Gliederung
I Einleitung 3
II Pilgerfahrten 4
1. Allgemeines Motive Umstände Wege 4
2. Autoren und Erzählstile 6
3. Bildliche Umsetzung Medien der Zeit 8
III Zur Person Felix Fabris 12
IV Das Evagatorum 14
1. Das Werk Aufbau und Inhalt 14
2. Literarische Vorbilder Sprache Stil 17
3. Gottesglaube oder Neugier 18
V Literaturverzeichnis 21
2
I. Einleitung
Das ebenso kostspielige wie gefährliche Wagnis in Franken, Sachsen, Bavaria oder vielleicht sogar in Frankreich oder Flandern begonnen, unter Anstrengungen über die Alpen bis nach Norditalien gezogen und dort in Venedig eingeschifft. Wochenlang Wind - nicht selten Sturm – Wetter und Piraten getrotzt und das Mittelmeer überquert, um dann innerhalb weniger Tage die heiligen Stätten in Jerusalem zu besichtigen. Für nicht Wenige endeten diese Strapazen mit dem Tod oder finanziellen Ruin. So oder ähnlich muss es sich damals abgespielt haben, damals, zur Zeit der spätmittelalterlichen Pilgerfahrten. Die vielfach vorhandenen und oftmals sehr detaillierten Erlebnisberichte lassen uns zumindest darauf schließen – auch wenn so mancher Autor, wie man heutzutage weiß, gar nicht im heiligen Land gewesen ist, sondern sein Wissen aus anderen Quellen übernahm oder „recycelte“. Dennoch ist es interessant, einen Blick auf die Pilgerfahrtsliteratur der damaligen Zeit zu werfen, gerade zum jetzigen Zeitpunkt, da religiöse Animositäten des „Abendlandes“ mit dem „Morgenland“ mehr denn je im Zentrum vieler kultureller wie politischer Betrachtungen stehen.
In dieser Seminararbeit soll es nun darum gehen, nach einem Überblick über die Pilgerfahrtsliteratur der damaligen Zeit, in dem auch - des besseren Verständnisses halber - der Ablauf einer solchen Pilgerfahrt skizziert und auf unterstützend wirkende bildliche Darstellungsmöglichkeiten hingewiesen werden soll, das Evagatorum von Felix Fabri, als wohl bedeutendste Schilderung zu diesem Thema, stellvertretend näher vorzustellen. Auf die Person Felix Fabris soll dabei ebenso eingegangen werden, wie auch auf literarische Vorbilder und Ähnlichkeiten zu anderen Werken hinzuweisen. Fabris Stil, seine Sprache und die sich in seinem Werk widerspiegelnde epochengeschichtliche Stellung zwischen Spätmit- telalter und Renaissance darf dabei nicht ausgeklammert werden, stellt die Verfasser dieser Arbeit jedoch vor ein Problem: Die verwendeten Primärtexte liegen größtenteils lediglich in lateinischer Sprache vor; mittelhochdeutsche Pilgerfahrtstexte existieren zwar, besitzen aber einen deutlich geringeren Anspruch und sind deshalb weniger ergiebig als das Evagatorum Fabris. Aus diesem Grunde stützen wir uns in erster Linie auf - leider teils unvollständige - deutsche Übersetzungen zu Fabris Werk, in der Hoffnung, dass die wissenschaftliche Qualität dieser Arbeit nicht darunter leiden möge…
3
II. Pilgerfahrten
1. Allgemeines – Motive, Umstände, Wege
Pilger (8-15Jh.) – das lateinische Wort, bezeichnete die nach Rom wallfahrenden Ausländer und bedeutet eigentlich „der Fremde“. 1
Spätestens seit Auffindung des Heiligen Grabes (326 n.Chr.), zu Beginn des vierten Jahrhun- derts durch Helena, der Mutter Kaiser Konstantins, pilgerten Christen aus dem Abendland in den Orient, um mit eigenen Augen die Orte, an denen Jesus lebte und predigte, gekreuzigt und begraben wurde, von den Toten auferstand und zum Himmel fuhr, zu sehen. 2 Im Christentum, wie auch in den anderen Religionen, bedeutet „peregrinatio religiosa“ das fromme Unterwegssein zu einem besonders heilsmächtigen Ort. Nach dem Apostel Paulus (der zweite Brief des Paulus an die Korinther 5,6) befindet sich der gläubige Christ zeitlebens auf einer Pilgerfahrt. Es existieren folgende drei Pilgerstätten, die als besonders heilig gelten, bzw. auch schon seinerzeit galten:
1.Jerusalem ( der sogenannte „Urpilgerort“) 3 , wo sich das Grab Christi befindet. 2.Santiago de Compostela, wo der Apostel Jacobus der Ältere begraben ist. 3.Rom, wo sich vermutlich das Grab des Apostelfürsten Petrus befindet.
