuliert er "Als
Aggression soll ein solches Verhalten bezeichnet werden, bei den schädigende Reize
gegen einen Organismus oder ein Organismussurrogat ausgeteilt werden."
In einer weiter gefassten Definition von BANDURA (1979) wird auf das dritte Kriterium
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Normabweichung bzw. Unangemessenheit verwiesen, welches Aggression als
"schädigendes und destruktives Verhalten charakterisiert, das im sozialen Bereich auf
der Grundlage einer Reihe von Faktoren als aggressiv definiert wird, von denen einige
eher beim Beurteiler als beim Handelnden liegen." Bei diesem Definitionsvorschlag
entscheidet die "normative Angemessenheit des Verhaltens", ob ein Verhalten/ eine
Handlung als aggressiv eingestuft wird oder nicht. Demnach wird die Enkodierbarkeit
von aggressiven Verhaltensweisen von der jeweils herrschenden Konvention
bereitgestellt, sprich von gesellschaftlichen Werturteilen bestimmt. PETERS (1995)
bemerkt hierzu noch die Variabilität von Normen, d.h. je nach sozialen Systemen wie
Schichten und Subkulturen, sind sie kulturell und zeitlich geprägt, so dass ein
beständiger Wandel des "normativen Verständnisses" vorliegt. Darüber hinaus
herrschen individuell unterschiedliche Vorstellungen in den Bewertungen, insbesondere
in Bezug auf das eigene und fremde Verhalten, denn "aggressiv sind die anderen". Die
subjektive Sichtweise fließt als zusätzliche Dimension in die Beurteilungen mit ein. Die
Normabweichung als drittes Bestimmungskriterium wird grundsätzlich strittig diskutiert.
In diesem sogenannten engen Bereich der Diskussion sind diese drei Kriterien
vorzufinden:
1. Schädigung bzw. Schädigungsabsicht
2. Intention bzw. Gerichtetheit/ Zielgerichtetheit
3. Normabweichung bzw. Unangemessenheit
So fordern einige Autoren wie BERKOWITZ (1993), SELG (1988) und NOLTING (1997)
einen wertneutralen Aggressionsbegriff, dessen Bestimmungskriterien Objektivität
gewährleisten sollen, ohne dabei auf moralische Wertmaßstäbe Bezug zu nehmen.
Konträre Positionen wie beispielsweise MUMMENDEY (1982), BORNEWASSER (1998)
und JÜTTEMANN (1982) deklarieren Aggression als einen Wertungsbegriff, da
"menschliche Aggression an soziale Interaktionen gekoppelt" ist, die letztendlich eine
"soziale Konstruktion" darstellt. Nach MUMMENDEY ist die "Schädigungsabsicht" als
gefordertes Definitionskriterium ebenfalls kein neutraler Begriff, da dies aus einer
Verhaltensäußerung nicht unmittelbar ersichtlich wird. "Damit kann der Terminus
(Aggression) nicht mehr als Beschreibung eindeutig identifizierbaren Verhaltens
verwendet werden, sondern muss als Resultat einer Beurteilung aufgefasst werden."
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Resümierend kann festgestellt werden, dass alle Autoren in irgendeiner Weise das
Moment der "Schädigung" verwenden. "Objektive" Bestimmungskriterien, die sich auf
beobachtbare Handlungsweisen beziehen, können auch nur solche aggressiven
Erscheinungsformen identifizieren. Der Vorteil dieser Definitionskriterien liegt darin, dass
sie in Bezugnahme auf beobachtbare Elemente, eine "objektive" wissenschaftliche
Erfassung, ermöglichen. Allerdings wird dabei die Komplexität des Aggressionsbegriffes
nicht berücksichtigt, da Unterlassungs-, oder verdeckte Aggressionen hiermit nicht
eruiert werden können.
JÜTTEMANN definiert daher Aggression folgendermaßen:
"Der Begriff... Aggression bezeichnet eine Denkweise und darüber hinaus jede
Handlungsweise,..., die unter dem Gesichtspunkt allgemeiner oder besonderer
menschlicher Verantwortung als erwartungswidrig beurteilt wird; für eine derartige
Denkweise ist ein bewusstes Negieren oder Ignorieren menschlicher
Verantwortung charakteristisch."
" Menschliche Verantwortung meint alle schutz- und förderungswürdigen
Lebensinteressen, im Hinblick auf die ein Mensch für einen Menschen...
verantwortlich sein kann, insbesondere für die Bereiche: Leib und Leben, Freiheit
und Entfaltung sowie Würde und Zuwendung."
