Inhalt
A. Inhalt
01
B. HEINER MÜLLERS DIE HAMLETMASCHINE
Geschichte der Dialektik 02
I. Textlandschaften 02
II. Unendliche Dialektik
II.1 Bedeutungsbewegungen - ein Wortwitz 03
II.2 Utopie - ein Gegensatz 05
II.3 Untereinheiten - über Einheiten 07
II.4 Keine Einheit - der Zusammenhang 11
III. Wortbefreiung 18
C. Bibliographie
2 0
1
HEINER MÜLLERS DIE HAMLETMASCHINE
Utopievorstellung einer unendlichen Dialektik
I. Textlandschaften
Noch vor der Lektüre von Heiner Müllers DIE HAMLETMASCHINE habe ich das Stück in der Inszenierung von Dimiter Gotscheff in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin 1 gesehen. Diese Aufführung, die ich noch des öfteren besucht habe, imponierte mir ungeheuer durch Abstraktion und Beschränkung auf das Wesentliche: Kein Kühlschrank, keine Bandagen, kein Blut, kein Striptease wurden gezeigt, wie in den Regieanweisungen angemerkt. Stattdessen ein großer, schwarzer Bühnenraum, zehn streng symmetrisch ausgerichtete, rechteckige Löcher im Boden, die wie Gräber wirkten, markante Lichtregie und immer nur ein monologisierender Schauspieler auf der Bühne. Und doch alles andere als langweilige Monumentalität: Hier wurde kein Stück gezeigt, sondern ein Text. Gotscheff hatte keine Interpretation vorgenommen, sondern den Text und seine Struktur aus ihrem Bann auf Papier befreit - er präsentierte sie auf der Bühne wie auf einem Silbertablett. Das vorgetragene Wort konnte vollkommen selbstständig wirken und zum einen ganz Müllers „Überschwemmung“ 2 der Zuschauer sein. Gotscheffs Übertragung der textimmanenten Struktur und Form auf Bühnenbild, Aktion und Projektion, ließ den Betrachter den Text jedoch zugleich als „Text-Landschaft“ im Sinne Gertrude Steins verstehen: als Landschaft, die man in Ruhe betrachtet, während man zugleich hineinversetzt wird 3 .
1 Premiere am 8. September 2007 in den Kammerspielen Berlin, mit Valery Tscheplanowa, Dimiter Gotscheff, Alexander Khuon; Regie: Dimiter Gotscheff, Bühne/Kostüme: Mark Lammert, Musik: Bert Wrede, Dramaturgie: Bettina Schültke, Licht: Henning Streck
2 GI, S. 20
3 Stein 1985, S. 25
2
Später habe ich DIE HAMLETMASCHINE gelesen und darin Müllers Form und Struktursprache, seine Fragen und Diskurse, wie sie mir durch die Inszenierung verdeutlicht erschienen, wiedergefunden. Parallel dazu las ich weitere Texte Müllers, sowie Forschungsliteratur und mir fiel auf, dass häufig die Herkunft bestimmter Motive von und Anleihen an Benjamin 4 , Eliot, cummings, Hölderlin, Marx, Artaud, Sartre, Warhol, die Bibel 5 , Nietzsche 6 , Shakespeare 7 und Müller selbst 8 dabei im Mittelpunkt steht (zurückzuführen auf Müllers überbordende Zitattechnik). Was ich jedoch nicht gefunden habe und deshalb hier versuchen möchte, ist eine Analyse von DIE HAMLETMASCHINE möglichst nah am Text, um dessen innere Strukturen aufzuzeigen, in denen sich textimmanente Diskurse spiegeln und die Utopievorstellung einer unendlichen Dialektik reflektiert wird.