Dazu gibt es weitere, unzählige kleinere Pilgerstätten.
Die Motive zur Pilgerfahrt waren dabei durchaus verschiedener Natur: Zunächst ging es natürlich darum, das Heilige Grab Christi zu besuchen. Zu späterer Zeit war es vor allem der Wunsch nach Heilung von Krankheit, Gebrechen, Aussatz und die Bitte um Hilfe in blanker Not. Manche reisten auch in Erfüllung eines Gelübdes, nach Verurteilung zu einer Strafpilger- fahrt, oder als Stellvertreter für einen anderen. Im 12.Jahrhundert begegnet uns noch ein weiteres Phänomen, das als Motiv hinzutritt: der Ablasshandel. 4 Dies bedeutet, dass Sünden auch durch gute Taten oder durch fromme Werke erlassen werden konnten - die zeitlichen Sündenstrafen, die der Mensch nach seinem Tode eventuell im Fegefeuer zu verbüßen gehabt hätte, konnten durch gute Taten und vor allem durch Pilgerfahrten abgelöst werden. Die religiösen Motive der Reise schlossen dabei andere Komponenten keineswegs aus: die Bereitschaft Gefahren und Risiken auf sich zu nehmen, Abenteuerlust und Aufgeschlossen- heit für neue Erfahrungen. Mit dem 12 Jahrhundert war das Pilgerwesen zur Massenbewe- gung geworden.
1 Kluge, Friedrich, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Berlin/New York 2002, S.702-703. 2 Carls, Wieland (Hsg.), Felix Fabri. Die Sionpilger, Berlin 1999.
3 Lexikon des Mittelalters, München 1993, Bd.VI, S.2148.
4 Schmugge, Ludwig, Jerusalem, Rom und Santiago. Fernpilgerziele im Mittelalter, in: Matheus, Michael (Hsg.), Pilger und Wallfahrtsstätten in Mittelalter und Neuzeit, Stuttgart 1999, S.16.
4
In der Regel war der gewöhnliche Pilger in größeren Gruppen und zu Fuß unterwegs, bestenfalls mit einem Esel oder mit einem Boot zu Wasser. Die Pilgerfahrten dauerten lange, etwa sechs bis acht Monate. Natürlich bedeutete dies ein höchst gefährliches Unterfangen, setzte man sich doch den Naturgewalten nahezu schutzlos aus. Der Fernpilger bereitete sich sorgfältig auf die Reise vor, war sich keineswegs sicher, lebend zurückzukommen und machte deshalb oft schon vorher sein Testament. Im Spätmittelalter war es ein elitäres Phänomen nach Jerusalem zu pilgern. Nicht jeder konnte sich die Reise leisten. Die Gesamtkosten der Pilgerreise betrugen etwa 300 Gulden. Dies war ein Betrag, für den man damals ein Haus in einer bevorzugten Lage jeder größeren Schweizer Stadt hätte erwerben können. 5 Zwischen 1350 und 1450 reisten besonders die Deutschen häufig als Pilger. Aber auch andere Nationalitäten waren ins heilige Land unterwegs: Engländer, Schotten, Polen, Ungarn, Italiener, darunter auch Frauen und Kinder, sowie Angehörige aller Stände, von Königen bis hin zu Bettlern.
Die Berichte dieser Pilgerfahrten waren von großer Bedeutung für die Literatur (Reiseliteratur) und Geistesgeschichte des Mittelalters. Es waren allerdings typische Situationen, von denen die Wallfahrer zu berichten wussten, zumeist die typische Stationen, den typischen Verlauf der Reise: von Venedig aus, entlang der dalmatinischen Küste, über Rhodos, Kandia, Cypern und Jaffa bis zu den heiligen Stätten und nach deren Besuch oft auf dem gleichen Wege wieder zurück. 6
Städteansichten und das Schiffsleben, die Beschreibung der heiligen Stätten, Aufbruch und Heimkehr, das waren die typischen Bestandteile dieser Berichte.
