1. Einleitung 1-2
2. Biographischer Teil 2-5
2.1 Erich Weinert 2-3
2.2 Gerhart Hauptmann 3-5
3. Weinerts Definition der politischen Satire 5-6
4. Vorlage und Entstehungszeit der Parodie 6-9
4.1 Vorlage 6-8
4.2 Entstehungszeit 8-9
5. Linguistische Analyse 10-14
5.1 Formaler Vergleich zwischen Parodie und Vorlage 10-11
5.2 Wortschatz und direkte Angriffe auf Hauptmann 11-14
5.3 Vergleich mit Weinerts Begriff der politischen Satire 14
6. Fazit: Das verfehlte Ideal des poeta militans 15
7. Literaturverzeichnis 16-18
7.1 Primärliteratur 16-17
7.2 Sekundärliteratur 17-18
8. Anhang
1
1. Einleitung
„Nichts zeugt mehr für die menschliche und somit auch künstlerische Größe eines Dichters als Mut, aus seiner Schreibstube, wenn es die Not erfordert, in die politische Arena zu treten, wenn er überzeugt ist, mit seinem Wort die Leidenschaft zu Recht und Freiheit lebhafter zu entzünden, als der politische Redner oder Publizist es vermag.“ 1 Mit diesen Worten beschreibt Erich Weinert im Februar 1946 sein Verständnis von den Aufgaben eines Dichters. Anhand dieses Zitats wird deutlich, dass für Weinert die politische Einstellung und Agitation eines Schriftstellers eine tragende Rolle für dessen Bewertung darstellt. Bereits in der Zeit der Weimarer Republik können und wollen jedoch nicht alle schreibenden Künstler diesem Ideal Weinerts gerecht werden. Entsprechend folgt Weinerts Kritik an seinen zeitgenössischen Kollegen weniger aus Zweifeln an deren künstlerischem Potenzial als vielmehr „aus einer entschiedenen Ablehnung des bürgerlichen Literaturbetriebs und aus einem äußerst striktem Bemühen, die akuten, ganz aktuell genommenen Lebensinteressen des werktätigen Volkes zum unmittelbaren Maßstab aller schriftstellerischen Tätigkeit zu machen“ 2 . Besonders interessant sind Weinerts Wertungen über andere Dichter, da er sich trotz seiner ideellen Motivation bei der Formulierung seiner Kritik gerade literarisch-künstlerische Gattungen wie Parodie und Satire zu Nutze macht. Einer der Schriftsteller, der von einer solch kritischen Auseinandersetzung betroffen ist, heißt Gerhart Hauptmann. Mit „Dichters Abschied“ 3 parodiert Weinert formal dessen Kriegsgedichte zum Ersten Weltkrieg, behält aber inhaltlich den Bezug zur Weimarer Zeit bei. Ziel dieser Arbeit soll eine linguistische Analyse dieser politisch-ideologisch motivierten und gleichzeitig künstlerisch anspruchsvollen Parodie Erich Weinerts sein.
Um jedoch Weinerts Beweggründe und seine Bezugspunkte nachvollziehen zu können, ist zu Beginn ein Blick auf die Biographien Weinerts und Hauptmanns notwendig, wobei vordergründig die ersten Kriegsjahre und die Zeit der Weimarer Republik betrachtet werden müssen. Zum weiteren Verständnis wird im nächsten Schritt auf Weinerts Definition der politischen Satire eingegangen. Erst dann ist das nötige Vorwissen groß genug um, sich mit dem eigentlichen Untersuchungsobjekt, der Parodie „Dichters Abschied“, zu beschäftigen. Bevor allerdings im fünften Kapitel die eigentliche
1 Erich Weinert: Der Dichter in dieser Zeit. In: Ders.: Ein Dichter unserer Zeit. Aufsätze aus drei Jahrzehnten, Berlin 1960, S. 92-97, hier S. 94.
2 Hans Richter: Der Sprechdichter als Volksdichter: Erich Weinert. In: Ders.: Verwandeltes Dasein. Über deutschsprachige Literatur von Hauptmann bis heute. Mit einer Goethe-Studie, Berlin und Weimar 1987, S. 151-185, hier S. 178.
3 Vgl. Erich Weinert: Dichters Abschied. Von Gerhart Hauptmann. In: Ders.: Gesammelte Gedichte, Bd. 4: Gedichte 1930-1933. Hg. v. Edith Zenker. Berlin und Weimar 1974, S. 86, ab hier: DA Zeile xy.
2
Textanalyse folgen kann, muss aufgrund der unklaren Sachlage vorab die Problematik von Entstehungszeit und Vorlage der Parodie angesprochen werden. In der linguistischen Analyse werden daraufhin sowohl der formale Vergleich zwischen Parodie und Vorlage, der verwendete Wortschatz als auch die vorgenommen Substitutionen betrachtet. Ebenso werden wir uns mit den Textstellen beschäftigen, die einen direkten Angriff auf Gerhart Hauptmann darstellen. Inwieweit Erich Weinert seine Theorie der politischen Satire umsetzen konnte, soll schließlich im letzten Punkt dieser linguistischen Analyse von Erich Weinerts Parodie „Dichters Abschied“ erläutert werden.
