Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Zielsetzung und Fragestellung 4
3. Theorie und Methodik 4
4. Christianisierung Irlands 6
4.1. Ein Überblick 6
4.2. Der heilige Patrick und seine Mission in Irland 10
4.3. Die getrennte dogmatische Entwicklung des Christentums in Irland 12
5. Die keltische Religion in Irland 12
5.1. Aussersprachliche Befunde in Form von Kultbildern 12
5.2. Lebor Gabála Érenn 13
5.3. Die Bedeutung der Druiden in der keltisch-irischen Religion 15
5.3.1. Druiden Barden und Filidh in der irischen Gesellschaft 17
5.3.2. Die Beeinflussung des Druidentums durch die Christianisierung im Speziel-
len durch den heiligen Patrick 18
5.4. Die religiöse Überhöhung des Königtums in der keltisch-irischen Religion 21
5.5. Der Kannibalismus in Irland 24
5.6. Die Kopfjagd und der Schädelkult in der irisch-keltischen Religion 25
5.7. Das Fasten als magische Kraft in der irisch-keltischen Religion und im iri-
schen Christentum 26
5.8. Die Jenseitsvorstellungen in der irisch-keltischen Religion 27
5.8.1. Die Beeinflussung der Jenseitsvorstellungen durch das Christentum 28
5.9. Die Götter der irischen -keltisch Religion 29
5.9.1. Brigit 29
5.9.2. Lug 30
5.9.3. Nuadu 34
5.9.4. Lug und Nuadu in der irischen und walisischen Literatur - ein Vergleich 37
5.10. Die irisch-keltischen Feste und ihre Beeinflussung durch das Christentum 42
5.10.1.Samain das Fest des 1 November 43
5.10.2.Imbolc das Fest des 1 Februar 46
5.10.3.Beltaine das Fest des 1 Mai das Sommer- und Lichtfest 49
5.10.4.Lugnasad das Fest des Königs 50
5.10.5 Beeinflussung der Hohen irisch-keltischen Feste durch die
Christianisierung 54
6.0. Zusammenfassung 55
7.0. Schlussfolgerungen und Diskussion 57
8.0. Nachwort 61
9.0. Literaturverzeichnis 62
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1. Einleitung
In der Zeit um Christi Geburt war für Irland, in seiner Entlegenheit die neue Nachbarschaft der Römer auf der britischen Insel, die bis dahin keinen angeseheneren Feind in Europa gehabt hatten als die Kelten, eine kritische Situation. Trotzdem war auch unter diesen Ver- hältnissen Güter- und Informationsaustausch möglich. Dadurch wurden die irischen Kelten mit den neuen geistigen Bewegungen jenseits ihrer Insel konfrontiert. Was von den Esse- nern, einer jüdischen Gemeinschaft mit ordensähnlichem Charakter und den Gnostikern aus dem Osten nach Westen drang, war ein Weltenmythos aus Apokalypse und einer vorderasi- atischen Erlösungslehre, die zur Befreiung des Menschen aus seinem materiellen Gefäng- nis, mehr von der Erkenntnis, als vom Glauben ausging. Alles, was die Spätantike an religi- öser Philosophie entließ, deutete über die Zeitenwende hinaus auf einen revolutionären Umbruch hin, der sich auf den britischen Inseln der Römer als seinem Medium bediente. Für die Iren muss sich damals schon ein entscheidender Anstoß zur Hinwendung zum Christen- tum vollzogen haben (Meyer-Sickendieck 1996, 40-43).
Irland hatte sich während der römischen Okkupationszeit in Europa und Britannien, gemäß seiner nordwestlichen Randlage außerhalb des römischen Reiches unauffällig verhalten. Irland hat an der mit intellektueller Hemmungslosigkeit geführten Auseinandersetzung um die neue Religionslehre in den nachchristlichen Jahrhunderten nicht teilgenommen, sondern ihr von der Britannica Romania her ohne großes Aufhebens auf eigene Weise Zugang ver- schafft. Anders als auf dem Festland, wo sich wie in einer riesigen Arena ein anspruchsvol- les Publikum zur Gala lateinischer Rhetorik traf, vernahm man hier in Irland kaum etwas von den Dissonanzen des dogmatischen Dialogs, sondern eher etwas vom anschwellenden Ak- kord christlichen Bekennertums. Bis die Informationen nach Irland kamen, waren alle pseu- do-wissenschaftlichen Spitzfindigkeiten ausgeschieden. Übrig blieben die Grundzüge des Glaubens und seine ethische Substanz. Wenn auch erst die von Eusebius von Cäsarea (260 bis 339), Vater der Kirchengeschichte, geschriebene Chronik der Christenverfolgung der Nachwelt hinreichend über diese unruhige Epoche unterrichtete, haben sich mit Sicher- heit auch schon zu seiner Zeit besonders drastische Einzelheiten selbständig gemacht und das Ohr der ungetauften Welt erreicht. Hiefür waren die raumgreifenden Bewegungen der ersten germanischen Völkerwanderung nicht ohne Bedeutung. In diesem Zusammenhang spielten die christlichen Soldaten, auf die Rom wegen der wachsenden Anfälligkeit seines Imperiums nicht verzichten konnte und die für die neue Lehre besonders anfälligen Sklaven bei der Verbreitung solcher Nachrichten eine wichtige Rolle. Sie erfuhren mehr, je häufiger sie bei Truppenverschiebungen und der damit verbundenen Ortswechsel und Besetzung ziviler Verwaltungsstellen ihren Standort wechselten. Im 2. Jahrhundert. breiteten sich dann die Greuelberichte der Christenverfolgungen durch die römischen Gottkaiser aus. Im Jahr 303 setzte die letzte mit grausamer Systematik betriebene staatliche Christenverfolgung unter Diokletian ein. In Britannien gab es fünf Gemeinden in welchen Christen hingerichtet wurden. Diese Ereignisse, so nahe an der irischen Küste wirkten unter Umständen auf die Iren alarmierend. Meyer-Sieckendick (1996, 47) gibt der Frage Ausdruck, ob nicht die Og- ham Steine schon erste Hinweise auf christliche Einflüsse aufweisen, bevor die nach der Christianisierung hinzugefügten Kreuze ihren heidnischen Charakter neutralisierten.
