Inhaltsverzeichnis
Problemstellung 1
1. Armutskonzepte in der Diskussion 2
1.1 Absolute versus relative Armut 2
1.1.1 Eindimensionale Armutskonzepte 3
1.1.2 Mehrdimensionale Armutskonzepte 4
1.2 Die „Neue Armut“ 5
1.3 Annäherung an ein kindgerechtes Armutskonzept 6
2. Armutsgefährdung von Kindern und Jugendlichen 7
2.1 Struktur der Betroffenen 7
2.2 Armutsfolgen 8
2.2.1 Macht Armut krank? 8
2.2.2 Schule und Armut 9
2.2.3 Sozialisationsauswirkungen 9
3. Die Agenda 2010 10
3.1 Leitgedanken 10
3.2 Finanzreformen 11
3.2.1 Die Steuerreform 11
3.2.2 Die Gemeindefinanzreform 12
3.3 Reformen auf dem Arbeitsmarkt 12
3.3.1 Neues Kündigungsschutzrecht 12
3.3.2 Neuregelungen für Arbeitslose 13
3.3.3 Das „neue“ Arbeitsamt 14
3.4 Weiter Reformmaßnahmen 15
3.4.1 Gesundheitsreform 15
3.4.2 Rentenversicherung 15
4. Die Agenda 2010 und die Kinderarmut 16
4.1 Folgen der Gesundheitsreform 16
4.2 Auswirkungen der Arbeitsmarktreformen 17
4.3 Reformkonsequenzen für Alleinstehende 19
4.4 Ausbau der Kinderbetreuung 19
5 Resümee 21
Literaturverzeichnis 22
Problemstellung
Die Arbeitsmarktbilanz ist verheerend, das Volkseinkommen schrumpft und die Haushaltsdefizite drohen außer Kontrolle zu geraten. Deutschland steckt in der längsten Wirtschaftskrise seiner Geschichte und in der Ungewöhnlichsten dazu. Schlagen sich die Unternehmen im internationalen Vergleich doch hervorragend. Getreu der Devise „Weniger Sozialstaat = mehr Beschäftigung“ hat der Wettlauf um den Abbau der Kernelemente des Sozialstaats begonnen. Die Agenda 2010 hat sich dabei die Bezeichnung als „massivsten sozialpolitischen Kahlschlag seit Bestehen der Bundesrepublik“ eingehandelt. 1
Generell besteht Einigkeit, dass Deutschland endlich die Reformblockade durchbrechen muss und in nahezu allen Bereichen durchgreifende Strukturreformen gefragt sind. Hierbei gilt, dass die Reformen, die Einsparungen einbringen müssen, möglichst familienverträglich auszugestalten sind. Schlagen doch die Risiken der Gesellschaft auch direkt auf die Kinder und Jugendliche durch. So hat sich die Zahl der Kinder, die von Sozialhilfe leben müssen mittlerweile verdreifacht, während die Kinderzahl in Deutschland deutlich zurückgegangen ist. Kinder in Armut sind somit zu einer zunehmenden Realität geworden. 2 Der Paritätische Wohlfahrtsverband und der Kinderschutzbund warnen vor einer Verschärfung der Armutsbetroffenheit von Kindern aufgrund des Reformbündels der Agenda 2010. Sie sehen diese nicht als Sozialreform, sondern als „eine Politik, die spaltet satt integriert und Armut in unserem Land erzeugt, statt sie zu bekämpfen.“ 3 Die Bundesregierung hingegen spricht von notwendigen sozialpolitischen Reformen, die auch für Familien wichtige Vorteile bringen und diese in ihrer wirtschaftlichen Eigenständigkeit unterstützen. 4 Es stellt sich nun die Frage, welche Folgen die Agenda 2010 für das Fortschreiten der Kinderarmut wirklich mit sich bringen wird und wie sich die einzelnen Re-formmaßnahmen auf die Armutsbetroffenheit von Kindern auswirken. Hierzu soll im ersten Teil der Arbeit ein kinderorientierter Armutsbegriff entwickelt werden, um ein genaues Verständnis der Kinderarmut zu erhalten. Im zweiten Abschnitt werden die Risikogruppen, Ursachen, Ausmaß und Folgen der Kinderarmut näher untersucht. Nachfolgend sollen die Grundzüge der Agenda 2010 und ihre Reformmaßnahmen in den wichtigsten Bereichen vorgestellt werden, um daraus aufbauend die Folgen der Agenda für die Kinderarmut genauer analysieren zu können.