Diese Definition umfasst neben beabsichtigte Schädigung auch Handlungen und
Unterlassungen mit und ohne Schädigungsfolge, die ein Negieren oder Ignorieren von
"menschlicher Verantwortung" sowie eine "erwartungswiedrige Denkweise"
voraussetzen. Diese "weite" Definition von JÜTTEMANN unterscheidet sich von der
herkömmlichen naturwissenschaftlich orientierten Definitionstradition dadurch, dass aus
einer verschiedenen theoretischen und pragmatischen Perspektive argumentiert wird,
die eine alleinige "objektive wissenschaftliche" Annäherung nicht zulässt. Laut
SCHOTTMAYER bietet JÜTTEMANNs Auslegung eine gute Grundlage für
pädagogische Denk- und Handlungsansätze, man gelangt zu pädagogischen
Lernzielen, mit denen Kompetenzen zur Prävention destruktiven Verhaltens gefördert
werden können, und sensibilisiert die eigene Wahrnehmung auch gerade für implizite
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Aggressionen. Für die vorliegende Arbeit wird dieser weitgefasste Aggressionsbegriff
zugrunde gelegt.
Hinter diesen begrifflichen Varianten verbergen sich zugleich auch unterschiedliche
paradigmatische Theorien, und ihnen das zugrunde liegende Menschenbild. Diese
verschiedenen Paradigmen werden im dritten Teil anhand der Theorien zur Entstehung
menschlicher Aggression weiter ausgeführt.
Neben dem Begriff "Aggression" existiert der Begriff "Aggressivität", welche
insbesondere in der Psychologie Verwendung findet und beschreibt die individuelle
Ausprägung von Aggression. Aggressivität meint innere Zustände, Bereitschaften und
Potenzen, die das Aggressionsverhalten begleiten oder ihm zugrunde liegen, wie z.B.
Gefühle, Bedürfnisse, Motive oder Einstellungen und ist somit von der Aggression zu
differenzieren.
Im Folgenden wird noch das Verhältnis der beiden Begriffe "Aggression" und "Gewalt"
kurz skizziert, da diese im geläufigen Sprachgebrauch und auch in der
Forschungsliteratur all zu oft identisch verwendet werden.
2.1.2 Der Gewaltbegriff
Auch hier herrscht kein homogenes Begriffsverständnis. Der Begriff Gewalt ist schillernd
und vieldeutig; weder im Recht noch in der Wissenschaft gibt es einen umfassenden
Konsens über den Begriff.
Die Gewaltforschung verwendet unterschiedliche sowie widersprüchliche Definitionen
von Gewalt und verschiedenartige Einteilungen von Gewalttaten. Die in der Literatur am
häufigsten gebrauchten Definitionen sind die, bei denen Gewalt als physische,
psychische, personale oder strukturelle Gewalt verstanden wird. Oft fehlt eine
Begriffsbestimmung, wird als allgemein bekannt vorausgesetzt.
Sowohl im alltagsprachlichen Gebrauch, als auch in der Wissenschaft, hat sich der
Gewaltbegriff kontinuierlich gewandelt. Dabei kam es zunehmend zu einer pejorativen
Konnotation und zu einer Bedeutungserweiterung.
Unter Gewalt wurde nicht mehr nur körperliche Angriffe auf Personen begriffen, sondern
auch Vandalismus, sowie Angriffe auf die menschliche Psyche, und systembedingter
Gewalt. Je nach Umfang der Gewalthandlungen werden dem Gewaltbegriff diese drei
Definitionstypen zugeordnet.
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Für eine erste Systematisierung kann zwischen personeller und struktureller Gewalt
unterschieden werden. Das Konzept der strukturellen Gewalt hat JOHAN GALTUNG
(1975) eingeführt. Gewalt liegt im Sinne Galtungs dann vor, ,,wenn Menschen so
beeinflusst werden, dass ihre aktuelle somatische und geistige Verwirklichung geringer
ist als ihre potentielle Verwirklichung." Gewalt wird hier als jede Einflussnahme
verstanden, die zur Einschränkung der körperlichen und psychischen
Handlungsmöglichkeiten führt, wie z.B. eingeschränkte Lebenschancen durch Armut.