Im Jahre 380 wurde das Christentum die Staatsreligion im römischen Reich. Mehrfache Gründe und Erscheinungsformen sind kennzeichnend für das Besondere des frühen iri- schen Christentums. Die Ordnung der Stämme und Druiden hatte im Gegensatz zu den Verhältnissen auf dem Festland keine Staatsreligion entstehen lassen, die durch einen Machtkampf hätte abgelöst werden müssen. Das Druidentum nahm das Christentum mehr oder weniger freundlich auf und ging eine Synthese ein. (Meyer-Sickendieck 1996, 51).
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2. Zielsetzung und Fragestellung
In vorliegender Arbeit soll versucht werden, die vorchristliche Religion der Kelten in Irland, hier als irisch-keltische Religion bezeichnet, wenn überhaupt möglich, zu vergegenwärtigen und vom christlichen Einflussbereich gesondert zu betrachten. Dabei soll die Organisation der damaligen Religion, die Priesterschaft, die Fest- und Opfertätigkeit und letztlich die Göt- terwelt untersucht werden. Zu jeder vorchristlichen Darstellung soll aber auch die Beeinflus- sung durch das Christentum gestellt werden. Als Ausgangsliteratur wurden die Arbeiten der Keltologen Maier (2001), Birkhan (1997) und McCone (1990) herangezogen.
3. Theorie und Methodik
Die einzige sich anbietende Art über das vorchristliche Irland zu schreiben ist dementspre- chende Quellen heranzuziehen. Die Hinterlassenschaften, wie archäologische Funde, In- schriften etc, welche auf die irisch-keltisch Religion hinweisen oder Auskunft darüber ge- ben, sind sehr dünn gestreut. Maier (2001, 34) unterscheidet grundsätzlich folgende Quellen der keltischen Religionsgeschichte
außersprachliche
literarische epigrafische Zeugnisse
Birkhan (1997) geht noch mehr ins Detail und unterscheidet zwischen:
indigenen Texten
Nachrichten bei antiken Autoren archäologischen Funden in Form indigener Bilder anderen archäologischen Befunden Etymologien und andere sprachwissenschaftlichen Argumenten indogermanischen Parallelen inselkeltischen literarischen mittelalterlichen Quellen späteren Brauchtum vor allem bei den Inselkelten und neuzeitlichen Erzähltraditionen bei den Inselkelten.
Birkhan`s Einteilung lässt sich natürlich wunderbar in die drei Hauptgruppen von Maier ein- gliedern. An dieser Stelle möchte ich kurz auf die einzelnen Quellengruppen eingehen und der Frage nachgehen, welche dieser Quellen für die vorliegende Arbeit relevant sind. Unter den außersprachlichen Quellen verstehen wir Bodenfunde, also unmittelbare Überreste, die für die Erforschung der keltischen Religion von großem Wert sind. Literarische Zeugnisse bezeichnet Maier (2001, 34) lediglich als Tradition und die epigrafischen Quellen tragen, nach Maier`s Meinung den Charakter unmittelbarer Überbleibsel und liefern in ihrer sprachli- chen Ausformungen wertvolle Interpretations-punkte. Konkret versteht Maier (2001, 34) un- ter den außersprachlichen Quellen in der keltischen Religionsforschung:
Überreste kultischer, ritueller oder magischer Handlungen, hierher gehören auch die
von Birkhan (1997) erwähnten "indigenen Texte". Er versteht darunter alle Arten von Aufzeichnungen in denen die Kelten zu uns sprechen. Also Inschriften auf schwer oder leicht transportierbaren Objekten wie Fluchtafeln, Weihesteinen etc.)
Kultstätten, die ein unterschiedlich hohes Maß an baulicher Gestaltung erkennen
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Produkte des Kunsthandwerkes, die kultischen, rituellen oder magischen Zwecken
dienten, zu ergänzen sind hier noch die von Birkhan (1997) als "indigene Bilder" be- zeichneten Darstellungen. Gemeint sind damit Darstellungen mit oder nur mit knap- pen Begleitinschriften. Vor allem die keltische Ornamentik wie Fischblasenstil, Pal- metten oder Spiralen, Fratzen und Triskelen seien an dieser Stelle zu nennen
Gräber und die damit verbundenen Zeugnisse des Totenbrauchtums
Literarische Quellen sind nach Maier (2001, 40):
Nachrichten antiker Beobachter in griechischer und lateinischer Sprache
mittelalterliche Angaben zur Religion der vorchristlichen Zeit in lateinischer und iri- scher Sprache, ergänzend dazu der Punkt Birkhan`s, den er als "späteres Brauch- tum" bezeichnet
Keltische Mythen in irischen, kymrischen und altfranzösischen Literaturwerken, diese
beinhalten natürlich auch die von Birkhan bezeichneten inselkeltischen Quellen und die neuzeitliche Volkstradition.
An dieser Stelle möchte ich die Punkte Maier`s noch durch solche von Birkhan (1997, 451- 455) ergänzen:
Etymologien, darunter versteht man die Suche nach der ursprünglichen Bedeutung eines Wortes (Brikhan, 1997, 451)
Indogermanische Parallelen, hier sind vor allem die indogermanischen Dichterspra- chen mit allen heldenepischen Literaturwerken relevant (Birkhan, 1997, 455).
