Inhalt
1. Der Ostblock als internationales System: Gegenstand und Begriffe 3
2. Hierarchien als Ausdruck von Macht 34
3. Institutionentheorie, institutionelle Konfigurationen,
institutioneller Wandel 70
4. Das Krisenjahr 1956 156
5. Die Institutionalisierung des RGW in der ersten Hälfte der 60er Jahre 274
6. Die Koordinierung des Westhandels im RGW 418
7. Eine institutionelle Konfiguration des Ostblocks? 452
8. Quellen- und Literaturverzeichnis 461
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1.) Der Ostblock als internationales System: Gegenstand und Begriffe
1.1) Das Forschungsinteresse
Wir wissen nicht hinreichend, wie der Ostblock funktionierte. Wir wissen nicht hinreichend, wie Imperien funktionieren. Wir wissen nicht hinreichend, wie Institutionalisierung funktioniert. So könnte zugespitzt das Forschungsinteresse wie das Dilemma dieser Arbeit charakterisiert werden. Probleme bestünden dann auf drei Ebenen: historisch konkreter Gegenstand, universalhistorische Typologie und theoretisches Modell. Den Ausweg soll eine Symbiose aller drei Ebenen bieten.
Wenn diese Aussage für den Ostblock zutreffend ist, liegt die Ursache weniger in fehlenden „Quellen“ als in fehlenden oder zumindest „stumpfen“ Analyseinstrumenten. Somit stellt sich die Frage nach dem Verhältnis historischer quellengestützter Forschung und politischer Theorie. John L. Gaddis hat dies mit einer Marktanalogie anschaulich gemacht: “One way historians might solve this problem would be to regard themselves as consumers but not necessarily as producers of theories. Consumers select merchandise from a wide variety of sources according to their own utilitarian standards; producers specialize by turning out only commodities for which they believe markets exist. No producer, however ambitious, can hope to satisfy all consumer needs; no consumer would feel obliged to purchase only what a single producer makes.” Und weiter: “The task of the historian, then - like the role of the consumer in the marketplace - may well be to take from the shelf those theories that help us to understand what happened, to reject those that do not, but to do this without producing the unfortunate side effects that come than incompatible theories, like indigestible commodities, are mixed together.” 1 Geschichte wäre in diesem Sinne eher eine “kaufende” Wissenschaft, die auswählen, anwenden und testen kann.
Warum aber diese Selbstbeschränkung auf die Konsumentenposition? Sicher ist dies ein Gebot der Arbeitsteilung auf dem „Marktplatz“ wissenschaftlicher Erzeugnisse, also arbeitsökonomischer Vernunft und wissenschaftlicher Professionalität. Zudem schränkt sich die „Verkäuflichkeit“ der Ergebnisse ein, wenn man nicht gezielt für einen Markt produziert. Dennoch kann diese Selbstbeschränkung mit ihrem Gewinn an Spezialwissen dazu führen, auf einem Auge blind zu bleiben. Gerade für das Verhältnis von Geschichtswissenschaft und politischer Institutionentheorie ist dies relevant: „Denn weder ist die Theoriebedürftigkeit für die Geschichtswissenschaft noch ist die historische Grundlegung für die Politikwissenschaft ein jeweils additiver Luxus. Vielmehr enthält die Formel ‚historische Theorie’ eine für beide Wissenschaften gültige komplementäre Verweisung.“ 2 Dabei soll es allerdings nicht um die „Historizität“ von Institutionen in dem Sinne gehen, dass ein „Gewordensein“ die Voraussetzung jeder Institution ist. Dies ist entweder trivial oder es konstituiert eher eine Forschungsfrage, die sich auf die Typen von Institutionenbildung bezieht, als ein methodologisches Vorverständnis. Geschichte ist hier eher eine Frage des Gegenstandes und der empirischen Methoden, weniger aber eine theoretische Implikation.
In einer kurzen Bestandsaufnahme der Zeitgeschichtsforschung zu unserem Gegenstand wurden drei Charakteristika benannt, die einen aktuellen Trend, den Anspruch des konkreten Projekts wie die Zukunftschancen der Disziplin ausdrücken. Der aktuelle Trend ist offensichtlich und dominant: „echte zeitgeschichtliche Forschung“ mittels „neuer Quellen“. Zum zweiten bedürfe die „Ausdifferenzierung der vielfältigen Dimensionen“ des Gegenstandes des „interdisziplinären Vorgehens“ 3 . Zum dritten seien „neue Möglichkeiten
1 Gaddis.- in: The long postwar peace 1991, S. 26.
2 Blänkner 1994, S. 86.
3 Wie begrenzt Interdisziplinarität hier - bei der Erforschung des Schlüsseljahres 1956 - gedacht wird, zeigt die praktizierte Zusammenarbeit von „Historikern, Kunsthistoriker und Literaturwissenschaftlern“. Hahn/
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des wissenschaftlichen und intellektuellen Diskurses“ gegeben, die „andere methodische Kontroversen“ beinhalten werden. 1 Die letzten beiden Forderungen decken sich wiederum mit dem Anspruch der neuen institutionalistischen Ansätze. 2 Hier sollen die Chancen, ja die Notwendigkeit hervorgehoben werden, diese drei Dimensionen zusammenzufügen. Es gibt zudem eine Reihe „pragmatischer“ Gründe für den Versuch, eine interdisziplinäre Theoriediskussion mit historischer Quellenarbeit zu verknüpfen. Geschichte ist keineswegs nur ein Illustrationsfeld für Theorien. Die historische Methode bietet eine spezifische Form und ein höheres Maß an Selbstkontrolle; eine Verbindung ist fruchtbar. 3 Für den Institutionalismus trifft dies in besonderem Maße zu. Einerseits wäre eine theoretische Entwicklung von erheblicher Bedeutung, die „important areas of theoretical convergence among scholars studying the advanced capitalist states, the former Soviet bloc, and the several regions of the less developed world“ leisten würde; andererseits erscheint diese noch weit entfernt vom Status einer Theorie. 4 Insgesamt kann man A. Wendt darin folgen, “that just as good social science is historical, good history is structural and theoretical”. 5 Es soll also eine „solche disziplinübergreifende, geschichts- und politikwissenschaftliche Untersuchungen mit einbeziehende Perspektive“ gewählt werden, die R. Blänkner angeregt hat. 6 Wie steht es allerdings mit dem Gegenstand? Ist er für ein solches Herangehen geeignet? Besteht ein Forschungsinteresse“
Das Ende des Ostblock bedeutete für seine Erforschung einen Anfang. Dennoch musste mehr als zehn Jahre nach diesem „Wendepunkt der Geschichte“ konstatiert werden, dass der Ostblock zu den „vernachlässigten Bereichen der Historiographie“ gehört. 7 Um so mehr gilt dies für die Erforschung seiner inneren Beziehungen. Der Gegenstand ist durch seinen „Untergang“ neuen Perspektiven ausgesetzt, nicht zuletzt aber Gesamtdeutungen. Es braucht nicht weiter erläutert zu werden, dass die „Überreste“ des realen Sozialismus eine ganz neue Basis für seine Untersuchung bieten. Der „Sturm auf die Archive“ droht allerdings die Präzisierung der tragenden Konzepte weit hinter sich zu lassen und beraubt sich damit zugleich seiner Möglichkeiten. Aber nicht nur angesichts des enormen Quellenfundus bietet die Geschichte des Ostblocks neue Chancen auch für die Theorieentwicklung. Der hier gewählte Gegenstand ist gekennzeichnet durch eine spezifische Merkmalskonstellation, die andere „Tests“ erlaubt als andere Konstellationen. Bestimmte Variablentypen sind in besonderem Maße ausgeprägt, andere wiederum gar nicht. Möglicherweise sollte ja die Spezifik des Ostblocks, die Erkenntnis, dass die Beziehungen zwischen ihren Teilen in vielerlei Hinsicht eine Beziehungsform sui generis darstellt 8 , nicht als Hemmnis für theoretische Zugänge gewertet werden, sondern als Chance. Die Eignung des Themas zur Bereicherung der theoretischen Diskurse steht im Gegensatz zum bisher dominierenden Interesse der Forschung. 9 Es wurde darauf hingewiesen, dass „bestimmte Konstellationen ein ‚umrissenes Handlungssystem’ darstellen, also eine abgegrenzte, nicht zu große und im wesentlichen gleichbleibende Gruppe von Akteuren bilden“. 10 Dies trifft hier zu und ermöglicht es, bestimmte Variablen als konstant anzunehmen. Damit ist der Gegenstand für
Olschowsky 1996, S. 9. Dies erstaunt umso mehr als die Beziehungsdimensionen des Ostblocks hier im Mittelpunkt stehen.
1 Auch diese wieder begrenzt gedacht: „z.B. ob stärker sozialgeschichtlich oder politikgeschichtlich, stärker äußere oder innere Faktoren gewichtend“. Hahn/ Olschowsky 1996, S. 9.
2 Göhler 1994.
3 Zürn 1992 ; King/ Keohane/ Verba 1990.
4 Remmer 1995, S. 49 u. 60 f.
5 Wendt 1987, S. 364.
6 Blänkner 1994, S. 88.
7 Foitzik 2003, S. 39.
8 Stellvertretend Hutchings 1983, S. 5.
9 Für seinen Gegenstand: Gitz 1992, S. 4.
10 Schimank 1999, S. 59, der sich auf Mayntz/ Nedelmann 1987 bezieht.
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die Bildung von Typen (z.B. Imperium) wie von Theorien (z.B. Institutionalismus) besonders geeignet.
Weiterhin existierte ein Akteur mit eindeutigen Ressourcenvorteilen, wodurch es möglich wird, Theorien von Macht und Einfluss zu testen. Ähnliches trifft auf den Anspruch der Akteure zu, ihr Handeln durch eine Ideologie leiten zu lassen. Zudem spielten die „Umweltbedingungen“ eine wesentliche Rolle - Bedingungen, die im Spannungsfeld von scharfer Abgrenzung wie hoher Interdependenz existierten. Es soll allerdings gezeigt werden, dass ein Forschungsdesign für den Ostblock nicht bei der Frage nach dem Einfluss von Macht und/oder Ideologie stehen bleiben darf. Diese Konzepte gilt es zu präzisieren, zu differenzieren und als Konfiguration ihrer Ausprägungsstufen und Mechanismen wieder zusammenzuführen. Dazu sollen institutionentheoretische Ansätze genutzt werden, die zugleich eine Klärung ihrer Grundlagen und Anwendungsformen erfahren können. Für die Institutionentheorie ist es besonders interessant, dass trotz der genannten Bedingungen zahlreiche „soziale Dilemmata“ zwischen den Akteuren existierten, die zu einem spezifischen Institutionalisierungsniveau beitrugen. Zunächst gilt es, die Konzepte der Ostblockforschung zusammenzutragen, zu systematisieren und auf ihre Übertragbarkeit in ein integratives Konzept zu befragen.
1.2) Konzepte und Begriffe der Ostblockforschung
Welche Lösungen bietet die Literatur auf die Frage „Was war der Ostblock?” Dies meint seine Natur, sein Wesen, seine Typik als eine Art „internationales Subsystem“. Hier können Antworten erwartet werden; immerhin galt die „nature of Soviet-East European relationship on an interstate level“ als eines der bedeutendsten Themen der Kommunismusforschung. 1
Die Standartbezeichnungen für den Ostblock 2 verweisen auf ein Ordnungskriterium, das einer vorläufigen Einordnung bisheriger Ansätze dienen kann. Er erscheint als in hohem Maße ungleiche Beziehungsform. Dies lässt sich am ehesten unter dem Begriff einer hierarchischen Beziehung zusammenfassen. Somit verwundert es nicht, dass „Imperium” als weit verbreitetes Konzept gelten kann. 3 Nicht nur die beiläufige Benennung des Ostblocks als Imperium, sondern auch die ambitionierte Einordnung als „essential imperial system“ bleiben aber ohne Definition desselben. 4 Dabei zeigt sich ein Mangel an Kriterien, die ein solches Imperium erkennbar und abgrenzbar gegenüber anderen Konzepten machen. Wenn der Wandel von einem Moskauer „Kolonialimperium“ zu einer „much looser configuration“ gerade an dem Wandel von „informellen“ zu „formellen“ Beziehungsstrukturen deutlich gemacht wird 5 , spricht dies deutlich für eine Verwirrung der Begriffe und Konzepte. Für die Stalinsche Phase herrscht im wesentlichen Konsens, dass eine „essentially empirial relationship“ (Gitelman) bestand. Diese sei gekennzeichnet durch „complete political subordination“ - ausgedrückt in den ökonomischen Beziehungen, der Position sowjetischer Berater, Diplomaten und Funktionäre, dem engen Grad für erlaubtes politisches Verhalten (inklusive der „methods of deviance control“), wie der Konformität bei der Nachahmung des sowjetischen Vorbildes. 6 Diese Kriterien werden spätestens für die 60er Jahre in hohem Maße zweifelhaft. Ist also „Imperium“ als übergreifender Begriff für den Ostblock im gesamten Verlauf zu gebrauchen? Historiker bejahen dies durchaus, ohne dass der Begriff
1 Gitz 1992, S. 3.
2 Staar 1982, S. 325 ff.
3 Rothschild 1989, S. 160, Hegedüs 1996, S. 136; Meissner 1967; Kaiser 1997; Dallin 1961; Bunce 1985.
4 Gitz 1992, S. 2.
5 Korbonski 1970, S. 944.
6 Gitelman 1972, S. 7.
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geklärt wird. 1 Die sowjetischen Parteiführer erscheinen als „die höchsten Entscheidungsträger des größten Imperiums der Welt“. 2 Mitunter ist von einem „sowjetischen Neo-Imperialismus“ die Rede, zu dessen Instrumenten gerade neue institutionalisierte Formen und Räume wie Warschauer Vertrag und RGW gehören. 3 Andere Autoren gehen davon aus, dass Osteuropa bis zu Stalins Tod „much like the peripherie of a national empire in which the Soviet Union had effective decision making power and military control“ ausgesehen habe, dann aber starken Veränderungen unterworfen war. Die Charakterisierung dieser Veränderung erschöpft sich aber darin, mehr „leverage“ für die kleineren osteuropäischen Staaten zu konstatieren. 4 Wenn für das Jahr 1957 von einer „Wiederherstellung der hierarchischen Strukturen im Ostblock“ die Rede ist, andererseits für 1955/57 von einer „qualitativen Wandlung“ vom „Protektorat zur begrenzten Souveränität“ 5 , muss nach graduellen wie qualitativen Veränderungen dieser Hierarchie gefragt werden wie nach den Mechanismen, auf denen sie beruhte. Darauf wird gleich zurückzukommen sein. Für zahlreiche Autoren bleibt der Befund eindeutig: „Der sowjetische Block fungierte in fast jeder Hinsicht, nur nicht dem Namen nach, als Imperium.“ 6
Dem „Imperium“ eng verwandt ist eine Beschreibung als „Block“. Dies kann durchaus über die bloße Bezeichnungsfunktion dieses Begriffs (die in dieser Arbeit genutzt wird) hinausgehen und eine spezifische Merkmalskonstellation abbilden. So sei der Ostblock eine innengerichtete Verbindung von Staaten mit hoher „vertikaler Integration“. Er sei durch einen Hierarchiegrad zwischen einem voll ausgebildeten Satellitensystem und einer wirklichen Allianz unter Gleichen anzusiedeln. Damit erscheint der „Grad der hegemonialen Kontrolle“ als wichtiges Unterscheidungskriterien gegenüber anderen regionalen „Blöcken“. 7 Somit verwundert es kaum, dass die Bezeichnung als hegemoniale Ordnung zu den verbreitetsten gehört. 8 Darstellungen, die einer totalen sowjetischen Hegemonie Phasen einer kontinuierlichen Erosion der Hegemonie gegenüberstellen 9 , implizieren allerdings stufenlose Ausprägungen und Veränderungen von Hegemonie im sowjetischen Einflussbereich, ohne die Bezeichnung verändern zu müssen. So wird auch in der neuesten Forschung die „sowjetische Hegemonie“ als die Beziehungsform des Ostblocks angenommen, aber auch mit der anfänglichen „Unmöglichkeit, eine von der sowjetischen (...) Linie abweichende Außenpolitik betreiben zu können“, gleichgesetzt. 10
In enger Nachbarschaft zur „Hegemonie” steht die Beschreibung als „Allianz” unter Beteiligung einer klar dominanten Macht. „A portrait thus begins to emerge of an alliance containing many behavioral cleavages - an organization that, despite its founding by an authoritarian hegemon, has become diverse and dynamic. The Soviet Union is confronted by an alliance which, for all intents and purposes, includes states that do not behave as allies (…).” 11 Dies ist vor allem als Trendaussage gedacht, nach der sich der Charakter des Warschauer Vertrages in einem Spektrum vom Imperium zur Allianz bewegte: „Behaviorally, the Warsaw Pact has become so diverse that it no longer evinces the mark of Soviet dominance that it did fifteen years ago.” 12 Allerdings befriedigt die Vorstellung eines
1 Laut Rothschild 1989 blieb der Ostblock ein „empire in essential ways“.
2 Dalos 2006, S. 70.
3 Singer 1970, S. 152 ff.
4 Remington 1971, S. 175.
5 Ihme-Tuchel 1994, S. 178; Volkov 1999, S. 14.
6 Maier 2005, S. 34 f.
7 Hutchings 1983, S. 3 f.
8 So unter anderen Staigl 1999, S. 163; Kyrow/ Zselicky 1999, S. 95, Byrnes 1971, Meissner 1967; Abonyi/ Sylvian/ Caporaso 1976, S. 79; Jones 1976.
9 Gilberg.- in: Gati 1976, S. 103 u. 106; Hutchings 1983, S. 5.
10 Lemke 1999, S. 240f.
11 Nelson 1986, S. 117 f.
12 Nelson 1986, S. 117 f.
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linearen Trends von einem Stalinschen Imperium zu einer Breshnewschen Allianz 1 keineswegs. Es ließe sich zumindest ergänzen oder ersetzen durch ein zyklisches Modell, in dem sich fragilere Phasen der Einheit oder gar Krisen mit Trends zu „cohesion and unity“ abwechselten. Immerhin wandelte sich gemäß Einschätzungen auch neuer Forschungen das „Hegemoniegebiet“ der UdSSR, ihre „Machteinflusssphäre“ in einen „politisch homogenen, gegenüber der westlichen Welt feindlichen, praktisch in sich geschlossenen und durch innere Bindungen vereinten Staatenblock, der von den Interessen der sowjetischen Politik gelenkt wurde“. 2 Dies impliziert - für uns von besonderem Interesse - die Vorstellung von einem politisch gesteuerten Wandel der institutionellen Formen, die diese Stabilität garantierten. So wurde eine “very real transformation in Soviet-East European relations” konstatiert, “away from domestic innovation in pursuit of regime viability and toward ‘unity and cohesion’ through a comprehensive integrationist program”. 3 Ließe sich dies nicht auch für unseren Zeitraum nach 1956 behaupten? Gerade eine institutionenorientierte Darstellung konstatiert eine solche Entwicklung: “This evolutionary process has not always been irreversible but, on the whole, present methods of cooperation between the USSR and the other members of the socialist commonwealth have leaned in the direction of mutual concession, conference, and discussion.” 4 Eine solche Entwicklung des „neuen Osteuropa“ zu einer „neuen Allianz“ seit 1956 wurde insbesondere in der Forschung vor dem Prager Frühling beobachtet. 5 Aber auch die neueste Forschung konstatiert im Verhältnis der UdSSR zu ihren Satelliten um das Jahr 1956 „einen Paradigmenwechsel weg von rigoroser Hegemonialpolitik hin zu begrenzter Souveränität“. 6 Wie zu zeigen sein wird, schließen Standartdefinitionen von Hegemonie den Erhalt von Souveränität gar nicht aus.
Am Ende des Spektrums steht das Konzept einer realen Allianz, die ungeachtet der Machtdifferenz Anreize für alle Beteiligten produzierte. „We may thus consider the monolithic unity of the Socialist countries established at the beginning of the 1950s to be objectively justified, mainly by the international situation, but it must not be treated as an inherent feature of the Socialist system. As a matter of fact, this unity gave essential profits to all the Socialist countries, bringing them economic aid and political security.” Diese Betonung auch positiver Anreize für die “Einheit” gerät allerdings in Konflikt mit den “Methoden”: “On the other hand, the Stalinist methods of securing this unity gave rise to negative effects, such as, above all, the violation of the theoretical principle that guaranteed equal rights to all members of the Socialist camp.” 7 Das Allianzkonzept wird aber auch in einer völlig entgegengesetzten Intention verwendet; es dient als Muster, um den spezifischen Charakter des Ostblocks, seine Abweichungen vom Grundmodell einer Allianz thematisieren zu können. 8 Insgesamt wurde gegen dieses Label eingewandt, dass “the word alliance is so broad as to be virtually synonymous with international politics in general”, so dass seine Perspektiven für die allgemeine Analyse unklar werden. 9 Der Allianzbegriff macht wohl nur als Ausdruck schwacher Hierarchien einen Sinn.
Im Gegensatz zu den dominierenden Vorstellungen eines extrem hierarchischen Gefüges entdeckte die amerikanische Forschung Mitte der 70er Jahre die osteuropäischen Länder als
1 Zusammenfassend Gitz 1992, S. 4, Holloway 1984, S. 38.
2 Staigl 1999, S. 163.
3 Hutchings 1983, S. 9 f.
4 Grzybowski 1964, S. 2.
5 Croan 1966, Brown 1966, Skilling 1965.
6 So V. Volkov, vgl. Olschowsky 1999, S. 280.
7 Tomaszewski 1989, S. 223.
8 Hutchings 1983, S. 4 f.
9 Croan 1966, S. 63.
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Akteure von „international politics“. 1 Dies bedeutet, dass die Instrumente „normaler“ politikwissenschaftlicher Forschung auf den Gegenstand angewendet wurden, vor allem aber bedeutet es eine Ausdifferenzierung der Perspektiven wie die Abkehr von einem einheitlichen Label. Eine Suche nach einheitlichen Beschreibungskategorien fand damit gerade nicht statt. Eine gewisse Ausnahme bildet ein Beitrag von Kuhlman, der auf der Basis eines „issue-linkage“-Ansatzes Schritte zu einem Gesamtmodell versucht, das (außen-) politisches Verhalten im Ostblock systematisch darstellbar macht. Dabei konstruiert er vier Variablensets, die miteinander in Beziehung stehen und unterschiedliches Gewicht besitzen. Als zentrales Element ständen die Parteieliten der Politikformierung am nächsten. Abhängige wie unabhängige Variablensets sind inhaltlich miteinander verbunden, aber nicht systematisch geordnet. So erscheinen auf der Seite der „domestic politics“ historischkulturelle, sozial-ökonomische, organisatorisch-institutionelle Faktoren, an zentraler Stelle ergänzt um Eliten und Faktionen. Auf der Seite der internationalen Politik stehen: I. Ökonomie und Sicherheit, II. Kern und Peripherie; Solidarität mit der Region; III. Die Position in der internatonalen Bewegung wie die Entwicklung der Ideologie; IV. Diplomatie und Vereinte Nationen. 2 Dies ist eher eine systematisierte Checkliste als eine systematisches Modell. Somit verwundert es nicht, wenn Charles Gati in seiner Einführung eines wichtigen Sammelbandes keinen Versuch macht, die Beiträge durch ein gemeinsames Band zu verknüpfen, dagegen aber betont, dass die behandelte Region als „enfant terrible of the international Politics of this century“ gelten könne. 3
Insgesamt ist es somit nicht erstaunlich, wenn konstatierende Versuche über den Ostblock sich nicht festlegen wollen: „The image of a monolithic Soviet empire in Eastern Europe always lacked credibility, probably most of all in Moscow. But the notion of a polycentric order in Eastern Europe, with individually states engaged in the pursuit of wholly independent policies, is equally absurd.” 4 Wir erfahren, dass sowjetische Macht und sowjetischer Einfluss nicht kongruent sind, dass die kleinen Mitglieder des Ostblocks in der Lage waren, eigene Interessen zu formulieren und dass das politische Ergebnis ausgehandelt wurde. Trotzdem: “In each case the external (Soviet) environment remains a recognized input in the foreign policy process.” 5 Die Erklärungen erscheinen so vage wie die Prognose, dass mit steigender Komplexität auch die Partizipation der kleineren Partner steige. Damit bleiben selbst Versuche, die Veränderungen des Ostblocks zu systematisieren, widersprüchlich. Einerseits wird der Wandel von einem monolithischen, straff gelenkten Imperium mit unbeschränkter Befehlsgewalt Moskaus zu einem „ideologisch bestimmten hegemonischen Bündnissystem“ konstatiert, in dem sich die imperialen Merkmale abgeschwächt haben; andererseits soll es sich bei Stalins Imperium nur um eine „besonders konzentrierte Form der Hegemonie“ gehandelt haben. Zudem soll Chruschtschov das Ziel Stalins, die sowjetische Hegemonie in Richtung eines Imperiums, d.h. einer absoluten Herrschaft, auszubauen, seit 1961 wieder aufgenommen haben. Als „politischer Ordnungsbegriff“ oder sogar als „Rechtsbegriff“ ist die Entwicklung „von Stalins Imperium zum hegemonischen Bündnis“ genauso wenig zu fassen wie der anhaltende „Schwebezustand“ zwischen „absoluter Herrschaft (De-jure-Imperium) und dem Zerfall des Hegemonialverbandes“. 6 Auch die neueren Versuche, gestützt auf die Auswertung osteuropäischer Archive, „qualitative Wandlungen“ vom „Protektorat zur begrenzten Souveränität“ zu beschreiben, zeigen die
1 Dies markierte einen "shift in the way Eastern european States are viewed by the academic world in the United States". Denitch.- in: International Politics of Eastern Europe 1976, S. 239.
2 Kuhlman.- in: International Politics of Eastern Europe 1976, S. 278.
3 Gati.- in: International Politics of Eastern Europe 1976, S. 3.
4 Moreton.- in: Holloway/ Sharp 1984, S. 143.
5 Moreton.- in: Holloway/ Sharp 1984, Zitat S. 159.
6 Meissner 1967.
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grundsätzlich fehlende Präzision und Aussagekraft solcher Bezeichnungen. 1 Dies sagt nicht mehr und nicht weniger als die üblichen Feststellungen, dass sich der Handlungsspielraum der kleineren Länder erweitert habe, insgesamt aber begrenzt geblieben sei. Dies trifft auch für die jüngeren Bemühungen zu, solche Beziehungen als disproportionale, aber gegenseitige Abhängigkeit zu erfassen. Eine solche „hegeomonial-imperiale Beziehung“ bleibt aber jenseits der vagen Feststellung einer deutlichen und dennoch eingeschränkten Hierarchie inhaltsleer. 2
Im Rahmen dieser Beschreibungen sind Institutionen eigentlich irrelevant, erscheinen bestenfalls als verbesserte, modernisierte Hülle der grundlegenden Hierarchie. Die Geschichte des Warschauer Vertrages reflektiert demnach die „major periods of Soviet policy-interest, both internal and external“. Die politisch-militärische Organisation des Ostblocks erscheint als “entangling alliance”, deren “primary purpose is to contain a turbulent and eruptive group of countries under Moscow’s influence. Consequently, the central uses of the Warsaw Pact are internal; to contain, to police and to maintain stability.” 3 Allerdings stehen wir nicht nur vor dem Problem, Typen, Stufen und Ausprägungen hierarchischer Beziehungen exakter bestimmen zu müssen; auch und gerade die Mechanismen, die hierarchische Beziehungen fundieren, verschwinden zumeist hinter einer Sprache, die solche Beziehungen für selbstverständlich nimmt. Oder was soll es bedeuten, wenn die sowjetische Führung 1956 bemerkte, dass „das von Stalin geschaffene sowjetische ‚Imperium’ weder organisch gewachsen war noch durch natürliche Bindungsfaktoren zusammengehalten wurde“. 4
Bei dieser ersten Betrachtung der Begriffe und Konzepte zur Beschreibung des Ostblocks zeigen sich also gravierende Defizite. Bevor die Frage beantwortet werden kann, ob diese Konzepte überhaupt einen sinnvollen Ausgangspunkt für ein Forschungsdesign bieten können, müssen die Probleme und Defizite systematisiert werden.
1. Es erfolgt keine Abgrenzung der Konzepte; häufig werden die Begriffe vermischt oder synonym gebraucht. So erscheint das „sowjetische Hegemonie“ als perfekt integriertes Befehlssystem 5 , was eher ein „Imperium“ bedeuten könnte. Es kann parallel von einem Hegemonialbereich die Rede sein, der mit „realistischen“ Konzepten des Machtgefälles begründet wird, und einer perfekten politischen Integration. 6 Oder die Begründung der „Soviet Hegemony“ wird neben der militärischen Interventionsfähigkeit in der Kontrolle über die Ernennung der Spitzenfunktionäre gesehen, was eher auf Theorien strukturellen Imperialismus verweist. 7 Andere Darstellungen, die eine sowjetische Hegemonie als typisches Charakteristikum annehmen, sprechen gleichzeitig von einem „multifaceted system
1 Protektorat könne auch mit „Satellit“ umschreiben werden. „Sätze“ gäben ein Zeugnis für den „eng gesteckten Rahmen der sogenannten begrenzten Souveränität“ ab. Die Kontrollmechanismen werden als „sanfter Druck“ beschreiben, vor allem mittels ökonomischer Hebel und unter dem Schutzmantel der Ideologie. Das „Selbstverständnis der Zugehörigkeit zu einem politischen Lager“ habe eine eigene Logik entwickelt. Volkov 1999, S. 14ff.
2 Bei den Beziehungen DDR - UdSSR handele es sich um eine „hegemonial-imperiale Beziehung, in der die Sowjetunion in der Regel mit widerspruchsloser Unterordnung der von ihr abhängigen SED rechnen konnte. Dass diese unbedingte Subordination ausblieb (...)“, weise auf eine zwar zugunsten der Sowjetunion disproportionale, aber beidseitige Abhängigkeit im Verhältnis der ungleichen Partner hin“. Lemke 2002, S. 74f.
3 Kolkowicz 1969, S. 89, 96 (Zitat) und 86; ähnlich Wolfe 1970, S. 3; Dagegen betont Holden 1989 die Verbindung dieser mit Allianzfunktionen.
4 Hacker 1983, S. 573.
5 So realisiere sich die „sowjetische Hegemonie“ mittels „Weisungen“ oder „Befehlen“ des Politbüros der KPdSU bzw. durch direkte sowjetische Einflussnahme. Csizmas 1972, S. 21, 31, 34. Selbst die Auffassung einer „unstable“ bzw. „precarious“ hegemony beinhaltet „chains of command“. Byrnes 1971. Vgl. auch Meissner 1967.
6 Csizmas 1972, S. 34 f.
7 Jones 1981, S. 1.
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of influence“. 1 Dies liegt nicht nur an einer mangelnden Abgrenzung der Begriffe, sondern auch an ihrer Verwendung in unterschiedlichen logischen Kontexten. So wird das Stalinsche „hegemonic system“ als Imperium bezeichnet, ersteres zur Kennzeichnung der Beziehungsform, zweiteres zur Beschreibung des Beziehungsraumes. 2 Die gleichzeitige Bezeichnung als Imperium, Hegemonie und Allianz zeigt, dass es zumeist um plausible Bezeichnungen geht, aber nicht um heuristische Konzepte. 3 2. Die Beschreibungen des Ostblocks sind zumeist unterkonzeptionalisiert: die Begrifflichkeiten sind unscharf, theoretische Bezüge meist nur vage. Renommierte Handbücher kommen ohne präzisierte Begriffe oder gar theoriegeleitete Konzepte aus und begnügen sich mit zeitgenössischen Formulierungen wie „unity in diversity“. Nicht nur Darstellungen, die sich bewusst als historisches Essay verstehen, beschränken sich auf Metaphern wie den „Soviet umbrella“. 4 Dahinter können sich aber ganz unterschiedliche Vorstellungen verbergen. Es dominiert eine intuitive Verwendung von Konzepten, die als vage gehaltenes Gleichnis die Verhältnisse im Ostblock plausibel machen sollen. 5 Selbst die wenigen Darstellungen, die sich vor der „Erzählung“ um eine „theoretische Perspektive“ bemühen, konstatieren vorrangig die geringe Angemessenheit westlicher Theorien wie „Integration“, die Einmaligkeit des Gegenstandes und den „great deal of situalism in all this“. 6
Auch jenseits des behavioristischen Anspruchs der 70er Jahre gilt cum grano salis die Klage von Robert Linden noch immer: „There is a basic paucity of studies whose purpose is a systematic, precise, carefully controlled and conceptually guided description of the foreign policy of the states of East Europe“. Gerade die Flut neuer Quellen verweist wieder auf die Notwendigkeit “to replace impressionistic and idiosyncratic approaches with a precision of definition and conception, and a rigor of investigation and explanation”. 7 3. Systematisch unterschiedliche Begriffe werden addiert: Konzepte wie „Autorität Stalins” oder Ideologie werden behandelt, als ob sie auf dieser Achse liegen. Dies wird besonders deutlich, wenn man Beschreibungen des Übergangs zum poststalinschen System betrachtet. Hier werden die Begriffe gewechselt - vom „Imperium“ zur „Integration“ 8 -, ohne zu beachten, dass Konzepte, die einander ablösen, kompatibel sein bzw. komparatistisch auf einer Ebene liegen sollten. Die Erklärungslücken, die bei der Verwendung einzelner Konzepte verbleiben, verweisen auf ein weiteres allgemeines Problem bei der Beschreibung des Ostblocks. Die Möglichkeiten, den Ostblock mit einem Modell zu erfassen, das einem engen Begriff theoretischer „Sparsamkeit“ entspricht, sind begrenzt. 9 Daraus folgt, dass selbst Versuche, die einem expliziten theoretischen Anspruch folgen, konzeptionell vielschichtig angelegt sind und nicht ohne die Verwendung zusätzlicher sehr allgemeiner Begriffe auskommen. So greift Jan F. Triska in seinem Versuch, den Ostblock als System von „Communist Party States“ zu beschreiben, sowohl auf eine spezifische Akteursbeschreibung als auf eine systemtheoretisch fundierte Begründung der Ziele des
1 Gilberg.- in: Gati 1976, S. 123
2 Rubinstein 1985; Ploughman 1976/77.
3 Wolfe 1970, S. 3 f. Alföldy spricht von einem „imperialistischen Hegemonialsystem“. Alföldy 1998, S. 42. Für die Publizistik stellvertretend Harprecht 2003. Das Problem existiert in gleichem Maße für das „American „Empire“. Kroes 1999, S. 503.
4 Zeman 1991, S. 271 ff. Jones beginnt einen Aufsatz in einer politikwissenschaftlichen Zeitschrift über die sowjetische Hegemonie ohne jeden Definitionsversuch. Jones 1976.
5 Beispiele bei Hoensch 1984.
6 Hutchings 1983, S. 7; Rothschild 1985.
7 Linden 1979, S. 2f. vgl. auch Korbonski 1970, S. 943 ff.
8 Finley.- in: Triska 1969.
9 So bedurfte der Versuch einer koalitionstheoretische Erklärung die Ergänzung durch die allgemeine Organisationstheorie. Mitchell.- in: Communist Parts States 1969. Ebenso kann Brody und Vesecky zugestimmt werden, dass zur Erklärung der sowjetischen Außenpolitik weder ideologische noch machtpolitische Hypothesen allein ausreichen. Brody/Vesecky.-in: Triska 1969, S. 379 f.
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Ostblocks zurück. Daneben werden Begriffe wie Institutionalisierung und Integration synonym verwendet. Unerwartet für einen systemtheoretischen Ansatz erfolgt dann eine Beschreibung der „association theory“ der Akteure, d.h. der handlungsleitenden Ideen. Dies wird ergänzt durch eine koalitionstheoretisch fundierte Beschreibung des kommunistischen Allianzsystems. 1 Damit erweist sich das Konzept der „Communist Party States“, das einen „framework“ liefern sollte, „within which subsequent inquieries in the communist system may be located“ 2 , als bloßes „Label“ für eine Vielzahl ergiebiger, aber zumeist unverbundener Erklärungsansätze. 3 Der Trend zu additiven oder eklektischen Erklärungen erweist sich als grundlegendes Problem.
4. Die Wirkungsmechanismen, auf denen die Beziehungen beruhen, werden nicht ausreichend thematisiert. Die angedeuteten Formen hierarchischer Beziehungen implizierenabgesehen von der reinen „Allianz“ ein Zwangsverhältnis, aus dem sich die untergeordneten Akteure gerne lösen würden. “The postwar era in Eastern Europe has been characterized by ongoing struggle between centrifugal pressures for autonomy and independence on the part of individual East European nations and Soviet efforts to ensure its position of political and economic predominance in the region using a variety of political, economic and military instruments.” 4 Welche Instrumente sind dies und vor allem wie funktionieren sie? Zumeist handelt es sich um die Aufzählung selbstevident erscheinender Herrschaftstechniken bzw. formeller und informeller Einflusskanäle, die sich wiederum in persönliche und institutionelle aufteilen lassen. Sie reichen vom gesamten Spektrum diplomatischer Kanäle über persönliche Beziehungen bis zum RGW, verklammert durch die allgegenwärtige Kontrolle des sowjetischen Geheimdienstes. 5 Wir erfahren allerdings nicht, wie bzw. warum bestimmte Instrumente wirkten; wir erfahren kaum, warum sie manchmal wirkten, manchmal aber auch nicht. Auch bei einer - für diese Arbeit besonders interessanten - Betrachtung der politischen Institutionen scheinen die Methoden der Problemlösung das gesamte mögliche Spektrum zu umfassen: „The invasion of Czechoslowakia represented the most extreme form of problem-solving within the bloc, but a number of other problems were resolved through a more sophisticated, and less decisive, bargaining process. This bargaining was not necessarily done in WTO institutions as such, but it added significantly to the alliance’s capacity to diffuse possible conflicts between leaderships, at the same time as it reduced outright Soviet dominance.” 6
Betrachten wir einen reflektierteren Ansatz zu den sowjetischen Kontrollmechanismen und “Verlockungen” näher: “The Soviet Union has sought first of all to preserve wherever possible its control over Communist party elites in Eastern Europe by directly controlling the military and security forces in a country and maintaining the means for legitimizing and implementing intervention in the event of Party loss of control or ideological deviation. In the longer term, the Soviet Union has developed instruments to promote the political, economic, and military integration of the countries of Eastern Europe with each other and the Soviet Union with the goal of ensuring control and abrading the rougher edges of intra bloc differentiation.” 7 Also ein Bündel von Instrumenten mit einer starken institutionellen Komponente. Multilaterale Institutionen besäßen “the important function of providing the countries of Eastern Europe with a measure of input in decision-making and allow for Soviet
1 Triska.- in: Communist Party States 1969.
2 Introduction.- in: Communist Party States 1969, S. Xiii
3 J.F. Brown spricht mit Recht von Enttäuschung für den Leser, der den hochgesteckten Erwartungshorizont beim Wort nimmt. Brown 1974, S. 77.
4 Sears 1986, S. 23
5 Chesinski 1989, Meissner 1967 dekliniert den Einfluss von Wirtschaft, Armee, Parteibeziehungen, Ideologie, Beratern, Institutionen usw. durch. Ähnlich Kaiser bei ihrer Bestimmung von „Einfluss“. Kaiser 1997.
6 Holden 1989, S. 25. Dies im Kontext der Entwicklung nach 1968.
7 Sears 1986, S. 23.
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control” ohne die nominelle Souveränität der Länder zu verletzen. 1 Eine institutionalisierte Hierarchie kann demnach zweierlei bedeuten: eine verdeckte Hierarchie oder eine geminderte Hierarchie. Betrachtet man die Instrumente etwas näher, so zeigt sich, dass der Einfluss auf „doctrinal decision“, auf „decision making processes“ wie auf die Ergebnisse sowohl institutionell fundiert wie auf sehr unterschiedlichen Ebenen wirkend gedacht werden muss. Ein interessanter Hinweis ist zudem, dass das Wirken dieser Mechanismen auch darauf beruht, dass „East European leaders accept as a fact of life their integration into the alliance structure of the Warsaw pact“. 2 Sears gibt aber noch weitere Anregungen, indem er die genannten Mechanismen nicht nur aufzählt, sondern ihre Relationen reflektiert. Für ihn sind sie „mutually reinforcing“. 3 Diese Annahme birgt nicht nur ein konzeptionelles Problem, auf das zurückzukommen sein wird; es ist bereits aus Sicht der vorhandenen Evidenz problematisch. Die Kausalität kann auch in umgekehrter Richtung verlaufen. 4 Wenn sich das fast vollständige Monopol der Sowjetunion auf Waffenlieferungen, ihre Herrschaft über die Militärdoktrin und die Dominanz im RGW gegenseitig stützen, kann auch ein Kartenhaus entstehen. Wenn die (allgemeinen) Strukturen der Arbeitsteilung im RGW die Möglichkeiten für eine eigenständige Waffenproduktion einschränkten, würde dies eher eine Schwäche der Kontrollmöglichkeiten adäquat zum geringen Stand der RGW-induzierten Arbeitsteilung bedeuten. Zudem ist die Annahme einer sowjetisch dominierten Entscheidungsstruktur des RGW doppelt problematisch, die sowjetische Dominanz wie die Entscheidungsstruktur betreffend. 5
Wir können zunächst konstatieren, dass Hierarchien auf mehreren Ebenen transportiert wurden, die miteinander in Beziehung standen. Die Mechanismen sind institutionell vermittelt. Dies ist ein Hinweis darauf, dass eine integrative Theorie zum Verständnis des Ostblocks einer institutionalistischen Fundierung bedarf.
Die Defizite an begrifflicher Präzision und theoretischer Reflektion erscheinen somit erheblich. Sie betreffen unser Thema in doppelter Hinsicht. Die Historiographie des Ostblocks wie die Geschichte internationaler Beziehungen zeichnet sich tendenziell durch eine „Theorie- und Methodenabstinenz“ aus. 6 Bis zu diesem Zeitpunkt ist jedoch unklar, ob die aufgezeigten Defizite allein aus der mangelhaften Übertragung der Modelle auf den Ostblock resultieren, oder ob bereits die „Basis“ unzureichend ist. Deshalb soll im folgenden Schritt gefragt werden, wie viel die genannten Konzepte und Theoriezweige allgemein leisten können. Deshalb soll die Perspektive umgekehrt werden und die angerissenen Theoriebereiche auf ihren Erklärungswert für unseren Gegenstand überprüft werden. Hierbei können wir G. Sartoris Forderungen an sinnvolle Konzepte ein Stück weit folgen: “I take the methodological view that awaiting contrary proof (subsequnetly called the a.c.p. clause) no concept should be used as a synonym for any other concept. (…) However, I shall not be contend with implying that the aforementioned concepts are largely interchangeable and tend to overlap. This way of handling problems I call the ‘superfluous coexistensiveness’, and represents an intolerable waste for the economy of language and clarity of thought.” 7
1 Sears 1986, S. 24.
2 Demgegenüber habe Ceausescu Warschauer Vertrag und RGW nicht als „facts of life“ akzeptiert. Sears 1986, S. 41 f. vgl. auch S. 29 ff.
3 Sears 1986, S. 36. Der Autor reflektiert dabei allerdings nur öffentliche Verlautbarungen.
4 Es sei offensichtlich, dass die UdSSR als “primary supplier of military equipment reinforces Soviet political control in the region”. Sears 1986, S. 42 vgl. auch S. 28f. Es stellt sich die Frage nach der Einsetzbarkeit dieses Instruments jenseits einer militärischen exit-option. (Selbst für die ungarische Armee des Herbst 1956 war nicht die Abhängigkeit von sowjetischen Waffen der wesentliche Grund gegen einen eventuellen militärischen Widerstand.) Sicherlich ist es richtig, dass die Abhängigkeit bei Waffentechnik die Herausbildung eventueller abweichender Verteidigungsdoktrinen behindern konnte. (S. 33) Sie konnte sie aber nicht verhindern.
5 Sears 1986, S. 36 u. 40.
6 Für zweiteres Lehmkuhl 2001, S. 398 ff.
7 Sartori 1969, S. 399.
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Kriterien für die Anwendbarkeit von Konzepten sollen dabei sein, dass die Abgrenzbarkeit zu anderen Konzepten gewährleistet ist, keine zu allgemeinen Aussagen geliefert werden und keine signifikanten Erklärungslücken entstehen. Modelle werden nur als sinnvoll erachtet, wenn sie ihre innere Logik, ihren Wirkungsmechanismus benennen.
1.3) Der Ostblock als hierarchisches System
1.3.1) Allgemeines
Die Mehrzahl der Verwendungen von Imperium oder Hegemonie lassen sich als Ausdruck ungleicher Beziehungen lesen, der auch als „Hierarchie“ bezeichnet werden kann. Den Ostblock als hierarchisches System zu beschreiben, erscheint unmittelbar als einleuchtend und das zentrale Merkmal zu erfassen. Ein solches System wird als grundlegend konfliktträchtig aufgefasst, weil „das sowjetisch definierte, hierarchische
Organisationsprinzip des sozialistischen Lagers Konflikte um die Abgrenzung von politischen Handlungsfreiräumen und Machtkompetenzen zwischen dem Moskauer Zentrum und den osteuropäischen Regimen letztlich unausweichlich machte“. 1 Dies bedeutet, dass es sich nicht um eine natürliche, unausweichliche Hierarchie handelte, ja dass diese Hierarchie ein institutionalistisches Problem jenseits reiner „Macht“ beinhaltet.
Was umfasst die Vorstellung einer „Hierarchie“? “Probably the single most important property of the hierarchical structure is the ability of the great power at its head to make important strategic decisions which do not necessarily cater to the interests of its smaller allies. The greater the power disparity between the hierarchy leader and its smaller allies, the greater the freedom of decision making for the great power.” 2 Dies würde ein sehr großes Spektrum von Beziehungen in eine gemeinsame Kategorie einordnen, Beziehungen die möglicherweise qualitativ zu unterscheiden wären. Als ein weiteres Merkmal von Hierarchie wird die Abwesenheit oder Minimierung von „memory“ oder Verantwortlichkeit gegenüber den Interessen der eigenen Allianzpartner gesehen, wie das Verhalten der UdSSR in der Kubakrise von 1962 zeige. 3 Es ist jedoch zu bezweifeln, ob dies das typische Allianzverhalten des „Kopfes“ der osteuropäischen „Hierarchie“ darstellt. Mitunter haben wir es mit einer recht „merkwürdigen“ Hierarchie zu tun zu haben: „When it rained in Moscow, so the story went, Communist leaders in Prague put up their umbrellas. The docility of the East European Communists surprised the Russians themselves.” 4 Also eine stärkere Hierarchie als es die Machtverhältnisse oder die Erwartungen der Kraft an der Spitze erklärbar macht? Dem stehen aber zahlreiche Beispiele einer schwachen Hierarchie gegenüber, auf die gleich zurückzukommen sein wird. Es sei nur daran erinnert, dass ein Großteil der Forschung selbst im so deutlich sowjetisch dominierten Bereich der militärischen Beziehungen die „uncertain reliability“ als die potentielle Achillesferse der östlichen Allianz auffasst. 5 Ist dies nun Ausdruck einer schwachen Hierarchie oder - wie David Lake argumentiert - der Anreiz für die dominierende Macht, eine starke Hierarchie zu konstituieren? 6
1 Perovic 1999, S. 57.
2 Midlarsky.- in: The long postwar peace 1991, S. 106. Politikwissenschaftliche Grundlagenliteratur bringt hier nicht mehr Präzision, wenn sie Hierarchie als “Konstellation einseitiger Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Staaten” beschreibt. Pfetsch1994, S. 36
3 Midlarsky 1991, S. 106.
4 Zeman 1991, S. 271.
5 Gitz 1992, S. 5.
6 Lake 1986.
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Interessant ist eine funktionale Einordnung von Hierarchien, die durch ihre Fähigkeit zu „context dependent redundancies“ Unsicherheiten bzw. Entropien in der Kommunikation verringern. “As a learning scenario, the context-dependency occurs in the hierarchical structure.” Allerdings: “In matters that do not impinge on international security such as cultural exchange or certain trade items, the allied smaller powers can be treated as fairly independent from the hierarchy leader. But in matter of international security, the context dependency is strong if not unbreakable.” 1 Für den Ostblock bedürfte dies einer Überprüfung. Zumindest stehen Akteure vor der schwierigen Abwägung der Kosten-Nutzenkalküle verschiedener Beziehungsbereiche. Somit finden wir die verschiedenen Begriffe hierarchischer Beziehungen in verschiedenen Sachbereichen. Oder die Hierarchie in zentralen Bereichen bestimmt sogleich den Beziehungstyp in anderen Bereichen. Die zweifelsfreie militärische Hegemonie erscheint dann als der ultimative Garant der sowjetischen „domination“ der Region. 2 Hier erklärt aber nur ein vager Begriff von Hierarchie einen anderen. An dieser Stelle muss es genügen, auch in dieser Hinsicht einen Bedarf an konzeptioneller Klärung zu konstatieren.
Immerhin sei das Konzept „Hierarchie“ mit der Vorstellung kompatibel, dass Allianzen als „generators of international norms“ fungieren. 3 Diese Feststellung verweist uns auf Kommunikations- und Lerntheorien bzw. in den Bereich internationaler Institutionen und führt zu konzeptionellen Ambivalenzen in einem Modell, das Machtdifferentiale als die Variable auffasst. Warum bedarf eine Hierarchie solcher Lernvorgänge oder Normen, wenn das Machtgefälle evident ist? Hierarchien könnten möglicherweise - besser als durch ihre Ressourcenunterschiede - definiert, erkannt und unterschieden werden gemäß ihren Folgen für die beteiligten Akteure. Eine starke Hierarchie bedeutet möglicherweise deutlichere Vorteile für den Akteur an der Spitze als eine schwächere. Sie würde eindeutig der Wirtschaft, Politik oder dem Status der imperialen Macht dienen. Hier ließe sich allerdings eine breite Debatte darüber anführen, ob das sowjetische Imperium insgesamt ein „asset“ oder „liability“ gewesen sei. 4
Fassen wir die Einwände des Konzepts Hierarchie zusammen. Es erklärt in der zitierten Form weder eigenständiges Handeln der kleineren Partner noch Anreize zu kooperativen Beziehungsformen. Es ist oft einseitig am Bereich militärischer Dominanz orientiert. Vor allem aber fasst es sehr unterschiedliche Formen unter einem Begriff zusammen. Dies betrifft sowohl sehr unterschiedliche Arten hierarchischer Beziehungen als auch Beziehungen, die durch Institutionen geprägt werden. Hierarchie steht für jegliche ungleiche Beziehungsart wie für eine sehr starke Zentralisierung. Letztere liegt dem Konzept des Imperiums am nächsten. Somit erscheint eine Binnendifferenzierung notwendig. Hier bieten sich die bereits erwähnten Konzepte „Imperium“ und „Hegemonie“ an.
1.3.2) Hegemonie
Der Begriff der Hegemonie dient häufig einer universalhistorischen Betrachtung und Periodisierung internationaler Systeme, insbesondere des europäischen der Neuzeit. Der Aufstieg einer Hegemonialmacht, welche die anderen Spieler dominiert, ist der erste Teil eines Zyklus; die antihegemoniale Koalitionsbildung im Sinne von „balance of power“ der zweite. Dabei herrscht allerdings nicht einmal ein Konsens über die wichtigsten europäischen
1 Midlarsky, S. 111. Kontextabhängige Redundanz bedeutet die geordnete Mehrfachverwendung von Zeichen, um stabile logische Strukturen zu signalisieren. Ebenda, S. 110
2 Johnson.-in: The International Politics of Eastern Europe, 1976, S. 52 f.
3 Midlarsky, S. 121
4 Beispielsweise in Arbeiten von Aspaturian, Marer, Johnson, Marrese und Vanous, Stone u. Ahrens.
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Hegemonialmächte. 1 Berühmte historische Darstellungen über das „Grundproblem“ hegemonialer Zyklen kommen ohne Definition des Hegemoniekonzepts aus. 2
Hegemonie erscheint als regelgeleitete (und regelsetzende) und anerkannte bzw. legitime Art der Dominanz. 3 Der Hegemon besitzt die Vorherrschaft über andere Staaten, ohne deren Souveränität formell in Frage zu stellen. 4 Ähnlich hat H. Triepel dies als eine Form imperialer Herrschaft beschrieben, bei der eine „Selbstbändigung der Macht“ besteht. Andererseits erscheint es als „schwächere Machtform“. Hegemonie wird somit „Herrschaft“ gegenübergestellt. In der Spannweite von einer potenziellen Imperialität, die sich selbst beschränkt über die synonyme Verwendung zum Imperium bis zum einem Euphemismus für das Imperium kann man schon eine „begriffliche Konfusion“ konstatieren. 5 Einen solchen „völlig zerfahrenen“ Sprachgebrauch konstatierte Triepel selbst.
Ein Teil der konzeptionellen Probleme mit „Hegemonie“ resultiert aus der Verkopplung mit einem zentralen, aber äußerst problematischen Konzept: Macht oder noch simpler „size“. Demnach existiert Hegemonie da, wo ein Akteur die anderen an Ressourcen deutlich übertrifft. 6 Die Vorstellung hegemonialer Zyklen ist somit “fest im klassischen Realismus verankert” - und erweitert diesen um eine systemische Dimension. 7 „The term hegemony is applied to a variety of situations in which one state appears to have considerable more power than others.“ 8 Obgleich der Begriff im griechischen Ursprung 9 klar auf die Dominanz einer Macht über andere innerhalb des Systems festgelegt sei, werde es - so J. Nyes konzises Fazit - in „diverse and confused ways“ genutzt. „Part of the problem is that unequal distribution of power is a matter of degree, and there is no general agreement on how much inequality and what types of power constitute hegemony. All to often, hegemony is used to refer to different behaviors and degrees of control, which obscures rather than clarifies the analysis.” Somit bedürften Formen, Gegenstandsbereiche, Weite und Ausprägung hegemonialer Beziehungen der analytischen Beachtung. 10
Die Weite des Begriffs droht ihn zu entwerten. Eine verbreitete Vorstellung von Hegemonie, die Friedens- oder Prosperitätsphasen mit der Führungsrolle einer Hegemonialmacht begründet, leitet den „long peace“ der Jahre nach 1945 aus der „American dominance“ ab. 11 Dies würde nichts anderes bedeuten, als die Beziehung der USA zur UdSSR mit demselben Begriff beschreiben zu wollen als die Beziehung der UdSSR zu ihren „Satelliten“. Seit 1947 habe es eine „amerikanische Hegemonie im Großteil der Welt“ gegeben, ein „amerikanisches Imperium“. Andererseits habe es ein wirkliches Weltreich, jemanden der die ganze Welt kontrolliert, noch nie gegeben. Gerade die moderne Welt sei zu kompliziert, als dass sich ein
1 Gilpin 1981, Modelski 1968, Kennedy 1991, Dehio 1997.
2 L. Dehio nutzt in seiner hervorragenden Arbeit über „Gleichgewicht oder Hegemonie“ die Begriffe der Primärquellen oder Metaphern. Dehio 1997. P. Kennedy vermeidet in seinem einflussreichen Buch sogar den Begriff der Hegemonie weitgehend und spricht noch allgemeiner von den „großen Mächten“. Kennedy 1991.
3 Mann 2003, S. 25, Mjoset 1990, S. 21.
4 Lexikon der Politik, Bd. 1: Politische Theorien, 1995, S. 174. Es ist bezeichnend, dass der „Hege- monie“ hier Theoriestatus zugemessen wird, für die internationale Dimension des Konzepts aber eine Seite ausreicht, ja für die Definition ein Satz.
5 Münkler 2005, S. 67ff.
6 Zusammenfassend Rapkin 1990, S. 5; Krasner 1985, S. 585.
7 Zürn 1994, S. 315 zu „Hegemoniezyklen“.
8 Nye 1991, S. S. 38.
9 Allerdings ist man sich auch über die ursprüngliche Bedeutung keineswegs einig. Sie verweist auf die „Heerführerschaft“ wie den „Führer“ allgemein oder eine schwächere Machtbeziehung im Gegensatz zu arché. Lexikon der Politik, Bd. 1: Politische Theorien, 1995, S. 174; Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, 1989, S. 663; Münkler 2005, S. 73.
10 Nye 1991, S. 38f. S. Huntigton hat auf die Probleme hingewiesen, am GNP die Stellung einer Hegemonialmacht abzulesen. Huntington 1988/89, S. 84.
11 Organski 1968, Gilpin 1981, Levy 1991.
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Imperium stabilisieren lasse. 1 Zumindest die amerikanische und die sowjetische „Kontrolle“ würde dann mit einem Konzept erfasst werden. Aber auch weniger weite Perspektiven entgehen zweifelhaften Generalisierungen nicht: So wird es in historisch-vergleichenden Längsschnittstudien, die „different types of great-power regional involvement“ unterscheiden, als ausreichend empfunden, die Beziehungen sowohl Nazideutschlands als auch der UdSSR zu Ost- und Südosteuropa als Hegemonie zu bezeichnen. 2 Oder ist es sinnvoll, die Position von NS-Deutschland 1936-1939 und der UdSSR im Ostblock mit einem Begriff zu fassen? 3
Andererseits gibt es selbst beim Beispiel USA, die am ehesten über das gesamte Spektrum hegemonialer Einflussmöglichkeiten verfügte, Hinweise auf eine deutliche Begrenzung der Wirkungen dieser Position. Joseph S. Nye konstatiert, dass die USA “was not as powerful in the postwar period as is implied by those who speak of American ‘hegemony’ or ‘empire’”. 4 Obwohl das Interesse am Konzept der “Hegemony” seit dem 11. September 2001 eine Renaissance erfahren hat und die Beiträge zur „US-Hegemonie“ geradezu inflationär zugenommen haben, ist hier keine konzeptionelle Klärung erfolgt. So werden Hegemonie und Imperium weiterhin vermischt; so herrscht nicht einmal Einigkeit über den Status der USA als aktueller Hegemonialmacht. 5 Dieses Problem resultiert auch aus dem Beharren auf einem Begriff „universeller Hegemonie“, das die Fähigkeit zur Setzung und Kontrolle universeller Regeln beinhaltet. Mitunter geht es sogar noch einen Schritt weiter, wenn Hegemonie bedeutet, dass eine Macht ihre Regeln und ihre Wünsche in allen Bereichen durchsetzen kann. 6 Dies bedeutet nicht nur eine Regelkompetenz der Hegemonialmacht, sondern auch eine quasi Befehlskompetenz und dies in allen politischen Sphären. Dies wäre die perfekte Hierarchie. Die neuere Debatte um Hegemonie bietet den wichtig Hinweis auf ihren „multidimensionalen“ Charakter. Eine Hegemonialmacht bedarf der Überlegenheit nicht nur in Militär und Wirtschaft, sondern auch in Kultur und Technologie. 7 Zurecht wurden zuletzt die Herrschaft über Informationen bzw. Medien zu den zentralen Merkmalen hegemonialer Mächte gerechnet. 8
Allerdings erscheint ein begrenzteres Konzept von Hegemonie durchaus sinnvoll: “Contrary to the myths about Pax Britannica and Pax Americana British and American hegemonies have been regional and issue-specific rather than general.” 9 Dies könnte als Maßstab an die sowjetische Hegemonie angelegt werden. Sicher ist es übertrieben, die UdSSR im Hinblick auf den „Sowjetblock“ als „one-dimensional superpower“ 10 zu bezeichnen. Zweifellos handelt es sich aber um eine „incomplete superpower“. 11 Zumindest die technologische Führerschaft der UdSSR scheint fraglich? Oder sie existierte nur in einer bestimmten Entwicklungsphase, die man als lange Welle von Schwerindustrie und Elektrizität bezeichnen könnte. 12 In dieser Perspektive dauerte die Herrschaft des Stalinismus genau „einen Kondratjew“. 13 Erfüllt also die UdSSR in diesem Sinne nur bedingt die Kriterien einer Hegemonialmacht? Zumindest müsste danach gefragt werden, ob und wie Defizite in bestimmten Sphären ausgeglichen werden können. Allerdings könnte sich die sowjetische
1 Hobsbawm 2003, S. 30.
2 Miller/Kagan 1997
3 Für Deutschland beispielsweise L. Herbst oder M. Messerschmidt.
4 Nye 1991, S. 21. Nye behandelt die "Myths of American hegemony". ebenda, S. 87 ff.
5 Stellvertretend: Lamy, Englisch, Smith 2005.
6 Wallerstein, Nye 1991, S. 43.
7 Keohane 1984.
8 Seib.- in: Lamy, English, Smith 2005.
9 Nye 1991, S. 40.
10 Hutington 1988/89, S. 90.
11 Dipp 1988.
12 Mjoeset 1990, S. 23.
13 Hedtke 1990; allgemein Zürn 1994, S. 316.
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phasenweise - wie auch die amerikanische der Jahre 1944-47 - im Vergleich zur durchschnittlichen Hegemonie als eine qualitativ zu unterscheidende Ausprägung erweisen, als „starke Hegemonie“. Somit besteht auch hier das oben konstatierte Problem, inwieweit bei historischen Veränderungen die Beschreibungskonzepte konstant bleiben können. Präzisierungen sind also notwendig.
Trotz der Weite des Begriffs bleiben deutliche Erklärungslücken. Ob neorealistische/ strukturalistische Ansätze oder im Rahmen eines „integrativen Realismus“, der Interessen einbezieht: Dieser Ansatz tut sich schwer, die zahlreichen Fälle zu erklären, in denen Hegemonialmächte, entgegen offensichtlicher fundamentaler Interessen, ihre überlegenen materiellen Ressourcen nicht zu einer Intervention nutzten und stattdessen Kompromisse eingingen. 1 Er kann zentrale Ereignisse nicht erklären wie die Tatsache, dass die USA ihrer Funktion als „hegemonic leader“ im Umfeld der „großen Depression“ nicht entsprach. 2 Nicht existent dagegen ist “the influence of small states upon the superpowers”. 3
Die Struktur von Ressourcenverteilungen erscheint aber nur auf den ersten Blick als „sparsamste“ Erklärung; gerade die Debatte um den Niedergang hegemonialer Mächte beinhaltet ein wichtiges „relationales“ Argument. Warum nämlich die steigenden Herrschaftskosten der „burdens of empire“ 4 in einer hierarchischen Beziehung überhaupt auftreten und zu deren Veränderung führen, liegt systematisch jenseits des strukturellen Verständnisses. In diesem Zusammenhang von Interesse ist Gilpins Verweis auf „protection costs“ bei der Aufrechterhaltung einer hegemonialen Position. 5 Eine Ergänzung bietet die Deligitimation-Phase bei Modelski. 6 Dies verweist darauf, dass eine stabile Hegemonialposition nicht ausschließlich auf einem Machtdifferential beruht, sondern auf entsprechenden Normen oder Institutionen. Bereits für Triepel ist Hegemonie deshalb eine zielorientierte politische Beziehung, die eine Einheit zwischen Hegemon und „Gefolgschaft“, also „Integration“ produziert. Die Hegemonie ist aber eine selbstbeschränkte Form der Beziehungen, welche die Stufe der „Herrschaft“ nicht erreicht und damit auch ein Schutzmittel gegen die völlige Unterwerfung durch den Hegemon darstellt. Auf der anderen Seite ist sie aber eine „besonders starke Form des Einflusses“. Damit deutet Triepel ein allgemeineres Kriterium der Unterscheidung an: Denn „es gibt eine unendlich große Stufenleiter der Intensität von Machtbeziehungen“. 7 Hier ist implizit von verschiedenen Stufen von Macht wie Stufen von Institutionalisierung die Rede. Beide Ebenen müssen in die Analyse eingehen.
Die politikwissenschaftliche Behandlung von Hegemonie scheint nur bedingt auf die UdSSR übertragbar zu sein. Andererseits bietet gerade das am weitersten entfernt scheinende Konzept wertvolle Anregungen: die Theorie der „hegemonic cooperation“. 8 Viele Aspekte eines hegemonialen Systems dieser Art scheinen auch für den Ostblock zuzutreffen: “That is, when one state is powerful enough to maintain the essential rules governing interstate relations, and willing to do so. In addition to its role in maintaining a regime, such a state can abrogate existing rules, prevent the adoption of rules that it opposes, or play the dominant role in constructing new rules. In a hegemonial system, therefore, the preponderant state has both positive and negative power. (…) A hegemonic power can change the rules rather than
1 Für die USA wurden 149 Fälle einer Nichtintervention trotz relevanter Interessen gezählt. Für die UdSSR sei nur an die Machtübernahme Gomulkas und den Truppenabzug aus Rumänien erinnert.
2 Kindleberger 1979; Haggard 1988, S. 118
3 So Park am Beispiel des "reciprocal influence" zwischen Südkorea und USA, der die "effective moral suasion" beinhaltete. Park 1975, S. 117.
4 Huntington 1988/89, S. 77; Kennedy 1987.
5 Gilpin 1981; Levy 1991, S. 151.
6 Modelski 1968; Levy 1991, S. 154.
7 Triepel 1974, S. 33. u. S. 128ff.
8 Gaddis 1991, Levy 1991; Keohane 1984.
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to adapt its policies to the existing rules. (…) When the hegemonial power does not seek to conquer other states, but merely to protect its favored position, other states may benefit as well. (…) Hegemonial powers do not, therefore, exploit secondary powers economically. (…) Ironically, the benefits of a hegemonial system, and the extent to which they are shared, may bring about its collapse. As their economic power increases, secondary states change their assumptions. No longer do they have to accept a one sided dependence which, no matter how prosperous, adversely affect governmental autonomy and political status. (…) Thus the rulemaking and rule-enforcing powers of the hegemonic state begin to erode, the policies of the secondary states are likely to change. But so are the policies of the hegemonic state. (…) Dissenters will begin to wonder about the costs of leadership. (…)Thus the systemic orientation natural to a hegemonial power - which identifies its interests with those of the system it manages - is challenged by a more nationalistic perspective at home and abroad. (…) When this point is reached on both sides, the hegemonic equilibrium has been broken (…); a cycle of desintegration can readily set in.” 1
Auch wenn dieses vom westlichen „Vorbild“ abgeleitete Verlaufsmodell wesentliche Elemente des Ostblocks nicht erfasst, kann es dennoch zentrale Aspekte seines Lebenszyklus abbilden. Eine Variante dieses Modell bedeutet, dass die Hegemonialmacht Kollektivgüter produziert und diese gegen andere Güter wie Statusanerkennung, außenpolitische Gefolgschaft usw. tauscht. Dem Wesen dieses Tausches entsprechend entsteht aber ein starker Anreiz für die „Satelliten“ zur Nutzung der Kollektivgüter ohne Gegenleistung (free ride). Zur Erlangung der Gegenleistung muss die Hegemonialmacht die Kollektivgüter mit Kontrollen oder mit side payments koppeln, um sie wenigstens teilweise in excludable goods umzuwandeln. Dies verursacht höhere Kosten für die Hegemonialmacht. Es droht eine ungleiche Tauschbeziehung zugunsten der „Satelliten“ (wenn die Hegemonialmacht nicht in der Lage ist, für ihre Leistungen adäquate „Steuern“ einzutreiben) oder zumindest eine ungleiche Kostenstruktur. 2
In diesem Sinne wurde eine Hegemonialmacht als Anbieter von Technologie und Institutionen aufgefasst: „In other words, the hegemonic country is the source country of decisive technological and instutional innovations (…).“ Die Verbreitung dieser Innovationen beinhalte einen Einfluss auf die nationalen Modelle der anderen Länder, aber auch einen entscheidenden Einfluss auf die Herausbildung internationaler Regime: eines Handels-, Währungs- und Sicherheitsregimes. 3 Eine solche Vorstellung scheint am ehesten unserem Gegenstand zu entsprechen. Der sowjetische Einfluss auf die innere Gestalt der Volksdemokratien ist offensichtlich. Ebenso dominierte sie die Gestalt der genannten internationalen Institutionen bei ihrer Entstehung und ersten poststalinistischen Wandlungen. Andererseits scheint bereits Ende der 50er Jahre die hegemoniale Kompetenz zur Veränderung dieser Regime stark eingeschränkt gewesen zu sein. Ist der zitierte Begriff von Hegemonie dann noch zutreffend? Oder gab es eine Hegemonie im Bereich der inneren Institutionen, aber keine bei den Beziehungsinstitutionen? Wie wäre diese Ambivalenz zu erklären? Zumindest ist die „symbiosis between hegemony and cooperation“ wie der dazu notwendigen Institutionen ein Zusammenhang der „hegemonic stability“-Konzepte 4 , den es zu verfolgen gilt. Im Sinne einer hegemonic stability ist Hegemonie eine mögliche Voraussetzung oder eine mögliche Alternative von institutionell geregelter Kooperation. Zudem wurde die interessante Frage nach den Unterschieden der sowjetischen Hegemonie gegenüber der „consensual hegemony“ der USA gestellt. Beantwortet wurde sie allerdings
1 Nye/ Keohane 1977, S. 44-46.
2 Angedeutet bei Gilpin 1981.
3 Mjoeset 1990, S. 22
4 Snidal 1985.
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nicht. 1 Zumindest zeigt dies noch einmal das weite Spektrum von Hegemoniebegriffen im Vergleich zur oben erwähnten perfekten Hierarchie. So kann unter einer hegemonialen Weltordnung eine universelle Konzeption verstanden werden, in der nicht ein Staat die anderen direkt ausbeutet, sondern die von den meisten anderen Staaten als mit ihren Interessen kompatibel angesehen wird. 2 Hierzu wurde ganz richtig bemerkt: “Such an order entails a particular kind of ideological and cultural dominance, but it is a subtle dominance, based on consent, and should be differentiated from the coercive domination of one state by another.” 3 Daraus wurden zuletzt unterschiedliche Typen hegemonialer Ordnungen destilliert: Neben den bekannten Formen von „coercive hegemony“ und “benign hegemony” tritt die Form der „hegemonic assurance“. Während erstere das System garantieren, indem sie glaubhafte Drohungen produzieren bzw. Partner mit zusätzlichen Anreizen zur Kooperation zwingen oder aber die Kollektivgüter (Frieden, Rüstungsbegrenzung, Währungssystem usw.) selbst produzieren, ist die letztere Form noch stärker institutionalistisch geprägt. In der „hegemonic assurance“-Perspektive überwinden Hegemonialmächte ein Kernelement sozialer Dilemmasituationen: Misstrauen. Wenn allerdings die Mechanismen, mit denen Vertrauen hergestellt wird, vage bleiben 4 , verwischt sich der Unterschied zu den anderen Formen. Wesentlich bleibt zunächst: Alle drei Formen können in eine institutionalistische Perspektive integriert werden: sie erzwingen, initiieren oder garantieren Kooperation.
Der Erklärungswert von Elementen der Hegemoniekonzepte ist deutlich geworden, ohne dass wir hiermit über ein hinreichendes Modell verfügen würden. Hierarchiegrad wie Mechanismen hegemonialer Ordnungen bleiben weit gestreut. Die Problematik besteht nicht nur in der Weite des Konzepts, der mangelnden Abgrenzung gegenüber benachbarten Konzepten, sondern auch bei ihrer Reichweite. Abgesehen von der - kruden oder verfeinerten - Machtdifferenz scheint sich kein klares Kriterium für die Analyse einer hegemonialen Beziehungsform herauszukristallisieren, scheint sich eine Vielzahl unterschiedlicher Beziehungstypen in dem Konzept vereinigen zu lassen. Andererseits verkoppeln viele Ansätze Machtdifferenzen mit institutionalistischen Fragen. Sind die Vorstellungen von „Imperien“ präziser?
1.3.3) Imperium
Was aber ist ein Imperium? Wenig hilfreich ist die Verwendung des „Soviet Empire“ als bloßes Label, hinter dem sich die innenpolitische Entwicklung der UdSSR oder das gesamte Spektrum sowjetologischer Forschung verbergen kann. 5 Es meint kaum etwas anderes als einen großen Raum, in dem Herrschaft ausgeübt wird. Dieses Problem resultiert allerdings nicht nur aus der Theorieferne der Ostblockforschung: So konstatiert H. Münkler: „Womöglich ließe sich leichter eine Antwort darauf finden, wenn es in den vergangenen Jahrzehnten eine sozialwissenschaftlich ausgerichtete Imperiumsforschung gegeben hätte, die verlässliche Kriterien für Imperialität entwickelt hätte. Das ist jedoch nicht der Fall. (...) Die
1 Der unter diesem Motto veröffentlichte Beitrag von Gati behandelt diese Frage nicht, sondern nutzt den Hegemoniebegriff für die Kennzeichnung der innenpolitischen Bestrebungen der ungarischen Kommunisten. Gati 1994, S. 175 ff.
2 Cox 1983, S. 171.
3 Rapkin 1990, S. 3.
4 Der Hegemon wandelt die Situation eines „tipping game“ zu einem Kooperationsanreiz, der den Anreiz des free-ride übersteigt „by engaging in diskussions and providing credible information“. Der Hegemon produziert einen Konsens über ein gemeinsames Ziel und eine dominante Lösungsstrategie. Dabei „überzeugen“ sie die Gruppe. Dieser Prozess funktioniere nur, wenn die Mehrheit dem Hegemon vertraut. Kydd 2005-06, S. 620ff. Wie aber Vertrauen entsteht und wirkt, bleibt unklar.
5 So in der Festschrift für Adam P. Ulam unter dem Titel „The Soviet Empire Reconsidered“. Lieberman u.a. 1994. Keep 1995.
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Politikwissenschaft hat (... den Imperiumsbegriff) nicht definitorisch umrissen und exemplarisch ausgefüllt, sondern der Beliebigkeit des publizistischen Alltags überlassen.“ 1
In der (neorealistischen) Theorie internationaler Beziehungen dient der Begriff des Imperiums als typologischer Gegenbegriff zur Anarchie. Beide bestimmen als fundamentale Ordnungsprinzipien den Charakter unterschiedlicher Systeme. Hierarchische Systeme besitzen dabei - im Unterschied zu anarchischen - funktional unterschiedliche Akteure. Damit ist ein Imperium als Gesamtzustand des internationalen Systems (im Gegensatz zur Hegemonie) per definitionem ausgeschlossen. 2 Dies scheint der Weg einer sehr kruden und ahistorischen Modellbildung zu sein. Dennoch kann ein Verständnis von Imperium als strikte Hierarchie, als starke Zentralisierung sinnvoll sein, nicht nur weil dies dem ursprünglichen Verständnis von imperium nahe kommt. Es meinte nämlich eine Amtskompetenz, die Befehlsgewalt über das Heer wie Gerichtskompetenzen umfasste. Sie konnte auf eine Provinz beschränkt sein, die Amtsinhabern unterstand, einen Machtbereich, der nicht unbedingt geographisch definiert sein musste. 3 Damit handelte es sich allerdings vor allem um eine Frage von Kompetenzen, um ein institutionalistisches Problem. Dabei geht es letztlich um eine strikte Hierarchie. Dies wäre dann ein „Organisationsprinzip von Herrschaft“, das eine Struktur beschreibt, in „der alle politischen Kompetenzen zur Formulierung kollektiv verbindlicher Regeln zentral bei einem Regelungsautoren angesiedelt sind, in der Kompetenzen vertikal von oben nach unten (von einem Autor zu einem oder mehreren Adressaten) verlaufen, und in der das wesentliche Instrument zur Ausübung politischer Herrschaft das Kommando, der Befehl oder die Anweisung ist“. 4 Imperien bedeuten „Kontrolle“ und verweigern den Unterworfenen die Anerkennung als gleichwertige Entitäten. 5 Insgesamt erscheint ein Verständnis von Imperien als stark hierarchische Organisationsform, die staatlichen bzw. „souveränen“ Einheiten nahe kommt, keineswegs so ahistorisch wie zunächst angenommen: „The concept entered European political discourse to refer to any supreme and extensive political dominion, which (...) contrasted with more diffuse and contractual systems of domination.“ Ein solches Verständnis war bis zum Beginn des Hochimperialismus im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts dominierend. 6
Die Übertragung des Begriffs von einer Kompetenz auf den Kompetenzbereich ermöglichte das verbreitete Verständnis von Imperium als Herrschaft über weite Territorien. In dieser Tradition kann unter dem „imperialen Herrschaftsreich“ Rom ein „echtes Territorialreich“ verstanden werden, das ein mögliches „Höchstmaß an territorialer Kontrolle erlangte“. Bemerkenswert an dieser Darstellung durch Michael Mann ist es, dass die Fundamente imperialer Macht, ihre sozialen und organisatorischen Strukturprinzipien im Vordergrund stehen. 7 Eine institutionalistische Perspektive muss hier anknüpfen. Zunächst aber kann die doppelte Ausrichtung des Imperiumskonzepts konstatiert werden: auf strikte Hierarchien wie Herrschaft über große heterogene Flächen. Allerdings besteht ein Spannungsfeld zwischen diesen Komponenten, zwischen Größe und Herrschaft. Je größer das Imperium, desto größer die Herrschaftsprobleme bzw. die Anreize, Hierarchien zu dezentralisieren. 8 Imperien produzieren also Herrschaftskosten. Dies wird durch ein Merkmal verstärkt, das in einer weiteren Definition klar im Mittelpunkt steht: „An Empire is a multinational or multiethnic
1 Münkler 2005, S. 15. Die Untersuchung politikwissenschaftlicher Lexika ergab nur einen längeren Beitrag über Imperien. Jaberg/ Schlotter 2005, S. 8.
2 Waltz 1979, S. 96 ibid. Mitunter werden auch Markt und Imperium als alternative Formen gesell-schaftlicher Organisation gegenübergestellt. Maier 2005, S. 28.
3 Wells 1985, S. 14f.
4 Hier wird dieser Gegenbegriff zur Anarchie aber als Hierarchie bezeichnet. Neyer 2002, S. 16.
5 Take 2005, S. 117.
6 Beissinger 2005, S. 22ff.
7 Mann 1994, S. 9ff.
8 Cohen 2004, S.
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state that extends ist influence through formal or informal control of other polities (...). ‚There is no empire without a conglomeration of lingualistically, racially, and cultural different nationalities and the hegemony of one over the rest. The heterogeneity and the domination are of the very essence of imperial relations. An empire is hierarchical.(…).’” 1 Die „Heterogenität“ zeigt die Unterschiede zum (National-) Staat. „Hierarchie“ erscheint aber nur als Sammelbegriff ungleicher Beziehungen. Dies müsste durchaus strikter gemeint sein: „Im Imperium kristallisiert sich der höchste Anspruch auf monopolisierte Macht.“ 2
In diesem Sinne sind die Konzepte Imperium/ Imperialismus auch mit den theoretischen Interessen von Historikern verbunden. Hier lassen sich auch historische Deutungen der Entstehung des Ostblocks zuordnen. Demnach rivalisierten nach Kriegsende in Moskau „zwei grundlegende Tendenzen“ miteinander. Die eine beruhte auf der Hoffnung, der Kommunismus werde sich unter den Bedingungen einer fortgesetzten Koalition der Siegermächte ausbreiten können. Die Folge wäre ein sozusagen anarchisches sozialistisches Staatensystem gewesen. Die zweite Tendenz knüpfte an die imperialen Tendenzen Russlands an. Da die Hoffnungen auf die erste Tendenz sich nicht erfüllten, setzte sich die imperiale Tendenz durch, die zur „totalen Sowjetisierung“ der sowjetisch besetzten Gebiete geführt habe. 3 Die Bezeichnung als „Sowjetimperium“ erscheint für einige Autoren „genauer als die gleichsinnigen Bezeichnungen ‚Sowjetblock’, ‚sozialistisches Lager’ usw., da eben das gewaltige übernationale Sowjetgebilde zur Kategorie der uns seit dem Altertum bekannten großen Imperien gehört.“ Damit sei es den „Gesetzmäßigkeiten des Aufstiegs und Niedergangs der Imperien“ unterworfen. 4 In allgemeinster Form erscheint dies als eine Art physikalisches Gesetz von „5000 Jahren artikulierter Machtgeschichte“, als das „Wechselspiel zwischen Machtzentren als höchsten Zusammenballungen von Macht und Machtvakuen, in die Machtzentren früher oder später expandieren.“ 5
Diesem diffusen Verständnis von Imperien steht die erwähnte Vorstellung einer strikten Hierarchie gegenüber. Auf den Ostblock übertragen hat ein solches Konzept in zugespitzter Form Hannah Arendt verfolgt, die von einer besonders ausgeprägten Form von Imperialismus, von einem „totalitären Imperialismus“ spricht. Dieser sei dadurch gekennzeichnet, dass eine Gewaltherrschaft und permanente Unterdrückung möglich sei, da die konstitutionellen Hemmnisse im Inneren der UdSSR fehlten. Zudem sei das Mutterland nicht dem tödlichen Zwiespalt imperialer Nationalstaaten unterworfen, die ihren Kolonien nur zeitweilig nationale Unabhängigkeit vorenthalten könnten. Es handele sich um einen grundsätzlich kontinentalen Imperialismus, sozusagen um einen organisch gewachsenen Körper von Eroberungen. 6 Dies trifft für Russland als „Vielvölkerreich“ ohne Zweifel zu,
1 Cohen 2004, S. 50. Das Zitat stammt von Niran Chadhuri. Charles Maier definiert Imperien als eine „auf Unterordnung beruhende hierarchische Struktur“, die ein Arrangements der Eliten zur Statussiche- rung beinhaltet. Imperien sind „hierarchisch, militärisch, bürokratisch“. Maier 2005, S. 29. Dies bedeu-tet aber eine Vermischung von Imperium und Staat. Für Motyl sind Imperien Staaten. Sie sind gekenn-zeichnet durch die Beziehung von core-organizations zu Peripherien in einem kulturell differenzierten Raum. Allerdings bleibt die Art der Dominanzbeziehung auf Beispiele (Kontrolle der Außen- und Verteidigungspolitik, Kontrolle der Grenzen, Finanzkontrolle, Personalkompetenz, keine Verantwort-lichkeit der Kern-Eliten) einer stark hierarchischen („diktatorischen“) Beziehung beschränkt. Motyl 1997, S. 20f.
2 Osterhammel 2006, 1.
3 Holzer 1998, S. 89 ff.
4 Dallin 1961, S. 13 f. Kennedy dagegen meidet die Bezeichnung “Imperium” und stellt die UdSSR gegenüber deren „Reich“ in Osteuropa in den Vordergrund. Kennedy 1991, S. 721 ff.
5 Geiss 1990, S. 28f.
6 Arendt 1958, S. 52 ff. Etwa zeitgleich versuchte Röpke die Leninsche Imperialismustheorie gegen das sowjetische Imperium zu wenden. Er verwies auf die Neigung zum ökonomischen Imperialismus, wenn ein Wirtschaftssystem durch die „Vereinigung von Wirtschaft und Politik unter dem Kommando des Staates gekennzeichnet ist“. Röpke 1954, S. 116 f.
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aber in einem qualitativ anderen Sinne als für den Ostblock. 1 Dagegen gibt es bei Arendt keinen systematischen Unterschied zwischen der Sowjetunion selbst und ihren Satellitenstaaten: Denn „die Agenten Moskaus, welche in den Satellitenländern herrschen, sind keine Quislings, sondern alte und erprobte Mitglieder der kommunistischen Bewegung und als solche ihren Moskauer Herren gegenüber in keiner schlechteren Lage als irgendein beliebiger ukrainischer oder weißrussischer Bürokrat, von dem auch erwartet wird, dass er Order pariert und die nationalen Interessen seines Volkes den Forderungen der internationalen Bewegung, so wie Moskau sie versteht, zum Opfer bringt.“ 2 Damit würde es sich auch im Ostblock um eine Art unproblematischer Verwaltungshierarchie (d.h. um Herrschaft) handeln. Dies ist empirisch problematisch, lässt aber wenigstens die Entwicklung eines präziseren, falsifizierbaren Konzepts zu.
Ein solches Imperiumskonzept sicher sinnvoll für den gewachsenen Bereich des russischsowjetischen Imperiums. Dieses wurde mit Erfolg in die vergleichende Imperiumsforschung einbezogen - der Ostblock dagegen kaum. 3 Plausible universalhistorische Definitionen von Imperien schließen den Ostblock eigentlich aus, nutzen ihn dann aber wieder als Beispiel. 4 Dem typologischen Unterschied zum Einflussbereich der UdSSR in Osteuropa, dem Ostblock also, versuchen einige Studien durch die Unterscheidung von „innerem“ und „äußerem“ Imperium gerecht zu werden. Die Legitimierung des gemeinsamen Begriffs erfolgt aber kaum explizit, am ehesten durch eine Betonung der existentiellen Bedeutung, die auch die Aufrechterhaltung des „äußeren Imperiums“ für die innere Existenz des Zentrums besitzt. 5 Der Begriff des Imperiums impliziert den Gegensatz von Zentrum und Peripherie. Dieser kann ein principal-agent Verhältnis bezeichnen, aber auch die Abstufung von Einfluss und Homogenität, die an der Peripherie geringer werden. 6 M. Beissinger stellt einerseits die typologische Nähe von Imperien zu Staaten fest, aber auch die Beachtung der Formen aus legitimatorischen und diskursiven Gründen. Das sowjetische Imperium nutzte - sowohl in der UdSSR als im Ostblock - Normen der Selbstbestimmung und Souveränität „to blur the line between domination and consent“. Wie aber wirkte dies auf die Möglichkeiten zur Kontrolle zurück? „Soviet domination was instead a masked form of control (… of) sovereign enteties, but whose politics were controlled from abroad through multiple covert channels.” Immerhin seien die meisten informellen Imperien “not as hierarchical and centralized as was the Soviet sphere of influence in East Europe”. 7 Alles Imperium! Aber wie viel Kontrolle oder Hierarchie ist notwendig, um ein Imperium zu identifizieren? Ein Imperium wäre dann ein Raum für ganz unterschiedliche Grade ungleicher Beziehungen, aber kein analytisch präziser Begriff. Imperium kann durchaus als ein Herrschaftsraum definiert werden, in dem die Vormacht den anderen Parteien die exit-option versagte. Dann muss aber die Wirkung dieser Prämisse auf die Gesamtbeziehung systematisch thematisiert werden.
Anhänger des Imperiumskonzepts vertreten die Ansicht, dass es keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen der UdSSR und dem Ostblock gegeben hat, da beide als „inneres Problem“ der sowjetischen Führung behandelt wurden. Trotz bedeutender Veränderungen
1 Kappeler fasst Russland zurecht als „supranationales Imperium“, das „Polyethnizität als Konstante“ beinhaltete. Kappeler 1992, S. 10f.
2 Arendt 1958, S. 58; vgl. auch Meissner 1967; Motyl 1997, S. 22.
3 Taagepera 1978. Lieven 1999. Adas 1998.
4 So R. Gilpin mit einer konzisen Definition: „By ‚empire’ we mean an aggregation of diverse peoples ruled over by a culturally different people and a political form usually characterized by centralization of power in an emperor or sovereign.” Dennoch betrachtet Gilpin, v.a. im wirtschaftlichen Bereich den Sowjetblock als imperiale Ordnung. Gilpin 1981, S. 110, 129 u. 139.
5 „It was almost an extension of the Soviet domestic order since the integrity of the inner empire of union republics was seen as closely related to that of the outer empire of Eastern Europe.” Pravda 1992, S. X
6 Beispielsweise sei an der Peripherie des sowjetischen Imperiums ein "fairly high degree of informal marketization relative to the Soviet core" möglich gewesen. Hanson 1995, S. 309.
7 Beissinger 2005, S. 29ff. Zitate S. 32 u. 238, Anm. 44.
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seit Ende der 50er Jahre seien wesentliche Aspekte sowjetischer Politik unverändert geblieben: die Behandlung Osteuropas als Pufferzone, seine ideologische Bedeutung und das Prestige, das eine internationales Allianzsystem wie der Warschauer Vertrag bedeute. Die Macht in diesem Paktsystem habe zudem eindeutig bei der UdSSR gelegen. Die Dominanz der UdSSR über Osteuropa sei ein Kontinuum. Damit entfernt sich aber das Konzept von Imperium von einer spezifischen Ausprägung zentralisierter Herrschaft: „The Soviet empire has been decentralised.“ 1 Somit gibt es zahlreiche empirische Einwände gegen die Annahme einer strikten Hierarchie. Selbst das als besonders moskautreu geltende Bulgarien war in der Lage, eigene Interessen zu formulieren und durchzusetzen. 2 Während der verbale Teil außenpolitischen Verhaltens der Bulgaren als besonders konform gelten kann, gibt es quantifizierbare Evidenz dafür, dass die Ausrichtung der „realen“ Beziehungen in erheblichem Maße vom Blockdurchschnitt abwich. 3 Wann aber ist die Grenze zu einer nichtimperialen Beziehung überschritten? Erst bei einem bewussten exit?
Eine fassbare Einordnung setzt eine konkretere Definition von Imperium voraus, um daran die Merkmale des sowjetischen Imperiums messen zu können. So geht Ionescu von drei Basiselementen aus: „(1) a political center animated by a historical mission of expansion; (2) religious or ideological coercion used to weld it into a single coordinated or expanding unit; (3) a sense of final purpose justifying it and inspiring its officers, soldiers and officials to transcend their individual role in the particular phase of the development in which they find themselves. In the case of Stalin’s Russia the three elements can clearly be seen.” 4 Allerdings ist diese Definition schon stark auf die innere Konstitution des Sowjetreiches bezogen; eine allgemeingültige Bestimmung der Imperien liefert sie nicht. Zudem sind diese drei Kriterien kaum analytisch zu trennen. Drei Elemente gilt es festzuhalten: Die „single coordinated unit“, die das Imperium einem einheitlichen Bereich von Herrschaft annähert. Die kulturelle Verknüpfung der Eliten. Die historische Mission. „Durch die imperiale Mission verwandelt sich die Selbstlegitimation eines Imperiums in dessen Sakralisierung. Seine quasi religiöse Zielsetzung enthebt es den beliebigen Entscheidungen der politisch Mächtigen und gesellschaftlich Einflussreichen. Auch wenn sie die Macht im Imperium innehaben, hat doch letztlich das Imperium sie in seiner Macht. (...) Die imperiale Mission kann eher im untergründigen Selbstverständnis eines Reiches verankert sein, aber sie kann auch immer wieder inszeniert und beschworen werden.“ 5 Aber wozu benötigen Imperien - abgesehen von einer instrumentellen Selbstlegitimierung - solche Selbstbindungen? Hier ist wohl eigentlich von einer Institutionalisierung des Imperiums die Rede. Aber wie funktioniert diese? Klärt man nicht, wie etwas „im untergründigen Selbstverständnis des Reiches verankert“ (Münkler) werden kann und wie dies im Verhältnis zu bewusster Inszenierung steht, kann dieser wichtige Gedanke zu einer Phrase verkommen. Möglicherweise müssen Imperien somit auch als stark institutionalisierte Hierarchien verstanden werden. Sicherlich dürfen informelle Abhängigkeitsverhältnisse nicht übersehen werden. Theorien der „strukturellen Gewalt“ verweisen auf asymmetrische Abhängigkeitsbeziehungen wirtschaftlicher und sozialer Art. Die Elitensozialisation durch die imperiale Macht erscheint als soziales Grundgerüst einer Abhängigkeitsbeziehung Wesentlich als Ursache und Folge imperialer Beziehungen sind dann eine hierarchische Arbeitsteilung, ungleiche Tauschbeziehungen, die
1 “Although the East European countries are able to exercise a fair degree of independence (…) it is their limited sovereignty and the ultimate domination of the USSR over their political orthodoxy, their personnel and politics that justifies the use of the term ‘empire’.” Hervorgehoben wird vor allem die Fähigkeit zur Androhung und zum Einsatz militärischer Gewalt. Dibb 1986, S, 30 ff.
2 Brown 1986, S. 16; Brown 1975.
3 Linden 1979.
4 Ionescu 1965, S. 7f.
5 Münkler 2005, S. 135.
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das imperiale Verhältnis reproduzieren. 1 Die Elitensozialisation ist ohne Zweifel ein entscheidender Faktor. Allerdings gibt es - wie bereits erwähnt - Einwände gegen die Annahme solcher Beziehung im Ostblock: Sowohl die Austauschstruktur (Rohstoffe gegen Fertigprodukte) als auch die Ausbeutungsstruktur (terms of trade) folge nicht diesem Schema, sondern einem teilweise umgekehrten. Trotz einer militärisch-politischen Hegemonie gäbe es in diesem Sinne keinen „sozialistischen Imperialismus“. 2 Zudem geraten konsensuelle Elemente von Imperien außer Betracht. Die Probleme sektoraler Hegemonie wiederholen sich hier. Immerhin kommen auf der Suche nach einer „new imperial history“ auch „mutual influences“ in den Blick und Imperien „as a situation of undetermined boundaries and mutually open channels of influence that emanate not only from the culturally and technologically dominant center, but also from the imperial periphery“. 3 Für den Ostblock ist dies allerdings keine ganz „neue“ Idee.
Es gibt ausreichend Hinweise auf das Paradox, dass sich innerhalb einer hierarchischen Beziehung ganze Beziehungsbereiche verbergen, die kooperativ angelegt sein können oder sogar einer negativen Hierarchie folgen. “The paradox can be explained by considering the economic and political costs and benefits of intrabloc relations as interacting factors and joint products.” 4 Zumindest im Trend könnten politische „assets“ und ökonomische „liabilities“ in der UdSSR (wie in Osteuropa) gegeneinander aufgewogen worden sein. Dabei wird das Konzept Imperium gerettet, indem ein Nettogewinn für die UdSSR konstatiert wird. Damit löst sich das Konzept sanft von der Annahme einer deutlichen Hierarchie zu der bloßen Annahme, dass die Aufrechterhaltung des Status quo den politischen Gesamtinteressen der Vormacht entspricht. Auch wenn sich der Ostblock vom „idealen Imperium“ der Stalinzeit entfernt, ja wenn die sowjetische Seite „lost money, access to Western markets, and economic as well as political control over the empire“, bleibt der Imperiumsbegriff unangetastet. 5 Sicherlich kann das „ideale Imperium“ (Bunce) als Gradmesser genutzt werden. Die imperiale Macht müsste demnach über verlässliche Alliierte verfügen, welche die Verteidigungsausgaben gemeinsam schultern. Sie müssten die sowjetische Macht im internationalen System stärken. Osteuropa müsste leicht zu „verwalten“ sein, aber der ökonomischen Stabilität der UdSSR nutzen. Die imperiale Macht erreicht größere Märkte, benötigte Produkte zu vorteilhaften Terms of Trade. Die sowjetische Bevölkerung müsste das Imperium als ihren Vorteil ansehen; die inneren Interessenkonflikte würden gedämpft. Zudem sollte das Imperium die Einflüsse einer feindlichen internationalen Umwelt verringern. 6 Allerdings gibt es für die meisten Punkte berechtigte Zweifel, ohne dass dies am Konzept Imperium etwas ändert. Damit wäre das Konzept in große Entfernung von der eingangs beschriebenen strikten Hierarchie gekommen. In diesem Sinne wäre ein Imperium nichts anderes als der räumliche Ausdruck einer hierarchischen Beziehung, ohne den Grad der Hierarchie oder die Mechanismen auf denen sie beruht, zu beschreiben. Es bestätigt sich, dass die eingangs festgestellte Verknüpfung von strikter Hierarchie und Herrschaft über große (ursprünglich „fremde“) Territorien ein systematisches Problem darstellt. Zentralisierung und Flächenherrschaft stehen in einem ambivalenten Verhältnis. Erstere erfordert geradezu die Differenzierung der zweiteren. Wenn dies nicht nur für klassische Beispiele wie das Imperium Romanum oder für das traditionell zentralistisch angelegte
1 Arbonyi 1982; Galtung 1972, Baumgartner.
2 Chase-Dunn 1982, S. 44 f. Es wurde ganz richtig gefolgert, dass solche Widersprüche “were (…) derived from treating great power-small power relations as a single unified phenomenon rather than distinguishing among different types and patterns of relations”. Miller/Kagan 1997, S. 54.
3 Gerasimov, Glebov, Kaplunowski, Mogilner, Semyonov 2005, S. 44.
4 Marer.- in: Gati 1976, S. 61 u. 79.
5 Bunce 1985, S. 45.
6 Bunce 1985, S. 3.
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russische Imperium gilt 1 , wie viel stärker gilt dies dann für das „äußere Imperium“. Dieses könnte sich im Vergleich zu dem „inneren Imperium“, bei der Betrachtung einzelner Sachbereiche wie des zeitlichen Verlaufs als deutlich „anderer“ Beziehungstyp erweisen. Wenn eine Darstellung über „Konstanten und Variablen imperialistischer Politik“ diese Formen und Stufen unter einem einheitlichen Begriff zusammenfasst 2 , muss sie aber auch ein Kriterium nennen, wann eine ungleiche Beziehung nicht mehr im Rahmen eines „Imperiums“ liegt. Um ein Konzept zu erhalten, das den oben genannten Kriterien Sartoris entspricht, ist eine Entkopplung von Flächenherrschaft und strikter Hierarchie notwendig wie eine Abgrenzung von strikter Hierarchie zu anderen Formen hierarchischer Beziehungen. Handhabbare Definitionen imperialer Systeme schränken nämlich sowohl die klar umrissene Ausdehnung als auch die starke Zentralisierung des Systems ein. 3
Die Betrachtung verschiedener Konzepte, die Hierarchien reflektieren, hat gezeigt, dass diese Modelle für den Ostblock Erklärungswert besitzen. Allerdings können sie weder „alles“ erklären, noch sind sie als Einzelmodelle in der Lage, qualitative Unterschiede oder Veränderungen einzuordnen. Oft besitzen sie nur eine Bezeichnungsfunktion und werden als vage und unpräzise Synonyme für ein hierarchisches System verwandt. Dies zeigt auch die problematische Abgrenzung von Hegemonie und Imperium, die auch im theoretischen Diskurs oft synonym gebraucht werden. 4 Wenn man ein Imperium als gewaltsames System einer Hegemonie als auf Autorität beruhendem System gegenüberstellt 5 , wird man kaum ein historisches Beispiel für diese Typen finden. Ebenso wenig Analysekraft besitzt das (allein) Selbstverständnis des Imperiums, das andere Staaten nicht als gleichberechtigt anerkennt. 6 M. Doyle nennt plausible Kriterien: Eine Hegemonie stellt demnach ein Beziehungssystem zwischen machtpolitischen Zentren dar, das die inneren Strukturen der einzelnen Akteure nicht verändert und Einfluss vor allem auf die Außenpolitik nimmt. Das Imperium schafft staatenübergreifende Strukturen, mischt sich also in die „inneren“ Angelegenheiten ein, indem es diese als imperiale Angelegenheiten neu definiert. 7 Damit entgehen der Analyse aber möglicherweise sehr stark ungleichgewichtige informelle Beziehungen oder diese werden mit eher schwachen Einflussformen gleichgesetzt. Zuletzt hat H. Münkler versucht, beide Formen voneinander abzugrenzen. Unter dem Strich bleibt hier nur die Unterscheidung zwischen sehr unterschiedlichen Kräfteverhältnisse bzw. Machtdifferenzen. Der
1 Lieven 1999, S. 184f.
2 Kindermann 1991, S. 249ff.
3 Eine Definition, die sowohl die UdSSR als auch die USA als Kern imperialer Systeme betrachtet, gehrt davon aus, dass ein imperialer Staat bei der Ressourcenausstattung, der Weite und Ausdehnung seiner Interessen, der Definitionsmacht regionaler Ordnungen und als Bezugspunkt für andere Staaten eine deutlich herausgehobene Position besitzt. „The salience of an imperial state consists in the fact, that all other states - consciously or halfconsciously, gladly or reluctantly - assess their position role, and prospects more in relation to it than to closer neighbors or to local conflicts.” (Liska) Imperien seien die Kernstaaten, die direkt oder indirekt ihre Klientenstaaten beherrschen. „Governing in an imperial system means controlling from the core in such a manner that subordinate states are continually pressed, directly or indirectly, to support the preferences of the core state. Governing in imperial systems need not imply subjugation, though subjugation is sometimes involved. (…)” Blachmann/ Puchala 1991, S. 179. Die „Unterstützung der Präferenzen der Kernstaaten“ deutet hier wiederum auf eine sehr starke Hierarchie, die nur mit unterschiedlichen Methoden durchgesetzt wird. Welche Abweichung aber ist möglich, damit man noch von einem Imperium sprechen kann?
4 Jaberg/ Schlotter 2005, S. 9.
5 Maier 2005, S. 30; Ikenberry 2001, S. 196f.; Lake 2005, S. 117f. u. 132. So Ist das von Maier genannte Beispiel (Athen vs. Melos) zunächst sicher eine gewaltsame, aber kaum eine imperiale Beziehung.
6 Jaberg/ Schlotter 2005, S. 11. Hier werden die Beziehungen des Imperiums zu seiner “barbarischen” Umwelt mit den innerimperialen Beziehungen vermischt. Imperiale „Rollenverteilungen“ sind sicher-lich von Bedeutung; qualitativ ungleiche Wahrnehmungen existieren aber auch unabhängig von Impe-rien. Sie sind zudem nur ein Mechanismus, der hierarchische Beziehungen konstituiert. Vgl. Kap. 3. kritisch zu diesem Kriterium Motyl 1997, S. 19.
7 Doyle 1992, S. 40 ff.
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sozioökonomische und machtpolitische Abstand konstituiert dann im Kern unterschiedliche Beziehungstypen. 1
Drei Wege „imperialer Analyse“ erscheinen - neben der reinen Historisierung und Kontextualisierung - auch für den Ostblock möglich: Mit einer „new imperial history“ den Gegenstand als „research context“ statt einer Struktur aufzufassen und mittels „thick description“ die Vielzahl und Heterogenität vertikaler und horizontaler Verbindungen einer imperialen Gesellschaft zu erfassen. Dies hat den Vorteil, differenzierte Gruppen und Akteure, ihre Identitäten und Relationen zu betrachten und für kulturelle Fragestellungen zu öffnen. Dies mag fruchtbar sein, ist aber eine Erweiterung der Komplexität, die nicht mehr in ein universelles Konzept von Imperium passt. Die Schlussfolgerung der Initiatoren: „Indeed, as many attempts have clearly demonstrated, no ‚imperiology’, a universal theory of empire equally applicable to Russia, Great Briain, Ancient Rome, or the Aztecs, is possible, and the very undertaking is absurd.“ 2 Dann bliebe Imperium eine “black box” für jegliche Fragestellungen an großflächige, heterogene Herrschaftssysteme. Warum aber soll dies ein Modell hierarchischer Organisationsformen ausschließen?
Beschränkte man Form und Zahl der „Imperien“ auf vergleichbare Fälle, bleiben auch die folgenden Wege: Eine Typenbildung anhand realer „Imperien“ und deren Präzisierung oder die abstraktere Modellbildung, die unabhängig von konkreten historischen Beispielen eine Typologie hierarchischer Beziehungsformen wie der ihr zugrundeliegenden Mechanismen entwickelt. Der erste Weg wurde ein ganzes Stück von H. Münkler gegangen. Deshalb soll kurz seine Typenbildung für ein Imperium dargestellt und auf ihre Aussagekraft für unseren Gegenstand überprüft werden.
1 Münkler 2005, S. 75f. u. 127.
2 Den Autoren geht es vor allem um eine “Narratio”, die jenseits nationalstaatlicher Perspektiven die Heterogenität der Beziehungsmuster in den Blick nimmt. Zudem folgt eine Abgrenzung von „traditio-nellen“ Methoden, die durch kulturwissenschaftliche oder wissenssoziologische („Archäologie“) er-setzt werden sollen. Gerasimov, Glebov, Kaplunowski, Mogilner, Semyonov 2005, S. 43ff.
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Merkmale einer imperialen Ordnung nach H. Münkler 1
1 Münkler 2005.
2 Dies trifft nur für eine kurze Phase im Zusammenhang mit der militärischen Besetzung und Reparationen bzw. reparationsähnlichen „Gewinnen“ zu, vor allem gegenüber der SBZ/DDR, Rumänien und Polen.
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1 Dies trifft zwar augenscheinlich auf die Jahre 1956 und 1968 zu, gilt aber nicht gegenüber Jugoslawien und nur bedingt gegenüber Albanien und China.
2 Dies betrifft hier erhebliche Teile der Militärtechnik wie der Kernkraft und die Weltraumtechnik.
3 Für Münkler war dies im Falle der UdSSR bald nur noch „eine Phrase“. Münkler 2005., S. 143.
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Mit der Erstellung solcher Typologien imperialer Systeme liegt ohne Zweifel ein zukunftsträchtiges Forschungsprojekt vor, das auch für die Geschichte des Ostblocks fruchtbar gemacht werden könnte.
Sicherlich „sollten Kontinuitäten nicht überschätzt und Theorien, die eine überzeitliche Logik von Imperien annehmen, mit Skepsis behandelt werden“ (Osterhammel). Dennoch kann die Gefahr des „Schematismus“ 1 nur dann vermieden werden, wenn das Konzept selbst eingeschränkt wird. Die Heterogenität der Gegenstände wie die Weite und normative Aufladung des Ansatzes, der im Grund jegliche Herrschaft im überstaatlichen Raum einschließt, ruft nach einer Präzisierung des Imperiumskonzepts selbst. „The concept of empire is so universal and all-encompassing that it appears to have no particular meaning at all.“ 2 Es spricht einiges für das Verdikt von D. Laitin, dass “Imperium” keinen Beitrag zum konzeptionellen Vokabular leistet und deshalb aus der politischen Analyse verbannt werden sollte. 3
Somit soll hier aus mehreren Gründen ein anderer Weg gegangen werden. Zunächst zeigt unsere Übersicht, dass nur ein Teil der Kriterien auf den Ostblock ohne Einschränkungen zutrifft. Zudem ist diese Typologie eher eine Addition unterschiedlicher Elemente, die oft in einem logischen Spannungsverhältnis stehen. 4 Es werden oft nur Möglichkeiten von Merkmalen beschreiben, ohne eine Systematik ihrer Zusammenhänge zu entwickeln. Dabei ist es besonders wichtig, dass Kernelemente wie die „Logik des Imperiums“ oder die Bedeutung der Machtdifferenz unpräzise bleiben. Es kann jedenfalls nicht befriedigen, wenn Münkler nach einem Versuch, Imperium und Hegemonie abzugrenzen, konstatieren muss, dass die Übergänge von hegemonialer Vorherrschaft und imperialer Herrschaft fließend sind, ja kaum je Einmütigkeit über die Grenzen hergestellt werden kann. 5 Zudem werden zentrale Konzepte wie Macht, Legitimität oder Identität als gegeben betrachtet, ohne ihre Wirkungsmechanismen zu erklären. Deshalb soll hier der umgekehrte Weg einer Modellbildung vorgenommen werden. Er soll von den systematischen Grundkategorien wie Macht ausgehen, um unterschiedliche Formen hierarchischer Beziehungen erklärbar und beschreibbar zu machen.
Was kann aus der Imperiumsforschung auf diesen Weg mitgenommen werden? Zunächst der Gedanke an ein relationales Phänomen. Ein Imperium ist demnach eine Beziehung von mindestens drei Akteuren, in der einer die effektive effektive Kontrolle über - wie M. Doyle es formuliert - die Souveränität der anderen, ihre innere und äußere Politik ausübt. 6 Allerdings wird hier bereits das Verständnis von souveränen Akteuren vorausgesetzt. Die Art der Akteure, ihr Selbstverständnis und ihre Wahrnehmung legitimer Beziehungen sind auch in Imperien nicht gegeben. Diese müssen ergänzt werden wie die Möglichkeit konsensueller Herrschaftsformen. Imperien sind auch Erfahrungswelten, in denen die Akteure lernen und sich damit die Formen der Kontrolle fundamental ändern können; sie umfassen Herrschaftskulturen. „Moreover, what we label as empires are (...) rather interdependent phenomena across time in which rulers have learned from previous successes and failures
1 J. Osterhammel sieht in seinem hervorragenden Literaturbericht diese Gefahr für „historischmakrosoziologische Zugänge“. Osterhammel 2006.
2 Gerasimov, Glebov, Kaplunovski, Mogilner, Symonov 2005, S. 33. Die Autoren sehen die Spannweite von Systemen unbegrenzter Dominanz bis zum „world system“.
3 Laitin 1991; zit. nach Beissinger 2005, S. 17.
4 Dies betrifft z.B. die Bedeutung formaler Kriterien oder die Definitionsmacht des Zentrums über den Status ethnischer Gruppen im Verhältnis zur abgestuften Integration solcher Gruppen. Einerseits ist Prestige zentral für imperiale Mächte, andererseits ist antiimperiale Kritik sehr wirkungsmächtig. Eben so wenig erscheint die Herrschaft über eine „Welt“ im Sinne einer zivilisatorischen Einheit plausibel.
5 Münkler 2005, S. 18 u. 76f.
6 Doyle 1992, S. 12, 30.
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concerning how to institutionalize control over multicultural populations.” 1 Hier geht es um institutionalisierte Kontrolle. Die Machtdifferenz gehört zu den Kernelementen eines Imperiums und macht es am ehesten abgrenzbar zur Hegemonie; dies schließt aber institutionalistische Fragen nicht aus. 2 Beide Elemente müssen im Verlauf dieser Arbeit thematisiert werden. Bevor wir uns dem zuwenden, muss kurz nach einer Alternative gefragt werden.
1.4) Integrationstheorien - eine Alternative?
Es soll hier auf eine kritische Betrachtung integrationstheoretischer Ansätze in der Ostblockforschung verzichtet werden. Einerseits sind die Erklärungen für die westeuropäische Integration inzwischen so umfassend wie die Theorien internationaler Beziehungen überhaupt. Andererseits weist die Anwendung auf den Ostblock eine Verengung der Perspektive auf, welche den Stand der Integrationsforschung bis Mitte der 70er Jahre repräsentiert. 3 Hier ging es oft um die verhinderte Entwicklung supranationaler Formen. Damit wurde dem Ostblock ein theoretisches Korsett verpasst, das nur Aussagen über ein „warum nicht“ zulässt.
Der Vorschlag, Integration als Trend zur Supranationalität zu fassen, alles andere als unabhängige Variablen, ist ein analytischer Ausweg, stößt aber rasch an die Grenzen der Empirie. Dort zeigte sich in allen Untersuchungsbereichen ein „absence of emerging supranationalism“. “Both the neofunctionalist and communications models imply that integration is a continuous process leading toward even greater supranational authority. In the Soviet bloc, on the other hand, integration appears to have stopped at a half-way house. (…) Such situations of partial integration in the absence of any movement toward a full political union may be more widespread than contemporary theorists with their complex dynamic models of self-sustaining growth and feedback have recognized. This again suggests that some of the theorizing about Soviet bloc integration may prove insightful for broader analyses of integration.” 4
Eine Definition von Integration, die für den Ostblock als besonders geeignet angesehen wurde, ist die M. Kaplans. Integration wird hier angesehen als “a process by which separate systems develop a common framework which allows for the common pursuit of some goals and common implementation of some policies”. 5 Ähnlich betont Clark die Suche nach einem „systematic framework“, in dem „bloc diplomacy proceeds“, um „partial integration“ erfassen zu können. 6 Es fällt auf, dass gerade ein solch weiter Integrationsbegriff für den Ostblock als angemessen betrachtet wird. Damit können allerdings sehr unterschiedliche Qualitäten von Aktionsformen gemessen werden, von einem erfolgreich eingesetzten Bündnis bis zu einer supranationalen Behörde. Dieser Begriff liegt weniger nah bei sonstigen
1 Beissinger 2005, S. 16; vgl. auch S. 20f., 25 u. 27.
2 So wird ein Prozess der Konsolidierung von Imperien beschreiben, in dem die Unterschiede an Bedeutung verlieren. Einigt man sich darauf, dass unterschiedliche Stufen hierarchischer Beziehungen vorliegen, kann das Unterscheidungskriterium zwischen Hegemonie und Imperium nicht als die „willingness to work jointly with others through multilateral institutions and the consent that is attended to them“ bestimmt werden. Andererseits können diese „institutionalistische“ Elemente auch nicht außer Acht gelassen werden, um eine Beziehungsform zu charakterisieren. Gerade sehr weite Imperiumsbegriffe im Sinne von „inclusive systems of order organized around a dominant state“ verweisen auf die institutionalistische Dimension. Neben dem Hinweis auf “order” wird explizit auf “laws, economic, military, and political institutions” verwiesen. Ikenberry 2001, S. 192.
3 Es ging beiden älteren Theorien vor allem um die institutionelle Form, um den “progress toward federation”. Haas 1976, S. 175.
4 Clark 1975, S. 149.
5 Kaplan 1957, S. 98, Korbonski 1970, S. 947.
6 Clark 1975, S. 150.
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Beschreibungen von Integration als bei Vorstellungen von Institutionalisierung, die im nächsten Kapitel entwickelt werden sollen.
Das komplexe Variablengefüge des „revised neofunctionalism“ bietet durchaus Anregungen, die sich in unser Modell integrieren lassen. Komponenten wie die „perceived equity of the distribution of benefits”, wie “elite sozialization”, “ideological-identitive appeal” einschließlich symbolischer Effekte oder “elite value complementary” sind fundamental für eine institutionalistische Perspektive. Allerdings überlappen die Inhalte der letztgenannten erheblich und ist ihre funktionale Bestimmung unpräzise. 1 Vor allem scheint die Ausrichtung dieser Mechanismen im Ostblock einen anderen Charakter zu tragen: „As opposed to normal neofunctional theory where elite socialization refers to bureaucrats coming to identity with their supranational roles, the primary process in the Soviet bloc would to be appear the leader’s absorbing of the ‘rules of the game’ about the limits that bloc solidarity and ‘proletarian internationalism’ place upon the pursuit of national and personal political interests.“ 2 Konkurrierende Rollenerwartungen müssen also thematisiert werden.
Wenn aber das „Elend der Theorie“ im Bereich der Integrationsforschung (Merkel) dadurch bekämpft wird, dass ein komplexerer Theorieansatz gesucht wird, der Systemzwänge, Akteursverhalten und Legitimationsprobleme verbindet und dabei Bezüge zum „neuen Institutionalismus“ herstellt, könnte dies auch Impulse für unseren Gegenstand ergeben. 3 Hier soll aber der umgekehrte Weg gegangen werden: Für die Untersuchung des Ostblocks von besonderer Bedeutung ist die Möglichkeit, dass neuere institutionalistische Ansätzen „Zwischenstufen zwischen den Polen ‚Souveränität’ und ‚Integration’ öffnen“ können. 4 Dies ist nicht sehr weit entfernt von den integrationstheoretischen Perspektiven auf den Ostblock, die zunächst auf die Suche nach einer unabhängigen Variable gehen wollen, die zwischen den Polen Imperium und politischer Gemeinschaft anzusiedeln sein müsste. 5 Den hier verfolgten Intentionen kommt der Integrationsbegriff Etzionis am nächsten. Er berücksichtigt ein differenziertes Spektrum von Integrationsstufen und bestimmt unterschiedliche Mechanismen, auf denen Integration beruht. Dabei besteht neben einem koerziven und einem utilitaristischen Bereich ein Bereich internalisierter Normen einschließlich psychologischer und symbolischer Elemente. Diese Bereiche bestimmen in unterschiedlichen Verknüpfungen den Grad von Integration. 6 Ein solcher Integrationsbegriff beinhaltet Grundelemente des zu entwickelnden Modells (verschiedene Grade, verschiedene Mechanismen, verschiedene Verknüpfungen) und wäre in das Konzept „institutioneller Konfigurationen“ integrierbar. Mit welchen schritten soll begonnen werden?
1.5) Fazit und Ausblick
Aus der Betrachtung der Konzepte Hegemonie und Imperium, aber auch der „Allianz“ kann also die Schlussfolgerung gezogen werden, dass eine Präzisierung und Abgrenzung sinnvoll wäre, um ein Spektrum der Beziehungsformen entwickeln zu können. Spezialisten für die Erforschung des Ostblocks haben bestätigt, dass ein Kontinuum von Hierarchieformen auch
1 Die Zuordnung zu „process mechanisms“ oder zu „integrative potential“ (structural/ perceptual conditions) erscheint hier als doppelte Erwähnung eines Gegenstands. Vgl. Nye 1971, S. 66 ff.; eine Anwendung auf den RGW am Beispiel Polens versucht Korbonski 1976.
2 Clark 1975, S. 145.
3 Merkel 1999, S. 310 ff. u. 336 ff.
4 Wolf/Zürn 1986, S. 201, 216 f.
5 Clark 1975, S. 133 ff.
6 Etzioni 1977, S. 299 ff. Es kann auch auf die unten verwendeten Grade von Integration verwiesen werden, die zwischen common framework and joint policy liegen. Haas 1976, S. 201 f.
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auf diesen Gegenstand anwendbar ist, ohne dies allerdings explizit auszuführen. 1 Somit besteht auch ein Anreiz aus Sicht der Ostblockforschung, den beschriebenen „systematischen“ Weg zu gehen.
Als Fazit dieses Abschnitts kann man Gitelman zustimmen, dass für das Verständnis des Ostblocks, seiner Beziehungen, Analogien oder besser noch Modelle notwendig sind. Andererseits verwundert es nicht, dass als Ergebnis nur der Verweis auf die „changing and highly unstable relationship“ der UdSSR nach Stalin übrigbleibt. Da sich das „Soviet-East European alliance system“ im Prozess der Selbstdefinition befand, könne man nur instabile Prozesse beobachten. 2 Immerhin betont eine neue Arbeit zum Warschauer Vertrag, dass die Qualität historischer oder politikwissenschaftlicher Arbeit nicht nur vom Quellenzugang abhänge, sondern „mindestens ebenso sehr vom analytischen Instrumentarium des Wissenschaftlers“. Wer eine zielgerichtete Arbeit an diesem Instrumentarium erwartet, wird allerdings auch hier enttäuscht. 3 Ähnliches ließe sich an der Verwendung von Integrationstheorien zeigen. Für Teilaspekte des Ostblocks lassen sich innovative Theorieansätze erkennen: Verhandlungstheorie, Fehlperzeptionen und kognitive Dissonanzen, Neue Institionelle Ökonomie, Regimetheorie. Ein Gesamtkonzept liegt jedoch in weiter Ferne. Insgesamt gilt sowohl für die Begriffe, die zur Beschreibung des Ostblocks dienen, als auch für die Mehrzahl der dahinterliegenden Konzepte, dass sie im Zustand von Sartori’s „superfluous coexistensiveness“ bestehen. Ihr Sinn ist vor allem “a ‘notional use’, i.e., it may be a useful shorthand, an economizing device, and yet explaining nothing.” 4 Hier soll versucht werden, ein institutionalistisches Modell als integrierendes Konzept zu entwickeln. 5 Zudem bietet ein institutionalistischer Ansatz, der quer zu tradierten Konfliktlinien agiert, die Chance, vermeintliche Gegensätze zwischen Sozial-, Kultureinerseits und Politikgeschichte zu überwinden. 6
Differenzierte Bestimmungsversuche betonen die „Schwäche“ und Vielgestaltigkeit des „Systems“ gerade im institutionalistischen Sinne: There is no single state rule-making or policy-articulating organ, although there are contenders for the role. Rule implementation, conflict containement, and decision enforcement are other weak points in the system. The party states (as well as the system as a whole) depend for their common endeavor on agreement and persuasion, which oscillates from various degrees of assertion to tentative consultative or advisory assistance, depending on the particular actors involved. (…)” 7 Es muss also ein Spektrum an hierarchischen Beziehungen wie ein Spektrum an Regulationsmechanismen erfasst werden. Diese Spektren sollen mit dem Begriff der Institutionalisierung verkoppelt werden. Bildet man das Gesamtgefüge an Institutionalisierungen ab, entsteht eine institutionelle Konfiguration.
1 “Any form of conflict resolution, Communist or not, moves along a continuum of persuasion to force.” Remington 1971, S. 169
2 Gitelman 1972, S. 6 f., S. 10 u. 53.
3 Die „Abhängigkeitsverhältnisse zwischen der UdSSR und ihren osteuropäischen Alliierten“ stellen zwar eine zentrale Fragestellung dar, werden aber weder begrifflich noch theoretisch zu erfassen versucht. Es ist von einer „Allianz“ die Rede, vom „sowjetischen Übergewicht“, das unbestritten sei, wie von der „sowjetischen Hegemonie“. Die „Perzeption“ der Eliten wird angesprochen wie die „Ideologie“ und der Vergleich zur Nato. Alle Begriffe werden aber als selbstverständlich vorausgesetzt. Umbach 2005, S. 5ff. Wenigstens die innersowjetischen Beziehungen zwischen Partei und Militär werden etwas systematischer erfasst.
4 Sartori 1969, S. 399 f. Sartori fordert die Entwicklung von "regression stoppers", d.h. Begriffen, "defined in such a way as to avoid endless regression of inquiry".
5 Immerhin wurde versucht, den Wert eines wichtigen institutionalistischen Forschungszweiges, der Regimeanalyse, damit zu begründen, dass er die genannten Theoriestränge - Hegemoniekonzepte, Dependenztheorien, Integrationstheorien - verknüpfen, präzisieren und empirisch bearbeiten hilft. Wolf/ Zürn 1986, S. 211 ff. Vgl. auch Abonyi/ Sylvian/ Caporaso 1976; Bieling/ Deppe 1996.
6 Auf Trends in diese Richtung verweist Blänkner 1994, S. 104.
7 Triska 1969, S. 33.
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Auf dem Weg zu einem Modell von angemessener Präzision und Komplexität sollen zunächst zwei Schritte gegangen werden. Zum ersten müssen die Konzepte hierarchischer Beziehungen präzisiert und abgegrenzt werden, um qualitative Unterschiede deutlich zu machen. Dabei muss in einem ersten Schritt gefragt werden, ob Macht als differenziertes Regulationsmittel zur Erklärung ausreicht, ob „nichtmaterielle Faktoren“ auf dieser Ebene integrierbar sind oder ob eine grundsätzlich andere Dimension eingeführt werden muss. Deshalb wollen wir das Objektiv unserer Untersuchung auf den Basisinhalt dieser Konzepte richten, um ihnen die notwendige Tiefenschärfe zu geben und einen ersten Schritt zu ihrer Zusammenfügung zu gehen.
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2.) Hierarchien als Ausdruck von Macht
2.1) Macht als Eigenschaft und Struktur
„Allgemein genommen besteht die Macht eines jeden in dem Inbegriff aller der Mittel, die von ihm abhängen, sich ein anscheinend zukünftiges Gut zu eigen zu machen.“ (Th. Hobbes). 1 Macht ist ein zentrales Konzept, das die verschiednen Ausprägungsformen hierarchischer Beziehungen fundieren kann. Eine Systematisierung verschiedener Ebenen von Hierarchien setzt die Systematisierung von Machtbeziehungen voraus. „The concept of power is central to international relations.“ 2 Allerdings kann die Analyse und Operationalisierung von Machtbeziehungen in internationalen Institutionen als „unerledigte Aufgabe“ 3 gelten, ja dieses vielgebrauchte Konzept impliziert „considerable confusion“. 4 Hier soll zumindest versucht werden, ein Modell von Macht zu entwickeln, das den genannten Kriterien entspricht: logische Konsistenz; Abgrenzbarkeit von anderen Konzepten; ausreichender Erklärungswert.
Dies erfordert die Auseinadersetzung mit Elementen einer theoretischen Tradition, die sich auf Thukydides beruft als Gründungsvater nicht nur der realistischen Schulen, sondern der Theorie internationaler Beziehungen überhaupt. 5 Thukydides steht exemplarisch für eine „erfahrungsorientierte praktische Rationalität“ von Macht. Im berühmten Melier-Dialog „stehen die von den Meliern vorgebrachten Rechtsgründe gegen die Drohung der Athener mit ihren überlegenen Gewaltmitteln, die dann zur Vernichtung der Melier eingesetzt werden.“ 6 Die Schlussfolgerung: Letztlich zählt nur die Macht. Damit gilt der „Peloponnesische Krieg“ als Lehrstück für die internationalen Beziehungen überhaupt. 7 Zugleich wird der Melier-Dialog genutzt, um die Logik eines Imperiums zu illustrieren. 8 Deshalb soll Thukydides hier als „Zeuge“ aufgerufen werden, um den jeweiligen Entwicklungsstand des Modells zu illustrieren.
Allerdings entspricht der klassische Realismus bereits mit seinen Prämissen (Primat der Macht und der Außenpolitik in einer anarchischen Staatenwelt) kaum unserem Gegenstand wie unseren Kriterien an ein Modell. Für Morgenthau ist Macht und Interesse identisch; Macht ist Antrieb und Wirkung zugleich; die Triebhaftigkeit und Grenzenlosigkeit des Machtstrebens bilden das Fundament wie die Annahme objektiver Interessen. 9 Faktoren der Machtverteilung werden summiert. 9 Es herrscht kein annähernder Konsens über die Indikatoren nationalstaatlicher Macht. 10 Somit musste sich auch für Realisten die “shifting nature of its most salient ingredients” offenbaren wie der “temporary and dubious character of whatever advantages a momentary superiority in one of these components provides, the
1 Hobbes Auffassung von Macht ist deshalb hier von Interesse, weil sie nur auf den ersten Blick Macht als Eigenschaft eines Akteurs bezeichnet. Bei der Behandlung der „Mittel“ zeigt jedoch bereits, dass es hier um eine „Beziehung“ von Akteuren geht. Hobbes 1970, S. 79ff.
2 Barnett/ Duvall 2005, S. 39.
3 „Die Frage, wie Macht in internationalen Regimen konstituiert und ausgeübt wird, ist noch nicht beantwortet.“ Keck 1991, S. 646; vgl. auch Ikenberry/ Kupchan 1990, S. 283; Weiß 1995, S. 309.
4 So Emerson zu Macht und verwandten Konzepten. Emerson 1962, S. 31. Bereits 1956 bezeichnet Gallie Macht als essentially contested concept. Dies wird immer wieder zitiert. Barnett/ Duvall 2005, S. 41. Gilpin spricht von “one of the most troublesome (concepts)” in den politischen Wissenschaften. Gilpin 1981, S. 13.
5 Bagby 1994, S. 131 ff.
6 Weiß 1995, S. 308.
7 “The classic history of Thucydides is as meaningful a guide to the behavior of states today as when it was written (…).” Gilpin 1981, S. 7.
8 Münkler 2005, S. 30ff.
9 Morgenthau 1960, S. 163, Albrecht/ Hummel 1990, S. 99.
10 Vgl. die Übersicht über 9 Autoren bei Pfetsch 1994, S. 147. Nur über Wirtschaftsstärke und Bevölkerungszahl, mit Abstrichen auch militärische Stärke, herrscht Übereinstimmung.
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bewildering uncertainties and complications that effect the exercise of power, the disproportions between ingredients and uses on the one hand, outcomes on the other.” 1 Hier muss gefragt werden, ob diese Probleme nur durch die Komplexität des modernen internationalen Systems hervorgerufen wurden oder ob sich dahinter generelle Probleme des Konzepts verbergen, die auch für unseren Gegenstand relevant sein können. Grundsätzlich werden die Ressourcenausstattung von Akteuren und die Wirkung auf andere Akteure verbunden, vermischt, ja als identisch dargestellt.
Die Reaktionen „neorealistischer“ Ansätze auf die konzeptionellen und empirischen Defizite gehen in zwei sehr unterschiedliche Richtungen. Auf der einen Seite wird versucht, Komplexität in einer system- oder strukturorientierten Theorie zu reduzieren; auf der anderen Seite wird der Fokus ausgeweitet, um das Modell dem Gegenstand anzupassen. Dies gilt nicht nur für den „multifunktionalen“ oder „polymorphen Faktor der Macht“, sondern auch für seine Einbettung in eine „Konstellationsanalyse“, die System und Entscheidung, Wahrnehmung und Wirklichkeit, Interesse und Macht, Kooperation und Konflikt wie Norm und Nutzen analysiert und synthetisiert. Dieser bewusste Eklektizismus beansprucht nahezu alle relevanten Theoriebereiche. Eine Systematik entsteht auf diesem Wege jedoch nicht. 2 Macht ist letztlich das „Durchsetzungsvermögen in einer Willenskonkurrenz“. Macht ist damit stets relativ zu den Konkurrenten; sie bleibt jedoch ein Merkmal des Akteurs, umfasst alle Formen seiner Produktionsfähigkeit von Einfluss, also eine lange Reihe „vielfach interdependenter Kodeterminanten“ der Machtlage. 3 Insgesamt liegt hier eine wissenschaftliche „Checkliste“ vor, aber kein konsistentes Konzept.
Aufgrund ihrer bestechenden Simplizität dominieren aber strukturalistische Erklärungen: Ressourcenunterschiede bestimmen hinreichend den Charakter internationaler Systeme. Für R. Gilpin resultieren internationale Systeme aus den Gewinnerwartungen (Interessen) und den Ressourcen (Macht) der Akteure. Obwohl damit Macht zu einer zentralen Säule des Konzepts gehört, definiert er diese nur als die „military, economic, and technological capabilities of states“. Andere Elemente werden bewusst ausgeblendet. 4 Sicher ist es ein Gewinn an Klarheit, die Struktur von den Eigenschaften der Teile zu trennen und als deren „arrangement“ aufzufassen. Angesichts der funktionalen Gleichheit der Akteure, d.h. der Staaten im internationalen System, gelte: The differences are of capability, not of function.“ Übrig bleibt die Relation der Machtbeträge. 5 Eine Spielart ist die Annahme einer generellen Struktur, die verschiedene Ressourcenarten addiert und damit ihre Übertragbarkeit voraussetzt, eine andere die issue-specific-structure, die eine geringe Übertragbarkeit von Ressourcen zwischen den Bereichen annimmt. 6 Es existiert eine dritte Variante, die eine klare Hierarchie von Problembereichen und entsprechenden Ressourcen voraussetzt und das Gewaltpotential eines Akteurs als Erklärung für ausreichend hält. 7 Dies kommt der
1 Hoffmann 1975, S. 183 f.
2 Kindermann 1991, S. 19 u. 21ff. Es bleibt unklar, warum Wissenssoziologie und Kommunika- tionstheorien auf unterschiedlichen Ebenen erscheinen wie Interessentheorien von Kooperation und Konflikt getrennt sind oder Macht und Gleichgewicht von Bündnissen, Ideologien von Wahrneh-mungen usw. In der konkreten Analyse wird diese Trennung dann aufgehoben. Vgl. zur Ideologie S. 145 ff.
3 Diese reichen von der Gewaltfähigkeit über die Kosten des Gewalteinsatzes bis hin zur Staatskunst. Zudem ist es das Maß des Einflusses, das ein Staat ohne Druckmittel auszuüben vermag. Kindermann 1991a, S. 121 ff. Was sich als wirkliches Machtmittel realisiert, ist somit systematisch unklar.
4 Dabei fällt auf, das Gilpin bei der „Definition der Basisbegriffe“ Macht keine eigenständige Behandlung gewährt. Dagegen nutzt er nun den Begriff der Kontrolle, die neben Macht auch Prestige wie Rechte und Normen umfasst. Gilpin 1981, S. 13 ff. vgl. auch Kennedy 1991; Indikatoren ökonomischer Macht bei Krasner 1976, S. 332 ff.
5 Waltz 1979, S. 70 ff. u. 91ff.
6 Nye/Keohane 1977, Caporaso 1978, S. 20.
7 Konzis zusammengefasst bei Nye 1990, S. 159.
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Vorstellung von Macht als Attribut des Akteurs nahe. 1 Diese findet sich bereits bei Thukydides: „Kriegstüchtigkeit“, d.h. Ausrüstung und Erfahrung, „Geldmacht“ wie Bündnisfähigkeit definieren die Macht eines Akteurs. 2
Immerhin werden Hierarchien auf zwei Ebenen definiert: „In every international system the dominant powers in the international hierarchy of power and prestige organize and control the processes of interactions among the elements of the system.“ Selbst wenn diesem “Prestige“ neben der funktionalen auch eine „moralische Basis” besitzt wie Elemente von Wahrnehmung, Anerkennung, Identifikation von Interessen und Werten, religiösen und ideologischen Rechtfertigungen, bleibt sie letztlich ein Abbild der Machthierarchie. „Ultimately, however, the hierarchy of prestige rests on economic and military power. (…) In the first place, although prestige is largely a function of economic and military capabilities, it is achieved primarily successful use of power, and especially through victory in war” (Gilpin). 3 Gleiches treffe für Rechte im Regeln im internationalen System zu. 4 Macht ist dann simpel der „Besitz bestimmter Ressourcen“ oder ein „starkes Blatt“ bei der internationalen Pokerpartie“. Das Blatt wird in seinem Wert nur dann gemindert, wenn man „schlecht spielt“. Das ultimative Spiel, der Prüfstein, ist der Krieg. 5
Was ist aber mit dem Ressourceneinsatz jenseits der Schwelle des Krieges? Die Umsetzung dieser Ressourcen wird nämlich nur vage erfasst: „States become subordinate or part of a sphere of influence in two principal ways. First they may be overtly coerced or otherwise pressed into membership by actions designed to achieve that result.” Als Paradebeispiel wird gerade die Entstehung des Ostblocks angeführt. 6 Auch das Ende des Ostblocks - obwohl mittels realistischer Methoden nicht prognostiziert - wird nun durch den „Machtverlust der Sowjetunion“ allein erklärt. Die Auflösung des Warschauer Vertrages und des RGW entspräche - im Gegensatz zur Entwicklung der Nato - voll den Erwartungen der realistischen Schule. Auch die Institutionalisierung sei im allgemeinen wie bei unserem Gegenstand hinreichend durch die Macht und die Interessen der dominanten Akteure erklärbar. 7 Worin besteht aber der Machtverlust der UdSSR gegenüber Ungarn im Jahre 1989 im Vergleich zu 1956? Studien über die Macht der UdSSR stehen so vor dem Widerspruch zwischen einem „remarkable growth (...) of the power of the Soviet state“, das sie zum Status einer Supermacht führte, und zunehmenden Problemen in ihrem osteuropäischen Imperium. 8 „While the Soviet Union retains the ability assert its raw power over Eastern Europe, the East Europeans do not behave within the Warsaw Pact as if that power were imminent.” 9 Selbst wenn mittels der Machtdifferenz die Entstehung der Institutionen des Ostblocks ausreichend erklärt werden könnte, trifft dies kaum für deren Entwicklung zu. Die Entwicklung des RGW ist nicht durch Macht in diesem Sinne erklärbar. 10 Allerdings ist ein solch krudes Modell von Macht noch kein Indikator dafür, dass eine andere Dimension den
1 Emerson 1962, S. 31.
2 So die Beschreibung der Macht von Kerkyra in seinem Konflikt mit Korinth, der einen Anlass des Peleponnesischen Krieges darstellte. Thukydides I/ 25, 26, S. 58f.
3 Gilpin 1981, S. 30-32. Macht und Prestige seien nicht vollständig kalkulierbar, abgesehen vom Test im Krieg. Klaffen Prestige und reale Macht auseinander, muss das System durch Krieg in ein neues Gleichgewicht gebracht werden.
4 Diese beruhten zwar teilweise auf Konsens und gemeinsamen Werten, die „primary foundation of rights and rules“ liege aber „in the power and interest of the dominant group or states in a social system“. Gilpin 1981, S. 35.
5 So noch kürzlich Nye 2002, S. 24.
6 Keal 1983, S. 7 f.
7 Gilpin 1981, S. 35; Keck 1997a, S. 253.
8 Dibb 1986, S. 14 u. XViii.
9 Nelson 1986, S 121
10 Metcalf 1997.
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Ausschlag gab. Zunächst muss ein ausreichend differenzierter Begriff von Macht entwickelt und getestet werden, bevor das Modell um grundsätzlich andere Dimensionen erweitert wird. In der Literatur zum Ostblock sind „intuitive notions of power“ dominant. Systematisiert entsprechen sie am ehesten „power as a type of causation“. 1 Hierbei stößt man sogleich auf das mehrfach erwähnte „paradox of the unrealized power“ 2 , das auch die neuere Literatur zum Ostblock durchzieht. 3 Der Strukturrealismus kann die „different types of great power regional involvement“ nicht ausreichend erklären, die von völliger Dominanz und Ausbeutung bis zu hoher Autonomie, ja sogar der Möglichkeit einer „Tyrannei der Schwachen“ reichen können. 4
Deutlich ist damit zunächst, dass sich Macht im Sinne einer Eigenschaft, deren Beträge eine Struktur konstituieren, für unseren Gegenstand als unzureichendes Konzept erweist. Die drei genannten Kriterien werden nicht erfüllt. Stufenkonzepte, die Ressourcenbeschaffung, Aktivierung und Einsatz oder potentielle, latente und manifeste Macht unterschieden 5 , lösen das Problem nur teilweise: die Zentrierung auf den „Machtinhaber“ bleibt dominant. Immerhin geht K. Waltz einen Schritt in die „dritte Dimension“: Macht ist nicht nur Eigenschaft und Konstituante eines Systems; Macht ist auch eine Beziehungsdimension, ist „Interdependenz“. 6 Wenn zunächst ein „rationalistisches“ Modell von Macht entwickelt werden soll, kann dieses auch die Akteursdefinition des Realismus aufnehmen.
2.2) Macht als Relation
Somit soll hier als erster Schritt eine möglichst geschlossenes „relationales“ Modell von Macht entwick werden. Macht ist keine Frage des „Besitzens“, sondern des „Vermögens“; erst in der Beziehung realisiert
Dies lange Tradition in Theorie und Erfahrung 9 mündete in einer Standartdefinition: A getting B to do something he would not otherwise have done. 10 Diese kann aufgrund ihrer Klarheit, ihrer Geschlossenheit und ihrer Verbreitung 11 als Ausgangspunkt für ein Modell genutzt werden.
1 Baldwin 1979, S. 161 ff.
2 Baldwin 1979, S. 163. Diese "power structure/ outcome-Diskrepanz" stellt einen wichtigen Anreiz für "forschungsstrategische Innovationen" in Richtung Institutionalismus dar. Wolf/ Zürn 1986, S. 203.
3 Danyel 1997, S. 80; Granville 1995; Harrison 1993; Stone 1996.
4 Handel 1981; Miller/ Kagan 1997, S. 53 f. Hier wird versucht, dieses Problem durch einen "integrated realism" zu lösen, der Interessen und Ressourcenkonstellationen verbindet.
5 Hradil 1980.
6 Waltz unterscheidet hier Betroffenheits- und Verwundbarkeits-Intedependenz. Waltz 1979.
7 Grundsätzlich nennt Hobbes aber eine Vielzahl von Eigenschaften als Machtquelle: Beredsamkeit, gute Formen, Glück in den Unternehmungen, Würde, die Fähigkeit, das Gemeinwohl zu Fördern, Popularität usw. Hobbes 1970, S. 80ff.
8 Die „Überlegenheit eines Willens über einen anderen Willen (...) nennen wir Macht, und zwar in dem engeren Sinne, in dem das Wort nur Macht über Menschen, nicht auch Macht über die unbeseelte Außenwelt bedeutet. Macht ist die Fähigkeit, in einem Subjekt Motive zu setzen, die stärker sind als die Motive, die dem Willen des Motive setzenden widersprechen. (...)“ Triepel 1974, S. 32.
9 Hinweise finden sich bereits bei Homer, aber auch bei Locke oder Montesquieu. Vgl. Pfetsch 1994, S. 148.
10 Dahl 1957; Facetten dieser Definition bei Hoffmann 1975, S. 188.
11 Verbreitung in theoretischer wie praktischer Hinsicht. Czempiel bezeichnet sie als „heute meist benutzte Definition“ und die sie begründende Beziehungsmacht als „der Normalfall außenpolitischer, diplomatischer Routine“. Czempiel 1999, S. 91ff.
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Allerdings ist diese problematisch, weil sie strenggenommen auch eine einfache Tauschbeziehung bei gleichen Ressourcen als Macht versteht, egal ob ein Brillantkollier getauscht wird gegen eine adäquate Summe Geld oder gegen das Leben des Juweliers. Macht wird hier gemessen als die Wahrscheinlichkeit, mit der B die von A angestrebten Handlungen vollzieht minus die Wahrscheinlichkeit, dass er diese ohne Einsatz der Mittel vollzieht, über die A verfügt. 1
Die Rezeption dieser Definition geht von verschiedenen Prämissen aus: Intentionalität von Macht, Konflikt der Wünsche und Ressourcen, die solche Konflikte zugunsten eines Akteurs entscheiden. Hier wurde eingewandt, dass Macht auch ohne Intention wirken kann. 2 Wesentlicher erscheint aber folgendes: Es ist hier irrelevant, ob der Bankräuber nach einem erfolgreichen Coup „ausgesorgt“ hat oder ob er nach kurzer Zeit wieder sozial deklassiert ist, während die Eigner der Bank von ihrem Verlust nichts gemerkt haben. Die hier zugrundeliegende Definition Max Webers ist ganz bewusst diffus angelegt, wenn Macht als „die Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht“. Hierbei wird die Definition als „soziale Beziehung“ aber oft übersehen. Darauf wird zurückzukommen sein. Weber unterscheidet bewusst den Begriff der Herrschaft als „die Chance für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden.“ Diese Trennung scheint uns problematisch, da Herrschaft dann nur eine sehr spezifische Machtbeziehung bleibt, spezifisch in ihrer starken Durchsetzungsfähigkeit, weniger aber in den Mechanismen, die diese begründen. 3 Legitime Herrschaft, die „Gehorsam“ impliziert, beruht bei Weber ja auf sehr verschiedenen Mechanismen.
Der Unterschied in der Weber’schen Tradition, dass Macht die Überwindung von Widerstand bedeutet, mit der auch für internationale Institutionen der Unterschied von „Tausch“ und „Macht“ begründet wird 4 , ist auf dieser systematischen Ebene nicht relevant. Hier geht es ja nur um die Begründung einer hierarchischen Beziehung. Das Problem der Nötigung, die Drohungen von Anreizen unterscheidet oder Macht von Tausch, wird erst später von Bedeutung, wenn über die Kosten von Einfluss gesprochen wird. 5 Allerdings werde ich später die mögliche Sonderstellung gewaltsamer, vor allem militärischer Mittel, genauer diskutieren. Zudem wird oft ignoriert, dass Weber die Durchsetzungsfähigkeit „auch“ gegen den Willen des anderen definiert, also nicht „immer“. Damit wäre Macht auch als Beziehung denkbar, in der keine Chance oder Gelegenheit existiert, einen gegenteiligen Willen zu artikulieren. Somit könnte eine Machtbeziehung bestehen, ohne dass Unterdrückung oder Ungleichheit den Akteuren, vor allem den „Schwächeren“, bewusst wird. 6 Zudem droht der Machtbegriff so ausgeweitet zu werden, dass er mit der Interessenidentität von mehr bzw. weniger Mächtigen vermischt wird. 7 Eine Definition, die Widerstand als notwendigen Bestandteil von Machtbeziehungen auffasst, gewinnt auf den ersten Blick an Klarheit.
1 Dahl 1957, S. 201ff.
2 Barnett/ Duvall 2005, S. 49f.
3 Diese sozusagen „totale“ Durchsetzungsfähigkeit wird durch die Form symbolisiert, in der sich Herrschaft vollzieht, den „Befehl“ wie die Reaktion darauf, den „Gehorsam“. Weber 1980, S. 28f.
4 Aretz 1999. Macht ist dann gleichbedeutend mit dem Widerstand, der überwunden werden kann. Emerson 1962, S. 33.
5 Wenn man Einfluss von Macht dadurch unterscheidet, dass „A affects (...) B without B subordinating his wishes to to those of A“, wobei B die Entscheidungsfreiheit bleibt, ist dies eine sinnvolles Kriterium zur Unterscheidung freiwilliger von gewaltsamen Beziehungen. Patemann 1979, S. 69f. Die Begründung von Hierarchien ist aber dadurch nicht möglich.
6 Sofsky/ Paris 1994, S. 10. Es wird auch zu wenig beachtet, dass M. Weber Macht begrifflich von “Kampf” unterscheidet, einer sozialen Beziehung, in der “das Handeln an der Absicht der Durchset-zung des eigenen Willens gegen Widerstand des oder der Partner orientiert ist”. Weber 1980, S. 20.
7 So beschrieb J. Nye Macht kürzlich als „die Fähigkeit, die Resultate herbeizuführen, die man haben möchte, und dabei, falls notwendig, das Verhalten anderer entsprechend zu ändern“. Nye 2002, S. 24. Demnach wären auch nichthierarchische Kooperationsbeziehungen Machtbeziehungen.
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Allerdings schließt sie eine ganze Reihe hierarchischer Beziehungen aus. Zudem bleiben die Grenzen zu widerstandsfreien Beziehungen fließend. 1
Es folgt ein weiteres Problem. Der amorphe Charakter des Begriffs (Denn „alle denkbaren Qualitäten eines Menschen und alle denkbaren Konstellationen können jemanden in die Lage versetzen, seinen Willen in einer gegebenen Situation durchzusetzen“. 2 ) ist typisch für zahlreiche Auffassungen von Macht. Als bloße Addition von Fähigkeiten entspricht dies nicht unseren Kriterien eines Modells. Die Relationalität der Machtbeziehungen ist zunächst die einzige Voraussetzung, ohne die keine Machtbeziehung existiert. Wie bereits erwähnt betrachtet M. Weber Machtbeziehungen aber als soziale Beziehungen. Damit sind diese sinnhaft, aufeinander bezogen und ein „dadurch orientiertes Sichverhalten“ 3 - sie besitzen eine institutionalistische Funktion.
Zwei Merkmale helfen, diese Probleme zu vermindern. Macht in unserem Sinne besitzt zwei Besonderheiten gegenüber Einflussbeziehungen im allgemeinen: sie ist hierarchisch organisiert, d.h. sie ist asymmetrisch, und sie ist „institutionalisiert“ im Sinne von stabil oder wiederholbar, d.h. sie ist eine Voraussetzung oder sogar Äquivalent von Herrschaft. 4 Macht ist hier der Grund einer hierarchischen Beziehung.
Weder der einmalige Akt (ansonsten wäre der einmalige Erfolg eines Erpressers gegen eine große Eisenbahngesellschaft oder gegen den Staat eine Machtbeziehung wie ein einzelner Banküberfall) noch der Tausch gleicher Werte soll hier als Macht verstanden werden. Einmalige Gewaltakte - sporadische Macht“ - können zu Machtverhältnissen in Beziehung stehen, können ein Element derselben sein, wenn eine Wiederholung glaubwürdig angenommen werden kann, eine Machtbeziehung selbst sind sie jedoch in unserem Sinne nicht. 5 Dies gilt auch für einen einmaligen Annexionsakt zwischen Staaten. Ist der Bankräuber aber in der Lage, eine Bank immer wieder auszurauben, konstituiert er eine Machtbeziehung. Für die Bank wäre es dann rational, ihm die „Beute“ freiwillig zu überlassen, abzüglich der Kosten für sein eingespartes Risiko. (Gleiches gilt für die glaubwürdige fortgesetzte Annexionsdrohung, die als „Machtmittel“ dienen kann.) Beide Seiten würden von dieser Beziehung gegenüber den punktuellen Gewaltakten profitieren. Die Beziehung wäre in beiden Fällen asymmetrisch und stabil. Dabei geht es nicht darum, Macht von „nackter Gewalt“ (partiell) abzugrenzen, wie H. Arendt dies versuchte: Im Falle nackter Gewalt sei die Asymmetrie der Beziehung am größten; die Macht jedoch sei schwach, wenn sich ihre Durchsetzung auf nichts anderes stützen kann. 6 Darauf wird zurückzukommen sein. Entscheidend ist zunächst nur, ob die Gewaltbeziehung sich beliebig wiederholen lässt.
1 Foucault versteht Machtbeziehungen als relationale soziale Prozesse, welche nicht ohne die Freiheit zum Widerstand existieren können. vgl. Edkins/ Pin-Fat 2005, S. 4ff. Setzt Widerstand ein, wenn die Beziehungen kognitive Kosten produziert, wenn der Vollzug innerlich abgelehnt wird, wenn widersprochen wird oder wenn Gegen-Aktionen durchgeführt werden? Hier wird Sklaverei, wenn sie alternativlos bleibt, nicht als Machtbeziehung verstanden wie die später erwähnte „totale Macht“ in Konzentrationslagern. Es bleibt die Frage: Was ist Widerstand?
2 Weber 1980, S. 28f. Ähnlich Machiavelli, Hobbes oder Morgenthau.
3 Weber 1980, S. 13. Sofsky und Paris bauen darauf auf, wenn sie Macht an soziale Zusammenhänge, ja an Gesellschaft binden. Sofsky/ Paris 1994, S. 9.
4 Ein allgemeiner Herrschaftsbegriff, der auf Elemente wie Anerkennung oder Legitimität explizit verzichtet, kommt unserem Verständnis von Macht sehr nahe: „Im allgemeinen wird unter H. eine asymmetrische soziale Wechselbeziehung von Befehlsgebung und Gehorsamsleistung verstanden, in der eine Person, Gruppe oder Organisation anderen (zeitweilig) Unterordnung aufzwingen und Folgebereitschaft erwarten kann. Erst Regelmäßigkeit und Erfolg kennzeichnen Herrschaft als Institution.“ Leggewie 1995, S. 180.
5 Dies im Gegensatz zur konzisen Definition von Pfetsch (Pfetsch 1994, S. 151) oder zu Popitz, für den „sporadische Macht“ eine eigene Kategorie darstellt. Institutionalisierte Macht dagegen sei entpersonalisiert, formalisiert und eingebettet in übergreifende Ordnungen. Popitz 1992, S. 232 ff. Für Triepel ist Hegemonie ganz in unserem Sinne „nicht ein einzelner Akt, sondern ein Gesamtverhalten“. Triepel 1974, S. 133.
6 Arendt 1974, nach Weiß 1995, S. 307.
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Macht konstituiert eine hierarchische Beziehung, ist aber mehr als ein einmaliger Akt. Um dies zu verdeutliche, soll Macht im folgenden als verstetigter, hierarchischer Tausch verstanden werden.
2.3) Macht als ungleicher Tausch
Um das Kriterium der logischen Konsistenz zu erfüllen, soll ein möglichst geschlossenes Modell als Maßstab genutzt werden. Dabei werden Hierarchien hier zunächst als Ausdruck asymmetrischer „Tauschakte“ aufgefasst. 1 Das Bild einer Tauschbeziehung ermöglicht es, eine Vielzahl von Ressourcendifferenzen - ob Sanktionsmittel oder „Güter“ im eigentlichen Sinne - konzeptionell zu vereinen. 2 Ein Hegemon könnte z.B. Schutz anbieten und gegen die öffentliche Anerkennung seiner hervorgehobenen Position tauschen oder Wirtschaftshilfe gegen das Recht auf Militärstützpunkte. Drohungen sind ein Gut, bei denen Gewaltverzicht gegen andere Güter getauscht wird. 3 Die Grundelemente dieses Modellsnutzenmaximierende Akteure wie den Tausch von Ressourcen - werden bereits von Thukydides beschrieben, wie das Hilfeersuchen von Kerkyra an Athen zeigt. Das Eingehen auf ein Bündnis werde den Athenern „in vielem von großem Vorteil sein“: „Überlegt euch, welcher Glücksfall seltener ist oder welcher den Feinden unangenehmer : Wenn eine Macht, deren Beitritt zu eurem Bund ihr sicher mit viel Geld und Gefälligkeit erkauft hättet, nun von selbst kommt, ohne Gefahren und Kosten sich euch anvertraut und euch obendrein bei vielen den Ruf des Edlemutes bringt, euren Schützlingen die Verpflichtung zu Dank, euch selbst aber Stärke.“ Letztlich folgten die Athener diesem Nutzenargument gegenüber dem Rechtsargument der Gegenseite. 4 Wie steht es aber mit der hier ebenfalls angesprochenen Fähigkeit, „Abtrünnige zu schädigen“? Auch wenn Drohungen im Gegensatz zu positiven Anreizen zu „conflictual systems“ führen, besitzt ihre Umsetzung zumindest eine „exchange like form“. 5 Damit ist allerdings noch nicht das Kriterium einer hierarchischen Beziehung erfüllt.
Eine Hierarchie (im Sinne von Ungleichheit) entsteht dadurch, dass die dominante Macht ihre Güter leichter produziert bzw. geringer bewertet als die abhängige Macht. (Dies ist nicht identisch mit der geläufigen Vorstellung, eine dominante Macht könne die Preisrelation der Güter zu ihren Gunsten beeinflussen.) Abhängigkeit entsteht zudem dadurch, dass die Güter unterschiedliche Kosten bei ihrer Kompensation verursachen. Die Abhängigkeit vom „Gut“ eines anderen resultiert aus dem Wert dieses Gutes von Akteur B für Akteur A (essentiability) wie für die Kosten (inklusive möglicher Wertverluste) für innere oder äußere Alternativen (substitutability). 6 Wenn Bündnispartner B für seine Leistungen von A ein zusätzliches Gut erwartet, ist dies abhängig von den Möglichkeiten A's seine eigenen Verteidigungsanstrengungen zu erhöhen oder andere Bündniskonstellationen einzugehen. Auch bei einer Bedrohung geht es um die Kostendifferenz aller Handlungsoptionen: der
1 Dies steht in der Tradition soziologischer Machtmodelle von Emerson, Blau u.a. wie der Forschungen zu "interdependence" im Bereich der internationalen Beziehungen. Die Idee der Tauschrelation auch bei Strange 1983, S. 353 ff. Die Forschungstradition der „interdependence“ wurde bereits zur Begründung der sowjetischen Hegemonie und zur Anreicherung einer Theorie osteuropäischer Integration vorgeschlagen. Abonyi/ Sylvian/ Caporaso 1976, S. 79 u. 85. Allerdings wird zu zeigen sein, dass die bloße Abhängigkeit von sowjetischen Rohstofflieferungen nicht ausreicht, um die Hierarchie bestimmen zu können.
2 Beetham 1991, S. 48.
3 Beispiele Hierfür bereits bei Hobbes 1970, S. 126 u. 134f. Hobbes bezeichnete auch erpresste Abkommen als in diesem Sinne „gültige Verträge“.
4 Thukydides I/ 32, 33, 35, 44; S. 63ff. Hier ist viermal von den “Vorteilen” des Bündnisses die Rede.
5 Boulding 1963, S. 426 f. Boulding unterscheidet systematisch zwischen Tausch und Drohung. Allerdings muss die Unterordnung unter eine Drohung nicht wohlstandsmindernd sein.
6 Jacobs 1974, S. 50 f. vgl. auch Emerson 1962.
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„threat submission“ gegenüber „defiance“, „counterthreat“ und „integrative response“. 1 (Letzterer beinhaltet die freiwillige Unterordnung, die Bildung einer Gemeinschaft mit gemeinsamen Werten usw. und liegt damit bereits jenseits unserer bisherigen „exchangehierarchy“.) Zusammengefasst: “In order to study dependency, one must look at opportunity costs of alternative relationships as well as at actual relationships. Likewise, in order to study power, one must look not only what B does, but at what B would otherwise do.” 2 Diesen Zusammenhang kann man als Interdependenz bezeichnen. In der Formulierung von J.S. Nye: „Just as the less anamored of two lovers may manipulate the other, the less vulnerable of two states may use subtle threats to their relationship as a source of power.” 3 Dieser unterschiedliche Wert der Güter resultiert aus unterschiedlichen Produktionskosten der Güter, vor allem aber einem unterschiedlichen „motivational investment“ wie an der
unterschiedlichen Verfügbarkeit der Güter außerhalb der Beziehung. Abhängigkeit ist direkt proportional zu ersterem und indirekt proportional zu zweiterem. 4
Hier könnte eingewandt werden, dass ein relationales Verständnis von Macht weniger aussagt als „structural power“ oder die Zusammenhänge unnötig kompliziert darstelle. Bereits Clausewitz hat aber darauf hingewiesen, dass ein Gleichgewicht und Ungleichgewicht der Mittel nicht nur von der Stärke der Mittel, von ihrem Verhältnis abhängt, sondern auch von dem, was wir als „motivational investment“ zitiert haben. 5 Dagegen hat S. Strange behauptet, dass die “combined structural power”, also the “security structure, the production structure, the credit (or financial) structure, and the knowledge structure” entscheidend für die amerikanische Dominanz sein könnte. Dies zeigt nur, dass es eine Vielzahl handelbarer Güter geben kann. Strange zeigt aber nicht, wie und wann diese „weapons more powerful than those of any other government“ wirken oder nicht wirken. 6 Letzteres wird allein aus der Führungsschwäche des politischen Systems begründet. Dies ist sicherlich eine wichtige Komponente der „Produktionsfähigkeit“ handelbarer Güter in unserem Sinne, letztlich aber nur eine, oft nicht aussagefähige. 7 Bedingungen sind ebenfalls, dass die Güter angeboten werden können und die Struktur des Marktes für sie. Dies zeigt, dass die gerade für den Ostblock angenommene Gleichsetzung von „Größe“ und Verhandlungsmacht 8 problematisch ist. Verhandlungstheoretische Ansätze haben sogar zu der umgekehrten Hypothese geführt: Angesichts ihrer hierarchischen Binnenstruktur, die zu Principal-Agent-Problemen führte, sei die Verhandlungsmacht der UdSSR gegenüber den kleineren Partnern unterlegen gewesen. 9 Unser Modell ist auch aus einem anderen Grund nicht nur eine unnötige Verkomplizierung des Konzepts von Macht als Attribut oder Struktur von Attributen. Interdependenz kann wechselseitige Abhängigkeit bedeuten. O. Young hat angemerkt, dass ein steigendes Niveau von interdependence sowohl die Möglichkeiten als auch die Kosten, Macht auszuüben,
1 Boulding 1963.
2 Baldwin 1979, S. 177; Caporaso 1978; Hart unterscheidet drei Faktoren, die Macht konstituieren: Den relativen Wert der Güter für A und B wie die äußere und innere Substitutionsfähigkeit. Hart 1976, S. 293.
3 Nye 1990a, S. 158. „Interdependenz, d.h. wechselseitige Abhängigkeit (, liegt) dort vor, wo Interaktionen wechselseitige Kosten verursachen, deren Verteilung auf die Akteure keineswegs gleich sein muss.“ Kohler-Koch 1994, S. 222. Die Unterscheidung von vulnerability und sensitivity bei Nye/ Keohane 1977, S. 12 ff. erscheint mir systematisch nicht notwendig. Es ist nicht relevant, ob diese Kosten im jeweiligen "policy network" entstehen oder durch den Wechsel, abgesehen davon, dass die Unsicherheit beim Wechsel des Rahmens wahrscheinlich erheblich wächst. Die Analogie der „Liebenden“ bereits bei Emerson 1962.
4 Emerson 1962, S. 32.
5 Clausewitz bezeichnet die zweite Komponente zwar als “Stärke der Willenskraft”, setzt diese aber im Prinzip mit der „Stärke des Motivs“ gleich. Clausewitz 1994, S. 21, 30 u. 72f.
6 Strange 1987, S. 571 u. 569. Für den ökonomischen Bereich: Strange 1975.
7 Vgl. Zürn 1989, S. 128 ff. zur Theorie vom „schwachen Staat“ und dem Cocom-Regime. Etc. Mastenduno 1988.
8 Ribi 1970, S. 440 u. 450.
9 Stone 1996.
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erhöht. 1 Denn: Wer das eigene Gut anderweitig nicht oder schwer tauschen kann, aber hohe Investitionen getätigt hat, oder wer gar nicht fähig ist, ein anderweitig tauschbares Gut zu produzieren, ist genauso abhängig wie derjenige, der das eingeführte Gut schwer oder gar nicht selbst produzieren oder anderweitig erwerben kann. Zudem können sich auch die Güter der „Schwächeren“ verknappen. Ein „Käufermarkt“ für die Waren der „Starken“ kann die Beziehung Asymmetrie möglicherweise umkehren. Dies erklärt systematisch vielleicht am klarsten die Position einiger Länder der „dritten Welt“ zwischen den Supermächten im Kalten Krieg. Wenn sogar der Gewaltseinsatz einer Supermacht nicht immer ausreicht um ihren Willen durchsetzen, bedeutet dies nicht nur, dass traditionelle Machtbegriffe, die auf der Gewaltfähigkeit der Akteure beruhen, überholt sind 2 ; die Gründe für die „Paradoxien der Macht“ müssen in das Modell einbezogen werden.
