Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung S 1
2. Motive E T A Hoffmanns S 2
3. Aufbau der Erzählung Der Sandmann S 5
S 5
3.1 Nathanael als Erzähler
S 7
3.2 Clara als Erzählerin
S 7
3.3 Der Erzähler
4. Rolle des Tempus S 10
5. Multiperspektivität S 11
S 11
5.1 Bewertungsansätze
S 13
5.2 Realität und Wahnsinn
S 15
5.3 Beispiel: Die Darstellung des Wahnsinns
6. Fazit S 17
Quellenangabe S 19
Literaturangaben S 19
1. Einleitung Das Nachtstück „Der Sandmann“ gleicht einem verschwommenen, unscharfen Portrait. 1 Dies
ist allerdings kein Mangel in der Gestaltung, sondern wurde mit vielfältigen Mitteln und erzählerischen Kniffen von E.T.A. Hoffmann ausgearbeitet. In dieser Hausarbeit wird diese Vorgehensweise systematisch betrachtet und auf ihre Wirkung hin überprüft. Die zentrale Fragestellung der Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Problem, inwieweit die unheimliche Wirkung der Erzählung „Der Sandmann“ bereits in der Erzählweise angelegt ist.
Zuerst werden der Autor selbst und seine Motive im Mittelpunkt der Analyse stehen. Hierbei sollen grundlegende Prinzipien herausgearbeitet und in einem zweiten Schritt die wichtigsten Änderungen im Vergleich mit der ersten Fassung des Stückes aufgezählt und auf ihre Wirkung hin erklärt werden.
Der zweite Unterpunkt widmet sie dem Aufbau des „Sandmannes“, womit die verschiedenen Erzählformen und ihre Perspektiven gemeint sind. Nacheinander werden die Passagen von Nathanael, Clara und dem eigentlichen Erzähler behandelt und auf ihren Effekt hin überprüft. Dabei soll vor allem die Reihenfolge der verschiedenen Erzählstile, dass beispielsweise der Brief Nathanaels den Beginn des Stückes markiert, dargestellt und erklärt werden. Der Tempuswechsel wird nach diesen grundlegenden Erörterungen in einem gesonderten Abschnitt aufgegriffen und gedeutet. Auch er hat eine besondere Funktion für die unheimliche Wirkung des Stückes.
Der Schwerpunkt der Betrachtung liegt allerdings in der eher verdeckten Multiperspektivität, die für das Leserverständnis einige Schwierigkeiten bereitet. In diesem Abschnitt wird einerseits geklärt, auf welche Bewertungsansätze sich der Leser im Bezug auf die einzelnen Figuren stützen kann, andererseits wird der Wechsel zwischen Realität und Wahnsinn ausführlich mit mehreren Beispielen erläutert und erklärt werden. Die Darstellung der Wahnsinnsanfälle Nathanaels stellen dabei im Stück eine besondere Herausforderung für die erzählerische Gestaltung dar. Mit der ausführlichen Betrachtung der Wahnsinnsanfälle soll detailliert auf die Vorgehensweise Hoffmanns, der das innere Erleben für den Leser greifbar machen möchte, eingegangen werden.
1 Diese Meinung gründet sich auf die im Text beschriebene Absicht des Erzählers ein Portrait zu malen und wird mehrfach in der Sekundärliteratur zum Ausdruck gebracht. Vgl. dazu Calian, Nicole: „Bild – Bildlichkeit, Auge- Perspektive“ in E.T.A Hoffmanns Der Sandmann. Der Prozess des Erzählens als Kunstwerdung des inneren Bildes. In: E.T.A Hoffmann Jahrbuch. Mitteilungen der E.T.A Hoffmann-Gesellschaft 12 (2004), S. 37-51, hier S.45,50.
1
Über das Nachtstück „Der Sandmann“ E.T.A Hoffmann gibt es eine Vielzahl von Sekundärliteratur. Sowohl in der älteren als auch in der neueren Forschung wurde das Werk immer wieder neu interpretiert und behandelt. Die Hausarbeit bezieht sich hauptsächlich auf neuere Literatur zu diesem Thema. Vor allem die Aufsätze von Irene Schroeder und Nicole Calian waren wichtige Interpretationsgrundlagen für diese Hausarbeit. Ältere Aufsätze zu diesem Thema sind zwar ebenso in die Ausarbeitung miteingeflossen, allerdings werden vor allem in der neueren Literatur die für diese Hausarbeit wichtigen erzählerischen Mittel Hoffmanns beschrieben.
