Danksagung
Die vorliegende Arbeit ist in einem aus der Retrospektive gesehenen Prozess der steten Beobachtung eines mittlerweile gewachsenen Alltags- Phänomens entstanden, welches mir selbst manches Mal als Garten voller exotischer Blüten mit fast monatlich wechselndem Angebot an „Neuerscheinungen“ vorkam.
Ich bedanke mich für Menschen und Situationen, die meine Sicht der Dinge in dieser Zeit mit diesem Thema durch anregende Gespräche und Diskussionen bereichert und geformt haben. Besonders möchte ich mich bei Prof. Dr. Dr. Karl Wehkamp für Zeit und Muße, Lutz Hertel vom Deutschen Wellness Verband für stete Auskunftsbereitschaft, Prof. Dr. Kai Illing und Dr. Mathias Menschel für konstruktive und kooperative Hilfestellung, Prof. Dr. Detlef Krüger und Prof. Olaf Naatz der Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg für Unterstützung, Ermöglichung und Hilfe bei der Realisation einer Idee, sowie allen, die mich in meinem Vorhaben unterstützt haben, bedanken.
Kirsten Hermes
III
INHALTSVERZEICHNIS:
Zusammenfassung / Abstract
Einleitung 1
2 Die Grundlagen: Gesundheit, Gesundheitsförderung und Wellness 3
2.1 Aspekte des Gesundheitsbegriffs 3
2.1.1 Historische Entwicklung von Ansätzen der Gesundheitsförderung 5
2.1.2 Entstehung des heutigen Gesundheitsförderungskonzepts 7
Der Wandel des Gesundheitsbegriffs 2.2 10
2.3 Das Wellnesskonzept 12
2.3.1 Pragmatische Definitionsansätze von Wellness 13
2.3.2 Aspekte von Wellness 22
Ab - und Begrenzungversuche beider Konzepte 2.4 23
3 Wellness in den USA 25
Entstehung und Verbreitung der Wellnessbewegung 3.1 25
3.1.1 Wellness in nordamerikanischen Unternehmen 27
3.1.2 Evaluation von Wellnessprogrammen 29
3.2 Problematik von transnationaler und -kultureller Übertragbarkeit auf
Deutschland 31
4 Wellness in Deutschland 33
4.1 Der Megatrend Gesundheit und die Entwicklung eines
Lifestyleph änomens 33
4.2 Der Wellnessmarkt 35
4.2.1 Wellness im 2. und 3. Gesundheitsmarkt 39
4.2.2 Rehabilitations-, Kurkliniken und Sanatorien als neuer Markt ? 41
5 Medical Wellness 43
5.1 Definitionsansätze zwischen Wellness und Medical Wellness 43
Das Vorbild der Medical Spa s in den USA 5.2 48
5.3 Neue Märkte, neue Anbieter und neue Zielgruppen 51
Medical Wellness Angebote in Deutschland 5 4 52
IV
Diskussion 6 55
7 Zusammenfassung und Ausblick 57
8 Literaturverzeichnis 59
9 Anhang: Wellness Glossar 65
Abbildung: Seite:
10 44 Wellness- Modell nach Illing (nach Illing 2002, S. 34).
14 Tabelle: Seite:
Abstract
Medical Wellness, a created and only in Germany used term, tries to get closer with the emphasis on a medical character against the inflatory use of “wellness” in Germany to the american sounded original wellness concept. The wellness concept shows remarkable similarity to the WHO lifestyle concept, the health promotion concept as formulated in the Ottawa Charta and to the concept of Salutogenese by Antonovsky. But, Medical Wellness as an attempt of an adaption does not meet the conditions of the original wellness concept because in trying to reach a specific affluent crowd, instead of the intention to an achievement for everybody, whether ill or not. Therefore, from a public health view, Medical Wellness is just another product of growing health markets in Germany.