Nachdem Irland von Rom nie erobert wurde, sind Nachrichten antiker Beobachter über das vorchristliche Religionsgeschehen in Irland vernachlässigbar und erst die Berichte aus dem Mittelalter haben hier Bedeutung. Viel wichtiger sind für uns an dieser Stelle die mittelalterli- chen Quellen, die Angaben über die vorchristliche Zeit in Irland geben. Nur einige wenige stammen tatsächlich aus der Epoche der Christianisierung, die meisten aus späterer Zeit. Zu den wichtigsten Quellen dieser Gruppe gehören zunächst die hagiografischen Texte, die von den Auseinandersetzungen der christlichen Glaubensvertreter mit ihrer heidnischen Umgebung berichten. Eine wesentliche Rolle spielt diesbezüglich die lateinische Vita des heiligen Patrick, auf die ich in dieser Arbeit noch mehrmals eingehen werde. Sie wurde um 670 AD von einem irischen Geistlichen namens Muichú geschrieben. Die älteste irische Le- bensbeschreibung des heiligen Patrick, die "Vita tripartita", wurde erst um 900 AD zu Papier gebracht. Patrick selbst verfasste in lateinischer Sprache die Confessio und den Brief an Coroticus. Aus der Zeit des Muirchús stammt auch die älteste Lebensbeschreibung der hei- ligen Brigit durch den geistlichen Cogitosus, die irische Parallelschrift Berthu Brigit stammt als ältester hagiografischer Text aus dem 9. Jahrhundert. Etwa um 830 entstand, der 365 vierzeilige Strophen umfassende, Heiligenkalender des Oengus (Felire Oenguso), in dem der Verfasser die christliche Gegenwart Irlands mit der heidnischen Vergangenheit konfron- tiert (Maier, 2001, 42). Neben den Heiligenlegenden steht uns historisch erzählende Litera- tur zur Verfügung. Die keltologische Forschung des 19. Jahrhunderts gliederte diese Quel- lengruppe in Zyklen. Um Christi Geburt spielten nach mittelalterlicher Anschauung die Er- zählungen des Ulsterzyklus. Heute wird dieser Zyklus als Spiegelbild der gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Verhältnisse in der zweiten Hälfte des ersten Jahrtausend nach Christi Geburt angesehen. Früher wurde sie als eine ergiebige Quelle der vorchristlichen irischen Kultur betrachtet (Maier, 2001, 42). Größte Bedeutung hat die umfangreichste Er- zählung aus dem Ulsterzyklus, "Die Geschichte des Rinderraubs von Cualinge“ (Táin Bó Cuailnge. Daneben seien noch erwähnt, die Erzählungen von "Oengus" "Traumgesicht" (Aislinge Oenguso), "Die Geburt CúChulainns" (Compert Chon Culainn), "Vom Cophur der
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beiden Schweinehirten" (De chophur in da muccida), "Das Wegtreiben der Rinder Froechs" (Táin Bó Froich), "Die Erzählung vom Schwein des Mac Da Thó" (Scéla mucce Meic Dathó) und "Die Zerstörung der Halle Da Dergas" (Togail Bruidne Da Derga) (Maier, 2001, 42). In der Zeit vor der Christianisierung spielen auch die Erzählungen des Finn- oder Ossianischen Zyklus. Held ist dort Finn mac Cumaill, welcher Krieger und Seher war. Weitere Schilderun- gen der vor- und frühchristlichen irischen Kultur findet man in den Erzählungen über die Kö- nige Lugaid mac Con (Cath Maige Mucraine), Conn Cétchathach (Baile in Scáil), Cormac mac Airt (Esnada Tige Buchet), Niall Noigiallach (Echtra mac n-Echach Muigmedóin), Mon- gán mac Fiachna (Compert Mongáin) und Suibne mac Colmáin (Buile Suibne) (Maier 2001, 44). Eine ausführliche Geschichte Irlands von der Erschaffung der Welt bis ins 11. Jahrhun- dert enthält das "Buch der Einnahme Irlands" (Lebor Gabála Érenn), welches biblische, klassische und einheimische Überlieferungen miteinander verbindet . Ich gebe an späterer Stelle eine Kurzfassung der Lebor Gabála Érenn wieder:
Epigrafische Zeugnisse:
dabei handelt es sich überwiegend um Weiheinschriften für Götter und Göttinnen
und sind vereinzelt auch in anderen Texten wie kultische Kalender, sakralrechtliche Bestimmungen, Grabinschriften und rituelle Verwünschungen bezeugt
man unterscheidet zwischen Inschriften in lateinischer Sprache, Inschriften in galli-
scher Sprache, Inschriften in keltiberischer Sprache und Inschriften in lepontischer Sprache
Von Irland sind Ogam-Inschriften, meistens aus dem 5. und 6. Jahrhundert AD, bekannt. Sie stellen frühe Zeugnisse aus dem Einflussbereich des Christentums in Irland dar. Generell enthalten diese Ogam-Inschriften nur Personen- und Stammesnamen. "Ogam" ist ein Schriftsystem, bei dem es sich um aufgemalte oder eingeritzte Striche handelte, die eine senkrechte Linie durchkreuzen oder sie in unterschiedlichen Winkeln schnitten. Das Ogam- Alphabet hatte zwanzig Buchstaben. Das Ogam-Alphabet basierte auf Konsonanten- und Vokalgruppen und war von der lateinischen Schrift inspiriert. Steine mit Ogam-Inschriften wurden in ganz Irland gefunden, besonders viele im Süden und waren vom 3.Jahrhundert bis zum 8. Jahrhundert in Mode. Viele davon sind Grabsteine. In den irischen Sagen ist auch von Inschriften aus Holz die Rede, manchmal auch in Verbindung mit Druiden (Green 1998, 67ff).
Die literarischen Quellen machen bei weitem den umfangreichsten Bereich der irischen reli- gionsgeschichtlich relevanten Grundlagen aus. Archäologische und epigrafische Quellen sind nur sehr spärlich vorhanden.
Das Problem der gesamten literarischen Quellenkunde ist, und das darf man nicht außer Acht lassen, dass die Texte von christlichen Mönchen im irischen Frühmittelalter geschrie- ben wurden und es daher nicht klar ist wie weit die irisch- keltische Religion von der christli- chen überdeckt ist.