1 Vgl. www.tageschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,0ID2099306,00.html; Fehn, R., 2003: 1 Agenda
2010. Durchbruch oder Tropfen auf den heißen Stein?, S. 445
2 Vgl. Huster, E.-U., 2003: Kinder zwischen Armut und Reichtum, S. 48
3 www.paritaet.org
4 Vgl. www.bmfsfj.de/Kategorien/Presse/pressemitteilungen,die=6466.html; www.tacheles-sozial- hilfe.de/harry/view.asp?ID=1060
1. Armutskonzepte in der Diskussion
1.1 Absolute versus relative Armut
Der Konstrukt Armut ist ein vieldeutiger Begriff, der durch seinen Gebrauch in öffentlichen, politischen und wissenschaftlichen Kontexten entsprechend differenziert benutzt wird. Auch wenn in der Fachwelt das Bestreben nach einem objektiven Armutsbegriff vordergründig ist, besteht jedoch Einigkeit darin, dass es eine allgemeingültige Definition von Armut nicht gibt, da sie letztlich immer politisch - normativer Natur ist. Es ist folglich eine Frage der gesellschaftlichen Übereinkunft, ab welchem Grad der Unterversorgung Armut beginnt. 1 Absolute Armut kennzeichnet dabei das physische Existenzminimum, bei dem die notwendigen Bedürfnisse zur Selbsterhaltung, wie Nahrung, Kleidung oder Obdach nicht mehr gewährleistet sind. Dieses Konzept nimmt in der Armutsdebatte der Industrieländer jedoch eine untergeordnete Rolle ein. 2 Der relative Armutsbegriff hingegen bezeichnet Personen, die aufgrund ihrer geringeren materiellen, kulturellen und sozialen Mittel von der Lebensweise ausgeschlossen werden, die innerhalb einer Gesellschaft als unterste Grenze gilt. 3 Hierbei kann sich die Armut einerseits auf die Gesamtgesellschaft und deren soziale Normen, und andererseits auf die sozial differenzierte Wahrnehmung oder die Bewertung von ungenügenden Lebensverhältnissen, beziehen. Weiterhin ist zwischen einem eindimensionalen Armutsbegriff, der sich ausschließlich auf das Einkommen bezieht und mehrdimensionalen Ansätzen, die auch weitere Dimensionen integrieren, zu unterscheiden. 4 Abbildung 1 gibt einen Überblick zu den Armutskonzepten, die im folgenden vorgestellt werden.
zept?, Frankfurt a.M., S. 58; Huster, E.-U., 2003: Kinder zwischen Armut und Reichtum, S. 59
2 Vgl. Hanesch, W., 2002: Armutskonzepte und Kinderarmut aus der Perspektive der Industrieländer, Opladen, S. 49
3 Vgl. Albert, M., 2002: Soziale Arbeit als gesellschaftliches Phänomen, S. 3; Klocke, A./Hurrelmann, K., 2001: Einleitung: Kinder und Jugendliche in Armut, 2., vollst. überarbeitete Aufl., Wiesbaden, S. 12
4 Vgl. Hock, B., u.a., 2000: Gute Kindheit - schlechte Kindheit. Armut und Zukunftschancen von Kindern und Jugendlichen in Deutschland, Frankfurt a.M., S. 20
5 Vgl. Förster, N., 2001: Kinder in Armut. Sozialpädagogischer Diskurs ohne theoretisches Kon- zept?, Frankfurt a.M, S. 66
3
1.1.1 Eindimensionale Armutskonzepte
Eindimensionale Armutskonzepte beschränken sich bei ihrer Bestimmung von Armut ausschließlich auf das Einkommen, wobei jedoch unterschiedliche Bezugsgrößen als Maßstab herangezogen werden.
So stellt die Sozialhilfe die politisch festgelegte Armutsgrenze dar. 1 Der Sozialhilfebedarf orientiert sich dabei an den Konsumausgaben unterer Bevölkerungsschichten. Hierbei wird die Hilfe in 2 Formen gewährt, der Hilfe zum Lebensunterhalt und der Hilfe in besonderen Lebenslagen. Als Armutsmaß wird jedoch nur die Statistik zu Hilfen zum Lebensunterhalt berücksichtigt. Dieses staatlich fixierte Existenzminimum als Armutsgrenze bietet den Vorteil einer einfachen Definition mittels vorhandener Statistiken. Der Aussagewert der Sozialhilfe ist jedoch problematisch zu bewerten, da die Sozialhilfestatistik nicht die real vorhandene Armut aufzeigt, sondern nur die offiziell erfasste (bekämpfte) Armut darstellt. Die Personen, die trotz Anspruch keine Hilfe zum Lebensunterhalt beantragen, stellen einen erheblichen Anteil Armutsbetroffener dar (verdeckte Armut). So kommen laut einer Studie von NEUMANN und HERTZ auf 100 Sozialhilfeempfänger 110 verdeckte Arme, die ihre Ansprüche nicht nutzen und ein Leben unterhalb der politischen Armutsgrenze führen. 2 Ein weiteres Problem der politischen festgelegten Armutsgrenze besteht in ihrer Abhängigkeit von Sparmaßnahmen. Fände beispielsweise eine Kürzung der Sozialhilfe statt, würde folglich der Anteil der Armen sinken, obwohl ihre Lage unverändert wäre.
Die Probleme der Nichterfassung verdeckter Armut und die engen Grenzen eines politischen Existenzminimums können durch die Definition von Armut im Verhältnis zum durchschnittlichen Einkommen überwunden werden. Das Konzept der relativen Einkommensarmut versteht Armut als prozentualen Abstand zum äquivalenzgewichteten Durchschnittseinkommens eines Landes. 3 Das äquivalenzgewichtete Durchschnittseinkommen berücksichtigen die Anzahl der Haushaltsmitglieder, die vom monatlichen Haushaltsnettoeinkommen leben. Hierfür werden Personengewichte gebildet, wobei die erste erwachsene Person den Faktor 1,0 jede weitere Person über 15 Jahre den Faktor 0,5 und Kinder unter 15 Jahren den Faktor 0,3 erhalten.
Am verbreitetsten ist hierbei die 50% Grenze, wobei folglich die Hälfte des äquivalenzgewichteten Durchschnittseinkommens als Armutsschwelle festgelegt wird.
1 Vgl. Förster, N., 2001: Kinder in Armut. Sozialpädagogischer Diskurs ohne theoretisches Konzept?, Frankfurt a.M., S.68; Klocke, A./Hurrelmann, K., 2001: Einleitung: Kinder und Jugendliche in Armut, 2., vollst. überarbeitete Auflage, Wiesbaden, S. 12; Hock, B., u.a., 2000: Gute Kindheitschlechte Kindheit. Armut und Zukunftschancen von Kindern und Jugendlichen in Deutschland, Frankfurt, S. 22
2 Vgl. Neumann, U./Hertz, M., 1998: Verdeckte Armut in Deutschland, Frankfurt a.M., S. 58
3 Vgl. auch im folgenden Förster, N., 2001: Kinder in Armut. Sozialpädagogischer Diskurs ohne theoretisches Konzept?, Frankfurt a.M., S. 70
4
Im Bereich der Europäischen Union wird sie als relative Einkommensarmutsgrenze verwendet, wodurch internationale Vergleiche möglich werden. Diese Grenzziehung ist jedoch relativ willkürlich und folglich verwenden viele Studien mehrere Grenzen. Meist wird hier gleichzeitig die Armutsbevölkerung für die 40% Grenze (strenge Armut), 50% Grenze (Armut) und die 60% Grenze (Niedrigeinkommen) berechnet.
Bei diesen relativen Einkommensstandards besteht nicht die Gefahr den Bezug zur allgemeinen Wohlstandsentwicklung zu verlieren, da sich mit wachsendem gesellschaftlichen Reichtum die Armutsgrenze automatisch nach oben bewegt. Niederländische Forscher sind noch weiter gegangen und delegierten die Frage der Armutsgrenze an potentiell Betroffene zurück. Hierfür wurden diese beispielweise nach dem gerade noch ausreichenden Einkommen befragt, um aus den Antworten Armutsgrenzen bilden zu können. An diesem Konzept der subjektiven Einkommensarmut bestehen jedoch Zweifel, ob es sich hierbei nicht eher um subjektive Subsistenzunsicherheit als den Einkommensmindestbedarf handelt. 1
Die eindimensionalen Ansätze, die sich ausschließlich auf das Einkommen beziehen, erfassen die Armutsproblematik nur unzureichend und folglich wurden mehrdimensionale Konzepte konstruiert, um sich der Komplexität des Armutsbegriffs weiter anzunähern. Diese sollen im folgenden vorgesellt werden.
1.1.2 Mehrdimensionale Armutskonzepte
Die mehrdimensionalen Armutskonzepte legen ihren Augenmerk auf die Multidimensionalität der Armutsproblematik.