Zusammenfassung
Medical Wellness, ein nur in Deutschland entwickelter und verwendeter Begriff, versucht mit der Betonung auf das medizinale dem inflationären Gebrauch von Wellness in Deutschland entgegen, und dem ursprünglich fundierten US-amerikanischen Wellnesskonzept wieder näher zu kommen. Das Wellnesskonzept weist grosse Ähnlichkeiten zum Lebensweisenkonzept der WHO, dem Gesundheitsförderungskonzept wie es in der Ottawa Charta formuliert wurde und auch dem Salutogenesekonzept nach Antonovsky auf. Jedoch wird auch Medical Wellness nicht dem Original und damit einer gelungenen Adaption gerecht, da sich die Angebote zumeist an eine bestimmte selbstzahlende Klientel im Gegensatz zur Intention des US-amerikanischen Wellnesskonzepts mit der Erreichbarkeit für jeden, ob erkrankt oder gesund, richten. Medical Wellness ist von daher aus einer Public Health Sicht als ein weiteres Produkt wachsender Gesundheitsmärkte in Deutschland zu betrachten.
1
1 Einleitung
Was wäre heute ein beginnender Morgen ohne eine Dusche mit dem neuen Wellnessduschgel, was ein „Wohlfühlerlebnis“ laut Etikett verspricht? Danach in die Wellnesssocken und bei Wellnessmusik wird ein gesundheitsfördernder Wellnessjoghurt, -brot und -saft zum Frühstück verzehrt. Das Wochenende und auch der Urlaub wird, wenn das Einkommen es erlaubt, in einem exklusiven Wellnesshotel bei entspannenden und zugleich vitalisierenden Wellnessanwendungen verbracht. Oder am besten gleich in einen Gesundheitsurlaub mit einem „Medical - Wellness Paket“ 1 , wie es ein neuer Reiseprospekt verspricht? Der Begriff Wellness ist heute zu einer universellen Alltagsvokabel und einem Lifestylephänomen geworden. Einerseits versucht der Begriff dabei eine banale Dusche zu einem bewussten Erlebnis aufzuwerten, andererseits unterstreicht der Wellnessbegriff dabei aber auch eine Betonung auf das Besondere wie z. B. bei einem „Wohlfühlwochenende“.
Aber was ist das eigentlich, was da so vollmundig versprochen wird? Welche Definition und welche Konzepte stehen mit welchem Ziel hinter dem Begriff Wellness? Deckt sich die Intention, die im nordamerikanischen Wellnessmodell verfolgt wird, mit den adaptierten Konzepten in Deutschland? Ist Wellness heute nur für gesunde, gutsituierte Menschen, die nun durch „Medical Wellness“ noch gesünder und /oder schöner werden wollen, oder kann auch der übergewichtige Rentner nach überstandener Bandscheibenoperation ein „Medical Wellness“ Angebot bei der anschließenden Rehabilitation oder Kur in Anspruch nehmen? Ist der dabei vor allem in Deutschland verwendete Begriff „Medical Wellness“ als ein erneutes Marketingprodukt des ohnehin unscharf begrenzten Wellnessmarktes anzusehen, oder wird hier gar versucht, die kurative Medizin im Zuge eines sich verändernden Krankheits- und Gesundheitsbegriffs in einer „Gesundheitsgesellschaft“ (Kickbusch 2003a, S. 1) mit dem Wellnessbegriff zu „relaunchen“ 2 ? Wie ist zudem die aktuelle Verquickung von Medizin und Wellness auch aus der Sicht der Intention der ursprünglich nordamerikanischen Wellnessphilosophie einzuschätzen?
Ziel der vorgelegten Diplomarbeit ist, diese Fragen zu beantworten und „medical wellness“ dabei exemplarisch vorzustellen.
1 Exemplarisches Angebot im Katalog: Wellness-Hotels in Deutschland 2004, S. 53
2 Anglophoner Begriff aus dem Bereich des Managements für ein erneutes Ingangsetzen.
2
Der erste Teil stellt den theoretisch fundierten Rahmen von Gesundheit 3 und Gesundheitsförderung aus der „klassischen“ Perspektive und Wellness 4 als eine Möglichkeit der Erweiterung dessen dar. Er versucht weiter, einer Begriffsklärung sowie einer Präzisierung des Begriffs „Wellness“ inklusive Ab- und Begrenzungen mit professionell interventionellen Gesundheitsförderungsmodellen und -konzepten nachzugehen.
