INHALT
1. Einleitung 3
2. Frauen im Bürgertum des 19. Jahrhunderts
2.1 Ein bewegtes Jahrhundert 4
2.2 Kurzer Umriß der Lebensbedingungen und -chancen
bürgerlicher Frauen 5
3. Die Entstehung der bürgerlichen Frauenbewegung
3.1 „Unsichtbarkeit” und Moralisierung der Hausarbeit
3.2 Die Anfänge der bürgerlichen Frauenbewegung 9
4. Die Bürgerliche Frauenbewegung ab 1871 unter dem Banner der
5. Die bürgerliche vs. proletarische Frauenbewegung 19
6. Anspruch und Wirklichkeit: Der Kampf und die
Errungenschaften der bürgerlichen Frauenbewegung
7. Fazit
8. Literaturverzeichnis 28
Das 19. Jahrhundert ist schon von seinen Zeitgenossen oft das „bürgerliche” Jahrhundert genannt worden. Aus dem freiheitlich gesinntem Bürgertum jener Zeit, dessen Fühlen und Denken von dem Gedankengut der französischen Revolution, des deutschen Idealismus und der Romantik geprägt war, ging eine bürgerliche Bewegung von Frauen hervor, aus der die ersten organisatorischen Zusammenschlüsse von Frauen entstanden.
Die Anfänge der Frauenbewegung in Deutschland reichen bis in die 40er Jahre des 19. Jahrhunderts zurück 1 . Die Frauen kämpften und kämpfen seitdem den langwierigen Kampf um ökonomische, politische, soziale und kulturelle Gleichberechtigung.
Die Frauenbewegung des 19. Jh. war so wenig wie die heutige ein monolithischer Block. Das Geflecht von Strömungen, die sich darin vereinigten und trennten, ist im Einzelnen noch zu erforschen. In aller Vorläufigkeit wird hier die deutsche Frauenbewegung in zwei Epochen aufgeteilt. Zunächst die erste Frauenbewegung von ihren Anfängen bis 1933. In dieser ersten Frauenbewegung gab es zwar viele Richtungen, aber im wesentlichen unterschieden sich zwei Hauptströmungen: die bürgerliche (die ältere) und die proletarische Frauenbewegung. Die zweite Epoche beginnt 1968 und hängt stark mit der Studentenbewegung dieser Zeit zusammen 2 .
Im folgenden wird sich diese Hausarbeit mit den Entstehungsgründen und der Rolle der ersten bürgerlichen Frauenbewegung im 19. Jahrhundert beschäftigen, wobei die proletarische Frauenbewegung immer wieder zum Vergleich und zur Abgrenzung herangezogen werden wird. Ferner soll hier nicht nur die Emanzipationsbestrebungen der Frauen beschrieben werden, sondern auch die Lebensverhältnisse und -chancen von Frauen und Mädchen im 19. Jahrhundert. Denn ohne dieses
1
Nave-Herz, R.: Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland, Mainz 1986, S. 7.
2
Nave-Herz (1986), S. 45.
3
Frauenbewegung nicht nachvollziehbar.
Da das Fachgebiet Frauen- und Geschlechtergeschichte noch jung und relativ wenig erforscht ist, stammen die wichtigsten Untersuchungen zum Thema der Hausarbeit aus den späten achtziger und frühen neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Es fällt auf, daß die überwiegende Literatur zu diesem Thema von weiblichen Autoren stammt. Einen guten Einstieg in dieses Thema bietet die Monographie von Ute Gerhard 3 . Dank der thematisch geordneten weiterführenden Literaturhinweise erleichtert sie dem Leser auch tiefergehende Studien.