5
Ebd., S.26.
6 Sommerfeld, Martin, Die Reisebeschreibungen der deutschen Jerusalempilger im ausgehenden Mittelalter, in:
Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 2, 1924, S.818-819.
5
2. Autoren und Erzählstile
Geistliche und weltliche Motive traten in den Pilgerschriften nebeneinander: Hervorzuheben ist das religiöse Motiv der Wallfahrt, dem als weltlicher Gegenpart das Motiv der Niederschrift sowie das Element der Darstellung gegenüberstand. Das Motiv der Wallfahrt, als allgemein religiöses Motiv, erhielt dabei eine allegorische Gleichsetzung des Lebens überhaupt mit einer Pilgerfahrt. Die Sehnsucht nach fremden Ländern und Meeren wurde noch bestärkt durch die fabelhaften, lange nachwirkenden Erzählungen der Kreuzzugsteil- nehmer. 7
Seit der Mitte des 14 Jahrhunderts nahm die Verweltlichung des Wallfahrtmotivs stetig zu. Selbst Felix Fabri bemerkte, dass er mit der Abfassung seines „Evagatorums“ neben religiös- erbaulichen und pädagogisch-didaktischen Zwecken die Absicht verfolgt hätte, seinen Ordensbrüdern eine schlechthin unterhaltsame Lektüre für die Mußestunden zu geben. 8 Es sind drei Quellen zu unterscheiden, aus denen der Pilger schöpften konnte:
1. Der geschriebene, später auch gedruckte, lateinische Pilgerführer, bzw. das Reisehandbuch
(welches man in Venedig erstehen konnte). Einige Pilger beschrieben nach jenem Pilgerführer diese Stätten, ohne sie selbst je gesehen zu haben. 9
2. Andere Quellen stellten die Reisebeschreibungen früherer Pilger dar, aus denen man
Einzelheiten der eigenen Reise in einem anderen Licht betrachtet wiederfinden konnte. Auch Felix Fabri hat bei der Niederschrift seines Evagatorums mehrere Pilgerfahrtsberichte benutzt. 10
7 Im Jahre 1333 unternahm Wilhelm von Boldensele seine Pilgerfahrt, die er als Reisebericht in einem sehr gelehrten Latein schrieb. Sein Bericht begann mit einer umfangreichen geographischen Beschreibung des ganzen Gebietes und erzählte über den Wein aus Zypern, den Reichtum und das Leben von Damaskus, Giraffen und Elefanten, berichtete von Troja, von Ägyptens Edelsteinen und arabischen Wohlgerüchen. Stolz beschrieb er, wie er vom Sultan empfangen wurde.
8 Sommerfeld, Martin, 1924, S.828.
9 Im Jahre 1356 entstand das in französischer Sprache verfasste Werk von Jean de Mandevill, einem gebildeten, in England geborenem Ritter, in dem über die 34 Jahre dauernde Pilgerreise (1322-1356) des Erzählers berichtet wird, die diesen angeblich in das Heilige Land, nach Ägypten, Asien, Indien und zu den Inseln des Indischen Ozeans führte. Seine Reiseerfahrungen wurden allerdings nie von ihm persönlich erlebt, sondern aus den verschiedensten Quellen der Zeit (vor allem aus den Reiseberichten des Wilhelm von Boldensele und des Odericus von Pordenone, sowie aus den Enzyklopädien, Erzählungen und Kreuzzugsberichten) zusammengestellt. Der Autor wollte die gesamte Welt mit allen Ländern und Völkern beschreiben, was zu seiner Zeit wohl einmalig war. Dieses Werk war eines der populärsten Bücher des ausgehenden Mittelalters, war wissenschaftlich sehr fundiert und wies zudem eine sehr ausgeprägte Bildtradition auf, die ihrerseits wieder andere Berichte beeinflusste. Über 250 Berichte von Jean de Mandevill sind noch heute in den verschiedensten Sprachen erhalten.