Im zweiten Teil folgt eine Beschreibung von Wellness in den USA sowie der Entstehung und der Verbreitung von Wellnessprogrammen in der betrieblichen Gesundheitsförderung in Unternehmen. Hierbei werden Hauptaspekte von Wellness- und Gesundheitsförderungsprogrammen sowie Evaluationsergebnisse nordamerikanischer Unternehmen vorgestellt. Ein kurzer Vergleich zwischen den US- amerikanischen und deutschen Gesundheitssystemen und derer betrieblicher Gesundheitsförderung leitet zur Problematik der transnationalen und -kulturellen Übertragbarkeit von Wellness auf Deutschland hin.
Wie Wellness sich in Deutschland verortete und in welchen Erscheinungsformen und unter Einfluss welcher gesellschaftlicher Trends es dabei auftritt, wird im dritten Teil vorgestellt. Die Begrifflichkeit und Begrenzung des „Medical Wellness“ von Wellness, deren wichtigste Inhalte sowie Ziele und Zielgruppen sowie Angebote im gesundheitstouristischen Kontext der entstehenden Gesundheitsmärkte, bildet dabei den zweiten Hauptteil.
Die Zusammenfassung und die Schlussfolgerung befassen sich mit den Fragen des „Medical Wellness“ - Begriffs und dessen Definitionen in Bezug zum ursprünglich nordamerikanischen Wellnesskonzept, sowie Einschätzungen für die Gesundheitsförderung bei aktueller Gesundheitspolitik und Ausführungen zum Ausblick auf Wellness.
Die Recherche zu den genannten Themenbereichen wurde zu einem Großteil in der Datenbank „Medline“ bezüglich der Begriffe „wellness“ und „corporate wellness“ vorgenommen. Ebenfalls wurden Datenbanken der Bibliothek der Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW), der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, sowie umfangreiche Internetrecherchen zu den Suchbegriffen „Wellness“, „Medical Wellness“ und „spa“ durchgeführt. Weitere Artikel zum Thema konnten gefunden werden, indem die Literaturverzeichnisse relevanter Artikel durchsucht und Gespräche mit Personen, die in diesem Bereich beispielsweise mit der Erstellung von Qualitätskriterien im Wellnessbereich arbeiten, geführt wurden.
3 Ich stütze mich dabei auf die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) deklarierte Definition von Gesundheit, die hier im weiteren Verlauf grundlegend verwendet wird.
4 Der Begriff „Wellness“ wird oft mit dem deutschen Wort „Wohlbefinden“ gleichgesetzt, was meines Erachtens zu undifferenziert ist. Aufgrunddessen benutze ich im folgenden Text den amerikanischen Ausdruck.
3
2 Die Grundlagen: Gesundheit, Gesundheitsförderung und Wellness
Im Umfeld von Wohlergehen und Gesundheit hat kaum ein anderer Neoanglizismus in den letzten Jahren zu solch unterschiedlichen Reaktionen und Bewertungen wie der Begriff „Wellness“ geführt. Vor allem in Deutschland ist dabei durch die mittlerweile ständige Präsenz des Themas in den verschiedensten Medien der Eindruck entstanden, dass Wellness ein Lifestyletrend sei, der zwar von nicht vorhandenem bis geringem wissenschaftlichen Wert, dennoch auch synonym für Gesundheit und Gesundheitsförderung genutzt wird.
In diesem Abschnitt werden Aspekte des Gesundheitsbegriffs, Historie und heutiges Konzept der Gesundheitsförderung dargestellt, welches Fundament dem Wellnessbegriff zugeschrieben wird und wo dabei die Gemeinsamkeiten und Unterschiede beider Konzepte liegen.
2.1 Aspekte des Gesundheitsbegriffs
Eine Eingrenzung des Begriffs „Gesundheit“ lässt sich insbesondere in einer Abgrenzung zum Begriff „Krankheit“ finden. So kann es sich um ein dichotomes Verhältnis handeln, in dem nur die Extremwerte „gesund“ und „krank“ existieren oder um ein Kontinuum, auf dem man sich zwischen den beiden Polen befinden und bewegen kann. Zudem gibt es Unterschiede im Verständnis des Gesundheitsbegriffs zwischen einer alltagsnahen und der wissenschaftlichen Betrachtungsweise der Menschen, sowie zwischen nicht- industrialisierten und industrialisierten Gesellschaften.
