1. Einleitung
Als Land, das die Aufklärung verschlafen hat, so wird Spanien häufig in der Literatur, die sich mit der Bewegung der Aufklärung im 18. Jahrhundert beschäftigt, dargestellt. Im Vergleich zu den Entwicklungen in Frankreich zu dieser Zeit erscheinen die Geschehnisse in Spanien nicht so bedeutsam zu sein und finden deshalb gerade in Überblicksdarstellungen für diesen Zeitraum der Geschichte selten Erwähnung.
Es ist jedoch höchst problematisch, die Aufklärung als eine einheitliche europäische Bewegung zu betrachten, die eines schönen Tages einsetzte und dann auch mit einem Mal wieder beendet war und sich vor allem in gewissen Zentren Europas abspielte, wobei umliegende Gebiete wenig oder gar nicht von den neuen Ideen betroffen waren. Roland Mortier sagt in bezug auf die oft als Einheit dargestellten Entwicklungen des 18. Jahrhunderts in einem Aufsatz von 1998:
„Geht man jedoch auf die Vielfalt der Texte im 18. Jahrhundert zurück, so ist diese Einheit höchst problematisch. Man hat große Mühe, die ganze Epoche auf ein einziges, einfaches Konzept zu reduzieren [...] .“ (Mortier 1998: 25)
Diese Vereinheitlichung erklärt jedoch, weshalb Spanien oftmals als Land ohne Aufklärung beschrieben wird. Im Gegensatz zu Ländern wie Frankreich, haben sich die Strömungen und Ideen einfach anders -vielleicht weniger radikal- dargestellt und zu anderen Ergebnissen geführt. Auch waren die Voraussetzungen in Spanien im 18. Jahrhundert -der Blüte der Aufklärung- und in der Zeit danach andere als in Frankreich, Deutschland oder England. Werner Krauss formuliert diese Problematik in seinem Buch „Die Aufklärung in Spanien, Portugal und Lateinamerika“ folgendermaßen:
„Wenn die Aufklärung somit gewissermaßen eine Epoche der Menschheitsgeschichte darstellt, so wird sie für uns doch nur in den einzelnationalen Bewegungen greifbar. [...] So wie das Gesicht des Universums nur in der Aspektierung der Nationen sichtbar wird, wie die Darstellung der Menschheit doch immer wieder auf die Darstellung des Einzelmenschen zurückgreift, so ist auch das Gesamtbild dieser Bewegung immer wieder auf die differentiellen Züge der nationalen Aufklärung angewiesen.“ (Krauss 1973: 9)
Beschäftigt man sich mit dem Spanien im 18. Jahrhundert, wird deutlich, dass es auch hier eine Aufklärung gegeben hat. Festzustellen ist außerdem, dass die Ideen nicht einfach von Aufklärern der anderen Länder -wie Rousseau oder Kant- über-
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nommen wurden, sondern im Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Umständen dieser Zeit viele spanische Intellektuelle eigene Denkrichtungen entwickelten, die sich natürlich auch teilweise an denen der ausländischen Vertreter orientierten. Zu diesen Gelehrten gehört unter anderem der Gelehrte Gaspar Melchor de Jovellanos, mit dem sich diese Arbeit im zweiten Teil beschäftigen wird. Er verfasste viele Schriften, die Reformvorschläge für fast alle Bereiche des öffentlichen Lebens darstellten. Bekannt geworden ist vor allem sein „Informe sobre la ley agria“, es gibt jedoch noch zahlreiche andere Beispiele. So hat sich Jovellanos vor allem mit dem Thema Bildung auseinandergesetzt. Dies ist charakteristisch für die Aufklärung, da die Bildung bzw. die Erziehung des Menschen zum mündigen Bürger den Kern der Bewegung darstellt: der Mensch soll aufgeklärt werden. Somit sind Schriften wie Jovellanos’ „Informe sobre la educación pública“ nicht etwas grundsätzlich Neues. Interessant ist jedoch, dass er seine Reformen nicht nur zu Papier gebracht hat, sondern diese auch versucht hat, in die Praxis umzusetzen. Das 1794 von ihm gegründete „Instituto Asturiano“ arbeitet nach den von ihm entwickelten Methoden und steht somit exemplarisch für die in dieser Zeit in Spanien entwickelten fortschrittlichen Ideen zur Bildung des Volkes. Diese Arbeit versucht also zunächst kurz zu erläutern, was Aufklärung ist und wie sich diese Bewegung auf das Spanien des 18. Jahrhunderts beziehen lässt. So wird hoffentlich der gesellschaftliche Hintergrund in dem Jovellanos seine Schriften verfasste, deutlich werden. Als nächstes wird am Beispiel von Gaspar Melchor de Jovellanos versucht, ein Verständnis dafür zu entwickeln, weshalb die Maxime „Bildung für alle“ einen Kernbestandteil von Jovellanos’ Reformvorschlägen und der gesamten Aufklärung darstellt und wie die Umsetzung der von dem Spätaufklärer entwickelten Reformen in die Praxis aussah. Ingesamt gelingt es in dieser Arbeit hoffentlich aufzuzeigen, dass bei der Beschäftigung mit der Aufklärung in Europa nicht „in Frankreich [meist] die Bedeutung der Aufklärung als Idee und Bewegung modellhaft für ganz Europa festgemacht“ werden sollte, sondern es sich lohnt, den Blick der Forschung mit mehr Intensität auch nach Spanien zu richten.