Der Lebenslagenansatz erweitert das einkommensbezogene Armutsverständnis durch die Berücksichtigung bestehender Unterversorgung in anderen zentralen Lebensbereichen, wie Wohnen, Arbeit, Ausbildung, Gesundheit, soziale Integration u. a. 2
Das Konzept der Lebenslagen vermag den Konstrukt Armut aufgrund seines multidimensionalen Zugangs am ehesten zu erfassen. Die praktische Umsetzung erweist sich jedoch als äußerst schwierig. Zum einen müssen Art und Zahl der Lebens- und Versorgungsbereiche definiert werden. Und zum anderen müssen für jeden dieser Bereiche Indikatoren ausgewählt und für jeden Indikator Unter-versorgungsschwellen festgelegt werden. Aufgrund des Versuchs Armut multidimensional abzubilden wird die Lebenslagenarmut zu einem nicht leicht handhabbaren Forschungsvorhaben.
1 Vgl. Hock, B., u.a., 2000: Gute Kindheit - schlechte Kindheit. Armut und Zukunftschancen von Kindern und Jugendlichen in Deutschland, Frankfurt a.M., S. 24
2 Vgl. Chassé, K.A., u.a., 2003: Meine Familie ist arm. Wie Kinder im Grundschulalter Armut erleben und bewältigen, Opladen, S. 18; Hanesch, W., 2002: Armutskonzepte und Kinderarmut aus der Perspektive der Industrieländer, Opladen, S. 48
5
Eine Erweiterung dieses Armutskonzeptes stellt der Lebensstandartansatz dar. 1 Armut wird hier als relativer Deprivation verstanden. Ist ein solcher Ausmaß von Deprivation erreicht, dass die Lebenschancen der Betreffenden erheblich eingeschränkt sind, spricht man hier von Armut. Deprivation seht hierbei für den Ausschluss von einem gesellschaftlich allgemein akzeptierten Lebensstandard, der aus Sicht der Bevölkerung ermittelt wird.
Im Gegensatz zu dem Lebenslagen- und dem Lebensstandardansatz haben milieubezogene Armutskonzepte nicht das Ziel eine objektive und allgemeingültige Armutsdefinition zu entwickeln. 2 Vielmehr steht die sozial differenzierte Wahrnehmung von Lebensverhältnissen im Mittelpunkt, die objektivierende Ansätze zu ergänzen vermag.
1.2 Die neue Armut
Betrachtet man das Phänomen Armut rückt das Konzept der „neuen Armut“ unweigerlich in den Vordergrund, das die Heterogenität der Armutspopulation untersucht. 3
Hierbei fällt auf, dass sich Armut kaum noch auf klassisch Arme beschränkt, sondern die Armut bis tief in die Mittelschicht hineinreicht und zunehmend Normalhaushalte bedroht. Die neue Armut ist ebenso durch eine Verschiebung von Altersarmut hin zu einer wachsenden Armutsgefährdung von Kindern und Jugendlichen geprägt.
Auslöser hierfür sind strukturelle oder systembezogene Ursachen. An erster Stelle steht hierbei die wachsende Arbeitslosigkeit bzw. das zu geringe Erwerbseinkommen aufgrund von prekären Arbeitsverhältnissen. Ebenso führt der unzureichende Familienlastenausgleich zu einem erhöhten Armutsrisiko für kinderreiche Familien. Der Anstieg der Scheidungsquote und der damit steigende Anteil der Alleinerziehenden, hat eine Verarmung betroffener Kindern zur Folge. Und schließlich führt der erhebliche Wohnungsmangel insbesondere in Großstädten zu ungenügenden Wohnbedingungen und einer überdurchschnittlichen finanziellen Belastung.
Die neue Armut ist somit zu einem normalen und integrativen Bestandteil unserer Gesellschaft geworden und kann fast jeden treffen. Wie bereits erwähnt sind Kinder und Jugendliche besonders stark von Armut gefährdet und betroffen. Es zeigt sich jedoch als nicht ausreichend sie bei
1 Vgl. Chassé, K.A., u.a., 2003,:Meine Familie ist arm. Wie Kinder im Grundschulalter Armut erleben und bewältigen, Opladen, S. 19; Klocke, A./Hurrelmann, K., 2001, Einleitung: Kinder und Jugendliche in Armut, 2., vollst. überarbeitete Aufl., Wiesbaden, S. 13
2 Vgl. Hock, B./Holz, G., 1999: Arm dran?! Lebenslagen und Lebenschancen von Kindern und Jugendlichen, 2. Aufl., Frankfurt a.M., S. 73
3 Vgl. auch im folgenden Iben, G., 1998: Einleitung: Kindheit und Armut, Münster, S. 13; Klocke, A./ Hurrelmann, K., 2001, Einleitung: Kinder und Jugendliche in Armut, 2., vollst. überarbeitete Aufl., Wiesbaden, S. 10f.; Leibfried, u.a., 1995: Zeit der Armut, Frankfurt a.M., S. 298
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Denise Kouba, 2004, Kinderarmut und die Agenda 2010, München, GRIN Verlag GmbH
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