2. Frauen im Bürgertum des 19. Jahrhunderts 2.1 Ein bewegtes Jahrhundert
Die Frauen, deren Leben im folgenden genauer untersucht werden soll, gehörten dem Bürgertum an. Dieses begann im 19. Jahrhundert, ein neues Selbstbewußtsein zu entwickeln. Obwohl das Bürgertum eine ganz und gar nicht homogene Gruppe darstellte, gab es dennoch verbindende Elemente wie z. B. den Wunsch, Kapital zu akkumulieren, eine umfassende Bildung zu erwerben und auch politische Partizipation durchzusetzen. Aufklärungsgedanken und die Errungenschaften der
Französischen Revolution Restaurationspolitik des Wiener Kongresses rebellieren, doch der Deutsche Bund begegnete den Modernisierungsversuchen mit beharrlicher Ablehnung. Die Repressionspolitik und die ökonomischen Krisen (z. B. 1846 Hungerkrise, Ende 1847 frühindustrielle Wirtschaftskrise) führten zu Protesten und Aufständen, die schließlich 1848 in einer Revolution gipfelten.
Erst langsam etablierte sich ein Parteiensystem, dem vor allem Besitz- und Bildungsbürger angehörten. Mit der Berufung Otto von Bismarcks zum
3
Gerhard, U.: Unerhört. Die Geschichte der deutschen Frauenbewegung, Hamburg 1990.
4
Hegemonialstreben und die Fixierung auf eine nationale Einigung. Um dieses Ziel durchzusetzen, wurden von 1864 bis 1870/71 mehrere Reichseinigungskriege geführt. 1871 kam es dann schließlich zur Gründung eines vereinten Deutschen Reiches.
In diesem Jahrhundert Modernisierungsgedanken wollte sich das Bürgertum emanzipieren. Es kritisierte, daß bestimmte politische Ämter dem Adel vorbehalten waren und z. B. nur Adlige Offiziere werden durften und formulierte ihre Rechtsansprüche. Das Bürgertum entwickelte in jenem Jahrhundert ein stärkeres Selbstbewußtsein und wollte sich bewußt von der privilegierten Adelsklasse abheben. Bildung, Wohlanständigkeit, Standesmäßigkeit und geordnete Familienverhältnisse wurden zu typischen Kennzeichen des Bürgertums. Der Kampf um die Emanzipation des Bürgertums war ein Kampf sowohl der Männer als auch der Frauen, die Errungenschaften jedoch fielen fast nur zu Gunsten der Männer aus.
2.2 Kurzer Umriß der Lebensbedingungen und -chancen bürgerlicher
Frauen
Die bürgerlichen Frauen hatten in ihrem häuslichen Zuständigkeitsbereich für die Verwirklichung der oben aufgeführten bürgerlichen Ideale zu sorgen. Von ihnen erwartete man, daß sie bei ihren Männern und der Familie auf ein gepflegtes Äußeres achteten, die Wohnung repräsentativ einrichteten und für ein „geregeltes Familienleben“ sowie für „geordnete Häuslichkeit“ sorgten. Das gesamte Leben sollte sich idealerweise nach dem Prinzip guter Bürgerlichkeit richten. Dies galt auch für die Erziehung der Kinder, wobei die erforderliche Mitgift für Töchter bzw. die Ausbildung der Söhne oft eine finanzielle Belastung darstellten.
5
und auf ihre Rolle als Ehefrau vorbereitet. Falls sich aber keine Heiratschance geboten hatte, blieb ihnen nur wenige Möglichkeiten ihren Lebensunterhalt selbst zu finanzieren. Sie konnten Gouvernante oder Gesellschafterin werden. Allerdings war nur geringer Bedarf an diesen Berufen da, denn nur wenige konnten sich diese leisten. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts konnten Frauen auch den Lehrerinnenberuf ergreifen,
wobei sie aber zunächst nur als Hilfskraft für einen männlichen Kollegen eingestellt wurden 4 . Doch selbst diese Berufsmöglichkeit war überfüllt. Allein in Preußen war ihre Zahl zwischen 1825 - 1861 von 705 auf 7366 gestiegen und es gab Fälle, wobei sich auf eine Stelle 114 Bewerberinnen meldeten 5 .