In nicht industrialisierten Gesellschaften sind Gesundheitsvorstellungen vorwiegend gleichgewichtsorientiert (vgl. Bengel / Belz-Merk 1997, S. 25). Gesundheit wird dort meistens als ausgewogene Beziehung zwischen Mensch, Natur und übernatürlicher Welt und als Resultat eines harmonischen Gleichgewichts zwischen zwei oder mehreren Elementen und/oder Kräften innerhalb des Körpers beschrieben. Beispielsweise wird in der altindischen Gesundheitslehre des Ayurveda 5 in Indien eine Balance der Körpersäfte als Gesundheit angesehen, sowie „erwärmende“ und „kühlende“ Nahrung, Kräuter und Medizin zum Ausgleich der „Kälte“ und „Hitze“ im Körper.
5 Ausführungen über Ayurveda im Wellness- Glossar ab S. 65.
4
Seit der fortschreitenden Industrialisierung und einem wissenschaftlichen Reduktionismus, insbesondere ab dem 19. Jahrhundert, wurde das biomedizinische Modell propagiert (vgl. Wipplinger / Amann 1998, S. 20). Demnach galten wissenschaftlliche Konzepte von Gesundheit als Abwesenheit von Krankheit, was sich insbesondere auf pathologische Prozesse im Körper bezog. Krankheit hatte in dieser Betrachtungsweise monokausale Ursachen in biologischen Strukturen. Im 20. Jh. wurde das Modell um die soziale und die psychische Komponente erweitert.
Nach Antonovsky sind Gesundheit und Krankheit die beiden Pole einer Dimension. Sie stellen die Endpunkte eines Kontinuums folgenderweise dar:
Abb. 1: Gesundheitskontinuum von Antonovsky (in Anlehnung an Becker 1997, S. 519)
Der jeweilig persönliche Gesundheitszustand resultiert aus dem Verhältnis zwischen Risiko-und Schutzfaktoren. Dieses Verhältnis sieht Antonovsky 1987 in dem von ihm entwickelten Salutogenesekonzept als beeinflussbar an. Damit befindet sich der Gesundheitszustand variabel innerhalb des Kontinuums, kann jedoch stets durch eine Verbesserung in Richtung Gesundheit verschoben werden (vgl. Wipplinger / Amann 1998, S. 20). Dies bedeutet eine Abkehr von dem Verständnis, Gesundheit als Abwesenheit von Krankheit zu begreifen. Weiter bedeutet es, dass auch gesunde Menschen ihren Gesundheitszustand weiterhin verbessern können. Diesen Ansatz verfolgt auch die in der Fachliteratur heute meist zitierte Definition der Gesundheit durch die World Health Organization (WHO) 6 von 1948: „Gesundheit ist der Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Freisein von Krankheit und Gebrechen“ (Wipplinger / Amann 1998, S. 20). Dies läutete die Ablösung des biomedizinischen Modells ein. Dabei wird zunehmend der Aspekt betont, dass Gesundheit ein umfassendes Wohlbefinden bedeute.
6 Im weiteren Verlauf als WHO abgekürzt.
5
Weiterentwicklungen gab es u. a. 1982 und 1986 von Becker, der das integrative Anforderungs- Ressourcen- Modell vorlegte, das ähnlich wie bei Antonovsky den komplexen Widerpart von Anforderungen und Ressourcen darstellt, jedoch unter besonderer Berücksichtigung der „Schlüsselkategorie seelischer Gesundheit“ (Waller 1996, S. 20). Hurrelmann legt 1996 in seinem sozialisationstheoretischen Gesundheitsmodell den Schwerpunkt auf „(...) die Verknüpfung von sozialtheoretischer und gesundheitswissenschaftlicher Erkenntnisse (...)“ (Waller 1996, S. 22), und einen stufenweisen Prozess von Gesundheitsbeeinträchtigungen. Ein weiteres Modell von Hancock fand zudem Interesse, das in dem 1990 entstandenen Mandala 7 - Modell dynamische und interaktive Beziehungen und ebenso wie Becker Ansatzpunkte der Gesundheitspolitik und der Gesundheitsförderung zugrunde legt (vgl. ebd.).
