Sommersemester 2005
Georg-August-Universität Göttingen
Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte
Proseminar: Entsorgung. Eine Objektgeschichte des 20. Jahrhunderts
Entsorgungsinfrastruktur.
Notwendigkeit, Entstehung und Ausdifferenzierung am Beispiel der
Abfallentsorgung in deutschen Großstädten zwischen 1890 und 1920
Vorgelegt von:
Martin Zickert
Tel.:
Email:
Studienfach:
Wirtschaftspädagogik
I
Semester:
6. Fachsemester
Matr.-Nr.:
Abgabedatum: 30.09.2005
Inhaltsverzeichnis
Seite
1. Einleitung
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2. Definitorische Grundlagen
4
2.1 Der Begriff ,Infrastruktur'
4
2.2 Die Begriffe ,Müll' und ,Abfall'
4
2.3 Der Begriff ,Entsorgungsinfrastruktur'
5
3. Notwendigkeit der Ausdifferenzierung einer
Entsorgungsinfrastruktur
6
3.1 Landflucht und Bevölkerungsanstieg in deutschen
Großstädten im Zuge der Industrialisierung
6
3.2 Medizinische Erkenntnisse und die Auswirkungen auf die
allgemeine Bevölkerungsentwicklung in der Gesellschaft
7
3.3 Neue Erkenntnisse und Entwicklungen zeigen neue
Probleme und Herausforderungen auf
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4. Der Auf- und Ausbau einer Entsorgungsinfrastruktur und die
Folgen für die Gesellschaft
10
4.1 Anforderungen an die Entsorgungsinfrastruktur und deren
Umsetzung am Beispiel der Hausmüllentsorgung in deutschen
Großstädten
10
4.2 Tatsache oder Wunschvorstellung Realisierung der neuen
Entsorgungsmöglichkeiten
13
5. Resümee und Ausblick
15
Literaturverzeichnis
I
3
1. Einleitung
Im ausgehenden 19. Jahrhundert war es in erster Linie durch technische,
wirtschaftliche und politische Entwicklungen der vorherigen Jahrzehnte insbesondere
durch die Einflüsse der Industrialisierung und Urbanisierung zu gesellschaftlichen
Umwälzungen von erheblicher Tragweite gekommen.
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema der Entsorgung aus dem
Blickwinkel der Entwicklung und Ausdifferenzierung einer Entsorgungsinfrastruktur in
Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Eine Eingrenzung erfolgt hierbei durch
die spezielle Betrachtung der Abfallentsorgung in deutschen Großstädten zwischen
1890 und 1920. Die Bereiche Müllverbrennung, Entsorgung menschlicher Abflüsse und
die Weiter- bzw. Wiederverwertung von Abfällen werden nicht beleuchtet.
Ein Schwerpunkt dieser Arbeit ist die Frage nach den ausschlaggebenden Motiven, die
die jeweils Verantwortlichen dazu veranlaßten, die Etablierung neuer
Entsorgungsmaßstäbe voranzutreiben.
War es die reine Daseinsfürsorge im Sinne selbstloser Nächstenliebe, oder gab es
eventuell andere, viel pragmatischere Gründe, die einen entscheidenden Einfluß auf
die damaligen Entwicklungen hatten? Welcher Notwendigkeit entsprang die Schaffung
einer zeitgemäßen Entsorgungsinfrastruktur tatsächlich? Diese zentralen Fragen sollen
im dritten Kapitel geklärt werden.
Im vierten Kapitel wird anhand eines konkreten Beispiels darauf eingegangen, wie die
Ausdifferenzierung der Entsorgungsinfrastruktur zwischen 1890 und 1920 stattfand und
inwiefern die in Kapitel drei gewonnenen Erkenntnisse auf diese Entwicklung
maßgeblichen Einfluß hatten.
Zum Schluß dieser Arbeit wird im fünften Kapitel eine Zusammenfassung der
Ergebnisse präsentiert, die durch einen kurzen Ausblick auf die Folgezeit
abgeschlossen wird.
Zum Einstieg sollten jedoch einige definitorische Belange geklärt werden. Der Begriff
,Infrastruktur' ist uns allgegenwärtig. Jeder von uns gebraucht diesen Terminus im
Alltag. Doch ist es sehr schwierig, bei genauer Nachfrage nach der Bedeutung dieses
Wortes eine prägnante sowie befriedigende Antwort zu finden. Ähnlich verhält es sich
mit den Begriffen ,Müll' und ,Abfall'. Auch hier fällt es dem einzelnen schwer, das
jeweilige Wort und den dazugehörigen Themenbereich klar zu umreißen, bzw. deutlich
zu definieren. Im Folgenden soll auf dieses Problem näher eingegangen werden.
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2. Definitorische Grundlagen
2.1 Der Begriff ,Infrastruktur'
In der Literatur findet sich eine Vielzahl unterschiedlicher Definitionen für den Begriff
,Infrastruktur'. Verfolgt man die historische Entwicklung des Begriffes zurück, wird
diese Definition erstmals für das Jahr 1875 nachgewiesen. Der Terminus ,Infrastruktur'
stammt aus dem Eisenbahnervokabular, und kommt zunächst auf französischem
Gebiet auf. Er dient zur Beschreibung ortsfester Anlagen, die der Mobilität dienen. In
der Folgezeit findet dieser Begriff auch Verwendung in der militärischen Logistik und im
ökonomischen Bereich. ,Infrastruktur' wird generell als wirkungsvolles
Integrationsmedium zur Erschließung und Ordnung des öffentlichen Raumes
angesehen.
1
Aus ökonomischer Perspektive wird ,Infrastruktur' als die Grundausstattung einer
Volkswirtschaft mit denjenigen Einrichtungen beschrieben, die ein existenzieller
Bestandteil im Hinblick auf ihre Leistungsstärke und Effizienz sind. Als klassische
Beispiele werden hierbei Verkehrsnetze sowie Ver- und Entsorgungseinrichtungen
genannt. Der Auf- und Ausbau des Humankapitals sowie Einrichtungen der Rechts-,
Wirtschafts- und Sozialordnung gehören gleichermaßen dazu. Die Einrichtungen
erweisen sich i.d.R. als investitionsintensiv und haben eine lange Nutzungsdauer mit
hoher Kapitalbindung. Auch erstreckt sich ihre Inanspruchnahme in den meisten Fällen
über einen beträchtlichen Personenkreis. Dadurch kommt ihnen der Charakter von
Kollektivgütern zu. Die Benutzung kann unentgeltlich erfolgen, oder auch mit der
Erhebung von Nutzungsgebühren zu ihrer Aufrechterhaltung einhergehen. Träger
solcher Einrichtungen ist zum Großteil die öffentliche Hand und weniger die
Privatwirtschaft.
2
2.2 Die Begriffe ,Müll' und ,Abfall'
Die Definition der Begriffe ,Müll' und ,Abfall' erweist sich ebenfalls als schwierig. Auch
hier gibt es verschiedene Definitionsansätze.
Ein Ansatz aus dem Ende des 19. Jahrhunderts versteht unter dem Begriff ,Müll' die
Ansammlung von festen Küchenabfällen, zusammengekehrtem Hausstaub,
1
Laak, Dirk van: Infra-Strukturgeschichte, Geschichte und Gesellschaft 27, 2001, S.370.
2
Gabler Wirtschaftslexikon, 15. Auflg., Wiesbaden 2000, S.1530 f.
5
zerbrochenem Geschirr, Papierresten sowie Überresten zur Befeuerung der
hauseigenen Heizungen.
3
Eine andere Definition zu Beginn des 20. Jahrhunderts versteht unter dem Terminus
,Müll' diejenigen Abgänge der menschlichen Lebensführung, die nicht flüssig sind.
4
In
beiden Fällen wird das Wort ,Hauskehricht' synonym verwandt.
Ein dritter Ansatz aus der Gegenwart definiert ,Müll' als etwas, was nicht mehr zu
gebrauchen ist und deshalb weggeworfen wird.
5
Eine gegenwärtige juristische Bestimmung des Wortes ,Abfall' liefert das Abfallgesetz
von 1972. ,Abfall' ist hierin definiert als eine Bezeichnung für bewegliche Sachen, von
denen sich ihr Besitzer entledigen möchte, oder entledigen muß, weil diese für ihn
unbrauchbar geworden sind, bzw. für seine Umwelt eine Gefährdung darstellen. Die
Entsorgung erfolgt durch die öffentliche Hand.
6
Eine Definition des Begriffes ,Abfall' liegt nur in der jüngeren Vergangenheit vor.
Festzuhalten ist, daß Definitionen dies zeigt das Beispiel des Begriffes ,Müll'
prinzipiell einem zeitlichen Wandel unterliegen und inhaltlich variieren können.
2.3 Der Begriff ,Entsorgungsinfrastruktur'
Zur besseren Verständlichkeit der folgenden Kapitel möchte ich den Terminus
,Entsorgungsinfrastruktur' definieren und eingrenzen.
Unter ,Entsorgungsinfrastruktur' verstehen wir das Vorhandensein von Einrichtungen
zur Abfuhr menschlicher Hinterlassenschaften, die zuvor zu Müll, Abfall o.ä. bestimmt
worden sind.
Die zentrale Aufgabe der ,Entsorgungsinfrastruktur' liegt in der räumlichen Verlagerung
des Mülls, resp. Abfalls. Diese Verlagerung unterliegt dem Anspruch, daß die
menschlichen Hinterlassenschaften aus der körperlichen und geistigen Wahrnehmung
des Menschen entfernt sowie seinem Handlungsradius entzogen werden.
3
Blasius, R., u. a., Die Städtereinigung, in: Weyl, Theodor (Hg.), Handbuch der Hygiene, 2. Bd.,
Jena 1897, S. 25.
4
Doebert, A.: Sanitätspolizeiliche Gesichtspunkte für die Beseitigung der Haus- und
Küchenabfälle (des sog. Mülls), Vierteljahrsschrift für gerichtliche Medizin und Sanitärwesen,
3. Folge, 33, 1907, S. 347.
5
1961-2001. 40 Jahre BDE. Von der Stadthygiene zur Kreislaufwirtschaft. Eine Zeitreise mit der
Entsorgungswirtschaft, Köln 2001, S.14.
6
Ebd., S.15.
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