Im 19. Jahrhundert kam es in vielen bürgerlichen Familien zu einer heimlichen Beschäftigung. Heimlich insofern, weil die weibliche Erwerbstätigkeit unvereinbar mit der standesgemäßen Lebensführung galt, andererseits gerade diese Lebensführung zu dem
Beschäftigungszwang führte
6
. Für die Ausbildung der Söhne wurden große Summen geopfert. Die Ausbildung der Söhne war gesellschaftlich betont und damit finanziell sehr aufwendig. Außerdem wurden für die Töchter Geselligkeiten arrangiert, um ihnen die Chance einer „guten Partie” und damit ihre materielle Sicherheit zu gewährleisten. Die Ehen waren für die Töchter überwiegend Versorgungsinstitution, auch wenn eine Ehe aus Liebe durchaus nicht ausgeschlossen war. Da die Heiratsaussichten begrenzt waren, u. a. durch die wirtschaftliche Stellung der Familie, und das Ansehen einer unverheirateten Frau sehr gering war, mußte alles aufgewendet werden, um diesem Los zu entgehen. M. Twellmann schreibt dazu:
„Oft herrschte echte Not in den Familien, der dann in der üblichen Weise durch Sparen und heimlich ausgeführte […] Handarbeiten begegnet werden mußte -
4
Nave-Herz, R.: Die Rolle des Lehrers, Neuwied 1977, S. 9ff.
5 Nave-Herz (1977), S. 13.
6 ebenda.
6
Arbeiten hörte; oft wurden sie auch gar nicht davon in Kenntnis gesetzt, vor allem dann nicht, wenn die Töchter um Geld für eine standesgemäße Garderobe nähten, denn schließlich mußten sie ja doch einen Freier finden
7
”
3. Die Entstehung der bürgerlichen Frauenbewegung 3.1 „Unsichtbarkeit” und Moralisierung der Hausarbeit
Forderte die Führung eines bürgerlichen Haushaltes zu Beginn des Jahrhunderts noch ein erhebliches Maß an Zeit, Umsicht, Voraussehen und körperlicher Leistungsfähigkeit, so wurde gegen Ende des Jahrhunderts die Haushaltsführung durch technische Erfindungen in der Nahrungsmittelzubereitung, Reinigung, Beleuchtung, Heizung usw. erheblich einfacher. Die Vorratswirtschaft schwand immer mehr dahin und viele Produkte wurden nun nicht mehr im eigenen Haushalt hergestellt, sondern von verschiedenen Spezialisten bezogen. Dies alles führte dazu, daß der Haushalt mit weit geringerem Aufwand an Zeit, Kraft und Kunst zu bewerkstelligen war.
Auch büßten die von der bürgerlichen Hausfrau ausgeführten Arbeiten angesichts der produktiven Erwerbsleistungen des Mannes ihre Bedeutung ein und wurden nun „unsichtbar”. Häusliche Arbeit wurde private und unbezahlte Dienstleistung. Im Zuge dieses historischen Entwicklungsprozesses mußten die ehemals annähernd gleichwertigen ökonomischen Fähigkeiten der Frau in „weibliche Natur” und psychisch begründete Geschlechtereigenschaften ideologisch umgedeutet werden. Obwohl die Arbeit der Frauen für das gesellschaftliche Überleben der gesamten Familie unabdinglich war, wurde sie nicht als der männlichen Arbeit gleichwertig akzeptiert. Handarbeit galt als weibliche Neigung und nur im häuslichen Bereich, auf den ihr Wirkungsgrad begrenzt war, konnten die Frauen ihre Kreativität einsetzen.
7
Twellmann, M.: Die deutsche Frauenbewegung -ihre Anfänge und erste Entwicklung, 1843-1889, Meissenheim 1972, S. 27.
7
Quote paper:
Kadir Özdemir, 2002, Die Entstehung der bürgerlichen Frauenbewegung und ihre Rolle im Prozeß der weiblichen Emanzipation im 19. Jahrhundert, Munich, GRIN Publishing GmbH
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