,,FRATZEN DER SOUVERÄNITÄT"
Wie Überzeugungsarbeit das Politische zerstört
von:
Werner Hanses-Ketteler (Dr.phil.)
Werner Hanses-Ketteler, geb. 1952, hat über ,,Transrationale Denkfiguren bei Hegel"
promoviert (veröffentlicht Frankfurt 1990), als Journalist und im Naturkosthandel
gearbeitet. Zur Zeit lebt er als Verwaltungsangestellter und Schriftsteller in Düsseldorf.
1995 ist der Monolog ,,Hinter den Tagen" - zusammen mit Gudrun Lehmann
(Fotografien) - erschienen.
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INHALTSÜBERSICHT
EINLEITUNG 5
Begriff der Überzeugung 6. - Psychographie 12. - Vorschau 15. Navigationshilfe 35.
Kapitalistische Maschine 37. Zwangsprivatisierung, Disqualifikation der abstrakt-
subjektiven Vermögen (a) Arbeit 38, (b) Begehren 49, Sprache (40).
Transformation Massenkaufkraft in Kommandokapital 41. Wie viele Arme kostet ein
Reicher? 42. Nachtrag Herbst 2008, 44. Postdemokratisches Regime 47.
Performanzterror 48.
ERSTES KAPITEL: LINKS - RECHTS - MITTE 49
Die unmögliche Beziehung der Überzeugung auf das Wahre 50. - Politische
Artikulation, Strömungen 53. - Repräsentation 54. - Normalität, Körperschaft 55.
Staatskörper, Leviathan 57. - Regressive Vergemeinschaftung - progressive
Vergesellschaftung 58. - Zwei Prämissen des Subjekts: das sub-iect ist eine
zerstörte, aber bewohnbare Repräsentation; das Subjekt strebt, das sub-iect
aufzulösen 60. - Geregelte und ungeregelte Entsubjektivierung,
Affektbewirtschaftung 61. ,,radikal" ,,extrem". Der rechte Wunsch 62. - Der linke
Wunsch 63.- Rechtes Paradigma, ,,neue"/extreme Mitte 66. - Nähere Bestimmung
der neuen Mitte 67. - Anhang: Anti=Deutschtum, Vergleich von rechts- und
linksextremer Überzeugungsarbeit 68.
ZWEITES KAPITEL: ARTIKULATION - AFFEKTBEWIRTSCHAFTUNG -
ONTOMSEMIOSE 74
Überzeugung als semiotische Maschine; das Teilen der Überzeugung depotenziert
sie zur Wirkmächtigkeit 74. - Begehren, Abstraktion, Wunschmaschine 75. - Das
Zeichenhafte und seine Zerstörung: Entsubjektivierung, Herrschaftssemiologie 73. -
Das Maschinische 81. - Doppelte Gliederung - a) herrschaftssemiologisch, b) nach
dem hjelmslev'schen Raster 82. -Übertragung des hjelmslev'schen Rasters auf das
Soziale 84. - Überzeugungsarbeit als Demontage des Zeichenhaften 87. - Statt Sinn-
Artikulation Re-Produktion des Sinnlosen (Tauschwert, festgestellte Bedeutung) 88. -
Überzeugungsarbeit als semiotische Maschine, Zusammenfassung 90. -
Artikulationssynthese 91. Affektbewirtschaftung 92. A. Autonome
Affektorganisation, Spinozas Theorie der Affekte 95. Spinozismus als
Ekstasetechnik 108. B. 109. Autonome Affektorganisation ist das Gegenteil von
Überzeugungsarbeit 110. Überzeugungszeichen 111. kLVergemeinschaftung,
Gattungsbestialität 112. C. Öffentlichkeit 120.