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2. Was ist Aufklärung?
„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. [...] Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ (Kant 1967: 55, zitiert nach: Kurz 1998: 15)
ist wohl die in Deutschland am berühmtesten gewordene Antwort auf die Frage „Was ist Aufklärung?“.
Aufklärung ist „jede Geistesbewegung, die sich im Denken und Handeln auf die Vernunft beruft und sich als Selbstbefreiung von aller Bevormundung durch Tradition oder kirchl. Autorität versteht“ (Goldmann Lexikon 1998: 700)
ist die Antwort des Lexikons auf diese Frage. Beide Antworten haben die Befreiung des Einzelnen durch eigenständiges Denken aus einer „Bevormundung“ beziehungsweise einer „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ gemeinsam. Ebenfalls im Mittelpunkt steht hierbei die „Vernunft“ beziehungsweise der „eigene Verstand“.
Die Aufklärung war eine „Epoche einer umfassenden Neubesinnung“ (Goldmann Lexikon 1998: 700), die sich vom Beginn des 17. Jahrhunderts mit Ursprung in den Niederlanden und England über ganz Europa erstreckte. Im Mittelpunkt stand also eine Neuorientierung der Menschen, die vor allem mit dem Gebrauch der eigenen Vernunft von statten gehen sollte. Anstoß waren unter anderem die sich entwickelnden Naturwissenschaften und die damit einhergehenden Entdeckungen zum Beispiel von Galileo Galilei im 17. Jahrhundert, die bei vielen Intellektuellen zu einer veränderten Weltsicht führten. Hierbei erhält das Weltliche den Vorrang und „Das Zentrum ist nicht mehr ein ferner und strenger Gott“ (Mortier 1998: 29).
„Si la nueva ciencia demonstraba la futilidad de principios anteriores, la consecuencia inmediata era ir negando toda la cultura anterior que no pudiera someterse a la experimentación racionalista.” (Caso Gónzales 1991: 35-36)
Die Aufklärer entwarfen Ideen und entwickelten Reformen mit der Absicht, einen „neuen“, das heißt, einen aufgeklärten und mündigen Menschen zu erschaffen, der in der Lage ist, aus den verschiedenen Möglichkeit, die sich im Leben bieten, eigenständig zu wählen und zu seinem Wohl und damit zum Wohl der Gesellschaft zu handeln:
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„Conseguir un hombre nuevo para hacer und mundo nuevo.” (Caso Gonzáles 1991: 41)
In Frankreich gipfelte die Aufklärung in der Revolution, in Spanien versuchten die Aufklärer zusammen mit der Regierung eine Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse zu schaffen. Trennung von Kirche und Staat und eine „Bildung für alle“ sind zentrale Anliegen der Aufklärer.
2.1 Problematik der Aufklärung in Spanien
Wie schon in der Einleitung erwähnt, wurde die spanische Aufklärung lange in der Forschung ausgeklammert und auch heute ist es teilweise noch eine gängige Meinung, dass in Spanien keine Aufklärung stattgefunden hat oder sie hier „eine bloß oberflächliche Imitation der französischen Aufklärung“ (Tietz 1996: 226) darstellte.
Erklären lässt sich dies durch die Tatsache, dass die Spanier selbst die in ihrem Land stattgefundene Aufklärung geleugnet haben. Als mit Karl III. im Jahre 1788 ein Herrscher starb, der sich dem aufgeklärten Absolutismus verschrieben hatte und der unter sich einige der wichtigsten Aufklärer als Minister versammelt hatte, fand auch die Aufklärungsbewegung in Spanien ihr Ende. In Frankreich brach die Revolution aus und man glaubte in ihr die Folgen des aufgeklärten Denkens zu erkennen (vgl. Tietz 1996: 231). Somit wurden ab diesem Zeitpunkt die spanischen Schriftsteller des 18. Jahrhunderts, die sich mit den aufklärerischen Ideen beschäftigten, als „afrancesados“ bezeichnet und Spanien wurde -vor allem geistig- von Frankreich hermetisch abgeriegelt (vgl. Tietz 1996: 231). Karl IV., Nachfolger des aufgeklärten Karl III., überließ die Regierungsgeschäfte der Königin und deren Liebhaber Manuel Godoy, der zwar zunächst die Reformbestrebungen des vorherigen Königs fortsetzte, im Zusammenhang mit der Französischen Revolution jedoch der Inquisition wieder viel mehr Rechte verlieh, damit das Volk nicht mit den revolutionären Ideen in Kontakt kommen konnte. Im Zusammenhang mit dem spanischen Unabhängigkeitskrieg, wurde Joseph Bonaparte, der Bruder von Napoleon, kurzzeitig zum Herrscher über Spanien. Als jedoch Ferdi-nand VII. 1814 zurückkehrte, um die Regierungsgeschäfte wieder aufzunehmen, kehrte mit ihm auch die absolutistische Herrschaft in Spanien wieder ein. Er stieß sofort die von der aufgeklärten Junta Central geschaffene und vom Geist der Aufklärung geprägte Verfassung, die eine konstitutionelle Monarchie vorsah, um. „Die Vertreter der Aufklärung entfernte er systematisch aus allem Ämtern, ker-
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Arbeit zitieren:
Anna Mölle, 2007, Spanien, ein Land ohne Aufklärung?, München, GRIN Verlag GmbH
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