II. Unendliche Dialektik
II.1 Bedeutungsbewegungen - ein Wortwitz
Bereits die ersten beiden Sätze des Stücks drücken sie aus, die Bewegung, die im ganzen Text durch permanente Dialektik erzeugt wird. Der erste Satz, „Ich war Hamlet.“ 9 , ruft Assoziationen vom Typus des tragischen Intellektuellen nach Shakespeares Drama Hamlet wach, dessen Titelheld den Inbegriff von Selbstreflexion in der Literatur darstellt. Allein die Nennung von Hamlet lässt Ernst, Tragik und klassische Größe erwarten. Doch was folgt ist: „Ich stand an der Küste und redete mit der Brandung BLABLA“ 10 - eine Persiflage, wie sie größer nicht
4 So z.B. Iversen/Servos 1978
5 So z.B. Kalb 1998 und Jourdheuil 2003
6 So z.B. Girshausen (1) 1978
7 So z.B. Jourdheuil 2003
8 So z.B. Petersohn 1993
9 HM, S. 41
10 Ebd.
3
sein könnte: Während die Anapher „Ich“ im Verhältnis noch harmlos auf die Egozentrik des Helden rekurriert, steht „BLABLA“ quasi als Zusammenfassung für den berühmtesten und meist zitierten Theatermonolog in der abendländischen Literatur. „BLABLA“ verwandelt die Frage des „Sein oder nicht Sein“ 11 in einen Witz. Jedoch steckt in diesem Witz nicht nur Humor, sondern eben auch Shakespearescher Witz, also gewiefter Intellekt, wenn man sich mit der Interpretation weit vorwagt: Sieht man die Parallelsetzung zweier gleicher Silben, die doch ein Wort ergeben, als Bild für die endlose, da ausgewogene, Dialektik, die Hamlets Frage innewohnt, so deutet das scheinbar einfache „BLABLA“ prominent am Beginn von DIE HAMLETMASCHINE an, was meine Analyse aus dem ganzen Text herauszuarbeiten sucht. In diesem Fall muss man noch einen Schritt weiter abstrahieren: Es stellt sich die Frage, ob „Sein oder nicht Sein“, wenn man es genau nimmt, überhaupt eine Frage nach Gegensätzen ist. Erfüllt das Subjekt nicht immer, egal für welche Seite es sich entscheidet, beide gleichermaßen? Selbst nach einer Entscheidung für das „nicht Sein“, muss das Subjekt doch zuerst einmal sein, agieren, um das „nicht [mehr] Sein“ zu erreichen - einmal abgesehen davon, dass die Reflektion nur im Seinszustand möglich ist. Und umgedreht kann sich das „Sein“ nur in Abgrenzung zum „nicht Sein“ definieren. Gleich wie, erfüllt das „Ich“ am Ende doch beide Teile. „Sein“ und „nicht Sein“ sind demnach zwei Gegensätze, die ein und derselben Sache inbegriffen sind, also permanent Gegensatz und Einheit zugleich. Folgt man diesem Gedankengang, so liegt in der Bedeutung des scheinbar nur persiflierenden Wortes und der Dialektik der Welt eine Einheit, deren Kontrast zur alltäglichen Wortbedeutung nicht größer sein könnte: BLABLA.
11 Shakespeare, in: Eyssen Bd.1, S. 396
4
II.2 Utopie - ein Gegensatz
Nach dem Ernst („Ich war Hamlet.“) folgt demnach der Witz und dieser schlägt im Angesicht von Destruktion und Hoffnungslosigkeit auch sogleich wieder um, denn „im Rücken [Hamlets liegen] die Ruinen von Europa.“ Die Hamletfigur steht vor uns, wie Heiner Müllers DER GLÜCKLOSE ENGEL 12 : Hinter ihm schwemmt Vergangenheit an, schüttet Geröll auf Flügel und Schultern, mit Lärm wie von begrabnen Trommeln, während vor ihm sich die Zukunft staut, [... man ...] hört in das Rauschen die Steinschläge vor über hinter ihm niedergehn, lauter je heftiger die vergebliche Bewegung, vereinzelt, wenn sie langsamer wird. Dann schließt sich über ihm der Augenblick; auf dem schnell verschütteten Stehplatz kommt der glücklose Engel zur Ruhe, wartend auf Geschichte in der Versteinerung von Flug Blick Atem, bis das erneute Rauschen mächtiger Flügelschläge sich in Wellen durch den Stein fortpflanzt und seinen Flug anzeigt.