DRITTES KAPITEL: ABSTRAKTION - REDUKTION - THEORIE 123
Theorieinstallation: den Begriff der Theorie aufgeben 123. Handeln in Theoremen
125. - Begriff der Abstraktion, Vollzug der Kritik im Unterschied zu reduktiver Analyse
125. - Wie funktioniert eine Theorieinstallation? Paradoxe inszenieren,
Perspektivismus, das Element des Zweifels 129. - Auseinandersetzung mit der
bürgerlichen Philosophie, dh Theorien die das Selbstverhältnis als Besitzverhältnis
denken 130. - Sein und Schein 132. - Abstrakte Subjektivität 76. - Zur Grundlegung
der transzendentalen Egologie, die souveräne Rationalität nach Kant: Wie man frei
etwas beginnt durch reine Vergesetzlichung; Pflichtautonomie rettet das Selbst vor
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der Zerstörung durch das Sinnenhafte 136. - Wie die Person zur Habe kommt durch
Subjektivierung des Intersubjektiven: Hegels Sittlichkeit 139. - Der Wille als
depotenziertes Begehrungsvermögen 144. - Naturrecht der Vernunft,
bevormundende Gerechtigkeit, Letztbegründung durch/als rationalitätserhaltende
Gewalt 145. - Rechtssetzende und rechtserhaltende Gewalt (Benjamin, Derrida) 148.
- Vorrang des Eigentums vor dem Leben; der Ethikkommissar als Spitze der
Subjektivierung 150. -
Theorieinstallation als angemessener Vernunftgebrauch 151, Aufführung der
Theoreme: I Das Zwanghafte vor dem Zwang 152, II das Soziale als
Artikulationssynthese, die abstrakte Subjektivität ist das, was das Intrasubjektive und
das Intersubjektive unterscheidet und verbindet 153, III das Subjekt ist Streben nach
Selbsterhaltung und/durch Entsubjektivierung 155, IV der diffus emotiv-ratiomorphe
Prozess 156, V das Soziale ist Sprache, Sprache komplexeste Involution des
Zeichenhaften 158. - Theorieinstallation gegen Ent=Subjektivierung; das Soziale
eröffnen 160. - Anti-Souveränität; das Recht als reines Gesetz wie Dichotomie von
Setzung und Satzung 163.
VIERTES KAPITEL: AUTONOM - SOUVERÄN - HEGEMONIAL 171
Trugbilder des Sozialen 172- Rekapitulation des Methodenszenarios 173
1. WAS IST POLITIK? Transformation naturwüchsiger Zwänge in soziale
Verbindlichkeit 178- Ausnahmezustand, das Recht des Gesetzlosen 179 - Die
,,Sphäre von Streit, Pluralität und Differenz" (H.Arendt) 181.
2. PHANTOME DES POLITISCHEN: Das Phantom der Souveränität, die
,,Persönlichkeit des Ganzen" und ihre exklusive Regel; Recht - Habe - Selbst 184. -
Kritik des Souveräns 186.
3.DIE PRODUKTION DES SINNLOSEN 188. - Wertvergesellschaftung 194. - Wert
als transzendentaler Schematismus 196. - Geldwirtschaft 199. - Liquidität 201. -
Populismus, ,,-tainment" 205. - Das Phantom der Repräsentation: Statt Delegation
und Vermittlung Aggregat der eingestellten Interessen 208. - Unterscheidung reiner
von herrschender Gewalt, Setzung und Satzung 209. - Zerstörte
Repräsentation/realisierte Abwesenheit und Souveränität als wahnhafte
Vergegenwärtigung und ideelle Totalität 213. - Majorität: ein Selbst, das herrlich
niederkommt 214. - Das Phantom der Immanenz, Schöpfung machen (Hardt/Negri)
statt ,,in der Immanenz sein" 217. - Immanenz/ kapitalistische Maschine 218. -
Pseudo-Immanenz der öffentlichen Überzeugungsarbeit ,kollektive Synthesis der
Apperzeption; End-Stellung des Zeichenhaften durch Ausschluss sozialer
Interpretanten 220. - Das Phantom der Produktion: Produktion des Sinnlosen,
Selbstbeherrschung, herstellende Gewalt 226. - Das Phantom der Dialektik 228. -
Affektbewirtschaftung 230. . Vermögensbesitzergesellschaft, Resümèe. - Produktion
des Konsumismus 231. - Gläubiger-Schuldner 232. - Markt als regelhaft verdeckter
Ausnahmezustand/Lager 236. Massendemokratie 237. - Das Phantom der
Gerechtigkeit 240. - Ausnahmezustand (Agamben) 242. - Das Recht in Mitteln und
Zwecken 244. - Gerechtigkeit und Recht sind sich fremd 245. - Reaktivwerden der
kapitalistischen Maschine 246. - Corporativ performieren 247.