Strukturelle Gewalt bedeutet also, dass Menschen durch gesellschaftliche Strukturen
(wie Institutionen, Systeme, Verordnungen, Werte und Normen) in der Entfaltung ihres
Menschseins behindert werden, d.h. eine mit Unterdrückung (Schädigung/
Beeinträchtigung) einhergehende Organisationsform. Sind also Ungleichbehandlungen
in staatlichen Gesetzen und Verordnungen verankert, ohne dass sich hierbei ein Akteur
benennen ließe, handelt es sich um strukturelle Gewalt oder indirekte Gewalt. Gibt es
ein handelndes Subjekt, Akteur, so wird diese Gewaltform als personale Gewalt
bezeichnet. Personale Gewalt ist auf individuelle Akteure bezogen, die durch eine
eindeutige Beziehung zum Täter/ Opfer gekennzeichnet ist. Daher wird sie auch als
direkte Gewalt bezeichnet. Sie tritt alltäglich in Handlungen Einzelner als strukturelle
Gewalt auf, impliziert allerdings immer auch Bestandteile von Aggression, welche am
Beispiel des Polizisten deutlich wird, der staatliche Gewalt exekutiert, aber unnötig
aggressiv wird.
Hier soll gewaltförmiges Verhalten insbesondere als eine Form von aggressivem
Verhalten verstanden werden.
Strukturelle Gewalt wirkt sich erst sekundär auf das Verhalten von Menschen aus, und
schafft somit oft die Voraussetzung für personale Gewalt. So lässt sich eine eindeutige
Differenzierung zwischen Aggression und Gewalt vielfach nicht ausmachen.
2.1.3 Zusammenhang zwischen den Begriffen Aggression und Gewalt
Eine verbindliche Grenzziehung zwischen Aggression und Gewalt ist wie bereits
erwähnt recht schwierig. Die Diskussion in der Fachliteratur ist entsprechend kontrovers.
Eine Begriffstrennung zwischen den Begriffen Aggression und Gewalt wird meist
vermisst, oder diese wird als selbstverständlich betrachtet. Der Begriff Gewalt wird in der
Psychologie weit weniger verwendet als der Begriff Aggression. Als Gewalt wurde
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ursprünglich in der Fachliteratur nur die körperliche Aggression sowie der Vandalismus
bezeichnet. Wenn von Gewalt die Rede ist, dann werden damit häufig extreme Formen
der Aggression beschrieben (BERKOWITZ 1993; KNOPF; H. 1993; MEIER, U. 2003).
Heute wird Gewalt meist parallel zum Begriff Aggression verwendet, wobei der Begriff
Gewalt den der Aggression wegen seiner größeren Anschaulichkeit mehr und mehr
verdrängt. So wurde in der Diskussion der letzten Jahre an Stelle des herkömmlichen
Aggressionsbegriffes der Oberbegriff Gewalt gesetzt (HURRELMANN & PALATIEN,
1995). Mit dieser Begrifflichkeit werden alle aggressiven Handlungen erfasst.
Im wissenschaftlichen Sprachgebrauch werden jedoch diese benachbarten Termini
voneinander begrifflich unterschieden, auch wenn in der Forschungsliteratur die Begriffe
Aggression und Gewalt oft parallel gebraucht werden. Unter Gewalt wird strukturelle
Gewalt und unter Aggression werden schädigende Verhaltensweisen und Handlungen,
die von Einzelnen ausgehen, verstanden. Es lassen sich jedoch Überschneidungen
ausmachen, deren Grenzbereich sich kaum feststellen lässt. So ist personale Gewalt
immer als Teilmenge von Aggression aufzufassen.
So liegt der eigenen Untersuchung folgende begriffliche Differenzierung vor:
" Aggression" als schädigende Verhaltensweisen und Handlungen einzelner Personen.
"Gewalt" im Sinne Galtungs als strukturelle (institutionelle) Gewalt, der nicht von
Einzelnen ausgeht, sondern systemimmanent ist.
"Personale Gewalt" als Teilmenge von struktureller Gewalt und Aggression, dass in
Handlungen Einzelner auftritt.
2.2 Konflikte
Konflikte sind überall dort, wo Menschen aufeinandertreffen, unvermeidbar. In Schulen
treten sie jedoch besonders häufig auf, weil keine andere Institution eine so große
Heterogenität ihrer Mitglieder aufweist... Der Erfolg, ja vielleicht sogar das Überleben
einer Schule hängt davon ab, dass sie über Leute verfügt, die die auftretenden Konflikte
konstruktiv lösen können"
GORDON, 1977
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Ursprünglich aus dem Lateinischen stammend: "(arma) confligere", was so viel wie
zusammenstoßen, aneinandergeraten bedeutet. Somit impliziert das Wort in seiner
Wurzel und in seinem alltäglichen wie wissenschaftlichen Gebrauch als wesentliches
Merkmal die Auseinandersetzung, mit der eine Störung der inneren oder
zwischenmenschlichen (sozialen) Balance einhergeht. Man bezieht Konflikt nämlich auf
innere psychische Zustände, individuelle Handlungsorientierungen, Verhaltens- oder
Zieldiskrepanzen, die zwischen Individuen oder Gruppen bestehen.
