Kooperation ausgehen kann. 1 Aus diesen Gründen soll hier von Anti- Antisemitismus oder Abwehr des Antisemitismus gesprochen werden. Philosemitismus findet dagegen nur als Quellenbegriff Verwendung, dessen hochproblematischer Gebrauch durch die Zeitgenossen stets mitzudenken ist.
Ein Blick in die Historiographiegeschichte zeigt, dass sich die Beurteilung der Abwehr des Antisemitismus durch jüdische Selbstorganisation einerseits und durch überwiegend nichtjüdische Organisationen andererseits auseinander entwickelt hat. Nach dem Zweitem Weltkrieg kritisierten zionistische Historiker die jüdische Selbstorganisation in Deutschland seit den 1890er Jahren als zu zögerlich, zu assimilationsorientiert und zu erfolglos im Kampf gegen den Antisemitismus. 2 Heute erscheint vor allem die These von der bedingungslosen Assimilation nicht mehr haltbar. Auch der C.V. war um die Stärkung jüdischer Identität bemüht und blieb nicht auf der Stufe einer reinen Abwehrorganisation stehen. Die Ideologie vom "deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens" war aus der damaligen Perspektive weder zum Scheitern verurteilt, noch mit einer kulturell- religiösen Selbstverleugnung verbunden. Ebenso hat die Rechtsschutzarbeit des C.V. in jüngsten Studien eine positive Neubewertung erfahren. 3 Der nichtjüdischen Abwehr des Antisemitismus hat die Forschung dagegen in drei Etappen ein zunehmend schlechteres Zeugnis ausgestellt: Zunächst ging man von einer klaren Frontstellung zwischen Antisemitismus und Anti- Antisemitismus aus. Linksliberale und Sozialdemokraten seien gegenüber antisemitischem Gedankengut immun gewesen. Zumeist wurde dies allerdings nur indirekt aus der Tatsache abgeleitet, dass antisemitische Organisationen Liberalismus und Sozialismus bekämpften und sie als "jüdische Erfindungen" abqualifizierten. Seit den 1970er Jahren ist diese klare Frontstellung immer mehr in Zweifel gezogen worden. Der Gegnerschaft zum Antisemitismus lagen weniger hehre Überzeugungen zugrunde, als vielmehr ideologische, politische und taktische Erwägungen, während man bemüht war, jeden Anschein von Philosemitismus zu vermeiden. Einzelne judenfeindliche Stereotype waren ganz offensichtlich auch auf der linken Seite des politischen Spektrums verbreitet. Mittlerweile sind einige jüngere Historiker gar dazu übergegangen, von einer
1 Vgl. Michael Brenner, "Gott schütze uns vor unseren Freunden". Zur Ambivalenz des Philosemitismus im Kaiserreich, in: JfA 2 (1993), S. 174-199; Ders., Philosemitismus, in: RGG 6 (2003), Sp. 1289f.
2 Vgl. Ismar Schorsch, Jewish Reactions to German Anti- Semitism 1870- 1914, New York 1972; Jehuda Reinharz, Fatherland or Promised Land. The Dilemma of the German Jew 1893- 1914, Ann Arbor 1975.
3 Gegen die These der Passivität: Jacob Borut, The Rise of Jewish Defence Agitation in Germany 1890- 1895. A pre- history of the C.V.? in: LBIYB 36 (1991), S. 59-96. Gegen die These der Selbstverleugnung: Evyatar Friesel, From self-defense to self-affirmation. The transformation of the German- Jewish Centralverein, in: Hoffmann/ Jeggle/ Johler (Hg.), Die kulturelle Seite des Antisemitismus, S. 277-290. Gegen die These der Erfolglosigkeit: Inabel Steinitz, Der Kampf jüdischer Anwälte gegen den Antisemitismus. Die strafrechtliche Rechtsschutzarbeit des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Berlin 2008.