Massenhaltergesellschaft 250.
4. HEGEMONIE der Produktionsweise. Der Hegemon gebietet die Produktion des
sinnlosen.Tendenzen: 1) Die Produktion wird immer zwanghafter und absurder 253.
Affektbewirtschaftung 254. - 2) Der Übergang ins postdemokratische Regime wird
immer wahrscheinlicher 256.- Zwangsprivatisierung 257. - Kult und Krise des
Privaten 258.- Kriegsökonomie, mititärisch-industrieller Komplex 259. Neocons
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260. - Bullshitting 261. - Gramscis Hegemonie 268. - Angelsächsische Weltordnung
und neueste asiatische Produktionsweise 267. - Best practices der analytischen
Philosophie 268. - Satzverfassung und Regimewechsel 269. - Best practices des
Calvinismus 274. - Postdemokratisches Regime. - Freihandelszone 280
EXKURS: Was ist Dialektik? Investiton des abstrakt-subjektiven Vermögens,
Reflexionsüberschuss durch Rekursion 283: - Kants transzendentale Dialektik 284: -
Transzendentaler Schematismus Entziehen unbestimmter Zeit 286. ,,als
zugleich überhaupt" 287. Hegels Dialektik 288. 1. Variation: ,,Die Substanz ist als
Subjekt bestimmen." 290. 2. Variation: ,,Alles Vernünftige ist ein Schluss." 296.
Marx 299. Die Wertsubstanz wird als Kapital bestimmt 301. Kapital als Produkt
der bürgerlichen Verfasstheit 307. Auslaufmodelle (Adorno 308, Lukacs 309).
Moderne Zivlisation: Resultat einer Fehlinterpretation des Stoffwechsels zwischen
Mensch und Natur 310.
FÜNFTES KAPITEL: TUGEND - TERROR - KONFORMISMUS 312
- Credo-Machen/ Gewissen abschaffen 314. - Konsumismus heißt, asketische Ideale
zu leben 317. - Terror aus Koinzidenz von Tugend und Konformismus, der
Selbstmordattentäter als Fratze des Souveräns 319. - Wie funktioniert Terror? Drei
Formeln:1. kein Terrorismus ohne Öffentlichkeit 321. Den Tod vollziehen, der
schon stattgefunden hat 323. - Was ist pöbelhaft? 325 -
2. Das ,,erwählte Trauma", eine paranoide Analyse bewerkstelligen 325. - Exkurs
über Bush & Schreber 323. - Töten als inneres Erlebnis (Sofsky) 330. - 3. Erzeugen
einer totalen Gegenwart 332. - Produktion des Sinnlosen zur Überzeugungsarbeit
gesteigert; das Unverfügliche ausschalten 333. - Semiotische Maschine 338.