Fassen wir auf dieser Stufe zusammen. Macht soll hier zunächst als verstetigter ungleicher Tausch verstanden werden. Die zentralen Ebenen einer Machtbeziehung sind folgende: Die Relation der Werte und ihrer Bewertungen; die Relation der Produktionskosten; die Relation der Kosten für die Kompensation der Güter des anderen. Eine ungleiche Beziehung existiert beim Tausch gleicher Werte bei unterschiedlichen Kosten; eine abhängige Beziehung, wenn das Gut des Gegenübers höher bewertet wird als das eigene. Dann kann die überlegene „Macht“ weitere Güter fordern. Oder sie kann diese Differenz als Basis für Drohungen nutzen, um im Bedarfsfall zusätzliche Güter zu erhalten. Bei der Aufkündigung der Beziehung entstehen aber Kosten für beide Seiten. Dadurch entsteht Macht im Sinne einer stabilen Hierarchie. Die Kostendimension dieser Beziehung ist damit aber keineswegs erschöpft.
2.4) Macht und Transaktionskosten
Die Produktionsfähigkeit von Macht und die Möglichkeit zu alternativen Lösungen sind aber nicht alle Bestimmungsfaktoren einer so verstandenen Hierarchie. Das bis hierher entwickelte Verständnis von ungleichen Tauschbeziehungen ist verbunden mit einem bestimmten Akteursmodell: dem rationalen Nutzenmaximierer in der Form von „substantive or objective rationality“. Aus beiden Analogien folgt aber eine wesentliche Ergänzung: Tausch produziert Kosten (Transaktionskosten), die nicht nur aus der Abwicklung des Tauschs resultieren, sondern auch daraus, dass Tauschbeziehungen und die entsprechenden Güter sehr komplex sind, so dass „vollständige Verträge“ wie die vollständige Kontrolle des Tauschs unvertretbare Kosten produzieren kann. Dieses Problem „unzureichender Verträge“ führt dazu, dass Anreize bestehen, das eigene Gut zu Ungunsten des Gegenübers zu manipulieren. 3 Der „aus der Nichterfüllung des Abkommens zu befürchtende Schaden“, die „Furcht“, welche die „Menschen zur Erfüllung ihrer Abkommen“ bewegt (Hobbes) 4 , kann damit vermindert werden.
Eine stabile Anreizhierarchie im Sinne unseres Modells setzt sowohl ein ständiges hohes Informationsniveau voraus wie eine Anpassung der Anreize an feine Veränderungen. 5 Eine
1 Young 1969 zit. nach Baldwin 1979, S. 177.
2 Czempiel 1999, S. 92.
3 Präzise zusammengefasst bei Smelser 1998, S. 3; vgl. auch Simon 1985, S. 79; Lake 1996, S. 7. Im Gegensatz zu Williamson 1985 halten wir diese Eigenschaften für ausreichend, Transaktionskostenpro- bleme zu begründen. Die Fähigkeit, zu „rent-seeking with guile“ (Williamson) erfordert geradezu ein höheres Maß an Anstrengungen zur Rationalität. Die Möglichkeiten hierzu sind nur ungleich verteilt, wodurch Transaktionskosten entstehen. Im Falle von bounded rationality würden die Akteure Investitionen in sheating/ shirking eher meiden. Transaktionskostenprobleme entstehen gerade aus der Spannung hochrationaler Akteure und einer komplexen Umwelt, was nur ein Teilproblem von „bounded rationality“ darstellt.
4 Hobbes 1970, S. 127 u. 121.
5 Jacobs 1974, S. 56.
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Hierarchie auf der Basis reiner Anreize könnte sich also als sehr teuer erweisen. 1 Unvollständige Beobachtung ist ein Problem für die Ausübung von Macht. Es entstehen principal-agent-Probleme aufgrund von monitoring costs. Das Monitoring-Niveau ist eine relevante Größe für das Hierarchieniveau. So werfen bei Thukydides die Korinther ihren Gegnern vor, die „schönklingende Bündnislosigkeit“ nur als Vorwand zu nutzen, um „unbemerkt“ Unrecht zu begehen, Gewalt anzuwenden oder „andere zu übervorteilen“. 2 Die Schlussfolgerung für unser Modell besteht darin, dass die Hierarchie nicht allein von der ungleichen Produktionsfähigkeit der entsprechenden Güter abhängt, sondern auch von spezifischen Merkmalen dieser Güter. Komplexe Güter (wie die Gesamtbeziehungen zwischen zwei Staaten oder auch nur die Bündnistreue) bieten erhebliche Möglichkeiten für Kostenerhöhungs- oder Nichterfüllungsstrategien. Hier liegt auch ein systematischer Unterschied zwischen positiven und negativen Anreizen in einer hierarchischen Beziehung. Aus der Kostenperspektive sind Machtbeziehungen also äußerst fragil. Wie kann dann ihre Verstetigung systematisch begründet werden.
2.5) Macht als verstetigte Beziehung
Im allgemeinsten Sinne gilt also: Hierarchien sind Ausdruck unterschiedlicher Gewinne bzw. Kosten arbeitsteiliger Produktion im internationalen System. Die Hierarchie oder die Macht ist exakt der Betrag, der dieses Gleichgewicht von einem Gleichgewicht bei gleichen „Gütern“ unterscheidet. 3 Einfluss berechnet sich auf den ersten Blick exakt nach der Gesamtdifferenz der Kosten einer alternativen Lösung. Dies gilt allerdings nicht im institutionalistischen Sinne, da der Benachteiligte nicht an der Aufrechterhaltung der Beziehung interessiert ist. Ein verstetigter Tausch erfolgt, indem der Akteur mit den geringeren Kosten die Aufrechterhaltung der Beziehung tauscht gegen einen Anteil (vereinfacht die Hälfte, exakt im Verhältnis zur Abhängigkeit insgesamt) der gesparten Kosten des anderen. Dies wäre eine hierarchische Beziehung im Gleichgewicht. Damit hätte A die Kostendifferenz zu alternativen Lösungen für B, dessen Abhängigkeit, nicht voll ausgeschöpft. Handelt A so, vermindert sich der Anreiz für B, sich gegen alternative Lösungen zu entscheiden, um den erwähnten Betrag. Andererseits erhält letzterer ein Druckmittel gegen A, der bei der Wahl alternativer Lösungen den gesamten Wert seiner „Macht“ verlieren könnte, in einer hierarchischen Beziehung im Gleichgewicht aber nur einen Teil. Dies zeigt, dass systematisch durchaus hierarchische Beziehungen zu beiderlei „Nutzen“ möglich sind. 4 Relationale Machtbeziehungen können eine „Balance“ gegenseitiger Abhängigkeiten darstellen. 5 Es bestünde ein Nash-Equilibrium, bei dem Alternativen immer zu schlechteren Erträgen führen würden. Strebt A jedoch nach dem Grenznutzen der Beziehung wird sie zunehmend fragil. Es steigen die Anreize für B, Alternativen zu suchen; die Gefahr, dass die Hierarchie in Frage gestellt wird, wächst. Dies kann wiederum Thukydides illustrieren - mit seiner Darstellung des Attisch-Delischen Seebundes. Die Hegemonie Athens beruhte zunächst darauf, militärische Kraft zur See kostengünstiger produzieren zu können als die Bündnispartner. Deshalb zahlten die Partner zunächst lieber ihre Beiträge in die Bundeskasse als „den ihnen zukommenden Anteil an Schiffen zu stellen“.
1 Kontrolle ist ohne einen "Markt" für die "agents" wie die Möglichkeit einer ex post Feinsteuerung der Anreize im Verhältnis zur Leistung problematisch. vgl. Fama 1980.
2 Thukydides I/ 37, S. 67f.
3 Hart 1976, S. 293.
4 Für Gilpin sind diese Gleichgewichte dagegen vor allem von den Interessen der Mächtigen abhängig. Ein Gleichgewicht besteht dann, wenn diese keinen Nettoanreiz zur Veränderung haben, d.h. die Gewinne neuer Arrangements die Kosten der Veränderung unterschreiten. Den Schwächeren fehlt ohnehin die Macht oder die Kosten sind für sie zu hoch. Gilpin 1981, S. 10 f. Hier kommen m.E. Transaktionskosten zu kurz, die ein System erodieren können. Gilpin geht es dagegen um die Aufrechterhaltung der grundlegenden Systemeigenschaften.
5 Emerson 1962, S. 33f.
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Dies verstärkte zwar die „Macht“ der Athener im Sinne einer Eigenschaft, aber nicht unbedingt die Hierarchie. Die Athener erhöhten die Beiträge und begannen diese für bundesfremde Dinge auszugeben. Als Reaktion gab es „Rückstände bei der Entrichtung von Abgaben und Schiffen und Verweigerung des Kriegsdienstes“. Die Athener wendeten Gewalt an und „machten sich unbeliebt“. 1 Abfallversuche wurden immer häufiger und mussten gewaltsam unterdrückt werden. Die Athener begannen, die Tauschrelation zu überfordern und mussten die Hierarchie durch zusätzliche Güter (Drohungen auf der Basis von Gewalt) stabilisieren.
Für einen einzelnen Tauschakt, für eine einzelne Verhandlung wie für eine Reihe gleichförmiger Tauschakte ist dieses Modell konsistent. Daraus folgt die Frage nach der Verstetigung und Übertragbarkeit von „Macht“. Die Wirkung von Interdependenz gilt im geschilderten Sinne zunächst nur im Vergleich zum vorherigen Zustand. Ist in der Konstituierung der Beziehung die Differenz vollständig antizipiert, folgt daraus keine weitere Abhängigkeit. Diese ist bereits im Preis der Güter verrechnet. In unserer Analogie würde interdependence als institutionalisierte Macht wirken, wenn zwei Tauschakte längerfristig auf beiden Seiten angelegt sind. Dies entspräche einer Auffassung von “interdependence (…) in terms of relationships that are costly for each party to forego”. 2 Wie bereits erwähnt, kann eine laufende Tauschbeziehung über sich selbst hinaus nur dann Einfluss produzieren, wenn den beiden Gütern ein unterschiedlicher Wert zugeschrieben wird, die Preise aber nicht völlig angepasst werden. (also eine „Schuld“ besteht). Ein zusätzlicher Einfluss beinhaltet also die stillschweigende Annahme, dass diese Kosten- bzw. Wertdifferenz nicht in die ursprüngliche Preiskalkulation einbezogen wurde. Dies scheint mit einer etwas missverständlichen Auffassung von interdependence vereinbar: „Power in an interdependent relationship flows from asymmetrie: the one who gains more from the relationship is the more dependent.“ 3 Der Schwächere hätte also mehr zu verlieren. Oder: Der am wenigsten Enthusiastische besitzt Verhandlungsmacht und gewinnt bei der Wahl einer Institutionenordnung. 4 Dies enthält aber nur bedingt die Fähigkeit, zusätzlichen Einfluss zu produzieren. Ansonsten hätte der Lieferant des einen Gutes Marktmacht verschenkt oder aufgespart; es existierte also ein nicht realisiertes „Guthaben“.
In diesem Sinne hat Blau angemerkt, dass Akteure, die in Beziehungen engagiert sind, die nicht völlig „reziprok“ sind, dazu kommen, Gehorsam als eine Form der Abgeltung ihrer „sozialen Schuld“ zu entwickeln. Damit wäre Macht eine (diffuse) generalisierte Währung, die zum Ausgleich von „exchange imbalances“ führt. 5 Dies ist insbesondere ein Problem bei Drohungen. Eine Abhängigkeit durch die potentielle Drohung, dem Gegenüber ein Gut zu „entziehen“, entsteht nur, wenn die Abgeltung einer „Schuld“ längerfristig durch beliebige einzelne Güter erfolgt, deren Einforderung die „Drohung“ symbolisiert. Wenn die Summe bisheriger Gegenlieferungen plus das nächste Gut den angenommenen Wert der längerfristigen Gegenlieferung übersteigt, ist die Tilgung erreicht und eine Drohung auf dieser Basis ist nichtig. Eine neue Drohung besitzt einen anderen Charakter; sie muss einen zusätzlichen Schaden „versprechen“.
Abhängigkeit kann sich auch neu konstituieren durch eine Veränderung der Kostenstrukturen. Alternative Bündnispartner fallen durch eine innere Krise o.ä. aus, das gelieferte Produkt wird bei anderen Lieferanten knapp, eine andere Organisationsform erweist sich als ineffektiv usw. Die sich damit ändernden Preisrelationen konstituieren eine neue (zunächst potentielle) „Schuld“ und bieten die Möglichkeiten zu entsprechenden
1 Thukydides I/ 99, 96 u. 97, S. 108ff.
2 Baldwin 1979, S. 177 (Hervorhebung des Autors).
3 Milner 1992, S. 487.
4 Gruber 2000, S. 34.
5 Blau 1964; Jacobs 1974.
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„Drohungen“. Allerdings sind auch Anpassungsprozesse möglich, die eine solche Beziehung wieder in die „Balance“ bringen: durch die Suche nach alternativen Gütern oder die Veränderung der „motivational investments“, also der Bewertungen der Güter. 1
In diesem Modell kann jede Macht ihr Potential an Drohungen und Versprechen nur bis zu dem Punkt ausschöpfen ohne den oben beschriebenen Gleichgewichtszustand zu verlassen. H.R. Wagner hat ganz richtig gezeigt, dass politische Zugeständnisse nur über ungenutzte Verhandlungsvorteile in anderen Bereichen erzielbar sind, aber nicht durch „Interdependenz“ an sich. Einfluss kann demnach aus der Übertragung von Asymmetrien eines Tauschakts auf einen anderen resultieren, indem der nicht eingelöste Gewinn aus ersterem verrechnet wird zur Erlangung zusätzlicher Güter auf der zweiten Ebene (so wirtschaftspolitische Asymmetrien in politische Vorteile oder umgekehrt). Der Wert dieser zusätzlichen Güter muss auf der ersten Ebene voll kompensiert (bzw. überkompensiert) werden, um den Einfluss auf der zweiten Ebene zu begründen. Dies gilt unabhängig davon, ob asymmetrische Interdependenz in einer Tauschbeziehung nicht ausgeschöpft wird oder ob eine Subventionierung vorliegt, die zurückgenommen werden kann. 2 Dies würde bedeuten, Güter können nicht mehrfach getauscht, Verhandlungsressourcen können nicht mehrfach genutzt werden. Dies hat auch Implikationen für eine sehr langfristige Tauschbeziehung, die sich in spezifischen Organisationsstrukturen ausdrückt. Die überlegene Macht kann diese Struktur nicht beliebig ändern, sondern nur, wenn ihre Kostenvorteile in der bisherigen Beziehung nicht ausgeschöpft wurden, oder wenn sie neue Güter anbietet. Dieser Gedanke wird auch (ungewollt) von Nye und Keohane bestätigt: "Relationships between powerful and weak actors are often defined by multilateral rule or convention, without bilateral bargaining. Under such conditions, strong states that are willing to brake the rules or alter the conventions may have unexploited bargaining power." 3 Real ist dies zwar kein permanentes Verhandeln, aber eines, das eine permanente Beziehung antizipiert. Ein überlegener Akteur müsste dann Gewinne oder Ressourcen aufsparen, um zusätzliche Güter kaufen zu können und muss den antizipierten Wert dieser Güter diskontieren.
Die Erklärung einer Hierarchie als rationaler Tauschakt zwischen unterschiedlichen Gütergruppen wurde auch auf den Ostblock angewandt. „The Soviet Union has subsidized in a rational manner - i.e., it has maximized both conventional and unconventional gains from trade.” Dies bedeutet, die UdSSR habe ihren “Satelliten” implizite Handelssubventionen gewährt und dafür “military, political, and ideological nonmarket benefits“ erhalten und dabei Nettogewinne erzielten. Dabei divergierten nach den Berechnungen von Marrese und Vanous die Subventionen relativ zu den jeweiligen Vorteilen für die UdSSR. 4 Eines der vielen Probleme dieser These besteht darin, dass die „Einzahlungen“ und „Auszahlungen“ einseitig aus der (einheitlich gedachten) Perspektive der UdSSR betrachtet werden. Unsere Tauschanalogie weist aber darauf hin, dass auch die Wertmaßstäbe der „Käufer“ von
1 Emerson 1962, S. 35.
2 Einfluss ist demnach “possible only if a government that is attempting to exercise influence has a bargaining advantage with respect to the terms of trade that it has not exploited. Then the more dependent country has already been conceded better terms of trade than it could have won through direct bargaining, and the government of the country attempting to exercise influence is, in effect, trying to collect the bargaining gains it had earlier foregone, though in the coin of political concessions rather than improved terms of trade. (…) If the large country elects to use this market power for political influence, however, it is retrieving gains that it had earlier given away by foregoing tariffs, and not getting something for nothing.” Wagner 1988, S. 473. Wagner kommt zu diesem Ergebnis auf der Grundlage einer verhandlungstheoretischen Systematisierung von Interdependenz.
3 Nye/ Keohane 1987, S. 734 f.
4 Marrese/Vanous 1983, S. 145ff. sowie Kap. VIII., S. 68ff.
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Bedeutung sind. 1 Diese Frage ist eng verbunden mit einer Erklärung für die Paradoxien von Macht.
2.6) Die Paradoxien der Macht
Überlegene Ressourcen führen häufig nicht zu adäquaten Resultaten. Zunächst kann es sich dabei um falsche Rückschlüsse des Betrachters handeln, der Indikatoren für die Existenz ungleicher Kostenstrukturen (Größe, BSP usw.) mit der Existenz handelbarer Güter gleichsetzt. (Die Drohung, den anderen nicht am Leben zu lassen, wenn…, wirkt auf den Selbstmörder nicht wie das Versprechen auf ein Steak beim Vegetarier.) Äußere Anreize sind auf die Bewertung der Akteure angewiesen und sind Wandlungen unterworfen. 2 Selbst Eigenschaften, die eindeutig auf „Macht“ hindeuten, können in verschiednen Beziehungen völlig unterschiedlich, ja entgegengesetzt bewertet werden. Die Hoffnung der USA, nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Verhandlungsposition gegenüber Stalin durch die Atombombe zu verbessern, erwies sich als Irrtum. Stalin dekretierte einfach: „Atombomben sollen Menschen mit schwachen Nerven Furcht einflößen; sie können aber nicht über den Ausgang eines Krieges entscheiden.“ 3 Fünf nordkoreanische Atomwaffen erscheinen - um das anschauliche Beispiel A. Wendts zu nutzen - bedrohlicher für die USA als fünfhundert britische. 4 Auch kann der Wert, der den Gütern zugeschrieben wird, die Kostenvorteile aufwiegen. Hier liegt eine weitere Erklärungsmöglichkeit für die „Kraft der Schwachen“. Wie Stanley Hoffmann es formulierte, ist der Wert der „Karten“ in diesem Spiel oft unklar. 5 Darüber wird ausführlicher zu sprechen sein.
Dies begründet aber kaum vollständig die „Schwäche der Starken“. Die Transaktionskosten einer Tauschbeziehung können unterschätzt worden sein. Weiterhin ist die Spezifik einzelner Komponenten von Macht zu beachten, die „policy contingency frameworks“ entsprechen. Zudem ist die Fungibilität von Ressourcen, die über keine allgemeine Verrechnungseinheit (wie Geld) verfügen, eingeschränkt. Die Vorstellung von N. Luhmann, Macht sei ein generalisiertes Kommunikationsmedium, trifft auf dieser Ebene des Modells nicht zu. Hier existieren oft „abgeschottete Märkte“: Ressourcen, die für einen bestimmten Fall produziert wurden, sind in anderen Konstellationen möglicherweise wertlos oder sogar kontraproduktiv. Ein integriertes Flugabwehrsystem nutzt wenig, um Handelsvertragsverhandlungen zu beeinflussen; die Drohung mit Atomwaffen, um das Abstimmungsverhalten in der UN-Vollversammlung zu beeinflussen, kann zum gegenteiligen Effekt führen. Stets besteht die Frage: „Power for what?“ 6 Systematisch bedeutet die Nichteinsetzbarkeit eines Gutes nicht nur ein Problem der Übertragungskosten, sondern auch ein Bewertungsproblem dieses Gutes im Verhältnis zu einem Gut aus einem anderen Politikbereich aus Sicht beider Tauschpartner. Macht ist somit ein „Zahlungsmittel“ 7 , dessen Einsatzbereich begrenzt ist und das nur gegen eine bestimmte Art anderer Güter getauscht werden kann. Dies betrifft auch, dass Güter sehr unterschiedliche Wertigkeit schwer zu tauschen sind. In diesem Sinne entspräche der Einsatz militärischer Mittel nicht dem Wert einer Zollsenkung oder der Stillegung eines grenznahen
1 Ein simples Beispiel: Für die DDR waren die sowjetischen “Güter” viel mehr Wert als für Rumänien. Daraus folgt aber entgegengesetzt zu den Berechnungen von Marrese/Vanous zur Höhe sowjetischer Subventionen, dass die RVR für ihre Loyalität höhere Zahlungen als die DDR hätte bekommen müssen.
2 Dies betrifft gesellschaftlichen Wandel oder “Moden”, aber auch Abweichungen zwischen Individuen. Selbst Güter, die allgemein als hoch motivierend gelten, wie Nahrungsmittel, Sex oder das Leben verlieren nicht selten ihre Motivationskraft. Mehr als 1 Prozent der Todesfälle seien Selbstmorde. Ainslie 1986, S. 137.
3 Pravda v. 25.9.1946; zit. nach Kissinger 1994, S. 469, vgl. auch S. 467.
4 Wendt 1995, S. 73.
5 Hoffmann 1975, S. 197 u. S. 188.
6 Nye 1990a; Baldwin, S. 164 u. 166 f.
7 Deutsch 1970, S. 178.
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Umweltverschmutzers. Die Eskalation des Krieges bis hin zu Atomwaffen sei Imperien im Sinne der „Angemessenheit der Mittel“ an der Peripherie verwehrt. 1
Eine abgeschwächte Variante dieses Dilemmas ist die Annahme, “that linkages will not be drawn regularly and effectively among issue areas. Power resource (…) cannot under these circumstances easily be transferred. Power will not be fungible, as in the overall structure modell; military capabilities will not be effective in economic issues, and economic capabilities relevant to one area may not be relevant to another.” 2 Übersteigen die internen Kosten für die linkages die erwarteten Gewinne des Ressourceneinsatzes, ist die Hierarchie aufgehoben. Zumindest produziert die Übertragung von Macht zusätzliche Verhandlungskosten.
Ein overall-structure-Modell ist demnach nur aussagefähig, wenn der Starke tauschbare Güter zu geringeren Kosten in allen Bereichen und Situationen produziert, oder wenn eine klare Hierarchie der Sachbereiche besteht. Gegen die völlige „Fungibilität“ militärischer „Güter“ ist in einer Welt komplexer Interdependenz vieles einzuwenden, aber auch gegen die wirtschaftlicher „Güter“. Vorteile in diesem Bereich lassen sich viel besser übertragen, vorausgesetzt eine Nachfrage und eine Kostendifferenz besteht tatsächlich. Dies ist das eigentliche Problem. Ein Ausweg könnte sein, Reputation als „Gut“ aufzufassen, in das der Stärkere investiert, um „horizontal linkages between issue-areas“ herzustellen. 3 Sicher kann der „Schwächere“ seine Anerkennung von Reputation als Gut behandeln, gegen das er Güter des „Stärkeren“ tauscht; der „Stärkere“ kann aber keine Reputationsanteile veräußern. Die Wirkung von Reputation beruht auf einem Mechanismus, der jenseits des bisherigen Modells liegt.
Grundsätzlich sind package-deals oder linkages trotzdem möglich. Systematisch bedeutet dies nichts anderes, als dass der Marktbeherrscher soviel von seinem Gut zusätzlich produziert, dass beim Tauschakt die Kosten der Übertragung auf den anderen Bereich für den anderen kompensiert werden, ohne dass die zusätzlichen Kosten den Gewinn des Gesamtgeschäfts zunichte machen. Allerdings sind diese Kosten oft sehr hoch. Nye und Keohane betonen in ihrer Systematik zurecht, dass sich nicht nur die Bedingungen (Kostenstrukturen) in verschiedenen Bereichen erheblich unterscheiden, sondern auch die organisatorische Struktur spezifisch und oft „more or less insulated“ sei. Es ist einleuchtend, dass die Verkopplung eigenständiger Bereiche nicht nur zusätzliche Organisationskosten hervorruft, sondern auch Konkurrenzsituationen zwischen den Bereichen. Anders betrachtet erfordern linkages eine starke Zentralisierung der Binnenstrukturen, die nicht auf alle Bereiche ausgedehnt werden kann. In ihrem empirischen Teil bieten Nye und Keohane aber noch eine interessante zusätzliche Erklärung. Sie berichten von Regimen, also Regelwerken und Normensystemen, welche die Zulässigkeit von linkages beeinflussen. 4 Dies verweist wiederum auf Argumente jenseits unserer bisherigen Systematik, die Zahl und Art von linkages nicht hinreichend erklären kann. Immerhin gibt es Beispiele für bewusstes delinkage, durch das überlegene Anreizproduzenten ihre „Macht“ nicht ausspielen. 5 Das Problem von linkages ist verbunden mit der Frage, ob es qualitative Unterschiede zwischen verschiedenen Arten unserer „Güter“ gibt. Zunächst können sich die Transaktionskosten systematisch unterscheiden. Je komplexer die Güter, desto größer die
1 So Münkler zumindest für “demokratisch verfasste Imperien”. Münkler 2005, S. 199.
2 Nye/ Keohane 1977, S. 50
3 Dessler 1989, S. 472.
4 Nye/ Keohane 1977, S. 30 ff., 50, 209 ff.
5 Mastenduno beschreibt dies für die Koordinierung der Cocom-Politik der USA. Allerdings beruht seine Erklärung zu stark auf der Annahme, dass die Exekutive einen rationalen trade-off zwischen verschiedenen Zielebenen amerikanischer Außenpolitik vollzog. Übertragen auf unser Modell sind hier Herrschaftskosten genauso relevant wie die Logik angemessenen Verhaltens gegenüber souveränen Verbündeten. Mastenduno 1988, v.a. S. 122 f. u. S. 136 f.
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Möglichkeit, und je nachteiliger der Tausch desto größer der Anreiz, die Tauschergebnisse durch sheating/ shirking zu beeinflussen.
Allerdings steht das Problem noch grundsätzlicher. Wenn es stimmt, dass Machtverhältnisse ihre Ausprägung auch durch das „Maß, das der Mächtige dem Umfang seiner Macht selber setzen will“ bestimmt werden, deutet dies auf eine weitere Dimension. Wenn es stimmt, dass die Motive hierfür nicht nur „Erwägungen reiner Zweckmäßigkeit“ sein können 1 , deutet dies auf einen anderen Akteurstyp als den reinen Nutzenmaximierer. Die letzten Argumente bieten einige Hinweise darauf, dass die Gewaltfähigkeit nicht unbedingt Macht bedeuten muss. Dies muss etwas ausführlicher diskutiert werden, kann doch Gewalt, vor allem militärische, als Archetypus von Macht gelten. 2 Stellt diese also ein Gut besonderer Wertigkeit in Machtbeziehungen dar?
2.7) Gewaltfähigkeit als „primäre“ Ressource
Bildet die klassische Gewaltfähigkeit eine Ausnahme, die stabile Beziehungen innerhalb eines „Imperium“ garantieren kann? Nicht nur für „Realisten“ ist Gewalt und Macht ein zentrales Medium gesellschaftlicher Entwicklung. Für Marx spielen „in der wirklichen Geschichte (...) Eroberung, Unterjochung, Raubmord, kurz Gewalt die große Rolle“. 3 Selbst für M. Weber, der sehr unterschiedliche Gründe für „Gehorsam“ akzeptiert, ist physischer Zwang der Kern eines politischen Verbandes. 4 Tatsächlich erscheint die Gewalt-Variante dieses Tauschaktes auf den ersten Blick als besonders vorteilhaft. Hierbei wird der Verzicht auf Gewaltanwendung getauscht gegen ein beliebiges Gut des Schwächeren. Dann wäre die “military capability (…) money for the doing of harm”. 5 Das Drohpotential scheint im Gegensatz zu unseren Annahmen gegenüber mehreren „Opfern” wiederverwendbar. Die Kosten für die Produktion einer glaubwürdigen Drohung können die Kosten des Schadens beim Einsatz deutlich übersteigen. Zudem: Gewalt kann die schwere Schädigung oder Auslöschung eines Akteurs bedeuten, ein Akt, dessen Grenzkosten die anderer Güter so weit übersteigen, dass Gewaltfähigkeit zum ultimativen Gradmesser aller Beziehungen wird. 6 Eine Präzisierung ist notwendig: Wir haben festgestellt, dass Macht im beschriebenen Sinne mittels einer Anreizhierarchie (verschiedenen Grades) eine Quasi-Institution konstituieren kann. Dies gilt - wenn auch mit Einschränkungen für die Kosten und das Hierarchieniveaufür die Drohung direkter Gewalt, nicht aber für die Gewalt selbst. Die Vorstellung, dass (militärische) Gewalt direkt eine Hierarchie konstituieren kann, ist - obgleich unmittelbar einleuchtend - systematisch äußerst problematisch, da sie auf unpräzisen Annahmen beruht. Gewalt, z.B. Krieg, ist eine spezifische Form des Tauschs, besser noch des Verzehrs von Gütern. Sie kann ungleich sein, wenn die Kosten ungleich verteilt sind, nicht aber hierarchisch, solange sie andauert. Sie ermöglicht einen „Tausch“ im Sinne von Einfluss erst, wenn ein weiterer Ressourcenverzehr unterschiedliche Kosten produziert oder unterschiedlich bewertet wird. Dann kann eine weiterer Ressourcenverzehr als „Drohung“ genutzt werden und gegen „Willfährigkeit“ getauscht werden. Friedensverträge werden getauscht gegen die Nichtfortsetzung des Ressourcenverzehrs. Wenn die Bewertung der
1 Triepel 1974, S. 34.
2 Wenn Clausewitz den Krieg als Akt der Gewalt definiert, der den Gegner zur Erfüllung eines Willens zwingen soll, entspricht das im wesentlichen der eingangs zitierten Machtdefinition von Hobbes. Clausewitz 1994, S. 17.
3 Marx 1989 (1890), S. 742.
4 Ein politischer Verband ist demnach ein Herrschaftsverband, der seinen Bestand und die Geltung seiner Ordnungen kontinuierlich durch die Androhung und Anwendung physischer Gewalt seitens des Verwaltungsstabes garantiert. Weber 1980, S. 29.
5 Boulding 1963, S. 432.
6 Popitz 1992, S. 45 ff. Gilpin 1981.
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eigenen Unabhängigkeit so weit führt, dass der Verzehr von Ressourcen statt eines Tausches bis zum Ende geführt wird, besitzt Gewalt eine direkte Wirkung; sie hebt aber Macht als soziale Beziehung auf. Wäre es bei einer anderen Bewertung der Güter für Karthago nicht klüger gewesen, die Römische Vorherrschaft im Mittelmeer gegen die eigene Existenz zu tauschen? Clausewitz meint deshalb mit dem „Niederwerfen des Feindes“ als Ziel des Krieges nicht seine völlige Vernichtung, sondern seine „gänzliche Wehrlosigkeit“. Dies konstituiert Macht im oben definierten Sinne: „Wenn der Gegner unseren Willen erfüllen soll, so müssen wir ihn in eine Lage versetzen, die nachteiliger ist, als das Opfer, welches wir von ihm fordern; die Nachteile dieser Lage dürfen aber natürlich (...) nicht vorübergehend sein, sonst würde der Gegner den besseren Zeitpunkt abwarten und nicht nachgeben.“ 1 Erweist sich das Opfer real oder in der Bewertung als größer, sind zusätzliche Ressourcen zu seiner Durchsetzung notwendig oder eine Reduzierung desselben. Die Revision des Versailler Friedensvertrages folgte dieser Logik. Macht würde dann durch das Angebot entstehen, die Nachteile dieser Lage aufzuheben oder die Drohung, sie zu verschärfen. Somit ist die von Sofsky für die Konzentrationslager konstruierte „absolute Macht“ in unserem Sinne eben keine Macht: „Die direkteste Form absoluter Macht ist die schiere Gewalt. Durch Gewalt zeigt sie ihre überwältigende Kraft. Absolute Aktionsmacht droht nicht, sie verletzt, verstümmelt, tötet.“ Eine hierarchische Beziehung in ihrer extremen Ausprägung ist auf die Zerstörung gerichtet, nicht auf die Aufrechterhaltung einer „sozialen“ Beziehung. 2 Macht besitzt sie bestenfalls als Drohung gegenüber den „anderen“.
Somit sind Drohungen bzw. Versprechen fundamentalere Mechanismen in unserem Modell als direkte Gewalt, die erst mit dem Versprechen, sie einzustellen, wenn (…) oder der Drohung sie fortzusetzen, wenn nicht (…) zu Macht in unserem Sinne wird. Die Drohung mit Gewalt dagegen wirkt, wenn sie unterschiedlichen Verzehr von Ressourcen bzw. asymmetrische Folgen antizipiert, als Mittel des Einflusses. Fazit: In unserem Sinne ist die „direkteste Form von Macht“ nicht die „schiere Aktionsmacht: die Macht, anderen in einer gegen sie gerichteten Aktion Schaden zuzufügen“ (Popitz). 3 Die bereits zitierte „nackte Gewalt“ ist also in ihrem Vollzug als Machtmittel „schwach“, als plausible Drohung jedoch ist sie stark. So diente der zweite Irakkrieg den USA wohl auch dazu, die Kreditfähigkeit ihrer Drohungen zu erhöhen. Allerdings büßte die Hegemonialmacht weltweit dadurch an Glaubwürdigkeit ein. Dies wiederum gefährdet ihre leadership. 4 Diese Feststellung begrenzt auch das Argument, die Gewaltfähigkeit produziere (ergänzt durch Kollektivgutproduktion und Ideologie) Prestige, das als „everyday currency of international relations“ die Verhandlungsergebnisse zwischen Staaten grundsätzlich bestimme. 5 Die Einwände sind aber noch grundsätzlicher: Wenn die schwächeren Akteure die Stärke anerkennen und damit Ziele ohne Machteinsatz erreicht werden können, handeln
1 Jede Veränderung dieser Lage durch kriegerische Akte müsste zu einer noch nachteiligeren Lage führen. Clausewitz 1994, S. 20f. Zentral für Clausewitz ist es, die Kosten für den Gegner zu erhöhen, in einem Maße, dass sie in ein Ungleichgewicht zum politischen Zweck erreichen.
2 Dies zeigt Sofsky an einem zentralen Merkmal absoluter Macht, dem Exzess: „Er ist keine Strafe, keine Sanktionsmacht. Anlässe sucht er sich allenfalls im Nachhinein. (...) In dem er das Opfer zu einem wehrlosen Körper, schließlich zu einem reaktionslosen Ding macht, erlangt er die Gewissheit, zu allem fähig zu sein. Der Exzess ist ein Akt ungehemmter Selbstexpansion, der zugleich Sozialität auslöscht. Von den Opfern will die Grausamkeit weiter nichts. Im Vollzug der Gewalt werden sie uninteressant. (...) Absolute Aktionsmacht zielt nicht auf Unterwerfung. Das einzige, worauf sie abzielt, ist der Schrecken ums einer selbst willen, die Demonstration, dass sie den Menschen als personales uns soziales Lebewesen zunichte machen kann.“ Sofsky 1993, S. 35f. „Absolute Macht will Freiheit nicht beschränken, sondern vernichten, das Handeln nicht steuern, sondern zerstören.“ Sofsky 1993, S. 29.
3 Popitz 1992, S. 43 ff. Popitz vermischt diese Schadensfähigkeit mit der Fähigkeit, daraus Drohungen abzuleiten. Es gibt aber fundamentale Unterschiede zwischen - sagen wir - Mord und Versklavung.
4 Dies im Gegensatz zur Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Kydd 2005/06, S. 620 u. 630f.
5 Gilpin 1981, S. 31.
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sie nur dann rational, wenn die dominanten Mächte ihre gesparten Kosten über side-payments oder zusätzliche Kollektivgüter weitergeben. Warum sollen sie ansonsten in Regeln und Gewinnverteilungen einwilligen, die genauso nachteilig sind, wie beim Einsatz der Macht selbst? Die Anerkennung von Prestige oder Autorität setzt Vorteilsannahmen von rationalen satisfysers voraus - oder es ist institutionalistisch zu erklären. 1
Es muss also nochmals auf die „institutionalistischen“ Defizite von (militärischer) Gewalt verwiesen werden: “In general coercive attempts at influence (…) are highly episodic in that they involve great costs to the users as well as the target. Furthermore, they have an all-ornothing character with few possibilities for fine adjustment.” 2 Dies gilt auch für die Möglichkeit der UdSSR, abgesehen von Extremfällen, den „Handlungsspielraum“ in ihrer Einflusssphäre zu militärisch zu bestimmen. 3 Die Nutzung von „threat points“ zur Erreichung eines Kooperationsgleichgewichts, das den Drohenden besser stellt 4 , ist problematisch, da die einmalige Drohung mehr Schaden versprechen muss als die folgende langfristige Beziehung. So gibt es deutliche Zweifel daran, dass Bürgerkriegskonflikte mit militärischen Mitteln von außen „lösbar“ sind. Kämpfe können beendet werden; eine dauerhafte Ordnung schaffen militärische Mittel jedoch nicht. 5 Zudem kann „die Exekution (...) den Drohenden mit erheblichen Machtkosten belasten. Sie kann den Bestand einer sozialen Beziehung gefährden, an der auch der Drohende interessiert ist; sie kann, selbst wenn sie kurzzeitig Gehorsam erzielt, den Legitimitätsglauben und die Folgebereitschaft unterhöhlen. (…) Ebendies wollte die Drohung vermeiden: Sie beabsichtigte, den Gehorsam zu erreichen, ohne die soziale Ordnung in Frage zu stellen und die Normalität der Herrschaft anzutasten.“ 6 Selbst wenn dies voraussetzt, dass Drohungen in der jeweiligen Beziehungen als „angemessen“ aufgefasst werden, wird deutlich: Direkte Gewalt kann ein Zeichen für eine bestimmte tiefgreifende Form der Deinstitutionalisierung sein. Damit haben wir wiederum den Rahmen des bisherigen Modells überschritten. Die hohen Kosten des Einsatzes von Gewalt lassen sie für alle „Güter“, deren Wert diese Kosten unterschreitet, zum problematischen Mittel werden. Der problematische Charakter direkter Gewalt ist aber keineswegs Gemeingut. 7
Selbst Nye und Keohane, die feststellen, dass sich unter den Bedingungen von „complex interdependence“ die Bedeutungshierarchie der Sachbereiche verschiebt, gehen davon aus, dass bei Kostenfreiheit angesichts des Überlebensproblems ein Vorrang militärischer Macht gegeben sei. Diese könne durch ökonomische Ressourcen nicht kompensiert werden. 8 Die Autoren führen zwar die zunehmenden Kosten von Gewalt an; davon bleibt unser Gegenstand allerdings ausgenommen. Militärische Macht habe der Sowjetunion geholfen, Osteuropa sowohl ökonomisch als auch politisch zu dominieren. 9 Dies ist insofern richtig, als die militärisch versperrte Exit-Option auch die Kostenstrukturen in anderen Bereichen beeinflussen konnte. Trotzdem wurde diese Auffassung zurecht kritisiert, indem auf die kontraproduktiven Wirkungen des Einmarsches in die CSSR verwiesen wurde. Die
1 Darauf verweist auch die Parallele, die Gilpin zwischen Prestige und Autorität zieht. Letztere de- finiert er mittels Webers Herrschaftsbegriff, der deutlich institutionalistische Komponenten aufweist.
2 Dies gilt auch für die Gewaltausübung der "Abhängigen". Jacobs 1974, S. 57.
3 Hirschmann 1978, S. 48. Auf die aus denselben Gründen problematischen Wirkungen des Terrors innerhalb der sozialistischen Staaten verweist treffend Schöpflin 1993, S. 102.
4 Modellhaft bei Gruber 2000, S. 34ff.
5 Hoddie/ Hartzell 2005, S. 22f. u. 26.
6 Paris 1998, S. 20. Grundsätzlich zur Drohung ebenda, S. 13-56; Boulding 1963; Popitz 1992.
7 Gruber 2000, S. 37f.
8 Nye/ Keohane 1977?, S. 11 ff. u. 27 ff.
9 Nye/ Keohane 1977, S. 28. Dies gelte insbesondere, da die UdSSR über wenig andere Mittel verfügte.
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Veränderung der Kostenstruktur ist dabei allerdings nur die Folge; die Ursache ist eine Neubewertung der eigenen „Güter“ im Tausch gegen die sowjetische „Macht“. 1 Das Gesagte gilt für Sanktionen insgesamt, die nur durch das Angebot ihrer Aufhebung zu einem Einflussinstrument werden. Abgesehen von den Transaktionskosten ist es für den „Wohlstand“ des internationalen Systems relevant, ob es sich um „positive“ oder „negative“ Güter handelt, nicht aber für das Maß der Hierarchie. Der Betrag der getauschten Güter ist gleich, unabhängig ob es sich um Drohungen oder Versprechen handelt. 2 Diese können sich gegenseitig konstituieren. “Today's reward may lay the groundwork for tomorrow's threat, and tomorrow's threat may lay the groundwork for a promise the day after tomorrow.” 3 Der Einsatz von Drohungen wird dabei höher bewertet als andere Anreize, da die Grenzkosten von Gewalt deutlich höher erscheinen als die Grenznutzen anderer Güter. 4 Dies mag für den Augenblick der Gewaltdrohung zutreffen; danach besteht aber wieder die Möglichkeit, den Gesamtnutzen der Beziehung zu kalkulieren und den überproportionalen Nutzen des „Siegers“ durch cheating zu kompensieren. Eine „Drohung“ als „universelles“ oder „wiederverwertbares“ Tauschobjekt über längere Zeiträume aufrechtzuerhalten, ist teuer. Drohungen sind nicht - wie oft betont wird 5 - nur kostspielig, wenn sie ausgeführt werden müssen. Dies ist eine andere Kategorie, die nur indirekt den „Tausch“ betrifft. Hier geht es um die Kosten, glaubwürdige Drohungen zu produzieren, gerade ohne sie umsetzen zu müssen. Die Investitionen in eine solche „Reputation“ sind oft hoch 6 ; vor allem aber steigen sie bei mehrfacher Anwendung der Drohung. Der Grenznutzen von Drohungen wird bei gleichen Investitionen in das Drohpotential sinken, da Anreize zum Widerstand oder zum Unterlaufen genauso mit den Wiederholungen wachsen wie die Zweifel an der Glaubwürdigkeit. Schwächeren Akteuren wird die Fähigkeit zu „longer-term ‚passive’ sanctions“ zugesprochen, „designed to frustrate the coercive state over time“. 7 Es gibt also verschiedene Gründe, „why 'massive retaliation' is impotent against 'salami-slicing’“. Zwang führt zu resentment and resistance; ein so begründetes System steht unter permanenter Kollapsgefahr. 8 Drohungen sind oftmals davon abhängig, ob sie als legitim und angemessen wahrgenommen werden, ja „even if the threat is not perceived as ligitimate, its credibility still depends on its appropriateness“. 9 Es droht eine Inflationstendenz, wenn Hierarchie auf bloßer Wiederholung von Drohungen aufgebaut ist. Die effektive Wirkung von Drohungen ist also auf einmalige Akte und wenig komplexe Güter beschränkt. Somit eignen sie sich vor allem als Einflussmöglichkeit in binären Situationen oder als Vetoinstrument. Letztlich kommt es auch hier auf die Bewertung des getauschten Gutes durch die Akteure an. Dies ist ein grundsätzliches Problem.
1 Baldwin 1979, S. 180 ff. Dies wird viel deutlicher für Jugoslawien, Albanien, Rumänien.
2 "Thus the distinction between coercive and noncoercive influence mixes up normative and explanatory questions in a way that only confuse both." Konstatiert Wagner 1988, S. 475. Selbst Ansätze, die coercion und self interest als unterschiedliche Modelle sozialer Kontrolle betrachten, betonen, dass jenseits der Wohlstandsfolgen im falle einer Wahl beide der „same logic“ folgen. Hurd 1999, S. 385 f.
3 Baldwin 1971; zit. nach Long 1996, S. 78
4 Wagner 1988; Long 1996, S. 79 f.
5 Paris 1998, S. 169; Popitz 1992, S. 91 ff.
6 Sie beinhalten im militärischen Bereich u.a. die längerfristigen Rüstungskosten wie Teile der Kosten von exekutierten Drohungen gegen Dritte. Angesichts hoher Kosten ist es auch für den Hegemon rational, die eigenen Kosten zu verschleiern, um Reputation effizient zu produzieren. Alt/ Calvert 1988, S. 648 f.
7 “Though uncooperative behavior and issue linkage, even weak states can impose costs on the most powerful if their interests are threatened.” Thompson führt Beispiele für die USA an. Thompson 2006, S. 7 f.
8 Hurd 1999, S. 384 f. Scott 1990.
9 Boulding 1963, S. 428. Aus psychologischer Sicht gibt es keinen eindeutigen Vorrang von Drohungen. Sie können als zwei Möglichkeiten von "Motiven" behandelt werden. Markus/ Nurius 1986. S. 961; anders Kahnemann/ Tversky 1982.
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2.8) Die Bewertung der Güter
Es wurde bereits darauf hingewiesen, dass das beschriebene Modell eine Tauschanalogie bedeutet, aber keine Marktanalogie. Hier kommt es darauf an, den gemeinsamen Charakter von Interaktionen hervorzuheben und ein einheitliches Kriterium für ihre Bewertung zu schaffen, ihren Hierarchiegrad. Dies bedeutet nicht, dass die unterschiedlichen Güter (wie Gewaltverzicht oder ökonomische Vorteile) identisch sind. So besteht ein Bewertungsproblem unterschiedlicher Güter: "Before an international exchange of economic benefits for political concessions can occur, a sender state must change its preferences for political concessions versus relativ economic gain (…), and a recipient state must adopt an internal exchange function favouring gains from trade (and political concessions), rather than political autonomy." 1 Dies bedeutet zweierlei: die Akteure müssen die jeweiligen Güter als tauschbar ansehen; sie müssen dem “gewonnenen” Gut eine Wertpräferenz zubilligen. Nicht nur die Übertragbarkeit von “Gewinnen”, der Tausch selbst ist in Ermanglung eines allgemeinen Wertmessers ein Problem. Zumeist handelt es sich ja um Güter, deren Wert in hohem Maße einer Übereinkunft bedarf. Bereits Hobbes hat darauf hingewiesen, dass die „Gerechtigkeit“ von Handlungen bzw. der „Wert aller Dinge“ von dem „mehr oder weniger großen Verlangen darnach“ bestimmt wird und von dem „Übereinkommen des Käufers und Verkäufers“ abhängt. 2
Anders formuliert: Handelt es sich um Güter, für die kein Marktpreis existiert, ist die Relation auch von der Bewertung der jeweiligen Akteure abhängig, die auch vom „motivational investment“ der Akteure bestimmt wird. Die Beeinflussung dieser Preisvorstellungen ist Teil des Spiels und kann zusätzlichen Einfluss produzieren. 3 Es geht dann um die Bewertung der eigenen Güter im Verhältnis zu denen des Tauschpartners. Dies zeigt aber nur, dass die Preisrelation stärker von den Bewertungen der Akteure abhängig ist als von einer externen Instanz (Markt), nicht aber, dass er unmöglich ist. Dies hat allerdings wichtige Konsequenzen für die Stärke der Hierarchie wie für ihre institutionalistische Fundierung.
Die „disparaty of attention“ zugunsten der kleineren Akteure kann nämlich nicht nur dazu führen, dass die „Kleinen“ ihre Chancen für eine Eliminierung oder Reduktion der Hierarchie gezielter nutzen als ihre großen Partner 4 ; es kann sogar zu einer tendenziellen Überbewertung der Güter führen, welche die „Kleinen“ liefern müssen. Eine besondere Sensitivität gegenüber äußerem Einfluss treibt deren Preis nach oben. 5 So könnte es sich herausstellen, dass Hierarchien in diesem Sinne - könnte man den Marktpreis der gehandelten Güter feststellen - oft zugunsten der Kleinen ausfallen. Andererseits kann sich diese Relation entscheidend verschieben, wenn diese Sensitivität gemindert wird. Dies ist ein entscheidendes Problem für die Veränderung der Beziehungen im Ostblock nach 1953.
Die Bewertung der Güter ist ein systematisches Problem nicht nur für Einzelnen, sondern für gegenseitige Akzeptanz. Zudem könnte man sagen, dass der Tausch nicht zustande kommt, wenn die Partner die Güter nicht für komplementär halten. Ein Überlappen der Preisdefinitionen ist notwendig. Ein internationales Gleichgewicht bedeutet eben auch, dass die Parteien den „Wert“ von Menschenleben annähernd gleich einschätzen. Diese Bewertung hat sich aber - sagen wir vom Ersten Weltkrieg bis zum Kosovo-Krieg - fundamental
1 Long 1996?, S. 80.
2 Hobbes 1970, S. 134f. Systematisch Baldwin 1971.
3 Emerson 1962; ein Systematisierungsversuch bei Caporaso 1978, S. 21.
4 Hirschmann 1978, S. 47 f., Hoffmann 1975.
5 Eine Vielzahl von Beispielen hierfür liefert der jugoslawische Botschafter in Moskau. Micunivic 1982.
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verändert und damit auch die „Institutionalisierung“ von Gleichgewicht. 1 Das trifft auch für den Tausch in ungleichen Beziehungen zu oder für das Verhältnis von „equivalence“ und „reciprocity“: „Reciprocity can also characterize relations among unequals, for instance, between a patron and his client, when there is little prospect of equivalent exchange. Patronclient relationships are characterized by exchanges of mutually valued but noncomparable goods and services.“ 2
Deren „Werte“ können allerdings nicht aus unserem bisherigen Modell abgeleitet werden. Dies liegt weniger daran, dass Präferenzen von Rational Choice-Ansätzen oft als gegeben angenommen werden (dies könnte durch die Nutzung einer SEU-Theorie „gelöst“ werden 3 ). Vor allem müssen sie auch vom Gegenüber akzeptiert werden. Nicht nur das Tauschergebnis ist Verhandlungsgegenstand, sondern die Präferenzen selbst. Dieses Bewertungsproblem resultiert allerdings nicht nur aus der Spezifik eines Tauschs ohne Geld 4 ; er hängt auch von der Spezifizität der Güter, ihrer Komplexität und Abstraktheit ab wie vom mehrfach erwähnten motivational investment. So wird die Steuerlast für Verteidigungsausgaben in Geld bemessen, in Ermangelung eines Marktes und der Abstraktheit und Komplexität dieses Gutes ist aber ein politischer Aushandlungsmechanismus notwendig, um den Wert des Gutes „äußere Sicherheit“ zu bestimmen. Oder am Beispiel von Drohungen: „Wie der Bedrohte die Glaubwürdigkeit des Drohenden befragt, so forscht dieser nach dem, womit er dem anderen schaden könnte. Für den Erfolg ist schließlich entscheidend, ob beide die versprochene Strafe tatsächlich für eine Strafe halten. So ergibt sich die delikate Konstellation, dass die Drohung, die ja gerade die Machtdifferenz betont, nur funktioniert, wenn ein Konsens über den Sanktionswert der angedrohten Strafe besteht.“ 5 Dieser Konsens ist bei allen Gütern eine Voraussetzung eines erfolgeichen Tauschs. Dieser ist bei institutionalisierten Beziehungen zusätzlich problematisch, da die Diskontierung der Güterwerte ungesichert ist. 6
Somit besteht ein systematischer Zusammenhang des hier beschriebenen Konzepts von Macht mit institutionalistischen Phänomenen. Eine Definition angemessener Güter wie die Institutionalisierung der Güterpreise machen eine dauerhafte Tauschbeziehung oft erst möglich. Der zweite - fundamentale - Zusammenhang dieser Art besteht darin, dass eine stabilisierte Tauschbeziehung im Sinne einer stabilen Anreizhierarchie als Quasi-Institution aufgefasst werden kann. Dies kann zudem Folgen für die Gestaltung von Institutionen insgesamt haben, wie die These von der „hegemonic stability“ zeigt. Weiterhin besitzt die Generalisierung von Macht in alle Beziehungsbereiche institutionalistische Voraussetzungen. Dies verweist allerdings bereits auf andere Ebenen unseres Modells. An dieser Stelle sind erste Schlussfolgerungen möglich.
1 Bereits Hobbes macht dieses Bewertungsproblem für die “Würde” des Menschen deutlich. Hobbes 1970, S. 81f. Breslauer und Tetlock machen die Definitionsbedürftigkeit und die Veränderung dieser Bewertung an Bob Dylan’s „When will they ever learn?“ anschaulich: „He is really asking: ‚When will they come to agree with my claim that war is not worth the lives lost in the process?’ This is a very complex claim (…). It entails a value judgement about the relative worth of lives lost versus the goals attained by warfare.” usw. Breslauer/ Tetlock 1991, S. 7. Im institutionellen Sinne ist dies noch ein Stück anspruchsvoller, da eine völlig unterschiedliche Bewertung solcher Güter die Tauschver- hältnisse fundamental wandelt.
2 Keohane 1986, S. 6. Allgemein zum Problem „whether an exchange involves equivalent values” vgl. ebenda, S. 7.
3 Diese gehen von dem subjective expected utility aus.
4 Baldwin 1978, S. 1232f, Wagner 1988, S. 464 f.
5 Paris 1998, S. 22.
6 Zwar deuten das erste Gossensche Gesetz (das auf Güter wie Sicherheit ohnehin schwer zu übertragen ist) wie das „discounted utility model“ auf eine positive Zeitpräferenzrate bzw. einen abnehmenden Grenznutzen; zahlreiche Präferenzmuster zeigen jedoch auch negative Zeitpräferenzraten. Hier müssen Emotionen in die Modelle eiiiiiiiiinbezogen werden. So Schnabel 2005, S. 290f.
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2.9) Macht als ungleicher Tausch ungleicher Güter: ein Fazit
Die Stabilisierung von Beziehungen über eine klare Anreizhierarchie auf der bisher beschriebenen Ebene 1 ist systematisch möglich. Anreizhierarchien, die durch asymmetrische Beziehungen entstehen, lassen sich formal gleichwertig zu Anreizhierarchien darstellen, die aus den Beziehungen der Parteien gegenüber einer dritten Macht wie gegenüber einem gemeinsamen Kooperationsgewinn bestehen. Für die Pay-off-Matrix macht dies keinen relevanten Unterschied. Damit ist die Variante einer übergeordneten Gewalt systematisch nicht notwendig, um die realistische Anarchieannahme außer Kraft zu setzten. 1 Wenn wir die bisher festgestellten Bestimmungsfaktoren hierarchischer Beziehungen zusammenfassen, stoßen wir auf mehrere Ebenen, die nicht im Gleichklang miteinander verlaufen müssen. Zunächst geht es um die Fähigkeit, tauschbare Güter zu produzieren, bei denen ein Kostenvorteil oder ein Wertüberhang entsteht, der sich anderweitig „verwerten“ lässt. Dies hängt in erheblichem Maße von der Kompensationsfähigkeit der Güter durch den Gegenüber ab, aber auch von ihrer internen Bewertung. Einen anderen Verlauf können die Kostenstrukturen des Tausches nehmen, da die Transaktionskosten vom Preis des Monitoring-Niveaus abhängen wie von der Komplexität der nachgefragten Güter. Die Gewaltfähigkeit nimmt durchaus eine Sonderstellung unter den „Gütern“ ein. Allerdings ist ihre Position ambivalent. Einerseits ist ihr „Wert“ oft deutlich über dem anderer Güter. Andererseits zeigt sich hier besonders deutlich die Probleme bei der Verstetigung von Machtbeziehungen: Linkage, Transaktionskosten und ein Konsens über den Wert der Güter. Gerade Gewalt kann die Wahrnehmung der Wertrelation bei den unterlegenen Akteuren deutlich verschieben.
Macht in unserem Sinne ist alles andere als eine simple Beziehung, die sich aus Ressourcen als Attribut ableiten ließe. Dies gilt um so mehr als die Bewertung vieler Güter nicht gegeben ist; ihr Tausch aber einen Konsens über den Wert (oder Wertüberschüsse) voraussetzt. Wie diese Voraussetzung von Macht realisiert wird, ist aus dem Modell selbst nicht ableitbar. Dazu bedarf es einer institutionalistischen Perspektive. Generell kann eine Anreizhierarchie gemäß dieses Modells als Quasi-Institution wirken, wenn sie hinreichend stabil ist. Sie können bei einer Aufteilung der Wertdifferenz eine Gleichgewichtssituation begründen. Angesichts der vielfältigen Voraussetzungen des Tauschakts dürfte dies aber ein Sonderfall sein. Gerade die spieltheoretische Formalisierung könnte zeigen, „how rare and unusual the situations are where a game has a stable equilibrium solution consistent with the principle of objectively rational choice“. 2 Hierarchien auf einer solchen Basis könnten sich als selten oder fragil erweisen. Dies ist ein Problem für die politische Ebene wie die Analyse. Der Versuch, die „Güter“ der Ostblockländer in Relation zur UdSSR zu messen, um die Verhandlungsmacht der Parteien in einem Index zu fassen. Sowjetische Wirtschaftssubventionen werden - bei unterschiedlichen Abhängigkeiten davon - getauscht gegen Beiträge zur gemeinsamen militärischen Abschreckung. Die - methodisch sehr ungesicherten sowjetischen Subventionen - korrelieren durchaus deutlich mit den Militärbeiträgen. Allerdings ist die Erklärungskraft bei einer Einbeziehung der Abhängigkeit „nicht sehr hoch“. So musste eingestanden werden, dass „so much remains unclear about the sources of power among the WTO states”. 3
Nicht nur weil die Versuche wenig erfolgreich waren, quantifizierbare Indikatoren für die Wirkung von Macht in sozialen Beziehungen zu konstruieren 4 , soll hier ein anderer Weg
1 Anarchie ist demnach nicht das bloße Fehlen einer übergeordneten Gewalt, sondern die Verbin- dung von geringen Kooperationsanreizen mit hoher Unsicherheit über die Kooperationswilligkeit der Partner, möglicherweise aber ein hoher Anreiz für die Nicht-Kooperation.
2 Simon 1985, S. 300.
3 Reisinger 1983, S. 151ff.
4 Pfetsch1984, S. 152.
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gegangen werden: Im Vordergrund steht die qualitative Analyse von konkreten Verhandlungen, den dabei auftretenden Wahrnehmungen, Zielen und Ergebnissen.
Zur zusammenfassenden Illustration unseres Begriffs von Macht soll nochmals ein „klassisches“ Beispiel zitiert werden. Hier könnte auf Niccolo Machiavelli verwiesen werden, der - obgleich ohne konsistente Vorstellung von Macht - Elemente unseres Modells bestätigt. Relationales Verhalten lässt sich genauso finden wie die Idee des Nutzenmaximierers oder Transaktionskostenprobleme, die bewusst genutzt werden. 1 Thukydides erscheint aber von noch größerem Interesse. Dies gilt nicht nur deshalb, weil sein Bild politischer Macht reicher und nuancierter als das der Neorealisten ist 2 ; die Bezüge zu unserem Modell sind deutlicher als es auf den ersten Blick scheint. Thukydides Beschreibung der Auseinadersetzung der Athener mit den Meliern gilt als Archetypus einer Machtkonstellation der realistischen Schule. Der Hoffnung der Melier auf das Recht wird von den Athenern entgegengehalten, dass „Recht im menschlichen Verkehr nur bei gleichem Kräfteverhältnis zur Geltung kommt, die Stärkeren aber alles in ihrer Macht Stehende durchsetzen und die Schwachen sich fügen.“ 3 Nur auf den ersten Blick entspricht dies eher klassischen oder struktur-realistischen Modellen. Zunächst zum Akteurstyp: „Die Melier: Wir glauben aber doch, es wäre nützlich - so müssen wir sprechen, da ihr statt des Rechts den Vorteil unserem Gespräch zugrunde gelegt habt -, wenn ihr nicht etwas aufhöbt, woraus alle gemeinsam Gewinn ziehen, sondern wenn jedem, der in Gefahr gerät, Gründe der Billigkeit zu Gebote stünden und er daraus, auch ohne alles bis ins letzte zu erweisen, Nutzen ziehen könne.“ 4 Während also die Athener sich als reine Nutzenmaximierer ausgeben, lassen sich die Melier nur widerwillig auf diese Argumentationsebene ein und versuchen, dem wenigstens eine modifizierte Form des Nutzenmaximierers gegenüberzustellen, den Satisfyser. Dies verweist bereits auf die zu entwickelnde Ebenen 2/3 unseres Modells. Bereits diese Definition ist also umkämpft. Die Athener drohen mit ihrer Truppenmacht, so dass den Meliern nur die Wahl zwischen „Knechtschaft“ und „Krieg“ offen steht. Die Drohung führt aber nicht zu einem Automatismus der Willfährigkeit, obwohl die Ressourceunterschiede deutlich sind. Die Athener sprechen nicht nur ihre Drohung aus; sie lassen sich auf einen „Dialog“ über die Konsequenzen ein. Hierbei handelt es sich um den Versuch, die Drohung glaubwürdig zu machen, indem den Meliern ihre Hoffnung auf spartanische Hilfe genommen wird, vor allem aber um einen Tausch im Sinne unseres relationalen Modells zu initiieren: „Die Athener: (…) Denn dies ist unser Wunsch: wir werden eure Herren, und ihr bleibt zum Vorteil für beide ungeschoren. (…) Die Melier: Wie könnte für uns Unterwerfung ebenso vorteilhaft sein wie für Euch Ausweitung der Herrschaft? (…) Die Athener: Weil ihr, statt ärgeres zu erleiden, euch fügen dürftet und wir, wenn wir euch nicht vernichten müssten, dabei gewinnen würden.“ Dies wäre eine klare Realisierung einer hierarchiebegründenden Machtrelation gemäß unserem Modell. Dass dieser Tausch nicht realisiert wird, ist am besten durch die unterschiedlichen Bewertung der Güter durch die Parteien zu erklären. Was für die einen rationales Verhalten ist, gilt für die anderen als „Schande der Feigheit“. 5 Nach dem Scheitern dieses Tauschakts begann ein langfristiger Verzehr der Ressourcen in Form einer Belagerung. Die Entscheidung fiel aber nicht durch eine Eroberung sondern durch Kapitulation. Dies bedeutet, dass durch den Ressourcenverzehr die Preiskalkulation der
1 Ein relationales Verständnis von Macht zeigt Machiavelli vor allem in seinem Anschreiben an Lorenzo Medici. Die Gnade eines Fürsten erlangt man demnach durch ein für beide wertvolles Geschenk, in diesem Falle durch den „Principe“ selbst, der als Gut gegen die Gnade des Fürsten getauscht werden soll. Machiavelli 1987, S. 51, vgl. auch S. 54ff. Es finden sich Hinweise darauf, dass es nicht nur auf die reine Stärke ankommt, sondern auf die Gestaltung der Anreize.
2 Heilke 2004, S. 136.
3 Thukydides V, 89 (S.269).
4 Thukydides V, 90.
5 Thukydides, V, 91-93, 100 u. 101 (S. 269 ff.).
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Melier sich entscheidend verändert hatte, so das die implizite Drohung einer Fortsetzung der Belagerung nun den Tauschakt möglich machte. Dass die Athener daraufhin die Männer töteten und Frauen und Kinder versklavten, war kein Akt der Beziehungen zu den Meliern mehr, sondern auf Dritte gerichtet. Unmittelbare Gewalt führte nur zur völligen Deinstitutionalisierung der Beziehung, konstituierte aber zugleich die Basis für Drohungen gegenüber Dritten. 1 Betrachtet man stattdessen Beziehungen vor Kriegsbeginn, mussten gerade die Athener eingestehen, dass auch andere Faktoren als ihre Gewaltfähigkeit wesentlich war. Gerade die Athener beklagten sich darüber, dass die kleineren Städte „sich daran gewöhnt (haben), mit uns auf gleichem Fuße zu verkehren, und wenn sie dann wider ihre Meinung von dem, was sein sollte, durch eine Entscheidung (von uns) oder ein aus der Herrschaft erwachsendes Machtwort auch nur im geringsten geschmälert werden, dann sind sie nicht dankbar dafür, dass sie des größeren Teils ja doch nicht beraubt wurden, sondern sind über die Beschränkungen mehr empört, als wenn wir (…) ganz offen unseren Vorteil gesucht hätten.“ 2
Der Realismus eines Thukydides geht aber nicht nur über das realistische Konzept wie unser bisheriges Modell hinaus, weil er auf die Unkalkulierbarkeit der Welt verweist, auf die Bedeutung von Glück, Weisheit und kontingenten Faktoren. 3 Wir werden zeigen, dass Thukydides auch die Veränderung von Normengefügen nicht außer Acht lässt. Wenn dies bereits in der realistischen Welt des Thukydides relevant ist, dann noch viel mehr in der aktuellen „great power society“, in der sich ähnlich vielleicht dem Ostblock ein „trend toward ideological and systemic homogenization“ abzeichnet. 4 Gerade die neue Forschung zum Kalten Krieg, welche ja die Interaktion von „empires“ behandelt, „suggest(s), that we have to think more deeply about the connections between power, culture, political economy as well as the linkages between beliefs, perceptions, and behavior“. 5 Dies bedeutet nicht nur, dass ein realistisches Verständnis von Macht zu wenig aussagt; auch unser relationales Modell muss erweitert werden. In einem ersten Schritt sollen weitere Dimensionen von Macht einbezogen werden.
2.10) „Soft power“: Nichtmaterielle Dimensionen von Macht
Damit ist das Problem gestellt, auf welche Weise nichtmaterielle Faktoren in Modelle von Macht integrierbar sind. Dies beinhaltet die Frage, welche Dimensionen die Regulationsmittel von hierarchischen Beziehungen beinhaltet, die Frage nach den Facetten von Macht. In diesem Sinne hat der „strukturelle Realismus“ solche Dimensionen in sein Konzept integriert wie die bereits zitierte „combined structural power“ zeigt. Auch Robert Gilpin betont, dass - obwohl die Autorität einer Hegemonialacht letztlich auf ihrer militärischen und ökonomischen Suprematie beruht - “the position of the dominant power may be supported by ideological, relegious, or other values common to a set of states”. 6 Eine grundsätzliche Erweiterung dieser Konzepte ist möglich, wenn man das bei der Diskussion von Hegemonie ausgeblendete „Gramscian interest in ideas (values, theories, ideology)“ einbezieht, mit dem versucht wurde, hegemoniale Konstellationen schlüssiger zu erklären. 7 Es muss allerdings gefragt werden, ob es dabei nur um die Notwendigkeit geht, materielle und nichtmaterielle Komponenten von Macht zu unterscheiden 8 bzw. zu addieren. Möglicherweise müssen die konstruktivistischen Trends in der Theorie internationaler
1 Vgl. Die Begründung Kleons für die Hinrichtung der Metylener. Ebenda III, 40 (7), S. 211.
2 Thukydides I, 77 (S. 94 f.)
3 Heilke 2004.
4 Goldgeier/ McFaul 1992, S. 468.
5 Leffler 1999, S. 501.
6 Gilpin 1981, S. 34.
7 Rapkin 1990, S. 7 f. Cox 1983 und 1987
8 Ikenberry/Kupchan 1990, S. 68
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Beziehungen nutzbar gemacht werden. Geht man wieder von unserer ursprünglichen Definition von Macht aus, tut Akteur B etwas, was er sonst nicht getan hätte, weil A in der Lage ist „changing the way that B thinks about his goals and the norms that guide his actions“. 1
Dominant ist die Auffassung, dass es sich um zusätzliche Dimensionen von Macht handelt, um „co-optive“ und „soft power“ durch die man das Gewünschte erreichen kann, „because other states want to follow it or have agreed to a situation that produces such effects (…) Parents of teenagers have long known that if they have shaped their child's beliefs and preferences, their power will be greater and more enduring than if they rely only on active control. Similarly, political leaders (…) have long understood the power of attractive ideas or the ability to set the political agenda and determine the framework of debate in a way that shapes other's preferences. The ability to affect what other countries want tends to be associated with intangible power resources such as culture, ideology, and institutions. Soft co-optive power is just as important as hard command power. If a state can make its power seem legitimate in the eyes of others, it will encounter less resistance to its wishes. If its culture and ideology are attractive, others will more willingly follow. If it can establish international norms (…).” Als Beispiel dient gerade die UdSSR, die in hohem Maße von solche „weichen“ Ressourcen wie die kommunistische Ideologie, den Mythos der Unfehlbarkeit und den transnationalen kommunistischen Institutionen profitiert habe. 2 Dies hebt zwar die alte Dualität von materiellen und ideellen Faktoren auf, ersetzt sie aber durch ein nicht minder problematisches Konzept, das versucht ein (scheinbar) eindimensionales Spektrum von Beziehungstypen zu konstruieren. Dann basiert „der Machtbegriff auf einem materiellen oder immateriellen Gut, einer Ressource, die der Machtträger besitzt, nicht notwendigerweise aber der Adressat“. 3 Einige Elemente von „soft power“ lassen sich durchaus in unser bisheriges Modell integrieren. Informationen bis hin zu politischen Lösungsmodellen lassen sich als Ware ansehen. Die Fähigkeit zur Produktion von Ideen kann eine Ressource darstellen, die Hierarchien ausdrückt, wie die Produktion von Technologien im konventionellen Sinne. Ideen als Kollektivgüter sind zwar Umweltphänomene; sind sie aber knappe Güter oder unterliegen sie property rights bestimmter Akteure, so können sie Tauschhierarchien konstituieren. Allerdings lassen sich nur unter bestimmten Bedingungen hierfür „Lizenzgebüren“ erheben. Es bleibt die Möglichkeit, in die Manipulation der Güterpreise oder gar der preisbestimmenden Institutionen zu investieren, um den Tausch zum eigenen Vorteil zu beeinflussen. Dies entspricht einer (modifizierten) Ebene im Modell relationaler Macht von Emerson. Dies wäre dann Macht durch “changing the way that B thinks about his goals and the norms that guide his actions”. 4 Dies ist als Strategie von Machtausübung plausibel, erklärt aber nicht, warum es „wirkt”. Immerhin unterscheidet sich der Effekt der soft power grundsätzlich von dem der hart power: „Letztere tangiert nur die Machtverhältnisse, erstere verändert die Identität.” 5 Soft power beruhe auf einem Konsens. Macht besitze dann derjenige, der den „Konsens über die Regelung der funktionalen Probleme herbeiführen und in seinem Sinne ausrichten kann“. Diese Art der Macht schafft einen gemeinsamen Rahmen, der die Situationsdefinitionen harmonisiert und die Richtung vorgibt, in der die Konflikte kanalisiert und bearbeitet werden. 6 Man könnte dies als „institutionelle Macht“ bezeichnen, deren höchste Form „Meta-Macht“ oder „strukturelle Macht“ genannt wird, bei der
1 Ikenberry/Kupchan 1990, S. 54f.
2 Nye 1990, S. 166 f.
3 Pfetsch 1994, S. 151.
4 Ikenberry/ Kupchan 1990, S. 54. vgl. Emerson 1962.
5 Münkler 2005, S. 205.
6 Czempiel 1999, S. 94f.
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Herrschaftsordnungen, Strukturen, Organisationen usw. gestaltet und auf die Ziele der dominierenden Akteure ausgerichtet werden. 1 Man kann aber institutional power und structural power auch als gleichberechtigte Typen unterschieden. Bei ersterer wirkt Macht nicht als „direct control“, sondern indirekt „through the rules and procedures that define those institutions, guides, steers, and constrains the actions (or nonactions) and conditions of existence of others“. 2 Dagegen weisen Strukturen unterschiedliche Kapazitäten, Vorteile und Positionen unterschiedlichen Akteuren zu; sie bestimmen das Selbstverständnis, die Rolle wie die Interessendefinition der Akteure. Hier werden beide Formen - soweit sie nicht in unser Tauschmodell passen - als institutionalisierte Hierarchieelemente verstanden. 3 Beide Formen scheinen für unser Thema besonders relevant. Worauf aber beruht die Fähigkeit, „long standing institutions“ zu bestimmen, die „frozen configurations of privilege and bias that can continue to shape the future choices of actors“? 4 Darauf wird später ausführlich einzugehen sein. In den Konzepten von „soft power“ finden sich keine Antworten darauf, warum die Schwächeren ihre Präferenzordnung ändern sollen. 5 Sie werden manipuliert; aber warum lassen sie sich manipulieren?
Nach unserem bisherigen Modell könnte der überlegene Akteur Teile seiner überschüssigen „materiellen Macht“ nutzen, „to manipulate subordinates in a systemic way over time“. 6 Die Frage nach den Quellen dieser Macht führt aber bestenfalls zu neuen „Machtkatalogen“, zu neuen Aufzählungen des gesamten Spektrums von „Machtquellen“: Gewalt, Wirtschaft, Technologie, kluge Politik, Informationen und die Fähigkeit zum Export von „Weltbildern“. 7 Weiterhin könnte der Hegemon für die anderen attraktive Güter (Kollektivgüter) wie Sicherheit oder freien Handel produzieren, die eine insgesamt ungleiche Beziehung erleichtern oder verdecken. Dies sind Möglichkeiten, aber keine systematischen Merkmale. Es besteht ja die Möglichkeit, dass solche Versuche als „kultureller Imperialismus“ wahrgenommen werden und den gegenteiligen Effekt besitzen, widerstand produzieren. Systematisch steht der Einsatz materieller Machtmittel (wie wirtschaftlicher Druck) eher im Widerspruch zum Erfolg von „soft power“. 8 Das Verhältnis beider kann ergänzend oder ambivalent sein. Wenn man die intentionale Nutzung der erwähnten Mechanismen einmal vernachlässigt und den Einfluss sui generis anerkennt, den Faktoren wie beliefs oder Kultur besitzen, verweist dies auf eine Dimension jenseits unseres bisherigen Modells von Macht, die Hierarchien bestimmt, aber weder eine Ressource noch ein „handelbares Gut“ darstellt. Die Mechanismen liegen auf verschiedenen Ebenen. 9 Dies kann man verdeutlichen an einem Begriff von Hegemonie, der in der Tradition Gramscies versucht, verschiedene Typen von Hegemonie zu konstruieren, die materielle und ideelle Faktoren verschmelzen lassen. Die Abstufung von einer integrate über eine declining zu einer minimal hegemony bedeutet eine
1 Czempiel nennt als Beispiel für letzteres den Marshallplan. Czempiel 1999, S. 95.
2 Barnett/ Duvall 2005, S. 51f.
3 Dagegen unterscheiden Barnett und Duvall diese nicht nur von der direkten Kontrolle von “compulsury power”, zu der „structural power“ eine zweite Form darstellt, sondern auch jeweils nach direkter oder diffuser „relational specifity“. Diffus wirkender Macht entsprechen dann „institutional“ wie „productive“ power. Beides wird in unser Modell auf der Ebene der Institutionenbildung integriert. Auf der jetzt diskutierten Ebene erscheint mir der Unterschied jedoch nicht relevant; für eine Hierarchie ist Intentionalität sicher nicht notwendig. Ob dies für Macht ebenso zutrifft, erschient aber fraglich. Dagegen dürfte der Institutionenbegriff nur in einer spezifischen Spielart als intentional verstanden werden können. Barnett/ Duvall 2005, S. 45 ff., Zitat S. 51.
4 Barnett/ Duvall 2005, S. 52.
5 Nye 2002, s. 29ff.
6 Wendt/ Friedheim 1995, S. 697.
7 Czempiel 1999, S. 96ff. oder bereits Grewe 1981, S. 28.
8 Auf die Ambivalenz verweist Schoppa 1999, S. 340.
9 „People relate to the powerful as moral agents as well as self-interested actors; they are cooperative and obedient on grounds of legitimacy as well as for reasons of prudence and advantage.” Beetham 1991, S. 27f.
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Veränderung von geringen (oder keinen) zu starken Interessengegensätzen, von einer konsensualen zu einer konfliktreichen Beziehung, von einer Systemführerschaft zur Gewalt. 1 Bei minimaler Hegemonie kalkulieren Hegemonialmacht und untergeordnete Akteure ihre Interessen am engsten, bei integraler am weitesten. Dies sind durchaus kalkulierende und nutzenmaximierende Akteure, aber unterschiedlicher Art. Andererseits gilt die konsensuale (integrale) Form von Hegemonie als die „strongest and most consolidatet form“. Warum aber gilt dies als Form von Macht? War der Konsens von vornherein angelegt, herrschte also eine Konstellation mit hohem kooperativen Anreiz, ist das Ergebnis nur in geringem Maße an einen Hegemon gebunden, sondern kann ebenso als Kooperation verstanden werden. Entstand der Konsens nur durch die Anreize, die der Hegemon zur Durchsetzung seiner Vorstellungen (in einem Tauschakt) einsetzen konnte, sind die Ressourcen, die er einsetzen muss, identisch mit dem Betrag eventueller Zwangsmaßnahmen. Andernfalls müsste systematisch begründet werden, dass die Manipulation des „Bewusstseins“ für den Hegemon „billiger“ ist, als die Manipulation der einzelnen Handlung durch Anreize. Die Kosten-Nutzen Kurven der Investitionen in Sozialisation bzw. Ideen und die der „reinen“ Einflussbeziehung folgen unterschiedlichen Logiken. Ist der Kurvenverlauf ersterer günstiger, kann auf diese Weise eine gleichbleibende oder sogar höherer Grad von Zentralisierung erreicht werden, ist er ungünstiger sinkt die Zentralisierung mit der Sozialisation. Ähnliches kann für Diskurse gesagt werden, die keineswegs immer Macht im Sinne von Dominanz widerspiegeln. 2 Investitionen in die Herrschaftssymbolik können die Umwandlung von „harter“ in „weiche“ Macht zur Folge haben, letztere kann erster ersetzen oder entlasten. Münkler demonstriert dies mit Thukydides, der davon überzeugt gewesen sei, dass „die Macht Athens infolge der herrlichen Bauten auf der Akropolis für doppelt so groß gehalten wurde, wie sie tatsächlich war“. 3 Allerdings ist dies für Thukydides nur ein Gedankenspiel des Historikers, mit dem er zeigen will, dass man das Aussehen der Städte nicht mehr in Betracht ziehen soll als ihre Macht. 4 Die Wirkung solcher Mechanismen mindert dies keineswegs.
So kann man M. Foucault auf den ersten Blick zustimmen, der als „Dispositiv“ eine Vielzahl von Mechanismen zusammenfasst. Dies umfasst „ein entschieden heterogenes Ensemble, das Diskurse, Institutionen, architekturale Einrichtungen, reglementierende Entscheidungen, Gesetze, administrative Maßnahmen, wissenschaftliche Aussagen, philosophische, moralische oder philanthropische Lehrsätze, kurz: Gesagtes ebenso wohl wie Ungesagtes. (...) Das Dispositiv selbst ist das Netz, das zwischen diesen Elementen geknüpft werden kann.“ 5 Wesentlich ist hier, dass die Metapher einer Kette verschiedener Machtmittel durch die eines Netzes abgelöst wird, eine Dimension von zwei Dimensionen. Es gilt also dieses Netz systematisch zu entwirren. Die Grundaussage geht aber ein Stück hinter die Ambivalenz des Netzes zurück: „Eben das ist das Dispositiv: Strategien von Kräfteverhältnissen, die Typen von Wissen stützen, und von diesen gestützt werden.“ 6 Dieser Rückkopplungsmechanismus, diese eher positive Verwobenheit, die es wissenschaftlich zu dekonstruieren gilt, erweist sich für unseren Gegenstand als problematische Einschränkung. Antihierarchisches „Wissen“ kann durchaus dominant sein. Die Erkenntnis ist jedenfalls nicht neu, dass kein „Deckungsverhältnis zwischen Macht und Autorität“ besteht: „Autorität kann sich sowohl mit jedem Grade der Macht verbinden, wie sie jedem Grade der Macht
1 Cafruny 1994; Cox 1996. In diesem Sinne wird auch Macht von Einfluss unterschieden. Pfetsch 1994.
2 Grillo 2005.
3 Münkler 2005, S. 87.
4 Deshalb nutzt Thukydides auch Sparta als Beispiel dafür, wie stark das Aussehen von der tatsächlichen Macht abweichen könne. Das Gedankenspiel bezieht sich im Übrigen auf die Wahrnehmung späterer Beobachter nach einer Verödung beider Städte. Thukydides I, 10 (S. 47f.)
5 Foucault 1978, S. 119f.
6 Foucault 1978, S. 123.
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fehlen kann.“ 1 Anders formuliert: Wenn „soft power“ die Fähigkeit zur Verführung oder Verlockung durch die Attraktivität einer Kultur, Ideologie oder von Institutionen darstellt, kann daraus die Nachahmung dieser Kultur begründet werden. Dies stellt allerdings die Nutzung eines Kollektivgutes dar. Warum aber sollen die „schwächeren“ Mächte dafür bezahlen, indem sie die Interessen des kulturellen Hegemons begünstigen oder in Institutionen einwilligen, die zu seinen Gunsten gestaltet sind? 2 Sobald sie „zahlen“ müssen, könnte auch die Attraktivität der hegemonialen Kultur sinken.
Das für die „kulturelle Hegemonie“ Gesagte gilt auch für Institutionen insgesamt. Hier wird deutlich, wie vielschichtig das Verhältnis von zwischenstaatlichen hierarchischen Institutionen ist. Ein weiter Blick auf die Institutionenbildung zeigt: “While it would be silly to ignore economic and organizational resources in measuring relative power among countries, it seems unlikely that the possession of substantial capabilities is by itself sufficient to define international hegemony. A truly hegemonic power is one that is able to manipulate both the structure and the agenda of international relations in such a way that serious challenges to its predominance do not arise." 3 Wie aber ist dies zu erklären. Handeln die schwächeren Staaten arational? Mit unserer Tauschanalogie kann dies jedenfalls nicht plausibel gemacht werden. Warum sollen kleinere Akteure in eine Tauschrelation einwilligen, die strukturell zu ihrem Nachteil ist, d.h. in größerem Maße als die Summe punktueller (asymmetrischer) Tauschakte. Gemäß unserem obigen Modell müsste die dominante Macht adäquat dafür zahlen. Für den Ostblock wurde jedenfalls eine Art Nettoausgleich der getauschten Werte konstatiert. 4
Bemühungen, kalkulierende Akteure oder gar Gleichgewichtsautomatismen des Systems durch andere Dimensionen zu erweitern oder zu ergänzen, werden gerade auf die Machtverteilung und die Institutionen des Ostblocks angewandt. Gerade mittels des sowjetischen Imperiums wurde illustriert, dass „harte“ und „weiche“ Macht aufeinander bezogen sind, aber auch im Widerspruch zueinander stehen können. 5 Sind beide nur unterschiedliche Dimensionen einer Kategorie? Aus konstruktivistischer Perspektive kann demonstriert werden, dass “moral authority - like money, or the credible threat of military force (…) - acquires utility as a power resource to the extent that is institutionalized as a convention.” Moralische Autorität, beansprucht auch von der UdSSR als Sprecher der internationalen Arbeiterklasse “acquires utility as a power resource when it becomes socially embedded in a system of actors whose social identities and interests impel them to recognize it as a power resource.” 6 Ein Hegemon könnte also in Autorität gezielt investieren. Dies ist bis zu einem gewissen Grad mit unseren Feststellungen zur Definition komplexer Güter, die Voraussetzung des Tauschs ist, kompatibel, geht aber auch darüber hinaus: Macht bzw. Hierarchien besitzen dann ihre Voraussetzung nicht in der Produktionsfähigkeit spezifischer Güter, sondern in der Definition solcher Güter bzw. ihrer Bedeutung. Gerade für den Ostblock gelte, dass aktuelle Anreizsysteme nur eine Seite der Medaille darstellen und um
1 Triepel 1974, S. 39.
2 „Wenn seine Kultur und Ideologie attraktiv sind, folgen ihm andere mit größerer Bereitwilligkeit.“ Nye 2002, S. 30-32.
3 Lawson 1983, S. 335.
4 Bunce 1976.
5 “Die harte Macht kann auch dazu dienen, Imperien oder Institutionen zu schaffen, die kleineren Staaten ihr Programm vorgeben - denken wir an die sowjetische Herrschaft über die Länder Osteuropas. (...) Umgekehrt verlor die Sowjetunion einen großen Teil ihrer weichen Macht, als sie in Ungarn und der Tschechoslowakei einmarschierte, obwohl ihre wirtschaftlichen und militärischen Ressourcen durchaus noch weiter wuchsen. Eben die imperiale Politik, welche die harte Macht der Sowjetunion zum Einsatz brachte, sabotierte ihre weiche Macht.“ Nye 2002, S. 31.
6 Hall 1997, S. 594 u. 619.
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andere Mechanismen ergänzt werden müssen, so um eine Dimension „politischer Sozialisation“. Die bestimmenden Kräfte im Ostblock kreierten damit einen „mix of coercive and sozialisation devices“. 1 Auf den Gegenstand angewandt bedeute dies, “in the final analysis success or failure in performing various missions would have depended on the extend to which military personnel had absorbed and internalized proper ‘socialist’ values. More precisely, the party's attempt to establish a ‘normative commitment’ to the system in the minds of the soldiers, particularly members of the officer corps, would have been crucial during a (…) conflict.” 2 Dies verweist wiederum auf eine zweite Achse von Institutionalisierung. Allerdings bleibt diese Dimension ein abgeleitetes Kalkül, das ergänzend zu den Zwangsmitteln wirkt und von den Akteuren bewusst manipulativ eingesetzt wird, um den „Enthusiasmus“ der Beherrschten bei der Erfüllung ihrer Aufgaben zu erhöhen. Dies stellt - wie bereits ausgeführt - eine nicht gerechtfertigte Einschränkung dieses Mechanismus auf eine bloße Ergänzung des Anreiz- bzw. Zwangssystems dar. Dies ist nicht der Fall in einer Studie zur Entwicklung des RGW, die versucht, dessen Veränderungen zwei Variablengruppen zuzuordnen. Da die erstere, dem Anreizsystem entsprechende, d.h. die Veränderung der Machtverhältnisse nach Ansicht des Autors zur Erklärung unzureichend ist, muss sie durch eine zweite „kognitive“ ergänzt werden. 3 Hier ist die alternative Dimension nicht abgeleitet, sondern alternativ gedacht. So kann Autorität als eine Quelle von Macht gelten, ist aber nicht mit ihr gleichzusetzen: „Autorität ist innerlich anerkannte Wertüberlegenheit, ein die geistige Herrschaft begründendes Gelten. Und zwar ist sie ein Agens, das entweder auf das kognitive Denken oder auf das emotionale, insbesondere auf das volitive Denken einwirkt.“ 4 Diesem „Agens“ und seiner Logik müssen wir später auf den Grund gehen.
Fassen wir zusammen. Eine Sozialisation zur Stabilisierung von Beziehungen kann durchaus einem Kalkül folgen; vollzogen ist sie aber nicht mehr völlig dem nutzenmaximierenden Akteur verfügbar, sondern bestenfalls Prämisse für weiteres Kalkül. Zweitens: Eine kulturelle Sozialisation kann sich auch gegen hierarchische Beziehung wenden, Wertesysteme sind nicht nur Abbild und Ergänzung kalkulierender Macht, auch deren Gegenpol. Ein stabiler Konsens kann sowohl entstehen durch stabile hohe Erträge (bzw. vermiedene Verluste) als auch durch stabile Beziehungen zu allgemeinen Deutungssätzen. Damit ist die Wirkung eines wesentlichen Teils der „nichtmateriellen Faktoren“ nicht als Tauschrelation darstellbar. Normgerechtes Verhalten wird durchaus instrumentell eingesetzt, im Tausch gegen andere „Güter“. Davon sind aber die eigentlichen Wirkungen von Werte- und Normensystemen abzugrenzen. „Internalisierte Werte“ sind vielleicht das Ergebnis eines hierarchischen Tauschakts; sie sind aber nicht mehr dessen Güter, sobald sie internalisiert sind. Dies ist ein Hinweis auf zwei Dimensionen, die Hierarchien begründen können, auf ein Modell, das zwei Gruppen unabhängiger Variablen zur Erklärung benutzt. Wir können die bisherigen Betrachtungen auch zusammenfassen, indem wir auf die zwei Grundmechanismen verweisen, mittels derer Ikenberry und Kupchan den Einfluss hegemonialer Mächte erklären. “The first is by manipulating material incentives.” 5 Dies könnte als besondere Variante unserer Tauschrelation, die eine spezifische Anreizhierarchie konstituiert, gelesen werden, als eine Ebene von „Meta-Macht“. Der zweite Weg führt von einer hierarchischen Beziehung in eine andere Dimension: „The second basic way in which a hegemonic nation can exercise power is by altering the substantive beliefs of leaders in other nations. Hegemonic control emerges when foreign elites buy into the hegemon’s vision of
1 Gitz 1992, S. 162; Meissner 1967.
2 Gitz 1992, S. 89.
3 Metcalf 1997.
4 Triepel 1974, S. 35.
5 Ikenberry/ Kupchan 1990 a, S. 285.
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international order and accept it as their own - that is, when they internalize the norms and value orientations espoused by the hegemon and accepted its normative claims about the nature of the international system.” 1 Diese Auffassung von Sozialisation verweist - auch begrifflich - auf das Gesamtspektrum des im folgenden zu entwickelnden Konzepts. Es ist aber unnötig stark auf die “hegemoniale” Perspektive ausgerichtet: “Power is thus exercised through a process of socialization in which the norms and value orientations of leaders in secondary states change and more closely reflect those of the dominant states.” 2 Unser Modell zeigt, dass „nonmaterial resources“ 3 , also nichtmaterielle tauschbare Güter nicht mit der handlungsprägenden Wirkung von internalisierten Normen verwechselt werden dürfen, auch wenn beider Formen in einem Zusammenhang stehen. Sozialisationsergebnisse können durchaus als Gegenpol oder Korrektiv gegenüber Anreizhierarchien verstanden werden (nicht zuletzt indem sie mögliche Tauschrelationen wie die Preise der Güter vordefinieren). Sie sind systematisch eigenständig. Existieren sie, dann können symbolische und normative Sanktionen eingesetzt werden. Die Fähigkeit, andere Akteure anzuklagen, zu beschämen usw. wird zur Ressource. 4 Allerdings geht dies über unsere Tauschanalogie hinaus; es müssen also Konfigurationen verschiedener Mechanismen betrachtet werden. Dies zeigt: Der „normale“ Tausch von Macht gemäß unserem Modell kann durch andere Faktoren begründet, beeinflusst, gestört oder gehindert werden, Faktoren, die man institutionelle nennen kann. Dies betrifft auch “the fact that asymmetric relations may be consensual and based on legitimacy”. 5 Dies kann bis zu „interfluence“ führen, einer Hierarchie ohne Intention und ohne Überwindung von Widerstand. 6
Wiederum können wir uns auf Thukydides als Kronzeugen berufen: Die Gewalt (des Krieges) ist keineswegs Ausdruck der „allgemeinen Prinzipien“, sondern ihre Verletzung und situative Abkehr. Denn der Krieg sei ein „harter Lehrmeister und gleicht die Leidenschaften der Menge den Gegebenheiten des Augenblicks an“. Dies bedeutet einen fundamentalen Wandel in der Logik der Normen und des angemessenen Verhaltens, ihre tiefgreifende Deinstitutionalisierung: „Auch änderten sich die gewohnten Bezeichnungen für die Dinge nach ihrem Belieben“ und „derartige Vereine traten nicht unter den gültigen Gesetzen zu allgemeinem Nutzen zusammen, sondern gegen die bestehenden aus persönlicher Gewinnsucht (...)“. 7 Oder wie die Metylener in ihrer berühmten Rede in Olympia betonen: Im „Unterschied der Gesinnung wurzeln ja die tatsächlichen Zerwürfnisse“. 8 An vielen Stellen geht auch Machiavelli über die Spielregeln reiner Machtkämpfe hinaus und verweist auf die Bedeutung kultureller Ähnlichkeiten, auf Vertrauen, Nachahmung, Gerechtigkeit, Erinnerung oder Gewöhnung. 9 Dies sind Begriffe, die sich in unser bisheriges Schema nicht integrieren lassen - institutionalistische Begriffe. Wir können hier H. Triepel folgen, dass die „Verschiedenheit der Begründung“ von Machtverhältnissen ebenso wichtig ist wie die „Graduierung der Machtverhältnisse“: „Wenn ich weiß, dass der Diener dem Herrn, der Freund dem Freunde folgt, so weiß ich noch nicht, warum er es tut. Das kann durch Gründe der verschiedensten Art bewirkt werden, die Gründe können bei den verschiedenen Intensitätsgraden der Macht verschieden sein (...).“ 10 Allerdings bedürfen diese
1 Ikenberry/Kupchan 1990a, S. 285.
2 Ebenda.
3 Ebenda, S. 288.
4 Barnett/ Duvall 2005, S. 50.
5 Caporaso 1978, S. 21; Jacobs 1974, S. 48 ff.
6 Bannester 1969.
7 Thukydides III, 82 (S. 232 ff.), vgl. auch Bagby 1994, S. 143 ff.
8 Thukydides III/ 10, S. 190f. Allerdings gilt dies bei Thukydides wohl nur für gleichrangige Beziehungen, nicht für offen hierarchische.
9 Machiavelli 1987, S. 54f., 64f. , 67, 119f. ibid.
10 Triepel 1974, S. 34.
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Einflussformen einer Systematisierung. 1 Dazu stellt unser Tauschmodell nur den ersten Schritt dar.
Daraus folgt: Die Betrachtung hierarchischer Akteursbeziehungen bedarf der analytischen Trennung von zwei Dimensionen: Neben dem verstetigten Tausch, der unterschiedliche Hierarchiegrade konstituieren kann, steht eine institutionalistische Dimension, die das gleiche leisten kann. Eine Systematisierung und Präzisierung beider Dimensionen soll im Rahmen eines Institutionenbegriffs versucht werden. Zuvor muss unsere erste Dimension, die Hierarchie von Anreizstrukturen, eine innere Ordnung erhalten.
2.11) Stufen hierarchischer Beziehungen
Zunächst soll eine Stufung hierarchischer Beziehungen entwickelt werden, die in der Nähe der Mechanismen unseres relationalen Modells von Macht bestehen. Dies sind Formen „rationalistischer“ Hierarchien. Kurz: „Rationalists are interested in how incentives in the environment affect the price of behavior.” 2 Es soll gezeigt werden, dass solche Anreizhierarchien in systematisch komplementärer Ausprägung zwischen Akteuren mit unterschiedlicher Macht, zwischen Akteuren und der Macht externer Gremien wie zwischen Akteuren und der „Macht“ externer Gewinn- bzw. Verlustaussichten in kollektiven Situationen existieren können.
K. Waltz unterscheidet nur zwei grundsätzliche Formen: Anarchie und Hierarchie. Ist dies nicht einfach die sparsamste Variante des Tauschmodells? Anarchie wäre dann der Tausch gleichartiger Akteure; Hierarchie die völlige Ungleichverteilung der Güter. Genauer gesagt kann die imperiale Macht tauschbare Güter in beliebiger Zahl zu für den Tausch nicht relevanten Kosten produzieren.
Waltz geht davon aus, dass Strukturen das Verhalten belohnen, das ihre Existenz fortzusetzen hilft, davon abweichendes Verhalten aber bestraft. 3 Systematisch ist diese Welt - egal ob Anarchie oder Imperium herrscht - eine Welt starker Anreize. 4 Dieser dualen Welt soll mit Adam Watson entgegengehalten werden, dass “when a number of diverse communities of (…) political entities, are sufficiently involved with one another for us to describe them as a system of some kind (…), the organization of the system will fall somewhere along a notional spectrum between absolute independence and absolute empire”. 5 Solche Abstufungen im “Grad der Macht” bzw. „Stufen der Machtskala“ haben wir bereits
1 Eine Aufzählung unterschiedlicher Einflussformen findet man oft so bereits bei Machiavelli oder Hobbes, eine Systematisierung aber kaum. Triepel unterschiedet sehr wichtige Formen: Ehrfurcht, Liebe, Vertrauen, Glauben, rationale Erwägungen und Einsicht in die Größe eines Erfolges. Eine Einordnung erfolgt aber nur als objektive und abgeleitete Autorität. (S. 38) Bei seinem konkreten Gegenstand, der Hegemonie, bleibt er aufgrund der Vielgestaltigkeit der Einflussmittel gegenüber einer Systematisierung skeptisch. Er unterscheidet zwischen direkter und indirekter Beeinflussung. Dabei spricht er von Ermahnungen bzw. Konsultationen wie von Unterstützung in materiellen dingen (z.B. Anleihen). Es folgen Anforderungen, Einspruch, Erlaubnis, Intervention usw. An anderer Stelle unterscheidet er formen wie Bündnis, Durchdringung, Klientelverhältnisse, Freundschaft usw. Dabei bleiben die Mechanismen der Beeinflussung jedoch offen. Triepel 1974, S. 234ff.
2 Wendt 1999, S. 34.
3 Waltz 1977, S. 74.
4 Wie kann man sich den Mechanismus vorstellen? Zunächst als das Wirken von Akteuren. Die Profiteure der Struktur können diese Gewinne aufwenden, um die Struktur aufrechtzuerhalten. Dies ist nicht Waltz' Perspektive. Also wirkt die Struktur als Quasi-Akteur, dessen Wirkungen das Verhalten der Akteure steuert („third image“). Dies hat aber erhebliche systematische Konsequenzen. Akteure erfahren oder antizipieren Verluste/Gewinne durch (dis-)konformes Verhalten. Während die Systemebene als völlig dezentral (anarchisch) gedacht sein kann, ist die Verhaltenssteuerung der Akteure stark hierarchisch. Anarchie wäre gemäß unserem bisherigen Modell ein stark institutionalisiertes System. Imperium und Anarchie wären auf dieser Ebene systematisch identisch.
5 Watson 1992, S. 13.
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bei H. Triepel kennen gelernt. 1 Dies könnte man als Spektrum der Einflussverteilung oder Spektrum der Autonomie darstellen. In diesem Sinne wurde auch außerhalb des Bereiches internationaler Beziehungen eine verhandlungstheoretisch begründete „dependency scale“ entwickelt, die wiederum „fundamental differences between institutions“ begründet. 2 Für unser Thema ergibt sich als erste Frage: “What, if any, is the demarcation line between Soviet influence and East European autonomy?“ 3 Hier sind allerdings sehr unterschiedliche Demarkationslinien möglich. Der Trend in der neueren Literatur zum Ostblock, die Vorstellung einer strikten Hierarchie mit dem „Handlungspielraum“ der kleineren Staaten zu konfrontieren, ist aus der Perspektive unseres Modells notwendig; die verhandlungstheoretische Fundierung sinnvoll. 4 Das Ergebnis - die „Kleinen“ verfügen in einer insgesamt stark hierarchischen Beziehung über einen gewissen „Handlungsspielraum“ist aber trivial. Diese Dimension von Handlungsspielraum bedeutet nichts anderes, als dass die anderen Akteure in der gegebenen Situation über kein handelbares Gut verfügen. Die nächste Stufe, der Einfluss der kleineren Akteure, bedeutet, dass sie in der gegebenen Situation über ein handelbares Gut höherer Wertigkeit/ geringerer Kosten verfügen. Die Frage wäre dann schon, wie viel Handlungsspielraum oder Einfluss, in welchen Situationen und mittels welcher Güter oder Mechanismen; vor allem aber, was das über die Gesamtbeziehung sagt.
Im Gegensatz zur dualen Welt zwischen Anarchie und Imperium, lässt unser Modell eine stufenlose Abbildung von Hierarchien zu, die sich in der Werte- und Kostendifferenz der getauschten Güter abbilden lässt. Dazu gehört auch stets die Betrachtung des Monitoring-Niveaus, da es für die Bewertung der Transaktionskosten relevant ist. Bei der Abgrenzung verschiedener Stufen hierarchischer Beziehungen zwischen strikter Hierarchie und Anarchie liegt auf dem einen Ende des Spektrums eine Beziehung, in der die handelbaren Güter und ihre Bewertung völlig ungleich verteilt sind, auf der entgegengesetzten Seite aber völlig gleich. Das Kriterium hierfür wäre die Durchsetzungsfähigkeit im Verhältnis zu den Präferenzen bzw. zum „Interesse“ an den jeweiligen Gegenständen. Ein Spektrum zwischen Imperium und Allianz kann auch als Kontinuum zwischen einer völlig ungleichen und einer gleichen Verteilung in „rent-sharing-arrangements“ dargestellt werden oder als Differenz der Grenznutzen bzw. Grenzkosten einer Beziehung. 5 Dieser „ungleiche“ Tausch ist aber mitunter eine potentielle Hierarchie; eine realisierte Hierarchie besteht dann, wenn die „Überschüsse“ dieser Beziehung auf andere Bereiche übertragen werden (Linkage). Versuche, die Allianzstrukturen als Kontinuum zwischen einer völlig freiwilligen Allianz und einer, die vollständig von einem Staat dominiert wird, existieren auch für den Ostblock. Das Ergebnis schien klar: Die Struktur des Warschauer Vertrages liege „close to the dominated
1 Triepel stuft zwischen Herrschaft (als voller Ausübung einer überlegenen Gewalt über Befehle unter Drohung der Ausübung dieser Gewalt) über Führung (als energische, aber gebändigte Macht, aber mehr als Einfluss, nämlich bestimmender Einfluss) zu Einfluss. Allerdings werden hier verschiedene Machtbegriffe vermischt. So kann ein Führer durch die Selbstbegrenzung der Macht darauf verzichten, Herrscher zu werden, und zugleich mehr Macht gewinnen als ein Herrscher. Damit ist aber die „Machtsskala“ ad absurdum geführt. Triepel 1974, S. 40f.
2 Das hier entwickelte Spektrum von Unterschieden gegenseitiger Abhängigkeit und dem daraus entstehenden Einfluss zwischen den Polen independent/ cooperation or competition und dependent without influence/ structural control ist unserem Spektrum ähnlich. Tulder/Ruigrok 1997, S. 132ff.
3 Hewitt 1974, S. 22.
4 Lemke 1995, Roesler 1993; Harrison 1993; Ahrens 2000.
5 So Alt/ Calvert 1988, S. 647. Auf der einen Seite des Spektrums erhält die imperiale Macht alle benefits bis zum Niveau des Widerstands, auf der anderen Seite bekommen die Allianzpartner den Großteil. Präziser ist unser Spektrum der asymmetrischen Wert-/Preis-/Kostenverteilung. Letzteres ist eine Übertragung der Theorie der „dominanten Wirtschaft“ auf die Gesamtbeziehungen. Perraux 1952.
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pole“. Andererseits verfügten die kleineren Akteure durchaus über eigenständige Verhandlungsmacht. 1
Es bleibt das Messungsproblem eines Machtkonzepts jenseits zählbarer Ressourcen. Bei einem Vergleich verschiedener Ansätze der Messung von Macht, erwies sich der allgemeinste Ansatz (Macht als control over events and outcomes) als überlegen gegenüber Macht als control over resources wie als control over actors. Er ließe sich in unser Modell integrieren, wenn es um die Ergebnisse von Tauschakten im Verhältnis zu den Bewertungen der „Händler“ geht. 2 Dies wie die „Differenz der Wahrscheinlichkeit von Verhaltensänderungen“ 3 ist aber in vielen Fällen schwer zu operationalisieren.. Deshalb sind zusätzliche Indikatoren notwendig, auch wenn deren Status für die Einschätzung des Hierarchieniveaus nicht konstant ist und in andere Bereiche unseres Modells hineinragt. Einige empirisch relevante Indikatoren lassen sich aus der Literatur zum Ostblock herausfiltern, die den Wandel der Post-Stalin-Ära beschreiben. „Whereas, previously, coercion had been the usual way of repressing strains of controlling deviation on any mayor issue, Soviet leaders now entered bargaining relationships with east European leaders, though the coercive option remained available for use in extreme cases.” 4 Auch wenn die Gegenüberstellung von Gewalt und Verhandlung nach unserem Modell kein präziser Indikator für den Grad einer Hierarchie darstellt, verweisen Verhandlungssysteme scheinbar auf geringere Hierarchiegrade. In vielen Fällen bedeuten Verhandelungen, dass die handelbaren Güter nicht in einem Maße ungleich verteilt sind, in dem der Handel keine Verhandlung notwendig macht. Die Anreize sind nicht in einem Maße ungleich verteilt, das eine Hierarchie zweifellos macht. Verhandlungssysteme deuten auf niedrige und mittlere Hierarchiegrade. Dies ist jedoch keineswegs ein eindeutiger Indikator, lassen sich Verhandlungen doch aus einem Dissenz der Güterpreise wie der Gewinnverteilung erklären. Weiterhin beschreibt V.R. Burks Wandlungen auf drei Ebenen: 1.) Während unter Stalin die osteuropäischen Führungen vom Kreml ernannt und abgesetzt wurden wie Parteikader in der UdSSR, ernennt Moskau nun nicht mehr und setzt nicht mehr ab. Allerdings besitzt es noch Einfluss auf Personalentscheidungen und möglicherweise eine Vetomacht. 2.) Die Formulierung von Politik und ihre Implementation habe sich von einem exklusiven Privileg der UdSSR zu einer nationalen Angelegenheit verlagert. Allerdings folge man in vielen Fragen der sowjetischen Führung, da sich eine Vergrößerung von Prestige und Macht der UdSSR förderlich auf die osteuropäischen Kommunisten auswirke. 3.) Die Bedeutung von Ideologie als „cohesive force“ habe sich verstärkt. 5 Während 1.) auf eine andere Art von Gütern oder sogar eine andere Dimension verweist, bezieht sich 1.) und 2.) auf eine Veränderung der Wertigkeit und Verteilung von Gütern, die zu neuen Ergebnissen führen. Dabei sind Personalentscheidungen ein anschaulicher und relevanter Indikator für die Einflussverteilung auf die politischen Ergebnisse, die zwischen Mitsprache, Vetomacht, Vorschlagskompetenzen, dominierendem Einfluss bis hin zur einfachen „Einsetzung und Ablösung“ reichen. Einem sehr hohen Grad von Hierarchie der Beziehungen zur UdSSR wie zu den Institutionen des Ostblocks käme es gleich, wenn auf Konferenzen der
kommunistischen Spitzenfunktionäre die „Nominierung und Wahl kommunistischer Parteiführer“ für die Satelliten durchgeführt wurde, die der „Ernennung eines Vizekönigs“ gleichkam. 6 Ein weiteres wichtiges Kriterium ist die Fähigkeit, die Agenda zu bestimmen.
1 Reisinger 1983, S. 149.
2 Hart modelliert aus einer outcome matrix und einer interest matrix eine power matrix. Diese müssten allerdings um eine Kostenmatrix ergänzt werden. Hart 1976.
3 Dahl 1957.
4 Gitelman 1972, S. 8.
5 Burks 1969.
6 Dies sei auch das „übliche“ Herrschaftsmittel direkt nach Stalins Tod gewesen. Dallin 1961, S. 64 u. 220.
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Dieses agenda setting kennzeichnet bereits geringere Grade von Hierarchien, während bei den höheren die Durchsetzung der Standpunkte hinzukommt. Ebenso sind die mittleren Stufen von der Durchsetzungsfähigkeit in Einzelfragen gekennzeichnet, während die höheren Formen eine Verfügung über Regeln und Kompetenzen beinhaltet.
Während eine Vetomacht ein Kennzeichen schwacher Hierarchien ist, ist eine Entscheidung über Exit-Optionen ein Indiz für stärkere Hierarchien, während die Entscheidung beliebiger Einzelfragen ein Kriterium der stärksten hierarchiegrade ist.
Versuchen wir das ganze etwas zu ordnen. Zur Bezeichnung soll nicht nur von Stufen I bis VI die Rede sein, obwohl dies die exakteste Form wäre. Hier wollen wir an das Spektrum anknüpfen, das Adam Watson für seine universalhistorische Betrachtung von Zentralisierungsgraden aufgestellt hat. Es bewegt sich zwischen Allianz, hegemonialen Formen, Dominien und Imperien. 1
Auf Stufe I. des Spektrums, der Allianz, sind die Anreize und Kosten gleich verteilt. Es kann als Kooperationssystem oder Konkurrenzsystem ohne Asymmetrien aufgefasst werden, als gleichwertiger Tausch. Der Autonomiegrad ist am höchsten, da die Güter des Partners leicht ersetzt werden können. Dies kann - wie auch Realisten feststellen - bei einer spezifischen Güterkonstellation auch zwischen größeren und kleineren Mächten auftreten und zu einer high "positive" autonomy führen: „Because of the high interdependence between the great powers and the small powers, the latter are sometimes able to affect and even to manipulate the behavior of the great power." 2 Auf dieser Stufe besteht ein gegenseitiger Einfluss, dessen Nettoeffekt "Null" ist.
Auf der II. Stufe besteht dieser Effekt nur in geringem Maße, sporadisch und in Einzelfällen zugunsten einer Partei. Zumindest besteht aber eine Konsultationspflicht bei wichtigen Entscheidungen. Diese ungleiche Allianz beinhaltet keinen generalisierbaren Vorrang, der sich in einer Vetokompetenz oder agenda-setting auf einer Seite auszeichnet. Dies ist auf der nächsten Stufe der Fall, der Hegemonie (III.) Diese bedeutet die Fähigkeit der dominierenden Macht, sich in einer großen Anzahl von Konfliktfällen (sozusagen 20-40% der Fälle) durchzusetzen; zumindest aber eine Vetokompetenz in der Mehrzahl der Fälle. Personalentscheidungen wie wichtige politische Vorgänge können nicht autonom getroffen werden, sondern bedürfen der Bestätigung durch den „Hegemon“. Bis hierhin handelt es sich vor allem um „restriktive“ Möglichkeiten, die sich auf den folgenden Stufen zunehmend zu „präskriptiven“ wandeln. Bis zu dieser Stufe dominieren Verhandlungen als Mechanismus. Die Stufe IV, die starke Hegemonie bedeutet nicht nur einen dominierenden Einfluss auf solche Entscheidungen (40-60%), sie fügt dem die Regelkompetenz des Hegemons hinzu. 3 Der Hegemon verfügt über “Meta-Power” und strukturelle Macht und bestimmt damit Regelsysteme, Normen und Organisationen zum erheblichen Teil. Dem entspricht etwa die Definition von Hegemonie als “unquestioned supremacy, a really great margin of power over other states, the ability (unequivocally demonstrable only by the act) of imposing its rules and its wishes throughout the system”. 4
Er kann sich in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle durchsetzen, muss aber diese Durchsetzung „verhandeln“. Als Grad der Autonomie entspricht dem “limited autonomy”: “In this type of relations there is an asymmetrical interdependence in favor of the great powers, which are, therefore, able to limit the range of foreign policy options available to the small states, and to affect the likelihood of possible regional outcomes. While the great powers do not necessarily prevail in each conflict with a small state or control the outcomes in each specific case, at the minimum they are able to influence the major patterns of conflict
1 Watson 1992.
2 Miller/ Kagan 1997, S. 57.
3 Dies entspricht der Hegemoniedefinition von Watson 1992, S. 15.
4 Wilkinson 1988, S. 39, nach Chase-Dunn 1990, S. 226.
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management and resolution in the region. Overall the small states enjoy some limited autonomy in this pattern of influence relations.” 1
Während die hegemonialen Stufen noch deutlich Verhandlungssysteme sind, beginnt auf Ebene V. eine Form der strikten Hierarchie, die Anweisungen und Befehle umfasst und weniger auf interdependence als auf stark asymmetrischer dependence beruht (60-80%). Watson beschreibt dieses Dominion als Situation, “where an imperial authority to some extent determines the internal government of other communities, but they nevertheless retain their identity as separate states and some control over their own affairs.” Als Beispiel dient neben der Herrschaft der Briten über die indischen Fürstentümer gerade die Beziehungen der UdSSR mit Osteuropa. 2 Wichtig ist die Existenz imperialer Befehlsstränge in wesentlichen Bereichen, das „Hineinragen“ in den anderen Akteur in diesen Bereichen, die aber gemischt ist mit asymmetrischen Verhandlungssituationen in anderen Bereichen. Die dominante Macht besitzt dann maßgeblichen Einfluss auf die Strukturen und Organisationen der „internationalen Beziehungen“, aber auch der inneren Organisation der Einzelstaaten. Gerade beim Ostblock zeigt sich, dass die „reduction in the rights of residual control“ als alleiniges Kriterium problematisch ist. Der Durchsetzungsgrad muss das Hauptkriterium bleiben. 3 Als Autonomiegrad entspricht dem “very low autonomy (or virtual control by the great powers). In this pattern of relations, there is a one-sided dependence of the small states on the great powers, and as a result the great powers determine the (…) policy behavior of the small states. The latter enjoy extremely limited freedom of action including an inability to realign, which further limits their leeway.” 4 Dies wird nur noch übertroffen von „keiner Autonomie“ auf Stufe VI, dem Imperium. “Finally there is empire, no more absolute in practice than independence, meaning direct administration of different communities from an imperial centre.” Diese Definition Watsons stimmt mit unserer nicht überein, wenn damit eine in der imperialen Realität begrenzte Handlungsfreiheit von „imperial governments“ hervorgehoben wird. 5 Im hier verwendeten Sinne handelt es sich um die strikteste Ausprägung einer Anreizhierarchie, die zu einer automatischen Umsetzung der „Wünsche“ der imperialen Macht führt. Wie in Kapitel 1 entwickelt ist Imperium in unserem Modell keine verschiedenartige Herrschaft über große, heterogene Flächen, sondern die strikteste Form einer hierarchischen Beziehung. Die Verfügung, Bewertung und die Kosten der Güter sind in höchstem Maße ungleich. Fassen wir einige Merkmale und zusätzliche Indikatoren zusammen:
Indikatoren hierarchischer Beziehungen:
I. Allianz: Gleichverteilung des Einflusses auf die Ergebnisse; keine formalen Hinweise auf Unterordnung und Ungleichheit, Verhandlungssystem
II. Ungleiche Allianz: sehr geringe Asymmetrie; gewisse Statusvorteile einer Macht, Konsultationspflicht, geringe Monitoring-Vorteile, Überlegenheit auf einem Gebiet neben Unterlegenheit auf anderen
III. Hegemonie: asymmetrische Interdependenz, eindeutige Verhinderungmacht (Veto), Bestimmen der Agenda, deutliche Monitoring-Vorteile, Vorteile bei Regelaushandlung
1 Miller/ Kagan 1997, S. 57.
2 Watson 1992, S. 15.
3 D. Lakes „reduction in the rights of residual control“ als Hauptkriterium für ein Imperium ist zwar besser operationalisierbar, es beinhaltet aber bereits ein institutionalistisches Argument. Der Sowjetblock beruhe als informelles Imperium allerdings nicht auf dieser formellen Aufgabe von „residual control“. Es beruhe auf „dependence“ und „collaboration“: “This creates the reality of empire without the form.“ Lake 1996, S. 7 f. S. 9 Warum ist dann aber ein Imperium eine höhere Stufe von Hierarchie?
4 Miller/ Kagan 1997, S. 57.
5 Watson 1992, S. 16.
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IV. Starke Hegemonie: deutlich asymmetrische Interdependenz; deutliche Monitoring-Vorteile, Dominanz der Regelsetzung
V. Dominion: eindeutige Dependenz in Teilbereichen der Beziehung, die sich in direkten Anweisungen umsetzt, sehr hohes, institutionalisiertes Monitoring-Niveau; Organisationskompetenz für Außenbeziehungen
VI. Imperium: vollständige oder unbestrittene Hierarchie in allen Bereichen, formale Anweisungshierarchien, Befehle werden ohne relevante Kosten durchgesetzt, Regel- und Organisationskompetenz eindeutig, Hineinreichen der Kompetenzen in den organisatorischen Kern der anderen Akteure
Diese Bemerkungen zeigen, dass weder durch den Verweis auf unser Modell noch durch die Zuordnung bestimmter Indikatoren zu den Stufen des Spektrums das Problem gelöst werden kann, das Hierarchieniveau exakt zu operationalisieren. Im empirischen Teil soll versucht werden, wo möglich, den Durchsetzungsgrad bzw. den Autonomiegrad als „exakte“ Gradmesser der Hierarchie zu „messen“. Wo dies nicht möglich ist, soll auf die genannten stärker formalen Kriterien zurückgegriffen werden. Diese sind allerdings bereits ein Ergebnis von Institutionalisierung, nicht deren „reiner“ Ausdruck. Zudem handelt es sich nicht um sauber getrennte Typen, sondern - wie Watson es formuliert - um ein Kontinuum „like wavelengths of light in a rainbow which we find it convinient to devide into different colours“ 1 . Trotzdem ist dieses Vorgehen präziser als die vage Annahme von mehr oder weniger Handlungsspielraum. Zudem kann dieses Problem methodisch vermindert werden, indem die vielen zu untersuchenden Einzelfälle untereinander verglichen werden, um eine Zugehörigkeit zu verschiedenen Stufen des Spektrums festzustellen. (Methodische Chancen bieten dabei Situationen, in denen sich einzelne Kontextvariablen oder Handlungsoptionen
1 Watson 1992, S. 16.
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unterscheiden oder verändern.) Dabei zeigt sich auch, dass die hier gewählte Feingliederung des Spektrums notwendig ist, um ausreichend differenzierte Aussagen treffen zu können.
Ein Wesensmerkmal von A. Watsons Schema ist für uns von besonderem Interesse, zumal es eine mehrfach getroffene Schlussfolgerung bestätigt. Es ist als Ausdruck eines universalhistorischen Problems konzipiert, der Frage nach Freiheit und Ordnung. Dies bedeutet, dass Hierarchien, die von Akteuren oder von Institutionen produziert werden kompensatorisch wirken können. Über das Spektrum hierarchischer Akteursbeziehungen kann ein Spektrum hierarchischer Institutionen gelegt werden. Deshalb - und weil dies den Kern unseres Modells betrifft - ist es im folgenden Schritt notwendig, die Probleme der Institutionentheorie zu diskutiere
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3.) Institutionentheorie, institutionelle Konfigurationen, institutioneller Wandel
3.1) Hierarchien und Institutionen (internationale Organisationen)
Abgestufte Machtbeziehungen können für ein Modell „sozialer Institutionen“ durchaus konstitutiv sein. 1 Gilt dies auch für internationale Institutionen? Das bisher entwickelte Spektrum von Machtbeziehungen betrifft vor allem die Beziehungen einer hegemonialen Macht wie der Sowjetunion zu den „kleineren“ Staaten. Auch wenn die Organisationen des Ostblocks (RGW, Warschauer Pakt, Gipfeltreffen der Parteichefs usw.) oft als Ableitung dieser Beziehungen gesehen werden, ist eine analytische Eigenständigkeit sinnvoll. Auch wenn diese formalisierten Beziehungsformen nicht mit dem später entwickelten Begriff von Institutionalisierung identisch sind, soll zunächst eine abgestufte Hierarchie an Organisationsformen entwickelt werden. Dabei soll nach dem Verhältnis dieser Hierarchie zum Spektrum der Macht-Hierarchie gefragt werden.Wenn wir versuchen, den Typen hierarchischer Machtbeziehungen hierarchische Institutionentypen zuzuordnen, stehen wir vor ähnlichen Problemen wie Integrationsforscher, die ein differenziertes Modell für ihren Gegenstand entwickeln wollen. Dies sind zunächst Bezeichnungsprobleme, gefolgt von Problemen einer abgestuften Typologie. 2 Leider „schwebt“ eine solche Typologie oft im Raum irgendwo zwischen Regimen und Föderation, ohne den Nebel über diesem Raum aufzulösen. Bei der Entwicklung eines Spektrums institutioneller Hierarchie kann auch an Überlegungen der Regimeforschung angeknüpft werden, die ein solches zwischen zwei Extrempolen verortet, deren eines Ende „unlimited laissez-faire“ darstellt. “At the other extreme are arrangements emphasizing central planning and detailed rules governing the actions of individual members.” 3 Letzteres könnte unserem Imperium entsprechen. Als mögliche Indikatoren für die „Zentralisierung“ durch „Institutionen“ erscheinen Verbindlichkeit, Ausdehnung, Formalisierungsgrad. Zudem könnten Verpflichtung (obligation), Genauigkeit (precision) und Übertragung (delegation) als Kriterien für das gesamte Spektrum institutioneller Formen benutzt werden. 4
Hier geht es aber vor allem um „strength“, d.h. „some measure of the effect, that institutions have on the behavior (...) as compared with the hypothetical environment free of such institutions. (…) A related indicator is the degree to which formal institutions dominate within the overall design: a spectrum that ranges from conventions or networks to formal
1 Balzer 1992, S. 83ff. Für Balzer sind neben den individuellen Machtbeziehungen auch soziale Grup-pen, ihre Statusrelationen und die damit korrespondierenden Hierarchien, die soziale Praxis im Sinne normierte Handlungen und die intellektuellen Strukturen erkenntnisleitende Modellkomponenten. Die „Typen von Machtausübung“ bleiben aber zentral.
2 “We need to look for factors and indicators of change, or at least a typology for characterizing different stages in the history of integration.” Wessels 1997, S. 269
3 Young 1980, S. 342. Ebenso kann man Haas‚ „procedural modes“ für die Implementation von Normen als Zentralisierungsgrade von Institutionen darstellen. Haas 1980, S. 398 f.
4 Diese Kriterien für die Abstufung institutionalisierter Beziehungen stammen aus dem “Concept of Legalization”, das ebenso von einem multidimensionalen Kontinuum ausgeht. Auch wenn dieses nur für formaljuristisch erkennbare Institutionen entwickelt wurde, könnte dies auf Institutionen in unserem Sinne übertragen werden. Die Notwendigkeit dieses Schrittes deuten die Verfasser selbst an: Der Ausprägungsgrad der Kriterien könne „be obscured in practice by political pressure, informal norms and other factors. International legalization exhibits similar variation; on the whole, however, international institutions are less highly legalized than in democrativ rule-of-law-states.” Es gebe ein “wide range of ‚soft’ or intermediate forms of legalization. Here norms may exist, but they are difficult to apply as law in a strict sense.” Somit führt das Spektrum auch bis zu “rules of practice” wie Einflusssphären oder dem Konzert der Mächte. Die Autoren versuchen ihr Spektrum in acht Ausprägungsvarianten zu unterteilen; allerdings definieren sie dabei im Unterschied zu unserem Modell “in terms of key characteristics of rules and procedures, not in terms of effects“. Abbott u.a. 2000, S. 402f. u. 407, vgl. auch S. 412.
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contracts or treaties to formal organizations. The relationship of formality in institutional design to behavioural outcomes may be very loose, however.” 1
Man kann zwar aus forschungspragmatischen Gründen eine Abstufung institutioneller Formen neben die Zentralisierung in den Akteursbeziehungen stellen; diese gelten aber nur, insofern sich in den Formalien „strength“ widerspiegelt.
Eine solche Abstufung kann folgendermaßen aussehen:
1 Kahler 1995, S. 3 f.
2 Dies ist angelehnt an Haas` Spektrum von instrumentalities. Vgl. auch Haas 1976, S. 201.
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Zunächst soll auch diese Hierarchie durch unsere Tauschanalogie fundiert werden. Dabei entspricht die Hierarchie dem Betrag der erwarteten Gewinne, die diese Gremien gegenüber der „Anarchie“ produzieren können. Dies bedeutet zunächst nichts anderes als eine Verlagerung der Produktionsfähigkeit von Gütern aus den Akteuren in externe Organisationen, um andere, preiswertere oder bessere Güter (Sicherheit, Rohstoffversorgung, Wohlstand etc.) zu produzieren.
Dabei spielt in Institutionen das Monitoring-Niveau eine eigenständige Rolle, ist es oft eine notwendige, aber keine hinreichende Voraussetzung für Institutionalisierung. 1 In einigen Fällen wirkt die reine „Struktur des Belohnungswertes der Kooperation“ 2 , in anderen Fällen wird diese erst durch die Leistungen externer Institutionen realisiert. Etwas bildhaft ausgedrückt werden Kompetenzen gegen Kooperationsgewinne getauscht. Es wäre aber ein konzeptioneller Fehler, (schwache) Hierarchien aufgrund der Anarchieannahme als keine Hierarchien auszugeben. 3 Für rationale Akteure bedeutet diese eine Ungleichverteilung von Anreizen. Ein weites, aber auch konsistentes Verständnis von Hierarchien im Sinne eines rationalen Tauschmodells, das Anreizdifferenzen abbildet, kann diese Differenzen nicht auf das Verhältnis zwischen Akteuren mit unterschiedlicher Fähigkeit zur Anreizproduktion beschränken; es muss auch die Beziehung von Akteuren zu institutionellen Lösungen als Hierarchie begreifen, wenn sie einen hinreichenden Anreizbetrag verkörpert. Die Anreizbeträge, die zwischen verschiedenen Handlungsvarianten bestehen, v.a. „the gap in payoffs between cooperation and defection“ 4 , sind ebenfalls Beträge unterschiedlicher „Quasi-Hierarchien“. 5 Der Unterschied zwischen einer externen Sanktionsgewalt (z.B. dem „Staat“ oder dem „Hegemon“) und den situativen Anreizen besteht in den Formen der Anreize, nicht aber in ihrer Höhe, er ist primär ein kognitiv-symbolischer oder en heuristischer. Wenn bei der „Hirschjagd“ die Jäger durch eine Teilung der Beute nicht vom Hunger bedroht sind und die Anreizhierarchie zwischen den Beuteaussichten des Einzelnen und der Gruppe hinreichend groß ist, so ist eine hierarchische Konstellation genauso gegeben
1 “In nearly every institutional case examined strengthening took the form of enhanced monitoring capabilities. (…) Increased emphasis on monitoring and surveillance of national policies is not, (…) necessarily coupled with enhanced and centralized enforcement capabilities.” Kahler 1995, S. 118 f.
2 Frei 1982.
3 Mearsheimer S. 9; vgl. die sehr unterschiedlichen Ausprägungen hierarchischer „Konfigurationen“ bei Pfetsch 1994, S. 36 f.
4 Drezner 2000, S. 87.
5 Beide Formen können in einer Pay-off-Matrix gleichwertig dargestellt werden. Es ist somit konzeptionell konsequent, wenn die rationalistische Institutionentheorie externe und institutionell vermittelte interne Sanktionen funktional gleich behandelt. Keck 1994. Für Keck ist zweiteres das eigentliche Thema der Institutionentheorie, was zwar für die internationalen Beziehungen schlüssig ist, kaum aber als generelles Modell.
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wie bei einer Regulierung des Verhaltens der Jäger durch eine äußere Sanktionsgewalt bzw. ein Gesetz gegen „Jagdflucht“.
Damit sind die Grundlagen für ein zunächst „rationalistisch“ fundiertes Modell der Hierarchie (der Macht bzw. der Institutionalisierung) gelegt: Es handelt sich um Anreizhierarchien, die sich in unterschiedlichen Relationen der Akteure ergeben können: a) als (stabilisierte) ungleiche Tauschakte zwischen verschiedenen Akteuren. b) als ungleicher Tauschakt zwischen Akteuren und von ihnen geschaffenen äußeren Gremien („Institutionen“) Dies muss aber ergänzt werden um c) die Relation von Akteuren gegenüber Gewinnen/Verlusten, die bei entsprechendem Verhalten zueinander in einer Konstellation möglich sind (z.B. Kooperationsgewinne). 1 Bei a) teilen die Jäger die Beute gemäß ihrer Kraft, Treffsicherheit, Erfahrung etc. Bei b) liefern sie einen Teil der Beute an den Jagdverein oder Oberjäger für deren Koordinationsleistungen. Bei c) können zwei konkurrierende Jäger ein Wild nur gemeinsam zur Strecke bringen. Es besteht eine Anreizhierarchie entsprechend dem Wert der halben Beute, vorausgesetzt beide bedürfen der Beute im selben Maße. Institutionalisiert wird dies, wenn beide immer wieder ein Wild jagen, das Kooperation erfordert. Es entsteht eine Form von „Quasie-Hierarchie“. Dass Institutionen und „Macht“-Hierarchien funktionale Äquivalente seien können, zeigt nicht nur die dargestellte Logik, sondern auch die Forschungspraxis. Die Regimeforschung war teilweise deutlich dadurch motiviert, institutionelle „Surrogate“ für Hegemonien zu finden. 2 Beide Hierarchieformen sind mit Mechanismen außerhalb des rationalistischen Tauschmodells verbunden: „soft power“, Legitimität, informelle Regeln, Kultur usw. Es muss deshalb in diesem Kapitel gefragt werden, ob eine institutionentheoretische Begründung diese Hierarchien begründen kann, ob eine rationalistische Fundierung ausreicht oder ob andere Mechanismen in das Modell integriert werden müssen. Dabei wären solche Mechanismen in eine logische Ordnung zu bringen, ihre Beziehungen zu untersuchen und sie in ein Gesamtkonzept zu integrieren.
3.2) Institutionen und Institutionalisierung
3.2.1) Erste Annäherung an den Institutionenbegriff
In der Forschung zum Ostblock sind dessen Institutionen ein wesentliches Thema, zumindest wenn man sie als Gegenbild zu westlichen „Organisationen“ auffassen kann. Der hier verwendete Institutionenbegriff bleibt allerdings zumeist ähnlich vage wie der des allgemeinen politischen Sprachgebrauchs. Insgesamt gilt, was auch für weite Teile der Politikwissenschaft zutrifft: Sie fasst Institutionen im alltagsweltlichen, umgangssprachlich formulierten Verständnis. 3 In diesem Sinne sind Institutionen zumeist auch Gegenstand der Geschichtswissenschaft; dagegen sind „Reflexionen über das Institutionelle der Institutionen“ selten. 4 Differenziertere Ansätze, nicht nur Organisationen oder Rechtsstukturen, sondern soziale Institutionen explizit zum Gegenstand der Gesichtswissenschaft zu machen 5 , blieben
1 Angedeutet bei Cowhey/ Long 1983, S. 186f.
2 Zusammenfassend Wolf 1994; v.a. Keohane 1984.
3 So in Auswertung der deutschen Politikwissenschaft Göhler 1987, S. 36.
4 Blänkner konstatiert, dass die deskriptive Untersuchung der Genese einzelner Institutionen wie Staat, Verfassung, Stände vorherrschend sei. Selbst die theoretisch ambitionierteren Vertreter der "Historischen Sozialwissenschaften" und der historischen Anthropologie blieben in Distanz zu sozialwissenschaftlichen Institutionentheorien. Blänkner 1994, S. 85, 100, 102.
5 Eine Ausnahme sind die Arbeiten des von 1997 bis 2008 existierenden Dresdener Sonderforschungsbereiches „Institutionalität und Geschichtlichkeit“. Hier besonders interessant Brodocz 2005. vgl. auch Melville 1992. Der hier eingeleitete Sammelband bietet sowohl theoretische Reflektion wie Fallbeispiele von Mediävisten. Ein
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aber marginal. Sie wurden vom „cultural turn“ der Disziplin verdrängt, obgleich sie diesen in ihr Forschungsdesign hätten integrieren können. Neben Bezügen zum „historischen Institutionalismus“ oder zur „neuen institutionellen Ökonomie“ bietet der kulturwissenschaftliche Ansatz gewisse Anknüpfungspunkte. Beipielsweise bietet die „kulturelle und institutionelle Erklärung des Nationalsozialismus“ über die Analyse seiner „Organisationskultur“ deutliche Bezüge zur Institutionentheorie. 1
Wie steht es bei unserem Gegenstand? Immerhin wurde von R.M. Lepsius der Vorschlag gemacht, die Sozialgeschichte von Ostblockstaaten aus ihrer Institutionenordnung verständlich zu machen, die wiederum eine von außen gesetzte Institutionenordnung des Blocks sei. Bezüge zur allgemeinen Institutionentheorie sind aber die Ausnahme. 2 Für den Ostblock bieten selbst Studien, die Institutionen als ihren unmittelbaren Gegenstand nennen, keinen Versuch, ihr Thema zu präzisieren und definitorische Klarheit zu schaffen. Grzybowski zählt in seiner Darstellung von „Institutionen und Organisationen“ des Ostblocks zu den instituionellen Aspekten nur die „elaborate mechanisms of formal international cooperation“. Der Rest der Struktur sei „hidden from immediate sight“. Es bleibt jedoch unklar, warum „shared techniques of military, political, and economic cooperation“ keine Institutionen seien sollen. 3 Anders gefragt: Was sind dann Institutionen?
An anderer Stelle erfahren wir unter der Überschrift „Institutionalising Soviet Hegemony“ etwas über den Warschauer Vertrag und den RGW, dann aber auch über die sowjetische Militärmacht in Osteuropa, ihr Rohstoffmonopol, ihre Funktion als Konfliktschlichter, die Rolle von Kadern und von Ideologie. 4 Was aber ist hierbei Institution und was kontingentes Machtmittel? Eine neuere Studie, welche die „Entwicklung der politischen Institutionalisierung“ im Warschauer Vertrag in den „Mittelpunkt“ stellt, stiftet eher Verwirrung. Auf den ersten Blick wird Institutionalisierung hier neben „Organisation“ gestellt; letztlich werden beide dann doch synonym gebraucht. 5
Insgesamt ist eine Ausrichtung auf formalisierte Organisationsstrukturen vorherrschend, in unserem Fall verkörpert durch RGW und Warschauer-Vertrags-Organisation. 6 Gerade in der Chruschtschov-Ära sei versucht worden, die „de-satellization“ oder Desintegration des Ostblocks über formale Organisationen aufzuhalten. Andererseits sei beim Sturz Chruschtschovs klar gewesen, dass der RGW diese Ziele nicht erreicht hatte und das Streben nach nationalen Interessen dominant geworden sei. 7
Auch in der Integrationsforschung werden Institutionen als Apparate mit Entscheidungskompetenzen verstanden, deren Wachstum und Ausdifferenzierung als „Institutionalisierung“ verstanden wird. 8 Mit der Annäherung der Institutionentheorie an Fragestellungen der Integrationstheorie droht sich das Konzept an einem „Europäischen
Beispiel aus dem Bereich internationaler Beziehungen wäre die Arbeit von Kießling, die das „europäische Konzert“ vor 1914 als Institution begreift und auf die Regimetheorie verweist. Kießling 2002, S. 150.
1 Prollius 2005. Ich werde später zeigen, dass dieser Ansatz in mein Modell integrierbar ist und dabei sogleich die Lücken und Probleme aufgezeigt werden können.
2 Lepsius 1994, S. 17 ff.; vgl. zum zugrundeliegenden Institutionenbegriff Lepsius 1990.
3 Grzybowski 1964, S. 1f. Denn andererseits will die Studie die Organisation, die Ziele und Aktivitäten von Institutionen wie ihre Techniken und Funktionen analysieren. Dies ist auch aus der juristischen Perspektive des Autors zu erklären.
4 Rubinstein 1985, S. 102 ff.
5 Umbach stellt sich einen „Vergleich der Entwicklung der politischen Institutionalisierung mit der militärischen Organisation“ zum Ziel. Der Leser erfährt dann letzlich, dass ein Vergleich der formalen militärischen und politischen „Institutionen“ gemeint ist. Umbach 2005, S. 5; vgl. auch S. 578 u. 581.
6 Gitz 1992, S. 3, Korbonski 1970, S. 949, Szawlowski 1976, S. XXI.
7 Korbonski.- in Marrese/Vanous 1983, S. XIV.
8 Wessels 1997, S. 269, 274, 280.
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Modell“ der Zukunft inklusive „statelike institutions“ auszurichten. 1 Die Orientierung des Institutionenkonzepts auf formale Strukturen ist für sozial- und politikwissenschaftliche Fragestellungen in vieler Hinsicht problematisch, im Allgemeinen und für den Ostblock im Besonderen. Sie ist wohl am besten zu verstehen als Folge des Trends in modernen Gesellschaften zur „institutionalization of formal organization“. 2
Eine solche Einschränkung würde die Ergebnisse der intensiven Debatten in der Organisationstheorie um die Bedeutung formalisierter oder nicht formalisierter Regeln ignorieren. 3 So „it hardly needs repeating, that observers who assume firms to be structured in fact by the official organization chart are sociological babes in the woods“. 4 Für die Geschichtswissenschaft würde dies bedeuten, hinter dem Institutionenverständnis Otto Hintzes zurückzubleiben, der die „äußere und innere Seite“ von Institutionen thematisiert hat. 5 Dies trifft auch auf viele politikwissenschaftlichen Klassiker wie Toqueville oder Thukydides zu. Die Unterschiede formaler und nicht formaler Lösungen sind keineswegs trivial; sie sind aber nicht das konzeptionell klare Kriterium. Die Regimeforschung hat gezeigt, dass formelle wie informelle Lösungen effektiv sein könne, ja dass formelle Lösungen bei mangelnder Anerkennung destruktiv (sozusagen deinstitutionalisierend) wirken können. 6
Eine maßgebende Definition internationaler Institutionen zeigt die begrifflichen Grenzen eines solchen „formalistischen“ Ansatzes. Robert Keohane beschreibt Institutionen als “persistent and connected sets of rules (formal and informal) that prescribe behavioral roles, constrain activity, and shape expectations.” Dabei werden drei Formen unterschieden: 1. Formale zwischenstaatliche oder übernationale Nichtregierungsorganisationen; 2. Internationale Regime im Sinne von explizit ausgehandelten Regeln; 3. Konventionen, also informelle Institutionen mit impliziten Regeln. 7 Allerdings engen selbst Ansätze, die diese Formen anerkannt haben, ihren Focus wieder auf formale Organisationen ein, ohne dies begründen zu können. 8 Hier sollen Institutionen dagegen nur in einem weiten metaphorischen Sinne als „Vertrag“ oder „Recht“ verstanden werden. 9 Selbst in der historischen Institutionenforschung werden institutionelle Ordnungen von Organisationen analytisch getrennt und dann funktional aufeinander bezogen: So „können diese institutionellen Ordnungen vor allem dann ganz wesentlich von Organisationen geprägt sein, wenn diese
1 Kahler fasst so drei „disciplinary perspectives“ der Institutionenforschung zusammen: „intensified economic integration implies stronger, more formal institutions (...). Institutions become more effective as they become more ‘statelike’.” Kahler 1995, S. 19 f. u. 132. Hier werden aber wesentliche institutio- nalistische Ansätze ausgeblendet.
2 Jepperson/ Meyer, S. 213 f.
3 Scott 1986; Blau 1964; Dies ist ein wesentliches Thema des „alten“ soziologischen Institutionalismus. DiMaggio/ Powell 1991.
4 Granovetter 1985, S. 502. Es sei nur kurz auf Parsons verwiesen: „In einigen Gesellschaften und Gruppen werden beinahe alle normativen Muster einschließlich der wichtigsten Institutionen gänzlich auf informelle Weise geltend gemacht. (…)“ Parsons 1994, S. 223
5 Blänkner 1994, S. 96 f. Blänkner kritisiert auch die folgende Verengung der Perspektive. Mitunter werden „organisierte Vereinigungen“ als Variante oder Form von Institutionen beschrieben. Acham 1992, S. 25 f. u. 35ff.
6 Young 1980, S. 342 f. u. 350. Für die internationalen Beziehungen insgesamt Watson 1992, S. 312. Gerade für den zentralen Begriff der „Regeln“, genauer der „rules of power“ wird die Bedeutung formalisierter wie ungeschtriebener Bereiche hervorgehoben. Beetham 1991, S. 16.
7 Keohane 1989, S. 3 f.
8 So werden unter „Sicherheitsinstitutionen“ internationale Organisationen verstanden, die auf "vereinbarten Regeln" beruhen und stets "Organe" besitzen. Haftendorn 1997, S. 14 ff.
9 „The term ‚right’ does not necessarily imply a de jure and formal recognition by both parties of their authority to exercise control over the residual. The term can simply reflect a de facto and informal ability of one state to control the behavior of the other (…). Rights differ from mere influence, how-ever, by constituting an enduring pattern of control wirhin an ongoing relationship.” Lake 1996, S. 7.
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entweder selbst als symbolische Verkörperung der Ordnungsvorstellngen fungieren oder über den Sinngehalt der symbolischen Verkörperung wachen.“ 1
Die zitierte Ausdifferenzierung erweist sich gerade bei wesentlichen Institutionen der internationalen Beziehungen als notwendig. So erfolgte die Etablierung und Aufrechterhaltung von „Einflusszonen“ in unterschiedlichen Formen, von formalen bis zu „tacit agreements“. Letzteres gilt auch und gerade für die Etablierung der sowjetischen Einflusssphäre. 2 Deren innere Konstitution lässt sich mit einer Gleichsetzung von Institutionen und formalen Organisationen kaum sinnvoll erfassen: “Although in principle a highly integrated organism with extensive coordination between the various members and their political and military organizations, the Warsaw Pact functioned in its early stages as a limited organization, with minimal integration and coordination.” 3 Im formalen Sinne wären der Warschauer Vertrag oder der RGW Institutionen, egal ob sie als „paper institutions“ ohne Substanz existierten oder ob sie schrittweise diese Substanz erlangten, die ihnen nach ihrer Gründung fehlte. 4 Der Verweis auf die bilateralen vertraglichen Beziehungsgeflechte erklärt nicht die umfassenden Bemühungen um andere Institutionalisierungsformen; das Fehlen bestimmter formaler Institutionen wiederum nicht die (relative) Stabilität des Ostblocks. Um es zu wiederholen: Institutionen im Sinne formalisierter organisatorischer Lösungen sind keineswegs ohne Bedeutung. Sie werden im Zusammenhang mit dem RGW wie der außenpolitischen Kooperation im Ostblock später ausführlich behandelt. Sie können Institutionenkosten senken und die politischen Inhalte mit bestimmten Symbolen und Logiken verkoppeln. Damit verändern sie die Ergebnisse. Im Sinne dieser Arbeit sind sie aber keine Institutionen, sondern Organisationsformen; sie bedürfen der „Institutionalisierung“.
Eine angemessene Definition muss alle funktionalen Äquivivalente einbeziehen. Um Missverständnissen aus dem Wege zu gehen, soll diese Gesamtheit als Institutionalisierung bezeichnet werden. 5 Dennoch soll eine sinnvolle Beschreibung von Institutionalisierung genannt werden, die auf das Formale gerichtet ist: „The beliefs are instantiated in rules, laws, regulations, standart operating procedures, or other kinds of expected practices within institutions; they become practicle and measurable.“ 6 Dies weist auf eine Funktion formaler Repräsentationen: Sie bieten eine Rückkopplungsmöglichkeit für beliefs, die in der sozialen Praxis realisiert wird. Es muss im Verlaufe dieses Kapitels nach den Formen und Mechanismen solcher Rückkopplungen gefragt werden.
Angesichts der enormen Vielfalt existierender Definitionen muss mit einer sehr allgemeinen Begriffsbestimmung begonnen werden. Institutionen (d.h. Institutionalisierungen) sollen gegenseitige Erwartungen stabilisieren. 7 „Institutionen sind relativ auf Dauer gestellte, durch Internalisierung verfestigte Verhaltensmuster und Sinnorientierungen mit regulierender sozialer Funktion. Sie sind relativ stabil und damit auch von einer gewissen zeitlichen Dauer; ihre Stabilität beruht auf der temporären Verfestigung von Verhaltensmustern. Sie sind
1 Brodocz 2005, S. 14; vgl. auch Rehberg 1994; Rehberg 2002.
2 Keal 1983; für Internationale Regime vgl. Young 1980, S. 344 ff.
3 Kolkowicz 1969, S. 90 f. Allianzen wie die NATO können sogar die Verfolgung von konkurrierenden Einzelinteressen der Allianzpartner fördern. Krebs 1999.
4 So Holloway 1984, S. 20, 23 u. 38.
5 Haas definiert Institutionalisierung als “development of new organs, principles of action, and administrative practices”. Haas 1991, S. 89. Es wird zu zeigen sein, dass auch diese Definition - obgleich sie Wissensbestände beinhaltet - noch zu restriktiv ist.
6 Dies erleichtert Beobachtung und Bewertung. Crawford 2002, S. 105.
7 Dieser Gedanke findet sich bereits bei D. Hume. vgl. Keal 1983; zur Vielfalt bestehender Defini- tionen vgl. DiMaggio/ Powell 1991.
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soweit verinnerlicht, dass die Adressaten ihre Erwartungshaltung, bewusst oder unbewusst, auf den ihnen innewohnenden Sinn ausrichten. Institutionen sind prinzipiell überpersönlich und strukturieren menschliches Verhalten; sie üben insoweit eine Ordnungsfunktion aus.“ 1 Dies ist ein erster Hinweis auf die Weite etablierter Institutionenbegriffe. Deshalb soll zunächst nicht von der allgemeinen Institutionentheorie ausgegangen werden, sondern von einem Sonderbereich politischer Institutionentheorie im Rahmen des „Neuen Institutionalismus“, dem rationalistisch fundierten „liberal institutionalism“.
Obgleich mikroökonomisch begründet, können hieraus die Funktionen von Institutionen in doppeltem Sinne abgeleitet werden: als Zweck für soziale Systeme und als Nutzen für rationale Akteure. Sie bedienen eine individualistische und eine funktionalistische Logik zugleich. 2 Warum also besteht - wie R. Keohane fragte -eine Nachfrage nach Institutionen? Bei der Beantwortung dieser Frage sollte nicht nur - wie es seit H. Spencer immer wieder gemacht wurde - auf die Überlebensfähigkeit sozialer Systeme verwiesen werden.
Akteure handeln unter der Bedingung von Unsicherheit; Unsicherheit kann zu suboptimalen Ergebnissen führen; Institutionen vermindern Unsicherheit. Soweit der Konsens des „neoliberalen Institutionalismus“. Grundlegende Institutionenfunktionen sind deshalb Kontingenzverringerung und die Senkung von Transaktionskosten (Vorbereitungskosten, Versicherungskosten, Informationskosten). 3 Dabei bieten sie Verifikationsmechanismen, die nicht nur die Beobachtung erleichtern, sondern auch gegenseitige Erwartungen, vor allem kooperative Intentionen, kommunizierbar machen. Sie bieten ein Forum für wiederholbare Interaktionen (iterative interactions) und senken damit Verhandlungs- und Durchsetzungskosten. Akteure werden als Verhandlungspartner überhaupt erst anerkannt und damit die „costs of initiating the negotiating process“ gesenkt. Für unser Thema ist es zudem von Interesse, dass die Teilung oder Selbstbeschränkung von Macht durch die Bindung an Institutionen ermöglicht werden soll. 4 Kostenreduktion ist die eine Seite, Unsicherheitsreduktion die andere.
Unsicherheit kann unterschiedliche Quellen haben. Die simple Nichtkenntnis von Konsequenzen in komplexen Entscheidungssituationen (first order complexity) 5 ; Dilemmasituaionen wie das Gefangenendilemma, in denen rationales Verhalten zu suboptimalen Ergebnissen führt; strategisch opportunistisches Verhalten der Akteure, die nach „Extraprofiten“ streben. Zudem existiert diese Unsicherheit auf verschiedenen Ebenen. Zunächst erfordert die Einschätzung von Handlungsergebnissen für Akteur A Erwartungen über die (Re-)Aktionen anderer Akteure. Ob diese Erwartungen zutreffend sind, hängt aber zugleich von den Erwartungen der anderen Akteure über die Handlungen und Erwartungen von Akteur A ab. Diese soziale Grundkonstellation der „doppelten Kontingenz“ kann selbst für den rationalsten Akteur dazu führen, in einem Holmes-Moriarty-Dilemma gefangen zu werden. 6 Auch wenn dieses begriffliche Instrumentarium relativ neu ist, erfassten politische Theoretiker wie Praktiker stets das Problem, dass „Eigennutz“ zu suboptimalen Ergebnissen führen konnte. 7
1 Göhler 1987, S. 17. Acham 1992, S. 33.
2 Auf diesen Doppelcharakter haben u.a. G.Göhler und K. Acham hingewiesen.
3 Müller 1989, S. 278 f.
4 Hoddie/ Hartzell 2005, S. 27ff.
5 Diese kann man definieren als „contextual complexity, in which agents (…) confront unpredicta- bility, radical uncertainty and the unkonown“. Amin/Hausner 1997, S. 6; Delorme 1997, S. 36f.
6 Hierbei handelt es sich um eine Endlosschleife gegenseitiger Verhaltensantizipationen hochra- tionaler, strategischer Akteure ohne Ergebnis.
7 Natürlich könnte hier auf Th. Hobbes verwiesen werden. Die Auffassung von Friedrich II. erscheint nicht minder interessant. Die Unvollkommenheit von Institutionen folgt bei diesem aus der Unvoll-kommenheit des
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Diese allgemeinste sozialwissenschaftliche Definition von Institutionen umfasst aber nicht das gesamte Spektrum von Handlungsrestriktionen. Unsicherheiten entstehen in höherem Maße bei Umweltveränderungen außerhalb der jeweiligen Akteurskonstellation. Nun müssten die Umwelt und/oder die sich der Umwelt anpassenden Erwartungen stabilisiert werden. Zum Dritten entsteht Unsicherheit durch Institutionen selbst. Diese vermindern Unsicherheit stets nur teilweise. Im Falle einer Umweltänderung kann nicht nur eine Veränderung der Erwartungen gemäß der Größe der Umweltänderung eintreten; die etablierten Institutionen können plötzlich gänzlich disfunktional werden. Institutionenwandel aber ist teuer und produziert (qualitativ) neue Unsicherheit. Es ist also eine Institutionalisierung des Institutionenwandels notwendig. Anders formuliert: Die Nachfrage nach Institutionen entsteht durch Komplexität und deren Veränderung in drei Dimensionen und ihrer Verknüpfung: a) die Komplexität von Interaktionen; b) die Komplexität der Umwelt; c) die Komplexität des Institutionengefüges selbst.
Ganz allgemein senken also Institutionen die Kosten von Interaktionen und ermöglichen Handlungsergebnisse, die unter der Bedingung „anarchischer“ Unsicherheit nicht eingetreten wären. Dies kann zu Positivsummenspielen führen, die Mittel/Anreize für neue Institutionen bereitstellen. Institutionen wirken, indem sie Informationen liefern, „monitoring“ betreiben, Transaktionskosten senken und vor allem durch die „Funktion, das Verhalten ihrer Mitglieder durch geeignete Verhaltens- und Verfahrensregeln im Sinne von kooperativen Verhaltensweisen zu beeinflussen, und zwar in einer Weise, dass es trotz konkurrierender Interessen über einen längeren Zeitraum zu einer Zusammenarbeit“ kommt. 1 Kurz: Institutionen liefern die Voraussetzungen von Kooperation oder senken ihre Kosten.
Diese funktionalistische Bestimmung ist allerdings mit zwei wesentlichen Mängeln behaftet. Zum einen herrscht jenseits der Aufzählung von Funktionen eine Konfusion der Konzepte. Zum zweiten - und ersteres begründend - ist ein funktionalistischer Ansatz nicht logisch im strengen Sinne. Er erklärt vorwiegend die Nachfrage, kaum aber das Angebot an Institutionen. Er erklärt kaum die Existenz und das Überleben zahlreicher disfunktionaler institutioneller „Lösungen“. 2 “Once these functions are enumerated, the remaining positive research program which follows is unclear. (…) Numerous institutional solutions to a given problem of cooperation are possible, and little work has been done to show how particular contracting problems may yield particular governance solutions.” 3 Diese Probleme sollen am Beispiel des entwickeltsten Zweiges der internaionalen Institutionenforschung, der Regimetheorie, angedeutet werden. 4
3.2.2) Probleme der Regimetheorie
Das Spektrum an Regimedefinitionen reicht von formalen Regelwerken bis zu jeder Art von Normensystem. Auf der einen Seite steht die Auffassung, dass jede „regularity in behavior“ auf ein Regime verweist. 5 Diese Auffassung habe sich - so Haggard und Simmons - kaum durchgesetzt, da sie zu weit sei, den normativen Konsensus in der internationalen Politik überschätze und zu Tautologien neige. 6 Das wesentliche Charakteristikum dieser
Menschen wie seiner Werke. „Eigennutz“ entspricht hier sozusagen „bounded rationality“. Allerdings wertet er - in seiner Verteidigung hierarchischer Regierungsformen - indivi-duelle Rationalität im dem Sinne ab, dass der Einzelne durch „Leidenschaften“ getrieben sei. Friedrich II. (1777) 1985, S. 349.
1 Haftendorn 1997, S. 16. Eine konzise Zusammenfassung bietet auch Kahler 1995, S. 6ff.
2 DiMaggio/ Powell 1991.
3 Simmons/ Haggard 1987, S. 508 und 506.
4 Mitunter werden „Regime“ und „Institution“ sogar synonym gebraucht. Kahler 1995, S. 3.
5 Puchala/ Hopkins 1983; Czempiel 1986.
6 Haggard/ Simmons 1987, S. 493.
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Regimeauffassung besteht aber vor allem in ihrer Beschreibung als „attidudinal phenomenon“. 1 Sicherlich steht die Frage, ob es nicht „natürliche“ Gleichgewichtssituationen für stabiles Verhalten gibt und wie diese von einem solch weiten Regimebegriff abzugrenzen wären. Hier könnte aber die Spieltheorie das notwendige Werkzeug bieten. Als weiter Institutionenbegriff scheint diese Auffassung durchaus für eine Binnendifferenzierung offen. Auf der anderen Seite steht eine eher formale Sicht: “Regimes define the range of permissable state action by outlining explicit injunctions.” 2 Eine solche Auffassung impliziert einen Grad an Hierarchie, der dem Gros der Regimeauffassungen fremd ist. Selbst wenn Regime nur die „Umrisse“ abstecken, müßte erklärt werden, wie „explicit injunctions“ in einer „anarchischen“ Welt wirken.
Ein etwas anderes Spektrum ließe sich zwischen neoliberalen und den normativen Regimeauffassungen der kritischen Theorie aufzeigen. 3 Versuche, den Forschungsstand zusammenzufassen, enden jdenfalls in Definitionen, die entweder vage oder tautologisch sind. 4
Angesichts dieser Vielfalt ist es nicht verwunderlich, daß sich die vermittelnde Regimedefinition Krasners allgemein durchgesetzt hat: “Regimes can be defined as sets of implicit or explicit principles, norms, rules, and decision-making procedures around which actors’ expectations converge in a given area of international relations. Principles are beliefs of fact, causation, and rectitude. Norms are standarts of behavior defined in terms of rights and obligations. Rules are specific prescriptions or proscriptions for action. Decision-making procedures are prevailing practices for making and and implementing collective choice.” 5 Diese Aufzählung verschiedener Komponenten bietet allerdings weder unter den Komponenten eine klare Abgrenzung und eine Bestimmung ihrer Wirkungsweise noch eine Abgrenzung nach außen. Einige Autoren gehen davon aus, dass eine Ableitungshierarchie besteht, mit der die innere Logik des Regimes sinnvoll beschrieben werden kann. 6 Zumeist bleibt offen, warum z.B. die allgemeine Meistbegünstigung im GATT als „basic norm“ beschrieben wird und nicht als „basic rule“. 7 Dies ergibt sich aus einer definitorischen Entscheidung, die Prinzipien und Normen als die grundlegenden Merkmale von Regimen auffaßt, deren Änderung auch einen Wechsel des Regimes bedeute, eine Änderung von Regeln und Prozeduren nur eine Veränderung im Regime. Wenn eine Regel die Verteilungswirkungen eines Arrangements fundamental ändert, ist das prinzipielle Interesse der Akteure wohl wahrscheinlich. Sicher: “Fundamental political arguments are more concerned with norms and principles than rules and procedures.” 8 Wodurch aber erhalten „beliefs of fact“ den Status von Prinzipien? Auf welcher Ebene „existiert“ eine Festlegung „gemeinsamer faktischer Annahmen“? 9 Sicherlich ist hier an eine Abstufung von allgemeinen Prinzipien zu operationalisierbaren Regeln gedacht. Dies wird jedenfalls nicht systematisch begründet. Man kann sich nur eine vage Abstufung von Anerkennung, „Eingebettetsein“ und Allgemeinheitsgrad vorstellen, ohne die Ableitungsmechanismen zu kennen. Die Begründung
1 Puchala/ Hopkins 1983, S. 62.
2 Haggard/Simmons 1987, S. 495. Der Bezug auf Young erscheint allerdings nicht gerechtfertigt.
3 Als Beispiel für letztere vgl. Samhat 1997.
4 Wolf definiert Regime als “institutionalisierte Form des norm- und regelgeleiteten Verhaltens bei der politischen Bearbeitung von Konflikten oder Interdependenzproblemen“. Wolf 1994, S. 423. Entweder norm-und regelgeleitetes Verhalten ist institutionalisiert, oder Institutionalisierung muß als darüber hinausgehende Komponente präzise bestimmt werden.
5 Krasner 1983, S. 2.
6 Müller 1989, S. 282 ff. u. 308; Wolf 1994, S. 423.
7 Krasner 1983, S. 4. Vgl. auch Haggard / Simmons 1987, S. 493. Diese verweisen auf die mangelnde Abgrenzung von Prinzipien, Normen und Regeln. Zum Problem mangelnder Präzision vgl. auch Strange 1983, S. 343.
8 Krasner 1983, S. 4.
9 Keck 1991, S. 638.
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von Regimen setzt die Wirkung von Regimen geradezu voraus; ein Zirkelschluss droht. Das konzeptionelle Grundproblem liegt jedoch tiefer: Warum sollen die allgemeineren „Prinzipien“ stärker institutionalisiert sein als die konkreteren Regeln und Prozeduren? Auf diese Fragen wird zurückzukommen sein.
Zumeist wird nur die allgemeine Funktion und Wirkung von Regimen bestimmt. Erstens: Sie sind mehr als vorübergehende Übereinkünfte, die sich mit jeder Veränderung von Macht und Interesse wandeln. Sind hier nur die „myopic interests“ gemeint, die zugunsten längerfristiger Gewinnerwartungen vernachlässigt werden, oder wandeln Regime die Interessen? Zunächst ersteres; aber die Perspektive, in der sich das Nutzenkalkül realisiert, kann so weit gedacht werden, dass sie jedes „abrechenbare“ Kalkül transzendiert. Regime werden gegen fassbare Kosten-Nutzen-Betrachtungen aufrechterhalten, einerseits weil rationale Akteure auch unter der Bedingung von Unsicherheit zu längerfristigen Perspektiven kommen wollen, andererseits aufgrund von „costum and usage“. 1 Der Akteurstyp (homo oeconomicus oder homo sociologicus) verschwimmt und damit die Abgrenzbarkeit der Definition nach außen. „Problems exist in operationalization this definition: in particular, when the concept of international regime is extended beyond the institutionalized results of formal interstate agreements, the boundaries between regime and nonregime situations became somewhat fuzzy.” 2 Zweitens: Regime produzieren Kooperation. Unklar bleibt wie. Eine Nye und Keohane zugeschriebene Definition beschreibt Regime als “sets of governing arrangements” einschließlich “networks of rules, norms, and procedures that regularize behavior and control its effects”. 3 Eine solche Formulierung impliziert - wie der Regimebegriff selbst - so etwas wie eine Hierarchie 4 , ohne dass dieser Eindruck gewollt ist.
