4. Spektrum um antisoziales Verhalten vorzubeugen und zu verbessern 75
4.1. Präventions- und Interventionsmaßnahmen 75
4.1.1. Handlungsleitlinien 80
5. Erlebnispädagogik 82
5.1. Was ist Erlebnispädagogik 82
5.2. Vom Erleben zum Lernen 88
5.2.1. Transferleistungen 90
5.3. Methodik der Erlebnispädagogik 94
5.4. Wirkung und Ziele von Erlebnispädagogik bei Jugendlichen 95
5.5. Einfluss der Wirkungen von Erlebnispädagogik 101
auf pro-soziales Verhalten
6. Praxisbeispiel: Kinderheim Raphaelhaus 103
7. Schlussbetrachtung 113
8. Abkürzungsverzeichnis 116
9. Abbildungsverzeichnis 117
10. Literaturverzeichnis 119
Einleitung 3
1. Einleitung
25.05.2005 S-Bahnhof Reeperbahn, 4 Uhr morgens. Jugendliche treten auf einen am Boden liegenden Mann ein. Ein 25 Jahre alter Mann, der auf dem Weg nach Hause ist, sieht diesen Vorfall und greift ein. Einer der beiden Täter zieht ein Messer und sticht auf den 25 Jährigen ein. Nur eine Notoperation kann sein Leben retten. (Quelle:
http://www.hinzundkunzt.de/hk/strassenmagazin/ausgabe/stadtgespraech/~article~5 96/)
Es stellt sich die Frage warum? Warum zeigen Jugendliche derartige antisoziale, aggressive Verhaltensweisen auf? Gibt es eine Möglichkeit dies vorzubeugen? Gibt es eine Möglichkeit, dass mehr Menschen helfen?
Kann man aus sog. antisozialen Jugendlichen, pro-soziale und helfende Menschen machen? Dies sind Fragen, die ich mir stelle, wenn ich die Zeitung aufschlage und ich erneut Artikel lese, in denen Jugendliche antisoziale und gewalttätige Aktionen vollzogen haben.
Dank meines Studiums an der Universität, habe ich die Chance bekommen, mich mit Jugendlichen auseinander zu setzen und habe bemerkt, dass viele, die bereits Erfahrungen mit Sozialarbeitern und Sozialpädagogen gemacht haben, genau wissen, wie sie sich zu verhalten haben und was sie sagen müssen, damit der Sozialpädagoge zufrieden ist. Daher bin ich der Meinung, das es wichtig ist, auch andere Methoden und Möglichkeiten anzuwenden, um in antisozialen Jugendlichen das pro-soziale Verhalten zu fördern.
Nach meinen eigenen Erfahrungen ist Erlebnispädagogik sehr hilfreich. Diese Art der Pädagogik ist sehr facettenreich und bietet bewusste und unbewusste Verhaltensveränderungen bei den Teilnehmern. Dabei werden die Teilnehmer nicht zu einem bestimmten Ziel hinbegleitet bzw. „therapiert“ etc. Durch die Erlebnispädagogik wird Vieles erlebt und erfahren, so dass die Teilnehmer Veränderungen in sich spüren können. Aus diesem Grund empfinde ich diese Art von Pädagogik als sehr interessant und gut geeignet, um herauszufinden, ob Jugendliche, die antisoziale Verhaltenstendenzen aufzeigen durch
erlebnispädagogische Maßnahmen sich zu einem helfenden und pro-sozialem Menschen entwickeln können.
Einleitung 4
Im ersten Teil werden das pro-soziale und das antisoziale Verhalten, sowie die Entwicklung beider näher beschrieben. Dabei geht es um die Fragen, warum Menschen pro-sozial handeln und welche Faktoren in der Entwicklung von prosozialem Verhalten eine Rolle spielen. Des Weiteren werden Verhaltensweisen aufgelistet, die unter dem Begriff „antisozial“ fallen. Die häufigste bzw. in den Medien am häufigsten berichtete antisoziale Verhaltensweise ist das aggressive Verhalten. Im Bereich der Entwicklung des antisozialen Verhaltens wird daher die Aggressivität als ein Muster angesehen.
Im zweiten Teil dieser Arbeit wird der Jugendliche näher betrachtet, Es wird erörtert, wann ein Mensch ein Jugendlicher ist und welche Gründe es für antisoziales Verhalten gibt. Es wirken viele verschiedene Einflüsse, wie z. B. Familie und Umgebung, auf die Verhaltenstendenzen der Jugendlichen ein. Unter diesem Punkt werden die verschiedenen Einflüsse näher betrachtet.
Der dritte Teil dieser Arbeit befasst sich mit den Möglichkeiten präventiv oder durch Intervention auf antisoziales Verhalten zu reagieren. Im vierten Teil soll der erlebnispädagogische Bereich näher betrachtet werden. Dabei geht es um den Definitionsversuch der Erlebnispädagogik, sowie die nähere Beschreibung der Transferleistungen, d. h. wie wird das Erlebte zum Erlernten bzw. wie kann aus einem Erlebnis eine Verhaltensveränderung erzeugt werden. Außerdem wird über die Methodik und die Wirkungen sowie über die Ziele der Erlebnispädagogik berichtet. Wie die Wirkungen im Zusammenhang zum prosozialen Verhalten stehen wird des Weiteren in diesem Teil der Arbeit näher betrachtet.
Im letzten und fünften Teil, wird das Kinderheim Raphaelhaus in Mühlheim beschrieben. Kinder in Fremdunterbringungen können prädisponiert für antisoziale Verhaltensweisen sein, zudem bietet das Kinderheim Raphaelhaus
erlebnispädagogische Aktivitäten während des Heimalltages an. Aus diesen Gründen, bin ich der Meinung, dass dieses Kinderheim ideal als Praxisbeispiel meiner Arbeit dienen wird.
Pro-soziales und antisoziales Verhalten 5
2. Pro-soziales und antisoziales Verhalten
2.1. Pro-soziales Verhalten
Was ist pro-soziales Verhalten und warum handelt der Mensch überhaupt prosozial? Dies sind Fragen, die im Laufe der nächsten Seiten weitreichend beantwortet werden.
Hilfeverhalten, pro-soziales Verhalten und Altruismus sind drei verschiedene Begriffe, die dennoch im gleichen Zusammenhang stehen. Grundlegend kann gesagt werden, dass pro-soziales Verhalten als Überbegriff aller drei Begriffe gilt und diese gleichbedeutend verwandt sind und gegenseitig als Synonyme dienen. Diese Begriffe beschreiben eine Interaktion, also eine Wechselbeziehung zwischen Helfern und Hilfeempfänger (vgl. Bierhoff in Hrsg. Stroebe, Hewstone, Stephonson 1997, S. 395 und Hartung, 2000 S.156).