Überzeugungszeichen 339. - Fundamentalismus als Konfusion rechtsradikal-
linksextrem; das Begehren nach dem Grund 342. - Das Schisma des Grundes 344. -
Ein neuer Einsatz für das Politische 345. - Nietzsches Kritik des Souveräns. Das
Individuum resultiert aus Nachleiden. Ein singuläres Gattungswesen 346. - Die
Unglaubwürdigkeit jeder sozialen Verbindung 347. - Apollinisch-dionysisch, ,,Kräfte in
strenger wechselseitiger Proportion, nach dem Gesetz ewiger Gerechtigkeit",
radikales Handeln, gelingende Konstitution 349. - Die Gerechtigkeit entstammt der
Maßlosigkeit des Leidens; die Unablösbarkeit der Maske 351. - Gerechtigkeit und
Täuschung 352. - Schisma des Grundes, doppelte Unergründlichkeit 353. - ,,Wir
Guten" kennen keine Zensur 354.
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EINLEITUNG
Eine Überzeugung verbreiten zu müssen, heißt, ihre Unglaubwürdigkeit zu
reflektieren, sowohl als Individuum wie als Gruppe. So weit sich dieser
Unglaubwürdigkeit bewusst zu sein, dass der Zweifel an dem, wovon man sich erfüllt
glaubt, durch Überzeugungsarbeit unterbunden und dieses Unterbundenhaben
offensiv kommuniziert werden muss. Wenn Wahrheit ,,der Anfang des Gedankens ist"
(Hannah Arendt) und nicht das Resultat, heißt das aber: Sie ist kein Besitz, den man
verfügt und durch Überzeugungsarbeit anderen eintrichtert, die es sich notgedrungen
zueigen machen und das unaufgelöst Zweifelhafte, durch Bekundung, Allianz,
Fortzeugung ausagieren. - Eben dies ist aber Realität. Der deprimierende
Konformismus, die schleichende Entpolitisierung der (und durch die) politischen
Akteure und ihrer Gläubiger vor den Empfangsgeräten, die wahnhafte
ausschließliche Rückwendung auf die Erwerbsnatur, die Auffassung des Politischen
als Mangelverwaltung ... offenbaren nicht nur die gänzliche Abwesenheit von
politischer Philosophie, sondern vor allem die Abwesenheit eines originär politischen
Willens, dem die Konstruktion und Konstitution der Gesellschaft als des Künftigen
noch Thema wäre. Also eine ,,Überzeugung" im traditionellen Sinne oder eben besser
gesagt: Eine Einstellung, die nicht das Präfabrizierte austrägt, um zu verifizieren, was
als besessene Wahrheit oder Besessenheit durch ,,Wahrheit" vorab fix und fertig
sein soll, faktisch aber sich verwechselt in den Zwang, als Akteur im einschlägigen
Milieu seine performance zu definieren als Bedingung der Möglichkeit überhaupt,
eine politische Ansage zu machen.
Insofern dies nicht etwa nur eine soziale Pathologie ist, die immer verbreiteter
auftritt, sondern die ,,kollektive Synthesis der Apperzeption" betrifft, so liegt darin ein
entschiedener Bruch - schwer zu erkennen, weil es immer Korruption, Intrigen und
das ganze große Arsenal der `guten alten' Doppelmoral gegeben hat - mit der
traditionellen und für sich bereits krisenanfälligen bürgerlichen Demokratie. Als ein
von und durch sich selbst unbeherrschbarer, sich als solcher - Scheinkörperschaft -
in die Einzelnen partikularisierender Mechanismus unterliegt das post-moderne
politische Konstrukt, das, wodurch ehedem Vermittlung von Individuum und
Gesellschaft hatte sein sollen, nach meiner Hypothese dem Regress auf Selbst-
Erhaltung in einem Maaße, das die moderne Gesellschaften charakterisierenden
Disötinktionen zu löschen droht. Dieses Verlangen, in dem jegliches singuläre
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Begehren gebannt ist, in dem es um Vergemeinschaftung nach Art vorsozialer
Verbände geht, ist für den Einzelnen wie für die Gruppe, für die Regierenden wie die
Regierten das gleiche. Insofern besteht nicht nur trotz, sondern gerade auch durch
die Zerstörung und Rekonstruktion aller möglichen Formen von Souveränität, trotz
den kleinen Unterschieden - wie viel oder wenig Sozialdumping, Umweltschutz,
Militärdienstleistung - zwischen Anführern und Abführern tiefe, geradezu liebende
Einvernahme. Dem grauenhaften Konformismus des Souveräns, seiner niederen und
erniedrigenden Beweggründe geht diese Untersuchung nach. Für sie gilt wie für
jeden Gedanken - und für jede singuläre Existenz, die im besten Sinne ja auch ein
Gedanke ist -, dass die Beziehung auf Wahrheit in ihrer Verfolgung verloren gehen
kann. Die Wahrheit ist so gesehen eine Art Kredit, den man beim Schicksal nimmt,
das Vertrauen auf die Glaubwürdigkeit der eigenen These und dass in dieser
Setzung etwas zur Wirklichkeit kommt, was die Satzung bislang unterschlagen hat.