Diese wie andere wichtige Regimedefinitionen bestehen aus zwei Grundkomponenten: Es erscheint als Normen- und Regelsystem, das auf Anreizen und konvergierenden Erwartungen beruht. 5 Das Verhältnis dieser beiden Bestandteile aber bleibt vage oder weicht in verschiedenen Definitionen voneinander ab. Es schwankt zwischen gegenseitiger „Produktion“ und Identität. 6 Die Wirkungsweise der Regelwerke wird als selbstevident aufgefaßt und nicht näher erläutert. Dies ist ein wesentliches Problem für das Verständnis von Institutionen. So werden Normen- und Wertesysteme als wesentlich, aber extern aufgefasst, andererseits Internationale Regime als Institutionen betrachtet, die Prinzipien und Normen explizit als ihre Bestandteile auffassen. 7 In der Welt von Krasners Definition produzieren „beliefs“ (als Komponente von „principles“) konvergierende Erwartungen. 8 Wie aber sind diese definitorischen Elemente zu trennen, wie kann man sich ihr Verhältnis denken? Puchala
1 Krasner 1983, S. 3 u. Krasner 1983a, S. 360
2 Keohane/ Nye 1987, S. 741.
3 Krasner 1983, S. 2 zitiert hier Nye/ Keohane, ohne dass der zweite Teil des Zitats an der entspre- chenden Stelle zu finden ist. Vgl. Nye/ Keohane, S. 19 ff.
4 Vgl. Auch Strange 1983, S. 343 ff. Diese Hierarchie erscheint - am Nationalstaat gemessen - als reine Fiktion.
5 Kohler-Koch 1989.
6 In der Definition von J. Ruggie werden - im Gegensatz zu Krasners Konzept - Erwartungen eher als konstitutiv aufgefasst denn als Ergebnis von Regimen. Ruggie 1975. Robert Jervis definiert ein Sicher- heitsregime als "those principles, rules, and norms that permit nations to be restrained in their behavior in the belief that others will be reciprocate. This concept implies not only norms and expectations that facilitate cooperation, but a form of cooperation that is more than the following of short-run self inter-est". Jervis 1983, S. 173. Das Verhältnis der beliefs zu den anderen Regimekomponenten bleibt vage; die Erwartungen allerdings sind integraler Bestandteil des Regimes.
7 Haftendorn 1997, S. 14f. u. 20f.
8 Die etwas andere Definitin von O. Young, in der "recognized patterns of behavior or practice" konvergierende Erwartungen produzieren ist kaum weniger tautologisch. Young 1983, S. 277.
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und Hopkins bieten mit ihrer bereits zitierten Auffassung eine simple Antwort: Sie sind identisch. 1
Die Probleme werden um so deutlicher, wenn man Versuche betrachtet, Regime zu Institutionen im allgemeinen in Beziehung zu setzen: „Regimes aid the ‚institutionalization’ of portions of international life by regularizing expectations, but some international institutions such as balance of power are not bound to explicit rights and rules. ‘Convergent expectations’ may or may not be tied to explicit agreements - they might, in fact arise in a milieu characterized by substantial conflict.” 2 Damit wäre der Begriff von Institutionen, die stabilisierte Erwartungen produzieren, aufgehoben zugunsten eines weiteren Verständnisses. (Dann wäre es möglicherweise sinnvoll, Regime als spezifischen Institutionentyp aufzufassen, der explizite Regelwerke umfaßt, und zu anderen Institutionenformen in spezifischen Beziehungen steht.) Regime stützen demnach Institutionen, sind aber zugleichzumindest in Teilen ihrer Merkmale - mit diesen identisch. Dies zeigt, daß selbst die Beschränkung auf eine besondere Forschungsrichtung, die Institutionen thematisiert, zu keiner Klärung der Begriffe und Konzepte führt. Die Probleme, die durch vage oder gar keinerlei Definitionsversuche bestanden 3 , sind keinesfalls gelöst. Definitorische Schwächen bieten Kritikern nicht nur eine offene Bresche, sie bieten gleich die Möglichkeit, die Bresche „mitzubauen“. 4
Was ist notwendig? Institutionen müssen anhand ihrer Wirkungsweise, ihrer Regulationsmedien, systematisiert werden 5 ; es müssen entsprechende Kriterien für ihre Wirkungsweise, den Institutionalisierungsgrad, formuliert werden, und es muß das Verhältnis unterschiedlicher Institutionalisierungsformen thematisiert werden.
Diese vorerst sehr allgemeine Annäherung an Institutionen bedarf offensichtlich einer Präzisierung und Binnendifferenzierung. Der Neoliberale Institutionalismus nimmt in dieser Hinsich an, “that the ability of states to communicate and cooperate depends on humanconstructed institutions, which vary historically and across issues, in nature (with respect to the policies they incorporate) and in strength (in terms of the degree to which their rules are clearly specified and routinely obeyd)”. Dies umfasst ein weites Spektrum an Institutionalisierungsgraden wie an institutionellen Formen. Von einer Typenbildung ist dies aber noch weit entfernt. 6 Es bleibt die “key tasc (…) to explain variation in the strength of institutional rules”. 7
Als Dimensionen von Institutionalisierung werden genannt: I. Commonality (Niveau, auf dem Erwartungen über angemessenes Verhalten von den Akteuren geteilt wird); II. Specifity (Niveau der Spezifizierung dieser Erwartungen als Regeln); III. Autonomy (Fähigkeit der
1 Puchala/ Hopkins 1983, S. 62: "But regimes themselves are subjektive: they exist primarily as participants' understandings, expectations or convictions (…)."
2 Simmons/ Haggard 1987, S. 496. Für andere Autoren sind Regime soziale Institutionen in spezifischen Tätigkeitsbereichen. Young 1983, S. 277.
3 Bereits 1936 beklagte der Soziologe Hughes treffend, die einzige Überenstimmung aller Institutionenbegriffe sei "some sort of establishment of relative permanence of a distinctively social sort". Keohane 1989 a, S. 162.
4 Als Beispiel Mearsheimer 1994/95, S. 8 f.
5 Dass dies nicht systematisch geschieht, könnte auch am uneinheitlichen theoretischen Status von Institutionenkonzepten liegen. Obgleich oft in einer solchen Tradition, sind sie nicht (völlig) „empiricist“, da sie ihre Phänomene nicht unter „lawlike regularities“ subsumieren können, aber auch nicht völlig einem „scientific realism“ zuzuordnen, der die zugrundeliegenden „causal mechanisms“ zum Gegenstand hat. Vgl. Wendt 1987, S. 353.
6 Der Verweis auf die „Stärke“, also den Institutionalisierungsgrad, produziert eher Verwirrung, wenn „high institutionalization“ mit geringer Wirkung kontrastiert wird. Formalisierung erscheint dann unvermutet wieder als Kriterium: “Practices that are not highly instutionalized may be of supreme importance (…). Sovereign statehood was one such practice even before its rules had been codified.” Keohane 1989, S. 2 u. 7.
7 Powell 1991, S. 201.
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Institutionen, ihre eigenen Regeln ändern zu können statt vollständiger Abhängigkeit von äußeren „agents“ mit dieser Fähigkeit). 1 Dies sind wesentliche Kriterien, die in unser obiges Spektrum formaler Institutionen integrierbar sind. Sie zeigen aber auch, dass qualitativ unterschiedliche Dimensionen eine Rolle spielen. So ließen sich kaum alle drei Indikatoren auf einer systematischen Achse darstellen. In dieser Situation ist der Zugriff auf die „many new institutionalisms“ 2 und ihre analytische Trennung erforderlich.
3.3) Zwei institutionelle Grundtypen
Als Ausgangspunkt soll der Versuch Keohanes dienen, die Vielfalt von institutionalistischen Ansätzen in zwei Gruppen zu systematisieren. Diese Trennung ist nicht bloß eine analytische, sondern eine zwischen den „Lagern“ einer „Großdebatte“ unter den Theoretikern internationaler Beziehungen. 3 Grundsätzlich könne man unter Institutionen entweder einen „general pattern or categorization of activity“ verstehen oder ein „particular humanconstructed arrangement, formally or informally organized“. Beide entsprächen einem weiten Verständnis von Institutionen; “both involve persistent and connected sets of rules (formal or informal) that prescribe behavioral roles, constrain activity, and shape expectations”. In diesem Sinne unterscheidet Keohane spezifische Institutionen und Praktiken, die er einem rational und einem reflective approach zuordnet. 4
Der erste ansatz wurde bereits angedeutet; in seinem Sinne existieren Institutionen nur, wenn sie einen Gewinn versprechen, der ansonsten den Akteuren nicht zugänglich sein würde. Grundsätzlich überwinden Institutitutionen Unsicherheit, indem sie Antworten auf zwei Fragen ermöglichen: Welche Kooperationslösung ist allen Akteuren angemessen und wie kann diese Lösung stabilisiert werden? In der folgenden Betrachtung des rationalistischen Ansatzes geht es zunächst nicht um eine Kritik an den unrealistischen Annahmen eines rationalistischen Institutionenmodells. Es geht zunächst um eine Betrachtung der inneren Geschlossenheit des Ansatzes selbst.
3.3.1) Rationalistische Institutionentheorie
Die Rational Choice-Orientierung dieser Richtung stellt natürlich die Nutzenkalküle rationaler Akteure in den Vordergrund. Ausgangspunkt sind zumeist Kooperationsdilemmata, die bei strategisch-rationalem Handeln der Akteure zu suboptimalen Ergebnissen führen. Die Probleme von Kooperationsversuchen unter „Anarchie“ werden gewöhnlich durch Spielsituationen wie das „Gefangenendilemma“ (PD) verdeutlicht. Sie verkörpern ein „dilemma of the common interest“, das Situationen beschreibt, in denen das Pareto-Optimum kein natürliches Gleichgewicht besitzt. 5 Institutionen ermöglichen das Entkommen aus solchen Dilemmata.
1 Keohane 1989, S. 4 f.
2 So DiMaggio/ Powell 1991, S. 1 u. 3. Es gebe so viele neue Institutionalismen wie sozialwissen- schaftliche Disziplinen.
3 Schimmelpfennig 2001.
4 Keohane 1989a, S. 160 ff.
5 Im Gegensatz zum PD können andere Formen Akteure mit nicht-dominanten Strategien umfassen. Stein 1983, S. 128
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Hier kann es nicht darum gehen, die methodologischen Probleme der Spieltheorie zwischen „baroque modeling choices and empirical robustness“ zu diskutieren. 1 Auch die Einwände gegenüber unrealistischen Prämissen oder dem begrenzten Erklärungswert solcher Modelle stehen hier nicht im Mittelpunkt. 2 Hier geht es nur darum, ob sie eine geschlossene rationalistische Institutionentheorie begründen können. Kann die Funktions- und Wirkungsweise einer relevanten Zahl von Institutionen rationalistisch begründet werden?
Zunächst soll hier darauf hingewiesen werden, dass das Gefangenendilemma eine problematische Analogie darstellt, da seine spezifische Payoff-Matrix gerade nicht aus einer rein „anarchischen“ Spielsituation herrührt, sondern aus der Mischung einer anarchischen Kooperationssituation der beiden Spieler (Gefangene) und der verdeckten hierarchischen Tauschsituation zwischen den einzelnen Spielern und einer dritten Gewalt (Staatsanwalt). Diese Tauschbeziehung wird, obwohl sie eine implizit soziale Beziehung darstellt, als frei von Unsicherheit angenommen, während die Kooperationssituation der „Gefangenen“ schwer durch Unsicherheit belastet wird. Dieser Unterschied kann systematisch durch die Parallelität einer institutionalisierten und einer nicht-institutionalisierten Beziehung erklärt werden. Dann bleibt nur das Plausibiltätsproblem, warum hier eine Institution existiert (Rechtssystem) und dort nicht (z.B. keine „Ganovenehre“ 3 ). Dies hebt den Erklärungswert der formalisierten Spielsituation keineswegs auf, dieser wird aber bei einer Analogie plausibler, bei der die Payoffs tatsächlich extern existieren und nicht von der Stabilität einer querliegenden sozialen Beziehung abhängen (z.B. Hirschjagd/ stag-hunt).
Diese unbeachtete Parallelität zweier entgegengesetzter sozialer Kontexte ist bereits ein Hinweis auf ein grundlegendes konzeptionelles Problem rationaler Modelle. Wenn daswörtlich genommene - PD zwei soziale Kontexte voraussetzt, illustriert dies die Annahme, „that even material bargaining theories assume a certain social context: one in which actors are self-interested rivals operating in a context of distrust and latend hostility“. 4 Damit sind wir aber bereits einen Schritt zu weit gegangen.
Das PD verweist auch auf das Problem, ob die Präferenzordnung oder die Auszahlungen selbst thematisiert werden müssen. Obwohl Axelrod und Keohane ganz richtig bemerkt haben, dass es bei Kooperation um einen Mix aus „conflicting and complementary interests“ geht und ihre Beispiele davon ausgehen, dass der Grad gemeinsamer/ konfligierender Interessen ausschlaggebend sein kann 5 , wenn Institutionen die Präferenzordnung verändern sollen, beschränken sie sich wie üblich auf die Formalisierung der Präferenzordnung und nicht der Gewinnsummen. Ein Wandel der Payoff-Matrix zu einem „Gleichgewicht“ setzt aber voraus, dass die Beträge nicht zu weit auseinanderliegen. Immerhin können sich hinter einer ordinalen Payoff-Matrix ganz unterschiedliche kardinale Pay-offs verbergen 6 und damit ganz unterschiedliche Grade von (potentieller) Hierarchie. „Schlanken“ spieltheoretischen Modellierungen können also entscheidende Informationen über die Möglichkeiten
1 Allan/ Dupont 1999.
2 Eine Überprüfung könnte zeigen, “that people are rarely so careful and calculating in their thought processes”, so daß rationale Theorien “may not be very precise descriptions of how people usually make decision”.Lau/ Sears 1986, S. 349. Das Gegenargument lautet, dass hier modelliert wird, dass Akteure sich verhalten, “als ob“ sie vollständig rational wären.
3 Lipson hat ganz richtig darauf hingewiesen, dass sich bei einer ethischen Verpflichtung zur Kooperation die Pay-off-Struktur verändert und möglicherweise kein PD mehr vorliegt. Lipson 1984/85, S. 4. Ebenso Granovetter 1985, S. 490 f.
4 Schoppa 1999, S. 339, der sich auf einen Hinweis von A. Wendt bezieht.
5 So zum Beispiel in der Bewertung von Verteidigung und Angriff in der Julikrise 1914. Axelrod/ Keohane 1985, S. 226 u. 230 f.
6 Am Beispiel eines PD und experimenteller Erfahrungen. Lipson 1984/85, S. 8. Für die Vorteile von simpleren „ordinal scales“ Allan/ Dupont 1999, S. 34 u. 42; vgl. auch Krebs 1999, S. 350.
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institutionalisierter Beziehungen fehlen; differenziertere Varianten bieten auch sehr differenzierte Ergebnisse. 1
Viele Spielsituationen ermöglichen eine Vielzahl von „Lösungen“, „multiple equlibria“, die eine Entscheidung allein aufgrund rationaler Kriterien weder möglich noch erklärbar machen (Folk-Theorem). 2 Dieses „problem of assigning preference“ (Fearon) ist die erste Stufe des Problems. Es lässt sich verdeutlichen, wenn die „Lösungen“ als verschiedene Varianten möglicher Verträge aufgefasst werden. Dies betrifft zunächst die Implementationsphase eines Tauschaktes (Vertrages). In diesem Falle ist es ein schwerwiegender konzeptioneller Mangel, dass das PD und seine „Verwandten“ Verhandlungsprobleme nur unzureichend widerspiegeln. 3 Denn: “Regardless the specific domain in arms control, trade talks, exchangerate-coordination, or environmental regulation, there will almost invariably be many possible ways of writing the treaty or agreement that defines the terms of cooperation, and the states involved will surely have conflicting preferences over some subset of these various possibilities. (…) and of course uncertainty about the minimum that the other side would accept is often important in international negotiations.” 4 Eine fundamentale Ursache für diese Uneindeutigkeit besteht in der Unmöglichkeit bzw. Kostspieligkeit vollständiger Verträge. Selbst wenn akzeptierte Regelsysteme existieren, kann „more than one set of rules of the game“ existieren. 5 Erklärungsprobleme bestehen somit angesichts abweichender Institutionalisierung in verschiedenen „issue-areas“.
Zudem bleibt die Relation der Pay-offs konzeptionell oft unberücksichtigt. Dies betrifft nicht nur den Einwand einiger Realisten, dass damit „relative gain seeking“ als Hauptproblem anarchischer Situationen unberücksichtigt bleibt. 6 Vor allem bleiben wichtige Komponenten unseres Tauschmodells unberücksichtigt, das keine Auszahlungen außerhalb von Relationen kennt: die übereinstimmende Bewertung der Güter und ihrer Kosten und die Akzeptanz ihrer Komplementarität. Der Preis der Güter ist aber oft nicht selbstevident, weder für den Anbieter und in noch viel geringerem Maße für den Abnehmer; er ist also umstritten. Es handelt sich um „bargaining situations“ auf zwei Ebenen: der Preise und der Mengen. Diese wurden von Th. Schelling dadurch charakterisiert, dass sie eine Vielzahl von „self-enforcing agreements or outcomes“ besitzen, die von den Akteuren der Nicht-Kooperation vorgezogen werden. 7 Dies gilt sowohl für den „Tausch“ der Akteure unter Beachtung einer dritten „Gewalt“, sei es ein Hegemon oder eine Organisation, als auch der Parteien untereinander unter Beachtung gemeinsamer Gewinnmöglichkeit. Im PD als Analogie betrifft dies die Anteile am gemeinsamen Verbrechen wie die Vorstrafen im Verhältnis zu den angedrohten Strafen, aber auch die Ergebnisse des „Deals“ mit dem Staatsanwalt im Verhältnis zur Bewertung der Gegenleistung (des „Geständnisses“). Bei Kooperationsprozessen sind die Bewertungsprobleme also noch größer; sie umfassen die Bewertung der Prozesseffektivität, der Prozessgerechtigkeit und der Ergebnisse in einer Dreieckskonstellation der Akteure zur
1 Die Aussagefähigkeit spieltheoretischer Modell, welche die Höhe der Auszahlungen thematisiert zeigt z.B. Coleman 1990. Geht man realistischerweise von unterschiedlichen strategischen Positionen der Akteure aus, ergeben bereits Modifikation von PD-verwandten 2 x 2 mixed-motive-games 78 Varainten. Worchel 1985, S. 149.
2 Darauf wird später zurückzukommen sein; vgl. u.a. Wendt 1999, S. 159; Hechter 1990, S. 15f.
3 Fearon 1998, S. 273 f. Ebenso betont L. Martin, dass Koordinationsspiele intensive Verhandlungen verlangen. Martin 1993, S. 101; zur Trennung von ex ante und ex post Phasen vgl. auch Drezner 2000.
4 Fearon 1998, S. 274.
5 Garret/ Weingast 1993, S. 179 f.
6 Grieco 1988; dem entgegengesetzt Haftendorn 1997; vgl. auch Vowe 1994, S. 435.
7 Schelling 1960, Kap. 2.
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institutionellen „Lösung“. Die Wahrnehmung ihrer Gerechtigkeit aber entscheidet über oft Konflikt oder Kooperation. 1
Damit ist im Rahmen einer rein rationalistischen Theorie nicht nur die Frage schwer zu beantworten, „how actors settle on one solution to a cooperation problem when there are multiple sustainable equilibria with no rational desiderate“ 2 . Eine rationalistische Modellierung der Pay-offs beinhaltet ebensowenig, dass die Relation der Gewinne akzeptiert sein muss, um ein bestimmtes Feld der Matrix zu einer „Lösung“ werden zu lassen. Institutionen müssten also auch akzeptierte Preise und Tauschrelationen liefern. Wie aber lässt sich rationalistisch deren Akzeptanz begründen?
Wenn Institutionen dazu dienen, diese Verhandlungsgleichgewichte zu finden, stellt sich das Problem: mit welchen Mitteln. Wie wirken also Institutionen in Situationen, in denen individuell rationales Verhalten zu suboptimalen Ergebnissen führt? Eine Funktion besteht darin, dass sie die Einigungskosten senken, indem sie eine Lösung anbieten. Sie sollen die Präferenzordnungen verdeutlichen, stabilisieren, möglicherweise sogar prägen. Zunächst stellen sie die Arena zur Verfügung, liefern und stabilisieren die Informationen (transparancy). Indem sie Rechte und Regeln definieren und die Handlungsmöglichkeiten strukturieren 3 , können sie ohne Zweifel dazu beitragen, Unsicherheit zu verringern und die Kosten der Einigung wie gegenseitiger Kontrolle zu vermindern. Allerdings lassen sich diese Regeln nicht völlig aus rationalistischen Prämissen ableiten. Dies funktioniert aber nur, wenn die „Auszahlungen“ verschiedener Lösungen und ihre Bewertung nicht zu weit auseinander liegen. Zudem löst dies die ex-post-Probleme nur teilweise.
Somit muss das monitoring und enforcing stabiler Kooperationslösungen genauer betrachtet werden. Dies betrifft Sanktionsprobleme, die nach Axelrod und Keohane darin bestehen, „Abweichler“ zu bezeichnen, die Vergeltung auf diese zu richten und langfristige Anreize zur dezentralen Bestrafung zu liefern. “Regimes provide information about actors’ compliance; they facilitate the development and maintenance of reputation; they can be incorporated into actors’ rules of thumb for responding to others’ actions; and they may even apportion responsibility for decentralized enforcement of rules.” 4 Das erste und das letzte Argument können einer rationalistischen Theorie zugeordnet werden. Ersteres bedeutet die Senkung der Kosten; zweiteres bedeutet die Sicherstellung von Sanktionen. Ersteres entspricht regimeeigenen „Auszahlungen“, zweiteres diese ergänzende „Zusatzzahlungen“ (side payments). 5 Es bleibt aber offen, nach welchem Mechanismus diese „Zuteilung“ erfolgt und wie sie die „natürliche“ Ressourcenverteilung ändert. Zudem: Ist dies noch als dezentraler Zwang darstellbar? 6
Im Rahmen der rationalen Institutionentheorie müssten Institutionen also wirken, indem sie Anreizstrukturen verstetigen, sie deutlicher machen oder überhaupt zur Geltung bringen. „Any discussion of compliance must deal with the issue of incentives.“ 7 Institutionen könnten dann folgendermaßen definiert werden: „Soziale Institutionen sind eine Menge von Verhaltensregeln und (gegebenenfalls) von Verfahren zur Entdeckung und Sanktionierung abweichenden Verhaltens, durch die eine soziale Situation so strukturiert wird, dass die
1 „The concept of justice or perceived unfair treatment is the central organizing concept. Existing the-ory and research in social psychology suggests that judgements of injustice provide the cognitive struc-ture and dynamic motivational force to justify conflictual intergroup behavior.” Austin 1985, S. 153.
2 Garret/ Weingast 1993, S. 182.
3 Young 1980, S. 333 ff.
4 Axelrod/ Keohane 1985, S. 237.
5 Müller 1989, S. 306, vgl. auch Garret/ Weingast 1993.
6 Axelrod und Keohane sprechen in ihrem illustrierenden Beispiel jedenfalls von einer „informellen Hierarchie“.
7 Young 1980, S. 338
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Akteure (…) individuell keinen Anreiz haben, von den Regeln abzuweichen.“ 1 Dies geschieht, indem nichtkooperatives Verhalten (defection) definiert wird, und Instrumente zu seiner Feststellung installiert werden (monitoring). Damit können im besten Fall die Interessen der Akteure an den Kooperationsgewinnen stabilisiert werden und so „self-enforcing-rules“ etabliert werden. Die implizite Drohung mit dem Ausbleiben erzielter Kooperationsgewinne genügt, um eine Gleichgewichtssituation zu schaffen. Dies ist allerdings vor allem bei Situationen zutreffend, in denen die Anreize zur defection relativ gering und eher konstant sind. 2 Eine solche Welt wäre ein Kooperationsparadies. Die „reale“ Welt setzt dem oft erhebliche Hemmnisse entgegen und kommt den erwähnten Dilemmasituationen näher. 3
Die begrenzte Reichweite rationalistischer Ansätze zeigt sich somit, wenn man ihren Kern betrachtet, die Veränderung von exogen gedachten Anreizstrukturen für „statische“ Akteure. 4 Dies wäre mit unserer Tauschanalogie kompatibel, nach der allerdings jeder extern etablierte stablilisierende Anreiz als Hierarchie betrachtet werden kann. Dabei wird aber angenommen, dass unter den Bedingungen von instabilen Gleichgewichten „authority backed by coercive resources“ notwendig ist. Diese könnten nur die beteiligten Staaten selbst leisten. 5 Wo bleibt dann die Funktion der „Institutionen“? Keohane weist darauf hin, dass Institutionen die Kostenstrukturen für Kooperation und Defektion fundamental verändern. Die Kosten für „decentralized enforcement“ sinken beträchtlich, während die Kosten für „defection“ beträchtlich steigen. 6 Institutionen besitzen in diese Falle aber nur eine Hilfsfunktion. Sie machen die Regeln explizit und helfen den Abweichler zu erkennen. Die Aufteilung der Sanktionskosten auf mehrere Akteure macht Sanktionen sicherlich billiger, erhöht aber zugleich Verhandlngskosten oder free-rider Probleme. Somit zeigen empirischen Ergebnisse, dass der Versuch zu kooperativen Sanktionen zu kommen in der Regel kontraproduktiv wirkt. 7
Hier ist zudem ein grundsätzlicher Einwand notwendig. Die Annahmen über das Verhältnis von entgangenen Gewinnen und Transaktionskosten (von opportunity costs, monitoring, enforcement) ist in weiten Teilen systematisch ungesichert. Es besteht nur die Modellannahme, dass bei geringeren und mittleren Transaktionskosten eine Nachfrage nach Institutionen besteht (da sehr niedrige oder sehr hohe Kosten Institutionen unnötig oder wirkungslos machen). Auf der Angebotsseite besteht nur die Annahme, dass die Kosten mit steigender Institutionalisierung sinken. Warum aber soll eine wachsende Institutionalisierung kostengünstig sein? Dies trifft vor allem zu, wenn sie die Anreizstrukturen in ein natürliches Gleichgewicht verwandeln. Eine „fundamentale“ Veränderung der Anreizstruktur setzt jedoch meist voraus, dass die Institutionen in der Lage sind, die Struktur des Spiels in eine duale Entscheidungsstruktur zu transformieren. Diese Voraussetzung ist zumeist nicht
1 Keck 1994, S. 213; vgl. auch Keck 1991, S. 645.
2 Sie kommen Situationen nahe, die Arthur Stein als „dilemma of common aversion“ beschrieben hat. Diese besitzen natürliche Gleichgewichtssituationen und erfordern nur „Kollaboration“, aber keine „Koordination“. “Yet once established, the regime that makes expectations converge and allows the actors to coordinate their actions is self-enforcing; any actor that departs from it hurts only itself. Thus their is no problem here of policing and compliance.” Stein nennt als Beispiel die Vereinheitlichung der Sprache im Flugverkehr. Stein 1983, S. 130f. In einigen Fällen ist aber Kollaboration deshalb er- folgreich, weil sie auf "firm knowledge or safe assumptions" beruhe.
3 Dies illustriert Zürn am Besipiel der Kubakrise. Zürn 1992.
4 Wie das Folgende bezogen auf Keohane 1983, S. 144 ff.
5 Keohane 1983, S. 160
6 Keohane 1983, S. 166.
7 Die Chancen zum cheating für den defector steigen wie die collectiv action-Probleme für die Gruppe der Sanktionierer. Drezner 2000. Vgl. auch Coleman 1990, S. 56f.
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gegeben. (Die Musterfunktion der üblichen 2 x 2 Spiele ist für das Gros internationaler Beziehungen problematisch. Sie beinhalten äußerst restriktive Bedingungen.) 1 Oft sind die Anreize zu mixed-motiv-games hoch: Kooperationsgewinne werden auf Dauer gemischt mit der Möglichkeit zum partiellen cheating oder shirking. Bei einer Tit-for-Tat-Strategie würde dies eine vereinzelte Defektion nach einer Reihe von kooperativen Akten bedeuten, wieder gefolgt von Kooperation. Oder es handelt sich um permanentes Verhalten im Grenzbereich zur Regelverletzung, um eine Situation der sanften Verletzung des Vertrages. „Güter“ im Bereich der internationalen Beziehungen wie Bündnisverpflichtungen, Bedrohungen, Abrüstung, Beachtung des Ansehens von Parntnern sind oft schwer zu bewerten. Eine wesentliche Voraussetzung rational begründeter Kooperation, die Sichtbarkeit der Güter, ihrer Produktion wie Verteilung 2 , ist hier oft nicht gegeben. Kann das Modell Aussagen darüber treffen, wann verdeckte Verletzungen zu einer kooperationsfeindlichen Strategie der negativen Vergeltung führen, die Kooperationsgewinne für den „Verletzer“ aufheben?
Das Modell verfügt also über keine systematisch begründete Annahme darüber, wie sich die Kostenentwicklung der Sanktionen zu den Kooperationsgewinnen verhält. Sicherlich verursacht auch eine Cheating-Strategie Kosten für den Akteur B, der verdeckt gegen die Regeln verstößt. Er kann aber seine Kosten solange erhöhen, bis sie die zusätzlichen Gewinne seiner Strategie fast aufgezehrt haben. Damit erhöht er die Kontrollkosten für die anderen Akteure beträchtlich, möglicherweise über das Maß der entgangenen Zahlungen hinaus. Selbst eine self enforcing Kollaboration (mehrere Gleichgewichte ohne dominante Strategien der Akteure) bietet zwar keinen Anreiz zur defection, aber um so mehr zum cheating innerhalb des bestehenden Gleichgewichts: Akteur B „liefert“ zwar, aber in einer kostenminimierenden Qualität. Die Möglichkeit, in diesem Fall das Ende der Kooperation anzudrohen, sind begrenzt, da das Gleichgewicht auf alle Parteien als Anreiz zur Aufrechterhaltung wirkt. Andernfalls müsste ein simpler Ausschluss aus der Kooperation angedroht oder eine Reduzierung der Gewinne realisiert werden können. Die Sanktionen gegen cheating müssten „fein“ abgestuft und zugleich so hoch sein, dass sie die Gewinne der anderen Partei gegenüber anderen Situationen aufzehrten. Dies zeigt wiederum die Bedeutung von Anreizbeträgen gegenüber ordinalen Präferenzordnungen sowie den „Mangel“ spieltheoretischer Modellierungen, die nur die Handlungsoptionen von C oder D kennen.
Deshalb betont A. Stein zurecht, dass Situationen mit hohen „incentives to cheat“ Regime erfordern, die über „extensive enforcement provisions and elaborate institutional structures for monitoring compliance“ verfügen. Es bleibt aber offen, worin die „enforcement provisions“ bestehen und wie sie sich in das rationale Forschungskonzept integrieren lassen. 3 Mitunter kann mit dem Ausschluss aus der Kooperation gedroht werden. Ansonsten kann dies nur bedeuten, daß Ressourcenunterschiede im Sinne unseres Tauschmodells zusätzlich verwendet werden, um die Institutionen zu stabilisieren. Plötzlich erscheinen wieder Hierarchien in einer anarchischen Welt. 4 In diesem Sinne hat L. Martin betont, dass Kooperationsspiele (wie das PD) hohe Anreize für hierarchische Lösungen beinhalten. “In a multilateral organization with a large number of members having diverse interests, the problems of temptations of free ride will become especially acute. Although ongoing mutual cooperation provides long-term benefits, without the threat of specific retaliation, the
1 So Zeitrestriktion, Zahl der Spieler, klare Präferenzordnung. Wie bereits oben angedeutet, kann deshalb ein PD als nicht typisch für die internationalen Beziehungen gelten. Axelrod/ Keohane S. 231.
2 Hechter 1990.
3 Stein 1983, S. 128 f.
4 So bemerken Axelrod/ Keohane zum Thema "achieving cooperation under anarchy": "Powerful actors structure relationships so that countries committed to a given order can deal effectively with those that have lower levels of commitment. This is done by establishing hierarchies, as one would expect from Herbert Simon's assertion that complex systems will be hierarchic in character." Axelrod/ Keohane 1985, S. 249.
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temptation to cheat in order to maximize immediate payoffs rises substantially. (…) The solution to collaboration problems in the absence of a state acting as an entrepreneur and in the presence of large numbers of players requires centralization, leading to expectations of relatively strong formal organizations.” 1 Hier wird auf eine Hierarchie des oben beschriebenen Typ b) verwiesen. Es erfolgt der Tausch eines Kooperationsgewinnes gegen die Zuweisung von „Kompetenzen“. Dies setzt allerdings voraus, dass die Akteure die entsprechenden Investitionen und ihre Kompetenzverluste geringer bewerten als die Gewinne aus den Institutionen. Andererseits tauscht er nichtausgeführte Sanktionen durch die „Institution“ gegen den Verzicht auf Cheating/ Defektion. Die Konstruktion einer spezifischen Sanktion ist dabei das eigentliche Problem. In kollektiven Situationen wiederholt sich das bereits diskutierte Problem von Macht, anerkannte und wirksame Tauschobjekte zu produzieren, auf höherer Ebene. Die Produktionsfähigkeit und Anerkennung dieser Güter betrifft somit alle Akteure und eine Vielzahl antizipierter Tauschakte.
Somit ist eine weitere Annahme notwendig zur Erklärung von Institutionen, die langfristige Beziehungen garantieren. „Rationale Allianzen bleiben nur so lange intakt, wie ihr Ziel in Reichweite bleibt.“ 2 Dies wird zum Problem, wenn die Kooperationsgewinne erst in längerer Perspektive eine relevante Größe erreichen. Institutionen sollen deshalb auch dadurch wirken, dass sie den shadow of the future verlängern. “The more future payoffs are valued relative to current payoffs the less the incentive to defect today - since the other side is likely to retaliate tomorrow.” Sowohl der Sanktionsanreiz für Akteure als auch die Sanktionserwartung sollen steigen. 3 Bei dieser Annahme könnte ein bias gegenüber den positiven Wirkungen des shadows of the future vorliegen. Seine Veränderung bedeutet ja auch eine Veränderung der Anreize und Erwartungen von defection. (Diese ist möglicherweise kurvolinear.) Wie bei unserer Beschreibung von „Macht” festgestellt, besteht das Problem, daß Verträge Ex-ante-und Ex-post-Probleme aufwerfen. Letztere können mit der Dauer eines Vertrages wachsen. 4 Somit besteht das Problem, wie in den zumeist relevanten iterated und n-person-games, stabile Lösungen zu finden. Das Folk-Theorem impliziert “bargaining problems in this most basic sense”. 5
Die positiven Wirkungen treten erst dann ein, wenn stabile Gewinnerwartungen auch plausibel sind. Im Grunde verlangt eine Verlängerung des Zukunftskalküls spezifischere und anpassungsfähigere Verträge zugleich. Zudem wird die Relevanz eines Vertrages erhöht und damit der Anreiz zu hartem Verhandeln. 6 Gerade wenn der Nutzen von institutionellen Arrangements abhängt sind vergleichende Nutzenkalküle mit der Zukunft problematisch. 7 Das Feststellen von defection setzt (annähernd) vollständige Verträge voraus. Um es zu wiederholen: Akteure verfügen aber oft über Cheating-Strategien, die sich einfacher Messung entziehen. Diese werden noch wirksamer, wenn sie erst nach einem gewissen Zeitraum nach Etablierung der „Regeln“ einsetzen und in unregelmäßigen Abständen praktiziert werden. In n-Personen-Spielen bestehen auch nach etablierter Kooperation Anreize zum free-ride, gerade wenn die Kooperationsgewinne teilweise Kollektivgutcharakter tragen (Sicherheit, Wachstum, Prestige des Bündnisses). Die Antwort der „rationalen Theorie“ lautet, „im Einzelfall zu prüfen, welche Maßnahmen zur Verfügung stehen, um Trittbrettfahrer zu bewegen, ihren Anteil zur Lösung beizutragen, konkret: welche positiven und negativen
1 Martin 1993, S. 96 f. ähnlich Drezner 2000.
2 Sofsky/ Paris 1994, S. 250.
3 Axelrod/ Keohane 1995, S. 232-234.
4 In Abhängigkeit von einem Diskont-Parameter, vgl. Lipson 1984/85, S. 5.
5 Fearon, S. 274, Anm. 18.
6 Fearon 1998, S. 270; Drezner 2000, S. 79; auch Zürn 1992, aber differenziert nach Spieltyp.
7 Lanzara nennt dafür Gründe auf drei Ebenen. Sie sind hier ein Argument gegen ein bewusstes, kalkulierendes Institutionendesign. Lanzara 1998, S. 14.
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Anreize zu diesem Zweck mobilisiert werden können.“ 1 Routinisierung dagegen ist kein wirklich rationalistischer Mechanismus. Man kann eher annehmen, dass die Unsicherheit bei der Kalkulation „ferner“ Ergebnisse exponential ansteigt, während eine rationalistisch begründete Unsicherheitsreduktion eher als konstant anzunehmen ist.
Selbst bei der Berücksichtigung von Reputationseffekten zeigt sich, dass bei „trigger strategies“ ein „spread of defection“ droht. 2 Damit erscheint die Annahme einer „dezentralen“ Anreizstruktur, die besagt, dass in der internationalen Politik die Regelsysteme (Institutionen) ihre Verbindlichkeit aus sich selbst heraus gewährleisten müssen 3 , bei komplexen Verträgen als höchst problematisch. Hier ist eben nicht nur die spieltheoretisch erfasste „politische Komplexität“ relevant, sondern auch eine „cognitive complexity“ (Lanzara). Diese nimmt mit dem Zeithorizont der Handlungsziele zu. 4
Dies zeigt selbst ein relativ leicht messbares Problem wie die Verteilungskonstellationen in einer Institution. Diese werden zumeist von einer Norm der Reziprozität bestimmt. “This norm requires action that does not reflect specific calculations of self-interest: the actor making a short-run sacrifice does not know that future benefits will flow from comparable restraint by others, and can hardly be regarded as making precise calculations of expected utility. (It …) precisely forbids specific interest calculations. It rests on the premise that a veil of ignorance stand between us and the future, but that we nevertheless assume that regime-supporting behavior will be beneficial of us even though we have no convincing evidence to that effect.” 5 Eine Verlängerung des shadows of the future ist somit nur schwer rationalistisch zu begründen. 6
Fassen wir zusammen. Eine rationalistisch begründete Anreizstruktur, die Verhalten stabilisiert, ist also sehr voraussetzungsreich. Selbst „expected utility“ Varianten von Rational Choice können die Einigung auf eine Lösung oft nicht begründen. Der Erfolg von Sanktionen hängt von einer ganzen Reihe von Faktoren und ihrem Verhältnis zueinander ab: potentielle Kooperationsgewinne, potentielle Gewinne durch cheating, Produktionsfähigkeit und Kosten für Sanktionen, Kosten für cheating; Unsicherheitsreduktion durch „Institutionen“ wie Kosten für Regelformulierung und Monitoring. Maßgeblich ist hier wohl die Komplexität der „Güter“. Jenseits simpler Güter ist auch eine „rationalistisch“ fundierte Verlängerung positiver Zukunftserwartungen eher unwahrscheinlich. Ein Institutionalisierungsanreiz besteht nur, wenn die Institutionen eine Unsicherheitsreduktion ermöglichen, die längerfristig Gewinn über den Institutionenkosten einschließlich der Kosten für Sanktionen ermöglichen.
Eine self enforcing-Lösung besitzt etwas „simplere“ Voraussetzungen. Die Durchsetzungskosten umfassen hier nur die Produktionskosten einer glaubwürdigen Drohung, die Kooperation ganz oder teilweise zu „kündigen“. Dies setzt aber voraus, dass für A die dadurch erlittenen Verluste (entgangenen Gewinne) geringer sind als für B oder er sie
1 Keck 1997, S. 44.
2 Raub und Weesie konstatieren bei ihrer Untersuchung von Reputation und Effizienz in Netzwerken, dass “universal cooperation based on trigger strategies is rather unstable in the case of reputation effects (…). If some actor defects once or is misunderstood to have defected, as soon as his partners receive the corresponding information, they will defect against him. This will induce the partners of his partners to defect against his partners. If the interaction network is connected, a spread of defection over the whole population results.” Der Definitions- und Informationsaufwand erhöht sich beträchtlich. Raub/Weesie 1990, S. 649 u. 631.
3 Keck 1997, S. 42.
4 Diese umfasst nicht nur „incomplete information, unstructured and ambigious situations, uncertainty and ignorance of relevant cause/effect or action/consequence relationships, but also (…) systemic and intertemporal interdependencies, endogenous learning processes, structural incoherences and contradic- tory requirements imposed on individual and collective action across time”. Lanzara 1997, S. 4.
5 Keohane 1983, S. 158.
6 Deshalb ist Kooperation dann am wahrscheinlichsten, wenn die zukünftigen Gewinne gering dis- kontiert werden. Lipson 1984/85, S. 5 ff.
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geringer bewertet. Eine andere Variante wäre, dass A in der Lage ist, B Teile der Kooperationsgewinne zu entziehen. Dies setzt aber gemäß unseres Modells von „Macht“ voraus, dass B ein zusätzlicher Gewinn zugebilligt wurde, der größer ist als die Gewinne aus cheating, und bei „normalem“ Verhandeln A zusteht. Die dritte Variante wäre die Produktion von anderen side-payments oder von Sanktionen, welche die Gewinne durch Abweichung überkompensieren. Dies setzt wiederum voraus, dass die diesbezüglichen Kosten für A seine Gesamtgewinne nicht in Frage stellen. Stabile Lösungen setzen damit deutliche Institutionengewinne im Verhältnis zu den Gewinnen aus Abweichung voraus, Institutionenkosten, die diese Gewinne nicht in Frage stellen, wie ein relevantes Maß der Unsicherheitsreduktion. In diesem Bündel an Bedingungen könnte eine Begründung für das allgemeine „underinvestment in compliance mechanisms (...) characteristic of international regimes“ 1 liegen. Anarchie sollte auch aus Sicht der rationalistischen Institutionentheorie nicht als staatsfreier Raum, sondern als Raum geringer und unsicherer Anreizkonstellationen verstanden werden. Dieser Voraussetzungsreichtum weist darauf hin, dass Hierarchien, die rationalistisch begründet sind, oft ein geringes Niveau erreichen und damit fragil bleiben. Günstiger scheinen (anerkannte) Strafautomatismen als Bestandteil der Institutionen, die z.B. eine einmalige Verschiebung der Kooperationsgewinne zu Lasten des defectors hervorrufen. Die Akzeptanz dieser Regelung ist aber nach diesem Modell nichts als ein rationales Meta-Spiel inklusive entsprechender Anreize und Sanktionen, das die Komplexität nochmals vervielfacht. Oder es ist aus einem rationalen Institutionenverständnis nicht eindeutig ableitbar. 2 Es kann konstatiert werden, dass rationale Entscheidungen zum Einsatz von Sanktionen und Anreizen, die Abweichler zur Einhaltung der Erwartungen zwingen sollen, komplex sind. 3
Abgesehen von bestimmten Konstellationen, die durch hohe Kooperationsanreize versus hohe Kosten beim Ausschluss aus der Kooperation, niedrige Gewinne durch Cheating und eine moderate Unsicherheit gekennzeichnet sind, können streng rationalistische Annahmen die Nachfrage nach Institutionen begründen, nicht aber ihr Entstehen und ihren Erfolg. In „environment-rich-games“ (Shubik) muss die Aufmerksamkeit „to institutional detail, to context, and to the problem of ‘realistic representation’” einschließlich des Problems der Interpretation von Regeln gerichtet werden. 4 „Indeed, the development of rule systems and common interpretations can serve as crucial signposts, as informational devices to coordinate expectations in a murky, complex environment.“ 5 Insgesamt kann ein rationalistischer Ansatz die Funktion von Institutionen erklären wie Teile der Wirkungsmechanismen. Wesentliche Situationen, in denen Institutionen wirken, wie wesentliche Wirkungsmechanismen von Institutionen entziehen sich aber seiner Erklärungskraft. Gerade der versteckte Tauschakt in jeder pay-off-Matrix ist in seinen Werten und vor allem in ihrer Akzeptanz oft nicht rationalistisch zu begründen. Deshalb ist es notwendig „(to) augment rationalist approaches by providing a theory of the background material or ‘common knowldege’ that actors bring to a ‘game’“. 6
1 Young 1980, S. 340.
2 Dazu müsste systematisch angenommen werden, dass die Kosten für die Produzenten von Sanktio-nen wesentlich geringer ist, als der Schaden für den Defektor. Wie oben festgestellt, kann dieser aber oft durch ausgefeilte Cheating-Strategien die Kosten an den Schaden anpassen und damit die Bestra-fung unattraktiv machen. Institutionen im "rationalen" Sinne setzen Situationen kostengünstigen Moni-torings und Punishments voraus.
3 „These decisions are complex, and states must consider a variety of costs and benefits.” Crawford 2002.
4 Shubik betont ebenfalls, dass Vertrauen, Interpretation und Bewertung in spieltheoretischen Analysen implizit angenommen wird. Shubik 1975, S. 4 u. 15.
5 Lipson 1984/85, S. 18.
6 Hurd 1999, S. 381; vgl. auch Morrow 1994.
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Prinzipiell ist eine Institutionalisierung auf der Basis stabilisierter Anreizhierarchien möglich. Wenn allerdings eine rationalistische Institutionalisierung nicht generalisierte hohe Anreize begründen kann, bleibt ihre Entstehung unwahrscheinlich und ihr Status prekär. Ansonsten sind Akteure mit einer „self-interested orientation in the strict sense, which implies a continuous reassessment of every rule and relationship from an instrumental point of view (…) ontologically inclined to revisionism rather than to status quo”. 1 Es kann also geschlussfolgert werden, dass der rationalistische Ansatz die Etablierung und Aufrechterhaltung von Institutionen nur in sehr spezifischen Fällen erklären kann.
Eine forschungsstrategische Konsequenz dieser Probleme ist eine Aufweichung der rationalistischen Modellbildung. Eine plausible Analogie bietet die “experience of repeatedly negotiating”. Nach Auffassung von Fearon sind dazu explizite Regime besonders geeignet. „Regimes establish connections and parallels between different rounds of bargaining and may legitimize focal principles because regimes bear legitimacy as the concrete visions of world order.” 2 Erfahrungen, Parallelen, Legitimität oder Vision sind Begriffe jenseits eines geschlossenen rationalen Modells. Ähnliches betrifft Institutionen als Forum einer sozial fundierten Kritik und Selbstkritik. 3 Keck konstatiert, dass viele Spielsituationen zur Überwindung ihrer Dilemmata „Einigung“ voraussetzen. Während die Dilemmataeinschließlich einer n-Gleichgewichtssituation - spieltheoretisch darstellbar sind, gilt dies oft nicht für deren Lösung. Diese erfordere „Kompromisse“, „Kommunikation“ oder „Verabredung“. 4 Ideen werden in die rationalistische Perspektive integriert und dienen als focal points für unsichere Entscheidungen; Institutionen “help to construct a shared belief system that defines for the community what actions constitute cooperation and defection”. 5
Es verwundert nicht, dass aus rationalistischer Perspektive integrative Bemühungen auf fremdem Terrain unternommen werden, um die konzeptionellen Lücken zu füllen oder die Reichweite des Modells zu vergrößern. Eine Schlussfolgerung lautet: Der rationale Institutionalismus müsse seine Vision „back to history“ ausdehnen, eine nach Keohane durchaus konsistente Symbiose. 6 Gerade der „historische Institutionalismus“ nutzt rationalistische Ansätze, ohne sich auf diese beschränken zu können. 7 Es wird eine rationale Handlungstheorie mit einer begrenzt rationalen Institutionentheorie verknüpft. Letztlich betont auch Keohane, dass „Pfadabhängigkeit“ neben den Rückkopplungseffekten einer etablierten Gewinnstruktur auch auf Lerneffekte und die Konvergenz von Erwartungen um
1 “(…) any loyalty by actors toward the system or its rules is contingent on the system providing a positive stream of benefits. Actors are constantly recalculating the expected payoff to remaining in the system and stand ready to abandon it immediately should some alternative greater utility. Such a system can be stable while the payoff structure is in equilibrium, but the actors are constantly assessing the costs and benefits of revisionism.” Hurd 1999, S. 386 f.
2 Fearon 1998, S. 298
3 Nach einer Diskusion unterschiedlicher Sanktionsmechanismen und ihrer Probleme konstatiert Coleman, dass diese in regelmäßigen Treffen aller Akteure, in der Kritik und Selbstkritik aller vor allen ermöglicht werden, viel „leichter“ organisierbar seien. Coleman 1990, S. 57.
4 So Keck am Beispiel verschiedener Spiele einschließlich von Kollaborationsproblemen mit n-Lösungen. Keck 1997, S. 45-52. Zudem kann die Überwindung spieltheoretisch darstellbarer Dilemmasituationen als Lernen verstanden werden. Brock 1989, S. 389 f.
5 Garret/ Weingast 1993, S. 176 f.
6 Keohane 1989, S.167 u. 170; vgl. auch Kreile 1989, S. 101.
7 Sicherlich kann der „Historische Institutionalismus“ seine Instrumente auch durch rationalistische Argumente schärfen, wie die Arbeiten von D. North zeigen. Er lässt sich aber kaum auf sie beschrän-ken. Er verbindet die Vorstellung strategischen Handelns mit historischer Kontingenz und daraus resultierender Pfadabhängigkeit, geht aber von einem weiten, nicht rationalistisch beschreibbaren Institutionenbegriff aus. Theblen/ Steinmo 1992, S. 2 ff.
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etablierte Standards zurückgeführt werden muss. 1 Streng rationalistische Ansätze hängen somit oft von „auxilairy assumptions“ ab. 2
Die Verkopplung rationalistischer Handlungstheorien mit begrenzt rationalistischen Institutionentheorien bleibt aber ein wesentlicher Trend, der nach einer konsistenten Synthese verlangt. So wurde zu den Kooperationsanreizen der G-7 Staaten konstatiert: “Although some autonomy price is paid in virtually all cooperative endeavors, both prosperity and security are vitally enhanced through cooperation, and this characteristic of each state’s payoff matrix has remained as U.S. hegemony has declained.” Diese Sprache des Nutzenmaximierers wird aber sogleich ergänzt: “New sources of discord and conflict will surely develop in the coming years and, in turn, new habits and conventions of cooperation will have to be developed and learned.” 3 Damit sind die Reizworte der zweiten Gruppe intitutionalistischer Forschungen verwiesen, die Keohane die „reflektivistische“ genannt hat.
Somit ragen Elemente der rationalistische Institutionentheorie - einem uneingestandenen systematischen Zwang folgend - in die Sphäre der “reflektivistischen” Ansätze hinein. Diese sollen nun betrachtet werden.
3.3.2) „Reflektive“ Institutionen
Diese - soziologisch orientierte - Richtung gehe davon aus, dass Institutionen oftmals nicht das Ergebnis eines bewussten Kalküls sind und von den Akteuren jenseits ihrer Nutzenkalküle als gegeben hingenommen werden. Dabei kann ein Teil solcher Institutionen, die kulturell akzeptierten Praktiken folgen, durchaus von der rationalistischen Richtung erklärt werden. Demnach verursachen Institutionen, die kulturellen Mustern entsprechen, geringere Transaktionskosten als andere. Allerdings könne dieser Ansatz den Weg in die Geschichte nur ein Stück verfolgen und die „fundamental practices“, in die andere Institutionen eingebettet sind, nicht erklären. Bedeutende Erklärungslücken müssen gefüllt werden: Institutionelle Varianz in unterschiedlichen kulturellen Kontexten,
Institutionenwandel ohne Änderung der „materiellen“ Präferenzstruktur sowie der Wandel von Interessen, die nicht als exogen aufgefasst werden können. Die entscheidenden Stichworte sind Lernen, Kultur, „shared belief systems“. 4
Diese Aufzählung ist allerdings zu unspezifisch, um nutzbringend zu sein. Zunächst muss unterschieden werden zwischen der Entstehung solcher Institutionen und ihrer Wirkungsweise. Weiterhin muss die Abgrenzung oder Ergänzung zu anderen, rationalistischen, Forschungsstrategien präzisiert werden. Hierzu sollen zunächst einige Grundzüge dieses Institutionenmodells angedeutet werden. Klärt man die Wirkungsweise und den „Ort“ reflektivistischer Institutionen, kann möglicherweise auch eine sinnvolle Untergliederung dieses Bündels von Ansätzen und seine systematische Trennung von rationalistischen Theorien erreicht werden.
Gehen wir deshalb von einigen allgemeinen Merkmalen des „Neuen Institutionalismus“ aus, die J.G. March und J.P. Olsen in Abgrenzung zu anderen „theoretischen Stilen“ herausgearbeitet haben. Auch wenn (manche) Institutionen als kausales Ergebnis kollektiver Interessen und deren intentionaler Realisierung gedacht werden können, entsteht bei der Wirkungsannahme dieser Institutionen der erste fundamentale Unterschied zum Hauptstrom
1 Keohane 1989 S. 167.
2 Simon 1985. S. 300.
3 Kudrle/Bobrow 1990, S. 165 f.
4 Keohane 1989, S. 170 ff.
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moderner politischer Theorie. Demnach könnten die drei erklärenden Primärfaktoren -Interessen, Ressourcen und Regeln - nicht als exogen gedacht werden. Institutionen beeinflussen deren Auswahl und Wirkung. 1 Als nächster Schritt ist die Wirkung von Institutionen hervorzuheben, die eine spezifische Möglichkeit darstellen, im „potential morass of collective complexity“ Handeln zu ermöglichen. Dabei ist hier zunächst weniger an die Optimierung sozialen Handelns gedacht als an die Wirkung einer spezifischen politischen Struktur. Bei deren Wirkungsmechanismen besteht der entscheidende Unterschied. “By a political structure we mean a collection of institutions, rules of behavior, norms, roles, physical arrangements, buildings, and archives that are relatively invariant in the face of turnover of individuals and relatively resilient to the idiosyncratic preferences and expectations of individuals. In contrast to theories that assume that action is choice based on individual values and expectations, (…) action is the fullfillment of duties and obligations. The difference is important.” Die “choice metaphor” wird ersetzt durch eine “duty metaphor”, die besagt, dass “political actors associate certain actions with certain situations by rules of appropriateness.” 2 Dies kann als Verformung von Ergebnis- und Nutzenkalkülen gedeutet werden, aber auch als deren weitgehende Irrelevanz. Dann wird Politik zum sozialen Ritual, das zeremoniell organisiert ist, in der Moderne um Entscheidungszeremonien. Der soziale Akt überdeckt vollkommen das Ergebnis. Entscheidungsprozeduren wären hiernach “signals and symbols of the appropriateness of events, not in the sense that what happened needs to be viewed as desirable or pleasant, but in the sense that what happened can be viewed as having occurred in the way things happen (…).” Dies bedeutet mehr als “Legitimität”: “for what rituals seek to establish is not only the moral virtue of events but also their necessity.” 3
In Anbetracht des enormen rituellen Aufwandes, den kommunistische Regime betrieben, können wir solche Institutionalisierungstypen nicht ausschließen. Aber wie ist ihre Vermittlung zum Handeln konzeptionalisierbar, wie ihr Verhältnis zu den bereits beschriebenen Institutionentypen? Dabei braucht die Distanz zu einem ergebnisorientierten Handeln keineswegs so extrem gedacht werden; wiederum erscheint ein Spektrum von Abstufungen möglich. Entscheidend ist, dass der Kernmechanismus dieser „Institutionalismen“, die „logic of appropriateness“, oft vage bleibt und als eine Eigenlogik erscheint, deren Wirkungsmechanismen selbstevident sind. Man kann wohl dem Fazit von March und Olson immer noch zustimmen, dass es sich beim „Neuen Institutionalismus“ weniger um eine Theorie handelt als um die „awareness of a set of phenomena that are more easily observed than explicated“. 4
Auf internationale Beziehungen übertragen „sociological institutionalism posits that the goals and procedures of international organizations are more strongly determinded by the standarts of legitimacy and appropriateness of the international community to which they belong than by the utilitarian demand for efficiant problem solving.“ Die Anerkennung dieser Standarts sei eine Zugangsbedingung für internationale Organisationen, ja “fundamental beliefs and practices” konstituierten sogar die Gemeinschaft. 5
Der Inhalt der „Logik des Angemessenen“ besteht - wie bei der Regimetheorie - zunächst im regelgeleiteten Handeln. Dabei werden allerdings enorm weite Regelbegriffe verwendet 6 , die
1 March/ Olsen 1984, S. 739 f.
2 March/ Olsen 1984, S. 741; vgl. auch March/ Olsen 1989.
3 March/ Olsen 1984, S. 742.
4 March/ Olsen 1984, S. 747.
5 Schimmelpfennig 2001, S. 58f.
6 "By 'rules' we mean the routines, procedures, conventions, roles, strategies, organizational forms, and technologies around which political behavior is constructed. We also mean the beliefs, paradigms, codes,
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nichts anderes besagen, dass alle Umweltmerkmale, die Handeln beeinflussen, Regelbestandteile sind. Möglicherweise werden sie als abgeleitet aus übergeordneten Prinzipien gedacht. Diese Weite und damit Unschärfe resultiert aus der mangelnden Spezifizierung des Verhältnisses von Regeln und Akteuren. “The rules may be imposed and enforced by direct coercion and political or organizational authority, or they may be part of a code of appropriate behavior that is learned and internalized through socialization or education.” Als Mechanismen stehen also Zwang und Begrenzung neben Identifikation und Akzeptanz. 1 Wo ist ein Kriterium außerhalb der Feststellung, das Gelernte wurde gelernt und das Sozialisierte sozialisiert? Welcher Regel wird nach welchem Kriterium gefolgt und - das zentrale institutionelle Problem - wie entsteht die Annahme, dass andere Akteure dieselbe Regel wählen? Dies wiegt um so schwerer, als Regelsysteme weit - mindestens ebenso weit wie die formalisierten Gleichgewichtssituationen rationalistischer Art - von Eindeutigkeit und Konfliktlosigkeit entfernt sind. Wie bei einigen Rationalisten erfolgt der Rückgriff auf historische Erfahrungen. Insgesamt müssen March und Olsen aber feststellen: “The criterion is appropriateness, but determining what is appropriate in a specific situation is a nontrivial exercise.” Als Ansatz zu einer Kriterienbildung werden neben „rational choice“, die „familiarity of rules“ und „higher order rules“ genannt. 2 Paul diMaggio hat sogar von einem „metaphysical pathos“ solcher Institutionenansätze gesprochen, die sich eher durch konnotative Bezüge abgrenzen als durch die Frage nach Ort, Herkunft und Wirkung der institutionalisierten Mythen. 3 Es bleibt die Frage nach den “Kausalmechanismen”, nach denen sich Werte und Normen gegen nationale Präferenzen und Verhandlungsstrategien durchsetzen. 4 Zunächst sollen die beschriebenen Konzepte präziser abgegrenzt werden.
3.3.3) Das Verhältnis der Konzepte
Im folgenden Abschnitt soll nach einer analytischen Trennlinie des rationalistischen zum reflektivistischen Ansatz gefragt werden, um das Verhältnis beider forschungsstrategisch zu bestimmen. Keohane bemängelte am reflektivistischen Ansatz, dass ihm ein klares Forschungsprogramm fehle. 5 An anderer Stelle beschreiben Nye/ Keohane aber gerade das Verhältnis eines „reflektivistischen“ Problems, Lernen, auf Regime: „Regimes may play a role by creating, altering, or reinforcing institutional memories. The principles and norms of regimes may be internalized by important groups and thus become part of the belief system that filter information; and regimes themselves provide information that alters the way key participants in the state see cause and effect relationships.” 6 Damit wäre ein wichtiger Teil der Regimesubstanz als Eigenschaft der Akteure, nicht aber als extern zu ihnen gedacht. Das Verhältnis von Lernen und Institutionen bleibt vage: Lernen beeinflusst Institutionen; wenn aber von einem „institutional memory“ die Rede ist, wären Lernergebnisse Teile von Institutionen und beides mehr als eine externe Variable für Akteure.
Dieses Abgrenzungsproblem zeigt sich auch daran, dass Regimedefinitionen zumeist aus beiden Ansätzen schöpfen, ohne dies zu konzeptionalisieren. Dies gilt selbst für Forschungen, die Regime explizit als „attitudinal phenomenon“ auffassen. Puchala und Hopkins schwanken zwischen der Feststellung, dass Regime „subjektiv“ seien und dass normadäquates Verhalten
cultures, and knowledge that surround, support, elaborate, and contradict those roles and routines." March/ Olsen 1989, S. 28
1 March/ Olsen 1989, S. 28 f.
2 March/ Olsen 1989, S. 25 ff. u. 160 f.
3 DiMaggio 1988, S. 10f.
4 Schimmelpfennig 2001, S. 62.
5 Keohane 1989, S. 173.
6 Keohane/ Nye 1987, S. 751
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Sanktionen folge. “Regime mindedness” sei “probably a lesser reason for compliance. More common is compliance out of calculated self-interest.” 1
Hier dominiert ein Trend verschiedener Disziplinen, nur exogene Phänomene für relevant zu halten. Innere Charakteristika der Individuen/ Akteure existieren zwar, werden letztlich aber konzeptionell ausgeblendet. Dies ist am besten mit einer wissenschaftlichen Traditionslinie zu erklären: „The problems with folk psychology led behaviorists, neoclassical economists, and rational choice theorists to rely on logic, deduction, and observable behavior. Without denying the existence of the mind, scholars in these traditions view the mind as exogenous to the study of rationality. Yet incentives depend on beliefs and desires, revealed preferences cannot be causal, and making preferences (or desires) exogenous still requires knowledge of beliefs and action to assess rationality. Analysts cannot hope to exclude the mind from rationality if their explanations of rational behavior depend on the mind.” 2 Ein Paradigmenwechsel ist aber latent. 3 Allerdings darf die Nutzung (post-behavioralistischer) psychologischer Ansätze nicht - wie es zumeist geschieht - dazu führen, dass Psychologie nur der Erklärung abweichenden Verhaltens (aus Sicht des rationalen Akteurs) dient. „Rejecting the belief that psychology explains only mistakes should help rationalists overcome their fear of ‘going mental’ and thus encourage them to pay attention to the psychological assumptions that often drive their explanations.” 4
Die “innere” (kognitive/affektive) Komponente von Institutionalisierung bedarf einer eingenständigen Thematisierung. Dies kann am Beispiel der “Image-Theory” verdeutlicht werden: “The ‘image’ (…) must be thought of as the total cognitive, affective, and evaluative structure of the behavior unit (…). Both the field of choice and the ordering of this field by which the preferred position is identified lie in the image of the decision maker.” 5 Sobald die „images“ aber stabilisierte Elemente über die Umwelt beinhalten, die wiederum von dieser Umwelt geteilt werden, institutionalisieren sich in diesen die gegenseitigen Erwartungen, also ein wesentliches Element der Beziehung. Die „innere“ Bestimmtheit betrifft zwei Ebenen von Institutionalisierung, die Entstehung von „images“ und die Ausweitung ihrer inneren Komplexität. Zunächst erscheinen images als Produkt vorheriger “Botschaften”: “It (the image) is not, however, a symple inventory or ‘pile’ of such messages but a highly structured piece of information-capital, developed partly by its inputs and outputs of information and partly by internal messages and its own laws of growth and stability.” Dann die Entwicklung von “sophisticated images”, welche die Welt aus vielen Standpunkten betrachten: “The complexity is increased by the necessity for inclusion, in the image of each person or at least of many persons, his image of the image of others.” 6 Die Gemeinsamkeit solcher images können stabilisiert, ja begründet werden, sowohl durch äußere Symbole als auch durch äußere Anreize (z.B. Kooperationsanreize); sie können aber (zumindest zeitweilig) als gemeinsame Lernergebnisse ausschließlich als Akteurseigenschaften existieren. Treffend zitiert Boulding die Bemerkung George F. Kennans, dass es jedermann frei steht, die Welt für seinen Feind zu halten, und dass dies als Grundlage seines Verhaltens und genügender Wiederholung sich eventuell auch realisiere, und ergänzt es um die Möglichkeit sich stabilisierender images von „Freunden“. Dieser Mechanismus muss allerdings nicht zu einer Institutionalisierung führen. Es können sich durchaus gegensätzliche images gegenüberstehen: Akteur A hält B für einen Freund; B dagegen A für einen Feind. Boulding betont aber, dass es insgesamt eine
1 Puchala/ Hopkins 1983, S. 62 und 90
2 Mercer 2005, S. 86.
3 H. Simon hat bereits vor geraumer Zeit ein neues Paradigma im Sinne der Verbindung der Politikwissenschaft mit der kognitiven Psychologie konstatiert - vielleicht etwas voreilig. Simon 1985, S. 295.
4 Mercer 2005, S. 99.
5 Boulding 1969, S. 423.
6 Boulding 1969, S. 423 u. 430.
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„tendency toward both consistency and reciprocation“ gebe 1 ; ansonsten müsste das Verhalten des Gegenübers unbeobachtbar sein. Allerdings muss diese Konvergenz nicht eintreten; vor allem muss sie nicht auf „rationaler“ Grundlage erfolgen. Insgesamt deutet diese Theorie eine Reihe von Mechanismen an, die es im folgenden genauer zu bestimmen gilt. Vor allem zeigt sie, dass die internalisierte Welt allein ebenfalls nicht ausreicht, Institutionalisierungen zu verstehen.
Es muss also sowohl die eigene Logik dieser „inneren“ Institutionalisierungen thematisiert werden wie ihr Verhältnis zu den außenliegenden Anreizstrukturen. Zunächst genügt es, die Stabilisierung von Anreizkonstellationen und die Stabilisierung von Wahrnehmungen und Handlungsmustern zu unterscheiden. In diesem Sinne sollen externe und interne Lösungen institutionalistischer Probleme nicht nur unterschieden 2 , sie sollen aufeinander bezogen werden.
Ein Forschungsprogramm, welches das Verhältnis beider Ansätze thematisiert, könnte Keohanes Hoffnung “for a synthesis between the rationalistic and reflective approaches” rechtfertigen. 3 Immerhin wird dem Institutionalismus die Chance zugebilligt, die „wichtigsten Theorieansätze, die lange Zeit für inkompatibel gehalten wurden, zu integrieren“. 4 Vertreter rationalistischer Institutionentheorien räumen deshalb ein, dass „more eclectic theorizing and testing will help one ‚get to the bottom’“. 5 Schritte in diese Richtung geht der akteurszentrierte Institutionalismus, ohne aber die rationalistische Perspektive wirklich aufzugeben. 6 Andersherum: “Rather than conceptualizing rule-governed choice as more important than rational choice, a general approach would attempt to explain how both rules and anticipated consequences affect behavior and outcomes. (…) Thus, rational choice and institutional analysis are likely to be essential complements in the political science of the twenty-first century.” 7 Damit sollte allerdings nicht nur eine rationalistische Institutionentheorie gemeint sein, sondern eine Brücke zwischen scheinbar divergierenden ontologischen Konzepten. „This stress on synthesis helps promote an emergent trend, where there is a move away from an ‚either/or,’ ‚gladiator’ style of analysis (either rational choice or constructivism) to a ‚both/and’ perspective.“ 8 In diesem Sinne versucht ein neuer Ansatz zur „internationalen Sozialisierung“ diverse analytische Traditionen zu integrieren. 9 Bisher ist dies allerdings nur ein Forschungsprogramm in den Kinderschuhen. Es könnte nicht nur für die Institutionentheorie bedeutsam sein, sondern auch für das Verständnis der Institutionen des Ostblocks. Als erser Schritt zu einer solchen „real convergence“ muss ein Spektrum von den rationalistischen zu präzisierten reflektivistischen Institutionalisierungen entwickelt werden. Das Spektrum, das komplexe Machtbeziehungen bestimmt, kann damit “moral as well as prudential, normative as well as self-interested (…) reasons“ umfassen. Sie müssen zunächst analytisch getrennt werden, da sie ein „very different kind of contribution“ für die
1 Boulding 1969, S. 427 u. 426.
2 Mercer 2005, S. 94; Taylor 1987.
3 Keohane 1989, S. 174. Keohane geht es hier aber eher um das Verhältnis vorhandener Praktiken zum aktuellen Verhalten, um eine Spielart des „historischen Institutionalismus“.
4 Keck 1991, S. 641 ff.
5 Hier in Bezug auf das Verhältnis von Informationslieferung und Legitimation als Motiv für die Nutzung interantionaler Organisationen. Thompson 2006, S. 30.
6 Diese wird nur bei der Interessenformierung erweitert. Ein rein normgeleitetes Handeln wird aber nicht einbezogen. Allerdings versucht der Ansatz, den Interessenwandel durch „arguing“ zu integrie-ren. Dies zumindest die Schlussfolgerung von Zangl/ Zürn 1999.
7 Ostrom 1991, S. 239 u. 243. Es sei notwendig, die Konzepte von Interessen und Ideen zu integrie-ren. Garret/Weingast 1993 Eine komplette Institutionentheorie bedeute die Verknüpfung von "taken for granted"-Handeln mit Interessen. DiMaggio 1988, S. 11.
8 Checkel 2001, S. 581.
9 Verschiedene Formen von Sozialisation/ Internalisierung werden mit rationalem/instrumentellem Handeln zu einem Stufenmodell verkoppelt. Checkel 2005, S. 805.
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Institutionalisierung bedeuten. 1 Zwischen welchen Polen soll das Spektrum institutioneller Mechanismen gezeichnet werden? Das fundamentale Unterscheidungskriterium soll sein, ob es sich um einen externen Anreiz oder um ein internes Merkmal der Akteure handelt. Zwischen diesen beiden Polen können die wesentlichen Ansätze zwischen rein rationalistischen und rein reflektivistischen am besten geordnet werden. Die Wahrnehmung von Institutionen als „extern“ hat sich als das konzeptionelle Grundproblem erwiesen.
Dies zeigt sich sogar aus der Sicht grundsätzlich institutionenkritischer Ansätze. Erneut soll uns Thukydides als Zeuge dienen. Dieser begründe die Instabilität von Institutionen nämlich grundlegend aus einer „inneren“ Konstitution des Menschen (ethos). Die „menschliche Natur in ihrer destruktiven Potenz“ sei stärker an Deinstitutionalisierung interessiert. Menschliche Eigenschaften wie „Habgier und Ehrgeiz“ würden als Grund angegeben, warum nur Macht Stabilität begründen kann. Diese Eigenschaften würden als anthropologische Kategorien verwendet. 2 Allerdings ist für Thukydides der kulturelle Kontext durchaus von Bedeutung. In einer bestimmten Konstellation der Not 3 scheinen diese Eigenschaften den Menschen von normativen Kontexten zu lösen und zu seinem Kern, zum kurzfristigen Nutzenmaximierer zu wandeln: „Einen edlen Vorschlag von Seiten der Gegner nahmen sie, wenn dieser im Vorteil war, an unter Berücksichtigung ihrer Lage, aber nicht aus aufrechter Gesinnung. (...) Eide, falls sie überhaupt noch bei Verträgen geleistet wurden, galten für beide Seiten nur für den Augenblick der Not, solange sie nicht anderswo Hilfe fanden.“ Hier - wie wenn der Wandel von edler Gesinnung zum Misstrauen beschreiben wird oder das Sicherheitsdilemma bei schwindender Kraft der Eide wie des Vertrauens - kann man von einer Deinstitutionalisierung sprechen. Dies ist aber nur die eine Hälfte der Geschichte. Das geschilderte Verhalten folgt nicht nur der „Herrschsucht“, „persönlicher Gewinnsucht“ oder elementaren Anreizen wie der „Furcht“. Denn wenn er den Gegner ungedeckt sah, rächte er sich lieber durch Missbrauch des Vertrauens als in offenem Kampf; „denn er dachte dabei an seine Sicherheit und auch, dass der durch Betrug gewonnene Vorteil ihm den Siegespreis der Schlauheit eintrage.“ 4 Das entsprechende Verhalten wird also sozial oder kulturell honoriert, wenn man sich des einen Verhaltens „schämt“, des anderen „brüstet“.
Immerhin sei im Frieden die Denkart besser, andererseits folge die „Sittenlosigkeit“ des Krieges durchaus dem „besseren Ruf“, also einer sozialen Norm. Zudem änderte der Krieg die kognitiven Muster: “Auch änderten sie die gewohnten Bezeichnungen für die Dinge nach ihrem Belieben. Unüberlegte Tollkühnheit galt für aufopfernde Tapferkeit (...), vorsichtig wägendes Weiterberaten wurde als schönklingender Vorwand der Ablehnung angesehen.“ 5
Thukydides zeigt uns, dass Institutionalisierungen in bestimmten Konstellationen (v.a. im Krieg) fragil sein können; dies führt zum kurzfristigen Nutzenmaximieren, eingebettet aber in neue institutionelle Kontexte. In jedem Fall wirken unterschiedliche Mechanismen. Darauf verweisen auch die vielfältigen Funktionen von „Ideen“: Rationalisierung von Entscheidungen, Prioritätenwahl, Vereinfachung von Entscheidungen, Stiftung sozialer Identität, Bestätigung internalisierter Ideensysteme. 6 Die hinter diesen „Funktionen“ liegenden Mechanismen müssen analytisch unterschieden und „erklärt“ werden.
1 So Beetham für den „complex of reasons“ für die Legitimität von Machtbeziehungen. Beetham 1991, S. 27.
2 vgl. Münkler 1990, in Göhler S. 43 ff. u. 49.
3 Die entsprechende Stelle, auf die sich die vorherige Ausage bezieht, ist nicht ganz so eindeutig: “An all dem ist die Herrschsucht schuld, die sich in Habgier und Ehrgeiz äußert, und daraus erwächst dann, wenn erst der Hader hinzutritt, wilde Leidenschaft.” Leidenschaft ist ein zentraler Begriff. Diese wird durch den „harten Lehrmeister des Krieges“ den „Gegebenheiten des Augenblicks“ angepasst. Thukydides III/ 82, 8 u. 2, S. 233f.
4 Thukydides III/ 82, 7 u. 83, 1 u. 2, S. 234f.
5 Thukydides III/ 82, 4, S. 233.
6 So Woods für Ideen im ökonomischen Bereich. Woods 1995, S. 172ff.
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Diese Mechanismen sollen im folgenden auf 6 Ebenen dargestellt werden. Dieser Achse sollen unterschiedliche Motivationstypen für die Institutionenwahl, unterschiedliche Formen von compliance sowie unterschiedliche Akteurstypen zugeordnet werden, die in unterschiedlicher „Entfernung“ zu einem rein utilitaristischen Institutionenbegriff stehen. Von dieser „logic of consequences“ entfernen sich Mechanismen und Akteurstypen schrittweise zu verschiedenen Formen einer „logic of appropriateness“. In diesem Sinne wurde kürzlich ein Spektrum vorgeschlagen, dass neben der „conscious instrumental logic“ zwei Typen von internalization/ socialization umfasst: Typ I umfasst das Erlernen einer sozialen Rolle, deren Vorgaben in einem Akt von „conscious role playing“ gefolgt wird, egal ob man diese Rollenvorstellungen innerlich akzeptiert. Man folgt den Erwartungen der sozialen Gruppe. Typ II dagegen bedeute, dass die Akteure die Interessen oder gar die Identität der Gruppe annehmen. Das bewusste Kalkül wird ersetzt durch „taken-forgrantedness“. Diesen Akteurstypen werden unterschiedliche Wirkungsmechanismen zugeordnet. 1 Dies ähnelt meinem Vorgehen; dabei soll aber gezeigt werden, dass eine stärkere Differenzierung dieses Spektrus sinnvoll ist. Dabei verändert sich die Bedeutung der „inneren“ Institutionalisierungen wie die Art und Bedeutung der korrespondierenden „äußeren“ Ressourcen. Die verschiedenen Akteurstypen sollen hier nicht als Ergebnis einer ontologischen Grundannahme betrachtet werden, sondern als das Verhältnis von Akteurseigenschaften zu spezifischen Umweltbedingungen. Denn: In acknowledging complexity, we accept multiple rationalities and multiple actors.” 2
3.4) Ebenen von Institutionalisierung
3.4.1) Ebene 1-2: rationalistische Institutionalisierung
In der Diskussion zum Institutionenbegriff wird die „Frage nach dem Institutionen tragenden Reproduktionsmechanismus“ vielfach „übergangen oder als irrelevant dargestellt“. 3 Hier soll sie dagegen im Mittelpunkt stehen, um die Präzision und Einheit des Modells plausibel zu machen. 4 Wenn auf der oben entwickelten x-Achse verschiedene Grade von Hierarchien abgebildet werden, so verkörpert die im folgenden dargestellte y-Achse verschiedene Stufen eines nichtkalkulierenden Verhaltens, einer Institutionalisierung unabhängig von aktuellen (externen) Anreizkonstellationen. Quer zur Achse der Hierarchiegrade/ Institutionalisierung tritt nun eine der Internalisierungsgrade/ Institutionalisierungstypen. Beginnt man deren Betrachtung in der Nähe der x-Achse - also in der Nähe des reinen rationalen Akteurs - trifft man zunächst auf die dargestellte Tauschanalogie, d.h. auf ein Modell von Hierarchie als Gütertausch bei ungleichen inneren Werten und äußeren Preisen. Rationale Akteure können unterschiedlichen Typen zugeordnet werden. 5 Auf Ebene 1 agiert ein voll rationaler Akteur, der in einem Prozess des Ressourcentauschs seine Präferenzen zu realisieren sucht. Dabei besitzt er eine klare Präferenzordnung, die durch den externen Wert der Anreize gegeben ist. Institutionalisierung im engeren Sinne ist hier im Prinzip nicht notwendig: das Nash-Equilibrium einer Gleichgewichtssituation der Auszahlungen, bei dem eine Veränderung alle Akteure schlechter stellt, ist eine Quasi-Institutionalisierung (Pareto-optimal). Nur bei stabilen Nutzenkalkülen oder stabilen Machtverhältnissen im Sinne unserer Tauschanalogie ist eine Institutionalisierung im weiteren Sinne möglich. Versprechen andere Verhaltensweisen höhere Gewinne, so wird unter Beachtung der Kosten die Konstellation
1 Checkel 2005, S. 804f.
2 Amin/Hausner 1997, S. 7.
3 Nedelmann 1995, S. 16.
4 Ein Plädoyer für die Untersuchung der „Mechanismen“ auch bei Checkel 2005, S. 808.
5 Beispielsweise unterschiedet O. Williamson drei Stufen der Rationalität: eine starke (Maximierung), eine mittlere (begrenzte Rationalität) und eine schwache (orgainsche Rationalität). Williamson 1990, S. 50ff. Dagegen unterscheidet Simon nur die beiden ersten Formen. Simon 1985.
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geändert. Der Handlungstyp kann man „strategic calculation“ nennen. Obwohl es richtig ist, dass „incentives and rewards can be social (status, shaming) as well as material (financial asssistance, trade opportunities) 1 , sollen diese Anreize hier analytisch getrennt werden und zunächst nur letztere gelten. Bei der Darstellung der Ebene 4 sollen die Unterschiede deutlich gemacht werden.
Die Akteure der Ebene 2 dagegen agieren unter Unsicherheit und entsprechen einer ersten Stufe von „bounded rationalitiy“ (Simon). Sie stehen einer komplexen Welt gegenüber, verfügen aber nur über begrenzte Erkenntnis- und Kommunikationsmöglichkeiten. Zudem ist die Planung, Anpassung und Überwachung von Transaktionen kostspielig. Deshalb begnügen sich die Akteure mit satisfycing (Simon) und akzeptieren die Ergebnisse, wenn sie bestimmten Erwartungsniveaus entsprechen. Diese levels of aspiration sind aber hier an materiellen Nutzenkalkülen orientiert. Die Akteure konstruieren Institutionen als Abbild ihrer (begrenzten) Interessenkalküle. Tauschakte bzw. Kooperation bietet Gewinnaussichten, aber die Verteilung, ja das „Kassieren“ der Gewinne überhaupt ist unsicher und abhängig vom Verhalten der Partner. Deshalb muss opportunistisches Verhalten vermindert werden, damit sich der „pareto-frontier“ angenähert werden kann. Dies sind auch Elemente des „neoliberalen Institutionalismus“.
Ein potentieller Institutionalisierungsgewinn (Kooperationsgewinn) stabilisiert das Verhalten unter der Voraussetzung, dass Institutionen die Unsicherheit vermindern und die Transaktionskosten senken. Institutionen liefern normierte Informationen und vergrößern den „Schatten der Zukunft“. Letzteres allerdings ist aus dieser Ebene nur im Ausnahmefall sehr stabiler Anreizkonstellationen begründbar; ansonsten verweist es auf Institutionen am anderen Ende dieses Spektrums. Dies gilt noch mehr für die Veränderung der Präferenzordnung durch Institutionen. Dies kann durchaus organsatorische Designs betreffen, Verhandlungsräume, Schiedsrichter, Expertise usw. Damit liegt auf dieser Ebene eine funktionell-utilitaristische Bedeutung von Organisationen vor. Diese besitzt aber weitere; so treffen wir auf Ebene 4 auf eine kognitiv-symbolische Funktion.
Eine wichtige “Stütze“ besteht in „side payments“ oder Sanktionen der Akteure. Es handelt sich um eine gütergestützte „Logik des Angemessenen“, bei der angemessenes Verhalten (sehr schwach) internalisiert ist und deshalb durch (starke) äußere Anreize (hohe Gewinnaussichten oder side payments) gestützt werden muss. Angemessenes Verhalten ist stets mit einer Vorteilsannahme verbunden, auch wenn diese diffuser ist als auf Ebene 1. Die Höhe wie die Reziprozität der Gewinne ist unspezifischer. Anreize werden antizipiert und verschwinden bereits ein Stück weit hinter einem veil of ignorance.
Ohne Zweifel ist die Motivation zu bzw. die compliance gegenüber Institutionen mit Anreizen verbunden. Die Regimeforschung zeigt jedoch, dass ein weiteres Spektrum notwendig ist: “Further, there is no reason to assume that individual actors make large numbers of descrete benefit/cost calculations relating to compliance with the provisions of international regimes. Actors will often develop general rules or politics in this realm, and it seams reasonable to expect that long-term socialization as well as feelings of obligation will play an important role in the articulation of these rules.” 2 Damit ist das im folgenden zu systematisierende Spektrum umrissen. Ein erster Schritt betrifft die funktionale Bedeutung von Ideen oder Normen.
1 Checkel 2005, S. 808. Eine ebenfalls zu stark integrierende Bestimmung von social bzw. nonsocial incentives bei Opp 1990, S. 123f.
2 Young 1980, S. 338 f.
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3.4.2) Ebene 3 : Institutionelle „focal points“
Es wurde bereits erwähnt, dass viele Interaktionen zu „multiple equilibria“ führen können, deren „Wahl“ nicht allein rationalistisch begründet werden kann. Aus der Perspektive einer bounded rationality formuliert, sind die „Lösungen“ oft zu komplex und die Ergebnisse oft zu unsicher, um sie vollständig kalkulierbar zu machen.
Abhilfe können externe Handlungsmuster bieten; somit können sowohl Ideen als auch durch das Handeln anderer präsentierte Muster als Orientierung dienen. „In complex situations or when dealing with incomplete information (...) it may be better to do what others do than to try to decide one’s own optimal strategy, even if you don’t understand why the others are doing what they are doing, or even if they don’t understand why they are doing what they are doing. Because complexity and uncertainty characterize so much of the human condition, it is certainly plausible that people would tend to use emulation rather than more cognitively difficult processes to decide behavior. This need not lead to nonrational ore even suboptimal outcomes, but the process is certainly not rational in the usual sense.” 1 Diese Methode kann auch „horizontal/ associative reasoning“ umfassen. 2 Dies sind nichts anderes als Formen rationalen “satisfycings”. Simon fasst dies als „procedural rationality“ (bounded rationality) etwas enger, der das Verhalten dann entspricht, wenn es das Ergebnis von „appropriate deliberation“ ist. Das Ergebnis ist wiederum „saticfycing“, wenn es als „adequate for some aspiration level“ angesehen werden kann Es entspricht einer „rationalen“ Prozedur oder Methode. Dies sind allerdings bereits institutionelle Konfigurationen. 3 Simons Begriff der Rationalität ist allerdings so weit, dass er die Mechanismen dieser Ebene bereits verwischt. 4 Im Unterschied zu Ebene 2 geht es hier nich tmehr um „befriedigende“ Lösungen durch einzelne Regeln, Normen oder Organisationen, sondern um Konzepte und Ideen, denen man folgt.
Die Auswahl dieser Konzepte oder Ideen hängt vom jeweiligen Angebot ab. Anbieter können gesellschftliche Subsysteme, die diese „Ideen“ als Kollektivgut produzieren genauso sein wie internationale Organisationen oder Hegemonialmächte. Dies kann - auch für Imperien - als Verhältnis von Entscheidungselite und Deutungselite verstanden werden. Verfügt die dominierende Macht über Vorteile oder Monopole beim Angebot von Deutungen, kann hieraus eine Hierarchie entstehen. Dies kann aber auch zu einer weitergehenden Institutionalisierung oder einer Senkung der Hierarchie führen, wenn hierbei „Perspektiven und Visionen“ nicht nur als Orientierungshilfe oder Legitimationsinstrument dienen, sondern auch als „entscheidungsbeschränkende Selbstbindung“. 5 Legitimität von hierarchischen Beziehungen kann von Hegemonialmächten angestrebt werden, um die Transaktionskosten zu senken. Aber: „Because ‚hypocrisy’ is dangerous to legitimation, hegemons can find themselves entrapped by their own institutions and pressured to act in ways that they would rather not.“ 6 Allerdings muss dieses “self-entrappement” nicht auf diese Ebene beschränkt bleiben.
Ideen besitzen aus dieser Perspektive somit verschiedene entscheidungs- und orientierungsvereinfachende Funktionen. Sie liefern Orientierung in unsicheren Entscheidungssituationen, Koordinierung in Situationen mit unterschiedlichen
1 Florini 1996, S. 380.
2 Dieses basiert auf „simplifying, or in some cases caricaturing, complex situations through the use of metaphor, metonym (...) or analogy, and comparing it with other situations.“ Crawford 2002, S. 18.
3 Simon 1957; vgl. auch Delorme 1997, S. 37f.
4 Simon gibt „subjective represantations“ und ihrer Natur eine zentrale Rolle und fragt, wie values und wie diese expectations and beliefs beeinflussen. Simon 1985.
5 Münkler 2005, S. 134; Ikenberry 1993, S. 85.
6 Checkel 2005, S. 801.
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„Gleichgewichten“ und verstärken die Investitionen in vorhandene organisatorische Designs: „Ideas influence policy when the principled or causal beliefs they embody provide road maps that increase actors clarity about goals or endsmeans relationships, when they affect outcomes of strategic situations in which there is no unique equilibrium, and when they become embedded in political institutions“. 1 Dabei helfen sie bei der Auswahl der Problembereiche wie besonderer Positionen, besitzen eine „advocatory“-function. 2 Auf dieser Ebene sind Ideen vorrangig ein Ausdruck erwarteter Gewinne in komplexen Kooperationssituationen; sie formulieren diese Gewinne und die Bedingungen ihrer Erlangung, machen sie kommunizierbar gegenüber den Partnern wie den Normensystemen der Akteure. 3 Obgleich die Rationalität begrenzt ist, bleibt das Akteursverhalten „intendiert rational“. 4 Unsicherheiten bei der Wahl eines Organisationsmodells wie
Kooperationsprobleme, die durch Ideen bzw. vorhandene Muster überwunden wurden, könnten auch für unseren Gegenstand relevant sein. Solche Deutungen wurden für die Entstehung des Warschauer Vertrages, die RGW-Reformen Anfang der 60er Jahre oder die Übertragung des sowjetischen Wirtschaftsmodells auf den Ostblock genutzt. 5
Bei einem Überangebot an „Deutungen“ fehlt einer „reinen“ rationalistischen Perspektive allerdings das Auswahlkriterium. Warum finden alle Akteure diesen focal point? Immerhin handelt es sich um eine „perceived correspondence“ zwischen dem Muster und der aktuellen Realität. 6 Hier können side payments eine Rolle spielen, aber auch „shared norms and principles“. 7 „Complexity is not only object-based in the sense of being intrinsic to the observed object, it is also related to the observing subject: it is a cognitive notion (…).” 8 Wenn „new information is ambigious, subject to multiple interpretations“, kann ein „focal point“ nicht nur durch die Referenz auf externe Ideen erreicht werden; er bedarf der Interpretationsleistung der „preexisting beliefs“. 9 Kurz: „Common knowledge is the answer.“ 10 Die Formulierung eines Forschungsprojekts zum Verhältnis von Ideen und Institutionen geht noch darüber hinaus: „Normative Vorstellungen werden zu Begründungszusammenhängen ausformuliert, die entweder bestehende Institutionen in der Auseinandersetzung mit anderen Ordnungskonzepten bis hin zur Idealisierung verteidigen oder in der Kritik an herrschenden institutionellen Konfigurationen aus gegenläufigen Interessen, aber ebenfalls mit stark idealisierender Tendenz, Alternativen ins Spiel bringen, sei es in der Reaktivierung überkommener Begründungszusammenhänge, sei es in der theoretischen Antizipation historisch sich erst herausbildender Konfigurationen.“ 11 Dies bedeutet wohl, dass andere Institutionen die Wahl von Ideen ermöglichen, indem sie ihnen eine bestimmte Wertigkeit zuweisen. Der Weg von einer beliebigen Idee zu einer institutionalisierten ist also abhängig von der Relation zu vorhandenen Institutionen. Somit spielt die Affinität zu bereits internalisierten Normen und Ideen eine entscheidende Rolle. Dies verweist auf die weiteren Ebenen unseres Schemas.
Auf dieser Ebene allerdings dominiert noch der strategische Umgang mit Ideen: Erweisen sie sich als offensichtlich nachteilig, können sie unter Beachtung der „Kosten“ nahezu problemlos gewechselt werden. Somit sind sie - im Gegensatz zur Ideologie - grundsätzlich
1 Goldstein/ Keohane 1993, S. 3 u. 12ff.
2 Woods 1995, S. 174.
3 Garret/ Weingast 1993, v.a. S. 203f.
4 Die Formulierung geht auf H. Simon zurück; vgl. auch Williamson 1990, S. 51.
5 Explizit für das letzte Beispiel: Halperin 1993.
6 Crawford 2002, S. 22.
7 Drezner 2000, S. 81.
8 Delorme 1997, S. 38f.
9 Mercer 2005, S. 86; Jervis 1976.
10 Wendt 1999, S. 159.
11 Göhler 1990, S. 9.
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einer Überprüfung ihres „Nutzens“ wie ihrer inneren Konsistenz zugänglich. Wesentlich ist hier also der instrumentelle Umgamg mit Ideen, Handlungsschemata oder Normen.
Obgleich hier der Schwerpunkt noch klar bei den Anreizmechanismen liegt, verweist vieles bereits auf die folgenden Ebenen 4-6. Überschreitet man diese Grenze, begegnet man einem qualitativ anderen Form von „Fessel und Bremse“ (Offe). 1 Diese Ebenen sollen im folgenden näher betrachtet werden und mit verschiedenen Theorieangeboten illustriert werden. Auch wenn der Übergang von rationalistischen zu konstruktivistischen Konzepten hier als eine gleitende Skala von Institutionalisierungsgraden gedacht wird, kann zwischen den Ebenen 3 und 4 eine wesentliche Trennlinie gezogen werden, die der oben beschriebenen Unterscheidung externer Anreize und interner Akteursmerkmale entspricht. Deshalb sollen zunächst die allgemeinen Eigenschaften der Ebenen 4-6 dargestellt werden, bevor sie eine Binnendifferenzierung erhalten.
3.4.3) Ebene 4-6: Grundelemente
Um den entscheidenden Unterschied zu wiederholen: Nun verschiebt sich der Schwerpunkt von externen Anreizen zu internen Akteurseigenschaften. In den Worten von Alexander Wendt: “The process of creating institutions is one of internalizing new understandings of self and other, of aquiering new role identities, not just of creating external constraints on the behavior of exogenously constituted actors.” 2 Hier betreten wir das Feld soziologisch orientierter Institutionenvorstellungen. „This framework sheds light on why norms so often wary from what would be expected from a rational choice perspective, for both good and ill. Behaviors (…) merely seen as ‘appropriate’ may actually help actors to meet goals in ways of which the actors are completely unaware. On the other hand, there can be huge lags in behavioural changes as responses to structural changes, and norms may become maladaptive long before they are altered. The homo behavioralis posited here may expend far less cognitive energy than the homo economicus of rational choice theory and may find cooperation easier to achieve, but often finds it difficult to adapt well to rapidly changing conditions.” 3 Die Akteure folgen einer “Logik des Angemessenen”. 4 Dabei kann sich das Bewusstsein über die eigenen Ziele und Motive abschwächen. 5
Auf dieser Ebene kann man - obwohl breiter angelegt und von grundsätzlicher Bedeutung für unser Konzept - auch Elemente des „konstruktivistischen“ Institutionenverständnisses von Alexander Wendt einordnen. Hiernach ist eine Institution ein “relatively stable set or ‘structure’ of identities and interests. Such structures are often codified in formal rules and norms, but these have motivational force only in virtue of actors socialization to and partizipation in collective knowledge. Institutions are fundamentally cognitive entities that do
1 Es ist wesentlich, dass die folgenden Ebenen zumeist Situationen umfassen, die sowohl jenseits der Möglichkeit einfacher Konventionen als auch der Möglichkeit rationaler Lösungen liegen. Die „kognitiven und moralischen Kapazitäten“ der Akteure „unterscheiden sich von den Geboten einer bloß eingelebten Alltagssittlichkeit gerade dadurch, dass man in den genannten Handlungsfeldern mit ‚guten Rechten’, stereotypen Konfliktbewältigungsmustern und partikularistischen Traditionen nicht auskommt; und ebenso unterscheiden sie sich von bloßen Klugheitsregelen dadurch, dass der Beitrag zu Erlangung eigener Vorteile (oder zur Vermeidung eigener Nachteile), den man durch normgemäßes Verhalten eventuell erzielen kann, oft so gering, oft so ungewiss und in seinen Auswirkungen so langfristig ist, dass solche Vorteilskalküle allein das entsprechende Handeln im erforderlichen Umfang (kaum) motivieren könnten.“ Motiv und Funktion fallen auseinander. Offe 1990.
2 Wendt 1992, S. 417.
3 Florini 1996, S. 380.
4 Politische Akteure verbinden spezifische Handlungen mit spezifischen Situationen durch “Regeln des Angemessenen”. Das Angemessene wird durch politische und soziale Institutionen definiert und durch Sozialisation übertragen. March/ Olson 1989, S. 29, ibid.
5 Dies ist bereits ein Problem rationalistischer Ansätze. Worchel 1985, S. 144.
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not exist apart from actors’ ideas about how the world works. (…) On this view, institutionalization is a process of internalizing new identities and interests, not something occurring outside them and affecting only behavior; socialization is a cognitive process, not just a behavioral one.” Für unser Modell ist von Bedeutung, dass Institutionen kognitive (und emotionale) Eigenschaften von Akteuren betreffen, ohne sich in diesen zu erschöpfen. Denn: “This does not mean that institutions are not real but objective, that they are ‘nothing but’ beliefs. As collective knowledge, they are experienced as having an existence ‘over and above the individuals who happen to embody them at the moment’. In this way, institutions come to confront individuals as more or less coercive social facts, but they are still a function of what actors collectively ‘know’. Identities and such collective cognition do not exist apart from each other; they are ‘mutually constitutive’.” 1
Die hier integrierten Bezeichnungen lassen sich am besten im Sinne politischer Kultur als „ideational phenomenon“ zusammenfassen: „Whether culture is described in terms of assumptions, attitudes, beliefs, concepts, conceptual models, feelings, ideas, images, knowledge, meanings, mind-sets, norms, orientations, sentiments, symbols, values, world views, or some combination of these concepts, it refers to the recurring patterns of mental activity, or the habits of thought, perception, and feeling, that are common to members of a particular group.” 2
Für uns ist zunächst der Bezug auf stabilisierte kognitive „Eigenschaften“ der Akteure wichtig. Grundlegend ist der Bezug von Institutionen zu Interaktionen. Allerdings besitzt dieses Verhältnis zwei Nuancen, die nicht völlig identisch sind. Zunächst sind Institutionen das Ergebnis von Interaktionen, in denen „actors aquired (…) identities and interests“. Sie unterscheiden sich “in the extent to which and the manner in which the self is identified cognitively with the other”. 3 Sie sind dann stabil als „Gelerntes“. Wesentlich ist, dass es sich nicht um jegliche stabile Internalisierungen handelt, sondern nur um diejenigen, die Beziehungen zum Handeln anderer Akteure besitzen, die also eine Institutionalisierung von Beziehungen bzw. beziehungsrelevanten Mustern darstellen. 4 Erst der relationale Inhalt der internalisierten Normen, Annahmen usw. ergibt einen institutionellen Status in unserem Sinne. Dies gilt für den gesamten oberen Bereich unseres Spektrums, ja ist fundamental, da einseitig wahrgenommenes Vertrauen „Verwundbarkeit“ begründet und somit einen prekären Status der Beziehung bedingt. 5
Somit sind sie überindividuell, sind „collective cognitions“. Dies bedeutet zum einen, Institutionen stabilisieren sich in der Interaktion, auch aufgrund von Anreizen oder zumindest „Erinnerungen“. Dies betrifft insbesondere das “reinforcement” von intersubjektiven Konzepten: “Interaction rewards actors for holding certain ideas about each other and discourages them from holding others.” 6 Es ist allerdings ein anderer Typ von Anreiz als auf Ebene 1, da er wesentlich stärker von inneren Eigenschaften der Akteure abhängt, erst durch die Relation von äußeren Verhaltensregelmäßigkeiten zu deren inneren Bewertungen entsteht. Die Stabilität von Anreizkonstellationen kann eingebettet werden in die übergreifende Stabilität von Wünschen, Motiven bzw. „Interessen“. In diesem Sinne wurde argumentiert, dass „ideas at that macro level get into the heads of states and become interests at this other, more micro level of international structure”. 7 Grundsätzlich werden die internalisierten Wissensbestände durch Interaktion bestätigt und konstituiert: wenn sie die
1 Wendt 1992, S. 399. Wendt zitiert hier Berger und Luckmann sowie Giddens.
2 Duffield 1999, S. 769.
3 Wendt 1992, S. 402 u. 399.
4 Dies entspricht dem Kulturbegriff Wildawskys. Wildawsky 1987, S. 10.
5 Granovetter 1985, S. 491 f.
6 Wendt 1992, S. 405.
7 Wendt 1999, S. 125.
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gewünschten Effekte in der Interaktion erzielen lassen, vor allem aber, wenn die Interaktionspartner ebenfalls auf sie rekurrieren. Letzteres muss im Folgenden anhand der institutionellen Mechanismen etwas genauer betrachtet werden.
Auf Ebene 4-6 steht also der Internalisierungsgrad von Normen, Regeln, Rollen, Beziehungsformen usw. im Vordergrund, der in unterschiedlichem Grade (un-) abhängig von äußeren Anreizen existiert. Damit entstehen völlig anders fundierte Formen von Hierarchien: „Those in the subordinate state sometimes come to accept the legitimate authority of the superior state within certain limits. Once this happens, hierarchy becomes a ‘social construct’ that is independent to some degree from the material power that gave rise to it in the first place. This line of argument thus presents us with the following hypothesis: that a decline (rise) in the degree to which elites in one nation see their state as being the subordinate partner in a relationship will, other things being equal, lead to a rise (decline) in that nation’s ability to stand up to coercive pressure from this partner.” 1 Diese Hypothese - von Schoppa erfolgreich auf die Beziehungen USA - Japan angewandt - könnte sich auch für den Ostblock als fruchtbar erweisen.
So fundierte Hierarchien entfernen sich von einer Begründung durch unser Tauschmodell von Macht. „If the efficacy of coercive pressure is in part the product of the social context, however, it is possible that ‘social linkage’ might operate in such a way that no trade is necessary. In a relationship where social ties in one issue area (such as the military side) are distinctly hierarchical, patterns of relations in another area where they are less material unbalanced (such as the economic side) might nevertheless be affected through patterns of social interaction. Rather than relying on threats to withdraw favors on one side to extract concessions on the other, ‘social linkage’ might work through the process whereby elites in the subordinate partner who have been socialized to accept the authority of the superior partner on the one side of their relations carry their defence over to other issue areas where the partners are engaged in bargaining.” 2 Eine internalisierte Hierarchie würde also wesentliche Elemente des rationalen Tauschmodells von Einfluss außer Kraft setzen oder ihnen entgegenwirken. Allerdings wirken diese Mechanismen nicht nur bei hierarchischen Beziehungen, sondern als Begründung jeder politischen Kultur. 3 Bei der etwas genaueren Betrachtung dieser Ebenen gilt es, ein Desiderat zu mindern: „In social (and IR) theory it has become commonplace to describe action as culturally or discursively structured, bur rarely is a mechanism supplied through which this effect might actually work.“ 4 Institutionendefinitionen synthetisieren diese Mechanismen, vernachlässigen aber die Analyse. 5
Hinweise auf die Mechanismen finden sich bei Parsons. Institutionen sind demnach eine besonders entwickelte Form „normativer Muster“. Sie werden zwar noch sanktioniert, aber mittels - zumindest für den politischen Bereich - recht „schwacher“ Mechanismen, d.h. moralischer Sanktionen, die mit den Mustern verbunden werden. Sie produzieren moralische Entrüstung auf der einen und Schuldgefühle auf der anderen Seite. 6 Zudem: „In dem Maß, in dem ein normatives Muster institutionalisiert ist, nimmt man es als ‚selbstverständlich’ hin, sodass sich die Frage, ob es verletzt werden sollte oder nicht, für das durchschnittliche, im Bezug darauf handelnde Individuum gar nicht stellt.“ Dies liege einerseits an der Erwartung
1 Schoppa 1999, S. 313.
2 Schoppa 1999, S. 313 f.
3 Duffield 1999, S. 770.
4 Wendt 1999, S. 134.
5 Vgl. die Definition bei Acham 1992, S. 33.
6 Parsons 1994, S. 219. Wir werden unten darauf hinweisen, dass das "Eigeninteresse", das Parsons reklamiert, nicht nur in der Aufrechterhaltung des "persönlichen Gleichgewichts" besteht. Vgl. S. 222
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der anderen Aktoren. „Andererseits ist es Teil der Persönlichkeitsstruktur des Aktors geworden.“ 1 Letzteres verweist auf die Ebene 6 unseres Schemas, ersteres auf die nun zu erläuternde „soziale Logik des Angemessenen“.
3.4.4) Ebene 4: Die soziale Logik des Angemessenen
Die Angleichung kollektiven Verhaltens durch verinnerlichte Regeln wird durch „Zwang“ unmittelbarer sozialer Kontakte gestützt. Die Interaktion ist durch die „Kopräsenz“ der Akteure gekennzeichnet. 2 Ähnliches trifft zu auf eine erste Stufe von Internalisierungsgraden (Type I internalization), die Checkel für ein Spektrum unterschiedlicher Sozialisationstypen im internationalen Bereich aufgestellt hat. „When role playing occurs, the shift from a logic of consequences to a logic of appropriateness has begun, as it involves noncalculative behavioral adaption. Organizational and group environments trigger roles, in which a degree of ‘automaticity’ governs individual behavior. Agents adopt certain roles because they are appropriate in that particular setting. (...) Individuals and states take on roles because it is easier socially, as opposed to only and always acting strategically and instrumentally.” 3 Nach meinem Modell muss aber auch bei role playing unterschieden werden, ob instrumentelles Handeln dominiert oder ob es einer sozialen Logik des Angemessenen folgt. 4 .
Auf dieser Ebene stabilisiert der soziale Kontakt in mehrfacher Hinsicht die internalisierten Inhalte: er präsentiert eine besonders signifikante kognitive Krücke, die aktiv die entsprechenden Verhaltensweisen repräsentiert, und sie liefert ergänzende Anreize durch soziale Güter (Gemeinschaft, Geborgenheit, Identität, Lob). Die zweite Seite sind Sanktionen bzw. soziale Strafen, die „angemessenenes Verhalten“ stabilisieren. (Ignorieren, Isolieren, Beschämen, Bedrängen, Tadeln).
Diese „Güter“ wirken allerdings nur in Verbindung mit „shared belief systems“. Nur in einem spezifischen sozialen und kognitiven Kontext können sie als „Anreiz“ wirken. Deshalb darf diese Ebene nicht mit den oft betonten „Männerfreundschaften“ in der Politik gleichgesetzt werden, selbst wenn diese hier eingeordnet werden können. Diese sind nur eine besonders ausgeprägte Form dieses Mechanismus. Wenn man bei einem Abendessen Ulbrichts mit Chruschtschov und Kossygin beobachten konnte, dass hier keine Freunde beisammensaßen 5 , bedeutet dies nicht, dass die soziale Logik des Angemessenen nicht wirken konnte. Ein zentraler Mechanismus, der das Kooperationsvermögen beeinflusst, ist Vertrauen (trust), das sich durch direkte Kontakte der Parteien stabilisiert. Ordnung entsteht durch die „embeddedness“ in unmittelbare soziale Relationen. 6 Vertrauen ist ein Ausdruck „emotionaler Kompetenz“. 7 Mercer bezeichnet Emotionen als Basis von Vertrauen (wie von Reputation). In diesem Sinne kann man Vertrauen als „emotional belief“ auffassen. „Emotional beliefs are generalizations about internal, enduring properties of an object that involve certainty beyond evidence. Trust requires certainty beyond observable evidence and reliance instead on how one feels about someone.” Allerdings weist dies bereits über diese
1 Parsons 1994, S. 221.
2 „Die sozialen Charakteristika von Kopräsenz sind in der Räumlichkeit des Körpers und in der Orientierung auf andere sowie auf das erlebende Selbst verankert.“ Giddens 1995, S. 116ff.
3 “However, no process of of reflective internalization driven by communicative processes has occurred.” Checkel 2005, S. 810. Diese Typologie scheint aber Mechanismen der Sozialisierung mit Internalisierungsgraden zu vermischen.
4 Zudem ist diese eben noch nicht habitualisiert Dies ist in Checkels Modell möglich. Checkel 2005, S. 811f.
5 Mayer 1991, S. 124 u. 151.
6 Schoppa 1999, S. 315; Granovetter 1985. Allerdings bleibt hier der kognitiv-soziale Mechanismus unterkonzeptionalisiert.
7 Giddens 1995, S. 109.
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Ebene hinaus. Hier werden nicht nur „internally generated feelings as evidence“ genutzt. 1 Hier wird diese innere Gewissheit durch den direkten sozialen Kontakt, die direkte Bekundung von Vertrauen gestützt. Zudem sind kalkulierende Elemente im Sinne von internalisierten Annahmen über die Vorteile einer Beziehung nicht ausgeschlossen. Die verbliebenen Elemente von Anreizen und Kalkülen können - neben der Furcht - am besten bei einem anderen Mechanismus gezeigt werden: „Shame in this sense is best undestood as a self control mechanism which, nevertheless, can be triggered in us by others when they want to achieve our compliance. (…) Superiors as well as peers play the role of reinforcement agents who shame non-conformist individuals back into the ranks of the pliant. One is shamed into obedience.” Zentral dabei ist, dass solche Sanktionsmechanismen auf geteilten Normen innerhalb hierarchischer Beziehungen beruhen. 2 Hier liegt aber nur eine Komponente von Sozialkapital zugrunde, ein Element, das Vertrauen begründet. Andere Elemente liegen eher auf Ebene 2. 3
Diese Ebene stützt Hypothesen über compliance durch „argumentative persuasion“: Diese sei effektiver, wenn der „persuader is an authoritative member of the in-group to which the persuadee belongs or wants to belong.“ Sie sei effektiver in „less politized and more insulated, private settings“. Sozialpsychologische Experimente zeigen, dass “discussion and persuasion within small groups consistently promote feelings of group identity”. 4 Akteure sind Rechtfertigungszwängen ausgesetzt, die unterschiedliche Arten von Kosten produzieren. Umgekehrt senkt gruppenadäquates Verhalten die Orientierungskosten politischen Handelns und honoriert die Zugehörigkeit durch emotionale „Anreize“. Dies umfasst soziale Identität als „that part of an individual’s self-concept which derives from his knowledge of a social group (or groups) together with the value and emotional significance attached to that membership“. 5 Dabei sind Zugehörigkeit und Abgrenzung aufeinander bezogen. Positive Gefühle in der eigenen Gruppe sind umgekehrt proportional zu den Gefühlen gegenüber rivalisierenden Gruppen. 6 Dies könnte für die Eliten des Ostblocks in ihrer antinomischen Weltsicht des „Klassenkampfs“ zwischen den Systemen eine wichtige Rolle spielen.
Eine weitere entwickelte Realisierungsform dieser Ebene sind Netzwerke, v.a. „epistemic communities“ (Haas, Adler) oder „cognitive networks“. 7 Dieser Handlungstyp ist also dadurch gekennzeichnet, dass „Regelungen in der Gemeinschaft, im Kollektivbewusstsein der Akteure verankert sind, und entsprechend der ‚Logik der Gemeinschaft’ auf einer nicht rationalen (affektiven) Fundierung beruhen. Das heißt beispielsweise, je häufiger, regelmäßiger und intensiver die sozialen Beziehungen zwischen den politischen Führungseliten sind, um so mehr entwickelt sich tendenziell auch eine gegenseitige Anerkennung und Angleichung der Akteure sowie ein normative Stabilisierung ihrer interessengeleiteten Interaktionen, die in eine Habitualisierung und entsprechende Typisierung einmünden kann.“ 8 Damit ist der Grundmechanismus dieser Ebene gut skizziert; zugleich verweist diese Formulierung aber auf die anderen Mechanismen unseres Schemas, vor allem die gleich zu erläuternde Ebene 6. Die Verbindung mit anderen Ebenen gilt auch für eine besonders aktive und personalisierte Form der Bekräftigung und Konstitution sozialer Normen und Werte: das Lob. Es kann hierarchische Beziehungen ausdrücken, hängt aber auch von der Loyalität und Glaubwürdigkeit des Lobenden ab. Es wirkt besonders effektiv, wenn es mit materiellen Anreizen verbunden wird, besitzt aber selbst eine eher
1 Mercer 2005, S. 95.
2 Flam 2005, S. 22f.
3 Diese hebt Cook 2004 hervor.
4 Checkel 2001, S. 563.
5 Tajfel 1978; zit. Nach Mercer 2005, S. 96.
6 Mercer 2005, S. 97.
7 Orillard 1997, S. 64f. Diese umfassen aber auch andere Mechanismen unseres Schemas.
8 Aretz 1999 unter Bezug auf Durckheim wie Berger/Luckmann.
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„diffuse Konditionalstruktur“. Zudem ist es eine „symbolische Gratifikation“, ist Teil von rituellen Handlungen. Allerdings muss es von standartisierten Formen der Belobigung wie öffentlichen Ehrungen und Preisverleihungen typologisch abgegrenzt werden. Das Lob ist explizit, persönlich und „nicht-rituell“. 1 Damit verweist es auf die Mechanismen der nächsten Ebene, kann aber von ihnen abgegrenzt werden.
Worin besteht der zentrale Unterschied? Im Vergleich zur nächsten Stufe ist die externe Stabilisierung der internalisierten „shared beliefs“ hier bedeutsamer, da sie eine sehr signifikante und zudem agierende „Krücke“ der institutionalisierten Normen darstellt, während auf der folgenden Ebene eine symbolische Stützung erfolgt.
3.4.5) Ebene 5: Die symbolische Logik des Angemessenen
Diese Ebene einer „symbolic order“ 2 soll durch Konzepte politischer Kultur illustriert werden. Zwischen kulturwissenschaftlichen Ansätze und institutionentheoretischen Konzepten soll - gerade im Bereich der internationalen Beziehungen - ein „Brückenschlag“ möglich sein. 3 Beide verweisen auf die Internalisierung der zugrundeliegenden Werte, Normen und Ideen: „Unter politischer Kultur wurde ein mental und habituell verankertes Set von Prinzipien und Regeln verstanden, die das politische Denken und Handeln, einschließlich des Sprachhandelns, regulieren und programmieren. Damit diese Programmierungsfunktion wahrgenommen werden kann, müssen die Regeln und Prinzipien verinnerlicht werden. Wie solche Internalisierungsprozesse verlaufen, dafür stellt die Sozialpsychologie mit der sozialen Lerntheorie und dem kognitiven Entwicklungsparadigma (…) unterschiedliche Erklärungsansätze bereit.“ 4 Die Vermittlung erfolge durch das politische „Gewissen“ des Individuums, das sich an den Normen der herrschenden politischen Kultur orientiert. Hier schwingt die Vorstellung eines Gleichgewichtszustandes zwischen individuellen und sozialen Mentalitäten mit. Dabei ist - auf dieser Ebene - das innere Gleichgewicht nur eine Seite der Medaille: „Kulturelle Regeln bedürfen freilich nicht nur der ‚Verinnerlichung’, sondern auch der ‚Veräußerlichung’, damit sie ihre gesellschaftlichen Funktionen erfüllen können. Anders formuliert heißt das, dass sie auf zeichenhafte Verdeutlichung angewiesen sind und immer wieder durch Wort, Schrift, Bild und Tat in Erinnerung gerufen werden müssen.“ 5
Bei den entsprechenden „embodiements of schemas“ handelt es sich um Ressourcen im weitesten Sinne. 6 Der „subjektive und objektive Doppelcharakter“ politischer Kultur kann die Konstitutionsleistung politischen Handelns selbst betreffen, vor allem aber die Leistung politischer Symbole: „Politische Kultur ist politischer Sinn, der auch sinnenfällig werden muss.“ 7 Symbole sind zunächst alle Träger von Bedeutungen, die auf internalisierte Normen, Regeln usw. verweisen. Institutionen im engeren Sinne oder geschriebenes Recht als Gesamtheit können als Symbole in diesem Sinne dienen, wenn sie mit internalisierter
1 Paris 1998, v.a. S. 162f. Zur politischen Institutionalisierungsfunktion des Lobs vgl. S. 189.
2 March/ Olson 1984, S. 744.
3 Lehmkuhl 2001.
4 Rohe 1996, S. 6 f. Vgl. auch Rohe 1990. S. 333 u. 326.
5 Rohe 1996, S. 7. Kultur wird zwar in diesem Sinne - C. Geertz folgend - als Symbolsystem verstanden, das Bedeutung in der sozialen Gruppe konstituiert. Wirksam wird es aber erst durch die Internalisierung symbolischer Inhalte. Snyder 2002, S. 14 u. 26.
6 “Resources (…) are read like texts, to recover the cultural schemas they instantiate. Indeed texts - whether novels, or statute books, or folktales or contracts - are resources from the point of view of this theory. They, too, are instantiations of schemas in time-space, that can be used by actors to generate power.” Sewell 1992, S. 13.
7 Rohe 1990, S. 337.
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Akzeptanz gekoppelt sind. 1 Die Basis eines Kulturbegriffs besteht also in „beliefs, symbols and practices, that social groups are convinced of or in great measure take for granted“. Kultur umfasst Institutionalisierung. 2
Eine spezielle Form (im Grenzbereich zu Ebene 4) sind Handlungssymbole, die als Vollzug ritueller Akte selbst Symbolwert besitzen, aber diese Handlungen gleichzeitig in „höhere Ordnungen“ einbetten, die wiederum durch Symbole repräsentiert werden. 3 Politischen Ritualen wurde deshalb zurecht eine Ordnungsfunktion attestiert - gerade für hierarchische Strukturen: „Wenn das Politische ritualisiert ist, so deshalb, weil der Ritus das grundlegende Verhalten repräsentiert, mit dem jemand seine Unterordnung gegenüber einer sich manifestierenden Macht anerkennt. Für die so bekundete Macht ist der Ritus ein Mittel, auf theatralische Art und Weise ihre Überlegenheit zu bekräftigen, also zu Respekt und Ehre durch das Zurschaustellen von Symbolen der Überlegenheit, des Reichtums, imaginärer Taten (...) zu gelangen; dadurch kann, ohne tatsächliche Gewaltausübung, Zwang ausgeübt werden.“ 4 Wesentlich für den gesamten Bereich dieser Ebene ist es, dass das Fundament der institutionalisierten Elemente nicht (in erster Linie) in den äußeren normativen Elementen (Symbolen) besteht, sondern in „kognitiven Grundannahmen“ im weiteren Sinne, die zu standardisierten Handlungsmerkmalen rückgekoppelt sind. 5
Deshalb ist hier mit politischer Kultur ein „kollektiv geteiltes und meist im Modus des Unbewusst-Selbstverständlichen wirksames Bündel von Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsmustern gemeint, dessen kulturelle Objektivation sich als semiotischer Ausdruck in Zeichen vollzieht (...) Politische Kultur äußert und manifestiert sich in sinnlich fassbaren Zeichenräumen.“ 6 Wenn die „Zeichendimension des Politischen“ eine eigenständige Relevanz für die Erhaltung politischer Ordnung besitzt 7 oder die äußeren Merkmale der Akteure die Kooperationsfähigkeit beeinflussen 8 , sind sie institutionalistisch relevant.
Ein Beispiel für den Zusammenhang zwischen Symbolen und Institutionen finden wir in Rehbergs Ansatz von „Institutionen als symbolische Ordnungen“. Institutionen sind eine besondere Form der Stabilisierung sozialer Ordnungen, in der Ordnungsprämissen undprinzipien symbolisch zur Darstellung gebracht werden. Deren höchste Ausprägung seien (kontingente) „Leitideen“. Die Ordnungsleistung ist eine Transzendierungsleistung (durch Abstraktionsleistungen, Autonomisierung, Enthistorisierung), ohne dass Institutionen selbst als transzendent gedacht werden. Es geht also „um die symbolischen Darstellungsformen eines Anspruchs auf Dauer und ‚Eigenrichtigkeit’.“ Durch „Symbolisierungssysteme“, die auf „Leitideen“ verweisen, wird die „Behauptung des Eigenwertes und der Eigenwürde des Ordnungsrahmens gesteigert und durchsetzbar, auch die Suggestion (einer) allen Ad-hoc-Nützlichkeiten übergeordneten ‚Funktionalität’, samt geschichtlicher Bewährung und Über-Individualität.“ 9 Die „sozialistische Staatengemeinschaft“ bietet sicher einen historischen
1 Frühneuzeithistoriker betonen zurecht: „Die keinesfalls selbstverständliche Tatsache, dass auf Papier gedruckte herrschaftliche Befehle als relevant akzeptiert wurden, lohnt festgehalten zu werden.“ Landwehr 2000, S. 162. Zur Institutionalisierung von „legal practices“ vgl. auch Crawford 2002, S. 70.
2 Crawford 2002, S. 59 u. 64. “The taken-for-granted aspect of culture provides stability. And (…) culture kann make communikation, cooperation, and coordination easier (…). Ebenda, S. 70f.
3 Hier sei nur auf interessante Beispiele aus dem Bereich der Mediävistik verwiesen wie die Arbeiten von H. Keller oder G. Althoff zur Investitur u.a.
4 Rivière 1999, S. 26.
5 Rohe 1990, S. 335.
6 Dörner 1993, S. 200f.
7 Allgemein zum Eigengewicht politischer Kultur Somers 1995, S. 133f. Dörner 1993, S. 200 verweist auf den Mangel einer stabilen symbolischen Ordnung in der Weimarer Republik.
8 Solche äußeren Merkmale wie die Gleichheit der Kleidung symbolisieren die Gruppe und ihren Zusammenhalt. „Thus the similarity of physical characteristics of the two parties influence the effec-tiveness of cooperation reducing intergroup conflict.“ Worchel 1985, S. 296.
9 Rehberg 1994, S. 74, 58 u. 56.
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Gipfel von Investitionen in solche symbolischen Institutionalisierungen. Es ist wichtig, dies nicht als bloße Ersatzhandlungen zu thematisieren. Trotzdem bleibt die Frage, wann und warum dies „funktionierte“ und wann und warum nicht. Rehberg bietet eine Fülle funktionaler Elemente solcher Institutionalisierungsleistungen, ohne aber den Wirkungsmechanismus zu thematisieren. 1 Es gehe darum, wie „symbolische Verweisungszusammenhänge und Relationsbegrifflichkeiten auch die ‚Wirklichkeiten’ menschlicher Sozialordnungen begründen“. Wenn Symbole die Medien sind, durch die wir allein Wirklichkeit „haben“ können, wären Institutionen eine spezifische Ausprägung dieses alleinigen kognitiven Mediums. („Insofern hat das politische System ohne institutionelle Ausformung keine eigene ‚Realität’.“ 2 ) Hier liegt aber eine wenig sinnvolle Gleichsetzung von „Zeichen“ und „Symbolen“ vor. Während Zeichen durchaus „neutrale“ Sinnträger beinhalten können 3 , besitzen Symbole stets eine Überschussbedeutung. Diese entsteht durch die Eigenbedeutung, den Eigenwert ihrer Form wie den Verweis auf andere Gegenstände. Auf beiden Wegen wird die Überschussbedeutung des Symbols auf den repräsentierten Gegenstand übertragen, der damit nicht nur zusätzlichen Inhalt, sondern auch zusätzliche Stabilität gewinnt. Bei den hier ablaufenden Prozessen von Sinngebung sind eine Vielzahl gegenläufiger Mechanismen denkbar: Machbeziehungen werden - möglicherweise mittels unterschiedlicher Formen und Symbole - gesteigert und zugleich verdeckt, werden behauptet und zugleich bestritten, sie werden verharmlost und verstärkt, personalisiert und anonymisiert, Entscheidungen zugänglich gemacht und von ihnen getrennt. Es werden Handlungsräume- und regeln geschaffen; hierarchische Beziehungen werden mit anderen institutionalisierten Bedeutungsformen oder gar „institutionellen Kaskaden“ verbunden, in sie eingebettet oder von ihnen abgegrenzt. 4 Ich erkenne die „führende Rolle der KPdSU“ an, weil sie einem historischen Gesetz entspricht, weil sie eine lange, erfolgreiche Tradition verkörpert, weil sie die Gleichheit aller Parteien ermöglicht, weil sie der Grundstein der ganzen kommunistischen Bewegung ist, weil sie den Frieden garantiert, weil sie nicht an die Person Stalins gekoppelt ist usw. Dies kann - wenn es den Kontextbedingungen - entspricht, Beziehungsformen stabilisieren, vor allem die Herrschaftskosten senken; es kann aber auch das Gegenteil bewirken. 5
1 Rehbergs Verdienst besteht vor allem darin, Institutionen als „Handlungsverknüpfungen“ und „Handlungsordnungen“ zu konzeptionalisieren, die Synthesen zwischen personellen und sozialstrukturellen Voraussetzungen eines Ordnungsarrangements schaffen. Es sei zu fragen, wie Motivationspotentiale und Selbstdeutungsangebote tatsächlich in Handlungskonzepte übersetzt werden. Diese For-derung löst das Konzept allerdings nicht ein. Auf die Wirkungsweise symbolischer Ordnungen wird eher verwiesen als dass sie begrifflich fassbar gemacht wird. Die institutionellen "Mechanismen", die ja programmatischer Bestandteil von Rehbergs Konzept (das M in TAIM) sind, verschwinden hinter einer Wolke soziologischer Begrifflichkeiten. Beim Versuch, in sie einzudringen, stößt man auf Widersprüche. Einerseits erhalten Institutionen so etwas wie einen Subjektcharakter, wenn sie als "Einheiten der politischen Gesamtstruktur" Synthesen "schaffen", wenn sie eine "Auswahl" sicherstellen, vor allem aber als "Vermittlungsinstanzen kultureller Sinnproduktion". (Es geht also nicht nur um stabilisierten kulturellen Sinn, sondern um die Vermittlung von dessen Produktion!?) Dies erweckt den Eindruck, dass es sich um Selbstschöpfungen handelt, auch wenn das "Selbst" der "Selbstsymbolisierung" von Ordnungsansprüchen vage bleibt. Neben diesem latenten Subjektcharakter spiegelt sich in den Bezeichnungen etwas wie eine Meta-Ordnung. Es sind 'Sozialregulationen', in denen die Prinzipien einer Ordnung symbolisch zum Ausdruck gebracht werden, andererseits sind es "Voraussetzungen eines Ordnungsarrangements", aber auch "Handlungsordnungen" selbst. Sie sind sozusagen die Regulationen einer Regulation und deren Voraussetzung in einem. Rehberg 1994, S. 56 f.
2 Rehberg 1994, S. 57.
3 Dies trifft z.B. zu bei einem eindeutigen Verhältnis von Signifikant und Signifikat, bei der die „Hülle“ durch Konvention beliebig gewechselt werden könnte, wie in vielen Bereichen der Naturwissenschaft, wenn dies nicht Kosten verursachen würde.
4 Brodocz 2005; Pfeilschifter 2005.
5 Dies zeigt sich gerade bei Machtverhältnissen in kommunistischen Regimen. Heinisch 2005; Wessel 2005.
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Auch bei Rohe bleibt der Stabilisierungsmechanismus vage. Er kann als kognitiver Rückkopplungsmechanismus zwischen inneren und äußeren Elementen gedacht sein. Für Rohe ist dies Ausdruck einer Einheit von Inhalt und Form. Letztere produziert durch Verweis auf die „in der jeweiligen Kultur gespeicherten politisch-ästhetischen Maximen“ emotionale Bindungen. 1 Es handelt sich um „Kultur als Prozess“, die in Beziehung zu einer vorgegebenen Struktur „immer wieder aktualisiert und symbolisch erneuert“ werden muss. 2
Ein wesentliches Gliederungskriterium für die Struktur dieser kognitiv-kulturellen Sphäre, ihr „pattern of relationship among the symbols“, sind Antinomien oder „binary oppositions“. 3 Dies bedeutet, dass nicht nur die Konsistenz gegenüber den anderen Bausteinen des eigenen „belief-systems“ relevant ist, sondern auch der Grad der Gegensätzlichkeit und Abgrenzbarkeit zum binären Gegenpol. Wie für die Revolutionäre von 1789 „Nation“ zum „most sacred term on the revolutionary side of the dichotomy“ wurde, so könnte für die Revolutionäre von 1917 und ihre Nachfolger das Gegensatzpaar Plan versus Markt zu einem entscheidenden Ordnungskriterium der Welt geworden sein. Für beide könnte gelten: “Moreover, the revolutionary symbols shaped people’s perceptions of themselves and of their interests.” 4 Eine spezifische Ausprägung eines kulturellen Symbolismus bieten Alexander und Smith mit dem Vorschlag, „that culture be thought of as a structure composed of symbolic sets“, die als binäre codes organisiert sind. 5 Dabei ist allerdings entweder die Beschränkung auf binäre Codes unzureichend oder die behauptete Tiefendimension des Symbolbegriffs unzutreffend. 6 Für uns ist es wesentlich, dass Symbole durch ihre Relationen eine eigenständige nichtmaterielle Struktur bilden. Wie aber wirken sie auf Handlungen ein? “Firstly, they are internalized, and hence provide the foundations for a strong moral imperative. Secondly they constitute publicly available resources against which the actions of particular individual actors are typified and held morally acountable.” 7 Unsere beiden Wirkungsdimensionen sind angesprochen. Die Internalisierung betrifft die oberen Ebenen unseres Modells, wenn es sich um einen „sacred status“ 8 handelt. Wie dies Ressourcen konstituiert, bleibt unklar. Entweder handelt es sich um die noch zu diskutierenden inneren Mechanismen auf diesen Ebenen, oder aber um einen Maßstab für und die Kopplung mit externen Anreizen. Dahinter können sich verschiedene Ebenen unseres Schemas verbergen. (Folge ich dem „democratic code“, weil ich an ihn „glaube“, weil ich zur Gesellschaft gehören will oder weil ich nur auf diese Weise Präsident der Vereinigten Staaten werden kann?)
Erklärbar wird diese Leistung nur, wenn wir einen spezifischen kognitiven Status annehmen, den bestimmte (fundamentale) Handlungsverknüpfungen in den Akteuren besitzen. Dieser ist gekoppelt mit einer (bildlichen oder auch sprachlichen) Re-Präsentationsebene, die eine kognitive Verknüpfung mit (spezifischen) anderen kognitiven Elementen symbolisiert, d.h. erleichtert und reproduziert, aber nicht unbedingt produziert. Symbole bieten Wettbewerbsvorteile auf dem Markt kognitiver Verknüpfungen, indem sie ihre Plausibilität
1 Rohe 1996, S. 7.
2 Rohe 1990, S. 338 f. Granovetter 1985, S. 486.
3 Kane 1991, S. 56. Vowe verweist auf die besondere „Enttäuschungsresistenz manichäischer Weltbilder“. Vowe 1994, S. 430.
4 Kane 1991, S. 57.
5 Alexander/ Smith 1993, S. 156 und 196; als methodisches Spektrum für internationales politisches Verhalten genutzt von Duffield 1999.
6 "Symbols are signs that have a generalized status and provide caregories for understanding the elements of social, indvidual and organic life." Sie besitzen "internal semiologics". Alexander/ Smith 1993, S. 156 u. 196. Die Fallbeispiele der Autoren widersprechen dem, wenn konträre Seiten in einem Diskurs sich beide auf dieselben Symbole berufen, obwohl die Diskursstruktur entgegengesetzte Intentionen verkörpert. Wie steht es dann mit der semantischen Tiefendimension der Symbole?
7 Alexander/ Smith 1993, S. 196 Hervorhebung des Verfassers.
8 Ebenda, S. 164.
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erhöhen und sie mit „Formen“ verknüpfen, die nicht unmittelbar den „Sinn“ der Handlungsordnungen betrifft. Dies spricht eine zweite Ebene von Anreizen in den Akteuren an, die vor allem deren ästhetisches Empfinden, eine „Formplausibilität“, nutzt, um die eigene Ausdruckskraft, aber auch die repräsentierten Handlungsordnungen zu stabilisieren. Das Mittel kann man „Ausdruckskraft“ nennen. 1 Zudem produziert die Distanzierung von Einzelsymbolen zusätzliche Kosten, wenn dadurch ihre Einbettung in Systeme von Zeichen und Symbolen betroffen wird. 2 Die beinhaltet eine „internalisation of a respect of authority, which is confirmed by continuous symbolic reenforcement“. 3 Symbole halten Annahmen, Interpretationsmuster, Normen lebendig, bauen sie aus und helfen bei der Weitergabe. 4 Sie besitzt also einen Eigenwert jenseits einer bloßen Abbildfunktion.
Dies ermöglichen den Akteuren einen permanenten inneren Monolog auf zwei Ebenen, der die kognitive Logik der Handlungsordnungen und die „ästhetische“/ relationale Logik der Symbole in sich stabilisiert, vor allem aber verknüpft und somit gegenseitig stabilisiert. Diese Stabilisierungsleistung einer doppelten Konsistenz 5 , die Kongruenz der Logiken, ist ein Institutionalisierungsmechanismus auf der hier diskutierten Ebene. Durch den Verweis auf andere Inhalte wie auf die Kraft von Formen beruht die Wirkung von Symbolen. Ihre zwei Ebenen der Überschussbedeutung, die „attraktive Sinnperspektiven wie attraktive „ästhetische Gebilde“ begründen die symbolische Komponente des „symbolische Kapitals“ der Zeichen. 6 Hier kann auch die Kopplung politischer Entscheidungen an bestimmte Entscheidungsräume untersucht werden. 7
Wenn politische Akteure explizit auf solche Symbole angewiesen sind, auf bestimmte Räume, Zeichen, Titel wie sie beispielsweise eine offizielle Konferenz der Parteiführungen im Ostblock bietet, ist dies ein Hinweis auf die verbliebene Fragilität der kognitiven Muster. Im folgenden Schritt soll jede externe Stützung der Handlungsmotivation „überflüssig“ gemacht werden.
3.4.6) Ebene 6: Habitualisierung
„The most highly institutionalized patterns are those that are taken for granted“. 8 Auf dieser „höchsten“ Ebene von Institutionalisierung treffen wir auf einen Akteurstyp, der gemeinsame Handlungsmuster in höchstem Maße internalisiert bzw. „habitualisiert“ hat. Ein solcher
1 Rivière definiert diese Aussagekraft etwas weiter als „phatische, konative, ästhetische Macht der Kommunikation sowie das metalinguistische Codieren der Körpersprache, der musikalischen oder skandierten Botschaft“. Rivière 1999, S. 36.
2 Somers 1995, S. 128.
3 Beetham 1991, S. 26 unter Bezug auf Merelman und Milgram.
4 Prollius 2005, S. 397.
5 Duffield 1999.
6 Diese Formulierung unterscheidet sich von der zitierten Dörners. Dörner 1993, S. 201 ff. Es wird aber ganz richtig auf die Relation von Symbolwirkung und Internalisierungsgrad wie die Distanz zum rationalen Kalkül verwiesen. Zum Erfolg der „Herrmannsschlacht“ in der Berliner Volksbühne 1918 schreibt er: „Das Charisma der ästhetisch inszenierten Mythenstruktur obsiegt über nüchterne Vernunft und reale Alltagserfahrung (...). Schließlich wird hier auch sichtbar, wie deutungskulturelle Diskurse soziokulturell wirksam werden können, wenn der entsprechende Mythos und die ihm unterliegende Denkfigur mentalitär gut verankert ist.“ Und zu den Herrmannsfeiern 1925: „So sind Perzeptions- und Reaktionsmuster gesetzt, die mithilfe ästhetischer Codes in den Köpfen und Körpern der Rezipienten verankert werden.“ Dörner 1993, S. 213.
7 Ein interessanter Hinweis für die Funktionsweise dieser Ebene ist die Verbindung von Raum und politischer Organisation. “We are so accustomed to this arrangement that we think of it as ‘natural’ and take it completely for granted.” Boulding stützt die kognitive Dimension damit, dass er sogar bevorzugte Raumformen annimmt. Boulding 1969, S. 425f.
8 Krasner 1995/96, S. 145.
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„habit-driven-actor“ wurde von J. Rosenau sogar als Meta-Konzept für die internationalen Beziehungen vorgeschlagen. 1
Illustrieren wir dies kurz am Beispiel „habitueller Bündnisse“. „Diese beruhen nämlich nicht auf vorgegebenen Regeln, sondern auf eingefahrenen Regelmäßigkeiten, auf fraglosen Gewohnheiten. Man hält zusammen, weil man immer schon zusammengehalten hat. Verhandlungen, Verträge, Bündniseide, die die Gemeinsamkeiten explizit machen würden, sind schlechtweg überflüssig. Ein Wechsel zur Gegenseite ist schlechtweg undenkbar, weil der Abstand schier unüberbrückbar erscheint. Ohne unmittelbaren Anlass fühlt man sich zusammengehörig, aufgrund langjähriger gemeinsamer Erfahrung, gleicher sozialer Anstellung oder wegen der gleichen Mentalität, die ihren Ursprung in der gleichen Lebensweise hat. Das Fundament habitueller Allianzen ist kein Machtkalkül, sondern der Alltag einer Lebensform. Man ist Partner, weil man auch sonst Genosse ist, ob es etwas einbringt oder nicht. Bündnisse dieses Typs sperren sich gegen die Berechnung von Sieg und Niederlage, sie operieren jenseits des Nutzenkalküls. Ihr Zusammenhalt entspringt nicht einem Handlungsplan, sondern der gegenseitigen Nachahmung. Ihr primäres Machtmittel ist die Macht der Gewohnheit. Sie garantiert Verlässlichkeit, Gleichsinnigkeit, Eintracht.“ 2
Die Handlungsmuster erhalten den Status hoher Selbstverständlichkeit, sozusagen mit der „Überzeugungskraft des Natürlichen“ (Gehlen). 3 Handlungsinhalte, ihr „Sinn“ und ihre Ausrichtung werden als gegeben („taken for granted“) betrachtet, ohne dass sie (unmittelbar) an ein (direktes) Nutzen- oder Funktionskalkül rückgekoppelt werden. Der Unterschied zur Ebene 5 lässt sich an nachrevolutionären („Transformations“-) Gesellschaften zeigen. Während die äußeren Stützungs- und Anreizsysteme (Symbole, Ideologien, Sanktionen usw.) weitgehend zerstört sein können, muss dies nicht für das (internalisierte) „kulturelle Erbe“ gelten. Die entsprechenden “norms and practices may be initially develop in response to the formal institutional rules enforced on that territory, but over time they tend to become valued for their own sake and therefore to endure long after the institutions that produced them disappear.” 4
Als Theorieanalogie soll das Institutionenverständnis der verstehend-interaktionistischen Soziologie dienen. Dieses wurde bereits als Konzept für internationale Institutionen zu nutzen versucht. 5 Als erster Zugang, der auch die enge Beziehung zur Ebene 5 zeigt, können die anschaulichen Einführungsworte Plessners zu Berger und Luckmanns „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ dienen: „Vortheoretische Wissensingredenzien, von der jeweils situationsgemäßen Sprache geprägt und illuminiert, strukturieren jede Art von Wirklichkeit, die sich in einer und als eine Gesellschaft konsolidiert. Conditio sine qua non solcher Konsolidierung sind die Prozesse der Institutionalisierung und Legitimierung mit Hilfe symbolischer Funktionen normierender Art. Soweit entsteht Gesellschaft aber nur als objektive Wirklichkeit. Damit sie in ihren Individuen lebendig werden und auf sie zählen kann, muss sie internalisiert werden, was eine permanente Aktivität aller Individuen, auch in nichtdemokratischen und plebiszitären Gesellschaften impliziert. Internalisierung (…), passiver als Bejahung, vitaler als Verinnerlichung, könnte man mit unserer Redensart ‚in Fleisch und Blut übergehen’ umschreiben. Damit käme zum Ausdruck, wie selbstverständlich das vortheoretische ‚Wissen’ zur ‚Gewissheit’ wird und soziale Verhältnisse zur ‚zweiten
1 Rosenau 1986.
2 Sofsky/ Paris 1994, S. 270f. Dies ist für politische Koalitionsbildung generell gemeint.
3 Gehlen 1961, S. 72.
4 Hanson 1995, S. 312. für die Institutionentheorie vgl. Acham 1992.
5 Aretz 1999 u. Kohler-Koch 1989, S. 52 ff. Allerdings wird hier im Gegensatz zu unserem Ver-ständnis die „Regime-Institution“ zu stark als extern beschrieben. Der Schwerpunkt werde gelegt „auf die in den unterschiedlichen Akteursgruppen aktualisierte 'Sedimentierung von Wissensbeständen', die im Interaktionshandeln feststellbare 'Hinwendung' zum Interaktionshandeln.“ ebenda, S. 57.
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Natur’ werden.“ 1 Auch wenn hier bereits einige Unterschiede zu unserem Konzept deutlich werden, ist die entscheidende Übereinstimmung, dass Institutionen mit habitualisierten Annahmen und Verhaltensweisen der Akteure korrespondieren können.
Natürlich ist die Basis dieser Auffassung, ihre anthropologische Grundannahme über die „eingeborene“ Instabilität des Organismus, seine Triebe (Gehlen), nicht ohne weiteres auf unsere Akteure - politische Organisationen statt alltagsweltlicher Individuen - übertragbar. Die Ableitung der Habitualisierung aus dem psychologischen Prinzip der Kraftersparnis ist aber durchaus eine reizvolle Analogie, die mit den Begründungen auf Ebene 3 unserer Typologie kompatibel ist und hier ihre höchste Ausprägung erreicht. „Gewöhnung bringt den psychologisch wichtigen Gewinn der begrenzten Auswahl. (…) In der Theorie mag es hunderte Möglichkeiten (…) geben. Gewöhnung verringert sie hinunter zu einer einzigen. Das befreit den Einzelnen von der ‚Bürde der Entscheidung’.“ 2 Begrenzung oder Befreiung ist aber die Frage. Ermöglicht die Habitualisierung einzelner Handlungselemente Entscheidungen oder befreit sie davon? „Dadurch, dass sie einen gesicherten Hintergrund bieten, vor dem sich menschliche Tätigkeit abspielen kann - meistens mit einem Minimum an Entscheidungen -, setzt sie außerdem Energien für gewisse Gelegenheiten frei, bei denen Entscheidungen nun einmal unumgänglich sind. Mit anderen Worten: vor dem Hintergrund habitualisierten Handelns öffnet sich ein Vordergrund für Einfall und Innovation.“ 3 Dies entspricht der gleichzeitigen Beschränkungs- und Ermöglichungsfunktion von Institutionen. 4 Die Annahme eines grundsätzlich entscheidungsfeigen Akteurs ist bereits für die Alltagswelt problematisch, setzt sie doch voraus, dass Rollen und Muster eindeutige Handlungsanweisungen geben können; von konzeptionell zweifelhaftem Wert ist sie aber für politische Organisationen, deren Rollenfunktion ja gerade Entscheidungen impliziert.
Aber auch das Institutionenverständnis dieser Richtung ist nicht unproblematisch: „Habitualisierungsprozesse gehen jeder Institutionalisierung voraus (…). Institutionalisierung findet statt, sobald habitualisierte Handlungen durch Typen von Handelnden reziprok typisiert werden. Jede Typisierung, die auf diese Weise vorgenommen wird, ist eine Institution. Für ihr Zustandekommen wichtig ist die Reziprozität der Typisierung und die Typik nicht nur der Akte, sondern auch der Akteure.“ Dem kann man weitgehend zustimmen. Das Verhältnis von Habitualisierung und Institution ist aber schwer zu fassen; es wirkt wie zwei Stufen eines Prozesses: Institutionen sind typisierte und objektivierte Habitualisierungen. Wie aber wirken sie, wenn nicht als Vollzug einer habitualisierten Typik? Wir sind wieder bei unserer entscheidenden Frage nach dem Wirkungsmodus von Institutionen angelangt. Immerhin: „Durch die bloße Tatsache ihres Vorhandenseins halten Institutionen menschliches Verhalten unter Kontrolle.“ Dabei ist unter Kontrolle nicht unbedingt ein Sanktionsmechanismus zu verstehen. „Zusätzliche Kontrollmaßnahmen sind nur erforderlich, sofern die Institutionalisierungsvorgänge selbst zum eigenen Erfolg nicht ausreichen.“ 5 Andererseits: „Die Institutionen stehen dem Individuum als objektive Faktizitäten unabweisbar gegenüber. Sie sind da, außerhalb der Person, und beharren in ihrer Wirklichkeit (…). Sie haben durch ihre bloße Faktizität zwingende Macht über ihn, sowie auch durch den Kontrollmechanismen, die mindestens den wichtigsten Institutionen beigegeben sind.“ 6 Dies verweist auf andere Ebenen unseres Schemas. Faktizität als Wirkungsmodus bleibt inhaltsleer: Welche Handlungsmotive erzeugt diese? Entweder es handelt sich um kognitiv stabile Akteursmerkmale oder um extern stabile Anreizmerkmale.
1 Plessner.- in: Berger/Luckmann 1980, S. XII.
2 Berger/Luckmann 1980, S. 57.
3 Berger/ Luckmann 1980, S. 57.
4 Nedelmann 1995, S. 18f.; Jepperson 1991, S. 146.
5 Berger/ Luckmann 1980, S. 57-59.
6 Ebenda, S. 64.
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Hier allerdings besteht der Kern von Institutionen in überliefertem Rezeptwissen, das gesellschaftlich objektiviert ist. Den Abweichungen von diesem Wissensbestand gemeinsam sei ein „geringer kognitiver Status in der sozialen Welt“. 1 Was aber ist ein „kognitiver Status“ ohne „individuellen“ Träger der Kognition? Jenseits des Institutionenbegriffs wird dagegen das Wechselspiel von individueller und gesellschaftlicher, von psychologischer und kognitiver Präsenz durchaus anerkannt. 2
Die höchste Ausprägung dieser Externalisierungstendenz besteht in der sogenannten Verdinglichung. Hier erhält das, was in unserem Modell den höchsten Grad an Habitualisierung darstellt, die Behandlung menschlicher Probleme als Naturgegebenheit, den Status einer höchsten Objektivation, die andererseits aber eine „Modalität des Bewusstseins“ darstellt. 3 Damit besteht die Gefahr, die Perspektive des Beobachters durch die des Subjekts (Gegenstands) zu ersetzen. Sicherlich können aus Sicht des letzteren „taken-for-granted objects“ als „exterior, objective and constraining“ 4 erscheinen. Dies kann aber nicht zugleich den taken-for-granted-Status begründen. Dieser ist nur mit den zitierten Attributen verkoppelt, keinesfalls aber identisch. Darauf wird noch genauer einzugehen sein.
somit wurde zurecht kritisiert, dass eine „Wirklichkeit, die dem Menschen als äußeres, zwingendes Faktum gegenübersteht“ 5 einen so hohen Grad an Objektivität erhält, dass dem Paradigma einer Institutionalisierung durch gegenseitige Typisierung und Habitualisierung ein sehr geringer Realitätsgehalt verbleibt. 6 Der taken-for-granted-Status besteht dann auf zwei Ebenen, als objektive Realität der Gesellschaft und als subjektive Realität des Individuums. 7 Dies suggeriert, dass auf beiden Ebenen kongruente Mechanismen wirken und sich gegenseitig konstituieren und stabilisieren. “In other words, socialization brings about symmetry between objective and subjective reality, objective and subjective identity. The degree of this symmetry provides the criterion of the succesfulness of the sozialization.” 8 Ein solches relationales Kriterium ist von großer Bedeutung für die Institutionalisierung auch in unserem Sinne. Der Vermittlungsmechanismus verweist aber auf sehr homogene Gesellschaften: “The socially available definitions of such a world are thus taken to be ‘knowledge’ about it and are continuously verified for the individual by social situations in which this ‘knowlege’ is taken for granted.” Es entsteht eine stabile Abfolge von Internalisierung und Externalisierung von „Realität“. Die sozial konstruierte Welt wird zur einzig vorstellbaren. 9 Diese Eins-zu-Eins-Beziehung dürfte in komplexen Situationen (also den politisch „normalen“) jedoch die Ausnahme sein oder nur Segmente betreffen; oder es ist der Prototyp einer „geschlossenen Gesellschaft“. Ebenso existieren „intern“ verschiedene Varianten kognitiv-affektiver Strukturen, die oftmals unabhängig von direkter sozialer Erfahrung stabil bleiben. 10
Die Unterschiede zu unserem Modell sind deutlich; hier sind Habitualisierungen eine spezifische Möglichkeit von Institutionalisierung (und nicht nur eine Vorstufe), die als besondere Verankerung in Akteuren einen spezifischen Status besitz. (Dieser Status kann sich durchaus ändern, während er bei Berger/Luckmann in der Primärsozialisation irreversibel
1 Ebenda, S. 70.
2 Berger 1966, S. 111f.
3 Berger/ Luckmann 1980, S. 95f.
4 Jepperson 1991, S. 147 unter Bezug auf Berger/ Luckmann.
5 Berger/ Luckmann 1980, S. 62.
6 Lau 1978, S. 110 f.
7 "They are not only taken for granted as constituents of an objektive reality 'out there' but as inevitable structures of the individual's own consciousness." Berger 1966, S. 107.
8 Berger 1966, S. 107.
9 Berger 1966, S. 108 u. 111.
10 So Markus/ Nurius 1986, S. 955 f. zu "multiple selfs". Immerhin sind die "possible selfs" anfälliger gegen Umweltveräderungen als die "working selfes".
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eingepflanzt wurde.) Somit wurde zurecht betont, dass „both individual and intersubjektively shared beliefs are the foundation of most of these taken for granted assumptions. Little is selfevident about ‘national interests’.” 1 Auf dieser Ebene sind aber die internal beliefs dominierend. Sie sind - um ein Bild zu gebrauchen - so stark in den Akteuren verwurzelt, dass sie vielleicht verdorren können, aber nicht ohne weiteres durch äußere Mittel „gejätet“ und durch andere Pflanzen ersetzt werden können.
Die erwähnte Verdinglichung trifft auch auf Rollen zu, die einen höchstmöglich institutionalisierten Handlungszwang ausüben: Ich musste so handeln, sagen wir als Staatsanwalt oder als Gangster. 2 Letztere Bemerkung lädt ein zu einem Brückenschlag zum entgegengesetzten Teil unseres Spektrums, zu den Rationalakteuren des
Gefangenendilemmas. Könnte also ein „Gangster“ automatisch so handeln, wie ihm seine objektivierte Rolle vorschreibt und ohne Kalkül die Option „Dichthalten“ wählen. Dies dürfte wohl stark von der Anreizstruktur abhängen, von unserer Hierarchie also. Steht - um den Extremfall zu nehmen - einer Todesstrafe die Chance einer Begnadigung inklusive Sicherheitsgarantie gegenüber, ist wohl ein Kalkül wahrscheinlicher als ein rollenkonformes Handeln. Gerade aber kommunistische Darstellungen des Widerstands im Nationalsozialismus kreieren den Schutz der „Genossen“ als eine Grundnorm, die gegenüber Folter und Todesstrafe immun ist. Tritt dies ein und zwar ohne Kontakt zu Gesinnungsgenossen oder den Symbolen der Partei, ist sie habitualisiert. Damit können habitualisierte Handlungsnormen für die Akteure in höchstem Maße „relevant“ sein.
Dagegen betrachtet auch Alfred Schütz den Bereich des „fraglos Gegebenen“ als eine Zone „relativer Irrelevanz“. Somit kann man doch noch ein Kriterium für die Wirkungskraft von Institutionen ausmachen: Relevanz. Dieses Kriterium ist in hohem Maße problematisch, da es eine Verbindung zu „Interessen“ der Akteure besitzt, diese aber wiederum sozial vorstrukturiert sind. Ein Zirkelschluss droht. 3
Auf den ersten Blick verweist (auch eine sozial zugewiesene) Relevanz auf eine Externalität und somit auf kalkulierende Akteure. Zudem können habitualisierte Konventionen in die Perspektive der rationalistischen Institutionentheorie auf zweierlei Weise integriert werden.
1 Crawford 2002, S. 80.
2 Berger/ Luckmann 1980, S. 97.
3 Für Berger und Luckmann hängt die Reichweite der Institutionalisierung von der Allgemeinheit der Relevanzstruktur ab. Berger/ Luckmann 1980, S. 84. Schütz unterscheidet vier Zonen abnehmender Relevanz, die von einer primären Relevanz der „Welt in unserer Reichweite“ bis hin zu einer „absoluten Irrelevanz“, innerhalb derer kein Wandel „unser zuhandenes Problem beeinflussen würde“. Wenn aber das „Nicht-Hinterfragte“ das „Irrelevante“ ist, wäre für unser Thema der obere Bereich der y-Achse „irrelevant“. Schütz setzt das Kriterium für Relevanz mit Interessiertheit gleich: „Mit anderen Worten (,) unser Interesse bricht das unproblematische Feld des Vorgewussten in verschiedene Zonen von verschiedener Relevanz auseinander, wobei mit Bezug auf eine solches Interesse jede Zone verschiedene Grade der Wissenspräzision verlangt.“ A. Schütz: Der gut informierte Bürger, S. 90; zit. nach Lau 1978, S. 130. Dies bedeutet, die Präzision und Reflexivität des Wissens ist dort am größten, wo das „Interesse“ am größten ist. Damit wären ein in gewissem Sinne rationalistischer Akteur und dessen Interessen die immanente Grundlage für die Relevanz sinnkonstituierender Institutionen. Das Modell wäre mit Elementen verknüpft, die sich am anderen Ende unserer y-Achse befinden können. Sind aber nicht die Interessen gerade vom Status, von der Stabilität des internalisierten Wissensvorrates abhängig? Die Antwort im Sinne von Schütz lautet: „Es wird nicht aus unendlich vielen Alternativen ausgewählt, sondern das Angezeigte steht schon in Sinnzusammenhängen, ist in Relevanzen geordnet und mit Sinnsignalen versehen (…) Das Wahrnehmungsfeld ist bereits akzentuiert und gegliedert (…) durch interaktiv gewonnene Deutungsschemata.“ Nun sind internalisierte Deutungsschemata die Voraussetzung von Interessenwahrnehmungen und damit auch von „Relevanz“. Zudem wurde zum Schütz’schen Relevanzmodell angemerkt, dass Relevanzgrad und Grad der Wissenspräzision nicht auf einer Ebene liegen müssen. Lau 1978, S. 85 u. 131. Relevantes Wissen kann unzugänglich sein, kann aber auch den Grundstock des Wissens darstellen, der in den individuellen Wissensvorrat „umgespeichert“ wird. Sich wiederholende Relevanz kann dort gerade Stabilität erzeugen und möglicherweise einen taken-for-granted- Status,zumindest solange bis er durch andere Optionen hoher Relevanz aufgebrochen wird.
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Zum ersten können sie als Mittel der Transaktionskostensenkung thematisiert werden. Zum zweiten kann es sich bei den sozialen Problemen, die Institutionen erfordern, um bloße Koordinationsprobleme handeln, die - oft mit den Beispielen Schütz’scher geringer Relevanz übereinstimmend - wie Verkehrsregeln nach einer einmal erfolgten Einigung keine Anreize für eine Abweichung beinhalten. 1 Wenn RGW.Ratstagungen im Turnus in den Hautstädten aller Teilnehmer stattfinden, kann diese Verfahren mit der Zeit habitualisiert werden. Die Habitualisierung ist hier aber sekundär, sie senkt bestenfalls die Kosten einer rational vollständig zu erklärenden Institution. Habitualisierung als
Institutionalisierungsmechanismus dagegen betrifft auch und gerade Bereiche hoher „Relevanz“.
Als Beispiel für die Wirkung dient (nicht ganz treffend) die „dienstbereite Unterwürfigkeit“ der Azteken, die sich ihren spanischen Eroberern trotz anfänglicher Überlegenheit an Ressourcen unterwarfen. 2 Ein ähnliches Beispiel wird von Peter Berger zur Illustration von „Sozialisation“ genutzt. Hier erscheint allerdings die Begegnung von Spaniern und Indios als die neue Sozialisation beider, die zwar die Welt beider modifiziert, im Kern allerdings die Übertragung des Rollenverständnisses der Stärkeren auf die Schwächeren bedeutet. 3 Dies könnte eine Analogie zur „Sowjetisierung“ Osteuropas sein, deren Ergebnis dann als eine hierarchische Beziehung auf der Ebene von habit driven actors aufgefasst werden müsste. Es muss dann gefragt werden, ob die kommunistischen Parteien sich in ihrem internationalen Verbund (zumindest partiell) „totale Organisationen“ mit ihrer „Disziplinarmacht“ etablieren konnten: „Disziplinarmacht formt die Menschen um, indem sie sie ständiger Kontrolle unterwürft. Exempel zu statuieren hat sie keineswegs nötig. Statt dessen bedient sie sich eines umfangreichen Repertoires subtiler Machttechniken, die Widerstände gar nicht erst aufkommen lassen. Pausenlos überwacht sie die Räume, organisiert die Zeitabläufe, dokumentiert Abweichungen, dressiert Normalität an. Sie prüft die Fortschritte, ordnet sie nach Rangstufen, und setzt schließlich die abgerichteten Individuen zu reibungslos arbeitenden sozialen Machinen zusammen. Das Exerzierfeld der Disziplinarmacht sind totale Organisationen, doch ihr Ziel ist das allseits disziplinierte Individuum, das schematisch gehorcht, ohne sich dessen bewusst zu sein. Disziplin ist eine Macht ohne Zentrum, die sich im Gehirn der Folgsamen eingenistet hat. Sie braucht weder Willkür noch Gewalt. Sie ist eine lautlose Macht, die zum Habitus geworden ist, ohne Ketten aus Eisen und Stahl, ohne Stacheldraht.“ 4 Hier haben wir eine anschauliche Beschreibung, wie eine voll ausgeprägte Hierarchie durch Habitualisierung institutionalisiert wird.
Dennoch müssen die Unterschiede zu Verhaltensweisen betont werden, in denen Alternativen nicht mehr „gedacht“ werden. So besitzen die Mechanismen dieser Ebenbe durchaus motivationale Kraft; sie betreffen durchaus Bereiche mit „Relevanz“; Präferenzen und Ziele selbst können habitualisiert werden. 5 Sie müssen unterschieden werden von „Faustregeln“ oder „simple habits by the presence of motivational pressure“. Im Gegensatz zu ersterem ist dieses ein „habit of will, the kind of habit with ‚force’“. 6 Im Folgenden muss allerdings diskutiert werden, worin diese motivationale Kraft besteht.
Zusammengefasst stabilisiert eine Habitualisierung soziale Konstellationen durch ihren fundamentalen Internalisierungsgrad, ihren besonderen kognitiven (oder emotionalen) Status,
1 Dies ist spieltheoretisch als eine „Interdependenz von habitualisierten Praktiken“ darstellbar. Keck 1994, S. 203 f. u. 194
2 Schimank 1999, S. 30
3 Berger 1966, S. 111
4 Sofsky 1993, S. 28.
5 Rosenau 1986, S. 862.
6 Ainslee 1986, S. 169f.
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ihre Verwurzelung im Akteur. Im Unterschied zu den anderen Ebenen hat dies auf den ersten Blick etwas Statisches. Allerdings müssen auch die „habit driven actors“ die internalisierten Handlungsschablonen rückkoppeln. Die Stabilität besteht in einer Art „innerer Monolog“, der den politischen Prozess begleitet und sich in ihm rückbindet - eine Analogie, die das Prozesshafte unseres Modells verkörpern soll. 1 Solange dies „geräuschlos“ geschieht, ist die Institutionalisierung intakt. In den Worten von Peter L. Berger: “The psychological reality of the successfully socialized individuals thus verifies subjectively what his society has objectively defined as real. He is then no longer required to turn outside himself for ‘knowledge’ (…). He can conduct himself ‘spontaneously’, because the firmly internalized cognitive and emotive structures make it unnecessary or even impossible for him to reflect upon alternative possibilities of conduct.” 2 Dies heißt nicht, dass Handlungen nicht im Einklang mit externen Anreizen, Handlungsmustern, Symbolen usw. vollzogen werden können. Diese bleiben aber sekundär. Im Gegensatz zu Ebene 4 oder 5 ändern sie im Konfliktfall internalisierter Handlungsmuster und äußerer Anreize nichts. Die Stabilitätsbedingungen liegen im inneren Status der internalisierten Komponenten unabhängig von äußerer „Relevanz“. Unser Modell erfordert eine Diskussion der Kriterien für diese Stabilität. Dies ist relevant für die Mechanismen 4-6 unseres Schemas 3 wie den Institutionalisierungsbegriff insgesamt.
Bis hierher besitzt unser Modell eine zweidimensionale Möglickeit, um institutionalistische Lösungen einzuordnen. Es kann ihre Stärke erfassen wie die Mechanismen der Institutionalisierung (Stufe 1-6). Bevor daraus ein Modell institutioneller Konfigurationen gemacht werden kann, muss nach dem Wirkungskriterium der zuletzt diskutierten Mechanismen gefragt werden und damit nach der Einheit des gesamten Modells. Diese muss sich zudem in einem entsprechenden Institutionenbegriff ausdrücken.
3.5) Schritte zu einem Begriff der Institutionalisierung
3.5.1) Mechanismen und Kriterien kognitiver Institutionalisierung
Wir müssen zur Ausgangsfrage nach den übergreifenden Kriterien und Mechanismen zurückkommen. Welche Antwort bietet der Versuch, aus dem „habit-driven-actor“ einen „metatheoretischen“ Ansatz für die „Weltpolitik“ zu machen? Dabei erweist sich die „habit function“ aber als „composite“. Sie umfasst „habitual memories, traits, beliefs, and expectations“ wie normative prescriptions, cultural and subcultural impulses, religious imperatives, and other value-derived orientations (...).” 4 Dies ist ein Konglomerat von Phänomenen, die auf den oberen Ebenen unseres institutionalistischen Spektrums relevant sind. Wie ist hier konzeptionalle Klarheit über die Wirkungsmechanismen zu erreichen?