„Während die Helfer Kosten auf sich laden, bekommen die Hilfeempfänger
Belohnungen, die gewöhnlich höher sind als die Kosten der Helfer.“(zit. Bierhoff, in
Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone 2002, S. 320)
Somit beschreibt der Begriff Hilfeverhalten oder auch hilfreiches Verhalten, jede Interaktion zwischen Helfern und Hilfeempfänger und ist daher ein umfassender Begriff. Ein Beispiel für das Hilfeverhalten ist, wenn ein Mitarbeiter der Deutschen Bahn, einem Passagier mit seinem Gepäck hilft. Pro-soziales Verhalten kann enger definiert werden als der Begriff des Hilfeverhaltens und Hans Werner Bierhoff hat dies folglich getan: „Mit einer prosozialen Handlung ist beabsichtigt, die Situation des Hilfeempfängers
zu verbessern, der Handelnde zieht seine Motivation nicht aus der Erfüllung
beruflicher Verpflichtungen und der Empfänger ist eine Person und keine
Organisation.“(zit. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone 2002, S. 320) Des Weiteren kann pro-soziales Verhalten auch so verstanden werden, als dass der Helfer sich selber nützen möchte. Der Helfende erhofft sich im Gegenzug auch einmal Hilfe zu bekommen, wenn er sie benötigt. Hans Werner Bierhoff machte dazu dieses Beispiel:
Altruismus und Altruistisches Verhalten ist ganz uneigennützig von dem Helfenden und die Motivation liegt ganz darin, dem Hilfe brauchenden zu helfen. Hans Werner Bierhoff, hat auch diesen Begriff definiert und zwar wie folgt:
Pro-soziales und antisoziales Verhalten 6
„Altruistisches Verhalten eines Akteurs ist dann gegeben, wenn er/sie die Absicht
hat, einer konkreten Person eine Wohltat zu erweisen und wenn der Akteur freiwillig
handelt…“(zit. Bierhoff 1990, S. 9)
Zur Veranschaulichung, der Zusammenhänge zwischen den Begriffen Hilfeverhalten, pro-soziales Verhalten und Altruismus, gibt es eine passende Abbildung.
Abb. 1. Zusammenhänge, Hilfeverhalten, pro-soziales Verhalten und Altruismus
(Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002, S. 321)
Ein Beispiel für das Altruistische Verhalten ist z. B. das Gleichnis des barmherzigen Samariters (vgl. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002, S. 321). Dieses Gleichnis erzählt die Geschichte eines Mannes, der überfallen und schwer verletzt wird. Alle, die vorbeigingen, halfen ihm nicht, der Samariter hingegen hat ihm geholfen, er pflegte seine Wunden und brachte ihn zu einer Unterkunft und bezahlte die Übernachtungen sowie die weitere Pflege durch den Wirt. (vgl. Lukas Evangelium, 10, 25-37).
Der Samariter hatte keine Zuschauer, doch andere Formen des pro-sozialen Verhaltens finden in der Öffentlichkeit statt, z. B. die Live-Earth Konzertreihe die u.a. für die Rettung des Weltklimas oder gegen Armut stattgefunden hat. Diese Konzerte finden auf der ganzen Welt statt, u.a. in Sydney, New York, London und Tokio. Auf diesen Konzerten treten häufig große Stars wie Madonna, Lenny Kravitz, Red Hot Chili Peppers, Snoop Dogg und Shakira auf.
Pro-soziales Verhalten muss nicht unbedingt ohne persönlichen Gewinn sein, wie das vorangegangene moderne Beispiel zeigt. Künstler wie Madonna oder Snoop Dogg, könnten ihre CDs und Konzertticketverkäufe fördern und einen Vorteil daraus ziehen, da sie sich engagieren, Geld für wohltätige Zwecke spenden und sich damit pro-sozial Verhalten. Außerdem werden die Stars für ihr pro-soziales, selbstloses Verhalten bewundert und sie bekommen von vielen Menschen Anerkennung. Somit kann gesagt werden, dass pro-soziales Verhalten häufig eine Komposition sowohl
Pro-soziales und antisoziales Verhalten 7
aus altruistischen als auch aus egoistischen Motiven ist. Zudem gibt es Unterschiede, was die Art und Weise zu helfen angeht. Es gibt zum Einen die nicht aufopferungsvollen Helfer, die niedrige bis keine Kosten haben, wenn sie helfen und zum Anderen die aufopferungsvollen Helfer, die hohe Eigenkosten haben, z. B. riskieren sie ihr Leben, um jemanden zu retten (vgl. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 321). Um dies näher zu erläutern sind einige Beispiele nötig: Einer alten Frau helfen, deren Kleingeld aus dem Portmonee gefallen ist, indem man dieses wieder aufhebt, oder einige Cents in die Sammelbüchse eines Tierheims spenden usw. sind eher durchschnittliche oder banale Hilfen. Dann gibt es auch Helfer die z. B. ihr Leben riskieren und sich auf einen Hilfesuchenden stürzen, um ihn vor einer Explosion eines Autos zu retten oder Helfer versuchen aus einem zugefrorenen See einen eingebrochenen Menschen zu retten und riskieren dabei selbst einzubrechen.
Das aufopferungsvolle Verhalten kann mit Geld oder z. B. dem Bundesverdienstkreuz belohnt werden. Die weniger aufopferungsvolle Hilfe ist eher alltäglich, sodass es dafür weniger materielle Belohnung gibt. Dennoch investieren Helfer immer wieder Zeit, viel oder weniger Geld und z. T. auch Anstrengung in jede von ihnen erbrachte Hilfe. Die beiden erwähnten Arten von Hilfeleistung sind zwar unterschiedlich in ihrem Grad der Aufopferung, dennoch sind beide wichtige Bestandteile des pro-sozialen Verhaltens und haben Gemeinsame und eigene bzw. spezifische Merkmale (vgl. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 322). 2.1.1. Warum helfen Menschen?
Es stellt sich die Frage warum der Mensch überhaupt hilft und was seine Beweggründe dabei sind. H. W. Bierhoff stellte sich die gleiche Frage und hat dabei versucht pro-soziales Verhalten aus verschiedenen Ansätzen zu betrachten. Darunter fallen der biologische Ansatz, der individualistische Ansatz, der interpersonale Ansatz und der, auf soziale Systeme bezogene Ansatz. Auf der Suche nach dem Grund dafür, warum Menschen helfen, wird meist Bezug genommen auf das Kapitel „Pro-soziales Verhalten“ von Hans Werner Bierhoff in (Hrsg.) Stroebe, Jonas und Hewstone, Sozialpsychologie. 2.1.1.1. Biologischer Ansatz
Unter all den Ansätzen stellt dieser sich die Frage, unter welchen Bedingungen prosoziales Verhalten durch die Evolutionspsychologie erklärt werden kann.
Pro-soziales und antisoziales Verhalten 8
„Der biologische Ansatz zum Altruismus erklärt prosoziales Verhalten im Sinne
angeborener oder genetischen Tendenzen.“ (zit. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas,
Hewstone, 2002 S. 322)
Genauer wird der Biologische Ansatz unter Punkt 2.2. Wie entwickelt sich Prosoziales Verhalten, erläutert. Dort kann man ebenfalls nachvollziehen, wie sich prosoziales Verhalten aus biologischer Sicht entwickelt. 2.1.1.2. Individualistischer Ansatz
Der individualistische Ansatz erklärt pro-soziales Verhalten durch individuelle Tendenzen, die nicht vererbt worden oder genetisch festgelegt sind, es aber sein könnten. Es wird davon ausgegangen, dass die individuellen Tendenzen durch soziales Lernen erworben wurden.
„…erklärt der individualistische Ansatz Altruismus im Sinne Individueller Tendenzen
zu Hilfsbereitschaft. Aber diese Tendenzen sind, … nicht notwendigerweise
genetisch festgelegt (obwohl sie es sein könnten), sondern sie werden durch
soziales Lernen, erworben.“ (zit. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002
S. 324)
Dieser Ansatz hat Bierhoff in zwei Theorien unterteilt; zum Einen die Theorie, die pro-soziales Verhalten durch Stimmungszustände erklärt und zum Anderen eine Theorie, von der angenommen wird, dass sich prosoziales Verhalten durch Persönlichkeitsmerkmale auswirkt. Zu Anfang wird der Zusammenhang zwischen pro-sozialem Verhalten und Stimmungszuständen näher erläutert. Anschließend wird die Theorie der pro-sozialen Persönlichkeit näher beschrieben. 2.1.1.2.1. Stimmung
Es gibt Untersuchungen, die eindeutig zeigen, dass hilfreiches, pro-soziales Verhalten durch positive Stimmung gefördert wird und diese wiederrum durch Erinnerungen an positive Erlebnisse hervorgerufen wurden. Eine Studie dazu ist die Metaanalyse von Carlson, Charlin und Miller aus dem Jahre 1988. In dieser Studie wurde in 61 Personen eine positive Stimmung hervorgerufen, z. B. durch Erfolgserlebnisse bei Aufgaben oder durch ein Geschenk etc. Etwa vier Minuten nach der Hervorrufen der positiven Stimmung, wurden die Testpersonen um Hilfe gebeten. Die Testpersonen haben in den meisten Fällen geholfen. Auch Gegenstudien, kamen zu den gleichen Ergebnissen, dass positive Einflüssen und Gefühle pro-soziales Verhalten mehr fördern, als neutrale oder sogar negative Gefühle. In einer anderen Studie in Pennsylvania, wurden Probanden zu Hause Geschenke überreicht, kurze Zeit später bekamen die Personen einen Anruf, der scheinbar falsch verbunden war und der Anrufer bat die Testperson um Hilfe. Die Testperson sollte mit einem weiteren Telefonat weitehelfen. Der Hilfe suchende
Pro-soziales und antisoziales Verhalten 9
Anruf kam nach 1, 4, 7, 10, 13, 16 bzw. 20 Minuten nach dem Erhalt des Geschenks. In der nachfolgenden Abbildung kann die Helferquote aus dieser Studie erkannt werden. Zu sagen ist, dass in den Minuten zwischen den Balken der Hilfeleistungen keine Anrufe erfolgt sind, somit gibt es dort, entsprechend zur Leistung, keine Balken (vgl. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 325).
Abb. 2. Helferquote, der Studie in Pennsylvania, (Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 325)
Die Bitte des Anrufers war häufig erfolgreich, zumindest in der 1, 4 und 7 Minute nach Erhalt des Geschenks. 10 Minuten, 13 und 16 Minuten später war es nicht mehr ganz so häufig, dass der Hilfesuchende die Hilfe auch bekommen hat. Bei 20 Minuten waren es nur noch knapp 12 %, die geholfen haben.
Aufgrund der Ergebnisse aus der Studie, bezieht sich H. W. Bierhoff auf ein Modell, das von Bower (1981) und Forgas (1992) entwickelt wurde. Das „Affect-Priming-Modell“ erklärt:
„…die Rolle der Stimmung mit der selektiven Aktivierung und der erhöhten
Zugänglichkeit stimmungskongruenter Gedächtnisinhalte…“ (zit. Bierhoff, in Hrsg.
Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 325)
Das heißt, dass eine gute Stimmung, positive Gedanken hervorrufen könnte und diese sich durch positive Aktivitäten wie pro-soziales Verhalten zeigt. Zum Anderen erläuterte H. W. Bierhoff ein weiteres Modell, das „Affect-as-Information-Modell“ von Schwarz (1990)
„ In diesem Ansatz wird angenommen, dass Personen einer ´Wie geht es mir damit-
Heuristik´ folgen und zwar in dem Sinne, dass die gerade vorherrschende Stimmung
Pro-soziales und antisoziales Verhalten 10
als eine Information in das allgemeine Urteil mit einbezogen wird.“ (zit. Bierhoff, in
Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 325)
Dieses Modell besagt, dass eine handelnde Person ihre persönliche Gefühlsstimmung auf ihr Dasein überträgt und dass die Gefühle eine Art Informationswert haben, z. B. soll eine Person jemanden beurteilen, kann es sein dass die Beurteilung auf den Gefühlen zu der zu beurteilenden Person basiert. Somit wägt man nicht rational ab sondern erkennt die Gefühle als Information an. Positive Gefühle können hiernach als Information anerkannt werden, dass die Umwelt sicher ist und dass bei Gefahr das pro-soziale Verhalten unterdrückt wird. Durch die positiven Gefühle erscheint die Gefahr abwesend. Die Auswirkungen von positiver Stimmung sind beständiger und stärker als die Auswirkungen negativer Stimmung. Aus evolutionsbiologischer Sicht kann gesagt werden, dass schlechte Stimmung Probleme andeutet und Probleme Gefahr bedeuten könnten. Dadurch könnte angenommen werden, dass durch eine negative Stimmung die Kosten des Eingreifens höher erscheinen und somit keine pro-sozialen Aktivitäten begangen werden. Empirische Befunde belegen diese These. Trotzdem führen nicht alle negativen Gefühlen zu nicht pro-sozialem Verhalten. Das Schuldempfinden fördert vielmehr noch das pro-soziale Verhalten: wenn jemand einer Person einen Schaden zugefügt hat, zeigte diese Person daraufhin pro-soziale Verhaltenstendenzen dem Geschädigten gegenüber. Eher selten ist es allerdings, wenn dem Handelnden von ein Schaden durch eine andere Person zugefügt wurde. H. W. Bierhoff nannte diesen Fall „Viktimisierung“. (vgl. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 325 und Hartung, 2000 S. 163)
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass positive Gefühle pro-soziales Verhalten herbeiführen, allerdings hält dieser Zustand nicht lange an und das größte pro-soziale Verhalten in den ersten 10 Minuten nach einer positiven Erinnerung und einer positiven Situation zu erwarten ist. Eine negative Gefühlslage lässt bestimmte Situationen, in denen Hilfe gebraucht wird, als zu gefährlich einstufen bzw. der Handelnde das Gefühl, dass die Kosten, die er erbringen müsste, zu hoch wären. Anders ist es bei positiven Gefühlen: diese fördern das pro-soziale Verhalten, da der Handelnde die Angst vor Gefahr oder Ähnlichem unterdrückt. Im nachfolgenden Teil wird nun der zweite individualistische Ansatz, nämlich Persönlichkeitsmerkmale bzw. die pro-soziale Persönlichkeit, erörtert.
Pro-soziales und antisoziales Verhalten 11
2.1.1.2.2. Prosoziale Persönlichkeit
Es ist wahrscheinlich, dass die Persönlichkeit in Bezug zu häufigen pro-sozialen Aktivitäten eine Rolle spielt. Darunter fallen z.B. Regelmäßiges Blutspenden oder dauerhafte ehrenamtliche Tätigkeiten. Auch bei spontanen pro-sozialen Aktionen werden Persönlichkeitsmerkmale die unter einer sog. pro-sozialen Persönlichkeit fallen, als ein wichtiger Faktor angesehen. Es gibt Untersuchungen, die behaupten, dass sowohl das spontane pro-soziale Verhalten, als auch das langfristige und häufige pro-soziale Verhalten die gleichen Elemente der pro-sozialen Persönlichkeit haben. Zu diesen Elementen gehören soziale Verantwortung, Empathie und interne Kontrollüberzeugung (vgl. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 327 und Hartung 2000 S. 161). Interne Kontrollüberzeugung kann auch als Persönlichkeitsmerkmal beschrieben werden, durch das man mit dem eigenen Verhalten den Verlauf seines Lebens bestimmen und steuern kann. Bei Zuschauern einer Notsituation fördern die interne Kontrollüberzeugung und die soziale Verantwortung das Pflichtgefühl, in einer Notsituation zu helfen. Empathie trägt zu einem besseren Verständnis für die Gefühle und Bedürfnisse anderer Personen bei. Empathie bedeutet im Allgemeinen, einfühlendes Verstehen und die Fähigkeit sich in jemand anderen hineinzuversetzen. Carl Rogers definierte Empathie wie folgt,
„Einfühlendes Verstehen bedeutet, den inneren Bezugsrahmen des anderen
möglichst exakt wahrzunehmen, mit all seinen emotionalen Komponenten und
Bedeutungen, gerade so, als ob man die andere Person wäre, jedoch ohne jemals
die „ Als-ob“-Position aufzugeben.“ (zit. nach Rogers 1959 in: Weinberger 2004, S.
38).
Eine Untersuchung mit Menschen ergab, dass Helfer nach einem Autounfall eine höhere Wertung in der Messung sozialer Verantwortung erbracht haben als Nichthelfer, Das Gleiche gilt ebenfalls in dem Bereich der internen Kontrollüberzeugung: Helfer brachten stärkere Zustimmung bei den Aussagen in der Skala zu internen Kontrollüberzeugung zum Ausdruck als Nichthelfer. H. W. Bierhoff zählt zudem noch ein weiteres Kennzeichen zur prosozialen Persönlichkeit, es ist der Glaube an eine gerechte Welt. (vgl. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 327)
„… darunter versteht man die generalisierte Erwartung, dass Menschen bekommen,
was sie verdienen.“ (zit. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 327) Andersherum wird die Gerechtigkeit infrage gestellt, wenn Menschen leiden, die es nach Ermessen des Beobachters nicht verdient haben. Aus diesem Grund soll die gerechte Welt bzw. der Glaube daran, durch Hilfeleistungen, und den Ausgleich der
Pro-soziales und antisoziales Verhalten 12
Ungerechtigkeit oder durch die Abwertung der Opfer wiederhergestellt werden, d.h. sie werten das Opfer ab um dessen Leiden zu rechtfertigen. (vgl. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 327)
„Vom theoretischen Standpunkt aus hängt die Beziehung zwischen dem Glauben an
eine gerechte Welt und pro-sozialem Verhalten von der erwarteten Wirksamkeit
prosozialen Verhaltens ab.“ (zit. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002
S. 327)
Dies bedeutet, dass pro-soziales Verhalten wirksam ist, wenn ein Problem gelöst wurde. Folglich fördert der Glaube an eine gerechte Welt die Hilfsbereitschaft. Allerdings kann diese Überzeugung auch einen negativen Einfluss auf pro-soziales Verhalten haben, denn wenn z. B. ein Mensch trotz Hilfeleistungen weiter leidet, kann das Ungleichgewicht der gerechten Welt nur durch Abwertung des Opfers wieder instand gebracht werden. Dieser Glaube an eine gerecht Welt ist nur dann wirksam, wenn es möglich ist durch Hilfeleistungen die gerecht Welt im Einklang zu halten, ansonsten verringert sich die Hilfsbereitschaft. Durch eine Untersuchung von Helfern und Nichthelfern nach einem Verkehrsunfall, ist herausgefunden worden, dass Helfer, die den Glauben an eine gerechte Welt hatten, eine höhere Hilfsbereitschaft zeigten, als potenzielle Nichthelfer. Der Glaube an eine gerechte Welt kann aus zwei Gesichtspunkten gesehen werden. Zum einen kann der Glaube als pro-sozial gesehen werden, wenn die Wirkung des Handelns positiv ist. Zum anderen kann er als teilnahmslos betrachtet, wenn die Wirksamkeit der Hilfeleistung eher niedrig ist (vgl. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 328). Zusammenfassend lässt sich daher sagen, dass wenn Menschen sich in einer Situation befinden, aus der sie alleine nicht mehr herausfinden können, der Helfer abschätzt, inwieweit die Hilfe dem sogenannten Opfer weiterhilft. Ist das Ziel, dem Opfer zu helfen eher schwer oder gar nicht zu erreichen, so wird es abwertend behandelt, indem gesagt wird, dass diese Person die Situation selbst verschuldet hat. Menschen, die in eine Notsituation, wie einen Verkehrsunfall geraten sind, wird geholfen, damit es ihnen wieder gut geht und die Gerechtigkeit wieder hergestellt ist. Wie bereits erwähnt, gibt es zwei unterschiedliche Arten von Hilfsbereitschaft, zum einen die spontane Hilfe und zum anderen das häufige Helfen, wie z. B. ehrenamtliche Arbeit. Nachfolgend werden anhand einer Untersuchung Faktoren der regelmäßigen Hilfeleistungen erörtert.
Regelmäßige freiwillige Hilfeleistungen werden durch dispositionale Faktoren, also das Verhalten, das seinem Charakter entspricht, auf Seiten des Helfers bestimmt. Nach einer Untersuchung aus dem Jahr 1995 sind zwei Gruppen von
Pro-soziales und antisoziales Verhalten 13
dispositionalen Variablen berücksichtigt worden. Eine Gruppe war die prosoziale Persönlichkeit, die durch empathische Anteilnahme und soziale Verantwortung gemessen wurde und die andere Gruppe ist die Motivation zur freiwilligen Arbeit. Die Motivation wurde durch einen Fragebogen erfasst. Der Fragebogen umfasste fünf Skalen, wobei jede Skala für eine Art der Motivation stand. Diese waren: Werte, Verständnis, persönliche Entwicklung, Engagement für die Gemeinschaft und Steigerung des Selbstwertgefühls. Diese Skalen wurden zusammengefasst und als Indikator, als Messinstrument sozialer Bedingungen, benutzt für z. B. eine empirische Untersuchung an Helfern einer Aids-Opfer Hilfeorganisation. Der Indikator stand positiv zur Länge der Zugehörigkeit einer Person in dieser Organisation (vgl. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 328). Das heißt, dass eine Person die in dieser Organisation schon lange Hilfeleistungen erbringt, eine hohe Motivation zeigt. Zudem hat sich herausgestellt, dass Empathie, die bereits dem Charakter einer Person entspricht und pro-soziales Verhalten sich positiv aufeinander beziehen und in Wechselwirkung miteinander stehen. „Eine Zusammenfassung der empirischen Forschungsergebnisse deuten daraufhin,
dass dispositionale Empathie und prosoziales Verhalten positiv miteinander korreliert
sind.“ (zit. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 328) Dispositionale Empathie kann als Stellvertreter der Emotion verstanden werden und diese hervorrufen, sobald die Not eines anderen erkannt wird. Zudem konnte anhand von Untersuchungen herausgefunden werden, dass Helfer eine höhere und bessere Empathiefähigkeit besaßen als Nichthelfer (vgl. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 328). Dies bedeutet, dass Menschen, die im Charakter Empathie verankert haben, diese sofort abrufen können sobald sich jemand in Schwierigkeiten befindet. Ähnlich verhält es sich mit der Emotion, denn im Laufe des Tages ist niemand dauerhaft emotional eingestellt, sondern sie kommt nur in bestimmten Situationen zum Vorschein.
Davis (1983) entwickelte einen Empathiefragebogen mit dem Namen „Interpesonal Reactivity Index“. Der Fragebogen enthält 28 Symbole und diese sind auf vier Subskalen verteilt. Dazu gehören die Perspektivübernahme, persönliche Belastung, Fantasie und empathische Anteilnahme. Dispositionale Empathie sowie persönliche Belastung können durch situationsbedingte Empathie und situationsbedingte Belastung unterschieden werden (vgl. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 329). In dem Fragebogen können Fragen der Subskalen beantwortet werden, bzw. es werden Aussagen getroffen, die anschließend bewertet werden sollten, inwieweit die Aussage zutrifft, z. B. ich kann gut verstehen und fühle mit
Pro-soziales und antisoziales Verhalten 14
Menschen, denen es nicht so gut geht. Diese Aussage trifft gar nicht zu oder voll zu etc.