Sie ist kein Besitz und kein Fabrikat, weder durch Verallgemeinerung automatisch zu
erstellen, noch durch elitären Vorbehalt.
Die Überzeugung, in der das biologistisch-obsessive Sich-Fortzeugen, das
eschatologisch-obsessive Zeugnisgeben und das penetrant-souveräne Zudreschen
mit Argumenten, deren Valenz im Wiedergekautwerden besteht, beiherspielen, fasse
ich auf als semiotische Maschine. Überzeugungsarbeit ist so das Austragen und
Abhandeln oder Hinweghandeln des Zweifels nach außen wie nach innen, eigentlich
genau das Gegenteil von dem, was man gemeinhin sich so als 'eine Überzeugung
haben' denkt oder auch etwas anderes, als mit rhetorischen Mitteln einen
vorwaltenden Zweck zu verfolgen. Eine Überzeugung haben sowohl im politischen
wie weltanschaulichen usw Sinn hieße also, sich etwas Entsprechendes
herbeizureden oder herbei zu propagieren oder zur Not herbeizubomben; das `zur
Not herbeibomben' macht spätestens klar, wie die Not dabei den Besitzer wechselt
und mit welcher Heftigkeit sich die Träger des explosiven Zweifels davon entlasten;
und wie das Gewicht der Lüge, das aus angemaßter Wahrheit rührt, sie in den
Abgrund, dorthin reißt, wo tatsächlich kein Grund zu finden ist. Ist dieses Phänomen,
das vom populistischen Tagesgeschäft bis zum fundamentalistischen Wahnsinn
reicht, aber neu? Hat es nicht immer Überzeugungsterror gegeben?
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Neu ist dass entgegen dem traditionellen Glauben, der gegründeten Ansicht, der
felsenfesten Meinung, der eher verborgenen Gesinnung, mit der man hinter den Berg
hält, die Überzeugung ein Subjekt hat, das in der Überzeugungsarbeit eine
Nicht=Souveränität zwanghaft austrägt. Dies betrifft soziale Gruppen, deren
mentalitätsgeschichtliche Konstanz, deren Herrschafts- und Besitzformen,
Gebräuche, Anschauungen keine internen Konfliktbewältigungen mehr zulassen, die
keine Lösungen, Aufhebungen mehr kennen, sondern nur noch das Delegieren und
Propagieren innerhalb eines zur Totalität verklärten Diskontinuums. Nicht dass es
jemals eine funktionierende Vermittlung gegeben hätte, vielmehr manifestiert sich
diese Nicht-Vermittlung immer bedrängender. Manifestieren heißt, dass sie sich über
die subjektiven Betreiber in ein imaginiert körperschaftliches Handeln entlastet,
aufwiegt, austrägt, durch den sich der unerträglich gewordene Scheinleib des
Souveräns entsetzt. Das körperschaftliche Handeln konstituiert soziale Einheiten,
welche als organismische Projektionen erfüllt, besessen und immunisiert werden
sollen gegen das, was ihren Zusammenhang immer von innen bedroht: Die
Bedrohung rührt aus der Unhaltbarkeit und Unbegründbarkeit des Anspruchs, eine
unterworfene Körperschaft, welche man zunächst `selbst` ist oder als das je eigene
`Selbst' haben soll, so zu dirigieren und zu bewirtschaften, dass sie vollkommen ist,