Gerade für die Außenpolitik gibt es inzwischen empirische Belege, dass „cognitions and individuals` perceptions of others have a particularly strong effect on the policy preferences of foreign ministers“. Deren „fundamental psychological characteristics“ sind verallgemeinerbar mit politischen Entscheidungen verbunden. Allerdings bleiben die
1 Ähnlich Schimank 1999, S. 44: „Eine durch Sozialisation installierte Verinnerlichung von Normen verlagert gewissermaßen das Reputationsspiel in den Akteur hinein.“
2 Berger 1966, S. 107.
3 Um es zu wiederholen: Die hier genannten Mechanismen erscheinen uns als zu unpräzise. Was bedeutet es, wenn sich hier „gemeinsam geteilte Regeln herausbilden, die vom Kollektiv getragen, affektiv besetzt werden und eine verbindliche soziale Geltung bekommen“. Aretz 1999.
4 Rosenau 1986, S. 861f.
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wirkenden Mechanismen - gerade bei der Vielzahl der Variablen - offen. 1 Schütz und Luckmann haben einige Kriterien genannt, die als strukturierende Momente über die „Umspeicherung“ in den individuellen Wissensvorrat entscheiden: Vertrautheit, Bestimmtheit, Verträglichkeit, Glaubwürdigkeit. 2 Will man dies präzisieren, muss man diese Kriterien als Ausdruck kognitiver Relationen auffassen, die unterschiedlichen Merkmalen von Konsistenz folgen. 3 Allerdings ist diese Konsistenz in komplexen Schemata oder belief systems nur innerhalb oder zwischen einzelnen Elementen vorhanden, kaum aber insgesamt.
Die Antworten der bisher genutzten Konzepte gehen nicht über diese allgemeinen Beschreibungen hinaus, das Erbe einer Forschungstradition, die „tends to treat cognitive processes as an unexamined ‚black box’ that is of secondary importance“. 4 Das Öffnen dieser „black-box“ im Sinne der kognitiven Psychologie ist aus institutionalistischer Sicht nicht unumstritten. Zunächst stellt sich das Problem des methodischen Individualismus in scharfer Form. 5 Zudem wurde grundsätzlich gegen kognitive Kriterien eingewandt, dass die Welt des Gedachten ungleich vielfältiger ist als die Welt der Kultur im Sinne typischer Handlungen. Kognitive Schemata seien mit Kultur nicht identisch, also auch nicht mit Institutionalisierung in unserem Sinne: „Cultures are not disembodied ideas; they are not merely cognitive.“ (Wildawsky). 6 Hier ist einzuwenden, daß es nicht um alle realisierten „Gedanken“ geht, sondern um kognitive Komplexe mit einem spezifischen Status, den es zu definieren gilt.
Grundsätzlich lässt sich die Forschung zu den verschiedenen Formen politischer Kognition mit unserem Institutionenverständnis auf den oberen Ebenen des Schemas verbinden. Es entspricht durchaus dem derzeitigen theoretischen und empirischen Stand der IB-Theorie, die „willingness to comply“ von den „cognitive priors“ abhängig zu machen. 7
Betrachten wir die internalisierten „belief systems“ als kognitive Schemata im Sinne der schema-theory. 8 Hier geht es auch um den Bereich „politischer Kognition“, der die „kognitiven Voraussetzungen von Interaktion“ und die „Konstruktion von Sozialität“ betrifft,
1 Crichlow untersuchte eine Reihe psychologischer Charakteristika wie „need for power“, „distrust“, „conceptual complexity“, „need for affiliation“ usw. und ihre Bedeutung in 16 internationalen Krisen. Crichlow 2005, S. 199 u. 188ff.
2 Schütz/Luckmann: Lebenswelt, Lau 1978, S. 128.
3 Duffield 1999, S. 770. Ausdruck auf der Oberfläche einer Institution ist die Kohärenz. z.B. Young 1980, S. 343, Kohler-Koch 1989, S. 68. Es kann auch die Konsistenz eines Diskurses gemeint sein. Schimmelpfennig 2001, S. 65.
4 Morgan/ Schwalbe 1990, S. 151.
5 Sicher ist zu beachten, dass solche Kriterien vor allem für individuelle Akteure zutreffen, für kollektive Akteure, Organisationen usw. dienten sie uns bisher vor allem als plausible Analogie. Dies ist allerdings nicht unproblematisch. (für die Analogie Wendt 1992, kritisch Levy 1994) Für Organisationen muss ergänzt werden, dass die kognitiven Eigenschaften der Individuen hier im Falle einer Institutionalisierung nochmals in die Organisationsstrukturen eingebunden sein können, sowohl als permanentes Kommunikationsergebnis, als symbolische Gedächtnisstütze, als auch als Anreizstruktur. Unser Institutionenmodell wiederholt sich im Inneren; nach außen aber bleibt die kognitive Analogie gültig.
6 Wildawsky 1987, S. 10 u. 18, Anm. 7. Für Wildawsky sind "desired social practices" der Schlüssel. Wie aber entstehen diese ohne Bezug zu vorgelagerten internalisierten Kognitionen?
7 In diesel Sinne testete Checkel folgende Hypothese: “Argumentative persuasion is more likely to be effective when the peruadee has few prior, ingrained beliefs that are inconsistent with the persuader`s message. Put differently, novice agents with few cognitive priors will be relatively open to persuasion.” Checkel 2001, S. 581 u. 563.
8 Die betrifft die Vorstellung einer konstruierten Wirklichkeit, die Funktion einer Reduktion von „paralizing complexity“ und die Beschreibung von role schemata und event schemata als „cognitive structure that organizes one`s knowledge about those appropriate norms and behaviors“ bzw. „appropriate sequences of events”. Fiske/ Taylor 1984, S. 141 f., 149, 159 u. 167. Insgesamt zu den Formen (operational code analysis, cognitive mapping, image theory, cognitive complexity) vgl. Young/ Schafer 1998. Operational code analysis wurde direkt für die sowjetische Außenpolitik entwickelt.
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indem Schemata „individuelles Agieren mit den Erwartungen anderer und mit sozialen Normen verknüpfen“. 1 Hier wird genau unsere Schnittstelle thematisiert, das Verhältnis von „internal factors“ zu externen „stimulus qualities“ wie Informationen und Anreizen. 2 Zudem sind die Wirkungen auf Organisationsstrukturen, auf Institutionen im engeren Sinne, nachweisbar. 3
Solche Konzepte werden inzwischen auch in der Geschichtswissenschaft genutzt. Im Rahmen einer Kulturanalyse wird die „Organisationskultur“ des Nationalsozialismus als „kognitive Struktur“ begriffen: „Muster und Kulturfilter stehen dabei in einem reziproken Verhältnis. So verfestigen sich richtige oder erfolgreiche Wahrnehmungen und Interpretationen durch Wiederholung als kognitive Struktur und bilden wiederum die Grundlage für gemeinsame Interpretationen und gemeinsames Verständnis des Geschehens innerhalb und außerhalb der Organisation.“ 4 Es wird zu zeigen sein, dass diese Mechanismen allerdings deutlich zu einfach dargestellt sind.
Schemata können sehr komplexe Formen annehmen und world views, principled beliefs wie causal beliefs verkörpern. 5 Letztere weisen bereits in den zentalen Bereich verallgemeinerter Aussagen über Zusammenhänge im Bereich internationaer Politik wie „Nur Macht zählt.“, „Handel mit Hegemonialmächten ist von Nachteil.“, „Kriege müssen offensiv geführt werden.“ usw. Ein zentrales Schema für unser Modell wie für die Erforschung von operational codes ist die Wahrnehmung der Interaktionspartner und des politischen Umfeldes auf einem Spektrum zwischen kooperativ und konfliktreich. 6 Beipielsweise wird Chruschtschov eine - über die ideologischen Vorgaben hinausgehende - psychologische Tendenz attestiert, das Leben vorrangig in Begriffen des Kampfes zu sehen. 7 Neben Grundannahmen über die Bedeutung von Macht, von Konflikt und Kooperation, der Bedeutung von Vertrauen und Misstrauen bilden auch die wahrgenommene Stabilität des politischen Umfeldes, die Vorhersagbarkeit und Kontrollfähigkeit der Zukunft wie Optimismus oder Pessimismus wesentliche „psychologische Charakteristika“. 8 Zentral für den Bereich internationaler Beziehungen sind Selbst- und Fremddefinitionen und deren Verknüpfung. 9 Die „USA sind eine imperialistische Vormacht“, aber „Die führende Rolle der Sowjetunion ist gesetzmäßig.“ Lezteres wie die Statuszuweisung als „gesellschaftliche Gesetzmäßigkeit“ überhaupt kann einen besonders ausgeprägten Status des Schemas bedeuten, der wahrscheinlich symbolisch gestützt wird. Definitionen von Akteuren können widerum mit causal beliefs verknüpft werden. Aus der Annahme „Imperialistische Staaten sind aggressiv.“ folgt dann „Imperialistische Staaten müssen zum Frieden gezwungen werden.“ usw. Diese Beispiele deuten auf zentrale Formen von Schemata für unseren Gegenstand. In diesem Sinne - beispielsweise als Verkörperung und Anerkennung der
1 Vowe 1994, S. 435 f. u. 444.
2 Higgins/ Bargh 1987, S. 370.
3 Bartunek 1984.
4 Prollius 2005, S. 395. Die hier wirkenden Mechanismen bleiben unbegründet wie die Annahme, dass es sich bei der Organisationskultur um ein „konsistentes Phänomen“ handelt.
5 World views definieren das Universum der Handlungsmöglichkeiten; principled beliefs verkörpern normative Kriterien für richtiges Handeln und causal beliefs umfassen Ursache-Wirkungs-Beziehun-gen. Goldstein/ Keohane 1993, S. 7ff. Ihr Gegenstück finden sie in unterschiedlichen Inhalten von Argumenten: practical or instrumental; scientific; ehtical; identity. Crawford 2002, S. 23ff.
6 Young/ Schafer 1998, S. 70 ff. Dies besitzt wiederum mehrere Dimensionen: Wahrnehmung des Gegenüber wie von Politik überhaupt (strategic orientation), aber auch die Neigung der Personen selbst, ihr „need for affiliation“. Vgl. die folgende Anm. Dies zeigt bereits, dass sehr unterschiedliche Mechanismen wirken.
7 Reddaway 1966, S. 479.
8 Crichlow 2005, S. 188 ff.
9 „The presence of certain schemas can: ‚we-ness,’ ‚friend,’ ‘special relationship,’ ‘doing the right think,’ ‘regional policeman,’ ans so on.” Wendt 1999, S. 124.
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„führenden Rolle der KPdSU“ - kann auch eine imperiale Beziehung bei „habit-driven-actors“ stark institutionalisiert sein. 1
Allerdings ist hier eine zentrale Ergänzung notwendig: „Many schemas are simply beliefs about the world that have no connections to desires. Other schemas are goals or desires that energize action.” 2 Schemata organisieren dann Präferenzordnungen (was nicht heißt, dass sie diese „bestimmen“). Die Frage, ob die „Weltrevolution“ oder die „Liebe“ oder das eigene Leben höher eingestuft wird 3 , ist wohl eine Frage des „motivational investment“. Die Andeutung solcher Inhalte von Schemata sagt aber noch wenig über ihre Wirkungsweise. Deren Darstellung wird zeigen, dass die internalisierte „Welt“ deutlich komplizierter aufgebaut ist.
Betrachtet wir Schemata zunächst als „neurologisch fundierte Formate“ 4 , die unterschiedliche „Gegenstände“ und Handlungslogiken umfassen. Es sind drei Schlüsselfragen zu beantworten: „1) How is information organized and stored in memory? 2) How does information processing link stored information in memory with current activities in the social environment? and 3) How does ongoing expierience modifiy the content and structure of stored information?” 5 Dies darf keinesfalls auf Frage 1 reduziert werden, selbst wenn dieser Aspekt im Verlauf der y-Achse zunehmend relevant wird. Bei Frage 1 geht es um einen spezifischen Status von mental representations, die als in sich stabilisierte kognitive Schemata aufgefasst werden können. Es besteht ein kognitives Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Elementen. Von besonderer Bedeutung sind generalized representations und ihr Organisationsgrad. Im nächsten Schritt stellt sich die Frage nach einem dynamischen Gleichgewicht beim information processing. Dabei vollzieht sich sowohl durch den Vergleich neuer Informationen mit dem Schema und ihre Repräsentation im Gedächtnis (encoding). Diese Auswahl (als Teil von Institutionalisierung) erfolgt nach den Kriterien von Konsistenz bzw. Inkonsistenz. Zugleich werden Elemente des vorhandenen Schemas aktiviert und damit stabilisiert (retrieval). 6
Auf den Ebenen (4-6) unseres Modells verlaufen diese Prozesse, ohne den stabilen semantischen Kern des Schemas relevant und schnell zu verändern. Geschieht dies dennoch, ist eine institutionelle Dynamik die Folge, die von den oberen Ebenen wegweist. In diesem Sinne “information processing represents some shifting balance between data in form of environmental stimuli and theories in the form of prior representations in memories or ongoing interpretations”. Die 3. Frage beinhaltet die changes in mental representation. Wenn
1 „Thus, for example, the function of officials include the habit of leadership, which may be very different from the habits of followership (...); but both types share the tendency to proceed from a well established base of prior precedents, memories, beliefs, expectations, personality needs, and the like. Both act as they always have to maintain (or … to disrupt) the equilibrium of the systems in which their actions have consequences.” Rosenau 1986, S. 863.
2 Wendt 1999, S. 122.
3 Dies sind zentrale Fragen für den Helden in einem der verbreitetsten Bücher über die Entwicklung der frühen Sowjetunion, N. Ostrowskis „Wie der Stahl gehärtet wurde“. Der Held, Pawel Kortschagin, stellt den Dienst an der Revolution über alles. Als er dieser - gelähmt - nicht mehr aktiv dienen kann, erscheint das Leben sinnlos. Erst mit der Annahme eines von ihm geschriebenen Buches, bekommt das Leben wieder einen „Sinn“: „Abermals - mit einer neuen Waffe - war er in die Kampfreihen zurückgekehrt.“ So der letzte Satz des Buches.
4 Giddens 1995, S. 97.
5 Morgan/ Schwalbe 1990, S. 150.
6 Morgan/ Schwalbe 1990, S. 150. Dies bedeutet nicht, dass nur Schema-konsistente Informationen bevorzugt wahrgenommen werden. Dafür ist die „Relevanz“ der Information für das Schema entscheidend, d.h. „embedded“ wie „schema-dissonant information“ werden stärker wahrgenommen als andere. DiMaggio 1997, S. 269.
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Morgan und Schwalbe empfehlen, den sozialen Kontext zu beachten, bedeutet dies nichts anderes als die Bezüge zu anderen Elementen unserer Modells. 1
Der Status eines Schemas könnte damit erklärt werden, wie „entwickelt“ es ist. „Well developed schemata are likely to be more abstract, more complex, more organized, more moderate, and more conservative.“ Letzteres („resistance to change“) entspräche einer Bremse für Bewegung auf der y-Achse. Schemata dieser Art umfassen mehr Elemente, mehr Verbindungen unter diesen Elementen und komplexere Hierarchien. Die Kapazität zur Integration neuer Elemente und zur Bewältigung von Inkonsistenzen soll ansteigen. 2 Die „Stärke“ eines Schemas hängt dann zusammen mit seiner „cognitive complexity“ wie der „strength of connections“. 3 Andererseits sollen komplexe Schemata offener gegenüber Umweltstimuli sein, während kognitiv simple Politiker Situationen stärker im Sinne ihrer Vorannahmen definieren. 4 Dies bedeutet, dass kognitive Fähigkeiten nicht mit der Komplexität des Schemas verwechselt werden dürfen; Komplexität nicht mit der Stabilität des Schemas.
Komplexität kann also sowohl die Zahl semantischer Vernetzungen wie die Flexibilität des Netzes bedeuten. Allerdings dürfte hier entscheidend sein, ob neue Informationen oder Anreize die Kernbestände eines Schemas betreffen oder Randbereiche. Ob der kognitive Status eines „belief systems“ eher „geschlossen“ oder „offen“ ist 5 , dürfte durchaus von der Komplexität des Schemas abhängen. Darauf muss im folgenden Abschnitt wie im Zusammenhang mit dem Institutionenwandel genauer eingegangen werden.
Dies ist mit differenzierten Vorstellungen von Ideologie kompatibel; letztere verweisen besonders darauf, dass „ideologische Effektivität“ von kognitiven und emotionalen Dimensionen abhängig ist. 6 Allerdings soll hier nicht der analytischen Trennung der beiden Dimensionen gefolgt werden. Stabilität eines Schemas entsteht m.E. sowohl durch kognitive „boundedness“ (Sartori) als auch durch die unterschiedliche emotionale Wertigkeit der einzelnen Elemente und Verknüpfungen des Schemas. Dies ist wiederum mit Elementen unseres Tauschmodells kompatibel, wo die Wertigkeit von Gütern vom „motivational investment“ (Emerson) der Akteure abhängt. Somit könnten Schemata, die mit ethical beliefs verbunden oder in diese eingebunden sind, eine besondere Wertigkeit erhalten. 7
Entwickeltheit bedeutet somit nicht unbedingt „kognitive Konsistenz“. Sicher ist relevant: “If inconsistent information is obtained, for example, it requires extra information-processing-effort.” 8 Dieses Kriterium sollte jedoch nicht überbewertet werden. Es betrifft ohnehin weniger die Informationsauswahl als die Informationsverarbeitung. 9 Zunächst ist die „Relevanz“ und die Zahl der “associative linkages” wesentlich; bei den hier diskutierten
1 Morgan/ Schwalbe 1990, S. 151 u. 152.
2 Fiske/ Taylor 1984, S. 173 f.
3 In etwas anderem Sinne als Tetlocks Definition: „(It) refers to the number of logically distinct arguments or considerations that a policy maker takes into account in judging an event or arriving at a decision.” Tetlock 1991, S. 32. Hier geht es weniger um Handlungsmotive als um Schema-Elemente.
„Stärke“ ist eine relevante Forschungsfrage. Sie dürfte mit „affectice tags“ zusammenhängen. Young/ Schafer 1998, S. 78 u. 81.
4 Young/ Schafer 1998, S. 85.
5 Sartori unterscheidet beide Zustände danach, ob sie “subjected to evidence and/or argument” seien. Sartori 1969, S. 404.
6 Sartori klassifiziert „belief systems“ u.a. nach „their relative articulation, or richness“ und ihrer „correlative constraining power“. Er definiert Ideologie als Gegenteil von Pragmatismus als “belief system based on i) fixed elements, characterized by ii) strong affect and ii) closed cognitive structure.” Dabei ist wie in unserem Modell das Kontinuum zwischen den Polen entscheidend. Sartori 1969, S. 406 f. u. 405.
7 Crawford 2002, v.a. S. 98ff.
8 Morgan/ Schwalbe 1990, S. 152.
9 Erinnern folgt weniger dem Kriterium Konsistenz/ Inkonsistenz sondern eher „Relevanz“. Fiske/ Taylor 1984, S. 162 f. Sears/ Freedman 1967.
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etablierten Schemata können aber inkonsistente Informationen als nicht-relevant eingestuft werden, ja abweichende Evidenz kann sogar zur Stabilisierung des Schemas und der „associative links“ beitragen. 1
Die Fähigkeit zu kognitiver Dissonanzreduktion jenseits der simplen Vermeidung und Abwehr von Situationen und Informationen, die Dissonanzen hervorrufen können 2 , ergibt ein doppeltes Problem. Sehr widersprüchliche kognitive Elemente können koexistieren. Dem liegen eine Reihe aktiver „belief preserving mechanisms“ zugrunde: „We may create subtypes within stereotypes (...) may make situational attributions for belief disconfirming evidence (...) or otherwise generate an explanation for the inconsistency that permits it to be integrated with the other stored information“. 3 Die Wirkung von Mechanismen wie “Differenzierung” von Schema-Elementen, ihre “Transzendierung“ auf übergeordneter Ebene oder die Veränderung nicht-zentraler Schema-Elemente wurde auch für die internationalen Beziehungen nachgewiesen. 4 Dabei können die Strategien und Fähigkeiten der Dissonanzreduktion selbst als ein institutionelles Element (ein Meta-Schema) zwischen widersprüchlichen Inhalten wirken; damit ermöglichen sie auch ein (partielles) nutzenmaximierendes Verhalten trotz oder entgegen internalisierter Handlungsvorschriften. Die Rechtfertigung solchen Verhaltens kann wiederum internalisiert sein. 5 Allerdings dürfte dies zusätzliche information processing costs erzeugen. Auf drei Ebenen können Schemata mit Inkonsistenzen „umgehen“: als „evaluative complexity“ (refers to the degree of inconsistency or tension that exists among the considerations that a policy maker uses to judge events or make choices), als “cognitive integration” (the development of complex rules, schemata, and trade of principles for coping with evaluative tensions among the values within a belief system) wie als “self-reflection or metacognition” (capacity to view one’s own mental processes with a degree of detachement and to comment on those processes from a logical or even epistemological standpoint). Wichtig bei letzterem ist nicht die logische Reinheit solcher Selbstreflexion, sondern die Existenz internalisierter kognitiver Regeln, mit deren Hilfe „policy makers can avoid confronting cognitively difficult, emotional wrenching, and politically embarassing trade-offs“. 6 Gerade die “dialektische Methode” in ihrer “realsozialistischen” Ausprägung kann man als „content-free-schema“ werten, das Ambivalenzen kompatibel macht. Andere Autoren gehen gerade davon aus, dass internalisierte „laws of bargaining“ einen inneren Aushandlungsprozess zwischen unterschiedlichen Motiven ermöglichen. 7
Für uns ist aber wichtig: Internalisierung bedeutet, dass nicht das Handeln entsprechend der internalisierten Schemata Kosten verursacht, sondern jedes abweichende Handeln. 8 Die Veränderung einer internalisierten Annahme bedarf zusätzlicher Evidenz. Der perseverance effect (die Aufrechterhaltung von Schemas trotz gegenteiliger Evidenz) 9 zeigt, dass die internen kognitiven Kosten für die Veränderung des Schemas höher sind als die Kosten der Integration oder des Ignorierens gegenteiliger Informationen oder Logiken. Man kann auch an McGuire’s „principle of the least resistance in attitude change“ denken: „All other things
1 Higgins/ Bargh 1987, S. 379 ff. Jervis 1976, S. 295.
2 Zur Kritik vgl. Rhine 1967. Wesentlich ist vor allem, dass „the scale of dissonance remains unspecified“. Ebenda, S. 67.
3 Higgins/ Bargh 1987, S. 386.
4 Jervis 1976, S. 291 ff. u. 382 ff.
5 Vgl. auch Checkel 2005, S. 814.
6 Tetlock 1991, S. 33 f. vgl. Levy 1994, S. 294 f.
7 Ainslie 1986. Ainslie geht es dabei vor allem um die Vermittlung kurzfristiger Kalküle mit anderen, als längerfristig gedachten Motiven.
8 Hurd 1999, S. 388.
9 Fiske/ Taylor 1984, S. 171 f.
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beeing equal, people try to accomodate new evidence and arguments by minimizing the number of related cognitions that must be changed in the process of incorporating the new evidence into the belief systems.” 1 Dies verweist auf die Möglichkeit ein allgemeines Kriterium für den oberen Bereich unseres Schemas zu konstruieren: kognitive Kosten.
Die kognitiven Kosten von Veränderungen werden besonders deutlich, wenn kulturelle Effekte konstatiert werden müssen, obwohl die stabilisierenden äußeren Symbole und Anreizsysteme sich bereits aufgelöst haben. Eine solche Institutionalisierung gemeinsamer Orientierungen “makes sense in terms of the costs to individuals of giving up their cultures: Although doing so may be advantageous politically or economically, it is a wrenching experience psychologically and emotionally”. 2
In der Institutionenforschung wird durchaus auf die Relevanz von „purly cognitive costs“ verwiesen. Allerdings bleibt entweder offen, worum es sich dabei handelt oder ist ausschließlich an eine bestimmte Art von Transaktionskosten gedacht: Beobachten, Suchen, Kalkulieren. 3 Dies ist durchaus relevant, insbesondere auf den unteren Ebenen unseres Modells; hier geht es aber zunächst um die „innere“ Dimension dieser Kosten. Für ihre Relevanz gibt es vielfältige empirische Evidenz in unterschiedlichen Bereichen: Wissenschaft, Außenpolitik, gesellschaftlicher Systemwechsel. 4
Ein externes Maß ist die Resistenz gegen Umweltveränderungen oder Veränderungen der Machtstruktur im Sinne unseres Tauschmodells. Ein bestimmtes Maß an Veränderungen adaptiert ein stabiles kognitives Schema. „Similarly, social norms tend to tolerate a measure of contrary action by states, but at certain point they will begin to be transformed by such actions.” 5 Das Maß solcher „dramatic changes” von äußeren Anreizen wäre ein Maß für die kognitive Stabilität des Schemas.
Der Blick von den oberen Bereichen unseres Modells auf die Bereiche nahe der x-Achse eröffnet sich gerade bei der Nutzung einer handlungsrelevanten Schema-Theorie, der „image theory“. Das dominierende Bewertungskriterium für die Wahl von Handlungen ist hiernach die „sufficiency of compatibility“ gegenüber den vorhandenen Elementen des Schemas. Wenn eine bestimmte Zahl von „Verletzungen“ vorliegt, wird der „Kandidat“ zurückgewiesen. „A violation occurs when some aspect of the candidate negates, contradicts, contravenes, or in some other way is contrary to an image constituent.” 6 Diese „rejection threshold“ (ausgedrückt als „emotional state of discomfort“) kann als Synonym für unsere kognitiven Kosten gelesen werden. Nur wenn dieses Kriterium nicht eindeutig ist, tritt „profitability“ im Sinne von „expected utility“ hinzu: „Compatibility is the criterion for most decision making. Profitability, which is similar to expected utility, is a back-up for making a selection when more than one adoption candidate is acceptably compatible.“ 7
1 Tetlock 1991, S, 30 unter Bezug auf McGuire 1985.
2 Hanson 1995, S. 313. Dies entspricht auch Wildawskys Kulturbegriff, der davon ausgeht, dass die Abschirmung des existenten Lebensstils und Wertehaushalts das Motiv für die Präferenzbildung ist. Wildawsky 1987, S. 5 f.
3 Einige Autoren verweisen nur auf den Begriff ohne ihn zu erläutern. Sie zitieren den Ökonomen Matthews, der darunter allerdings Dinge wie das Kalkulieren einer Rechnung oder die Beobachtung der Kompetenz anderer Parteien versteht. Matthews 1986, S. 906.
4 Für Beispiele vgl. Tetlock 1991, S. 30 f. Auch die Literatur zu unserem Thema reflektiert unbewusst solche Phänomene: „Die gesellschaftlichen Räume, die in der DDR sowjetischen Einflüssen ausgesetzt waren (...) waren keine tabula rasa, die je nach belieben mit kyrillischen Buchstaben beschrieben werden konnte.“ Danyel 1997, S. 80. Auch wenn hier von Kultur, Tradition, Verhaltensmustern usw, die Rede ist, impliziert es stets einen Aspekt kognitiver Kosten.
5 Schoppa 1999, S. 309.
6 Beach/ Mitchell 1987, S. 206.
7 Beach/ Mitchell 1987, S. 218 f. Die Stärke der image-theory besteht darin, dass sie die Formen der images (self, trajectory, action, projected) in ihrer Bedingtheit betrachtet.
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Für ein integratives Modell erscheinen diese Mechanismen ebenso einseitig wie die umgekehrte rationalistische Perspektive. Es sind keine systematischen Gegensätze, wenn im oberen Bereich die kognitiven Kosten dominieren, im mittleren Bereich Anreize in Relation zu den internalisierten Schemata, unten aber die reine Höhe der Anreize. Entscheidend für die Art der Institutionalisierung sind die jeweilige Beträge und ihre Relationen. 1 Kann ein übergreifender Kostenbegriff diese Ebenen integrieren?
Wie oben zitiert, könnte sich ein übergreifender Kostenbegriff als Klammer anbieten. Die etablierte Institutionentheorie stellt ja für ein Spektrum der unterschiedlichen Institutionalisierungen gerade unterschiedliche Kosten und Kostenkalküle auf. Der Wert, welcher der Institution „zugeschrieben“ werde, müsse diese Kosten auf alle Fälle überkompensieren, wenn Angriffe auf die Institution abgewehrt werden sollen. Hier wird vor allem an die Kosten der „Umstellung“ gedacht, die bei der notwendigen Externalisierung der internalisierten Normen und Werte entstehen. 2 Dies könnte als weiter Begriff von Sanktionskosten gedeutet werden; allerdings bleiben die Kosten für „Abweichler“ extern. Andererseits können die „sunk costs“, die maßgeblich die Stabilität von Institutionen erklären, durchaus alle Ebenen unseres Modells betreffen. 3
Betrachten wir das Problem aus der Perspektive des oberen Teils unseres Schemas. Strategische Entscheidungen werden ermöglicht durch konstruierte Szenarien, die bestimmten Kriterien folgen. “The ease with which a particular event can be simulated is used to evaluate the propensity of the system to produce the state.” Akteure “are biased in favor of events for which plausible or ‘easy’ scenarios can be found and correspondingly biased against bizarre events or strange coincideces.” 4 Diese Formulierung deutet auf etwas wie „interne“ Kosten der Wahl oder Veränderung kognitiv-affektiver Strukturen. Dies korrespondiert mit der Entlastungs-Funktion von Institutionen.
Um ein geschlossenes Konzept zu erhalten, benötigen wir also einen adäquaten Kostenbegriff 5 , der Institutionalisierungen, ihre Ausprägung und Veränderung erklärt.
3.5.2) Die Integration der Ebenen
Bisher haben wir in sich konsistente Modellsplitter zusammengefügt, ohne nach einem integrierenden Modell zu fragen. Während wir auf der x-Achse verschiedene Stufen eines Modells politischen Tauschs abgebildet haben, sind im mittleren und oberen Bereich der y-Achse soziologische bzw. psychologische Begriffe entscheidend. Beide Bereiche sind in unserem Modell Elemente eines Ganzen. Dies soll an einer weiten Form der social exchange theory verdeutlicht werden.
Deren Prämissen (set of values, perception of the alternative options available, expectations of the consequences, decision rules) betreffen nicht nur ein Spektrum tauschbarer Güter, das in die oberen Ebenen unseres Modells hineinreicht; sie sind auch als „cognitive evaluative map“ aufzufassen, besitzen also Voraussetzungen im oberen Teil unseres Modells. Anliegen ist die “explicit creation of a multidimensional cognitive space and a mapping of observed preference rankings into this space”. 6 Dies ergibt sich nicht nur aus der bereits diskutierten
1 Den Erklärungswert von Dissonanztheorien und Anreiztheorien vergleicht Elms 1967 zugunsten letzterer. Dies ist in unserem Modell eine empirische Frage.
2 Nedelmann 1995, S. 17.
3 „Sunk costs originate from a capital stock of knowledge, trust, shared expectations and mutual obligations, that has been frozen in a fixed structural configuration.” Lanzara 1998, S. 7.
4 Markus/ Nurius 1986, S. 963, Kahnemann/ Tversky 1982.
5 Für die Institutionenbildung und -veränderng wurden bereits sehr weite Kostenbegriffe genutzt, ohne aber auf die kognitiven Kosten einzugehen. Balzer 1992, S. 97 ff.
6 Kessler 1976, S. 3.
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Tatsache, dass ein erheblicher Teil der Güter für den sozialen/ politischen Tausch definitionsbedürftig sind; es gilt grundsätzlich. Dabei geht es nicht nur um die „innere“ Präferenzordnung, sondern auch um die Bewertung der Güter der Tauschpartner. Sind sie überhaupt tauschbar und welche Preise sind angemessen? Dies ist in spezifische exchange rules eingebettet, deren Festlegung Institutionalisierungskosten erzeugt. 1 Nicht nur die ersten drei Prämissen „constitute a cognitive-evaluative map of perceived behavior options, where alternate behaviors are distinguished in cognitive space along a number of value dimensions“ 2 ; dies gilt auch für die Tauschregel selbst. Dies kennzeichnet verschiedene Ebenen unserer y-Achse. Neben rationality im Sinne einer Maximierung des totalen Nutzens sind Entscheidungsstrukturen wie reciprocity, status consistency, competition, group-gain oder altruism möglich. (Alle Formen sind spieltheoretisch modellierbar.) Status-Konsistenz zum Beispiel könnte eine habitualisierte Hierarchie sein, wobei die Aufrechterhaltung der Hierarchie einen (primären) Wert für die Akteure darstellt. Das Lob der Sowjetunion durch einige Ostblockführer könnte einer solchen Entscheidungsregel entsprechen. Vor allem aber ist wesentlich: „Exchange rules may operate as informal or formal norms.“ 3
Kooperation kann aus der Mischung verschiedener dieser Entscheidungsregeln entstehen. Für uns von besonderem Interesse ist ein Beispiel, das „Internationalismus“ als Entscheidungsregel mit Kooperation assoziiert. 4 Folgt der Akteur einer Entscheidungsregel, die von Rationalität im engen Sinne abweicht, kann eine Spannung entstehen, eine spezifische Art von Kosten. “This means if P follows an exchange rule other than rationality and both that rule and rationality have dominant choices, than P must incur in cost in order to follow this exchange rule.” Grundsätzlich gilt: “P will change from an exchange rule that imposes a cost to one that does not, or that imposes a lower cost.” Man könnte sagen, dass die Kosten des Regeländerung mit den Kosten der Regelbeibehaltung aufgerechnet werden. “The links here are the properties of ambiguity and consistency and their opposites, derived from the definitions of exchange rules, and the assumption that there is a fundamental tension between avoiding costs and following norms in some situations, depending on the logical structure of the situation and the norms that have been adopted.” 5 Im Sinne unseres Modells ist dies ein trade-off zwischen kognitiven Kosten und den Kosten nichtkalkulierter Entscheidungsregeln.
So wie der „rationale“ Akteure mit zunehmender Komplexität der Umwelt sich internalisierten Handlungsmustern anvertrauen muss, so ist es für den habit driven actor bei abnehmender kognitiver Komplexität oder emotianaler Bindung möglich, sich Nutzenkalkülen hinzugeben. Beide sind Möglichkeiten eines „multiple selfes“.
Es ist modellkonsistent, wenn in Bereichen geringer kognitiver Kosten die äußeren Anreize dominant sind wie umgekehrt. Unterschiedliche Kostentypen können als ergänzend oder komplementaär gelten. Man kann aber noch einen Schritt weiter gehen. Dann bilden die kognitiven Kosten einen übergreifenden Rahmen für das gesamte Modell, wenn der Begriff eine bestimmte Erweiterng erfährt. Die Kosten lassen sich im unteren Bereich des Schemas als Verlust von handelbaren Gütern oder zusätzliche Aufwendungen zu ihrer Erlangung darstellen; im oberen Bereich als Kosten der Veränderung oder Abweichung von kognitiven Schemata. Diese Kosten entstehen bei einer Abweichung des Handelns zu den etablierten beliefs wie bei konkurrierenden Schemata selbst. „Resistance to taking on new (...) beliefs if
1 “If the exchange rule P has adopted - whether it be rationality or not - is ambigious, then coordi-nation between P and O is required for either of them to follow their exchange rules. This is likely to produce costs for both P and O (…).” Meeker 1971, S. 493.
2 Kessler 1976, S. 2 Mit values sind hier Präferenzen gemeint.
3 Meeker 1971, S. 492.
4 McClintock u.a. 1963.
5 Meeker 1971, S. 493f.
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they require massive belief revision may also be due perhaps to desire of economy, or a wish for coherrence, or because putting many beliefs up to re-evaluation is cognitively difficult or even emotionally painful.” 1 Man vergegenwärtige sich - um ein Beispiel aus unserem Gegenstandsbereich zu nutzen - einen hargesottenen ungarischen Altkommunisten, der auch vor Folter im “Dienste der Sache” nicht zurückschreckte. Nachdem er aber aufgrund der Destalinisierung und des wachsenden Drucks im Sommer 1956 sein Parteibuch verlor, schweig er pflichtgemäß vor den Parteigremien und ging nach Hause, „wo er weinte, nur noch weinte“. 2
Kostenreduktion kann durchaus als Prozess verstanden werden, „which reduces the pains incurred in meeting the demands of a powerful person“. Die hier angesprochenen “psychischen Kosten” wären ein Ausdruck für die Hierarchie. „’Identification with the agressor’ would appear to be explainable in terms of cost reduction.” Andererseits bedeutet dieser Prozess ein „redefining“ der Werte. 3 So wie der habit-driven-actor „Schmerz“ empfindet bzw. kognitive Dissonanzen verarbeiten muss, wenn er gegen seine „Überzeugungen“ handeln muss, empfindet der Nutzenmaximierer „Schmerz“, wenn er „Verluste“ erleiden muss. Beides hängt wiederum vom „motivational investment“ ab, das kognitive wie emotianale Elemente besitzt: „(...) arguments may trigger feelings as well as thoughts.“ 4 Damit verbindet sich die rationalistische Institutionalisierung mit den Mechanismen auf den oberen Ebenen des Schemas. Aber auch hier können kompatible „Kosten“ entstehen, wenn die kognitiven Dissonanzen ein Aufrechterhalten der internalisierten Muster verhindert. Anders formuliert ist Macht, die als Konkurrenz von Motiven verstanden wird, „immer eine ‚innere’ Macht“ (H. Triepel). 5 Das Gesagte trifft allerdings nicht nur auf die Kosten abweichenden Verhaltens zu, sondern auch auf die „innere“ Belohnung „normalen“ Verhaltens. In diesem Sinne können Routinen durchaus „motiviert“ erfolgen. 6 Emotionen sind innere Zustände, die Handlungsdispositionen bedingen und durch ihren evaluativen Wert befähigen, Situationen, Handlungen und Ergebnisse als angenehm oder unangenehm einzustufen. 7
Auf diese Weise entstehen Anreize eigentlich. Die entsprechenden Handlungsmuster sind nicht nur internalisiert und vernetzt; sie können mit positiven Emotionen korrespondieren wie Abweichungen mit negativen. „Emotion is necessary to rationality and intrinsic to choice. Emotion precedes choice (by ranking one`s preferences), emotion influences choice (because it directs one’s and is the source of action), and emotion follows choice (which determines how one feels about one’s choice and influences one’s preferences).” 8 Wenn “affektuelles Handeln” in der Tradition Max Webers als Gegensatz zu rationalem Handeln gesehen wird, weil es den Fokus auf eine Handlungsalternative verenge 9 , deutet dies zwar die institutionalistische Funktion von Emotionen an, „verengt“ aber ihre Funktion auf kurzfristige oder alternativlose Situationen. Ich kann der Auffassung nicht folgen, dass
1 Crawford 2002, S. 110.
2 So Farkas, dessen Fall im nächsten Kapitel eine Rolle spielen wird. Dalos 2006, S. 42.
3 Emerson 1962, S. 34f.
4 Crawford 2002, S. 26.
5 Triepel 1974, S. 32.
6 Dies im Gegensatz zu Giddens 1995, S. 57. Für Giddens sind bestenfalls die Abweichungen von Routinen durch Motive, d.h. bedürfnisbezogen, erklärbar.
7 Dabei bewerten sie bestimmte „Objekte“ als Einheit. Schnabel 2005, S. 283.
8 Mercer 2005, S. 94. Mercer illustriert dies mit Untersuchungsergebnissen an Patienten, die durch Hirnschäden Emotionalität verloren und deren rein kalkulierender Verstand zur Orientierungs unfä-higkeit führte. Vgl. auch Damasio 2003, S. 143ff.
9 Esser 2001, S. 316.
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Emotionen Vorhersagbarkeit und Konsistenz ausschlössen, da sie spontan und überwältigend seien. 1
Macchiavelli rät seinem Fürsten nicht umsonst, den Respekt seiner Untertanen zu erlangen, Hass aber zu vermeiden. Dies zeigt die stabile wie stablisisierende Funktion von „affektuellen Einstellungen“ (Schnabel), aber auch, dass sie keineswegs alternativlos sind. Es sei ein Zitat aus dem Bereich der internationalen Beziehungen wiederholt: „Fear may (for A), however, become institutionalized as a deep-seated response to any contact with B.“ 2 In diesem Sinne wurden den cementing emotions („these emotions hold society and ist relations of domination together“) subversive counter-emotions (“cause disaffection from the system”) gegenübergestellt. 3 Emotionen wirken also institutionalisierend. 4 „Soziale Emotionen“ wirken dabei als Brücke zwischen sozialer Situation und Entscheidung bzw. Handeln. 5 Dabei können Emotionen direkt durch äußere Anreize hervorgerufen werden, aber auch durch innere Zustände, also auch aktivierte kognitive „maps“. Auf allen Ebenen unseres Akteursspektrums sind diese kognitiv-affektiven („psychischen”) Anreize relevant. „Die historische und interkulturelle Variabilität von Ausdruck und Situationsbezogenheit von Emotionen stellt eine starken Indikator für kulturelle Einflüsse dar. Emotionen scheinen zu einem nicht unerheblichen Teil internalisiert und inkorporiert, ihre Vermittlung, Interpretation, ihre Dauer, Intensität und Richtung sozial sanktioniert zu sein.“ 6 Auch Emotionen stehen in Relation zu Sanktionen, Ideen, direkten Sozialbeziehungen oder Symbolen. 7 Der Status kognitiver Schemata resultiert also aus ihrer Vernetzung mit anderen Schemata wie ihrer emotionalen „Wertigkeit“. Immerhin beginnen sich auch Historiker für die damit verbundenen „Affektspeicher“ oder den „affektiven Kompass“ (Ciompi) von Akteuren zu interessieren: „Auch das rationale Denken beruht auf emotionalen Grundlagen.“ 8
Was folgt daraus? Die oben aufgestellte Trennlinie zwischen „externen“ Anreizen und „internen“ Schemata ist rein analytisch; beide Seiten gehören zusammen, sind zwei Seiten
1 So Helena Flam 2000; zit. nach Schnabel 2005, S. 283; vgl. auch Crawford 2002, S. 38.
2 Raser 1969, S. 434 u. S. 436. Als Beispiel dient die "institutionalized fear" von J.F. Dulles vor den „Russen“.
3 Zu ersteren werden Loyalität, Furcht, Scham, Ärger, Liebe gezählt. Flam 2005, S. 20ff.
4 Dies zeigen auch neurophysiologische Ansätze: „The codification of rules eventually expressed in systems of justice and sociopolitical organizations is hardly conceivable in those circumstances, even assuming that the apparatus of learning, imagination, and reasoning could be otherwise intact in the face of emotional ravages, a most unlikely possibility.“ Damasio hebt die institutionalisiernde Funktion von emotions/feelings stark hervor und bezieht dies auf Verhandlungssituationen, Normen, ehtische Prinzipien, Organisationen wie Religionen. Damasio 2003, S. 157ff., 140, 169.
5 „The idea then is that, over time, we do far more than merely respond automatically to components of a social situation with the repertoire of innate social emotions. Under the influence of social emo-tions (from sympathy and shame, to pride and indignation) and of those emotions that are induced by punishment and reward (variants of sorrow and joy), we gradually categorize the situatons we expe-rience - the structure of the scenarios, their components, their significance in terms of our personal narrative. Moreover, we connect the conceptual categories we form - mentally and at the related neural level - with the brain apparatus used for the triggering of emotions. For example, different options for action and different future outcomes become associated with different emotions/feelings. By virtue those associations, when a situation that fits the profile of a certain category is revisited in our expe-rience, we rapidly and automatically deploy the appropriate emotions. (…) In brief the signal marks options and outcomes with a positive or negative signal that narrows the decision-making space and increases the probability that the action will conform to past experience.” Damasio 2003, S. 146-148. Im Unterschied zu Damasio sehen wir diese Mechanismen weniger stark erfahrungs- und körper- bezogen, sondern auch auf kognitive Schemata, die definieren, welches Handeln in der entsprechendne Situation angemessen ist.
6 Sie reduzieren Informations- und Entscheidungskosten. Schnabel 2005, S. 284 u. 292.
7 Beispielsweise bildet ein dreifacher “Lebensstrang” die Grundlage von Riten: ein kognitiver, ein affektiver und ein konativer, handlungsorientierter Aspekt. Rivière 1999, S. 33.
8 Wehler 2000. S. 255 ff. Aschmann 2005.
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einer Medaille. Beide Seiten - kurzfristiges Kalkül wie starke Emotion - können zu „abweichendem“ Verhalten führen - abweichend für die Erwartungen der anderen Akteure. Dies bedeutet Deinstitutionalisierung. Stabilisiert sich jedoch dieser Anreiz, dieses Symbol etc. in einer Beziehung emotional, so ist sie institutionalisiert. 1 Dies trifft für Verhandlungssysteme genauso zu wie für Dominanzbeziehungen, also für alle Stufen hierarchischer Beziehungen. 2 Das aufgeführte Spektrum an Akteurstypen wie Mechnismen der Institutionalisierung kann analytisch getrennt werden; eine Synthese in einem gemeinsamen Modell schließt dies jedoch nicht aus. Kognitive Schemata und ihre emotionale Verankerung sind auf allen Ebenen unseres Modells relevant 3 ; sie stehen nur in unterschiedlichem Verhältnis zu ihren externen Entsprechungen.
Die methodischen Probleme bleiben gravierend, diesen Bereich des „grundsätzlich Nichtbeobachtbaren“ zum Gegenstand zu machen. Experimentelle Kriterien wie Reaktionszeiten oder Genauigkeit (accuracy) des Gedächtnisses können oft nicht auf historische Quellen übertragen werden 4 ; andererseits bieten sie durchaus Anregungen, das Verhalten der Akteure in Entscheidungs- oder Verhandlungssituationen zu bewerten. Widerstand, lange Verhandlungs- oder Entscheidungszeiten sprechen für die geringe Stabilität und Relevanz der Schemata. Emotionen lösen stets eine physische Reaktion aus, die sich aber oft nur schwer nachweisen lässt. Beobachtbar ist am ehesten das Aufeinandertreffen von „internen“ Normen und „externen“ Anreizen in Verhandlungssituationen. Neben solchen Situationen können Anreize jedoch auch „verdeckt“ als „Hintergrundwissen“ wirken. Auch sorgfältiges quellenkritisches Arbeiten wird hier nur Annäherungen ermöglichen.
Die diskutierten Kriterien haben zwar Hinweise darauf gebracht, nach welchen Regeln Schemata arbeiten, aber keinesfalls ein operationalisierbares Modell. Zunächst sind Situationen von besonderem Interesse, in denen die Akteure ihr Verhalten unter dem Einfluss von Anreizen und/oder sozialem bzw. symbolischem „Druck“ ändern. Zudem können Ideen als „Ursachen“ gegenüber anderen Faktoren isoliert werden, wenn „cross-cutting-ideas“ den „objektiven Interessen“ gegenübergestellt werden. Akteure in ähnlichen „materiellen Situationen“ variieren in ihren Interessendefinitionen. 5 Allerdings sagt dies noch wenig über die Wirkungsmechanismen jenseits materieller Zwänge oder reinen Kalküls. Angesichts des noch geringen Entwicklungsstandes von Modellen „politischer Kognition“ 6 wie der methodischen Probleme bei der Umsetzung, soll hier eine „Aushilfslösung“ gewählt werden. (Dies schließt jedoch nicht grundsätzlich aus, dass die „associational structure“ von Schemata ermittelt und als Folie auf das Verhalten der Akteure gelegt werden kann.) Angesichts unserer Annahme, dass die interne Stabilität von Schemata in einem Verhältnis steht zu ihren äußeren Bedingungen, soll sie über letztere bestimmt werden. Es soll von der „Stärke“ der fassbaren äußeren Einflussfaktoren wie der Veränderung ursprünglicher Ziele auf die „Stärke“ der Schemata geschlossen werden. Es geht um Konstellationen, in denen beide als reziprok angenommen werden können, so dass die Relevanz/ Nichtrelevanz äußerer Einflüsse auf kognitiver Ebene (Informationen, Symbole) wie auf politischer Ebene (Anreize, Güter, Drohungen) die Internalisierung, das Niveau der Schemata und damit den Ort von Institutionalisierung auf der y-Achse bestimmbar macht.
1 „In general, memory of the felt situation promotes, consciously or not, the avoidance of events associated with negative feelings and the seeking of the situation that may cause positive feelings.“ Damasio 2003, S. 178.
2 Damasio 2003, S. 163f.
3 „Emotionen vermitteln hier eben durch ihre Bewertungsfunktion zwischen sozial geteilten Über-zeugungen, Konventionen, Normen und der individuellen Entscheidung.“ Schnabel 2005, S. 292.
4 Morgan/ Schwalbe 1990, S. 153. Andererseits halten die Autoren die Verbindung zu einer historischvergleichenden image-theory durchaus für möglich. (vgl. S. 157) Zum methodischen Problem vgl. auch Hurd 1999, Wehler 2000, S. 258 ff.
5 Eine Anwendung auf die EU bei Parsons 2002.
6 Vowe 1994; Lau/ Sears 1986; Young/ Schafer 1998; DiMaggio 1997 verweisen auf die rasche Entwicklung.
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Man kann dies auch als Verhältnis von automatic cognition zu deliberative cognition bzw. als Verhältnis ihrer jeweiligen Kosten beschreiben. 1 Die methodische Hilfskonstruktion 2 , internalisierte Schemata und ihre kognitiven Kosten wie externe Anreize und ihre Kosten als reziproke Elemente von Institutionalisierungen anzunehmen, wird durch die etablierte Institutionentheorie - ungewollt - gestützt. B. Nedelmann hat Institutionen durch gegensätliche Merkmalspaare gekennzeichnet und von der Höhe der Beträge dieser Merkmale den Institutionalisierungsgrad abhängig gemacht.
Hohe Institutionalisierung Niedrige Institutionalisierung
„enacting“ (routinemäßiger Vollzug) „acting“ (Nutzenmaximierung)
Internalisierung Externalisierung
Eigenwert Instrumentalität
Entlastung Belastung
Wenn hier ein Spektrum begründet wird, können die Beträge der Merkmalspaare auch gegeneinander aufgerechnet werden. „Je mehr eine Institution aber ostentativ in sichtbare Handlungsvollzüge übersetzt und explizit begründet werden muss, desto geringer ist das Niveau ihrer Verfestigung. Wird einer Institution hingegen ein Eigenwert zugeschgrieben, so brauchen die Akteure zu ihrer Begründung weder normative Begründungen abzurufen, noch müssen sie mit ostentativen Gesten oder Beschwörungsformeln begleiten.“ 3 Für den hier verwendeten Institutionenbegriff bleiben diese Bereiche aber nicht getrennt. Dieser soll im folgenden entwickelt werden.
1 DiMaggio 1997, S. 269ff.
2 Diese entspricht nicht völlig dem zuvor entwickelten Modell eines übergreifenden emotional-kognitiven Kostenbegriffs. Dessen Mechanismen wirken durchaus in automatisierten wie „bewussten“ Bereichen. Dies ist allerdings eine Metaebene. vgl. z.B. Damasio 2003, S. 148.
3 Allerdings wird hier Institutionalisierung auf einer Seite des Spektrums begründet. Nur zur „Vertei-digung“ gegen Abweichler muss von „enacting“ zu „acting“ umgeschaltet werden können. Nedelmann 1995, S. 16-20. Die Unterschiede zu unserem Modell zeigen sich gerade beim 5. Merkmalspaar: Unpersönlichkeit vs. „Mikro“-Abhängigkeit. Nedelmanns Begriff der Institutionalisierung ist grund-sätzlich mit unserem Modell vereinbar, er bildet aber nur eine extreme Variante ab: „Der Reproduk-tionsprozess des strategischen Handelns wird auf Routine umgestellt; die mit der betreffenden Insti-tution verbundenen Normen und Werte werden derart internalisiert, dass das daraus folgende Handeln weder nach innen begründet noch nach außen gerechtfertigt werden muß; die betreffende Institution erlangt einen Wert aus sich heraus (...).“ Nedelmann 1995, S. 29. Obgleich Nedelmann ein Kontinuum abbilden will und ihre Vorstellungen von „Flexibilität“ einer Institution wie einer „schleichenden Insti-tutionalisierung“ auf mittlere „Zustände“ hinweisen, bewegen sich Institutionen letztlich nur „dyna-misch zwischen den jeweiligen Extremen ihrer Merkmalsausprägungen“, also zwischen den Ebenen 1 und 6 unseres Schemas. Nedelmann 1995, S. 35. Ähnlichen Annahmen folgt auch E. Scheins Modell von den drei Ebenen einer Kultur, die in abnehmendem Maße sichtbare (Symbolsysteme als sichtbare, Normen und Standarts als teilweise sichtbare, grundlegende Annahmen als unsichtbare) Kulturelemente abbilden. Eine Anwendung bei Prollius 2005.
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3.5.3) Institutionalisierung als Relation von Strukturen
Obwohl von unterschiedlichen Ausgangspunkten kommend, nehmen viele Definitionen Mischverhältnisse der Mechanismen, z.B. von Kalkül und Routine, an. 1 Eine verbindende, aber nicht verwischende Definition erscheint somit möglich: „Die Institutionen müssten dann als Normkomplexe gesehen werden, deren individuelle Erfüllung entweder durch Sanktionen oder durch weitgehende Internalisierung bzw. als eine Kombination beider Mechanismen zu sichern wäre.“ Die Institutionentheorie erscheint damit als vermittelnder Ansatz zwischen Individuum und Ganzem, Akteur und System. 2
Dies könnte sich durch die Aussagen der „structuration theory“, die das komplizierte „structure-agent-problem“ als ein gegenseitig konstitutives Verhältnis auffasst, präzisieren lassen. “Structuration theory (…) conceptualizes agents and structures as mutually constitutive yet ontologically distinct entities. Each is in the same sense an effect of the other; they are ‘co determined.’ Social structures are the result of the intended and unintended consequences of human action; just as those actions presuppose or are mediated by an irreducible structural context.” 3
Kann man unsere Institutionen als eine Strukturkomponente auffassen? Beide können nicht nur Ressourcen wie Regeln umfassen und als „einschränkende und ermöglichende Größe“ verstanden werden; beide werden durch reproduzierbare Praktiken „vollzogen“; beide können hierarchisch wie horizontal organisierte soziale Systeme begründen. 4 Ein Brückenschlag scheint möglich, wenn Strukturen nicht unabhängig von den Vorstellungen existieren, die Akteure über ihr Handeln besitzen. 5 Dies könnte selbst für neorealistische Strukturkonzepte gelten. Nach Waltz definieren sich politische Strukturen durch die Ordnungsprinzipien des Systems, die Differenzierung der Einheiten bzw. die Spezifikation ihrer Funktionen sowie die Verteilung der Fähigkeiten der Einheiten. 6 Zumindest die funktionale Differenzierung dürfte von „Vorstellungen“ abhängig sein.
Allerdings ist begriffliche Klärung notwendig. Strukturen erscheinen zumeist nicht als Bestandteil dieser Vorstellungen wie diese Vorstellungen nicht als Strukturteile erscheinen; sie bilden (nur) Voraussetzungen von Strukturen, konstituieren diese. Andererseits existieren innere und äußere „Strukturen“. Erstere konstituieren die intrinsischen Interessen und Kapazitäten der Akteure, letztere die sozialen. 7 Dies bedeutet aber nichts anderes, als dass ein Teil von Akteuren/ Staaten als Struktur, ein Teil aber als „agents“, als „goal-directed units“ aufzufassen ist. Dies ähnelt unserem Akteursverständnis, da diese aus voluntaristischen bzw. kontingenten Elementen und institutionalistischen bestehen. 8 Sie sind - um es zu wiederholen - „multiple selfs“.
1 So wird der oben zitierte Interessenbegriff von Parsons, der die Vermeidung von Schuldgefühlen im Sinne des persönlichen Gleichgewichts betont, ergänzt durch die Abhängigkeit des „Eigeninteresses“ von den Handlungen und Erwartungen anderer. Kann dies nicht utilitaristisch verstanden werden? Parsons 1994, S. 222. Andere Beispiele Aretz 1999, Nedelmann 1995.
2 Lau kritisiert diese Auffassung jedoch als „deterministisch“. Lau 1978, S. 32 u. 243 ff.; Jepperson 1991.
3 Wendt 1987, S. 360. “Social action, then is ‘co-determined’ by the properties of both agents and social structures.” Ebenda, S. 365.
4 Dies bei dem handlungstheoretisch fundierten Strukturbegriff von Giddens, der von Institutionen als „vernetzte Ensembles“ kaum zu trennen ist. Giddens 1995, S. 222f.
5 Die Vorstellung von Strukturen als fundamentale Externalitäten (Ressourcen, Raum, soziale Schichtung, Konjunktur usw.) ist allerdings dominierend. Vgl. z.B. den Strukturbegriff von F. Braudel.
6 Waltz 1979, Kap. 4.
7 Wendt 1987, S. 359f.
8 DiMaggio betont in diesem Sinne, dass “research on automatic vs deliberative processing may help sociologists determine what to do with the widely believed but theoretically inert notion that both insti-tutions and agency are central to social life.” DiMaggio 1997, S. 272.
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Zwei Unterschiede sind aber bedeutsam: Das „structure-agent-problem“, seine Dialektik, liegt quer zu unserem Problem von Institutionen als Akteurseigenschaften und Institutionen als Anreizkonstellationen. Dies ist eher ein „Struktur-Struktur-Problem“. Zweitens: Es erscheint mir ungerechtfertig, die „innere“ Struktur nicht als „soziale“ aufzufassen, da sie Komponenten umfassen kann, die Verhalten und Erwartungen stabilisiert, die Interaktionen statt Aktionen repräsentieren und die stabilisierte Partnervorstellungen in die Handlungskonzeptionen einbeziehen. Die internationale Struktur ist in diesem Sinne eine soziale, d.h. eine von „shared knowledge“. 1 Dies bedeutet, Institutionalisierung setzt eine Schnittmenge von inneren Schemata und äußeren „geteilten“ Ideen und Normen voraus, die sich gegenseitig stabilisiert. Allerdings existieren auf beiden Ebenen Elemente, die außerhalb der Institutionalisierung liegen. Diese ist demnach abhängig sowohl von der „Verankerung“ der institutionellen Elemente in den „Köpfen“ wie in der „Kultur“ als auch von der gegenseitigen Stützung. 2
An anderer Stelle macht Wendt die Grenzen selbst deutlich: “We may have some a priori notion that state actors and systemic structures are ‘mutually constitutive’, but this tells us little in the absence of an understanding of how the mechanics of dyadic, triadic, and n-actor interaction shape and are in turn shaped by ‘stocks of knowledge’ that collectively constitute identities and interests and, more broadly, constitute the structures of international life.” 3 Wir müssen also ein präziseres relationales Verständnis von Institutionalisierung entwickeln. Sicher kann man hier auf der Strukturierungstheorie von Giddens selbst aufbauen, auf sein „Theorem der Dualität von Struktur“: „Gemäß dem Begriff der Dualität von Struktur sind die Strukturmomente sozialer Systeme sowohl Medium wie Ergebnis der Praktiken, die sie rekursiv organisieren. Struktur ist den Individuen nicht ‚äußerlich’: in der Form von Erinnerungsspuren und als in sozialen Praktiken verwirklicht, ist sie in gewissem Sinne eher ‚inwendig’ als ein - im Sinne Durkheims - außerhalb dieser Aktivitäten existierendes Phänomen.“ 4 Allerdings sollte diese Dualität analytisch aufrechterhalten werden und beide Ebenen von „Strukturierung“ nicht zu einer handlungsimmanenten Komponente vermischt werden. Die Trennung wie Verbindung von zwei Strukturebenen soll im folgenden gezeigt werden.
Mein Konzept von Institutionalisierung fließt mit den Bemühungen von Morgan und Schwalbe zusammen, soziologische und kognitiv-psychologische Forschung zu einer Theorie zu integrieren, „that is simulataneously more interactionist and more cognitive“. Daraus folgt (nicht nur) für die oberen Ebenen unseres Schemas: “Thinking (…) is transactive: it occurs with alternating reference to internal representations and to external objects. In other words, thinking occurs between the person and the environment.” 5 Damit entspricht nicht nur die Tauschanalogie der Ebene 1 einem relationalen Modell, sondern alle Ebenen von Institutionalisierung. Somit kann einer Kritik an konventionellen Institutionendefinitionen zugestimmt werden: „Institutions are conventionally understood as supraorganizational patterns of organizing social life rooted in shared norms (…). With its emphasis on an exterior normative, as opposed to an interior cognitive, order, this definition is inadequate.” Deshalb argumentieren Friedland und Alford, dass “institutions must be reconceptualized as
1 Wendt 1999, S. 20.
2 Kane 1991. Wenn man wie Kane Kultur als "belief-system" und "symbolic-systems" versteht, die durch rituelle Prozesse ausgedrückt werden, ist es fraglich, ob man mit der Erfassung der "intrarelatio-nal logic of symbolic elements, patterns processes" tatsächlich die "structure of culture" (S. 54) unter-sucht und nicht nur eine Schicht, die auf das Gesamte verweist.
3 Wendt 1992, S. 424.
4 Giddens 1995, S. 77f.
5 Morgan/ Schwalbe 1990, S. 158 u. 162. Für eine Synthese von Kulturforschung und kognitiver Psychologie vgl. DiMaggio 1997.
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simultaneously material and ideal, systems of signs and symbols, rational and transrational.” 1 Dies entspricht nicht völlig unserem Modell, das aber ebenfalls dazu dienen soll, den relationalen Charakter institutioneller Elemente darzustellen, um die theoretische Antinomie zwischen Institutionen als bloßer „Realität in unseren Köpfen“ oder „äußerer zwingender Tatsachen“ 2 aufzuheben. In diesem Sinne gilt aus soziologischer wie psychologischer Sicht: “(Preferences) must be constituted of interactions between some gross object features and internal states of the individual.” 3 Ist dies akzeptiert, „it directs the search for sources of stability and consistency in our beliefs and representations, first to schematic organization, which makes some ideas more accessible than others; and, second, to cues embedded in the physical and social environment”. 4 Man kann mit den Begriffen von A. Wendt die internationale Struktur als Relation einer Mikro-Struktur (Schemata) und einer Makro-Struktur (Kultur) auffassen. 5 Zu Recht legt J.N. Rosenau die Relation von externen und internen Stimuli, von „macro systems and micro habits“ in den „Kern“ seines „habit-driven-actor-approaches“. 6
Die einfachste Vorstellung einer solchen Relation ist eine simple Rückkopplung zwischen gelernten/ sozialisierten Annahmen und äußeren Anreizen, die selbststabilisierend sein kann. 7 Dies betrifft beispielsweise Sprache als Fähigkeit und Sprache als Regelsystem. Es betrifft aber Kognitionsprobleme an sich: „Thus, it is the relation between input data and stored constructs that is critical. Furthermore, the activated structure generally influences only the interpretation of relatively ambiguous information for which it is relevant (…). Thus even passive, automatic effects of activated social constructs on the interpretation of subsequent information are sensitive to the nature of the input.” 8 Die internalisierten Muster erhalten auch Stabilität auf funktionaler Ebene: durch Sinngebung, Solidarität usw. 9
Um Missverständnissen vorzubeugen, muss nochmals betont werden, dass es hier nicht nur um das Verhältnis von externen Zeichen (Symbolen) zu internen Bedeutungen (schemas/beliefs) geht, sondern um das Verhältnis von zwei Zeichen-Bedeutungs-Systemen. Die Zeichen-Bedeutungs-Relation innerhalb des Zeichen- oder Symbolsystems besitzt eine eigene Präsenz und Verankerung. Die (internen) Bedeutungen, die ihnen zugeordnet werden können, sind nicht beliebig. Diese Ebene der Relationalität rückt in der political culture-Forschung in den Vordergrund. 10 Die Symbolbedeutung ist in mehrfacher Hinsicht stabilisiert, vor allem dadurch, dass sie auf die (inneren) Codierungen bzw. Bedeutungen bei den anderen Akteuren verweist. Dies kann mit dem „wohl umstittensten Charakter von Institutionen“, dem Merkmal der „Über-Individualität bzw. ihrem ‚Makro’-Charakter“ verbunden werden. 11 Man darf sich das Symbolsystem aber nicht als Ergebnis einer Spezialistenschaft von Sinn-Produzenten vorstellen; dies wäre nur eine Angebotsfunktion. Es bedarf wiederholten „Kaufes“ dieses Sinns, unserer als Institutionalisierung beschriebenen Relation zwischen inneren und äußeren Zeichen-Bedeutungs-Systemen. Die Logik des (äußeren) Symbolsystems und der (inneren) Schemata ist querliegend zur Institutionalisierung. Institutionalisierung ist also kein Gegenstand und kein Zustand, sondern
1 Friedland/ Alford 1991, S. 11 f.
2 Ersteres bezieht sich auf Cooley, zweiteres auf Durkheim. Vgl. Lau 1978, S. 44.
3 Zajonc 1980, S. 159, zit. nach Wildavsky 1987, S. 8, vgl. auch Markus/ Nurius 1986, S. 957.
4 DiMaggio 1997, S. 267.
5 Wendt 1999, S. 125. Im Unterschied zu Wendt ist hier der Interessenbegriff nicht so zentral. Vor allem geht es nicht nur um dien Nachweis einer solchen Rückkopplung, sondern um dieren Stärke und die dabei wirkenden Mechanismen.
6 Rosenau 1986, S. 863.
7 Raser 1969, S. 438.
8 Higgins/ Bargh 1987, S. 376.
9 Kane 1991, S. 57.
10 Somers 1995, S. 134f.
11 Nedelmann 1995, S. 19.
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ein stabilisierter kultureller/sozialer und kognitiver/emotionaler Prozess zwischen (internalisierter) Bedeutung und (externen) Symbolen bzw. (externen) Anreizen. Diese Komponenten besitzen in unserem Spektrum unterschiedliche Wertigkeit. Sie umfassen zwei Arten von Eigenschaften (der Akteure und der Umwelt), die durch Prozesse unterschiedlicher Logiken verkoppelt sind.
Die geforderte „relationale Wende in der sozialhistorischen Begriffsbildung“ ist hier integrierbar; sie umfasst aber nur Teilaspekte. 1 Ebenso macht die Beschränkung auf einzelne relationale Elemente die systematische Begrenztheit selbst weiter Kulturbegriffe aus. Dies gilt auch für A. Kanes Begriff von Kultur, der „belief-systems“, „symbolic structures“ wie „rituell processes“ beinhaltet: „Beliefs are the intellectual concepts for which symbols have meaning. Rituals are the practice, the acting out of these symbolic meanings. Through the ritual process, symbolic categories are given social significance.” 2 Dieses Verständnis von rituellem Handeln kommt unserem Verständnis von Institutionalisierung im oberen Bereich des Spektrums sehr nahe. 3 Bei näherem Hinsehen handelt es sich um zwei unterschiedliche Dimensionen von rituellem Handeln. Die erste (beschriebene) entspricht den oberen Ebenen unseres Spektums: “The symbolic meaning cannot be deduced from social structural conditions. They must be interpreted in terms of collectively created and increasingly patterned beliefs.” Dies entspricht bei Kane der Ebene der „analytischen Autonomie“ von Kultur. Auf der zweiten Ebene ist rituelles Handeln mit den Logiken anderer sozialer Praxisbereiche verquickt. “Situated as components of events, functioning as the process through which interests are articulated, and resulting in solidarity, rituals are often part of the concrete historical event.(…) Moreover (…) this action is bound to material interests and conditions.” 4 Auch wenn die analytische Trennung der Ebenen nach unserem Schema präziser sein müsste, werden hier Beziehungen zwischen allen Ebenen angedeutet, deren Relationen sich in „arenas of action“ konkretisieren. 5 Relationen zwischen mehreren Akteurseigenschaften und mehreren Umwelteigenschaften und untereinander. 6 Diese Relationen erfassen stets Inhalte, die auf andere Akteure bezogen sind (internalisierte Rollenerwartungen, Vorstellungen über Gerechtigkeit, Handel, Herrschaft, Krieg usw.). 7
Institutionalisierung besteht in unterschiedlich ausgeprägten und ausgerichteten Relationen zwischen verschiedenen Sphären, die in sich wiederum „structured configurations among relationships“ darstellen 8 , zwischen inneren Schemata, Symbolsystemen, Sozialsysteme und Anreizkonstellationen. Zwischen ihnen gibt es unterschiedliche Schnittflächen und unterschiedliche Einflussgefälle. Die Formen dieser Relationen könnten als Kalkül,
1 „Man kann die Dichotomie zwischen Struktur und Handeln nur dann überwinden, wenn man beide Kategorien relational anlegt. Strukturen sind demnach relativ dauerhafte soziale Beziehungsgefüge zwischen Akteuren, die mit charakteristischen Macht-, Deutungs- und Normierungsressourcen ausge-stattet sind.“ Welskopp 1998, S. 183.
2 Kane 1991, S. 56.
3 Allerdings ist die analytische Trennung zwischen der kognitiven und der symbolischen Komponente nicht präzise vorgenommen. Hier geht es weniger um „social“ als um „social-cognitive significance“. Kane deutet dies nur vage an am Beispiel der gegenseitigen Konstitution von "myths" und "belief systems". Kane 1991, S. 57.
4 Kane 1991, S. 58 u. 60.
5 Kane 1991, S. 59. Dabei bleibt insbesondere die Kausalität des unteren Bereiches unterrepräsentiert.
6 Ähnlich unterscheided DiMaggio Interaktionen in drei Formen, im persönlichen Gedächtnis, in sozial bedeutsamen Schemata und Symbolsystemen. „Culture inheres not in the information, nor in the schemata, nor in the symbolic universe, but in the interaction among them.“ DiMaggio 1997, S. 273f.
7 Ein stabilisiertes „Ritual“ wie jeden Morgen zwei Tassen Kaffee zu trinken ist keine Institutiona-lisierung; es wird dazu, wenn es die Erwartung beinhaltet, dass ein anderer den Kaffee bereitet. Am Beispiel von Regeln: „Rules define relationships among roles in terms of what an incubent of one role owes to incubents of other roles.“ March/ Olson 1989, S. 29.
8 Somers 1995, S. 131ff.
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Argument/ Diskurs und Ritual thematisiert werden; in jedem Fall sind sie Teil von Handlungen.
Kehren wir kurz zur Frage von Akteur und Struktur zurück. Dieses wird hier in einem relationalen Institutionen- wie Strukturkonzept aufgehoben. Das hier entwickelte Verständnis von Institutionalisierung lässt sich durchaus mit Strukturbegriffen vereinbaren, welche die Akteur-Akteur-Umwelt-Struktur betrachten. Dabei könnten verschiedenen Bereichen unseres Spektrums eine Konstellationsstruktur, eine Erwartungsstruktur eine Deutungsstruktur zugeordnet werden. 1
Grundsätzlich lassen sich verschiedene Ansätze, die Struktur und Handeln verbinden, in unser Modell übersetzen. 2 Dies gilt auch für die eingangs besprochene Regimetheorie. 3 Die Begriffe der Institutionalisierung und der Struktur nähern sich einander an 4 , ja sind gegenseitig konstitutiv. Diese könnte ein Schritt zu dem auch in der Geschichtswissenschaft geforderten „grundlegenden Umbau der Strukturkategorie selber“ sein. 5 Da „sets of schemas and resources may properly be said to constitute structures when they mutually imply and sustain each other over time”, ist unser Institutionalisierungskonzept auch die Voraussetzung
1 Schimank 1999, S. 11f. Für Schimank ist die Konstellationstruktur dagegen mit unserer Hierarchie im gesamten Spektrum der y-Achse identisch. Auch kognitive oder emotionale Kosten konstituieren demnach eine Konstellationsstruktur. S. 12, Anm. 3; vgl. auch S. 22f.
2 So impliziert die Vorstellung von Friedland und Alford eine zweischichtige Beziehung, die neben dem zweckorientierten Handeln in wesentlichem Maße rituelles Handeln umfaßt, das „transrational symbolic systems“ entspricht und diese wiederum konstituiert. (Friedland/Alford 1991). Grundsätzlich können die dargestellten Relationen das Grundgerüst für eine Strukturtheorie liefern, die sich mit „rule-ressource-sets“ (Giddens 1984, S. 377) auseinandersetzt.
3 So untersuchten Dryzek/ Clark und McKenzie mittels Q-Methodologie das Antaktis-Regime. Dabei gehen sie von einer Vielzahl handlungsleitender sozialer, kultureller , kognitiver wie utilitaristischer „Motive“ aus wie von eienr Vereinbarkeit kognitiver mit rationalistischen Ansätzen. Die Untersuchung der Relation von Subjekt und System zeigen, dass „an essential congruence between the regime on the one hand and the beliefs, interpretations, and evaluations on the other” existiert. Diese (in unserem Sinne) Institutionalisierung zeigt Stabilität über den Gegenstand hinaus und führt zu einer „Institutionalisierung“ auf „höheren“ Ebenen: „Cooperative experiences in one arena can educate participants about each other, thereby building a habit and a culture of cooperation.“ Dryzek/ Clark/ McKenzie 1989.
4 Lanzara definiert Institutionenbildung als „process entailing the emergence of a structure“ eines legitimen, funktionierenden und in einem sozialen Kontext relativ stabilen Verhaltens. Lanzara 1998.
5 Mam müsse “zu einem Konzept von Struktur gelangen, das diese in wesentlichen Teilen in die han-delnden Subjekte zurückverlegt. Struktur ist dann nicht nur Handlungsbedingung, sondern schließt Handlungsfolgen, Handlungssteurerung, Handlungswissen und Umweltdeutungen ein. Wenn man plausibel von Strukturen sprechen will, dann muss man demonstrieren können, wie diese als Hand-lungsregeln und Macht- bzw. Deutungsressourcen durch das Bewusstsein der Akteure hindurch in deren Handlungsvollzügen wirksam werden.“ Welskopp 1998, S. 180.
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für die Erfassung von “Strukturen”. 1 Im Dienste begrifflicher Präzision in Abgrenzung vom Strukturbegriff soll dieser Bereich der Überlappung, Kongruenz oder Relation innerer und äußerer Strukturen nur als Institutionalisierung bezeichnet werden. Ohne diese Relation gibt es keine Institutionalisierung. Der Rest ist kontingentes Handeln.
Es bleibt die Frage, ob Institutionalisierung mit diesen analytischen “Schichten” hinreichend beschreiben sind, oder ob ihre Beziehungen thematisiert werden müssen.
3.6) Typen und Verhältnis von Institutionen: Schritte zu einem Modell der institutionellen Konfiguration
Zurecht wurde betont, dass auch für internationale Institutionen (wie Regime) unterschiedliche Handlungslogiken relevant sind und es auf das „Zusammenspiel der hier differenzierten Handlungslogiken ankommt“. Die konkrete Verknüpfung der Logiken sei allerdings empirisch kontingent. Durch eine solche „Konzeption lassen sich idealistische und positivistische Handlungsansätze miteinander verknüpfen und wechselseitig aufeinander beziehen“ (Aretz). 2 Ist diese Verkettung der Handlungslogiken wirklich notwendig oder nimmt sie dem Modell seine analytische Kraft? Die Antwort liegt zunächst auf systematischer Ebene.
Beginnen wir nochmals mit dem Typ nutzenmaximierender Akteure, dem politische Zwilling des homo oeconomicus. Warum kann dieser - selbst unter der Annahme von bounded rationality - die Voraussetzungen der Tauschakte nicht selbst schaffen? Auch wenn kein universelles Verechnungsmittel zwischen den Gütern besteht, müssen sie aus Sicht der Akteure gleichwertig sein.
Dieses Modell kann die Bewertung der Güter nicht selbst begründen. Hier trifft die vielfältige Kritik reflektiver Ansätze an extern gedachten Präferenzordnungen, Interessen usw. zu. 3 Deshalb wird in neueren Varianten von RC-Theorien die „subjektive Definition der Situation“ zur Erklärung der Wünsche und Präferenzen und zur Einschätzung der Realisierungschancen und -wege einbezogen. Dies gebe der Entscheidung einen „Sinn“. 4 Dies erscheint um so mehr notwendig, als die Art der Güter ein sehr weites Spektrum ergeben, das sehr schwer „messbare“ Güter wie Sicherheit oder Prestige umfassen kann, vor allem aber Güter, die mangels eines allgemeinen Verrechnungsmediums schwer zu vergleichen sind. Bei Waren, deren Preis nicht als extern gedacht werden kann, weil weder die Produktionskosten klar sind, noch eine relevante Konkurrenz existiert, ist eine zusätzliche Instanz zur Bestimmung von Gütern und Preisen notwendig. Unser Hierarchiemodell umfasst eher eine Tauschanalogie als eine Marktanalogie. Es ist aber mit einer soziologischen Konzeption von Markt kompatibel: “But once one moves away from material goods, calibrated through relative prices, the neoclassical apparatus is in dangerous waters precisely because it does not have a theory of utility formation. (…) A market (…) is not simply an allocative mechanism but also an institutionally specific cultural system for generating and measuring value. Many of the most important dimensions of economic life - material
1 Sewell 1992, S. 13. Sewells Thematisierung des Verhältnisses von schema und resources als virtual/actual kommt unseren beiden Dimensionen nahe. Allerdings bleibt sein Begriff von „Schema“ als „mental structures“ vage wie die Relation beider Komponenten. Sewell 1992, S. 8 ff. vgl. auch Somers 1995, S. 130 f. Giddens 1995.
2 Aretz unterscheidet Handlungslogiken wie Nutzenkalkül (Tausch), Macht, Diskurs und normative Orientierungen. Er versucht allerdings diese durch einen Primärcode, die „Logik der Vergemeinschaf-tung“ zu vermitteln bzw. Macht und Tausch durch „Einfluss“ zu ergänzen oder gar zu ersetzen. Damit kehr aber eine primäre Soziallogik durch die Hintertür zurück. Aretz 1999.
3 Stellvertretend Kratochwil 1993, Wendt 1992 u. 1999.
4 Schnabel 2005, S. 281.
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security, prestige, meaningful work, sociability, craftsmanship - don’t have explicit prices. (…) These utilities are socially and historically structured.” 1 Das bedeutet, die Bestimmung von handelbaren Gütern auf dem Markt internationaler Beziehungen sind das Ergebniss von Tradition, Konvention, Verhandeln, Kommunikation etc., sie sind konstruiert. Dies gilt um so mehr in Hierarchien, da diese voraussetzen, daß die interne Bewertung der Güter differiert.
Es sei an ein Beispiel erinnert: Der „Macht“ eines militärisch „starken“ Akteurs, die extern gemessen und verglichen werden kann, kann eine Hierarchie gegenüberstehen, die das Leben der eigenen Soldaten entgegengesetzt bewertet und die erstere Hierarchie kompensiert. Ist also ein materiell überlegener Akteur dem Risiko von „Verlusten“ ausgesetzt, kann er gegenüber Staaten, die das Leben ihrer Bevölkerung gering bewerten, seine „Macht“ nicht vollständig zur Geltung bringen. Wenn die Güterpreise stark differieren, ist der Tausch problematisch, besteht Übereinstimmung, dann ist er institutionalisiert. Institutionen in den internationalen Beziehungen definieren also auch Güter und ihre Preise und ermöglichen so einen Tausch oder einen Konsens über die Nichttauschbarkeit. Der „Wert“ der Soldaten europäischer Länder im ersten Weltkrieg und heute differiert stark, ist also anders institutionalisiert. Konsens zu erlangen über den Preis solcher unbestimmten Güter bedarf deshalb spezifischer Institutionen, ist eine spezifische Institution internationaler Beziehungen. Der „Preis“ der Soldatenleben ist eine nicht völlig durch Kalkül (z.B mittels der Variable des Demokratisierungsgrades) zu bestimmende Größe, sie wird von den Akteuren als gegeben betrachtet und steht somit am anderen Ende der y-Achse. Deren Spektrum verändert die Institutionalisierung von stabilisierten äußeren Anreizkonstellationen zu stabilisierten inneren Akteurseigenschaften. Damit bestimmen „Interessen“, d.h. die Wahrnehmungen der Akteure über diese Tauschrelationen, die Struktur internationaler Systeme. Interessen sind in diesem Sinne aber wiederunm durch „Ideen“ bestimmt oder anders formuliert durch die „cognitive basis of desire“. 2 Systematisch sind die Institutionalisierungsformen unseres Modells aufeinander angewiesen; sind sie dies auch analytisch?
Die politische Kulturforschung nennt sehr unterschiedliche Formen, mit denen Gesellschaften institutionalisiert werden. Neben natürlichen und technischen Zwängen versuche die politische Kultur das Leben einer Gesellschaft ‚künstlich’ zu programmieren, durch unmittelbare Programmierung des Verhaltens der Akteure oder durch Programmierung von Organisationen, denen alle unterworfen sind. „So gesehen sind alle konkret vorgefundenen politischen Kulturen gemischte Kulturen.“ 3 Solche Mischungsverhältnisse darstellbar zu machen ist eine Funktion unseres Modells. Selbst wenn tatsächlich - wie Granovetter annimmt - die „oversocialized conceptions“ im oberen Bereich unseres Schemas genauso wenig relevant sind wie die „undersocialized“ im unteren, bedeutet dies nicht, dass Institutionalisierungen einfach im mittleren Bereich zu erwarten sind. Es bedeutet, dass die Verflechtung unterschiedlicher Bereiche unseres Spektrums betrachtet werden muss. 4 Nur so können die Grundlagen hierarchischer Beziehungen wie beispielsweise Autorität erfasst werden. 5 Ähnliches gilt für Koalitionen. 1 Eine Phänomenologie von Machtbeziehungen wie
1 Friedland/ Alford 1991.
2 Wendt 1999, S. 122 bzw. Kap. 3.
3 Rohe 1990, S. 343.
4 „In general way, there is evidence all around us of the extend to which business relations are mixed up with social ones.” Granovetter 1985, S. 487 u. 595.
5 Autorität wird zunächst als „waffenlose Macht“ definiert, die ohne Mechanismen der Ebene 1 (Drohungen, Sanktionen) auskommt, ja die „fraglos akzeptiert“ wird. (Ebene 6) So kann sie auf den Gebrauch autoritärer Machtmittel verzichten, sollte aber auch nicht davor zurückschrecken, solche Mittel „rigoros und entschlossen einzusetzen“. (Ebene 1) Autorität impliziert gegenseitige Anerkennung, Mechanismen wie Lob, die Vermittlung einer Gruppenmoral oder die emotionale Homogenisierung der Gruppe (Ebene 4), Mit der Nutzung von Rangordnungen oder der „Verbeugung vor den Insignien der Macht“ besitzt sie auch symbolische Elemente
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von institutionalisierten Beziehungen insgesamt bedarf der Analyse der Elemente unseres Modells und ihrer Synthese zu institutionellen Konfigurationen. 2
Ähnliches trifft auf Lernprozesse zu, auf „das Problem der strukturellen Kompatibilität von Institutionalisierung und Sozialisation“. 3 Dies zeigt vor allem, dass ein Institutionengefüge „insgesamt“ sich durch keinen unserer Mechanismen abbilden lässt; es kann weder insgesamt internalisiert, noch insgesamt kalkuliert werden. Daraus folgt ein mehrdimensionales inneres Geflecht, aber auch die innere Dynamik von Institutionengefügen, die nie auf einem einheitlichen Fundament ruhen können. Dies gilt für die Mechanismen wie für den Zentralisierungsgrad. Weder Märkte noch Hierarchien können den Regelungsbedarf allein decken; es muss nach „institutional webs“ gefragt werden. 4 Es braucht kaum noch erwähnt zu werden, dass auch die Institutionentheorie ein komplexes Geflecht von Elementen annimmt. 5 Dieses Geflecht muss genauer betrachtet werden. Betrachtet man die zitierte „habit function“ (Rosenau) als Meta-Konzept, das alle Akteursformen als Subtypen umfassen kann, erscheint sie als „particular combination“ unterschiedlicher externer und interner Stimuli. 6 Aus dem bisher Gesagten wie aktuellen Forschungstrends 7 folgt somit die Notwendigkeit, die Vernetzung unterschiedlicher Institutionalisierungen zu betrachten: „Es kommt bei einer erfolgreichen internationalen institutionalisierten Kooperation gerade auf das erfolgreiche Wechselspiel zwischen den verschiedenen Soziallogiken an.“ 8 Mehr noch: Diese konstituieren sich - systematisch wie faktisch - gegenseitig. Diese Vernetzung werde ich als institutionelle Konfigurationen bezeichnen.
Den Zusammenhang verschiedener Dimensionen von Institutionen zu thematisieren, könnte sich als wesentliches Forschungsfeld zukünftiger „Institutionalismen“ erweisen. Insofern ist dem Versuch zuzustimmen, „institutionelle Konfigurationen“ zu beschreiben. Denn:
(Ebene 5). Sei besitzt eine Definitionsmacht und eine Orientierungs- und Entlastungsfunktion; sie „bündelt ‚ausfransende’ Realitätsinterpretationen, gibt Halt und aktuelle Sicherheit (Ebene 2 oder 3). Sofsky/ Paris 1994, Kap. II, 1, S. v.a. 24ff.
1 „Beziehungskanäle sind auch für Koalitionen unverzichtbar. Ohne sie gäbe es kein Vertrauen, keine Gefühle der Gemeinsamkeit, keine Ordnung der Rollen. Selbst die strikte Sachlichkeit eines Zweck-bündnisses kommt ohne Symbole gegenseitiger Wertschätzung nicht aus. Es gibt sogar Bündnisse, die hauptsächlich auf diesem Kanal beruhen. Habituelle Allianzen, die überhaupt keine Verhandlungen führen, wissen sich einig, weil sich die Partner immer schon einig fühlten, ohne jemals ein Wort dar-über verloren zu haben. Wer solche festgefügten Bündnisse aufsprengen will, muss das Netz der kameradschftlichen Organisation zerreißen.“ Sofsky/ Paris 1994, S. 275.
2 Nehmen wir die Phänomenologie der Macht von H. Popitz. Wenn wir aus oben diskutierten Grün-den die Aktionsmacht und das technische Handeln hier ausklammern, entspricht die „instrumentelle Macht“ den unteren Ebenen wie die „innere Macht“ der Autoritätsbindung den oberen Ebenen unseres Modells. Dabei werden die relevanten Mechanismen von Drohungen und Versprechen über den „Einsichtsgewinn“ (Ebene 3), das Streben nach sozialer Anerkennung (4), Signalen und Formen kultischer Handlungen (5) bis hin zum „Eigengewicht der Vorstellung und verinnerlichter Kontrolle (6) thematisiert. Vor allem aber konstituieren und verbinden sich diese Formen und „interessieren die besonderen Weisen ihres Zusammenspiels“, sprich die institutionellen Konfigurationen von Macht. Popitz 1992, v.a. S. 22-39 u. 108-125. Ähnlich vielschichtig erscheint die Bedeutung von Legitimität für internationale Institutionen. Vgl. bsw. Hurd 2005, S. 498f.
3 Luhmann 1970, S. 41
4 Amin/Hausner 1997, S. 10 ibid.
5 March/ Olsen 1984, S. 740.
6 Rosenau 1986, S. 86f.
7 Beispielsweise betont J. Snyder die Notwendigekit, “multifaceted interactions“ zwischen Anreiz-strukturen verschiedener Art sowie Institutionen und Kultur zu betrachten, die mehrdimensionale Gleichgewichte erzeugen könnten. In diesem Sinne könnte man auch von einem institutionellen System sprechen. Snyder 2002, v.a. S. 34f. Die Anerkennung einer Mischung materieller, institutioneller und ideeller Faktoren wird oftmals anerkannt. Dabei wird aber vor allem danach gefragt, „wie stark“ die einzelnen Faktoren wirken, nicht aber „wie“ oder gar wie sie zusammenwirken. Eine Vielfalt hand-lungsleitender Faktoren, die unser gesamtes Spektrum umfasst auch bei Dryzek/ Clark/ McKenzie 1989, S. 482.
8 Aretz 1999.
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„Konstitutiv sind (…Institutionen) erst in der Ausdifferenzierung und spezifischen Verschränkung ihrer Dimensionen.“ 1 Betrachten wir einige Hinweise auf Beziehungen institutioneller Elemente. Beginnen wir mit einer wichtigen Institutionendefinition: “Institutions are socially constructed, routine reproduced (…), program or rule systems. They operate as relative fixtures of constraining environments and are accompanied by taken-forgranted accounts. This description accords with the metaphors repeatedly invoked in discussions - metaphors of frameworks or rules. These imageries capture simultaneous contextual empowerment and constraint, and taken for grantedness.” Dies ist eine Addition, keine Verschmelzung verschiedener Ebenen unseres Modells. Es könnte eine Verkopplung, aber auch eine konstituierende Beziehung zwischen diesen Ebenen vorliegen. 2 Zumeist werden solche Mechanismen genannt, ihre Relation aber nicht thematisiert. Mitunter wird ein solches Spektrum von Institutionen mit einem kausalen Ordnungsprinzip verbunden. 3 Wesentlich ist, dass dahinter oft die Vorstellung einer Abstufung von Institutionen steht, bei der aus den normativeren und den abstrakteren Institutionen die pragmatischeren und die konkreteren abgeleitet werden. Eine solche Perspektive geht davon aus, die Gesamtheit der Institutionen könnte ausgehend von den oberen Ebenen integriert werden oder sich aus ihnen ableiten. Dies ist verbunden mit der Idee von Institutionen unterschiedlicher Wertigkeit und „Tiefe“, die ein Beziehungsgeflecht, oder sogar eine Hierarchie bilden. Internalisierte Prinzipien bilden die logische Voraussetzungen für abgeleitete Regelsysteme bis hin zur konkreten einzelnen Handlung. Schemata bilden die Voraussetzung jeder Interaktion, begründen die „kognitive Seite jeglicher Form politischen Handelns“. 4 Darauf wird näher einzugehen sein. Oder es werden „kausale Mechanismen” zwischen Kultur und Handeln systematisiert. Kultur bestimmt Verhalten, indem sie grundlegende Ziele definiert, Wahrnehmungen formt, und Verhaltensoptionen identifizierbar macht, ohne deterministisch zu wirken. 5 Dies hieße, institutionelle Elemente auf den Ebenen 3 und 5 bestimmen die institutionellen Konstellationen auf den Ebenen 1 und 2. Dies ist eine typische Vorstellung, die aber auch umgekehrt werden kann. Eine interessante Annahme über den Zusammenhang imperialer, also stark hierarchischer Systeme, und deren Homogenität, also der Internalisierung von Institutionen beinhalten Meyers Bemerkungen zu einer
1 Göhler 1997, S. 592; Göhler 1990, S. 8. Der hier verwendete Begriff von „institutioneller Konfiguration“ ist dem Göhlers zwar verwandt, wenn dort die die Konfiguration von Macht-, symbolischen und organisatorischen (institutionellen) Beziehungen thematisiert werden. Er ist allerdings eine Stufe abstrakter, „kompletter“ und aus verständlichen Gründen nicht als Beitrag zu einer Theorie demokratischer Institutionen angelegt.
2 Jepperson 1991, S. 149. Man beachte Semantik und Syntax: „fixtures of …, accompanied by …, and …and“, die Begründung, Zuordnung, Nebenordnung ausdrückt.
3 So bietet Parsons, der „relationale“, „regulative“ und „kulturelle“ Institutionen unterscheidet, eine funktionale Gliederung von institutionellen Typen. Erstere ordnen die Interaktionsbeziehungen mittels Rollenerwartungen und Sanktionen. Hierbei werden fundamentale Bedürfnisse und Interessen in die Grundmuster der Wertorientierungen integriert, die das Rückgrat des sozialen Systems bilden. Ergän-zend hierzu definieren die „regulativen“ Institutionen die möglichen Ziele und Mittel, ihre institutio-nalisierte Begrenzung. Je unabhängiger die Interessenverwirklichung von den relationalen Institutionen ist, desto bedeutsamer erscheinen die regulativen. Der „kulturelle“ Typ umfasst dagegen die Glaubens-inhalte und expressiven Symbole, die Anerkennung und innerliche Zustimmung ausdrücken. (Parsons 1959, S. 51 ff., Lau 1978, S. 68 f.) Projeziert man diese Typen auf unsere y-Achse, so erscheinen die kulturellen ganz oben, die regulativen eher im unteren Bereich, die relationalen aber dazwischen. Deren Vorrang ist allerdings eine systematische Vorannahme von Parsons, die sein „soziales System“ konstituiert. Andere Ansätze gehen davon aus, dass stabilisierte Mitteldefinitionen, die sich im mittleren und unteren Bereich unserer y-Achse befinden von Grundannahmen im oberen Bereich abhängen bzw. an sie gekoppelt sind. Dies betrifft den Zusammenhang der erwähnten "kognitiven Grundannahmen" mit "spezifischen operativen Ideen"; d.h. ein "kulturell gespeichertes und häufig zu Konventionen geronnenes Wissen darüber, wie Wissensbestände in bestimmten Situationen anzuwenden sind und was man tun muss, um das politische Geschäft berechenbarer und kalkulierbarer zu machen. Rohe 1990, S. 335 f.
4 Vowe 1994, S. 444. Tetlock 1991.
5 Duffield 1999, S. 771.
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Weltregierung. Diese führe zu einer „imperial opression of global culture“ 1 , also zu einer erzwungenen kulturellen Einheit; diese wiederum zu homogeneren Institutionen, die als stärker internalisiert vorgestellt werden können. Dies lässt sich als Selbststabilisierung von Anreiz- und Deutungsstrukturen beschreiben, die als „mutually reenforcing“ betrachtet werden. 2 Die Reihe an Möglichkeiten ließe sich beliebig fortsetzen. 3 Die Schlussfolgerung aus solchen Beispielen kann nur sein, dass es eine Vielzahl von möglichen Beziehungen zwischen den einzelnen Institutionalisierungen in unserem Schema geben kann. Die Mechansimen sind kausale „Bestimmung“, Ergänzung oder Rückkopplung. Sicherlich sind solche „positiven“ Konfigurationen möglich, sie sind aber nur eine Variante.
So betont R.M. Lepsius, dass die verschiedenen institutionalisierten Rationalitätskriterien untereinander in spannungsreichen Beziehungen stehen, aus denen sich „typische Konfigurationen“ ergeben. „Dabei können einzelne Rationalitätskriterien eine Dominanz gegenüber anderen gewinnen und in Lebensbereiche eindringen, aus denen sie ursprünglich nicht erwachsen sind. Sie können aber auch unvermittelt nebeneinander stehen, sich zueinander indifferent oder kontradiktorisch verhalten. Das alles sollte eine genaue Analyse verdienen, bevor man in eine globale Kritik des bestehenden Institutionensystems eintritt.“ 4 Ebenso gilt für Regeln und Normen: “Inconsistencies are common. As a result, compliance with any specific rule is not automatic.” 5 Archer beobachtet ebenfalls zahlreiche (funktionale und logische) Widersprüche auf verschiedenen Ebenen von Kultur. Zunächst besteht eine möglichst widerspruchsfreie Beziehung zwischen zwei Basiskomponenten. In der “Realität” werden diese Paare “linked with other propositions to form theories and beliefs. The latter are then clustered and formalized into broader bodies of doctrine, schools of thought, rule systems and policy programms - (…) being made up of all these elements which display different contradictions at complementarities at various levels.” (Dabei sei die Macro-Ebene dieser Contradictions die institutionelle.) Dabei trifft man auf “intra-institutional strains and tensions which may involve entirely different properties from the interinstitutional contradictions”. 6 Es nimmt also die Zahl potentieller innerer Widersprüche mit dem Allgemeinheitsgrad des institutionellen Systems zu. Dabei können einzelne fundamentale Spannungen das Gebäude insgesamt gefährden. Dies trifft sich mit Smelsers Feststellung der „centrality of a fundamental idea - ambivalence“: „The nature of ambivalence is to hold opposing affective (man sollte hinzufügen: cognitive) orientations toward the same person, object, or symbol.“ 7 Ambivalenz betrifft Inhalte von Organisationen, ideologische Bewegungen wie Institutionen; sie wird institutionalisiert in Symbolen und Ritualen, betrifft aber auch und vor allem „intrapsychic processes“. 8 Hier wie im folgenden treffen wir auf einer höheren Ebene auf die bereits beschreibenen Merkmale kognitiver Schemata, ihre inneren Widersprüche, aber auch die Rationalisierung solcher Ambivalenzen.
Solche Ambivalenzen und Inkonsistenzen finden sich somit ganz natürlich auch innerhalb institutioneller Konfigurationen. Dies gilt nicht nur innerhalb einzelner Ebenen, sondern auch zwischen ihnen. Gerade der Ostblock - sein Zusammenbruch - wurde als Beispiel für die Beziehung von Macht (Sanktionsgewalt) und Anerkennung der Macht verwendet: gegenseitige Stützung oder gegenseitige Schwächung. Dabei erscheint nicht nur die Aufrechterhaltung der Hierarchie von Bedeutung, sondern der Effekt, den Legitimität oder
1 Meyer u.a. 1997, S. 169
2 Ikenberry/ Kupchan 1990, S. 286.
3 So mit dem Verhältnis von Legitimität, strategischem Handeln und symbolischer Macht. Hurd 2005, S. 498f.
4 Lepsius 1990, S. 49.
5 March/ Olson 1989, S. 28.
6 Archer 1988, S. 278 f.
7 Smelser 1998, S. 1 u. 5.
8 Smelser 1998, S. 9 ff. u. 5.
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Institutionalisierung auf „degree of cooperation“ und „quality of performance“ besitzt - „and therefore on the ability of the powerful to achieve goals other than simply the maintenance of their position“. 1 Wie bereits erwähnt, können auch Feindbilder institutionalisiert sein oder Kooperationsmisstrauen. Hier geht es darum, dass diese Teil eines ansonsten „positiven“ institutionallen Gefüges ein können. Zudem können fundamentale Institutionenelemente einander ausschließen, können bloße Alternativen darstellen. 2
Andererseits können abstraktere institutionelle oder kulturelle Systeme innere Spannungen auffangen, ja diese in gewissem Maße selbst institutionalisieren. Logische oder funktionale Spannungen sind noch kein Kriterium für die (In-)Stabilität des Institutionengefüges an sich. So können gegensätzliche Elemente in institutionalisierten Leitideen aufgefangen und zu einem stabilisierten Ganzen zusammengefasst werden. 3 So kann die Institutionalisierung einer Autorität das Spannungsfeld von Unterwerfung und Freiheit überbrücken und die kognitiven Dissonanzen einbinden. 4
Dabei handelt es sich aber nicht um einen abstrakten Rahmen im logischen Sinne, der Kohärenz wiederherstellt. Eher kann man sagen, dass es sich um eine institutionelle Konfiguration handelt, bei der die widersprüchlichen Einzelelemente an eine die Integration des Ganzen verkörperndes Element gekoppelt werden. Diese Einbettung oder Integration ist die institutionelle Leistung, die den Gesamtzusammenhang stabilisiert. Allerdings erschwert diese Feststellung nochmals die Abbildung solcher institutionellen Konfigurationen. Die erwähnte Form der („überwölbenden“) Kopplung an einen konstruierten Gesamtzusammenhang, an eine „Leitidee“ usw. ist aber nur eine Variante. 5 Vor allem bedeutet dies, dass nicht nur einzelne Inhalte zwischen den Akteuren stabilisiert werden können, sondern auch Relationen zwischen verschiedenen Elementen. 6 Sind diese Elemente einer institutionallen Konfiguration gleichwertig?
Eine ganze Reihe von Relationen deutet darauf hin, dass Institutionalisierungen unterschiedlicher Qualität existieren. Fundamentale Institutionalisierungen können andere begründen, einbetten, integrieren. Sie könnten als Basis für feld- oder partnerspezifische dienen. Das beste Beispiel ist die bereits zitierte Regimetheorie, bei der Prinzipien den Rahmen für Normen, diese den Rahmen für Regeln und diese den für Verfahren liefern. Dies ist nicht mehr als eine Möglichkeit. Zwar beruhe ein internationales Regime auf der Existenz und Rückkopplung aller Ebenen. Fallstudien zeigen allerdings, dass „Regimestrukturen nicht als logische Ableitung von problemfeldrelevanten Normen, Regeln und Verfahren aus einem
1 Beetham 1991. S. 28.
2 Dies trifft sicherlich für die meisten Religionen zu, aber auch für andere “fundamental beliefs”. „If an institution is operative among one set of people, then an alternative institution that contradicts it cannot also be operative among them at the same time.“ Jackson 1993, S. 113.
3 Rehberg 1994, S. 68 f.
4 „Die Deutung der Macht als Autorität erlaubt (...) im Gegenteil, seinen Gehorsam als Freiheit zu interpretieren: wer etwas freiwillig tut, kann niemals ein Sklave sein; und wer einer Person dient, die ein Prinzip verkörpert, das man auch selbst bejaht, unterwirft sich weniger der Person als dem Prinzip. Die Zuschreibung von Autorität wirkt so als eine Rationalisierung von Macht und Gehorsam, sie leistet eine soziale und psychische Selbstangleichung an bestehende Machtverhältnisse.“ Sofsky/ Paris 1994, S. 41.
5 Wie unsere Institutionalisierungen selbst, liegen diese „Einbettungen“ auf verschiedenen Ebenen. Wie im Bereich der extern rückgekoppelten Institutionen von ihrer „embeddednes“ in der Kultur usw. die Rede ist. So auch von der „embeddedness“ in Institutionengeflechten, und auf kognitiver Ebene von „deeply embedded ideas“. Levy 1994, S. 302.
6 Dies können einzelne Elemente auf verschiedenen Ebenen unseres Schemas sein. So beruht Berger und Luckmanns Beschreibung eines integrierenden Zusammenhangs verschiedener Institutionen als „Legitimierung“ ganz wesentlich auf den Mechanismen der Ebene 6, indem dem „objektivierten Sinn“ der „institutionellen Ordnung“ „kognitive Gültigkeit“ zugesprochen wird. Dennoch verbirgt sich dahinter ein kompliziertes Beziehungsgeflecht verschiedener institutioneller Mechanismen. Berger/ Luckmann 1980, S. 98 ff.
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konsensual gefundenen Prinzip entstehen“. 1 Vor allem aber gibt es keinen systematischen Hinweis darauf, dass eine dieser Ebenen einen höheren institutionellen Status besitzen könnte. Abstraktheit der Inhalte ist kein hinreichendes Kriterium. Es handelt sich zunächst nur um die Verknüpfung verschiedener institutioneller Elemente; die Art der Verknüpfung aber bleibt unbestimmt.
Ähnliches gilt für „hierarchies of belief“, die Abstufungen von core beliefs, über intermediate beliefs bis zu peripheral beliefs, die sich nach ihrer Abstraktheit und funktionalen Bedeutung unterscheiden. Wenn die core beliefs als Ausdruck fundamentaler Aussagen und Werte gelten, auf denen das gesamte kognitive Gebäude errichtet wird, von denen alle anderen Ebenen abgeleitet sind 2 , wird eine äußere Logik auf das Netzwerk kognitiver Schemata gelegt. Es droht tautologische Aussagen zu produzieren. Warum soll die Aussage „Der Sozialismus ist das oberste politische Ziel“ stärker verankert sein als „Die Freundschaft zur Sowjetunion ist unverbrüchlich“ oder die „führende Rolle der Partei“ als die „Anwendung wissenschaftlicher Methoden bei der sozialistischen Leitung“? Allerdings gibt es durchaus zahlreiche Basisinstitutionen, die andere begründen. Institutionalisierung kann abgeleitet sein - aus einer übergeordneten Autorität, einem übergeordneten Amt, übergeordneten Regeln oder „Basisinstitutionen“ wie Souveränität. 3 Die Ableitung von Institutionalisierungen aus Basisinstitutionen mit einem besonderen Institutionalisierungsgrad sind für Gesellschaften typisch, egal ob ein Hoftag, ein Gesetzgebungsverfahren oder die UN als Institution etabliert sind oder ob es sich um akzeptierte Grundregeln handelt. Unser Modell wie unser Gegenstand erfordern aber die Untersuchung solcher Formen der „Ableitung“: „In effect, rulers routinize domination by governing through prozedures and institutions that conform to generally accepted laws and rules.” 4
Hier wollen wir fundamentale Institutionen nach ihrer Stabilität gemäß obigen Kriterien definieren: Vernetzung, Ausdehnung, Differenziertheit. Ein weiteres Kriterium für Basisinstitutionen wäre der Nachweis eines besonderen funktionalen Status, der notwendige Elemente einer Beziehung institutionalisiert: Akteure, Handlungsräume, Handlungsformen, Handlungsergebnisse. In der Regel handelt es sich aber um ein Set von institutionellen Formen, die erst eine solche Leistung erbringen können. Diese müssen einen besonders hohen Institutionalisierungsgrad vorweisen. Ihre Deinstitutionalisierung würde besonders hohe kognitive und emotionale Kosten produzieren.
Fassen wir zusammen: Eine Vielzahl unterschiedlicher Ansätze verweist auf die Notwendigkeit verweisen, institutionelle Konfigurationen zu thematisieren. Zahlreiche Konzepte wie Macht, Autorität, politische Kultur beruhen auf einer Vernetzung institutioneller Elemente. Die Art der Vernetzung wird aber zu wenig thematisiert. Die logische Ordnung institutioneller Elemente ist oft additiv oder hierarchisch gedacht, folgt modellexternen Vorannahmen oder - wie im Falle sogenannter „Basisinstitutionen“ -formaljuristischen Kriterien oder politischer Alltagserfahrung. Allerdings müssen durchaus unterschiedliche institutionelle Qualitäten angenommen werden. Fundamentale Institutionen besitzen einen höheren funktionalen Status und produzieren bei ihrer Veränderung deutlich höhere kognitiv-emotionale Kosten. Institutionelle Elemente umfassen eine Vielzahl von Beziehungsformen wie Kopplung und Einbettung, wie Ableitung, Determination, Integration
1 Kohler-Koch 1989, S. 40, vgl. S. 37 ff. vgl. auch den Beitrag von Müller im selben Band, der den Nutzen der zitierten Hierarchie aufzuzeigen versucht. Zur Souveränität erfolgte zuletzt eine umfassen-de Debatte, in der „konstruktivistischen“ Ansätze diskutiert wurden. Dies fand auch auch Anwendung auf den Ostblock. Vgl. Barkin/ Cronin.
2 Crawford 2002, S. 51f.
3 Zur gestaffelten Autorität wie zur Figuration der Ämter vgl. Sofsky/ Paris 1994, S. 23 u. 45.
4 Ikenberry/ Kupchan 1990.
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und gegenseitige Stabilisierung, aber auch Spannung und Konflikt. Verdeutlicht man diese Zusammenhänge erhält man die institutionelle Konfiguration. Diese ist die schematische Abbildung der Relationen von Institutionalisierungstypen in unserem Modell. Einzelfallstudien könnten solche Konfigurationen differenziert bestimmen. Hier soll dagegen eine stark vereinfachte Abbildung erfolgen, die Verknüpfungen institutioneller Elemente in unserem Schema darstellt; die Art der Beziehung soll aber auf die Typen Kopplung (+), Ableitung bzw. Begründung () wie Einbettung (o) und Ambivalenz ( ) beschränkt. Könnte man eine solche Konfiguration fotographieren, entstünde eine statisches Bild. Wie lässt sich dann institutioneller Wandel begründen und beschreiben?
3.7) Institutionenentstehung und Institutionenwandel
Es ist offensichtlich, dass der Ostblock während der hier behandelten Zeit Veränderungen des institutionalistischen Gefüges erlebte. Wenn man die Entwicklung von einem stalinistischen Imperium zu einem „Commonwealth“, teilweise sogar zu einem Bündnis annimmt, bedeutet dies eine Veränderung auf der x-Achse, wenn von einem Zerbröckeln der Ideologie die Rede ist, eine Veränderung auf der y-Achse. Wenn diese anti-hierarchischen Tendenzen durch die Abhängigkeit von der sowjetischen Wirtschaft aufgehalten wurde wie durch die persönlichen Kontakte der Führungen, 1 könnte dies eine institutionelle Konfiguration auf der Basis (4+1) darstellen, die eine Hegemonie (Stufe 3 bzw. 4) begründete. Allerdings sollte nicht nur die Form dieser Veränderung untersucht werden, sondern auch ihr Weg. Diese Frage nach Institutionenwandel soll in mehreren Schritten behandelt werden. Zunächst sollen Hinweise der Literatur diskutiert werden; es soll nach einer Systematisierung dieser Hinweise innerhalb unseres Modells gefragt werden; für die konkreten Formen des Institutionenwandels soll eine einfache Typologie aufgestellt werden. Dabei ist die Frage zu klären, wie sich Stabilität (Institutionalisierung) mit Dynamik verbinden lässt.
Ich möchte beginnen mit einer Darstellung und Kritik des bisher sparsamsten Modells für unseren Gegenstand. David Lake hat versucht, den Charakter des Ostblocks als institutionalistisches Problem darzustellen, das durch die Wahl einer spezifischen Hierarchie „gelöst“ wird. Er vergleicht diese „Lösung“ mit dem parallelen westlichen Bündnis. In einem Spektrum hierarchischer Systeme sei der Ostblock - verstanden allerdings im wesentlichen als Beziehung gegenüber der UdSSR - ein stark hierarchisches System, ein „Imperium“. In einer Welt unvollständiger Verträge setzen die (rationalen) Akteure ihre Beziehungsformen gemäß einem Transaktionskostenkalkül. In wenig hierarchischen Beziehungen verstärken sich die Möglichkeiten zur Unterwanderung von Verträgen, zum sheating/ shirking; daraus entstehen Opportunitätskosten. 2 In einer hierarchischen Beziehung sinken diese Möglichkeiten, aber es entstehen Kosten für die Etablierung und Aufrechterhaltung einer Hierarchie: Herrschaftskosten. Da die UdSSR angesichts des Interesses ihrer Nachbarn an einer Aufrechterhaltung ihrer traditionellen Bindungen zum Westen (wie bereits die Bestrebungen zur Teilnahme am Marshallplan zeigten) einen hohen Grad an Opportunismus befürchten musste, andererseits aber die Kosten für die Herstellung einer hierarchischen Beziehung angesichts der politischen und militärischen Präsenz der UdSSR nach dem Krieg relativ niedrig waren, sei eine hierarchische Beziehung die rationale Wahl - diametral zur Wahl der USA in ihrer Einflusssphäre.
Leider erweist sich diese elegante Erklärung in mehrerer Hinsicht als problematisch. Lake besitzt kein ausgearbeitetes Konzept für Hierarchien. Er übernimmt mit einer Firmenanalogie
1 So die zusammenfassenden Einschätzungen von J.F. Brown. Brown 1967, S. 312ff.
2 Diese treten in drei Formen auf: Abrogating, Entrappment (einschließlich moral hazard), Exploitation. Lake 1996, S. 13. Die Kosten entsprechen den Kosten für eine adäquate kompensatorische Lösung.
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die Aussagen der Neuen Institutionellen Ökonomie, die eine Analogie für - stark hierarchische - Staaten sein mag 1 , kaum aber für Formen geringerer Hierarchie. Zudem ist der “oversocialized view that orders within a hierarchy elicit easy obedience and that employees internalise the interest of the firm” empirisch durchaus problematisch. 2 Eine formale Hierarchie mag zur Anarchie tendieren, während eine formale Anarchie real äußerst hierarchisch sein kann. Die Aussage über den Ostblock entsteht dadurch, dass Lake den Opportunismus aus den Interessen der Nationen unabhängig von deren Führung ableitet, bei den Herrschaftskosten aber die Beziehung zu den realen kommunistischen Führungen betrachtet. Lakes Argument betrifft also nur die Etablierung kommunistischer Herrschaften im Sinne der UdSSR, nicht aber die Erklärung der Hierarchie in der Entwicklung des Ostblocks.
Das Verhältnis zwischen Opportunitätskosten und Herrschaftskosten ist zudem grundsätzlich problematisch. Die Übertragung von „residual rights“ ist ein institutionalistisches Argument, kein rationalistisches. Bei gleichbleibenden und rationalen Akteuren korrelieren die beiden Kostentypen. Warum soll ein rationaler Akteur in eine für ihn schlechtere Beziehungsform einwilligen, wenn nicht bereits vorher eine Abhängigkeit (Hierarchie) bestand? Warum reichte diese Hierarchie nicht aus, um Opportunismus zu verhindern. Diese latente Tautologie im Modell von Lake wird an zwei Stellen besonders deutlich. Die Opportunitätskosten ließen sich messen an den Kosten für vollständiges „hedging“, d.h. die vollständige Kontrolle der dezentralen Vertragsbeziehung. 3 Dies wären aber Kosten, die mit einem Großteil der Herrschaftskosten identisch sind. Dies trifft zum Zweiten gerade für die Form des „informellen Imperiums“ zu, das auf Mechanismen beruht, die unabhängig von einer Hierarchie im Sinne von Lake funktionieren. Erst die Beachtung aller institutionellen Mechanismen, der institutinellen Konfiguration, auf der eine Hierarchie aufbaut, macht dieses Konzept sinnvoll.
Um einen Gedanken nochmals aufzunehmen: Beide Richtungen einer Stabilisierung wirken kompensatorisch; das Nichtvorhandensein - besser die höheren Produktionskosten - einer Institutionalisierung auf einer Ebene ergeben Anreize zur Institutionalisierung auf der jeweils anderen. 4 Die Opportunitätskosten stehen im Zusammenhang mit dem Grad der Hierarchie; die Herrschaftskosten mit der Stufe der Institutionalisierung. Hier soll stattdessen von Institutionalisierungsanreiz und Institutionenkosten die Rede sein. Ein
Institutionalisierungsanreiz entsteht dadurch, dass eine Kooperation Gewinne verspricht, deren Realisierung sonst unsicher oder gar unmöglich ist. Unsicherheit entseht durch die Komplexität der Erfolgsvoraussetzungen einschließlich der Kontingenz und Unberechenbarkeit des Partnerverhaltens. Die institutionellen Lösungen hängen ab vom Institutionalisierungsanreiz (und seiner Verteilung unter den Akteuren) gegenüber dem Status quo ante, dem Angebot an neuen Lösungen und den kognitiv-emotionalen wie materiellen Institutionalisierungskosten. Institutionalisierung ist nicht voraussetzungslos denkbar. Kognitiv-emotionale Kosten sind also Kosten für die Schaffung von Institutionen wie Elemente der Institutionen selbst. Dieses Variablengeflecht bedeutet, dass im Modell keine Trennung von abhängigen und unabhängigen Variablen möglich ist. Es geht um eine Dynamik innerhalb der institutionellen Konfigurationen selbst.
Diese Dynamik besteht - wie bereits beschrieben - innerhalb einer institutionellen Struktur oder zwischen ihnen. Zudem besteht eine Spannung zwischen Elementen des Handelns und
1 Da sich innerhalb der Firma die Rechtsverhältnisse und die Möglichkeiten zur Sozialisation der Beschäftigten im Vergleich zur Umwelt ändert.
2 Granovetter 1985, S. 500 f.
3 Lake 1996, S. 15
4 Vgl. beispielsweise Granovetter 1985, S. 503 für das Verhältnis von hierarchischer Organisation und sozialem Netzwerk. Vgl. auch Balzer 1992, S. 87 f.
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Elementen der Struktur, da erstere stets institutionalisierte und kontingente Elemente umfassen. Auch wenn hier beide Ebenen als Ursache für Veränderungen gelten, erscheint die Handlungsebene zunächst als die dynamischere. 1 Die „doppelte Kontingenz“ jeder Beziehung erfordert Institutionalisierungen; Institutionalisierungen reduzieren die „abweichenden“ Handlungen, verhindern sie jedoch nie vollständig. Wie vollzieht sich Institutionenentstehung oder Institutionenwandel?
Die augenscheinlichsten Wege der Institutionalisierung in unserem Spektrum führen sicher von der Ebene 1 nach „oben“. Andererseits sind Handlungen stets vorstrukturiert: die Institutionalisierung führt von der Ebene 5/6 nach „unten“. Kulturell vorgegebene Präferenzen können zu stabilen Anreizstrukturen führen. Betrachten wir die erste Variante näher. Eine plausible Annahme beruht darauf, dass eine stabilisierte, sich wiederholende Anreizstruktur, eine Hierarchie auf Ebene I, sich auch kognitiv stabilisiert und dadurch zu einer Hierarchie auf stärker habitualisierten Ebenen wird. “Over time this will tend to transform a positive interdependence of outcomes into a positive interdependence of utilities or collective interest organized around the norms in question.” 2 Lernen oder Sozialisierung führt dann zu “catechisms of expectations”. 3
Dies betrifft auch zahlreiche Hinweise auf den kausalen Zusammenhang zwischen Macht und Institutionen. „Obwohl Macht (…) keineswegs immer institutionalisiert ist, tendiert sie jedoch auf die Festlegung einer Durchsetzungschance in der Zukunft, insofern auf Dauer, zumindest auf Wiederholbarkeit.“ 4 Wie und warum bleibt offen. Ein Systematik ist nicht erkennbar, wenn Institutionen einerseits als „dauerhaft gewordene Machtbeziehungen“ bezeichnet werden, andererseits als „reine Geltung“ gerade nicht auf „einzelne Machtprozesse“ gegründet sein dürfen, wenn sich „geronnene Machtbeziehungen“ von „handlungsbezogenen Durchsetzungschancen“ grundsätzlich unterscheiden, sich andererseits aber aus diesen Handlungsverknüpfungen ergeben. Einerseits steigern Institutionen Macht, andererseits ermöglichen sie diese durch Verschleierung und Tabuisierung der inkorporierten Machtbeziehungen. Die Elemente „transitiver“ und „intransitiver“ Macht verschwimmen. 5
Immerhin kann geschlussfolgert werden: Macht und Institutionalisierung ergänzen sich, stehen aber auch in einem Spannungsverhältnis. Im allgemeinen gebiert Zwang eine ambivalente Haltung, die einen problematischen institutionellen Status von Beziehungen hervorbringt. 6 Dennoch ist die Gewöhnung und Internalisierung von Anreizhierarchien eine plausible Vorstellung von Institutionalisierung. Nach einer Sequenz solcher Beziehungen können die kognitiven Kosten für abweichendes Verhalten deutlich ansteigen. Auch im Bereich der internationalen Beziehungen wird angenommen, dass sich materielle Hierarchien in soziale Normen verwandeln, „surviving in the minds of the elites“, sich aber nach „dramatic changes“ in der Umwelt oder der Beziehung selbst auflösen oder verändern können. 7
Die verschiedenen Zusammenhänge zwischen einer hierarchischen Konstellation und deren Internalisierung/ Institutionalisierung wurden ganz im Sinne unseres Modells als
1 Aus diesem Sachverhalt wird bei Wendt fast eine Kausalität: “Its objective should be to assess the causal relationship between practice and interaction (as independent variable) and the cognitive struc-tures at the level of individual states and of systems of states which constitute identities and interests (as dependent variable)that is the relationship between what actors do and what actors are. (…) Par-ticularly important in this respect is the role of practice in shaping attitudes toward the ‘givenness’ of these structures. How and why do actors reify social structures, and under what conditions do they denaturalize such reifications.” Wendt 1992, S. 424.
2 Wendt 1992, S. 417.
3 March/ Olson 1989, S. 29.
4 Rehberg 1994, S. 70 vgl. auch S. 72.
5 Rehberg 1994, S. 71-73.
6 Smelser 1998, S. 9.
7 So am Beispiel der Beziehungen USA und Japan Schoppa 1999, S. 309.
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„Sozialisation“ beschrieben. 1 Dabei geht es aber nicht nur um das „Einüben“ einer hierarchischen Beziehungsform, sondern um Prozesse auf ganz verschiedenen Ebenen unseres Modells. Ikenberry und Kupchan haben drei grundsätzliche Mechanismen unterschieden: normative persuasion, external inducement, internal persuasion. Sozialisation mittels normative persuasion funktioniere ohne materielle Sanktionen durch “ideological persuasion and transnational learning through various forms of direct contact with elites in this states, including contact via diplomatic channels, cultural exchanges, and foreign study.” Normwandel geht Politikwandel voraus. 2 Der Mechanismus ist zu unpräzise, um ihn exakt einordnen zu können. Er könnte auf Ebene 3 oder 5 unseres Schemas liegen, vor allem aber auf Ebene 4. 3
Dagegen beginnt external enducement mittels ökonomischer und militärischer Anreize auf Ebene 1 („compliance through coercion“) und entwickelt sich langsam zu einer „cooperation through legitimate domination“. Die unterschiedlichen Motive dieses Typs verweisen allerdings nochmals auf unterschiedliche Felder unseres Schemas. Wenn die Elite des schwächeren Staates ihre Schwäche normativ verschleiern will, ist dies eine instrumentelle Nutzung von Ideen, die der Ebene 3 zuzuordnen ist. “Second, psychological pressures can induce a change in beliefs. Elites in secondary states may feel some degree of cognitive dissonance because the politics they implement do not fully (…correspond) with their beliefs. This dissonance can be reduced if the norms that guide the policies come to correspond more closely with those policies.” Dies ist ein Mechanismus im Spannungsfeld der oberen und unteren Ebenen unseres Schemas. (z.B. 2 6)
Drittens kann das Interaktionsnetz zu einem graduellen Prozess des Lernens und Anerkennens führen - eine schrittweise Kopplung von Ebene 1 mit den oberen Ebenen des Schemas. Dagegen führt die internal reconstruction eindeutig von den Feldern der stärksten Hierarchie auf Ebene 1 (Imperium als Anreizhierarchie) über die Gestaltung der inneren Institutionen zu höheren Graden der Internalisierung. 4 Ein einfacherer Weg beginnt mit dem Angebot neuer Ideen und Normen. Diese „norm emergence“ führt dann zur „norm acceptance“ und im nächsten Schritt zur „internalization“ der Norm. 5 Diese wandern von Ebene 3 in die höheren Ebenen unsers Spektrums. Diese Begriffe zeigen sowohl die Vielfalt möglicher Mechanismen als auch die Probleme einer Systematik ohne übergreifende Kriterien.
Um die allgemeinsten Vorgänge von Institutionenwandel zu beschreiben, wollen wir M. Archers Modell morphogenetischer Zyklen verweisen. Demnach gibt es zwei Sphären, die strukturelle des materiellen Wettbewerbs, und die kulturelle des ideellen Wettbewerbs. Beide können unabhängig voneinander die Zustände von Morphostasis oder Morphogenesis einnehmen. Demnach gibt es vier „Extremtypen“, die das Gesamtsystem einnehmen kann. Im ersten befinden sich zwei „morphostatic cycles“ im Zustand von „complete reciprocity“ und gegenseitiger Selbstabilisierung. “Thus, the structural elite is ‘trapped’ in the only kind of cultural discource which is currently in social parlance; similarly the cultural elite is enmeshed by the monolithic power structure which is the present form of social organization.” 6
Beide Sphären stabilisieren sich im oberen Bereich unserer x- wie y-Achse. Dies ist sogleich eine Analogie für den Zustand des Ostblocks der Stalinära. Das Gegenbild ist eine Phase zweier morphogenetischer Zyklen. Dies würde in im oberen wie unteren Bereich unseres
1 So auch Emerson 1962, S. 35.
2 Ikenberry/ Kupchan 1990, S. 291.
3 Jackson 1993, S. 132.
4 Ikenberrry/ Kupchan 1990a, S. 291 f.
5 Die Begriffe stammen von Finnemore/ Sikkink, vgl. Crawford 2002, S. 97.
6 Archer 1988, S. 290 f.
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Schemas eine Bewegung in Richtung des 0-Punktes bedeuten. Die anderen beiden Fälle sind Mischformen von morphogenetischen/morphostatischen Zyklen, bei denen jeweils eine Sphäre statisch, die andere dynamisch in Richtung 0-Punkt ist. Die Statik ist natürlich eine vorübergehende, die von einem Anpassungsprozeß beider Zyklen abgelöst wird. Diese sehr vereinfacht Widergabe zeigt, dass beide Dimensionen unserer Matrix zu ihrer Abbildung notwendig sind. Archers Anliegen dabei ist es, ein Modell mit zwei gleichgewichtigen Sphären zu konstruieren und die analytische Trennung beider Bereiche aufrechtzuerhalten, um sowohl die Mechanismen ihrer Vermittlung als auch die „Stärke“ des gegenseitigen Einflusses thematisieren zu können. Soweit herrscht eine gewisse konzeptionelle Kompatibilität mit unserem Modell. Allerdings beschreibt sie im wesentlichen die Ränder unseres Spektrums, ohne den Raum dazwischen füllen zu können. Dies ist ihrem Affekt gegen die „totale Fusion“ beider Sphären, gegen den „Mythos der kulturellen Integration“, geschuldet. Dabei betont sie ausdrücklich, dass empirisch „particular configurations“ entscheidend sind. Das Anliegen unseres Modells soll es sein, die von ihr betonten „specific forms of amalgamation“ wie die „configurational nuances“ 1 als „institutionelle Konfigurationen“ zu fassen, ohne aber analytische Unterscheidungen in einem integrativen Begriff aufzulösen.
Wie kommt es aber zu „morphogenetischen Zyklen“. Als konzeptionelles Problem von Institutionen kann gelten, dass sie per definitionem als statische Elemente gelten können, die zur Veränderung externe Schocks bzw. deutliche Veränderungen der Anreizkonstellationen benötigen (neuer Krieg, neue Waffe, neuer Rohstoff, neue Technologie usw.). Diese sind ohne Zweifel eine zentrale Quelle für Institutionalisierungs-oder
Deinstitutionalisierungszyklen. Zudem können neue Akteure mit neuen Präferenzen oder neuen Schemata ins Spiel kommen. Allerdings müssen Institutionengefüge selbst als Quelle des Wandels begriffen werden. Wiederum zeigt der mit demselben Diktum behaftete Strukturbegriff, dass Wandel nur beschreiben werden kann als Ergebnis einer dynamischen institutionellen Konfiguration, die auf beiden Achsen unseres Spektrums beruht. 2 Da die oben beschreibenen „Strukturen“ keineswegs konsistente Gefüge darstellen, ist eine Veränderungsdynamik durch die inneren Widersprüche und Konflikte institutioneller Elemente möglich. Im Bereich der „rationalistischen Hierarchie“ entstehen Dynamiken durch (auch geringe) alternative oder konkurrierende Anreizstrukturen. Diese gefährden die Institutionalisierung durch „switch-overs: rapid preference reversals“ (Lanzara). 3 Aber auch Ideen und Normen sind als „Umweltphänomene“ widersprüchlich und umstritten. 4 Betrachten wir die Mechanismen etwas genauer.
In hierarchischen Systemen erscheint Dynamik einfach zu erklären: Die imperiale oder hegemoniale Macht kann sie produzieren. „Powerful states create international institutions that disproportionately benefit them and are able to impose these institutions on weaker states.“ 5 Aus Sicht der Ebene 1 bedeutet dies, daß ein Staat den Betrag seiner überlegenen Produktionsfähigkeit im internationalen Tausch umsetzen kann in institutionalisierte Gewinne. Dies bedeutet vor allem die Senkung der Transaktionskosten in diesem Tausch, setzt aber die Möglichkeit zu „linkage“ voraus. Allerdings ist die Verteilungswirkung der Institutionen nicht nur für „hegemoniale“ Staaten ein Anreiz für ein bestimmtes
1 Archer 1988, S. 305 f.
2 Sewells strukturelle Gründe für Wandel stellen eine erste wichtige Systematisierung dar. Er nennt u.a. die „multiplicity of structure“, die „transposability of schemas“, die „polysemy of resources“ wie die „intersection of structures“. Sewell 1992, S. 16 ff.
3 Lanzara nennt hierfür zwei Mechanismen: Einen „Dämpfungs“-Mechanismus, der Aspirationen anpasst und ein „Umschalt“-Mechanismus zu anderen Präferenzen. Lanzara 1998, S. 10.
4 The contestation over, and ambiguity of, norms is an important aspect of world politics that is often overlooked in IR, even omong constructivists.” Hurd 2005, S. 501; vgl. auch Crawford 2002.
5 Richards 1999, S. 7
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institutionelles Design. Alle Akteure können sowohl nach Effizienzvorteilen des Ganzen (Kooperationsgewinnen) als auch nach Vorteilen bei der Verteilung streben. Der Motivationsvektor für einzelne Akteure resultiert damit aus Gewinnerwartungen auf mindestens zwei Ebenen, ist ein „mixed-motive game“. Durch die Maximierung des Nutzens zugunsten politischer Ziele im „Inneren“ können die Akteure eine Lösung eingehen, die für das Ganze suboptimal ist. 1 Ein Hegemon, der die Anschubfinanzierung für Institutionen übernimmt, könnte als (externe) unabhängige Variable für die Institutionalisierung gelten, ein Hegemon, der das Funktionieren von Regelsystemen durch zusätzliche Anreize absichert als Institutionenelement, ein Hegemon aber, der selbst Kollektivgüter produziert, als (quasi-) Institution. Dann gilt: “In systems, cores are institutions relative to peripheries.” 2 Bis hierhin befinden wir uns auf konventionellem Terrain. Reicht dies aus?
Die institutionellen Veränderungen im Ostblock nach dem Ende der Stalinära sind aber so nicht zu erklären. Die neueste Forschung konstatiert eine qualitative Veränderung des Hierarchieniveaus. 3 Bereits für den zeitgenössischen Beobachter war für unsren Untersuchungszeitraum klar, dass sich die Veränderungen nicht darauf beschränken. „The commonwealth ties emphasized more and more forcibly techniques of alliance rather than subordination, of ideological affinity and community of policy rather than the principle of leadership.” 4 Dies würde eine Veränderung der institutionellen Konfiguration auf beiden Achsen bedeuten.
Dabei ist die Gesamtheit dynamischer Beziehungen zur jeweiligen Umwelt zu beachten. Ein bestimmtes Maß neuer „Fakten“, gegensätzlicher Anreize oder enttäuschter Erwatungen kann learning“. 5 Wandel hervorrufen, ja sogar „fundamental Der externe
Institutionalisierungsbereich kann in zwei grundlegende Bereiche getrennt werden, in eine „politische Soziokultur“ und eine „politische Deutungskultur“. 6 Letztere ist eine Metakultur, die anerkannte Mechanismen der Produktion von Deutungen umfasst. (Dies beginnt auf Ebene 3.) Ihr entsprechen anerkannte Mechanismen der Institutionenbildung auch im Sinne der Produktion von Entscheidungsformen, den Institutionen im engeren Sinne. Aus letzteren Bereichen „wandern“ Deutungen und Formen in den Bereich der politischen Soziokultur, um dort für eine Zeitlang fraglos hingenommen zu werden. Wesentlich ist, dass diese Institutionalisierung im Sinne des oberen Teils unseres Spektrums unterschiedliche Dimensionen besitzt. Der „taken for granted“ Charakter von Formen und Deutungen kann direkt handlungsnormierend wirken, aber er kann auch Organisationen legitimieren, die durch ihre Anreizmechnismen und durch Verweis auf andere handlungsnormierende „Fraglosigkeiten“ wirken. Somit kann die Soziokultur durch die Deutungskultur „geistig geformt“ und gestützt werden; es besteht aber auch eine „Gefahr“ bei einer „zunehmenden Erosion der unhinterfragten Konsensressourcen“. 7 Dies kann durch diskursive Prozesse initiiert werden, die mittels unterschiedlicher mechanismen (deconstruction, denormalization, delegitimation) zu einer deconstruction der gesamten institutionellen Konfiguration führen können. 8
1 Darauf hat Richards 1999 richtig hingewiesen, auch wenn sein Modell einer Maximierung der Un-terstützung bei innenpolitischen "winning-coalitions" für unseren Gegenstand nur bedingt relevant ist.
2 Jepperson 1991, S. 146. Dort auch zu den Dimensionen dieser "generellen Relativität".
3 Volkov 1999.
4 Grzybowski 1964, S. 3.
5 Nye 1988; Jervis 1976. Demnach “policy makers reconsider their basic strategic approach to a problem only after repeated failures to come up with a tactical solution”. Tetlock 1991, S. 29 f.
6 Rohe 1996, S. 8f. vgl. auch Kane 1990.
7 Rohe 1996, S. 9f. u. 12, Rohe 1990, S. 321-346.
8 Crawford 2002, als Schema S. 108.
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Dynamiken resultieren auch und gerade aus der - selten planvollen - Übernahme institutioneller Elemente aus der kulturellen Umwelt, „that cannot simply be imported wholesale as a fully functioning system (…). World culture contains a good many variants of the dominant models, which leads to the eclectic adoption of the conflicting principles. Diffusion processes work at several levels and through a variety of linkages, yielding incoherence. Some external elements are easier to copy than others, and many external elements are inconsistent with local practices, requirements, and cost structures. Even more problematic, (…) cultural models are highly idealized and internally inconsistent, making them in principle impossible to actualize (…).” 1 Es ist von Bedeutung, dass etablierte Ideensysteme oder Schemata gerade durch teilweise mit ihnen kompatible Ideen herausgefordert, ausgehölt oder ersetzt werden können. 2 Hier muss das Bild vom „institutional bricolage” erwähnt werden. Vorhandene und neue institutionelle Elemente werden genutzt, umgewidmet, kombiniert, ohne das Ergebnis zu kennen. „There is a loose coupling between intentions, plans, outcomes and actions.” Dies kann zu Situationen führen, „where multiple and sometimes incompatible rule-systems are invoked to gain legitimation and justify action”. 3 Institutionen droht im einfachsten Fall eine “competitive reinterpretation” ihrer Bedeutung. 4
Dies verweist deutlich auf die “inneren” Quellen institutionellen Wandels: “How can values and action be so habitually inconsistent? Such inconsistency is an obvious actor characteristic from an institutional point of view (…).” 5 Die Veränderung einzelner institutioneller Elemente (z.B. einzelner Schemata oder Symbole) kann zur “Veränderung der Konstellation von Institutionen und ihrer Beziehungen untereinander” führen. 6
Auch und gerade die beschriebenen Mechanismen zur Stabilisierung kognitiver Schemata ermöglichen Wandel: „What is actually happening, when a person integrates discrepant information with previous knowledge is that he or she is modifying that knowledge structure. Situational attribution or other causal explanations incorporate into a belief conditions under which the belief does not hold. Both assimilation and accommodation (…) are operative in the interaction of theory and data.” Kognitive Kosten sind längerfristig Investitionen in Wandel: “Rather, the resolution must have involved both a change in the meaning of the inconsistency and an accommodating change in the belief structure to encompass this exception. In this way, the coherence and stability that social knowledge structures provide to one’s understanding and experience of the social world is preserved, while at the same time permitting a gradual change and adjustment to new environmental contingencies.” 7 Dies wäre ein gradueller, schleichender Wandel, der moderate Veränderungen innerhalb der kognitiven Schemata voraussetzt. Dabei muss aber auf den kummulativen Effekt kleiner, peripherer Veränderungen hingewiesen werden, der oft zu substantiellen Veränderungen führen kann. 8 Neue Elemente werden integriert, führen zu Spannungen, dann plötzlich zu Rissen. Widersprüchliche, ja konkurrierende Schemata können internalisiert sein; sie können
1 Meyer u.a. 1997, S. 154.
2 Vgl. Crawford 2002, S. 86 u. 112f.
3 Dies auch bei der Transforamtion der Ostblockstaaten. Lanzara 1998, S. 27f.
4 So Hurd am Beispiel der Legitimität von Sanktionen der Weltgemeinschaft im Falle Libyens. Hurd 2005, S. 501.
5 Meyer u.a. 1997, S. 155. Auf die Widersprüche zwischen fundamentalen Prinzipien als Quelle des Wandels verweist auch die reflektierte Forschung zu „Ideologien“. Valdez 1993, S. 7f.
6 Dies hat Lepsius (unter Verwendung anderer Institutionen- und Rationalitätsbegriffe) für den Nationalsozialismus wie für die DDR konstatiert. Lepsius 1990, S. 49 u. Lepsius 1994, S. 17.
7 Higgins/ Bargh 1987, S. 386.
8 Lanzara 1998, S. 28f.
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phasenweise kooexistieren, in bestimmten Situationen aber auch zu einer „Krise“ der Institutionalisierung führen. 1
Die oben erwähnten „contradictions of institutions and institutional logics“ 2 sind somit zentral für unser Institutionenverständnis. Kontradiktionen wie Smelsers Ambivalenz sind hier eine Begründung für Handlungsmöglichkeiten der Akteure im institutionllen Rahmen Sowohl Wandel als auch Stabilität von Institutionalisierungen sind mit der ambiguity ihrer Inhalte und Strukturen verbunden. Die Annahmen von Regime- wie Lerntheorien, dass ein konsistenter hierarchischer Aufbau von Regimen wie von belief systems existiert, ist aus institutionalistischer Perspektive kontraproduktiv. 3 Aussagefähiger ist das Bild einer „flexible structure“, das zurecht für kognitive Schemata benutzt wurde. 4
Neuartige Elemente können aber auf allen Ebenen unseres Schemas entstehen, vor allem aber in ihrem Verhältnis zueinander. Dabei lassen sich die verschiedenen Formen von Lernen, die Tetlock herausgearbeitet hat, in unserem Schema einordnen: Der neorealist approach („learning involves the rational adjustment of policy in response to the rewards and punishment contingencies of the international environment“) entspricht unserer Ebene 1. Die efficiancy conception entpricht - auch wenn übergreifend angelegt - am ehesten unseren Ebenen 2/3. Der belief system approach wie der cognitive structural approach entsprechen verschiedenen Stufen wie Ausprägungen der Ebenen 4-6. Der organizational and political cutural approach dagegen thematisiert die Relationen zu den externen Entsprechungen der jeweiligen Ebenen. 5 Liest man ihn im Sinne unseres Modells ist er integrativ. „Lernen“ bedeutet so eine institutionelle Veränderung auf den verschiedenen Ebenen unseres Spektrums, die Verschiebungen von Institutionalisierunggsgrad und -mechanismen thematisiert. Diese Verschiebungen sind sowohl von „unten“ als auch von „oben“ in die Gegenrichtung denkbar. 6 Gegensätze können - innerhalb und außerhalb des Akteurs - latent sein und durch eine geringfügige Veränderung oder eine spezifische Situation aktiviert werden. „There may also be inconsistencies within an actor itself, in that an actor might have attachements to several institutions or norms simultaneously that could require divergent or even opposite reactions to a situation. These inconsistencies can last for extended periods and culminate in a crisis only when the actor faces a situation that calls on both internalized beliefs at the same time.” 7 Die Struktur, Ambiguität und Dymnamik von Institutionalisierungen muss betrachtet werden; dies erfordert die Betrachtung institutioneller Konfigurationen. Institutionelle Dynamiken lassen sich durch Veränderungen innerhalb unseres Modells adäquat abbilden: Veränderungen auf einer der beiden Achsen wie Veränderungen der Beziehung von Elementen der Konfiguration. Somit sind zwei Stufen von Institutionenwandel zu unterscheiden. Zunächst kann man Veränderungen innerhalb der einzelnen Ebenen feststellen; sodann Veränderungen innerhalb der institutionellen Konfiguration.
1 Hurd 2005, S. 502.
2 Friedland/Alford 1991.
3 Zur Regimetheorie vgl. oben. Zur Lerntheorie Tetlock 1991, S. 28. Hier bietet sich aber auch eine Alternative, wenn man statt von Hierarchien von einer „multiplicity of hetarchies in one’s mind“ ausgeht. Gerade auf deren oberen Ebenen herrscht eine strukturierte Vielfalt: „The top level integrates the intermediate combinations into a potentially unlimited variety of possible intentions to act.” Anderson 1991, S. 114 ff.
4 So bezeichnet Johanson (1977) einen operational code als eine „flexible structure...susceptible to differential states of gradual or rapid expansion or collapse as the political actor modiefies his beliefs in response to the changing mix of psychological and situational pressures on him”. Young/ Schafer 1998, S. 71. Dies ist eine institutionelle Konfiguration im Wandel.
5 Tetlock 1991, S. 22 ff.
6 Haas 1980, S. 391ff. Im Sinne der Veränderung zunächst von „tactical beliefs and preferences at the base of the system“. Tetlock 1991, S. 28
7 Hurd 2005, S. 502.
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Fassen wir zusammen. Institutionenentstehung und Institutionenwandel kann also auf Veränderungen externer wie interner Relationen beruhen; sie sind als Veränderungen der institutionellen Konfiguration abbildbar. Hier kann man verschiedene Ebenen von Unsicherheit unterscheiden. Externe Veränderungsmotive umfassen Umweltveränderungen (z.B. die Angebotsfunktion der „Deutungskultur“), neue Akteure oder andere Anreizbedingungen (Angriff eines Feindes, Bündnisangebote, neue Ressourcen...). Es kommt die Unsicherheit der Beziehung hinzu, die „doppelte Kontingenz“ zwischen jeglichen Akteuren. Dies sind Elemente außerhalb der Institutionalisierung. Innerhalb der Institutionalisierung können Spannungen in und zwischen den institutionellen Mechanismen auftreten. 1
Institutionalistische Konfigurationen entstehen und verändern sich also durch Veränderungen der unterschiedlichen Umweltelemente (Ressourcen, Ideen, soziale Kontakte wie Symbolwelten) und Veränderungen der psychischen Strukturen. Dies geschieht nicht nur durch grundsätzliche Veränderungen und Alternativen, sondern auch durch kleinteilige Innovationen, Umdeutungen Neubewertungen. Restriktionen bestehen durch kognitive wie materielle Institutionenkosten. Dynamiken entstehen durch ein Spannungsverhältnis innerhalb der genannten „Strukturen“ wie durch Spannungen in der institutionellen Konfiguration insgesamt. 2 In welchen Formen vollzieht sich dies?
Eine dominante Vorstellung geht - abgeleitet von der Bildung der „inneren“ Institutionen der Volksdemokratien - von einer Setzung durch die (hegemoniale) Sowjetunion aus. Deren Fähigkeit „to structure the institutions, conditions, and rules governing interaction in the region“ wird als „gegeben“ vorausgesetzt. 3 Allerdings verweist dies auf eine „westliche“, auf Rechtssysteme orientierte Tradition, die sich für den Ostblock als problematisch erweisen könnte. 4 Dies träfe auch auf ausgehandelte Institutionen zu, die einen zweiten Typus bilden können, weniger aber auf ungeplanten, ungewollten, spontanen oder gar chaotischen Wandel.
Typologien von Institutionenentstehung bzw. -wandel gehen somit oft von drei Hauptformen aus: gesetzte Ordnungen, ausgehandelte Ordnungen und „spontane“ Ordnungen. 5 Erstere könnten als „deliberative designs“, zweitere als „unintended consequences of human action and social interaction“ aufgefasst werden; zumeist liegt jedoch eine Mischung vor. Ein „deliberative design“ könnte von einem tradeoff zwischen den Kosten unterschiedlicher
1 So unterscheidet Lanzara zwischen variable preferences, conflicting interests, uncertain expectations, unstable identities usw., die zu complex dynamics führen. Allerdings resultiere daraus ein Problem für die Schöpfung neuer Institutionen, das eher zur Ausbeutung und Perfektionierung vorhandener Strukturen führe als zur Entdeckung neuer Wege. Lanzara 1998, S. 2f. u. 20. Paris und Sofsky nennen als Quellen von Unsicherheit die Heterogeneitiät der Akteure, die Evolution der Umwelt, die “doppelte Kontingenz jeder Sozialität“ wie die „kognitive Unsicherheit“. Sofsky/ Paris 1994, S. 346f.
2 Das Verhältnis von Anreizen, Habitualisierung, Kosten und Institutionalisierungsgrad ist kompatibel mit integrationstheoretischen Fragestellungen nach der „Legitimität“ von „Integration“ vgl. Merkel 1999, S. 319. Auch in Balzers Modell kann Institutionenwandel im Prinzip von allen Modellkomponenten ausgehen. Alzer 1992, S. 90 ff.
3 Abonyi 1982, S. 186.
4 „Sind politische Institutionen nicht künstliche, bewußt geschaffene Gebilde und insofern ein Spe-zifikum der Neuzeit, weil sie einen Reflexionsstand über die ‚Machbarkeit’ politischer Institutionen voraussetzen?“ Göhler 1990, S. 14. Die „Machbarkeit“ war sicher im Ostblock verankert; gilt dies aber auch für die Geltung von Verträgen, die Souveränität etc.?
5 Young 1982, S. 282ff. Metthews unterscheided bei den Formen institutioneller Innovationen: consciously introduced bzw. deliberate institutional innovations, aber auch gradually changes wie competitive selection. Metthews 1986, S. 509. Nedelmann nennt institutionelle Konstruktion und “schleichende Institutionalisierung”. Nedelmann 1995. Eine gängige Begrifflichkeit in der soziolo-gischen Literatur unterscheided zwischen „crescive“ und „enacted“ Intitutionen, einer mehr planenden „Schaffung“ von Institutionen wie ein als „Wachstum“ verstandenes „Werden“. Lau 1976, S. 46.
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institutioneller „Lösungen“ ausgehen. 1 Institutionenbildung baut meist auf vorhandenen Strukturen auf (exploitation) anstatt eine völlige Neuordnung zu versuchen (exploration). 2 Eine Differenzieung der Mechanismen ist denkbar: Reagieren, Experimentieren, Übernehmen, Aushandeln usw. 3
Wesentlich ist allerdings, dass Wandlungsprozesse „are not mutually exclusive; severeal of them can occur simultaniousy, interacting with each other to form a complex pattern“. Wandel resultiert nicht nur aus einer Veränderung der Anreizstrukturen oder der Machtverteilung unter den beteiligten Akteuren; Institutionen verändern sich “continuously in response to their own inner dynamics as well as a variety of political, economic, and social factors in their environment”. 4 Fasst man diese „internen Spannungen“ etwas weiter, kann jede Beziehung innerhalb unseres Modells als Quelle institutionellen Wandels angenommen werden.
Auf die schwierige Frage nach der Entstehung und dem Wandel von Institutionen soll hier eine einfachere Antwort gegeben werden: Sie resultieren aus der Dynamik der institutionellen Konfigurationen. Institutionalle Konfigurationen sind somit Quelle der Stabilität, der Institutionalisierung, aber auch des Wandels, der Deinstitutionalisierung.
3.8) Hierachien und Institutionalle Konfigurationen: ein Fazit
Institutionen stabilisieren Beziehungen - auch hierarchisch organisierte. Institutionen begründen verschiedene Stufen „konformen“ Verhaltens. Damit können hierarchische Beziehungen zwischen Akteuren und Institutionen funktional äquivalent aufgefasst werden. Bei rationalen Akteuren geht es um Anreizhierarchien, die sich in unterschiedlichen Relationen der Akteure ergeben können: a) als (stabilisierte) ungleiche Tauschakte zwischen verschiedenen Akteuren sowie b) als ungleicher Tauschakt zwischen Akteuren und von ihnen geschaffenen äußeren Gremien („Institutionen“) Dies muss aber ergänzt werden um c) die Relation von Akteuren gegenüber Gewinnen/Verlusten, die bei entsprechendem Verhalten zueinander in einer Konstellation möglich sind (z.B. Kooperationsgewinne). Hier werden hierarchische Beziehungsformen in einem Spektrum von 6 Stufen unterschieden.
1 Neben Lake 1996 u. 1999 auch Thompson 2006, S. 30. Thompson beschränkt dies auf die Abwägung politischer Kosten und der Kosten der Bindung an internationale Organisationen. Er betont aber, dass internalisierte normative Handlungsmotive durchaus eine Rolle spielen können. Deshalb sei eine Ausweitung des Modells notwendig.
2 So der Greundtenor bei Lanzara 1998.
3 Ein Beispiel: 1. Auswahl und Variation aus einem Pool von Proceduren. 2. Die Wahl unter Alternativen. 3. Aushandeln, Verhandeln inklusive Konfliktsituationen. 4. Experimentelles Lernen mit Versuch und Irrtum. 5. Ausbreitung oder „Ansteckung“ vorhandener Lösungen. 6. Wechsel von Akteuren. March/ Olson 1989, S. 58.
4 Young 1982, S. 295 u. 297.
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Die allgemeinen Probleme einer angemessenen Definition von Institutionen - die alltagssprachliche Verwendung, die Orientierung auf formale Organisationsstrukturen - ist für die Ostblockforschung besonders ausgeprägt. Rationalistische Institutionetheorien erklären eher die Nachfrage nach Institutionen als ihr Wirken. Sicher ist es richtig, dass Transaktionskosten durch die Definition und Beobachtung abweichenden Verhaltens gesenkt werden können. Die Annahme jedoch, dass dezentrale Sanktionen damit erleichtert werden und die Stabilität einer Konstellation gewährleisten, ist äußerst voraussetzungsreich. Diese Faktoren (potentielle Kooperationsgewinne, potentielle Gewinne durch „cheating“, Produktionsfähigkeit und Kosten für Sanktionen, Kosten für „cheating“; Unsicherheitsreduktion durch „Institutionen“ wie Kosten für Regelformulierung und Monitoring, Komplexität der „Güter“, Einigung über „Preise“ und angemessene Tauschrelation) sind nur in bestimmten Situationen gegeben. Jenseits simpler Güter und geringer Unsicherheit erscheint eine rein „rationalistisch“ fundierte Verlängerung positiver Zukunftserwartungen eher unwahrscheinlich. Ein Institutionalisierungsanreiz besteht nur, wenn die Institutionen eine Unsicherheitsreduktion ermöglichen, die längerfristig Gewinn über den Institutionenkosten einschließlich der Kosten für Sanktionen ermöglichen. Somit kann eine rein rationalistische Institutionentheorie die Nachfrage nach Institutionen erklären, aber nur in einigen Fällen die Wahl der „Lösung“ wie deren Wirkung. Den konstruktivistischen Ansätzen fehlt oft nicht weniger die Trennschärfe zwischen kognitiven Begründungen und der Dominanz externer Faktoren. Auch aus diesem Grund gibt es zahlreiche Versuche, die „rationalistischen“ und „konstruktivistischen“ Ansätze zu einer Synthese zu führen. Zuvor ist aber Analyse notwendig, da die Wirkungsmechanismen zumeist nicht präzise geklärt werden.
Als fundamentales Unterscheidungskriterium kann dabei gelten, ob es sich um einen externen Anreiz oder um ein internes Merkmal der Akteure handelt. Zwischen diesen beiden Polen können die wesentlichen Ansätze zwischen rein rationalistischen und rein reflektivistischen am besten geordnet werden. Dabei entsteht ein Spektrum von Typen der Institutionalisierung. Diese Typen umfassen unterschiedliche Motivationstypen für die Institutionenwahl, unterschiedliche Formen von compliance sowie unterschiedliche Akteurstypen, die in unterschiedlicher „Entfernung“ zu einem rein utilitaristischen Institutionenbegriff stehen. Von einer logic of consequences entfernen sich Mechanismen und Akteurstypen schrittweise zu verschiedenen Formen einer logic of appropriateness. Dabei ändern sich der Akteursptyp und der Mechanismus der Institutionalisierung schrittweise vom externen Nutzenkalkül zu internalisierten Normen bzw. kognitiven Mustern. Die externe Stützung der Institutionalisierung nimmt ab, während die „innere“ Verankerung zunimmt.
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6 Ebenen von Institutionalisierung:
1.) Vollkommener Nutzenmaximierer: Ungleiche „Tauschakte“ begründen eine Anreizhierarchie, deren Grad dem Grad der Institutionaliseirung (Hierarchie) entspricht.
2.) Rationale Akteure, die unter den Bedingungen von Unsicherheit agieren, konstruieren Institutionen als Abbild ihrer Interessenkalküle. Tauschakte bzw. Kooperation bietet Gewinnaussichten, aber die Verteilung, ja das „Kassieren“ der Gewinne überhaupt ist unsicher und abhängig vom Verhalten der Partner. Ein potentieller
Institutionalisierungsgewinn (Kooperationsgewinn) stabilisiert das Verhalten unter der Voraussetzung, dass Institutionen die Unsicherheit vermindern und die Transaktionskosten senken. Eine wichtige “Stütze“ besteht in „side payments“ oder Sanktionen der Akteure. Es handelt sich um eine gütergestützte „Logik des Angemessenen“, bei der angemessenes Verhalten (schwach) internaliseirt ist und deshalb durch (starke, aber diffuse) äußere Anreize (hohe Gewinnaussichten oder side payments) gestützt werden muss.
3.) Institutionalisierte „focal points“ : Rationale Regelkonstitution bietet keine automatischen Gleichgewichte. Erfolgreiches Agieren erfordert komplexe Lösungen, deren Folgen nicht klar kalkulierbar sind. Ideen- oder Normengefüge werden als Paketlösungen akzeptiert, weil sie erfolgreiches Handeln unter diesen Bedingungen versprechen, aber auch weil Elemente dieser Ideen (schwach bis mittel) internalisiert sind. Dabei ist ein Nutzenkalkül dominant. Die Wahl der Ideen wie ihre Nutzung ist aber von internalisierten Elementen dieser Ideen abhängig. Insgesamt dominiert aber noch ein instrumenteller Umgang mit Prinzipein und Normensystemen. Der Akteurstyp entspricht in noch stärkerem Maße als auf Ebene 2 den Vorstellungen von „bounded rationality“. Er ist ein „Satisfyser“, der nicht die Folge einzelner Aktionen kalkuliert, aber den latenten Nutzen von Gesamtlösungen (Regelpaketen, Ideenkomplexen), deren Auswahl allerdings auch eine Relation zu inneren Eigenschaften der Akteure besitzt.
4. Soziale Logic of appropriateness: Verhalten entspricht der Realisation einer Definition von „Angemessenheit“, die auf mittlerem Niveau internalisiert ist, und durch Direktkontakte mit den Partnern stabilisiert ist. Dies muss nicht unbedingt sozialen Zwang (Aussschluss von sozialen Gütern) bedeuten. Der äußere Anreiz reicht von sozialen Sanktionen bis zum Lob. Dieser äußere Mechanismus ist auch deshalb so „stark“, weil er aktiv auf die Durchsetzung der „shared beliefs“ einwirkt. Er wirkt aber wiederum nur, wenn die angesprochenen Verhaltensweisen als Schemata internalisiert sind.
5. Symbolische Logik des Angemessenen: Kulturelle, symbolisch gestützte Rückkopplung zwischen individuellem und kollektivem Wissen in sozialer Interaktion. Stark internalisierte kognitive Schemata werden gestützt durch symbolische Repräsentationen in der „Gesellschaft“, die einen Eigenwert besitzen durch ihre „ästhetische Kraft“ wie durch den Verweis auf weitere „gesellschaftliche Wissensbestände“ oder normative Forderungen. 6. Habitualisierung: Stabile Internalisierung institutioneller Elemente, die „taken-forgranted“-Status besitzen und im „inneren Monolog“ rückgekoppelt werden. Kognitivemotional höchster Status der Handlungsmuster.
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Das aufgeführte Spektrum an Akteurstypen und Mechanismen der Institutionalisierung kann analytisch getrennt werden; eine Synthese in einem gemeinsamen Modell schließt dies jedoch nicht aus. Kognitive Schemata und ihre emotionale Verankerung sind auf allen Ebenen unseres Modells relevant 1 ; sie stehen nur in unterschiedlichem Verhältnis zu ihren externen Entsprechungen. Die Wirkungsmechanismen auf den Ebenen 4-6 basieren auch, aber nicht in erster Linie auf einer konsistenten Informationsauswahl und -verarbeitung. Relevanter sind die kognitiv-emotionalen Kosten, die entstehen, wenn abweichend von den internalisierten images/schemas/beliefs gehandelt wird. Diese Schamata sind semantisch/neuronal vernetzt und besitzen damit - und durch emotionale Verankerung - einen unterschiedlichen Status. Dies trifft auf alle Akteurstypen unseres Schemas zu.
Unter Institutionalisierung verstehe ich demnach die Relation unterschiedlicher internalisierter und externer Strukturformen. Beide sind in ihrer Strukturebene verankert, wirken aber nur in der Relation.
Grundlegende Mechanismen wie Legitimität, Macht, Ideologie verbinden verschiedene dieser Relationen. Die Relation dieser Elemente bildet eine institutionelle Konfiguration. Institutionalisierung wird also nicht nur auf zwei Achsen, dem Hierarchiegrad (x-Achse) und dem institutionellen Mechanismus (y-Achse) dargestellt, sondern auch durch die Verknüpfung institioneller Elemente, die an sehr unterschiedlichen Punkten dieses zweigliedrigen Spektrums liegen können. Bei diesen Relationen müssen durchaus unterschiedliche instituionelle Qualitäten der Elemente angenommen werden. Fundamentale Institutionen besitzen einen höheren funktionalen Status und produzieren bei ihrer Veränderung deutlich höhere kognitiv-emotionale Kosten. Institutionelle Elemente umfassen eine Vielzahl von Beziehungsformen wie Kopplung und Einbettung, wie Ableitung, Determination, Integration und gegenseitige Stabilisierung, aber auch Spannung und Konflikt. Hier soll dagegen eine stark vereinfachte Abbildung erfolgen, die Verknüpfungen institutioneller Elemente in unserem Schema darstellt; die Art der Beziehung kann aber auf die Typen Kopplung (+), Ableitung bzw. Begründung () wie Einbettung (o) und Ambivalenz ( ) beschränkt.
Institutionalisierung bedeutet Stabilität sozialer Beziehungen, zugleich aber ist sie Quelle des Wandels. Sie ist Struktur und Prozess zugleich. So wie die Quellen der Stabilität vielfältig sind, sind es auch die Quellen der Veränderung. Uweltveränderungen im Bereich der Akteure wie der Ressourcen sind genauso relevant wie neue Ideen und Argumentationsformen. Beide können mit den etablierten Interessen wie den etablierten Schemata in Konflikt treten. Diese
1 „Emotionen vermitteln hier eben durch ihre Bewertungsfunktion zwischen sozial geteilten Überzeugungen, Konventionen, Normen und der individuellen Entscheidung.“ Schnabel 2005, S. 292.
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externen Herausforderngen treten als fundamentale Bedrohung oder Alternative auf, häufiger aber als graduelle Erosion, Ergänzung, Modifikation. Letztere können wiederum zu fundamentalen Brüchen führen. Dies betrifft aber bereits die internen Quellen der Veränderung. Institutionelle Elemente sind auch auf den kognitiv-psychologischen Ebenen keineswegs spannungsfrei. Ihre innere Widersprüchlichkeit fürt dazu, dass auch geringe Umgruppierungen das Gesamtgefüge zum Schwingen bringen können. Dies trifft um so mehr für die Beziehungen zwischen institutionellen Elementen zu, die institutionellen Konfigurationen. Letztlich kann jedes Element wie jede Beziehung unseres Modells als Quelle von Wandel gelten und kann diesen auch sinnvoll abbilden. Instituionelle Konfigurationen sind von Natur aus nicht statisch. Demgegenüber sind die Typen institutioneller Ordnungen (gesetzte, ausgehandelte, spontane Ordnungen) eine deutliche Vereinfachung, welche die Mechanismen wie die Veränderungen kaum adäquat abbildet. So wie Institutionalisierung nicht ohne Darstellung der institutionellen Konfigurationen abgebildet werden kann, können institutionelle Veränderungen nicht ohne die Veränderung institutioneller Konfigurationen erfasst werden.