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gesellschaftlichen Isolation des Judentums auszugehen. Antisemiten und Anti- Antisemiten hätten eine gesamtgesellschaftliche judenfeindliche Mentalität geteilt und aus ihr lediglich unterschiedliche Schlüsse gezogen. 4
Ein wichtiger Grund für die Neigung zu immer kritischeren Bewertungen ist in der Erweiterung des Gegenstandsbereichs der Antisemitismusforschung zu sehen. In der heutigen Forschung wird Antisemitismus nicht mehr ausschließlich als Ideologie oder politische Bewegung, sondern als gesellschaftliches Phänomen aufgefasst. Der enge Fokus auf Parteiantisemitismus, völkische Bewegung und Nationalsozialismus ist der Untersuchung judenfeindlicher Stereotype in gesellschaftlichen Gruppen, Parteien, Vereinen, Verbänden, Kirchen usw. gewichen. So ist man auch dort fündig geworden, wo man Antisemitismus nicht vermutete, z.B. in der deutschen Frauenbewegung. 5 Der spektakulärste Fall eines Paradigmenwechsels hat sich jedoch in der Historiographie zum katholischen Sozialmilieu abgespielt. In der von Olaf Blaschke und Urs Altermatt angestoßenen Debatte geht es mittlerweile nicht mehr um eine katholische Abwehrhaltung oder Immunität gegenüber dem modernen Antisemitismus, sondern um die Frage, in welchem Ausmaß das katholische Milieu selbst antisemitisch geprägt war. 6
Auch die SPD, deren Anti- Antisemitismus man noch bis in die 1970er Jahre für eine absolute Selbstverständlichkeit hielt 7 , ist in den letzten 30 Jahren immer wieder historisch- kritisch unter die Lupe genommen worden. Spätestens seit den Arbeiten von Rosmarie Leuschen-Seppel (zu Deutschland) und Robert Wistrich (zu Österreich- Ungarn) kann man der Sozialdemokratie zumindest für die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg keine blütenweiße Weste mehr bescheinigen. Zwar bekämpfte die Partei den politischen Antisemitismus, war aber im Inneren alles andere als vorurteilsfrei. Judenfeindliche Stereotype traten vor allem im Zusammenhang mit innerparteilichen Flügelkämpfen und der Frontstellung zu Kapitalismus und bürgerlichem Liberalismus auf. In der Ausbreitung des modernen Antisemitismus in Politik und Gesellschaft erkannten die Genossen zunächst keine ernsthafte Bedrohung. Aus der Perspektive des historischen Materialismus und revolutionären Attentismus ließ sich der Antisemitismus leicht als Übergangserscheinung abtun. In der sozialistischen
4 Als Überblick: Christoph Nonn, Antisemitismus, Darmstadt 2008, S. 58-66.
5 Vgl. Heidemarie Wawrzyn, Vaterland statt Menschenrecht. Formen der Judenfeindschaft in den Frauenbewegungen des Deutschen Kaiserreichs, Marburg 1999; Susanne Omran, Frauenbewegung und "Judenfrage". Diskurse um Rasse und Geschlecht nach 1900, Frankfurt a.M. 2000; Stefanie Braukmann, Die "jüdische Frage" in der sozialistischen Frauenbewegung 1890- 1914, Frankfurt a.M. 2007.
6 Vgl. Olaf Blaschke, Katholizismus und Antisemitismus im deutschen Kaiserreich, Göttingen 1997; Urs Altermatt, Katholizismus und Antisemitismus. Mentalitäten, Kontinuitäten, Ambivalenzen. Zur Kulturgeschichte der Schweiz 1918- 1945, Wien 1999; Gisela Fleckenstein/ Christian Schmidtmann, Katholischer Antisemitismus im internationalen Vergleich, in: ZfG 49 (2001), S. 244-247.
7 Vgl. z.B. Shulamit Volkov, The Immunization of Social Democracy against Anti-Semitism in Imperial Germany, in: Grab (Hg.), Juden und jüdische Aspekte in der deutschen Arbeiterbewegung, S. 63-83.
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Zukunftsgesellschaft werde sowohl die Sonderexistenz des Judentums als auch die Judenfeindlichkeit verschwinden. Kurzfristig könne man sogar von der antikapitalistischen Rhetorik der Antisemiten profitieren, da sie bislang unzugängliche gesellschaftliche Gruppen für sozialistische Ideen vorbereite. Im Vielvölkerstaat Österreich- Ungarn entfaltete zudem noch die komplexe Gemengelage von Klasse und Ethnizität eine entimmunisierende Wirkung. Insgesamt sei die Haltung der Sozialdemokraten in der "Judenfrage" als ambivalent zu bezeichnen, da trotz einer klaren Ablehnung des bürgerlichen und kleinbürgerlichen Antisemitismus eigene judenfeindliche Vorurteile bestehen blieben. 8 Eine neue Studie von Lars Fischer zum Verhältnis von Sozialdemokratie und Antisemitismus im Deutschen Kaiserreich stellt nun diesen Forschungskonsens in Frage. Fischer behauptet, die SPD habe selbst in ihrer Bekämpfung des Antisemitismus antisemitische Grundannahmen geteilt und kommt zu dem Schluss:
"Social democrats thus helped maintain and extend an increasingly universal consensus throughout German society that a significant ‚Jewish Question’ existed and they generally shared in the dream of a future without Jews. (…) To the extent that Social Democrats shared this dream they also share the responsibility for rendering German society susceptible to Nazi anti-Semitism and preparing the ideological seedbed from which the Shoa could grow." 9
Das sind schwere Vorwürfe, deren Berechtigung sich eigentlich nur mit neuen Quellenfunden oder einer fundamentalen Reinterpretation des bekannten Quellenmaterials untermauern lässt. Größtenteils arbeitet der Autor jedoch mit bekannten Quellen, die er zumeist aus der alten Überblicksdarstellung von Edmund Silberner entnommen hat. 10 Fischers spektakuläre Hauptthesen stützen sich somit ganz wesentlich auf eine neue Hermeneutik, die mit hohen kritischen und moralischen Ansprüchen daherkommt und vielleicht gerade deshalb häufig in konstruierte, unhistorische und schlichtweg ungerechte Schlussfolgerungen mündet. Fischers Anklageschrift gegen die kaiserzeitliche SPD beginnt mit einem Kapitel über den "Antiphilosemitismus" des Parteihistorikers Franz Mehring (1846- 1919). Mehring bestand darauf, Antisemitismus und Philosemitismus gleichermaßen zu kritisieren. In der Verteidigung der Juden durch bürgerliche Politiker und Intellektuelle, wie z.B. im Rahmen
8 Vgl. Rosemarie Leuschen- Seppel, Sozialdemokratie und Antisemitismus im Kaiserreich. Die Auseinandersetzungen der Partei mit den konservativen und völkischen Strömungen des Antisemitismus 1871-
1914, Bonn 1978; Robert Wistrich, Socialism and the Jews. The Dilemmas of Assimilation in Germany and Austria- Hungary, London 1982.