perfekte Erscheinung, reibungslose Funktion, gänzliche Autonomie durch und sogar
von sich selbst. - Die Not, die sich darin bekundet, ist Anlass und Ergebnis
paranoischer Analyse
Paranoische oder paranoide (eine paranoische Situation fixierenden) Analyse kreist
um das Selbst der Zerstörung (personologisch wie gruppenegologisch). Es geht
darum, den inkorporierten Feind außen zu finden, ihn zerlegen - spalten, entschärfen
..., verschieben, wiederholen können (neue Bindungsenergie durch gewissen
Abstand finden); dies betrifft sowohl die Passion des zum trockenen
Überzeugungstäter wiedergeborenen `Redneckdröglers' wie sich unter dessen
Paradigma subjektivierende Gruppen. Man erlebt, wie aus dem inneren
Schweinehund der äußere Verfolger entsteht durch das Opfer (das der
Redneckdrögler bringt) und das Geopferte (den Heiland, Marterleib). Das Leben wird
eine anhaltende Freudlosigkeit, die der Erbsünde geschuldet ist, diese Schuld trägt
man ab, indem man sie generalisiert. Niemand scheint so viel Spaß am töten zu
empfinden wie Fundamentalisten. Die paranoische Analyse überformt das Politische
vom Typ westlicher Demokratie durch eine post-souveräne Scheinkörperschaft, formt
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sie durch technokratische, in immer neuen ,,Sach"zwängen aufgerechnete Gewalt
nach Innen und diffuser, entidfferenzierender Gewalt nach Außen. Der sog. ,,Krieg
gegen den Terror" (das Dispositiv Petrodollarterrorismus) verwirklicht im größten
Maßstab paranoische Analyse:
1. Durch Entdifferenzierung mittels der Aufhebung der Grenzen zwischen Innen und
Außen, die globale Bedrohung evoziert eine Ausnahmezuständigkeit, die de facto
innerstaatliche wie multilaterale Legalität beseitigt; durch eine Art translegale
Militärpolizeigewalt, die in oder als diese Ausnahmezuständigkeit agiert.
2. Durch die Reduktion - Rückführung, Verengung - auf einen unfassbaren -
absurden, unhaltbaren, extrem(istisch) verkürzten - Gegensatz von Freund-Feind,
Selbst und Verfolger; die Entdifferenzierung, die rational aufzufassen ist als
Beseitigung von Produktionshemmnissen aller Art, und die Zentraldichotomie als der
andauernde Versuch, das Unverfügbare mittels herstellender Gewalt auszuschalten,
versichern
3. Eine (sinn- oder `geschickhaft') beschwerte Gegenwart, die vorzüglich die Existenz
des paranoiden Selbst betreffen, das Wiederholen der Exklusion des negativ
Gesetzten und der Inklusion des positiv Anverfügbaren durch eine Satzung, die man
exklusiv zu handhaben weiß. - Entdifferenzierung im Zeichen oder besser im Nicht-
Zeichen oder im fixierten Hyperzeichen eines imaginierten absoluten Gegensatzes
betrifft auch die Entmischung - Homogenisierung - heterogener ökonomischer,
triebökonomischer, `weltanschauungsökonomischer' usw Initiativen, welche die
materiellen Realitäten im Modus ihres Verschwindens je schon hintergangen und
durch wesenhaftere Prozesse entgründet haben.