Das derzeit wichtigste Erklärungsmodell zur Entstehung von Krankheit und gleichzeitig einflussreichster Interventionsgrundlage in der Prävention und Gesundheitserziehung stellt das Risikofaktorenmodell dar. Es wurde Anfang der 1960er Jahre als eine epidemiologisch begründete Erweiterung des „biomedizinischen Paradigmas“ entwickelt. Eine Weiterentwicklung erschien deshalb nötig geworden, weil eine direkte Übertragung der naturwissenschaftlich- kausalen, biomedizinischen Erklärungsansätze auf die heute vorherrschenden Zivilisationskrankheiten (chronisch- degenerative Erkrankungen) nur eingeschränkt möglich und als sinnvoll betrachtet wurden (vgl. Franzkowiak 2003, S. 195). Bei dem Risikofaktorenmodell wird vorwiegend nach verhaltens-, lebensweisen 8 - und persönlichkeitsgebundenen und nicht- verhaltens- gebundenen, sozialstrukturell oder auch ökologisch bedingter Faktoren unterschieden.
2.1.1 Historische Entwicklung von Ansätzen der Gesundheitsförderung
Die Bedeutung von Gesundheitsförderung in der Antike wurde vor allem durch den griechischen Arzt Hippokrates (466 - 377 v. Chr.) auf den Weg gebracht. Unter Gesundheit verstand er die Harmonie und Ausgewogenheit zwischen Körper und Seele. Jeder Mensch hat die Möglichkeit, frei zu entscheiden, ob er gesund oder krank leben wolle, indem er über seine eigene Lebensweise entscheidet (vgl. Bastine 1992, S. 130 ff).
7 Mandala= sanskrit-Kreis
8 Zum Lebensstil-/ Lebensweisenansatz der WHO siehe Kap. 2.1.2, S. 7.
6
Als Lebensweisen, die seiner Meinung nach der Gesundheit förderlich sind, nennt er (ebd.):
• Körperpflege
• Ernährung und körperliche Ertüchtigung • Vermeidung von Exzessen
• Anstreben körperlicher Tugenden (Gesundheit, Kraft und Schönheit) • Anstreben geistiger Tugenden (Frömmigkeit, Tapferkeit, Mäßigung, Gerechtigkeit) • Selbstkontrolle und Selbstverantwortung
Ein gesundheitsförderlicher Tag sollte aus Körperübungen, Baden, Zeiten der Ruhe, des Schlafens und Entspannens bestehen. Zur Erhaltung der Gesundheit wurden vor allem Konzepte des frühzeitigen Bemerkens von leichten Befindlichkeitsstörungen entwickelt.
In der römischen Lehre wurde Maßhalten in allen Lebensbereichen als gesundheitsfördernd propagiert. Galen (129 - 199 n. Chr.) verfasste das sechsbändige Werk der „Hygieine“ zur gesunden Lebensführung. Seiner Meinung nach würden sich gesundheitsförderliches Verhalten und niedriger Sozialstatus ausschließen, da jegliche Erwerbsarbeit einem solchen Verhalten entgegenwirke. Man solle sich von jedem Zwang der Erwerbsarbeit frei machen und sich mit dem Körper beschäftigen (vgl. Bastine 1992, S. 131). Maßnahmen der Gesundheitserhaltung waren demnach aus diesen Gründen nur einer privilegierten Oberschicht vorbehalten.
Im Mittelalter war das Thema der Gesundheitsförderung wieder in den Hintergrund getreten. Der Körper wurde zum Träger von Krankheiten reduziert, die es zu bekämpfen galt. Ab dem 15. Jh. waren Ermahnungen zur Förderung eines gesunden Lebens bekannt, wie z. B. Empfehlungen zum Abführen oder Aderlass (ebd.). Als eine andere Strömung hatte sich die scholastische Medizin im Mittelalter verbreitet, in der anstatt einer Gesundheitslehre eine Krankheitslehre entwickelt wurde. Demnach gab es zum einen die natürlichen, genetisch disponierten Ausgangsbedingungen („Res naturalis“) und zum anderen die willkürlich vom Menschen beeinflussbaren Faktoren („Res non naturalis“) wie Luft, Speise und Trank, Bewegung und Ruhe, Schlafen und Wachen, Absonderungen und Ausscheidungen sowie die Leidenschaften. Ein unausgewogenes Verhältnis zwischen „Res naturalis“ und „Res non naturalis“ war Gegenstand der Krankheitslehre. Im späten Mittelalter, als die Lebenserwartung durch Seuchen sank, wurden die Bestrebungen zur Gesunderhaltung vor allem auf eine Verlängerung des Lebens ausgerichtet (vgl. Bastine 1992, S. 132 ff).