4. Die Christianisierung in Irland
4.1 ein Überblick
Bevor ich in die irisch-keltische Religion einsteige möchte ich einen kurzen Überblick über die Christianisierung Irlands geben, um ein möglichst genaues Bild der damaligen Situation darzustellen. Die Christianisierung Irlands wird von Padberg (1998, 65) auch als irischer Sonderweg bezeichnet. Durch Chlodwigs Bekehrung zum Christentum konnte das römische Christentum im Kerngebiet Westeuropas Fuß fassen, allmählich wurden die Franken christi- anisiert und der Polytheismus geriet immer mehr ins Abseits. Nordwestlich des alten Limes wurde noch immer Odin verehrt. Die Franken versuchten die Alemannen und die Baiern zu
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bekehren. Um die heidnischen Nachbarn in England, Friesland und Sachsen kümmerte sich aber niemand. So mussten andere aktiv werden, nämlich die Iren und die Angelsachsen. Vom westlichen Rand Europas kommend trieben sie vor allem im 7. Jahrhundert die Christi- anisierung des Kontinents voran. Bevor sie diese zukunftsträchtigen Aufgaben in Angriff nahmen, mussten sie aber selbst das Evangelium kennen lernen. (Meyer-Sickendieck, 1996, 37). Irland lag damals am Rande der Welt. Von den Römern nicht erobert, war Irland von der antiken Welt ziemlich unberührt geblieben. Die Iren wurde zu einer Zeit Christen, als ihre britischen Nachbarn von heidnischen Invasoren bedrängt wurden. Die genauen Abläufe des religiösen Wandels auf Irland, lassen sich nur unvollständig nachvollziehen. Das scheinbar einzige richtige Datum der irischen Missions-geschichte ist eine Nachricht des Chronisten Prosper Tiro von Aquitanien (390-463). Nachdem im Jahre 431 ein gewisser Palladius von Papst Coelestin (422-432) als Bischof zu den an Christus glaubenden Iren geschickt worden ist. Wie das Christentum vor Palladius, im 4. Jahrhundert, nach Irland kam ist nicht klar. Meyer-Sickendiek (1996, 38) schreibt in ihrem Buch, dass die Ausbreitung des Christentums vor Palladius durch die Emigration großer Volksgruppen eine wichtige Rolle spielte. Nach dem Sieg Caesars über Gallien im Jahre 58 BC hatten keltische Aus- wanderer in großer Zahl die römisch besetzten Gebiete in Richtung Britannien und Irland auf dem Seeweg verlassen. Nachdem die neue Glaubenslehre sich nicht nur in Rom, sondern auch in anderen Städten Italiens etabliert hatte, setzten schon zu Ende des 2. Jahrhunderts die Flüchtlingsströme wieder ein, weil der römische Kaiser Decius eine drastische Christen- verfolgung durchführte (Meyer-Sickendieck 1996, 38-39). Abgelöst wurde Palladius dann von Patrick, der sehr erfolgreich die Christianisierung weiterführte und zum Landesheiligen wurde.
Patrick kam etwa 385 AD in Taburniae (Grafschaft Cumberland, Nordwestengland) als Sohn eines Legionärs und späteren Diakons namens Calpornius zur Welt. Schon sein Großvater Potius war Priester gewesen und die Familie scheint einen hohen Stellenwert innerhalb der römischen Gemeinde gehabt zu haben.
Während eines groß angelegten Überfalls der Iren (Scoten) an Britanniens Westküste geriet der sechzehnjährige Patrick in Gefangenschaft und wurde als Sklave verkauft. Er diente sechs Jahre als Hirte bei einem keltischen Häuptling in der späteren Grafschaft Antrim. Letztendlich gelang ihm die Flucht und er fand eine Schiffsüberfahrt zurück nach England. In seinen Träumen manifestierte sich seine Bestimmung zur Christianisierung Irlands. Er studierte im Kloster St. Honorat auf den Lerins-Inseln (bei Cannes, Südfrankreich), danach bei Germanus in Auxerre in Burgund. Obwohl seine Bildung und sein Schriftstil als nicht ausreichend empfunden wurden – die prägenden Jahre hatte er ja auf der Weide verbracht – ernannte man ihn 432 AD zum Nachfolger des ersten irischen Bischofes Palladius.
Er begann im Westen und Norden der Insel zu predigen. Er rief die Menschen mit Pauken- schlägen herbei. Interessanterweise genoss er sehr schnell die Unterstützung der örtlichen Kleinkönige, die sich vom Christentum eine straffe Organisation und damit leichtere Regier- barkeit der wilden Iren versprachen. Da Patrick während seiner Gefangenschaft die gälische Sprache gut gelernt hatte, konnte er seine Predigten in der Landessprache halten. Überdies scheint er begabt und realitätsnah gelehrt zu haben. Als Beispiel sei hier die Erklärung der Dreifaltigkeit an Hand eines dreiblättrigen Kleeblatts erwähnt. Das dreiblättrige Kleeblatt wurde später zum Symbol Irlands. All das dürfte es den Iren erleichtert haben den neuen Glauben anzunehmen. Die größte Herausforderung bei der Christianisierung Irlands waren für Patrick die Druiden, welche ihn zu vernichten versuchten. Er trat aber immer wieder im direkten Wettstreit gegen sie an. Ab 444 AD teilte Patrick die Insel in Diözesen ein. Als de- ren Oberhäupter setzte er alte Freunde und Gefährten, die er schon aus Gallien kannte, ein. Er selbst baute seine Bischofskirche in Armagh, am Sitz des Hochkönigs, übrigens auch heute noch das religiöse Zentrum Irlands. Dort starb Patrick 461 AD.
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Seine Attribute sind:
Mitra, Kreuzstab; Schlangen – weil er der Legende nach alles giftige Getier von der Insel Irland vertrieb. Deshalb ist dies auch das Symbol für die Ausrottung des Heidentums. Das Kleeblatt – weil er die Wesensgleichheit der drei göttlichen Personen Vater, Sohn und heiliger Geist mit Hilfe eines Kleeblattes erklärte;
Flammen – er soll mit seinem Stab ein Loch in die Erde gestoßen haben, aus dem das Höl- lenfeuer emporschlug mit welchem er seine Zuhörer zur Buße und Reue bewegte; Schafe und Kühe – Symbole für Irland und sein Amt als Oberhirte der irischen Gläubigen (Quelle: Lexikon der Heiligen 2006, 333-335).
Insgesamt kann man die Christianisierung Irlands als einen lange andauernden Prozess annehmen. Außerdem nahm in Irland die christliche Kirche einen wesentlich anderen Ent- wicklungsweg als auf dem Kontinent. An dieser Stelle möchte ich
Kriterien anführen welche die christliche Kirche in Irland zu etwas Besonderem machte:
eine Herausbildung einer beachtlichen Kultur, deren Buchkunst bis heute Bewunde-
rung hervorruft eine besondere Organisationsstruktur
die Gemeinden waren nach dem Ordnungsgefüge der irischen Stämme in einzelne Klosterverbände und deren Gründungsheiligen zugeordnet die Äbte und nicht die Bischöfe waren die Glaubenshelden, denn auf Grund ihres as-
ketischen Lebens galten sie als bessere Wundermänner oder Heilsmittler die irische Kirche stellt sich somit als Konföderation von Mönchsgemein-schaften dar
die in den Klöstern praktizierte Buße das Konzept der Peregrinatio
Alle Sünden mussten gebeichtet werden und in Bußbüchern, einer neuen Gattung, wurde aufgelistet, welche Kompensationsleistung der Christ dafür zu leisten hatte. Entscheidend war dabei, dass die Buße als Strafe und nicht als bessernde oder heilende Aufgabe ver- standen wurde. Es wurde nicht nach der Intention gefragt, nein, nach der Tat und damit tra- ten die äußeren Werke und Leistungen in den Vordergrund. Es kam nicht auf die ethische Besserung an, sondern auf den Tarifausgleich. Man konnte sich sogar von der Bußleistung freikaufen indem man einen Stellvertreter für die eigenen Sünden büßen ließ. Folglich folgte auf die Tat die Buße, nach der Reue wurde nicht gefragt. Etwa tausend Jahre später bildete dann die Ablasshandlung den Schlusspunkt dieser Entwicklung. Damit zusammenhängend enstand die Peregrinatio (Angenendt, 1982, 55ff.). Zu den Bußstrafen konnte die Verban- nung aus dem Stamm oder noch extremer von der Insel gehören. Irische Mönche begannen nun als asketische Draufgabe solchen Verlust der Heimat freiwillig auf sich zu nehmen. Vor- bild dabei war Abraham, der auf Gottes Ruf hin Verwandtschaft und Vaterland verlassen hatte (Gen. 12,1). Die irischen Mönche taten dies zum eigenen Seelenheil. Nebenbei ver- kündeten sie in der Fremde das Evangelium und so wurde der "irisch- christliche Sonder- weg" ein entscheidender Anstoß für die weitere Christianisier-ung Kontinentaleuropas (An- genendt, 1982, 58). Ich möchte an dieser Stelle aber erwähnen, dass es auch andere Mei- nungen zur irischen Kirche und ihrer Stellung im Christentum gibt und dort nicht von einem irischen Sonderweg gesprochen wird.
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Ab 590 AD führten also irische Mönche die Christianisierung außerhalb ihrer Heimat weiter. Erwähnenswert ist Columcille (Columban von Hy, 520-597), der im Jahre 563 nach Schott- land ging. Wesentlich berühmter war allerdings Columban der Jüngere (543-615), der 590 mit 12 Gefährten die Peregrinatio auf dem Kontinent begann. Durch die beispielhaft vorge- lebte Kombination von Gebet und Arbeit schaffte Columban am Kontinent ein neues christli- ches Arbeitsethos. Die Zeit war reif für ein vertiefendes Christentum, denn allein in Gallien erhöhte sich die Zahl der Klöster von 220 auf 550 vom Ende des 6. Jahrhunderts bis zum Ende des 7. Jahrhunderts. Anfang des 8. Jahrhunderts ging der Einfluss der Iren in Europa zurück. Er prägte aber nachhaltig die christliche Entwicklung in Europa (Padberg, 1998, 68).
War auch die christliche Religion im römischen Britannien seit der vorkonstan-tinischen Zeit bekannt, so hatte sie doch in Irland und Schottland nur wenig Verbreitung gefunden. Papst Coelestin sandte 431 den zum Bischof geweihten Palladius nebst vier anderen Missionaren nach Irland. Diese fanden dort einige Christen, hatten aber weinig Erfolg in ihrem Wirken. Palladius begab sich daher nach Nordschottland, wo er bald darauf starb. Der eigentliche Apostel Irlands wurde aber der ursprünglich Sucat genannte heilige Patrick.
(Quelle: Beda Ven. Hist.eccles.gent.Angl. I 4 13).
Die Christianisierung in Irland könnte sozusagen von oben nach unten (Birkhan 1997, 474- 475) gegangen sein. War der Stammesfürst einmal nach der Niederlage seiner Druiden für das Christentum als die stärkere Religion gewonnen, so konnte der Glaubenswechsel bei den Untertanen verhältnismäßig leicht durchgesetzt werden. Dies wäre eine Erklärung für die Erfolge des heiligen Patricks, der ja über weite Strecken alleine agierte (vgl. auch Birk- han 1997, 475). Es müßten hier aber auch andere Möglichkeiten in Betracht gezogen wer- den bzw. untersucht werden. Bei der Christianisierung Irlands verstanden es die Mönche scheinbar besonders gut, die christlichen Grundsätze mit der vorchristlichen keltischen Reli- gion in Einklang zu bringen. Als Beispiele seien die keltischen Menhire genannt, die durch Krönung mit einem Kreuz und Einmeißelung verschiedener christlicher Heilsszenen sozusa- gen christianisiert wurden (Menhir von Rungleo, von Douzec oder von Waterville (Co.Kerry, Danaher, 1982, 226). Birkhan (1997, 475) meint dazu, dass das Heidentum für die Iren als überwundener Zustand galt, dessen man sich nicht schämte, sondern es aus wissenschaft- lichem Interesse in Erinnerung halten wollte. In Irland stießen zwei "Kulturen", eine heidni- sche Gedächtniskultur und eine christlich-monastische Schriftkultur aufeinander. Die Mön- che sahen es als Ziel die erste in die zweite zu integrieren (Birkhan 1997, 475 mit Hinweis auf Gaechter 1970). Irland war noch stark geprägt von der waffenkultischen Eisenzeit und der "fianna". Das Land war in verschiedene Königssitze aufgeteilt. Durch die Prdigten Pat- ricks wurde bald der "chieftain vin Dichu" zum Christentum bekehrt. Von den Regionalherren erbat er sich die Errichtung von Kirchen und Klöstern und baute so seine christlichen Glau- bensvorstellungen immer weiter aus. Er trat allen Stammesfürsten und Druiden furchtlos gegenüber, diese wurden, wenn auch nicht gleich bekehrt, doch stutzig. Berühmt ist sein gezielter Vorstoß gegen ein sakrosanktes, durch Todesstrafe geschütztes Gebot, wonach zum höchsten keltischen Fest, dem "Feis Beltaine" nur der Hochkönig das neue Feuer ent- zünden durfte. Dieses Ritual wurde schon lange Zeit überliefert und deckte sich mit dem damaligen Datum des Osterfestes. Zur Nacht mussten alle Feuer erloschen werden, damit von Hand des Herrschers die kultische Flamme, für alle von weitem sichtbar, als das erwar- tete "neue Feuer" auf der Königsburg in Tara entzündet werden konnte. Patrick, um für Christus zu zeugen, entzündete in jener Nacht ein Signalfeuer, welches weithin sichtbar war. König Loaghaire zitierte Patrick an seinen Hof. Aus dieser Begegnung erfolgte zwar nicht die Todesstrafe für Patrick, aber auch nicht die Taufe für Loaghaire. Wenn der Auftritt Patricks vor Loaghaire mit szenischem Beiwerk wie Sitzordnung und Speisefolge ausgeschmückt wurde, so haben zwei schriftliche Überlieferungen aus dem Mittelalter dazu den Hintergrund geliefert, nämlich das "Book of Leinster" aus dem 12. Jahrhundert und das "Gelbe Buch von Lecan" aus dem 15. Jahrhundert. Demzufolge erschien Patrick in der fünfschiffigen "Banquet Halle" von Tara vor Loaghaire und hielt eine dramatische Ansprache mit allen lite- rarischen Stilmerkmalen jener Zeit. Zusätzlich zielte seine Rede darauf ab, mit sich selbst die Reihenfolge der bis in die Vorzeit zurückgehenden Anführer keltischer Stämme, vom
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legendären CuChulainn über Niall von den neun Geiseln bis zu CormacMac Airt (3.Jht AD) gleichrangig fortzusetzen, und zwar dort, wo sich die Genealogie der Goidelen bis auf einen der heroischen Vorväter der irischen Rasse, Fene Fersaid, zurückführen ließ. (Quelle: The patrician Texts in the Book of Armagh, ed. und trans. by Bieler 1979, 85).
Angeblich wurde der Turm zu Babel von jenen siebzig chieftains gebaut, die in direkter Linie von ihm abstammten. Nach Meyer-Sickendieck (1996, 83) knüpften Anfang des 20. Jahr- hunderts britische Juden an, um auf dem Gelände von Tara nach der verschollenen Bun- deslade zu suchen, natürlich vergeblich. Ein weiterer Grund davon auszugehen, dass Tara eine Art Nationalheiligtum gewesen sein musste.
Auf Grund seiner Herkunft und seiner Erziehung in kontinentalen Klöstern setzte Patrick seine natürliche Überlegenheit mit kluger Berechnung ein. Immer waren es zuerst Könige um die er warb und die er nach und nach für das Christentum gewann. Betrachtet man die Zahl der Kirchen und Klöster die in seiner Zeit entstanden sind, so haben sich sehr viele bekehren lassen. Um 450 AD erschien Patrick auf dem Felsen von Cashel, welcher heute Mittelpunkt eines Bistums ist. Dort taufte er angeblich Aengus (Meyer-Sickendieck, 1996, 42).
Patrick überschritt seinen päpstlichen Auftrag, nämlich sich um die irischen Christen zu kümmern und sie im Sinne der lateinischen Kirche zu organisieren, bei weitem. Das Mönchswesen nahm unter seiner Patronnanz einen gewaltigen Aufschwung. Im größten Ulster-Königreich Emhain Macha gründete Patrick im Jahr 445 die Hauptkirche des Landes unter den Augen der alten Druidenmacht. Es gelang ihm auf einem der ältesten heidnischen Siedlungsplätze rund um Armagh seine Metropolkirche zu gründen. Scheinbar schaffte er das, ohne offenen Bruch mit der heidnischen Vergangenheit der Iren (Nemec-Birkhan, 1989, 190).
Absolut erstaunlich ist die Bedeutung der Askese, welche durch die Christianisierung in Ir- land eine fundamentale Integration in der keltischen Kirche erlangte. Sie geht scheinbar auf das Koptentum zurück. Patrick hielt an dieser büßenden Form der Religiosität fest. Hier möchte ich ein Beispiel der Askese erwähnen, welches bereits seit 1500 Jahren durchge- führt wird. Zwischen Juni und August suchen viele Iren die karge Moor- und Heidelandschaft um den See Derg auf. Auf einer kleinen Bußinsel kasteien sich die Menschen drei Tage lang. Neben Beten und Fasten (es wird nur trockenes Brot und ungesüßter schwarzer Tee konsumiert) werden barfuss eine Reihe von Rundprozessionen durchgeführt. Diese Übun- gen werden immer in Rechtsdrehung (deisal) nach vorchristlichem Kult durchgeführt, nie- mals linksläufig (widdershin) aus Furcht vor schlechter Vorbedeutung, angeblich wird diese Furcht noch verstärkt, weil auf Tara ein Fluch lastet (Nemec-Birkhan 1989, 190).
4.2 Der heilige Patrick und seine Mission in Irland
Beschäftigt man sich mit der Christianisierung von Irland, dann kommt man nicht umhin über den heiligen Patrick zulesen, der bei genauer Betrachtungsweise der Literatur letztendlich auch in dieser Arbeit als Kernperson der irischen Christianisierung hervorgeht. In Irland hatte man scheinbar ein spezielles Gesellschaftssystem, die "tuath-Ordnung" Das bedeutete einerseits eine starke Unterwürfigkeit des Stammesfürsten (a tuath) gegenüber dem Großkönig (great king), dieser wiedrum zum König der Größkönige (king of the great kings) und es bedeutete andererseits eine starke soziale Bindung zwischen den Stämmen (tribals). Das brachte für die Christianisierung folgende Szenarien (siehe Kelly 1988, 1-16):
wenn der tuath den neuen Glauben annahm, folgte ihm generell sein Gefolge prob- lemlos nach
wenn der tuath aber ablehnte, war es unwahrscheinlich, dass sich sein Gefolge ge- gen ihren Chef entschied
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Der heilige Patrick erkannte diese Situation sehr schnell und er folgerte richtig daraus, dass der christliche Glaube und das Priesteramt in Irland von oben nach unten und nicht von un- ten nach oben verbreitet werden musste, so stellt man sich das zumindest heute vor.
Man weiß wenig über den religiösen Glauben und die Kulte vor der Christianisierung von Irland. Es deutet vieles darauf hin, dass der gemeinsame Glaube an die Sonne wahrschein- lich war. Es ist anzunehmen, dass es keine Tempel gab, aber Altäre in der Natur gab und Idole, meist in Form von Steinsäulen, die angebetet wurden. Auch Götter und Göttinnen spielten in der irischen Mythologie eine Rolle. Es gab kein Priesteramt und es gab keine einheitliche Organisation der keltischen Religion, welche als national in Irland hätte bezeich- net werden können. Es ist daher verständlich, dass diese Art von Heidentum nicht lange hätte bestehen können gegen die starken Waffen einer organisierten Religion welche über das römische Europa schwappte. Das Heidentum ist natürlicherweise tolerant gegenüber einem neuen Aberglauben als zusätzlicher Facette. Günstig für die Verbreitung des Chris- tentums wirkte sich die fehlende priesterliche Missgunst aus. Ausschlaggebend dürfte sich die christliche Mystik und Eucharistie ausgewirkt haben. Die Moral des christlichen Glau- bens bzw. die Hoffnungen die er bereitstellte, dürften die heidnische Bevölkerung kaum da- zu veranlasst haben den Glauben zu wechseln. Ein taktisch kluger Zug von Patrick war es, den heidnischen Aberglauben nicht auszurotten, sondern nebenbei bestehen zu lassen. Die verantwortlichen Hauptfiguren für Zauberei und Wahrsagerei in Irland waren die Druiden (siehe Kapitel 5.3.). Die irischen Druiden standen im Einklang mit den gallischen Druiden, allerdings nicht in allen Bereichen. Sie erfreuten sich über ein übernatürliches Können und Wissen, den Fähigkeiten der Dichtkunst und über das Wissen der Rechte und Geschichte ihres Landes. Sie gaben den Königen Rat und unterrichteten deren Kinder. Sie praktizierten Vorhersagen in verschiedenen Formen mit Ruten aus Eibenholz. Die große Ehrfurcht, die Ihnen entgegen gebracht wurde, resultierte natürlich von ihren prophetischen Kräften. Sie konnten Wind aufkommen lassen, die Ebene mit Dunkelheit bedecken und Gegenstände in Nebel einhüllen, sodass sie unsichtbar wurden. Die Druiden bildeten keine Priesterklasse aus und in ihren Funktionen dürften sie eher Auguren gewesen sein. Ihr Äußeres war cha- rakteristisch. Sie rasierten sich die Köpfe von einem Ohr zum anderen. und trugen weiße Kleider. Es war natürlich klar, dass die Druiden nicht erbaut waren über die neue Religion, die ihre Positionen existentiell bedrohte. Die Kunst der Wahrsagerei und die Zauberkräfte wurden vom neuen Glauben verdammt. Die Gegenwehr der Druiden war aber nicht sehr effektiv, da sie nicht national organisiert waren. Patrick hatte erkannt, dass es ein Vorteil für die Verbreitung der christlichen Kirche sei, wenn man den Dämonen der aktuellen heidni- schen Macht Achtung schenkte und auf derselben intellektuellen Ebene agierte. Der Glaube der irischen Heiden an ihre Dämonen erforderte eine besondere Institution seitens der Christen. Es wurden also Exorzisten ausgebildet. Deren Aufgabe war es, die Teufel an den neu getauften auszutreiben. Patrick hatte immer Exorzisten in seinem Gefolge, diese waren äußerst wichtig für das Überreden der abergläubischen Heiden. Somit war es möglich den heidnischen Zauberern auf gleicher Ebene zu begegnen, da diese ja an die Zauberei glaub- ten. Patrick war wie die Heiden völlig überzeugt, dass die Kraft der Druiden real war. Er wusste aber auch, dass die Kräfte und Mächte der Druiden streng limitiert waren, wobei die Kraft seines Gottes grenzenlos war. Patrick hätte nie zu einem irischen Druiden sagen kön- nen: "Dein Zauber ist Betrug, dein Zauber kann keinen Geist heraufbeschwören oder die Kräfte der Natur kontrollieren und du kannst nicht vorhersagen was kommen wird!" Er würde gesagt haben: " Ja, du kannst solchen Zauber mit der Unterstützung der bösen Mächte ma- chen, aber jene bösen Kräfte sind Teil von den guten Kräften, deren Religion ich predige!" (Quelle: The Life of St. Patrick and his place in History, Bury, 1971, 77-79).
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Ein wichtiger Punkt bei der Christianisierung durch Patrick war die mentale Zustimmung der christlichen Priester zu den heidnischen Druiden, hinsichtlich deren Glauben an die Wirk- samkeit der Zauberei. Ein nicht unwesentlicher Punkt bei der Verbreitung des christlichen Glaubens dürfte aber auch die Beibehaltung von Mysterien und Riten gewesen sein. Es wä- re nicht denkbar gewesen eine neue theologische Lehre einfach und schmucklos, alleine ausgestattet mit der Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod einerseits und seinen neuen Idealen andererseits über die halbe Welt zu verbreiten (Bury, 1971, 82).
4.3. Die getrennte dogmatische Entwicklung des Christentums in Irland
Ergänzend zur Christianisierung sei erwähnt, dass das irische Mönchtum scheinbar vieles mit dem ägyptischen gemein hat. Wahrscheinlich es sogar von diesem übernommen hat (Löwe 1982 in: Meyer-Sickendick, 1996, 54). Es scheinen wirklich einige Ägypter nach Irland gekommen zu sein. Wissenschaftler wie Graves (1891, 45) oder Wakeman (1891, 123) waren der Meinung, dass es viel mehr direkte Kontakte zwischen Irland und Ägypten gege- ben habe, als man vermuten könnte. Gestützt wurde diese Aussage durch die auffällige Ü- bereinstimmung in der Vielfalt der frühchristlichen, ägyptischen und der frühmittelalterlichen irischen Formen des Kreuzzeichens. Die monastische Bewegung und ihr damit verbundener moralischer Impuls erreichte auf unbekannten Wegen die irische Küste. In weiterer Folge wurde durch die positive Aufnahme dieser Bewegung eine vom Festland getrennt dogmati- sche Entwicklung des Christentums aufgenommen, die sich in der keltischen Kirche wieder fand. Es ist sehr erstaunlich, dass sich am anderen Ende der damaligen Welt, in Irland, we- sentlich mehr an Einflüssen aus dem frühen koptischen Mönchstum erhalten hat als in je- dem anderen europäischen Land. Das koptische Taukreuz, aus dem Anch, dem pharaoni- schen Heils- und Lebenszeichen hervorgegangen, muss sehr früh nach Irland gelangt sein. Auf Tory, einer der unwirtlichsten Inseln vor der Nordküste der Grafschaft Donegal ragt eine dieser fremden Kreuzformen über dem Atlantik auf. Wenn es ein Beispiel für die entsa- gungsvolle Lebensführung des thebäischen Mönchtums im Westen gibt, dann ist es diese klippenreiche Insel (Meyer-Sickendiek 1996, 54).