H. W. Bierhoff hat ein Modell der prosozialen Persönlichkeit entwickelt, dass das vorangegangene Thema der Persönlichkeit besser veranschaulichen kann:
Wie gut zu erkennen ist, zeigt das Modell, dass die prosoziale Motivation sowie die prosozialen Persönlichkeitszüge meist einen positiven Einfluss auf pro-soziales Verhalten haben und der Glaube an eine gerechte Welt abhängig ist von den Erwartungen der Menschen, ob diese durch Helfen Ungerechtigkeit vollständig beseitigen können. 2.1.1.2.3. Empathie - Altruismus
Nach dem vorangegangenem Thema und der Empathie, stellt sich die Frage, welche Rolle die situationsbedingte Empathie in der Erklärung von pro-sozialem Verhalten spielt. Batson hat einen großen Teil seiner Forschung um die Frage, ob pro-soziales Verhalten von altruistischen oder egoistischen Motiven geleitet ist, aufgebaut. Situationsbedingte Empathie, die Sorge um das Wohlergehen und die Befindlichkeit eines anderen hervorruft, wird dem altruistischen Motiv gleichgesetzt. Es stellt sich die Frage, wie ein Experiment oder eine Studie aufgebaut sein
Pro-soziales und antisoziales Verhalten 15
müssten, um herauszufinden, ob pro-soziales Verhalten eher altruistische oder egoistische Motive hat. Die Grundidee ist die, dass ein Mensch mit einem Opfer konfrontiert wird und diesem die Möglichkeit gegeben wird, sich der Situation zu entziehen. Menschen die egoistisch motiviert sind, ziehen sich wahrscheinlich zurück und flüchten, denn dadurch können sie alle negativen Gefühle, die durch das Opfer und die Situation entstanden sind, abbauen. Unwahrscheinlich ist es jedoch, dass ein von Empathie motivierter Mensch eine Situation, in der dessen Hilfe gebraucht wird, sich entziehen wird, da dieser das Bedürfnis haben wird, das Leiden des Opfers zu lindern, auch wenn er diese Situation verlassen würde (vgl. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 330 und Hartung, 2000 S. 159). Batson entwarf für seine Hypothese eine grafische Darstellung:
Abb. 4 Empathie Altruismus-Hypothese (nach Batson, Bierhoff, Hrsg. Stroebe, Jonas,
Hewstone, 2002 S. 330)
Batson versuchte durch Tests und Experimente herauszufinden, inwieweit seine Hypothese stimmt. Unter anderem in einem Experiment im Jahre1981. Studentinnen, die eigentlich da waren, um ein Experiment an jemand anderem zu beobachten, waren jedoch selber die Beobachteten und die eigentlichen Versuchspersonen. Die Studentinnen beobachteten ein Mädchen dabei, wie es angeblich Elektroschocks bekam. Bei einem zweiten Durchgang suggerierte das Mädchen, dass sie nicht mehr in der Lage war, das Experiment fortzuführen. Ein Versuchsleiter fragte eine der Studentinnen, ob sie nicht bereit wäre, die Rolle des Mädchens einzunehmen und die Elektroschocks zu bekommen. Es gab allerdings verschiedene Versuchsbedingungen, z. B. glaubten die Studentinnen, dass das Mädchen die gleichen Einstellungen hat, wie sie selbst. Eine andere
Pro-soziales und antisoziales Verhalten 16
Versuchsbedingung war, dass das Mädchen keine gleichen Einstellungen teilte wie die Studentinnen. Batson und seine Mitarbeiter gingen davon aus, dass die jeweilige Einstellungsähnlichkeit das altruistische Motiv erhöht oder die egoistische Motivation fördern würde. Das heißt, dass eine hohe Einstellungsähnlichkeit eher das altruistische Motiv erhöht und eine geringe Einstellungsähnlichkeit eher die egoistische Motivation erhöht. Zu den Versuchsbedingungen, kamen noch weitere Bedingungen hinzu. Zum einen hatten die Studentinnen die Möglichkeit leicht zu flüchten, indem sie das Zimmer nach dem zweiten Durchgang verlassen konnten und nicht weiter zuschauen mussten, wie das Mädchen die Elektroschocks erhielt, falls das Experiment an ihr weitergeführt werden sollte. Demnach gab es in einer anderen Bedingung die Anweisung, dass die Studentinnen bis zum Ende das Opfer beobachten mussten. Batsons Hypothese war, dass bei der Möglichkeit der Flucht und bei der Versuchsbedingung, dass das Mädchen und die Studentinnen keine ähnlichen Einstellungen teilten die Versuchspersonen, sprich die Studentinnen, zögern würden, um dem Mädchen zu helfen. Alle anderen Bedingungen würden dann eher zu einer hohen Helferquote führen. In der nachfolgenden Grafik nach Batson kann erkannt werden, dass die Hypothese bestätigt wurde. Auch andere Versuche brachten ähnliche bzw. die gleichen Ergebnisse (vgl. Hartung 2000 S. 164 und Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 331).
Abhängigkeit von der Einstellungsähnlichkeit und der Schwierigkeit der Situation aus
dem Weg zu gehen.“ Nach Batson (vgl.zit. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas,
Hewstone, 2002 S. 331)
Gut zu erkennen ist, dass Batson mit seiner Theorie recht hatte, denn in der Situation, in der die Studentinnen einfach fliehen konnten und die Einstellungsähnlichkeit gering war, haben nur ca.18% geholfen. In allen anderen Varianten war es um ein vielfaches häufiger. Zusammenfassend kann daher gesagt werden, dass es, wie der Versuch zeigt, die Menschen die sich aufgrund der gleichen oder ähnlichen Einstellungen sich besser in ein Opfer hineinversetzen können und somit altruistisch motiviert helfen, hingegen ziehen Menschen, die sich
Pro-soziales und antisoziales Verhalten 17
mit dem Opfer eher weniger identifizieren können, die Flucht vor, um das Gesehene zu verdrängen o. ä. Aus der Grafik kann ebenfalls erkannt werden, dass die Menschen, die aufgrund unähnlicher Einstellungen sich nicht in das Opfer hineinversetzen können und nicht die Möglichkeit hatten zu fliehen, zwar häufig helfen, dennoch um einiges weniger, als die Menschen, die Ähnlichkeiten in der Einstellung mit dem Opfer hatten.
Die Forschung zur Empathie-Altruismus-Hypothese beruht auf eine Unterscheidung zwischen zwei Gefühlszuständen. Die Gefühlszustände können durch eine Notsituation hervorgerufen werden. Ein Gefühlszustand ist die situationsbedingte Belastung, diese wird wie folgt definiert (vgl. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 332):
„…als eine selbstbezogene, stellvertretende Emotion, die durch Adjektive wie ,
alarmiert, bekümmert, aufgeregt, und verwirrt beschrieben wird.“ (zit. Bierhoff, in
Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 332)
Durch eine Notsituation kommt eine Emotion zum Vorschein, die eher negativ empfunden wird, wie die erwähnten Adjektive es beschreiben. Es gibt zwei Möglichkeiten diese Emotion abzubauen bzw. zu verringern: Zum einen helfen und zum anderen fliehen. Flucht würde den Einfluss des Opfers auf den Helfer verringern. Zudem ist H. W. Bierhoff Folgendes wichtig (vgl. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 332):
„Es sei angemerkt, dass es sich bei situationsbedingter Belastung in diesem Sinne
um eine situationsspezifische, nicht um eine chronische persönliche Belastung
handelt.“ (zit. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 332) Das heißt, dass sich Menschen unterschiedlich verhalten; an einem Tag würden sie weglaufen und an einem anderen Tag würden sie helfen. Es handelt sich daher um keine dauerhafte Charaktereinstellung, sondern ist situationsbedingt. Der bereits erwähnte andere Gefühlszustand, der ebenfalls hervorgerufen werden kann sobald eine Person in Not ist, wird als situationsbedingte Empathie bezeichnet. Auch dieser Gefühlszustand wird durch Adjektive umschrieben wie z. B. „mitfühlend“, „gerührt“, „warm“, oder „weichherzig“. Eine Annahme ist, dass diese Form der situationsbedingten Empathie das Ergebnis des klassischen Gedankens des Einfühlens und der Perspektivübernahme ist. Das heißt, situationsbedingte Empathie steht positiv mit der Perspektivübernahme und empathischer Anteilnahme in Wechselwirkung und diese sind voneinander abhängig.
