INHALTSVERZEICHNIS
I MORALISTIK A LA PICARESCA 3
II DIE KUNST DER WELTKLUGHEIT 4
III DIE SCHANDE DES SCHELMS 8
IV INITIIERUNG UND DESENGAÑO DES DON PABLOS 11
LITERATUR 18
2
I. MORALISTIK ‚A LA PICARESCA’
Die Epoche der größten spanischen Literaten und Philosophen in der frühen Neuzeit, das Goldene Jahrhundert (1492-1681), hatte, neben einem hochkarätigen kulturellen Aufgebot, eine zunehmende Neigung unter den Regenten und Staatsdienern zu Süffisanz und Korruption zu verzeichnen. Besonders unter der Misspolitik der beiden Felipes III (1578-1621) und IV (1605- 1665) mussten sowohl die Staatskassen als auch die Staatsmoral erheblich leiden. Die infolge der kontinuierlichen Ausbeutung der amerikanischen Indianervölker noch unverhältnismäßig überfüllten königlichen Depots und die außenpolitische und kulturelle Spitzenreiterrolle boten scheinbar die Gelegenheit zu Muse und Vernachlässigung der weltlichen Obliegenheiten – sowohl dem Staat als auch dem Gewissen gegenüber. Dieses Spanien der Kontraste – materieller Reichtum einerseits, moralisch-ethischer Verfall andererseits – wird zum Lebensraum zweier herausragender Persönlichkeiten, deren Reflexionen zu der Konstellation Mensch-Gesellschaft- Ethik in je einem ihrer bekanntesten Werke auf den folgenden Seiten in Parallele gebracht werden sollen.
Der um 1608 von Francisco de Quevedo Villegas (1580-1645) verfasste Roman El Buscón 1 ist, ebenso wie zahlreiche andere pikareske Erzählungen (u.a. Lázaro de Tormes, 1554; Guzmán de Alfarache, 1599-1604; Rinconete y Cortadillo, 1613; Marcos de Obregón, 1618), vordergründig auf die gesellschaftskritische Zurschaustellung menschlicher Physis in bis dahin der Kunst unbekannten Zuständen ausgerichtet. Darüber hinaus ist die novela picaresca aber auch dafür bekannt, eher markante, parodistische Darstellungen der Gesellschaft als Ganzes vorzustellen. Quevedos El Buscón steht dieser Verfahrensweise in nichts nach, und so soll anhand des in ihm dargebotenen Gesellschaftspanorama die Frage im Mittelpunkt stehen, inwiefern der Madrider in seinem Schelmenroman eine moralisch-ethische Intention verfolgt und sich diese letztlich für eine Kernaussage zu dem Roman als Ganzes verantworten lässt. Dazu wird es nötig sein, zu ermitteln, wie und in welchem Maße direkte und indirekte moralistische Stellungnahmen des Autors in den Text eingewoben sind. Bekanntermaßen ist die novela picaresca aufgrund ihrer vordergründigen Situations- und Verbalkomik in früheren Tagen oftmals als eher substanzlose Literatur abgetan und seinen englischen und französischen Folgegenerationen gegenüber hinsichtlich der didaktischen Verwertbarkeit als minderwertig vorverurteilt worden. In dieser Arbeit soll nun herausgestellt werden, dass jenseits und zum Teil auch auf der Basis der augenscheinlichen 1 Der vollständige Titel der editio princeps lautet Historia de la vida del Buscón, llamado don Pablos, elemplo de vagamundos y espejo de tacaños. Sie wurde 1626 in Zaragoza von dem Buchhändler Roberto Duport finanziert.
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Unterhaltungsabsicht des Buscón durchaus auch eine gewisse Alltagsethik aus dem Roman Quevedos extrahiert werden kann, die sich in bestimmten Punkten mit der eines berühmten Zeitgenossen des Autors koordinieren lässt.
Gleich in den ersten Sätzen der Widmung an den Leser wird, außer auf „lo gracioso de don Pablos“, „todo género de picardía“ und dem „ocio“, worin eindeutige Hinweise auf den reinen Amüsementgehalt des Textes gegeben sind, ebenso auf das dem Text inhärente Potential, als lehrreiche Lektüre verwertet zu werden, hingedeutet: „y no poco fruto podrás sacar dél si tienes atención al escarmiento“; ergänzend hält der Verfasser aber auch sowohl sich als auch dem Leser den Weg des „ocio“ offen, der jedoch in einem Leben „a la droga“, also in einer pikaresken Existenz in Lug, Trug und Schein enden kann. 2 Auf diese Art eröffnet der Autor dem Publikum die theoretische Möglichkeit, den Text aus persönlichen Motiven welcher Art auch immer zu verstehen. Dennoch setzt Quevedo auf die schon zum Zeitpunkt des Bucherwerbs im Leser vorhandene innere Bereitschaft zu einer imaginären Autoimplikation in den vorliegenden Text und dessen Kontext, wenn er ihm suggeriert: „dudo nadie compre libro de burlas para apartarse de los incentivos de su natural depravado.“ 3 Der Leser wird durch die selbstsichere Formulierung des Autors regelrecht in einen hermeneutischen Zirkel genötigt, wo er sich im Folgenden mit „su natural depravado“ auseinandersetzen muss. 4
II. DIE KUNST DER WELTKLUGHEIT
Mit der Absicht, zumindest einen Einblick in die scheinbar unüberschaubare Landschaft der Moralistik im Europa des 17. Jahrhunderts auf der Grundlage von sowohl literarischen als auch nicht-literarischen Texten zu erstellen, wird in dieser Arbeit neben Quevedo ein weiterer maßgeblicher Vertreter des spanischen Barocks konsultiert werden: Baltasar Gracián y Morales (1601-1658) verfasste mit seinem Oráculo manual y arte de prudencia (1647) ein exakt dreihundert Maximen umfassendes Lebensregelwerk nach machiavellistischer Ideologie, getreu der Devise „Der Zweck heiligt die Mittel.“ 2 Quevedo, 9. Ich beziehe mich mit dieser Interpretation der Formulierung Quevedos („vivir a la droga“) auf die achte Definition des DRAE (20. Ed.) zu dem Nomen droga: „f. desus. Embuste, ardid, engaño. U. en Argentina.“ 3 Quevedo, 9.