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4.) Das Krisenjahr 1956
4.1) Die Krisen des Jahres 1956 als institutionalistisches Problem
Krisen können als Testfall für Institutionen gelten, aber auch als Ursache für institutionelle Veränderungen. Sie können im Sinne einer grundlegenden Herausforderung der Gesamtordnung die Institutionalisierungsleistung am besten zeigen wie die De- und Neuinstitutionalisierung. Was unterscheidet sie von den festgestellten Möglichkeiten institutioneller Veränderung? Sie betreffen alle wesentlichen Elemente einer institutionellen Konfiguration und wandeln sie radikal. „Krise einer Institution ist also der Kulminationspunkt eines mehrschichtigen Prozesses von kumulierenden und sich wechselseitig verstärkenden Krisentendenzen, die das Konstitutionengefüge der Institution sowohl nach einzelnen ‚Bestandsstücken’ wie im ganzen betreffen. Die Anfälligkeit einer Institution für Krisentendenzen bestimmt sich daher nasch jenen Feldern und Dimensionen, die konstitutiv sind für die Institutionen.“ Die entsprechenden Prozesse müssen „zusammen auftreten und müssen einander verstärken, sollen sie die Qualität von Krisentendenzen haben“. 1 Dies betrifft den Verlauf der Krise, nicht aber unbedingt den Ausgangspunkt, der kann durchaus in einzelnen Elementen der institutionellen Konfiguration liegen. Dies wurde auch für das Beispiel 1956 behauptet: „By supporting and then dropping Nagy, the Soviet leaders awakened Hungary`s intellectual elite and united it against Stalinism, paving the way for a furious challenge to the Soviet empire.“ Dies ist vielleicht etwas linear gedacht; es macht jedoch Sinn, eine “revolt of the mind” ins Zentrum zu stellen. 2
Die im Ostblock wirkenden institutionellen Mechanismen sollen im folgenden am Beispiel des Krisenjahres 1956 betrachtet werden. Dieses Jahr soll nicht nur deshalb als „Einstieg“ in die Fallstudien dienen, weil Krisen die Institutionalisierungs-leistungen am deutlichsten erkennbar machen; vor allem gelten die Jahre um 1956 als „historische Zäsur“, die ein „neu definiertes Beziehungsgeflecht in Osteuropa“ hervorbrachte, das bis zum Revolutionsjahr 1989 bestanden haben soll. Es habe - so zumindest die neuere russische Forschung - einen „qualitativen Wandel“ gegeben, der zum Gewinn einer relativen Souveränität der kleineren Staaten geführt habe 3 - also zur deutlichen Veränderung der institutionellen Konfiguration. Zumindest aber ist dieses Jahr Teil und Höhepunkt einer umfassenderen „Entstalinisierungskrise“. 4 Diese entfaltete sich bereits 1953 und verlangte Reaktionen auf Blockebene. Auch wenn - wie später zu zeigen sein wird - die UdSSR für die wirtschaftspolitische Krisenbewältigung auch den RGW nutzte, blieb die bilaterale Ebene, die Hierarchie gegenüber der UdSSR entscheidend. Sie beruhte gegenüber den am schwersten betroffenen Partnern, den Führungen der DDR und CSR auf einer starken und akzeptierten Hierarchie: „Das politische Sekretariat der KPTsch war faktisch das höchste Machtorgan (...) und bestand aus Vorkriegsfunktionären der Kommunistischen Internationale. Diese waren es gewohnt (...) die KPTsch als Bestandteil der zentralisierten internationalen kommunistischen Bewegung zu sehen. Von Moskau gelenkt zu werden, war selbstverständlich.“ 5 Dies klingt nach einem habitualisierten Imperium (6; 6). Diese Akzeptanz wurde natürlich gestützt durch die tiefgreifende Abhängigkeit schwacher Regime, ging aber darüber hinaus.
1 Baumgartner 1992, S. 111 f. u. 113.
2 Gati 2006, S. 67 u. 126. Insgesamt argumentiert Gati aber viel differenzierter und fragt, ob die „Revolte“ in Ungarn in Budapest, in Moskau, in Warschau, in Belgrad, in München oder in Washington ihren Ausgangspunkt hatte. Ebenda, S. 141 ff.
3 Volkov 1999, S. 1f. u. 14.
4 Foitzik 2001.
5 Madry 2001, S. 221 u. 225.
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Die innenpolitische Wende zum „Neuen Kurs“, die im Sommer 1953 erfolgte, beruhte vorwiegend auf sowjetischen Initiativen. Die „Wende“ zeigte insgesamt eine sehr hohe Hierarchie (Stufe 5), die aber nur den „Beschluss“ betraf, nicht seine Umsetzung. Hier zeigt sich die zentrale Bedeutung von Personalentscheidungen, vor allem der Führungspositionen, für die sowjetische „Steuerung“ des Systems. Dies zeigt sogleich die Bedeutung der „nationalen“ Machtverhältnisse für solche Entscheidungen. Ulbricht blieb - teilweise trotz sowjetischer Skepsis - an der Macht. 1 Anders jedoch war die Situation in Ungarn, wo Imre Nagy Regierungschef wurde. Die sowjetische Seite beorderte eine - namentlich ausgewählte - Delegation nach Moskau und schreib der bisherigen Führung die personellen wie inhaltlichen Veränderungen und zeigte damit eine - auf den ersten Blick - imperiale Hierarchie. Allerdings war dies bereits eine Reaktion auf Rákosis Intransigenz gegenüber den bereits im Mai geäußerten sowjetischen Wünschen. Zudem war der Aufwand an institutionellen Mechanismen beträchtlich, um diesen zur Obödienz zu bewegen. Immerhin dauerte die Konferenz drei Tage, in denen die Mechanismen der Ebene 4 und vor allem 3 massiv eingesetzt worden. Der Aufwand war auch deshalb so hoch, weil man von der Parteiführung einen wirklichen Schwenk verlangte. Allerdings waren diese Mechanismen im Ansatz kontraproduktiv, da man Rákosi nicht überzeugen wollte, sondern ihn in stalinistischer Manier beschuldigte, für alle Fehler verantwortlich zu sein, was erhebliche kognitive Dissonanzen hervorrufen musste, so dass sich der Parteichef zu verteidigen versuchte. Wohl auch deshalb waren mehrere Treffen notwenig, im und außerhalb des Plenums. Zudem scheint Beria auch Drohungen eingesetzt zu haben, um Rákosi zu „überzeugen“. 2 Die Hierarchie ist noch sehr hoch, der hohe Durchsetzungsaufwand zeigt aber, dass sie bereits fragil ist. Die institutionelle Konfiguration ist jedenfalls vielschichtig. (Stufe 5; Ebene 4 o 5 + 2)
Die institutionellen Mechanismen wirkten aber auch jetzt keineswegs geräuschlos. 3 Nach dem Sturz Berijas agierten Ulbricht wie Rákosi unter Berufung auf sowjetische Rückendeckung bei der Auseinandersetzung mit ihren Gegner. 4 Die Personalkompetenz wird also als zentrales Kriterium für hierarchische Beziehungen genauer zu betrachten sein. Die Entmachtung von I. Nagy zeigt aber in mehrfacher Hinsicht, wie problematisch stalinistische Formen der Einflussnahme bereits waren. Wiederum wurde - am 8. Januar 1955 - eine ungarische Spitzendelegation nach Moskau beordert und Nagy mit einer Negativvariante der Ebene 4 (Beschuldigungen von allen Seiten und in allen politischen Bereichen) ergänzt um Ebene 5 und Ebene 1 (einer impliziten Drohung, ihm könne es so gehen wie exekutierten KPdSU-Funktionären trotz ihrer Verdienste) zur Selbstkritik gezwungen. Hier hatte aber nicht nur die Drohung ihre Wirkung auf Nagy scheinbar verloren. Die destruktive Kritik wirkte - im Gegensatz zu einer konstruktiven - bereits nicht mehr ausreichend. Gati datiert den entscheidenden Akt der Deinstitutionalisierung für Nagy auf diesen 8. Januar. 5 So gewann er inneren Handlungsspielraum.
1 Vgl. Harrison 1993; Ostermann 1998; Schirdewan 1994; Frank 2001, S. 11 ff.
2 Beria verwies auf die Tatsache, dass sowjetische Truppen in Ungarn sein, drohte aber eher mit ihrem Abzug als mit ihrem Einsatz. Er erinnerte Rákosi daran, dass diesem als altem Bolschewiken bewusst sein müsse, dass ,man wisse, wie man jemandem das Genick breche. Gati 2006, S. 26-32.
3 So zeigte die ungarische Parteidelegation, die im Juni 1953 nach Moskau geladen wurde, zunächst wenig Neigung zu einer Kurskorrektur. Malenkov musste als Sonderemissär die Berufung von Nagy durchsetzen. Klimo 2006, S. 4 ff.
4 Zu Ulbricht vgl. Schirdewan 1994, S. 59; Frank 2001, S. 25 ff.
5 . “During the session, Nagy´s feelings were defenitely hurt; his illusions were no longer intact. Though he continued to revere the Soviet Union; the homeland of socialism, he was not going to be kicked araound by Khrushchev Company. His defiance of the Kremlin was born that day.” Dies schloss nicht aus, dass die Rückkehr Nagys in die Partei eine Rückkehr in die gesitige Heimat war, die sein Leben mit Bedeutung füllte. Gati 2006, S. 119-124 u. 140. vgl. auch Varga 2001, S. 55ff. Varga spricht auch von einer „Methode der Einschüchterung“, die allerdings nur durch die Forderung nach der Aufnahme von „Nichtjuden“ in die Führung belegt wird. Im Zusammenhang mit der harschen Kritik an Nagy im Januar 1955 beklagte dieser den
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Die Ergebnisse waren auch nicht im sowjetischen Sinne. Sie wollten Nagy zwingen, in die zweite Reihe zurückzugehen, aber nicht zurückzutreten. Weder Nagy noch seine Gegner um Rákosi hielten sich an diese Intentionen. Nagy entschuldigte sich in der folgenden Politbürositzung nicht für seine Fehler, ließ die Frage der offiziellen Position offen und verteidigte sein Programm. Rákosi dagegen isolierte ihn völlig in der Parteiführung, so dassebenfalls gegen die sowjetischen Vorgaben - Nagy in den folgenden Monaten alle Posten bis hin zur Parteimitgliedschaft verlor. 1 Dies deutet bereits an, wie prekär die institutionellen Mechanismen im Konfliktfall sein konnten.
Ansonsten reichten zu diesem Zeitpunkt aber einfache Formen wie Schriftwechsel oder Sonderemissäre aus oder die „befreundeten Parteiführungen“ wurden nach Moskau beordert (bzw. fuhren freiwillig dort hin). Mittelfristig wurden auch primitive multilaterale Formen genutzt. Am 8. Juli 1953 wurden die Führer der Bruderparteien in Moskau über die „Angelegenheit Berija“ informiert. Als das KPdSU-Präsidium beschloss, die Situation in der KPC zu erörtern, nahmen an Beratungen in Moskau (6.-8.4.1954) nicht nur die Führungen von KPC und KPdSU teil, sondern auch Bierut und Ulbricht. Dies war eine Art internationaler Parteiversammlung, auf der die übliche Selbstkritik gefordert und der Primat der Partei bekräftigt wurde. 2 Hier konnte auf den Ebenen 4 und 5 eine starke Hierarchie etabliert werden. Die Akzeptanz dieser Hierarchie wie die primitiven Formen ihrer Durchsetzung konnten bei einer Verschärfung der Krisen zum Problem werden, zu einem Krisensymptom der Institutionalisierung selbst.
In der umfangreichen Literatur zum Jahr 1956 stehen zwei Aspekte im Vordergrund, der „revolutionäre“ und der „imperiale“. 3 Unser Thema betrifft den ersten im Sinne von Institutionenwandel, zunächst aber vor allem den zweiten: Welchem Grad und Typ einer Hierarchie entspricht die Reaktion der sowjetischen Vormacht? Diese Frage ist auch deshalb so relevant, weil die „Bewältigung“ dieser Krise oftmals als Zeichen für den Charakter des Gesamtsystems gewertet wird. Zudem verspricht uns die neueste Forschung nicht nur quellengestützte Revisionen bisheriger Auffassungen bis hin zu „far-reaching modifications“, sondern auch neues Licht „on the whole nature of the Soviet-East european relations“ - ohne letzteres jedoch einzulösen. 4 Der Schwerpunkt der jüngsten Literatur liegt deutlich bei der Auswertung neuer Quellenfunde, verdeutlicht durch Metaphern, nicht aber durch Modelle: Demnach war alles, was in Moskau geschah für Ungarn (wie für die anderen Länder des Sowjetblocks) nicht nur ein Barometer, nach dem man sich zweckmäßigerweise orientierte, sondern ein Signal, auf das man aus verständlichen Gründen notwendigerweise hören musste. Außen- und Innenpolitik wurden aus einem einheitlichen Moskauer Zentrum gelenkt. 5 Die Antwort auf unsere Frage erscheint also auf den ersten Blick einfach. Der sowjetische Einmarsch in Ungarn belegt eindeutig den imperialen Charakter des Ostblocks. 6 Für Hannah Arendt ist dies der Ausdruck eines „totalitären Imperialismus“. Diese nach unserem Modell strikte Hierarchie beruht auf der uneingeschränkten Gewaltfähigkeit der imperialen Macht. Die Gefährdung dieses Imperiums sei nur „eine temporäre, die Folge der unvermeidlichen
erniedrigenden und beleidigenden Ton wie die unverhohlene Drohung Chruschtschovs, dass es ihm wie Sinowjev oder Rykov gehen könne. Ebenda, S. 75f.
1 Gati 2006, S. 124 ff.
2 Madry 2001, S. 218.
3 Literaturberichte bieten Alföldy 1998; Mühle 1999.
4 Kramer 1998, S. 163 u. 167. Eine Wesensbestimmung des Ostblocks jenseits der Beschreibung unterbleibt jedoch.
5 Shelizkij 1995, S. 242. Übersetzt in unsere Begriffe könnte dies statt einer mittleren Hierarchie auf Ebene 3 ein Imperium auf Ebene 1 bedeuten.
6 So z.B. Maier 2005, S. 30 u. 34 f. Für Kissinger wurde der „historische Imperialismus Russlands“ mit der Sowjetideologie verbunden. Kissinger 1994, S. 598.
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'Rückständigkeit' der Kolonien im Prozess der Bolschewisierung“. Dies bedeute, dass die „alten militärischen und nationalen Traditionen noch nicht ganz wirkungslos geworden sind“. 1 Übersetzt in unsere Begriffe beruht der „totalitäre Imperialismus“ also auf einer vollständigen, gewaltgestützten Anreizhierarchie, die adäquate Hierarchien in den oberen Bereichen unseres Spektrums hervorbringen kann. Die ungarische Revolution zeigt demnach, dass dieser Prozess noch unvollständig ist, sozusagen ein noch nicht perfektes „totalitäres Imperium“ bestand. Im Gegensatz hierzu betont die neuere quellengestützte Forschung, dass die Satelliten - trotz der sowjetischen Dominanz - in der Lage waren, die Vormacht zu manipulieren und zu beeinflussen. Die sowjetische Führung war weder allmächtig noch allwissend. Selbst das Verhalten von M. Rakósi, dem „besten Schüler Stalins“, zeigte - wie oben bereits angedeutet wurde - „the Kremlin’s lack of complete control over Hungarian politics“. 2 Der Grad der Hierarchie ist also keineswegs selbstevident. Um so mehr zeigte der „Hergang des Aufstandes von 1956 (...), dass nicht einfach sowjetische Befehle umgesetzt wurden, sondern ein kompliziertes Zusammenspiel verschiedener Akteure in Moskau und Budapest das Geschehen bestimmte“. 3
Der hier verfolgte Ansatz erfordert aber nicht nur die Überprüfung der Hierarchiegrade und -formen. Zwei Probleme müssen für unser Thema ins Blickfeld genommen werden. Handelt es sich bei den Reaktionen auf die Krisen des Jahres 1956 um institutionalisierte Mechanismen zur Wahrung der Blockintegrität oder um eine improvisierte gewaltsame Reinstitutionalisierung? Wenn neuere Forschungsergebnisse die Unsicherheit der sowjetischen Führung, ihre mangelnde Vorbereitung hervorheben, wären dies Zeichen für eine Deinstitutionalisierung von Beziehungen, die nicht adäquat kompensiert werden konnten, so dass „events spiralled out of control“. 4 Entgegen der Vorstellung einer hocheffizienten gewaltsamen Repression wird nun hervorgehoben, „that die Soviet Union in fact had difficulty working with its Hungarian allies“. 5 Zum zweiten: Welche Relevanz besaß dies als Krise des „Lagers“ für die anderen "Teilnehmerländer" und die Institutionen des Ostblocks? Die Ursachen der Krise wie die handlungsrelevante Wahrnehmung möglicher Folgen betreffen in hohem Maße Wechselwirkungen zwischen den sozialistischen Ländern, vor allem - aber nicht ausschließlich - mit Polen. 6 Aus institutionalistischer Sicht bedeuten die offensichtlichen Rückwirkungen und Gefährdungen für das sozialistische Lager als Ganzes 7 ein Kooperationsproblem bei der Abwendung einer Blockerosion; die politischen, wirtschaftlichen und ideologischen Folgen mussten eingeschränkt und kompensiert werden. Wenn sich die sowjetische Führung darin, dass eine Abspaltung Ungarns unter keinen Umständen gestattet werden durfte, mit den Parteiführern der benachbarten sozialistischen "Bruderländer" einig sehen konnte 8 , stellt sich die Frage, was die einzelnen Ostblockländer wie auch die Institutionen des „sozialistischen Lagers“ hierfür zu leisten bereit und in der Lage waren. Für die kleineren Länder bestanden hierbei ambivalente Anreize. Einerseits konnte man als free rider die UdSSR die Kosten des Krisenmanagements übernehmen lassen
1 Dies treffe insbesondere auf die Armee zu. Arendt 1959, S. 54.
2 Granville 2004, S. XIII u. 12.
3 Klimó 2006, S. 80.
4 Litvan 1996, S. 20; Cox 1996, S. 10 f.
5 Granville 1996, S. 68.
6 Die Relevanz von "spill-over"-Problemen hebt Mark Kramer hervor. Kramer 1998. Beispiele für die Folgen der Ereignisse in Polen für die DDR wie die Erhöhung der Streikhäufigkeit bis hin zur Hoffnung auf einen neuen "17.Juni" bietet Wolle 1996.
7 György Litvan zählt zu den wichtigsten Ergebnissen der ungarischen Revolution gerade die Tatsache, dass erstmals die Verwundbarkeit des sowjetischen Systems demonstriert wurde. Litvan 1996, S. 25. Ähnlich Alföldy 1998, S. 42.
8 Mühle 1999, S. 47.
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(oder diese bestenfalls mit der Münze Prestige vergelten) und sich auf die eigene Konsolidierung konzentrieren; andererseits widersprach das dem Motiv, im Lager Einflussauch zu Lasten der UdSSR - zu erlangen. Maximale Mitsprache bei minimalen Kosten hätte das Optimum eines institutionalisierten Krisenmanagements aus Sicht der "Satelliten" dargestellt. Dies allerdings würde dem imperialen Wesen des Ostblocks widersprechen oder auf den spezifischen Charakter dieses „Imperiums“ verweisen. Also: Welcher institutionalistischer Mechanismen bediente sich also die sozialistische antirevolutionäre „Heilige Allianz“? Vor der Reinstitutionalisierung muss aber die Deinstitutionalisierung, die Krise im eigentlichen Sinne, analysiert werden.
4.2) Der XX. Parteitag der KPdSU als institutionalistisches Problem
Am Anfang war der XX. Parteitag der KPdSU. Auch wenn dieser oft gewählte Einstieg unzweifelhaft wesentliche Schichten und Ursachen der Krise vernachlässigt, ist dieser Parteitag für unser Thema von besonderem Interesse. Dies betrifft zunächst seine Folgen im Spektrum unserer Institutionalisierungsformen. Es handelt sich um einen entscheidenden Schritt der Deinstitutionalisierung entlang der y-Achse. Der taken for granted Status nicht nur Stalins, sondern der sowjetischen Position insgesamt kam endgültig ins Wanken. Drei Jahre nach dem biologischen Tod Stalins wurde auch der „zweite Körper des Königs“ zu Grabe getragen, seine symbolische Existenz zerstört. Wie dies geschah, lässt Rückschlüsse auf die enormen kognitiven und emotionalen Kosten zu, die dieser Prozess der Deinstitutionalisierung hervorbrachte. Die Dauer vom Tode bis zum XX. Parteitag ist auch ein Maß dieser Kosten. 1 Wenn der Anstoß zur Zertrümmerung oder Auflösung der dominanten Schemata aus Moskau kam, wurde damit ungewollt nicht nur die hierarchische Beziehung zu Stalin, sondern zur UdSSR insgesamt beeinträchtigt. „Die öffentlichen Enthüllungen und die Erinnerung an Verbrechen und Unrecht, das der östliche Nachbar begangen hatte, stellten das Nachkriegsmodell von Grund auf in Frage. Der XX. Parteitag und die Rede Chruschtschows brachen damalige Tabus. Es kam zu einer Explosion des kollektiven Gedächtnisses (...).“ 2 Die hieraus folgenden Orientierungsprobleme erfassten nicht nur die Parteiführungen, sondern erhebliche Teile des gesamten „Apparates“. Dies betraf gerade die Frage, wie man die UdSSR wahrnahm. 3
Aber nicht nur die Folgen des XX. Parteitages sind von Interesse, sondern auch sein institutioneller Status für den Ostblock. Parteitage der führenden Partei können als Gremium der Multiplikation sowjetischer Politik gelten - eine Institutionalisierung von hierarchischen Beziehungen, die sehr stark auf den Mechanismen beruht, die im oberen Teil unseres Spektrums wirken: kognitive, symbolische und soziale. Dies bedeutete zunächst, dass es Parteien gab, die „die sowjetische Politik praktisch in blindem Gehorsam umsetzten, wie die kommunistischen Parteien Bulgariens und der Tschechoslowakei; bis 1956 gilt das zumeist auch für die ungarische und vielleicht auch für die polnische kommunistische Partei“. 4 Auf Parteitagen der KPdSU wirkten neben der Ebene 6 vor allem die „symbolischen“
1 So erinnert sich Chruschtschov nicht umsonst folgendermaßen: „Erst 1956 befreiten wir uns von unserer Unterwürfigkeit gegenüber Stalin.“ Chruschtschow 1992, S. 321. Belege für die „psychologische Barriere“ in Rákosi 1999, S. 60 f. Anm. 50.
2 Machcewicz 2001, S. 145.
3 So wurde nach dem XX. Parteitag selbst in den Parteileitungen von Universitäten die Tatsache begrüßt, dass Ergebnisse der Sowjetwissenschaft kritisch bewertet wenden können. Zu einem regio-nalen Beispiel vgl. Klein 1996, S. 119 f., Kaplan 1996, S. 35 f. spricht von einer Ideologiekrise in der KPC. Vgl. auch Foitzik 2001, Wolle/ Mitter 1994; Rákosi 1999.
4 Hajdu 1996, S. 67
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Mechanismen der Ebene 5, waren doch die Führungen der „Satelliten“ anwesend und in das Ritual des Ablaufes einbezogen.
Damit ist es bedeutsam, auf welchem Wege ein Vorgang von fundamentaler Bedeutung für die kommunistische Bewegung, die „Geheimrede“ Chruschtschovs, die Führer der Ostblockstaaten erreichte. Während die Rede durchaus im Rahmen der Parteiinstitutionen der KPdSU vorbereitet, vorgetragen und weiter verbreitet wurde, wurden die anderen Parteiführer inoffiziell und unter starken Vorbehalten informiert. An eine Diskussion dieser Angelegenheit auf der Ebene einer Institution des Ostblocks scheint niemals gedacht worden zu sein. Dass die sowjetische Spitze dies als geheime innere Angelegenheit behandelte, über deren Ergebnisse man die „befreundeten Parteiführungen“ nur unter Vorbehalt informierte 1 , kann als Indiz für die Arroganz einer imperialen Macht gewertet werden 2 , es könnte aber auch als Zeichen der Schwäche wie der geringen Institutionalisierung aufgefasst werden. Sehr schön zeigt sich die mangelnde Institutionalisierung auf sowjetischer Seite bei einem Gespräch Molotovs mit dem Botschafter der DDR am 13.3.1956. Dabei kam Molotov auf den XX. Parteitag zu sprechen und fragte, ob Botschafter König an allen Sitzungen teilgenommen habe. Dieser bejahte. „Gen. Molotow fragte, ob ich das letzte Referat des Gen. Chruschtschov über den 'Persönlichkeitskultus' gehört habe. Ich antwortete verneinend und sagte, dass dieses Referat offensichtlich in einer der geschlossenen Sitzungen des Parteitages, zu denen die Botschafter keinen Zutritt hatten, gehalten worden sei. Nach kurzem Überlegen bestätigte Gen. Molotow dies. Er meinte, die Kenntnis dieses Referats sei jedoch wichtig und er werde mit den zuständigen Stellen darüber sprechen, ob es nicht zweckmäßig sei, es auch den befreundeten Botschaftern zur Kenntnis zu bringen.“ 3 Dies kann als Versuch gelten, den diplomatischen Apparat auf hoher Ebene - jenseits institutionalisierter Formen - zu einer Steuerung der Destalinisierung zu nutzen. Von sowjetischer Seite sind nur vereinzelt weitere Aktivitäten in dieser Hinsicht bekannt.
Dass ein eindeutiger Weg von sowjetischer Seite nicht vorgeschrieben wurde, konnte an der Behandlung als „Parteiangelegenheit“ gelegen haben. Warum aber gab es dann keine geheime Konferenz der Parteispitzen unmittelbar nach dem Parteitag? 4 Die Art der Übermittlung der Rede brachte nicht nur Verunsicherung in die Rezeption der anderen Parteiführer; es ermöglichte auch die Ignoranz und abwartende Haltung der „stalinistischen“ Führungen. Immerhin notierte Novotny, dass man in Moskau überreingekommen sei, alle Parteimitglieder über Stalin zu informieren und nicht zu verhindern, dass „nach oben kritisiert wird“. 5 Dem folgte man in der DDR nicht. Dort wollte man zunächst einer
1 Die Vertreter der "Bruderparteien" nahmen nicht an der geschlossenen Sitzung teil; sie wurden infor-miert, indem man ihnen - wie im Falle der DDR-Führung - in ihren Quartieren die Rede vorlas, die mit-geschrieben werden konnte. (Schirdewan 1994, S. 77) Am 27.2. soll Chruschtschow die 1. Sekretäre "über den Inhalt des Referats" informiert haben mit der Auflage, es als parteiinterne Angelegenheit zu behandeln, was aber wohl nicht für alle zutrifft. (Kaplan 1992 nach Foitzik 1995, S. 67; Foitzik 2001, S. 32f.) Andere Autoren sprechen davon, dass die Ostblockführer bereits am Abend des 25.2. in den Kreml eingeladen wurden, wo sie den Text erhielten, um sich mit ihm vertraut zu machen. (Informatio-nen von Roy Medvedev 1990, Holzer 1996, S. 14) Die ungarische Seite soll von zwei Mitarbeitern der ZK Abteilung für internationale Beziehungen informiert worden sein, die eine Abschrift der Rede mitbrachten. Die Fragen aber, ob diese Rede mit nach Ungarn genommen werden und das Material dort genutzt werden könne, wurde negativ beantwortet. Es blieben nur zwei bis drei Stunden für die stenographische Mitschrift einer Simultanübersetzung durch Rákosi selbst. Rákosi 1999, S. 11 f.
2 Als Beispiel hierfür kann auch die Rehabilitierung B. Kuns gelten, bei der die ungarische Partei nicht in der Lage war, den hierzu geplanten Pravda-Artikel zu erhalten und ihn "blind" zum Nachdruck freigab. Rákosi erhielt in dieser Angelegenheit keinen Zugang zu Chruschtschov. Rákosi 1999, vgl. auch SUUK 1, S. 49.
3 Aktenvermerk über eine Unterredung Königs mit Molotov v. 13.3.1956; MfAA der DDR, A 146, Bl. 376. Egal ob Molotov tatsächlich so „verwirrt“ war, oder ob es nur eine Testfrage war, eine geringe Institutionalisierung war es in jedem Falle. Eine Übergabe an die Botschaft dürfte jedoch nicht erfolgt sein.
4 Die diesbezügliche Behauptung von Kaplan 1992, S. 38 (nach Foitzik 1995, S. 67) kann nicht bestätigt werden.
5 Madry 2001, S. 229. Novotny soll das Verhalten Ulbrichts kritisiert haben.
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offiziellen Information der KPdSU nicht vorgreifen - eine Position, die sich im Politbüro durchsetzte. Ulbricht soll dann an Chruschtschov mit der Bitte um Information geschrieben haben. Er entschuldigte sich, dass er zu einer Reaktion vor einer offiziellen sowjetischen Stellungnahme gezwungen worden sei und drängte auf einen Leitartikel der Pravda als Richtlinie für die Diskussion. 1 Die DDR-Führung ließ es sich immerhin von der KPdSU genehmigen, eine Information über die Geheimrede im ZK zu geben. Einfluss auf die Art der Information, den Verlauf der Diskussion und die Beschlüsse hatte dies jedoch nicht; diese richteten sich nach den inneren Kräfteverhältnissen in der SED. 2
Die geringe Koordination des Umgangs mit der Geheimrede - bis hin zur Verbreitung der Rede in Polen, die Chruschtschov nicht unterbinden konnte 3 - ist ein erster Hinweis auf die institutionalistischen Probleme der Krisenprozesse des Jahres 1956. Diese Probleme reichten aber noch tiefer. Eine Institutionalisierung, die auf den Mechanismen unserer oberen Ebenen beruht, bedarf als Voraussetzung ein Mindestmaß an semantischer Präzision der verwendeten Begriffe wie ihrer Repräsentation in den shared schemas. Während die negativen Bezeichnungen wie „Verbrechen Stalins“ klare Assoziationen ermöglichten, bleiben die positiven Begriffe wie „Demokratie“ in ihrem neuen Kontext eher vage und definitionsbedürftig. 4 Die Reaktionen im Ostblock waren mindestens ebenso offen. Es gab aber eine noch grundsätzlichere Ebene der Deinstitutionalisierung. Mit der „Entstalinisierung“ gerieten nicht nur die bisherigen Inhalte des Sozialismus ins Wanken, sondern ihr institutionalisierter Übertragungsmechanismus zwischen den Parteien. Dies betrifft das Problem einer blockweiten inhaltlichen Steuerung der „Destalinisierung“. Die diesbezügliche Habitualisierung wurde aufgebrochen: „Der Personenkult um Stalin lag der weitverbreiteten Überzeugung zugrunde, dass die Autorität der UdSSR und ihre Urteile allgemein anerkannt waren. Nach dem Scheitern dieses Kults mussten viele sich selbst fragen, ob die Autorität der KPdSU wirklich unanfechtbar war. Hat diese Partei jetzt auch recht, nach allen begangenen Fehlern und Verbrechen? Dies alles wurde nicht öffentlich, sondern 'im engen Kreis' innerhalb vieler Parteien besprochen, manchmal offen und direkt in freundschaftlichen Diskussionen mit den sowjetischen Kollegen.“ 5 Dies bot Raum für unterschiedliche Schemata und Nutzenkalküle.
Der XX. Parteitag bietet somit für unsere Fragestellung eine besonders interessante Konstellation: Der taken-for-granted Charakter der Parteitagsbeschlüsse wirkte noch; andererseits bedeutete ihre getreue Umsetzung eine deutliche Gefährdung für die Parteiführungen zwischen Berlin und Sofia, also einen Zwang zum Kalkül. Beginnen wir mit
1 Schirdewan 1994, S. 81; Foitzik 1995, S. 76.
2 Schirdewan 1994, S. 82ff. Auf der 3. Parteikonferenz im März 1956 wurde die Rede auf einer Geheimsitzung verlesen worden. Ulbricht soll Schirdewan gedrängt haben, die Rede verkürzt und „schnell“ zu verlesen. Dieser ignorierte dies jedoch. Die Weitergabe wurde aber stark reglementiert. Dabei scheint Ulbrichts Auffassung maßgeblich gewesen sein. Foitzik 2001, S. 44. Vgl. die Rede Schirdewans auf der 26. ZK-Tagung am 22.3.1956 und die anschließende Diskussion in: Hoffmann, Schmidt, Skyba 1993, S. 237 ff.
3 Die Grundlage hierfür war ein Beschluss des Sekretariats der PVAP vom 27. März, die Rede für den Parteigebrauch drucken zu lassen. Vgl. Foitzik 1995; Czubinski 1995, S. 90. Dudek 1999, S. 30. Offiziell wurden mehr als 3000 Exemplare gedruckt, inoffiziell aber nochmals 15-20000. Dies war auch eine Reaktion auf die Informationen, die über „Voice of America“ nach Polen kamen. Kramer 2006, S. 3f. Auf der Konferenz der Parteispitzen im Juni 1956 beklagte sich Chruschtschow über die Verbrei-tung der Rede in Polen und diskutierte mit Ochab darüber. Rakosi 1999, S. 15f. Die These von Holzer, dass die Verbreitung der Rede in Polen von Chruschtschow selbst ausging, ist eher spekulativ. Holzer 1996, S. 16. Am 10.4. beschloss das ZK-Sekretariat der PVAP zwar, die Verbreitung der Geheimrede einzuschränken und nur Funktionären mit vollem Wortlaut bekannt zu machen. Die Verbreitung war damit aber nicht mehr einzudämmen. Foitzik 2000, S. 35f.
4 Zagladin 1996, S. 22.
5 Zagladin 1996, S. 26. Die politischen Schlussfolgerungen waren in Polen besonders deutlich. Dudek 1999, S. 30.
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dem Beispiel CSR: "In dieser Situation gab es für die KPTsch-Führung - im Interesse ihrer Machterhaltung - nur einen Ausweg: einerseits die Ergebnisse des XX. Parteitages der KPdSU zumindest formell zu akzeptieren und andererseits die Aufmerksamkeit der Gesellschaft von der Verantwortung für die Anwendung der kritisierten Methoden in der Tschechoslowakei, somit von der eigenen belasteten Vergangenheit, abzulenken." 1 Die Umsetzung war somit auch weit entfernt von einem imperialen Automatismus. Hinter der formalen Fassade des Umsetzens versteckte sich Zögern oder sogar Gegensteuern. Die Reaktionen auf den Destalinisierungsimpuls zeigen anschaulich, dass die ursprüngliche „Hierarchie“ von Parteibeschlüssen im wesentlichen auf Mechanismen unserer Ebenen 5/6 fundiert war; diese war aber nun „gestört“. In der Politbürositzung am 2. März wurde der Vorschlag von Parteichef Novotny, eine Diskussion zur Frage des Personenkults in der Partei zu initiieren, abgelehnt. Im Gegensatz zu Novotny, dem als einzigem zu diesem Zeitpunkt die Geheimrede bekannt gewesen sein soll, agierte die Parteiführung einfach auf der Basis der offiziellen Parteitagsdokumente und dem entsprechenden Bericht der Teilnehmer. Die angesprochene Deinstitutionalisierung der Übertragungskanäle senkte die
Institutionalisierung auf eine Ebene, auf der angemessenes Handeln mit dem politischen Überlebenskalkül „verrechnet“ werden konnte. Man las die Parteitagbeschlüsse in diesem Sinne, als ob die Kritik an Stalin nicht relevant sei. Damit war eine Diskussion in der Partei natürlich nicht zu verhindern (insbesondere nachdem Novotny Ende März das ZK über die Geheimrede und ihre Implikationen informiert hatte) wie ihre Ausweitung in verschiedene gesellschaftliche Bereiche. Diese ließ man im Verlaufe des Aprils gewähren und versuchte sie zu „lenken“, ohne dass ein äußerer Einfluss bedeutsam gewesen wäre. 2 Ein Brief des ZK der KPdSU vom März, in dem die Parteiorganisationen der KPC zum Kampf gegenparteifeindliche Elemente aufgerufen wurden, konnte die beginnende Diskussion nicht stoppen. 3 Allerdings soll die Entscheidung vom 2. Mai, die Diskussion für beendet zu erklären, auf einer sowjetischen Intervention beruht haben. 4 Sicherlich waren dabei Signale aus Moskau von Bedeutung, so wenn Chruschtschov in einer Rede zum 1. Mai Kritik an der polnischen Entwicklung bekundete. 5 Allerdings zeigte gerade dieser 1. Mai die Erosion der symbolischen Dominanz der UdSSR wie der Einheit des Lagers. Erstmals wurde gegen das einheitliche „Porträt-Ritual“ auf den Kundgebungen verstoßen. 6 Für die CSR ist der zeitliche Zusammenhang zu sowjetischen Signalen deutlich. Es bleibt allerdings zweifelhaft, ob die Hinweise sowjetischer Diplomaten, dass „auch in der CSR in der Diskussion im Anschluss an den XX. Parteitag (…) gewisse Mängel spürbar seien“ und in der Presse Anschauungen auftauchten, „die sich nicht mit der herrschenden politischen Ordnung deckten“, als alleiniges Movens für einen Kurswechsel ausgereicht hätten. Von erheblicher Bedeutung waren der Druck der Funktionäre und ein Stand der Diskussion, der eine Gefährdung des "Machtmonopols der KPC" wahrscheinlich werden ließ. 7 Ausschlaggebend dafür, dass die Hierarchie an dieser Stelle so reibungslos funktionierte, war wohl das Selbsterhaltungsinteresse der Parteiführung, das durch die sowjetischen Hinweise
1 Sikora 1996, S. 74.
2 Möglicherweise beruhte die Taktik, wirtschaftspolitische Fragen in den Vordergrund zu schieben, auf einer sowjetischen „Empfehlung“, wie das in Ungarn der Fall war. Es wurden "lautstarke Kampagnen formeller und oberflächlicher Reorganisation" organisiert. Sikora 1996, S. 74.
3 Madry 2001, S. 229.
4 Foitzik 1995, S. 74.
5 Madry 2001, S. 230f.
6 Im Gegensatz zur KPdSU zeigte die chinesische Führung trotz einer chinesischen Nachfrage Stalin-Porträts. In Polen dagegen wurden Porträts soeben rehabilitierter KP-Führer aufgestellt. Prozumenscikov 1998, S. 158.
7 Kaplan 1996, S. 40 f. Kaplan stellt zwar letztere Motive in den Vordergrund, meint aber trotzdem, dass man „prompt“ auf den „Druck von außen“ reagierte. Der sowjetische Botschafter bekundete am
4. Mai seine Zufriedenheit über das Vorgehen des KPC-Politbüros. Die KPC-Führung begann bereits am 22.4. in einem Schreiben an die Parteiorganisationen der Kritik an Spitzenfunktionären entgegen zu steuern. Madry 2001, S. 230f.
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gefördert wurde. Insgesamt schwankten die Reaktionen der KPC-Führung zwischen der „normalen“ Willfährigkeit gegenüber sowjetischen Vorgaben und innerem politischem Kalkül, es widersprüchlich verbindend. 1 Trotzdem distanzierte sich Novotny intern von der sowjetischen Kritik an Togliatti, der den Stalinismus mit Systemeigenschaften in Verbindung gebracht hatte - dies im Gegensatz zur Ulbrichtschen SED-Führung, die sich sofort hinter die KPdSU-Führung stellte. Auch die SED-Spitze hatte auf der Grundlage sowjetischer „Signale“ Anfang Mai eine härtere Gangart gegen abweichlerische Parteiorganisationen beschlossen. 2
Andererseits bewahrte die SED-Führung bekanntermaßen Distanz, wenn es um den Nachvollzug der Entstalinisierung ging. Chruschtschov beklagte sich im direkten Gespräch mit K. Schirdewan darüber, dass Ulbricht durch seine starre Haltung bei der Auswertung des XX. Parteitags so große Schwierigkeiten anhäufte. Er solle sich den Problemen der DDR zuwenden. Andere Einflussversuche sind allerdings nicht nachweisbar. 3 Sowjetische Beobachter berichteten über die Empörung in der engeren Führung wie der Parteibasis der SED darüber, dass Ulbricht über die Fehler Stalins in einem Ton sprach, als ob er am Personenkult nicht beteiligt gewesen wäre. Er träte auf wie ein unfehlbarer Führer, der sich darauf verlässt, dass die Parteimassen ohne Beweise und Erläuterungen jedes seiner Worte glauben. 4 Einen völlig eigenständigen Weg ging auch die chinesische Führung bei der Rezeption des XX. Parteitags. Zunächst verbot Mao die Zirkulation der Geheimrede selbst im Parteiapparat. Zudem kam Kritik am einseitigen Vorgehen der sowjetischen Führung auf. Der anfängliche Versuch, Teile des Monuments „Stalin“ zu bewahren, wandelte sich zunehmend in eine eigenständige Kritik. Letztlich ging die chinesische Parteiführung in die Offensive und startete Ende April/ Anfang Mai 1956 die Kampagne der „100 Blumen“. 5
Die erwähnten Mechanismen der Deinstitutionalisierung wirkten auch und gerade beim „besten ungarischen Schüler Stalins“, bei Rákosi. Dieser versuchte auf dem Märzplenum seiner Partei die Delegierten zu überzeugen, dass seine Politik mit dem XX. Parteitag übereinstimmte, erfuhr aber von einer Reihe von Delegierten eine ungewöhnlich deutliche Kritik. 6 Die Auswertung und Umsetzung der Parteitagsbeschlüsse der KPdSU gehörten hier in besonderem Maße zum politischen Ritual. Dennoch konnten Rákosi und Hegedüs in Ungarn gleichzeitig den alten Kurs fahren und dem sowjetischen Botschafter Andropov über die positiven Resultate berichten, die bei der Umsetzung der Beschlüsse des XX. Parteitages und besonders der Frage des Personenkults erreicht wurden. Als Kriterium für die Führung galt zwar ihre Fähigkeit, die Beschlüsse des XX. Parteitags umzusetzen, die von „rechten Opportunisten und feindlichen Elementen“ in Frage gestellt wurde. Trotzdem genügte es, über die Maßnahmen der Partei wie eine Rede Rakósis vor dem Budapester Parteiaktiv aufzuzählen und die Schlüsselbegriffe des XX. Parteitages wie „innerparteiliche Demokratisierung“ zu nennen. 7 Rákosis berichtete gegenüber der sowjetischen Seite offensiv über die Bemühungen der ungarischen Führung, ihren „Kampf gegen den Personenkult“ und
1 "Die Prager Führung war nicht nur Ausführungsorgan der sowjetischen Politik und der Interessen Moskaus, sondern vertrat mitunter auch noch härtere Standpunkte." Kaplan 1996, S. 42.
2 Foitzik 1995, S. 78.
3 Schirdewan 1994, S. 83.
4 Dies berichtete der Pravda-Redakteur Naumov am 12.4.1956 an seinen Chefredakteur Shepilov wie den sowjetischen Botschafter in der BRD. SUUK, S. 50 f. Anm. 5.
5 Vámos 2006, S. 3 f.
6 Granville 2004, S. 17.
7 Dabei wurde erwähnt, dass die Verantwortung für die Politik der Vergangenheit in erster Linie bei der ungarischen Führung liege. Dies sei notwendig, da feindlichen Elemente die gesamte Verantwor-tung für die Abweichungen in der Justizpolitik auf die Führung der KPdSU schieben würden. Dies könnte durchaus als "Wink" verstanden werden, die ungarischen Genossen nicht die Konsequenzen sowjetischer Politik tragen zu lassen. Andropow an MID v. 29.4.1956; SUUK bzw. IA 1993, S. 106.
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die Nutzung der Dokumente des XX. Parteitages als „wichtigste Waffe“ für seine völlige Liquidierung, als ob er der Logik der Ebenen 5/6 folgen würde. Tatsächlich agierte er auf Ebene 3 (Angemessenes Verhalten sollte die weitere Unterstützung der UdSSR sichern), dieses mit dem Selbsterhaltungskalkül auf Ebene 1 virtuos verbindend. Natürlich wurden die Informationen aus der SU genau, wenn auch selektiv wahrgenommen. So bemerkte Rákosi, dass auf dem Juniplenum des ZK der KPdSU wieder positive neben den negativen Seiten Stalins eine Rolle spielten. 1 Er lenkte die Aufmerksamkeit des sowjetischen Botschafters auf den Umstand, dass sich beim Studium der Dokumente des XX. Parteitages eine Reihe von Fragen ergaben, die nicht der Festigung „unserer“ Position dienten. Die Frage des Personenkults besitze eine Schattenseite, die man beachten müsse. Diese bestünde darin, dass die feindliche Propaganda Enthüllungen über den Personenkult dafür ausnutze, die kommunistische Bewegung und Partei zu diskreditieren. Damit spielt Rakósi geschickt auf ein Axiom an, das wie kein zweites taken vor granted war, die sakrosankte Stellung der Partei, hinter der er sich persönlich verstecken konnte. Auch wenn der Nutzen einer Auseinandersetzung mit dem Personenkult für die Partei größer sei als die Schattenseiten, müsse man sich darum bemühen, dass die Feinde so wenig es ginge eine Möglichkeit zur Ausnutzung dieser Frage erhalten. Man müsse beachten, dass diese Frage in den Parteien der Volksdemokratien große Verwirrung ausgelöst habe, vor allem unter den „jungen Genossen“. Sie dürfe nicht andere wichtige Probleme, die der XX. Parteitag angesprochen habe, verdecken. 2 Geradezu kunstvoll bedient Rákosi den Ritus der Unfehlbarkeit eines sowjetischen Parteitages, um ihn gleichzeitig in Frage zu stellen. Zu Ansätzen einer Selbstkritik wurde er durch den Druck im eigenen Politbüro gezwungen, nicht durch sowjetische Intervention. 3 Es kam zu der widersprüchlichen Situation, dass die sowjetische Führung mit der Politik des ungarischen Parteichefs unzufrieden war, andererseits aber durch die symbolische Anerkennung seiner Führungsposition den innerparteilichen Wandel deutlich hemmte. Der taken-for-granted Charakter sowjetischer Handlungen wirkte noch geraume Zeit nach. 4 Auch von sowjetischer Seite „blieb der Glaube an die magische Kraft der Entscheidungen, die im Kreml getroffen wurden, selbst dann noch erhalten, als klar wurde, dass die Entwicklung der Ereignisse in der kommunistischen Welt gar nicht so ablief, wie die Moskauer Reformer es geplant hatten.“ Allerdings versuchte die sowjetische Führung am ehesten einen focal point zu produzieren, als sie Mitte 1956 den Beschluss ihres ZK „Von der Überwindung des Personenkults und dessen Folgen“ veröffentlichte. Dies sollte laut Chruschtschov „den Bruderparteien helfen, einige Schwierigkeiten, die durch den Lärm, der von den reaktionären Kräften um die Folgen von Stalins Personenkult hervorgerufen worden sind, schneller zu beenden und zur Lösung der vor ihnen stehenden aktuellen Aufgaben überzugehen“. 5 Sowohl das späte Datum wie der Glaube an die Wirkung dieses
1 Rákosi 1999, S. 16.
2 Diensttagebuch Andropovs v. 25.3.1956; SUUK 1, S. 47 ff.
3 Dabei ging es um Rákosis Rede vor dem Parteiaktiv, bei deren Vorbereitung dieser vom Politbüro zum Einbau selbstkritischer Positionen gedrängt wurde. Rákosi berichtete Andropov über den Inhalt seines Vortrages, der den Personenkult konkret als „Personenkult Rákosis“ darstellen sollte. Andropov sah darin einen Wandel in der Haltung des ungarischen Parteichefs gegenüber dieser Frage, die er zuvor mehrfach als erledigt dargestellt hatte. Geschickt verweist Rákosi dann aber auf Auffassungen „feind-licher Elemente“, die besagen würden, dass die Fehler in Ungarn auf Fehler Stalins und Berijas zurück-gingen. Diensttagebuch Andropovs v. 10.5.1956; SUUK 11, S. 77. Die tatsächlich geübte Selbstkritik blieb dann weit hinter den Ankündigungen zurück. Gegenüber Voroshilov hob er seine Befürchtungen gegenüber weiteren Enthüllungen hervor, seine Verbindung zum „Personenkult“ und die Vorwürfe, er könne die Beschlüsse des XX. Parteitages nicht durchsetzen. Granville 2004, S. 16f.
4 Kadar beklagte sich später darüber, dass die UdSSR im April 1956 ein „Grußtelegramm“ an Rákosi gerichtet und damit Verwirrung in der Partei ausgelöst hatte. Dort hielt man dies für eine Unterstütz-ung Rákosis. Laut Kadar habe somit auch nach dem XX. Parteitag gegolten: Rákosi zu kritisieren, hätte bedeutet, gegen die sowjetischen Genossen aufzutreten. SUUK 155, S. 542 f. Granville 2004, S. 18.
5 Prozumenscikov 1998, S. 159.
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Mechanismus zeigen die Armut der Institutionalisierungen, die einer Krisensituation kaum gewachsen sein konnten.
Auch wenn die Annahme plausibel ist, dass die sowjetische Führung selbst keine „globale antistalinistische Säuberung“ angestrebt hatte 1 , bleibt die Tatsache, dass sowohl der sowjetischen Führung und mehr noch allen Gremien des Ostblocks die Mechanismen (sozusagen die „Institutionen“) fehlten, um eine Feinsteuerung der Entstalinisierung in ihrem „Imperium“ zu realisieren und dies bereits vor dem Umschlagen in eine allgemeine Krise. Der Hierarchieanreiz war für die sowjetische Seite gemindert, wollte man nicht innere Destabilisierungen der Bruderparteien riskieren. Die Zentralisierung sank jedenfalls mit dem Wechsel der Institutionalisierungsebene auf das Niveau einer Hegemonie, teilweise sogar einer ungleichen Allianz. Ansätze zu einer Senkung der Hierarchie, zu einem Kontrollverlust der sowjetischen Imperialmacht hatte es bereits seit 1953 gegeben. 2 Dieser erreichte nun ein neues Niveau. Er beruhte im Kern auf einer Deinstitutionalisierung auf den Ebenen 5 und 6. Die Ebene 4 wurde nur unzureichend eingesetzt, um dies zu kompensieren. Dies traf auf einen hohen Anreiz zu selbständigem Handeln bei den „Satelliten“. Der entscheidende Mechanismus konnte sich auf somit auf Ebene 3 oder darunter verschieben. Präziser formuliert standen die abgeschwächten Mechanismen der Ebenen 4-6 in einem Spannungsverhältnis zu den Interessen der anderen Parteiführer. Die Destalinisierung produzierte für diese deutliche Kosten, kognitiv-emotionale wie materielle. Dennoch glaubte die sowjetische Führung, dass traditionelle Mechanismen auf der Ebene 4 ausreichen würden, um die Probleme in den Griff zu bekommen. Dies zeigt sich vor allem bei der Reaktion auf die Entwicklungen in Ungarn.
4.3) Die politische Krise in Ungarn
4.3.1) Sowjetische Einflussnahme
Mitte 1956 war klar, dass in Ungarn und Polen aus der Destalinisierung eine politische Krise entstanden war. Bei deren Analyse sollen die Informations- und Kommunikationskanäle betrachten wie die institutionellen Mechanismen, die genutzt wurden, um den drohenden Trend der Destabilisierung aufzuhalten.
Im April 1956 erhielt die sowjetische Führung über diplomatische Kanäle Informationen über eine Führungskrise in der ungarischen Partei, in deren Zentrum Fragen wie die Rehabilitierungen, die „Angelegenheit Farkas“ 3 und personelle Veränderungen der Führung standen. Letzteres führte bei Botschafter Andropov zu dem Hinweis, dass die sowjetische Führung - ungeachtet der Tatsache, dass die ungarischen Freunde in dieser Frage nicht um den sowjetischen Rat gebeten hatten - darüber Gespräche führen sollte, um die Besorgnisse
1 Holzer 1996, S. 19.
2 Dies zeigt sich ja bei der Durchsetzung des Neuen Kurses in der DDR wie in Ungarn. Im Februar 1956 musste Rákosi wegen des ungarischen Widerstands gegen einen Rüstungsdeal zurechtgewiesen werden. Die Hierarchie erreichte hier das Niveau eines Dominions; bei den Personalfragen, der Wirtschafts-planung u.a. zeigten sich aber die „fluctuating degrees of control the CPSU leaders had over domestic Hungarian politics“. Granville 2004, S. 8 u. 11ff.
3 Farkas war vor 1954 Verteidigungsminister und im ZK für das Innenministerium und den Geheim-dienst zuständig, zudem ein Mitarbeiter des sowjetischen Nachrichtendienstes. Er war führend an den Schauprozessen gegen Rajk u.a. beteiligt und wurde 1954 aus dem Politbüro, 1955 aus dem ZK und 1956 aus der Partei ausgeschlossen. Nun ging es darum, ihn vor Gericht zu stellen. vgl. Hodos 1990. Farkas geriet als Symbolfigur der stalinistischen Gewaltherrschaft im Zusammenhang mit Rehabiltie-rungen unter schweren Druck, so dass eine Untersuchungskommission gebildet wurde. Es blieb nur die Frage, wie man mit dem „Bauernopfer“ verfahren sollte, ohne die ganze Führung mit in den Strudel zu reißen. vgl. Rákosi 1999.
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an einer Erweiterung des Politbüros offen auszudrücken. 1 Dies zeigt einen Willen zur „Hierarchie“, der allerdings durch die Logik des Angemessenen gehemmt scheint und damit bestenfalls eine starke Hegemonie intendierte. Allerdings traf sich ein sowjetisches Eingreifen mit den Wünschen relevanter Teile der ungarischen Führung. Gemäß neuer Forschungen gab es ein massives Eingreifen der sowjetischen Seite in diese Angelegenheiten. Das KPdSU-Präsidium hatte bereits Anfang Mai beschlossen, Suslov als Sonderemissär nach Budapest zu schicken, hatte dies dann aber hinausgeschoben. 2 Allerdings bat auch das Politbüro der UAP die sowjetische Seite um „Rat und Hilfe“ in der „Angelegenheit Farkas“ und äußerte den Wunsch, dass Suslov nach Ungarn komme, da dieser am Märzplenum von 1955 teilgenommen hatte und mit den Problemen vertraut sei. 3 Dieses „Hilfegesuch“ blieb nicht unumstritten, hielten Kritiker Rákosis es doch für einen Versuch des Parteichefs, seine Situation zu erleichtern. Bemerkenswert ist aber die Stellungnahme des „2. Mannes“ hierzu: E. Gerö drückte seine Befriedigung darüber aus, dass das Politbüro sich um Hilfe an das Präsidium des ZK der KPdSU gewandt habe. So könnten er und viele andere Genossen persönlich der Instanz begegnen, von der man Unterstützung erwarten könne in der komplizierten Situation, in der sich die UAP-Führung gegenwärtig befinde. Dies bedeutet eine „gewollte“ Institutionalisierung auf der Ebene 3, die sich aus einer Wirkungsannahme der Ebene 4 ableitet. Dass dabei das Kalkül der Ebene 2/3 im Vordergrund stehen konnte, zeigt ein ketzerischer Einwand während der Diskussion im Politbüro zu dieser Frage, aus dem Bedenken gegenüber einer Dominanz der Ebene 4 zugunsten Rákosis sprechen: „Aber wie werden wir uns verhalten, wenn der Ratschlag des ZK der KPdSU nicht mit dem Standpunkt des Politbüros des ZK der UPW übereinstimmt?“ 4 Hier wird die sowjetische Haltung zu personellen Veränderungen - einschließlich der Parteispitze - getestet. 5
Suslov traf am 7. Juni in Budapest ein und suchte zunächst Gespräche mit der ungarischen Führung. Die im oberen Bereich unseres Schemas fundierten Beziehungen zur engeren Führungsspitze erlaubten einen deutlich höheren Grad an Hierarchie als die Gesamtbeziehung zur UPW. Ein Beispiel hierfür ist die quasi Rechenschaftslegung Rákosis gegenüber Suslov, der - in einem typischen sozialen Zwangsraum - Selbstkritik übte, deren Grad selbst Suslov verwunderte. Trotzdem empfahl sich Rákosi als Stabilitätsgarant und derjenige, der tatsächlich den Geist des XX. Parteitages verkörpere. 6 Als Stabilitätsgarant wurde er auch bei Mitgliedern der sowjetischen Führung wahrgenommen. 7 Es stellt sich die Frage nach der Rechenschaftspflicht der Ungarn und den Kontrollmöglichkeiten der sowjetischen Politik. Über die Grenzen des Einflusses auf die Destalinisierung wurde bereits berichtet. Es genügte für die ungarische Führung, auf gemeinsame Symbole zu verweisen und über einige Aktivitäten der Umsetzung zu berichten, ohne dass deren Substanz überprüft wurde. Ein weiteres Problem dürfte in der begrenzten Informationskapazität der sowjetischen Organe gelegen haben. Während Botschafter Andropov wie auch Suslov über die Spannungen in der Parteiführung recht genau informiert waren, blieb die Situation in weiten Bereichen der Gesellschaft verborgen. So wertete Suslov die Lage unter den Arbeitern und der Mehrheit der Bauern genauso positiv wie die Planerfüllung und die Ernte, was auch nicht verwundert, wenn seine Eindrücke maßgeblich von vorbereiteten Besuchen in einer Kooperative und einem Großbetrieb bestimmt wurden. 8 Daran änderten scheinbar weder die weitreichenden
1 Andropov an MID v. 29.4.1956; SUUK 6. Vgl. auch Pronko 1999, S. 77.
2 Granville 2004, S. 26.
3 Musatov 1993; SUUK 6 u. 7.
4 Diensttagebuch Andropovs v. 4.6.1956; SUUK 12, S. 81.
5 Vgl. auch Granville 2004, S. 30f. Granville meint, dass hier die Ablösung Rákosis gemeint war.
6 Eines dieser Gespräche fand in einem fünfstündigen Enklave während einer Autofahrt statt. Rákosi 1999, S. 27.
7 So von Suslov, Zhukov, Molotov. Granville 2004, S. 25f.
8 Telephonbericht Suslows v. 13.6.1956, SUUK 14.
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Kontakte der sowjetischen Botschaft, die sich allerdings vor allem auf „treue Kommunisten“ bezog, noch nachrichtendienstliche Informationen etwas. Trotz des insgesamt sehr hohen Monitoring-Niveaus ist die Annahme, dass die Botschaft wie die sowjetischen Berater eine totale Kontrolle ausüben konnten 1 , unrealistisch. Die Fehlwahrnehmungen der sowjetischen Vertreter, die Probleme vor allem in der Führungsspitze suchten 2 , waren von ihren Wahrnehmungsmustern bestimmt, aber auch von mangelhaften Informationen. Man verließ sich lieber auf Direktkontakte zu Funktionären statt auf eingehende Analysen. Diese wurden von der Botschaft in der Regel wiedergegeben und kaum kommentiert oder bewertet. 3 Damit ist auch verständlich, dass auf sowjetischer Seite die gesellschaftliche Tiefendimension der Krise in Ungarn erst sehr spät erfasst worden ist. Möglicherweise aus diesem Grund, möglicherweise weil die sowjetische Führung keine relevante Anreizhierarchie produzieren konnte, blieb - wie bereits beschreiben - der Einfluss auf die Umsetzung der Beschlüsse des XX. Parteitags insgesamt gering. 4
Mark Kramer betont, dass Suslov „took a number of steps to bolster Rákosi's position and to forestall any potential challenges to Rákosi at a crucial plenum of the HWP Central Leadership scheduled for mid-July”. 5 Suslov führte Gespräche mit der Führung und gab entsprechende „Ratschläge“, welche die Behandlung der „Angelegenheit Farkas“ und die Erweiterung der ungarischen Führung um junge Genossen „ungarischer Nationalität“ beinhalteten. 6 Diese Informationen deuten auf eine „starke Hegemonie“, die von Rákosi instrumentell zur Lösung der Führungskrise genutzt wurde (Ebene 3) aber auch der Logik des Selbstverständlichen folgte (Ebene 4-6). 7
Tatsächlich stabilisierte Suslov zumindest zeitweilig die Führungsposition Rákosis innerhalb des Politbüros. Zudem gab er detaillierte Ratschläge für das taktische Vorgehen bei der Behandlung der „Sache Farkas“, die insbesondere den institutionellen Raum der Behandlung betraf. Dabei beeinflusste der sowjetische Emissär die Entscheidungen des Politbüros der UAP dahingehend, dass im Zentrum des geplanten ZK-Plenums, das sich exklusiv der „Angelegenheit Farkas“ widmen sollte, nun der neue Fünfjahrplan stehen sollte, die brisante Frage des Personenkults aber nur in zweiter Reihe. (Dies blieb allerdings ohne Einfluss auf die tatsächlichen Ereignisse.) Ebenso scheint Suslov den Vorschlag der Kommission zu den Konsequenzen für Farkas direkt beeinflusst zu haben. 8 Nach seiner Abreise meldete Rákosi der sowjetischen Botschaft prompt, dass das Politbüro die entsprechenden Beschlüsse gefasst hatte. 9 Dies würde einen recht hohen Grad an Hierarchie bedeuten, der nicht nur agenda-
1 Sobetont Felkay für den Anfang der 50er Jahre: „The Soviet Embassy supervised all activities in Hungary. Soviet 'experts' were present in all important agencies.” Felkay 1989, S. 45. Ende 1952 waren im ungarischen Innenministerium 33 Berater tätig - eine hohe Zahl, aber keine omnipotente Lenkungs- und Kontrollgewalt. Die Zahl bei Granville 2004, S. 10.
2 Granville 2004, S. 17ff. u. 27. Granville behauptet eine grundsätzliche „selektive Wahrnehmung“ der sowjetischen Führung in dieser Phase, ohne dies jedoch zu belegen.
3 Dalos 2006, S. 10 f.
4 Vgl. oben So musste auch konstatiert werden, dass die Nichtdurchsetzung der Beschlüsse des XX. Parteitages ein Hauptangriffspunkt der Opposition gegen die Parteiführung sei und diese „Demagogie und Provokation“ das Vertrauen in Arbeiterschaft und Parteibasis stark geschädigt habe. So die Bericht-erstattung des PUW-Politbüros gegenüber Andropov. Andropov an MID v. 29.4.1956, IA 1993, S. 106. Kramer 1998, S. 176 betrachtet dies als Bericht über die „lacklustre response“ der ungarischen Führung auf den Parteitag. Rákosi beklagte nur das „Misstrauen“ sowjetischer Genossen gegen seine Person, aber keinen anderweitigen Druck auf politische Veränderungen. Rákosi 1999, S. 13.
5 Kramer 1998, S. 176 f.
6 Pisarev 1993, S. 6 f.
7 Rákosi äußerte, dass er sehr froh über die Ankunft Suslovs gewesen sei. Rákosi 1999, S. 27. Wie bereits betont, war Suslov auf Wunsch der ungarischen Führung nach Budapest gekommen.
8 Rákosi 1999, S. 28, Telephonbericht Suslovs aus Budapest v. 13.Juni 1956, SUUK 14, Pisarev, S. 7.
9 Dies betraf die Frage, den neuen Fünfjahrplan in den Mittelpunkt des ZK-Plenums zu stellen und die „Angelegenheit Farkas“ als „laufende“ zu behandeln. Weiterhin verpflichtete sich Rákosi, mit einer erneuten Selbstkritik aufzutreten. Diensttagebuch Andropovs v. 18.6.1956; SUUK 15, S. 87.
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setting, sondern direkte Entscheidungspotenzen (mindestens im Sinne einer starken Hegemonie) bedeuten würde. Von Interesse sind allerdings die Mechanismen, derer sich Suslov bediente. Weder konnte er auf eine nichtreflektierte Übernahme seiner „Ratschläge“ vertrauen, noch setzte er relevante zusätzliche Anreize. Seine schärfste Waffe war die Aktivierung des binären Codes der Lagerkonkurrenz. 1 Die Quellen sprechen von „Gesprächen“ mit den Politbüromitgliedern und von „Argumenten“, die diese „überzeugten“, den Fünfjahrplan als zentrales Thema des Plenums zu akzeptieren. Dabei spielte der soziale Zwang der Situation von Einzelgesprächen eine wichtige Rolle (Ebene 4), vor allem aber die externe Produktion eines focal points für eine verunsicherte und uneinheitliche Führungsgruppe. Dabei handelte es sich durchaus um einen wichtigen allgemeinen Mechanismus, auf dem die Hierarchie zur UdSSR beruhte. 2 Er sollte im weiteren Verlauf noch eine zentrale Rolle spielen.
Diese „Lösung“ war insofern fragil, als er im wesentlichen den bisherigen Kurs bestätigte. 3 Immerhin war Suslov in der Lage, die Auffassungen zu modifizieren. Von besonderem Interesse ist aber, dass die angesprochene Hierarchie kaum über den Personenkreis hinausreichte, den Suslov persönlich beeinflussen konnte. Dieser zweifelte selbst daran, ob seine vom Politbüro akzeptierten „Ratschläge“ auch vom ZK-Plenum akzeptiert würden. Für diesen Fall wollte er persönliche Vorschläge gegenüber Rákosi machen, wie das Vorgehen des Politbüros gegenüber dem Plenum gestaltet werden könnte, ohne über einen entscheidenden Einfluss auf diese Ebene anzunehmen. 4 Damit sinkt der Zentralisierungsgrad auf das Niveau einer Hegemonie oder sogar darunter. Der Mechanismus der Suslov-Mission beruhte - neben der wichtigen Ebene 4 - auf der Tatsache, dass die „Ratschläge“ der sowjetischen Seite für die ungarische Führung ein Gut darstellte, das ihre Autorität bei der Durchsetzung der eigenen Beschlüsse stärken konnte - ein Gut allerdings, das starker Entwertung ausgesetzt war. 5 Einhellig betont die ungarische Führung die positive Wirkung der Gespräche auf die „Einheit“ des Politbüros. Gerade aber bei Rákosi stand der internalisierte Führungsstil einer reibungslosen Umsetzung der „Ratschläge“ im Wege. Selbst nach dem Gespräch mit Suslov soll Rákosi die Fehler wiederholt haben, die sich auf seine Autorität auswirken. Nicht nur Konflikte mit Kovacs wie die einseitig negative Einschätzung Jugoslawiens zeigten dies; auch in anderen Fragen deklariere Rákosi seine Auffassung, ohne damit zu rechnen, dass andere Politbüromitglieder möglicherweise nicht seinen Standpunkt annehmen wollen. 6
1 Suslov argumentierte laut des späteren Berichts Mikojans damit, dass die Absetzung Rakosis ein Geschenk an die Amerikaner sei. Vgl. auch Shelizkij 1995, S. 253.
2 Als Novotny sich im Herbst 1953 nicht gegen Zapotocky durchsetzen konnte, bat er die KPdSU-Führung, einige Mitglieder der sowjetischen Führung mögen in die CSR kommen und beurteilen, ob die Linie der KPC richtig sei. Madry 2001, S. 218. Ähnliches trifft auch für die Haltung der ungarischen Parteiführung im Oktober 1954 zu, die sich mit der KPdSU besprechen wollte, auf welche Weise sie die Überprüfung des Rajk-Prozesses für zweckmäßig halte. Ebenso wurde die Abkehr vom „Neuen Kurs“ dadurch bewerkstelligt, dass auf Bitte von Rakósi eine Delegation in die UdSSR fuhr und dort die Kritik an Nagy von der sowjetischen Führung ausführen ließ. Nagy dagegen wollte die Diskussion in der ungarischen Parteispitze führen. Varga 2001, S. 69 u. 74ff.
3 Rákosi stellte in seiner Wahrnehmung des Suslov-Besuches dessen Äußerung in den Vordergrund, dass die KPdSU die Tätigkeit und politische Linie des ZK der UAP für richtig halte. Dies hätten die ungarischen Genossen mit großer Aufmerksamkeit wahrgenommen. Aufzeichnungen Vorosilovs für das Präsidium des ZK der KPdSU v. 26.6.1956; SUUK 19, S. 98.
4 Das Politbüro solle selbst aktiv werden, Einfluss auf die Zusammensetzung des ZK nehmen, um nicht in der Minderheit zu bleiben, und im Falle eines Prozesses eine geschlossene Sitzung anzustreben, um den Feinden keine Nahrung zu geben. Für die Vorschläge gegenüber Rákosi wollte Suslov erst noch die Zustimmung des Präsidiums. Telephonbericht Suslovs v. 13.6.56, SUUK, S. 109.
5 Es sollte sogleich eine Tagung der ZK-Mitglieder und der Gebietsparteichefs einberufen werden, um diese über die „Ratschläge“ Suslovs zu informieren. Diensttagebuch Andropovs v. 19.6.1956; SUUK 16, S. 90.
6 So Hegedüs im Gespräch mit Andropov. Diensttagebuch Andropovs v. 19.6.1956; SUUK 16, S. 91. Rákosi bemühe sich, seine Fehler zu korrigieren, aber in der Tiefe seiner Seele verteidige er die Erinnerungen an die
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Der wichtigste Bereich von Maßnahmen bestand aber in der Veränderung und Erweiterung der Führungsspitze. Um den äußeren Druck, insbesondere des eigenen Zentralkomitees zu mindern, hatte das Politbüro der UAP am 26.4.1956 beschlossen, das ZK und das Politbüro (auf dem nächsten ZK-Plenum) um Vertreter der „Unzufriedenen“ zu ergänzen, insbesondere um Kádár und Revai. Dieser Beschluss wurde gegen einflussreiche Mitglieder wie Rákosi und Hegedüs getroffen, die Botschafter Andropov ausführlich über diese Entscheidung und ihre Vorbehalte gegen die neuen „Kandidaten“ berichteten. Dies hat sicher etwas von einer Rechenschaftslegung, die einer stark hierarchischen Beziehung entspricht, zumal Andropov die Bedenken im wesentlichen teilte. Vor allem aber war es der Versuch, Unterstützung im ungarischen politischen Spiel zu finden und sich gegen zukünftige Probleme abzusichern. Andropov soll seine Führung dazu gedrängt haben, Rákosi größere Hilfe und Beistand zu gewähren, um zu verhindern, dass die Gegner Rákosis weitere „wesentliche Konzessionen an die rechtesten und opportunistischen Kräfte“ durchsetzen. 1 Zunächst ging es Andropov nur darum, dass die in diesem Zusammenhang bestehenden Gefahren für die Einheit der Partei die „ernsthafteste Aufmerksamkeit“ der sowjetischen Führung verdiene. 2 Entscheidend für unsere Fragestellung ist jedoch, dass diese Konsultation der Entscheidung des ungarischen Politbüros folgte und ihr nicht vorausging. So begrüßte Andropov die Möglichkeit, die sowjetischen „Besorgnisse“ im Zusammenhang mit der Erweiterung des Politbüros mitzuteilen, „ungeachtet der Tatsache, dass unsere Freunde nicht um unseren Rat in dieser Frage gebeten haben“ - das heißt ohne sowjetischen Einfluss auf die vorherige Entscheidung. 3
Für das Präsidium der KPdSU war diese Frage durchaus relevant, beauftragte es doch Suslov, bei seiner Ungarnreise die Auffassung des Präsidiums dem sowjetischen Botschafter zu erläutern. 4 Die Spitze der Hierarchie hatte die Frage somit erst eine gute Woche nach der Entscheidung in Budapest erreicht. Es blieb nur eine revidierende Anweisung oder zumindest eine Vetoposition der KPdSU. Die dortigen Bedenken übermittelte Andropov der ungarischen Führung, allerdings in eher defensiver Weise. Als Rákosi seine diesbezüglichen Zweifel zum Ausdruck brachte, erklärte der sowjetische Botschafter in Übereinstimmung mit den empfangenen Anweisungen, dass in Moskau die Befürchtung des Parteichefs und anderer ungarischer Genossen, dass die Einbeziehung Révais und Kádárs nicht der Festigung der Führung und ihrer Autorität diene, vollkommen teilt. Aus den Ausführungen Rákosis konnte Andropov klar erkennen, dass dieser nicht für die Aufnahme Kádárs und Révais eintreten würde. Aber die komplizierte Lage zwinge ihn dazu, mit der Auffassung der anderen Politbüromitglieder zu rechnen, die diese Sache anders entschieden hatten, weil sie mit der Wahl der Genannten auch gegen das Politbüro rechneten. 5 Nachdem Rákosi die sowjetische Auffassung zu nutzen versuchte, fragten Führungsmitglieder bei Andropov nach, ob es wahr sei, dass es in Moskau Besorgnisse wegen der Aufnahme Kádárs und Révais in die Führung gäbe. Die Bestätigung Andropovs führte nicht zu einer Revision der Entscheidung, sondern zur Verteidigung derselben. Der designierte ZK-Sekretär Kovács äußerte seine Unzufriedenheit damit, dass es bei den Moskauer Genossen in dieser Frage eine andere Auffassung gäbe; persönlich halte er aber die Entscheidung für richtig, obwohl sie nicht frei
Zeit, als ein einzelner Wille im Politbüro Gesetz war. So Kovacs gegenüber Andropov. Diensttagebuch Andropovs v. 7.5.1956; SUUK 10, S. 73. Vgl. dass. v. 5.6.1956, ebenda, S. 84.
1 Kramer 1998, S. 176.
2 Andropov konstatiert nur, dass seiner Meinung nach die ungarischen Genossen mit der Aufnahme von Révai und Kádár ins Politbüro gegenüber den „rechten und demagogischen Elementen“ ernsthafte Zugeständnisse machen, um auf diese Weise die Kritik von deren Seite zu schwächen. Obwohl Andro-pov den ungarischen Genossen seine „Besorgnisse“ mitteilt, enthält die Quelle keine eindeutige Nega-tivbewertung dieses Vorgehens oder Vorschläge zur Stützung von Rákosi. Andropov an MID v. 29.4.1956; SUUK 6, S. 63 ff.
3 Andropov an MID v. 29.4.1956 SUUK 6, S. 63 ff.
4 Auszug aus Protokoll der Präsidiumssitzung v. 3.5.1956; SUUK 7, S. 66.
5 Diensttagebuch Andropovs v. 6.5.1956; SUUK 9, S. 70.
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von Risiken sei. Er bat Andropov „objektiv“ nach Moskau zu berichten, damit dort klar würde, dass das Politbüro trotz einiger negativer Seiten so handeln musste. Andropov reagierte darauf etwas unwillig mit dem Hinweis, dass die sowjetische Einschätzung doch auf den Informationen der ungarischen Genossen beruhe; ernsthafte Bedenken äußerte er nicht mehr. 1 Ein entschiedenerer Einfluss blieb also der Mission Suslovs überlassen. In seiner Analyse dieser Angelegenheit schlussfolgerte Suslov, dass die Politik der neuen Mitglieder in der ungarischen Spitze der sowjetischen Politik in der „Angelegenheit Farkas“ widersprach, da sie diese gegen Rákosi auszunutzen versuchten und damit die Einheit der Führung gefährdeten. Zudem habe sich ein bedeutender Teil des Politbüros gegen diese Entscheidung ausgesprochen. Worin bestand aber „Suslov's strong backing for Rákosi“ (Kramer) auf personalpolitischem Gebiet? 2 Möglicherweise verhinderte er, dass die Frage einer Ablösung des Parteichefs auf die Tagesordnung kam. 3 Zunächst konstatierte Suslov, dass es nicht korrekt sei, die Unzufriedenheit nur auf die feindlichen Elemente zu schieben. Auch „ehrliche Kommunisten“ seien mit der Führung, vor allem mit Rákosi unzufrieden, wegen seines mehrfachen politischen „Zickzackkurses“. Trotz aller Bedenken, dass die politische Linie Kádárs die Einheit der Partei gefährde, gewann er den Eindruck, dass Kádár nicht negativ zur UdSSR eingestellt sei und seine Einbeziehung ins Politbüro die Unzufriedenen beruhigen und Kádár moralisch binden würde. Vor allem aber hielt Suslov eine eindeutige Parteinahme nicht für sinnvoll: „Da das Politbüro (der PUW) in dieser Frage faktisch positiv entschieden hat, und dies hier viele wissen, halte ich es für unzweckmäßig, dass wir gegen diesen Vorschlag auftreten.“ 4 Hier handelt es sich um den Verzicht darauf, Einfluss bzw. eine Vetoposition - unabhängig von den Wirkungsmöglichkeiten - geltend zu machen, da dieser im Gegensatz zu den formalen Entscheidungsabläufen stand, damit als nicht angemessen galt. Die selbständige, vorgängige Entscheidung zeigt, dass dieser Einfluss zumindest in großen Teilen des ungarischen Politbüros nicht als taken for granted aufgefasst wurde. Das PUW-Politbüro bestätigte nach der Abreise Suslovs die frühere Entscheidung, dem ZK zu empfehlen, Révai und Kádár ins Politbüro zu wählen. 5
Es gab also Zeichen dafür, dass ein institutionalisierter Einfluss auf Personalentscheidungen nicht (mehr) unproblematisch war. 6 Die Kritik von DDR-Diplomaten, dass die personalpolitischen Entscheidungen zur Erweiterung der Führung zu spät kamen und die Partei mit Verspätung wieder in die Offensive gekommen sei, ist indirekt auch eine Kritik an der Ersatzinstitutionalisierung durch den sowjetischen Einfluss. 7 Der hier geschilderte traditionelle Mechanismus einer Delegation hochrangiger KPdSU-Funktionäre wurde später durch die Missionen Mikojans und Suslovs fortgesetzt. 8 Es gab allerdings Alternativen: die Beziehungen der „anderen“ Ostblockstaaten und die multilaterale Koordination auf Blockebene.
1 Diensttagebuch Andropovs v. 7.5.1956; SUUK 10, S. 74 f. Auch Gerö wies auf die „Risiken“ der Entscheidung hin, verteidigte sie aber insgesamt als „unzweifelhaft“ (!) von Nutzen in der gegenwär-tigen Situation. Kádár und Révai seien gefährlicher außerhalb der Führung als in ihr. Ihre Selbstkritik sei aber die Voraussetzung für die Aufnahme in die Führung. Dieser spezifische Ritus konnte auch die sowjetische Seite beruhigen. (Ebene 5). Gespräch Andropovs mit Gerö v. 11.5.1956, SUUK, S. 76, Anm. 9.
2 Kramer 1998, S. 176 f.
3 J. Granville nimmt an, dass es seit Frühjahr 1956 Bemühungen in diese Richtung gab, so bei Hegedüs oder Kovács. Granville 2004, S. 27. Völlig sicher ist dies jedoch nicht.
4 IA 1993, S. 109; Granville dagegen stellt die Einschätzung Suslovs als ursächlich für die Entscheidung dar.
5 Dies wie einige andere Personalentscheidungen teilte Rákosi Andropov mit. Diensttagebuch Andropovs v. 18.6.1956; SUUK 15, S. 67.
6 Hier kann man sogar Bulgarien anführen, wo im April 1956 Tscherwenkov durch Shivkov ersetzt wurde, ohne dass man sich darüber mit Moskau verständigt hatte. Volkov 1999, S. 7.
7 Bericht Lützkendorfs über die Lage der UAP v. Aug. 1956; MfAA der DDR, A 9256, Bl. 8.
8 Mikojan und Suslov waren bereits 1948 - 1951 jedes Jahr in Ungarn gewesen.
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4.3.2) Horizontale Institutionalisierung: die Abstimmung der „Satelliten“
Eine gewisse Stabilisierung des Verhaltens konnte sich aber auf einer anderen Ebene realisieren. Die angemessene Lesart der Umsetzung zu finden, war nicht nur eine Interaktion zwischen Zentrum und Peripherie; die „Vasallen“ verständigten sich auch untereinander. Zudem wird jetzt zunehmend danach gefragt, ob es sich um „Satellites or prime movers“ handelte. 1 Deshalb wird diese Ebene hier immer wieder eine Rolle spielen: „While the Soviet Union dominated the satellites in the 1950s, these satellites were also heavily influenced by their ‚fraternal socialist’ neighbors and Yugoslavia.“ 2
Die hierzu genutzten institutionellen Räume lagen zumeist jenseits des Offiziellen, sie reichten von der Parteitagslobby bis zum Urlaubsort. 3 Dennoch wurden Informationen über das Verhalten der anderen Parteiführungen in vielfacher Hinsicht genutzt. Immerhin bezog sich Rákosi bei seiner Einschätzung der Destalinisierungsprobleme gegenüber der sowjetischen Seite direkt auf das Vorgehen Ulbrichts. Gab es also eine geheime Allianz der Stalinisten in den Satellitenstaaten? Erstaunlicherweise ging es Rákosi aber um eine Kritik am überstürzten und „insgesamt nicht durchdachten“ Auftreten Ulbrichts, das starkes Unverständnis unter den Parteiaktivisten hervorgebracht und den Feinden Nahrung gegeben habe. Die Überstürzung, mit der die DDR-Führung gehandelt habe, trage nicht zum erfolgreichen Kampf gegen den Personenkult bei. 4 Das Motiv bleibt unklar, möglicherweise eine Ablenkung von der eigenen Politik. Auf jeden Fall verweist es aber auf eine geringe Institutionalisierung und einen daraus entstehenden Anreiz. Die Feststellung Rákosis, dass natürlich jede Partei in der wichtigen Frage des Personenkults ausgehend von der konkreten Lage handelt, in der sie arbeitet, besaß eine zweifache Bedeutung. Erstens war es eine Rechtfertigung der eigenen Position; zum zweiten spiegelt sich der Wunsch nach einer einheitlichen Linie wider, die von der sowjetischen Seite vorgegeben werden sollte. 5 Zudem konnte die „horizontale“ Suche nach dem angemessenen politischen Verhalten in der Entstalinisierung gegen Rákosi genutzt werden. Wie Kritiker in der Führung betonten, sprach Rákosi nicht gern über „Fehler“ und half der Partei nicht, die Natur dieser Fehler zu verstehen. Im Zusammenhang damit zogen Parteiaktivisten, das Auftreten des ungarischen Parteichefs mit dem Auftreten von Ochab, Novotny oder Shiffkov vergleichend, Schlussfolgerungen, die nicht zugunsten von Rákosi ausfielen. Somit sprach sich das Politbüro dafür aus, dass Rákosi auf der Versammlung des Budapester Parteikomitees mit einer „mutigen“ Selbstkritik der bestehenden Mängel auftreten solle, wie das die tschechoslowakischen und polnischen Genossen getan hatten. Das Politbüro beschloss, den Termin für die Versammlung nicht eher bekantzugeben, bis Rákosi sein Referat unter Berücksichtigung der Auffassung der Parteiführung vorbereitet habe. 6 Die zaghaften Ansätze einer Selbstkritik bei Rákosi folgten also auch einer „horizontalen“ Logik des Angemessenen. Das Verhalten anderer Parteiführungen konnte einen focal point für eigenes Verhalten liefern. (Ebene 3) Dies zeigt sogleich, dass eine so fundierte Institutionalisierung ein sehr geringes Niveau aufwies, das kaum über die Stufen 2/3 hinausging.
Dieser geringe Institutionalisierungsgrad horizontaler und vertikaler Art produzierte erhebliche Informationskosten. Ein Mitglied der ungarischen Führung berichtet über die
1 Granville 2002. Granville bezieht dies aber vor allem auf Ungarn und Polen.
2 Granville 2004, S. 37.
3 Auf dem Parteitag tauschte sich Rákosi vor allem mit Ulbricht und Bierut aus, bei einem Krimurlaub im August auch mit Ochab, bei anderen Gelegenheiten auch mit seinem bulgarischen und tschechoslowakischen Kollegen. Dabei standen die Folgen des Parteitages und die Frage von Rehabilitierungen im Vordergrund. Rákosi 1999, S. 7 ff. und 21 ff.
4 Diensttagebuch Andropovs v. 25.3.1956; SUUK 1, S. 48 f. Rákosi ging es um den ND-Artikel v. 4. März.
5 Ebenda, S. 48. Somit galt das eigenständige Auftreten Ulbrichts nicht weniger „unverständlich“.
6 Aufzeichnung ü. Gespräch Andropovs mit Kovács, Diensttagebuch Andropovs v. 7.5.1956; SUUK 10, S. 73 f.
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„unnormale Lage“, dass die Politbüromitglieder zu viel Zeit und Aufmerksamkeit in das Studium von Pressematerialien aus den Volksdemokratien, vor allem Polens und der CSR, investieren und kritische Äußerungen in diesen Ländern mit der Kritik vergleichen, die an der UAP-Führung auf den letzten Parteiversammlungen geübt wurde. Dies halte die Führung davon ab, wichtige Fragen wie die Verbesserung des Wirtschaftsniveaus zu entscheiden. 1 Zudem konnte es schwierig sein, sich über die innenpolitischen Vorgänge in den „Bruderländern“ ein Bild zu machen, das über die diplomatischen Normalitäten hinausging. Der Austausch darüber, was eine angemessene Entwicklung nach dem XX. Parteitag darstellte, erfolgte somit keineswegs reibungslos. 2
Die ungarische Parteiführung hatte nach eigener Aussage von vielen wichtigen Ereignissen in den Ländern des sozialistischen Lagers (wie den Poznaner Unruhen) nur aus der westlichen Presse erfahren. 3 Diese Kritik betraf wohl vor allem die Informationen unter den Parteispitzen. Zumindest für das Beispiel der Poznaner Unruhen war das allerdings eine Übertreibung oder ein ungarisches Problem. In der DDR hatte Ulbricht sofort (noch am 28.6.) Kontakt zur polnischen Vertretung und bot auf diesem Wege die Hilfe der DDR an. Im Gegenzug dankte der Polnische Außenminister Rapacki über die DDR-Botschaft persönlich und informierte „ausführlich“ über den Verlauf und die Deutung der Ereignisse. Die entsprechenden Presseartikel, die „Linie und Richtung der Propaganda der PZPR“ vorgeben sollten, wurden sofort dem MfAA übergeben. Ulbricht wurde mitgeteilt, dass der polnische Parteichef Ochab noch am 29.6. versuchen würde, sich telephonisch mit ihm in Verbindung zu setzen. Dabei sollte zugleich die Möglichkeit bestehen, dass Ochab die Fragen Ulbrichts bezüglich der Propagandalinie beantworten würde, die der SED-Chef in seiner Unterredung in der polnischen Botschaft aufgeworfen hatte. 4 Solche Telefonkontakte mag Ochab nur bei den benachbarten Parteiführern angewandt haben. Insgesamt aber spielte für ihn auch der „Nutzen“ und die gemeinsame Wahrnehmung eine wichtige Rolle: „Mit wem hätte ich (außer mit den Chinesen…) sprechen können? Mit Novotny? Mit Ulbricht? Die haben doch kaum etwas begriffen.“ 5 Aber auch für eine allgemeine Information der „Bruderstaaten“ war gesorgt. Am 29.6. nachmittags informierte das polnische Außenministerium die Vertreter der Ostblockstaaten (einschließlich des ungarischen Botschafters), denen die Möglichkeit zu Detailfragen und einer „Diskussion“ gegeben wurde. Auch untereinander verständigten sich die "befreundeten Vertreter" über ihre Beobachtung der Ereignisse. 6
Es scheint, dass die fehlende Institutionalisierung von Parteikontakten teilweise durch persönliche Direktkontakte, vor allem aber mittels der traditionellen diplomatischen Kanäle kompensiert wurde. Bei den Diplomaten „vor Ort“ bildeten sich Ersatzmechanismen der Orientierung heraus wie persönliche Treffen mit den „befreundeten“ Diplomaten, denen man vertraute. Dabei deutete sich an, dass die chinesische Seite eine wichtige Rolle bei der Lagedefinition nach dem XX. Parteitag spielen konnte. Sehr schnell nutzte die chinesische Führung diplomatische Kanäle zu einem Meinungsaustausch über die „Ergebnisse und Auswirkungen des XX. Parteitages der KPdSU“. Vom chinesischen Botschafter in Warschau, der als enger Vertrauter von Tschou En-lai galt, wurde der diplomatische Kontakt als „Raum“ genutzt, um eine Institutionalisierung auf Ebene 4 zwischen den Botschaftern zu fördern, aber auch Signale an deren Führungen zu senden. Dazu lud er die Botschafter der DDR, der UVR
1 Aufzeichnung über Gespräch Andropovs mit Hegedüs; Diensttagebuch Andropovs v. 4.5.1956; SUUK 8, S. 67.
2 Rákosi erbat sich vom polnischen Botschafter Informationen über die Tätigkeit der „Revisionisten“ und Schriftsteller. Nach drei Wochen erfuhr er, dass diese nicht die Auffassung der PVAP widerspie-gele, aber die Literatur nicht mehr unter Kontrolle der Partei stünde. Rakosi 1999, S. 18.
3 Andropov an Präsidium des ZK der KPdSU v. 29.8.1956; SUUK 55, S. 250.
4 Seyfert an Henke (MfAA) v. 29.6.1956; SAPMO BArch J IV 2/20 - 157, Bl. 226 ff.
5 Es folgt eine insgesamt positive Einschätzung Ulbrichts. Toranska 1987, S. 77.
6 SAPMO Barch J IV 2/20 - 157, Bl. 226 ff.
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und der CSR (die alle Deutsch sprachen) mit Frauen zu einem Abendessen ein, das zu einer 3 ½-stündigen „sehr lebhaften und angeregten Unterhaltung“ führte. Dabei wurde die Politik Maos als angemessene Form des Kampfes gegen den Personenkult angeboten. Dann wurden die Probleme der einzelnen Länder einschließlich der besonders ernsten Lage in Polen in ungewöhnlich offener Weise diskutiert. Insgesamt dominierte der chinesische Gastgeber die Diskussion um die Ergebnisse und Folgen des XX. Parteitages. 1 Somit schien hier eine recht effektive Form der institutionellen "Bewältigung" des XX. Parteitages probiert worden zu sein. Ein gemeinsames Krisenmanagement war aber auf diesem Wege kaum zu erreichen. Zudem zeigt die Nutzung solcher institutioneller Räume zum Gedankenaustausch über die Probleme der Destalinisierung, wie etablierte institutionelle Konfigurationen sich auflösten. Gewachsene Beziehungen auf Ebene 4 reichten nun nicht mehr aus, einen Konsens herzustellen, wenn die Bezüge zu gemeinsamen Definitionen des Angemessenen nicht mehr intakt waren. So musste Ernö Gerö überrascht und voller Befremden selbst bei Zenon Novak Auffassungen feststellen, die ihm vom „Geruch des Nationalismus“ behaftet schienen. 2 Die gegenseitige Beobachtung konnte Unterschiede freilegen, die schwer zu vermitteln waren. So bewertete die polnische Botschaft in Berlin die innenpolitische Entwicklung der DDR gemäß ihrem Verständnis des XX. Parteitages. Die SED tue sich „mit der Demokratisierung des politischen und gesellschaftlichen Lebens“ sehr schwer; der nach dem XX. Parteitag überfällige Dialog mit Vertretern von Kultur und Wissenschaft finde nicht statt. Dabei waren die Unterschiede bereits im August 1956 so groß, dass die polnischen Diplomaten es vermieden, den DDR-Vertretern ihr Diskussionsmaterial zur Verfügung zu stellen. 3 Dies bedeutet eine Deinstitutionalisierung des Austauschs, der allerdings eher einseitig war. Die Mitarbeiter der polnischen Botschaft scheinen nach den Erfahrungen des Frühjahrs 1956, als die SED-Führung in ihrem Fall die Entstalinisierung als nicht notwendig erklärt hatte, diesbezüglichen Konflikten aus dem Wege gegangen zu sein. Dagegen äußerten DDR-Vertreter recht direkt ihre Auffassung zu den Ereignissen in Posen oder zur „Autorität der Staatsorgane“. 4
Bedeutete dies eine Deinstitutionalisierung horizontaler Verbindungen zum polnischen Partner lange vor Gomulka? Immerhin waren DDR-Diplomaten trotz der eher gereizten Atmosphäre und der insgesamt „ablehnenden Haltung des Apparates“ 5 durchaus in der Lage, die beiderseitigen Positionen zu formulieren, als Voraussetzung für eine Annäherung. „Dabei wurde übereinstimmend festgestellt, dass durch die Entwicklung seit dem XX. Parteitag der KPdSU eine Anzahl von Missverständnissen auf beiden Seiten aufgekommen sind, die geeignet sind, die Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern in gewissem Sinne zu beeinflussen. Von unserer Seite wird vielfach darauf hingewiesen, dass die Diskussionen nach dem XX. Parteitag in der VRP über das Ziel hinausgeschossen sind und eine für uns unangenehme Situation geschaffen haben. Umgekehrt wird von polnischer Seite erklärt, dass in der DDR keinerlei Konsequenzen aus dem XX. Parteitag gezogen wurden, was gleichfalls zu einem bestimmten Misstrauen von polnischer Seite der DDR gegenüber führte.“ Es sei „offensichtlich, dass diese Auffassungen in unseren beiden Ländern auch von einflussreichen Kreisen vertreten werden und deswegen Auswirkungen verschiedener Art haben“. Dies war ein mutiger Hinweis auch an die Adresse der obersten Führung der DDR. Man würde zu falschen Schlussfolgerungen gelangen, wenn man nicht die Ursachen der Diskussionen in der
1 Heymann an MfAA v. 3.5.1956; SAPMO BArch DY 30 IV 2/20 - 183, Bl. 272 ff.
2 Gerö sprach ja ausdrücklich mit Novak über einen Artikel zu stalinistischen Verbrechen gegenüber der polnischen KP, da er ihn aus der Zusammenarbeit vieler Jahre gut kannte. Trotzdem konnte Gerö sein Unverständnis über die diesbezüglichen Auffassungen des polnischen Politbüros nicht vermitteln. Diensttagebuch Andropovs v. 4.6.1956; SUUK 12, S. 79.
3 Borodziej 1996, S. 61. Dies entsprach den Erfahrungen der ablehnenden Pressepolitik der DDR-Seite gegenüber dem Nachbarland.
4 Borodziej 1996, S. 61f.
5 So der Eindruck aus den polnischen Quellen. Borodziej 1996, S. 62.
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PVAP gründlich analysiert und die besondere Lage in der Parteiführung berücksichtigt. Zwar sei ein starker Trend zur Westorientierung spürbar, aber es wäre falsch, aus der begleitenden öffentlichen „Propaganda“ ein negatives Urteil über die polnischen Auslandsbeziehungen abzuleiten. „An der festen Zugehörigkeit der VRP zum sozialistischen Weltlager und an der Vertragstreue der VRP gegenüber der SU, uns und anderen volksdemokratischen Ländern kann und darf keinen Augenblick gezweifelt werden.“ 1 Letzteres wurde im November 1956 im MfAA der DDR bestätigt, einschließlich des Hinweises an die polnische Seite, dass diese natürlich fest auf die Zusammenarbeit mit den Genossen westlich der Oder rechnen könnten. 2 Der hier formulierte Stand der Beziehungen weist bereits auf die Phase der späteren Reintegration Polens in den Ostblock, der sich über eine Reihe von Kompromissstufen vollzog. Dem ging die tiefste Krise des Ostblocks vor seinem Zusammenbruch voraus. Unsere bisherige Darstellung verweist auf eine Krise vor und innerhalb der Herbstkrise 1956, auf eine Krise der Institutionalisierungen des Ostblocks in vertikaler und horizontaler Ausrichtung. Konnten sich beide Formen in den bereits erwähnten internationalen Konferenzen vernetzen? Einen Ansatz hierzu gab es im Juni 1956.
4.3.3) Multilaterale Koordination: die Junikonferenz 1956
Am 22. Juni 1956 trafen sich die Parteiführer der Mitgliedsstaaten des RGW zu einer Geheimkonferenz in Moskau. Nach den Aussagen des jugoslawischen Botschafters in Moskau waren die Beziehungen zwischen den Ostblockstaaten nach der Auflösung der Kominform der Hauptpunkt der Tagung, die vom ungarischen Parteichef Rákosi „turnusmäßig“ geleitet worden sei. 3 Wären damit nicht zwei Voraussetzungen erfüllt gewesen, um die Krise in Ungarn kollektiv zu behandeln und gemeinsame Unterstützungsmaßnahmen festzulegen bzw. die ungarische Führung auf einen bestimmten Kurs zu verpflichten?
Die Konferenz war durchaus der Ort, wo die schwerwiegenden Probleme und ihre Lösung diskutiert werden konnten. Die Form solcher Diskussionen bestand vor allem in persönlichen Gesprächen mit den „sowjetischen Genossen“, die „Ratschläge“ verteilen konnten. Während der wirtschaftliche Teil der Zusammenkunft als Treffen der RGW-Staaten aufgefasst wurde, galt der politische Teil als Treffen der Parteiführungen mit Mitgliedern des KPdSU-Präsidiums. 4 Die Zustimmung zur Auflösung der Kominform war wohl nicht mehr als ein formaler Akt. Im Vordergrund der politischen Auseinandersetzungen stand allerdings nicht Ungarn, sondern Polen, obwohl sich dort erst in den folgenden Tagen (28./29.6.) durch den Poznaner Aufstand die Situation zuspitzen sollte.
Trotz gewisser kollektiver Ansätze blieb das wesentliche institutionelle Element der Krisenbewältigung hegemonialer Natur: Chruschtschov hielt eine Rede, in der er die innenpolitische Lage der Volksdemokratien, vor allem in Polen, analysierte und die Notwendigkeit betonte, harte Maßnahmen gegenüber den Personen einzuleiten, die klar eine feindliche Tätigkeit gegen die volksdemokratische Ordnung zeigen würden. Man dürfe die Macht nicht missbrauchen, wie Stalin dies getan hatte, feindlichen Kräften müsse man jedoch mit Hilfe des Sicherheitsapparates und der Justiz entgegentreten. 5 Erstmals nach dem XX. Parteitag versuchte die sowjetische Führung damit, auf multilateraler institutioneller Ebene
1 Dieser Bericht ist auch deshalb interessant, weil die ursprüngliche Analyse vom 17.10. auch am 20.10. aufrechterhalten wurde, also auf dem Höhepunkt der Krise. Heymann an MfAA v. 20.10.1956; MfAA der DDR, A 3760, Bl. 20 ff.
2 Aktennotiz Kopa v. 30.9.1956, nach Borodziej 1996, S. 63.
3 „Als Vorsitzender beeilte sich Rákosi, zuerst zu sprechen, und zwar im Namen aller. Das wurde aber von Chruschtschov nicht akzeptiert, der verlangte, dass jeder im Namen 'seiner' Partei sprechen solle.“ Micunovic 1982, S. 116 f.
4 Rákosi 1999; Aufzeichnung eines Gesprächs Andropovs mit Hegedüs; SUUK 21, S. 118 u. 121.
5 SUUK 21, S. 118, Volkov 1999, S. 10.
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die Krise in den Griff zu bekommen und die Partnerländer zu einem harten Durchgreifen zumindest gegen „wirkliche“ Feinde zu bewegen. Die Konferenzsituation bedeutete, dass Mechanismen auf den Ebenen 4/5 genutzt wurden. Ihre Wirkung war damit auf ein Mindestmaß an kognitiver Abhängigkeit angewiesen. Auf polnischer Seite nutzte dies allerdings wenig.
Dagegen betonten Vertreter der ungarischen Delegation, dass die Analyse Chruschtschovs auch für die ungarischen Bedingungen beispielhaft sei, und man dessen „Rat“ zu einer härteren Gangart für vollkommen richtig und zeitgemäß halte, ja er angesichts der Verstärkung der feindlichen Tätigkeit besondere Bedeutung für die ungarische Führung besitze. Die Mehrheit des Politbüros sprach sich dann auch für diese Linie aus. Damit konnte sich der von der sowjetischen Botschaft beklagte Zustand ändern, dass sich die Feinde auf die „Straflosigkeit“ ihrer Tätigkeit verlassen konnten, dass man auf Veranstaltungen der Opposition den Auftritten gegen die Partei keinen Widerstand entgegensetze und die Sicherheitsorgane sich mit den Rehabilitierungen beschäftigten, sich aber im Kampf gegen die Konterrevolution wenig „entschieden“ zeigten. Passivität, Unsicherheit und der Hang zu Rückversicherungen sei spürbar. Die Kritik war deutlich: Rákosi, Hegedüs und Gerö hätten von diesen Zuständen gewusst; entschiedene Maßnahmen seien aber nicht ergriffen worden. 1 Dies bedeutet, dass weder die Suslov-Mission noch die Tätigkeit der sowjetischen Botschaft über die institutionellen Wirkungsmöglichkeiten verfügt hatte, um die sowjetischen „Ratschläge“ in konkrete Politik umzusetzen. 2 Dagegen schienen die institutionellen Mechanismen des Moskauer Treffens zu wirken. Kurz nach der Konferenz berichtete die ungarische Führung der sowjetischen Botschaft, dass sich fast das gesamte Politbüro für eine festere Politik ausspreche. In den nächsten Tagen sollten konkrete Maßnahmen diskutiert werden, ausgehend von den Ratschlägen, die bei dem Treffen mit der sowjetischen Führung gegeben wurden. 3 Zudem stiegen durch die Unruhen in Poznan und ihre Ausstrahlung auf Ungarn die Anreize, eine „harte“ Politik zu versuchen. Insbesondere E. Gerö versuchte sich nun durch Bekundungen zu profilieren, dass er im Politbüro entschieden gegen die kleinbürgerliche Stimmung und den Liberalismus einer Reihe von Genossen aufgetreten sei, die das Politbüro störe, harte Maßnahmen gegen die feindlichen und oppositionellen Elemente zu ergreifen. Man werde versuchen, das ZK auf einer außerordentlichen Tagung zu einem „entschiedenen Kampf“ gegen die feindlichen Elemente zu aktivieren; ähnliches sollte in den Parteikomitees der Hauptstadt und der Regionen folgen. Im Innen- und Verteidigungsministerium würden Anweisungen erlassen über präventive Maßnahmen, die für die Gewährleistung der Ordnung notwendig seien. 4 Ordnet man die in der Forschung gut bekannten Repressionsmaßnahmen, die von der ungarischen Führung in der Folge des ZK-Plenums vom 30. Juni durchgeführt oder geplant wurden, in diesen Kontext, sind sie auch ein Zeichen für den sowjetischen Einfluss, für das „Wirken“ institutioneller Mechanismen. 5 Funktionierten also diese institutionellen Mechanismen wenigsten bei Ungarn noch in gewohnter Weise? Immerhin kam es ja am 30. Juni zur besagten ZK-Entscheidung über eine härtere Linie gegenüber der Opposition, wurde der Ton der Presse nach diesem Beschluss „viel härter und offensiver“. Dies bedeutet aber nicht, dass dieser Beschluss einem
1 So ausführlich Botschafter Andropov; SUUK 21, S. 121 ff.
2 Andropov schätzte nach der Junikonferenz ein, dass angesichts günstiger wirtschaftlicher Umstände die innenpolitische Situation in kurzer Zeit verbessert werden könnte, wenn die in Moskau und von Suslov in Budapest gegebenen Ratschläge "ordentlich" realisiert würden. SUUK 21; S. 123.
3 Aufzeichnung zum Gespräch Andropovs mit Hegedüs (spät. 27.6.1956); SUUK 21, S. 120 f. u. 118.
4 Aufzeichnung ü. Gespräch Andropovs mit Gerö, Diensttagebuch Andropovs v. 29.6.1956; SUUK 23, S. 127 f.
5 Der Petöfi-Klub sollte verboten werden; T. Dery wurde aus der Partei ausgeschlossen. Rákosi ließ eine Liste von 400 "Gegnern" anfertigen, die zur Verhaftung vorgesehen waren. Die Zeitschrift des Schriftstellerverbandes sollte verboten werden. Wenn geschlussfolgert wird, dass „Rakosi's plans were never carried out due to direct Soviet interference“ (Mikojan-Mission), erfasst das den Kontext der Maßnahmen nicht richtig. Felkey 1989, S. 54.
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Automatismus angesichts sowjetischer „Ratschläge“ folgte. Es gab einen ernsthaften Streit über die Nützlichkeit der Entscheidung, die Tätigkeit oppositioneller Kräfte zu verurteilen. Nach Aussage Gerös hatten fast die Hälfte der ZK-Mitglieder in der Diskussion entweder Einwände erhoben oder "Schwankungen" bekundet. Erst nachdem die Führung den für Parteimitglieder fundamentalen kognitiven Freund-Feind-Mechanismus angesprochen hatten, kam es zu einem „einstimmigen“ Beschluss. 1 Die Ernsthaftigkeit der Situation wurde jedenfalls in der ungarischen Führung mit starker Symbolik unterlegt: Chruschtschov habe angesichts der Ereignisse in Polen auf die Folgen für die gesamte Arbeiterbewegung, für die Volksdemokratien wie für den menschlichen Fortschritt und die Sache des Sozialismus hingewiesen. 2 Die Einstimmigkeit war allerdings ein Ritual mit begrenzter Reichweite. Führungsmitglieder betonten, dass dies keine entscheidende Festigung der „Einheit“ bedeute; Teile des ZK würden später gegen den Beschluss auftreten. Es war eher eine Unterschätzung der institutionellen Probleme, wenn Andropov schlussfolgerte, dass der ZK-Beschluss wohl nicht „glatt“ umgesetzt werden könnte. 3
Erstaunlich „glatt“ hatten sich die sowjetischen Ratschläge in eine Form symbolischen Handelns umgesetzt. Aufschlussreich für das Niveau der institutionellen Hierarchie sind aber auch die Tiefendimension des Einflusses wie die tatsächliche Umsetzung in praktische Politik. Es zeigte sich bald, dass die durch „moralischen Druck des Politbüros auf die schwankenden Teile des ZK“ erreichte Einstimmigkeit nicht zur angestrebten „Einheit“ der Parteispitze geführt hatte. Wie selbst Gerö einschätzte, blieb ein Teil des ZK bei seiner schwankenden Haltung, andere fühlten sich nicht gebunden und wollten offen gegen den Beschluss auftreten. Besonders besorgniserregend war die Einschätzung, dass etwa die Hälfte des ZK-Apparates auf die eine oder andere Weise gegen die bestehende Führung eingestellt sei. 4 Trotz einiger Bemühungen im Innen- und Verteidigungsministerium, die Handlungsfähigkeit der „Staatsmacht“ wiederzugewinnen und sich auf alle Eventualitäten vorzubereiten, blieben die konkreten Folgen des Beschlusses gering. Die Pressekampagne für seine Umsetzung ebbte bereits nach wenigen Tagen ab, gefolgt von Schweigen. So konstatierte Andropov am 9. Juli: Unsere Freunde haben bis zum jetzigen Zeitpunkt die ihnen gegebenen Ratschläge für eine Festigung der Führung „schwach“ realisiert; ebenso die Durchführung einer festen Linie gegenüber den feindlichen Elementen und Demagogen. (…) Man darf sich nicht mit der Entscheidungsträgheit, der schwachen Aktivität und der ungenügenden Wachsamkeit der ungarischen Genossen einverstanden erklären. 5 Der Grad der Nichtübereinstimmung wird hier deutlich und damit die Begrenztheit der Hierarchie. Wenige Tage vor dem Beginn des ZK-Plenums der UAP beklagte Andropov nochmals, dass sich das Politbüro zwar mit den Ratschlägen Suslovs einverstanden erklärt habe, sie aber in der Partei nicht umgesetzt habe. Es sei dringend notwendig, den ungarischen Freunden vor dem Plenum nochmals in geeigneter Form die Besorgnisse der sowjetischen Seite über die innenpolitische Lage Ungarns auszudrücken, insbesondere über die Unentschlossenheit der ungarischen Führung. 6 Damit hatte sich die deutliche Hierarchie (Stufe 4/5), die von sowjetischer Seite auf der Junikonferenz durchgesetzt werden konnte (Ebene 4 u. 5) als fragil erwiesen und nur kurzzeitig Einfluss auf die Politik der ungarischen Führung genommen. Angesichts der inneren Situation in Ungarn sank das Hierarchieniveau deutlich. (Stufe 2)
1 Diensttagebuch Andropovs v. 4.7.1956; SUUK 26, S. 135 ff.
2 So Hegedüs am 30.6.1956; Granville 2004, S. 52.
3 Diensttagebuch Andropovs v. 4.7.1956; SUUK 26, S. 135 ff.
4 Telegramm Andropovs an MID v. 9.7.1956; SUUK 27, S. 139.
5 Man habe den Werktätigen die Beschlüsse des ZK nicht erläutert. Auf Parteiversammlungen sei ein bedeutender Teil der Kommunisten gegen die Beschlüsse aufgetreten. usw. Telegramm Andropovs an MID v. 9.7.1956; SUUK 27, S. 141 f.
6 Diensttagebuch Andropovs v. 11.7.1956; SUUK 28, S. 146 f.
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Die Zunahme der „feindlichen Tätigkeit“ war aber nur das eine Problem. Im Vorfeld des Plenums geriet das fragile Gleichgewicht im Politbüro zugunsten Rákosis, das durch die Suslov-Mission geschaffen worden war, zunehmend ins Wanken. 1 Der Poznaner Aufstand strahlte auf Ungarn aus. Unruhen der Stahlarbeiter am 12. Juli zeigten, dass politische Reaktionen unabdingbar geworden waren. Die Vorbereitung des wichtigen Juliplenums und die Frage der Ablösung Rákosis standen in engem Zusammenhang mit der Reise Mikojans nach Budapest.
4.3.4) Die Mission Mikojans im Juli 1956
Personalentscheidungen stellen eines der wesentlichen Testfelder für unser Modell dar. Die Ablösung Rákosis im Juli 1956 scheint als Paradebeispiel für die ausgeprägte Hierarchie des Ostblocks gelten zu können: „Die Inszenierung verlief dann in gewohnter Manier: Am 17. Juli 1956, genau am Vortag einer geplanten Sitzung des Zentralkomitees der MDP war Anastas Mikojan, Mitglied des Politbüros der KPdSU, unerwartet in Budapest erschienen und Rákosi wurde umgehend seine Absetzung mitgeteilt." 2 Allerdings war Mikojan bereits seit dem 13. Juli in Budapest. Ansonsten herrscht jedoch Einigkeit: Mikojan begab sich „mit der ganzen Macht und Autorität Moskaus nach Budapest, und Rákosi wurde prompt abgesetzt“. 3 Laut seinen Erinnerungen teilte Mikojan de überraschten Hegedüs sowie Rákosi bereits bei der Fahrt vom Flughafen offen die Auffassung des Präsidiums der KPdSU mit, dass der Parteichef zurücktreten solle. 4 Für Rákosi konnte die konkrete Tatsache „unerwartet“ kommen; der institutionelle Mechanismus des Eingreifens eines sowjetischen ZK-Mitglieds allerdings nicht, hatte er doch Anfang Mai selbst die Absicht geäußert, an das ZK der KPdSU mit der Bitte heranzutreten, ein Präsidiumsmitglied zur Teilname am ZK-Plenum zu entsenden. 5 Insgesamt erscheint der Unterschied zwischen dem sich hier präsentierenden Dominium und einem reinen Imperium minimal; er zeigt sich in den „Kosten“ für die Reise Mikojans gegenüber einer einfachen „Anweisung“ an die ungarische Führung. Die Aussagen der Quellen sind allerdings weniger eindeutig. Mikojan traf am 13. Juli nur im Sinne des Protokolls „unerwartet“ in Budapest ein. Der Auslöser war ein Telegramm Andropovs vom 9. Juli, in dem er nicht nur auf die zunehmend prekäre Lage der ungarischen Parteiführung hinwies, sondern auch auf die Hoffnung von E. Gerö, vom ZK der KPdSU „konkrete Ratschläge“ zu erhalten. 6 Es ist von Interesse, auf welcher Seite die Initiative für diese „Ratschläge“ entstand. Gerö äußerte diesbezüglich gegenüber Andropov, dass die ungarische Führung, wenn es noch irgendwelche konkreten Ratschläge von Seiten des ZK
1 Dass die "Ratschläge" Suslovs selbst bei Gegnern Rákosis als taken for granted betrachtet werden konnten, zeigt das Verhalten von Kovacs. Dieser wollte belastendes Material gegen Rákosi nicht dem Politbüro übergeben, da dieses noch an die Ratschläge Suslovs gebunden sei. Wenn er betont, dass die ungarischen Genossen keine Schritte gehen wollten, die der sowjetischen Auffassung widersprächen, und er deshalb um den Rat der KPdSU bitte, geschieht dies in der Hoffnung, dass diese die „starke Ver-änderung“ der Situation gegen Rákosi anerkennen würden. Während Kovacs die bestehende Bindung durch einen neuen sowjetischen „Rat“ auflösen wollte, befürchteten andere Führungsmitglieder, dass bei einem Teil der Politbüromitglieder aus Eigennutz keine Bereitschaft bestehe, den Standpunkt zu verteidigen, der im Zusammenhang mit den Ratschlägen Suslovs angenommen worden war. Dienst-tagebuch Andropovs v. 11.7.1956; SUUK 28, S. 144 f. Dies bedeutet, dass eine Institutionalisierung, die auf den Ebenen 6 und 4 beruhte, durch Ebene 1 aufgebrochen wurde.
2 Litvan/Bak 1996, S. 57; Litvan 1999, S. 153; vgl. auch Felkay 1989, S. 54; Hoensch 1977, S. 125.
3 Dallin 1961, S. 421; Kramer 2006, S. 9; Gati 2006, S. 137.
4 Shelizkij 1995, S. 252. Rákosi selbst erinnert sich allerdings anders: an einen Telephonanruf Mikojans, der ihn aufforderte, ein Treffen mit Rákosi, Hegedüs und Gerö zu organisieren, was mit dem weiteren Verlauf übereinstimmt. Dort habe dann Mikojan die Anwesenden mit dem Vorschlag über die Abberufung Rákosis überrascht. Rákosi 1999, S. 33 f. vgl. Auch Gati 2006, S. 137.
5 Er habe aber noch keine völlige Sicherheit gewonnen, ob das nützlich sei. Diensttagebuch Andropovs v. 6.5.1956; SUUK 9, S. 70.
6 Kramer 1998, S. 178.
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der KPdSU gäbe, diese mit Freude annehmen würde. Andropov erwiderte darauf leicht gereizt, dass er diesen Wunsch nach Moskau weiterleiten werde, erinnerte aber zunächst an die Ratschläge, die der ungarischen Führung von Suslov und auf der Junikonferenz gegeben worden seien. 1 Bereits hier wird deutlich, dass es Gerö um die externe Lösung einer internen Krise ging, während die sowjetische Seite dies lieber den „ungarischen Genossen“ selbst überlassen wollte. Gerö und Kovács scheinen ein Doppelspiel gegenüber ihrem Parteichef und der sowjetischen Führung gespielt zu haben. 2
Den Inhalt dieses Berichts diskutierte das KPdSU-Präsidium am 12. Juli und instruierte Mikojan für seine Gespräche in Ungarn. Eine Ablösung Rákosis lässt sich als Beschluss der Sitzung jedoch nicht nachweisen. Eindeutig ist nur, dass Mikojan sich mit I. Kovács treffen sollte, der als Exponent der „Unzufriedenen“ im Politbüro aufgefallen war. 3 Kovács betrieb auf der Grundlage von Material, das die persönliche Verantwortung Rakósis für die Schauprozesse nachweisen sollte, dessen Ablösung und warb um die sowjetische Unterstützung. 4 Im Präsidium sprachen sich Chruschtschov und andere für die Erleichterung der Situation Rákosis aus. Da Mikojan „hart“ mit Kovács sprechen sollte, erscheinen die Bedenken der Forschung, dass die Erwähnung Rákosis im handschriftlichen Protokoll-Entwurf mehrdeutig sei, unbegründet: Sollte die Situation Rákosis erleichtert werden oder sollte Rákosi die Situation der Partei erleichtern, möglicherweise durch seinen Rücktritt? 5 Die erste Deutung ist wahrscheinlicher, betonte Chruschtschov doch am Tag nach der Präsidiumssitzung, sozusagen parallel zu den ersten Gesprächen Mikojans, gegenüber dem jugoslawischen Botschafter Micunovic, dass man angesichts der schwierigen Situation in Ungarn keine andere Wahl habe als Rákosi zu unterstützen. Mikojan sei nach Budapest gereist, um sich „mit den ungarischen Genossen abzustimmen“. 6 Das KPdSU-Präsidium traf keine endgültige Entscheidung, sondern autorisierte Mikojan zu einer Entscheidung vor Ort. Diese Deutung kann angesichts neuer Quellen als gesichert angesehen werden. 7 Da Mikojan gleich in seinem ersten Gespräch den Rücktritt Rákosi empfahl und auch gleich ein Exil in der UdSSR anbot, könnte diese Lösung eine Option gewesen sein, die ihm das Präsidium mit auf den Weg gegeben hatte. Vieles weist jedoch darauf hin, dass die Intensivierung
1 Telegramm Andropovs an MID v. 9.7.1956; SUUK 27, S. 140.
2 Einerseits drückten sie ihre Besorgnis aus angesichts der Verstrickungen von Rákosi, die durch die Untersuchung des Falls Farkas an die Öffentlichkeit zu kommen drohten, andererseits ließen sie die Untersuchung aber fortsetzten und beabsichtigten eine Veröffentlichung der Ergebnisse. Granville 2004, S. 30; vgl. unten.
3 Telephonbericht Suslovs v. 13.6.1956, wo Kovacs zweimal erwähnt wird. IA 1993, S. 108. Vgl. auch die früheren Gespräche von Kovacs mit Andropov und Informationen über die persönliche Rivalität mit Rákosi. Nach dem Gespräch mit Kovacs stellte Mikojan dann fest, dass dieser einen guten Eindruck und keineswegs den eines „Intriganten“ mache. SUUK 33, S. 157. I. Vida behauptet dagegen, dass bei Beratungen am 9. und 12. Juli 1956 die Situation in Ungarn beraten wurde und die Ablösung Rákosis beschlossen wurde. Vida 2001, S. 81f.
4 Gegenüber Andropov betont Kovács, dass er die Probleme eines Führungswechsels kenne, er aber „befürchte“, dass es auf dem Plenum „nicht erlaubt sein wird“, die Frage Rákosi nicht zu entscheiden. Als Nachfolger brachte er trotz Zweifel Hegedüs ins Spiel, auch Gerö soll er dazu gedrängt haben. Diensttagebuch Andropovs v. 11.7.1956; SUUK 28, S. 144 ff.
5 Vgl. die Anmerkung Kramers zu seiner Edition der Malin-Notizen, S. 401, Anm. 8, im offiziellen Protokoll ist ebenfalls nur von „Instruktionen“ für Mikojan zu Gesprächen mit der UAP die Rede. SUUK 31, S. 151. Die Formulierung über die Erleichterung der Lage Rákosis steht im Kontext der Bemühungen von Kovács. SUUK 30, S. 149.
6 Micunovic 1982, S. 129.
7 Auf der Grundlage des Präsidiumsbeschlusses vom 12.7.1956 sandte die sowjetische Seite ein Telegramm an Togliatti mit der Bitte, einen Artikel oder ein Interview zur Unterstützung der ungarischen Führung zu veröffentlichen. Am 13.7. wurde dann Togliatti die veränderte Situation mitgeteilt, die es nicht möglich mache, Rákosi als 1. Sekretär zu halten. Vgl. SUUK 30 u. 32, S. 149 u. 151. Erst in Budapest formulierte Mikojan ein Schreiben zur Information der jugoslawischen Seite. Vgl. SUUK 37. vgl. auch Granville 2004, S. 32f.
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politischer Maßnahmen in Fortsetzung des Suslov-Besuchs der eigentliche Auftrag Mikojans war. 1
Mikojan traf sich am 13. Juli zunächst mit einem Teil der Führung, dem neben Gerö, Hegedüs und Veg auch Rákosi angehörte, eine Zusammensetzung, die keine Konspiration gegen den Parteichef ermöglichte. Er ließ sich über die Bemühungen der ungarischen Seite berichten, die mit Suslov abgesprochenen Maßnahmen zu realisieren - ein Akt mindestens einer starken Hegemonie. Diesen Rapport fasste Mikojan dann mit der Feststellung zusammen, dass man den Bericht der ungarischen Genossen so verstehen kann, dass die Einheit der Führung und das Vertrauen des ZK ins Politbüro mit dem Verbleiben Rákosi auf dem Posten des 1. Sekretärs zusammenhängt. Mit der Frage Mikojans, ob es dann nicht besser sei, wenn Rákosi selbst seinen Rücktritt nimmt, um der Partei ihre Führungsrolle zu sichern, schien die Angelegenheit entschieden gewesen zu sein. Trotz dieser recht heiklen Entscheidung nahmen die Beteiligten danach ein gemeinsames Mittagessen ein, das die Übereinstimmung symbolisch bekräftigte und auch Rákosi nicht ausschloss. Es scheint sich dabei aber um eine weitgehend autonome Entscheidung Mikojans gehandelt zu haben, über die er umgehend die sowjetische Führung informierte. 2
Die hierbei zugrundeliegende Hierarchie besaß unterschiedliche Achsen, gegenüber Rákosi selbst wie gegenüber der restlichen ungarischen Führung. Dass Mikojan dabei als Teilnehmer der formellen und informellen Entscheidungsgremien auftreten konnte, ist ein wesentlicher Hinweis auf ein Dominium oder gar ein Imperium.
Zunächst zu Rákosi selbst: “Rákosi had little choice but to accept the Soviet 'advice'.” 3 Aber warum? Nach eigener Aussage beugte sich Rákosi dem Wohl der Partei, das ihm über alles gehe, und dem sowjetischen Ratschluss - ein Ritual, das für ihn taken for granted war? Rákosi will nach eigenem Bekunden sofort bei Mikojans Vorschlag die Situation durchdacht und die Motive für seinen Rücktritt geordnet haben. Ihm sei sofort klargeworden, dass es sich um einen Beschluss des Präsidiums handele, so dass er vor einem „gegebenen Fakt“ stand. 4 Mit diesem Hinweis auf die Ebenen 5/6 sind die Mechanismen aber keineswegs ausgeschöpft. Von großer Bedeutung ist die Verkopplung mit Ebene 4, dem sozialen Zwang und seinem spezifischen Kontext. Rákosi betont, dass er in einem Vieraugengespräch mit Mikojan, das heißt ohne die Anwesenheit der anderen Genossen, eine ausführlichere Erklärung erbeten habe, auch wenn dies nichts an der grundsätzlichen Entscheidung geändert hätte. 5 Zudem antwortete er auf die „Vorschläge“ Mikojans, dass er diese Maßnahmen für richtig halte, „wenn Sie das für nützlich erachten“. 6 „Sie“ bedeutet in diesem Falle wohl die KPdSU-Spitze, vor allem aber ihr aktueller Repräsentant. Laut seiner Bekundungen vor der Parteiführung stand das rituelle Handeln gegenüber dem Symbol „Partei“ ganz oben. Hier sind wir aber weitaus stärker im Bereich des Kalküls; Rákosi spielte seinen Wert für die Partei und die Durchsetzungschancen dieses Arguments gedanklich genau durch, ohne es allerdings ernsthaft ins Feld zu führen. 7
1 Nach Mark Kramer autorisierte das Präsidium seinen Emissär dazu, alles zu tun, um die Einheit der UPW-Führung wiederherzustellen. Kramer 1998, S. 179.
2 Gespräch Mikojans mit Rákosi, Gerö, Hegedüs und Veg am 13. Juli 1956; IA (1993), S. 110 f. Vgl. SUUK 32 u. 33, S. 151f.
3 Kramer 1998, S. 179.
4 Rákosi 1999, S. 34.
5 Rákosi 1999, S. 34.
6 Gespräch Mikojans mit Rákosi, Gerö, Hegedüs und Veg am 13.7.1956; IA (1993), S. 111.
7 Rákosi 1999, S. 34. Seine Besorgnisse über die folgen für die Partei führten nur bis zu der frage, wie man den Rücktritt organisieren könnte, um mögliche "Komplikationen" zu vermeiden. Gespräch Mikojans mit Rákosi, Gerö, Hegedüs und Veg am 13.7.1956; IA (1993), S. 111.
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Die reibungslose Übernahme einer sowjetischen Entscheidung ist also keineswegs die gesamte Erklärung. Immerhin versuchte Rákosi im weiteren Verlauf seine Position im Politbüro zu bewahren, um sich - wie es Mikojan einschätzte - faktisch seine Führung in der Parteispitze zu erhalten. Immerhin hatte Rákosi auch nach seiner ersten Absetzung als Parteichef im Juni 1953 politisch überlebt und hoffte dies auch jetzt. 1 Mikojan zog die Schlussfolgerung, dass Rákosi nur widerwillig zurückgetreten sei, erzwungen durch die „Macht der Umstände“. 2 Rákosi will sogar einen Konflikt mit der KPdSU kalkuliert haben, der für ihn jedoch nicht in Frage kam, da dies die Partei auf den „Jugoslawischen Weg“, damit nicht nur zur Konfrontation mit allen Machtmitteln der UdSSR, sondern auch auf einen ideologischen Irrweg aus Sicht Rákosis geführt hätte. 3 Kalkulationen auf Ebene 1 besitzen dabei aber den geringeren Erklärungswert, da die UdSSR in der gegebenen Situation kaum gegen Ungarn nach den Methoden Stalins vorgehen konnte, vor allem aber weil die vorausgesetzte „Mehrheit“ in der Partei hinter der Politik Rákosis reine Fiktion war. Die Mechanismen, die auf Rákosi wirkten, umfassten also mehr oder weniger das gesamte Spektrum unseres Modells; ihr Erklärungswert bleibt aber begrenzt ohne die Betrachtung der Mechanismen gegenüber der Führung insgesamt. In der Erinnerung verklärte Rákosi seine Position in der Parteiführung und fokussierte alle Ursachen seines Rücktritts und der damit zusammenhängenden politischen „Fehler“ auf die sowjetische Führung.
Die Anreize für eine Ablösung waren aber vor allem innerhalb der ungarischen Führung hoch. Auch wenn viele seiner Proteges Bedenken für ihre eigene politische Zukunft hatten und andere um die Einheit einer stark auf Rákosi ausgerichteten Partei fürchteten, gab es ein hohes Maß an Einheitlichkeit bei der Absetzung des zuvor Allmächtigen. Dies betraf auch die engere Führung. Gerö hatte um den Rat der KPdSU gebeten und Gerö hatte die Probleme der Parteiführung angesichts der Angriffe auf Rakósi hervorgehoben, bevor Mikojan die Absetzung als Lösung formulierte. Mikojan erschien es jedenfalls so, dass die ungarischen Genossen bei seinem ersten Gespräch darüber erfreut waren, dass er die Frage nach der Abberufung stellte. Es herrschte Konsens darüber, dass der Rücktritt Rákosis helfe, die wirkliche Einheit des ZK zu erreichen, und den Kampf gegen die „oppositionellen Elemente“ erleichtere. 4 Auch bei der Fortsetzung der Diskussion im Politbüro sprach sich - nach der Vorgabe Mikojans - „nicht einer der anwesenden Genossen“ gegen die Absetzung Rákosis aus. Eine Gruppe wesentlicher Politbüromitglieder behauptete, schon früher zu dem Schluss gekommen zu sein, dass ohne den Rücktritt Rákosis keine Entspannung der Situation zu erreichen sei. 5 Besonders deutlich formulierte Gerö die Notwendigkeit des Rücktritts. Das Politbüro diskutiere die Angelegenheit mit großer Verspätung, im Grunde genommen in letzter Minute. Dieser Auffassung schlossen sich andere Mitglieder an. 6 Warum aber war die ungarische Spitze nicht selbst in der Lage, das notwendige zu tun? Die Bemerkung von Muzatov, dass die Ungarn dies durch die „Hände Moskaus“ getan haben wollten 7 , ist plausibel. Somit ging man jedem Risiko aus dem Wege: gegenüber Rákosi selbst wie gegenüber der sowjetischen Seite. Dies senkte die kognitiven Kosten einer solchen Entscheidung, gab ihr eine höhere Weihe und verpflichtete die sowjetische Seite zugleich auf
1 Damals musste er allerdings nach Moskau, wo die entsprechenden Mechanismen noch deutlich stärker wirkten. Granville 2004, S. 11.
2 Telegramm Mikojans aus Budapest v. 16.7.1956; IA (1993), S. 124.
3 Rákosi 1999, S. 34.
4 Gespräch Mikojans mit Rákosi, Gerö, Hegedüs und Veg am 13.7.1956; IA (19993), S. 111.
5 Dabei handelte es sich um Hegedüs, Gerö, Kovacs, Ac, Apro. Einige andere Mitglieder betonten, dass sie sich früher einen Ausweg aus der Krise nur mit Rákosi an der Spitze vorstellen konnten, in letzter Zeit aber zur der Überzeugung gelangt seien, dass dies nicht so erreicht werden kann. Notiz über Auftreten (Mikojans) auf der Politbürositzung der UAP v. 13.7.1956; IA (1993), S. 114 ff.
6 Ebenda, S. 114.
7 Muzatov 1993, S. 8.
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die Unterstützung der neuen Führung. Gerade bei Gerö wird die Scheu deutlich, sich offen als Konkurrent von Rákosi zu etablieren. 1 Ein erhebliches Maß an free-rider-Mentalität wird hier sichtbar. Die Führungskrise durch eine sowjetische Entscheidung zu klären, bot einen kostengünstigen focal point, der innerparteiliche Kämpfe durch den Verweis auf taken for granted Beschlüsse der sowjetischen Seite vermeiden und die Akteure entlasten konnte. Die Entscheidungsbarrieren waren durchaus durch den taken for granted Charakter der diesbezüglichen Absprachen mit Suslov beeinflusst, welche die kognitiven Kosten dieser Entscheidung maßgeblich steigerten. Dies war aber zugleich eine Entschuldigung der eigenen Tatenlosigkeit und eine Aufforderung an die sowjetische Seite, die Vorgaben zu übernehmen. 2 Solange die sowjetischen Entscheidungen taken-for-granted-Charakter besaßen, waren sie für denjenigen, dessen Ziele sie unterstützten eine wesentliche Ressource - eine "Ware", für die er der UdSSR ihre Anerkennung als Vormacht schuldete. Gelang es einer Person oder Gruppe diese Beziehung zu monopolisieren, bedeutete dies eine wesentliche Stabilisierung ihrer innerparteilichen Herrschaft. Genau dies warf Kádár der sowjetischen Führung auf dem Höhepunkt der Krise vor. Anschaulich schildert er, wie Rákosi diese Ressource genutzt hatte: „Rákosi sagte - dies ist die Auffassung der sowjetischen Genossen - und die Diskussion verstummte.“ 3
Die Mechanismen zeigen sich besonders anschaulich bei dem Versuch Rákosis, sich eine Position im Politbüro zu erhalten. Er begründete dies damit, dass Mikojan ein Ausscheiden aus dem Politbüro nicht gefordert habe; während die übrigen Mitglieder des Politbüros erklärten, dass Mikojan ausdrücklich auf die Absetzung als 1. Sekretär wie auch als Mitglied des Politbüros hingewiesen habe. Dies zeigt sehr schön, wie ein hoher Anreiz wirkte, der quer zu den Beziehungen zur UdSSR lag, deren habitualisierte Entscheidungskompetenz aber zur Senkung der Entscheidungskosten nutzte und einen focal point produzierte. Dies erfolgte nicht nur ohne zusätzliche politische Argumente, sondern auch in Abwesenheit Mikojans, ja ohne dass dieser sich überhaupt in dieser Hinsicht geäußert hatte. 4 Entsprechend der erwähnten Mechanismen arrangierte Gerö einen Auftritt Mikojans in der Mitte des ZK-Plenums und beeinflusste damit - obwohl es sich um eine allgemeine politische Rede handelte - maßgeblich den Diskussionsverlauf zugunsten der neuen (alten) Führung. 5 Ganz im Sinne unserer Analyse bemerkte später ein (sowjettreuer) ungarischer Funktionär, dass weder er noch ein anderer führender Genosse bis zur Ankunft Mikojans einen Ausweg aus der entstanden Lage gesehen hätte. Auf der einen Seite hätte sich das Politbüro auf dem Plenum für den Rücktritt Rákosis einsetzen können. Auf der anderen Seite habe die Führung, wenn man einen Rücktritt Rákosis zugelassen hätte, nicht gesehen, wie man ihn ersetzen könnte. Als Mikojan auf der Politbürositzung vorschlug, die Möglichkeit des Rücktritts von Rákosi zu diskutieren, hätten alle teilnehmenden Genossen Erleichterung gefühlt. Jetzt sei schon allen Genossen klar, dass dem Politbüro eine andere Möglichkeit zur Verbesserung der Lage nicht blieb. 6 Insgesamt hatte Chruschtschov also nicht ganz unrecht, wenn er die
1 Nachdem seine Kandidatur ins Gespräch kam, versicherte er Rákosi, dass er alles so tun würde, wie dieser es getan hätte, nur dass es für ihn viel leichter sei. Rákosi 1999, S. 34.
2 Mikojan berichtet von der Politbürositzung, dass Gerö, Hegedüs, Kovacs und andere durchaus den Ernst der Lage erkannt hatten, aber nichts vorschlugen, obwohl aus ihrem Auftreten deutlich wurde, dass sie alle auf die "Frage Rákosi" fixiert waren. Alle erwarteten ein Auftreten in dieser Frage von sowjetischer Seite, da sie sich an die Linie, die von Suslov vorgegeben war, gebunden fühlten. Telegramm Mikojans an ZK der KPdSU v. 14.7.1956; SUUK 33, S. 154.
3 Protokollnotiz der Präsidiumssitzung v. 3.11.1956; SUUK 155, S. 542.
4 Telegramm Mikojans aus Budapest v. 16.7.1956; IA (1993), S. 123. Rakosi 1999, S. 71, Anm. 128.
5 Nach der Schilderung von Mikojan bat ihn Gerö um sein Auftreten, um Einfluss auf die weitere Diskussion zu nehmen und behielt recht. Telegramm Mikojans v. 18.7.1956; IA (1993), S. 127.
6 Aufzeichnung über Gespräch von Astafiev mit D. Egri; Diensttagebuch Astafiev's v. 10.8.1956; SUUK 49, S. 222 f. Auch Mikojan berichtet davon, dass nach seinem Vorschlag in der ersten Zusammenkunft, Gerö, Hegedüs und Veg erleichtert aufgeatmet hätten. Ähnlich habe sich auf Kovacs geäußert. Mikojan an ZK der KPdSU v. 14.7.1956; SUUK 33, S. 154.
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Absetzung Rákosis als Entscheidung der „ungarischen Genossen“ darstellte. 1 Der offizielle Verlauf der „Wachablösung“ versuchte auf den Ebenen 3 und 4 „institutionelle“ Normalität zu demonstrieren. Rákosi bat aus „gesundheitlichen Gründen“ selbst um den Abschied und übte Selbstkritik. „Danksagung und Applaus in der Akadémiastraße, freundliches Lächeln von Mikojan. Auf dem Abschiedsbankett saß neben ihm János Kádár, gegenüber György Marosán - beide hatte er seinerzeit ins Gefängnis stecken lassen.“ 2 Diese Mechanismen spielten noch eine gewisse Rolle, entscheidend waren sie jedoch nicht. Der institutionelle Mechanismus zeigt zwar eine starke Hierarchie, aber keineswegs eine auf imperialem Niveau; vor allem war der institutionelle Mechanismus stark von einer Verlagerung der „Verantwortung“ auf die sowjetische Seite geprägt. (4; 3 6) Machtausübung im Sinne einer Durchsetzung gegen den Willen des Partners war dies jedenfalls nicht. Dies verweist sogleich darauf, dass die Absetzung Rákosis nur die eine Seite der Medaille darstellte. Die andere war die aktive Neubesetzung der ungarischen Führung. Auch hier wird ein im Prinzip imperialer Vorgang angenommen: „Moskau sprach die Ernennung aus.“ 3
Mikojan hatte bei der Kooptation neuer Mitglieder in die ungarische Führung deutlichen Einfluss. Er führte Gespräche mit den „Kandidaten“, überprüfte ihre Haltung zur UdSSR und bestätigte sie im Konsens mit der Parteispitze um Gerö. 4 In der Politbürositzung am 13. Juli drängte Mikojan auf konkrete Maßnahmen, die sich im Beschluss widerspiegeln und gab eine Art Zusammenfassung, die sonst dem Parteichef zustand. Diese deutlichen Einflussmöglichkeiten Mikojans sind andererseits ein Zeichen für den mangelnden Einfluss der sowjetischen Seite auf die konkrete Politik der Ungarn nach dem Besuch Suslovs, handelte es sich bei einem Teil der Maßnahmen doch um eine Realisierung des mit Suslov abgestimmten Aktionsprogramms. Sowohl die sowjetische Botschaft als auch Mikojan kritisierten die Tatenlosigkeit der ungarischen Führung bei der Durchsetzung dieser Maßnahmen. 5
Eine Hierarchie auf den höchsten Stufen hätte auch eine Vorgabe der Neubesetzung beinhaltet. In diesem Sinne soll Mikojan die Kandidatur Gerös vorgeschlagen und in den beschließenden Gremien eine Schlüsselrolle gespielt haben. 6 Die Auswahl des unpopulären Gerö sei ein weiteres Zeichen für die „misperceptions of the Hungarian situation“ durch die sowjetische Führung. 7 Gemäß den sowjetischen Aufzeichnungen des ersten Sondierungsgespräches schlug Mikojan allerdings nicht Gerö, sondern Hegedüs für den Posten des 1. Sekretärs vor sowie Szalai als dessen Nachfolger im Ministerrat. Hegedüs lehnte nicht nur seine Kandidatur ab, da er über nicht genügend Rückhalt bei den alten Mitgliedern des Politbüros verfüge, er wandte sich auch sehr deutlich gegen das Aufrücken von Szalai in die Führungsspitze. Dagegen schlug er Gerö vor. Dieser wiederum schlug ebenfalls seine Kandidatur aus, damit eine Diskussion auslösend, ob die „Gegner“ seine Verantwortung der von Rákosi gleichsetzen. Dieser bemerkte treffend, dass Gerö nur eine zeitweilige Lösung darstellen würde. Auf dem Plenum könne man es nicht vermeiden, die Kandidatur Kádárs zu diskutieren. Der Vorschlag und die weitere Anwesenheit Mikojans wirkte in diesem Falle weder als „Anweisung“ noch als focal point innerhalb verschiedener Möglichkeiten. Die Frage sollte im Politbüro weiter diskutiert werden. 8
1 Micunovic 1982, S. 132.
2 Dalos 2006, S. 43.
3 Dallin 1961, S. 421.
4 Gerö versteckte sich, obgleich an den Entscheidungen beteiligt, gegenüber Rákosi in einigen Fällen hinter dem vorgehen Mikojans. Rákosi 1999, S. 35.
5 Shelizkij 1995, S. 249 Telegramm Mikojans an ZK der KPdSU v. 14.7.1956; SUUK 33, S. 153. Notiz über Auftreten auf Politbürositzung der UAP am 13.7.1956, IA (1993), S. 113.
6 Kramer 1998, S. 179 f.
7 Mikojan habe damit Öl ins Feuer gegossen. Granville 2004, S. 34.
8 Gespräch Mikojans mit Rákosi, Gerö, Hegedüs und Veg am 13.7.1956; IA (1993), S. 112.
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Auf der am selben Tag stattfindenden Politbürositzung hielt Mikojan ein Einführungsreferat zur Verschlechterung der politischen Lage und zog die Schlussfolgerung, dass die Einheit der Partei nicht ohne gebührende Veränderungen in der Führung wiederhergestellt werden könne; er stellte die Frage nach dem Rücktritt Rákosis. Ohne einen Vorschlag für die Nachfolge zu machen, forderte er zur Diskussion auf. Die Nachfolgedebatte war von Taktik bestimmt: Gerö und Rákosi schlugen bei gleichzeitiger Äußerung von Bedenken Kádár vor; Hegedüs dagegen Gerö. Eine Einigung wurde nicht erzielt. Nach eigener Aussage äußerte Mikojan seine Position zu Kádár nicht. „Ich berührte in meinem Auftreten die Frage, wer Rákosi nachfolgen sollte, nicht, und bin der Auffassung, dass es besser ist, wenn ich diese Frage nicht berühre.“ Letztlich schlug Gerö vor, dass die ungarischen Führung am Folgetag selbst über die Nachfolgefrage diskutieren werden und sich danach mit den sowjetischen Vertretern beraten würden. 1 Damit war der Hierarchie symbolisch genüge getan, ohne dass das Niveau eines Dominiums aufrechterhalten wurde. Das Politbüro der UAP tagte am nächsten Tag ohne Mikojan. Die Auffassung, dass zu diesem Zeitpunkt eine Ernennung Kádárs ausgeschlossen war, da die sowjetische Seite dies nie zugelassen hätte (so dass die Vorschläge Gerös und Rákosis rein taktischer Natur waren), kann nicht bestätigt werden. Mikojan führte sofort ein Sondierungsgespräch mit Kádár, das auch dazu diente, einen potentiellen Kandidaten kennen zu lernen. 2 Zumindest ging es dabei um die Frage, ob Kadar eine Art „Zweiter Sekretär“ werden sollte und damit während des bereits abzusehenden längeren Erholungsurlaubes von Gerö der erste Mann der Partei sein würde. Faktisch sollte Kadar "Zweiter Sekretär" werden, während der Abwesenheit Gerös sollte aber Kovács die Rolle eines „faktischen Ersten Sekretärs“ einnehmen. Dies sei dadurch motiviert, dass die Säuberung der Partei von oppositionellen Elementen besser von Kovács geleistet werden könne. 3 Während Gerö bei den Vorgesprächen den Vorschlag Mikojans, Hegedüs zu nominieren, wie auch seine eigene Kandidatur abgelehnt hatte, soll er im Politbüro dann doch Hegedüs vorgeschlagen haben. Die übrigen Politbüromitglieder waren damit aber nicht einverstanden und beharrten auf der Kandidatur Gerös. 4 Hinterher informierten Rákosi und Hegedüs den sowjetischen Emissär über den personalpolitischen Entwurf des Politbüros und fragten, ob dieser Bemerkungen dazu habe. Mikojan will geantwortet haben, dass - insofern sie selbst eingehend diskutiert hätten und insofern sie ihre Angelegenheiten besser verstünden - er nicht glaube, dass es von Seiten des ZK der KPdSU Bemerkungen zu dieser Frage gäbe. 5
Damit sank in dieser wichtigen Frage die Hierarchie auf das Niveau einer (Veto-besitzenden) Hegemonie, zumindest deutlich unter ein Dominium oder ein reines Imperium. Auch wenn diese Entscheidung im Rahmen des für die KPdSU „Zulässigen“ lag, war sie - auch aus sowjetischer Sicht - keineswegs unproblematisch.
Obwohl bei den Vorgesprächen zum ZK-Plenum und der Konferenz selbst eine Vielzahl von Bedenken gegenüber dem Charakter und Führungsstil von Gerö laut geworden waren, äußerte die Mehrheit der Parteispitze ihr Einverständnis mit der Kandidatur Gerös; andere Kandidaten wurden auf dem Plenum nicht mehr vorgeschlagen - ein Konsens, den auch Mikojan in den vielen Gesprächen am Vorabend gestützt hatte. Zuvor hatte er aber durchaus Skepsis an der Entscheidung für Gerö zum Ausdruck gebracht. Nach der entscheidenden
1 Den Ungarn selbst bereite diese Frage in ihrem Auftreten keine Schwierigkeiten. Mikojan an ZK der KPdSU v. 14.7.1956; SUUK 35, S. 169.
2 Mikojan berichtet, dass er Kádár nichts von der Ablösung Rákosis und der möglichen Kandidatur Kádárs als ZK-Sekretär gesagt habe. Mikojan an ZK der KPdSU v. 14.7.1956; SUUK 35, S. 170. Felkay vermutet, dass die sowjetische Seite Kádár und Marosan in die neue Führung einbeziehen wollte, um die Einheit der Partei zu sichern und die Macht Gerös zu begrenzen. Felkay 1989, S. 55.
3 Mikojan an ZK der KPdSU v. 14.7.1956; SUUK 35, S. 170.
4 Mikojan an ZK der KPdSU v. 16.7.1956; SUUK 36, S. 172.
5 Mikojan an ZK der KPdSU v. 14.7.1956; SUUK 35, S. 170. Gati deutet eine englische Übersetzung der Quelle so, dass sich das ZK nach dem Votum Mikojans einstimmige für Gerö entschieden habe. Gati 2006, S. 138.
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Politbürositzung kamen Hegedüs und Rákosi zu Mikojan, um über die Ergebnisse zu berichten, nicht aber Gerö, der ausrichten ließ, dass er, „falls wir, die sowjetischen (Genossen) daran zweifeln, dass es nützlich sei, seine Kandidatur (auf dem Plenum) vorzubringen, dann kann er sich mit der Entscheidung des Politbüros über seine Kandidatur nicht einverstanden erklären“. Mikojan schlussfolgerte, dass die Positionen Gerös in den vorbereitenden Gesprächen mit ihm wie auf der Politbürositzung den Charakter taktischer Züge besessen haben, und Gerö die gesamte Zeit für seine Kandidatur eingetreten sei, unter der Voraussetzung aber der sowjetischen Unterstützung. 1 Mikojan fragte daraufhin Gerö, ob man sich nach seiner Einsetzung als Erster Sekretär nicht in einer Lage befinde, in der man ihn nicht in der Parteiführung und im Politbüro „halten“ könne. Gerö antwortete, dass durchaus die Gefahr bestehe, dass die Gegner ihn angreifen. Deshalb habe er nicht gewollt, dass man ihn zum Ersten Sekretär wähle, aber das Politbüro habe keinen anderen Ausweg gefunden. 2
Versucht man aus dem komplexen institutionellen Gefüge, das hinter den geschilderten Entscheidungen stand, die wesentlichen Mechanismen herauszufiltern, kann man die Mission Mikojans als hierarchische Beziehung auf dem Niveau eines Dominiums einordnen, soweit sie den Rücktritt Rákosis betraf. Dies betrift aber nicht das Verhältnis zur ungarischen Führung insgesamt. In der Nachfolgefrage wurde aber bestenfalls ein hegemoniales Niveau erreicht. Dies beruhte auf Elementen einer habitualisierten Anweisungsmacht der UdSSR, stärker noch auf dem sozialen Druck ihres Vertreters beruhte. Das entscheidende Charakteristikum ist jedoch die Kopplung dieser Ebenen mit dem Anreiz für die ungarische Führung mittels des sowjetischen Eingreifens einen focal point zu gewinnen 3 , der sie aus ihrer Selbstlähmung befreite und zumindest einen kosmetischen Führungswechsel und einige Maßnahmen gegen die politische Opposition erbrachte. 4 Ganz im Sinne eines solchen situativen Anreizes endete das recht offene Sondierungsgespräch Mikojans mit Kádár am 14. Juli. Kádár bemerkte dabei „halb im Scherz“: „Bei uns sagen viele, dass sich die sowjetischen Genossen oft in die Angelegenheiten Ungarns einmischen und das immer erfolglos. Warum sollten sie sich jetzt nicht in unsere Lage einmischen, wo es sein kann, dass sie erfolgreich sein werden.“ Mikojan antwortete mit einem Lachen. 5
Die externen Ersatzinstitutionen wirkten auf zwei Ebenen. Zunächst minderten sie das Risiko bei der Ablösung Rákosis, die von der Mehrheit der Parteiführung gewünscht wurde. Zum zweiten ermöglichte sie die Wahl eines Nachfolgers in einer wenig einheitlichen Führungsmannschaft. Die Position Gerös umfasste einen leichten Vorteil im Apparat, aber
1 „… unter der Voraussetzung, dass dies unseren Wünschen nicht zuwiderläuft.“ Telegramm Mikojans aus Budapest v. 16.7.1956; IA (1993), S. 123.
2 Telegramm Mikojans v. 18.7.1956; IA (1993), S. 124.
3 Die Ursache lag in fehlenden inneren Institutionen für einen Machtwechsel, so dass das sowjetische Eingreifen als Ersatzinstitution wirkte. Anhänger Rákosis wollen diesen vor den Bestrebungen in der Führung gewarnt haben, die Situation auszunutzen, um ihn abzulösen. Dabei habe es sich um drei Gruppierungen gehandelt, die sofort, als die Ablösung bekannt wurde, mit einem Machtkampf begonnen haben sollen. Aufzeichnung des Gesprächs Astafev's mit Altomar am 21.7.1956; SUUK, S. 199f.
4 Die Personalveränderungen sollen in der Partei auf breite Zustimmung gestoßen sein. Ausführlich dankte Gerö der sowjetischen Seite, insbesondere Mikojan, für die Hilfe bei der Liquidierung einer schwierigen und gefährlichen Lage in der Parteiführung. Diensttagebuch Andropovs v. 23.7.1956; SUUK, S. 204. Später bemerkte auch Kádár, dass die ungarischen Genossen dem ZK der KPdSU sehr dankbar dafür seien, dass es in einer schwierigen Zeit geholfen habe, eine richtige Lösung zu finden. Diensttagebuch Andropovs v. 3.9.1956; SUUK 57, S. 260. Vgl. auch Bericht Lützkendorfs v. 4.8.1956; MfAA der DDR, A 9256, Bl. 1 ff.
5 Aufzeichnung des Gesprächs Mikojans mit Kádár am 14.7.1956; SUUK, S. 166.
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keine allgemeine Unterstützung in der Partei. 1 Eine externe Stabilisierung war somit ein sinnvoller Ausweg.
Die Anerkennung der Plenumsbeschlüsse folgte getrennt von diesem focal point nur in geringem Maße einem Automatismus auf den Ebenen 5 und 6. 2 Andererseits sind zusätzliche Anreize in der Form von Drohungen oder side payments nicht nachweisbar. Die sowjetische Führung hätte den Wunsch nach Wirtschaftshilfe auf ungarischer Seite durchaus an die Erfüllung ihrer Vorgaben koppeln können. Diese Frage spielte aber in den weiteren Diskussionen keinerlei Rolle. ( Die Bemerkung Mikojans, dass die ungarische Wirtschaft auf einer gesunden Basis beruhe, deutet eher darauf hin, dass man eine größere Wirtschaftshilfe möglichst vermeiden wollte.) Dass die Hierarchie auf anderen Mechanismen beruhte als der sowjetischen „Macht“ (im Sinne der Ebene 1) zeigt gerade die Regelung der Nachfolgefrage. Ohne genaue Vorgaben aus Moskau in dieser Frage moderierte Mikojan diese Frage eher als er sie bestimmte, legitimierte er die Wahl Gerös eher als er sie anwies. Eine striktere Hierarchie, die auf den Ebenen 5, 6 oder 1 beruhte, hätte möglicherweise etwas anderes als die „Lösung Gerö“ ergeben. 3 Dem stand aber auch ein Rest an institutionalisierter Verpflichtung gegenüber Gerö (Ebene 4) entgegen. Später bereute Chruschtschov: „Es ist meine Schuld und Mikojans, dass Gerö vorgeschlagen wurde und nicht Kádár. Wir gaben Gerö nach.“ 4 Dies ist nicht nur die Reue über einen politischen Fehler, sondern auch darüber, keine stärkere Hierarchie produziert zu haben.
Dass die Kopplung des Anreizes für die ungarische Führung, Handlungsfähigkeit zu gewinnen (Ebene 2/3) mit den Mechanismen der oberen Ebenen unseres Schemas
1 Die Ablösung Rákosis traf auf recht breite Zustimmung, während die Person Gerös wie seiner Konkurrenten kaum auf allgemeine Unterstützung rechnen konnten. Als weitere Beispiele: Gespräch Astafev's mit E. Sik v. 24.7.1956; SUUK, S. 206 f.; Gespräch Andropovs mit J. Boldozki; SUUK, S. 207 f. , Anm. 3.
2 Dies zeigt das bereits angeführte Beispiel Rákosis, der einige Wochen später nach Ungarn zurück zu kehren versuchte, um wieder ins politische Geschehen einzugreifen. Auch andere Betroffene des Juliplenums äußerten offen gegenüber den Sowjets ihr Unverständnis gegenüber den getroffenen Entscheidungen im personalpolitischen Bereich. Aufzeichnung des Gesprächs Astafev's mit Altomar am 21.7.1956; Diensttagebuch Astafev's; SUUK, S. 199f.
3 So eine stärkere Position Kádárs. Dies bleibt Spekulation, obwohl das Test-Gespräch am 14.7. sehr ausführlich war und in gutem Einvernehmen endete. Es folgte ein gemeinsames Mittagessen als Symbol der Eintracht. Mikojan fragte angesichts der Äußerung Rákosis, der Kádár vorgeschlagen hatte, im gleichen Atemzug aber auf „Gefahren“ hinwies, was dieser damit meine, ohne eine Antwort zu erhalten. Die Nachteile der Nominierung Gerös waren der sowjetischen Führung bewusst. So wies Chruscht-schov vor den Führern der Bruderparteien am 24.10. darauf hin, dass trotz der „absoluten Einheit“ in der ungarischen Führung, Gerö darauf hingewiesen habe, dass Proteste gegen seine Wahl aufkommen können. Kramer 1995, S. 54. Zudem waren die Beziehungen zu Jugoslawien ein wichtiges Kalkül bei der Besetzung der ungarischen Führung. Den Jugoslawen wurde ein Besuch Mikojans nach dem Juli-plenum geradezu aufgedrängt. vgl. Micunovic 1982. Mikojan informierte Gerö telephonisch über die Ergebnisse seiner Jugoslawienreise. Dabei kam zum Ausdruck, dass für die Jugoslawen Gerö als Partei-chef nicht akzeptabel sei; sie möchten dort lieber Kádár oder Santo sehen. Auch wenn Mikojan betonte, dass Gerö dem keine größere Bedeutung beizumessen brauche, musste ihm klar sein, dass dies Beunruhigung bei Gerö auslösen würde. Dieser fragte auch gleich über die Botschaft, ob Mikojan dabei eine konkrete Sache im Sinn gehabt habe, die er berücksichtigen müsse. Diensttagebuch Andropovs v. 23.7.1956; SUUK, S.
205. Als Rákosi im Politbüro (wohl als taktischen Schachzug gegen Gerö) die Kandidatur Kádárs vorschlug, kommentierte Mikojan, es sei unsicher, dass dies nicht Unterstützung fände. Mikojan an ZK der KPdSU v. 16.7.1956; SUUK 36, S. 172.
4 Man könnte auch übersetzen: „Wir ließen uns von Gerö beeinflussen.“ Dies würde zu der zitierten Kritik Mikojans am taktischen Vorgehen Gerös passen. Chruschtschov verteidigte sich offenbar gegen die Kritik Kádárs. Wie so oft ist die Bedeutung der Mitschriften nicht eindeutig. Trotzdem deutet die Formulierung "Schuld, dass" darauf hin, dass nicht gemeint war, sie hätten Gerö vorgeschlagen. Die Quelle ist eine ungarischrussische Mitschrift eines ungarischen Teilnehmers der Präsidiumssitzung v. 3.11.1956; SUUK, S. 545 f. vgl. auch die andere Deutung Kramers: Malin-Notes, S. 398. Später be-hauptete die KPdSU-Führung gegenüber der jugoslawischen Seite, man habe bereits im Zusammenhang mit der Ablösung Rákosis danach gestrebt, Kádár als
1. Sekretär einzusetzen. SUUK 190, S. 633. Dies ist zumindest eine Übertreibung. Dass es aber „nicht den Tatsachen entspricht“ können die Herausgeber der SUUK mit den angegebenen Dokumenten (SUUK 5 u. 6) nicht nachweisen, da diese aus dem April 1956 stammen.
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entscheidend war, zeigt auch der weitere Verlauf. Der Optimismus Mikojans, der vor seiner Abreise eine Konsolidierung der Partei festzustellen glaubte, war somit „institutionalistisch“ unbegründet. Wenige Wochen nach seiner Abreise zeigten sich selbst im Politbüro unterschiedliche Ansichten in einigen „prinzipiellen Fragen“. Der Anreiz in der ungarischen Führung, sich um einen neuen focal point zu reintegrieren, bei gleichzeitig abgeschwächter Wirkung der traditionellen Elemente der Hierarchie (insbesondere auf Ebene 4) ließen die Ereignisse eine Kreisbewegung vollziehen. Weitere Deinstitutionalisierung bis zur Suche nach einer erneuten externen „Lieferung“ dieser Mechanismen. 1 Dies betrifft allerdings bereits das unmittelbare Vorfeld der ersten sowjetischen Intervention, die es später zu behandeln gilt. Zuvor verdichteten sich die Verflechtungen der Krise im Ostblock durch den Höhepunkt der Auseinadersetzungen in Polen. Insgesamt ist die Mikojan-Mission, die auch nach Jugoslawien und Bulgarien führte, ein deutliches Zeichen für die Abschwächung der hierarchischen Institutionalisierung und den Versuch, die Mechanismen der Ebenen 4 flexibel zu nutzen. 2
Fasst man die institutionellen Konfigurationen in dieser ersten Phase der Ungarnkrise zusammen, fällt zunächst eine hohe Fragilität des institutionellen Niveaus bzw. der Hierarchie auf: Diese reichte somit von 5 (Dominium) bis 2 (ungleiche Allianz). Adäquate Mechanismen für eine Stabilisierung waren kaum vorhanden. Die sowjetische Führung verließ sich auf eher traditionelle Mechanismen (Ebene 5 und vor allem 4). Die hierbei entscheidenden Sondermissionen bedeuteten jedoch starke Defizite bei Informationen und kontinuierlicher Einflussnahme. Selbst während der Missionen war der Einfluss eher hegemonial als imperial. Dies lag auch daran, dass sich die Mechanismen deutlich von reiner Selbstverständlichkeit zu kalkulierendem Verhalten der ungarischen Führung verschoben. Sowjetischer Einfluss diente der ungarischen Führung deutlich als Ersatzinstitution (Ebene 2) oder focal point (Ebene 3). Ersteres dominierte jedoch, waren die sowjetischen Vorschläge für eine Nachfolgeregelung keineswegs die sofortige „Lösung“.
Die „horizontale“ Stabilisierung war nur in Ansätzen wirksam. Sicher gab es Ansätze zu neuen Formen in multilateralen Räumen: Sie waren jedoch sporadisch und noch wenig institutionalisiert; so führten sie eher zu einer Verschärfung der Krisen.
4.4) Der Konflikt mit Polen im Oktober 1956
4.4.1) Die sowjetische Hierarchie gegenüber Polen
Bereits vor dem Oktober 1956 war die Deinstitutionalisierung der polnischen Position im Ostblock erheblich deutlicher als die ungarische. Die Versuche der sowjetischen Seite, in der ersten Hälfte 1954 der Liberalisierung des öffentlichen Lebens und der Verbreitung „feindlicher Ideologien“ entgegenzusteuern, blieben ohne Ergebnisse. 3 Seit dem Tod Bieruts am 15. März 1956 und der zunehmenden Verbreitung der Geheimrede wuchs die öffentliche Feindseligkeit gegenüber der Sowjetunion deutlich an. Kritik an der „militärischen Besetzung Polens“ wurde immer lauter. Die sowjetischen Vertreter berichteten über die „einem Angriff
1 Diensttagebuch Andropovs v. 2.9.1956 und 3.9.1956 über die Gespräche mit Gerö und Kadar; SUUK 56, 57, S. 254 ff.
2 In Bulgarien scheint die Vermittlerrolle Mikojans zwischen verschiedenen „Fraktionen“ eine nicht weniger wichtige Rolle gespielt zu haben, ohne dass er mit fertigen Vorschlägen oder Anweisungen nach Sofia kam. Volkov 1999, S. 12.
3 Im 1. Quartalsbericht der sowjetischen Botschaft für 1954 wurde ein umfangreiches Maßnahmepaket zur "ideologischen Erziehung" in Polen vorgeschlagen. Orlow 1999, S. 46.