2. Motive E.T.A. Hoffmanns
Die Motive und Ziele E.T.A. Hoffmanns mit dem Nachtstück sind vielfältig und daher soll an dieser Stelle nur das für die Hausarbeit Wichtigste herausgegriffen werden. Schon zu Beginn des Nachtstückes benennt der Erzähler ein Ziel seiner Geschichte über Nathanael: Das Darstellen seines inneren Erlebens. „Und nun wolltest du [Leser] das innere Gebilde mit allen glühenden Farben und Schatten und Lichtern aussprechen und mühest dich ab Worte zu finden, um nur anzufangen.“ 2 Hier lässt sich Hoffmanns Motivation klar erkennen. Mit dem Nachtstück „Der Sandmann“ sollen die inneren Erlebnisse, Zustände und Emotionen von Nathanael nicht nur dargestellt, sondern für den Leser erlebbar gemacht werden. 3
Das innere Erleben weicht von der Realität ab und ist oftmals nicht logisch aufgebaut. Gerade Nathanael nimmt durch seine Psychose und seine Wahnsinnattacken seine Umwelt oft irrational und gepaart mit Emotionen wahr. Diese Brüche mit der Realität hat Hoffmann konkret in den Handlungsverlauf eingearbeitet.
2 Hoffmann, E.T.A.: Der Sandmann. Stuttgart: 2003, S.18. Im Folgenden werden ich Zitate aus der Quellenliteratur nur noch mit der Seitenzahl direkt hinter dem Zitat kennzeichnen.
3 Vgl. Schroeder, Irene: Die Rede vom Farbenglanz des inneren Bildes. Darstellungen abweichender Wahrnehmung und ver-rückten Erlebens anhand von E.T.A Hoffmanns „Der Sandmann“. In: Akten des X. internationalen Germanistikkongresses Wien 2000 „Zeitwende- Die Germanistik auf dem Weg vom 20. ins 21. Jahrhundert“. Hg. v. Peter Wiesinger. Bd. 10. Bern: 2003 (= Jahrbuch für internationale Germanistik Reihe A Kongressberichte, 62), 251-260, hier S. 251-252.
2
Ein Beispiel dafür ist die Passage um den Tod des Vaters: „Vor dem dampfenden Herde auf dem Boden lag mein Vater tot mit schwarz verbranntem grässlich verzerrtem Gesicht, um ihn herum heulten und winselten die Schwester- [...] Als man nach zwei Tagen darauf meinen Vater in den Sarg legte, waren seine Gesichtszüge wieder mild und sanft geworden, wie sie im Leben waren.“(S. 11) Dieser Abschnitt aus Nathanaels Brief zeigt deutlich seine irrationale Wahrnehmung. Sein Vater kann nicht mit einem verbrannten und verzerrten Gesicht gestorben sein und zwei Tage später mit sanften Gesichtszügen begraben werden. Eine ähnlich irrationale Stelle im Text ist die Rettung Claras vom Ratsturm. 4 Die verschlossenen Türen auf einer öffentlichen
Aussichtsplattform machen an dieser Stelle kaum einen Sinn. Im Text lassen sich noch mehr solcher Ungereimtheiten finden, die gezielt von Hoffmann eingearbeitet wurden. Diese Passagen wirken auf den Leser irritierend und verunsichernd und unterstützen damit die bedrohliche und unheimliche Atmosphäre des Nachtstücks. 5
Die Ratsturmszene ist nicht nur aufgrund der geschlossenen Eingangtüren unklar. Gerade der Wahnsinnsanfall und der darauf begründete Tod Nathanaels ist in der Sekundärliteratur umstritten. Hoffmann änderte den Handlungsverlauf nach der Rettung Claras in der zweiten Fassung des Nachtstückes ab. Ursprünglich wurde Nathanael von Coppelius in den Tod getrieben:
„Nun raste Nathanael herum auf der Gallerie, da rief eine widerwärtige Stimme von unten herauf: Ey Ey- Kleine Bestie- willst Augen machen lernen- wirf mir dein Holzpüppchen zu!- [...]-- es war das klein grau Thürmchen [in der zweiten Fassung als grauer Busch gezeichnet] was Clara geschaut- aber nicht ein Thürmchen- der Advokat Coppelius stand da unten am Thurm und schaute und rief herauf- Nathanael erblickte den Coppelius und lachte: haha- Sköne Oken [...] - Und damit sprang er übers Geländer!-″ (S. 47) In dieser ersten Fassung treibt Coppelius Nathanael direkt in den Tod, bei der überarbeiteten Fassung ist er zwar auch vor Ort und spricht mit den umstehenden Schaulustigen, jedoch nimmt er keinen Kontakt zu Nathanael auf oder treibt ihn gar mit seinen Rufen in den Tod. Hoffmann hat also absichtlich diesen Beweis, dass Coppelius der Sandmann ist, herausgenommen. Der Leser bekommt so am Schluss des Textes keinen Hinweis mehr auf den Zusammenhang zwischen Coppelius und dem Sandmann. Vielmehr wird dessen Rolle weiter verschleiert und die Figur gewinnt zusätzlich an unheimlicher Wirkung. 6 4 Vgl. S. 41.