9 Fischer, The Socialist Response, S. 228.
10 Vgl. Edmund Silberner, Sozialisten zur Judenfrage. Ein Beitrag zur Geschichte des Sozialismus vom Anfang des 19. Jahrhunderts bis 1914, Berlin 1962, S. 198-230.
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des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus, sah er eine Schutzmaßnahme zugunsten jüdischer Kapitalisten und somit des Kapitalismus insgesamt. Daher müsse sich die SPD vom betonten Philosemitismus fernhalten. Mehrings Antiphilosemitismus ist auch von der älteren Forschung breit behandelt worden. Fischer unterscheidet sich nur von ihr, indem er Mehrings Position als Parteikonsens verkauft. Als Beleg führt er allerdings nur eine Buchrezension Eduard Bernsteins an, die sich - bei aller auch hier gegebenen Philosemitismuskritikexplizit gegen Mehring und gegen den Antisemitismus wendet. 11 Kaum origineller ist Fischers Untersuchung von Karl Marx’ Zur Judenfrage (1844) und der Rezeption dieses Texts in der SPD. Fischers These hierzu ist so deutlich wie eindimensional: Marx habe in diesem Essay gar nicht die Juden oder das Judentum angegriffen, sondern philosophische Betrachtungen zu Kapitalismuskritik und gesellschaftlicher Emanzipation angestellt, für die die Bauer- Kontroverse um die "Judenfrage" nur der Aufhänger gewesen sei. SPD- Politiker, einmal mehr irregeführt durch den ominösen Franz Mehring, hätten Marx’ Intention missverstanden und die vermeintliche Identifikation von Kapitalismus und Judentum übernommen, weil sie angeblich mit ihren bereits existenten Vorurteilen übereinstimmte.
"Zur Judenfrage could be, and was, utilised to accommodate and legitimise already prevalent, conventional forms of anti-Jewish stereotyping that fell short of a genuine critique of capitalism along Marxist lines." 12
In den beiden Kapiteln über Zur Judenfrage ist Fischer gezwungen, eine Höchstleistung an akrobatischer Hermeneutik darzubieten, um den sozialistischen Säulenheiligen Karl Marx zu entlasten und die Mainstream- Sozialdemokraten um August Bebel (1840- 1913) zu belasten. Marx darf das Judentum als "antisoziales Element" bezeichnen, das sich auf Eigennutz, Schacher und Geldgier gründe. 13 Und dennoch wird er von aller Judenfeindlichkeit freigesprochen. Wenn er überhaupt Judenfeind war, dann als Hegelianer, nicht als Marxist. Währenddessen wird auf der Seite der SPD jede Kritik am bürgerlichen Philosemitismus und jedes Zugestehen einer Teilberechtigung von Diskursen über eine "Judenfrage" messerscharf seziert und in die Nähe des Antisemitismus gerückt. 14 Zweifelsohne, es gab judenfeindliche Einstellungen innerhalb der SPD, insbesondere was die hinlänglich bekannten
11 Vgl. Fischer, The Socialist Response, S. 21-36.
12 Ebd., S. 43.
13 Karl Marx, Zur Judenfrage (1844), in: in: MEW, Bd.1, Berlin 1976, S. 347-377.
14 Vgl. Fischer, The Socialist Response, S. 37-102.
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Quote paper:
Thomas Gräfe, 2008, Anti-Antisemitismus auf dem Prüfstand, Munich, GRIN Publishing GmbH
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