Hamlet, wie der glücklose Engel, weiß hinter sich die Katastrophen der Geschichte, hört vor sich ein Rauschen und steht ohnmächtig, handlungsunfähig, „wartend auf Geschichte“ einen Moment still. Dieser Moment des Innehaltens, einerseits unter Trümmern begraben, doch andererseits in Ruhe, ist der elementare Moment, der die Hamletfigur ausmacht: der Moment der möglichen Erkenntnis. Geschichte hinter sich, Vergangenheit vor sich wissend, wird er sich seiner Mittelstellung bewusst. Er reflektiert, dass die Wahl, eine Entscheidung zu treffen, immer von der Vergangenheit konstituiert wird, aber deshalb auch keine wirkliche Entscheidungsmöglichkeit bedeutet - zumindest keine, die die Katastrophe aufhalten kann, da immer neue Trümmer der Vergangenheit den unaufhaltsamen Fortschritt begleiten werden. Und doch: der Moment der Stagnation ist der alles vereinende Moment in dem durch Ruhe als einziges ein wenig Hoffnung liegt - der Moment vor und nach einer Katastrophe. In diesem steckt die Möglichkeit für das Subjekt, durch Stillstand die Vergangenheit als Ganzes anzunehmen, um wenigstens die Richtung der unumgänglichen Zukunft beeinflussen zu können. 13 Ex negativo exemplifiziert Müller, dass Shakespeares
12 GE, S. 7
13 Vgl. Müllers Geschichtsbild in Verbindung und Abgrenzung zu dem Bertholt Brechts und Walter Benjamins, in: Hörnigk 1989, S. 123-136
5
Arbeit zitieren:
Carolina Franzen, 2008, Heiner Müllers "Die Hamletmaschine" - Utopievorstellung einer unendlichen Dialektik, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Das Genre Kurzfilm als Gegenstand der Literaturwissenschaft und des fr...
Vorschläge für einen handlungs...
Romanistik - Didaktik Spanisch
Examensarbeit, 81 Seiten
Der Regisseur Heiner Müller - Heiner Müller nach der Wende
Hausarbeit, 24 Seiten
Heiner Müller in der Literaturkritik am Beispiel Quartett
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 25 Seiten
"Meine Gedanken sind Wunden in meinem Gehirn": Heiner Müller...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 18 Seiten
Der Einsatz von Filmen im Englischunterricht am Beispiel von "Bra...
Hausarbeit (Hauptseminar), 18 Seiten
Die Frauenfiguren in Büchners Drama 'Dantons Tod'
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 18 Seiten
Common features in contemporary American novels
Hausarbeit (Hauptseminar), 23 Seiten
Eine Geschichte - zwei Realisierungen: "Das Parfum. Die Geschicht...
Mit Ideen für den Unterricht
Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft
Diplomarbeit, 136 Seiten
Das Produkt eines höchst leidenschaftliches Zustandes - Goethes Marien...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 20 Seiten
Raum-Film-Theorie - Zur Bedeutung des Raumes in den filmtheoretischen ...
Hausarbeit, 13 Seiten
Patrick Süskind: Das Parfum - Ein Unterrichtsentwurf für die Sekundars...
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Examensarbeit, 69 Seiten
Das Preußenbild und die Aufklärung - Geschichte der Groteske
Zu Heiner Müllers Stück "...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 14 Seiten
Stereotyping as a phenomenon in intercultural communication
Hausarbeit (Hauptseminar), 13 Seiten
H. G. Wells "The Time Machine" - Ein Vorläufer der Science...
Zwischenprüfungsarbeit, 37 Seiten
Carolina Franzen's Text Heiner Müllers "Die Hamletmaschine" - Utopievorstellung einer unendlichen Dialektik ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Carolina Franzen hat den Text Heiner Müllers "Die Hamletmaschine" - Utopievorstellung einer unendlichen Dialektik veröffentlicht
Carolina Franzen hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare