Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung S 1
2. Begriffsgeschichte S 2
2.1 Entwicklung des Mittelstandes S 2
2.2 Definitionsansätze Angestellte S 3
3. Entstehung der Berufsgruppe Angestellte S 6
3.1 Angestellte in der vorindustriellen Zeit S 6
3.2 Angestellte während der Industrialisierung S 6
4. Die Organisation der Angestellten S 9
4.1 Harmonieverbände S 9
4.2 Entwicklung der Verbände im Kaiserreich S 10
4.3. Vergewerkschaftung während der Weimarer Republik S 12
5. Gesellschaftliche Rolle der Angestellten S 14
5.1 Soziologische Betrachtung S 14
5.2 Angestellte als neuer Mittelstand S 16
6. Fazit S 18
Literaturverzeichnis S 20
1. Einleitung
In dieser Hausarbeit wird die heterogene Gruppe der Angestellten in ihrem geschichtlichen Verlauf betrachtet. Die zentrale Frage, die hierbei bearbeitet wird, ist, ob und inwieweit die Angestellten als soziale Gruppe und damit verbunden als neuer Mittelstand gesehen werden konnten. Dabei wird die Gemeinschaft der Angestellten von ihrer Entstehung in der vorindustriellen Zeit bis hin zur Entwicklung in der Weimarer Republik beleuchtet. Für die Zeit des Dritten Reiches und die Rolle der Angestelltenverbände bei der Machtergreifung sowie ihre Neustrukturierung nach 1945 werden lediglich weiterführende Literaturhinweise gegeben, da die Analyse den Rahmen der Hausarbeit überschreiten würde.
Im ersten Schritt werden in der Hausarbeit die beiden Schlüsselbegriffe `Mittelstand´ und `Angestellte´ kurz im Bezug auf die Themenstellung historisch bestimmt und relevante Punkte erläutert.
Die darauffolgenden Kapitel widmen sich den drei Schwerpunkten der Analyse: historische Entwicklung, Organisation und gesellschaftliche Position. Zuerst wird die Entstehung der Angestellten im Verlauf der Industrialisierung betrachtet. Hierbei spielt der historisch gewachsene Sonderstatus des Angestellten, seine Nähe zum Beamtentum und die Abgrenzung zu den Arbeitern eine besondere Rolle. Auf diese Gegebenheiten baut das nächste Hauptkapitel über die Organisation auf. In diesem wird der Aufbau der Angestelltenverbände bis zur Weimarer Republik kritisch beleuchtet und auf seine Funktion für das Selbstverständnis als Angestellter und die öffentliche Akzeptanz dieser Gruppe betrachtet. In diesem Zusammenhang wird ebenso die Rolle der Angestellten als neuer Mittelstand skizziert, um im letzten Hauptkapitel zur gesellschaftlichen Rolle ausführlich und aufgrund verschiedener Analyserichtungen diskutiert zu werden. Hier wird die soziologische Ebene der Angestelltenforschung miteinbezogen und anhand der Untersuchung Coyners 1 zum Konsumverhalten die Angestellten als Mittelstand kritisch
betrachtet. Das Unterkapitel „Die Angestellten als neuer Mittelstand“ beschreibt den Einfluss des Staates auf die Entwicklung des neuen Mittelstandes. Zudem wird hier die weitreichende Argumentation zusammengeführt und in Verbindung mit den unterschiedlichen Tendenzen der Angestelltenforschung gebracht.
1
Vgl. Spree, Reinhard: Angestellte als Modernisierungsagenten., Indikatoren und Thesen zum reproduktiven Verhalten der Angestellten im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, in: Angestellte im europäischen Vergleich. Die Herausbildung der späteren Mittelschichten seit dem 19. Jahrhundert, hrsg. v. Jürgen Kocka (Geschichte und Gesellschaft. Zeitschrift für Historische Sozialwissenschaft, Sonderheft 7), Göttingen 1981, S.279- 308. Spree geht in diesem Aufsatz ausführlich auf die Ergebnisse Coyners ein.
Die Darstellungen und Ergebnisse dieser Hausarbeit gründen sich vorrangig auf die
Studien von Günther Schulz, Jürgen Kocka und Michael Prinz 2 . Kockas Untersuchung zur
Siemens und Halske Telegraphenbauanstalt 3 spielen hierbei eine besondere Rolle. Ebenso
wurden verschiedene Zeitgenössische Autoren, wie J. Wernicke 4 und Carl Dreyfuss 5 ,
herangezogen, um die Argumentation anschaulicher werden zu lassen.
2. Begriffsgeschichte
2.1 Entwicklung des Mittelstandes
Der Begriff „ Mittelstand“ kam erst spät in den aktiven Sprachgebrauch, da es lange Zeit
nicht nötig war, eine mittlere Personengruppe abzugrenzen und als eigene Einheit zu
begreifen. Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde der Begriff „Mittelstand“
Bestandteil des aktiven Sprachgebrauchs und somit der Umgangssprache. 6 Der
Mittelstandsbegriff war dabei positiv besetzt und diente in dieser Zeit dazu, sich vom Adel
abzugrenzen. Später bekam dieser Begriff noch eine weitere wichtige Funktion, die
Distanzierung zur Unterschicht bzw. zu den Arbeitern. 7 Wernicke zeigt dies in seiner
Definition des Mittelstandes von 1909:
„Man unterscheidet in dieser Beziehung heute 3 Schichten, 1. die obere, die aristokratische kapitalistische Schicht [...], 2. die Mittelschicht, den Mittelstand und 3. das Proletariat. Die Mittelschicht, der Mittelstand, umfaßt heute den größten
Teil der Beamten, einen großen Teil der Fabrikanten und Kaufleute[...], der Privatangestellten, [...], ferner die Bauern und schließlich auch die obere Schicht der emporsteigenden Arbeiterklasse.“ 8
Wernicke benennt hier die Berufe, die seiner Meinung nach zum Mittelstand gehören, und
dazu zählt er auch die Privatangestellten bzw. die Angestellten. Ein besonderes Phänomen
2
Da alle drei Autoren mehrer Untersuchungen und Veröffentlichungen zu diesem Thema haben, werden die genauen Literaturangaben hier nicht einzeln aufgeführt, sondern können im Literaturverzeichnis nachgelesen werden.
3 Vgl. Kocka, Jürgen: Unternehmensverwaltung und Angestelltenschaft am Beispiel Siemens 1847-1914. Zum Verhältnis von Kapitalismus und Bürokratie in der deutschen Industrialisierung (Schriftenreihe des Arbeitskreises für moderne Sozialgeschichte; Bd 11), Stuttgart 1969.
4 Vgl. Wernicke, J.: Der Mittelstand und seine wirtschaftliche Lage, Leipzig 1909.
5 Vgl. Dreyfuss, Carl: Beruf und Ideologie der Angestellten, München/Leipzig 1933. 6 Vgl. Conze, Werner: Mittelstand, in: Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch- sozialen Sprache in Deutschland (Bd. 4), hrsg. v. Otto Brunner & Werner Conze & Reinhart Koselleck, Stuttgart 2004, S. 49-52, hier S. 49-50. Es ist zu beachten, dass der Begriff Mittelstand bereits schon 1777 zum ersten Mal in einem Lexikon eingetragen war und damit erheblich früher entstanden ist. In dieser Hausarbeit geht es allerdings um den tatsächlich alltäglichen Gebrauch des Begriffs. 7 Dies wird im weiteren Verlauf der Hausarbeit noch ausgiebig diskutiert.
8 Wernicke: Der Mittelstand und seine wirtschaftliche Lage, S.1-2.
dieser Zeit wird zudem deutlich, der Übergang vom alten zum neuen Mittelstand, der im
19. Jahrhunderte durch die Industrialisierung ausgelöst wurde. Dem alten Mittelstand
gehörten die kleinen und mittleren Bauern, Gewerbe- und Handlungstreibende an. Den
Begriff des neuen Mittelstandes prägte Gustav Schmoller 9 , der die Angestellten und die
Beamten als Kern dieses neuen Standes definierte. Allerdings sahen sich die Angestellten
schon immer von den Arbeitern abgesetzt in einer höheren bzw. mittleren Position in der
Gesellschaft. Die zeitgenössische Definition Wernickes trennt nun nicht zwischen dem
alten und neuen Mittelstand. Ebenso ist es bemerkenswert, dass Wernicke auch den
emporsteigenden Arbeitern eine mittelständische Position zuspricht. Hier zeigt sich bereits
die Problematik um die trennscharfe Unterscheidung der unteren Angestellten mit den
Arbeitern. 10
2.2 Definitionsansätze `Angestellte´
„Tatsächlich ist bis heute nicht gelungen, eine befriedigende Definition zu finden, die alle
Angestellten, aber eben nur diese umfasst.“ 11
Angestellte können in die zwei Hauptgruppen der kaufmännischen Angestellten,
beispielsweise in der Buchhaltung, Rechnungswesen und Handel, und der technischen
Angestellten, beispielsweise in der Werkstatt, Planungsbüros und Laboratorien, unterteilt
werden. 12
Zu dieser beruflichen, funktionalen Gliederung kommt noch eine weitgespannte Verteilung
der Angestellte nach ihrer Position, Verantwortung bzw. Gehaltsstufen. 13 Die so
entstandene Heterogenität der Gruppe, die eine Vielzahl von unterschiedlichen Berufen
und Tätigkeitsfelder umfasst, verhindert bis heute eine eindeutige Definition des Begriffs
„Angestellter“. 14
9
Vgl. Kocka, Jürgen: Die Angestellten in der deutschen Geschichte 1850-1980. Vom Privatbeamten zum angestellten Arbeitnehmer, Göttingen 1981, S.137. Ausführliche Abhandlung zu Schmoller auch in: Mangold, Werner: Angestelltengeschichte und Angestelltensoziologie in Deutschland. England und Frankreich. Über den Zusammenhang von sozialpolitischer und sozialwissenschaftlicher Themenfindung und Problemstrukturierung, in: Angestellte im europäischen Vergleich. Die Herausbildung der späteren Mittelschichten seit dem 19. Jahrhundert, hrsg. v. Jürgen Kocka (Geschichte und Gesellschaft. Zeitschrift für Historische Sozialwissenschaft, Sonderheft7), Göttingen 1981, S.11-39, hier S. 18-20.
10
Diese Problematik wird ausführlich in Kapitel 2.2 `Definitionsansätze Angestellte´ erläutert.
11
Vgl. Schulz, Günther: Die industriellen Angestellten. Zum Wandel einer sozialen Gruppe im
Industrialisierungsprozeß, in: Sozialgeschichtliche Probleme in der Zeit der Hochindustrialisierung (1870- 1914), hrsg. v. Hans Pohl (Quellen und Forschung aus dem Gebiet der Geschichte, Heft 1), Paderborn u.a. 1979, S.217 –266, hier S. 225.
12 Vgl. Schulz, Günther: Angestellte seit dem 19. Jahrhundert (Enzyklopädie Deutscher Geschichte, Bd. 54), München 2000, S.1.