4 Ähnliche Versuche der Moralisierung der Leserschaft sind über El Buscón hinaus auch in Quevedos Poesie vorzufinden: „En cualquier caso, esa musa puede leerse como una especie de muestrario moral, cuyos poemas contemplan sucesivas manifestaciones de la conducta humana a partir de unos supuestos ideológicos homogéneos. Tal vez a semejanza de Epicteto y Focílides, que expusieron una variada gama de principios morales, Quevedo decidió ofrecer su propio conjunto de propuestas éticas” (Rey, 65f.).
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Gracián alterniert in seiner Aphorismensammlung zwischen einerseits (scheinbar) neutralen und wenig ingeniösen anthropologischen Beobachtungen und auf der anderen Seite den sich für ihn daraus ableitenden Konsequenzen und Instruktionen zu der notwendigen, adäquaten Prinzipien im täglichen sozialen Umgang, welche der diesbezüglich erfolgorientierte Leser sich anzueignen aufgerufen ist. Der Rezipient wiederum muss, um das Werk (richtig) zu verstehen, zweifelsfrei einen gewissen Grad an Bildung und Verständigkeit in die Lektüre mit einbringen, was sicherlich nicht zuletzt auch durch die stilistische Konzision der Aphorismen diktiert wird. 5 Die konzeptistische Rahmenstruktur und der damit verbundene auffallend hohe Anteil an Symbolik und Metaphorik lassen das Oráculo manual zu einem Werk werden, dessen rhetorischer und mit diesem auch dessen semantischer Gesamtgehalt sich dem zeitgenössischen Durchschnittsverständnis wohl eher verschlossen haben dürfte. Obwohl hinsichtlich des impliziten Lesers nicht ganz so elitär ausgerichtet wie Machiavellis Il principe (1513), richtet Gracián seine Ratschläge doch nur an diejenigen Teile der Bevölkerung, die bereits den Kontakt zur Bildung gesucht und aufgenommen haben und bereit sind, selbigen weiter auszubauen, denn schließlich „No se nace hecho: vase de cada día perficionando en la persona, en el empleo, hasta llegar al punto de consumado ser […]“, jedoch „Algunos nunca llegan a ser cabables, fáltales siempre algo“ (6) 6 ; anders formuliert, genau solchen Menschen gegenüber, die nie durch „el realçe del artificio“ (12) 7 zur vollen Veredelung geführt werden (können), verwehrt sich jene subtile und effiziente Rhetorik des Oráculo und mit ihr auch die sich darin entfaltenden Lebensweisheiten des Jesuitenmönches.
Letztlich lässt sich, nach Abzug der zahlreichen intratextuellen Reiterationen, der Gesamtaussagegehalt der Gracianschen Maximen auf die folgenden Kernbegriffe kürzen: Bildung/Kultiviertheit 8 , Verstand („prudencia“), Ambition, Menschenkenntnis, Anpassungsfähigkeit nach außen und Skepsis nach innen 9 , Umsicht („prudencia“), Selbstdisziplin und moralische Flexibilität 10 . Diese Schlüsselkompetenzen muss der Mann von Welt gemäß 5 Von daher sollte Emilio Blancos Behauptung in dem Vorwort zu seiner Edition des Oráculo manual nur unter Vorbehalt geteilt werden: „La solución parece bastante clara: el jesuita ha decidido escribir un libro de consejos, de reglas para gobernarse, partiendo de esa tradición, perfectamente asentada en el siglo XVII desde fines de la Edad Media, de libros de consejos para gobernantes. La diferencia estriba en que su destinatario es general, y en que el arte de prudencia que Ceballos y buena parte de los demás tratadistas enderezan al príncipe, tendrá ahora como objeto el comportamiento de cualquier persona” (Gracián, 29f.). Die Hervorhebung stammt von mir und weist auf den Teil in Blancos Aussage hin, der meines Erachtens differenzierungsbedürftig ist.
6 Gracián, 103f. Diese Beobachtung leitet sich aus der Gracianschen Grundeinstellung ab, nach der „Nace bárbaro el hombre, redímese de bestia cultivándose“ (87, S.150). An dieser wie an zahlreichen anderen Stellen im Oráculo werden dessen stark repetitiver Charakter und zirkuläre Struktur deutlich. Diese sind hauptsächlich der edukativen Intention des Werkes in den Dienst gestellt.
7 Ebd. 107.
8 Hiermit ist die wiederholte Betonung des universellen Wertes der „arte“ in dem Prozess der Perfektionierung der (menschlichen) Natur gemeint. Vgl. hierzu z.B. die 12. Maxime: „Naturaleza y arte; materia y obra” (Gracián, 107). 9 Vgl. hierzu z.B. die 43. Maxime: „Sentir con los menos y hablar con los más” (Gracián, 126). 10 Dieser Begriff ist hier im Grunde auf die bereits erwähnten machiavellischen Empfehlungen an Männer in Führungspositionen bezogen, denen gemäß nicht der Weg, sondern alleinig das Ziel das Ziel aller Unternehmungen
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Alexander Zuckschwerdt, 2008, "El Buscón" und "Oráculo manual" - Wegweiser durch eine amoralische Welt, Munich, GRIN Publishing GmbH
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