Dies ist kein Phänomen sozialpathologischer Art von dem die Normalen
ausgenommen wären, sondern steht im Zentrum oder ist der Hauptantrieb des
Normal-Werdens. Ein perfekt eingerichtetes Sein, das ganz wesentlich ist, wenn es
ganz in die Erscheinung tritt, dessen Wesenlosigkeit in der Güte seiner Erscheinung
verschwindet. Das mithin alles eliminiert, was doch der Existenz ein Herausragen
und Bleiben geben soll. - Zum anderen ist dieses Verhalten nicht als das individuelle
eines oder zahlloser sozialer Wesen zu erklären, sondern es bildet oder reproduziert
einen Indifferenzbereich, der das Trägersubjekt bereits so weit entdifferenziert hat -
indem es das Vermögen, das Intersubjektive und das Intrasubjektive
auseinanderzuhalten aufgegeben hat -, dass es automatisch körperschaftlich handelt
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(denkt, phantasiert, agitiert), sich in einem Intermedium imaginärer oder imaginierter
Zuständlichkeit und Zuständigkeit bewegt ohne dieses verlassen zu können oder zu
wollen. Aus einem Phänomen, das man vordem als soziale Pathologie hätte
beschreiben können, wird ein Massenphänomen, durch das sich gerade die
Oszillation zwischen Krankhaftem und Normalem jeweils neu normiert oder in einer
jeweils neuen Normalität aktualisiert, zu der es kein inneres Korrektiv mehr gibt.
Leute, die sich noch mühen ihre Zeit in Gedanken zu fassen, haben dazu passend
die immer wieder bestürzende Erfahrung, dass die Kritik vom Kritisierten auf dem
Wege einstweiliger Affirmation je schon überholt worden ist. All dies halte ich für
`Spät'folgen der verheerendsten Modernisierungsbewegung, die das 20. Jahrhundert
im deutschen Nationalsozialismus zutage gefördert hat.
Ein Aggregat von Operationen, deren Zustand und Zuständigkeit das Austragen
von Zwang ist, Produktion von Credo. Emphatisch gesprochen zeigt sich darin der
Verlust einer Beziehung auf Wahrheit, die unverfüglich ist oder extrapropositional, die
nicht diesseits gemacht, verallgemeinert oder jenseits vermutet, behauptet,
vorenthalten wird. Eine Wahrheit, die in dem Vermögen das Richtige zu tun - zu
urteilen und zu verantworten im und durch Handeln - sich nicht erschöpft, es aber
auch nicht transzendiert. Urteilen aufgefasst als Unterscheidungen treffen können,
die ein anderes Licht geben, Schlüsse zu ziehen, die im positiven Sinne - eine
Existenz bekräftigen - das Singuläre aus dem ausschließen, was allen gemein ist.
Verantworten, das ein Antworten auf das Problem des Zusammenlebens der Vielen
ist, deren Vielheitlichkeit gegen die Deformation durch Herrschaft (Gewalt,
Ausbeutung ...), die immer im Phantom der Souveränität gründet als der einem
Selbst verliehenen Verfügungsgewalt.
,,Überzeugungsarbeit" nenne ich den strukturellen Zwang zur Lüge (nebst
Entsorgen eines Bewusstseins diese betreffend) um des Erhalts der Selbst-
Herrlichkeit willen. Die Selbst-Herrlichkeit oder das, was seine Souveränität
exekutiert, gründet sich auf den Gemeinplatz oder dem Territorium, wo die Vielen
Objekt werden, oder ergründet sich am Wissen um Ursache und Wirkung, an der
Regel, die sich dem Vorschein verwahrt, in der monologischen Reduktion des
Sichtbaren auf einen idealen Grund, der durch Idealität gründlich und im Gründen
wie im Gründungswissen ideal wird.
Zum Märchenschatz der Gegenwart gehört das Märchen von der großen
Unübersichtlichkeit, welches das Märchen von der transzendentalen Obdachlosigkeit
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