5. Die keltische Religion in Irland
5.1.Aussersprachliche Befunde in Form von Kultbildern
An dieser Stelle möchte ich kurz, weil es nicht sehr viel darüber zu berichten gibt, auf die Kultbilder eingehen. Hier tritt wiederum das Problem der mittelalterlich-christlichen Sichtwei- se auf. Irisch-keltische Schilderungen vorchristlicher Kultbilder wurden häufig unter Verwen- dung biblischer und patristischer Vorbilder phantasievoll ausgeschmückt. Sie haben daher wenig bis gar keinen religionsgeschichtlichen Quellenwert. Charakteristisches Beispiel da- für, ist die Beschreibung des aus Gold und Silber gefertigten Götzen Cenn Crúach, welcher der Vita tripartita zufolge bis zu seiner Zerstörung durch den Heiligen Patrick umgeben von zwölf weiteren Idolen aus Erz auf der Ebene Mag Slécht gestanden habe (Maier 2001, 126- 132). Im Gegensatz dazu sind die Aussagen antiker Autoren wesentlich aussagekräftiger, da sie sich anhand der Bodefunde überprüfen lassen.
Im Vergleich zu anderen keltischen Ländern gibt es generell in Irland wenige Kultbilder. Sie können mit hoher Wahrscheinlichkeit in die vorchristliche Eisenzeit datiert werden. Als Bei- spiele sind zu nennen:
die Darstellung eines dreigesichtigen Kopfes aus Corleck (Co. Cavan)
eine Steinfigur aus Tanderagee (Co. Cavan)
Skulpturen an den Außenmauern wie im Kapitelhaus der Kathedrale auf dem Hügel
des ehemaligen Ringforts Navan Fort.
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Menhire von Rungleo, von Douzec oder von Waterville (Co.Kerry), nach Hutton (1993, 156-160).
Ob Elemente der vorchristlichen Ikonografie über den Glaubenswechsel hinaus lebendig blieben, erscheint eher zweifelhaft, denn während die frühchristliche Kunst des Mittelmeer- raums in vielfältiger Weise an die Tradition der klassischen Antike anknüpft, kann man ent- sprechende Einflüsse von Seiten der vorchristlichen Tradition in den keltischen Ländern nicht nachweisen. Möglich erscheint es, dass auf irischen Hochkreuzen Szenen aus der vorchristlichen Mythologie abgebildet wurden und mit Hilfe des typologischen Verfahrens im christlichen Sinne umgedeutet worden sind. Es gibt hiefür allerdings keine eindeutigen Be- weise. Als absolut gesichert gilt aber, dass von den knapp 100 identifizierten Bildern, die meisten von den Erzählungen des Alten und Neuen Testaments und einige wenige von Mo- tiven der christlichen Hagiografie inspiriert worden sind. Diese Erkenntnis ist ein Ergebnis der umfassenden Dokumentation von Harbison (1992, 555-576). In diesem Zusammenhang sei noch auf die Steinskulpturen in Irland hingewiesen, die unter der Bezeichnung Sheela- na-Gig bekannt sind. Dabei handelt es sich um Darstellungen unbekleideter, betont unan- sehnlicher weiblicher Gestalten in Frontalansicht, die dem Betrachter mit unmissverständli- cher Geste ihr Geschlecht zur Schau stellen. Man findet diese Skulpturen in Irland vorzugs- weise an Außenmauern, sowohl von Kirchen als auch von profanen Gebäuden. Neuere Un- tersuchungen in stilistischer Hinsicht konnten nachweisen, dass der Typus der Sheela-na- Gig zuerst in Südwestfrankreich und Nordspanien auftritt, von wo aus er nach England und im Zuge der anglo-normannischen Eroberungen nach Irland gelangte. Ihr Ursprung ist daher in mittelalterlich-christlichen Anschauungen zu suchen und steht zweifellos im Zusammen- hang mit generellen Tendenzen der romanischen Kunst, die weibliche Sexualität verächtlich zu machen. Nicht geklärt ist allerdings in diesem Zusammenhang das spezifisch irische Auf- treten dieser Skulpturen außerhalb von Kirchengebäuden, etwa an Burgmauern und Schlossmauern. Man vermutet, dass dabei eine apotropäische Wirkung beabsichtigt wurde, aber es handelt sich trotzdem um ein mittelalterlich-christliches Phänomen, für welche es keine vorchristlichen Vorläufer oder Vorbilder gibt (vgl.Hutton 1993, 156-160).
.5.2. Lebor Gabála Ėrenn
An vorderster Stelle möchte ich den wichtigsten Mythos der irisch-keltischen Religionsge- schichte, die Lebor Gabala (das Buch von der Besitzergreifung Irlands), welche aus der alt- irischen Tradition bekannt ist, zuerst im Buch von Leinster, als erste Redaktion aus dem 12. Jht. (siehe Birkhan 2004, 37-43) auszugsweise wiedergeben. Damit möchte ich einen Ein- blick in die altirischen Glaubens- und Landnahmevorstellungen ermöglichen. In der Lebor Gabala ist von 5 Einwanderungen die Rede. Das Resultat dieser synthetischen Geschichts- betrachtung ist, dass verschiedene Vorfahren der Iren mit dem Namen Eber erscheinen. Welche von der Iberischen Halbinsel, vom Kaukasus, vom Ebro oder aus dem hebräischen Gebiet stammen können. So soll eine der Urmütter der Iren, Scota, eine Pharaonentochter gewesen sein. Die erste Frau die irischen Boden betreten haben soll, war Cesair, eine En- keltochter des Noe.
Die 1. Einwanderung ist die des Partholon aus Spanien. Er landete am 1. Mai (später als Beltaine- Fest bekannt). Partholon hat mit seinen Leuten Irland urbar gemacht, neue Lochs sind damals entstanden. Eine Epidemie raffte alle, außer Tuan mac Cairill dahin. Das war die Strafe dafür, dass Partholon seine Eltern gemeuchelt hatte. Es gibt aber noch eine Al- ternative zur ersten Einwanderung. Cesair, die Enkelin des Noe geht mit ihren Begleitern, außer dem Fintan in der Sintflut unter.Bereits zur Zeit Partholons verheeren die Fomóri unter ihrem monströsen Herrscher Cichol Gri-Cenchos das Land. Sie werden später von Partho- lon besiegt.
Die 2. Einwanderung erfolgte unter Nemed ("der Heilige") und seiner Nemesier aus Spanien (oder dem Skythenland). Nemed ist mit einer der drei Muttergottheiten (Machas) vermählt,
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DI. Mag. Dr. Robert Fischer, 2007, Die keltische Religion in Irland und ihre Beeinflussung durch die Christianisierung, Munich, GRIN Publishing GmbH
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