Demnach ist es grundlegend so, dass die situationsbedingte Empathie, als positives Gefühl hervorgerufen wird und es sich dabei meist um Mitfühlen handelt. In einer
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Notsituation wird daher geholfen, da der Helfende sich gut in die andere Person hineinversetzen kann und dadurch Hilft.
Die altruistische Motivation hängt nach der Empathie-Altruismus-Hypothese direkt von der situationsbedingten Empathie und deren Ausmaß, was für eine Person in Not empfunden wird, ab. Wie bereits erwähnt, wird die situationsbedingte Belastung und die situationsbedingte Empathie als zwei stellvertretende Gefühlszustände bzw. Emotionen definiert. Beide werden jeweils durch eine Situation ausgelöst, indem ein anderer in Not ist. Durch eine Untersuchung mit Fragebögen hat sich dennoch herausgestellt, dass Versuchsteilnehmer, die situationsbedingte Belastungen empfinden, auch Angaben machten, dass sie zu situationsbedingter Empathie neigen. (vgl. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 333) Daher kann es trotzdem einen Zusammenhang zwischen den jeweiligen Gefühlszuständen geben. Denn in der Belastungssituation, wird geholfen, um dieser Belastung zu entgehen, jedoch um es als Belastung überhaupt aufzufassen, muss zum Teil die Empathie zu tragen kommen. In einer Notsituation kann der Helfer verstehen, weshalb diese Person sich in einer Notlage befindet, er fasst es somit als Belastung auf und möchte daraufhin helfen, um diese Belastung abzuwenden oder aber er flieht und bekommt dadurch nichts mehr von dem Opfer mit. Bisher haben sich die Versuche, den wahren Altruismus zu erforschen, auf niedrige Kosten des Helfers bezogen. Demnach stellt sich die Frage, inwieweit sich die Empathie-Altruismus-Hypothese bestätigt, wenn die Kosten des Helfers hoch sind. Durch verschiedene Untersuchungen hat es sich herausgestellt, dass die Hypothese nicht zutrifft, wenn der Helfer hohe Kosten hat. Eine eventuelle Erklärung ist, dass Versuchspersonen, die eher durch eine altruistische Motivation helfen würden, durch hohe Kosten eher egoistisch motiviert handeln. Demnach würde man allerdings schlussfolgern, dass es nicht stimmt, dass altruistisches Verhalten durch ein Opfer hervorgerufen wird. Dennoch kann von wahrem Altruismus gesprochen werden, wenn die situationsbedingte Empathie nach eigenen Aussagen der Befragten der situationsbedingten Belastung überwiegt. Trotzdem würde bei einigen Menschen die altruistische Motivation versagen, wenn die Kosten für den Helfenden zu hoch sind (vgl. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 334). Demnach könnte sich jeder Mensch die Frage stellen, ob er wirklich alles tun würde, um jemandem zu helfen, auch wenn die Kosten des Helfers sehr hoch ausfallen. Denn auch wenn jemand behauptet, dass er empathisch und altruistisch handelt, stellt sich die Frage, wie hoch die Kosten sein dürften, damit die Person wirklich so handelt. Zumindest gilt dies gegenüber Fremden, denn bei der Familie und bei den engsten Freunden,
Pro-soziales und antisoziales Verhalten 19
könnten die Kosten etwas höher ausfallen. Zudem ist es so, dass z. B. die jeweilige Stimmung ebenfalls eine Rolle spielt. Daher kann schlussendlich gesagt werden, dass es nicht sicher ist, ob und wie ein Helfer hilft, sondern dass es sind viele Faktoren gibt, die in einer bestimmten Situation eine Rolle spielen. Diese Situationen sind auch nicht immer gleich, denn wie der Name des Ansatzes schon besagt, ist alles individuell.
Nach dem biologischen Ansatz, der in diesem Kapitel nur kurz angeschnitten ist aber unter dem 2.2. Punkt näher erläutert wird, und nach der ausführlichen Erläuterung des Individualistischen Ansatz, wird nun der Interpersonale Ansatz beschrieben, um aus einer weiteren Sichtweise pro-soziales Verhalten zu verstehen und um der Frage warum Menschen helfen auf den Grund zu gehen. 2.1.1.3. Interpersonale Ansatz
Der Interpersonale Ansatz ist z. B., wenn sich zwei Studenten zusammentun, um ein Referat auszuarbeiten. In diesem Fall möchten sie gerne zusammenarbeiten. „Der interpersonale Ansatz konzentriert sich auf die gegenseitige Abhängigkeit von
Menschen untereinander.“ (zit. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S.
335)
Auf das vorangegangene Beispiel angewendet bedeutet das, dass die Studenten voneinander abhängig sind, weil ihr Erfolg zum größten Teil von der Qualität und der Art und Weise des Zusammenarbeitens abhängt. Die Art und Weise des Arbeitens sowie die Grundlage der zwischenmenschlichen Beziehung, hängt mit dem Ergebnis zusammen und damit, was sie erreichen wollen. Es wird angenommen, dass Menschen für ihr Handeln und ihre Arbeit eine Belohnung anstreben und diese maximieren wollen aber gleichzeitig sollen die Kosten reduziert bzw. minimiert werden (vgl. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 335). Wird diese Aussage auf das vorangegangene Beispiel bezogen, stellt sich die Frage, ob die Studenten mehr erreichen, wenn sie zusammenarbeiten oder gegeneinander agieren. Konkurrieren sie, schreibt jeder seine eigene Arbeit und muss den Gewinn, sprich die Note nicht teilen und der Arbeitspartner kann nichts verkehrt machen, was die Note ggf. senken würde. Schreiben sie jedoch zusammen, könnten sie voneinander profitieren, denn jeder von ihnen würde mit seinem individuellen Wissen den anderen ergänzen.
Die Austauschtheorie ist die beste Theorie, um das zwischenmenschliche Verhalten zu erklären. Ursprünglich wurde diese Theorie u.a. von Homans (1961) formuliert. Eine grobe Definition gibt H. W. Bierhoff:
Pro-soziales und antisoziales Verhalten 20
„Nach dieser Auffassung sind die Menschen in sozialen Situationen dadurch
motiviert, dass sie die positiven Konsequenzen für sich selbst maximieren wollen.“
(zit. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 335) Das heißt, Menschen handeln entsprechend, damit sie daraufhin eine Belohnung erhalten bzw. ein für sich persönliches Ziel erreichen und dieses fördern. 1978 haben Kelley und Thibaut eine allgemeine Theorie der gegenseitigen Abhängigkeit aus der Austauschtheorie entwickelt. Die Weiterentwicklung funktionierte wie folgt (vgl. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 335):
„Sie gehen über die ursprüngliche Formulierung der Austauschtheorie hinaus, indem
sie die Möglichkeit zulassen, dass voneinander abhängige Personen die
Austauschbeziehung, die auf den gegebenen Belohnungen und Kosten basiert, in
eine prosoziale Beziehung verwandeln.“ (zit. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas,
Hewstone, 2002 S. 335)
Mit dem bisherigen Wissen über pro-soziales Verhalten, kann davon ausgegangen werden, dass die Zielsetzung über eine pro-soziale Beziehung leichter wird, wenn es nach dem Prinzip des einander helfens geschieht.
Es kann für beide Parteien gut sein, eine sogenannte „pro-soziale Transformation“ durchzuführen, da dies bedeutet, dass die Person nicht mehr alleine wegen der jeweiligen Konsequenz für sich selber handelt, sprich die egoistische Entscheidungsregel. Vielmehr wird diese gegen die pro-soziale Entscheidungsregel („ich handel’, wie es für die andere Person am besten ist“) ersetzt. Daraus resultiert die sog. „sozial motivierte Beziehung“. Soziale Transformationen hängen von einigen Faktoren ab, wie z. B. von dem Faktor Zeit. Soziale Transformationen könnten zum Vorschein kommen, wenn zwei Personen sich schon lange kennen (vgl. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 335). Auf das Anfangsbeispiel bezogen heißt das, dass wenn die Studenten sich schon lange kennen und gute Freunde sind, es durchaus vorkommen kann, dass sie sich pro-sozial einander verhallten und so arbeiten, dass dem anderen geholfen wird und es dem anderen zu Gute kommt. Somit ist der Zeitraum und die Intensität der bestehenden Bekanntschaft ein wichtiger Grund. Die Frage ist nun, wie sich sozial motivierte Beziehungen von Austauschbeziehungen voneinander unterscheiden. Diese werden nun folglich genauer beschrieben und erläutert.
Pro-soziales und antisoziales Verhalten 21
2.1.1.3.1. Der Unterschied zwischen sozial motivierten Beziehungen und Austauschbeziehungen
Es gibt zwei Arten zwischenmenschlicher Beziehungen, einerseits enge Beziehungen wie Freundschaft, Verwandtschaft oder Partnerschaft, andererseits oberflächliche Beziehungen. Anders als in oberflächlichen Beziehungen, spielen in engen zwischenmenschlichen Beziehungen Solidarität, Harmonie und
Zusammenhalt eine Rolle. Zudem werden in engen Beziehungen die positiven Konsequenzen der jeweiligen Ausführungen der Aufgaben zu gleichen Teilen verteilt, dies wird auch „equality norm“ genannt. Belohnungen in oberflächlichen Beziehungen werden hingegen nach dem Beitrag des Einzelnen, sprich auf Grundlage des Beitragsprinzip auch „equity norm“ genannt, verteilt (vgl. Hartung 2000 S.160 und Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 336). Grundlegend heißt dies, dass in der „equality norm“ die Belohnungen zu gleichen Teilen zwischen den Partnern verteilt werden, wenn diese in einer engeren Beziehung zueinander stehen und das Ziel ist das Wohlergehen des anderen. Hingegen werden in der „equity norm“ die Belohnungen nach den jeweiligen Aufgabenteilen und dessen Qualität verteilt. Das Ziel hier ist es den maximalen Gewinn zu erreichen.
Daraufhin kann angenommen werden, dass Austauschbeziehungen von egoistischen Motiven geleitet werden und sozial motivierte Beziehungen eher von dem Bedürfnis das Leiden einer Person in einer Notsituation zu lindern. Empirische Untersuchungen besagen, dass Personen in sozial motivierten Beziehungen hilfsbereiter sind und häufiger helfen, als Menschen in einer Austauschbeziehungzumindest dann, wenn kein Gewinn bzw. Rückzahlung erwartet wird. Wenn jedoch eine Rückzahlung oder eine Belohnung wahrscheinlich ist, reagieren Personen in Austauschbeziehungen genauso hilfsbereit, wie die in sozial motivierten Beziehungen (vgl. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 336). Grundlegend bedeutet dies, dass Personen in sozial motivierten Beziehungen immer bzw. häufig helfen und Menschen in Austauschbeziehungen nur dann, wenn sie dafür etwas zurückbekommen und die Kosten somit so gering wie möglich gehalten werden können. Folglich müsste die Hilfsbereitschaft von Personen in Austauschbeziehungen sogar gefördert werden, wenn sie sich einen höheren Gewinn erhoffen, als die Eigenkosten, denn in dieser Beziehung ist das Ziel die Gewinnmaximierung. Nachdem bereits mehrere Ansätze des pro-sozialen
Pro-soziales und antisoziales Verhalten 22
Verhaltens und der Frage warum Menschen entsprechend handeln, wird nun auf den letzten Ansatz, der sich auf soziale Systeme bezieht, eingegangen. 2.1.1.4. Auf soziale Systeme bezogener Ansatz
Kinder werden in ihrem sozialen Umfeld groß und Erwachsene leben bereits in und mit ihrem Umfeld, daher stellt sich die Frage, inwieweit das Sozialverhalten durch das Umfeld beeinflusst wird.
Menschen verbringen einen Großteil ihres Lebens mit Freunden, Familie, Kollegen, Schulkamerden etc. Es wird von vornehinein erlernt, wie die Personen sich zu verhalten haben, durch Bücher, Medien, Familie und Schule. Der individualistische Ansatz erläutert die Persönlichkeitsentwicklung und Persönlichkeitsmerkmale, die auch zum Teil das Ergebnis des sozialen Lernens sind. Dennoch gibt es in Bezug auf die sozialen Systeme bzw. die Umfelder verschieden Normen, Werte oder kulturelle Unterschiede, ethische Prinzipien und die Menschenrechte (vgl. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 337). 2.1.1.4.1. Soziale Verantwortung
„Die Norm der sozialen Verantwortung besagt, dass Menschen anderen Menschen,
die von ihrer Hilfe abhängig sind, helfen sollen.“ (zit. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe,
Jonas, Hewstone, 2002 S. 338)
Somit ist pro-soziales Verhalten ein Handeln für jemanden, der von einer Person bzw. von dessen Hilfe abhängig ist und die handelnde Person trägt in gewisser Weise die Verantwortung für den Hilfsbedürftigen. Dennoch darf nicht vergessen werden, dass die Wahrnehmungen jeder Person unterschiedlich sein können. Wie bereits in den anderen Ansätzen erwähnt wurde, ist auch diese Norm der sozialen Verantwortung situationsabhängig.
Verschiedene Forschungsarbeiten zeigten, dass die Menschen umso mehr und hartnäckiger halfen, je abhängiger oder hilfsbedürftiger jemand war. Es gab Annahmen, die besagten, dass die Norm der sozialen Verantwortung durch wahrgenommene Abhängigkeit aktiviert wurde und daraufhin pro-soziales Verhalten motiviert würde. Allerdings könnte es dadurch, dass pro-soziales Verhalten Kosten und damit persönliche Opfer hat passieren, dass die Verantwortung anderen zugeschoben wird,. Die Möglichkeit jemand anderen die Verantwortung zuzuschieben, wenn die Anwesenheit eines anderen ihn dazu verleiten könnte, wird „Verantwortungsdiffusion“ genannt (vgl. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 338).
Pro-soziales und antisoziales Verhalten 23
Verantwortungsdiffusion heißt im Grunde, dass Menschen ihre Verantwortung durch auf andere aufteilt, sodass sich jeder weniger verantwortlich fühlt. In einer Notsituation, die von vielen Menschen beobachtet wird, könnte es beispielsweise passieren, dass viele sich gehemmt fühlen zu helfen, da sie sich nicht wirklich verantwortlich fühlen.
Anders wäre es jedoch, wenn eine Notsituation eintritt, die von nur einer Person beobachtet wird, diese fühlt sich nämlich komplett verantwortlich.