7
Ab dem 18. Jh. wurden im Zuge der Aufklärung und Industrialisierung durch die Verbreitung von Gesundheitslehre auch breitere Bevölkerungsschichten angesprochen, da eine Gesunderhaltung der Arbeitskräfte vom Staat als wichtig erkannt wurde. Im 20. Jh. wurden viele akute Krankheiten, wie Infektionskrankheiten schließlich heilbar. Die sogenannten Zivilisationskrankheiten, wie z. B. Herz- Kreislauf- Erkrankungen, Krebs und chronische Erkrankungen breiteten sich jedoch in schnellwachsendem Maße aus.
2.1.2 Entstehung des heutigen Gesundheitsförderungskonzepts
Wenn heute von professioneller Gesundheitsförderung gesprochen wird, wird sich damit meistens auf ein an die WHO- Programmatik angelehntes Konzept bezogen. Diese wurde in der Ottawa Charta for Health Promotion 1986 verabschiedet und dabei von 240 Teilnehmern aus 35 überwiegend Industrieländern folgendermaßen definiert.
Gesundheitsförderung zielt auf einen Prozess, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen und sie damit zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen. Um ein umfassendes körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden zu erlangen, ist es notwendig, dass sowohl einzelne als auch Gruppen ihre Bedürfnisse befriedigen, ihre Wünsche und Hoffnungen wahrnehmen und verwirklichen sowie ihre Umwelt meistern beziehungsweise verändern können (Brösskamp - Stone 1998, S. 141).
Als wesentliches Charakteristikum der Gesundheitsförderung ist die Abwendung von einer alleinigen Suche nach Risikofaktoren für spezifische Krankheiten und die „(...) Hinwendung zu einer (krankheitsunspezifischen) Frage zu sehen: „Wie und wo wird Gesundheit hergestellt?““ (vgl. ebd.).
Seit den 60er / 70er Jahren wurde durch mehrere Faktoren, wie den sozialen Bewegungen der Gesundheits-, Friedens- und Umweltbewegungen auch der praktische Umgang mit Krankheit und Gesundheit aus einer biomedizinischen Perspektive zunehmend kritisiert. Diese Medizinkritik konzentrierte sich vor allem auf eine Sichtweise, in der eine Veränderung des Individualverhaltens zur Reduzierung medizinisch definierter Risikofaktoren wie z. B. Herz- Kreislauferkrankungen und einer Betonung durch die reine Wissensvermittlung sowie negative Appelle der Gesundheitserziehung wie „Du darfst dieses oder jenes nicht tun, wenn Du gesund bleiben willst“ herausstellte. Auch die Ergebnisse großer
8
Präventionsstudien wie der US- amerikanischen Framingham - oder der finnischen Nord-Karelien- Studie, identifizierten neben den physischen Faktoren wie Bluthochdruck und anderen auch Stress als nicht zu unterschätzenden Risikofaktor, der große Beachtung fand (vgl. Brösskamp- Stone 1998, S. 142). In den 70er und 80er Jahren führten hinzukommend noch einige US- amerikanische kulturelle Bewegungen wie Jogging- und Aerobic oder die Wellness- Bewegung in Europa zu einer Veränderung des Gesundheitsbewusstseins und einer Veränderung der Sichtweise (vgl. ebd.).
Unter weiteren anderen Ansätzen zur Konzeptentwicklung, die einen Einfluss auf die Entstehung hatten, sei hier für den weiteren Zusammenhang der Lebensstil-/ Lebensweisen-Ansatz genannt.