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ähnelnden Ausbrüche gegen die UdSSR“. Ihre nach Moskau übermittelte Kritik, diese „bestürzenden Erscheinungen hätten sich nicht derart verbreiten können, wenn die regionalen und lokalen Organisationen der PVAP eine entschiedenere und geschlossenere Haltung gegen die Aktivitäten feindlicher Elemente eingenommen hätten“, blieb ohne Wirkung. Ähnliches trifft auf die persönliche Kritik Chruschtschovs an der polnischen Pressepolitik zu. 1 Im Vergleich zu Ungarn blieben die Einflussmöglichkeiten der sowjetischen Delegation beim wichtigen VII. Plenum der PVAP (18.-28.7.1956) sehr gering. Kurz vor dem Plenum erschien in der Pravda ein Leitartikel, der betonte, dass es zwar unterschiedliche Wege zum Sozialismus gebe; das Ziel aber bleibe das gleiche. Die notwendige Betrachtung nationaler Besonderheiten würde nicht zur Entfremdung der sozialistischen Länder führen, sondern zur „Solidarität“ der Länder beitragen. Niemand könne die Einheit des sozialistischen Lagers zerstören. 2 Obgleich sich hier der Wandel von sowjetischen „ideologischen“ Vorgaben (Ebene 5) zur Produktion eines neuen focal points (Ebene 3) andeutete, blieb dies ohne Wirkung in Polen. Es sollte ohnehin durch die Mittel der Ebene 4 gestützt werden. Die Sondermission, die Bulganin und Shukov am 21./22. Juli 1956 nach Warschau führte, hatte aber keine der Mikojans vergleichbaren Folgen. Ihre Beteiligung an den Diskussionen war eher formal. Hier wirkten die engen Verbindungen der „Natolin-Gruppe“ zu sowjetischen Stellen und deren Hoffnung, dass „ein Schiedsspruch Moskaus ihnen die volle Macht zuerkennen würde“ (Dudek), den sowjetischen Ambitionen eher entgegen. Der Einfluss Bulganins auf dem Plenum blieb indirekt und reichte nicht aus, das Patt zwischen den Fraktionen zu beenden. 3 Sowohl die symbolische Hilfe der UdSSR als auch die Warnungen Bulganins, die „Bande des sozialistischen Lagers“ nicht zu lockern 4 , blieben ohne große Wirkung. Zu stark war der taken for granted-Charakter sowjetischer „Hinweise“ bereits deinstitutionalisiert.
Nachdem es bereits im Frühjahr zu Streiks in Industriebetrieben gekommen war, erreichte auch die wirtschaftliche Dimension der Proteste beim Arbeiteraufstand in Poznan eine neue Dimension. Wirkten die gerade dargestellten institutionellen Mechanismen nicht, konnte hier ein Testfall für die Mechanismen der Ebene 1 bestehen. Anfang Juli befanden sich Ochab und Cyrankiewicz zu Geheimverhandlungen in Moskau, wo eine nach Aussagen von Chruschtschov „großzügige“ Wirtschaftshilfe die Wirkungen der Ebenen 4 und 5 unterstützte: Die „Dinge in Polen kämen wieder ins Lot“, kommentierte der sowjetische Parteichef. 5 Die Ereignisse in Poznan hatte die Bedenken in der sowjetischen Führung über die Stabilität des „sozialistischen Lagers“ bedeutend verstärkt. „Die Aktivitäten
imperialistischer Kräfte in Poznan und Ungarn zielten darauf, die internationalistischen Verbindungen zu schwächen, Uneinigkeit zu erzeugen und die sozialistischen Länder nacheinander zu zerstören.“ Während als allgemeine Maßnahme eine Pressekampagne, als konkrete Maßnahme zu Ungarn die besagte Reise Mikojans beschlossen wurde 6 , gab es bis Mitte Oktober keinen erfolgreichen Versuch direkten Eingreifens in die polnischen Angelegenheiten. Die polnische Führung soll nicht auf die Empfehlungen der sowjetischen Seite gehört haben, „die Schrauben anzuziehen“ und die Presse und Diskussionszirkel unter
1 Diese Kritik habe er Anfang Mai während eines Treffens mit osteuropäischen Funktionären geäußert. Kramer 2006, S. 4-6.
2 Pravda v. 16.7.1956; Zinner 1956, S. 63.
3 Vgl. Dudek 1999, S. 34 f. Hacker 1983, S. 552. Es wurden vor allem Warnungen gegen "volksfeindliche Umtriebe" und Restaurationsversuche in der Pravda und der Rede Bulganins formuliert. Orlov 1999, S. 46 f.
4 Den Polen wurden Konsumgüter für 25 Mio. $ als Kompensation für ein Hilfsangebot der USA versprochen. Dallin 1961, S. 401.
5 Micunovic 1982, S. 130)
6 Protokollnotizen der Präsidiumssitzungen vom 9. und 12.7.1956; Malin Notes, Kramer 1995, S. 388.
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Aufsicht zu stellen. Sie empfahl den sowjetischen Beratern ihre Tätigkeit in Polen einzustellen, da diese ein Hauptgrund für die antisowjetischen Stimmungen seien. 1 Aus „imperialer“ Perspektive erstaunt dies um so mehr als Polen im Mittelpunkt sowjetischer „Sorgen“ stand. Und dies zurecht: Die Massenbewegung in Polen nach dem Poznaner Aufstand zeigte, dass die Motivation und Zielstellung des Aufbegehrens der Bevölkerung in noch höherem Maße antisowjetisch als antisozialistisch war, sich also vor allem gegen die Konstitution des Ostblocks richtete. 2 Somit schienen beide Führungen an Konsultationen interessiert, zu denen sich ein Zwischenstop Ochabs am 11.9. auf dem Weg zum Parteitag der KP Chinas anbot. Die zuständige ZK-Abteilung der KPdSU riet zu Gesprächen mit dem polnischen Parteichef, um die Situation nach dem VII. Plenum der PVAP zu diskutieren, vor allem um die „liberale“ Entwicklung der polnischen Öffentlichkeit einzudämmen. Die Einschätzung dieser Abteilung zeigt die gravierenden Bedenken wie die Verluste an „Hierarchie“: „Die ernsten negativen Erschienungen, die in der ersten Hälfte 1956 in Polen zu beobachten waren, zeigen sich auch noch nach dem VII. Plenum des ZK der PVAP. Die Parteiorganisationen der PVAP setzen ihr liberales Verhalten gegenüber diversen Ausfällen feindlicher Elemente fort und ergreifen nicht die erforderlichen Maßnahmen zur Sicherung der notwendigen Führung bei der ideologischen Arbeit durch die Partei.“ 3 Hauptthema der Gespräche mit Mikojan scheint dennoch der Abzug sowjetischer Berater im „Komitee für öffentliche Sicherheit“ gewesen zu sein, was die Zustimmung von sowjetischer Seite fand, aber auch die brisanten Fragen sowjetischer Militärberater wie der Preisausgleich für die polnischen Kohleexporte. 4 Bei diesem Treffen konnten die gleichen Mechanismen genutzt werden wie bei der Mikojan-Mission in Budapest - nur unter günstigeren Bedingungen für die sowjetische Seite. Dennoch ist die Wirkung hier eine grundsätzlich andere, die Hierarchie deutlich geringer.
Noch vor der Machtübernahme durch Gomulka hatten sich diese politischen Ziele in der polnischen Führung durchgesetzt, so dass dort in der „unfairen Situation in den Beziehungen zwischen der VRP und der UdSSR“ eine Ursache der Krise gesehen wurde. Dies betraf den Preis für die polnische Kohle, die sowjetischen Offiziere in der polnischen Armeeführung wie das Eingreifen des sowjetischen Botschafters in die inneren Angelegenheiten Polens. Andere Elemente der Führungskrise waren denen in Ungarn durchaus ähnlich. 5 Die Forderung einer "Normalisierung" der Beziehungen mit der UdSSR wurde natürlich durch den beginnenden Einfluss Gomulkas in der Parteiführung verstärkt. 6
Dass die sowjetische Seite bis Mitte Oktober nicht intervenierte, kann teilweise daran gelegen haben, dass - ähnlich wie in Ungarn - ein „nichtimperiales“ Informationsdefizit zu Fehleinschätzungen gegenüber polnischen Politikern führte 7 , die zudem ihre sheating/
1 Volkov 1999, S. 12. Dies erörterte Ochab mit Mikojan auf der Durchreise nach China und erhielt dessen grundsätzliches Einverständnis.
2 Machcevicz 1996, S. 30.
3 Orechov 2001, S. 347.
4 Ein unmittelbares Dokument zu diesem Treffen wurde aber bislang nicht gefunden. Orechov 2001, S. 345 u. 347f. Am 9.9. wurde im Politbüro der PAP nicht nur beschlossen, um den Abzug der Berater im Sicherheitsapparat zu bitten, sondern auch um einen Ausgleich für die seit 1945 zu Sonderpreisen gelieferte polnische Kohle. Paczkowski 2001, S. 183. zur sowjetischen Zustimmung, die Berater im Sicherheitsdienst abzuziehen vgl. auch Prozumenscikov 1998, S. 161.
5 Protokoll der Politbürositzung der PZPR v. 8. und 10.10.1956; Gluchowski 1995, S. 38.
6 Vgl. die PB-Sitzung v. 12.10., an der Gomulka teilnahm. Gluchowksi 1995, S. 38.
7 Chruschtschov glaubte im Juli, dass die Dinge schon wieder ins Lot kämen, und änderte seine Be-wertung des Poznaner Aufstandes. Micunovic 1982, S. 130. Im Politbüro wurden die Fehleinschätzun- gen von Botschafter Ponomarjenko beklagt. Dabei litt die gesamte sowjetische Führung an Fehlein-schätzungen, wie sich beim Besuch Ochabs im September gezeigt haben soll. Malin Notes, S. 388 und die Anmerkung Kramers S. 401, Anm. 14. Dabei handelte es sich angesichts des ausgebauten nach-richtendienstlichen Netzes der UdSSR in Polen auch um das Problem von Informationskosten in einem stark zentralisierten politischen System.
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shirking Möglichkeiten intensiver nutzten als ihre ungarischen „Genossen“. 1 Kurz vor dem VIII. Plenum sollen die Berichte der sowjetischen Botschaft jedoch von Panik gekennzeichnet gewesen seien. 2
Das eigentliche Problem bestand in einer Art Umkehrung der ungarischen Situation. Während dort die sowjetische Seite den focal point oder institutionalisierte Entscheidungen für die Parteiführung lieferte, bot hier Gomulka ganz bewusst seine Person und seine Politik als Ausweg aus der Führungskrise an. “Gomulka (…) called for the majority of the Politburo to unite under his leadership.” 3 Eine Lösung der innenpolitischen Krise erschien eher möglich mit Gomulka und tendenziell gegen die UdSSR, kaum aber mit der UdSSR und gegen Gomulka. Da in Polen bereits vor Gomulka die Beziehungen mit der UdSSR nicht mehr als „gegeben“ betrachtet wurden 4 , war die Widerholung der ungarischen Lösung aus institutionalistischer Sicht nicht möglich.
Im Gegensatz zur intensiven Kontrolle der politischen Handlungsspielräume von Nagy oder Kádár in Ungarn, ist kein Einfluss der Sowjets auf die schrittweise Heranführung von Gomulka an die polnische Führung seit April 1956 nachweisbar. 5 Sollte es Einflussversuche der Botschaft gegeben haben, hatte Ochab „sie loyal informiert, dass ich ihre segensreichen Ratschläge zurückweisen muss“. 6 Ein solches Verhalten wie die taktische
Informationspolitik stellte einen deutlichen Wandel gegenüber der früheren Praxis dar 7 und senkte damit in einem Segment das Zentralisierungsniveau deutlich unter die Stufe des Dominiums, ja teilweise sogar einer Hegemonie. Dies lag auch an der Schwäche der etablierten Mechanismen (Einfluss der sowjetischen Botschaft, Direktkontakte zu Ochab: Ebene 4+6). Obwohl es sich andeutete, diese durch Zugeständnisse bei strittigen Fragen zu ergänzen. (Ebene 1) Allerdings deutet letzteres eher auf eine beginnende Neudefinition angemessenen Verhaltens. Änderte sich dies mit der Integration Gomulkas in die polnische Führung?
1 Es sei eine Aussage Ochabs zu seinem Politikverständnis zitiert: „Nicht den Hamlet spielen, die Zähne zusammenbeißen und den Mund halten. Politik ist die Wahl des kleineren Übels; sie bedeutet, seine Zunge zu hüten und manchmal mit gezinkten Karten zu spielen. Die Wahl des kleineren Übels, aber nicht des größeren Nutzens.“ Toranska 1987, S. 68. Chruschtschow warf bei seiner Ankunft in Warschau am 19.10. den Polen auch gleich die "verräterischen Aktivitäten" Ochabs vor. Gluchowski 1995, S. 40. Das doppelbödige Spiel der polnische Führung zeigt sich sehr schön beim Chinabesuch Ochabs im September 1956, wo er versuchte, Unterstützung für den polnischen Standpunkt zu erhalten, ohne dass die sowjetischen Informationskanäle dies sogleich nach Moskau trugen. Insgesamt sprach Ochab von „Streichen, die wir unseren sowjetischen Freunden spielten“ wie sie vorher und hinterher keiner mehr gespielt habe. Toranska 1987, S. 73 ff. u. 76.
2 So erinnerte sich Chruschtschov. Orlov 1999, S. 48. Allerdings sind gerade die Botschaftsberichte für 1956 noch nicht vollständig zugänglich. Orechov 2001, S. 343.
3 Gluchowksi 1995, S. 38, vgl. auch die dortigen Zitate aus der Politbürositzung vom 12.10.1956.
4 Bereits für die Phase vor dem Oktober 1956 betont Ochab, dass man es nicht zum Konflikt mit der UdSSR kommen lassen wollte, „aber wir wollten auch kein Protektorat sein, das lediglich Befehle ausführt, so etwas würde unsere Bevölkerung nie akzeptieren“. Ochab in Toranska 1987, S. 54.
5 Zwar gab es Kontaktversuche der Botschaft mit Gomulka, die jedoch unabhängig von den Aktivi-täten der polnischen Führungsspitze abliefen. Orechov 1995, S. 226; Toranska 1987, S. 71 ff. Chruschtschov will Bierut zur Freilassung Gomulkas animiert haben. Chruschtschov 1994, S. 72 f.
6 Es ist nicht eindeutig, ob sich dies nur auf die Einflussversuche am Abend des 18.10. bezieht. Toranska 1987, S. 83. Keine Hinweise auf frühere Einflussversuche auch bei Orechov 1995, S. 224 ff. Gluchovski 1995.
7 So hieß es im Bericht der Warschauer Botschaft für 1954: „Die Führung der PAP und die polnische Regierung konsultiert sich in allen Fragen der Innen- und Außenpolitik mit dem ZK der KPdSU und der sowjetischen Regierung, schenkt dem Rat und den Empfehlungen der sowjetischen Regierung in diesen Fragen feinfühlig ihr Ohr.“ Im Berichtsjahr habe sich der freundschaftliche Kontakt der polnischen Genossen mit der Botschaft verstärkt. „Die Partei- und Staatsführung, die Genossen Bierut, Zawadski und Minc wie andere verantwortliche Funktionäre informieren gewöhnlich die Botschaft über alle wesentlichen Maßnahmen, die in der Innen- und Außenpolitik auftreten, und erfragen häufig unseren Rat in diesen Dingen.“ Zit. nach Orechov 1995, S. 220 f. Dies hatte auch eine "soziale" Komponente, sollen doch die Mitarbeiter der sowjetischen Botschaft (zumindest bis 1956) auf dem Gelände der "Siedlung für Aktivisten" gewohnt haben. Toranska 1987, S. 151.
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Die Teilnahme Gomulkas an der Politbürositzung am 12. Oktober und seine Feststellung, dass eine Normalisierung der ökonomischen und politischen Beziehungen zur UdSSR wie eine Veränderung der Beraterfrage notwenig sei 1 , aber auch der Beschluss des 15. Oktober, Gomulka und drei seiner Anhänger in die Führung zu kooptieren, blieben ohne unmittelbare sowjetische Reaktion. Am 17.10. setzte das Politbüro eine Kommission ein, die Personalvorschläge für Politbüro und Sekretariat ausarbeiten sollte. Während Gomulka, der selbst zur Kommission gehörte, und einige seiner Anhänger auf die Listen kamen, drohte am engsten mit der UdSSR verbundenen Personen um Verteidigungsminister Rokossowski der Ausschluss. 2 Die Frage der sowjetischen Offiziere in der polnischen Armeeführung bis hin zu Rokossowski - dem Symbol eines sowjetischen Dominiums im militärischen Bereich 3 wurde zu einer der entscheidenden Fragen in der folgenden Auseinandersetzung. Obwohl dies eine tiefe Beunruhigung im Kreml auslösen musste, blieben die „normalen“ institutionellen Mechanismen ohne Wirkung. Die Forderung Botschafter Ponamarjenkovs, das Plenum zu verschieben, um die Entscheidungen mit einer sowjetischen Delegation abzustimmen, wurden von Ochab zurückgewiesen; selbst der persönliche Anruf Chruschtschovs blieb erfolglos. In der Präsidiumssitzung des 18. Oktober wurde deshalb beschlossen, auch gegen den Willen der polnischen Führung eine Spitzendelegation nach Warschau zu schicken - ein ungewöhnlicher Schritt, dessen Angemessenheit man gegenüber den „Bruderparteien“ glaubte begründen zu müssen. 4
Ungewöhnlich war zunächst, dass man keinen geheimen Emissär schickte, sondern eine Abordnung im Status einer hochkarätigen Partei- und Militärdelegation. Dies weist darauf hin, dass sozialer und symbolischer Druck (Ebene 4/5) einen wesentlichen Mechanismus darstellen sollte. Hierzu entschloss sich die sowjetische Führung in dem Gefühl, dass die Mechanismen der oberen beiden Ebenen bei geringerem Einsatz wirkungslos waren: „Their reluctance to meet with us heightened our concerns even more. So we decided to go there in a large delegation.” (Chruschtschov). 5 Dies sollte ergänzt werden um die stärksten Mittel auf Ebene 1, um militärische Drohungen. Dies spiegelt sich in der Zusammensetzung der Delegation wider, die 11 hohe Offiziere umfasste, vor allem aber die Anweisung Chruschtschovs, dass sich sowjetische Truppen aus dem Norden und Westen Polens langsam Warschau nähern sollten. 6 Am 19.10. soll Chruschtschov in der sowjetischen Botschaft mit seinen Generälen konferiert und die Möglichkeiten eines militärischen Eingreifens kalkuliert haben. Auch wenn neuere Forschungen den Eindruck vermitteln, sowjetische Drohungen und die Kalkulation möglicher polnischer Reaktionen bestimmten die Situation 7 , war die Ebene 1 hier keineswegs entscheidend. Die Mechanismen sollen deshalb im folgenden schrittweise analysiert werden.
Die Mechanismen der Ebene 4 (und 5) bestimmten den Beginn der „direkten“ Auseinandersetzung mit der polnischen Führung noch auf dem Flughafen. Auch wenn das Auftreten Chruschtschows sicher seine Seelenlage widerspiegelte, handelte es sich bei seinem öffentlich zelebrierten Wutausbruch um ein typisches „Machtmittel“. Während Chruschtschov tobte, verwies Mikojan darauf, dass sie als Freunde gekommen seien, damit
1 Dudek 1999, S. 36.
2 Gluchowski 1995, S. 39.
3 Vgl. Ajnenkiel 1999, S. 19 ff.
4 Dabei handelte es sich nicht nur um eine Information über die Tatsache, sondern um ein offizielles vom Präsidium beschlossenes Dokument, das die Motive für das Eingreifen kurz begründete und wei-tere Informationen zusicherte. Präsidiumssitzung v. 18.10.1956; IA (1996), H. 5-6, S. 181 f. In Polen wurden auch bereits sowjetische Truppenbewegungen festgestellt. Dudek 1999, S. 37f. Toranska 1987.
5 Chruschtschov 1974, S. 199f.
6 Kramer 1998, S. 169; Gluchowski 1995, S. 47, Anm. 23.
7 Granville 2004, S. 53.
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auf die Pflichten von „Freunden“ anspielend. 1 Selbst Rokossowski versuchte, die Auseinandersetzung auf diese Ebene sozialen Drucks zu kanalisieren, indem er vorschlug eine Abordnung von vier Genossen in Verhandlungen mit der sowjetischen Seite zu schicken, die bei entsprechender Zusammensetzung leicht in die Defensive geraten konnte. 2 Dieses Vorgehen erhielt zudem eine „symbolische“ Ergänzung, wenn Chruschtschow mit der Faust drohte und auf das Unwort „Feinde der Sowjetunion“ anspielte. Erst als diese Mechanismen an der Intransigenz Gomulkas und Ochabs abprallten, kam es zum „Zusammenstoß“ und Chruschtschow drohte offen, dass sie das Verhalten der polnischen Seite nicht durchgehen lassen werden: „Wir sind bereit zur aktiven Intervention.“ 3 Aber die polnische Seite ließ das Ausspielen dieser Mechanismen vor der Entscheidung für Gomulka nicht zu. Gomulka verwies in seiner Ablehnung sowjetischer Drohungen, des „Revolvers auf dem Tisch“, auf die Logik des Angemessenen, gegen einen aggressiven Ton und für eine „faire Diskussion“. Damit definierte er angemessenes Verhalten ein Stück weit neu. 4 Im Gegensatz zu den vielfältigen Aktivitäten, die Mikojan über Einzelgespräche in Budapest entwickeln konnte, gab es hier zudem nur sehr begrenzte Möglichkeiten. Hinzu kam, wer bei wem „zu Gast“ war. Ochab hatte ja zuvor die sowjetische Forderung, sofort zu Verhandlungen nach Moskau zu reisen, zurückgewiesen. 5
Dies traf aber den eigentlichen Kern der Angelegenheit. Auch wenn die politischen Entscheidungen des Plenums für die sowjetische Seite große Bedeutung besaßen, ging es der KPdSU-Führung vor allem darum, von einer solchen Entscheidung generell ausgeschlossen zu werden, also um ein institutionelles Problem. „Moskau vor einer derart wichtigen Entscheidung nicht um Rat zu fragen, war gegen alles Herkommen und Gesetz (...).“ 6 Neben oder sogar vor den konkreten Vorwürfen bezeichnete es der sowjetische Parteichef als einen Schlag ins Gesicht, dass die polnische Seite nicht eingewilligt habe, sich mit der Delegation vor dem Plenum zu treffen. 7 Dies sei vor allem deshalb ein Problem gewesen, weil man zu Ochab bereits das „Vertrauen“ verloren hatte. 8 Chruschtschov soll im Gegensatz zu dieser institutionellen Frage die Person Gomulkas als nicht strittig bezeichnet haben. „Ihr seid uns willkommen, gegen euch haben wir nichts, aber er - Chruschtschow zeigte auf (…Ochab)hat das mit uns nicht abgesprochen.“ 9 Die Zugehörigkeit Gomulkas zur polnischen Führung wurde jedenfalls von Anfang an stillschweigend akzeptiert. Somit verwundert es auch nicht, dass Mikojan seine Ausführungen bei den weiteren Gesprächen mit dem Hinweis begann, dass es eine Tradition von Treffen zwischen beiden Ländern gebe und der Ton der polnischen Seite, als sie den Empfang einer sowjetischen Delegation zurückwies, einen großen Alarm bei ihnen ausgelöst habe. 10 An den bisherigen Institutionalisierungen der Beziehung zu
1 Toranska 1987, S. 85; zur „Methode“ vgl. Grinevskij 1996.
2 Vgl. Politbürositzung der PAP v. 19.10.1956, Gluchowski 1995, S. 40.
3 Protokoll der Politbürositzung der PAP am 19./20. und 21. 10.1956; Gluchowski 1995, S. 40. Der angesprochene Ablauf der Mechanismen setzt voraus, dass der Bericht Gomulkas an das Politbüro präzise genug ist und dass die symbolische "Faust" Chruschtschows nicht schon direkt auf die Interven- tion hinwies. Anschaulich zum Auftreten Chruschtschows auch Ochab nach Toranska 1987, S. 85 f. Laut Ochab gab es bereits seit September sowjetische Interventionsdrohungen: „Kraft hatten sie ja genug.“ Toranska 1987, S. 76.
4 Den „erhitzten“ Tonfall dieser Diskussion verteidigte Gomulka am 4.11. vor einem Parteiaktiv als die Sprache der Partei, bei der beide Seiten offen gesagt hatten, was sie dachten. Granville 2004, S. 53.
5 Dies sei am 17.10. vom sowjetischen Botschafter gefordert worden. Hacker 1983, S. 553.
6 Dallin 1961, S. 424.
7 Protokoll der Politbürositzung der PVAP v. 19./20./21.10.1956; Gluchowski 1995, S. 40. Am Vorabend soll der sowjetische Botschafter zweimal auf die Verschiebung des Plenums gedrängt haben. Toranska 1987, S. 84.
8 Memuary.- in: VI (1994), H. 4, S.
9 Toranska 1987, S. 86. Der Deutung von Kramer 1995, S. 50, dass die Sowjets am 19.10. aktiv versuchten, Gomulkas „regaining“ der Führungsposition zu verhindern, soll hier nicht gefolgt werden. Chruschtschov behauptet sogar das Gegenteil, dass man Gomulka dem „schwachen“ Ochab vorgezogen habe und Ochab seine Ablösung befürchtete. Memuary.- in: VI (1994), H. 4, S. 74 f.
10 Notizen Gomulkas über die Verhandlungen mit der sowjetischen Delegation am 19.10.1956; Gluchowski 1995, S. 41.
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rütteln, wertete die sowjetische Seite als Gefahr für die Beziehung insgesamt. In diesem Sinne besaß für Chruschtschov auch die Forderung nach einer Entlassung Rokossovskis eine symbolische Bedeutung nach innen und außen: „Wie ist das zu verstehen? Richtet sich das nicht gegen die polnisch-sowjetische Freundschaft? Wie kann die Absetzung Rokossowkis vom Volk verstanden werden; wie wird dies das Ausland interpretieren? Alle werden dies als einen Schlag gegen das Bündnis auffassen. (…) Worin verletzt die Sowjetunion die Souveränität?“ 1
Die Relevanz institutioneller Fragen zeigt sich sehr schön bei einem Vergleich mit dem Auftreten Chruschtschovs auf dem VI. Plenum der PAP im März des Jahres, wo auch die Wahl eines neuen Parteichefs anstand. Auf Wunsch der polnischen Seite wie aus eigenem Interesse soll der KPdSU-Chef nicht vor dieser Entscheidung abgereist sein. Dabei versicherte der sowjetische Parteichef den Teilnehmern, dass er nicht beabsichtige, Einfluss auf die personalpolitischen Entscheidungen im Sekretariat des ZK der PAP zu nehmen. Dies betraf aber nur den formellen Akt der Teilnahme an den Sitzungen von Politbüro und ZK, um nicht den Anschein einer Einflussnahme zu erwecken. Gleichzeitig führte er - ähnlich Mikojan in Budapest - vor Beginn des Plenums Gespräche mit den Politbüromitgliedern, um deren Positionen kennen zu lernen und auf sie Einfluss zu nehmen. Angesichts dieses „normalen“ Ablaufes führte es dann auch nicht zu Konflikten, dass Chruschtschovs Lieblingskandidat für die Parteispitze Zambrowski sich nicht gegen Ochab durchsetzen konnte; man akzeptierte Ochab als „Freund“. Dagegen empfand man es als Affront, dass zur Zeit des VIII. Plenums die Liste der Kandidaten an der Warschauer Universität ausgehängt wurde, als ob dies „bereits entschieden“ war. 2
Im Ansatz handelte es sich beim Vorgehen der sowjetischen Führung um eine starke Hegemonie, fundiert auf Ebene 4 und 5, deren Räume und Symbole aber aus sowjetischer Sicht taken for granted sein sollten, unterstützt durch den militärischen Druck (Ebene 1). Diese Mechanismen wurden nun von der polnischen Seite nicht mehr akzeptiert. Die Resistenz der polnischen Führung war verbunden mit einer Neudefinition, wie ein Führungswechsel im Ostblock sich vollziehen sollte bzw. was „innere Angelegenheiten“ bedeuten. 3 Dabei prallten zwei Definitionen des Angemessenen aufeinander, die ein Symbol der Reziprozität und ein Symbol der Hierarchie beinhalteten - ein deutlicher Akt der Deinstitutionalisierung. Auf den Vorwurf Chruschtschows, das Vorgehen nicht mit der sowjetischen Seite abgestimmt zu haben, will Ochab geantwortet haben: „Sprecht Ihr denn mit uns ab, wen Ihr in das Politbüro oder in das Zentralkomitee wählt? Chruschtschow fing an zu lachen: (…) na Ihr seid mir einer. Aber damit war die Diskussion über dieses Thema beendet.“ 4
Nicht nur für die sowjetische Seite ging es um ein institutionelles Problem. Auch die polnische Führung sah in dieser Frage keinerlei Spielraum für Kompromisse - motiviert vom Druck der Volksbewegung, aber auch von einer internen Neudefinition der „inneren Angelegenheiten“. 5 Während im Sinne eines politischen Handels Teilzugeständnisse 1
1 So Chruschtschov in den folgenden Verhandlungen. Zit. nach Dudek 1999, S. 39; vgl. Gluchowski 1995.
2 Orechov 1995, S. 222 und 230; Foitzik 1995, S. 69; Memuary.- in: VI (1994), H. 4, S. 73. Dagegen betont Hoensch, Chruschtschov habe die Wahl Ochabs durchgesetzt. Hoensch 1977, S. 121.
3 Dass in dieser unterschiedlichen Definition das eigentliche Problem lag zeigt die Äußerung Molotovs in der Diskussion, dass die Polen natürlich die Verantwortung für ihre Angelegenheiten tragen, aber dass die SU die Verantwortung für die größeren Probleme des sozialistischen Lagers wahrnehmen müsse. Notizen Zawadskis über die Gespräche mit der sowjetischen Delegation am 19.10.1956; Gluchowski 1995, S. 43.
4 Toranska 1987, S. 86.
5 So äußerte Ochab: „Wir tragen die Verantwortung für unser Land und tun, was wir für richtig halten, denn es dreht sich um unsere inneren Angelegenheiten.“ Toranska 1987, S. 85. Die Bestimmung der höchsten Personalangelegenheiten als „innere“ Angelegenheit und nicht die der kommunistischen Weltbewegung, sprich der UdSSR, bedurfte eines neuen Denkens. Der Führung Bierut, Berman, Minc wäre eine solche Definition
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angesichts der Interventionsdrohung rational erscheinen, beschloss die polnische Führung im Sinne ihrer Neudefinition des Angemessenen eine kompromisslose Linie: „Jegliche Konzessionen würden so interpretiert werden, dass das ZK unserer Partei nicht frei agiert und die Veränderungen von der sowjetischen Delegation diktiert wurden.“ 2 Bei diesem Grad der (De-)Institutionalisierung konnte die Entscheidung durch die Kopplung mit Ebene 1 getroffen werden. Somit waren Anreize notwendig, um ein Mindestmaß an Hierarchie aufrechtzuerhalten. Welche Mechanismen waren dies?
Zunächst sprach Mikojan sehr ausführlich über Wirtschaftsfragen. Dabei ging es aber weniger um die Andeutung von Wirtschaftssanktionen. Mikojan versuchte die Wirtschaftsbeziehungen und ihre Zukunft eher als positiven Anreiz für die polnische Seite darzustellen: Die UdSSR sei bereit, die polnischen Lieferquoten bei Kohle zu kürzen wie auf die Lieferung von Schiffen zu verzichten. Das Angebot, in polnische Uranminen zu investieren, wird wiederholt und auf sowjetische Technologiehilfen, v.a. im militärischen Bereich, verwiesen. Andeutungen einer RGW-Wirtschaftsblockade wie 1949 gegen Jugoslawien sind nicht zu finden. 3 Weiterhin verwiesen die Sowjets auf die Abhängigkeit Polens vom gemeinsamen Militärbündnis: „Wenn Ihr den Warschauer Pakt für unnötig haltet, sagt es uns.“ Dieser Anreiz wurde aber nicht von der sowjetischen Seite produziert, er wirkte sowieso. Es war der polnischen Führung klar, dass die Stabilität ihrer Westgrenze von der sowjetischen Unterstützung abhing.
Dagegen wird ein Anliegen der sowjetischen Delegation, die Frage der Berater, plötzlich zur Verhandlungsmasse, von einem „Geschenk“ zu einer „Ware“, die man nicht „verkaufen“ konnte, sondern „kaufen“ musste. Beim Aufeinandertreffen von zwei Definitionen des Angemessenen, die für die sowjetische Seite kognitive Kosten produzierte, geriet Chruschtschov in die Defensive: Er fühle sich beschämt durch die Haltung Gomulkas zur Beraterfrage; die UdSSR habe es als ihre Pflicht angesehen, Berater nach Polen zu schicken. Deshalb werde man nur widerstrebend nachgeben. Noch im Oktober erfolgte die Bestätigung des bereits im September von Ochab angesprochenen Abzuges der Geheimdienstmitarbeiter wie die Zustimmung zur Abberufung der sowjetischen Offiziere in der polnischen Armee. Dies wurde beim Besuch einer Delegation des ZK der PVAP in Moskau endgültig entscheiden. 4
fremd gewesen. So fasste Berman das Verhältnis Polens zur Stalinschen UdSSR als „Selbständigkeit“ auf. „Sie wollten uns helfen, uns beraten, aber sich keineswegs in unsere inneren Angelegenheiten einmischen. Polen sollte doch selbständig sein, das wollten nicht nur wir, das wollte auch Stalin.“ Deshalb kritisiert er an Gomulka: „Er wollte nicht einsehen, dass wir Teil einer festen Gruppierung waren, die sich für alles interessierte, was bei uns vor sich ging, die unsere innere Situation beeinflusste und die sicherstellen wollte, dass wir uns als Partner loyal verhielten.“ Toranska 1987, S. 226 f. u. 284.
1 Während für die Verhandlungen solche Gedanken bisher nicht nachgewiesen werden konnten, spielten sie in der polnischen Führung dennoch eine gewisse Rolle. So sprach Gomulka vor dem Parteiaktiv der polnischen Armee am 27.10. vom Standpunkt des Politbüros, „Rokossowski auf dem Posten des Oberbefehlshabers zu belassen“ und „keine unbedachten Entscheidungen“ bei den Beratern zu treffen. Nalepa 1999, S. 71.
2 So Jedrychowski in der Diskussion des Politbüros über das Verhalten gegenüber den sowjetischen Forderungen und Drohungen. Gluchowski 1995, S. 40. Im diesbezüglichen Bericht Zawadskis an das ZK betonte der Redner: „Was das Projekt der neuen Zusammensetzung der Führung betrifft, so kann ich sagen, dass diese Frage von Anfang bis Ende als innere Frage unserer Partei und unseres ZK be-handelt wurde.“ Zit. nach Orechov 1995, S. 230. Vgl. auch die Einschätzung von Orlov 1999, S. 50.
3 Bestenfalls der Hinweis darauf, dass die UdSSR nicht genug Erz und Baumwolle für Polen haben werde, ist ein Hinweis auf ein potentielles Druckmittel. Notizen Gomulkas und Zawadskis von den Gesprächen mit der sowjetischen Delegation. Gluchowski 1995, S. 42. Nach Aussage von Kramer wurden am 20./21.10. wirtschaftliche Sanktionen diskutiert; allerdings fehlen die Belege. Kramer 1998, S. 172.
4 Zahlen der sowjetischen Militärs und Berater und der bereits Ende 1956 abgezogenen bei Nalepa 1999, S. 65, Schreiben an ZK der PVAP v. 22.10.1956 zum Abzug der Berater; IA 1996, S. 185 f.
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Es blieb die militärische Interventionsdrohung oder sogar der die Intervention selbst. Ohne Zweifel war dies ein relevantes Kalkül auf sowjetischer Seite, bis das Präsidium am 21.10. beschloss, von einem militärischen Eingreifen angesichts der Umstände zunächst abzusehen. 1 Laut neuer Forschungen hatte man am Vortag aber noch über eine gewaltsame Lösung nachgedacht. Dies beinhaltete Druck durch neue Manöver und die Formierung eines „provisorischen Revolutionskomitees“, das Gomulka ersetzen sollte. Die sowjetische Führung habe einen militärischen Konflikt nicht riskiert angesichts der Unsicherheit über das Verhalten der polnischen Truppen und den angenommenen Widerstandswillen des Landes und der Führung. 2 Allerdings sind weder die zitierten Pläne völlig eindeutig, noch agierte Chruschtschov bei seinen Drohgebärden frei von Hemmungen. 3 Als Chruschtschov in den erregten Verhandlungen des 19. Oktober „den Revolver auf den Tisch legte“, zeigten ihm Ochab und Gomulka, dass sie dies nicht für angemessenes Verhalten hielten und die Verhandlungen abbrechen müssten. 4 Damit wäre die sowjetische Seite zu einer nackten Aggression gegen ein „Brudervolk“ und dessen KP gezwungen worden. Die militärische Option war damit nur noch unter hohen kognitiven Kosten für die sowjetische Führung wählbar; die Mechanismen der Ebenen 4 und 5 ebneten die Hierarchie ein und bewegten Chruschtschov zu einem Stop des Vormarsches. Auf polnischer Seite führten nicht nur der innenpolitische Druck, sondern auch die „nationale“ Perspektive der Führung auf den sowjetischen Einfluss dazu, den Interventionsdrohungen standzuhalten. Nicht nur Ochab und Gomulka gaben sich unbeeindruckt gegenüber dem sowjetischen Druck. Im Politbüro traten im wesentlichen nur die Mitglieder für Kompromisse ein, denen der Ausschluss drohte; die Mehrheit wollte sich auch einer Interventionsdrohung nicht beugen. 5 Eine militärische Intervention produzierte Kosten: an Soldaten, an Prestige, aber auch kognitiv-emotionale Kosten. 6 Es kann nicht genau gesagt werden, welche Rolle hier die chinesische Unterstützung
1 Zwei „Linien“ wurden diskutiert: Abwarten und Beobachten oder auf den Weg der Intervention zu gehen". Präsidiumssitzung v. 21.10.1956; IA, 5/6 (1996), S. 183. Zu den militärischen Aktivitäten nach dem 18.10.1956 vgl. Nalepa 1999, S. 66 f.
2 Kramer 1998, S. 172.
3 Sicher war es noch eine Option, „mit dem, was in Polen ist, Schluss zu machen“. Kramers Deutung der Malin-Notizen ist aber keinesfalls eindeutig. Es gibt keinen logischen Zusammenhang mit der Fest-stellung, dass man, wenn Rokossowski „gelassen“ werde, es „eine Zeitlang dulden werde“, noch mit dem Dokument, das vorbereitet werden sollte (wohl den Rückzug der Berater und Offiziere betreffend). Weder ist klar, ob von einer Fortsetzung oder einem Abbruch der „Manöver“ gesprochen wurde, noch ist der Charakter des Komitees eindeutig. Vgl. Kramers Anm. 13 zu den Malin Notizen, S. 401 und die Anmerkungen der Herausgeber der SUUK.
Die von sowjetischer Seite verwandten Symbole und Begriffe des Drohens sind nicht eindeutig wie Chruschtschovs Erklärung, man sie zu einer "aktiven Intervention" bereit. Gomulka machte daraus gegenüber der chinesischen Seite eine „brutale Intervention“. Chruschtschov wies aber den Vorwurf, den "Revolver auf den Tisch zu legen" ab, wie die Drohung mit Verhaftungen. Davon sei nicht die Rede gewesen, sondern nur, dass die KPdSU entschieden habe zu intervenieren. So die Äußerungen Gomulkas gegenüber der chinesischen Seite. Notizen über die Gespräche der Delegationen von VRP und VRCh am 11./12.1.1957; Gluchowski 1995, S. 44.
4 Beide nutzten unabhängig voneinander das Bild vom „Revolver auf dem Tisch“. Ochab betonte, dass er keine Angst vor irgendeinem Gefängnis hätte und sich nicht ins Bockshorn jagen ließe. Toranska 1987, S. 85 ff. Gomulka betonte, dass er unter der Androhung physischer Gewalt nicht zu verhandeln bereit sei. So sein Bericht an das Politbüro am 19.10.1956; Gluchowski 1995, S. 40. Zur Vorbereitung des militärischen Widerstandes vgl. Orlov 1999, S. 51; kritischer Nalepa 1999.
6 Dudek spricht zurecht von den „hohen Kosten einer militärischen Operation“. Dudek 1999, S. 39. Chruschtschov betonte nach der Edition Kramers bei seinem Bericht über die Lage in Polen an die Ostblockführer am 24.10.1956, dass es sehr einfach sei, einen Grund für einen bewaffneten Konflikt mit Polen zu finden, aber sehr schwer, einen Weg zur Beendigung eines solchen Konflikts. Also ein simples politisches Kostenkalkül? Andererseits ist auch in diesem Zusammenhang von einem "Versprechen" Chruschtschows die Rede, die sowjetischen Truppen in ihre Basen zurückzuziehen. Die Deutung der Äußerung Chruschtschovs als militärischer Konflikt ist unsicher. Aufzeichnungen (Svobodas/ Novotnys) vom Treffen im ZK der KPdSU v. 24.10.1956; Kramer 1995, S. 53 f.
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für Polen spielte. Mao bestellte nach einer Krisensitzung am Morgen des 20. Oktober (in seinem Schlafzimmer) den sowjetischen Botschafter ein und drohte mit einer chinesischen Unterstützung für Polen, falls es zu einer sowjetischen Intervention kommen würde. Dies hatte wohl keinen direkten Einfluss auf die sowjetischen Entscheidungen, sicher aber auf die Neudefinition angemessenen Verhaltens. Als der sowjetische und der chinesische Botschafter in Polen sich am Abend trafen, war von Maos Drohung nicht mehr die Rede. Panomorenko rechtfertigte aber das kurzfristige Eingreifen und betonte, dass vor den Bruderparteien über die Ergebnisse berichtet und die notwendigen Maßnahmen gemeinsam beraten würden. 1
Da die sowjetische Seite keine neuen Anreize produzieren konnte, ist die Behauptung der Forschung irreführend, dass die sowjetische Seite in der Folgezeit gegen die Entlassung Rokossowskis deshalb keinen „festeren Stand“ einnahm, weil die Ereignisse in Ungarn dies nicht sinnvoll erscheinen ließen. 2 Es zeigt sich, dass Mechanismen auf Ebene 1 durchaus relevant waren, dass sie aber selbst bei einer eindeutigen Ungleichgewicht auf dieser Ebene nur schwer Institutionalisierungen begründen können, wenn sie nicht mit den Mechanismen der oberen Ebenen korrespondieren. Die folgenden Gespräche mit der sowjetischen Seite mussten den Grad an Hierarchie zeigen, der unter diesen Bedingungen etabliert werden konnte. Der Versuch, die polnische Seite durch eine kleine Delegation in eine soziale Zwangssituation mit der hochkarätigen sowjetischen Abordnung zu bringen, scheiterte. Gomulka wurde von vierzehn Politbüromitgliedern begleitet. In dieser Situation gelang es den prosowjetischen Politbüromitgliedern nicht, ein Übergewicht zu erlangen. 3
Rekapitulieren wir die Ergebnisse: Eine Neudefinition von „inneren Angelegenheiten“ im Verhältnis zu sowjetischen Einflüssen hatte begonnen und die Hierarchie fundamental verändert. Die polnische Führung erhielt die Eigenkompetenz, über ihre Zusammensetzung zu entscheiden, die schriftliche Bestätigung, dass die sowjetische Seite ihre Berater und Offiziere abziehen werde, wie die Andeutung von Wirtschaftshilfen. Bei einem Telefonkontakt Chruschtschovs und Gomulkas am 23.10. warb der neue polnische Parteiführer um das Vertrauen der sowjetischen Seite und erhielt dafür die Zusicherung, dass Chruschtschov keine Hindernisse dafür sehe, dass die Beziehungen zwischen beiden Staaten und Parteien auf den Prinzipien begründet werden, die auf dem VIII. Plenum dargelegt wurden. 4
Was konnte die sowjetische Seite dafür eintauschen? Erstaunlicherweise nichts außer der Beteuerung Gomulkas, dass die neue Führung die innenpolitische Situation unter Kontrolle bringen könne und Polen kein Ausscheiden aus dem Bündnis wie aus dem Ostblock anstrebe. Man gewann vor allem eine Zusicherung, die auf Vertrauen beruhte. Hier handelt es sich um eine Institutionalisierung, die in den unteren Zentralisierungsbereichen (schwache
1 Vámos 2006, S. 10 f.
2 Kramer 1998, S. 172. Kramer bezieht sich auf ein Gespräch am 26.10., bei dem selbst die chinesische Seite die Forderung Gomulkas erstaunt hatte. Allerdings ist die Quelle keineswegs eindeutig, die Übersetzung Kramers eher problematisch: „The point about Rokossowski is the central Question. (Cds. Liu Shaoqi) Gomulka is taking this to extremes.” Kramer, Malin notes, S. 389. Die Übersetzung könnte ebenfalls lauten: „Gomulka lässt Überspitzungen zu.“ Ob ein Zusammenhang zwischen beiden Teilen besteht, ist unklar. Die „Überspitzungen“ verweisen eher auf allgemeine Streitfragen als auf diese Einzelfrage, deren wesentliche Dimension, das Ausscheiden aus dem Politbüro - wie Kramer richtig bemerkt - bereits auf dem VIII. Plenum entschieden worden war. Die symbolische Bedeutung der Entlassung Rokossovskis kommt in der Präsidiumssitzung vom 20.10. zum Ausdruck.
3 Im Politbüro sprachen sich für Konzessionen Jozwiak, Dworakowski und Chelchowski aus. Nur Z. Novak wurde etwas mutiger. Wie im Politbüro setzte sich vor allem Jozwiak für die sowjetischen (und seine) Interessen ein - ein Mensch, für den es nach Aussage Ochabs nur die Sowjetunion gab. Toranska 1987, S. 73; Gluchowski 1995, S. 40-43.
4 Orechov 1995, S. 234, Orlov 1999, S. 54.
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Hegemonie) von Ebene 4 eingeordnet werden kann. 1 Diesen Standpunkt beteuerte Gomulka in den Diskussionen mehrfach und eindringlich. Zudem wurde es als Auffassung der gesamten Führung dargelegt. 2 Der gewaltige Aufwand an Tauschmitteln, die eine Hierarchie etablieren sollten, war eher kontraproduktiv, zumindest aber umsonst, hätte man das erzielte Ergebnis durch ein simples Treffen der Parteichefs nach dem Plenum erreichen können. Das Versprochene, das Verbleiben im Ostblock wie die Präsenz sowjetischer Truppen, war in der polnischen Führung einschließlich Gomulkas aus eigenem Interesse ohnehin nicht in Frage gestellt worden. 3 Die erheblichen Kosten, die das sowjetische Vorgehen produzierte, bleiben somit nichts anderes als ein Ausdruck der (durch Fehlwahrnehmungen verstärkten 4 ) kognitiven Kosten, die im Vergleich zu einer „reibungslosen“ Akzeptanz der neuen institutionalisierten Definitionen des Angemessenen entstanden. In der Konstellation eines deutlichen innenpolitischen Anreizes wie der Neudefinition angemessener Beziehungen zur UdSSR, reichte für die polnische Seite selbst eine militärische Drohung als „Gut“ nicht aus, um die hierarchischen Beziehungen zu (re-)etablieren. Diese stand der Neudefinition angemessenen Verhaltens sogar diametral entgegen. Der Institutionalisierung musste eine neue Basis gegeben werden.
Als erster Schritt hierzu sollte eine polnische Delegation nach Moskau kommen. Immerhin sagte Gomulka ein Spitzentreffen mit der sowjetischen Seite in Moskau zu und bewegte sich damit ein Stück weit auf die Anerkennung tradierter Institutionalisierungen zu. 5 Die Fortsetzung dieses Weges soll später nachgezeichnet werden. Dieser betraf auch die Gesamtbeziehungen im Ostblock. Waren diese bereits jetzt relevant?
4.4.2) Institutionelle Mechanismen auf Lagerebene
Angesichts der begrenzten Wirkung selbst der sowjetischen „Machtmittel“ dürfte der Einfluss der anderen Ostblockländer auf die Geschehnisse kaum relevant gewesen sein. Oder wirkte dieser kompensatorisch? Immerhin nahm man in Polen nicht nur von sowjetischer, sondern auch von DDR-Seite militärischen Druck wahr. 6 Gab es institutionalisierte Einflussversuche von dieser Seite?
Am 17.10.1956 soll ein „Dienstgespräch“ zwischen Vertretern der DDR-Botschaft und polnischen Diplomaten stattgefunden haben 7 , was eine institutionalisierte Beziehungsform bedeuten könnte. Allerdings erweist sich dieser diplomatische Kontakt beider Seiten wie
1 Mehrfach betont Chruschtschov in seinen Memoiren, dass für ihn das beginnende Vertrauen zu Gomulka entscheidend war. "We took his word as a promisory note from a man whose good faith we beliefed in." Khruschtshov remembers 1970, S. 205; Memuary.- in: VI (1994), H. 4, S. 76 f. vgl. auch Notizen Svobodas v. 24.10.1956; Kramer 1995, S. 53.
2 Notizen Zawadskis über Verhandlungen v. 19.10.1956; Gluchowski 1995, S. 41 f.
3 Bereits in der Politbürositzung am 12.10.1956 betonte Gomulka, dass sowohl der Aufbau des Sozialismus als auch die polnische Staatsräson erfordern, dass die Beziehungen zur UdSSR in Zukunft konfliktfrei sind. Ähnlich äußerte er sich am 19.10. vgl. Gluchowski 1995, S. 38 u. 40. Das Bündnis mit der UdSSR wurde auch von Ochab niemals in Frage gestellt. Toranska 1987. Vgl. auch Orlov 1999.
4 Möglicherweise resultierte die Schärfe des sowjetischen Vorgehens auch aus den übertreibenden Berichten Ponomarjenkos. In der Präsidiumssitzung v. 20.10. war von dessen Fehleinschätzung in Be-zug auf Ochab und Gomulka die Rede. Es ist nicht eindeutig, ob dies im positiven oder negativen Sinne gemeint war, auch wenn Kramer ersteres annimmt. Verwiesen sei auf den Hinweis Ochabs, dass die sowjetische Botschaft ihre Informationen aus Pressematerial zusammenstellte und damit die Neigung zur Konterrevolution nachwies. Toranska 1987. In den Gesprächen spielte die Frage der antisowjeti-schen Presseberichte eine wesentliche Rolle. Mikojan zitierte amerikanische Radiomeldungen als Infor-mationsbasis für die Situation in Polen. Gluchowski 1995, S. 42.
5 Hacker 1983, S. 554, Orlov 1999, S. 54 f.
6 Polnische Diplomaten meldeten (allerdings erst am 26.10.), dass am 18.10. auch die NVA und die Kampfgruppen in der DDR in Alarmbereitschaft versetzt worden seien. Borodziej 1996, S. 62.
7 Wolle 1996, S. 55 f.
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seine institutionalisierte Form als Fiktion. 1 Trotzdem ist die interne Analyse der DDR-Botschaft von Interesse. Bei der Bestätigung der eigenen Wahrnehmung wurde nicht nur die erwartete Rehabilitierung Gomulkas angeführt; viel „wichtiger und bedeutsamer“ sei der überraschende Besuch der Genossen aus der UdSSR. Wie bereits zitiert, setzte die Einschätzung der DDR-Botschaft eher auf Verständnis der polnischen Situation, kaum aber auf eine Intervention. Trotz einer Berufung auf das sowjetische Vorgehen kann von einem Gleichklang der Wahrnehmung keine Rede sein. 2 Die Forderung der Botschaft, die Missverständnisse, die auf beiden Seiten bestünden, schleunigst zu beseitigen, richtete sich auch auf einen institutionellen Raum. Die entsprechenden Maßnahmen sollten einen wichtigen Teil der deutsch-polnischen Gespräche bei der geplanten polnischen Regierungsdelegation nach Berlin einnehmen. Die ergänzenden Vorschläge sind institutionalistisch von höherer Qualität. Es sollte geprüft werden, in welcher Weise man zu internationalen Diskussionen über die neuen Probleme in den Volksdemokratien gelangen könne. Vor allem sollten die Direktkontakte erweitert werden, wozu alle Hemmnisse für Reisen beseitigt werden sollten. 3
Zunächst verlief der Trend aber entgegengesetzt. Ein „Zustand latenter Gereiztheit“ dominierte; Anfang Dezember wurde eine Visapflicht selbst für polnische Diplomaten eingeführt. 4 Die Beziehungen verschlechterten sich deutlich, mitunter traten die verdeckten Aversionen offen zutage. 5 Von ungarischer Seite waren zunächst ebenfalls Befürchtungen über die „sozialistische Entwicklung“ in Polen geäußert wurden. Diese schmolzen aber angesichts der ungarischen Entwicklung „wie Schnee im Tauwetter“. 6 Ein bilaterales Krisenmanagement ohne die sowjetische Seite war also kaum weniger problematisch. Dennoch bestanden Anreize, diese Ebene auszubauen.
Dies zeigte auch die gleich zu behandelnde parallele Entwicklung in Ungarn. Spezifische Lagerinstitutionen waren in dieser Phase nicht wirksam. Urlaubsreisen oder die normalen diplomatischen Kanäle mussten dieses Manko kompensieren. So nutzte die ungarische Parteiführung den Kanal über ihre Botschaft, um sich gegenüber der rumänischen Seite von Inhalten eines Artikels zu distanzieren, der in ihrem Zentralorgan zu Transsilvanien erschienen war. 7 Die Klärung besaß aber noch eine weitere Dimension. Zuvor hatte die rumänische Seite beim ZK der KPdSU angefragt, wie sie in dieser Angelegenheit verfahren solle, und die Bestätigung erhalten, dass sich das ZK der RAP an das ZK der UAP zur Klärung dieser Frage wenden könne. 8 Letztlich meldete dann die ungarische Seite den „diplomatischen“ Abschluss der Angelegenheit an Andropov. Damit war die Angelegenheit aber noch nicht ausgestanden. Noch bei dem ersten unmittelbaren Treffen mit der Kadar-Regierung im November musste die ungarische Seite mit den „rumänischen Genossen einen ganzen Abend lang diskutieren […], um ihnen zu erklären, dass die Partei [...den Journalisten] Pändi nicht ermutigt hätte, einen chauvinistischen Artikel zu schreiben, der unter den Ungarn in Siebenbürgen gewisse Stimmung gemacht hatte“. 9
1 Es handelte sich um eine interne „Dienstbesprechung“ der DDR-Botschaft. PAAA, MfAA der DDR, A 3760, Bl. 20.
2 Heymann an MfAA v. 20.10.1956; MfAA der DDR, A 3760, Bl. 20 f. Die Ablösung Heymanns als Botschafter erfolgte auch nicht wegen dieser Distanz zur sowjetischen Politik, sondern weil Ulbricht die Berichte zu verständnisvoll für die Revisionisten waren.
3 Ebenda, Bl. 20 ff.
4 Borodziej 1996, S. 62. Die Visapflicht betraf allerdings nicht allein polnische Diplomaten.
5 Ruchniewicz, S. 24 f.
6 Granville 2004, S. 57 f. Dabei erwiesen sich die Möglichkeiten zur Analyse der polnischen Entwicklung in Ungarn aber als sehr gering.
7 Andropov an MID v. 18.9.1956; SUUK, S. 265.
8 Memorandum Gromykos für ZK der KPdSU v. 17.9.1956; SUUK, S. 262 f.
9 Nicht veröffentlichte Teile der Rede Kadars auf Landesaktivkonferenz der SAPU v. 13.10.1957; (Bericht Lützkendorfs v. 12.11.1957) MfAA der DDR, A 15315, Bl. 66 ff.
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Dieses kleine Beispiel zeigt anschaulich eine gewisse Bewegung von den tradierten Beziehungsformen (über die Achse jeder Einzelpartei hin zur KPdSU), die von sowjetischer Seite und der Dynamik der Krise abgeschwächt wurden, zu institutionalisierten Direktbeziehungen der Parteien. Die Krisensituation von 1956 erbrachte einen wesentlichen Anreiz, diese Institutionalisierungen zu erweitern. Die sporadische Urlaubsdiplomatie zeigt sowohl, dass sie ein wirksames Mittel zum Abgleich von Auffassungen war, die institutionellen Defizite aber auch zu Missverständnissen führte. Der im Juli wieder in die ungarische Führung aufgenommener Marosan berichtete von einem Urlaub in der DDR, dass er sich mit vielen alten Freunden getroffen habe und Gespräche mit Ulbricht, Grotewohl und Pieck führen konnte. Andererseits haben ihn die Gespräche davon überzeugt, dass die Führung der DDR über die Lage der Dinge in Ungarn nur gering informiert sei. Dies betraf mehr noch als die reinen Informationen die Bewertung der Ereignisse und mögliche Reaktionen. 1 Aus dieser Situation entstand der gemeinsame Wunsch, den gegenseitigen Austausch von Informationen auf Parteiebene zu verstärken und engere persönliche Kontakte zwischen den Führungen herzustellen. 2 Aber noch in einer weiteren Hinsicht sind diese Gespräche von Interesse. Ulbricht soll dabei seine Unzufriedenheit mit einigen Entscheidungen des Juliplenums bekundet haben. Insbesondere seien Ulbricht die Motive für die Absetzung von Rákosi nicht klar geworden. 3 Auch wenn die drohende Beispielwirkung den Unmut Ulbrichts verständlich macht, bedeutet dies entweder, dass diesem die sowjetische Unterstützung dieser Entscheidung nicht bewusst war oder aber dass er trotz der sowjetischen Haltung dagegen opponierte. In beiden Fällen zeigt dies die Grenzen des Institutionalisierungsgrades einer solch relevanten Entscheidung und ihrer Anerkennung im Ostblock insgesamt. 4
Eine Ebene, welche die geringen Kontakte der Parteien kompensieren konnte, war der Kontakt der Botschafter der Ostblockländer in Budapest. Diese tauschten durchaus Informationen und Analysen aus, ohne aber an gemeinsame Aktionen zu denken. Auch als sich Mitte Oktober ein Konsens herausgebildet hatte, dass die Lage „sehr ernst“ sei, dienten Kontakte mit der sowjetischen Botschaft dem Informationsaustausch, der theoretischen Einordnung der Lage Ungarns, nicht aber einer sowjetischen Verhaltensanweisung zu gemeinsamem praktischen Vorgehen. 5 Insgesamt zeigen sich deutliche Anreize für Direktkontakte, aber ein sehr schwaches Institutionalisierungsniveau (2;2).
Hiernach verwundert es nicht, dass der zitierte Maßnahmekatalog der sowjetischen Botschaft in Budapest einen eigenständigen Teil enthielt, der die Festigung der „internationalistischen Verbindungen“ Ungarns zur UdSSR und zu den anderen Volksdemokratien zum Inhalt hatte. An der Spitze der Vorschläge stand die Frage nach der wirtschaftlichen Hilfe der UdSSR, der die ungarischen Genossen gewaltige Bedeutung beimessen würden. Dabei ging es aber nicht um eine Institutionalisierung dieser „Hilfen“ im Ostblock, sondern um eine propagandagestützte Institutionalisierung der bisherigen Wirtschaftsbeziehungen. Alle verfügbaren Medien sollten eingesetzt werden, um deren Akzeptanz unter der Bevölkerung zu erreichen. Zum zweiten ging es um die große Bedeutung ungarischer Delegationen in die
1 Die DDR-Botschaft in Budapest hatte gerade im August einen längeren Bericht über die Situation in der UAP verfasst, in dem die Politik der ungarischen Seite recht kritisch betrachtet wurde. MfAA der DDR, A 9256, Bl. 1ff.
2 Dabei stellten die „deutschen Genossen“ heraus, dass die KPdSU-Führung ein Beispiel gebe, wie die Beziehungen zwischen Parteien und Regierungen verstärkt werden können. Andropov an MID o.D.: Über Gespräch Astafev's mit Marosan am 21.9.1956; SUUK, S. 274 ff.
3 Diensttagebuch Andropovs v. 20.9.1956; SUUK, S. 272.
4 Ebenso soll E. Hodza gegen die Beschlüsse des Juliplenums opponiert haben. Ebenda.
5 Aktenvermerk über Unterredung mit Andropov v. 19.10.1956; MfAA der DDR, A 15319, Bl. 13 ff.
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UdSSR. 1 Die beiden erwähnten Vorschläge zielen weniger auf die Beziehungen zu den Parteispitzen als zur Bevölkerung direkt. Eine Ebene darüber sollte die Zusammenarbeit und Kooperation bei allen Propagandamedien von Presse bis Radio gestaltet werden. Es sei nützlich, viel engere Kontakte in ideologischen Fragen auf der Ebene der Parteiführungen zu organisieren, aber auch zwischen den konkreten „Bereichen“ der ideologischen Arbeit. Der nächste Punkt führt dann zu einem grundlegenden institutionellen Problem des Ostblocks. Die aktuelle Krise hatte das ungenügende Informationsniveau der „Bruderparteien“ untereinander gezeigt, was zu „ernsthaftem Unwillen“ geführt habe. Deshalb besitze die ständige „Information über die Lage der Bruderparteien“ große Bedeutung für die Festigung der internationalistischen Verbindungen im sozialistischen Lager. Es wird eine sowjetische Initiative empfohlen, vor allen Parteien des sozialistischen Lagers das Problem anzusprechen, wie man Informationen in wichtigen Fragen austauschen kann, aber auch in stärker operativen Fragen der Parteitätigkeit. 2 Wenn sich das System „eingebürgert“ hatte, dass die Ostblockführungen über wichtige und außerordentliche Ereignisse in den Ländern des sozialistischen Lagers fast immer aus der bürgerlichen Presse erfuhren 3 , ist dies ein deutliches Indiz für institutionelle Defizite. Hier handelt es sich sozusagen um ein Programm für die verstärkte Institutionalisierung der Kooperation im sozialistischen Lager. Es ist ein Zeugnis für institutionelle, aber auch konzeptionelle Defizite in dieser Frage. Auch wenn hier nur die Auffassung einer Botschaft und nicht die des MID oder des Parteipräsidiums widergespiegelt wird, ist es kennzeichnend, dass hier nichts Innovatives geboten wurde. Bezüge zu vorhandenen oder neuen Gremien des Ostblocks fehlen völlig. Die Beziehungen der Volksdemokratien untereinander bleiben ein Anhängsel der Beziehungen zur UdSSR. Auch wenn die akute Krisensituation die Probleme nicht nur hervorbrachte, sondern auch ihre systematische Lösung behinderte; die Probleme blieben relevant. Sie sind Ausdruck verschiedener Institutionalisierungsanreize, die nach einer Bewältigung der akuten Krisensituation wirksam werden konnten. Dies musste auch die multilaterale Ebene betreffen.
Von besonderem Interesse für unser Thema ist somit, dass die Auswertung der polnischen Ereignisse und die folgenden Maßnahmen mit den Führungen der anderen Ostblockstaaten abgestimmt und koordiniert werden sollten. Immerhin gab es Auswirkungen für den gesamten Ostblock, selbst für die nach außen „stabilen“ Länder wie CSR und VR China. Ein polnischer Parteifunktionär warnte Moskau, dass die Ereignisse „nicht nur Polen und der UdSSR, sondern dem gesamten sozialistischen Lager großen politischen Schaden zugefügt haben, indem sie den Aufbau von Kontakten der Parteien“ behindert hätten. 4 Unmittelbares Krisenmanagement und die Entwicklung institutioneller Räume und Formen standen also im Zusammenhang.
Zunächst erfolgte am 19.10.1956 ein Informationsschreiben des ZK der KPdSU zum VIII. Plenum. 5 Am 20.10. beriet das Präsidium der KPdSU über die Frage, die Parteiführungen aus der CSR, der UVR, der RVR, der DDR und der VRB nach Moskau einzuladen, während für die chinesische Seite eine Informationsdelegation in Betracht gezogen wurde. Am Folgetag nahm dieses Thema einen erheblichen Raum der Diskussion ein. Man müsse sich beraten,
1 Trotz einer ausgeprägten Praxis auf diesem Gebiet habe man nicht die gewünschten Resultate erhalten. Da die Zusammensetzung der Delegationen auf führende Partei- und Staatsfunktionäre begrenzt bleibe, die nach dem Besuch selten vor den Werktätigen auftreten, wird empfohlen, die Delegationen um Arbeiter, Bauern, Vertreter der Intelligenz und untere Parteifunktionäre zu ergänzen und den Kulturaustausch planmäßig zu entwickeln.
2 Vorlage Andropovs für Präsidium des ZK der KPdSU v. 29.8.1956; SUUK 55, S. 248 ff. Die restlichen beiden Punkte dieses Maßnahmekatalogs liegen nicht mehr im institutionellen Bereich, sondern betreffen konkrete Maßnahmen in Ungarn.
3 So die Klage der ungarischen Führung. Diensttagebuch Andropovs v. 29.6.1956; SUUK 23, S. 128.
4 Kramer 2006, S. 9 ff. u. 12.
5 Ruchniewicz, S. 45; SAPMO BArch DY 30 J IV 2/202 386.
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was auch einem Wunsch der anderen Parteien entspreche, die große Unruhe zum Ausdruck gebracht hätten. Thema sollten die politischen und ökonomischen Probleme sein, die angesichts der ernsten Lage in Polen entstanden seien. Einladungen gingen dann nur an die Parteiführungen der CSR, der DDR und der VRB, separat an China. Eine polnische Beteiligung war noch nicht denkbar; die Rumänen „verzichteten“. 1
Dieses eilig einberufene Treffen „auf höchster Ebene“ zeigt, dass der Institutionalisierung des Krisenmanagements im Ostblock sozusagen eine Institution fehlte. Ort, Zeit und Teilnehmerkreis waren völlig improvisiert. Geplant waren Einzelgespräche zuerst mit den Chinesen, dann mit den drei europäischen Bruderparteien, zuletzt eine gemeinsame Aussprache einschließlich der Chinesen. Nachweisbar sind bisher nur die erweiterten Präsidiumssitzungen am 24.10.1956, zuerst mit den Chinesen, dann mit den Vertretern der drei europäischen Parteien - eine gemeinsame Sitzung dagegen nicht. 2 Dieses Vorgehen wurde wohl von der chinesische Delegation mitbestimmt, die den Auftrag hatte, mit der polnischen und sowjetischen Delegation immer getrennt zu tagen, um sich besser als Vermittler etablieren zu können. 3
Informiert sind wir über den Inhalt durch die Aufzeichnungen eines tschechischen Vertreters von diesem Treffen. Chruschtschov berichtet ausführlich über den Verlauf des Polenbesuchs und die schweren Auseinandersetzungen mit der polnischen Führung um Gomulka. Deren Klima erschien dabei in einem Spannungsfeld von freundlich bis offen grob. Die Streitfragen behandelte Chruschtschov keinesfalls als innere Angelegenheit der UdSSR. Interessant sind vor allem seine Äußerungen zu den gravierenden Veränderungen in der Führung. Dabei wird die Ablösung „alter, treuer Revolutionäre“ aus sowjetischer Sicht als unangemessen dargestellt, ohne dass aber die Gegenposition Gomulkas, dass diese das Vertrauen der Parteimassen verloren hätten, als abwegig gewertet wird. Offen sprach der KPdSU-Chef das Problem Rokossovski an, dessen polnische Herkunft und Funktion mit seiner sowjetischen Staatsbürgerschaft durchaus als vereinbar gesehen wird. Aus Sicht Chruschtschows erscheint dies zunächst nicht als unangemessenes Verhalten im Sinne einer Aufhebung polnischer Souveränität. Gomulka habe versucht, die sowjetische Delegation zu überzeugen, dass es ein „großer Fehler“ sei, in der polnischen Armee sowjetische Staatsbürger als Offiziere einzusetzen wie im Sicherheitsdienst sowjetische Berater. Er habe einen Brief des ZK der KPdSU darüber erhalten, dass die Frage der sowjetischen Berater im Sicherheitsapparat von polnischer Seite gelöst werden könne. Man habe aber ausgedrückt, dass zum gegenwärtigen Zeitpunkt die Präsenz sowjetischer Berater im polnischen Interesse sei. Obgleich Chruschtschov den bisherigen Zustand als normal und sinnvoll verteidigte, ist eine Wandlung in der Definition des Angemessenen spürbar, eine gewisse Annäherung an den polnischen Standpunkt. Allerdings wird die Präsenz sowjetischer Truppen als „notwendig“ dargestellt, solange amerikanische Truppen in Westdeutschland stationiert seien.
Die Maßnahmen des ZK der KPdSU wurden vorgestellt, insbesondere die weiteren Kontakte zur polnischen Führung. Insgesamt versuchte die sowjetische Seite die polnische Situation eher zu vermitteln als zu kritisieren. „Nervosität“ und „Hast“ seien zu vermeiden, Hilfe für Polen notwendig. Gomulka versuche, dass Vertrauen des ZK der KPdSU zu gewinnen. (Dagegen berichtete die bulgarische Delegation vor allem von der sowjetischen Kritik an der
1 Da keine Einladung an die Rumänen nachweisbar ist, könnten diese in einem telefonischen Kontakt ihre Nichtteilnahme aus „innenpolitischen Gründen“ begründet haben. Chruschtschov behauptete, dass auch die Rumänen und Ungarn eingeladen waren. Notizen Svobodas über Treffen v. 24.10.1956; Kramer 1995, S. 53.
2 Vgl. die Notizen Malins zu den Präsidiumssitzungen v. 20. bis 24.10.1956; IA, 5/6 (1996), S. 182 ff. Auch wenn hier die Sitzung mit den Chinesen nach dem Gespräch mit den anderen Parteien eingeordnet wurde, war zuerst das Gespräch mit den Chinesen geplant. Ebenda, S. 186. Inhaltlich bestätigen die Aufzeichnungen Svobodas diese Reihenfolge. SUUK 83, S. 365 bzw. Kramer 1995.
3 Vámos 2006, S. 12 f.
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polnischen Entwicklung. 1 ) Chruschtschov warnte abschließend vor einem „Konflikt“, für den sich leicht Gründe finden ließen, der aber schwer zu beenden sei. 2 Wie bereits beim Besuch in Warschau spielten die Kosten eine wesentliche Rolle für die KPdSU-Führung. Bei dieser Definition des Angemessenen ist kein relevanter Austausch mit den „Partnern“ feststellbar. Dies trifft allerdings nicht für die separaten Gespräche mit der chinesischen Delegation zu. Hier wurde ein im Zusammenhang mit Ungarn zu diskutierender wesentlicher Schritt zu einer Neudefinition des Angemessenen vollzogen. Von den Delegationen der CSR und der VRB war abgesehen von einer Kritik an der polnischen und ungarischen Führung nur eine Zustimmung zu den sowjetischen Maßnahmen zu hören. Nur Ulbricht ergänzte seine Zustimmung zu den sowjetischen Maßnahmen gegenüber Polen mit einer Skepsis bei ideologischen Fragen. Bezüglich der „polnischen Erklärungen“ müsse man erst sehen. „Sie öffnen die Türen für die bürgerliche Ideologie und den Selbstlauf in der Führung.“ Es seien zur Zeit einige ideologische Fragen nicht geklärt. Dies scheint der SED-Chef in direkter Polemik zum Situationsbericht Chruschtschovs geäußert zu haben, der ja die Rede Gomulkas vom selben Tag als Zeichen dafür gewertet hatte, dass die Polen Kurs auf eine Verbesserung der komplizierten Situation genommen haben. 3 Die sowjetische Deutung wurde insgesamt akzeptiert, war aber keinesfalls taken for granted. Dies bot Raum für die chinesische Delegation, ihren Einfluss im Vergleich zum sowjetischen auszubauen. Sie forderte beispielsweise den Abzug aller sowjetischen Berater. Die Sowjetunion sei das Zentrum des sozialistischen Lagers, habe aber auch Fehler begangen. 4
Insgesamt ging es bei diesem Treffen um einen allgemeinen Konsens, nicht aber um konstruktive Beschlüsse zu einem koordinierten Vorgehen. Einerseits präsentierte sich die UdSSR selbst als „Kollektivgutproduzent“. Dies mag angesichts der Dynamik der Ereignisse auch der einzige Weg gewesen zu sein. Zumindest für die Zukunft wurde angedeutet, dass eine grundlegende Neudefinition der Beziehungen zwischen den Bruderparteien konzipiert werde wie eine Wirtschaftsstrategie, die das Lebensniveau heben müsse. Dies bedeutet neue institutionelle Anforderungen an den Ostblock, die noch im Einzelnen verfolgt werden müssen. Die Institutionalisierung dieser Koordination war sehr unterschiedlich. Mit den Chinesen wurde eine gemeinsames Deutungsschema auf der Basis der Ebenen 4 und 5 mit geringer sowjetischer Hierarchie gefunden. Dagegen erweist sich die sowjetische Deutung bei den „Kleinen“ nur in der Kerngruppe DDR, CSR, VRB als weitgehend akzeptiert, ohne dass dies zur völligen Einheit der Handlungen führte. Zu diese Zeitpunkt deutete sich eine Neudefinition institutionalisierter Räume und Handlungen deutlich an. Dass diese Neudefinition noch halbherzig blieb, lag an der Krisensituation, ist aber auch ein Zeichen für die kognitiv-emotionalen Kosten des Neubeginns auf sowjetischer Seite. Deren Interpretation „schwamm“ zwischen dem alten und dem neuen Ufer. Dies kollidierte zudem mit den Machtsicherungsinteressen der „loyalen“ Partner.
Bevor diese institutionellen Maßnahmen greifen konnten, war allerdings die Krise des Ostblocks ein weiteres Mal eskaliert. Die Volksbewegung war auf Ungarn übergegriffen, sowjetische Truppen hatten interveniert. Die fundamentale Bedeutung dieser Vorgänge für das institutionalistische Gefüge muss nun betrachtet werden.
1 Laut dem Bericht Jugovs an das ZK der BKJ führte Chruschtschov aus: „Wir haben eine Reihe ungesunder Erscheinungen und ungesunder Standpunkte in Polen, für die sich die führendsten polnischen Genossen einsetzten, scharf kritisiert.“ Der Abzug der sowjetischen Berater und Truppen seien „kleinliche, haltlose Fragen“, die dem „Arsenal der Feinde entlehnt“ wären. Baev 1999, S. 306.
2 Während die Edition Kramers hier von einem „armed conflict“ spricht, ist in SUUK nur von einem „Konflikt“ die Rede. Der gesamte Inhalt deutet m.E. eher auf einen Konflikt wie den mit Jugoslawien hin. Zuvor hatte Chruschtschov ja von der Hoffnung gesprochen, dass Polen einen Kurs zur Beseitigung der unbefriedigenden Situation eingeschlagen habe. Kramer 1995, S. 53 f.; SUUK 83, S. 359 ff.
3 Protokollnotiz der Präsidiumssitzung v. 24.10.1956; IA (1996), H. 5/6, S. 187; SUUK 83, S. 361.
4 Vámos 2006, S. 13.
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4.5) Die Ungarnkrise und der Ostblock
4.5.1) Ungarn im Ostblock zwischen Juliplenum und Oktoberaufstand
Zunächst gilt es, das Hierarchieniveau und seine Mechanismen nach dem Juliplenum der ungarischen Kommunisten zu betrachten. Zuerst zum Monitoring-Niveau. In den ersten Wochen nach dem Juliplenum wurde im Ostblock eine Entspannung der Situation in Ungarn wahrgenommen. Die Informationen hierüber kamen vorwiegend über die normalen diplomatischen Kanäle. 1 Im Falle der UdSSR waren Gespräche der Botschaft mit ungarischen Spitzenfunktionären und wichtig erscheinenden Politikern, die einzeln, oft auf eigenen Wunsch zu Andropow kamen, um über die Lage zu berichten und ihre Auffassung kundzutun, die wichtigste Informations- und Einflussquelle. Sie wurde nach dem Juliplenum außerordentlich intensiv genutzt. Die persönlichen Berichte waren zumeist sehr ausführlichausführlicher als die Sanktionsgewalt der sowjetischen Botschaft dies erforderlich machte. Sie ähneln Rechenschaftslegungen, Anwaltsbesuchen oder Beichten. Auch wenn es hier um persönliche Profilierungsversuche gehen konnte, wirkte ein Mechanismus auf den oberen beiden Ebenen unseres Schemas und ergab ein Informationsniveau (Monitoring-Niveau) für die UdSSR auf der Ebene einer starken Hegemonie. 2 Trotzdem verblieb eine asymmetrische Informationsverteilung, so dass relevante Principal-agent-Probleme möglich blieben. Die Informationen der Budapester Vertretung blieben somit in manchen Bereichen vage und unsicher. 3 Das Niveau eines Imperiums oder Dominiums, vor allem ein direktes Eindringen in die ungarischen „Organe“, war am ehesten für die sowjetischen Geheimdienst denkbar oder mittels sowjetischer Berater. Tatsächlich berief sich der Bericht Serovs an das ZK der KPdSU, in dem er die Reaktion der Opposition auf das Juliplenum darstellte, im wesentlichen auf die Informationen eines „alten Beraters“ im ungarischen Innenministerium. Allerdings erhöhte dies das Niveau der Informationen nicht unbedingt. Zudem sindabgesehen von der Beobachtung der Opposition - keine internen Direktinformationen in relevanter Weise verarbeitet worden. 4 Insgesamt war das Monitoring-Niveau aber recht hoch und erreichte in Einzelfällen - wenn auch auf freiwilliger Basis (Ebene 3-6) - das Niveau eines Dominiums. 5
Bis Ende September zeigen die Gesprächsinhalte eine Mischung aus Erfolgsmeldungen über den Kurs nach dem Juliplenum und die Schilderung von Detailproblemen im Politbüro, bei der Pressearbeit, in der Auseinandersetzung mit den „oppositionellen Schriftstellern“ usw. Einerseits habe die Partei- und Staatsführung in dieser Periode eine bessere Tätigkeit als zuvor geleistet und einen entschiedenen Kurs auf die Verbindung mit den Massen eingeleitet, andererseits stünden eine Reihe ernster Probleme vor der Partei, bei deren Lösung noch keinerlei spürbare Ergebnisse zu verzeichnen seien. Letzteres erscheint aus ungarischer Sicht als Entschuldigungen, Ratsuche oder Hoffnung auf die Unterstützung der eigenen Position. Dies folgte oft der nutzenorientierten Logik des Angemessenen (Ebene 3, teilweise 2). Ungarische Funktionäre handelten „angemessen“, indem sie dem sowjetischen Botschafter
1 Als Beispiel für die DDR vgl. MfAA der DDR, A 9256.
2 Vgl. SUUK, S. 199 ff. u. Anm. 3, S. 207.
3 Beispielsweise bezifferte die Botschaft die Zahl der im ungarischen Innenministerium „ausgetausch-ten“ Personen auf zwanzig, während ein Ungar sie auf sechzig bezifferte. Diensttagebuch Astafiev's v. 21.7.1956; SUUK, S. 199 ff.
4 Vortrag Serovs vor ZK der KPdSU über die Reaktionen der ungarischen Opposition auf die Entscheidungen des Juliplenums; SUUK, S. 208 ff.
5 So über ein Treffen des ungarischen Botschafters mit Tito. Botschaft der UdSSR an MID, Schepilov, v. 10.8.1956; SUUK 50, S. 228 ff.
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berichteten, und erhielten dafür Informationen über die Haltung der UdSSR und günstigstenfalls die sowjetische Unterstützung für die eigene Position, ein handelbares Gut für innere Auseinandersetzungen. 1
Eine andere Ebene betraf kollektive Treffen der ungarischen Führung mit sowjetischen Autoritäten. Wie bereits erwähnt, sollte auf diesem Wege eine externe Lösung der neuen Führungsprobleme erreicht werden. Wichtig für unser Thema ist: Nicht Institutionen des Ostblocks wie eine internationale Parteikonferenz sollten dies leisten; von einem Treffen der ungarischen Parteiführung mit der KPdSU-Spitze erhoffte man sich die „Festigung der Einheit“ der ungarischen Führung und die Hebung ihres Prestiges. 2 Auch wenn Ende September die Nachricht übermittelt wurde, dass die Phase der Beruhigung nach dem Juliplenum vorüber sei und das ZK erstmals wieder auf Gefahren der innenpolitischen Lage in Ungarn hinwies, löste dies keine dramatischen Gegenreaktionen aus. Als hierbei die breite Bewegung gegen die Kollektivierung der Landwirtschaft erwähnt wird, fragt Andropov etwas ungehalten, wie es zwei Monate nach dem Plenum wiederum zu einer Zuspitzung der Lage kommen könne, wenn das Politbüro diese Probleme vorausgesehen hatte und darauf mit einer aktiven und festen Politik reagieren wollte. 3 Dies ist aber auch ein Zeichen für die mangelnde „Tiefe“ der Informationen wie deutlicher Fehlwahrnehmungen gegenüber den Trends in der ungarischen Gesellschaft. 4 Die starke Hierarchie der Informationsübermittlung an die UdSSR sagt zudem noch nichts über die Einflusshierarchie. Wie stand es mit konkreten Gegenmaßnahmen? Diese waren um so mehr zu erwarten, als die sowjetische Seite in ihren Schlussfolgerungen aus den genannten Informationen erheblich skeptischer und kritischer war als ihre ungarischen Informanten.
Bereits Ende August/ Anfang September bemerkte die sowjetische Diplomatie, dass die UPW-Führung die günstige Situation nach dem Juliplenum nicht genutzt habe, um ihren Einfluss zu festigen und den Kampf gegen die Überreste des „Fraktionismus“ zu aktivieren. Dieses Fazit vor dem ZK der KPdSU 5 beinhaltete eine deutlichen Kritik an der ungarischen Führung. Obwohl durch die Hilfe des ZK der KPdSU, insbesondere Mikojans, eine erfolgreiche Arbeit gesichert wurde, seien bisher nur sehr unbedeutende Ergebnisse im Kampf für die Festigung der Macht erzielt worden. Die Staatsmacht sei nur sehr unentschlossen eingesetzt worden, selbst in Fällen, wo dies entschieden notwendig gewesen wäre. Die ungarische Führung habe eine Politik der „Unentschlossenheit“ und der „Zugeständnisse“ betrieben. Zwar hätten die ungarischen Genossen in der letzten Zeit selbst diese Probleme bemerkt, jedoch entschiedene Maßnahmen, welche die Durchführung einer festen Linie sichern, seien bisher nicht unternommen worden. 6 Dies zeigt zunächst, dass in der Phase nach dem Juliplenum ein Einflussniveau weit unter einer imperialen Zentralisierung bestand. Es stellt sich aber auch die Frage, ob nach dieser „Ruhephase“
1 Andropov an MID v. 18.9.1956: Über Gespräch mit Hegedüs v. 15.10.1956; SUUK. S. 264 ff. Bei den ungelösten Problemen geht Hegedüs auf eine Auseinadersetzung im Politbüro ein, die das Verhalten gegenüber Journalisten und Schriftstellern betraf. Dabei ging es um einen Brief des ZK zur Rehabilitierung, gegen den Hegedüs sich wandte. Ähnlich berichtet Kovacs über eine Kontroverse mit Kádár über die Behandlung der Schriftsteller, bei der Kádár einige Äußerungen über die Entwicklung der Demokratie machte, die Kovacs nicht billige. Ansonsten herrsche aber in vielen Fragen völlige Eintracht. Diensttagebuch Andropovs v. 20.9.1956; SUUK, S. 271. Wie sowjetische Gremien als Bestätigungsinstanz von „Tatsachen“ oder zur Streitschlichtung dienten, zeigt sich auch am Wunsch von Kovacs, ihn gegen den Vorwurf Kádárs in Schutz zu nehmen, Rákosi unterstützt zu haben. Andropov solle gegenüber Kádár bestätigen, dass er prinzipiell gegen die Führungsmethoden Rákosis gekämpft habe. Diensttagebuch Andropovs v. 3.9.1956; SUUK 57, S. 261.
2 Diensttagebuch Andropovs. Aufzeichnung zu Gespräch mit Gerö, 2.9.1956; SUUK 56, S. 254 ff.
3 Gespräch Andropovs mit I. Kovacs; Diensttagebuch Andropovs v. 20.9.1956, SUUK, S. 269.
4 Granville 2004.
5 Bericht Gromykos für ZK der KPdSU v. 17.9.1956; SUUK 58, S. 201.
6 Ebenda. Bericht Andropovs für Präsidium des ZK der KPdSU v. 29.8.1956; SUUK 55, S. 240 ff.
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mittels einer starken Hegemonie die sowjetischen Vorstellungen durchgesetzt werden sollten und konnten.
Die sowjetische Botschaft hatte ein eigenes Aktionsprogramm aufgestellt, das den „ungarischen Freunden“ bei ihrer Aufgabe, die Autorität der Partei zu erhöhen „große Hilfe“ von sowjetischer Seite gewähren sollte. Von Interesse ist dabei vor allem, welche Zentralisierungsgrade mit den einzelnen Maßnahmen angestrebt werden und auf welchen Mechanismen sie beruhen sollten.
Die Botschaft schlug vor 1.) vor Jahresende eine ungarische Führungsdelegation einzuladen. Die Reise der Delegation und ein Treffen mit der sowjetischen Parteiführung würde ohne Zweifel die Autorität der ungarischen Führung heben. Dies sollte durch eine Medienkampagne begleitet werden. Ein gemeinsames Kommunique konnte die „völlige Übereinstimmung“ in Fragen der Außenpolitik und beim Aufbau des Sozialismus symbolisieren. Gemäß Vorschlag 2.) sollte dies durch eine Artikelserie in der sowjetischen Presse zu wichtigen ideologischen Fragen ergänzt werden. Dazu sollten auch konkrete Fakten und Materialien aus den Volksdemokratien verwendet werden. Diesen Teil der Maßnahmen kann man auf einem niedrigen Hierarchieniveau (Hegemonie) verorten, das im Einzelfall - so bei direkten Gesprächen mit der sowjetischen Führung - gesteigert werden konnte. Die Mechanismen lagen im Kern auf den Ebenen 4 und 5 (im Falle der Pressekampagne auch ein Stück weit auf Ebene 3). Ähnliches trifft für Vorschlag 3.) zu, bis Jahresende eine Delegation des ZK der KPdSU nach Ungarn zu entsenden, die eine Reihe bedeutender Parteifunktionäre umfassen sollte. Dabei war an einen Gedankenaustausch über die Parteiarbeit in Ungarn geplant, wobei es eine große Hilfe für die ungarischen Genossen sei, ihnen Erfahrungen der Arbeit in der KPdSU mitzuteilen. Dabei konnte ein höherer Grad von Hierarchie angestrebt werden, der ähnlich der Mikojan-Mission auf den Ebenen 4 und 3 beruhte, ansonsten aber unverbindlich blieb.
Auch Vorschlag 4.) lag im wesentlichen auf dieser Linie und repräsentierte eine Hegemonie oder eine ungleiche Allianz auf der Ebene 4. Es sei nützlich, wenn ungarische Genossen, die sich im Urlaub in der UdSSR aufhalten, Gespräche mit KPdSU-Spitzen führen könnten. (Dabei war vor allem an Gerö, Kádár, Ronai und Horváth gedacht.) Dies würde die Zuversicht und das Niveau der Führung erhöhen.
Eine ähnliche institutionelle Konfiguration (Stufe 3; Ebene 3+4) trifft auch für den letzten Vorschlag in dieser Reihe zu, 5.) einen planmäßigen Austausch von Landwirtschaftsdelegationen zu organisieren. Angesichts der massiven Angriffe auf die Kollektivierung sollten sowjetische „Spitzenbauern“ ungarischen Bauern und Parteifunktionären über die Errungenschaften in der Landwirtschaft berichten. 1 Insgesamt handelte es sich um unmittelbares Krisenmanagement in einer spezifischen institutionellen Konfiguration. Trotz der sehr deutlichen Kritik an der ungarischen Führung war hier keinesfalls an imperiale Mechanismen gedacht; eher handelte es sich um die Aktivierung einer „helfenden“ Hegemonie (Stufe 3, bestenfalls 4), die auf wenigen typischen Mechanismen beruhte. Dabei stand wiederum die sozial-kognitive Institutionalisierung (Ebene 4) im Vordergrund, verkoppelt vor allem mit Ebene 5 (Presse, Nutzung symbolischer Räume) und - wenn auch nicht so deutlich wie beim Führungswechsel - mit Ebene 3. Es ist offensichtlich, dass dieses Einflussrepertoire nicht auf einen Konfliktfall mit der ungarischen Führung ausgerichtet war, sondern auf Kooperation. In diesem Programm fehlte jeder direkte Einfluss auf die „oppositionellen und feindlichen Elemente“ in und außerhalb der Führung. Dies waren allerdings zunächst nur Vorschläge, deren simples Niveau bereits auf institutionelle Defizite verweist; sie waren aber noch keine praktische Politik. Diese gilt es im folgenden zu betrachten.
1 Vorlage Andropovs für Präsidium des ZK der KPdSU v. 29.8.1956; SUUK 55, S. 244 f.
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Die Institutionalisierungsmechanismen, welche die UdSSR hierbei nutzte, bestanden zumeist in den klassischen Einflussmitteln der kommunistischen Bewegung. Mittel wie Kampagnen der sowjetischen Presse zur Unterstützung der ungarischen Führung beruhten auf Mechanismen im oberen Bereich unseres Spektrums und waren wirkungslos, sobald ihr taken for granted Charakter bei den Adressaten nicht mehr akzeptiert wurde. Neben dem wichtigsten Mittel auf Ebene 1, der Wirtschaftshilfe, drängte man auf eine aktivere Einflussnahme der Partei auf die Presse, „wünschte“ eine viel konkretere Berichterstattung über die sowjetische Hilfe für Ungarn 1 und beabsichtigte, einflussreiche Altkommunisten wie andere wichtige Politiker in die UdSSR einzuladen. 2 Solche Besuchsreisen von Delegationen oder Urlaubsreisen von Funktionären waren ein wesentlicher Mechanismus, der auch in der Krise von 1956 wirkte. So war die Einladung von regionalen Funktionären durchaus wirksam bei der Gewinnung von Loyalität für die UdSSR. 3
Dies zeigt einerseits einen spezifischen Institutionalisierungstyp, der zur Etablierung und Festigung von Mechanismen der Ebene 4 diente; andererseits aber die Tatsache, dass die Kontakte zwischen den Bruderparteien relativ gering institutionalisiert waren. Telefonkontakte, Briefwechsel oder Treffen der Parteiführungen mussten schon aus „Kosten“gründen die Ausnahme bleiben so wie die Aufnahme- und Verarbeitungsfähigkeit hierarchischer Spitzen begrenzt bleiben musste. Dies war das institutionelle Niveau noch wenige Tage vor dem 23. Oktober. 4
Direkte „Empfehlungen“ an die ungarische Seite sind in der Phase bis Anfang Oktober nicht nachweisbar. Fungierten wenigstens die bei der sowjetischen Botschaft eingeholten „Ratschläge“ als Einflusskanal? Immerhin wandte sich Gerö mit dem Problem an Andropov, dass man untersagen wolle, Straßen, Betriebe usw. nach lebenden Parteifunktionären zu benennen. Andropov verwies auf Äußerungen Chruschtschovs auf dem XX. Parteitag. Die KPdSU-Führung habe vor Unüberlegtheiten und Übereilung gewarnt. Darauf entgegnete Gerö, dass dies in der Lage der UdSSR vollständig verständlich sei; in Ungarn gehe es aber vor allem um eine nicht so große Zahl von Objekten, die nach Rákosi benannt seien und die man möglichst schnell umbenennen wolle. 5 Dies deutet auf die Ratsuche bei der sowjetischen Seite als Ritus, der Beschlüsse der UAP nur bestätigen sollte. Dies zeigt auch die gleich zu behandelnde Frage der Verhaftung von Farkas.
Sicher kann bei Angelegenheiten, die für die UdSSR größere Bedeutung hatten, auch ein größerer „Druck“ erwartet werden. Nachzuweisen ist dieser aber nirgendwo. Ein interessantes Beispiel bietet die Behandlung von I. Nagy, die anschaulich die Verflechtung verschiedener Ebenen unseres Modells illustriert. Auf Ebene 6 wirkte die Auffassung, dass die sowjetische Meinung hierzu von Bedeutung sei. Die Diskussion hierzu in der ungarischen Führung besaß bei den maßgeblichen Teilnehmern stets Kontakt zu sowjetischen Stellen oder
1 Andropov an MID v. 18.9.1956; SUUK, S. 267.
2 Immerhin hielt es Gerö für nützlich, Politiker wie den bis Mai 1956 unter Hausarrest stehenden Z. Tildy in die UdSSR einzuladen, da man bereits im September im Politbüro beabsichtigte, ihm eine „verantwortliche Position“ (symbolischer Art) zu übertragen. Andropov an MID o.D. u. v. 18.9.1956; SUUK, S. 264 u. 276.
3 Dies nicht nur angesichts der sozialen Verpflichtung, die entstehen konnte, sondern angesichts des Interesses dieser Funktionärsebene an Status- und Kompetenzgewinn gegenüber den staatlichen Stellen gemäß sowjetischem Vorbild. Vgl. den Bericht des Gebietsparteichefs von Vesprem über eine Partei-delegation in die UdSSR. Unter den regionalen Funktionären gab es durchaus ein „konservatives“ Potential. Sie hätten den Eindruck, dass man im Politbüro keinen Begriff von der Ernsthaftigkeit der Lage habe. Gesprächsnotiz v. 29.9.1956; Diensttagebuch Petunins; SUUK, S. 279 ff. Die Reisen waren nicht unbedingt eine Zwangsveranstaltung, sondern waren durchaus als Statussymbol begehrt. Vgl. den Wunsch Marosans nach einer Reise in die UdSSR. SUUK, S. 277.
4 Die Reise einer Delegation einflussreicher Altkommunisten sollte nach der Empfehlung Andropovs großzügig gestaltet und mittels Presse und Film propagandistisch genutzt werden. Andropov an MID v. 20.10.1956; SUUK, S. 316.
5 Aufzeichnung über Gespräch Andropovs mit Gerö; Diensttagebuch Andropovs v. 2.8.1956; SUUK, S. 214.
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berief sich auf deren Auffassung. Dies bedeutete aber nicht, dass damit eine klare Linie vorgegeben war. Ein Führungsmitglied brachte seinen Eindruck in die Diskussion ein, dass die sowjetische Seite Nagy in der Parteiführung sehen möchte. Eine solche Maßnahme könne richtig sein. Ein Dementi der sowjetischen Seite führte dazu, dass er nicht auf seiner Auffassung beharrte. Dennoch waren Führungsmitglieder wie Hegedüs über die Diskussion beunruhigt und machten gegenüber der sowjetischen Botschaft deutlich, dass sie eine „Erläuterung“ dieser Frage wünschen. Dies bedeutet aber nicht, dass Hegedüs auf eine „Anweisung“ wartete oder sich einen focal point erhoffte. Er legte den eigenen Standpunkt dar, bevor er um die „Erläuterung“ bat. Es ging also um eine Stärkung der eigenen Position in der ungarischen Führungsdebatte. Hegedüs' Wunsch nach „Erläuterung“ folgte einer funktionalen Logik des Angemessenen (Ebene 2), da er für dieses Verhalten ein nutzbares „Gut“ für die Auseinandersetzung in der ungarischen Führung erhielt. Die letztlich in dieser Phase durchgeführte Linie, weitere Gespräche, auch der Führungsspitze, mit Nagy durchzuführen, ihn aber nur nach einer „Selbstkritik“ wieder in die Partei aufzunehmen, beruhte auch auf einer Stützung durch die sowjetischen Auffassungen. 1
Insgesamt blieb die Hierarchie im Spätsommer 1956 auf dem Niveau einer schwach hegemonialen Beziehung, die vorwiegend auf den Ebenen 3 und 4 (ergänzt um 2 u. 5) funktionierte. Die sowjetische Seite kontrollierte in lockerer Form die „Erfüllung“ der Beschlüsse des Juliplenums und erweiterte dies durch den Wunsch nach eher geringfügigen ergänzenden Maßnahmen. Die sowjetischen Vertreter beklagten das geringe Aktivitätsniveau der ungarischen Führung, welche die Chancen nach dem Juliplenum nicht genutzt habe und nicht mit allen Mitteln gegen die Opposition vorgegangen sei, ohne dass dies eine entschiedene Reaktion hervorrief oder neue Mechanismen ins Spiel brachte. Waren nicht angesichts dieser Situation andere, stärkere, neue Mechanismen notwendig?
Die sowjetische Botschaft empfahl Moskau jedenfalls, „den ungarischen Genossen unsere Position zu erläutern“, wozu der Sowjetunionaufenthalt Gerös im September genutzt werden sollte. 2 Damit hätte die Angelegenheit ein höheres institutionelles Niveau gewonnen. Gerö schlug am 2. September selbst ein solches Treffen vor, um die „Einheit der Partei zu stärken“. Dies sollte aber erst nach seinem Krimurlaub, also in der ersten Oktoberhälfte stattfinden. Auch wenn für einen solchen Termin sprach, dass Kádár und Hidas auf dem Rückweg von Peking in Moskau sein würden, verwundert die weite Perspektive des Vorhabens. Sie ist ein Indiz für die geringe Relevanz eines solchen Treffens wie die Fehleinschätzung der Situation. Wenn Gerö Ende September und Anfang Oktober Chruschtschov und andere sowjetische Führer bei seinem Krimurlaub traf, war dies ein traditionelles Mittel, die Verbundenheit der Parteiführungen zu pflegen. 3 Konnte dies an die neuen Herausforderungen angepasst werden? Als sich Gerö seit Anfang September zum Urlaub auf der Krim befand 4 , inszenierte Chruschtschov ein Treffen mit Tito und Rancovic, das für die Jugoslawen überraschend kam. Bewusst setzte er die Mechanismen der Ebene 4 ein, um entgegen den jugoslawischen Intentionen eine Verbesserung der Beziehungen der beiden Führungen zu fördern. Chruschtschov vermittelte und erreichte damit, dass Tito eine hochrangige Partei- und Regierungsdelegation der Ungarn für den 14.-23. Oktober nach Jugoslawien einlud. 5
1 Damit setzte sich die Auffassung von Kádár oder Hegedüs gegen Gerö durch, der nach den ersten Kontakten, die „Angelegenheit Nagy“ am liebsten ad acta legen wollte. Aufzeichnung über Gespräch Andropovs mit Hegedüs, Diensttagebuch Andropovs v. 16.8.1956; SUUK 52, S. 235 f. vgl. SUUK 51, 53, 56, 57.
2 Andropov an Präsidium des ZK der KPdSU v. 29.8.1956; SUUK 55, S. 251.
3 Granville 2004, S. 55.
4 Andropov an MID v. 12.10.1956; SUUK, S. 304.
5 Dies erbrachte die Möglichkeit zu einem offiziellen Jugoslawienbesuch wie zur Aufwertung der ungarischen Vertretung in Belgrad zu einer Botschaft. Felkay 1989, S. 56. Micunovic bewertete dies so, dass ihnen auf der Krim der Besuch Gerös „aufgezwungen“ wurde. Micunovic 1982, S. 228. Granville 2004, S. 55.
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Chruschtschov sicherte einen Grundkonsens mit der jugoslawischen Führung. Ohne die Jugoslawen anzugreifen verwies er darauf, dass „reaktionäre Kräfte“ sich hinter dem „jugoslawischen Weg“ mit nationalistischen Vorstellungen versteckten. Beim Aufbau des Sozialismus gäbe es verschiedene Formen und Methoden, aber nur eine prinzipielle Linie. Tito stimmte zu: Sozialismus könne nie in unterschiedliche Sorten geteilt werden; Kommunisten müssten sich zu einer einheitlichen revolutionären Doktrin bekennen. 1 Tito schien ein Stück weit in die sozialistische Familie zurückgekehrt zu sein. Dabei tolerierte er selbst Gerö. Dieser soll ihm dafür aber die öffentliche Beisetzung Rajks zugebilligt haben. (Diese fand am 6. Oktober statt, also parallel zu den Beratungen mit Mikojan und Suslov, und wurde fast zu einem symbolischen Auslöser für spontane Massenunruhen.) 2 Dies war allerdings bereits vorher in der ungarischen Führung beschlossen worden. Die Nähe zu Moskau zahlte sich für Gerö also aus; sie bedeutete aber eine geringere Nähe nach Budapest, was die Informations- und Einflussmöglichkeiten Gerös wie der UdSSR auf die ungarischen Ereignisse einschränkte. Der Drang zu Direktkontakten der Parteiführungen ging - wie bereits beschrieben - stark von der ungarischen Seite aus. Der diesbezügliche Wunsch Gerös führte aber nicht zu einem prestigeträchtigen offiziellen Treffen der Leitungsebenen, bei dem die Einheit der ungarischen Führung wiederhergestellt werden konnte. Als reales Ergebnis erlangte er nur die Zusage Chruschtschovs zu einem Ungarnbesuch am 20. November. 3 Das Krisenmanagement über direkte Spitzenkontakte blieb hier also begrenzt. Gerö traf sich am 6. Oktober auf der Durchreise vom Urlaubsort gemeinsam mit Kádár und zwei anderen Funktionären, die vom Parteitag der KPCh kamen, mit den „Ungarnexperten“ des KPdSU-Präsidiums Suslov und Mikojan. 4 Hierbei wurden einige Maßnahmen der ungarischen Seite abgestimmt, ohne dass jedoch relevante neue Schritte festgelegt worden wären. Die Situation wurde von Gerö aus seiner Urlaubsperspektive als schwierig, aber nicht kritisch eingeschätzt. 5
Kennzeichnend für das institutionelle Niveau und sein Verhältnis zur Dynamik der Ereignisse ist das Schicksal eines bei diesem Treffen gefassten Beschlusses. Anknüpfend an die früheren Gespräche mit Suslov wurde vereinbart, dass die ungarische Führung keinen Prozess gegen Farkas zulässt. Ungeachtet dessen sprach sich eine Mehrheit des UAP-Politbüros wie des ZK entschieden dafür aus, Farkas dem Richter zu überstellen. Es sei nach den Ereignissen um die Beisetzung Rajks unmöglich, Farkas nicht zu verurteilen. Darauf beharre auch der ungarische Generalstaatsanwalt. Mit dieser „Frage“, die eher eine Mitteilung war, wandte sich Gerö an die sowjetische Botschaft, um die Zustimmung der KPdSU-Führung zu erlangen. Dabei ging es aber weniger um die gerichtliche Verfolgung von Farkas, der am Tage der Information bereits verhaftet worden war, als um die Zustimmung zu einer Presseveröffentlichung darüber. Gerö betonte, dass man die für den nächsten Tag vorgesehene Veröffentlichung von der „Antwort“ aus Moskau abhängig mache. Deshalb drängte Gerö um eine Reaktion aus Moskau noch am selben Tag; er folgte dem Ritual einer Hierarchie, die nur noch begrenzt wirksam war. 6 Der sowjetischen Führung blieb nur noch übrig, über ihre Botschaft
1 Granville 2004, S. 104 u. 112.
2 Alföldy 1998, S. 76.
3 Andropov an MID v. 12.10.1956; SUUK 68, S. 304.
4 Beschluss des Präsidiums des ZK der KPdSU v. 29.9.1956 über ein Treffen von Suslov mit Gerö in Moskau; SUUK, S. 278, vgl. auch die Anm. 3 zum Dokument. Vida 2001, S. 64.
5 Neben der "Sache Farkas" ging es um die endgültige Ausschaltung von Rákosi, der sich um Einfluss und Rückkehr bemühte - alles Folgeprobleme früherer Absprachen. Andropov an MID v. 12.10. 1956; SUUK 68, S. 300 u. 304.
6 Auf dieser Ebene ging es auch darum, den Termin der Veröffentlichung nicht bis nach dem Jugoslawienbesuch Gerös zu verschieben, um nicht den Eindruck zu erwecken, das Verfahren erfolge auf jugoslawischen Rat. Andropov an MID v. 12.10.1956: Über die Entscheidung des ZK der UAP in der „Angelegenheit Farkas“; SUUK 68, S. 298f.
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mitzuteilen, dass es die Entscheidung der Ungarn „zur Kenntnis genommen“ habe. 1 Andropov konstatierte kurz darauf: Gleichfalls habe sich durch die Verhaftung von Farkas die Lage verschärft; seiner Meinung nach sei die Verhaftung falsch. 2 Die verbliebenen Institutionalisierungsmechanismen der hierarchischen Beziehung waren der Dynamik der Probleme nicht mehr angemessen. 3
Der Bericht Gerös gegenüber Andropov vom 12. Oktober zeigte aber nicht nur, dass die sechs Tage zuvor abgestimmten Maßnahmen vom Lauf der Dinge überholt waren; Gerö stellte die gesamte Lageanalyse in Frage. Zwar sei das Gespräch mit Suslov und Mikojan sehr nützlich gewesen, aber zurückgekehrt nach Ungarn habe er gesehen, dass die Lage bedeutend komplizierter und zugespitzter sei, als er sich das in der UdSSR vorgestellt habe. Die in Moskau abgestimmten Maßnahmen hätten sich bereits als „nicht ausreichend erwiesen“. In recht aufgeregter Stimmung schilderte Gerö die „ernste Lage“ in Ungarn, Wirtschaftsprobleme wie die Krise in der Partei. Man sei in einer Lage, in der das Politbüro auf eine Reihe von Entscheidungen keinen Einfluss nehmen konnte. Eindringlich warnte Gerö vor den Auswirkungen eines Aufstiegs von Imre Nagy, den Kräfte benutzen, die Ungarn von der UdSSR trennen wollten. Dessen „höchst gefährliche Ideen“ würden zu einem Zwischentyp von sozialistischer und kapitalistischer Gesellschaft führen, sozusagen auf den „dritten Weg“. Angesichts der beträchtlichen Verstärkung antisowjetischer Einstellungen hielt es Gerö für notwendig, die sowjetisch-ungarischen Beziehungen grundsätzlich zu diskutieren, womit man bereits in Moskau begonnen habe. Die dort vereinbarten Maßnahmen wie eine Verstärkung des Delegationsaustausches seien schwerlich ausreichend, um die Lage zu verbessern. Für unsere Fragestellung ist es wesentlich, dass Gerö hier eine grundsätzliche Krise der Beziehungen der Volksdemokratien zur UdSSR, aber auch untereinander konstatierte und dabei einen Trend ausmachte, über dessen Tiefendimension man sich klar werden musste. Als Oberflächenphänomene zählt er zunächst die Forderungen der „antisowjetischen Propaganda“ wie Truppenrückzug, Reparationen und ungleiche Wirtschaftsbeziehungen auf, damit in verdeckter Weise Druck auf eine Neugestaltung dieser Bereiche ausübend. Diese könnten aber auch in ihrer Summe nicht die Abkühlung des Verhältnisses zur UdSSR erklären. Er habe über die tieferen Ursachen viel nachgedacht und sie in inneren Entwicklungen der UdSSR entdeckt. Überraschend beklagt Gerö dabei das Defizit an Demokratisierung in der UdSSR im Verhältnis zu den selbst propagierten Ansprüchen. Was bedeutet diese recht erstaunliche Ursachenanalyse? Zunächst eine Externalisierung der Verantwortung aus ungarischer Sicht. 4 Vor allem aber werden Wunsch und Forderung deutlich, dass sich die UdSSR wieder als klares Leitbild für die kommunistischen Führungen etabliere und akzeptierbare focal points produziere. Ansonsten drohe eine Orientierung an Jugoslawien oder China. 5
Hierin liegen wichtige Hinweise auf die Reinstitutionalisierung des Ostblocks nach der Krise von 1956. Zunächst aber galt es, die akuten innenpolitischen Krisen zu meistern. Hierzu stellte Gerö ein Maßnahmepaket mit Wünschen an die sowjetische Seite. Dies umfasste die Beschleunigung bereits in Moskau besprochener Fragen (Chruschtschovbesuch, endgültige
1 Beschluss des Präsidiums des ZK der KPdSU v. 12.10.1956; SUUK 69.
2 Aktenvermerk über Unterredung mit Andropov v. 19.10.1956; MfAA der DDR, A 15319, Bl. 13 ff.
3 Nicht nur der Wunsch Gerös nach sowjetischer Zustimmung, auch die Zusicherung, dass es einen geschlossenen Prozess geben solle mit einem ausgesuchten Richterkolleg, was an frühere Empfehlun-gen der sowjetischen Seite anknüpfte, kaschierte nur in geringem Maße, dass ein Einfluss auf die eigentliche Entscheidung nicht mehr möglich war. SUUK 68, S. 299.
4 Gerö betont für die ungarische Seite des Problems, dass man leider noch nicht den Kampf gegen die damit verbundene Stimmung „erlernt“ habe.
5 Gerö betont, dass „feindliche Elemente“ auf einen Rückstand der SU bei der Demokratisierung durch Stalinschen Personenkult verwiesen und man sich deshalb auf China oder Jugoslawien orientieren müsse. SUUK 68, S. 303. Zu Jugoslawien als neuem Modell und der damit einhergehenden Erosion der Haltung zu SU vgl. die Auffassungen von Vas gegenüber Andropov am 14.10.56, SUUK 71.
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Exilierung Rákosis in der UdSSR), ergänzt um ein Gesuch auf umfassende Wirtschaftshilfe. Auf die Frage Andropovs, wie Gerö und die anderen Politbüromitglieder denken, mit den Schwierigkeiten fertig zu werden, folgte eigentlich keine Antwort: Weder er noch die anderen Mitglieder des Politbüros hätten bisher einen Ausweg aus der Situation gefunden. Die Einschätzung Andropovs mündete somit in eine Kritik an der lethargischen ungarischen Führung, welche die Entscheidungen des Juliplenums und die günstige Situation der Folgezeit nicht zu einer Festigung ihrer Position ausgenutzt hätten. Weiterhin sei die ungarische Analyse über die Stimmung der Arbeiterschaft ungenau; tatsächlich liege das Problem in der Passivität der PUW-Führung, die ihre Politik nur schwach verteidige und vermittle und wenig um den Einfluss in der Arbeiterschaft kämpfe. 1 Dies ist nicht nur Ausdruck sowjetischer Fehleinschätzungen, sondern vor allem ein Hinweis auf ein Hierarchieniveau deutlich unterhalb von Imperium und Dominium. Die Hegemonialposition der UdSSR (beruhend vorwiegend auf Mechanismen der Ebene 3 und 4) konnte relevante Einzelentscheidungen beeinflussen, ohne ihre Ausführung und Modifikation steuern zu können. Angesichts der Dynamik der Ereignisse senkte sich dieser Zentralisierungsgrad sogar noch weiter. In diesem Sinne richtete der sowjetische Botschafter die Aufmerksamkeit darauf, dass die ungarischen Genossen den vielfältigen Ratschlägen der sowjetischen Seite zwar zugestimmt hätten, aber zuletzt nur „schwach für ihre Umsetzung ins Leben gekämpft“ hätten. Gerö malte zwar die Gefahr an die Wand, dass Ungarn unter Führung von Nagy weiter als Jugoslawien vom sozialistischen Weg abdriften könne; nach einer Lösung gefragt, folgte nur das erwähnte Eingeständnis, dass er und weitere Führungsmitglieder derzeit keinen Ausweg sähen. 2
Grundsätzlich zeigt sich Unfähigkeit dieser ungarischen Führung, irgendwelche politischen Lösungen zu finden, gekoppelt und verstärkt durch den Hang zum free ride, der die Lösung auf die „sowjetischen Freunde“ verlagerte. 3 Dieser Trend war bei der Führung um Gerö bereits im Umfeld des Juliplenums spürbar und wird symbolisch durch den langen Urlaub Gerös während einer innenpolitischen Krisensituation ausgedrückt, der damit abgesehen von schlechten Gesundheitszustand Gerös ein Quäntchen Rationalität erhält. Auf das Verständnis der sowjetischen Führung traf dieser Urlaub jedoch nicht. 4 Die angeschlossene achttägige Reise nach Belgrad mutet wie eine Flucht der kompletten ungarischen Führung aus Budapest an. 5 Diese Konstitution der ungarischen Führung erhöhte die potentielle Hierarchie in einigen Bereichen über das "natürliche" Maß hinaus. Es ist ein wesentlicher Mechanismus, der zum militärischen Eingreifen sowjetischer Truppen nach dem 23. Oktober führte.
1 Andropov an MID v. 12.10.1956: Über ein Gespräch mit Gerö über die ernste Verschlechterung der gesellschaftspolitischen Lage in Ungarn; SUUK, S. 300-305.
2 Andropov an MID v. 12.10.1956; SUUK, S. 305. Pronko 1999, S. 82.
3 Von Anfang an versuchte Gerö, sich gegen mögliche negative Resultate seiner Führungstätigkeit abzusichern, indem er mehrfach Skepsis gegenüber seiner Berufung zur Schau stellte. So gegenüber Mikojan, aber auch gegenüber Andropov. Diensttagebuch Andropovs v. 23.7.1956; SUUK, S. 204.
4 Chruschtschov kritisierte gegenüber den Jugoslawen das Verhalten Gerös, den er „mit den schlimm-sten Ausdrücken belegte“. Nachdem er zum 1.Sekretär gewählt worden war, sei er zum Urlaub auf die Krim gefahren und dann nach Jugoslawien gereist. Micunovic 1982, S. 179. Ebenso kritisierte Chru-schtschov am 24. Oktober vor den anderen Parteichefs, dass Gerö, Hegedüs u.a. ihre Zeit an der See verbracht hatten, während es Anzeichen für eine äußerst ernste Situation in Ungarn gab. Granville 2004, S. 56.
5 Auch wenn dies der großen Bedeutung des Jugoslawienbesuchs geschuldet war, verwundert doch die lange Dauer und die Tatsache, dass die kommissarische Führung dem 34 Jahre jungen L. Ács über-tragen wurde - „in schwierigen Zeiten wie dieser eine höchst riskante Entscheidung“. Dalos 2006, S. 9.
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Trotz dieser neuen Dimension in der Krisenwahrnehmung 1 blieben die Reaktionen begrenzt. Sicherlich wurden die Handlungsmöglichkeiten der KPdSU-Spitze durch die sich überstürzenden Ereignisse in Polen begrenzt, die auch räumlich den Handlungsfokus kurzzeitig völlig dominierten. Kurzfristiges Reagieren stand gegenüber institutionalisiertem Agieren klar im Vordergrund. Unabhängig davon blieben die eingesetzten Mechanismen begrenzt und inadäquat. 2 Im Präsidium war man sich durchaus bewusst, handeln zu müssen. Die Beschlüsse waren aber entweder defensiv wie der Abzug der KGB-Berater aus Ungarn oder blieben auf dem Niveau vorheriger Aktionen wie die beabsichtigte Entsendung Mikojans nach Budapest. Allerdings war auch die Einsatzbereitschaft der sowjetischen Truppen hergestellt und ihr Einsatz zur Wiederherstellung der „Ordnung“ vorbereitet worden. 3 Militärische Mittel waren also eine „normale“ Option für die sowjetische Führung. Beides jedoch zeigt das geringe institutionelle Niveau in einer Krisensituation. Diese hatte am 23. Oktober in Budapest ein neues Niveau erreicht. Die Massendemonstration zur Unterstützung der polnischen Entwicklung und ihre Folgen können als Beginn der Revolution in Ungarn gewertet werden.
4.5.2) Die Entscheidung zur militärischen Intervention
Die Entscheidung für den Einsatz sowjetischer Truppen folgte der Logik der dargestellten Mechanismen, ja war ihre letzte Konsequenz. Gerö hatte durch eine Radioansprache am Abend des 23. Oktober, in der er die Freundschaft zur Sowjetunion betonte und die Demonstranten als „Konterrevolutionäre“ deklassierte, weiter verschärft. Die anschließende Debatte der Parteiführung um die Frage, ob sowjetische Truppen gerufen werden sollten, endete mit allgemeiner Unterstützung für den Parteichef, der Moskau informierte. 4 Die telefonischen Hilfegesuche Gerös, die er zunächst an den sowjetischen Militärattaché sandte, dürften - unterstützt von Andropov - einen wesentlichen Faktor dargestellt haben, der nach Überwindung eines gewissen Zögerns (einschließlich eines Herrschaftskostenkalküls) im KPdSU-Präsidium zum Einsatz der sowjetischen Truppen führte. Dabei beeinflusste Gerö die Wahrnehmung der sowjetischen Führung erheblich. Wenn für Chruschtschov ein (möglichst formales) Hilfsgesuch zunächst die Voraussetzung für ein militärisches Eingreifen darstellte, verweist dies auch auf die kognitiv-emotionalen Kosten einer rein machtpolitischen Invasion. Dies bedeutet allerdings nicht, dass Gerö die Sache „entschieden“ hatte. Er lieferte mit seiner Sicht der Situation einen focal point für die sowjetische Führung, der einen raschen Konsens bot in einer unübersichtlichen Entscheidungssituation mit wesentlichen Konsequenzen. So
1 Dabei war es von geringerer Bedeutung, dass der als „rechts“ eingestufte Altkommunist Z.Vas Andropov klarzumachen versuchte, dass die UdSSR die Situation in Ungarn völlig falsch einschätze und sich auf die falschen Kader orientiere, die keinerlei Unterstützung mehr in Partei und Volk besäßen. Ohne gravierende Veränderungen stehe die Machtübernahme von Nagy bevor. Die politische Aktivität von Nagy nach der Beisetzung von Rajk schätzte auch die Botschaft als sehr aktiv ein. Wichtiger aber waren Informationen, dass sich eine „ungesunde“ Stimmung unter den Mitarbeitern der Staatssicherheit ausbreitete und sich hohe Offiziere gegen die Parteiführung geäußert hatten. Hinzu kamen Zusammenschnitte aus der immer aktiver werdenden Presse. Andropov an MID v. 14.10.1956; SUUK, S. 306-309; Andropov an MID v. 12.10.1956; SUUK, S. 305, sowie die Presseanalyse v. 15.10.1956; SUUK, S. 310 ff.
2 Die Botschaft bemühte sich, eine für den 30. Oktober geplante Reise ungarischer Altkommunisten mit bedeutendem Einfluss auf die (real in Auflösung begriffene) Partei in ihrem Rang zu heben. Empfang und Betreuung sollten angesichts der Situation in Ungarn besonders gestaltet werde, eine Pressekampagne wie ein Film sollten die propagandistische Wirkung unterstützen. Andropov an MID v. 20.10.1956; SUUK, S. 316. Systematisch handelt es sich um den Versuch, Mechanismen auf den Ebenen 4 und 5 zu aktivieren, obwohl deren Basis längst abhanden gekommen war.
3 Die Vorbereitung war bereits am 20.7. mit dem Plan "Volna" erfolgt. Am 21.10. wurde die Einsatzbereitschaft der Truppen kontrolliert. SUUK, S. 315, Anm. 3. Kyrov/ Zselicky 1999, S. 99 ff.
4 Granville 2004, S. 56.
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beschloss das KPdSU-Präsidium am Abend des 23. Oktober gegen das Votum von Mikojan den Truppeneinsatz. 1 Dabei ist weniger wichtig, ob das Auftreten Gerös oder die sowjetische Analyse der Situation den Ausschlag gab, sondern das Zusammenspiel beider Ebenen. Für unsere Fragestellung ist es entscheidend, dass die originäre Intention des Truppenseinsatzes für die KPdSU-Spitze nicht darin bestand, eine höhere Hierarchie gegenüber der ungarischen Führung zu etablieren, sondern ihr nach dem Muster des 17.Juni 1953 Kräfte für die Unterdrückung des eigenen Volkes zu „leihen“. Zurecht bezeichnet dies die neue Forschung als „invasion by invitation“ 2 . Das Verhältnis der Führungen ist somit dem Bündnis deutlich näher als dem Imperium. Die sowjetische Seite konnte nicht einmal die gewünschte Legitimation von ungarischer Seite erreichen; die Initiativen beider Seiten ergänzten einander. Auch wenn man sich bei der Suche nach Legitimität auf den Warschauer Vertrag berief, spielte dieser als Entscheidungsraum keine Rolle. Also ein typischer bilateraler Akt?
Angesichts der kurzfristigen Entscheidung war eine Einbeziehung der „Bruderparteien“ nicht mehr möglich. Das Fehlen formalisierter Räume für eine solche Abstimmung wurde dadurch gemindert, dass am 24.10. in Moskau die polnischen Probleme besprochen werden sollten. Das bereits beschriebene Treffen bot sogleich den Raum, um das sowjetische Eingreifen in Ungarn zu diskutieren. Allerdings war dies ein problematischer Ersatz-Raum, nicht nur weil es sich um eine erweiterte Sitzung des KPdSU-Präsidiums handelte. Trotz aller Übereinstimmung ist es eine Überschätzung der aktuellen Institutionalisierung, wenn in der Forschung betont wird, dass die Einschätzung der KPC „voll und ganz den Ansichten des ZK der KPdSU und der kommunistischen Parteien in den anderen Ländern unter sowjetischem Diktat (entsprach). Das konnte nicht überraschen, denn die führenden Vertreter dieser Parteien und Staaten konsultierten sich ständig über die Entwicklung der Ereignisse und übernahmen die sowjetische Einschätzung.“ 3 Zurecht wurde bemerkt, dass dieser Versuch einer „Internationalisierung“ des Problems „im Gegenteil zu einer wesentlichen Einengung“ führte. 4 Nicht nur die Polen und Ungarn waren aus verständlichen Gründen nicht anwesend, auch die rumänische Führung fehlte. Dies war sicher ein Zeichen für die fragile Institutionalisierung multilateraler Räume. War dies auch ein erster Akt der rumänischen „Abweichung“? Die rumänische Führung blieb wohl vor allem zu Hause, um die innere Situation angesichts der ungarischen Krise beobachten zu können. Am 26.10. wurde ein umfangreiches Maßnahmepaket geschnürt. An eine Koordinierung im Ostblock war dabei wohl nicht gedacht. Die Deutung der ungarischen Ereignisse als „konterrevolutionäre Aktionen“ von „reaktionären und faschistischen Kräften“ war aber genauso unbestritten wie
1 Alföldy 1998, S. 87 f. Shelizkij 1995, S. 361. Die Quellenlage für den Einfluss Gerös ist allerdings sehr dünn. Sie beruht im wesentlichen auf den Ausführungen Chruschtschovs vor den Parteichefs der "Bruderländer" am 24.10. Kramer weist auf den Widerspruch hin, dass Gerö zwar gegenüber dem sow-jetischen Militärattaché, nicht aber gegenüber Chruschtschov um Hilfe gebeten hatte. Auch aus diesem Grund habe das Präsidium zunächst keine Zustimmung gegeben. Erst nach einem alarmierenden Anruf Andropovs rief Chruschtschov bei Gerö an, um ihm die Bereitschaft der sowjetischen Seite zum Mili-täreinsatz mitzuteilen, vorausgesetzt es erfolge ein formales Hilfsgesuch. Gerö wich dieser Forderung aus, “but the Soviet leader soon realized, after the brief conversation ended, that events in Budapest were moving too fast for him to wait”. Kramer 1998, S. 183. Kramer 1995, S. 54; SUUK 83. Granville 2004, S. 57. Die Einführung in die Situation in Ungarn leistete Shukov, der vom sowjetischen Militär-attaché über die Situation und das Hilfsgesuch informiert worden war. Diese Ausführungen führten ge-gen den Widerstand Mikojans zu einem Konsens für den Truppeneinsatz. Die Skepsis der Führung kommt darin zum Ausdruck, dass man Nagy zur politischen Tätigkeit heranziehen wollte. SUUK 82, S. 356 f. Die Autoren der Einführung halten es für nicht entschieden, ob die Initiative Gerös oder der sow-jetische Beschluss entscheidend war. SUUK, S. 323 f. vgl. auch Bekes 1996, S. 52f. Baev 1999, S. 307.
2 Granville 2004, S. 57.
3 Bilek 1999, S. 470.
4 Pilat 1999, S. 340.
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die „Solidarität“ mit dem „heroischen Kampf der ungarischen Arbeiterklasse“ zur „Unterdrückung der Konterrevolution“. 1
Zunächst gab es bei den anwesenden Ostblockführern keine grundsätzliche Kritik oder Widerstand gegen das sowjetische Vorgehen, über das Chruschtschov berichtete. Ein Teilnehmer notierte: „Die Vertreter der anwesenden Bruderparteien traten in die Diskussion ein. Sie drückten alle ihre Unterstützung für die Maßnahmen aus, die vom ZK der KPdSU getroffen wurden.“ Immerhin trat Ulbricht mit einer dreiviertelstündigen Rede auf. Darin führte er die aktuelle Lage darauf zurück, dass man nicht rechtzeitig den ideologischen Kampf gegen die falschen Auffassungen geführt habe, die in Polen und Ungarn auftraten. Deshalb sei es die Aufgabe der einzelnen Parteien, auf einige falsche Auffassungen in der Presse zu reagieren. Für diese Forderung erntete er deutliche Kritik bei Chruschtschov. 2 Die Forschung wertete dies vor allem als ein „njet“ gegenüber „Ulbrichts Radikalismus“. 3 Die Förderung eines Vorgehens, das über die sowjetischen Vorschläge hinausging, war aber nicht nur die Sache Ulbrichts. 4
Damit ist zudem der Zusammenhang dieser Frage nicht ausreichend deutlich gemacht. Ulbricht hatte den besonders sensiblen Bereich der Ideologie angesprochen. Bezeichnendenerweise war hier das Gremium, das diese Fragen klären konnte, für Chruschtschov keine Institution des „Lagers“, sondern das nächste ZK-Plenum. Was den Ostblock betraf, war für Chruschtschov vor allem die chinesischen Delegation wesentlich, mit der im Präsidium über die Lage in Ungarn und Polen, dann aber über die allgemeinen Probleme in den Beziehungen im sozialistischen Lager diskutiert wurde. Dabei wurde - wohl vor allem von Lju-Tschaotschi - die bereits erwähnte deutliche Kritik an den sowjetischen Gewohnheiten geübt: „Es gibt Mängel; man muss sie beseitigen. Mitunter zwang man uns den Willen auf.“ Zudem sei die Form der Kritik problematisch, sie erfolge häufig überstürzt und gelange sofort in der Presse. (Dieser Punkt wurde besonders ausführlich diskutiert.) Die Lage habe sich bis jetzt nicht verbessert. In den internationalen Organisationen nehme die Form der Arbeit keine positive Richtung. Man komme mit fertigen Resolutionen an. Ungeachtet aller Kritik gaben die Chinesen eine „Garantie der Einheit mit dem ZK der KPdSU“. Chruschtschov betonte, dass die sowjetische Seite mit den Äußerungen Ljus einverstanden sei. Hier war ein wesentlicher Schritt zu einer Neudefinition angemessenen Verhaltens im Ostblock getan worden, gegen die Ulbricht (unbewusst) polemisierte und deshalb die ausführliche Antwort Chruschtschovs provozierte. Diese zeigt den grundsätzlichen Charakter der Angelegenheit und ihren Zusammenhang mit den Diskussionen, die mit der chinesischen Delegation geführt wurden: „Genosse Chruschtschov empfahl, das Problem in größerer Tiefe zu bedenken. Wir müssen verstehen, dass wir nicht mehr so leben wie zu Zeiten der KI, als nur eine Partei an der Macht war. Wenn wir es uns heute einfallen lassen zu kommandieren, würde das unweigerlich zum Chaos führen. In jeder Partei muss propagandistische Arbeit geleistet werden, aber man darf nicht zulassen, dass es zu einer Polemik zwischen den Bruderparteien kommt, weil daraus eine Polemik zwischen den Nationen wird.“ Der Zusammenhang mit der Diskussion, die mit den Chinesen über die Pressepolitik gegenüber der KP Japans geführt worden war, ist deutlich. Die
1 Dies die offizielle Formulierung des Politbüros der RAP, das am 26.10. zahlreiche Maßnahmen ge-gen ein Überschwappen des ungarischen Aufstandes beschloss (Agitation, Grenzsicherung, Lohnpo-litik, Nahrungsmittelversorgung, Situation in Armee und Polizei, Überwachung verdächtiger Elemente) und in der Folgezeit zweimal täglich zusammenkommen wollte. Protokoll 55 der Sitzung des Politbüros des ZK der RAP v. 26.10.1956.- in: CWIHP/ Virtual Archive: www.wilsoncenter.org/ index.
2 SUUK 83, S. 364 f. Kramer 1995, S. 55 mit jeweils etwas anderen Übertragungen der Quelle.
3 Pilat 1999, S. 340f.
4 Die KPC akzeptierte die Einschätzung Chruschtschovs am Folgetag vorbehaltlos. Mit dem Vor-schlag, sich mit dem sowjetischen Innenministerium über die Entsendung von Freiwilligenabteilungen nach Ungarn zu beraten, ging man sogar über die sowjetischen Pläne hinaus. Pilat 1999, S. 341 f.
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Institutionalisierung sollte also nicht mehr über eine Anweisungshierarchie, sondern über einen Konsens erzielt werden. Im ideologischen Bereich bedeutete dies, überzeugende Orientierungen zu produzieren. (Ebene 3) Weiterhin ging es Chruschtschov um die Notwendigkeit, ideologische Arbeit mit Wirtschaftspolitik und der Erhöhung des Lebensniveaus zu verbinden. Positive Anreize auf Ebene 2 sollten also eine größere Rolle spielen. 1 Zunächst aber musste die Situation in Ungarn stabilisiert werden.
4.5.3) Die Umsetzung der sowjetischen Intervention
Gelang es der ungarischen Seite, der Logik des bisherigen Handelns von Gerö folgend, diese Herrschaftskosten auf die sowjetische Seite zu überwälzen, würde dies gewissermaßen eine „Ausbeutung“ der sowjetischen Seite bedeuten. Der Logik eines solchen Verdachts folgten auch die ersten Beobachtungen der sowjetischen Emissäre, die insbesondere von Gerö, aber auch von anderen ungarischen Spitzenfunktionären den Eindruck gewannen, dass sie die Kräfte des Gegners übertrieben, die eigenen Kräfte aber unterbewertet hatten. 2 Dies sagt etwas über den Grundcharakter der Invasion aus, nicht aber über die daraus resultierenden Möglichkeiten der sowjetischen Seite, eine qualitativ neue Hierarchie zu etablieren. Auf den ersten Blick bedeutet der Truppeneinmarsch die Möglichkeit eines Dominiums, möglicherweise eines Imperiums. Dies entspräche der Logik unseres Modells auf Ebene I. Während die ungarische Partei- und Staatsführung sich im Zustand der Erosion befand, sie zunehmend weniger über die Fähigkeit verfügte, innere Herrschaft auszuüben, konnte die UdSSR durch ihren Truppeneinsatz ein Gut produzieren, das für die ungarischen Kommunisten von solchem Wert war, dass die sowjetische Seite alles dafür eintauschen konnte bis hin zu imperialen Kompetenzen. Auch I. Nagy soll zu Beginn dem Ziel des sowjetischen Truppenseinsatzes, den ungarischen Genossen Hilfe zu gewähren und eine reibungslose Liquidierung der Unruhen zu erreichen, zugestimmt haben. 3 Zudem konnten die Truppen im Einsatz direkt als Druckmittel gegen widerstrebende Führungsmitglieder genutzt werden; auch ein linkage zu beliebigen Politikfelder dürfte kaum Kosten produziert haben. Allerdings ist über eine direkte Nutzung der sowjetischen „Macht“ als Mittel im Konfliktfall nichts bekannt. Druck gegen ungarische Politiker erfolgte indirekt über Forderungen an die ungarische Führung, nicht über eine unmittelbare Drohung. 4 Damit war der sowjetische Truppeneinsatz eher ein Mechanismus auf Ebene 2, eine Kollektivgutproduktion. Eine plausible Drohung, diese zu entziehen oder gegen die kommunistische Führung selbst einzusetzen, war aber nicht möglich. Ergänzt wurde dies durch Mechanismen auf Ebene 3 ; das Vorgehen der sowjetischen Kräfte bot eine Handlungsorientierung für die verunsicherten ungarischen Funktionäre.
Trotzdem ergeben neue Forschungen zahlreiche Indizien für die Umsetzungsprobleme der sowjetischen Macht, für ihren nicht-imperialen Charakter. Das existierende Institutionengefüge war nur bedingt für eine solche Aufgabe geeignet. Bei ersten Vorbereitungen auf einen Truppeneinsatz im Juli zeigte sich, dass der ranghöchste sowjetische Berater im ungarischen Verteidigungsministerium, Tichonov, nicht über die notwendigen Informationen über die ungarische Armee verfügte. Der hastig aufgestellte Einsatzplan beruhte auf einem ungarischen Entwurf für das konzertierte Vorgehen von
1 Protokollnotiz der Präsidiumssitzung v. 24.10.1956; IA (1996), H. 5/6, S. 187 f.
2 Mikojan und Suslov an ZK der KPdSU v. 24.10.1956; SUUK 87, S. 372. Die Kritik an Gerös Verzerrungen bereits bei Dallin 1961, S. 437.
3 Mikojan und Suslov an ZK der KPdSU v. 24.10.1956; SUUK 87, S. 374. Nagy soll sogar um die Verstärkung sowjetischer Truppen in Budapest gebeten haben. SUUK 93, S. 385.
4 So am Beispiel des neuen ZK-Mitglieds Donath. Mikojan und Suslov sagten den „ungarischen Genossen“ deutlich, dass man D. klarmachen müsse, dass - wenn er seine „kapitalistischen Positionen“ aufrechterhaltedie notwendigen Maßnahmen gegen ihn getroffen werden müssten. Damit waren wohl Maßnahmen der UPW gemeint, nicht aber der sowjetischen Seite. SUUK 96, S. 404.
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Armee und Polizei. 1 Der gravierendste Ausdruck der Probleme war die mangelnde Kompetenz der sowjetischen wie der ungarischen Einheiten, Waffengewalt als erste gegen die Aufständischen einzusetzen. 2
Wenn einerseits die Hauptverantwortung den ungarischen Sicherheitskräften zugestanden wurde, es aber bereits Anzeichen für die „Unzuverlässigkeit“ der ungarischen Armee gab 3 , deutet dies auf schwerwiegende Kooperationsprobleme. Die Koordination beider Seiten war sporadisch wie Treffen ungarischer und sowjetischer Generale oder der ungarischen Parteiführung mit Mikojan und Suslov am Abend des 25.10. 4 Dennoch blieb das Anliegen der sowjetischen Seite die Unterstützung und Reorganisation der ungarischen Sicherheitskräfte und nicht die Etablierung einer eigenen Hierarchie. 5
Die Rekonstruktion wichtiger politischer Entscheidungen in der Phase der Intervention bestätigt diesen Eindruck unerwartet deutlich. Dies betrifft sowohl wichtige Personalfragen wie den Abzug der sowjetischen Truppen aus Ungarn. Als die sowjetische Führung den Einsatz von Truppen beschloss, bemerkte Chruschtschov eindeutig, dass I. Nagy zwar zur politischen Tätigkeit herangezogen werden könne, aber (vorerst) nicht zum Regierungschef gemacht werden sollte. Dies blieb ohne Folgen auf die Entscheidung der ungarischen Parteiführung, Nagy als Ministerpräsidenten zuzulassen 6 - Ausdruck einer kaum existenten Hierarchie. Die sowjetische Krisendelegation (Mikojan, Suslov, Serov) kam hierfür zu spät und akzeptierte die Beauftragung von Nagy zur Regierungsbildung als unvermeidlichen Kompromiss. 7
Ebenso beklagte Chruschtschov am 24.10., dass sein Ratschlag von Gerö nicht befolgt wurde, ein ZK-Plenum, das ein neues Politbüro bestätigen konnte, erst nach der Niederschlagung des Aufstandes einzuberufen. Das neue Politbüro entsprach damit nicht den Vorstellungen der sowjetischen Führung. 8 Somit war den Moskauer Emissären die Veränderung der ungarischen Führung keinen Kommentar wert. Im Gespräch mit den ungarischen Genossen habe man diese Frage nicht berührt. Die Anforderung an die ungarische Seite beschränkte sich zunächst auf die Bestätigung, dass sie die Lage beherrsche und sicher sei, mit ihr fertig zu werden. 9
Allerdings scheint in Parteifragen auch die neueste Forschung einen imperialen Akt bestätigen zu können: Die sowjetischen Emissäre erreichten am Abend des 24. Oktober Budapest, kritisierten Gerö für seine Rede vom Vorabend und „ordered him to resign“. 10 Tatsächlich konnte bei der Entscheidung des Politbüros der PUW, Gerö durch Kadar zu ersetzen, nochmals das Monitoring-Niveau des Dominiums erreicht werden. Mikojan und Suslov nahmen an der entsprechenden Sitzung teil, konstatierten aber eher eine Entscheidung
1 Malashenkov, nach Granville 1996, S. 75.
2 Granville 1996, S. 77 f. vgl. auch SUUK 93, S. 385. Am 24.10. soll das ungarische „Militärkomitee“ mit Zustimmung der sowjetischen „Berater“ die Einführung einer Ausgangssperre und des Standrechtes vor. Die Vorschläge wurden zuerst angenommen, nach ihrer Bekanntgabe aber wieder zurückgezogen. Horvath 1999, S. 139.
3 Granville 1996, S. 75 f.
4 SUUK 93, S. 385.
5 KGB-Chef Serov berichtet über eine Beratung mit führenden Mitarbeitern aller Sicherheitskräften, wo man die Aufgabe stellen wollte, die Arbeit des Personalbestandes der Sicherheitskräfte gegen die „feindlichen Elemente“ stärker zu organisieren. Lagebericht Serovs v. 27.10.1956; SUUK 101, S. 414.
6 Protokollnotiz der Präsidiumssitzung v. 23.10.1956; SUUK 82, S. 357, vgl. auch ebenda, Anm. 3.
7 Vida 2001, S. 87f.
8 Aufzeichnungen Svobodas über das Treffen v. 24.10.1956; Kramer 1995, S. 54; SUUK 83, S. 362 f.
9 Die Frage war, ob man dies dem ZK der KPdSU berichten könne. Die Ungarn antworteten positiv. Mikojan und Suslov an ZK der KPdSU v. 24.10.1956; SUUK 87, S. 374. Dagegen Dallin: „Diese Erklärung Nagys hätte ohne Zustimmung Mikojans und Suslovs nicht abgegeben werden können.“ Dallin 1961, S. 441.
10 Granville 2004, S. 63.
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als sie mitzubestimmen. In dieser Sitzung wurde von einem „ungarischen Genossen“ auch die heikle Frage nach dem Abzug der sowjetischen Truppen aus Ungarn angesprochen. Die sowjetischen Vertreter erklärten, dass diese Frage nicht gestellt werden darf, weil das den Einmarsch amerikanischer Truppen bedeuten würde. 1 Hierbei handelte es sich zunächst um ein Argument, das auf ein bestimmtes Schema anspielte, nicht aber eine Drohung oder Anweisung. Als Zugeständnis wurde erklärt, dass die sowjetischen Kräfte nach der Wiederherstellung der Ordnung in ihre Ausgangsbasen zurückkehren würden. Die anwesenden Mitglieder des Politbüros sollen die Forderung nach Truppenabzug nicht unterstützt haben. Um so erstaunter waren Mikojan und Suslov dann über die Tatsache, dass Nagy in seiner Radioansprache an das ungarische Volk davon sprach, die ungarische Regierung werde Verhandlungen mit der sowjetischen Seite über ihre Beziehungen einleiten, darunter über den Abzug der sowjetischen Truppen. Am Folgetag wollte man sogleich mit Nagy darüber sprechen. 2 Handelte es sich um einen Alleingang von Nagy, um die Sowjets vor vollendete Tatsachen zu stellen?
Allerdings nahmen die sowjetischen Vertreter an der folgenden ZK-Tagung der PUW nicht teil. Dort wurde immerhin eine politische Richtungsentscheidung einschließlich ihrer personalpolitischen Konsequenzen getroffen. Es ging darum, ob man den Forderungen der Massenbewegung nicht nachgeben und den Kampf gestützt auf die sowjetischen Truppen fortsetzen werde. Dies bedeute nach ungarischer Einschätzung (v.a. Nagys) aber den Verlust jeden Kontakts mit der Bevölkerung. Dann werde man „zugrunde gehen“. Deshalb setzte sich der zweite Weg durch: Über die Aufnahme einiger bekannter „Demokraten“ aus den früheren kleinbürgerlichen Parteien sollten die Beziehungen zu den Volksmassen wiederhergestellt werden. Die Debatte zur Entscheidung einer harten oder weichen politischen Linie wurde im ZK recht kontrovers geführt, aber ohne nennenswerten Bezug zu sowjetischen Interessen oder Erwartungen. 3 Der sowjetischen Seite blieb nur noch die „Nachfrage“, welche Parteien in die Regierungsbildung einbezogen werden sollen. Nagy sprach darauf ausschließlich von Persönlichkeiten, nicht von Parteien. Auf die Frage, wer von den Regierungsmitgliedern verbleibe, erfuhren sie nur, dass Erdei als Stellvertreter in die neue Regierung übernommen werde. Auch der Ausschluss des 1. Stellvertretenden Ministerpräsidenten Hegedüs, der stets eine wichtige Kontakt- und Vertrauensperson für die Sowjets gewesen war, wurde als vollendete Tatsache mitgeteilt. Die neuen Minister wurden genannt, unter denen besonders Verteidigungsminister Münnich eine Geste an die UdSSR darstellte, von den Stellvertretern aber nur einer. Dies sei alles im Prozess der Diskussion; endgültiges gäbe es noch nicht. Den sowjetischen Vertretern wird also eine vollkommen neue Regierungsmannschaft vorgesetztinklusive des in der Sowjetunion inhaftierten B. Kovács. Auch wenn sicherlich antizipiert wurde, was man der sowjetischen Seite an Veränderungen zumuten konnte und die neue Mannschaft für die Bevölkerung insgesamt „quite unimpressive“ geblieben sein mag 4 , bedeutet dies nur ein hegemoniales Hierarchieniveau, teilweise nur ein ungleiches Bündnis. Die Mechanismen der Ebene 4, obgleich auf Ebene 2 fundiert, konnten auch unter dem Schatten der sowjetischen Militärmacht keine höhere Hierarchie mehr hervorbringen.
1 Mikojan und Suslov an ZK der KPdSU v. 25.10.1956; SUUK 93, S. 386. Bei dem „ungarischen Genossen“ handelte es sich um J. Köböl. Vida 2001, S. 90.
2 Ebenda, S. 386. Den Redetext vgl. SUUK 92, S. 384 u. Zinner 1956, S. 416 ff. Angesichts des ansonsten wenig revolutionären Redetextes wurde bisher geschlußfolgert: “As a responsible Communist, Nagy still sought the approval of the Kremlin and the concurrence of the Central Committee before every move.” Felkay 1989, S. 69. „Diese Erklärung Nagys hätte ohne Zustimmung Mikojans und Suslovs nicht abgegeben werden können.“ Dallin 1961, S. 441.
3 Mikojan an ZK der KPdSU v. 26.10.1956; SUUK 94, S. 388. Zur ZK-Tagung vgl. SUUK 92.
4 Felkay 1989, S. 70 f. Dennoch wurde die Regierung eindeutig von „Genossen“ beherrscht. Dies gilt für 20 von 24 Regierungsmitgliedern. Wenigstens die Berufung von Béla Kovács war eine kleine Sensation. Dalos 2006, S. 106.
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Die Reaktion Mikojans bestand in der „Warnung“, dass dieser Weg der Einbeziehung bürgerlicher Demokraten ein „glitschiger“ sei, auf dem man leicht abgleiten könne. Nagy entgegnete, dass dies unter dem Druck der äußersten Notwendigkeit geschehe und das Mindestmaß des Notwendigen sei, um das Steuer der Führung nicht aus der Hand zu geben. Dies bedeutet nicht, dass die Autorität Mikojans nicht mehr wirkte, sie konnten aber nur eine begrenzte Hierarchie begründen. Immerhin gab Nagy das Versprechen, trotz der gebotenen Eile diese Entscheidung erst zu veröffentlichen, nachdem sich das ZK mit den Vertretern der UdSSR „beraten“ haben würde. Das Fazit Mikojans aus den Erfahrungen der ersten Tage nach der Intervention ist vielsagend: Er sei zur Überzeugung gelangt, dass die sowjetischen Vertreter aufgrund der Befürchtung, dass die sowjetische Seite irgendwelche Schritte unternehmen werden, vor vollendete Tatsachen gestellt werden. Dies betreffe die Frage des Abzugs der sowjetischen Truppen wie die Regierungsbildung. Von der Umbildung der Regierung habe man nicht von der Führung erfahren, die offenbar wollte, dass sie eine endgültig getroffene Entscheidung der sowjetischen Seite erst mitteilt, wenn diese Entscheidung bereits veröffentlicht ist. 1 Dies zeigt sehr schön die sinkende Hierarchie angesichts steigender Herrschaftskosten, die beim Wegbrechen von institutionellen Elementen auf den oberen Ebenen entstehen. Das dadurch einsetzende Kalkül ermöglicht die Entwicklung von sheating/shirking-Strategien, welche die Herrschaftskosten deutlich steigern. Gerade weil dies hier nur in Ansätzen begann, zeigt es, wie sich die bisherigen institutionellen Mechanismen angesichts ihrer Aushöhlung der letzten Jahre in der zugespitzten Krise als fragil erwiesen.
In dieser Situation gingen die KPdSU-Vertreter zu einer bewährten Methode über: informelle Gespräche mit einzelnen oder mehreren Vertretern der ungarischen Spitze. Der Einfluss, der auf diesem Wege auf die Regierungsbildung ausgeübt werden konnte, war gering. Er beschränkte sich auf die (warnende) Frage, ob es unter den neuen Kandidaten für die Führung „konterrevolutionäre Elemente“ gäbe, was Kadar mit einem festen "Nein" beantwortete. 2 Wichtiger aber war die Stationierungsfrage. Dabei stellten sie Nagy ganz direkt die Frage, warum er in seiner Rede von Verhandlungen über den Truppenabzug gesprochen habe, obwohl das Politbüro angesichts der sowjetischen Haltung, dass sie sich mit einem Truppenabzug aus Ungarn nicht einverstanden erklären könne, mehrheitlich den Vorschlag zum Truppenabzug abgelehnt hatte. Allerdings erweist sich die Formulierung Nagys zum Truppenabzug als Beschluss des Politbüros, das nach den erwähnten Absprachen entschieden hatte, ohne sich nochmals mit den „sowjetischen Freunden“ zu konsultieren. Die anwesenden Politbüromitglieder einschließlich Gerös bekundeten, dass sie unter dem Druck massenhafter Forderungen der Arbeiter wie einiger Parteiorganisationen zu einer solchen Formulierung gezwungen waren, die aber nach ihrer Meinung „weich“ und nichtkategorisch sei. 3 Wenn dieses fait accompli durch ein sowjetisches Veto nicht rückgängig gemacht werden konnte, galt es zumindest, den Einfluss auf solche Entscheidungen wiederherzustellen. Nachdem die sowjetischen Emissäre ihr Argument vom Einmarsch der Amerikaner wiederholt hatten, wurden sie nun deutlicher: Sie seien dagegen, dass in die Aufrufe des ZK und der Regierung irgendein Versprechen über den Abzug der sowjetischen Truppen einbezogen werde; dies halte man für eine Schlüsselfrage in den Beziehungen beider Länder. Dies kann als Versuch gewertet werden, das Niveau einer starken Hegemonie wiederherzustellen, um das Dominium im militärischen Bereich abzusichern. Immerhin
1 Mikojan an ZK der KPdSU v. 26.10.1956; SUUK 94, S. 388 f.
2 Die entscheidenden Positionen seien für die Parteiführung gesichert. Auch die Nichtkommunisten würden „im Prinzip sowohl Sozialismus als auch Demokratie“ anerkennen. Mikojan und Suslov an ZK der KPdSU v. 26.10.1956; SUUK 96, S. 403 f.
3 Mikojan und Suslov beklagten sich gerade darüber, dass ihnen die veränderte Auffassung nicht mitgeteilt worden sei. Dies bedeutete die Ausschaltung selbst ihrer Veto-Position. Mikojan und Suslov an ZK der KPdSU v. 26.10.1956; SUUK 96, S. 405.
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erlangten sie ein Versprechen von Nagy und Kadar, in den Aufruf des ZK keine Formel über einen Truppenabzug aufzunehmen. Ebenso konnte im Politbüro eine Mehrheit für ein strenges Kriegsrecht einschließlich Demonstrationsverbot erreicht werden, nachdem dies an den Vortagen nicht einheitlich gehandhabt wurde und so die Kämpfe wieder aufflammten. 1 Damit wurde vorübergehend das Hierarchieniveau einer starken Hegemonie wiederhergestellt. Die Mechanismen bewegten sich vorwiegend auf den Ebenen 4 und 5; der Verweis auf Ebene 2 aber musste diese stützen.
Aus Sicht des KPdSU-Präsidiums entsprachen diese Ereignisse nicht der sowjetischen Position gegenüber Ungarn. Das Vorgehen Mikojans wurde deutlich kritisiert und „harte Maßnahmen“ gefordert. Der diskutierte Maßnahmekatalog betraf aber nicht nur das Vorgehen gegen die Aufständischen, sondern auch die Wiederherstellung des Einflusses auf die ungarische Führung - aus unserer Perspektive seine Reinstitutionalisierung. Nur Chruschtschov verteidigte das Vorgehen Mikojans, das dessen vorherigen Aussagen entspräche: „Mikojan nahm eine Position der Nichteinmischung ein und so auch unsere Truppen.“ War also die Politik Mikojans nur eine bestimmte Tonart auf der institutionellen Klaviatur, die man beliebig ändern konnte? Immerhin bedeuteten die letzten Ereignisse auch für Chruschtschov eine „neue Etappe“. Sein Fazit: "Wir sind nicht mit der Regierung einverstanden." 2 War dies der Anfang einer Verstärkung der Hierarchie?
Dies konnte einen verstärkten Einsatz der Sicherheitskräfte bedeuten. Die von der Militärkommission für die Nacht vom 27. zum 28. Oktober geplante Erstürmung der Corvingasse wurde nicht von der sowjetischen Militärführung entschieden; es erfolgte eine Rückfrage bei I. Nagy. Dieser jedoch lehnte die Gewaltaktion mit Hinweis auf das „schreckliche Blutvergießen“ und die „Folgen“ ab und drohte mit Rücktritt. Die militärische Entscheidung unterblieb damit zugunsten „anderer Methoden“. 3 Wenigstens das Monitoring-Niveau erreichte in der Folgezeit wieder die Ebene eines Dominiums. Am Folgetag (27.10.) nahmen Mikojan und Suslov an der Politbürositzung teil, auf der über die Regierungsumbildung diskutiert wurde. Anhand der vorhandenen Quellen ist ein direkter Einfluss nicht nachweisbar. Auch wenn die Einsetzung Münnichs als Innenminister anstatt des „politisch labilen“ Siladi auf sowjetischen Einfluss zurückzuführen sein könnte, erfolgte insgesamt nur eine Bestätigung der neuen Regierung einschließlich des „bürgerlichen“ Beiwerks als „im großen und ganzen zuverlässig“. 4 Am 28. Oktober erkannte Suslov dies im KPdSU-Präsidium an: „Unsere Linie ist es, nicht gegen die Einbeziehung einiger Demokraten [in die Regierung] zu protestieren.“ 5 Daraus aber abzuleiten, die sowjetische Seite hätte die Ausweitung der Regierung zunächst grundsätzlich unterstützt, geht zu weit. 6 Der Gesamtverlauf der Regierungsbildung spricht aber für ein geringes Hierarchieniveau auf hegemonialer Stufe, teilweise sogar darunter. Die Mechanismen der oberen Ebenen reichten allerdings nicht mehr allein aus und mussten durch Hinweise auf Ebene 1 ergänzt werden.
1 Allerdings blieb die Formulierung zum Demonstrationsverbot eher vage: für diesen und den nächsten Tag in Abhängigkeit von der Situation. Mikojan und Suslov an ZK der KPdSU v. 26.10.1956; SUUK 96, S. 405. Am 26.10. wurde eine Ausgangssperre verhängt - abgesehen von 10.00 bis 15.00 Uhr. Die Demonstration vom Vortage und ihr blutiges „den konnte aber nicht mehr ungeschehen gemacht werden. Granville 2004, S. 80f.
2 Dabei ist nicht völlig klar, ob die Regierungsbildung, oder das Handeln der Regierung gemeint war. Protokollnotiz zur Präsidiumssitzung v. 26.10.1956; SUUK 100, S. 411 f. An Maßnahmen wurde ein Aufruf an die eigenen Truppen und die Entsendung einer hochrangigen Delegation zur „Verstärkung“ für Mikojan beschlossen, aber dann nicht ausgeführt. Auch die Bildung einer sowjetisch gestützten Regierung war bereits in der Diskussion.
3 Dalos 2006, S. 116 ff.
4 Mikojan und Suslov an ZK der KPdSU v. 27.10.1956; SUUK 102, S. 416 f.
5 Granville 2004, S. 65; SUUK 105, S. 436. Dies war aber wohl konstatierend für das Verhalten Suslovs und Mikojans an den beiden Vortagen gemeint, nicht für die Linie des Präsidiums am 28.10.
6 So Granville 2004, S. 81 unter Berufung auf die Aussage von Suslov, die dreimal zitiert wird.
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Die dadurch ermöglichte Reinstitutionalisierung der sowjetischen Hegemonie zeigt sich bei der Politbürositzung vom 28. Oktober, an der die sowjetischen Vertreter teilnahmen und Mikojan eine sehr aktive Rolle spielte. Es zeigt sich aber auch die zunehmende Einflussdifferenz gegenüber Partei- und Regierungsgremien. In der Parteiführung wurden mit den sowjetischen Vertretern so wesentliche Fragen diskutiert wie die Kompetenzen und die Zusammensetzung eines verkleinerten Führungsgremiums der Partei, die Deutung des Aufstandes, die Einstellung des Feuers oder die Reorganisation der Geheimpolizei. Immerhin wurde hier gegen die sowjetische Deutung von der Bezeichnung „Konterrevolution“ abgegangen. 1 Die Einsetzung eines Parteidirektoriums mit umfassenden Vollmachten wurde von Mikojan durchaus mitgetragen 2 , ja möglicherweise sogar initiiert. 3 Von Interesse für unsere Fragestellung ist aber vor allem, dass es am Abend zuvor eine Vorabsprache zwischen den sowjetischen Vertretern mit Nagy und Kadar in „inoffiziellem Rahmen“ gab, wo eine gemeinsame Linie ausgehandelt wurde. 4 Somit ging Kadar mit einem Konzept in die Sitzung, das nach seiner Aussage die Zustimmung der sowjetischen Seite gefunden hatte. Deren Ratschläge würden vor allem die Einheit der Führung betreffen. Angesichts einer abgestimmten Position ist es erstaunlich, was Kadar zur Frage der sowjetischen Truppen erklärte: „Wir sagen dem Volk, dass wir die Truppen gerufen haben (…). Sicher ist auch, dass wir, so wie wir ihre Teilname an den Kämpfen erbeten haben, den Rückzug dieser Truppen aus den Kämpfen erbitten können. (Und wir können erbitten, dass die Truppen vom Territorium des Landes zurückgezogen werden.) Aber ob sie zurückgezogen werden, hängt ausschließlich von der Entscheidung der Sowjetunion ab.“ Letzteres war die Anerkennung einer starken Hierarchie, ersteres aber nicht. Insgesamt bedeutete diese Formulierung aber einen Kompromiss der Positionen, der die Frage auf der Tagesordnung beließ, ja sogar eine Bestätigung der ohne/gegen die sowjetische Seite genutzten Formulierung von I. Nagy in seiner Radioansprache. 5 Diese erfüllte so gut wie alle Forderungen der Aufständischen. Die Regierung - wie es G. Dalos formuliert - „ergab sich, sozusagen, dem Volk“. 6
Auch in der wichtigen Frage einer Waffenruhe und der Ersetzung der sowjetischen Kräfte durch ungarische blieb damit der Einfluss Mikojans begrenzt. Während die sowjetischen Vertreter an der Politbürositzung des 28.10. teilnehmen konnten, fand die Regierungssitzung des Tages ohne sowjetische Beteiligung statt. So ordnete Nagy nach einer hitzigen Debatte einen unmittelbaren Waffenstillstand an; ungarische Truppen sollten nur noch zur Verteidigung schießen dürfen. 7 Die Frage eines Rückzuges der sowjetischen Truppen war noch brisanter. Einerseits wird hier das Spiel mit impliziten Drohungen deutlicher: Die sowjetische Armee habe bisher nicht mit der ungarischen Volksarmee gekämpft. Wenn diese aber auf die Seite der Aufständischen übergeht, dann werde sie mit den sowjetischen Truppen kämpfen müssen. 8 Andererseits ging die Diskussion klar in die Richtung, sowjetischen Kräfte durch ungarische abzulösen.
Im Unterschied zu seiner Mission im Juli schlug Mikojan sogar die Möglichkeit aus, an der ZK-Sitzung teilzunehmen, die dies bestätigen sollte. Ganz im Sinne der bereits von Gerö im
1 Die Wahrnehmung war dabei durchaus unsicher. Kadar sprach davon, dass es keine Konterrevolution sei, aber auch keine nationale Revolution. Klimo 2004, S. 297.
2 Vida 2001, S. 94 wie die folgenden Anmerkungen.
3 Klimo 2004, S. 297.
4 SUUK, S. 418
5 Kadar empfahl diese ausdrücklich zur Bestätigung. Stenogramm der Politbürositzung der UPW v. 28.10.1956; SUUK 104, S. 421 f.
6 Die Erklärung wurde von Nagy und seinen engsten Freunden wie T. Déry maßgeblich gestaltet. Dalos 2006, S. 119.
7 Granville 2004, S. 82f.
8 Stenogramm der Politbürositzung der UPW durch Mikojan und Suslov v. 28.10.1956; SUUK 104, S. 427.
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Juli angewandten Mechanismen, die Kádár bereits bei der Einführung der Probleme im Politbüro genutzt hatte, bat dieser Mikojan, an der ZK-Sitzung teilzunehmen, um den gerade gebildeten Standpunkt durchsetzen zu helfen. Mikojan antwortete, dass dies nicht notwendig sei, wenn das Politbüro nur geschlossen auftrete. Eine Teilnahme könne als Druck von sowjetischer Seite aufgefasst werden. Angesichts dieses impliziten Herrschaftskostenkalküls, das eine Logik des Angemessenen konstituierte, konnte Kádár trotz nochmaliger Bitte (unter dem Vorbehalt, dass dies eine Ausnahme darstelle angesichts der komplizierten Situation) nur erreichen, dass er sich auf die Konsultationen mit den „Genossen“ berufen durfte. 1 Die Beschlüsse des Plenums vermieden somit eine Formulierung zum vollständigen Truppenabzug und sprachen nur von Verhandlungen zu den sowjetisch-ungarischen Beziehungen nach polnischem Vorbild. Das Ergebnis im Aufruf des ZK war aber auch ohne die direkte Erwähnung des Truppenabzugs bemerkenswert. Bereits vor der diesbezüglichen sowjetischen Erklärung vom 30. Oktober wurde eine neue Definition des Angemessenen veröffentlicht, die sich auf die sowjetisch-polnischen und (indirekt) sowjetischjugoslawischen Definitionen bezog: „Die neue (ungarische) Regierung wird mit der sowjetischen Regierung Verhandlungen über die Regulierung der Beziehungen auf der Grundlage der Unabhängigkeit, Gleichberechtigung und Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten führen. Als ersten Schritt werden sich die sowjetischen Truppen nach der Wiederherstellung der Ordnung unverzüglich auf ihre Basen zurückziehen. Beziehungen auf der Grundlage der Gleichberechtigung entsprechen den Interessen beider Staaten, so wie nur auf dieser Basis eine brüderliche und unzerstörbare (unverbrüchliche) sowjetisch-ungarische Freundschaft möglich ist. Auf eben dieser Grundlage werden gerade die Beziehungen zwischen Polen und der Sowjetunion reguliert.“ 2 Damit wurde eine Neugestaltung der Beziehungen angedeutet, die auch die Stationierungsfrage nicht ausschloss. Die weiteren Ergebnisse sollten dies zeigen.