Menschen unterscheiden sich in Bezug auf das soziale Lernen durch kulturelle Werte und Regeln. Sie sind charakterisiert durch ihre erlernten Werte und Überzeugungen. Um die persönlichen von den kulturellen Normen zu differenzieren, hat Schwartz einen Versuch erbracht und die jeweiligen Normen gegenübergestellt. Schwartz und Howard schlagen daraufhin ein „Prozessmodell des Altruismus“ vor. Laut Schwartz würde dieser Prozess einsetzen, sobald einer Person bewusst wird, dass jemand anderes Hilfe braucht und er definiert fünf aufeinanderfolgende Schritte (vgl. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 338):
Aufmerksamkeit Motivation Bewertung Abwehr Verhalten
- Aufmerksamkeit: In dieser Phase wird u. a. die Notlage erkannt und die Wahl der richtigen Hilfehandlung, und ob der Helfer sich kompetent genug fühlt.
- Motivation: In der Phase, die mit der persönlichen Norm zusammenhängt, werden die sozialen Werte und moralische Verpflichtungen hervorgerufen.
- Bewertung: Die Bewertungsphase besagt, dass die Kosten und Nutzen abgeschätzt werden. Kosten bedeuten z. B. würde der Helfende ggf. Schmerzen erleiden müssen.
- Abwehr: Diese vorletzte Phase besagt, dass der Helfende ggf. zu dem Entschluss kommen könnte, dass die Ressourcen bzw. Fähigkeiten, um zu helfen, fehlen. Der Helfende könnte zudem die Verantwortung als ungerechte Forderung zurückweisen, da er indem Fall seinen eigenen Interessen Priorität gibt oder aber die Verantwortung wird zurückgewiesen, da diese anderen Verpflichtungen wiedersprechen könnte.
- Verhalten: Der letzte Schritt bezieht sich auf das Ergebnis des Entscheidungsprozesses und bedeutet ggf. helfen bzw. handeln oder nichthandeln (vgl. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 338 f.).
Pro-soziales und antisoziales Verhalten 24
Grundlegend kann festgestellt werde, dass sich zwischen dem Erkennen der Hilfe und dem letztendlichen Handeln bzw. Nichthandeln, eine Vielzahl von Denk- und Entscheidungsprozessen stehen.
Zur Verdeutlichung des Modells, erläuterte Schwartz folgendes Beispiel: Es wurde eine Bitte an Personen gerichtet, die blinden Kindern etwas aus Schulbüchern vorlesen sollten. Die Aufmerksamkeitsphase wird erreicht beim Erkennen, dass die Kinder das Bedürfnis haben etwas vorgelesen zu bekommen. Zudem stellt sich die Person die Frage, welche effektive Hilfehandlung angebracht ist und ob dieser kompetent genug für die Aufgabe ist. Sobald es ein Ergebnis gibt, wie z. B. positiv, entsteht Wohlwollen oder Universalismus, der Wertschätzung aller Menschen und ein Gefühl moralischer Verpflichtung. Die Motivationsphase ist erreicht. Nach dieser Phase folgt die Bewertungsphase, in der der Helfer Kosten und Nutzen abwägt z. B. wie viel Zeit muss investiert werden und welche Anerkennung bekommt der Helfer dafür. Wenn sich die Kosten-Nutzen-Fragen die Waage halten und es kein eindeutiges Ergebnis gibt, dann könnte es sein, dass die Verantwortung jemand anderen zugeschoben wird. Dies geschieht in der Abwehrphase. Die Verhaltensphase wird erreicht, sobald der Helfer in der Bewertungsphase den Entschluss zieht, dass z. B. der Nutzen höher ist als die Kosten. Denn dann wird es wahrscheinlich, dass die Person den Kindern etwas vorliest (vgl. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 339).
Die erste Phase der Aufmerksamkeit, erreicht fasst jeder, da er sich auf das Verstehen der Hilfeleistung beruft und darauf, welche Hilfeleistung angebracht ist und ob der evtl. zukünftige Helfer sich kompetent genug fühlt, um die Hilfe durchzuführen. Wenn davon ausgegangen wird, dass der Helfer sich in der Lage fühlt zu helfen, kann ebenfalls davon ausgegangen werden, dass die Person geht und nach Batson eher egoistisch motiviert ist, da die Person keine ähnlichen Einstellungen o. ä. empfindet. Wenn das Ergebnis jedoch positiv ausfällt, wird somit die Bewertungsphase erreicht, in der abgeschätzt wird, was investiert werden muss und was der Helfer als Nutzen für sich ziehen kann. Wenn dies jedoch negativ ausfällt und den Nutzen überragt, wird die Person die Verantwortung jemand anderem übergeben. Diese Chance wird noch einmal erhöht, wenn sich mehrere potenzielle Helfer in einem Raum bzw. in der nahen Umgebung des sog. Opfers befinden. Dennoch wird die Verhaltensphase erreicht, wenn der Helfer sich dazu entschließt zu helfen.
Pro-soziales und antisoziales Verhalten 25
Normen sind durch Werte entstanden bzw. aufgebaut. Die Werte setzen sich aus mehreren Facetten zusammen und H. W. Bierhoff definierte Werte nach Schwartz 1994 wie folgt (vgl. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 339): „…definiert Werte als Überzeugung, die sich auf erwünschte Zielzustände beziehen,
über spezielle Situationen hinausgehen, als Richtschnur für die Auswahl oder
Bewertung von Verhalten, von Menschen und Ereignissen dienen und nach ihrer
relativen Bedeutung geordnet sind.“ (zit. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas,
Hewstone, 2002 S. 339)
Das heißt, dass Werte Einstellungen sind, die sich auf das Verhalten und die Situation, sowie auf das Geschehene beziehen, z. B. wenn eine Person ein bestimmtes Ziel hat, was sie erreichen möchte und überlegt aufgrund ihrer Werte wie sie sich verhalten soll, um das Ziel zu erreichen. Schwartz konnte aufgrund internationaler Studien belegen, dass es zehn verschiedene Typen von sozialen Werten gibt. Zwei dieser Typen sind für das prosoziale Verhalten wichtig. Zum einen das Wohlwollen, welches sich auf die Menschen in der näheren Umgebung und deren Erhalt und Verbesserung des Wohlergehens bezieht. Zum anderen ist es der Universalismus, der sich auf den Schutz und das Verständnis sowie die Toleranz und Wertschätzung aller Menschen bezieht (vgl. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 339) In Bezug auf pro-soziales Verhalten bezieht sich der Universalismus somit auf alle Menschen und das Wohlwollen eher auf die Umgebung. Demnach hängen beide Werte eng miteinander zusammen, denn Universalismus bezieht sich auch auf die Personen im engen Umfeld, Wohlwollen hingegen bezieht sich, ähnlich wie Verantwortungsbewusstsein, nur auf die Personen im eigenen Umfeld. 2.1.1.4.2. Normen der Fairness
Fairnessnormen beziehen sich sowohl auf das erreichte bzw. nicht erreichte Ziel der eigenen Person, als auch auf das Erreichen und nicht Erreichen der Ziele anderer, denn sie haben Erwartungen, die über die Kosten und Nutzen hinausgehen, sowie tendieren sie dazu, wie bereits erläutert, an eine gerechte Welt zu glauben. Eine Annahme ist, dass Empathie hervorgerufen wird, sobald jemand beobachtet, wie ein anderer in irgendeiner Art und Weise benachteiligt wurde. Auf diese Annahme hin, hat Miller ein Experiment gestartet, welches den Zusammenhang zwischen gerechter Bezahlung, Überbezahlung sowie pro-sozialem Verhalten gegenüber benachteiligten Personen aufzeigt. In dem Experiment ging es darum, dass Studenten durch die Teilnahme an Versuchssitzungen Geld verdienen konnten, allerdings unter vier verschiedenen Bedingungen. Diese waren wie folgt (vgl. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 340):
Arbeit zitieren:
Dipl. Sozialarbeiterin und Dipl. Sozialpädagogin Kathrin Michaelis, 2008, Förderung von pro-sozialem Verhalten bei Jugendlichen durch Erlebnispädagogik, München, GRIN Verlag GmbH
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