Dieser wurde Anfang der 80er Jahre von der WHO in die Konzeptentwicklung eingebettet. Dabei wird unter Lebensstil- / Lebensweisen die Gesamtheit der alltäglichen Lebensvollzüge, die Umsetzung milieuspezifischer und individueller Lebensplanung sowie Formen der Bewältigung von kritischen Lebensereignissen und Lebenskrisen verstanden (vgl. von Kardorff 2003, S. 145). Zu den Lebensweisen gehören z. B. Konsum- und Freizeitgewohnheiten, Ernährung, Gesundheitsvorsorge sowie laienmedizinische Behandlung von Krankheiten (vgl. ebd.), und stellen somit auch eine persönliche Wahlentscheidung des Einzelnen dar. Werden Lebensweisen unter der Perspektive der Entwicklung und Veränderung gesellschaftlichen Zusammenhangs betrachtet, ergeben sich zwei vorerst paradoxe Tendenzen, die sich gleichzeitig weiterentwickeln. Einerseits ist dabei ein „(...) Zwang zu einer zunehmend rationalen Lebensführung“ [...] und andererseits „eine zunehmende Pluralisierung von Lebensweisen, die eng mit Prozessen der Individualisierung verbunden ist (...)“ (ebd.) zu beobachten.
Wenn diese Pluralisierung dabei als ein Anpassungsprozess an den jeweilig gesellschaftlichen Rationalisierungsvorgang gesehen wird, hebt sich der erste Eindruck eines Gegensatzes auf, weil eine Rationalisierung auch eine Differenzierung darstellen kann. Demnach können gesundheitsförderliche und auch -schädigende Lebensweisen als Anpassungsleistungen an gesellschaftliche Modernisierung betrachtet werden.
In Abgrenzung zur psychologischen Lifestyleforschung und zum Risikofaktorenkonzept, zielt das sozialwissenschaftliche Lebensstil-/ Lebensweisenkonzept vorwiegend auf deren kulturellen Sinn und damit verbundene soziale Rahmenbedingungen (vgl. von Kardorff 2003, S. 147).
9
Diese Faktoren stellten unter anderen eine konstitutionsgebende Basis für das Gesundheitsförderungskonzept der Ottawa- Charta dar. Dabei ist Gesundheit nicht als Ziel anzusehen, sondern als Mittel, um alle Menschen zu befähigen ihr Leben positiv zu gestalten. Sie betont die Bedeutung der grundlegenden Lebensbedingungen und Ressourcen als Voraussetzung für Gesundheit. Zugleich weist sie auf die gesamtgesellschaftliche Verant-wortung für Gesundheit hin. Es werden für eine Umsetzung dieses Vorhabens folgende Kernaussagen von drei Handlungsqualifikationen und fünf Handlungsstrategien skizziert (vgl. Waller 1996, S. 140ff):
Handlungsqualifikationen:
Interessen vertreten 1. Advocate Befähigen und ermöglichen 2. Enable 3. Vermitteln und Vernetzen Mediate
Handlungsstrategien:
1. Build healthy public policy Gesundheitsfördernde Gesamtpolitik entwickeln
2. Create supportive environments Gesundheitsförderliche Lebenswelten schaffen 3. Strengthen community action Gesundheitsbezogene Gemeinschaftsaktionen unterstützen 4. Develop personal skills Persönliche Kompetenzen entwickeln 5. Reorient health services Gesundheitsdienste neu orientieren
Seit der Verabschiedung der Ottawa- Charta gab es mehrere große Projekte der WHO, (wie z. B. das „Gesunde- Städte- Projekt“), die sich als Konsequenz des umfassenden Verständnisses der Gesundheitsförderung auf komplexe „settings“ beziehen. Diese betonen die Erhaltung und Schaffung von gesundheitlichen Ressourcen mit intersektoraler, multidisziplinärer Ausrichtung und die ausdrückliche Bedeutung der Beteiligung und Mitwirkung der Betroffenen (vgl. Waller 1996, S. 144).
Arbeit zitieren:
Dipl. Gesundheitswirtin Kirsten Hermes, 2004, Medical Wellness als exemplarische Darstellung bei der Adaption von Wellnesskonzepten aus den USA in Deutschland, München, GRIN Verlag GmbH
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