10 Schon im 15.Jahrhundert war “Die Reise ins Heilige Land“ (1483) des Mainzer Domdekans Bernhard von Breydenbach der am weitesten verbreitete Pilgerbericht. Dieser reiste mit Felix Fabri zur selben Zeit von Venedig nach Jerusalem, zum Sinai und nach Alexandria. Nach der lateinischen Erstausgabe erschienen elf weitere Veröffentlichungen auf lateinischer, deutscher, französischer und spanischer Sprache. Diese Popularität hatte der Bericht zu nicht geringem Teil den großformatigen, teilweise aus mehreren Druckstöcken zusammengesetzten, Holzschnitten des Malers Erhard Reuwich zu verdanken. Die Nacherzählung der Reise wurde teilweise vom Bericht Walther von Guglingens, der gegen Ende des 15. Jahrhunderts entstand, abgeschrieben. Dieser Bericht enthielt hauptsächlich Orts- und Gebäudeskizzen.
6
Quote paper:
Stephan Kilter, 2003, Spätmittelalterliche Pilgerfahrtserzählungen am Beispiel von Felix Fabris Evagatorum, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Friedrich II., sein Kreuzzug und Jerusalem
History Europe - Other Countries - Middle Ages, Early Modern Age
Scholary Paper (Seminar), 26 Pages
Die Sprachproduktion nach W.J.M. Levelt
Scholary Paper (Seminar), 15 Pages
Jean de Mandevilles "Les voyages d'outre mer": Quellen u...
Romance Languages - French Literature
Scholary Paper (Seminar), 16 Pages
Multikulti im Mannheim des 17. Jahrhunderts - Das Mannheimer Experimen...
Romance Languages - French - Linguistics
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 44 Pages
Die französische Sprachpolitik
Romance Languages - French Studies - Culture
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 18 Pages
Weltbild und Literatur – Motivation für das Interesse an der Welt am B...
History Europe - Other Countries - Middle Ages, Early Modern Age
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 33 Pages
Die Französische Revolution und die Sprache
Romance Languages - French - Linguistics
Scholary Paper (Seminar), 21 Pages
Die Fremde in "The travels of Sir John Mandeville"
English Language and Literature Studies - Literature
Scholary Paper (Seminar), 18 Pages
Die französische Revolution und die Dialekte
Romance Languages - French - Linguistics
Scholary Paper (Seminar), 27 Pages
Der englische Wortschatz zwischen 1100 und 1650
English Language and Literature Studies - Linguistics
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 20 Pages
Antonin Artauds "Theatre de la Cruauté" - kann es heute ein...
Termpaper, 11 Pages
Ein Überblick des Frühneuenglischen - Die Einflüsse auf das moderne En...
English Language and Literature Studies - Linguistics
Scholary Paper (Seminar), 21 Pages
Aphasie bei Mehrsprachigkeit - Independente oder interdependente Sprac...
Thesis (M.A.), 93 Pages
Altfranzösisch und Altfranzösische Literatur am Beispiel von 'De l...
Romance Languages - French Literature
Termpaper, 14 Pages
Der Surrealismus in Frankreich als typische Avantgardebewegung?
Cultural Studies - European Studies
Thesis (M.A.), 92 Pages
Der Einfluss der Aufklärung auf die Menschen und Bürgerrechtserklärung...
History Europe - Other Countries - Modern Times, Absolutism, Industrialization
Scholary Paper (Seminar), 17 Pages
Das Bildungssystem in Frankreich
Romance Languages - French Studies - Culture
Scholary Paper (Seminar), 14 Pages
Stephan Kilter has published the text Spätmittelalterliche Pilgerfahrtserzählungen am Beispiel von Felix Fabris Evagatorum
Stephan Kilter has uploaded a new text
Schulbücher im Trivium des Mittelalters und der Frühen Neuzeit
Die Verschriftlichung von Unte...
Michael Baldzuhn, Ernst Osterkamp, Werner Röcke
Literarische und religiöse Kommunikation in Mittelalter und Früher Neu...
DFG-Symposion 2006
Peter Strohschneider
Schmerz in der Literatur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit
Hans-Jochen Schiewer, Stefan Seeber, Markus Stock
Die Textilfärberei vom Spätmittelalter bis zur Frühen Neuzeit (14.-16....
Eine naturwissenschaftlich-tec...
Sabine Struckmeier
0 comments