So sind Konflikte Spannungssituationen innerhalb einer Person (innerpsychisch,
intrapersonal) zwischen Personen (interpersonal), innerhalb einer Gruppe (intragruppal)
oder zwischen Gruppen (intergruppal). Nicht immer lassen sich diese zwei
Konfliktebenen voneinander unterscheiden. So kann ein intrapersonaler Konflikt
Bedingung für einen interpersonalen Konflikt sein.
Da ich mich in dieser Arbeit auf zwischenmenschliche Konflikte konzentrieren werde,
halte ich es für angemessen den sozialen Konflikt näher zu bestimmen.
GLASL definiert den sozialen (zwischenmenschlichen) Konflikt wie folgt:
"Sozialer Konflikt ist eine Interaktion zwischen Aktoren (Individuen, Gruppen,
Organisationen usw.), wobei wenigstens ein Aktor Unvereinbarkeiten im Denken/
Vorstellen/ Wahrnehmen/ und/ oder Fühlen und/ oder Wollen mit dem anderen
Aktor (anderen Aktoren) in der Art erlebt, dass im Realisieren eine
Beeinträchtigung durch einen anderen Aktor (die anderen Aktoren) erfolge."
Laut Schunk nennt GLASL in seiner Definition fünf wesentliche Voraussetzungen, um
von einem Konflikt sprechen zu können:
Es handelt sich mindestens um zwei Personen.
Es geht um eine Sache oder um einen Vorgang.
Die beteiligten Personen haben zu dieser Sache eine unterschiedliche Meinung oder
Unterschiedliche Gefühle.
Die Sache kann realisiert oder auch wahrgenommen werden.
Im Konfliktfall empfindet wenigstens eine Seite die andere als Beeinträchtigung ihrer
eigenen Interessen.
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Eine weitere Begriffsbestimmung nimmt DEUTSCH vor, so formuliert er:
"Ein Konflikt existiert dann, wenn nicht zu vereinbarende Handlungstendenzen
aufeinanderstoßen."
Laut SCHOTTMAYER stellt das Kriterium der Unvereinbarkeit nicht unbedingt eine
Voraussetzung für einen Konflikt dar. Denn "wir können z.B. durchaus mit
unterschiedlichen Meinungen anderer leben."
Demnach besteht ein Konflikt, "wenn das Aufeinandertreffen gegensätzlicher
Tendenzen (im Sinne GLASL) als Spannung/ Beunruhigung erlebt und als
Beeinträchtigung wahrgenommen wird, wie es bei einer Behinderung von Handlungen
oder einer Störung von Beziehungen etwa durchweg der Fall sein kann." Erst in der
Wahrnehmung als Spannung/ Beunruhigung und Beeinträchtigung der nicht
vereinbarenden Handlungstendenzen, kann von einem Konflikt gesprochen werden.
2.2.1 Positives Konfliktverständnis
Ein Zusammenleben ohne Konflikte gibt es nicht und ist auch nicht erstrebenswert.
Bereits in der Sphäre des Alltagssprachlichen verfügt der Begriff des Konflikts über
keine positive Intonation. In der Regel werden mit ihm dysfunktionale Phänomene wie
Streit, Zank, Zwist, Zusammenstoß u.a. in Verbindung gebracht. Konflikte sind für viele
Menschen etwas Unangenehmes, denn häufig sammelten sie in solchen Situationen
negative Erfahrungen, die als Spannungen und Störungen bewertet werden und die es
zu vermeiden gilt. Dies führt häufig dazu, dass der Betroffene selbst vorgibt keine
Konflikte zu kennen und die Störung zu tabuisieren bzw. zu verdrängen. So herrscht
auch im pädagogischen Alltag ein negativer und beschränkter Konfliktbegriff, der zum
Ausgangspunkt pädagogischen Handelns gemacht wird, dabei muss nicht der Konflikt
selbst das Problem darstellen, sondern der Umgang mit ihm. Ob Konflikte jedoch als
störend, bedrohlich, destruktiv und schmerzvoll erlebt werden, hängt davon ab, wie sie
ausgetragen werden.
Ein weitaus hilfreicher pädagogischer Ansatz ist es, Konflikte als etwas "Normales" im
Zusammenleben zu betrachten, als "Signal" dafür zu nehmen, dass etwas nicht (mehr)
stimmt und verändert werden muss. Sie können als Chance zur Entwicklung und
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