Während bei der Konstituierung eines Parteipräsidiums als politischem Krisenorgan eine Beachtung der sowjetischen Wünsche wahrscheinlich ist, kam es bei der Besetzung dieses Gremiums zum Dissens. Obwohl sich Mikojan ausdrücklich für die weitere Mitgliedschaft von Hegedüs aussprach, traten einige Teilnehmer (um Nagy) ausdrücklich für dessen Ausschluss ein. Eine Abstimmung brachte keine klare Mehrheit, also keine „Einheit“ des Politbüros. 3 Kádár machte den Kompromissvorschlag, Hegedüs nicht im Präsidium zu belassen, ihm aber die Leitung von dessen Exekutive zu übertragen. Die nochmalige Abstimmung nach einer Diskussion führte dazu, dass Hegedüs nicht in das Präsidium einbezogen wurde, aber im ausführenden Apparat verbleiben sollte. 4 Auch wenn dies von Mikojan nicht zu den „prinzipiellen Fragen“ gerechnet wurde, war dies eine Niederlage der sowjetischen Position. Mikojan nahm an dieser Diskussion wie eine Art Ehrenmitglied mit großem - aber nicht grenzenlosem - Prestige 5 , aber ohne Stimmrecht teil. Somit erscheint die
1 Kádár betonte bei der Wiederholung seiner Bitte, dass man ein „Nein“ mit Verständnis aufnehmen werde. SUUK 104, S. 429.
2 SUUK 97, S. 407. Zinner 1956, S. 420. Der Aufstand sei keine „Konterrevolution“ sondern ziele auf die Freiheit, Unabhängigkeit und Souveränität wie die Entwicklung des politischen und wirtschaftlichen Systems auf dem Weg der Demokratie. Zudem wurden Amnestie und Lohnerhöhungen versprochen. Granville 2004, S. 79.
3 Das Ergebnis „dagegen - 4, dafür - 6“ ist nicht völlig klar zu deuten. Der Kontext und das Ergebnis einer späteren Abstimmung weist durchaus auf eine knappe Mehrheit gegen Hegedüs hin, während Chruschtschov später von 4 Stimmen für einen Ausschluss von Hegedüs sprach. SUUK 104, S. 428 u. SUUK 105, S. 433.
4 Dies bei einem Abstimmungsergebnis von 9:3. Das Präsidium von 6 Mitgliedern unter Leitung Kadars wurde dann vom ZK bestätigt. SUUK 104, S. 429, vgl. auch S. 431, Anm. 11.
5 Auch bei I. Nagy wirken diese Mechanismen auf Ebene 4 durchaus noch, aber zunehmend gebrochen von einer anderen Logik des Angemessenen. So betonte er in der Diskussion zur Auforderung Mikojans, „fest zu stehen“, dass er dies nicht tun werde, wo die Interessen der Partei es erfordern, weiter zu gehen. SUUK 104, S. 426.
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Beschreibung der sowjetischen Rolle durch Kádár, die er der Diskussion vorschaltete, nicht als leeres Symbol, sondern eine Definition des Angemessenen, der sich auch die sowjetischen Vertreter unterworfen fühlten: „Hier nehmen zwei Mitglieder (des ZK) der KPdSU teil. Sie geben uns keine Anweisungen, aber als Kommunist halte ich es für meine erste Pflicht, ihre Ratschläge mit Aufmerksamkeit anzunehmen, welche die Interessen unseres Volkes mit den Interessen der Kommunisten, dem internationalen proletarischen Internationalismus vereinigen.“ 1
Vor allem aber war in der Regierungserklärung von Nagy am 28.10. wiederum von Verhandlungen mit der UdSSR die Rede, die den Abzug der sowjetischen Truppen durchsetzen sollten. Das ZK stimmte dieser Erklärung zu. 2 Ob diese mit Zustimmung Mikojans erfolgte oder nicht - das Institutionalisierungsniveau war in einer entscheidenden Angelegenheit in Frage gestellt worden. Somit gelang es den sowjetischen Emissären nach dem 25. Oktober zwar, ihren Einfluss zu heben. Die etablierte starke Hegemonie setzte sich aber nicht generell durch; selbst in Grundfragen wurde teilweise ein deutlich niedrigeres Niveau erreicht.
4.5.4) Die Position der sowjetischen Führung
Diese Gespräche in Budapest waren allerdings nur ein Teil des institutionellen Gefüges. Die Moskauer Führung stand vor der Situation, dass nahezu alle institutionellen Mechanismen ausgeschöpft worden waren, ohne zu einem befriedigenden Ergebnis zu gelangen. Somit wurden die letzten Entwicklungen in Ungarn mit äußerster Skepsis betrachtet. Chruschtschov formulierte einen Konsens des Präsidiums, wenn er von einer „komplizierten Lage“ sprach. Dabei ging es nicht nur um die „Aktivierung der Konterrevolution“, sondern gerade um die dargestellten Beschlüsse des Politbüros der PUW. Weder die Forderung nach Abzug der sowjetischen Truppen aus Budapest noch der Ausschluss von Hegedüs aus der engeren Führung stießen auf ungeteilte Zustimmung. Molotow formulierte nicht nur seine persönliche Auffassung, wenn er betonte, dass der Ausschluss von Hegedüs bedeute, dass „sie mit uns nicht mehr rechnen“; die Freundschaft mit der UdSSR und die Hilfe der Truppen - das sei das Minimum. Die Schlussfolgerung Vorosilovs aber, man müsse eine eigene Linie ausarbeiten und an diese eine Gruppe ungarischer Vertreter „anschließen“, also die Etablierung einer Satellitenregierung im eigentlichen Sinne des Wortes 3 , traf auf wenig Unterstützung. Immerhin schlug Bulganin vor, Mikojan anzuweisen, eine unmissverständliche Drohung auszusprechen: Das Politbüro der UPW solle entschieden handeln; ansonsten werde man es ohne sie tun. 4 Dies ist die konsequente Forstsetzung des bereits beschriebenen Trends, den Verlust von Einfluss auf den oberen Ebenen auf Ebene 1-2 zu kompensieren. Im Verlauf der Diskussion gewannen aber diejenigen die Oberhand, diewie Chruschtschov es formulierte - mit den Fakten rechneten. Auf der Kandidatur Hegedüs' solle man nicht beharren. Die entscheidende Frage sei, ob die Regierung mit der UdSSR ist, ob sie handelt und unterstützt werden kann oder ob sie sich gegen „uns“ wendet. Die Indikatoren dafür, ob Nagy sich gegen die UdSSR wendet, waren die Forderung nach einer Waffenruhe, nach dem Abzug der sowjetischen Truppen und letztlich die „Kapitulation“. Chruschtschov spielte die Optionen durch, von denen ihm die Etablierung einer Gegenregierung als die „schlimmste Variante“ erschien. Damit blieb nur die „Erhaltung“ der bestehenden Regierung, ihre verstärkte Aktivität in den Provinzen einschließlich eines sowjetischen Aufrufes an die Bevölkerung („anstatt nur zu schießen“). Damit kristallisierte
1 SUUK 104, S. 422.
2 Zinner 1956, S. 431 f. SUUK 106.
3 Das, was man entworfen habe, müsse man auch durchsetzen. Dazu sollte man eine Gruppe von Genossenanstelle von Mikojan - entsenden. Protokollnotizen der Präsidiumssitzung v. 28.10.1956; SUUK 105, S. 433.
4 Protokollnotizen der Präsidiumssitzung v. 28.10.1956; SUUK 105, S. 434.
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sich eine Mischung aus weichem Vorgehen gegenüber der ungarischen Führung und bewaffnetem Vorgehen gegen die Aufständischen heraus, die man von der Mehrheit der Bevölkerung zu trennen hoffte. 1
Bei diesem Diskussionsstand 2 erfolgte der Bericht des extra aus Budapest eingeflogenen Suslov über die Lage in Ungarn. Nachdem Suslov geschildert hatte, dass sich die Lage der sowjetischen Truppen nach dem Blutbad vor dem Parlamentsgebäude verschlechtert habe und dass die eigene Linie gegenüber der Bildung und den Zielen der neuen Regierung zustimmend sei, schlussfolgerte er: „Sollte man die bestehende Regierung mit der Bekanntmachung der Deklaration unterstützen? Unterstützen. Einen anderen Ausweg gibt es nicht.“ Dies würde eine offizielle Anerkennung der neuen ungarischen Regierung bedeuten. Die Kritik Vorosilovs wurde sofort zurückgewiesen, die Konsequenzen einer Okkupation mit aller Skepsis betrachtet. (Bulganin: „Das zieht uns in ein Abenteuer hinein.“ Kaganovitsch: „Das führt uns weit fort.“) Diese Unsicherheit ist ein Ausdruck nicht kalkulierbarer Herrschaftskosten. Die allgemeine Schlussfolgerung: Die Regierung unterstützen und eine flexiblere Haltung in der Frage des Truppenabzuges. Kaganovitsch sprach davon, dass keine Korrektur der Deklaration der ungarischen Regierung betreffs des Truppenrückzugs anzustreben sei. Malenkov sprach sich dafür aus, die Truppen mit dem Einverständnis der Regierung zu halten. Molotow dagegen meinte, dass man vorsichtig agieren müsse, denn wenn die Ungarn von der Freundschaft sprechen, sprächen sie vom Truppenabzug. Man müsse behutsam handeln. 3 Chruschtschov bekundete die Bereitschaft, die Truppen aus Budapest zurückzuziehen, machte jedoch einen Waffenstillstand der Widerstandszentren zur Voraussetzung. 4 Eine für unser Thema interessante Äußerung hierzu stammt gerade von Shukov: Die Frage des Truppenabzuges aus Ungarn muss mit allen Ländern des sozialistischen Lagers diskutiert werden. 5 Dies ist mehr noch als die wiederholte Nennung der Bruderparteien der Versuch, die institutionelle Ebene zu wechseln, möglicherweise, um in einer anderen „Arena“ andere Ergebnisse bei anderen Kosten zu erzielen. Das Ergebnis dieser zentralen Diskussion bestand in dem Beschluss, die neue Regierung zu unterstützen, in eine Feuerpause und den Truppenabzug aus Budapest einzuwilligen und die Erklärung der ungarischen Regierung (mit Korrekturen) zu akzeptieren. Dies bedeutete auch eine Anerkennung der dort formulierten neuen Logik des Angemessenen für die Beziehungen im Ostblock.
Welche Mechanismen wirkten bei dieser Entscheidung? Die Präsidiumssitzung vom 28.10. ist somit nicht so sehr Ausdruck eines internen Schwankens in der sowjetischen Spitze, sondern in einem ersten Schritt das Bewusstwerden einer fundamentalen Deinstitutionalisierung im Rahmen der traditionellen Einflussmechanismen und in einem zweiten Schritt der damit verbundenen Herrschaftskosten. 6 Andererseits gab es Hinweise darauf, dass man mittels der Nagy-Regierung die Situation stabilisieren könne. 7 Am Abend
1 Auch Shukov sprach sich neben der Niederschlagung der Aufstandszentren für eine geschmeidigere politische Linie aus. SUUK 105, S. 434 f.
2 Nach der Edition von Kramer allerdings eher später. Malin-Notes, S. 391 u. Anm. 68.
3 SUUK 105, S. S. 437f. Dies bezieht sich wohl auch auf die Formulierung in der Regierungs-erklärung von Nagy v. 28. Oktober. Zinner 1956, S. 431
4 SUUK 105, S. 438 ; Granville 2004, S. 85.
5 SUUK 105, S. 438.
6 Am 29.10. äußerten sich Mikojan und Suslov gegenüber einer polnischen Abordnung in Budapest, dass alles davon abhänge, ob die Nagy-Regierung in der Lage sei, die Situation zu stabilisieren. Tischler 1997, S. 99. Den polnischen Vertretern fiel auf, dass Mikojan und Suslov den Truppeneinsatz missbilligten und wie wenig sie „starre Prinzipien“ vertraten. Die Intervention habe zur Verstärkung der „konterrevolutionären Welle“ geführt. Vida 2001, S. 102, Anm. 76.
7 Der KGB berichtete am 28. Oktober aus Budapest, dass sich ein Teil der bewaffneten Opposition die neue Regierung anerkannt habe und sie unterstützen wolle; es gäbe Zweifel über die Fortsetzung des bewaffneten Kampfes. Der regionale Sicherheits- und Polizeiapparat beginne wieder zu arbeiten. Telegramm der Budapester
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des 30. sprach Mikojan nochmals mit Nagy und soll diesem innenpolitisch freie Hand gegeben haben, wenn er nur die „Grundlagen des sozialistischen Systems“ erhalten könne. Zum Abschied soll er gesagt haben: „Genosse Nagy! Retten Sie, was noch zu retten ist.“ 1 Ein Herrschaftskostenkalkül ist selbst bei Voroschilov festzustellen, der am vehementesten für eine reine Satellitenregierung eintrat: Wenn man eine „Gruppe“ gewinnen könnte, d.h. eine ungarische Regierungsmannschaft, könnten die Truppen „bleiben“. Könne man sich auf niemanden stützen, (drohe) jedoch ein Krieg. 2 Die Drohung eines „zweiten Korea“ wurde von KGB-Informationen bestätigt. 3 Ergänzt wurde dieses Kalkül durch kognitiv-emotionale Kosten, die eine gewaltsame imperiale Lösung zusätzlich erschwerten. 4 Die Konstellation von Deinstitutionalisierung und Herrschaftskostenkalkül führte zu einer radikalen Doppelstrategie, die Herrschaftskostensenkung und Reinstitutiona-lisierung miteinander verbinden sollte. Die Mittel hierzu sollten letztlich der Abzug sowjetischer Truppen aus den „Bruderländern“, über die sich die sowjetische Führung „einig“ war, wie die Neudefinition der Beziehungen sein.
Die Wirkung der geschilderten Mechanismen erreichte am 30. Oktober mit der sowjetischen Erklärung zu den Beziehungen im Ostblock ihren Höhepunkt und setzte sich in politisches Handeln um. Die Wahrnehmung einer „breiten antisowjetische Stimmung“ ist Ausdruck von Herrschaftskosten, aber auch von kognitiven Kosten der sowjetischen Führung. Sie wurde als Ausdruck einer „Krise“ in den Beziehungen der UdSSR zu den Volksdemokratien gesehen. Die Methode zur Reinstitutionalisierung lautete „Elemente des Kommandierens beseitigen“, also eine Senkung des Hierarchieniveaus. 5 Die Bereitschaft, die sowjetischen Truppen zurückzuziehen, war eine ungewöhnlich deutliche Reaktion. Wie Shukov es formulierte, sei dies für sie eine militär-politische „Lektion“. Die Erklärung dürfte im Augenblick ihres Beschlusses durchaus ernst gemeint gewesen sein. Auch wenn man bereits am Folgetag die Situation in Ungarn als neues Szenario wahrnahm, blieb die Erklärung ein wichtiger Bezugspunkt für die Neugestaltung der Beziehungen im Ostblock. 6 „The declaration, in a nutshell, was an extension of the de-Stalinization to the realm of Moscow`s relations with the countries in the Sowjet bloc.“ 7 Deutlich verschmelzen kognitive Kosten und Herrschaftskostenkalkül zu einem Vorbehalt gegen eine gewaltsame Reinstitutionalisierung. 8 Welche Rolle spielte dabei der Ostblock als Ganzes?
KGB-Station (Serov) an Mikojan v. 28.10.1956; CWIHP, Virtual Archive; www.wilsoncenter.org/index, by permission of the Woodrow Wilson International Centre for Scholars.
1 Allerdings beruht dies bisher nur auf Erinnerungen. Vida 2001, S. 98f.
2 SUUK 105, S. 439. Die Aussage ist nicht eindeutig. Kramer deutet sie folgendermaßen: “There's no one to rely on. Otherwise there's war.” Malin-Notes, S. 391. Auch von ungarischen Politikern wurde dieses Herrschaftsostenkalkül reflektiert. Hegedüs bemerkte, dass die völlige sowjetische Okkupation ein Ausweg sei. Dies sei aber „sehr schwierig für die sowjetische Regierung wie für uns“. SUUK 95.
3 Dies beruhte auf einer Observierung der amerikanischen Botschaft, die von Teilen des Personals verlassen wurde. Zudem gab es entsprechende Informationen „unserer Freunde“, dass bei einer Fort-setzung des Aufstandes UN-Truppen auf Vorschlag der USA einmarschieren würden. Telegramm der Budapester KGB-Station (Serov) an Mikojan v. 28.10.1956; CWIHP, Virtual Archive; www.wilsoncenter.org/index, by permission of the Woodrow Wilson International Centre for Scholars.
4 Dabei ging es um die Definition des Gegners. Informationen über die Ausbreitung der Aufstandsbe-wegung in der Arbeiterschaft erschwerten die Definition als „Konterrevolution“ erheblich. Kaganovic betonte in der Diskussion, dass es nicht um Zugeständnisse, sondern um einen Krieg für/ um das Volk gehe. Auch wenn der Bezug unklar ist, kommen hier Vorbehalte gegen diesen „Krieg“ zum Ausdruck, fordert K. doch den Rückzug der Truppen aus Budapest. SUUK 105, S. 435 u. 439.
5 So Schepilov. SUUK 115, S. 459.
6 Vgl. auch Volkov 1999, S. 14ff.
7 Gati 2006, S. 179.
8 In diesem Sinne betonte Saburov: Man darf nicht gegen den Willen des Volkes führen. Wir standen nicht auf dem Boden der echten Leninschen Prinzipien der Führung. Bei Shukov verschmolzen Herrschaftskosten und kognitive Kosten zu einer Unsicherheitswahrnehmung. Wenn man weiter beharre, sei es ungewiss, wozu das
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4.5.5) Multilaterale Institutionalisierung
Die bisherige Information und kollektive Beratung hatte eine gemeinsame Logik des Angemessenen vor allem bei den Ostblockführungen gezeigt, die von den Ereignissen in Polen und Ungarn „bedroht“ waren. Insgesamt blieb die „Einheit“ jedoch äußerst fragil. Die Logik des Angemessenen war in deutlichem Wandel begriffen. Die Suche nach einer adäquaten Reinstitutionalisierung folgte somit nicht nur den sowjetischen Vorgaben, sondern auch einer Logik, die angemessenen Verhalten des dominierenden Akteurs gegen die Anerkennung des institutionellen Designs durch die „Partner“ tauschte. Chruschtschov telephonierte in diesem Kontext mit Gomulka und erklärte gemäß der neuen „Logik des Angemessenen“, dass die Frage Rokossowski eine Angelegenheit der Polen sei. Der Weg war frei für eine grundsätzliche Personalveränderung in der polnischen Armeeführung. 1 Wesentlich waren aber vor allem die parallel stattfindenden Gespräche mit einer chinesischen Delegation, die besorgt war wegen der Entwicklung Ungarns, sein Ausscheiden aus dem Lager. Dabei kam zum Ausdruck, dass es bei den Chinesen eine „nicht richtige Vorstellung“ über die sowjetischen Beziehungen zu den Volksdemokratien gegeben habe. 2
Die entscheidenden Mechanismen zeigen sich insbesondere bei der Genese der bedeutsamen sowjetischen Erklärung zu den Beziehungen im Ostblock. Zunächst mutet dies wie ein einseitiger Akt der UdSSR an, der neue Verhaltensnormen „setzen“ sollte. Aus den „harten Fakten“ der laufenden militärischen Vorbereitung wurde sogar geschlussfolgert: „Natürlich war die Deklaration der sowjetischen Regierung lediglich ein Deckmantel zur Verschleierung der politischen Ambitionen und wahren Absichten auf Seiten der Führer der UdSSR.“ 3 Dies entspricht aber weder der Entscheidungslogik im Präsidium am 30.10. noch der längerfristigen institutionalistischen Bedeutung.
Bei der Definition neuer Beziehungsformen, ihrer Institutionalisierung, konnte die UdSSR auf eine Aushandlung im Ostblock setzen oder „Paketlösungen“ selbst anbieten. Extern akzeptierte Lösungen hatten dabei einen doppelten Vorteil, ihre Aushandlungskosten waren bedeutend geringer; zugleich bot dies politische Vorteile gegenüber Dritten. Dabei folgte die sowjetische Führung (mit umgekehrtem Vorzeichen) auch dem Mechanismus der Ebene 3 und kalkulierte externe Vorteile an Prestige. 4 Somit stand die Erklärung vom 30. Oktober in der Tradition der sowjetisch-jugoslawischen Erklärungen 5 , verwies aber auch auf Inhalte der Bewegung der Nichtpaktgebundenen, um den sowjetischen Einfluss in der Dritten Welt zu fördern. Insbesondere von chinesischer Seite spürte die KPdSU-Führung einen diesbezüglichen Druck. 6 Ohnehin entsprach die Erklärung in vielem den Problemen, die mit der chinesischen Delegation diskutiert worden waren. So unterstützte die chinesische Führung die sowjetische Erklärung sehr deutlich und sprach sich - unter dem Mantel der
führt. SUUK 115, S. 459. Augenscheinlich werden die psychischen Kosten der Situation bei Malinin, der offensichtlich entnervt die Präsidiumssitzung verließ. S. 460.
1 SUUK 115, S. 458. Am 24.10. wurde die Beurlaubung von Rokossowski beschlossen; am 27.10. betonte Gomulka, dass der Beschluss, Rokossowski in seinen Führungspositionen zu belassen, hinfällig sei. R. habe selbst um Entlassung ersucht. Die Angelegenheit sei noch nicht endgültig entschieden. Am 31.10. wurden die umfassenden Personalveränderungen verkündet. Pajorek 2001, S. 211f.
2 So Bulganin am 30. Oktober; SUUK 115, S. 458.
3 Kyrow/ Zselicky 1999, S. 112 f.
4 Vgl. die Äußerung Chruschtschovs in der Präsidiumssitzung v. 28.10.1956; SUUK, S. 439.
5 Micunovic betont geradezu: „Der Text der Deklaration ist gut, er könnte fast von den Jugoslawen geschrieben sein.“ Micunovic 1982, S. 173. Der jugoslawische Kommentar bei Zinner 1956, S. 495 f.
6 Auch wenn Kaganovic dem widersprach, zeigt die Annahme Bulganins, dass die chinesische Seite vorschlage, die Beziehungen im sozialistischen Lager auf den Prinzipien von Pancha Shila aufzubauen, welchen Stellenwert diese Richtung in der internen Diskussion einnahm. SUUK 116, S. 458.
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Selbstkritik - noch entschiedener gegen Ungleichheit und Großmachtchauvinismus in den Beziehungen aus. Die Folgen würden durch die Ereignisse in Polen und Ungarn illustriert. Zudem müssten nationale Wege zum Sozialismus möglich sein. 1 Aber auch in der bereits zitierten Erklärung des ZK der PUW vom 26. Oktober, war eine Erwartungshaltung für die zukünftigen Beziehungen sehr deutlich formuliert: Regulierung der Beziehungen auf der Basis von Unabhängigkeit, Gleichberechtigung und Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten. 2 Dies wurde in der Erklärung der PVAP vom 28.10. nochmals verstärkt, indem hier das Recht der ungarischen Seite betont wurde, zur Neugestaltung der Beziehungen „auf der Grundlage der Gleichberechtigung der sozialistischen Länder und der nationalen Unabhängigkeit“ initiativ zu werden. 3 Es lag eine klare Unterstützung für das „Programm des ungarischen Volkes“ vor, das den Interessen Ungarns wie des „gesamten Friedenslagers“ entspreche. Dieses „Programm der sozialistischen Demokratie“ wurde begrüßt einschließlich der Bildung von Arbeiterräten und dem Abzug der sowjetischen Truppen. 4 Die Vorstellungen Gomulkas - formuliert in seiner berühmten Rede auf dem VIII. Plenum 5 - wirkten aber nicht nur indirekt, sondern als unmittelbarer Anspruch. Nicht umsonst hatte Chruschtschov zuvor gerade mit Gomulka telephoniert. 6
Folgte man auf sowjetischer Seite einer gemeinsamen Logik des Angemessenen, konnte auch ein gemeinsamer Druck auf die ungarische Führung ausgeübt werden, sich ebenfalls den kollektiven Normen zu unterwerfen. Auch der Vorschlag des sowjetischen Parteichefs, ob es nicht nützlich wäre, dass sich alle „Bruderparteien“ an die ungarische Führung wenden, zeugt von der Suche nach Kompensationen für die verlorenen eigenen Einflussmöglichkeiten bzw. nach „billigeren“ Formen. (Dieser Vorschlag wurde angenommen, aber nicht umgesetzt, auch ein Zeichen für die geringe Institutionalisierung der Gesamtbeziehungen des Ostblocks.) 7 Realisiert wurde dies von der polnischen Seite, die eine Delegation (28.-30.10.) nach Budapest sandte und über die Botschaft ständigen Kontakt mit der neuen Regierung hatte, vor allem um einen potentiellen Verbündeten zu unterstützen. Trotz dieser Eigeninteressen arbeitete man aber auch im Sinne der geschilderten Logik. Die polnischen Vertreter sollten nämlich dahin wirken, die neue ungarische Führung von weiteren Veränderungen abzubringen und das Tempo der Revolution zu bremsen. 8 Dies traf auf die Bedürfnisse der ungarischen Führung, die sich von der polnischen „guidance“ und eine Vermittlerrolle erhoffte. 9
Ein Herrschaftskostenkalkül wie die neue „Logik des Angemessenen“ führten also dazu, als Arena der Reinstitutionalisierung die Gemeinschaftsinstitutionen des Ostblocks ins Spiel zu bringen. Die Frage des Truppenrückzuges sollte ja nach Auffassung der Chinesen auf einer Sitzung des Warschauer Vertrages diskutiert werden. Eine Distanzierung Chruschtschovs ist hierzu nicht feststellbar. Auch für Molotov wird nun der Warschauer Vertrag zur Grundlage
1 Erklärung der chinesischen Regierung zur sowjetischen Deklaration (…) v. 1.11.1956; Zinner 1956, S. 492 ff.
2 SUUK 97, S. 407. Zinner 1956, S. 420.
3 SUUK 106, S. 443.
4 Die Erklärung wurde der ungarischen Seite zur Veröffentlichung offiziell übergeben. Nagy und Kádár ließen ihren „heißen Dank“ übermitteln. Tischler 2006, S. 3.
5 Vgl. Zinner 1956, S. 225 ff.
6 Orechov 1995.
7 SUUK 105, S. 435.
8 Tischler 1999, S. 323 f. An den von Tischler publizierten Dokumenten kann man dies nicht so deutlich ablesen. Zumindest kommt ein gemeinsames Interesse sowohl gegen die Konservativen in der Partei als auch gegen „Reaktionäre“ zum Ausdruck. Tischler 1996, S. 149 ff.
9 Beispiele bei Granville 2004, S. 58. Zuvor war eine Unterstützung eher auf traditionelle Kontakte bezogen: Für die demoralisierten Mitarbeiter der ungarischen Sicherheitskräfte gab es „inter-nationalistischen“ Zuspruch. Das polnische Innenministerium telegraphierte, dass die Mitarbeiter ihrer ungarischen "Bruderbehörde" im Kampf gegen die Reaktion standhalten und schonungslos die Feinde vernichten sollen. SUUK 101, S. 415.
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für die Stationierung sowjetischer Truppen. („Es gibt einen Warschauer Vertrag. Gemeinsam mit den anderen erörtern.“) 1 Gerade Shukov hielt - die strategische Gesamteinschätzung in Moskau spiegelnd - die Frage der Präsenz in Polen und der DDR für „viel ernster“ und schlug (deshalb) eine Diskussion der Frage im „Konsultativrat“ vor. Ebenso wurde über ein Treffen mit den Führungen der Volksdemokratien nachgedacht, wo über die Beziehungen beraten werden sollte. 2 Grundsätzlich wurde von Chruschtschov - als Reaktion auf die chinesische Forderung, die Truppen in Budapest und Ungarn zu belassen - die Entscheidung auf zwei Optionen zugespitzt: die militärische, den Weg der Okkupation oder die friedliche, den Rückzug der Truppen und Verhandlungen. 3 Die Relation zwischen Deinstitutionalisierung und daraus folgenden Kostenkalkülen führten zu einem Entschluss im Sinne des zweiten Weges. 4
Dies neue Logik des Angemessenen führte dazu, dass Chruschtschov am 30.10. die Position des Politbüros der KPCh zusammenfasste: Es sollte demnach „heute“ eine Deklaration über den Rückzug der sowjetischen Truppen aus den Volksdemokratien erlassen werden; die Frage sollte auf einer Sitzung des Warschauer Vertrages diskutiert werden. Dabei sollte die Auffassung der betroffenen Länder berücksichtigt werden. In diesem Zusammenhang ist von zwei Deklarationen die Rede, eine für Ungarn, eine zweite für die Mitglieder des Warschauer Vertrages. 5
Allerdings war die Erklärung „Über die Grundlagen der Beziehungen und die weitere Festigung der Freundschaft und Zusammenarbeit zwischen der UdSSR und den anderen sozialistischen Staaten“, die am 30. Oktober im Radio und am Folgetag in der Presse veröffentlicht wurde, ganz bewusst auf die staatlichen Beziehungen ausgerichtet. Mit der reichlich künstlichen Trennung von Beziehungen auf staatlicher Ebene und Parteiebene folgte man jugoslawischen Vorstellungen, ließ sich aber ein Hintertürchen für die „führende Rolle der KPdSU“ offen. So hofften eine Reihe von Präsidiumsmitgliedern eine Selbstkritik der sowjetischen Seite vermeiden zu können. 6 Dennoch wurden Fehler auch im Bereich der gegenseitigen Beziehungen eingeräumt. Verstöße gegen das Prinzip der Gleichberechtigung. werden aber als Verstoß gegen „Leninsche Prinzipien“ dargestellt. Als Grundlage der weiteren Beziehungen werden völlige Gleichberechtigung, territoriale Integrität, staatliche Unabhängigkeit und Souveränität wie Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten deklariert. Somit werden Verhandlungen über die Wirtschaftsbeziehungen, die sowjetischen Berater und die Stationierung sowjetischer Truppen angeboten. An die Adresse Ungarns wird betont, dass man zum Abzug der Truppen aus Budapest bereit sei Zudem sei man zu Gesprächen mit der ungarischen Regierung über den Truppenabzug bereit - allerdings in Gesprächen unter Beteiligung der anderen Mitglieder des Warschauer Vertrages. 7 Die oben angedeutete Verlagerung der Legitimation auf ein multilaterales Gremium wird hier öffentlich. Insgesamt gibt es hiermit eine symbolische Präsenz einer neuen Logik des Angemessenen. Zudem war die Deklaration nur als „erster Schritt“ gedacht. 8 Unter gewissen Bedingungen konnte dieser Trend zu einer Neugestaltung der Beziehungsformen und -normen fortgesetzt werden. Dies zeigt das Verhalten der polnischen Führung - selbst in der
1 SUUK 115, S. 458.
2 SUUK 115, S. 457 f. u. S. 459. Neben Shukov und Molotov äußerte sich dahingehend auch Furzeva.
3 Lju-Tschaotschi übermittelte dies als Auffassung des ZK der KPCh. Die Stellungnahme Chruschtschovs folgte unmittelbar darauf. SUUK 115, S. 462. Diese Stellungnahme soll nach einem Telefongespräch mit Mao erfolgt sein. Dalos 2006, S. 14.
4 Bereits Dallin stellte fest, dass die Entwicklung in Ungarn bis etwa zum 1.1. durchaus toleriert und nicht negativ dargestellt wurde. Dallin 1961, S. 439 ff.
5 SUUK 115, S. 458.
6 So Voroshilov und Kaganovitsch. SUUK 115, S. 458.
7 Die Erklärung u.a. in SUUK 116, S. 464-466.
8 So die Formulierung von Schepilov, die aber auch bei Shukov, Chruschtschov u.a. anklingt. SUUK 115, S. 459.
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brisanten Frage der militärischen Organisation. Ein Komitee im polnischen Verteidigungsministerium konnte - obwohl Rokossowski noch im Amt war - eine Kritik an der Konstruktion des Vereinigten Oberkommandos entwickeln, die der „Idee der Unabhängigkeit und Souveränität“ der Mitgliederstaaten entgegenstünde. 1 Im Januar 1957 wurde dies zu einem Memorandum weiterentwickelt, das Gomulka in Gesprächen mit der sowjetischen Seite einbringen sollte. Unter Berufung auf den „Geist“ der Erklärung vom 30. Oktober sollte die Grundkonstruktion des Oberkommandos deutlich verändert werden. 2 Immerhin hielten die Beteiligten dies für einen ernsthaften Vorschlag und bezeichneten dies angesichts der ungarischen Ereignisse als „naive“, aber dennoch „ernsthafte“ Vorschläge. Die sowjetische Seite verschleppte zunächst die Antwort und beschränkte dann die Veränderungen auf „kosmetische Korrekturen“. 3
Die Diskussion allerdings, ob dies eine Chance für Ungarn bedeutete, auf friedlichem Wege den Ostblock zu verlassen 4 , geht von falschen Prämissen aus. Es ging um eine Senkung der Herrschaftskosten und eine darauf beruhende Reinstitutionalisierung, nicht um völlig Deinstitutionalisierung. Die oben zitierten Prinzipien bleiben ja gekoppelt an die gemeinsamen Interessen am Aufbau der sozialistischen Gesellschaft, die Prinzipien des proletarischen Internationalismus wie die weitere Entwicklung der sozialistischen Grundlagen jedes Landes. Damit wurde der „Schutz der sozialistischen Errungenschaften des volksdemokratischen Ungarns“ die Hauptaufgabe des ungarischen Volkes. Die Völker der sozialistischen Länder würden es der äußeren und inneren Reaktion nicht erlauben, die Grundlagen der volksdemokratischen Ordnung zu erschüttern. 5 Die ungarische Regierung sollte unterstützt werden, weil man sich von ihr eine kostengünstige Beherrschung der Situation erwartete, eine Herstellung guter Beziehungen zu den „Volksmassen“ auf der einen Seite, auf der anderen Seite aber auch ein entschiedenes Vorgehen gegen die bewaffneten Aufstandzentren. Wurde diese Erwartung enttäuscht - und das wurde sie wohl bereits am selben Tag mit der Ankündigung eines Mehrparteiensystems - bedeutete dies eine fundamental gewandeltes Verhältnis zwischen den genannten Komponenten. Selbst für diejenigen im Präsidium, die eine „Krise“ in den Beziehungen zu den Volksdemokratien konstatierten und die tieferen Ursachen dafür aufdecken wollten, sollten die Grundlagen „unveränderlich“ bleiben. 6 Eine ideologieorientierte Analyse kann diese Erklärung somit schwer einordnen. Für diese ist sie Ausdruck eines sowjetischen Dilemmas und war „sufficiently ambiguous in many ways to allow any interpretation“. 7 Dies ist Ausdruck einer ambivalenten Änderung der kognitiven Schemata, die noch fragil war und hohe kognitivemotionale Kosten hervorbrachte. Die Kostenkalküle konnten eine völlig andere Relation bei einem drohenden Ausstieg Ungans aus dem Institutionengefüge erhalten. Die Verteidigung des Sozialismus war auch am 30. Oktober präsent. Selbst die neue Logik des Angemessenen konnte in diese Richtung weisen. Die chinesische Seite hatte nicht nur auf eine Veränderung der Beziehungsformen im Ostblock gedrungen, sondern auch auf ein Verbleiben der sowjetischen Truppen in Ungarn und Budapest. 8 In ihrer Erklärung vom 1.11.1956 hatte sie nicht nur die berechtigten Forderungen der ungarischen und polnischen Bevölkerung unterstützt, sondern auch den Kampf der dortigen Führungen gegen die
1 Kritik General Drzewiecki’s am Statut des Vereinten Oberkommandos v. 3.11.1956; CC Dok. 4, S. 84-86.
2 Memorandum v. 10.1.1957; CC Dok. 5, S. 87-90.
3 So einer der maßgeblichen Verfasser der Dokumente, General Drzewiecki in einem Interview am 8.5.1997; CC Dok. 6, S. 91.
4 Bspw. Kramer 1998, Alföldy 1997.
5 SUUK 116, S. 464 u. 465.
6 So Schepilov. SUK 115, S. 459.
7 Valdez 1993, S. 42. Es führt aber in eie falsche Richtung, die Widersprüchlichkeit auf die Abwesenheit des “Ideologen” Suslov zurückzuführen.
8 SUUK 115, S. 462.
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reaktionären Elemente, die versuchten das volksdemokratische System und die Einheit der sozialistischen Länder zu untergraben. Dies sei nicht nur eine Frage für ein einzelnes Land, sondern betreffe viele sozialistische Länder einschließlich China. 1 In dieser Definition des Angemessenen waren also bereits die Mechanismen latent, die zur zweiten sowjetischen Intervention führten. Zunächst gilt es, die institutionelle Relevanz der ersten Intervention zusammenzufassen.
Wir stoßen also auf das scheinbare Paradoxon, dass die Phase des militärischen Einsatzes eher zu einer Senkung des Hierarchieniveaus gegenüber der ungarischen Spitze (im Gegensatz natürlich zur Bevölkerung) beitrug, einer institutionellen „Schwäche“, die bestenfalls das Niveau einer Hegemonie erreichte, angesichts fehlender Agenda-setting- und Veto-Möglichkeiten sogar in zentralen Fragen nur ein ungleiches Bündnis. In reinster Form betrachtet, könnte sich die Hierarchie sogar umgekehrt haben, bedeutete die ungarische Parteiführung doch sowjetische Ressourcen aus, ohne ihnen ein höheres Maß an Einfluss zuzubilligen.
Wie ist dies zu erklären? Zunächst war dies eine Variante sowjetischer Politik, die sich im Vorgehen Mikojans ausdrückt. Dieser folgte teilweise einer persönlichen Logik des Angemessenen, die den "Wert" des sowjetischen Militärpotentials kanalisiert und begrenzt. Gerade dafür erntete er jedoch erhebliche Kritik im Parteipräsidium.
Letztlich war eine stärker systematische Erklärung entscheidend. Jede ungarische Führung, die sich anbot, eine innere Stabilisierung mit der Loyalität gegenüber der UdSSR zu verbinden, produzierte ein Gut, das für die sowjetische Seite einen erheblichen Wert besaß, der exakt den Herrschaftskosten entsprach, die bei der Etablierung eines sowjetischen Imperiums über Ungarn zu zahlen waren. 2 Das zentrale Handlungsmotiv aus sowjetischer Sicht folgte aus einer Verkopplung eines Herrschaftskostenkalküls mit einer neuen Logik des Angemessenen. Diese Logik entwickelte sich als längerfristige Reaktion auf die Destalinisierungskrise wie auf die Neuangebote vor allem auf polnischer, jugoslawischer und chinesischer, aber auch ungarischer Seite. Die Hierarchie der Produzenten angemessenen Verhaltens hatte sich kurzzeitig umgekehrt; die sowjetische Führung folgte einem Trend und gab ihn nicht vor. Dies führte zu einer vorübergehende Anerkennung der Nagy-Regierung angesichts einer gewissen Stabilisierung der Situation (27./28.10.). Kurzzeitig war die neue Logik des Angemessenen und das Herrschaftskostenkalkül im Einklang. Eine Neudefinition des Charakters dieser Regierung konnte aber zu einer Neudefinition des Angemessenen führen wie zu einer Neubewertung der Kosten und damit diese kurzzeitig etablierte institutionelle Konfiguration aus dem Gleichgewicht bringen. Allerdings setzt dies voraus, dass Alternativen ausgeschöpft wurden. Die bisherige Darstellung verweist kaum auf ein zentrales Mittel der Stabilisierung wie des Einflusses: die Wirtschaftsbeziehungen. Hier steht die Frage, ob sie als Mittel des Krisenmanagements bzw. der Institutionalisierung eingesetzt wurden.
4.6) Exkurs: Wirtschaftliches Krisenmanagement
Die Krise umfasste mehrere wirtschaftspolitische Dimensionen: Hier sollen nicht die wirtschaftspolitischen Folgen im Mittelpunkt stehen, sondern die Wirtschaftshilfe als Mittel des Krisenmanagements. Dieses kann ein Mittel der Institutionalisierung darstellen, ist aber zugleich ein Zeichen für deren Niveau. Hier liegt nämlich ein echtes institutionalistisches Problem vor. Eine naheliegende Strategie hätte darin bestanden, die innenpolitisch besonders
1 Erklärung der chinesischen Regierung v. 1.11.1956; Zinner 1956, S. 494.
2 Vgl. v.a. die Präsidiumssitzung v. 28.10.1956; SUUK 105.
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gefährdeten Staaten durch umfangreiche Wirtschaftshilfe zu stabilisieren. Allerdings behinderte die Gleichzeitigkeit der Krisen wirtschaftspolitische Hilfen untereinander. 1 Trotz des hohen Kooperationsanreizes in dieser Frage war eine typische Dilemmasituation gegeben. Auch wenn dies ein schlechteres Gesamtergebnis erbringen konnte, war für rationale Akteure eine Strategie naheliegend, die eigenen Ressourcen zur inneren Stabilisierung einzusetzen und darauf zu setzen, dass andere sich stärker betroffen fühlten und diese Hilfe leisten würden. Dieser Anreiz für einen free ride stellte ein grundsätzliches Kooperationsproblem dar, da alle Ostblockstaaten innere Erschütterungen spürten, und so das Interesse an der eigenen Stabilität mit dem Interesse an der Stabilität des Ganzen aufgewogen werden musste. Dies konnte bei schwacher Institutionalisierung zu problematischen Ergebnissen führen. Jeder Akteur tritt für Leistungen im Sinne des Ganzen ein, versucht aber gleichzeitig seinen Beitrag zu minimieren. Einen Ausweg konnte eine Lösung auf RGW-Ebene bieten. Immerhin kam es zu einer institutionellen Veränderung. Die wirtschaftspolitische Dimension der Erklärung vom 30.10. verankerte (indirekt) auch die Grundsätze von Gleichberechtigung und Reziprozität in den Wirtschaftsbeziehungen. Die Folgen dieser institutionellen Veränderungen müssten im Zusammenhang mit der RGW-Entwicklung wie den Außenhandelsbeziehungen behandelt werden. Hier geht es zunächst um Wirtschaftspolitik als Element des unmittelbaren Krisenmanagements.
Welchen Anteil besaßen Wirtschaftsprobleme an der Krise? In Polen umfassten die Forderungen der Bevölkerung eine deutliche wirtschaftspolitische Dimension. Gerechte Preise für die polnischen Kohlelieferungen waren nur ein Symbol für die angestrebten „gerechten“ Wirtschaftsbeziehungen im Ostblock insgesamt. 2 Die sowjetische Botschaft war sich der wirtschaftlichen Probleme, der Klagen über den Zentralismus in der Wirtschaft, über Preissteigerungen und ein deutliches Sinken des Lebensniveaus, durchaus bewusst. 3 Im Vergleich zur ungarischen Führung waren die diesbezüglichen Forderungen der polnischen Seite viel deutlicher und radikaler. 4 Chruschtschov wies in Gesprächen mit der polnischen Führung die Behauptung zurück, die Wirtschaftsbeziehungen mit der UdSSR seien ungerecht. Auch wenn es hierzu deutliche Auseinandersetzungen gab, war dies eine Bestätigung neuer Normen. Die Zugeständnisse waren deutlich. Polnische Steinkohlelieferungen wurden für den inneren Bedarf wie den Westhandel umgelenkt. Umfangreiche Kredite sollten das Modernisierungsdefizit der polnischen Kohleförderung beseitigen helfen. Die ungerechten Preise in den Steinkohlelieferungen an die UdSSR sollten beseitigt werden., ja eine Rückzahlung entgangener Gewinne für die polnische Seite erfolgen. Dies drohte zum Präzedenzfall zu werden. 5 Allerdings war dies teilweise bereits vor dem polnischen Oktober beschlossen worden. Insgesamt wuchs der wirtschaftspolitische Handlungsspielraum der polnischen Seite beträchtlich. Für die Reintegration Polens im Ostblock besaß dies eine wesentliche, wenn auch eher unterstützende, Funktion. Hier soll die Wirtschaftspolitik in der Ungarnkrise im Vordergrund stehen.
In der ungarischen Führung standen die wirtschaftspolitischen Probleme geraume Zeit im Hintergrund, wurden sie in vielen Dimensionen tabuisiert wie das Wirtschaftskonzept I. Nagys. Sie lagen zunächst im Schatten der „ideologischen Front“. 6 Andropov schätzte bis
1 Kaplan 1996, S. 31.
2 Machcevicz 1996, S. 28.
3 Orechow 2001, S. 344.
4 Toranska 1987.
5 Auch die rumänische Seite forderte Entschädigung für Demontagen während des Krieges. Es war immerhin von 8 Mrd. Rubel die Rede. SUUK 115, S. 460.
6 Anfang Mai sprach Hegedüs gegenüber Andropov das Spektrum wirtschaftspolitischer Probleme von Planungsproblemen bis zu Einbrüchen im Außenhandel an und beklagte, dass sich die Führung, insbesondere
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Ende Juni die wirtschaftliche Situation, wohl den offiziellen Mitteilungen zur Planerfüllung folgend, eher positiv ein. 1 Dennoch verdichteten sich wirtschaftliche Hilfsforderungen langsam zu einer entscheidenden Dimension des Krisenmanagements. Zunächst betraf das vorwiegend „Wünsche“ gegenüber der sowjetischen Seite. Diese konnte mehrere Motive für wirtschaftliche Hilfen entwickeln: Die Stabilisierung gefährdeter Teile ihres „Imperiums“, die Behauptung ihres Prestiges als „Hegemon“ und nicht zuletzt die Lieferung von Material für die Propaganda, die antisowjetische Stimmungen im Lager eindämmen sollte. Letzteres war durchaus relevant, wie der zitierte Wunsch nach „konkreteren“ Berichten über ihre Hilfe zeigt, war aber zugleich sehr problematisch. Die ungarische Führung stand nicht nur dem Widerstand der eigenen Journalisten gegenüber, sondern auch einem Glaubwürdigkeitsproblem. Das Betonen sowjetischer Hilfe konnte sie in der Bevölkerung eher disqualifizieren. Somit stellte das Propagandaproblem ein wichtiges Thema in den ungarisch-sowjetischen Kontakten dar. Dabei beklagten auch ungarische Funktionäre das Vermittlungsproblem der "kolossalen Hilfe" der UdSSR. 2 War diese "große Hilfe" eine Propagandafiktion oder Realität?
Gegenüber den sowjetischen Emissären wurde durchaus die wirtschaftliche Dimension der Krise betont. Obwohl hier Mikojan ein kompetenter Ansprechpartner war, gab es keine unmittelbaren Reaktionen darauf. Die Bewertung Mikojans, dass die ungarische Wirtschaft „gesund“ sei, klingt eher wie ein Ausweichen vor dieser Frage. Immerhin wurde auf dem Juliplenum auch neuer Fünfjahrplan mit kaum geminderten Wachstumszielen beschlossen! In den Berichten der ungarischen Führung über die innere Situation nach dem Juliplenum spielten wirtschaftspolitische Fragen keine unwesentliche Rolle. Hegedüs wies darauf hin, dass trotz gewisser Maßnahmen auf diesem Gebiet wie Kreditvergaben, Preissenkungen und partiellen Lohnerhöhungen von der Führung weitere Maßnahmen zur Erhöhung des Lebensniveaus (wie unverzügliche Lohnerhöhungen, Mittel für den Wohnungsbau, Steuersenkungen usw.) gefordert würden. Selbst bei Spitzenfunktionären gäbe es die Tendenz, von der Führung mehr zu erwarten, als sie im Augenblick realisieren könne. Man befürchte immer neue Forderungen, zu deren Befriedigung die Führung sich im Moment nicht in der Lage sieht. Auch wenn man beteuerte, diesem Druck eine ehrliche und realistische Sicht entgegensetzen zu wollen, können solche Ausführungen als indirekte Hilfsaufforderung gelesen werden. 3 Die sowjetische Botschaft hielt das Problem der sowjetischen Hilfe für bedeutsam, aber vor allem als Propagandaproblem, als Problem der konkreten Darstellung der sowjetischen Hilfe. Zudem war man kritisch gegenüber der ungarischen Wirtschaftspolitik, die nur „schwach“ die Fragen angegangen sei, die zur Verbesserung der wirtschaftlichen Situation notwenig wären. 4 Konkrete Vorschläge nach Moskau oder aus Moskau, welche die wirtschaftliche Situation verbessern sollten, waren aber nicht zu finden.
Dies wurde - wie oft im Ostblock - der Spitzenebene überlassen. Gerö konnte Anfang September eine diesbezügliche Zusage Chruschtschovs erreichen. Am 14.9.1956 fasste dann das Präsidium einen Beschluss über die „Gewährung wirtschaftlicher Hilfe an Ungarn“, der einen Kredit von 100 Mio. Valutarubeln vorsah. 5 Dies war aber kein „Tauschmittel“, das in zusätzlichen politischen Einfluss umgesetzt wurde. Ungeachtet der „heißen Dankbarkeit“, die das ZK der UAP für den Devisenkredit und die Lieferung von dringend benötigten Waren ausdrückte, war das Thema Wirtschaftshilfe für die ungarische Führung damit nicht
Rákosi, zu viel mit Fragen wie den Rehabilitierungen befasste, aber kaum mit Wirtschaftssachen. Diensttagebuch Andropovs v. 4.5.1956; SUUK 6, S. 67.
1 SUUK 21, S. 123.
2 So in großer Ausführlichkeit das neue Führungsmitglied Marosan; Andropov an MID o.D.; SUUK, S. 274 ff.
3 Diensttagebuch Andropovs v. 16.8.1956; SUUK 52, S. 233 f.
4 Vorlage Andropovs für Präsidium des ZK der KPdSU v. 29.8.1956; SUUK 55, S. 242 ff.
5 Vgl. SUUK; Anm. 17, S. 274.
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abgeschlossen. Man ließ die sowjetische Seite wissen, dass es in der Führung begründete Zweifel an der Realität des neuen Fünfjahrplanes gäbe. Insbesondere sei es unklar wie man die Rohstoffversorgung des Landes, insbesondere bei Erdöl, Kohle, Walzwerkserzeugnissen und Baumaterial lösen werde. Eine erneute Plankorrektur erscheine notwendig. 1 Dies betraf sowohl die Lagerinstitutionen als auch die UdSSR unmittelbar. Die Rohstoffversorgung war weitgehend von der UdSSR abhängig, aber (bei Steinkohle) auch von Polen, dem zweiten „Krisenkandidaten“, und damit besonders prekär. Die Krisenherde waren auch wirtschaftspolitisch verflochten. Eine grundlegende Korrektur des Fünfjahrplanes wiederum hätte die mühsam abgestimmten Rahmendaten für den „sozialistischen Weltmarkt“ endgültig aus dem Gleichgewicht gebracht und neue Kompensationsforderungen, vor allem an die UdSSR, ergeben. Somit drohte eine Überforderung der sowjetischen Möglichkeiten. Wenn Gerö in seinen „Alarmberichten“ gegenüber Andropov betont, dass die mit der UdSSR abgestimmten Maßnahmen nicht ausreichten, konnte gerade die wirtschaftspolitische Dimension gemeint sein. Eindringlich berichtet er über die Wirtschaftsprobleme, insbesondere über die Folgen der Rohstoffdefizite, die zu Stillstand in der Produktion geführt hätten. Dies beträfe die Interessen der Arbeiterklasse und habe Auswirkungen auf die Stimmung im Land. Im Gesamtspektrum der Probleme hebt der ungarische Parteichef besonders die Abkühlung der Haltungen gegenüber der UdSSR hervor. Eine Zusammenfassung der wesentlichen Kritikpunkte der Opposition zu den sowjetischungarischen Beziehungen beinhaltet vorwiegend wirtschaftliche Probleme: Reparationen; Uranlieferungen zu zu geringen Preisen; der unvorteilhafte Außenhandel mit der UdSSR insgesamt. 2 An dieser Stelle soll es noch nicht interessieren, inwieweit der Außenhandel im Ostblock insgesamt ungerecht war. Es sei nur als Fragezeichen bereits angemerkt, dass der in dieser Beziehung kompetenteste Gesprächspartner der Sowjets, der ehemalige Außenhandelsminister Vas, der in Bezug auf die Wirtschaftsstruktur eine Veränderung nach jugoslawischem Vorbild forderte, von einer Bereinigung ungerechtet Preise und Strukturen nichts erwähnte. 3 Die sowjetische Botschaft betonte, dass man in der ungarischen Bevölkerung die Gerüchte bekämpfen muss, dass der Handel Ungarns mit der UdSSR unvorteilhaft sei und die UdSSR aus Ungarn nur Gewinne für sich heraushole und „Ungarn ausraube“. Rakósi und Gerö hätten betont, dass selbst unter führenden Funktionären die Auffassung vertreten werde, das ungarische Uranerz nicht an die UdSSR zu geben, sondern für Valuta auf dem Weltmarkt zu verkaufen. Der „unvorteilhafte Handel“ mit der UdSSR wurde zumindest als wichtiges Element der antisowjetischen Propaganda thematisiert. 4
Die Krise produzierte einen Anreiz, „ungerechte“ Wirtschaftsbeziehungen neu zu institutionalisieren, um die Herrschaftskosten zu senken. Bei der Diskussion im KPdSU-Präsidium zur Deklaration vom 30. Oktober betonte Chruschtschov, dass hier über die „wirtschaftliche Gleichberechtigung“ gesprochen werden müsse; dies sei „wesentlich“. Andere stimmten zu. 5 Allerdings bleibt die Erklärung auf diesem Gebiet sehr knapp und allgemein. Die ungarischen Werktätigen hätten die Notwendigkeit hervorgehoben, ernste Fehler/ Mängel im wirtschaftlichen Bereich zu beseitigen, den Wohlstand der Bevölkerung zu verbessern und gegen die Bürokratie im Staatsapparat zu kämpfen. Die fortschrittliche
1 Diensttagebuch Andropovs v. 20.9.1956; SUUK, S. 272 f. S. Vas kritisierte gegenüber Andropov, dass auch der neue Fünfjahrplan ein hohes Entwicklungstempo vorsehe, ohne dass die Rohstoffbasis gesichert sei. Eine solche Planaufstellung produzierte Druck gegenüber den Rohstofflieferanten. Andropov an MID v. 14.10.1956; SUUK, S. 307.
2 Andropov an MID: Über Gespräch mit Gerö (…); SUUK, S. 300 ff.
3 Vas kritisierte die sowjetischen Kollektivierungsmethoden, die unflexible Planungsstruktur wie die Ungarn aufgezwungenen Produktionen deutlich, ungerechten Austausch wie Preisprobleme allerdings nicht. Andropov an MID v. 14.10.1956; SUUK, S. 306 ff.
4 Vorlage Andropovs für Präsidium des ZK der KPdSU v. 29.8.1956; SUUK 55, S. 248; vgl. auch SUUK 70.
5 So Shukov. SUUK 115, S. 461.
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Bewegung der Werktätigen dürfe jedoch nicht von der Konterrevolution ausgenutzt und zur Abschaffung der volksdemokratischen Ordnung missbraucht werden. 1 Zwischen der wahrgenommenen Bedeutung der Frage und der Substanz dieser Erklärung klaffte eine deutliche Lücke. Dies ist ein Indiz für die Unterschätzung dieser Frage, aber auch für die mangelnde Fähigkeit der sowjetischen Seite, hier ein Konzept für innere und äußere Wirtschaftsreformen anzubieten.
Zunächst stand auch die Durchsetzung kurzfristiger Hilfen im Vordergrund. Auch in dieser Beziehung wurde der ungarische Parteichef aktiv. Bemerkenswert ist aber die von Gerö angesprochene Arena. Sei es angesichts der großen Schwierigkeiten nicht sinnvoll, auf der Ebene des RGW, der "Hauptverwaltung" für ökonomische Verbindungen im Ostblock, die Gewährung von notwendigen Hilfen für die Entwicklung der ungarischen Wirtschaft zu beraten? 2
Über die Gründe, warum der RGW und nicht die Direktbeziehungen zur UdSSR angesprochen werden, kann nur spekuliert werden. Zumindest ist es ein Zeichen, dass der Status des RGW nicht als quantité negliable betrachtet wurde. An konkreten Motiven könnte eine Rolle gespielt haben, dass die Direktbeziehungen mit der UdSSR ja bereits Ergebnisse gebracht hatten, die es zu erweitern galt, auch indem ein Prestigedruck auf die UdSSR ausgeübt wurde, und dass man auf „Hilfe“ auch der anderen Ostblockstaaten hoffte. Zudem ging es bei der Rohstoffversorgung wie bei einer günstigeren Spezialisierung 3 um Probleme, die nur auf Lagerebene zu lösen. Der RGW war aber als Forum der Hilfe nicht mehr zu aktivieren, nicht der RGW konnte die Krise eindämmen, die Krise legte den RGW zeitweise lahm. Zumindest ist hier aber eine Option für die Folgezeit angedeutet. Bis zur Eskalation der Krise Ende Oktober spielte diese Frage jedoch keine entscheidende Rolle mehr, auch nicht bei den Direktgesprächen Gerös auf der Krim und in Moskau.
Es bleibt die Frage, ob die militärische Intervention wirtschaftspolitisch gestützt wurde. Immerhin waren kurzzeitig alle Warenlieferungen aus RGW-Ländern nach Ungarn unterbrochen worden. Die Nagy-Kádár-Führung traf bereits vor der sowjetischen Entscheidung zur Intervention auf Hilfszusagen, aber auch auf Zurückhaltung. 4 Andererseits versprach die Regierungserklärung der Kádár-Regierung wie die erste Erklärung der USAP eine „schnelle und entscheidende Verbesserung des Lebensniveaus der Werktätigen“. 5 Immerhin lag dem Präsidium der KPdSU am 5. November ein Beschlussentwurf des Ministerrats vor, der die „eilige Versendung“ dringend benötigter Waren nach Ungarn regeln sollte. Die „brüderliche Hilfe“ für die ungarischen Werktätigen sollte kostenlos innerhalb einer Woche geliefert werden. Dies betraf Nahrungsmittel wie 50 Tt Korn und Mehl oder 5 Tt Zucker, aber auch Baumaterialien. 6 Dies entsprach im wesentlichen den Warengruppen, die bereits von der Nagy-Führung erbeten worden waren. 7 Dies umfasste insgesamt Waren für etwa 44 Mio. Rubel. Zudem sollte der kurzfristige Organisationsaufwand dieser Aktion nicht unterschätzt werden. Weiterhin wurde beschlossen, die Lieferungen gemäß bilateralem Handelsabkommen zu beschleunigen; wichtige Güter des Abkommens 1956 sollten in den
1 SUUK 116, S. 465 f.
2 Andropov an MID v. 12.10.1956; SUUK, S. 304.
3 So betonte Vas gegenüber Andropov, dass es auch um die Stillegung von Produktion gehe, die Ungarn gar nicht brauche, also um ein Spezialisierungsproblem. Andropov an MID v. 14.10.1956; SUUK, S. 307.
4 Während Jugoslawien und Polen zu wirtschaftlicher Unterstützung bereit waren, äußerten sich Bulgarien und Rumänien über eine Unterstützung mit Medikamenten hinaus nicht. Telegramm Willmanns aus Budapest an Polnisches Außenministerium über Gespräche mit Nagy und Kádár v. 1.11.1956; Tischler 1996, S. 154.
5 Dabei wurden vor alle neue Wohnungen versprochen. Erklärung der Revolutionären Arbeiter- und Bauern-Regierung; SUUK 157, S. 552.
6 So 10 Tt Zement, Holz, 300000 Quadratmeter Fensterglas, Dachbleche und 3 Tt Walzmaterial.
7 So von der polnischen Seite. Vgl. Tischler 1996, S. 154.
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nächsten 25 Tagen geliefert werden, Waren des I. Quartals 1957 in den nächsten zwei Monaten. Abgerundet wurde das Hilfspaket durch kostenlose Medikamentenlieferungen. 1 Die neue ungarische Führung lieferte am gleichen Tag ein offizielles Hilfsgesuch nach. Diesesmöglicherweise mit Mikojan abgestimmte Dokument 2 - war allerdings nicht an die UdSSR gerichtet, sondern an die „Regierungen der sozialistischen Bruderländer“. Hier wurde die Erwartungshaltung formuliert, angesichts der sehr schweren Lage der neuen Regierung, ihrem Kampf gegen die Konterrevolution und der gemeinsamen „Ideale“, des Kampfes für den Sozialismus, Hilfe gewährt zu bekommen. 3 Es war durchaus im Sinne der sowjetischen Seite, das gesamte sozialistische Lager zur Hilfe zu verpflichten. Hier zeigt sich ein Grundproblem des Ostblocks: die wirtschaftspolitischen Grenzen der UdSSR, kurzfristige Subventionen als Einflussmittel zu produzieren. 4 Zudem waren selbst die akuten Probleme, vor allem bei der Rohstoffversorgung, keineswegs beseitigt. Am 22.11. berichteten die KPdSU-Vertreter in Ungarn über die ernsthafte Gefahr bei der zukünftigen Widerherstellung von Industrie und Transportwesen wie der Normalisierung des Lebens im Lande, die durch den deutlichen Mangel an Brennstoffen und Elektroenergie bestehen. Im Vordergrund stand hier die Frage der Aktivierung von Maßnahmen der ungarischen Seite. Hinzu kam eine akute Inflationsgefahr, für die man den Ausweg in einer Kürzung der Investitionen, der Militärausgaben und möglicherweise in Kreditwünschen an andere Länder suchte. 5 Letzteres konnte Kreditforderungen an das sozialistische Lager bedeuten oder aber das Einfließen westlicher Kredite. Letzteres war ein entscheidender wirtschaftspolitischer Faktor hier wie in Polen.
Der Appell an die Bruderländer“ blieb jedenfalls nicht wirkungslos. Alle Ostblockländer beteiligten sich an der Soforthilfe. Nicht nur die DDR leistete „umfangreiche materielle Hilfe“. Auch wenn es zweifelhaft ist, ob Polen tatsächlich die umfangreichsten Hilfslieferungen leistete 6 ; der polnische Beitrag war erheblich. Neben unmittelbaren Sachlieferungen soll Polen am 24.11.1956 - trotz verbliebener Distanz zur Kádár-Führungeine Wirtschafthilfe von 100 Mio. Zloty (ohne Rückzahlung) gewährt haben. 7 Die CSR-Führung gewährte Mitte November Wirtschaftshilfen für 90 Mio. Kronen. 8 Zeitlich war hier die chinesische Seite ein Vorbild. Bereits am 6.11. sagte sie eine Hilfe von 30 Mio. Rubel vor, die Materialien oder frei transferierbare Gelder umfassen sollte. 9 Diese Wirtschaftshilfen entsprachen keineswegs nur dem Eigeninteresse der anderen Länder an einer Stabilisierung Ungarns; sie entsprachen einer Verpflichtung gegenüber dem Partner. Zugleich wurde deutlich, dass diese Verpflichtung in Konkurrenz zu den inneren Bedürfnissen begrenzte Wirkungen hatte. Die sowjetische Seite hatte jedenfalls keinen Erfolg, bereits im Januar 1957 eine RGW-Ratstagung zu organisieren, wo nicht nur die Kohleversorgung des Ostblocks nach dem Wegbrechen polnischer Lieferungen diskutiert werden sollten, sondern auch die
1 Beschluss des Präsidiums des ZK der KPdSU (...) v. 5.11.1956 mit anlagen; SUUK 170, S. 590ff.
2 Mikojan hatte bereits zuvor mitgeteilt, dass ein entsprechendes Dokument am gleichen Tag eintreffen würde. Bulganin an ZK der KPdSU (Anlage 2); SUUK 170, S. 593.
3 Kadar an Regierungen sozialistischer Bruderländer v. 5.11.1956; Anlage 4 zu SUUK 170, S. 594.
4 Hier soll nur der unmittelbare Kontext interessieren. Ende 1956 gab es in der UdSSR durchaus Warnsignale aus der Arbeiterschaft, dass der Lebensstandart steigen müsse, wolle man nicht, dass es so gehe wie in Ungarn. Der Fünfjahrplan musste im Dezember 1956 geändert werden. Chruschtschov stand auch in der Parteiführung wirtschafspolitisch durchaus unter Druck. Taubman 2005, 302 f.
5 Information Malenkovs, Suslovs und Aristovs v. 22.11.1956; SUUK 206, S. 271.
6 So Granville 2004, S. 116. Die Zahlen (z.B. 45 Wagons mit Nahrungsmitteln) belegen dies jedoch nicht und beziehen sich möglicherweise nur auf den Februar 1957.
7 Tischler 2006, S. 10.
8 Sikora 1996, S. 78. Sikora hält dies für die nach der UdSSR bei weitem höchste Wirtschaftshilfe aus dem Ostblock.
9 Vámos 2006, S. 20.
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„Hilfe an die Volksrepublik Ungarn“. Zudem konnten polnische Kreditforderungen auf der Tagesordnung stehen. 1
Es kann konstatiert werden, dass das Kooperationsdilemma teilweise überwunden wurde. Insgesamt waren die wirtschaftspolitischen Bemühungen im November 1956 erheblich. Dies beruhte auf Eigeninteressen an einer Stabilisierung in Ungarn, aber auch einer Verpflichtung (2+5) Das Niveau der Institutionalisierung war - im Rahmen des akuten Krisenmanagements Anfang November - kurzfristig hoch (4). Andererseits spielten diese Fragen unmittelbar vor der akuten Krise und in ihrem Verlauf eine untergeordnete Rolle. Somit blieben die institutionalistischen Wirkungen gering. Ein linkage zu politischen Forderungen ist nicht nachweisbar. Die Schwäche institutioneller Mechanismen betraf auch und gerade den wirtschaftspolitischen Bereich. Diese Schwäche führte in die militärische „Lösung“.
4.7.) Die zweite sowjetische Intervention
4.7.1) Die Entscheidung zur Intervention
Die KPdSU Führung versuchte am 30. Oktober, über eine Neudefinition der Beziehungen im Ostblock inklusive der Möglichkeit zum Truppenabzug, Herrschaftskosten zu senken und dadurch eine Reinstitutionalisierung auf den oberen Ebenen unseres Schemas zu erreichen. Dies konnte aber den Deinstitutionalisierungsprozess gegenüber Ungarn nicht aufhalten. Es setzte ein grundlegender Vertrauensverlust im Verhältnis zur ungarischen Armee ein, der bereits parallel zum Beschluss vom 30.10. den Verdacht produzierte, ungarische Einheiten könnten sich mit den Aufständischen verbrüdern. Dies könne die Notwendigkeit eines erneuten Einsatzes sowjetischer Truppen bedeuten. 2 Auch in der Behörde, die von Berufs wegen für die Institutionalisierung der Beziehungen zur UdSSR verantwortlich war, dem ungarischen Außenministerium, war die Entfremdung deutlich. Am 30.10. wurde im Ministerium ein „revolutionäres Komitee“ gegründet. 3 Ebenso zeigt die offizielle Anfrage von Nagy bei Botschafter Andropov, was der Einmarsch neuer sowjetischer Truppen nach Ungarn bedeute, wie groß das gegenseitige Vertrauen noch war. 4 Tatsächlich liefen die Vorbereitung auf eine militärische Lösung parallel und wurden in der Zeit vom 28.-31.10. abgeschwächt, aber nicht unterbrochen. 5 Eine gewaltsame Lösung war eine Option der sowjetischen Führung, die man vorbereitete, deren Ausführung allerdings eine bestimmte politische Einschätzung voraussetzte. Zudem musste die institutionelle Konfiguration so weit zerstört sein, dass die emotional-kognitiven Kosten dieser Entscheidung überkompensiert würden. Die Anspannung für den KPdSU-Chef dürfte in der Nacht vom 30. zum 31. Oktober enorm gewesen sein“ „Ich konnte nicht schlafen. Budapest war wie in Nagel in meinem Kopf.“ 6
1 BarchB DE-1 366, Bl. 30.
2 Die sowjetischen Berater berichteten, dass sich das Verhältnis der ungarischen Offiziere und Generale zu ihren sowjetischen Kollegen in den letzten Tagen verschlechtert habe und nicht mehr das Vertrauen herrsche wie früher. Mikojan und Suslov an ZK der KPdSU v. 30.10.1956; SUUK 117, S. 468. Granville 2004.
3 Der sowjettreue Botschafter in Moskau Boldozkij übermittelte das Gründungsdokument dem sowjetischen MID am 31.10.1956. SUUK 122, S. 474 f.
4 Mikojan und Suslov bewerteten dies als möglichen Wendepunkt der ungarischen Politik gegenüber dem Sicherheitsrat. SUUK 117, S. 468.
5 Die Kontinuität wird hervorgehoben von Kyrow und Zselicky. Immerhin erhielt am 30.10. die in Ostungarn stationierte 38. Armee den Befehl zur Vorbereitung der Aktion „Wirbelsturm“. Allerdings zeigt die Rekonstruktion der Mobilisierungszeiten durch Kyrow, dass zwischen dem 28.10. 12.00 Uhr und dem 31.10. 21.45 Uhr keine neuen Truppen in Gefechtsbereitschaft versetzt wurden. Kyrow/ Zselicky 1999, S. 112 f. und Anlage 1, S. 131 f. Ebenso betont Horvath, dass die Vorbereitungen auf die Intervention am 30.10. begannen. Dabei deutet er die Haltung Mikojans nicht richtig und verweist auf die Landung einer Luftlandedivision in Veszprem. Horvath 1999, S. 144 f. Deren Mobilisierung war allerdings bereits am 28.10. 12.00 Uhr erfolgt.
6 So Chruschtschows Erinnerung. Taubman 2005, S. 195.
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Die Deinstitutionalisierung auf den oberen Ebenen unseres Schemas erklärt somit genauso wenig wie der Bericht Mikojans und Suslovs, dass sich die Lage nicht verbessere, sondern verschlechtere, und die Partei von Hilflosigkeit und Zerfall betroffen sei, ausreichend den Wandel in der sowjetischen Führung am 31.10.1956, als sie den Weg zu einer gewaltsamen Lösung der Krise beschritt. Zwar hatten die sowjetischen Emissäre davon gesprochen, dass man bei einer weiteren Verschlechterung der Lage, insbesondere im Verhalten der ungarischen Armee, die ganze Frage (des Einsatzes sowjetischer Truppen) überdenken müsse; aber das galt kaum für einen Zeitraum von 24 Stunden. 1 Wenn die Ursachen für die Intervention in einem außenpolitischen Interessenkalkül der UdSSR gesehen werden 2 , so fragt sich, warum sich dieses so schnell änderte und ob dieser Änderung eine wirklich gewandelte Anreizstruktur entspricht.
Entscheidend war eine Deinstitutionalisierung auf Ebene 5. Der symbolische (d.h. kognitiv äußerst signifikante und in seiner Bedeutung über das Ereignis hinausgehende) Gehalt zweier Ereignisse gab den Ausschlag. Am 30.10. stürmte eine aufgebrachte Menge das Budapester Parteihauptquartier, wobei sich die Gewalt gegen einige Sicherheitskräfte und Funktionäre auf grausame Weise entlud. Der symbolische Gehalt des Ereignisses, das den Untergang des kommunistischen Regimes wie die persönliche Unsicherheit seiner Vertreter ausdrückte, überlagerte die Tatsache, dass es sich um einen Einzelfall handelte, der eher zu einer Beruhigung der Situation beitrug. 3 Die Meldung über dieses Ereignis scheint auch bei Mao einen Perspektivwechsel hervorgerufen zu haben. 4 Die sich nun verstärkende Wahrnehmung „Kommunisten sind in Gefahr“ 5 , verwies nicht nur auf eine soziale Verpflichtung gegenüber den „Genossen“, es verstärkte auch die Wirkung des zweiten Symbols. Am Morgen des 31.10.1956 „verhandelte“ Nagy mit Mikojan und Suslov und äußerte dabei den Wunsch der Ungarn, die Mitgliedschaft im Warschauer Pakt zu beenden. Dies wurde wohl sofort telephonisch nach Moskau übermittelt. 6 (Die Einwände von Hegedüs, dass militärische Operationen bereits vor der Verkündung des Austritts begannen, waren also für die Entscheidung nicht relevant.) In dieser Situation fasste Chruschtschov seine Überlegungen auf der Präsidiumssitzung des 31.10. dahingehend zusammen, dass man die (gestrige) Bewertung überdenken, die Truppen weder aus Budapest noch aus Ungarn insgesamt zurückziehen und die Initiative zur Herstellung der Ordnung in Ungarn ergreifen werde. 7
Dies bedeutet allerdings nicht, dass ein simples „Machtkalkül“ den Ausschlag gab. Vergleicht man den Einflussverlust eines sowjetischen Truppenabzuges mit dem eines Austritts aus dem Vertrag, dürfte die Deinstitutionalisierung auf Ebene 1 im ersten Fall höher ausfallen. Hierbei ist die symbolische Wirkung des Akts von erheblicher Bedeutung, nicht nur weil er gegenüber Dritten Prestigeverluste der UdSSR bedeuten konnte. Der entscheidende Ausdruck der Deinstitutionalisierung wurde nun nicht mehr im Truppenabzug,
1 SUUK 117, S. 468. Die Dynamik des Richtungswechsels betont auch Gati 2006, S. 186 ff.
2 Die historische Forschung nennt dies dann „außenpolitische Erwägungen“ zur Aufrechterhaltung der sowjetischen Hegemonie. Vida 2001, S. 103 u. 111.
3 Kramer 1998, S. 188 f. Felkay konstatiert sogar einen Trend zur Selbstjustiz, der „foreshadowed the possibilities of a vendetta“. Felkay 1989, S. 76 f. Die Erklärung zum Mehrparteiensystem am gleichen Tag scheint dagegen eine geringere Rolle gespielt zu haben.
4 Dies wurde wohl auch nach Moskau weitergeleitet. Taubman 2005, S. 297.
5 Beispiele bei Granville 1996; Granville 2004.
6 Malin-Notes, Anmerkung Kramers 100, S. 405. Kramer 1998, S. 189. Bereits am 30.10. hatte ein Mitglied von Nagys „innerem“ Kabinett, B. Kovacs, diese Forderung in einer Rede vertreten. Bereits im Verlaufe des 30.10. wurde in Moskau die Nachricht verbreitet, daß Nagy den Austritt Ungarns aus dem Warschauer Vertrag gefordert habe. Micunovic 1982, S. 174. Am 31.10. bestätigte Nagy dies in einem Interview. Zinner 1956, S. 459.
7 Protokollnotiz der Präsidiumssitzung v. 31.10.1956; SUUK 125, S. 479.
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sondern im Austritt aus dem Warschauer Vertrag gesehen. 1 Damit rief er eine Vielzahl von handlungsrelevanten Assoziationen hervor, die zu einem Wechsel des dominanten Schemas führen konnten. Diese symbolischen Ereignisse waren Signale für die sowjetische Führung, die einen bestimmten focal point in einer unsicheren Entscheidungssituation ermöglichten, die Definition einer neuen Grenzlinie nach der fundamentalen „Lektion“ der Tage zuvor. 2 Man kann Kramer zustimmen, dass die sowjetische Führung angesichts der Aussicht auf einen Austritt Ungarns aus dem Warschauer Vertrag „realized how much their influence in Hungary had waned“ 3 - wenn man die Betonung auf „realized“ legt. Dabei spielte die Verkündung des Mehrparteiensystems am Nachmittag des 30. Oktober sicherlich eine Rolleim Vordergrund dürfte dies jedoch nicht mehr gestanden haben. 4 Damit nahm ein bipolares Machtkalkül als Konstrukt Einzug in die Entscheidung. Die Suezkrise wirkte nicht nur als günstige Rahmenbedingung im strategischen Sinne; die Anfangserfolge der britischen und französischen Truppen verstärkten das bipolare Schema in entscheidendem Maße, was wiederum die Bedeutung des Symbols „Austritt“ verstärkte: „Wenn wir aus Ungarn herausgehen, ermutigt dies die amerikanischen, englischen und französischen Imperialisten. Sie werden es als unsere Schwäche ausgeben und angreifen. Wir zeigen damit die Schwäche unserer Position. Zu Ägypten werden sie sich dann auch Ungarn hinzunehmen. Uns bleibt kein anderer Ausweg.“ 5
Erst diese starke symbolische Präsenz einer bedrohlichen Entwicklung, die auf stabile Wahrnehmungsmuster zurückgreifen konnte, ermöglichte einen sehr raschen Konsens in der sowjetischen Führung, die am Vortage angenommene Linie zu verwerfen und den - wie Chruschtschov gesagt hatte - „schlimmsten Fall“ eintreten zu lassen. Dies musste eine kognitive Dissonanz erzeugen. Diese kam bei Saburov deutlich zum Ausdruck, der nach den Entscheidungen des Vortages dies alles für ein „Vakuum“ (leeres Geschwätz) hielt. Man würde das Vorgehen der Imperialisten in Ägypten damit rechtfertigen. Eine lange Debatte war trotzdem nicht notwendig. Der Gegensatz wurde hinwegdefiniert und auch praktisch zunächst eine Zwischenlösung gewählt, um die kognitiven Kosten des Meinungswandels zu dämpfen. Mit einer neuen sowjetfreundlichen Übergangsregierung sollten trotzdem Verhandlungen über den Truppenabzug geführt werden, Nagy bei Einwilligung in die Regierung als stellvertretender Premier aufgenommen werden. 6 Dies bedeutet sozusagen die dialektische Aufnahme des alten Konzepts der Reinstitutionalisierung in eine zeitweilig imperiale Lösung - ein ambivalentes Konstrukt. Die bedeutsame Erklärung vom 30. Oktober wurde bereits am Tage nach ihrer Entstehung einer fundamentalen Neudefinition, aber keiner Negation der Inhalte ausgesetzt. Parallel hierzu erfolgte ja (angesichts der Zeitverschiebung)
1 Es sei nur daran erinnert, dass Suslov und Mikojan mehrfach das Argument genutzt hatten, dass der Rückzug der sowjetischen Truppen den Einmarsch der Amerikaner bedeuten würde. Gleiches gilt für das zitierte Telegramm Serovs v. 28.10.1956.
2 In der Diskussion betonte die Furzeva, dass man Geduld gezeigt habe, aber es jetzt zu weit gegangen sei. Man müsse so handeln, dass der Sieg auf der eigenen Seite bliebe. SUUK 125, S. 480.
3 Kramer 1998, S. 190.
4 Diesen Beschluss der ungarischen Regierung verkündete Nagy in einer Radioansprache am 30. Oktober gegen 14.30 Uhr. Es könnte sein, dass der Bezug auf das Parteiensystem von 1945 auf sowjetischer Seite die Assoziation auslöste, die „sozialistischen Grundlagen“ würden abgeschafft werden. SUUK 119 u. 120, S. 470f. Explizite Reaktionen darauf waren aber nicht nachweisbar.
5 SUUK 125, S. 479. Malin-Notes, Anmerkung Kramers 101, S. 405. Pospelov erwähnte in der Debatte, dass man es nicht zulassen werde, dass der Sozialismus in Ungarn erdrosselt werde - allerdings als Argument, das man ausnützen sollte. SUUK 125, S. 480. Zunächst war die Vergleichbarkeit mit dem englisch-französischen Vorgehen eher ein Motiv gegen eine militärische Lösung. SUUK 105, S. 439 wie die zitierte Äußerung Saburovs. Zum Gesamtzusammenhang vgl. die Arbeiten von Bekes.
6 SUUK 115, S. 479 f. Der Anmerkung der Herausgeber, dass es sich um die Nagy-Regierung handelt, kann nicht gefolgt werden. Vgl. auch die Übersetzung Kramers: Malin-Notes, S. 393. Für Molotov war die Entscheidung des Vortages ohnehin nur ein vorübergehender Kompromiss; Shukov, Voroschilov und Bulganin leugneten die Auffassung, dass es sich um einen Positionswechsel handelte. SUUK 125, S. 480.
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eine offizielle chinesische Stellungnahme, die sich deutlich für die Prinzipien der friedlichen Koexistenz zwischen allen Völkern und für die Verurteilung des früheren wie die Wachsamkeit gegenüber künftigem sowjetischen Großmachtchauvinismus aussprach, der die Solidarität zwischen den sozialistischen Ländern ernsthaft geschädigt habe. 1
Die Wahrnehmung der sowjetischen Führung hatte sich auf drei wesentlichen Ebenen geändert oder zumindest „geklärt“: 1. Als Ergebnis des beschriebenen Prozesses galten die Beziehungen zur ungarischen Führung als vollkommen deinstitutionalisiert. „Wenn wir diese Regierung unterstützen gibt es keine Garantie. Nur mit Hilfe einer Okkupation kann man eine Regierung bekommen, die uns unterstützt.“ 2 2. Die Volksbewegung in Ungarn galt als konterrevolutionär, gut vorbereitet und von außen gelenkt. 3. Die Fähigkeit der ungarischen Führung (vor allem der Partei), auf die Ereignisse Einfluss zu nehmen, schien gegen „Null“ zu streben. Die Regierung wurde als nicht existent oder konterrevolutionär unterwandert wahrgenommen, Nagy als Teil der Konterrevolution oder als von ihr missbrauchter „Name“. 3 Damit hatte sich eine der stabilsten und grundlegendsten Formen eines Schemas durchgesetzt, ein binärer Code, der die Entscheidungssituation ordnete: Okkupation oder Konterrevolution. 4 Die Diskussion mit den nach Moskau geholten Abgesandten der KPdSU-Spitze in Ungarn, die am 1.11. im Präsidium stattfand, diente nur zur Bestätigung der Interventionsentscheidung des Vortages. Ohnehin trat einzig Mikojan als Gegenpol auf. Dessen Auftreten ist aber von großer Bedeutung für eine Erklärung der Entscheidung. Mikojan stellte keineswegs die Durchführung einer Okkupation in Frage, wenn der Austritt Ungans aus dem sozialistischen Lager drohen würde. Diese Situation war aber für Mikojan noch nicht erreicht, woraus die Option erwuchs, abzuwarten und die Regierung Nagy, die er entgegen der vorherrschenden Auffassung noch als „Genossen“ wahrnahm, zu unterstützen. Für ihn war die unmittelbare Existenz der dualen Entscheidungsstruktur eben nicht gegeben. 5 Dies zeigt, dass ein Schema die Entscheidung für die Okkupation bestimmte, nicht aber die komplexe Struktur der „Ereignisse“. 6 Nicht nur bei Mikojan, auch bei der chinesischen Führung scheint eine andere Wahrnehmung vorgeherrscht zu haben. Auch wenn Mao die Intervention präferierte, blieben zwei Optionen - Rückzug oder Intervention - präsent; man solle abwarten, bis sich die Konterrevolution selbst „ausbrenne“. 7 Die Argumente gegen
1 Vámos 2006, S. 18 f.
2 So Suslov. Protokollnotiz der Präsidiumssitzung v. 1.11.1956; SUUK 132, S. 495.
3 Vgl. die Äußerungen auf der Präsidiumssitzung vom 1.11.1956 wie Chruschtschov am 31.10. SUUK 132, S. 495 f. u. SUUK 125.
4 In den etwas komplizierteren Ausführungen von Schepilov über die „zwei Wege“ spiegelt sich die Genese dieser Dualität. Zunächst bestanden die „zwei Wege“ darin, entweder mit der Massenbewegung zu rechnen und nicht einzugreifen oder im militärischen Weg. Als dritte Variante bliebe ein Sieg der Konterrevolution trotz eines Eingreifens. Die gegenwärtige Situation läge aber zwischen einem konter-revolutionärem Putsch und dem Weg der Entscheidung. SUUK 132, S. 497.
5 Zweimal betonte Mikojan, dass es keine Frage gäbe, wenn Ungarn eine Basis des Imperialismus zu werden drohe. Jetzt sei aber die Rede von der aktuellen Situation. Zunächst schienen ihm noch 10-15 Tage Zeit, um dann zu entscheiden; dann zumindest die drei Tage bis zum Beginn der militärischen Aktion. Wenn die Macht (der Regierung) „wegrutscht“, könne man immer noch entscheiden. SUUK 132, S. 494 u. 497.
6 Zunächst muss Mikojan ein besseres Verständnis von den „Ereignissen“ zugebilligt werden als den meisten seiner Kritiker. Deshalb waren für ihn die kognitiven Kosten der Okkupationsentscheidung auch deutlich höher. (vgl. sein Auftreten gegenüber Chruschtschov bis hin zur Selbstmorddrohung; Chruschtschov Memoiren) Die uneindeutige Situation wurde auch von Suslov bestätigt, obwohl dieser das duale Schema übernommen hatte: Es gäbe eine unbeständige politische Lage. Die Gefahr einer bürgerlichen Restauration sei sehr nahe. Die Situation werde sich in den nächsten Tagen klären. Die Ereignisse entwickelten sich spontan und ohne Kontrolle der Partei. (…). SUUK 132, S. 495. Zudem konnte man den Kern der Volksbewegung durchaus als „sozialistisch“ wahrnehmen. Litvan/Bak 1995.
7 Vámos 2006, S. 19. allerdings lässt sich diese Auffassung nicht exakt datieren.
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Mikojan bestätigen die oben dargestellte Wahrnehmungsstruktur der Führung. 1 Das Verhalten Mikojans bestätigt die kognitiven Kosten für eine Intervention. 2 Insgesamt war die Entscheidung zu einer Intervention, die sich gegen das ungarische Volk und die ungarische Führung richtete, ein Ausdruck tiefster Deinstitutionalisierung.
Mit dem beginnenden Einmarsch neuer sowjetischer Truppen und dem daraus resultierenden Entschluss der Nagy Regierung, die Neutralität Ungarns zu erklären, war ein Tiefpunkt der Institutionalisierung erreicht. Imre Nagy wurde von einem „Genossen“ zu einem „Verräter“; das Verhalten der sowjetischen Seite wurde als „Betrügen“ und „Täuschen“ wahrgenommen. 3 Wie weit die Deinstitutionalisierung auf den oberen Ebenen unseres Modells fortgeschritten war, zeigt sich auch bei den unterschiedlichen Wegen der Reinstitutionalisierung, die beide Seiten versuchten. Wenn die ungarische Seite versuchte, die kognitiven Kosten des Einmarsches zu erhöhen bzw. die UdSSR zu angemessenem Verhalten gemäß Ebene 3 zu bringen, indem sie auf eine externe Definition des Angemessenen verwies, auf völkerrechtliche Normen und ihre symbolische Präsentation in der UNO, konnte dies die entgegengesetzte Wahrnehmung der KPdSU-Spitze nur verstärken. Diese wählte einen Weg der Reinstitutionalisierung auf völlig anderer Ebene: die Produktion von offener militärischer Gewalt. Nur diese Deinstitutionalisierung kann erklären, warum nicht der von ungarischer Seite vorgeschlagene Weg der Verhandlungen zum Truppenabzug und Austritt aus dem Warschauer Vertrag (in Warschau) versucht wurde. Immerhin hätte man dort mit dem Militäreinsatz drohen können, bevor man ihn im Falle eines Scheiterns durchführt. 4 Das etablierte Wahrnehmungsmuster aber erforderte einen fundamentalen Wandel und keine Kompromisse; die Wahrnehmung der ungarischen Führung als tendenziell konterrevolutionäre ermöglichte keine Institutionalisierung auf Ebene 4, innerhalb weniger Stunden war sie per definitionem kein denkbarer Verhandlungspartner mehr. Wie in Kapitel 3 festgestellt, ist der Übergang von institutionellen Mechanismen der oberen Ebenen zu Drohungen ein Akt der Deinstitutionalisierung; der Übergang von Drohungen zu direkter Gewalt aber der Tiefpunkt einer solchen Deinstitutionalisierung, ist Verzehr von Ressourcen statt Tausch, ist die Aufhebung einer Beziehung statt ihrer Gestaltung. In den anschaulichen Worten von Rainer Paris: „Meist schafft die Sanktion, auch wenn sie eine Norm zur Geltung bringt, erst einmal Unordnung, um die Ordnung wiederherzustellen. Sie setzt die Gepflogenheiten und Alltagsroutinen außer Kraft, auf denen stabile Herrschaftsverhältnisse aufbauen. Die praktizierte Sanktionsmacht, suspendiert die Macht der Gewohnheiten, sie zielt nicht auf Einsicht oder Routine als Gehorsamsmotiv, sondern auf Furcht und Schrecken.“ 5 Dies zeigt die tiefgreifenden institutionalistischen Negativeffekte einer militärischen Intervention. Es ist diese Verwechslung von militärischer Gewalt und Institutionalisierung, die zu dem Problem der Forschung führte, dass angesichts der 1956
1 Die Situation in Ungarn wurde als „Anarchie“ und „extreme Reaktion“ bezeichnet, die staatliche Ordnung habe sich verändert; vor allem aber habe sich die internationale Situation gewandelt. Wenn man keine Maßnahmen ergreife, werde man Ungarn verlieren. SUUK 132, S. 495 ff.
2 Mikojan sprach gegenüber Chruschtschov nicht nur von der verlorenen Reputation der Partei. Wenn Blut fließe, wisse er nicht, was er persönlich tue. Damit war wohl kein Selbstmord, aber immerhin ein Rücktritt gemeint. Chruschtschov beschwichtigte. Für ihn sei es auch nicht leichter. Taubmann 2005, S. 298.
3 Auf der Präsidiumssitzung vom 3.11. äußerte Chruschtschov, dass sie Nagy für einen Opportunisten gehalten hätten, er sei aber ein "Verräter". Man könne ihn nicht als Kommunisten bezeichnen. SUUK, S. 545 f. Zur Bewertung des Verhaltens der sowjetischen Regierung während der Diskussion um die Erklärung der Neutralität vgl. SUUK 142, S. 519. Zur Stimmung bei den entsprechenden Gesprächen mit Andropov vgl. SUUK 134 u. 135.
4 Die realen Verhandlungen über den sowjetischen Truppenabzug in einer “gemischten Kommission” diente der sowjetischen Seite wohl vor allem als Verschleierung der Invasionsvorbereitungen. Für die ungarische Seite waren diese jedoch relevant. Nagy schreckte vor Verteidigungsmaßnahmen zurück, um die Verhandlungen nicht zu gefährden. Granville 2004, S. 96.
5 Paris 1998, S. 20.
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gezeigten „overwhelming preponderance“ der sowjetischen Macht in Osteuropa niemand wirklich die „gradual erosion of the Soviet Union`s political authority“ erwartete. 1 Aus unserer Perspektive kann man sagen, dass die Deinstitutionalisierung, die hier als Folge beschrieben wird, eine Voraussetzung der sowjetischen Intervention war. Diese ermöglichte im Zusammenspiel mit einigen symbolträchtigen Ereignissen einen tiefgreifenden Wechsel des handlungsorientierenden Schema.
Die dargestellte definitorische Klärung des sowjetischen Wahrnehmungsmusters war allerdings keineswegs eine rein innere Angelegenheit. Sie war verbunden, gestützt, ja beeinflusst von einer Neudefinition des Angemessenen. Parallel zu der Präsidiumsdiskussion vom 1. November realisierte zu diesem Zweck eine sowjetische Spitzendelegation eine Rundreise durch den Ostblock, um die Intervention mit den „Bruderländern“ abzustimmen.
4.7.2) Die Abstimmung der Intervention im sozialistischen Lager.
Die Interessenlage der kleineren Ostblockländer konnte ambivalent sein: Legitimierten sie eine sowjetische Intervention, konnte dies ihre Handlungsspielräume gegenüber der Vormacht einschränken. Legitimierten sie diese nicht, setzten sie sich der Ausstrahlung der ungarischen Veränderungen aus.
Ohne Zweifel haben die drohenden Spill-over-Effekte in die sozialistischen Nachbarstaaten die sowjetische Entscheidung für eine Intervention begünstigt. 2 Aus ungarischer Perspektive erschienen Maßnahmen der Nachbarstaaten wie die Konzentration tschechoslowakischer Truppen an der Grenze als eine Bedrohung durch das „Lager“ insgesamt. Zudem war man den von sowjetischer Seite angeregten „Anfragen“ der Bruderländer ausgesetzt, also einem Institutionalisierungsdruck auf den oberen Ebenen, und war zu rechtfertigenden „Antworten“ gezwungen. 3 Die Situation der DDR, der CSR, Rumäniens und Bulgariens wies eher in Richtung einer sowjetischen Intervention. Die CSR-Führung hatte bereits selbständig umfangreiche Maßnamen der Grenzsicherung wie der regionalen politischen Einflussnahme entwickelt. Eine Koordination dieser Maßnahmen mit sowjetischen Stellen ist für diese Phase nicht nachweisbar. 4 Ebenso entwickelte die bulgarische Spitze parallel zur sowjetischen eine Wahrnehmung der ungarischen Situation als „konterrevolutionäre Verschwörung“, welche die „Einheit des sozialistischen Lagers“ zerschlagen wolle. Am 1.11. soll die bulgarische wie die rumänische Führung die Entsendung eigener Truppen nach Ungarn vorgeschlagen haben, was aber von Chruschtschov abgelehnt wurde. 5 Die UdSSR folgte mit der Entscheidung zum militärischen Vorgehen also direkt oder indirekt den aus diesen Ländern kommenden Besorgnissen.
Damit genügte auch eine „Information“ dieser Führungen über die sowjetische Entscheidung. Während die DDR-Führung wahrscheinlich telefonisch informiert wurde, trafen sich die
1 Croan 1966, S. 60.
2 Kramer 1998, S. 192 ff. Chruschtschov 1994, S. 73; SUUK 132, S. 497.
3 Vgl. SUUK 131 u. SUUK 124, S. 478.
4 Die KP der Slowakei hatte ein Hauptquartier ihrer „internationalen Hilfe“ in Bratislava eingerichtet, das erst nach dem 23.10. durch einen Vertreter der Zentrale ergänzt wurde. Ende Oktober wurden dann Spezialorgane eingerichtet wie Bezirkszentren, die Kontakte zu ungarischen Kommunisten, Propaganda wie auch Waffenlieferungen organisierten. Sykora 1996, S. 74 ff. Seit dem 24.10. wurde schrittweise die Alarmbereitschaft der Kräfte des Innenministeriums, ab 25.10. auch der Armee erhöht, vor allem um das Übergreifen des „Aufstandes“ zu verhindern. Staigl 1999, S. 169 ff.
5 So die Haltung der bulgarischen Spitze am 31.10. Baev 1999, S. 309 f. Muszatov 1993, S. 17. Ein Bericht des bulgarischen Militärgeheimdienstes war besorgniserregend, wurde aber erst am 1.11. verfasst. Bericht des bulgarischen Militärgeheimdienstes über die Situation in Polen und Ungarn v. 1.11.1956; CWIHP Virtual Archive, www.wilsoncenter.org/index, by permission of the Woodrow Wilson Centre for Scholars. In den rumänischen Akten ist allerdings ein Beschluss bisher nicht nachweisbar, der über Grenzsicherungsmaßnahmen hinausging. Retegan 1999, S. 434. Ionescu 2004, S. 61.
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Führungen der CSR, Rumäniens und Bulgariens am 1.11. mit Chruschtschov und Malenkow in Bukarest. 1 Das KPC-Politbüro beriet am 2.11. über den Bericht Novotnys und Sirokys über dieses Treffen und bestätigte den zustimmenden Standpunkt dahingehend, dass „alle erforderlichen Maßnahmen zur Erhaltung des volksdemokratischen Regimes in Ungarn ergriffen werden müssen“ und dass „wir uns, falls erforderlich, nicht nur mit ihnen einverstanden erklären, sondern uns auch aktiv an ihnen beteiligen werden“. Siroky soll sogar eine koordinierte Aktion gefordert haben, „von allen Seiten und das noch heute“. 2 Hier wurde nicht nur eine Übereinstimmung der Ansichten realisiert, sondern auch eine Koordination der militärischen Maßnahmen vereinbart. Dabei erhielten die tschechoslowakische und die rumänische Armee die Aufgabe der Grenzsicherung, um für die sowjetischen Truppen ein geschlossenes Handlungsfeld zu gewährleisten.
Nicht nur auf diesem Wege, sondern auch von unerwarteter Seite wurde die Definition einer Intervention als angemessenes Handeln unterstützt. Gerade der Kritiker einer begrenzten Entstalinisierung, P. Togliatti, wandte sich am 30.10. an die KPdSU mit Bedenken über die Politik der ungarischen Führung und den Folgen für die Einheit der KPI. Dabei verwies er auf die Widersprüche der sowjetischen Positionen: Als man die Bewegung (noch) als konterrevolutionär gekennzeichnet habe, stand man einer anderen Partei- und Staatsführung gegenüber; jetzt aber preise die ungarische Führung den Aufstand. Das erscheine ihm falsch. Seiner Meinung nach entwickle sich die ungarische Regierung, ob von Nagy geführt oder nicht, in eine reaktionäre Richtung. Die sowjetische Einschätzung wird erbeten. Die Antwort der KPdSU-Spitze vom 31.10. zeigt, dass man der Rolle als Hüter der kommunistischen Bewegung gerecht werden wollte. 3 Die Unsicherheit der sowjetischen Führung zeigt sich daran, dass man sich mit den ehemaligen Führern der PUW (einschließlich Rákosi) über die Besetzung einer neuen Regierung beriet. 4
Von deutlich höherer Relevanz waren aber die Kontakte zu China, Polen und Jugoslawien. Dies äußert sich deutlich in den gewählten „Räumen“, in denen die Abstimmung stattfand. Am 31.10. befand sich die chinesische Delegation noch in Moskau. Um die chinesische Seite nicht von der Entscheidung auszuschließen, fuhr das gesamte KPdSU-Präsidium den Chinesen zum Flughafen nach. Somit konnte der Entschluss zum Eingreifen vor deren Abreise „persönlich“ mitgeteilt werden. Mit der polnischen Führung war - wahrscheinlich bereits vor der Entscheidung zur Intervention - ein Treffen am Grenzort Brest vereinbart worden, symbolischer Ausdruck der (formalen) Gleichberechtigung der Parteien. 5 Allerdings gab es auch Gerüchte darüber, dass Anfang November eine polnische Delegation nach Moskau reisen würde, um eine gemeinsame Deklaration - ähnlich der von Belgrad - zu unterzeichnen. 6 Gegenüber der jugoslawischen Seite bat man auf offiziellem Wege um ein Treffen „in Belgrad oder einem anderen Punkt auf jugoslawischem oder sowjetischem
1 Pilat spricht unter Berufung auf Madry von einem Treffen von Vertretern der KPdSU, SED, KPC, PVAP, KPR, KPB und KPCh in der Nacht vom 1. zum 2.11. in Moskau. Pilat 1999, S. 343. Dafür gibt es aber keine Belege.
2 Beschluss der 151. Sitzung des Politbüros der KPC v. 2.11.1956, zit. nach Staigl 1999, S. 175. Pilat 1999, S. 343.
3 SUUK 123, S. 476 u. SUUK 128, S. 486. Man stimme mit der Einschätzung der reaktionären Tendenz überein und werde, auch wenn man noch nicht offen gegen Nagy aufgetreten sei, sich nicht mit einer Wendung der Ereignisse zum "Wüten der Reaktion" aussöhnen.
4 SUUK 125, S. 481 u. Anm. 8, S. 482 f. Rakósi 1999.
5 Dies folgte einer langen historischen Tradition solcher Grenztreffen, bei denen die Symbolik allerdings noch stärker war (Brücken, auf Flüssen) als es bei diesem Geheimtreffen sinnvoll war. Chruschtschov informierte bereits am Anfang der entscheidenden Präsidiumssitzung über dieses geplante Treffen, bei dem über Ungarn gesprochen werden sollte. SUUK 125, S. 479.
6 So der bulgarische Militärgeheimdienst aus Warschau. Bericht des bulgarischen Militärgeheimdienstes über die Situation in Polen und Ungarn v. 1.11.1956; CWIHP Virtual Archive, www.wilsoncenter.org/index, by permission of the Woodrow Wilson Centre for Scholars.
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Territorium nach Ihrer Wahl“ - überließ also zumindest die Wahl des Raumes der anderen Seite. Die Folge war ein äußerst strapaziöses Programm für die sowjetische Delegation unter Chruschtschov, inklusive der berühmten Nachtsitzung auf Brioni. 1
Den größten direkten Einfluss besaß die chinesische Seite, wegen ihres Gewichts in der kommunistischen Bewegung, vor allem aber weil eine chinesische Delegation in den Tagen der Entscheidung in Moskau weilte. Hatte die chinesische Auffassung die Definition der Beziehungen im Ostblock, die in der Erklärung vom 30. Oktober ihren Ausdruck fand, maßgeblich beeinflusst, so verwundert es nicht, dass die Diskussion mit der chinesischen Delegation „kompliziert“ gewesen sein soll. Allerdings war die Haltung der Chinesen ambivalent. Sowohl vor als auch nach der Entscheidung vom 31.10. sprachen sich die chinesischen Vertreter gegen den Abzug der sowjetischen Truppen aus Ungarn und Budapest aus. Auch wenn die in diesem Zusammenhang genannten Argumente von der Änderung der internationalen Situation, dem drohenden Verlust Ungarns und dem extrem reaktionären Charakter der ungarischen Bewegung eher von sowjetischer Seite kamen, zumindest aber nicht eindeutig zuordenbar sind, führte der Verweis auf das beschriebene binäre Wahrnehmungsmuster zu einem zu einem schnellen Konsens, da es auf der chinesischen Seite latent war. 2 Insgesamt waren die Gespräche mit der chinesischen Delegation dann weniger „beschwerlich“ als erwartet. Die Chinesen akzeptierten („entschuldigten“) nach Darlegung der Argumente den Wandel und versprachen, die Angelegenheit sorgsam mit Mao zu besprechen. 3 Nach einer anderen Quelle hatte die chinesische Delegation mit Mao in telefonischer Verbindung gestanden, der völlig damit einverstanden gewesen sei, dass in Ungarn eingegriffen werde. 4 Wie bereits erwähnt, war dies für Mao wohl nur die zweite Option. Immerhin schwenkte die chinesische Seite nun trotz ihrer Vorbehalte gegenüber der Intervention öffentlich auf die sowjetische Linie ein und betonte die Einheit des von der UdSSR geführten sozialistischen Lagers. 5 Es lässt sich konstatieren, dass die gemeinsame Definition angemessenen Verhaltens für die sowjetische Führung wichtig war und dass hier eine Form angemessenen Verhaltens beschrieben wurde, bei der die Intervention eine notwendige Ausnahmehandlung in einer extremen Situation darstellte, die in eine Neugestaltung der Gesamtbeziehungen übergehen müsste. Insgesamt standen die Chinesen der sowjetischen Deutung und ihren praktischen Schlussfolgerungen nicht im Wege. Galt dies auch für die polnische Seite?
Die Gespräche mit der polnischen Spitze durften als besonders problematisch gelten. Die bereits zitierte Erklärung vom 28. Oktober hatten wie die polnische Gesamthaltung Ende Oktober eine Unterstützung für die neue ungarische Regierung deutlich gemacht. 6 Dennoch war wenigstens ein Minimalkonsens für die sowjetische Führung von großer Bedeutung; das Kontaktniveau zur polnischen Führung war intensiv. (Am 29.10. gab es Kontakte einer
1 Botschaft Chruschtschovs für Tito als Anlage zu SUUK 126, S. 484. Zur Erschöpfung der Sowjets vgl. Micunovic 1982, S. 175. Die Sitzung dauerte 10 Stunden. Vgl. Granville 2004, S. 105.
2 Bereits in den vorhergehenden Diskussionen mit der chinesischen Delegation spielte die Frage nach dem möglichen Ausscheiden Ungarns aus dem „Lager“ eine wichtige Rolle. In der Diskussion des Präsidiums am 1.11. vermischte sich die Information über die Gespräche mit der chinesischen Seite (für Mikojan, Suslov, Serov) mit allgemeinen Argumenten. Es ist aber nicht auszuschließen, dass die genannten Argumente den Chinesen gegenüber genutzt wurden oder sogar von diesen kamen. SUUK 132, S. 495 f. vgl. SUUK 115, S. 461.
3 Chruschtschov 1994, S. 74/75, Kramer 1998, S. 202. Kramer geht von einer parallelen Änderung der Meinung Maos aus.
4 So Chruschtschov gegenüber den Jugoslawen. Micunovic 1982, S. 182.
5 Vámos 2006, S. 19.
6 Man ließ die polnische Presse objektiv und umfassend über die ungarischen Ereignisse berichten, und tolerierte pro-ungarische Solidaritätsveranstaltungen stillschweigend. Ähnliches galt für freiwillige Hilfsaktionen. Tischler 2006, S. 4.
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polnischen Delegation zu Mikojan und Suslov, am 30.10. ein telefonisches Spitzengespräch.) Bei dem Treffen in Brest am 1. November konnte die polnische Führung nicht zu einer Zustimmung zur bewaffneten Intervention der UdSSR bewegt werden und behielt sich eine „besondere Meinung“ vor. Die Ereignisse in Ungarn seien eine innere Angelegenheit, eine sowjetische Intervention daher nicht zulässig. Trotzdem wurde ein „gewisses gemeinsames Verständnis“ erreicht. Dies bestand in der grundsätzlichen Bewertung, dass die Konterrevolution ihr Haupt erhebe. Wenn die polnische Seite dafür plädierte, dass die ungarische Regierung selbst die Situation unter Kontrolle bringen müsse und dafür die Arbeiter bewaffnet werden sollten, aber gegen eine bewaffnete Intervention auftrat, war sie nur wenig vom Standpunkt der sowjetischen Führung am 28.10. entfernt. Wichtig blieb ihr zudem die öffentliche Artikulation ihres „Sonderstandpunktes“. 1 Da die Argumente gegen ein militärisches Eingreifen teilweise eher taktisch waren als grundsätzlich 2 , folgte daraus nur ein abgeschwächter Druck auf die Neudefinition des Angemessenen. Daran änderte die offensive Stellungnahme der polnischen Führung gegen die Intervention nichts Grundlegendes. Der Dissens blieb deutlich, besaß aber auch gemeinsame Wahrnehmungsmuster: die Konterrevolution. 3 Schwerer einzuschätzen als die öffentliche Verurteilung der Intervention ist der polnische Vorschlag, Warschau als Ort der Vermittlung mit der Nagy-Regierung zu nutzen. Dies wie der noch deutliche Unterschied gegenüber der sowjetischen Einschätzung und Behandlung von Nagy spricht für eine fundamentale Deinstitutionalisierung einer hierarchischen Beziehung. Andererseits musste Gomulka zwischen zwei Ebenen lavieren: die polnische Bevölkerung sollte den Eindruck erhalten, die neue Führung vertrete ihre Interessen; andererseits erschienen diese nicht gegen die UdSSR realisierbar. Die ungarische Entwicklung konnte den Spielraum für Polen erweitern, brachte aber auch eine neue Dynamik in die polnische Innenpolitik, die es zu unterbinden galt. 4 So hatte die polnische Delegation, die am 28. Oktober nach Ungarn fuhr, ein doppeltes Ziel: Die Kontakte zur ungarischen Führung sollten verstärkt werden; aber es sollte auch ein weiterer „Rechtsrutsch“ der Revolution verhindert werden. Zumindest formal genügte die Delegation auch der „imperialen“ Logik, wenn sie sich sofort nach den Gesprächen in der sowjetischen Botschaft mit Mikojan und Suslov trafen. Dennoch blieb es bis zum 30. Oktober mit einer öffentlichen Unterstützung der ungarischen Führung: Diese könne nach dem Abzug der sowjetischen Truppen mit der Realisierung ihres Programms beginnen. 5 Ebenso bezweckte das Politbüro mit dem Aufruf der PVAP vom 1. November zwar eine „verurteilende Stellungnahme in der Sache der bewaffneten Intervention“; das Ziel war es aber auch, „kaltes Wasser auf die erhitzten polnischen Köpfe zu gießen“. Erstmals findet sich zudem Gomulkas Floskel von den „Interessen des polnischen Staates“ in der Öffentlichkeit. Neben der Ablehnung ausländischer Interventionen stand auch die Erwartung , dass die „ungarische Arbeiterklasse“
1 SUUK 142, S. 510; Chruschtschov Memoiren 1994, S. 76, Tischler 1997, S. 99, Tischler 1999, S. 325 f., Orechov 1995. Am 2. November wandte sich eine Resolution des ZK der PZPR gegen die sowjetische Intervention, aber auch gegen die „Konterrevolution“ in Ungarn. Granville 2004, S. 120.
2 Hier war von der Gefahr des Partisanenkrieges die Rede, laut Tischler das „schwächere“ Argument. Tischler 1999, S. 326.
3 Kramer 1998, S. 203 schreibt, dass Chruschtschov nicht einmal sicher gewesen sein soll, dass keine öffentliche Kritik der polnischen Seite erfolge, wie es dann am 1. und 2.11.1956 in „Tribuna Ludu“ erfolgte. Allerdings gibt die hier zitierte Quelle keinen Beleg dafür. Die öffentliche Stellungnahme steht nicht im Widerspruch zu einer Teilübereinstimmung in der Lageeinschätzung. Intern entschuldigte die polnische Führung in der Folgezeit häufig ihr Auftreten mit der innenpolitischen Lage. Die Möglichkei-ten einer Pressepolitik zugunsten der neuen ungarischen Führung blieben lange Zeit begrenzt. Tischler 1997, S. 105; Tischler 2006, S. 6 f.
4 Gomulka wandte sich bereits am 28.10. gegen den Vorschlag Warschauer Studenten, einen offiziellen Gedenktag für Ungarn durchzuführen. Dennoch äußerte er seine Sympathie gegenüber den Ungarn, welche die Ketten der Sklaverei und Knechtschaft abgeworfen hätten. Man werde im Rahmen der Möglichkeiten Hilfe leisten. Ende Oktober bis Mitte November gab es in Polen erneut Streiks und Demonstrationen. Granville 2004, S. 118 - 120.
5 So ein Mitglieder der polnischen Delegation am 30.10. im Rundfunk. Tischler 2006, S. 5.
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der wachsenden reaktionären und konterrevolutionären Gefahr Herr werde. Dennoch sollte die „Erhaltung der Volksmacht sowie der Errungenschaften des Sozialismus“ durch die eigenen Kräfte des ungarischen Volkes „und nicht eine Intervention von außen“ erfolgen: „Diesen Standpunkt diktieren uns die programmatischen und ideologischen Grundsätze unserer Partei.“ 1 Zu diesem Zeitpunkt ging es also noch um die Neudefinition dieser Grundsätze. Noch am 2. November stimmte die polnische Führung einer ungarischen Bitte zu, in Warschau mit der sowjetischen Seite über die gemeinsamen Beziehungen wie den Truppenabzug verhandeln zu können. Die zitierte Erklärung gegen eine äußere Intervention wurde der ungarischen Führung direkt als polnische „Unterstützung“ vermittelt. 2 Ein alternatives Szenario deutet sich an.
Somit erstaunt es, dass Gomulka recht schnell auf eine prosowjetische Linie einschwenkte, ohne dass sich die sowjetischen Einflussmittel grundsätzlich verändert hätten. Die Forderungen polnischer Generäle, eine Initiative zum Abzug der sowjetischen Truppen zu starten, soll dieser strikt zurückgewiesen haben. Dies wurde - über Informanten oder nachrichtendienstliche Mittel - auch der sowjetischen Seite bekannt. Bei einem späteren Treffen in Moskau soll Chruschtschov dieses Verhalten mit den Mitteln der Ebenen 4 und 5 honoriert haben. Er soll an einem Sonntag unerwartet bei Gomulka mit einem großen Fliederstrauß erschienen sein, diesen auf beide Wangen geküsst und gesagt haben: „Du bist unser wahrer Freund: Ich weiß, dass Du diese Generäle, die die sowjetischen Truppen aus Polen entfernen wollten, hinausgejagt hast.“ 3 Dies sozialen und symbolischen Mechanismen mögen Anfang November bei Gomulka noch nicht gewirkt haben. Sicher wirkte aber der chinesische Einfluss. Bereits am 28. Oktober dankte das Politbüro der PVAP der chinesischen Führung für ihre „Hilfe“ und informierte darüber, dass man nicht die Absicht habe, den Abzug der sowjetischen Truppen zu fordern. Dies entsprach den Erwartungen der chinesischen Seite, die dann auch die Hoffnung formulierte, dass Polen wie die anderen Mitglieder des Warschauer Vertrages in der UNO abstimmen werde. 4 Am 4. November stimmte der polnische Vertreter dann in der UN-Vollversammlung gegen eine Verurteilung der sowjetischen Intervention. Ähnlich äußerte sich der Parteichef in einer Rede vor Parteiaktivisten am gleichen Tag. 5 Dies ist wohl mehr als die Anerkennung der Realitäten 6 ; es ist eine Anerkennung eines bereits dominierenden Schemas. Hier ist aber zunächst wichtig, dass die Deutung der sowjetischen Seite nur teilweise in Frage gestellt worden war; eine grundlegende Negation des Deutungsmusters war nicht erfolgt; schnell näherten sich diese an.
Eine Ablehnung war aber zumindest von jugoslawischer Seite zu erwarten. Allerdings standen die jugoslawischen Interessen an einer Stärkung unabhängiger Ostblockstaaten im Gegensatz zu Befürchtungen, der ungarische Nationalismus könnte auf Jugoslawien übergreifen. 7 Zudem konnte Chruschtschov nicht ganz zu Unrecht auf einen gewissen Konsens der bis dahin geführten Abstimmungen verweisen. „Man habe sich auch mit den Chinesen beraten (…) und auch die Chinesen hätten - wie auch die anderen - ihnen in jeder Hinsicht voll zugestimmt. Zwar hätten die Polen eigene Ansichten, doch auch sie würden
1 Tischler 2006, S. 6 f. Appell des ZK der PVAP an das polnische Volk v. 1. November 1956; Tischler 1996, S. 155.
2 Tischler 2006, S. 7. Tischler 1996, S. 155 u. 157.
3 Chesinski 1989, S. 44 nach einem Interview mit O. Karliner.
4 Tischler 1999, S. 320 u. 331.
5 Granville 2004, S. 120.
6 Aufgrund dieser habe das Politbüro am 4. November entsprechend entschieden. Im Dezember habe sich der polnische Standpunkt verfestigt, dass die Intervention verhindert habe, dass die „Reaktion“ in Ungarn an die Macht gekommen sei, eine riesige Gefahr für alle sozialistischen Länder. Tischler 2006, S. 9.
7 Hier spielte auch die ungarische Minderheit in Jugoslawien eine Rolle. Die jugoslawische Seite soll sogar an eigene militärische Aktionen gedacht haben. Granville 2004, S. 101.
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zugeben, dass die Entwicklung in Ungarn auf eine Konterrevolution hinauslaufe. Die Polen wüssten, was zu unternehmen man sich in der Sowjetunion entschlossen hätte und dass es keinen anderen Ausweg gebe.“ 1 Das Wahrnehmungsmuster der Sowjets hatte sich gefestigt. Dissens gegenüber den Jugoslawen brachte die Frage nach den Ursachen dieser Situation, kaum aber ihre Bewertung und die Schlussfolgerungen. Für Tito wirkte insbesondere die Einführung des Mehrparteiensystems als entscheidendes „Symbol“. Chruschtschov führte die wesentlichen Elemente des eigenen Schema an: die Bedrohung von Kommunisten - die Gefahr der Konterrevolution - den Austritt Ungarns aus dem Warschauer Vertrag und die damit verbundene Änderung der internationalen Lage. Die Jugoslawen stimmten mit diesen Argumenten überein wie mit der Schlussfolgerung, dass man eingreifen müsste. Die eigenständige Position bestand vor allem darin, dass man sich nicht ausschließlich auf die Waffen der Sowjetarmee stützen solle, sondern politische Vorbereitungen treffen müsse wie für eine „aus Ungarn zusammengesetzte Revolutionsregierung“, um das Blutvergießen möglichst einzuschränken. 2 Die jugoslawische Logik des Angemessenen ergänzte sich ohne Probleme mit dem sowjetischen Herrschaftskostenkalkül. Somit soll Tito zur freudigen Überraschung von Chruschtschov und Malenkov seine Zustimmung zur sowjetischen Intervention gegeben haben - mit der Begründung, dass sich Ungarn in Richtung „Konterrevolution“ bewege. 3 Auch in der Bewertung der Nagy-Regierung, dass diese den Weg für die Konterrevolution bereite, war man sich somit einig. 4 Somit schwenkte die jugoslawische Führung trotz einiger Zweifel an den Folgen auf die sowjetische Lagebeurteilung ein, die einen Truppeneinsatz notwendig zu machen schien. Diskutiert wurde vor allem die Besetzung der „Revolutionsregierung“. Noch bei der späteren Auseinandersetzungen um die Deutung der Ereignisse wurde ein weitgehender Konsens bei der Einschätzung einer „konterrevolutionärer Gefahr“ wie bei der Unterstützung der Kadar-Regierung konstatiert. 5 Kadar scheint sogar auf jugoslawische Initiative zur „ersten Wahl“ gekürt worden zu sein - gegen Chruschtschovs Präferenz für Münnich. Im Gegenzug sollte Tito nach der sowjetischen Invasion Nagy zu einer Rücktrittserklärung und Unterstützung der Kádár-Regierung bewegen. Möglicherweise erfolgte dies sogar auf jugoslawische Initiative. Dies bedeutete eine klare politische Unterstützung durch die jugoslawische Seite in einem zentralen Punkt: Im Falle eine Rücktritts von Nagy, wäre die Intervention nicht gegen eine (zuvor akzeptierte) Regierung gerichtet gewesen. 6 Obwohl sich bereits der Dissens um die Bewertung einiger Ungarn wie die Behandlung von Nagy entwickelte, bestätigte Tito am 8. November in einem Schreiben an den KPdSU-Chef entsprechende Bemühungen wie das gemeinsame Ziel: eine starke kommunistische Regierung in Ungarn. Trotz jugoslawischer Zweifel an einem offenen Einsatz sowjetischer Truppen schien dieses Vorgehen „unabwendbar“. 7
1 Micunovic 1982, S. 176.
2 Micunovic 1982, S. 176 ff. vgl. auch IA (1993), S. 158, Anm. 3. Am 4. November zeigte Kardelj gegenüber dem sowjetischen Botschafter, dass auch die Jugoslawen den Austritt aus dem Warschauer Vertrag als zentrales „Symbol“ erkannt hatten. Nagy sollte sich dazu bekennen, dies auf „Druck der Reaktion“ verkündet zu haben. Granville 2004, S. 106. Allerdings war es Kardelj nicht klar, ob Nagy dies im Namen der Regierung getan hatte. Sollte dies der Fall gewesen sein, wollte die jugoslawische Seite ihn zu der Darstellung bewegen, er habe dies auf Druck der Konterrevolution getan. Firiubin an MID v. 4.11.1956; Gibianskij 1998, S. 143 f.
3 Chruschtschov 1994, S. 77 ; Gibianskij 1998, S. 140.
4 Dies bestätigte Micunovic am 7. November in einem Gespräch mit Shepilov; Diensttagebuch Shepilovs v. 7.11.1956; Gibianskij 1998, S. 144.
5 SUUK 177 u. 185, S. 622 f.
6 Gibianskij 1998, S. 141.
7 Granville 2004, S. 105, 109 u. 257, Anm. 42. Chruschtschov konnte sich in einem Telegramm v. 5.11. ebenfalls bei der erfolgreichen Niederschlagung der „Konterrevolution“ auf die Beschlüsse von Brioni berufen. Gibianskij 1998, S. 141.
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Insgesamt waren also weder die sowjetische Deutung der Ereignisse noch der Entschluss zur Intervention auf deutlichen Widerspruch im sozialistischen Lager getroffen. Die sowjetische Entscheidung zur Intervention entsprach einer strikten Hierarchie, die um den Ansehensverslust und die kognitiven Kosten gemindert wurde, die bei einem Dissens für die Sowjets aufgetreten wären. Zur realen Durchsetzung der sowjetischen Strategie bedurfte es aber nur einer geringen Hierarchie (Stufe 2/3) und der Mechanismen der Ebenen 4 und 5. Diese wurden bei den meisten Ostblockländern - einschließlich Jugoslawien - durch ein Herrschaftskalkül gestützt. Die gesamte Konsensdiplomatie der Sowjets war weitgehend ein Programm zur Senkung kognitiver Kosten. Diese Kosten hätten die Entscheidung kaum revidieren könne, aber ihre Umsetzung erheblich erschwert. Die „Einheit“, der Konsens einer solchen Entscheidung war für die KPdSU taken for granted. Eine Abweichung wäre problematisch gewesen. Dies zeigt das Verhalten gegenüber den Jugoslawen. Chruschtschov betonte auf Brioni, dass es ihnen sehr wichtig sei, dass die Jugoslawen sie „richtig verstehen“. Ein Teilnehmer des Treffens berichtet: „Chruschtschow und Malenkow verhielten sich sehr flexibel und zurückhaltend, immer bereit, jugoslawische Einwände zu akzeptieren, ohne Rücksichten darauf, was sie wirklich dachten. Daraus war klar zu erkennen, dass es ihr Ziel war, das Treffen in Übereinstimmung zu beenden (…).“ 1 Diese Übereinstimmung war wohl maßgeblich von den Mechanismen der Ebene 4 ermöglicht, weil die Sowjets „inkognito als Freunde nach Brioni gekommen waren“, symbolisch gestützt durch die ansonsten nicht üblichen „Brüderküsse“. 2 Die UdSSR musste sich angemessen verhalten oder Güter anbieten, um diese „Übereinstimmung“ zu erzielen. Die Partner hätten bei einem Dissens den Preis der Übereinstimmung durchaus heraufsetzen können. Allerdings war auch für die Jugoslawen der Konsens wichtig. 3 Der Wert dieser Übereinstimmung für die UdSSR zeigt sich bei den Verhandlungen in Brioni. Die Besetzung der ungarischen „Revolutionsregierung“ wurde maßgeblich den Jugoslawen überlassen 4 - die Umkehrung der Hierarchie zumindest in einem Teilbereich.
Insgesamt war der Konsens für die zweite Intervention trotz der autarken sowjetischen Ressourcen (die sich auf die mögliche tschechoslowakische wie rumänische Waffenhilfe nicht angewiesen fühlte) nur deshalb so hoch, weil die gemeinsamen Wahrnehmungsmuster eine Institutionalisierung auf Ebene 4+5 ermöglichte. Ein Widerspruch der Chinesen wie deutlichere Vorbehalte der Jugoslawen hätten im Verein mit der polnischen Kritik die sowjetische Wahrnehmung durchaus zum Wahrnehmungsmuster des 30.10. verlagern können. Obwohl Institutionen als Entscheidungsraum und Entscheidungsregel schwach ausgeprägt waren, hatte eine Institutionalisierung auf den oberen Ebenen unseres Schemas die sowjetische Intervention als Akt des Ostblocks erst möglich gemacht. Im Juni 1957 bezeichnete die sowjetische Führung intern den Zweck der Chruschtschow-Reise, die
1 Micunovic 1982, S. 184. Noch am 12.12., nach mehreren schweren Konflikten fragte Chruschtschov den jugoslawischen Botschafter mehrmals, ob „es irgendeine Möglichkeit gäbe, zu einer gemeinsamen Haltung bei der Lösung der Ungarn-Krise zu gelangen“. Micunovic 1982, S. 227.
2 Micunovic 1982, S. 188.
3 Vgl. SUUK 171, S. 596, SUUK 177 u. 185.
4 Dabei ging es nicht nur um die Ersetzung von Münnich, dem ehemaligen Botschafter in Moskau, den Chruschtschov als „alten Wolf“ persönlich kannte und mit dem er bei der militärischen Ausbildung in einem Zelt zusammen geschlafen haben will (Khrushchev/ Chruschtschov 1974, S. 424; Felkay 1989, S. 89) durch Kádár, sondern auch um den Verteidigungsminister Bata. Ähnliches vollzog sch bei der Bewertung der alten ungarischen Führung. Micunovic 1982, S. 179 ff. Bata war mit Münnich und Kadar nach Moskau gekommen und beteiligte sich an den ersten Gesprächen über das sowjetische Vorgehen. Er blieb aber bis 1958 in der UdSSR und wurde dann als Leiter eines Verkehrsbetriebes eingesetzt. Chruschtschow brachte später die Entscheidung für Kadar zumindest zeitlich in einen Zusammenhang mit seiner Reise nach Jugoslawien und in die Volksdemokratien. Protokoll des Plenums des ZK der KPdSU v. 24.06.1957.- in: IA 3-6 (1993) u. 1-2 (1994) bzw. Cold War International History Project (cwihp), www.CWIHO.org, by permission of the Woodrow Wilson International Center for Scholars.
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Zustimmung der Partner zum Truppeneinsatz zu erlangen. 1 Ob dies für den Oktober/November 1956 zutraf, mag zweifelhaft sein; es zeigt aber den Wandel in der „Logik des Angemessenen“ gegen sowjetische Alleingänge einer imperialen Macht. Bedeutete dies, dass die Reinstitutionalisierung in Ungarn nur noch von der sowjetischen Gewaltfähigkeit abhing?
Will man die institutionelle Konfiguration für die Entscheidungen bestimmen, muss man die pure Entscheidung von der Suche nach einem Konsens im Ostblock trennen. Während erstere aufgrund des Zeitdrucks und der sowjetischen Ressourcenüberlegenheit einen fast-imperialen Alleingang zuließ, war die folgende Konsenssuche deutlich anders strukturiert. Insgesamt hatte sich das sowjetische Deutungs- und Handlungsmuster für eine Intervention durchgesetzt, ohne dass dies ein Zeichen für eine starke Hierarchie ist. Zumeist führte ein latenter Grundkonsens (Ebene 5) wie die Kalküle der Parteiführungen (Ebene 2) zu einer reibungsloseren Position der sowjetischen Führung als dies über eine Hierarchie der Ebene 1 durchsetzbar gewesen wäre. Das geringste Konsens- bzw. Hierarchieniveau wird am ehesten von der polnischen Position widergespiegelt. Aber selbst hier wird der Dissens nicht nur durch die sowjetischen Ressourcen begrenzt, sondern über einen kommunistischen Minimalkonsens. Die sowjetische Seite informierte nicht einfach; sie rechtfertigte ihr Vorgehen. Somit könnte man die Durchsetzung des sowjetischen Vorgehens im Ostblock als schwache Hierarchie (Stufe 2/3) einordnen. Der Grundkonsens war jedoch - mit Ausnahme der polnischen Seite - deutlich höher (Stufe 4-5) Dies beruhte wesentlich auf shared schemas, die sich auf den Ebenen 4 und 5 (ergänzt um 2) umsetzten. Dies betraf tendenziell selbst das Niveau gegenüber der völlig von sowjetischer Hilfe abhängigen Kadar-Gruppe. Allerdings konnte der Ausgangspunkt für eine qualitativ völlig neue Hierarchie auch gegenüber Ungarn liegen.
4.8) Sowjetische Intervention und Institutionalisierung
Was sagt die Intervention, die mittels direkter Gewaltdrohung und -ausübung wirkte und damit kurzzeitig ein imperiales Niveau erreichen konnte, für die neue Hierarchie insgesamt aus? Wenn die neue Forschung konstatiert, dass damit die sowjetische Partokratie ihre Hegemonie auf dem Gebiet ihrer Satellitenstaaten sichern wollte 2 , bedeutet dies nicht mehr als dass eine hierarchische Beziehung wiederhergestellt werden sollte; über das Niveau der Hierarchie sagt es wenig. Die Feststellung Chruschtschows vom 31. Oktober, dass man Entgegenkommen gezeigt habe, aber es nun keine Regierung in Ungarn mehr gebe, 3 verweist auf eine Wahrnehmung, die in „peripherieorientierten“ Imperialismustheorien zum wesentlichen Erklärungsmoment gemacht wurde. Eine Destabilisierung der Einflusssphäre wird (trotz steigender Herrschaftskosten) zum Anreiz für eine imperiale Lösung. 4 Hier ist zu fragen, ob es tatsächlich zu einer imperialen Lösung in unserem Sinne kam, also das Hierarchieniveau bedeutend gesteigert wurde. Dieses Konzept weist nämlich auch darauf hin, dass unterschiedliche Formen imperialer Herrschaft aus unterschiedlichen Herrschaftskosten entstehen können, und ist damit in unser Modell integrierbar.
1 Protokoll des Plenums des ZK der KPdSU v. 24.06.1957.- in: IA 3-6 (1993) u. 1-2 (1994) bzw. Cold War International History Project (cwihp), www.CWIHP.org, by permission of the Woodrow Wilson International Center for Scholars.
2 Shelizkij 1995, S. 278.
3 SUUK 125, S. 479.
4 Vgl. die bekannten Arbeiten von Robinson/ Gallagher oder Fieldhouse.
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4.8.1) Die Bildung einer „Satellitenregierung“
Da eine direkte sowjetische Herrschaft in Ungarn weder „gedacht“ werden konnte, noch akzeptable Herrschaftskosten versprach 1 , betraf die Institutionalisierung perspektivisch vor allem die Beziehungen der UdSSR zu ihrer „Satellitenregierung“. Angesichts deren Schwäche und dem Einsatz militärischer Mittel schien diese fraglos zu sein. Da sie sich aber nicht auf Ebene 1 vollzog (weder Gewalt noch Wirtschaftshilfe konnten und sollten als „Tauschmittel“ im Sinne unseres Modells genutzt werden), war sie durchaus problematisch. Dies betraf die Wahrnehmung der Situation in Ungarn wie die Zukunft der sowjetischungarischen Beziehungen. Immerhin wusste die sowjetische Seite, dass Kádár bei den Protesten gegen die sowjetischen Truppenbewegungen Nagy unterstützt hatte. 2 Kádár war bis zum 1.11. wohl nicht darauf eingestellt, „überzulaufen“. In einer Rundfunkansprache für diesen Tag sprach er vom „glorreichen Aufstand unseres Volkes“ und trat für die nationale Unabhängigkeit wie das Mehrparteiensystem ein. 3 Somit ist es nicht verwunderlich, dass unterschiedliche Wahrnehmungsmuster aufeinander trafen, als die für die Regierungsbildung vorgesehenen Kádár und Münnich in Moskau eintrafen. Kádár bekannte sich - obwohl er sich dadurch hätte als „Feind“ disqualifizieren können - offen dazu, dass er, nachdem Andropov die Beratung verlassen hatte, ebenfalls für die Neutralität gestimmt habe. 4 Seine Wahrnehmung war - im Gegensatz zu Münnich - noch näher an der sowjetischen vom 30.10. als der seit dem 31.10. etablierten. Die Volksbewegung sei in ihrem Selbstverständnis nicht konterrevolutionär. Obwohl er sich des Erfolges nicht sicher war, hielt er es für möglich, dass nach einer Entscheidung über den Abzug der sowjetischen Truppen seine Partei wie die anderen Regierungsparteien gegen die Konterrevolution kämpfen könnten. Auch wenn er eine Koalitionsregierung für einen Quell der Schwäche hielt, da jede Partei nach der Macht strebe, war eine Einschätzung der Sozialdemokraten und Kleinlandwirte als „konterrevolutionär“ für Kádár nicht „gegeben“. Die Regierungsmitglieder seien gegen eine kapitalistische Restauration. Erst wenn sie auf der Basis ihrer alten Programme agieren würden, wüsste man, dass sie mit ihrem Bekenntnis zur Volksdemokratie „betrogen“ hätten. Die reale Gefahr sei, dass die Konterrevolution diese Regierung „hinwegfegen“ würde. Zwar gäbe es einen anderen Weg - den militärischen. Bei dessen Bewertung sind aber die kognitiven Kosten wie das Herrschaftskostenkalkül sehr deutlich: Es werde zu Blutvergießen kommen. Die moralische Lage der Kommunisten werde auf „Null“ sinken. Kádár bezweifelte, dass dies eine Garantie dafür wäre, dass in anderen sozialistischen Ländern keine ähnliche Situation entstünde. Bei einer gewaltsamen Wiederherstellung der Ordnung werde die Autorität der sozialistischen Länder leiden. 5 Mit dieser Auffassung hätte Kádár am 30.10. eine Unterstützung im KPdSU-Präsidium finden können; inzwischen waren die kognitiven Kosten für die sowjetische Führung zu hoch, um auf eine solche Linie zurückzukehren. Trotzdem war die Haltung Kádárs nicht ohne Bedeutung. Zweifel an seiner Verlässlichkeit sollen sogar beinahe dazu geführt haben, den Interventionsplan aufzugeben. 6 Dies ist sicher übertrieben. Allerdings sah die sowjetische Führung eine Regierung als Voraussetzung der Intervention an; es gab schwere innere Auseinandersetzungen um die Regierungsbildung, eine gewisse Unsicherheit gegenüber Kádár blieb selbst bei denjenigen, die ihn in der
1 Vgl. den Aufruf des Kommandos der sowjetischen Streitkräfte in Ungarn an das ungarische Volk v. 4.11.1956, wo ausdrücklich betont und begründet wurde, man sei nicht zur Eroberung des Landes gekommen. SUUK 161, S. 580.
2 Andropov an MID v. 1.11.1956; SUUK 135, S. 500.
3 Er teilte seiner Umgebung auch mit, dass er in die sowjetische Botschaft gehe. Vida 2001, S. 106.
4 SUUK 147, S. 519. Im Gespräch mit Andropov hatte er noch Vorbehalte gezeigt. SUUK 135, S. 300.
5 So in der Präsidiumssitzung v. 2. November 1956; SUUK 147, S. 516 ff.
6 So Granville 1996, S. 90 gemäß den Protokollen des Juniplenums des ZK der KPdSU 1957.
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„gegebenen Situation“ als „besten Kandidaten“ wahrnahmen. 1 Darauf wird gleich näher einzugehen sein. Institutionelle Mechanismen der oberen Ebenen waren jedenfalls auf beiden Seiten gefährdet. Wie gelang dann eine Reinstitutionalisierung?
Ein Umschwenken Kádárs auf die sowjetische Position ist immerhin Ausdruck einer starken Hierarchie. (Stufe 5) Eine Voraussetzung dafür war es sicherlich, dass dieser (neben Münnich) am 1. November die Nacht im sowjetischen Hauptquartie in Tököl verbrachte und von dort aus am Morgen des 2. November nach Moskau flog. Dort nahm er an den Krisensitzungen des Präsidiums der KPdSU teil. In der Sitzung vom 2. November gab es noch - wie bereits zitiert - deutliche Unterschiede gegenüber der sowjetischen Wahrnehmung. Die Oppositionellen seien Anhänger von Nagy, die keine Zerstörung der Volksdemokratie oder eine Konterrevolution wollten. Sie wollten nur die Rákosi-Clique loswerden. Die sowjetischen Truppenbewegungen hätten die Regierung und die Massen alarmiert. Nachdem die Erklärung vom 30. Oktober eine sowjetische Zusicherung gebracht hätte, blieb die Spannung unter den Massen erhalten. Allerdings hätten die Truppenbewegungen für Verunsicherung gesorgt. Die Neutralitätserklärung der Regierung sei nur eine Reaktion auf die anmarschierenden Truppen gewesen, der alle Regierungsmitglieder zugestimmt hätten. Wie bereits zitiert, lehnte er den Einsatz sowjetischer Truppen als destruktiv ab. 2 Noch auf der zentralen Sitzung des KPdSU-Präsidiums am Abend des 3. November brachte Kadar die Fehler und Irrtümer der sowjetischen Seite zur Sprache und versuchte, die Handlungsweise von Nagy zu verteidigen. 3 Allerdings verliere die Regierung ihre Autorität, da es eine Koalitionsregierung sei; jede Partei suche nur die Macht. 4 Somit scheint es vereinfacht, in Kádár einen politischen Opportunisten zu sehen, der - angesichts der drohenden Alternative Rákosi - innerhalb weniger Stunden als Mann ohne moralischen Kompass zum Verräter der ungarischen Revolution wurde. 5
Immerhin hatte Kádár die Auffassung seiner Regierungskollegen, dass die sowjetische Regierung die ungarische Seite „betrügt“ nach eigener Aussage nicht geteilt. Damit war die Basis gegeben, sein schema dem sowjetischen und dem seiner ungarischen Kollegen 6 anzupassen. Innerhalb von 24 Stunden hatte sich Kadar, den Mechanismen der Ebene 4 folgend, möglicherweise auch beeinflusst von der Aussicht auf seine Spitzenposition, dem sowjetischen Wahrnehmungsmuster entscheidend angenähert. Im sozialen Kontext, den die sowjetische Führung in Moskau herstellen konnte, siegten die sowjetischen Auffassungen schnell über die ungarischen. Kádár verhandelte auch mit Vertretern anderer Bruderparteien, vor allem mit chinesischen und jugoslawischen Vertretern. 7 In der Diskussion mit ihm führte Chruschtschov ausdrücklich die Konsultationen mit den anderen Parteien an, insbesondere mit Polen und Jugoslawien. Ebenso verwies er auf die weltpolitische Dimension: Dulles
1 So Chruschtschow auf dem Juniplenum 1957. Dabei hatte sich der Parteichef wohl anfangs für Münnich, Molotow aber für Hegedüs eingesetzt. Mikojan erwähnte, dass sich das Vertrauen in Kadar „nun“ als gerechtfertigt erwiesen habe. Protokoll des Plenums des ZK der KPdSU v. 24.06.1957.- in: IA 3-6 (1993) u. 1-2 (1994) bzw. Cold War International History Project (cwihp), www.CWIHP.org, by permission of the Woodrow Wilson International Center for Scholars.
2 SUUK 147, S. 516 ff. Granville 2004, S. 128f. Der Auffassung von Granville, dass Kádár in seinem Gespräch mit Mikojan am 14. Juli bereits auf eine bewaffnete Intervention angespielt habe, kann nicht gefolgt werden.
3 Darüber liegen Notizen eines ungarischen Teilnehmers vor, des ehemaligen Außenministers Horvath. Vida 2001, S. 108f.
4 Granville 2004, S. 130.
5 Gati 2006, S. 193.
6 Der anwesende Bata forderte, dass die Ordnung durch eine militärische Diktatur wiederhergestellt werden müsse. Münnich betonte, dass das Regime nur durch die Hilfe der UdSSR existieren könne, sah aber auch die Kosten. SUUK 147, S. 520 f.
7 Die Jugoslawen bekundeten volle Unterstützung für die Regierungsbildung. Vida 2001, S. 107.
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brauche so jemanden wie Nagy. Nun stand auch für Kádár im Vordergrund, dass Kommunisten von Konterevolutionären ermordet würden. „Ein sozialistisches Land der Konterrevolution hingeben ist unmöglich. Ich stimme mit Ihnen überein.“ Die bestehende Regierung besitze nicht die Kräfte zur Niederwerfung der Konterrevolution. Auch wenn Kádár die Volksbewegung weiter als im Sinne der volksdemokratischen Ordnung auffasste, waren damit die kognitiven Voraussetzungen für eine Satellitenregierung unter seiner Führung geschaffen: „Die korrekte Handlungsweise ist, eine revolutionäre Regierung zu bilden.“ 1 Dennoch kapitulierte Kadar nicht bedingungslos. Die Regierung dürfe keine „Marionettenregierung“ sein, man brauche die Unterstützung der Arbeiter. 2 Bemerkenswert ist also, wie kurzzeitig ein hohes Hierarchieniveau erreicht werden konnte. Welches Niveau konnte insgesamt erreicht und stabilisiert werden? Der Anspruch bei Kadar, eine „ungarische“ Politik betreiben und der Deklaration vom 30. Oktober folgen zu können, war ja geblieben. So wurde eine „Satellitenregierung“ gebildet, die keine sein sollte. Wie war die Realität?
4.8.2) Hierarchie unter Besatzungsbedingungen
Die Nutzung überlegener militärischer „Güter“ sagt etwas über die Ebenen der Reinstitutionalisierung, nichts aber über das angestrebte und realisierte Niveau der Hierarchie. Die Intervention enthielt Elemente einer imperialen Ordnung, wenn im Stile einer Besatzungsmacht „Befehle“ des Oberkommandos vorbereitet wurden 3 , und die Möglichkeit eine strikte Hierarchie dauerhaft zu etablieren. Daraus folgte nicht nur eine kriegsrechtliche Eigenkompetenz auf Verhaftungen, sondern auch administrative Funktionen in der Versorgung usw. Die sowjetischen Kommandanturen erhielten die Aufgabe, „Maßnahmen zur Wiederherstellung der örtlichen Partei- und Staatsorgane“ zu unterstützen, und konnten damit die „Schöpfer“ eines Imperiums auf örtlicher Ebene sein. 4 Das Vorgehen der sowjetischen Truppen erfolgte - im Gegensatz zur 1. Intervention - völlig autonom; sie besaßen einen Schießbefehl ohne Beschränkung. 5 Ergänzt wurde dies durch ein organisatorisches Vakuum bei den Anhängern der Kádár-Regierung. 6 Die Partei war genauso wenig existent wie Sicherheitsorgane der neuen Regierung, die sich fast ausschließlich auf die „Macht“ der sowjetischen Truppen stützen musste. 7 Musste aus dieser Ressourcenverteilung nicht zwangsläufig eine imperiale Beziehung folgen?
Dies hätte allerdings nicht nur der Erklärung vom 30. Oktober widersprochen, sondern auch den Vorstellungen der ungarischen „Satelliten“. Diese fassten die sowjetische Intervention nicht als Weg zu einer stärker hierarchischen Beziehung auf - im Gegenteil. Um es nochmals zu zitieren: „Diese Regierung soll keine Marionettenregierung sein; für ihre Tätigkeit muss es eine Basis geben, eine Stütze unter den Arbeitern.“ Ein Herrschaftskostenkalkül ging eine Liaison mit der Logik des Angemessenen ein, die sich bis zum 30. Oktober herausgebildet hatte und führte zur Forderung an die sowjetische Seite, trotz militärischer Mittel eine geringere Form der Hierarchie zu reproduzieren, formal sogar eine Allianz. Der Abzug der sowjetischen Truppen besitze große Bedeutung, da sie das ungarische Nationalgefühl verletzt
1 SUUK 155, S. 543 f. u. die Ausführungen Chruschtschovs S. 545 f.
2 Neben der Freundschaft zur UdSSR sollten auch gute Beziehungen zu den Volksdemokratien wie zu den blockfreien Staaten unterhalten werden. Vida 2001, S. 109.
3 SUUK, S. 513 Anm. 3.
4 Vgl. den Befahl Nr. I; SUUK 178. Kyrow/ Zselicky 1999, S. 125 f.
5 SUUK 159, 160, 166, 179, 180. 183, 184, 188, Granville 1996, S. 79.
6 SUUK 162, S. 581.
7 Dies beobachteten auch die Vertreter Jugoslawiens wie der DDR. Granville 2004, S. 153f.; SAPMO BArch DY 30 IV 2/20 - 213; zur Partei vgl. auch Tökés 1998, S. 37.
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hätte. Wenn man die militärischen Beziehungen stärke, würden die politischen Beziehungen geschwächt. 1
Es zeigten sich sogleich Elemente dieses Anspruchs in der praktischen Politik: Die erste Erklärung der Kádár-Regierung, die in Moskau von Gerö, Hegedüs und Rákosi vorbereitet, dann von Kádár und Münnich redaktionell bearbeitet wurde, enthielt Verweise auf die „nationale Unabhängigkeit und Souveränität“ als Programmpunkt. Sie verwies nicht nur auf die allgemeinen Formulierungen der sowjetischen Erklärung vom 30. Oktober, sondern kündigte nach der Wiederherstellung der Ordnung Verhandlungen über das Verbleiben der sowjetischen Truppen in Ungarn an. 2 Dies war Konsens mit der sowjetischen Seite. Sicherlich war der symbolische Gegendruck gewachsen. Suslov betonte in einer programmatischen Rede zum Jahrestag der Oktoberrevolution vier allgemeine Merkmale einer sozialistischen Revolution und die Verteidigung der Errungenschaften der sozialistischen Revolution. Damit war sicherlich eine ideologische Revision der Erklärung vom 30. Oktober angedeutet. Dennoch betonte selbst Suslov die unterschiedlichen Wege zum Sozialismus, die Beachtung nationaler Besonderheiten und den Austausch von Erfahrungen innerhalb des sozialistischen Weltsystems. Der Erklärung vom 30. Oktober mag hier geringere Aufmerksamkeit gewidmet worden sein, ihre „große Bedeutung“ war immer noch latent. 3
Problematischer war die Erstellung eines ersten Aufrufes des ZK der (real nicht existierenden) USAP. Die sowjetische Seite war durchaus in der Lage, ihr angemessener erscheinende Formulierungen durchzusetzen - ein Hierarchieniveau zumindest einer starken Hegemonie, auch wenn die Änderungswünsche in „taktvoller Form“ den „ungarischen Freunden“ übermittelt werden sollten. Dies betraf aber vor allem Fragen wie die Distanzierung von der „Gruppe Nagy-Losonszy“, weniger aber das grundlegende ungarischsowjetischen Verhältnis. Obwohl im Präsidium diskutiert, verzichtete die KPdSU-Spitze auf eine ausdrückliche Erwähnung der „Freundschaft mit der UdSSR“, die nur indirekt durch den Verweis auf den „proletarischen Internationalismus“ wie die „enge brüderliche Zusammenarbeit mit den Völkern der sozialistischen Länder“ zum Ausdruck kam. 4 Vor allem aber veränderten die Ungarn selbständig die Erklärung im Sinne einer Verurteilung der „Clique Rákosi-Gerö“ und des Stalinismus.
Darüber, eigentlich aber über die Form und das Niveau der Reinstitutionalisierung, entspann sich eine schwere Auseinandersetzung in der KPdSU-Spitze. Vor allem Molotow forderte, auf Kádár einzuwirken, damit er Ungarn nicht auf den „Weg Jugoslawiens“ bringe. In diesem Zusammenhang erschien ihm die erwähnte Veränderung der Deklaration ein „gefährlicher“ Akt. Molotow forderte nicht nur eine Übereinkunft mit den ungarischen Partnern, um zu verhindern, dass sie auf jugoslawische Positionen übergehen; er forderte, den militärischen Sieg politisch zu sichern. Ob er damit tatsächlich - wie Chruschtschow konstatierte - das Ziel verfolgte, die alte Führung wieder an die Macht zu bringen, kann nicht gesagt werden. Zumindest ging es Molotow um eine Richtung der Institutionalisierung, die sich den Beziehungen vor der Ablösung Rákosis annäherte. Wie fundamental die Kontroverse um diese Frage war, zeigt sich daran, mit welcher Schärfe Molotow das von Chruschtschov geäußerte Unverständnis („Er gehe mit schädlichen Gedanken schwanger.“) zurückwies: Man müsse Chruschtschov zurechtweisen, damit er nicht (ständig so) kommandiert. 5 Einige Tage
1 Dem stimmte auch Münnich zu. SUUK 155, S. 543 f.
2 SUUK 157, S. 549 ff. Zur Regierungserklärung vgl. auch Felkay 1989, S. 87 f.
3 Valdez 1993, S. 43. Valdez interpretiert diese Rede als Ausdruck einer Abwendung von den „nationalen Erfahrungen“.
4 Zum Verzicht auf eine solche Formulierung vgl. die Äußerung Bulganins auf der Präsidiumssitzung v. 6.11.1956; SUUK 175, S. 601. Zum Entwurf der Erklärung und den sowjetischen Korrekturen SUUK 176.
5 Protokollnotiz der Präsidiumssitzung v. 4.11.1956; SUUK 164, S. 584 u. SUUK 175, S. 603.
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später erhob er nochmals „entschiedenen Einspruch“. 1 Die Auffassung Molotows gegen die Verurteilung der „Clique Rákosi-Gerö“ traf bei einigen Präsidiumsmitgliedern durchaus auf Verständnis. Dies legitimiere nämlich eine Kritik an der gesamten volksdemokratischen Entwicklung in Ungarn. Es würden Spill-over-Effekte drohen, wenn man „Kader verleumde“; morgen werde es die „Clique Ulbricht“ sein. Diese Diskussion wurde mit der Frage nach der Umbenennung der UPW verquickt. Die Auffassung von Molotow zeigt sehr schön die Verkopplung symbolischen Handelns mit einem dahinterliegenden Herrschaftskostenproblem. Man dürfe „nicht vergessen, dass eine Veränderung des Namens eine Veränderung des Charakters bedeutet.“ Neue Organisationen mit neuen Symbolen ließen sheating/shirking-Strategien zu: Eine neue Partei auf einer neuen Basis werde gebildet, erkenne zwar die Prinzipien des Marxismus/Leninismus an, aber in Worten könne man alles anerkennen. 2 Dass sich die Auffassung Molotows und seiner Unterstützer (Voroshilov, Kaganovic) nicht entscheidend durchsetzen konnte, lag zunächst an
Herrschaftskostenüberlegungen: Ohne eine scharfe Kritik an Rákosi werde es nicht möglich sein, die neue ungarische Führung zu stärken. Im Verlaufe der Diskussion vermischten diese sich aber mit der Logik des Angemessenen: Wir müssen Kádár entschieden unterstützen. Sonst werde man uns nicht „verstehen“. Rákosi habe eine inkorrekte Politik betrieben, die verurteilt werden müsse. (Shukov) Die Zwänge der Situation und angemessenes Handeln ergänzten sich. Am deutlichsten werden die kognitiven Kosten bei Chruschtschov selbst: Wenn man das alte ZK einberufe, bedeute dies, dass man Kádár kein Vertrauen entgegenbringe. Für Molotow sei das logisch, wolle er doch Rákosi und Hegedüs zurückbringen. „Das was Molotow und Kaganovic vorschlagen - das ist die Linie des Anschnauzens und der Ohrfeigen“ 3 - sprich die stalinistische Linie der Beziehungen. Diese Art der Beziehungen hatte sich nicht nur als Produzent hoher Herrschaftskosten erwiesen, wenn ihre Akzeptanz auf den oberen Ebenen unseres Modells verloren ging; sie war auch für die (aktuelle) Mehrheit der sowjetischen Führung „schwer“ zu denken. Paradoxerweise brachte so die Anwendung von Gewalt, die in stalinistischer Tradition zu stehen schien, zunächst einen Schritt der Destalinisierung in der sowjetischen Führung und ihren Außenbeziehungen. Damit war in einer Situation der schärfsten Anwendung von „Machtmitteln“, der auf imperiale Möglichkeiten verweist, ein Schritt zur Etablierung einer eher schwächeren Hierarchie getan worden.
Dies betraf aber zunächst nur die oberen Ebenen der Institutionalisierung. Auf den unteren Ebene, bei Anreizen und Ressourcen, war die Schwäche der zunächst weitgehend fiktiven Regierung Kádár enorm. Das bestehende organisatorische Vakuum so groß 4 , dass es für die Interventionsmacht nicht nur notwendig, sondern auch relativ leicht sein konnte, eine strikte Hierarchie auszuüben. Angesichts der aktuellen Abhängigkeit der ungarischen Seite konnte die antizipierte geringe Hierarchie zur Fiktion werden. So waren die sowjetischen Interventionstruppen bei ihrem Vorgehen nicht von der „Regierung“ abhängig; dagegen musste diese sich die Aufstellung erster eigener militärischer Einheiten von der KPdSU-Führung genehmigen lassen. Das militärische Potential der neuen Führung blieb längere Zeit völlig abhängig. In Umkehrung des polnischen Trends blieb der neue Verteidigungsminister
1 SUUK 175, S. 602.
2 Hierbei bezog sich Molotow auf den Entwurf der Erklärung der USAP, in der von der „unerschütterlichen“ Basis in den Ideen des Marxismus/ Leninismus die Rede war. SUUK 176, S. 605.
3 Protokollnotiz der Präsidiumssitzung v. 6.11.1956; SUUK 175, S. 600 ff.
4 Die "Regierung" besaß keine Verbindung zur "Peripherie" und zu den Budapester Industriebetrie-ben. Sie war bei der Tätigkeit des Radios und der Druckerei auf sowjetische Hilfe angewiesen. Botschafter Andropov besuchte Kádár im Parlamentsgebäude während der „Hauptarbeitszeit“ und traf dort niemanden außer 6 Ministern und sowjetischen Soldaten. Seine Schlussfolgerung: Es bestehe noch keine Verbindung zum „Aktiv“, zur Parteibasis. Andropov an MID v. 9.11.1956; SUUK 186, S. 627.
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Revesz Bürger der UdSSR. 1 Auf die Verhaftungspraxis der sowjetischen Sicherheitskräfte und die Verwendung von Mitarbeitern des offiziell aufgelösten ungarischen Staatssicherheitsdienstes hatte die ungarische Regierung kaum Einfluss. Bestenfalls gab es erfolgreiche Proteste im Einzelfall. Noch deutlicher ist die Entrüstung über die Deportation von verhafteten Ungarn auf sowjetisches Territorium, womit man sich nicht einverstanden erklären könne. 2 Angesichts solcher Spannungen wurde sogar konstatiert, dass die Kádár-Regierung „at first failed to co-operate with the Soviet security organs“. Damit seien frühere Befürchtungen aktualisiert worden, ob Kadar ein „reliable post-intervention quisling“ sei. 3 Gründungsakt und Struktur der neuen „nationalen politischen Polizei“ wurde von KGB-Chef Serov maßgeblich bestimmt. Ein erheblicher Teil der ab dem 4. November eingesetzten sowjetischen „Berater“ wurden im Sicherheitsapparat platziert. Auch auf die Entlassung „verdächtiger“ Kader nahm die sowjetische Seite in diesem Bereich maßgeblichen Einfluss. 4 Dieses Verhältnis kommt dem Status einer „Marionettenregierung“ (Stufe 5) durchaus nahe.
Besonders deutlich wird dieses Hierarchieniveau in der heiklen Angelegenheit der Behandlung von Nagy und seiner Anhänger, die in die jugoslawische Botschaft geflüchtet waren. Kádár bat seine (persönliche) Auffassung nach Moskau zu übermitteln, die er bei einem Gespräch mit dem jugoslawischen Botschafter entwickelt hatte. Man könne Nagy bei der Erfüllung einiger Vorbedingungen nach Jugoslawien ausreisen lassen, um die Beziehungen zu Tito nicht zu verschärfen. Die sowjetische Antwort lautete entgegengesetzt: Man teile vollkommen die Antwort Kádárs an den jugoslawischen Botschafter, dass Nagy und die seine Begleiter in keinem Falle nach Jugoslawien ausreisen dürften, damit - was Kadar nicht ausführen konnte - nicht zwei ungarische Regierungen existierten, eine in Ungarn und eine in Jugoslawien. 5 Trotz gewisser Kompromisselemente bei der „rumänischen Lösung“ wurde die Entscheidung in Moskau getroffen und durfte von Kádár akzeptiert werden. 6 Auch wenn der weitere Verlauf der Angelegenheit ein selbständiges Vorgehen der ungarischen Seite zeigt, blieb die Initiative grundsätzlich auf sowjetischer Seite. 7 Diese quasiimperiale Entscheidung (5; 2) konnte auf einen verdeckten Trend zu einer strikten Hierarchie hindeuten, eine Form der Institutionalisierung, die „symbolische“ Unabhängigkeit mit einer
1 Vgl. SUUK 186 u. 187. Die ungarische Armee war im Prinzip aufgelöst; der Wiederaufbau unter sowjetischer Kontrolle. Die Armee soll im März 1957 einer Begrenzung der Mannschaftsstärke unterworfen worden sein. Gosztony 1999, S. 501 f. u. 505 f.
2 SUUK 189 u. 204. Zur Deportationsfrage SUUK 200, S. 652. Münnich forderte hierzu ein sowje-tisches Pressedementi. Vgl. auch Pronko 1999, S. 92; Granville 2004, S. 150 ff.
3 Granville 1996, S. 89. Diese Bewertung vernachlässigt allerdings die Abhängigkeit der ungarischen Seite von dieser Kooperation und ihre grundlegende Akzeptanz durch Kádár.
4 Es scheint, als ob selbst die Personalpolitik im ungarischen Innenministerium von der sowjetischen Administration abhängig war. Serov an Chruschtschov v. 9.11.1956; SUUK 189, S. 630 ff. Zur Verhaftungspraxis und dem Aufbau neuer Sicherheitsorgane vgl. auch Granville 1996, S. 89 ff. u. Granville 2004, S. 154 f.
5 Andropov an MID v. 9.11.1956; SUUK 186, S. 626 u. MID (Gromyko) an Andropov v. 9.11.1956; SUUK 187, S. 627 f. Die sowjetische Seite bezog sich in ihrer Antwort wohl ganz bewusst auf den Bericht des ebenfalls anwesenden Konev und nicht auf Andropov, der die Antwort überbringen sollte, die Kádár ja das Wort im Munde herumdrehte.
6 Aus Kádárs Vorstellungen flossen die Erklärung Nagys, nichts gegen die Kádár-Regierung zu unternehmen, ein wie die Möglichkeit für einige der Betroffenen, in Ungarn zu verbleiben. Beschluss der Präsidiumssitzung v. 10.11.1956 u. Anlagen; SUUK 190, S. 632 ff. Kádár soll dem Plan, Nagy beim Verlassen der jugoslawischen Botschaft zu verhaften, zugestimmt haben. Granville 2004, S. 131. Dies war wohl bereits eine Reaktion auf die sowjetischen Vorstellungen und die Weigerung von Nagy, offiziell zurückzutreten.
7 Bei seinem Gespräch mit dem Jugoslawischen Botschafter am 17.11. spielte Kádár auch verschie-dene Möglichkeiten durch, erwähnte sogar die Möglichkeit zu einer Ausreise nach Jugoslawien. War dies ein eigenständiges politisches Handeln gegen die sowjetischen Vorstellungen? Die sowjetische Seite war jedenfalls über diese Gespräche genau informiert, zog ihre Schlussfolgerungen und erreichte das Einverständnis Kádárs zu ihren Optionen. Malenkov, Suslov und Aristov an ZK der KPdSU v. 17.11.1956; SUUK 202, S. 656 f.
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verstärkten sowjetischen Kontrolle verband, um die Steuerungsprobleme der vergangenen Jahre nicht zu reproduzieren. 1 Ebenso zeigen die bereits erwähnten Berater, die sehr schnell nach dem 4. November vor allem für die Wirtschaft und den Sicherheitsbereich bereitgestellt wurden, dass Möglichkeiten und Trends einer stärkeren Hierarchie vorhanden waren. 2 Zwei gegensätzliche Entwicklungen sind somit auf verschiedenen Ebenen der Institutionalisierung auszumachen: Auf den oberen Ebenen begann die Definition einer eher geringen Hierarchie, während auf Ebene 1-2 eine sehr strikte Hierarchie zur Ausführung kam, die das „reale“ Handeln dominierte.
Allerdings zeigte sich sehr rasch ein Gegentrend. Spätestens am 14.11. entwickelte die Kádár-Gruppe eine eigene Initiative zur Erweiterung der „Regierung“ über die Partei hinaus. 3 Zudem erweist sich manches Indiz für eine strikte Hierarchie eher als imperiale Improvisation, um ein Vakuum zu füllen, denn als imperiale Intention. Vom sowjetischen Innenministerium kamen die Vorschläge, die Rückführung der in die UdSSR deportierten ungarischen Bürger mit den ungarischen Stellen abzusprechen. Der direkte Zugriff der sowjetischen Organe blieb damit als Ausnahme definiert. Die Begründung war auch ein Verweis auf die Institutionalisierung der Ebenen 5 und 6. Es war eine Selbstbeschränkung der sowjetischen Argumentation wie der weiteren Handlungen. 4 Trotzdem blieb der Gegentrend bei Kadar schwach ausgeprägt, ja stand in deutlichem Widerspruch zu seinem Auftreten in Moskau während der „Regierungsbildung“. Während die sowjetischen Vertreter bei einigen Funktionären eine zu „liberale“ Haltung feststellten, projugoslawische und antisowjetische Stimmungen im provisorischen ZK der USAP 5 wie „Schwankungen“ im Umfeld von Kádár, tendierte die Haltung des Parteichefs zu ihrer vollen Zufriedenheit. Bis zum 22.11. war deutlich geworden, dass er die Notwendigkeit verstanden habe, eine viel härtere Linie im Kampf gegen die Reaktion einzunehmen und trotz der besagten „Schwankungen“ bedeutend mehr Entschiedenheit bei den Verhaftungen zeige. Man müsse „sagen, dass bei den prinzipiellen Fragen, die man mit ihm lösen musste, und bei denen, wo man wusste, dass auf ihn ein anderer Einfluss ausgeübt wurde, Kádár sich schnell an der Lage orientierte und zu einer korrekten Entscheidung kam“, die er dann auch umsetzte. 6
Ein deutliches Beispiel hierfür liefert die Pressepolitik. Kádár setzte gemäß sowjetischen Vorgaben die Entlassung des Journalisten Fecher wie die „Säuberung“ der ganzen Redaktion von „Szepednap“ durch. Notfalls müsse man gegen die Journalisten die „Methoden der Diktatur des Proletariats“ anwenden. 7 Kádár schwenkte deutlich auf die Anwendung dieser Methoden ein. Er verteidigte in der USAP die Verhaftungspraxis gegen Forderungen, diese einzustellen. Auch das Verhalten gegenüber der „Gruppe Nagy“ wurde positiv bewertet: Bei
1 Immerhin vermutete der jugoslawische Botschafter in Moskau, mit dem Chruschtschov sehr enge Kontakte pflegte, dass es „den Russen ins Konzept zu passen (scheint), dass die Kadar-Regierung wei-terhin schwach und ganz von ihnen abhängig ist“. Micunovic dachte dabei vor allem an den Konflikt mit Jugoslawien aufgrund des Bruchs der diesbezüglichen Vereinbarungen. Micunovic 1982, S. 217.