13 Vgl. ders.: Die industriellen Angestellten, S.226.
14 Vgl. Hartfiel, Günther: Angestellte und Angestelltengewerkschaften in Deutschland. Entwicklung und gegenwärtige Situation von beruflicher Tätigkeit, sozialer Stellung und Verbandswesen der Angestellten in
Daher versuchte die Angestelltenforschung diese spezielle Gruppe über ihre Abgrenzung
zu den Arbeitern hinaus detaillierter zu definieren. So entstanden Definitionsansätze zur
geistigen Arbeitsweise der Angestellten im Gegensatz zu den manuellen Tätigkeiten der
Arbeiter oder der mittelbaren und unmittelbaren Beteiligung am Produktionsprozess. Diese
Ansätze waren allerdings in vielerlei Hinsicht zu ungenau und gerade die unteren
Angestellte konnten im Verlaufe der Industrialisierung nicht mehr von den Arbeitern
getrennt werden. 15 „Zwar mag eine solche Unterscheidung für die erste
Industrialisierungsperiode eher zutreffen als heute. Doch auch schon vor 1868 konnte die
Arbeit eines Materialverwalters kaum ´geistiger` genannt werden als die eines
Apparatebauers.“ 16 Gern werden die beiden Gruppen auch über die sogenannte
„Kragenlinie“ in die „blue-collar workers“, die Arbeiter, und „white-collar workers“, die
Angestellten, voneinander getrennt. 17
In einem Lexikonbeitrag zum Angestellten 18 werden explizit die Gemeinsamkeiten und die
Unterschiede zwischen Angestellten und Beamten ausgeführt. So empfingen beide ein
Gehalt und nicht wie die Arbeiter einen Lohn. „Gehalt war vornehmer als Lohn, der für
niedrigste Arbeiten gewährt wurde.“ 19 Durch ihr umfangreiches Wissen über den Betrieb
und die spezifischen Abläufe hatten sie, wie auch die Beamten, einen verhältnismäßig
sicheren Arbeitsplatz. 20 Beide, Angestellter 21 wie auch Beamte, waren nur indirekt an der
Produktion beteiligt und arbeiteten eher geistig. Sie verfügten über delegierte
Anordnungsbefugnisse und Entscheidungsgewalt. 22 Schulz führt noch eine weitere
der gewerblichen Wirtschaft (Soziologische Abhandlungen. Sozialwissenschaftliche Schriftenreihe der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Freien Universität Berlin, Heft 1), Berlin 1961, S. 83- 84.
15 Vgl. Schulz: Die Angestellten seit dem 19. Jahrhundert, S. 2-3. 16 Kocka: Die Angestellten in der deutschen Geschichte, S. 42-43. 17 Vgl. Kocka, Jürgen: Class formation, interest articulation, and public policy: the origin of the German
white-collar class in the late nineteenth and early twentieth centuries, in: Organizing interests in Western Europe Pluralism, corporatism, and the transformation of politics, hrsg. v. Suzanne Berger, Cambridge 1981, S.63- 81, hier S.63-65. Kocka geht ausführlich in diesem Artikel auf die Kragenlinie und die Unterschiede zwischen Angestellte und Arbeiter ein.
18 Vgl. Kocka, Jürgen: Angestellte, in: Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-
sozialen Sprache in Deutschland (Bd. 1), hrsg. v. Otto Brunner & Werner Conze & Reinhart Koselleck, Stuttgart 1972, S.110-128.
19 Ebd., S.113. 20 Die Konkurrenzklausel, die in den Verträgen der Angestellten zu finden war, zeigt, dass Angestellte
weitreichende Informationen über das Unternehmen hatten und dass den Arbeitgebern daran gelegen war diese ansich zu binden und den Wechsel in ein anderes Unternehmen zu erschweren. Vgl. dazu Schulz: Die industriellen Angestellten, S.263.
21 In der vorindustriellen Zeit sind die Angestellten mit den späteren höheren Angestellten vergleichbar.
Untere und mittlere Angestellte mit eher routinierten und eingeschränkten Aufgabengebieten kommen erst im Zuge der Industrialisierung hinzu.
22 Vgl. Kocka: Angestellte, S. 114.
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Michaela Benner, 2007, Selbstverständnis, Organisation und Funktion der Angestellten, Munich, GRIN Publishing GmbH
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