5 Vgl. Küpper, Achim: Aufbruch und Sturz des heilen Textes. Ludwig Tiecks Liebeszauber und E.T.A Hoffmanns Sandmann: Zwei „Märchen aus der neuen Zeit“. In: E.T.A Hoffmann Jahrbuch. Mitteilungen der E.T.A Hoffmann-Gesellschaft 13 (2005), S. 7-28, hier S. 20-22.
6 Vgl. ebd., S. 22-23.
3
Hoffmann will den Leser durch die gezielt widersprüchlichen Informationen und das Herausnehmen von wichtigen Hinweisen verunsichern. Dies zeigt sich besonders deutlich in der Schlussszene des Stückes, die von Hoffmann im Vergleich der beiden Fassungen erheblich verändert wurde. 7
Fraglich ist nun die Interpretation dieser Schlussszene durch Sigmund Freud: „Der Schluß der Erzählung macht es ja klar, daß der Optiker Coppola wirklich der Advokat Coppelius und also auch der Sandmann ist.“ 8 Einen Beweis für den Zusammenhang zwischen den drei Figuren durch diese Textpassage sehe ich gerade in der endgültigen Fassung nicht, vielmehr wurde diese Verbindung zusätzliche durch die Abänderungen verwischt. Bronfen 9 geht sogar so weit, von einer „Fehlerinnerung Freuds“ 10 zu sprechen, der übersieht, dass Clara der maßgebliche Auslöser der Wahnsinnsattacke ist: „Freuds Fehllektüre besteht nun bezeichnenderweise darin, daß er das Objekt, das zu Nathanaels tödlichem Sturz führt, falsch besetzt.“ 11 Clara macht Nathanael zwar auf einen grauen Busch in der Menge aufmerksam, der, wie sich herausstellen wird, der Advokat Coppelius ist, allerdings betrachtet Nathanael Clara mit Coppolas Perspektiv und nicht den Advokaten. 12 Die besondere Rolle Claras an dieser Stelle wurde durch die Änderungen von Hoffmann zusätzliche betont und erschweren die Interpretationsansätze in Bezug auf die Todesumstände Nathanaels. 13 7 Vgl. Walter, Jürgen: Das Unheimliche und seine Wirkungsfunktion. Eine rezeptionsästhetische Analyse von E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“. In: Mitteilungen der E.T.A Hoffmann-Gesellschaft 30 (1984), S. 15-33, hier S. 17-23.
8 Freud, Sigmund: Das Unheimliche. In: E.T.A Hoffmanns Leben und Werk in Daten und Bildern. Hg. v. Gabrielle Willkop-Ménardeau. Frankfurt am Main: 1968, S. 7-18.
9 Vgl. Bronfen, Elisabeth: Philosophie der Vernunft, Literatur des Schreckens. Stanley Cavells Lektüren als Cross-Over. In: Profile, Magazin des österreichischen Literaturarchivs der österreichischen Nationalbibliothek 7 (2004), S.68-84.
10 Ebd., S. 81.
11 Ebd., S.81.
12 Vgl. dazu das Originalzitat Freuds in seinem oben genannten Aufsatz über das Unheimliche, der diese Stelle wie folgt paraphrasiert: Oben zieht eine merkwürdige Erscheinung von etwas, was sich auf der Straße heranbewegt, die Aufmerksamkeit Claras auf sich. Nathanael betrachtet dasselbe Ding durch Coppolas Perspektiv, das er in seiner Tasche findet, wird neuerlich vom Wahnsinn ergriffen [...].(S. 11) 13 Auf die besondere Rolle Claras in dieser Schlussszene werde ich im Abschnitt 3.3 genauer eingehen.
4
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Michaela Benner, 2006, Die Erzählstrategie und ihre Wirkung in E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“, Munich, GRIN Publishing GmbH
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