2. Biographischer Teil
2.1 Erich Weinert
Erich Weinert wird am 4. August 1890 in Magdeburg geboren. 4 Sein Studium in Magdeburg und Berlin 5 schließt er mit dem Staatsexamen als akademischer Zeichenlehrer ab. Nachdem er 1913 zum Militärdienst einberufen wurde, ist er während des Ersten Weltkrieges und bis zu seiner Entlassung 1919 Soldat. Weinert befürwortet die Revolution im November 1918, ihr Ergebnis und die seiner Ansicht nach folgende Restauration enttäuschen ihn jedoch. Im Jahr 1919 beginnt mit der Veröffentlichung erster Gedichte in der Zeitschrift „Die Kugel“ zudem seine schriftstellerische Tätigkeit. 6 Ab 1921 tritt er im Leipziger Kabarett „Retorte“ und ab 1923 im „Kü-Ka“ in Berlin auf. In dieser Zeit veröffentlicht Erich Weinert außerdem satirische Zeitgedichte und Parodien in renommierten Zeitschriften wie dem „Simplicissimus“ oder der „Weltbühne“. 7 Gerade die Satire hilft Weinert in einer Zeit, in der er sich selbst noch im Unklaren über seine eigene politische Zielrichtung ist, Kritik zu üben ohne einen konkreten Besserungsvorschlag formulieren zu müssen. 8 In seinen Gedichten greift er dabei den „deutschnationalen Kleinbürger mit seinem Hang zur ‚Mondorgelmalzkaffeeromantik’, die reaktionären, mit dem ‚schwarzweißrotkohl’ liebäugelnden Politiker, Junker, Militärs u[nd] Industriellen sowie die rechten Sozialdemokraten, die die ‚Hindenbürger’ gewähren
4 Vgl. Artikel „Erich Weinert“. In: Kurt Böttcher (Hg.): Lexikon deutschsprachiger Schriftsteller. 20.Jahrhundert, Hildesheim, Zürich und New York 1993, S. 789-791, hier S. 789.
5 Vgl. Boris Heczko: Weinert, Erich. In: Walther Killy (Hg.): Literatur Lexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache. Bd. 12: Vas - Z, Gütersloh und München 1992, S. 204.
6 Vgl. Richter, S. 153.
7 Vgl. Artikel „Erich Weinert“, S. 790.
8 Vgl. Dieter Posdzech: Funktionsdominanzen in der Antikriegslyrik Kurt Tucholskys, Erich Weinerts und Erich Kästners in den Jahren der Weimarer Republik. In: Helmut Müssener (Hg.): Anti-Kriegsliteratur zwischen den Kriegen (1919 - 1939) in Deutschland und Schweden, Stockholm 1987, S. 61-80, hier S. 69.
3
ließen“ 9 , an. Es wird zu einem Charakteristikum Weinerts, dass „zu seinem Gedicht auch immer sein eigener Vortrag als der vollendende Vollzug“ 10 gehört. Um diese Art der Sprechdichtung verwirklichen zu können, sucht er die Nähe und den Kontakt zu seinem überwiegend proletarischen Publikum. Des Weiteren wird er 1928 Vorstandsmitglied des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller und tritt 1929 in die KPD ein. 11 Auch ist die aktuelle politische Wirkung seiner Texte Weinert wichtiger als deren künstlerische Haltbarkeit. „Den Anspruch Kunst zu sein, haben die meisten meiner Gedichte gar nicht gemacht; sie genügten, wenn sie aufklärten, überzeugten und dem Schwankenden Richtung gaben. […] Nicht selten trug ich ein Gedicht nur ein- bis zweimal vor, dann war der Anlaß bereits von neuen Geschehnissen überschattet.“ 12 Im Jahr 1933 geht Erich Weinert ins Exil. 13 Im Folgenden ist er Mitglied der Internationalen Brigaden. Auch seine Einsätze an der Front und in Gefangenenlagern als Mitarbeiter der politischen Verwaltung der Roten Armee in Russland zeigen, dass Erich Weinert „seinem Ideal vom ‚poeta militans’ in Wort und Tat“ 14 folgt.
2.2 Gerhart Hauptmann
Gerhart Hauptmann, geboren 1862, ist bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein erfolgreicher Schriftsteller. Im Jahr 1912 erhält er den Literatur-Nobelpreis. 15 Trotz seines kritischen Verhältnisses zum Kaiserreich 16 ist er von einem tiefen nationalen Empfinden geprägt und so glaubt auch Hauptmann, „dass das Vermächtnis der deutschen Kultur […] im Krieg von 1914 auf dem Spiel“ 17 steht. Nach kurzer Überlegung 18 geht er jedoch, im Gegensatz zu Erich Weinert, nicht als Soldat in den Krieg, sondern zieht „mit der Feder zu Felde“ 19 , indem er mehrere nationalistische Artikel und Gedichte verfasst, 20 welche Jahre später Weinert als Vorlage für seine Parodie dienen werden. Dennoch ist
9 Heczko, S. 204.
10 Richter, S. 158.
11 Vgl. Artikel „Erich Weinert“, S. 790.
12 Erich Weinert: 10 Jahre an der Rampe. In: Ders.: Ein Dichter unserer Zeit. Aufsätze aus drei Jahrzehnten, Berlin 1960, S. 9-39. hier S. 20.
13 Vgl. Heczko, S. 204.
14 Artikel „Erich Weinert“, S. 790.
15 Vgl. Mary E. Stewart: Hauptmann, Gerhart (Johann Robert). In: Walther Killy (Hg.): Literatur Lexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache. Bd. 5: Har - Hug, München 1990, S. 60-74, hier S. 60f. .
16 Vgl. Klaus Hildebrandt: Gerhart Hauptmann in der Weimarer Republik. In: Jahrbuch der Schlesischen Friedrich-Wilhelm-Universität zu Breslau, Bd. XXXIV (1993), S. 207-230, hier S. 207f. .
17 Peter Sprengel: Der Dichter im Krieg. In: Gerhart Hauptmann: Tagebücher 1914-1918. Herausgegeben von Peter Sprengel, Berlin 1997, S. 425-442, hier S. 428.
18 Vgl. Klaus Scharfen: Gerhart Hauptmann im Spannungsfeld von Kultur und Politik 1880-1919, Berlin 2005, S. 92.
19 Ebd., S. 95.
20 Vgl. Stewart, S. 61.
4
sich Hauptmann über die Grausamkeiten des Krieges bewusst, spricht in seinem Tagebuch sogar selbst von einem „nahenden Völkermorden“ 21 . Indem er aber diese Empfindungen im Privaten hält, demonstriert er nach außen hin Zuversicht. 22 Zwar erkennt er die daraus folgende Spannung zwischen Wahrheit und Kriegs-Rhetorik 23 , verzichtet aber dennoch auf „nahezu jede kritische Distanz zum Kriegsgeschehen“ 24 . Seine Loyalität zum Vaterland ist ihm wichtiger als seine dichterische und ethische Haltung im Sinne der Humanität. 25
Nach Ende des Ersten Weltkrieges und der Revolution des Jahres 1918 sympathisiert Gerhart Hauptmann im Vergleich zu vielen seiner Schriftstellerkollegen relativ schnell mit der Demokratie. Dies ist ebenfalls „Resultat einer nach wie vor existenten vaterländischen Loyalität, die Hauptmann offensichtlich unabhängig von der jeweiligen Staatsform an die Nation“ 26 bindet. Im Gegensatz zur Zeit des Kaiserreiches hält er nun ein gutes Verhältnis zum Staat und auch dadurch erreicht er in der Weimarer Republik seinen Höhepunkt als Person des öffentlichen Lebens. Im Jahre 1921 ist er sogar als Kandidat für das Amt des Reichspräsidenten im Gespräch, eine Aufgabe, die er allerdings weder annimmt noch jemals angestrebt hat. 27 Und obwohl er in die repräsentative Rolle eines „heimliche[n] Kaiser[s]“ 28 und „König[s] der Republik“ 29 gedrängt wird, 30 verteidigt er die neue Staatsform weder gegen rechte noch linke radikale Kräfte. 31 Trotz seiner vaterländischen Loyalität und seines enormen Ansehens möchte sich Gerhart Hauptmann „prinzipiell nicht in die Tagespolitik einmischen“ 32 . Er vermeidet es einerseits eine konkrete politische Stellungnahme abzugeben, besitzt aber andererseits auch in der Weimarer Zeit ohnehin keine entscheidende Macht. 33 Insgesamt ist Gerhart Hauptmanns Einstellung zum Staat sowohl im ausgehenden Kaiserreich als auch in der Weimarer Republik von einer grundlegenden Loyalität geprägt. Die nationale Einheit ist für ihn von großer Bedeutung. Eine Haltung, die er auch
21 Gerhart Hauptmann: Tagebücher 1914-1918. Herausgegeben von Peter Sprengel, Berlin 1997, S. 24.
22 Vgl. Scharfen, S. 124.
23 Vgl. Sprengel: Dichter, S. 430.
24 Scharfen, S. 93.
25 Vgl. ebd., S. 140.
26 Ebd., S. 155f.
27 Vgl. Wolfgang Leppmann: Gerhart Hauptmann. Eine Biographie, Frankfurt a. M. und Berlin 1996, S. 312-314.
28 Samuel Fischer: Für Gerhart Hauptmann. Zum 15. November 1922. In: Die Neue Rundschau, Jg. 33 (1922), S. 1057.
29 Scharfen, S. 154.
30 Vgl. Leppmann, S. 337.
31 Vgl. Scharfen, S. 153.
32 Harry Graf Kessler: Tagebücher 1918-1937, Frankfurt a. M. 1961, S. 699, zit. nach: Hildebrandt, S. 212.
33 Vgl. Leppmann, S. 318 u. S. 323.
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