2 Im November und Dezember wurden mehr als 70 Berater für unterschiedliche Aufgaben in Wirt-schaft und Sicherheit nach Ungarn gesandt wie 3 Vertreter des ZK. Deren Einsatz war teilweise für 2-3 Monate geplant. Zu einem generellen Abzug kam es aber erst nach dem Oktober 1958. Granville 2004, S. 147ff.
3 So im Gespräch mit Andropov. SUUK 199, S. 651. Ein weiteres Beispiel imperialen Verhaltens war die Versendung "erbeuteten" Filmmaterials über den Aufstand nach Moskau. SUUK 204.
4 Das Argument, so gehandelt zu haben, weil es an ungarischen Gefängnissen mangelte, ist nicht völlig stichhaltig, verweist aber sowohl auf die imperiale Improvisation wie die entgegengesetzte Logik des Angemessenen. SUUK 200 u. 201, S. 651 ff.
5 Auf dem ZK-Plenum am 11.11.1956 sprachen sich fünf Teilnehmer für Verhandlungen und eine Zusammenarbeit mit Nagy aus, um die Basis der Führung zu verbreitern. Kádár wies dies zurück. Felkay 1989, S. 103.
6 SUUK 206, S. 672 f.
7 SUUK 206, S. 673; SUUK 208, S. 678.
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den Verhandlungen mit jugoslawischen Vertretern habe er gut die „Linie“ eingehalten und auch ausreichend Entschiedenheit bezüglich deren Ausweisung aus Ungarn gezeigt. Ebenso verkündete er nun, dass es keine Veränderung/ Erweiterung der Regierung gäbe, solange die Ordnung nicht widerhergestellt sei. Kádár verhalte sich im Geiste dessen, was mit den sowjetischen Vertretern abgesprochen worden sei. 1 Entwickelte sich Kádár innerhalb weniger Tage von einem Partner zu einem bloßen Statthalter der Sowjets in Ungarn? Dieser Eindruck bestätigt sich, wenn der neue Parteichef offensichtliche Eingriffe in die Souveränität Ungarns hinnahm. Als eine Gruppe von 6-8 Aufständischen für eine schnelle Verurteilung und Hinrichtung ausgesondert werden sollte, geschah dies auf sowjetischen Vorschlag und unter aktiver Beteiligung sowjetischer Sicherheitskräfte bei der Auswahl der Opfer. Kádár stimmte dem Vorschlag zu; eine solche Maßnahme sei „notwendig“. Ein Dissens ergab sich nur bei der Frage, ob dies unter Kriegsrecht oder unter Bildung eines revolutionären Tribunals durchgeführt werden sollte, wobei die ungarische Seite unter Berufung auf rechtliche Argumente auf ihrer Position beharrte. 2 Dies änderte aber nichts an dem allgemeinen Trend.
Auch bei der „symbolischen“ Bewertung der Ereignisse zeigte sich eine Deutungshegemonie der sowjetischen Führung. Die Formulierungen für die Rede Kádárs auf der ZK-Tagung vom 2.-5.12.1956 wie die Resolution wurde in Grundfragen mit der sowjetischen Seite abgestimmt. Der Dissens in der Frage, wie die „Ereignisse“ in Ungarn zu bewerten seien, ob man differenzieren müsse oder insgesamt von einer Konterrevolution sprechen müsse, löste sich zugunsten der sowjetischen Sichtweise auf. Allerdings erfolgte dies ohne jeglichen Zusammenhang zu Anreizmöglichkeiten der sowjetischen Seite gegenüber Kádár. Dieser suchte selbst die „Beratung“ vor dem Plenum und wurde auch während einer Unterbrechung zugunsten einer erneuten Abstimmung mit der sowjetischen Seite initiativ. Er nutzte also seine eventuellen Sheating-Möglichkeiten nicht aus; die Abstimmung war für ihn selbstverständlich. In der ersten Besprechung notierte sich Kadar zunächst die Auffassungen und Einwände der Sowjets und versprach, sie bei der Vorbereitung der Dokumente zu berücksichtigen. Bemerkenswert ist dabei der hohe Argumentationsaufwand der sowjetischen Emissäre, die auf die internationale Auffassung zum Thema, die Handlungsmöglichkeiten der USAP und nicht zuletzt die Folgen für die internationale Arbeiterbewegung und die kommunistischen Bruderparteien im sozialistischen Lager verwiesen. 3 Das Ergebnis der folgenden Überlegungen Kádárs, das er zwei Tage später der sowjetischen Seite darlegte, fiel gänzlich zu deren Zufriedenheit aus: „In völliger Übereinstimmung mit Gen. Kadar und, was besonders wichtig ist, größtenteils durch seine Initiative sind wir übereingekommen, dass die Frage über die Bewertung der ungarischen Ereignisse im Vortrag des Gen. Kadar als Frage von erstrangiger Wichtigkeit dargestellt wird und dass die ungarischen Ereignisse vom Oktober und November wie auf dem ZK Plenum so auch weiterhin im ganzen Land wie für die internationale Arbeiterbewegung klar und deutlich als Konterrevolution bewertet werden muss.“ Damit hatte der in Moskau begonnenen Prozess der Konvergenz der Wahrnehmungen von ungarischer und sowjetischer Parteiführung eine neue Stufe erreicht, eine Konvergenz, die maßgeblich auf den Mechanismen der Ebenen 4 beruhte. „Im Ergebnis der Gespräche sind wir zu der Überzeugung gelangt, dass Gen. Kadar im Unterschied zu seinen früheren etwas fehlerhaften Ansichten bezüglich der Bewertung der ungarischen Ereignisse jetzt eine korrekte Haltung in dieser Frage einnimmt.“ 4 Diese Konvergenz realisierte sich aber nicht nur über die Mechanismen der Ebene 4. Der verunsicherte Kadar bekam von der sowjetischen Seite vor allem politische Argumente zu hören; eine Begründung auf anderer
1 SUUK 206, 208 u. 211. S. 686 u. 688.
2 Daran änderte auch die Versuche nichts, dies kriegsrechtlich zu begründen. SUUK 211, S. 688 u. SUUK 222, S. 710 f. Granville 2004, S. 152. Der sowjetische Vorschlag stammte vom 26.11.1956.
3 SUUK 223, S. 713.
4 Malenkov und Aristov an ZK der KPdSU v. 3.12.1956, SUUK 225, S. 719. Okvath 1999, S. 486 f.
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Ebene entwickelte er selbst. So hatte er seit dem letzten Gespräch mit den KPdSU-Vertretern selbst nach einer dogmatischen Erklärung gesucht, die für ihn einen focal point bot. Diese bot „Klarheit“ und die „Möglichkeit, einen entschiedenen Kampf mit antimarxistischen Ansichten in dieser Schlüsselfrage“ zu führen. Damit produzierte Kadar selbst zusätzliche kognitive Kosten für andere Deutungen. Ausführlich erläuterte er den Sowjets seine Überlegungen zum Verhältnis von Revolution und Konterrevolution, die - obwohl „ideologisch“ nicht identisch - eine Institutionalisierung des Problems durch den Bezug auf Symbole eines gemeinsamen Schemas ermöglichten (Ebene 5). Bemerkenswert ist, dass damit sich auch das Herrschaftskostenkalkül gegenüber der ungarischen Bevölkerung änderte. Die früheren Argumente der Rücksichtnahme auf die Stimmung der Bevölkerung, die in Polen weiterhin zentrale Bedeutung besaßen, wurden abgelöst durch die Auffassung, dass es „keinen anderen Weg bei der Festigung der Diktatur des Proletariats und der Erringung der Unterstützung durch die Massen“ gäbe. 1 Dies zeigt, dass die sowjetische „Produktion“ von Herrschaftsmitteln (Ebene 2) den Rahmen für die Angleichung der kognitiven Schemata bot. Kádárs Aufwand an Selbstlegitimation aber bot die Voraussetzung für die Geschwindigkeit und Stabilität der neuen Institutionalisierung.
Sicher kann dieser Trend damit begründet werden, dass die Kádár-Führung sich in den ersten Tagen ihrer „Herrschaft“ bewusst wurde, dass sie ohne massiven Gewalteinsatz und sowjetische Hilfe nicht handlungsfähig sein würde. Im Bereich der Sicherheitskräfte, aber auch der Wirtschaftsorganisation war man so schwach, dass man die Einreise zusätzlicher sowjetischer Berater begrüßte, ja sogar erbat. 2 Die implizite Drohung mit einer Rückkehr Rákosis mag im Hintergrund gewirkt haben. Also eine institutionelle Logik auf Ebene 2: Man tauschte angemessenes Verhalten gegen sowjetische Ressourcen - ohne dies im Einzelfall aufzurechnen. Die sowjetische Seite hatte allerdings wenig Alternativen. Dies erklärt zudem nicht alles. Berücksichtigt man die Position Kádárs zu Beginn seiner Kooperation mit Moskau, musste dies erhebliche kognitive Dissonanzen produzieren. Die sowjetischen Positionen boten für die ungarische Führung angesichts enormer Orientierungsprobleme einen focal point. Ursprünglich waren ja die Nachteile eines harten Vorgehens für die eigene Position bewusst. Man muss also davon ausgehen, dass Kadar seit dem Wechsel auf das sowjetische Deutungsschema schrittweise deren Wahrnehmungsmuster internalisiert hatte, gefördert durch zahlreiche Gespräche mit den sowjetischen Parteiemissären in Ungarn. 3 Es handelte sich also um die Reinstitutionalisierung der sowjetisch-ungarischen Führungsbeziehungen auf Ebene 2, 4 und dem Niveau eines Dominiums. Da diese Mechanismen durch die Ebenen 3 und 5 ergänzt wurden, liegt eine komplexe institutionelle Konfiguration vor, die sowohl von der materiellen wie der ideellen Schwäche der ungarischen Führung bestimmt wurde.
Um auf die Ausgangsfrage zurückzukommen: War die neue Regierung damit als reine Satellitenregierung installiert, war Kádár (zunächst) vorrangig ein Erfüllungsgehilfe sowjetischer Politik? Tatsächlich entstand zunächst eine sehr starke Hierarchie, die vor allem aus der „Schwäche“ der neuen ungarischen Führung resultierte. Hier sind zwei grundsätzliche Einschränkungen zu machen. Die Internalisierung eines solchen „abhängigen“ Verhältnisses zur UdSSR stand unter einem grundsätzlichen Vorbehalt: Er bezog sich nur auf das
1 Ebenda, S. 719 f.
2 Vgl. SUUK 224 wie das zuvor mit Serov abgestimmte Bittgesuch auf 23 weitere Berater v. 3.12.1956. SUUK 226. Am 14.12.1956 beschloss das KPdSU-Präsidium neben den Sicherheitskräften auch Spezialisten für die Kohleindustrie, für Wirtschafts- und Finanzfragen zu entsenden. SUUK 232, S. 741.
3 Unter denen nun Mikojan nicht mehr vertreten war. Aus den häufigen Treffen mit Kádár resultierte ein „guter Eindruck“ bei den KPdSU-Emissären. Vgl. Information Malenkovs, Suslovs und Aristovs v. 22.11.1956; SUUK 206, S. 672.
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Verhältnis im Rahmen der akuten Krisenbewältigung in Ungarn und der Bekämpfung der „Konterrevolution“. Das beschriebene Hierarchieniveau, bei dem wiederum verschiedene Mechanismen zusammenspielten, war auf die Situation der unmittelbaren Krise beschränkt. Das Bild der längerfristigen Beziehung war - wie gleich zu zeigen sein wird - davon unabhängig und zielte auf eine erheblich geringere Hierarchie. Am 30. November legte die ungarische Seite ein Dokument vor, das ihre „Vorschläge“ für die Realisierung der sowjetischen Erklärung vom 30. Oktober enthielt, darunter 17 „wunde Punkte“ in den ungarisch-sowjetischen Beziehungen. Ein Schwerpunkt betraf die Stationierung sowjetischer Truppen, von der Notwendigkeit eines Abkommens, in dem Zweck, Umfang, Verteilung und Dauer der Stationierung festgelegt würden, bis zu den dauernden Unfällen, die durch die Truppen verursacht würden, und der Entschädigung ungarischer Bürger. 1 Zudem war weder die aktuelle Hierarchie noch die Definition der perspektivischen eine rein sowjetisch-ungarische Sache. Der sowjetische Einfluss setzte sich nicht in jedem Falle direkt um, sondern bediente sich der Beziehung zu anderen Ostblockstaaten, insbesondere Rumänien. Wir müssen also auch in dieser Situation stärkster Ausprägung einer Hierarchie gegenüber der UdSSR das politische Krisenmanagement der anderen Ostblockstaaten betrachten bzw. des Ostblocks als Ganzem. Dies wie die bereits von J. Granville festgestellte Tatsache, dass die Intervention kein sauberes fait accompli erbrachte und nur das „prelude, not the finale, to a long, arduous process of 'normalization' in Hungary“ 2 gewesen sei, sind Hinweise auf die Kosten und Probleme einer solchen Reinstitutionalisierung.
Allerdings setzte die reale Senkung der Hierarchie im Sinne der ungarischen Wünsche eine „Organisationswerdung“ des neuen Regimes voraus, die Fähigkeit selbst relevante Ressourcen zu produzieren wie ihre Organisationsgrenze abzuschirmen. Die vollzog sich langsam und über den Zwischenschritt, dass die Kádár-Führung ein neues Organisationsdesign konzipierte und es sich dann von der sowjetischen Seite bestätigen ließ. 3 Damit wurden in der Folgezeit - ohne die UdSSR ernsthaft herauszufordern - die Voraussetzungen geschaffen, um in den 60er Jahren ein stabilisiertes „kadaristisches“ Regime in neuem Maße in die Institutionalisierungen des Ostblocks einzubeziehen und es zugleich von ihnen unabhängig zu machen. Es bleibt die Frage, welche Rolle dabei die institutionelle Konfiguration des Ostblocks insgesamt einnahm. Wurde der Trend zur Senkung der bilateralen Hierarchie und zu neuen multilateralen Formen unterbrochen oder verstärkt?
4.8.3) Multilaterale oder bilaterale Formen der Institutionalisierung
Die Entwicklung in Ungarn besaß das vorrangige Interesse aller „Bruderstaaten“. Während die polnische Seite versuchte, zwischen der Nagy-Regierung und der UdSSR zu vermitteln, dann eine „Übereinkunft“ mit Nagy empfahl 4 , ging es den anderen Parteien um eine möglichst reibungslose Unterdrückung der „Konterrevolution“. Insbesondere die Nachbarstaaten, die selbst zu einem militärischen Engagement bereit waren, entwickelten eigene Initiativen, um Einfluss auf die Ereignisse zu gewinnen. Diese Initiativen zur „Grenzsicherung“ wurden im Umfeld des Treffens mit Chruschtschov und Bulganin am
1 Granville 2004, S. 155.
2 Granville 1996, S. 98.
3 Dies betraf Überlegungen Kádárs zur Erweiterung der Regierung, zur Ausgestaltung des neuen „Parteiensystems“, inklusive des für die weitere Entwicklung bedeutsamen „demokratischen Blocks“, wie zum Wahlrecht. Diese präsentierte Kádár Mitte Dezember erstmals Botschafter Andropov mit dem Wunsch, dies noch „offiziell“ mit der KPdSU-Führung zu beraten. Diese Situation spiegelt zugleich die Schwächesituation der entstehenden „Organisation“ in ihrem akuten Kadermangel. Andropov an Chruschtschov v. 18.12.1956; SUUK 236, S. 773 ff.
4 SUUK 203, S. 661, vgl. auch Tischler 1999.
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1.11.1956 mit dem sowjetischen Vorgehen koordiniert. Als Bestandteil des Plans des sowjetischen Generalstabes sicherte die rumänische und tschechoslowakische Armee ihre Grenzen zu Ungarn um einen relativ geschlossenen Aktionsraum für die sowjetischen Truppen zu gewährleisten und koordinierte dabei einzelne Maßnahmen mit den sowjetischen Kräften. Aus der Sicht eines Militärhistorikers bedeutet dies ein neues Kooperationsniveau: „So gesehen ging es wahrscheinlich um die erste koordinierte Aktion der Streitkräfte des Warschauer Paktes.“ 1 Genauer ging es um eine koordinierte Aktion von Truppen innerhalb des Warschauer Vertrages, ohne aber dass dessen Organisation eine mehr als legitimierende Rolle gespielt hätte. Die Institutionalisierung der Aktion erfolgte im wesentlichen außerhalb der WVO auf der Basis einer starken sowjetischen Hegemonie, die angesichts der „Interessen“ der beteiligten Partner „billig“ durchzusetzen war (Ebene 2). Der Warschauer Vertrag stellte bestenfalls eine symbolische Stützung für das koordinierte Vorgehen dar. (Ebene 5) Ähnliches zeigte sich bei der Bewältigung akuter Einzelprobleme. Dabei gab es auch eine ad-hoc-Kooperation der beteiligten Länder (Evakuierungsfragen), ohne dass dies bereits das Niveau politischer Gemeinschaftsaktionen erreichte. Die akut betroffenen Nachbarländer hatten teilweise bereits selbständig ihre „internationale Hilfe“ für die ungarischen Kommunisten organisiert. 2
Zudem gab es Versuche einzelner Länder, offizielle Kontakte zur Kádár-Regierung aufzunehmen, um sie symbolisch zu unterstützen, aber auch um an der Definition angemessenen Handelns teilzuhaben. Versuche hierzu wie von Seiten der CSR stießen aber zunächst auf die akute Organisationsschwäche der neuen ungarischen Führung. 3 Aber auch ohne Kontakte der Spitzen konnte ein Druck auf die Logik des Angemessenen erfolgen. 4 Hier war besonders die chinesische Seite von Bedeutung. Die sowjetische Führung betonte angesichts der Doppelkrise des Jahres 1956 in demonstrativer Weise die Verbundenheit mit der chinesischen Führung, machte sich damit aber von einer gemeinsamen Demonstration des Angemessenen abhängig. 5 Das Prestige der chinesischen KP im Ostblock steigerte sich deutlich. Dem zollte auch Kádár Tribut. Er führte regelmäßig Gespräche mit dem chinesischen Botschafter und berichtete darüber der neuen Führung. Dabei wurde er gefragt: „Wo ist denn Eure Diktatur?“ Kádár sei gezwungen gewesen die Augen zu senken und hielt den eigenen Genossen vor, dass man sich in den ersten zehn Tagen mit nichts anderem beschäftigt habe als mit der Frage, wie man die Diktatur lockern könne. 6 Kadar gab den Druck, der auf den Mechanismen der Ebenen 4/5 beruhte, an die eigene Parteiführung weiter. Die konkrete Politik entsprach dieser Logik des Angemessenen. Den deutlichsten direkten Einfluss auf die politische Entwicklung in Ungarn (neben der UdSSR) besaß nun die rumänische Führung. Diese wurde von Imre Nagy in gewisser Weise selbst ins Spiel gebracht. Auf dem Höhepunkt der sowjetischen Interventionsdrohung hatte Nagy den rumänischen Parteichef Gheorgiu-Dej um Rat und Vermittlung gebeten. 7 Damit
1 In diesem Zusammenhang erhielten die militärischen Aktivitäten zur Grenzsicherung eine neue Qualität. Bei der CSR-Armee gab es Treffen mit sowjetischen Vertretern, die das Vorgehen gegen Gruppen von "Aufständischen" im Grenzgebiet koordinieren sollten, eine direkte Fernsprechverbindung usw. Staigl 1999, S. 175 ff. Zu den innenpolitischen Folgen der ungarischen Ereignisse in der RVR vgl. auch Frickenhelm 1990, S. 80 f.
2 Dies vor allem bei der KPC, die eine Destabilisierung in der Slowakei mit ihrer ungarischen Minderheit befürchtete. Sie organisierte Propaganda, ja selbst Waffenlieferungen. Sikora 1996, S. 74 ff.
3 SUUK 195, S. 644.
4 Zu diesbezüglichen Versuchen der DDR auf Polen vgl. Borodzej 1996, S. 62 ff. u. Wolle 1996.
5 Der jugoslawische Botschafter Micunovic dokumentiert zahlreiche Beispiele für „Chruschtschovs Beharren auf der chinesischen Unterstützung und der Identität der Standpunkte“. Micunovic 1982, S. 215, vgl. auch S. 200 u. 202.
6 So Kádár auf einer Sitzung des Exekutivkomitees der Partei. SUUK 211, S. 687. vgl. auch Vámos 2006, S.
7 Die rumänische Seite war von Nagy am 2. November als Vermittler ins Spiel gebracht worden. Sie schickten am Folgetag eine Delegation nach Budapest, wohl vor allem um Nagy zu beruhigen oder zu beobachten. Von
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schien der KPdSU-Führung ein Exil der „Gruppe Nagy“ in Rumänien naheliegend, zumindest aber gegenüber den Jugoslawen besser legitimierbar. 1
Der rumänische Parteichef Dej verhandelte am 16.11. mit der jugoslawischen Botschaft über die Lösung des „Problems Nagy“. 2 Die Gespräche mit I. Nagy, um seine Haltung nach Verlassen der Botschaft einzuschätzen, wurden von rumänischen Vertretern geführt, während Münnich mit den anderen sprach. Von diesen erfuhr er, dass sie diejenigen Handlungen der Regierung Nagy unterstützen würden, die sie für gut befinden würden, aber diejenigen, mit denen sie nicht übereinstimmen, einer Kritik unterziehen werden. Nagy erklärte, dass er (unter Verweis darauf, dass er nicht in Freiheit sei) nicht bereit sei, eine Erklärung zugunsten der Kádár-Regierung zu machen. (Nagy sei durch die Jugoslawen gründlich vorbereitet worden.) Darauf meldeten die sowjetischen Emissäre nach Moskau, dass Kádár und die rumänischen Genossen „hart gestimmt“ seien und meinen, dass man jetzt Nagy und seine Gruppe „verschicken“ müsse. Möglicherweise wurde also die Entscheidung für die „rumänische Lösung“ also erst nach diesen Gesprächen getroffen und als eine Art kollektiver Akt. 3 Dies dürfte die Folge wachsenden Vertrauens gegenüber Kádár wie der Juniorpartnerrolle Rumäniens gewesen sein. Ähnliches trifft auch auf die erwähnten Personalwechsel in den ungarischen Medien zu. Die Auswahl eines neuen Chefredakteurs erfolgte als ungarisch-rumänische Koproduktion: „Gen. Kádár und die rumänischen Genossen kennen ihn gut; er ist auch durch die Arbeit in der Komintern bekannt und ist, nach ihrer Auffassung, ein vollkommen verlässlicher Kommunist (…).“ 4 Darauf war die „Funktion“ der Rumänen aber nicht beschränkt. Die hochrangige rumänische Delegation unter dem Parteichef führte in Ungarn nicht nur Gespräche mit Kádár, sondern auch mit ZK-Mitgliedern. Der vorhergehende Meinungsaustausch mit den Sowjets erbrachte eine „völlige Übereinstimmung“ der Ansichten über die Lage in Ungarn und die notwendigen Maßnahmen. Wenn die KPdSU-Vertreter die „sehr nützliche Arbeit“ der Rumänen hervorheben, zeigt dies einen Grad von Hierarchie, der aber angesichts der rumänischen Eigeninteressen nicht ausschlaggebend war. 5 Insgesamt wurde der Druck auf spezifische Form angemessenen Verhaltens im Sinne der „Diktatur des Proletariats“ durch die Rumänen nicht unbeträchtlich verstärkt und blieb nicht wirkungslos. 6 Allerdings produzierte das rumänische Engagement unerwartete Kosten. Die Aktivität der Rumänen in der Frage Nagy ging nämlich davon aus, dass die jugoslawische Führung die „rumänische Lösung“ akzeptieren würde. Man hatte nicht gedacht, dass die Jugoslawen „solchen Lärm“ um diese Angelegenheit machen würden. Die rumänische Aktivität sollte aber weder die Beziehungen zu Jugoslawien belasten noch die zum Westen. Deshalb sollte
der sowjetischen Invasion waren die Rumänen ja bereits informiert worden. Vor der Reise war auch die sowjetische Seite umgehend informiert worden. Am 22.11., als die Nagy-Gruppe „festgenommen“ wurde, reiste eine rumänische Spitzendelegation für zwei Tage nach Budapest und führte u.a. Gespräche mit Suslov und Kádár. Granville 2004, S. 132 wie die folgende Anmerkung.
1 SUUK 150 u. Brief an ZK des BdKJ; SUUK 190, S. 634. Nagy versuchte am 3. November in Gesprächen mit einer rumänischen Parteidelegation über die Vermittlung von Geoghiu-Dej ein ungarisch-sowjetisches Gipfeltreffen zu arrangieren. Bekes 1996, S. 55.
2 SUUK 203, S. 660.
3 "Auf Vereinbarung mit den ungarischen und rumänischen Genossen wurden heute Imre Nagy und seine Gruppe nach Rumänien überführt (…)." Malenkov, Suslov und Aristov an ZK der KPdSU v. 23.11.1956; SUUK 207, S. 677; Vgl. auch SUUK 213, Anm. 6.
4 SUUK 208, S. 678.
5 SUUK 208, S. 679. Retegan 1999, S. 434.
6 Dej betonte mehrfach, dass seiner Meinung nach die „Funktionen der Diktatur des Proletariats“ entschiedener realisiert werden müssen. Einen eigenen Maßnahmekatalog lieferte er gleich mit. Die ungarischen Ereignisse werden als Ursache für innenpolitische Probleme in Rumänien, die rumänische Politik „erbarmungsloser Schläge“ als Vorbild dargestellt. Wenn Dejs Auffassung nach die Regierung Kádár mit diesen Aufgaben fertig werden könne und Kádár und Münnich einen guten Eindruck auf ihn gemacht hatten, spricht das dafür, dass diese ein Stück weit einer gemeinsamen Logik des Angemes-senen folgten. Diensttagebuch Nikolajevs v. 26.11.1956; SUUK 213, S. 695 f.
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die Reaktion der Jugoslawen beeinflusst werden, wozu man sich der Mechanismen der Ebenen 4/5 bedienen wollte. Wenn man betonte, dass die „Führung aller kommunistischen Parteien danach strebt (…), dass die Einheit und Freundschaft gesichert“ ist und wenn man Meinungsverschiedenheiten in Teilfragen „gemäß der Ordnung der Diskussion unter Genossen beseitigen“ wollte, so bedeutete dies, dass man mit den entsprechenden Symbolen (Freundschaft, Einheit, Diskussion von Genossen) eine spezifischen Logik des Angemessenen verband. Entscheidende Wirkung versprach man sich von den Mechanismen der Ebene 4. Über die Botschaft erfolgte die Bitte an Tito, einem Spitzentreffen innerhalb von 1-2 Tagen zuzustimmen. Darüber wurde selbstverständlich die sowjetische Seite informiert. 1
Daraus resultierte aber ein Problem, das einen interessanten „Testfall“ für unsere Fragestellung ergibt. Im KPdSU-Präsidium hielt man die rumänische Idee nämlich für „unzweckmäßig“ und beauftragte Bulganin, darüber mit Gheorgiu-Dej zu verhandeln und ihm in aller Deutlichkeit verstehen zu geben (podskasat'), dass solche Verhandlungen „nicht zu unserem Nutzen und nicht zum Nutzen Ungarns“ sei. 2 Bemerkenswert ist nun der Ablauf dieser Gespräche, bei denen kaum etwas anderes zu erwarten war als eine sowjetische Meinungsäußerung, die dann von rumänischer Seite akzeptiert wird. Auf Vermittlung des Vorsitzenden einer rumänischen Wirtschaftsdelegation, also auf eine eigenartig umständliche Art und Weise, kam der erste Kontakt, ein Anruf Gheorgiu-Dejs, zustande. Dieser teilte unter etwas fadenscheinigen Gründen 3 mit, nicht nach Moskau zu kommen, und vermied damit, sich den Mechanismen der Ebene 4 auszusetzen. Nachdem Dej das „Gespräch über die Moskaureise beendet hatte“, bat er Bulganin, die KPdSU-Führung über „das Folgende“ zu informieren. Bevor Bulganin die sowjetischen Bedenken über ein rumänisch-jugoslawisches Treffen auf „irgendeinem hohen Niveau“ äußerte, erfuhr er, dass solche Gespräche auf der Ebene unterhalb der Parteichefs bereits eingeleitet worden seien. Der sowjetischen Seite blieb nichts anderes übrig, als sich mit dem Versprechen Dejs zufriedenzugeben, die Partner nach der Rückkehr der rumänischen Delegation (telefonisch!) zu informieren. Ohne dass dieses Vorgehen von Bulganin angefochten worden war, rief Dej nach einer halben Stunde nochmals an. Nachdem er die sowjetischen Bedenken gegenüber solchen Gesprächen reflektiert hatte, änderte sich seine Definition angemessenen Verhaltens zunächst in Richtung einer symbolischen Anerkennung der sowjetischen Kompetenzen: Über die Gespräche wolle er nicht am Telefon berichten, sondern zu einer „persönlichen Information“ nach Moskau kommen. Dies sowjetische Seite zeigte sich „froh über ein Treffen“, über dessen Zeitpunkt Dej informieren wollte. Trotzdem scheint es letztlich nur eine Information über den sowjetischen Botschafter gegeben zu haben. 4 Die rumänische Delegation, die Ende November Moskau besuchte, wurde nicht von Gheorgiu-Dej geführt, sondern von Stoika. Dabei blieb es, obwohl Stoica in einem „sehr dringenden Telegramm“ zum Ausdruck brachte, dass angesichts sowjetischer Nachfragen „das Erscheinen des Genossen (Dej) absolut notwendig ist: Wir fürchten, seine eventuelle Abwesenheit könnte in der gegenwärtigen Lage als Verweigerung gedeutet werden.“ 5 Dies bedeutet keinesfalls, dass die Rumänen eine eigenständige Jugoslawienpolitik, die sowjetischen Vorgaben widersprach, durchsetzen konnten und wollten. Allerdings zeigt dies die Möglichkeiten, den Mechanismen
1 Nikolajev an MID v. 26.11.1956; SUUK 212.
2 Protokollnotiz der Sitzung des KPdSU-Präsidiums v. 27.11.1956; SUUK 214. Vgl. auch den Beschluß, SUUK 215.
3 Er wolle keinen Vorwand für die Deutung geben, dass die rumänische Wirtschaftsdelegation in der aktuellen Zusammensetzung die Verhandlungen nicht gewährleisten könne. SUUK 217.
4 Der jugoslawischen Delegation gehörten immerhin Kardelj und Rankovic an, der rumänischen Ministerpräsident Bondares. Am 28.11. informierte dieser den sowjetischen Botschafter über die Ge- spräche. Aufzeichnungen Bulganins für das ZK der KPdSU v. 27.11.1956; SUUK 217, S. 700 f. Vgl. auch Anm. 3, S. 701.
5 Zit. nach Retegan 1999, S. 436.
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der Institutionalisierung auszuweichen, ohne unmittelbare Folgen erwarten zu müssen. Die oberen Ebenen unseres Schemas waren genauso relevant wie eventuelle Anreize der UdSSR. Vor allem aber zeigt dies die Fragilität und schwache Organisiertheit der institutionellen Mechanismen. Hier hatte es ja bis dahin ein buntes Durcheinander unterschiedlicher bilateraler und multilateraler Formen gegeben.
Aber auch bei deren Gestaltung waren die Rumänen initiativ: Sie traten nicht zuletzt für eine spezifische institutionelle Form des Krisenmanagements ein: Der sowjetischen Seite wurde Ende November vorgeschlagen, „ein Treffen der Vorsitzenden der KPs unseres Lagers“ unter Teilnahme von Jugoslawien („möglichst/ vielleicht“) und auch China durchzuführen. Dort sollte abgestimmt werden, welche Maßnahmen unter den gegebenen Umständen vorgenommen werden sollten. 1
Was lag näher als eine solche Form der Abstimmung, die seit 1953 und auch im Verlauf des Jahres 1956 schon mehrfach sporadisch genutzt wurde, und eine sowjetische Initiative für die Nutzung dieses „Raumes“, sozusagen seine weitere Institutionalisierung? Obwohl auch in der sowjetischen Führung ein solcher Gedanke latent war, kamen nicht von dieser Seite weitere Impulse, sondern von der neuen ungarischen Führung. Deren Vorschläge scheinen nicht nur die ersten Äußerungen zu diesem Thema gewesen zu sein; sie waren inhaltlich auch viel ambitionierter als die rumänischen. Bereits am 12. November erwähnte Kádár als ein Ergebnis des ZK-Plenums der USAP, dass man an das ZK der KPdSU und der anderen Bruderparteien der europäischen Volksdemokratien mit der Bitte herantreten wolle, dass sich die Führungen dieser Parteien treffen und ihre Beziehungen auf der Grundlage einer Analyse der ungarischen Ereignisse diskutieren. Zur Vorbereitung sollten 2-3 sowjetische Genossen nach Budapest kommen. Allerdings ließ man es nicht bei diesem informellen Vorschlag bewenden; am selben Tag ging ein offizielles Schreiben mit dem Konferenzvorschlag an Chruschtschov. Dieser stimmte zu und sandte Malenkov (zusätzlich zu Suslov und Aristov) zur Vorbesprechung des ungarischen Vorschlags nach Budapest. 2
Interessant ist aber nicht nur dieser Ablauf, es sind vor allem die inhaltlichen Vorstellungen der ungarischen KP. Der Teilnehmerkreis sollte neben den KPs der europäischen Volksdemokratien und der UdSSR auch chinesische und jugoslawische Delegationen umfassen. Auch wenn die ungarische Seite ihren Vorschlag nicht „endgültig“ ausformuliert hatte und ihn nur in allgemeiner Form darlegte, bleibt er bemerkenswert. Im Zentrum stand die „nationale Frage“, die nicht nur für die ungarische, sondern für alle Bruderparteien große politische Bedeutung besitze. Angesichts dessen sei es wichtig, diese Frage prinzipiell und praktisch „auszuarbeiten“. Die ungarische Partei müsse, um die „Massen zu erobern“, eine programmatische Erklärung herausgeben, in der die nationale Frage im weiteren Sinne einen gebührenden Platz einnimmt. Die sowjetischen Vertreter fragten darauf, was man denn konkreter im Sinne habe, wenn man von der „nationalen Frage“ spreche. Die Antwort: Damit seien nicht territoriale Fragen gemeint, sondern - wie Kádár im Lichte der ungarischen Ereignisse hervorhob - vor allem die Fragen von Souveränität und Unabhängigkeit. „In unserem Auftreten vor dem ungarischen Volk betonten wir zugespitzt die Frage der Unabhängigkeit und Souveränität Ungarns, stellten sie aber in einer etwas zu allgemeinen und wenig fühlbaren Form dar. Dem Volk ist das nicht ausreichend klar und nicht alles verständlich. Die Massen wollen wissen, wie die Frage der Beziehungen zwischen Ungarn und der UdSSR und auch mit den anderen sozialistischen Ländern entschieden werden. Die Sache ist die (…), dass die Souveränität, Unabhängigkeit und die gegenseitige Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten als Prinzipein, auf denen die Beziehungen zwischen der UdSSR und den Ländern der Volksdemokratie aufgebaut sind, auch früher nicht nur einmal erklärt wurden. Allerdings wurden diese Prinzipien in der Praxis nicht
1 Aufzeichnung Bulganins über Telefongespräch mit Dej v. 27.11.1956; SUUK 217, S. 700 f.
2 SUUK 195, S. 644 f.; SUUK 196, S. 645 u. SUUK 197, S. 646.
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immer beachtet. Es wurden viele Fehler zugelassen. Man muss diese Fehler analysieren und aus ihnen die angemessenen Lehren ziehen. Wir müssen dem Volk konkret sagen, wie diese Prinzipien im weiteren praktisch verwirklicht werden. Man muss Klarheit in die Beziehungen zwischen den Parteien hineinbringen, danach auch auf staatlicher Linie (…). Nachdem die Bruderparteien diese Fragen diskutiert haben, könnte man die Erklärung der sowjetischen Regierung vom 30. Oktober 1956 entwickeln und konkretisieren. Dies würde der UdSSR und Ungarn die Möglichkeit geben, ein positives Programm von Partei und Regierung in der Frage der Souveränität und Unabhängigkeit Ungarns niederzulegen.“ Zum Zeitpunkt der Deklaration könnte dies tatsächlich der Logik des Angemessenen entsprochen haben; seitdem aber gab es nicht nur durch den Wechsel der Wahrnehmungsweise auf die ungarischen Ereignisse erhebliche Gegentrends. Aber das ungarische Konzept ging noch einen Schritt weiter: „Die ungarischen Genossen glauben, dass es notwendig ist, bald ein Programm für den Aufbau des Sozialismus auszuarbeiten, das den ungarischen Bedingungen entspricht. Kádár sagte, dass [ursprünglich] erklärt wurde, dass eine Volksdemokratie eine neue Form der Diktatur des Proletariats darstelle, aber tatsächlich strebten alle danach, es nach dem Vorbild der UdSSR zu machen. Die Hauptfrage besteht jetzt darin, Formen des sozialistischen Aufbaus auszuarbeiten, die auf die Besonderheiten Ungarns und nicht der UdSSR antworten. Diese spezifischen Formen, die im Vergleich mit der Sowjetunion neu sind, helfen uns, alle progressiven Kräfte des Landes auf unsere Seite zu bringen.“ 1 Die sowjetische Wiedergabe bedeutet immerhin eine gewisse Akzeptanz gegenüber den Vorstellungen Kadars, den man ja insgesamt positiv bewertete, im Vergleich zu weitergehenden Auffassungen. Einige ZK-Mitglieder hatten nämlich die Frage der Souveränität und Unabhängigkeit noch ein wenig anders gestellt. Hier war von einer Unabhängigkeit im Sinne einer Neutralität die Rede, die auch für die SU akzeptabel sein sollte, nicht eine westliche Neutralität nach dem Beispiel Österreichs, sondern eine östliche Neutralität nach dem jugoslawischen oder einem anderen Beispiel. Dies war für die UdSSR kaum akzeptabel. Das Fazit der KPdSU-Vertreter bringt deshalb auch Vorbehalte gegenüber dem ungarischen Konferenzprojekt zum Ausdruck: Aus den Gesprächen und den Auftritten auf der ZK-Sitzung vom 11. November könne man die Schlussfolgerung ziehen, dass es bei einem Teil der ungarischen Genossen die Stimmung gibt, auf der Beratung der Bruderparteien die Politik der KPdSU in ihrer Beziehung zu den Volksdemokratien einer Kritik zu unterziehen, aber auch die Innenpolitik einiger Parteien der europäischen Volksdemokratien. Die von einigen Mitgliedern des USAP-ZKs (insbesondere auf der ZK-Tagung am 11. November) geäußerte Bewertung der Politik der KPdSU bezüglich der Volksdemokratien entspräche in vielem dem, was Tito in seiner Rede in Pula geäußert habeeine Rede, welche die sowjetische Führung wegen ihrer öffentlichen Kritik am stalinistischen „System“ scharf abgelehnt hatte. 2
Eine solche Konferenz war also aus sowjetischer Perspektive nicht ohne Risiken. Dies kann jedoch das weitere Schicksal des Konferenzgedankens nicht völlig erklären. Immerhin hatte man ja im Gespräch mit den Mitgliedern des Exekutivkomitees der USAP geäußert, dass sich das ZK der KPdSU positiv gegenüber der Einberufung der vorgeschlagenen Beratung verhalte, man dem ZK die Meinung der ungarischen Genossen berichten wolle und sich danach mit ihnen verständigen werde über die praktische Diskussion der Einberufung, die mit den Bruderparteien beraten werden müsste. 3
Sicherlich war dies ein erstaunliches Maß an offensivem Vorgehen bei einer Neudefinition des Angemessenen. Zudem stand dies bei der ungarischen Seite in deutlichem Widerspruch
1 Information Malenkovs, Suslovs und Aristovs v. 22.11.1956; SUUK 206, S. 674 f., vgl. auch SUUK 196, S. 645.
2 Information Malenkovs, Suslovs und Aristovs v. 22.11.1956; SUUK 206, S. 674 f.
3 SUUK 206, S. 675.
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zu der hierarchischen Tendenz der aktuellen Beziehungen. Hier wird die Ambivalenz des ungarischen Schemas bestätigt zwischen unbedingter Anerkennung der sowjetischen Führungsrolle beim aktuellen Krisenmanagement und gleichzeitigen Versuchen, eine längerfristig geringe Hierarchie zu institutionalisieren. Auch wenn dies der sowjetischen Seite ein Stück zu weit gegangen sein mag, was die Kritik an den früheren Formen betraf; eine direkt ablehnende Reaktion ist (bisher) nicht nachzuweisen. Gegenüber Kádár gab es keine Kritik, sondern eine insgesamt positive Einschätzung. Eher scheint es ein dilatorisches (Nicht-)Behandeln der Frage gegeben zu haben. Die nationalkommunistische Tendenz war den Sowjets suspekt, erschien aber auch nicht völlig unbegründet. 1 Auch wenn umfassende Gespräche mit Kádár und allen Mitglieder des ZK geführt wurden, die nicht auf eine generelle Ablehnung der Sowjets schließen lassen, stand eine solche Konferenz, die nach ungarischem Vorschlag in nächster Zukunft, d.h. etwa nach 3 Wochen, stattfinden sollte 2 , nicht im Mittelpunkt der politischen Bemühungen der Folgezeit.
Hier ging es immerhin um die Normierung der Beziehungen im Ostblock, um die weitere Ausgestaltung und Präzisierung der sowjetischen Erklärung vom 30. Oktober 1956. Dies konnte bedeuteten, dass über die Mechanismen der Ebenen 4 und 5 eine Normierung der Beziehungen auf einer niedrigen Hierarchie (Stufe 2) erreicht werden sollte. Die rumänische Führung wurde in dieser Frage sogleich selbständig aktiv. Bereits am 31.10. erörterte das Politbüro der RAP die neuen Entwicklungstendenzen, die sich aus der sowjetischen Erklärung für die Beziehungen zur UdSSR ableiten ließen. Es wurde geschlussfolgert, dass nun die Voraussetzungen vorhanden seien, um die (bereits im August 1955 intern angeschnittene Frage) nach dem Abzug der sowjetischen Truppen „mit der Regierung der UdSSR zu besprechen“. Deren Stationierung sei vom Standpunkt der inneren Situation der RVR nicht mehr notwendig. Der Truppenabzug sollte auch damit begründet werden, dass er zu einer Verringerung der Ursachen für eine antisowjetische Agitation führen würde. Ebenso sollte das „Problem der Zurückbeorderung der sowjetischen Berater“ angesprochen werden. 3 Die begonnene Neudefinition des Angemessenen sollte - trotz der zweiten Invasion - in praktische Politik umgesetzt werden. Die aktive rumänische Politik war also durch innenpolitische Interessen wie ersten Versuchen, den Handlungsspielraum auszutesten, bestimmt. Dennoch wirkte auch eine gewisse Logik des Angemessenen. Die Führung benutzte diese gegenüber Ungarn, in den eigenen Reihen und glaubte wohl auch noch daran. Am 1. Dezember begründete der Parteichef die rumänische Politik jedenfalls auch als „notwendige internationale Pflicht“. 4
Die institutionellen Wirkungen einer multilateralen Konferenz waren somit offen. Gerade in der Frage der Truppenstationierung blieb die sowjetische Seite somit lieber bei bilateralen Formen. Mit Polen war bereits Mitte November ein Stationierungsabkommen erreicht worden. Es folgten entsprechende Verhandlungen mit den anderen „Partnern“. Diese wurden seit Ende 1957 mit Ungarn geführt und am 26. April 1958 mit einem Abkommen abgeschlossen. 5 Chruschtschov soll sogar im April 1958 bereit gewesen sein, die Truppen aus Ungarn abzuziehen. Kádár soll sich dagegen ausgesprochen haben: „Wissen Sie, Genosse Chruschtschow, uns stören Ihre Soldaten hier nicht. Sie sollten nur weiter bei uns bleiben.
1 Wenn man betonte, dass die Konterrevolution die Regierung mit dem Argument zu kompromittieren suche, dass diese die „nationalen Interessen verkaufe“, bedeutet dies zumindest, dass solche Interessen existieren. SUUK 206.
2 SUUK 206, S. 673.
3 Retegan 1999, S. 435 f. u. 427.
4 Ionescu 2004, S. 61. Dej habe sich auch als “orthodoxer Kommunist” verhalten.
5 Granville 2004, S. 156.
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Dafür aber lassen Sie Rákosi nicht nach Ungarn zurückkehren!“ 1 Möglicherweise erweiterte Kádár hierdurch sogar seinen Spielraum. Jedenfalls diente der Rahmen einer multilateralen Parteikonferenz, konkret der Moskauer Konferenz vom Mai 1958, nur noch als Raum für eine symbolische Bestätigung der bilateralen Beschlüsse, vor allem des sowjetischen Abzugs aus Rumänien. 2 Ein solcher Truppenabzug war sicherlich auch Rest der neuen Logik des Angemessenen wie ein Vertrauensbeweis für die als loyal wahrgenommenen Führungen. 3
Im Rahmen der chinesischen Vermittlungstätigkeit, deren Höhepunkt in der Reise Tschou En-lais über Moskau in den Ostblock im Januar 1957 lag, erfolgte aber auch eine chinesische Konferenzinitiative. Der chinesische Regierungschef erklärte es für „erforderlich, dass eine Konferenz der Vertreter der kommunistischen Parteien und der Regierungen aller sozialistischen Länder einberufen werde. Tschou betonte, dass es zu diesem Konferenzvorschlag gekommen sei, nachdem er die europäischen Ostblockländer bereist hatte. Ziel einer solchen Konferenz wäre es, die Zusammenarbeit und die Einheit der sozialistischen Länder zu stärken und die Ursachen zu beseitigen, die einer solchen Einheit im Wege stehen und die zu schweren Konflikten geführt haben.“ Jeder Konferenzteilnehmer solle die Möglichkeit haben, alles zu sagen, was er wolle. Ziel der Konferenz wäre nicht die Schaffung neuer Organisationen zwischen den Kommunisten; auch sollten auf der Konferenz keine Beschlüsse gefasst werden, die dann einzelnen Teilnehmern aufgezwungen werden könnten. Eine solches Anliegen wie die Hervorhebung, dass es sich um eine chinesische Initiative, ja um eine persönliche Idee Maos handele, zielte in erheblichem Maße auf die polnische und jugoslawische Seite, deren Nichtteilnahme ein „Beweis für die Schwächung der Einheit der Kräfte des Sozialismus“ sei. (Eine ideologische Zeitschrift sei in Vorbereitung; dies könnte dort besprochen werden.) Allerdings blieb die jugoslawische Seite skeptisch und wollte sich nicht dem kollektiven Druck (auf den Ebenen 4 und 5) aussetzen. 4 Ohnehin war die chinesische Rhetorik ambivalent: einerseits auf Unabhängigkeit, andererseits auf die „Einheit des sozialistischen Lagers“ ausgerichtet. Die Bekenntnis der KPdSU-Führung zu einem positiven stalinistischen Erbe erfolgte im Einklang mit den Chinesen. Von Molotow wurde später kritisch angemerkt, dass die sowjetische Führung der Würdigung Stalins zugestimmt hätte, solange die Chinesen in Moskau waren; aber nachdem Tschou abgereist war, sei man davon sofort wieder abgerückt. 5 Dies würde bedeuten, dass die Mechanismen der Ebenen 4 und 5 zugunsten der chinesischen Führung wirkten, allerdings bei der Würdigung Stalins nur auf sehr geringem Institutionalisierungsniveau (Stufe 2). Tschou beendete seine Rede im Kreml mit einer „Art Kriegsruf“: „Um den Feind zu besiegen, müssen wir die Einheit des Sozialistischen Lagers mit der Sowjetunion an der Spitze festigen.“ 6 Die sowjetische Führung geriet unter deutlichen Druck der chinesischen Auffassungen und musste lavieren. Chruschtschov sah sich auf einem Empfang der chinesischen Botschaft erstmalig nach dem XX. Parteitag zu der Erklärung genötigt, dass „der Name Stalins untrennbar mit dem Marxismus-Leninismus verbunden“ sei. Hier wirkten
1 Gosztony 1999, S. 508, aber ohne Quellenbelege. Andere Autoren schreiben von einem Angebot, Truppenteile zurückzuziehen, das Kadar ablehnte. Tökés 1998, S. 41.
2 Die Konferenz wird später ausführlich behandelt. Die Teilnehmer waren sich über den Status der Konferenz (RGW, WVO, Partei) nicht völlig klar.
3 Noch 1955 hatte die sowjetische Seite den Vorstoß des rumänischen Verteidigungsministers Bodnaras strikt zurückgewiesen. Die Motive für die neue Entscheidung sind noch immer umstritten. Sowjetische Motive unabhängig von rumänischen Wünschen wie die Loyalität der rumänischen Führung sollen aber eine Rolle gespielt haben. Ionescu 2004, S. 62 f.
4 Gespräch Micunovic' mit Tschou En-lai am 20.1.1957; Micunovic 1982, S. 248 f. u. 250.
5 So Molotow in seiner Kritik an der Außenpolitik Chruschtschows auf dem Plenum des ZK der KPdSU v. 24.06.1957; zit. nach Cold War International History Project (CWIHP), www.CWIHP.org. by the permission of the Woodrow Wilson Center for Scholars. Vgl. auch die folgende Anmerkung.
6 Micunovic 1982, S. 236 f. u. 239.
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- relativ temporär - Mechanismen der Ebene 4. Nachdem Tschou weggefahren war, hatte man ja - so der Vorwurf Molotovs - mit dem Lob Stalins wieder aufgehört. 1 Die chinesische Einfluss bleibt deutlich, auch in der Konferenzidee. Chruschtschov behauptete später, er habe die Konferenz bereits im Februar 1957 durchführen wollen; Mao sei für einen späteren Zeitpunkt eingetreten und habe gefordert „nichts zu überstürzen“. 2 Gründe für die Skepsis gegenüber einer solchen Konferenz lagen nicht nur in konzeptioneller Unklarheit und Schwäche auf sowjetischer Seite; es ging auch darum, eine Veranstaltung ohne Jugoslawien zu vermeiden, die nicht die „Einheit“, sondern die Spaltung des sozialistischen Lagers symbolisiert hätte. Chruschtschov schlug vor, Tito nach Budapest einzuladen. Gegen ein solches Treffen trat wohl vor allem die chinesische Seite ein. Die Situation sei noch nicht reif, sich mit den Jugoslawen zu treffen. 3 Die Spannweite der zu erwartenden Auffassungen konnte erheblich sein. Somit kamen Anfang Januar 1957 nur die bulgarischen, tschechoslowakischen, rumänischen und sowjetischen Führungen nach Budapest, um die aktuelle Situation zu beraten. Über die konkreten Verhandlungen ist noch wenig bekannt. Hier erfolgte auch, insbesondere von rumänischer Seite, ein Erwartungsdruck darauf, die „Reaktion (…) mitleidslos zu zerschmettern“, anstatt zu verhandeln. Die Praxis der Repressalien entsprach tendenziell diesen Wünschen. 4 Somit verlief die multilaterale Abstimmung im Januar immer noch unkoordiniert und improvisiert. Am 7. Januar traf die chinesische Spitzendelegation unter Führung Tschous in Moskau ein, wo sich auch DDR-Ministerpräsident Grotewohl befand. Bei ersten Gesprächen am 8. Januar wurde Übereinstimmung erzielt, dass die Wiederherstellung der Ruhe im sozialistischen Lager die Hauptaufgabe sei. Chruschtschov schlug vor, dass Tschou deshalb auch Ungarn besuchen sollte. Dieser stimmte zu, sprach sich aber dafür aus, gleich in Moskau mit den Ungarn zu sprechen. Daraufhin wurden Kádár und Marosán unmittelbar nach Moskau beordert. Sie erreichten - aufgrund eines Schneesturms und einer Zwischenlandung in Prag - Moskau erst am 10. Januar; bereits am Nachmittag trafen sie sich mit Tschou. Kádár wurde auch informiert, dass die chinesische Delegation auf Initiative Chruschtschovs auch nach Ungarn kommen würde. Dies wurde von Kádár ausdrücklich begrüßt. 5 Am 11. Januar wurde eine gemeinsame Erklärung herausgegeben. Tschou flog daraufhin nach Warschau weiter (15./16.1.)und von dort aus nach Budapest (16./17.1.). Der Ungarnbesuch war ein wichtiger symbolischer Akt; brachte aber auch weitere Wirtschaftshilfe und konkrete Gespräche zum Umgang mit der Konterrevolution. Hier gab es allerdings nicht immer einen Konsens. 6
Insgesamt zeigen die Initiativen für neue multilaterale Formen ein erstaunlich geringes Hierarchieniveau (Stufe 1 bzw. 2). Die Initiatoren versuchten auf diese Weise neue focal points zu produzieren (Ebene 3) und konnten sich auf die kollektiven Ansätze der letzten Jahre, aber auch der Krisenphase des Herbst 1956 berufen wie auf die hier entwickelte Logik des Angemessenen. Die UdSSR konnte diese Frage zunächst nur dilatorisch behandeln, kaum aber eine Führungsposition übernehmen. Die Etablierung von Spitzenkonferenzen seit November 1957 erfolgte erst, nachdem Chruschtschov seine innere Macht stabilisieren konnte und dann bereits unter anderem Vorzeichen.
1 Molotov auf seiner bekannten ZK-Rede am 24. Juni 1957; vgl. auch Prozumenscikov 1998, S. 170.
2 Prozumenscikov 1998, S. 169 f.
3 Vámos 2006, S. 21.
4 Okvath 1999, S. 488, ibid. Die Repressalien entsprachen aber auch den Anschauungen der Mehrheit der ungarischen Führung.
5 Die Ungarn hatten bereits im Dezember eine Einladung ausgesprochen. Vámos 2006, S. 21. Felkay 1989, S. 112.
6 In der Frage der Hinrichtung von „Konterrevolutionären“ vertrat Tschou nun eine flexiblere Position, ohne damit bei den Ungarn Gehör zu finden. Ungarn erhielt zudem einen 100 Mio. Rubel Kredit, dessen Rückzahlung nicht sofort realisiert werden musste. Vámos 2006, S. 22.
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Die aktuelle Reinstitutionalisierung vollzog sich somit eher bilateral oder durch chinesische Vermittlung. Die CSR schickte bereits am 15./16. November eine Regierungsdelegation unter Ministerpräsident Siroký, die symbolische und materielle Hilfe brachte. 1 Der Zyklus bilateraler Treffen mit der sowjetischen Führung brachte eine Institutionalisierung, die sich insbesondere der Mechanismen auf den Ebenen 4 und 5 bediente. Ergänzt um Ebene 2 (sowjetische Wirtschaftshilfe) erfolgte so die bilaterale Stabilisierung der Beziehungen aller Ostblockstaaten zur UdSSR. Dies zeigt jedoch auch, dass die kleinen Ostblockländer bei dieser Reinstitutionalisierung auf Ebene 3 und 4 in einer günstigen Position waren, indem sie angemessenes Verhalten gegen sowjetische Unterstützung eintauschen konnten. (3;2/3) Im ungarischen Fall war diese Form jedoch erfolgreich. Dies lag nicht nur an der anfänglichen politischen und wirtschaftlichen Schwäche der ungarischen Führung. Die sowjetische Seite intensivierte den Austausch auf verschiedenen Ebenen. 2 Dabei besaßen bilaterale Treffen eine Schlüsselfunktion, vor allem die direkten Spitzentreffen. Im Vorfeld der Januarkonferenz 1957 soll Chruschtschov bereits Ende 1956 nach Ungarn gekommen zu sein, um sich ein Bild von der Lage zu machen. 3 Insgesamt waren neben Treffen mit allen Ostblockführern (mit Ausnahme der polnischen) vor allem die Chinareise Kádárs im Herbst 1957 von Bedeutung. 4 Obwohl kein offizieller Staatsbesuch traf sich die ungarische Delegation mit allen chinesischen Spitzenfunktionären einschließlich Mao. Dieser präsentierte wiederum eine eigene „theoretische“ Lesart der Ereignisse: Der Klassenkampf sei noch nicht beendet. Insgesamt wurde völlige Übereinstimmung gezeigt. Die Ungarn wurden als wichtigste Gäste bei den Gründungsfeierlichkeiten der VR China behandelt. 5 Nach der Partei- und Regierungsdelegation in die UdSSR (20.-28.3.1957) setzte die offizielle Ungarnvisite Chruschtschows (2.4.-10.4.1958) den Schlussstein. Wesentlich waren dabei nicht nur die wirtschaftlichen Zugeständnisse (Ebene 1-2), sondern der hohe symbolische und soziale Aufwand dieser Treffen, der eine Vertrauensbasis zwischen Chruschtschov und Kádár ergab und die volle Zugehörigkeit der neuen ungarischen Führung zum Sozialistischen Lager symbolisierte. 6 Symbolisch wie real zeigte sich auch der von Chruschtschov vorgeschlagene Abzug der Berater, aber auch der bereits erwähnte Kompromiss in der Stationierungsfrage. 7 Nach den erwähnten bilateralen Treffen wurde die Kádár-Führung im November 1957 von
1 Sikora 1996, S. 78.
2 Es wurden ungarische Delegationen von Studenten, Arbeitern und Parteifunktionären nach Moskau eingeladen. Der Austausch von Wissenschaftlern wurde aktiviert. Denkmäler ausländischer Kommunisten, einschließlich ungarischer, wurden in der UdSSR errichtet. Zudem wurde Einfluss auf die Personalpolitik in der USAP zu nehmen versucht. Granville 2004, S. 147.
3 Gosztony 1999, S. 503.
4 Kadar hatte bereits bei seiner Chinareise im Oktober 1956 große Aufmerksamkeit genossen und stimmte unter den veränderten Bedingungen mit dem politischen Kurswechsel in China im Oktober 1957 überein. Ergebnis war ein „vollständiges Einvernehmen“. Felkay 1989, S. 115. Die bilateralen treffen mit den anderen Ostblockführungen dienten zunächst der symbolischen Aufwertung der Kádár-Regierung (16.11.1956 CSR, 20.11. DDR, 22./23.11. RVR, 16./17.1.1957 VRCh, 10.6.1957 VRB, Aug. 1957 Vietnam, September 1957 MVR, 27./28.3.1958 Treffen mit jugoslawischer Führung). Sie boten aber auch die Gelegenheit, eine gemeinsame Definition angemessenen politischen Verhaltens zu festigen.
5 Vámos 2006, S. 29.
6 Man könnte sagen, dass der große symbolische Aufwand für die ungarische Führung einer Korruption durch Prestige nahe kommt, aber auch einem Akt der Unterwerfung. Die ungarische Delegation soll am Sarg Stalins einen Kranz niedergelegt haben. Dallin 1961, S. 527. Zudem waren beim ersten Treffen zwei Tage für persönliche Kontakte Kádárs und Chruschtschovs vorgesehen. Nach seinem Ungarnbesuch konstatierte Chruschtschov, dass er nach dem achttägigen Beisammensein, dass Kádár der richtige Führer für das ungarische Volk sei. "Thus Kadar received the final stamp of approval from Khrushchev". Felkay 1989, S. 112 f. und 119. Die politischen Ergebnisse weisen auf eine starke Hegemonie der UdSSR hin, sind aber noch schlecht belegt. Gosztony 1999, S. 505. Hier ist auch vom verbliebenen Misstrauen gegenüber Kádár die Rede und Plänen, Rákosi wieder einzusetzen. Dies betrifft vor allem die Gegner Chruschtschovs um Molotov.
7 Tökés 1998, S. 40 f. Tökés bestätigt die Ablehnung Kádárs gegenüber einem sowjetischen Truppenabzug. Dies brachte ihm teilweise vorteile beim Aufbau einer loyalen ungarischen Armee wie bei der Senkung der Militärausgaben.
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der kommunistischen Weltbewegung akzeptiert. Auf der Konferenz der Parteiführungen im Mai 1958 präsentierte sich die ungarische Parteiführung als völlig „normal“. Der „Spielraum“, den Ungarn seit den 60er Jahren erhielt, beruhte weitgehend auf einer stabilen Institutionalisierung der ungarischen Position im Ostblock. So wurde zurecht konstatiert: „Kádár sah es als seine Aufgabe an, die kommunistische Parteidiktatur in einer schwierigen außen- und innenpolitischen Situation wieder auf ihre grundsätzlichen Pfeiler zu stellen: die allein regierende Staatspartei, ihr Gewalt- und Meinungsmonopol, die Weiterführung des gescheiterten sozialistischen Umerziehungsprojektes und das besondere
Unterordnungsverhältnis zur Sowjetunion. (...) Der wichtigste und bis 1989 weitgehend eingehaltene, von der Öffentlichkeit im westen oft übersehene Grundsatz der ungarischen Außenpolitik, der diese auch etwa von der rumänischen deutlich unterschied, war die Suche nach Einverständnis mit der Sowjetunion.“ 1 Ein für beide Seiten akzeptables Institutionalisierungsniveau hatte sich - auch als Ergebnis der Krise von 1956 - eingepegelt. Es konnte jedoch gezeigt werden, wie problematisch, fragil und oft unangemessen die institutionellen Mechanismen des Ostblocks 1956 waren. Im folgenden soll versucht werden, die institutionellen Konfigurationen der Krise von 1956 zusammenzufassen.
4.9) Fazit: Die institutionellen Konfigurationen der Krise von 1956
Die Krise des Jahres 1956 hatte erhebliche Anreize für die Neu-Institutionalisierung der Beziehungen im Ostblock produziert; zugleich wurden deutliche Defizite der bisherigen Anreize, Formen und Inhalte sichtbar. Externe „Schocks“ für die kommunistischen Führungen („Aufstände“) vermischte sich mit der internen Neudefinition des Angemessenen („Destalinisierung“). Zunächst soll hier die Ausprägung und Veränderung der institutionellen Konfigurationen auf dem Höhepunkt der Krise rekapituliert werden. Dann soll das institutionelle Niveau und die institutionellen Mechanismen aller wesentlichen Problemfelder zusammengefasst und verallgemeinert werden.
Die Krise des Jahres 1956 erweist sich in erheblichem Maße als Krise der institutionellen Mechanismen. Die Geheimrede vom Februar 1956 war nicht nur die Ursache für eine tiefe Schädigung der institutionellen Mechanismen; die Reaktionen darauf waren auch ein Ausdruck der in vielfacher Hinsicht fragilen institutionellen Mechanismen und ihrer einseitigen Fundierung auf „unhinterfragten Gegebenheiten“.
Somit war die Krise im Verhältnis der sowjetischen und polnischen Führung nur partiell ein Interessenkonflikt; es war ein Ringen um die Neudefinition angemessenen Verhaltens. Dies bedingte die Schärfe der Auseinandersetzungen im Umfeld des VIII. Plenums, aber auch die relativ schnelle „Normalisierung“ im Verhältnis der Führungen. Diese beruhte sicherlich auf dem deutschlandpolitischen „Realismus“ der Polen. Diese „erfanden“ ihre nationalen Interessen aber nicht nur als Mittel der Autonomie gegenüber dem sowjetischen Nachbarn, sondern auch als Legitimationsmittel, um eine mittlere Linie zwischen der eigenen Bevölkerung und der Zugehörigkeit zum Ostblock fahren zu können. Andererseits: Als die Polen sich maßgeblich an der Neudefinition angemessenen Verhaltens beteiligten, bestätigten sie bereits ein Stück weit gemeinsame Wahrnehmungsmuster und „Grundwerte“. Dies machte die relativ schnelle Reinstitutionalisierung möglich.
Die Erosion der „stalinistischen“ Schemata führten nicht nur zu Ansätzen einer Neudefinition des Angemessenen; sie führte auch zu steigenden Herrschaftskosten für die sowjetische Führungsmacht. Wohin führte das? Die Möglichkeiten der sowjetischen Seite, die Politik der ungarischen Führung zu kontrollieren oder gar zu lenken, blieben begrenzt. Dies zeigt das
1 Klimó 2006, S. 81 f.
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zentrale Feld der Personalpolitik, das faktisch wie symbolisch zu den zentralen Prärogativen der Hegemonialmacht gehört hatte. Dies führte zu einer sinkenden Hierarchie selbst im Gefolge der ersten militärischen Intervention. Mikojan machte die Erfahrung, dass die sowjetischen Vertreter aufgrund der Furcht auf ungarischer Seite, dass die sowjetische Seite irgendwelche Schritte unternehmen werden, vor vollendete Tatsachen gestellt werden. Dies betreffe die Frage des Abzugs der sowjetischen Truppen wie die Regierungsbildung. Von der Umbildung der Regierung habe man nicht von der Führung erfahren, die offenbar wollte, dass sie eine endgültig getroffene Entscheidung der sowjetischen Seite erst mitteilt, wenn diese Entscheidung bereits veröffentlicht ist. 1 Dies zeigt sehr schön die sinkende Hierarchie angesichts steigender Herrschaftskosten, die beim Wegbrechen von institutionellen Elementen auf den oberen Ebenen entstehen. Das dadurch einsetzende Kalkül ermöglicht die Entwicklung von sheating/shirking-Strategien, welche die Herrschaftskosten deutlich steigern. Gerade weil dies hier nur in Ansätzen begann, zeigt es die Wirkung im Verhältnis zu den bisherigen institutionellen Mechanismen, die sich angesichts ihrer vorherigen Aushöhlung in der zugespitzten Krise als fragil erwiesen. Zunächst aber führte dies nicht dazu, die etablierten Mechanismen zu verstärken oder zu ersetzen. Innerhalb von zwei Tagen hatte sich Ende Oktober die vielfach latente Neudefinition angemessenen Verhaltens auch in der sowjetischen Führung durchgesetzt. In diese Richtung wiesen nicht nur jugoslawische und polnische, sondern auch chinesische und ungarische Definitionen. Sie war in der sowjetischen Führung präsent, wurde aber nun durch ein massives Herrschaftskostenkalkül durchgesetzt. Bisherige Mittel und Hierarchieniveau erschienen nun als anachronistisch.
Die Wirkung der geschilderten Mechanismen erreichte am 30. Oktober ihren Höhepunkt und setzte sich in politisches Handeln um. Die Wahrnehmung einer „breiten antisowjetische Stimmung“ ist Ausdruck von Herrschaftskosten, aber auch von kognitiv-emotionalen Kosten der sowjetischen Führung. Zurecht wurde Chruschtschov attestiert, dass er psychologisch weniger gut (als Stalin) veranlagt war, seine „politischen Bauchschmerzen“ zu ignorieren. 2 Dies traf wohl auf eine ganze Reiche von Führungskadern im Präsidium zu: Mikojan, Saburov, Shukov, Malinin. Die Situation wurde nun als Ausdruck einer „Krise“ in den Beziehungen der UdSSR zu den Volksdemokratien erfasst. Die Methode zur Reinstitutionalisierung lautete „Elemente des Kommandierens beseitigen“, also eine Senkung des Hierarchieniveaus. 3 Die Bereitschaft, die sowjetischen Truppen zurückzuziehen, war eine ungewöhnlich deutliche Reaktion. Wie Shukov es formulierte, sei dies für sie eine militärpolitische „Lektion“. Die Erklärung dürfte im Augenblick ihres Beschlusses durchaus ernst gemeint gewesen sein. Auch wenn man bereits am Folgetag die Situation in Ungarn als neues Szenario wahrnahm, blieb die Erklärung ein wichtiger Bezugspunkt für die Neugestaltung der Beziehungen im Ostblock. 4 Deutlich verschmelzen kognitive Kosten und Herrschaftskostenkalkül zu einem Vorbehalt gegen eine gewaltsame Reinstitutionalisierung. 5 Diese aus Herrschaftskosten wie kognitiven Kosten bestehende Institutionalisierung blieb über diese Krise hinaus von Bedeutung. 6 Allerdings musste dies nicht für die Anerkennung
1 Mikojan an ZK der KPdSU v. 26.10.1956; SUUK 94, S. 388 f.
2 Reddaway 1966, S. 478.
3 So Schepilov. SUUK 115, S. 459.
4 Vgl. auch Volkov 1999, S. 14ff.
5 In diesem Sinne betonte Saburov: Man darf nicht gegen den Willen des Volkes führen. Wir standen nicht auf dem Boden der echten leninschen Prinzipien der Führung. Bei Shukov verschmolzen Herrschaftskosten und kognitive Kosten zu einer Unsicherheitswahrnehmung. Wenn man weiter beharre, sei es ungewiss, wozu das führt. SUUK 115, S. 459. Augenscheinlich werden die psychischen Kosten der Situation bei Malinin, der offensichtlich entnervt die Präsidiumssitzung verließ. S. 460.
6 Jones findet für die geringe Neigung zum militärischen Krisenmanagement im Ostblock Herrschaftskostenkalküle wie Gründe in der „Doktrin“, die gegen „imperialistische“ Angriffe auf „Brudervölker“ oder „ungerechte Kriege“ sprachen. Jones 1976. S. 236 ff.
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einer geringeren Hierarchie zutreffen. Die institutionelle Konfiguration, die zu einem kurzfristigen Gleichgewicht zugunsten einer grundlegenden Neugestaltung des Ostblocks führte, war komplex. Damit war sie aber auch instabil.
Der schnelle Umschwung zugunsten einer zweiten Intervention kann nicht rein machtpolitisch gedeutet werden, auch wenn dies gegenüber dem „imperialistischen Lager“ eine Rolle spielte. Die Wahrnehmung, dass bei einem Austritt Ungarns aus dem Warschauer Vertrag westliche Truppen dort einmarschieren würden, war latent. Ihre Durchsetzung war aber eine Folge des nun dominierenden Freund-Feind-Schemas. Die ungarische Führung schien die entscheidende Grenze am 30. und 31. Oktober überschritten zu haben, ausgedrückt in symbolischen Handlungen von äußerster Prägekraft. Dem entsprach aber weder die Analyse Mikojans noch die des zukünftigen „Mannes in Ungarn“, Kádár. Dieser schwenkte jedoch erstaunlich schnell auf die sowjetische Lesart ein, nicht nur aus purem Realismus, sondern weil die sowjetischen Vorgaben sich mit tiefersitzenden Schemata trafen und die Mechanismen der Ebene 4 und 5 effektiv wirken konnten.
Im Umgang mit der Situation in Ungarn konnte die sowjetische Seite nun - trotz deutlicher Reibungsverluste - eine fast imperiale Position aufbauen, da die ungarischen Partner kaum über eigene Ressourcen verfügten. Allerdings blieb dies auf die akute Krise beschränkt; die am 30. Oktober festgeschriebene Logik des Angemessenen blieb relevant. Dies zeigte sich auch bei der Idee einer internationalen Konferenz der Parteichefs, die das neue Verhältnis der Ostblockländer symbolisieren und einen neuen Raum für die Problemlösung bereitstellen. Hier war neben China und Rumänien vor allem die ungarische Seite aktiv. Die sowjetische Seite handelte dilatorisch; ein deutliches Zeichen ihrer eingeschränkten Fähigkeit, institutionelle focal points zu produzieren. Mit der Erklärung vom 30. Oktober konnten sich die Mechanismen der Ebenen 4 und 5 gegen die sowjetische Position wenden; diese war erstmals in der Defensive. Im gesamten Verlauf der Krise fühlte sich die sowjetische Seite verpflichtet, die Ostblockländer zu informieren oder sogar einzubeziehen. Die Formen hierzu waren aber - auch wenn es multilaterale Ansätze gab - zumeist improvisiert und eher eine Reaktion auf die Ereignisse als ein aktives Krisenmanagement.
Nun zeigte sich deutlich, dass die institutionalistischen Defizite nicht allein der dynamischen Krisensituation geschuldet war. Das System hatte zu stark auf den Mechanismen der oberen Ebenen (4-6) beruht, um bei einer Infragesellung der kognitiven Schemata stabil zu bleiben. Die sowjetische Seite versuchte zwar, diese durch multilaterale Formen und Inhalte der „Gleichberechtigung“ zu ergänzen, fand aber nicht zu einer einheitlichen Linie. Das starke und hektische Schwanken der Institutionalisierungsniveaus wie der institutionellen Mechanismen ist Ausdruck einer institutionalistischen Krise, die zu einer weitgehenden Deinstitutionalisierung führte und in Ungarn erst durch massiven Gewalteinsatz beendet werden konnte. Dies ist insgesamt eher Ausdruck einer prekären Hierarchie als einer imperialen.
Dies zeigte sich auch bei der schwach institutionalisierten Kooperation mit Rumänien, das sich bereits hier in Ansätzen von einer eigenen Interessendefinition leiten ließ, auch wenn damit von sowjetischen oder kollektiven Bemühungen abgewichen wurde. Andererseits zeigt das rumänische Beispiel wie weit man mit einer Mischung symbolischer Obedienz und realer Interessenpolitik kommen konnte: als einziges Land erreichte es bekanntlich den Abzug der Truppen in den folgenden Jahren.
Immerhin waren Ansätze zu verstärkten kollektiven Bemühungen oder bilateralen Abstimmungen ohne die sowjetische Seite spürbar, auch wenn dies nur in Ansätzen die institutionalistischen Probleme kompensieren konnte. Von größerer Bedeutung war aber die Vermittlerrolle der chinesischen Kommunisten und ihre Beteiligung an einer Neudefinition des Angemessenen. China übernahm zumindest teilweise die Funktion eines Produzenten von
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focal points. Die Entwicklung kollektiver Entscheidungsräume (Parteikonferenz, RGW, Warschauer Vertrag) wurde durch die Krisen von 1956 zugleich angeregt wie verdrängt. Ein Herrschaftskostenkalkül wie die neue „Logik des Angemessenen“ führten Ende Oktober 1956 dazu, als Arena der Reinstitutionalisierung die Gemeinschaftsinstitutionen des Ostblocks ins Spiel zu bringen. Die Frage des Truppenrückzuges sollte ja nach Auffassung der Chinesen wie sowjetischer Spitzenfunktionäre auf einer Sitzung des Warschauer Vertrages diskutiert werden. Unmittelbar nach Niederschlagung der ungarischen Revolution gab es mehrere Initiativen zu multilateralen Parteikonferenzen. Dies wurde jedoch nur in Ansätzen realisiert zunächst aber von sowjetischer Seite nicht weiter verfolgt. Diese Bemerkungen betreffen die Höhepunkte der Krise. Wie sieht eine Abbildung der institutionellen Konfigurationen insgesamt aus? Dies sind natürlich nur Annäherungen und keine „objektiven“ Abbildungen der institutionellen Konfigurationen.
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Welche Verallgemeinerungen lassen sich ableiten? Das institutionelle Niveau, vor allem die sowjetische Hierarchie, erwies sich als äußerst instabil und schwankend. Angesichts der tieferliegenden institutionellen Krise konnte nur sehr selten ein annähernd imperiales Niveau erreicht werden. Vom eingangs zitierten habitualisierten Imperium (6; 6) ist der Ostblock 1956 weit entfernt. Das Niveau schwankt sehr stark und schnell um ein mittleres Niveau. Neben einigen Bereichen starker Hegemonie und wenigen eines Dominiums standen erstaunlich viele Beispiele sehr geringer Hierarchie. Sie lag zumeist auf Stufe 3-4, schlug aber auch bis 2 oder 5 aus. Diese „Ausschläge“ nach oben oder unten wurden etwa gleich häufig in weniger als einem Drittel der Fälle erreicht, zumeist allerdings mit einer Tendenz zur „Mitte“. Diese Ebenen 3-4 bleiben somit in mehr als der Hälfte der Fälle relevant. In diesem Sinne ist ein „hegemoniales“ Niveau dominierend. Allerdings ist keinerlei kontinuierlicher Verlauf zu erkennen. Weder zeitliche noch sachliche oder personale Faktoren führten zu einer Stabilisierung auf bestimmter Stufe. Dies lag nur teilweise an der Dynamik einer Krisensituation. Die Ursache für dieses Schwanken ist kaum auf die Komplexität der institutionellen Konfigurationen zurückzuführen und nur im Einzelfall auf die Bedeutsamkeit des Sachbereiches. Selbst in zentralen Bereichen wie die Besetzung der Parteiführungen oder der Abzug sowjetischer Truppen wird die Hierarchie immer wieder in Frage gestellt. Bei der ungarischen Parteiführung spielt immer stärker die Fähigkeit eine Rolle, die sowjetischen Partner offen oder verdeckt vor vollendet Tatsachen zu stellen, sowie schwierige Entscheidungen auf die sowjetische Seite zu überwälzen. Ersteres senkt das Hierarchieniveau, zweiteres stabilisiert es, aber im Sinne eines „Nutzens“ für den kleineren Partner. Ersteres ist bei der polnischen Führung noch stärker ausgeprägt. Diese verknüpft dies aber mit einer Neudefinition des Angemessenen.
Die Fragilität der institutionellen Konfigurationen ist somit nicht nur durch Auflösung bestimmter „Gegebenheiten“ bedingt, sondern auch durch die Parallelität unterschiedlicher
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Mechanismen, die die Partner nutzten So sind die Mechanismen je nach Akteur zu differenzieren: Beispielsweise waren für die SU vor allem Mechanismen der Ebenen 4 und 5 entscheidend, gleichzeitig für die ungarische Führung aber Ebene 3; auch die Forderungen nach direkten Anreizen wurden immer deutlicher. Somit werden die Mechanismen der Ebene 2 oder 3 im Verlaufe der Krise immer wichtiger; sie behalten aber eher ihre unterstützende Funktion. Es ist jedoch von fundamentaler Bedeutung, dass generell die Mechanismen der Ebene 2 und mehr noch der Ebene 1 kaum eine Rolle spielten. Dies lag zunächst an der mangelnden Produktionsfähigkeit entsprechender „Güter“ (Drohungen, Angebote), vor allem aber daran, kein linkage zu den Problembereichen herstellen zu können. Daraus folgte eine teilweise sehr geringe Hierarchie auch in zentralen Fragen. Insgesamt ist die Anreizschwäche
- abgesehen von focal points bei Personalfragen - gravierend. Eine flexible Anwendung unterschiedlicher institutioneller Mechanismen ist kaum zu erkennen.
Die Armut und Unflexibilität institutioneller Mechanismen, vor allem die Dominanz der Ebene 4, wurde zum Problem. Die Mechanismen waren nicht nur inadäquat, sondern auch geschwächt. Die Ergebnisse blieben deutlich begrenzt wie selbst die einigermaßen erfolgreichen Missionen Mikojans zeigen. Dennoch blieb die „soziale Institutionalisierung“ die eigentliche Konstante und letztlich auch der erfolgreichste Mechanismus. Die Verklammerung von Ebene 4+5 blieb die dominierende institutionelle Konfiguration. In fast der Hälfte aller Fälle war sie von wesentlicher, wenn nicht entscheidender Bedeutung Erstaunlich bleibt auch, dass die bilateralen Formen und die entsprechenden Mechanismen der Ebene 4 entscheidend zur „Normalisierung“ der nächsten Jahre beitrug. Dies deutet auf die Grundkonstitution des Ostblocks als „soziales Netzwerk“ kommunistischer Führungsgruppen, das auf gemeinsamen Schemata (wie gemeinsamen Machterhaltungsinteressen) gründete.
Insgesamt waren die institutionellen Mechanismen während der Krise nicht angemessen, im Wandel und improvisiert. Innerhalb gravierender Wandlungsprozesse blieb der Rückgriff auf alte Mechanismen zentral.
Dies betrifft nicht ur die Art der Mechanismen, sondern auch die Inhalte. Insgesamt reagierte die sowjetische Seite mit einer gewissen Verschiebung bzw. Neugestaltung der Mechanismen zugunsten neuer Räume, d.h. vor allem Symbole der Gleichheit (Ebene 5) wie zugunsten stärkerer Anreize. Hier gab es Forderungen nach stärkerer direkter wirtschaftlicher Unterstützung. Dies wurden von der sowjetischen Führung anerkannt, aber nur begrenzt bedient. Als direktes „Tauschobjekt“ wurden sie nicht genutzt. Deutlicher ist die Forderung an die sowjetische Seite, als Kollektivgutproduzent Akzente zu setzen, zunächst als „Garanten der Einheit“ wie eines Produzenten wichtiger focal points. Dies betraf die Ebene 3, die Übernahme unsicherer Entscheidungen, vor allem aber die „führende Rolle“ bei der Neugestaltung der Lagerbeziehungen. Letztere war nicht nur deshalb in Frage gestellt, weil einige Ostblockführungen diese Funktion herausforderten und selbst Initiativen ergriffen; sie war auch begrenzt durch die mangelnde Akzentsetzung der Hegemonialmacht. Diese deutete einige Möglichkeiten (am 24.10. wie 30.10.) an, ohne die Oberfläche zu verlassen. Ansätze zu neuem institutionellem Design gab es nicht nur von sowjetischer Seite. China, Ungarn, Polen, Rumänien gaben deutliche Impulse. Zudem entwickelten sich
Abstimmungsmechanismen unabhängig von sowjetischer Führung, ohne allerdings wirklich wichtig zu werden. Auf jeden Fall wurden die Defizite auch hier deutlich; die Abstimmung von Sonderinteressen sollten in Zukunft (so in der Wirtschafts- oder der Deutschlandpolitik) verstärkt werden. Die Einsicht, den Ostblock zu einem Wohlstandsraum entwickeln zu müssen, wurde verstärkt. 1 Diese Mechanismen der Ebene 2 betrafen die bilateralen
1 Dieser Trend ist seit den RGW-Konferenzen von 1954 spürbar; er wird von Chruschtschov beispielsweise am
24. Oktober wiederholt.
272
Beziehungen zur UdSSR wie den RGW. Die Krise dürfte ja - bei aller Begrenztheit - auch den Zusammenhalt des Ostblocks insgesamt gefördert, die Notwendigkeit kollektiver Räume deutlich gemacht haben. Ansätze zur Neudefinition des RGW ließen (trotz eines Vorlaufes seit 1954 und erster Versuche zur Plankoordinierung im Juni 1956) bei der Trägheit des Mechanismus nur geringe Ergebnisse zu. Die Veränderung des RGW wird - wie die anderer institutioneller Räume - durch die Krise eher behindert. Das wird später genauer zu behandeln sein. Auch im politischen Bereich blieben die Ansätze zu multilateralen Formen noch völlig unausgereift; die unstrukturierten Bemühungen der sowjetischen Seite fallen immer wieder in alte bilaterale Mechanismen zurück.
Die Realität multilateraler Formen während der Krise brachte somit nur Ansätze, die eigenartig improvisiert den Bedürfnissen hinterherhinkten (Moskauer Treffen vom 24. Oktober, Unterrichtung der Ostblockländer vor zweiter Intervention, Treffen in Budapest im Januar 1957). Auch wenn die sowjetische Seite mit ihrer Erklärung vom 30. Oktober einen entscheidenden Impuls zu geben versuchte, überforderte die Anpassung der institutionellen Mechanismen kurzfristig ihre „hegemoniale“ Gestaltungskraft. Dies lag an der inneren Uneinigkeit der sowjetischen Führung wie der Überforderung hierarchischer Organisationen an sich. Letztlich blieb es beim Stückwerk sehr unterschiedlicher Impulse, die kurzzeitig auf einen grundsätzlichen Wandel hindeuteten, sich dann aber letztlich blockierten. Die Art der Institutionalisierung war somit ein dynamisches „bricolage“, ein inhomogenes Wachsen, aber kein rationales Design. Die Krise hatte eine Neudefinition des Angemessenen zugunsten gleichberechtigter Beziehungen gebracht, zugleich aber mit der zweiten Invasion den Gegentrend eingeleitet. Das Ergebnis blieb somit in der Schwebe. Somit zeigte die Krise von 1956 vor allem Möglichkeiten institutioneller Veränderung - ihre Einlösung wurde aber dem „Alltag“ des Ostblocks überlassen. Die längerfristigen Trends wurden somit entscheidend. Diese sollen in den folgenden Kapiteln im Kontext anderer Sachbereiche (Westhandel, RGW-Reform) betrachtet werden.
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5. Die Institutionalisierung des RGW in der ersten Hälfte der 60er Jahre
5.1 Die Entwicklung des RGW in der ersten Hälfte der 60er Jahre
Die Organisationsentwicklung des RGW in den 50er Jahren ist ein relevantes, aber unterschätztes, Forschungsfeld. 1 Die Gründung 1949 war keineswegs nur ein symbolischer Akt in der Blockkonkurrenz. Dennoch musste der RGW ab 1954 reaktiviert werden - mit dem Ziel, außenwirtschaftliche Wachstumsquellen zu erschließen. In dieser Phase wurde nicht nur die organisatorische Grundstruktur geprägt, sondern auch wichtige Erfahrungen, Wahrnehmungs- und Handlungsmuster. Bereits 1955/56 wurde versucht, die Pläne der Teilnehmerländer abzustimmen. Allerdings wechselte 1956/57 die Perspektive von einem relativ umfassenden Spezialisierungsversuch 1956 zu Lähmung und Krisenmanagement. Bis 1959 war nicht nur ein Statut ausgearbeitet; es waren mit Ratstagungen, den ständigen Ländervertretern beim RGW und Ständigen Kommissionen bereits wesentliche Arenen geprägt, einschließlich der Verkopplung mit Konferenzen der Parteichefs (wie im Mai 1958). Allerdings war die Wirkung dieser höchsten Form institutionalistischer Mechanismen der Ebenen 4 und 5 von ambivalent. Einerseits konnten hiervon Impulse grundsätzlicher Art ausgehen; andererseits drohte die Politisierung der wirtschaftlichen Kooperation die Entwicklung zu hemmen. Darauf wird zurückzukommen sein. Die Verteilung der Ratstagungen und Ständigen Kommissionen auf die Mitgliedsländer ist nicht nur ein Ausdruck und ein Symbol für ein dezentrales Gefüge mit einer geringen Hierarchie; es wirkte auch als reales Kommunikationshemmnis zwischen den Gremien. Die Effizienz des Gesamtorganismus konnte also mit der 1956 etablierten Logik des Angemessenen in Konflikt treten. Organisatorische und kognitive Grundstrukturen waren, abgesehen von den bilateralen Handelsströmen, in den 50er Jahren geprägt. Obwohl diese Phase ein Forschungsdesiderat darstellt, soll hier die folgende Entwicklungsphase in den Mittelpunkt gestellt werden.
Die erste Hälfte der 60er Jahre stellte eine besonders brisante und aufschlussreiche Phase für die organisatorische Entwicklung des RGW dar. Zunächst sollte mit den „Grundprinzipien der internationalen sozialistischen Arbeitsteilung“ eine „wissenschaftlich“ legitimierte normative Basis für die RGW-Zusammenarbeit geschaffen werden. Diese Bemühungen wurden aber bald überlagert von Reformkonzepten, die mittels planwirtschaftlicher Elemente den RGW verändern wollten. Diese tiefgreifenden Ansätze wurden aber begleitet vom bis dahin tiefgreifendsten Widerstand gegen eine organisatorische Stärkung des RGW. Damit ist diese Phase ein Lehrstück nicht nur für die wirtschaftlichen Probleme im Ostblock, sondern auch für dessen Hierarchiegrade und institutionelle Mechanismen. Letztere sollen hier im Vordergrund stehen - zumal fundamentale wirtschaftliche Verbesserungen durch eine RGW-Reform kaum zu erwarten waren. 2 Die fehlende Durchsetzungsfähigkeit der Reformansätze bleibt aber jenseits ihres wirtschaftlichen Sinns von Bedeutung. So betonen auch jüngere Forschungen, dass „im Unterschied zum äußeren Eindruck (...) die politischen Strukturen des Ostblocks nicht in der Lage (waren), genügend Handlungs- und Problemlösungskapazität für den ökonomischen Bereich zur Verfügung zu stellen“. 3 Aber nicht nur die politischen Entscheidungs- und Durchsetzungsmechanismen sind von Interesse. Hier ging es um die Definition angemessenen Handelns, um die Wirkungsmächtigkeit zentraler
Handlungssymbole wie „Einheit“ oder „Souveränität“. Es ging um grundlegend institutionalistische Probleme.
1 Sowart 1997; Ahrens 2000; Neumann 1977.
2 Eine planwirtschaftliche Lösung der Kooperationsprobleme würde nicht nur die Defizite der nationalen Planwirtschaften übernehmen, sondern zusätzliche Planungs- und Herrschaftskosten produzieren. Ein effizientes Gesamtsystem würde so kaum entstehen.
3 Herbst 1995, S. 363.
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5.2 Die Ausarbeitung der „Grundprinzipien“
5.2.1 Ziele und Räume der Ausarbeitung
Die Vorbereitung der „Grundprinzipien“, die in Gremien des RGW stattfand, verweist auf mindestens zwei wesentliche Punkte: Es war zunächst an einen „wissenschaftlichen“ oder technokratischen Lösungsversuch für die „Integrationsprobleme“ des Ostblocks gedacht. Zum zweiten existierte bereits in dieser Phase ein differenziertes Mehrebenensystem der Abstimmung, das der außenpolitischen Kooperation formal weit überlegen war. Dieses System beinhaltete deutliche hegemoniale Elemente, zeigt aber auch deren Grenzen.
Der Impuls zur Ausarbeitung von „Grundprinzipien“ ging offiziell von der Moskauer Parteikonferenz vom Mai 1958 aus. Die folgende Ratstagung vom Juni 1958 übertrug die Vorbereitung der Grundprinzipien auf die neu zu gründende „Ständige Kommission für ökonomische Fragen“ (SKÖF). Dabei legte die sowjetische Seite großen Wert darauf, diese Schlüsselkommission in Moskau zu etablieren. Auf der konstituierenden Sitzung im März 1959 organisierte sie einen Meinungsaustausch über den Arbeitsplan, vor allem über den Programmentwurf für die Ausarbeitung der Grundprinzipien. Bis Mai wollte die UdSSR dann einen Programmentwurf vorlegen. Allerdings zeigten die ersten Diskussionen über Inhalt und Zweck der Grundprinzipien, die in „inoffiziellen Sitzungen“ während und nach der Tagung stattfanden, dass bei keinem Vertreter „klare abgeschlossene Vorstellungen“ vorhanden waren. Konsens herrschte nur darüber, dass die „zu erarbeitenden Prinzipien und Kennziffern eine wirklich nutzbare Grundlage für die konsequente praktische Verwirklichung der internationalen Spezialisierung und Kooperation der Produktion werden müssen“. 1 Die Grundprinzipien sollten ja die Basis für die langfristige Koordinierung der Pläne bis 1975 darstellen. Die XII. Ratstagung (Dezember 1959 in Sofia) hatte beschlossen, dass die „Ausarbeitung einer Generalperspektive für die Entwicklung der Volkswirtschaft für den Zeitraum bis 1975“ zur „wichtigste(n) Aufgabe der Ratsorgane“ im „kommenden Zeitabschnitt“ zu machen. Die Ständigen Kommissionen sollten mit dem Studium der Entwicklung einzelner Produktionszweige bis 1975 beginnen; die Ständige Kommission für ökonomische Fragen beauftragt werden, bis Ende 1960 die „Ausarbeitung der Grundprinzipien und Merkmale der internationalen sozialistischen Arbeitsteilung und der Methodik des Vergleichs des ökonomischen Nutzeffekts von Investitionen abzuschließen und ihre Vorschläge der Ratstagung zur Diskussion zu unterbreiten“. 2 Es ging also zugleich um konkrete Effekte.
Betrachten wir zunächst, welche Gremien und Verhandlungsräume genutzt wurden. Auf einer Expertentagung im Juni 1959 wurde der Programmentwurf diskutiert, der sich in dieser Phase noch auf die „Ausarbeitung der Grundprinzipien und Kennziffern der internationalen sozialistischen Arbeitsteilung“ bezog. Das Ziel war ambitioniert: Es sollten wissenschaftliche Prinzipien und ein Kennziffernsystem für die komplexe Lösung des Problems der internationalen sozialistischen Arbeitsteilung begründet werden. Auf dieser Grundlage sollten die perspektivischen Richtungen der Spezialisierung und Kooperation bis 1975 bestimmt werden. Immerhin stand an der Spitze der konkreten Punkte die „Sicherung der erforderlichen Proportionen in der Entwicklung des gesamten sozialistischen Weltsystems“. Dabei glaubte man, die Frage nach dem ökonomischen Stand und Wachstumstempo der einzelnen Länder mit der Annäherung des Entwicklungsstandes „wissenschaftlich“ in Einklang bringen zu können. Dies galt auch für die „Verbindung der komplexen Entwicklung der Volkswirtschaft der einzelnen sozialistischen Länder mit ihrer internationalen
1 Kurzbericht Morgensterns von der konstituierenden Sitzung der ökonomischen Kommission des RGW v. 21.-23.3.1959; Information Shinkovs (Sekretär) über die Tagung der SKÖF v. 21.-23.3.1959; BArchB DE-1 21030, Bl. 187ff.
2 Protokoll der XII. Ratstagung; BArchB DC-20 (Mfiche)/ 930, Bl. 6 u. 8.
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Spezialisierung“. Obwohl hier die späteren Reizthemen angesprochen wurden, blieb die rumänische Seite inaktiv; der sowjetische Programmentwurf wurde gebilligt und - nach einem Intermezzo auf der XII. Ratstagung 1 - an die SKÖF weitergeleitet. Einzelne Programmpunkte wurden dann den Länderdelegationen bzw. „Arbeitsgruppen unter maßgeblicher sowjetischer Beteiligung“ zur Bearbeitung übergeben; die Ergebnisse von UdSSR und CSSR zu einem gemeinsamen Projekt der Grundprinzipien zusammengefasst. Dieses wurde im Oktober 1960 auf einer Expertentagung und im Dezember 1960 in der SKÖF „behandelt und verabschiedet“. Anfang 1961 wurden die Entwürfe in den Zweigkommissionen des RGW diskutiert. 2 Eine Rückkopplung an höhere Ebenen erfolgte im November 1960 an die „Konferenz der kommunistischen und Arbeiterparteien“ sowie 1961 an die 14. und 15. Ratstagung. Eigentlich hätten die „Vorschläge“ bereits der XIII. Ratstagung vorgelegt werden müssen. Allerdings wurde der Entwurf in der SKÖF verabschiedet, bevor die Erklärung der Kommunistischen und Arbeiterparteien vom Dezember 1960 veröffentlicht wurde. Da die dort enthaltenen „prinzipiellen Erkenntnisse und Grundsätze“ im Entwurf der Grundprinzipien nicht genügend „enthalten“ waren, erschien es notwendig, „diese auf der Grundlage der Erklärung nochmals zu überarbeiten“. Deshalb beantragte die sowjetische Delegation auf der XIV. Ratstagung (Februar/März 1961) die Grundprinzipien zu überarbeiten. 3 Die „Arbeit an diesem Problem“ sollte fortgesetzt werden. 4 Darin wurde neben einer Expertentagung (Juli 1961) und der SKÖF im September 1961 auch die Tagung der Ländervertreter einbezogen. Diese Vorbereitungsphase zeigte also ein Wechselspiel sehr unterschiedlicher Gremien, deren Arbeit teilweise durch die Ratsorgane, teilweise durch sowjetische Experten koordiniert wurde. Die formale Beschlussfassung wurde dann der XV. Ratstagung und der Konferenz der Parteiführer im Juni 1962 übertragen. Wesentlich war aber zunächst vor allem eine mittlere Ebene, welche die SKÖF wie die Vertreterversammlung umfasste. In der letzten Phase dagegen dominierten eher die symbolisch bedeutsamen Gremien. Dies war mit einer Veränderung des Gesamtcharakters verbunden.
Die von sowjetischer Seite beanspruchte Führungsrolle bei der Ausarbeitung dieser Fragen ermöglichte einen ambitionierten Start. Allerdings wurden Ländergruppen zur Ausarbeitung einzelner Themenkomplexe gebildet. Dies bedeutet eine teilweise Verlagerung der konzeptionellen Vorarbeiten aus den Ratsgremien in die nationalen Gremien. Angesichts des Engagements der anderen Länder konnte sich damit bestenfalls eine schwache Hegemonie etablieren. Die DDR bereitete einen eigenständigen Entwurf vor; die VRP verlangte, an allen Abschnitten des Programms mitzuarbeiten. 5 Vor allem war die Fähigkeit der sowjetischen Seite, auf diesem komplizierten Gebiet focal points zu produzieren, eingeschränkt. Dies gilt bereits ohne dass die politischen Ebenen berührt wurden. Der wissenschaftliche Vorlauf in der UdSSR war gering, die Konzepte waren im Vergleich zu den Partnerländern oft sehr „einfach“, ihre Akzeptanz keineswegs selbstverständlich.
Auf den Expertentagungen zeigte sich sogleich, dass methodische Schlüsselfragen gelöst werden mussten. Das Ziel bestand durchaus darin, eine gesamtwirtschaftliche Rationalität des
1 Die SKÖF wurde hier beauftragt, ihre Vorschläge bis Ende 1960 auszuarbeiten und der Ratstagung vorzulegen. BArchB DC-20 (Mfiche)/ 930, Bl. 8.
2 Programm für die Ausarbeitung der Grundprinzipien und Kennziffern der internationalen sozialistischen Arbeitsteilung (Entwurf); Protokoll über die Expertentagung in Moskau v. 23.-25.6.1959 in Moskau; BArchB DE-1 21030. Erläuterungen zur Vorlage des Entwurfes der Grundprinzipien (...) für die SPK (Wenzel an Kuntz v. 11.12.1961); BArchB DE-1 12309, Bl. 4ff. vgl. auch DE-1 3454, Bl. 37ff. u. 58.
3 Direktive für die Delegation der DDR zur XIV. Ratstagung; SAPMO BArch DY 30 J IV 2/2 A - 800, Bl. 39f.
4 So das Kommuniqué der 14. Ratstagung v. 28.2-3.3.1961 in Berlin.
5 Die UdSSR war für (fast) alle Themenbereiche vorgesehen. Protokoll über die Expertentagung in Moskau v. 23.-25.6.1959 in Moskau; BArchB DE-1 21030 u. DE-1 3392. Bericht über die Arbeit der deutschen Seite in der SKÖF im 1. Halbjahr 1959; DE-2 21913.
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Lagers zu begründen. Dabei wurde den Experten bald klar, dass dies eine voraussetzungsreiche Aufgabe war, die kaum „schnell“ zu lösen sein würde. Für die Berechnung von Nutzeffekten (z.B. von Investitionen) waren ja nicht nur einheitliche Nutzenkategorien (z.B. Nettogewinn), sondern auch einheitliche Preissysteme wie einheitliche Umrechnungskoeffizienten in einen gemeinsamen Maßstab notwendig. (Eine einigermaßen „exakte“ Berechnung war unter den ordnungspolitischen Voraussetzungen ohnehin nicht zu leisten, insbesondere nicht für die Perspektivplanung.) Dennoch wurde selbst für diese problematischen Bereiche der Entwurf einer „Methodik“ gebilligt, der präzisiert und ergänzt werden sollte. Die Bemühungen waren ernst gemeint einschließlich eines Konzepts, das die Frage des Nutzeffekts mit der Frage der Niveauangleichung verkoppeln sollte. 1
Das weitgehende Scheitern auf dieser „technokratischen“ Ebene ist nicht nur ein Zeichen für die methodischen Mängel oder gar die ordnungspolitischen Grenzen, sondern auch für die institutionalistischen Defizite, die eine Einigung nicht ermöglichten, selbst wenn eine Einigung technisch möglich gewesen wäre. 2 Zunächst war das Programm auf dieser technokratischen Ebene weniger ein Kompromisspapier als ein Versuch, verschiedene Ziele zu koppeln. Ob diese grundsätzlich unvereinbar waren ist eine wichtige Frage, auf die mehrfach zurückzukommen sein wird.
Auch unabhängig von den ungelösten methodischen Fragen dauerte es bis zum Herbst 1960, bis ein Entwurf der „Grundprinzipien“ diskutiert werden konnte - im Oktober auf Expertenebene in Prag, im Dezember im Rahmend der SKÖF in Moskau. Hier zeigte das Bild, dass alle Parteien dem Entwurf zustimmten und über geringfügige Änderungen und Ergänzungen schnell Einigkeit erzielten - bis auf die RVR. Da sie „in wesentlichen Fragen des Dokumentes eine andere Auffassung vertrat als alle übrigen Delegationen“ kam es zu „langwierigen Diskussionen“. Dies ging über die konkreten Vorbehalte der rumänischen Seite gegen eine Spezialisierung in der Landwirtschaft (die nur als Möglichkeit bezeichnet werden sollte) und gegen „regionale internationale Produktionskomplexe“ weit hinaus. 3 Damit stellt sich die grundsätzliche Frage, ob die RGW-Entwicklung durch das Nutzenkalkül einzelner Länder, d.h. die Mechanismen der Ebenen 1/2 bestimmt wurden.
5.2.2 Entwicklungsprinzip versus Effizienzprinzip - ein Interessenkonflikt?
In seinem grundlegenden Buch zum RGW bezeichnet M. Kaser die Jahre 1961 bis 1966 als Phase „divergierender Interessen“. Seit 1961 habe es - getragen von der rumänischen Position - einen „dispute among members“ gegeben. Rumänien habe befürchtet, in seinem ambitionieren Industrialisierungsprogramm gehemmt und auf eine Funktion als Rohstofflieferant festgelegt zu werden. 4 Daraus wurde eine dominierende Erklärung für die weitere Entwicklung des RGW, die deshalb mehrfach und genauer betrachtet werden muss. Es ist eine Einordnung auf unserer Skala der institutionellen Mechanismen notwendig.
1 Zur Frage der Preisbildungssysteme wie der Umrechnungskoeffizienten wurde eine eigene Arbeitsgruppe eingerichtet. Gerade die DDR-Experten rechneten mit langen Zeiträumen und plädierten für Übergangslösungen unter Verwendung von Naturalkennziffern. Vgl. Protokoll über die Expertentagung v. 23.-25.6.1959 in Moskau; Expertentagung in Moskau v. 5.-8.10.1960; Stellungnahme (der DDR?) v. 17.6.1959 u.a. Dokumente in: BArchB DE-1 3392; Expertentagung zur Erarbeitung einer Methodik zum Vergleich der Selbstkosten (...); DE-1 3455.
2 Dies zeigen die Probleme, sich selbst über Begriffe wie Nationaleinkommen oder Selbstkosten zu einigengeschweige denn über eine gemeinsame Methodik der Binnenpreisbildung.
3 Information über die 4. Tagung der SKÖF v. 1.-3.12.1960 in Moskau; BArchB DE-1 21913.
4 Kaser 1967, S. 92 f. u. 105 ff. Um diese These plausibler zu machen, zählt Kaser nur Rumänien und Bulgarien zu den wenig industrialisierten Ländern - eine nicht nur bei Ungarn problematische Sicht.
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Sicherlich gab es sehr unterschiedliche Erwartungen an die internationale Kooperation im RGW. Für die Industrieländer sollte der RGW auch zur Absatzsicherung dienen; für die Agrarländer zur Unterstützung ihrer Industrialisierungsprogramme. Letztlich sollte aus deren Sicht der Außenhandel auch bei Industrieprodukten ausgeglichen sein. Dies wiederum konnte mit dem Rohstoffbedarf der entwickelteren Länder kollidieren. Dennoch soll hier argumentiert werden, dass es sich dabei nicht um einen Interessenkonflikt auf Ebene 1 handelte, sondern um eine Frage der „Reziprozität“, um eine institutionalistisches Problem.
Zunächst muss angemerkt werden, dass diese Probleme mit der Ausarbeitung der „Grundprinzipien“ verschärft wurden, auch weil diese mit der „Generalperspektive“ bis 1975 bzw. 1980 verbunden war und die „Planabstimmung“ ins Zentrum stellte. Im Verlaufe des Jahres 1960 gab es Anzeichen dafür, dass die rumänische Seite dabei eine grundsätzliche Gegenposition aufzubauen begann. Der stellvertretende Vorsitzende der rumänischen Plankommission Moldovan betonte am 2.4.1960 in Prag, dass die rumänische Industrialisierung keine Autarkie bedeute, aber eine Spezialisierung zwischen Produktionszweigen falsch sei. 1 Etwa zeitgleich verhandelte der rumänische Vertreter im RGW in Moskau mit Kossygin über Wirtschaftsfragen und präsentierte ein ambitioniertes Industrialisierungsprogramm, das nicht nur den Maschinenbau, sondern auch die eigene Stahlproduktion deutlich steigern sollte, und deshalb wahrscheinlich auf sowjetische Bedenken traf. Zudem erschien die erste offiziöse Stellungnahme der rumänischen Parteiführung zu Differenzen im RGW: Ungeachtet der Rohstoffvoraussetzungen müssten alle wesentlichen Branchen der Schwerindustrie, vor allem des Maschinenbaus, entwickelt werden. Dies dürfe nicht - wie einige Autoren meinten - im Rahmen des RGW realisiert werden, sondern in jedem einzelnen Land. Dies hinge nicht von fehlenden Traditionen und Kadern ab; diese müssten nun geschaffen werden. 2 Auf der XIV. Ratstagung wandte sich die rumänische Delegation gegen die Überarbeitung des Projekts durch die UdSSR und CSSR als „federführende Länder“ und verlangte die Beteiligung eigener Vertreter „von Anfang an“. 3
Es stellt sich also die Frage, ob der Stand der Diskussion eine Interessenpolitik der „Entwicklungsländer“ verlangte, die notwendig war, damit wirtschaftliche Niveauunterschiede nicht zementiert wurden. Dies muss auf zwei Ebenen betrachtet werden: den akzeptierten ideologischen Prämissen wie dem Stand der Expertendiskussion zu den „Grundprinzipien“.
Kurzzeitig wurden diese Fragen an die „höchste Ebene“ gerichtet, als im November 1960 die Neufassung der „Erklärung der kommunistischen und Arbeiterparteien“ von 1957 anstand. Der symbolische Aufwand solcher Konferenzen der internationalen kommunistischen Bewegung erreichte hier einen Höhepunkt. Selbst die DDR betonte hier gemäß dem aktuellen Stand der „Ideologie“, dass „die Länder des Sozialismus mehr oder weniger gleichzeitig zur höheren Phase der kommunistischen Gesellschaft übergehen“ werden. Die Festigung der Zusammenarbeit, die Erweiterung der gegenseitigen Hilfe zwischen allen sozialistischen Ländern seien die wichtigste Voraussetzung für einen solchen Übergang. Hier deutete sich eine deutliche Stärkung der RGW-Ebene an: Die Teilnehmer der Beratung sollten es „für dringend erforderlich“ erachten, die „internationale Planung, Arbeitsteilung und die Kooperation der sozialistischen Länder zu vertiefen und zu beschleunigen. Erscheinungen nationaler Beschränktheit sind der Erfüllung der internationalen Hauptaufgabe, das sozialistische Lager insgesamt zu festigen, hinderlich und sind durch eine verstärkte internationalistische Erziehung der Kommunisten sowie aller Werktätigen der sozialistischen
1 Rede Moldovans am 2.4.1960 in Prag; BArchB DE-1 25467.
2 C. Arnautu in: Lupta de clasa, 3 (1960), S. 69-86; zit. nach Montias 1967, S. 202 f. Zu den Verhandlungen in Moskau vgl. ebenda, S. 203 f.
3 Erläuterungen zur Vorlage des Entwurfes der Grundprinzipien (...) für die SPK (Wenzel an Kuntz v. 11.12.1961); BArchB DE-1 12309, Bl. 4 ff.
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Länder zu überwinden.“ 1 Dies ließ sich nur teilweise durchsetzen. Im Gegensatz zur Vertiefung der „internationalen Planung“ wurde der „mehr oder minder gleichzeitigen Übergang aller Völker des sozialistischen Systems zum Kommunismus“ in den Beschluss der Konferenz aufgenommen. Immerhin wurde Kritik an nationaler Beschränktheit und Nationalismus geäußert, die nur durch eine „marxistisch-leninistische internationalistische Politik“ wie durch eine Erziehung aller Werktätigen in diesem Geiste überwunden werden könnte. 2 Auf der Novemberberatung wurde auch um Kleinigkeiten bei der Formulierung gerungen. Die entsprechende Klausel über die „ständige Vervollkommnung der internationalen Arbeitsteilung durch Koordinierung der Volkswirtschaftspläne sowie Spezialisierung und Kooperierung der Produktion (...) auf der Grundlage der Freiwilligkeit, des gegenseitigen Vorteils und der allseitigen Steigerung des wissenschaftlich technischen Niveaus“ wollte die DDR zugunsten des „höchsten wissenschaftlich-technischen Niveaus“ geändert haben. 3 Solche Forderungen konnten sich allerdings nicht durchsetzen; es blieb bei der ursprünglichen Formulierung. Auf dieser Grundlage sollte die „allmähliche Überwindung der historisch bedingten Unterschiede des ökonomischen Entwicklungsniveaus und (die) Schaffung einer materiellen Basis für den mehr oder minder gleichzeitigen Übergang aller Völker des sozialistischen Systems zum Kommunismus“ erfolgen. 4 Trotzdem berief sich auch die DDR auf diese Beschlüsse, um ihr „Schaufensterkonzept“ gegenüber Westdeutschland weiter zu verfolgen. 5 Insgesamt jedoch war die Position der „Entwicklungsländer“ durchaus gestärkt, ohne die Anliegen der industrialisierten Länder zu vernachlässigen. Zumindest bedeutete der Formelkompromiss noch keine Benachteiligung von Ländern wie Rumänien. War deren Kritik an der RGW-Entwicklung dann noch ein klares Interessenkalkül?
Vergleichen wir diese Kritik mit dem Diskussionsstand zu den Grundprinzipien. Die ursprünglichen Entwürfe waren stärker technokratisch bestimmt und versuchten mit „wissenschaftlichen Prinzipien“ ein „System der Kennziffern“ für die Arbeitsteilung zu entwickeln. Die starke Orientierung am „Nutzeffekt“ konnte durchaus rumänische Besorgnisse nähren. Allerdings wurden auch hier die „Perspektiven für die Annäherung des Entwicklungsstandes“ nicht vergessen. 6 Zudem stellt die „Wissenschaftlichkeit“ ein starkes Symbol der kommunistischen Bewegung dar, das ihren Zukunftsoptimismus mit technokratischen Methoden verbinden konnte.
Aus den späteren Entwürfen für die XV. Ratstagung kann schwerlich Intention oder Versuch abgeleitet werden, die Grundprinzipien im kritisierten Sinne auszugestalten. Die Bestimmung der „ökonomischen Aufgaben“ begann mit der „allseitigen Steigerung der Pro-Kopf-Produktion“ im gesamten SWS und der „konsequenten Überwindung der bestehenden Unterschiede im Niveau der ökonomischen Entwicklung (...), damit die materielle Basis für den mehr oder weniger gleichzeitigen Übergang zur höchsten Phase des Kommunismus gewährleistet wird“. Die Niveauangleichung wurde in diesem Entwurf besonders stark hervorgehoben und als „objektive Gesetzmäßigkeit der wirtschaftlichen Entwicklung“ eingestuft. Der „Gewährleistung des maximalen ökonomischen Nutzeffekts“ war die „proportionale Entwicklung der Ökonomik jedes einzelnen Landes und des sozialistischen Weltwirtschaftssystems im ganzen“ vorangestellt. Die „komplexe Entwicklung der
1 Vorschläge des ZK der SED für die Redaktionskommission (Vorlage für PB am 24.9.1960); SAPMO BArch DY 30 J IV 2/2A - 777, Bl. 14.
2 Erklärung der Beratung (...); zit. nach Damus 1979, S. 260f.
3 Beschluss des Politbüros der SED v. 1.11.1960; SAPMO BArch DY 30 J IV 2/2 A - 784, Bl. 13.
4 Erklärung der Beratung von Vertretern der kommunistischen und Arbeiterparteien v. Nov. 1960; zit. nach Damus 1979, S. 260.
5 Bericht an die SKAH (...) 1961; BArchB DL-2 364, Bl. 217.
6 Sowjetisches Programm zur Ausarbeitung der Hauptprinzipien der internationalen sozialistischen Arbeitsteilung; BArchB DE-1 3454, Bl. 35 ff.
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Ökonomik der einzelnen Länder“ war als Prinzip klar formuliert. Das Problem bestand eher darin, ob dies durch die „vom Standpunkt des gesamten sozialistischen Systems zweckmäßigsten Verteilung der Produktionskapazitäten für die Herstellung gleichartiger oder gegen einander austauschbarer Erzeugnisse“ eingeschränkt sein würde. Hier gab es eine deutlich formulierte Schutzklausel zugunsten „nationaler Interessen“, aber auch deutliche Worte darüber, dass „Wege und Formen der Stimulierung“ gefunden werden müssten, um die für einzelne Länder zeitweilig nachteiligen Produktionsumstellungen durchzusetzen. 1 Dies war allerdings auf die Interessen aller RGW-Länder gemünzt. Dieses Anreizproblem dürfte zu den zentralen institutionellen Fragen gehört haben.
Die „Gesamtproportionen“ beinhalteten durchaus eine gewisse Verpflichtung für die Rohstoff- und Agrarproduzenten. Dies betraf aber am stärksten die UdSSR. Die Rohstoffproduktion sollte zudem durch Investitionsbeteiligungen „versüßt“ werden und gleich mit den ersten Verarbeitungsstufen verbunden werden. Die „eigenen“ Roh- und Brennstoffbasen aller Länder sollten vergrößert werden. Bei diesen Fragen konnte die rumänische Seite durchaus auf einen Schulterschluss mit der sowjetischen Seite setzen. Dies war als Strukturbestandteil gedacht, aber nicht als ein alles bestimmendes Prinzip. Die Spezialisierung von Agrarprodukten war - in Anlehnung an die rumänische Forderung - nur sehr zurückhaltend behandelt worden und hob eher die „nationalen“ Anstrengungen hervor. In den zentralen Branchen einschließlich Maschinenbau war eine nachholende Industrialisierung klar gefordert: „Die Spezialisierung auf dem Gebiete des Maschinenbaus muss die schnellere Entwicklung dieses Zweiges in den Ländern mit einer weniger entwickelten Maschinenbauindustrie fördern.“ Dies bedeutet einen Anspruch der „Entwicklungsländer“ auf Spezialisierungsbeschlüsse zu ihren Gunsten. Somit war die nationale Industrialisierung durch einige Kriterien für die Arbeitsteilung zwar gehemmt (vorhandener Kapitalstock, Kadersituation, Vollbeschäftigung). Der rumänische Vorwurf, dies sei ein grundsätzlich statisches Konzept, traf auf die Entwürfe aber nicht zu. 2
Das Haupthemmnis bestand in der Fähigkeit, Produkte auf einem exportfähigen Niveau bereitzustellen. Bei der Niveauangleichung stellte der Entwurf die innere Akkumulationsfähigkeit in den Vordergrund. Kompromisse mit den „nationalen Standpunkten“ waren aber bereits deutlich angelegt. Die Verwirklichung des Nutzeffekts vom Standpunkt des gesamten SWS dürfe den nationalen Interessen nicht widersprechen. Arbeitsteilung und nationale Entwicklung bedingten einander und müssten eine „harmonische Verbindung“ eingehen. Die Rolle der natürlichen Bedingungen und historischen Traditionen dürfe nicht überschätzt werden. Der Niveauausgleich erhält nicht nur programmatischen Wert, als „sehr wichtige objektive Gesetzmäßigkeit“ besaß er den höchsten symbolischen Wert: „Ein Resultat der Wirkung dieser Gesetzmäßigkeit ist die immer engere wirtschaftliche Annäherung der sozialistischen Länder und die weitere Festigung des sozialistischen Weltwirtschaftssystems“. 3
1 „Die praktische Verwirklichung des Prinzips (...) des größten ökonomischen Nutzeffektes durch die Arbeitsteilung, ausgehend vom Standpunkt des gesamten sozialistischen Weltsystems, darf den nationalen Interessen der einzelnen sozialistischen Länder nicht widersprechen. An der Vertiefung der von der Position des sozialistischen Weltsystems im ganzern zweckmäßigen internationalen Arbeitsteilung muss auch jedes einzelne der beteiligten Länder interessiert sein. Folglich ist es notwendig, die entsprechenden Wege und Formen der Stimulierung solcher Maßnahmen zur Vertiefung der internationalen Arbeitsteilung zu finden, die vom Standpunkt des sozialistischen Lagers aus zweckmäßig sind, jedoch zeitweilige Nachteile für die einzelnen Länder hervorrufen können. Grundprinzipien der internationalen sozialistischen Arbeitsteilung (Entwurf, Übersetzung aus dem Russischen); BArchB DE-1 3454, Bl. 67, S. 6.
2 Die Rolle der natürlichen Bedingungen und der historischen Traditionen dürfe nicht überschätzt werden; ihre effektivste und volle Ausnutzung müsse von der Schaffung neuer Bedingungen und Traditionen entsprechend den Aufgaben des sozialistischen und kommunistischen Aufbaus begleitet sein. Ebenda, S. 22.
3 Ebenda, S. 3, Bl. 64.
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Waren dies bloße Formelkompromisse, die Unvereinbares verkoppelten? Dieser Gedanke drängt sich auf, liest man das Eingeständnis, dass „unvermeidliche Unterschiede in der Struktur der Volkswirtschaft“ bestehen bleiben würden, ja sich „unter dem Einfluss der Arbeitsteilung noch vertiefen“ könnten. Für die rumänische Seite konnte dies ein Warnsignal bedeuten. Davon blieb aber unberührt, dass „in jedem Lande die allseitige Entwicklung der sozialistischen Industrie als dem führenden Zweig der Volkswirtschaft und die Sicherung des vorrangigen Wachstums der Produktion von Produktionsmitteln“ im Entwurf vorausgesetzt wurde. 1 Zudem deutet sich eine „rationale Lösung“ durchaus an. Es sei „notwendig, die entsprechenden Wege und Formen der Stimulierung solcher Maßnahmen zur Vertiefung der internationalen Arbeitsteilung zu finden, die vom Standpunkt des sozialistischen Lagers aus zweckmäßig sind, jedoch zeitweilige Nachteile für die einzelnen Länder hervorrufen können“. 2 Dies konnte bedeuten, dass man für die Kosten von
Spezialisierungsentscheidungen (z.B. Investitionen in die Rohstofferzeugung) side payments („Entwicklungshilfe“ in anderen Bereichen) eintauschen konnte. War die Arbeitsteilung ein Positivsummenspiel, konnten alle Beteiligten dabei gewinnen. Die Institutionalisierung „entsprechender Wege und Formen“ war die eigentlich entscheidende Frage.
Wesentlich war zudem, dass sich das Prinzip des Niveauausgleichs auch konkret niederschlug. Hier beinhalteten die Grundprinzipien einige Mechanismen:
Anlagenlieferungen, TWZ, Ausbildung, Kredite. Die rumänische Wirtschaftspublizistik hielt zu diesem Zeitpunkt die „ökonomische Hilfe“ durchaus für eine „objektive Notwendigkeit“ und hob die genannten Hauptformen - wenn auch im bilateralen Rahmen - hervor. 3 Allerdings waren diese Formen der „Hilfe“ nur als Möglichkeiten formuliert. Eine genauere Definition des Anspruchs und der Höhe der Forderungen fehlte. (Im Rahmen der TWZ waren die Leistungen der DDR eher rückläufig. Allerdings bot deren seit längerem erhobene Forderung, die TWZ mit der Spezialisierung zu koppeln durchaus einen sinnvollen Weg.) Eine wirkliche Politik des Niveauausgleichs im bzw. durch den RGW hätte nicht nur eine vorrangige Verankerung in den Prinzipien erfordert, sondern präzise Mechanismen der blockinternen Entwicklungspolitik. Dies wieder hätte angesichts der Anreize für die entwickelten Länder, sich opportunistisch zu verhalten, eine institutionelle Stärkung multilateraler Formen erfordert, wahrscheinlich eine deutliche Aufwertung der Ratsgremien. Möglicherweise war also gerade für die wirtschaftlich schwächeren Länder eine stärkere Zentralisierung rational. Das Problem dieses Entwurfs der Grundprinzipien war seine mangelnde Präzision, nicht aber eine klare Benachteiligung der schwächer entwickelten Länder. Intern betrieben die Industrieländer keineswegs eine reine Interessenpolitik. Die freien Kapazitäten der anderen Länder sollten genutzt werden, eine „wirksame und planmäßige Hilfe bei der Industrialisierung“ geleistet werden. 4 Auch gegenüber der RVR gab es Angebote zu einer Spezialisierung innerhalb des Maschinenbaus; die entsprechenden Verhandlungen waren bis dahin aber alle gescheitert. 5
1 Ebenda, S. 24 f. u. 22.
2 Ebenda, Bl. 67, S. 6.
3 I. Margineanu: die Bedingungen der ökonomischen Hilfe der SU und der ökonomischen Zusammenarbeit mit den sozialistischen Ländern für den Aufbau des Sozialismus in der RVR.- in: Probleme Economice, 12 (1960); zit. nach PAAA MfAA d. DDR C 1598, Bl. 119 u. 121.
4 So am Beispiel der VRB. Dabei wird die CSSR als Vorbild dargestellt, die freie Kapazitäten nutze und eigene Ingenieure nach Bulgarien sende, damit die bulgarischen Genossen die „höchstmöglichen Ergebnisse ihrer jungen Maschinenbauindustrie“ erzielen könnten. Apel an Leuschner v. 30.5.1961; BArchB DE-1 3449, Bl. 1 f. Natürlich spiegelt dies auch die andersartige Praxis wie die Grenzen solcher Zusammenarbeit. Die rumänische Exportstruktur hatte sich gegenüber der DDR jedenfalls deutlich zugunsten des Maschinenbaus verschoben. PAAA, MfAA d. DDR, A 4713, Bl. 107.
5 Die DDR wollte 30 Maschinentypen im Nahrungsmittelmaschinenbau an die RVR „abgeben“, aber auch Werkzeugmaschinen spezialisieren. Allerdings blockierte sie auch teilweise die TWZ gegenüber der RVR, da Eigenentwicklungen von Maschinen befürchtet wurden, die zum Exportsortiment der DDR gehörten. Exposé zu
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Bedenkt man also, dass in den späteren Konzepten Nutzeffekt und Niveauangleichung gleichberechtigt nebeneinander standen, kann die rumänische Haltung als Interessenpolitik verstanden werden, nicht aber als Nutzenkalkül entsprechend unserer Ebene 1. Die rumänische Seite zeigte sich gerade skeptisch gegenüber dem Rationalisierungstrend in der Spezialisierungsfrage, der durch die Bemühungen, die „Kennziffern“ für eine „wissenschaftliche“ begründete Arbeitsteilung zu entwickeln, zugenommen hatte. Dabei überstiegen die rumänischen Bedenken die anderer Länder (wie Ungarn) deutlich. Wenn der Optimismus der rumänischen Industrialisierungspublizistik ernst gemeint war, d.h. wenn hier nicht eine stillschweigende Subventionserwartung vorlag, hätte es kein gravierendes Problem sein dürfen, Spezialisierungsbeschlüsse zugunsten der Partner gegen Spezialisierungsbeschlüsse zugunsten der RVR „einzutauschen“. Der Abstimmungsmechanismus musste dann entsprechend „dynamisch“ gestaltet werden.
Zudem ließ sich aus dem Verlauf der internen Diskussion bis dahin nicht ableiten, dass eine Verbindung von Gesamtnutzen und nachholender Industrialisierung nicht möglich sein sollte. Ein Anreiz, die Wirtschaftsentwicklung des Lagers zu fördern, um die eigene Entwicklung zu beschleunigen, bestand durchaus. Rumänischer Widerstand zu diesem Zeitpunkt spiegelt vor allem einen Akt mangelnden Vertrauens in die Beschlüsse wider oder anders formuliert ein institutionalistisches Defizit auf den oberen Ebenen unseres Schemas.
Wie die spätere Debatte zeigen sollte, existierte diese unzureichende Definition des Angemessenen auf mehreren Ebenen. Ausmaß und Zeitraum des Niveaausgleichs waren unsicher. Auf der 5. Sitzung des EKO im April/Mai 1963 wurde deutlich, dass für die rumänische Seite konkrete Anhaltspunkte fehlten, wann eines ihrer zentralen Ziele, der „Ausgleich des wirtschaftlichen Entwicklungsniveaus“ realisiert würde. „Wann wollen wir denn herangehen, die Hauptaufgabe zu realisieren? Nach 1980?“ Die rumänische Seite bestritt, eine vorrangige Entwicklung des Maschinenbaus zu betreiben wie jegliche autarkistische Tendenzen. Wenn andere Länder (DDR und CSSR) mit einem hohen Anteil an Maschinenbau keinen ausreichenden Absatz fänden, könne man dafür nicht den RGW verantwortlich machen oder die autarkistischen Tendenzen sogenannter „anderer Länder“. Man könne Spezialisierung nicht so verstehen, dass damit die „Produktion des Maschinenbaus in anderen Ländern unter das Niveau der normalen Proportionen eingeschränkt werde“ 1 Sowohl in der zeitlichen Perspektive wie in der Dimension fehlte eine Definition des Angemessenen, die allgemein akzeptiert war. Der Interessenkonflikt besaß eine institutionalistische Fundierung.
Diese Unsicherheit war erfahrungsbegründet, war doch der Aktivierungsversuch des RGW von 1954/56 deutlich im Sinne der Industrieländer ausgerichtet gewesen. Auch 1958 war ein politischer Hilfsbeschluss des RGW für die DDR nur unzulänglich durch ein entwicklungspolitisches Bekenntnis der Parteichefs ergänzt worden. Das
„Schaufensterkonzept“ wurde von der DDR, aber teilweise auch von der CSR, genutzt, um wirtschaftspolitische Forderungen gegenüber den Partnern durchzusetzen.
Diese politischen Beschlüsse wurden ergänzt durch die Erfahrungen im Außenhandel, dass rumänische Maschinen schwer abzusetzen waren wie durch die sowjetische Kreditpolitik, die offensichtlich Rumänien benachteiligte. 2 Das Problem einer politisch motivierten Begünstigung der Industrieländer war gerade 1960 wieder besonders aktuell, als die DDR versuchte im Rahmen der „Störfreimachung“ die Hilfe der RGW-Länder zu mobilisieren. Dabei ging nicht nur eine Fülle von Hilfsgesuchen nach Moskau; im November 1960 wurde
Fragen der ökonomischen Beziehungen DDR- RVR (September 1962); SAPMO BArch DY 30 J IV 2/2 A -916, Bl. 27 u. 30.
1 Leuschner an Ulbricht v. 2.5.1963; SAPMO BArch DY 30 3421, Bl. 37 f.
2 Spätere Berechnungen der sowjetischen „Hilfe“ pro Kopf deuten darauf, dass die RVR hier stark hinter den anderen Ländern zurücklag. Montias 1967, S. 188; vgl. auch Marrese/Vanous 1980.
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diese Frage auch erstmals in die Ständige Kommission des RGW für Maschinenbau (SKMB) getragen, wo eine eigene Beratung hierzu stattfand. Trotz der allgemeinen Bekundungen, dass man eine „maximale Unterstützung“ geben werde, war Gegenwind zu spüren. Der bulgarische Vertreter betonte die eigenen „großen Schwierigkeiten“; der polnische meinte, es sei notwendig, die Lage auch der anderen Länder „real einzuschätzen“. Der rumänische Vertreter sicherte - trotz eigener „großer Schwierigkeiten“ - Hilfe zu, verlangte aber eine Anfrage der DDR bei der rumänischen Regierung. Nur dort könne verhandelt und möglicherweise entschieden werden. 1 Dem RGW wurde also die innerstaatliche Entscheidungskompetenz bewusst gegenübergestellt. Diese Versuche der DDR waren durchaus im Bewusstsein der Partnerländer, zumal sie versuchte, in die „Erklärung der kommunistischen und Arbeiterparteien“ einen Satz über die „Unterstützung der DDR im ökonomischen Wettbewerb mit Westdeutschland“ aufzunehmen. 2 Bereits zu diesem Zeitpunkt dürften sich also gegenseitige Wahrnehmungen und spezifische Schemata zum RGW herausgebildet haben, die für die weitere Entwicklung entscheidend werden konnten. Im Frühjahr 1963 berichtete der RGW-Vertreter der DDR vom rumänischen Vorwurf, dass aus der Koordinierung und Spezialisierung im RGW „nur die Deutschen, die Russen und die Tschechen Vorteile“ zögen. 3 Zunächst spielte es auch in die Erarbeitung der Grundprinzipien hinein. Einerseits war die Angleichung der Entwicklungsniveaus von niemandem grundsätzlich angefochten worden. Andererseits gab es bei der - durchaus akzeptierten -Problematik des „Ausgleichs des Entwicklungsniveaus einen wichtigen Unterschied: „Wie kann und muss sich die Ausgleichung bei den konkreten Bedingungen des Wettbewerbs mit dem kapitalistischen Weltwirtschaftssystem vollziehen?“ Dies deutet etwas versteckt auf den Einbau der üblichen politischen Kriterien, die eine „Sonderolle“ der DDR begründen konnten. Vor allem war dies mit einer weiteren grundsätzlichen Frage verbunden: „Sind neue Organe mit vollkommeneren Arbeitsmethoden und weitreichenden Befugnissen notwendig?“ 4 Die Antworten waren stark mit institutionalistischen Problemen verbunden.
Zurecht wurde bemerkt, dass die nationalen Entscheidungsträger über keine Kriterien und Maßstäbe verfügten, „to measure national against extranational interest“. 5 Diese fundamentale Unsicherheit begrenzte ein Interessenkalkül auf Ebene 1 und 2; es gilt aber für beide Ebenen, die nationale wie die RGW-Ebene. Auf der RGW-Ebene war aber das Institutionalisierungsproblem deutlich größer, wenn nicht nur die Ergebnisse ungewiss waren, sondern auch das Verhalten der Partner. Dabei war natürlich von Bedeutung, dass es um sehr langfristige Konzepte ging. Wie in Kapitel 3 diskutiert, kann ein langer shadow of the future Unsicherheitsprobleme verstärken. Es wurde zurecht angemerkt, dass die rumänische Seite für diese Entwicklungsperspektive selbst im Inneren keine sicheren Kriterien für Spezialisierungsziele besaß. Ein Aushandlungsmechanismus mit den anderen Ländern musste diese Unsicherheit noch verstärken. Die Schlussfolgerung, ob daraus eine Stärkung des RGW oder der nationalen Souveränität folgen sollte, war jedoch offen.
Als wesentliches Problem erwies es sich aber, dass die Ausgleichserwartungen in eine sehr kurze Perspektive gerückt wurden und somit mit ungewöhnlich hohen Wachstumserwartungen gekoppelt waren. Diese Erwartungen wurden von der sowjetischen Seite - wohl als Zeichen ihrer Führungsposition - gefördert. Auf der Sofioter Ratstagung vom Dezember 1959 hatte Kossygin betont, dass das Produktionsniveau der sozialistischen Länder bis 1975 mehr oder weniger ausgeglichen sein werde. Auch wenn die Generalperspektive und die diesbezügliche Plankoordinierung bereits auf der Budapester
1 Persönliches Protokoll Wunderlichs über Beratung in SKMB am 24.11.1960; BArchB DE-1 13856, Bl. 13 ff.
2 Beschluss des Politbüros der SED v. 1.11.1960; SAPMO BArch DY 30 J IV 2/2 A - 784, Bl. 13 f.
3 Zit. nach Ahrens 2000, S. 155.
4 Deutsches Programm zur Ausarbeitung der Prinzipien und Kennziffern (...); BArchB DE-1 21030.
5 Kaser 1967, S. 28.
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Ratstagung (entsprechend den Beschlüssen der Novemberkonferenz 1960) auf 1980 verschoben wurde, waren dies relativ kurze Zeiträume.
Zudem wurde zuvor (seit 1956/58) von China, der UdSSR, der DDR, aber auch der CSR und selbst Polen eine Strategie verfolgt, in möglichst kurzer Zeit die westlichen Konkurrenten zu überholen. Das „Schaufensterkonzept“ wie das Ziel, die „fortgeschrittensten kapitalistischen Länder in der Produktion pro Kopf zu überholen“ wurden bereits 1956 von den industrialisierten „Fronstaaten“ DDR und CSR für ihre Entwicklung reklamiert. 1 Selbst wenn dies nicht mehr im Vordergrund stand, erforderten beide Ziele extrem hohe Wachstumszahlen. Die CSR plante bis 1965 kein Absenken des Entwicklungstempos in der Industrie, die durchschnittlich 10,5% jährlich wachsen sollte. 2 Zudem bot der beginnende sowjetisch-chinesische Konflikt neue politische und legitimatorische Möglichkeiten. Im Juni 1960 betonte die RAP auf ihrem Parteikongress die chinesische Formulierung von der Gleichheit aller sozialistischen Länder; sie soll dabei die chinesische Unterstützung gegen die sowjetische RGW-Politik erhalten haben. 3 Die rumänischen Ziele waren entsprechend ambitioniert: im 6-Jahresplan bis 1965 im Durchschnitt 13%. Den Partnern wurden stolz sogar höhere Wachstumszahlen (von 15-17%) präsentiert. 4 Solche Wachstumsziele wurden durchaus auch von westlich geschulten Ökonomen verfochten. 5 Die industrialisierten Länder sahen dies natürlich eher skeptisch und zeigten dies in den RGW-Gremien wohl auch. Die Mitarbeiter der DDR beim RGW-Sekretariat versuchten dazu einige Berechnungen der Wachstumszahlen und des „wahrscheinlichen Entwicklungstempos“ und kamen zu dem Ergebnis, dass man bis 1975 „keine annähernde Angleichung der Industrieproduktion der Teilnehmerländer des RGW“ erreichen könne. 6 Auch wenn die Wachstumserwartungen hier insgesamt zu hoch waren, bleibt die Grundaussage realistisch.
Somit lässt sich rumänischer Widerstand gegen die Bemühungen um die Grundprinzipien eher als ein Problem nationaler Interessendefinition (einschließlich der innenpolitischen side payments) als eines rationalen (wirtschaftspolitischen) Nutzenkalküls beschreiben. Aus den Erfahrungen, etablierten Schemata folgte eine Wahrnehmung der „Entwicklungsperspektive“ als Verteilungskonflikt: In diesem Sinne betrachtete der rumänische Parteichef - halb realistisch, halb kritisch - die Arbeit in den Kommissionen des RGW. Sie sei „jetzt (...) darauf gerichtet, wer den größten Happen erwischt. Die Welt könnte über uns lachen.“ 7 Dies war auch eine Folge enorm hoher Entwicklungs- und Angleichungserwartungen bei parallel hohen „Überholerwartungen“; die Erfahrungen schienen zugunsten der industrialisierten Länder zu sprechen. Welche Konsequenz hatten diese Interessendefinitionen?
1 Vgl. PAAA, MfAA d. DDR, A 2118, Bl. 250 ff. und A 2119, Bl. 160 ff.
2 So die Aussagen eines Instituts bei Gosplan. SAPMO BArch DY 30 3464, Bl. 190 f.
3 Deletant 2004, S. 17.
4 So Gheorghiu-Dej gegenüber Ulbricht für die Jahre 1960-1962. Ausführungen des Genossen Gheorghiu-Dej auf der Beratung am 15.09.1962; PAAA, MfAA der DDR, A 17103, Bl. 79.
5 So in Polen von dem Keynesianer Prof. Kaletztki, der in England, Mexiko und Iran tätig war. Als Leiter der Abteilung Perspektivplanung war er maßgeblich an einem Planprojekt beteiligt, das als „ökonomische Hauptaufgabe“ bis 1975 den Lebensstandart Westdeutschlands erreichen wollte. Dies wurde selbst in der polnischen Plankommission abgelehnt, u.a. weil keine „Überanstrengungen“ der Volkswirtschaft zugelassen werden sollten.
6 Nach diesen Berechnungen wäre der Abstand in der Industrieproduktion pro Kopf von CSR und DDR gegenüber Polen, Ungarn und UdSSR sogar noch gewachsen. Informationen über ein Schreiben von Steinwand (Stellvertreter der DDR im RGW) an Apel, für Ulbricht v. 27.1.1960; SAPMO BARch DY 30 3464, Bl. 191.
7 Ausführungen des Genossen Gheorghiu-Dej auf der Beratung (mit der SED-Führung) am 15.09.1962; PAAA, MfAA der DDR, A 17103, Bl. 84.
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5.2.3 Die Verhandlung um die Grundprinzipien: Positionen und Ergebnisse
Eine rationale Interessenpolitik (Ebene 2) hätte die Ausgestaltung konkreter Mechanismen erfordert, die entwicklungspolitische Anliegen sicherten und gegenüber einer Konservierung der Strukturen möglichst stark machten. Auf der Ebene von Prinzipien und Symbolen gab es durchaus solche Bemühungen. Die Debatte blieb aber weitgehend auf symbolischer Ebene. Konkrete institutionelle Innovationen in dieser Hinsicht (wie ein Investitionspool des RGW) gingen aber von rumänischer Seite gerade nicht aus. Andere Partner wie die polnische Seite sahen durchaus, dass eine zersplitterte Investitionspolitik Verluste auch für die Einzelstaaten bedeuteten. 1
Jedenfalls begannen die Partnerländer im I. Halbjahr 1960 die Tendenz wahrzunehmen, dass die rumänischen Vertreter in unterschiedlichen Gremien die „Selbständigkeit“ äußerst stark betonten und die „Probleme der Entwicklung des eigenen Landes“ in den Vordergrund stellten. 2 Auf der Beratung der SKÖF vom Dezember 1960 wie der XIV. Ratstagung vom Februar/März 1961 wurden von der rumänischen Delegation Meinungen geäußert, die nach Auffassung der DDR-Vertreter „den vorliegenden Entwurf der Grundprinzipien überhaupt in Frage stellten und darauf hinausliefen, die Ausarbeitung der Grundprinzipien neu zu beginnen“. Dies mag übertrieben sein. Dennoch war die Wahrnehmung nicht völlig falsch, dass von den Vertretern der RVR Argumente und Meinungen vorgebracht wurden, die „von einer gewissen Überbetonung nationaler Interessen und einem ungenügenden Verständnis für die Notwendigkeit einer weitgehenden Koordinierung der Pläne der sozialistischen Länder zeugen“. Nach rumänischer Auffassung ging der Entwurf zu stark vom „Standpunkt der Gesamtheit“ aus und hob die Interessen der einzelnen Länder nicht stark genug hervor. Dies betreffe vor allem die Formulierungen zum Nutzeffekt. Die Beachtung der Gesamtproportionen der RGW-Wirtschaft könne den Interessen und der Souveränität der einzelnen Länder zuwiderlaufen. 3 Die Überdehnung des Interessenarguments zeigt sich aber darin, dass sie sich tendenziell gegen die Beachtung der „Gesamtinteressen“ als eigenständiger Kategorie überhaupt richteten. Diese seien mit den nationalen Interessen in dem Sinne identisch, dass sie eine Folge der nationalen Interessenpolitik sei, welche die Interessen der anderen Parteien mitdenke. Dass ein polemisches Element in der Behauptung enthalten war, die Interessen der einzelnen Länder würden nicht beachtet, zeigt sich auch daran, dass diese „mehrfach vorgebrachte Auffassung (...) von allen anderen Länderdelegationen zurückgewiesen“ wurde. Diese unterstrichen auf der Tagung der SKÖF im Dezember 1960, dass der Entwurf der Grundprinzipien von der „Berücksichtigung sowohl der einzelnen Länder als auch der Interessen des gesamten sozialistischen Lagers ausgeht und völlig den Grundsätzen entspricht, die in den Erklärungen der Kommunistischen und Arbeiterparteien der sozialistischen Länder enthalten sind“. Letzteres Argument ist besonders bemerkenswert, weil der Verweis auf die „Parteidokumente“ von der rumänischen Seite ausging. 4 Es ist somit anzunehmen, dass die rumänische Seite maßgeblich beteiligt war, als auf der XIV. Ratstagung der Entwurf der Grundprinzipien mit der Begründung abgelehnt wurde, dass in ihm Feststellungen der Erklärung vom November 1960 5 hinsichtlich der Entwicklung des sozialistischen Weltwirtschaftssystems nicht genügend berücksichtigt seien.
1 So Gomulka im Juni 1960; vgl. Kaser 1967, S. 107.
2 Auszüge aus dem Bericht der Botschaft Bukarest (für I. Halbjahr 1961); BArchB DE-1 21308, Bl. 80.
3 Vorlage für einen Politbürobeschluss (zur Vorbereitung der XV. Ratstagung): II. Zur Entstehung des Dokuments „Grundprinzipien (...)“ und einigen dazu aufgetretenen Diskussionen; BArchB DE-1 3454, Bl. 50f.
4 Information über die 4. Tagung der SKÖF v. 1.-3.12.1960 in Moskau; BArchB DE-1 21913.
5 Erklärung der Kommunistischen und Arbeiterparteien vom November 1960.
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Der Entwurf ging zurück an die SKÖF. Ein überarbeiteter Entwurf sollte der Tagung der Ländervertreter und dann der XV. Ratstagung zugeleitet werden. 1
In einer neuen Runde der öffentlichen Debatte, die seit Dezember 1960 an Schärfe gewann, wurden nicht nur die Standardargumente wiederholt (Notwendigkeit allgemeiner Industrialisierung und dynamischer Ansätze), sondern auch die mangelnde Kredithilfe durch die UdSSR beklagt. 2 Als die rumänische Publizistik im März 1961 die „wissenschaftlichen“ Kontroversen direkter ansprach, bediente sie sich deutlich „ideologischer“ Argumente: Die Rolle des Wertgesetzes im internationalen Handel dürfe nicht die Rolle des „Gesetzes von der proportionalen Entwicklung“ mindern; eine allseitige Industrialisierung stärke die sozialen Grundlagen der Diktatur des Proletariats. 3 Nach der Expertenberatung im Juli 1961 bekräftigte Moldovan in einem eher „ideologischen“ Umfeld seine Kritik. Er wiederholte sie unter einer politischen Prämisse: Das Zurückbleiben einiger sozialistischer Länder würde den Prozess des Übergangs zur höheren Phase der kommunistischen Gesellschaft hemmen. Die Vertiefung der sozialistischen Arbeitsteilung kann und muss der Verwirklichung dieses großen Zieles dienen. Geringere Niveauunterschiede begünstigten zudem die Arbeitsteilung. Dies seien entscheidende Elemente für die sozialistische Arbeitsteilung und die Wirtschaftsentwicklung. In der ökonomischen Literatur würden diesen „bestimmenden Faktoren“ andere, „unbedeutende Faktoren“ vorgezogen, die nur teilweise als Kriterium dienen könnten: Unter diesen „unbedeutenden Faktoren“ verstand Moldovan immerhin die Gesamtheit aktueller Produktionsbedingungen (Erfahrungen, Qualifikationen,
Arbeitsproduktivität, Kosten usw.). Eine „statische, unhistorische Methode“ könne zu falschen Einschätzungen führen. Auch wenn das letztere Argument aus rumänischer Sicht plausibel ist, hätte die hier formulierte Unterordnung der aktuellen Standortkriterien unter die rumänische Entwicklungsperspektive kaum zu einem gesamtwirtschaftlichen Optimum führen können. (Immerhin wurde eine „Spezialisierung und Kooperierung von Produktionsgruppen, Produkten und Sorten“ als „richtig“ bezeichnet.) Hier wirkte ein politisch definiertes Anspruchsniveau wie die oben beschriebenen Wahrnehmungsmuster als Prämisse. Dieses wie die institutionalistischen Defizite erklären erst die rumänische Polemik: Die These, dass im Rahmen des SWS das Gesetz der vorrangigen Entwicklung von Produktionsmitteln gegenüber Massenbedarfsgütern für jedes einzelne Land seine Wirkung verloren hatte, würde die Teilung in entwickelte Industrieländer, welche den Export von Maschinen und Ausrüstungen monopolisierten, sowie Rohstoff- und Agrarländern zementieren. Die ökonomische Ungleichheit zwischen den sozialistischen Ländern bliebe erhalten. 4 Der zitierte Entwurf für die XV. Ratstagung zeigte die Ambivalenzen bei der Formulierung der „Grundprinzipien“ besonders deutlich.
1 Vorlage für einen Politbürobeschluss (zur Vorbereitung der XV. Ratstagung): II. Zur Entstehung des Dokuments „Grundprinzipien (...)“ und einigen dazu aufgetretenen Diskussionen; BArchB DE-1 3454, Bl. 50. Protokoll der XIV. Ratstagung v. 28.2.-3.3.1961 in Berlin; BArchB DC-20 11437 (Mfiche)/ 940, Bl. 33. Nach Auffassung von Kaser wurde die Ratstagung wegen der Ausarbeitung der Prinzipien von Mitte auf Ende des Jahres verschoben. Kaser 1967, S. 92. Die rumänische Seite bezog sich auch in der Folgezeit bei der Begründung ihrer „Souveränitätspolitik“ immer wieder auf einen Passus der Erklärung, in dem von der „Gemeinschaft freier, souveräner Völker“ und einer Zusammenarbeit, die „den Interessen eines jeden sozialistischen Staates als auch den Interessen des gesamten sozialistischen Lagers entspricht“, die Rede war. Ghermani 1981, S. 37.
2 Montias 1967, S. 205f.
3 So in einer Rezension von G. Gräbigs Buch von 1960 durch L. Cretu in Probleme economice, 3 (1961), S. 145-148; zit. nach Montias 1967, S. 206.
4 Auszug aus der Rede des (...) Gen. Moldovan, gehalten auf einer Beratung der Zeitschrift „Probleme des Friedens und des Sozialismus“, 29.7.1961; BArchB DE-1 3454, Bl. 60f.
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Betrachtet man dies als Versuch, ein internationales Regime zu etablieren, werden deutliche Unterschiede auf den verschiedenen Ebenen - Prinzipien, Normen, Regeln und Prozedurendeutlich. Auf den allgemeineren Ebenen, sozusagen den Prinzipien und Normen, war die rumänische Position sehr deutlich formuliert. Zwar stand bei den „ökonomischen Aufgaben von außerordentlicher Wichtigkeit“ die Steigerung der Pro-Kopf-Produktion, um den „friedlichen ökonomischen Wettbewerb der zwei Systeme“ zu gewinnen, an erster Stelle. Er war aber nicht mehr ausdrücklich auf die „Frontstaaten“ bezogen, sondern auf eine „allseitige Steigerung“ im „gesamten sozialistischen Weltsystem“. Hier werden auch erste blockinterne Ergebnisse des Mauerbaus sichtbar. Gleich an zweiter Stelle stand zudem die „konsequente Überwindung“ der wirtschaftlichen Unterschiede, um den „mehr oder weniger gleichzeitigen“ Übergang zum Kommunismus zu erreichen. Dieses Ziel wurde sogar zu einem Basisprinzip erklärt, wenn es als „ökonomische Gesetzmäßigkeit“ deklariert wurde. Es wurde drei Mal im Entwurf erwähnt. Darüber hinaus wurde es durch die „schnellere Entwicklung des Maschinenbaus“ in den Agrarländern ergänzt. Dies müsse die Spezialisierung fördern. Der einzige Wermutstropfen für diese Länder war vielleicht, dass im Zusammenhang mit der Plankoordinierung nur von einer „allmählichen Angleichung“ der Entwicklungsniveaus die Rede war. Zudem war bei der „proportionalen“ oder „komplexen“ Entwicklung der Wirtschaft keineswegs nur die RGW-Ebene gemeint, sondern auch die der Einzelstaaten. Die „ununterbrochene“ Vermehrung des technischen Fortschritts sollte „jedem sozialistischen Land möglich“ sein. Zudem werden die „optimalen Proportionen“ als dynamische Größe gedacht.
Komplizierter wurde die Frage, wenn man die Ebene von Regeln und Prozeduren betrachtet. Wie sollte der „maximale ökonomische Nutzeffekt“ realisiert werden? Sicher hielt man dieses Ziel nur durch eine verstärkte internationale Zusammenarbeit für erreichbar. Zudem ging die „praktische Verwirklichung“ dieses Prinzips vom „Standpunkt des gesamten sozialistischen Weltsystems“ ausgehen - ein für Rumänien sicherlich problematischer Abschnitt, der auch aus dem Entwurf gestrichen wurde. 1 Allerdings sollte dieses Prinzip nicht den nationalen Interessen der einzelnen sozialistischen Ländern widersprechen. An der „im ganzen zweckmäßigen internationalen Arbeitsteilung“ müsse jedes einzelne Land interessiert sein. Hier werden auch Maßnahmen erwähnt, die „vom Standpunkt des sozialistischen Lagers aus zweckmäßig sind, jedoch zeitweilige Nachteile für die einzelnen Länder hervorrufen können“. Es sei notwendig, „entsprechende Wege und Formen der Stimulierung“ solcher Maßnahmen zu finden. Diese Wege waren aber entweder vage formuliert („gegenseitige Wirtschaftshilfe“) oder sie waren eben noch „zu finden“. Die fehlenden konkreten Mechanismen verstärkten die Unsicherheit bei der Bewertung der Prinzipien deutlich. Dies war gerade bei den Kriterien für die Berechnung des Nutzeffekts deutlich. Die Formulierungen zugunsten der entwickelten Länder („optimale Konzentration der Produktion (...) durch die bessere Ausnutzung der Ausrüstungen, der Rohstoffe (...) der Arbeitskräfte und der qualifizierten Kader“ wurden nur unzureichend und allgemein durch „andere Kriterien“ ergänzt. Immerhin bot das Kriterium freier Arbeitskräfte eine Möglichkeit für Länder wie Bulgarien. Andererseits zählte zu den Hauptfaktoren, die man bei der Spezialisierung ausnutzen wollte, der „vorhandene Produktionsapparat, sein technischer Stand und seine Auslastung“. Zudem klang das Hauptkriterium für Investitionen, die „Rückflussdauer oder der Koeffizient des vergleichbaren Nutzeffektes“ für zusätzliche Investitionen nach einer Behinderung von Investitionen in den geringer entwickelten Ländern; zumindest dürfte die Berechnung zu umstrittenen Ergebnissen geführt haben. Eine methodische Basis bestand jedenfalls nicht. Was sollte es konkret bedeuten, wenn die „Rolle der natürlichen
1 Bereits an anderer Stelle des Entwurfs wurde der „Standpunkt der einzelnen Länder“ vor oder neben den des „gesamten sozialistischen Systems“ gestellt. Grundprinzipien der internationalen sozialistischen Arbeitsteilung (Entwurf), s. 21; BArchB DE-1 3454, Bl. 83.
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Bedingungen und der historischen Traditionen“ gegenüber den neuen Bedingungen und Traditionen nicht überschätzt werden durfte? 1
Insgesamt wurde zwar eine „harmonische Verbindung“ zwischen den Interessen der Länder und des Lagers deklariert; die konkrete Gestaltung dieser Harmonie blieb aber unsicher. Auf der Ebene allgemeiner Prinzipien hatte man der rumänischen Position deutlich Rechnung getragen; auf der Ebene von Regeln überwogen unsichere, vage Formulierungen oder solche, die tendenziell zugunsten der Industrieländer waren. Konkrete methodische Prozeduren waren weitgehend unterentwickelt. Dieses Ungleichgewicht der Ebenen war auch der Verschiebung der Debatte auf die prinzipiellen Fragen geschuldet. Es entstand aber ein Kompromiss auf verschiedenen Ebenen, der in dieser Form kaum Bestand haben würde.
Der Weg zu diesen Formulierungen und ihrer Veränderung war keineswegs konfliktfrei. Immerhin hatte das Bestreben einiger Delegationen, „das Gewicht der Frage der Angleichung des ökonomischen Entwicklungsniveaus (...) im vorliegenden Entwurf der Grundprinzipien zu erhöhen und als wichtigstes Prinzip der internationalen Arbeitsteilung in den Vordergrund zu stellen“, zu „langwierigen Auseinandersetzungen“. Hier setzte sich aus Sicht der DDR die mittlere Position durch, dass das Prinzip der Überwindung der historisch entstandenen Unterschiede im Niveau der ökonomischen Entwicklung (...) ein Prinzip unter anderen ist“. In dem zur XV. Ratstagung (Dezember 1961) vorbereiteten Dokument hatte nach Auffassung der DDR „dieses Prinzip den seiner Bedeutung entsprechenden Platz erhalten“. Die DDR betonte, das Dokument habe „volle Gültigkeit“, sei also kompatibel mit ihren deutschlandpolitischen Zielen sei. 2
Dennoch entstand eine Neufassung der Grundprinzipien, die als Anlage zum Protokoll der XV. Ratstagung angenommen wurde. Dabei konnten die rumänischen und albanischen Vertreter eine Definition des SWS als „wirtschaftliche und politische Gemeinschaft freier souveräner Völker“ nicht durch eine Bestimmung des sozialistischen Weltwirtschaftssystems ergänzen, die dieses als „Summe der Volkswirtschaften der sozialistischen Länder“ bezeichnete. Alle übrigen Länder waren mit der Formulierung nicht einverstanden. 3
Der Entwurf brachte eine Formulierung von den „Prinzipien der vollen Gleichberechtigung, der gegenseitigen Achtung der Unabhängigkeit und Souveränität, der brüderlichen gegenseitigen Hilfe und des gegenseitigen Vorteils leiten“. Dies bedeutete eine starke Anlehnung an das Normensystem der sowjetischen Erklärung vom 30. Oktober 1956. Die Planaufstellung wird von den „nationalen Plänen“ aus gedacht, „ausgehend von den konkreten Bedingungen des Landes, den politischen und ökonomischen Aufgaben, die durch die kommunistischen und Arbeiterparteien festgelegt wurden“. 4 Dies deutete auf Kompromisse. Trotz der skizzierten inneren Spannungen der Entwürfe akzeptierte die rumänische Seite letztlich das Ergebnis. Bedeutete dies, dass letztlich die sowjetische Hegemonie eine Entscheidung brachte?
Die Ausarbeitung der Prinzipien erfolgte zunächst im Rahmen einer sowjetischen Hegemonie. Die ersten Entwürfe entstanden unter „maßgeblicher Beteiligung der
1 Grundprinzipien der internationalen sozialistischen Arbeitsteilung (Entwurf); BArchB DE-1 3454, Bl. 62 ff.
2 Stellungnahme (der DDR-Delegation) zum Dokument „Grundprinzipien (...)“; BArchB DE-1 12309, Bl. 9 f.
3 Erläuterung der Vorlage des Entwurfs der Grundprinzipien (...) für die SPK ; Wenzel an Kuntz v. 11.12.1961; BArchB DE-1 12309. Bl. 6.
4 Grundprinzipien (...); Anlage 1 zum Protokoll der XV. Tagung des RGW; SAPMO BArch DY 30 J IV 2/2 -878, Bl. 100 f.
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sowjetischen Seite“, d.h. sowjetischer Spezialisten auch außerhalb des RGW. 1 Die entscheidenden RGW-Gremien wurden von sowjetischen Vertretern dominiert, die - in Kooperation mit Partnerländern - oft die Entwürfe ausarbeiteten. Dennoch liegt kein Automatismus vor. Abgesehen vom rumänischen und albanischen Widerstand entwickelten auch die anderen Partner eigene Konzepte; sowjetische Vorschläge lieferten nicht automatisch einen focal point.
Die sowjetischen Vertreter wurden mit neuen Vorschlägen im September 1961 auf einer Sitzung der SKÖF und einer folgenden Tagung der Ländervertreter aktiv. Ausgehend von der Novemberkonferenz 1960 war die zentrale Prämisse, dass die wichtigste Voraussetzung politischer und wirtschaftlicher Erfolge die „Einheit und Geschlossenheit“ einschließlich der Erweiterung und Vervollkommnung der Arbeitsteilung des SWS darstelle. Mehrfach wurde der Bezug zu den „programmatischen Feststellungen“ der Novembererklärung hervorgehoben. Dabei sei von „einer richtigen Verbindung der nationalen Interessen jedes Landes mit den Aufgaben des sozialistischen Weltsystems als Ganzem, des sozialistischen Patriotismus und sozialistischem Internationalismus“ auszugehen. Die Formulierungen zu dieser Frage gingen aber weniger stark von der Perspektive des gesamten Lagers aus. Es gehe um eine „Verbindung der komplexen Entwicklung der Volkswirtschaft jedes sozialistischen Landes mit der Spezialisierung einzelner Arten von Produktionen im System der internationalen sozialistischen Arbeitsteilung und die Berücksichtigung der Notwendigkeit der allmählichen Überwindung der historisch entstandenen Unterschiede im Niveau der ökonomischen Entwicklung“. 2 Dies klang nach einem Formelkompromiss. Andererseits schlug der sowjetische Vertreter vor, eine Definition der internationalen sozialistischen Arbeitsteilung in das Dokument aufzunehmen, die vom „sozialistischen Lager“ aus gedacht war: Es handele sich um die „wissenschaftlich begründete Art und Weise der planmäßigen Entwicklung der Produktion im Rahmen des SWS, die erlaubt, am rationellsten und harmonischsten die Volkswirtschaft in jedem einzelnen Land zu leiten. Die anderen Delegationen lehnten aber die Aufnahme einer solchen Definition zunächst mit der Begründung ab, sich erst eingehend mit der Frage beschäftigen zu müssen. 3
Zwischen März und September 1961 vollzog sich eine Entwicklung, die Grundprinzipien stärker auf politisch-symbolischer Ebene und begann sich von den technokratisch „objektiven“ Kennziffern abzukoppeln. Bereits im Juli 1961 hatten DDR-Vertreter beklagt, dass im Verlauf des zweijährigen Arbeitsprozesses an den Grundprinzipien „nicht eine weitgehende Präzisierung, sondern der konkrete richtungsweisende Charakter immer mehr verallgemeinert wurde. Damit nimmt das Dokument immer mehr den Charakter einer reinen theoretischen Ausarbeitung an.“ 4
Eine Einschätzung des neuen Dokuments begann nun mit der Feststellung, dass es von den programmatischen Leitsätzen der Erklärung der KAP vom November 1960 wie dem neuen Programm der KPdSU ausgehe. „Im Dokument wird die Rolle der kommunistischen und Arbeiterpartien als Initiator und Organisator der sozialistischen internationalen Arbeitsteilung dargestellt (...).“ 5 Dieser von der rumänischen Seite geförderte Wandel drohte aber in einen politischen Kontext zu geraten, der für Bukarest kontraproduktiv wirken und die Bedenken verstärken konnte.
1 Notiz v. 17.10.1960; BarchB DE-1 3454.
2 Rede des Gen. Nowikow zu Punkt 1 (am 15.9.1961), S. 1 u. Einführungsrede (...). S. 2; BArchb DE-1 25458.
3 Erläuterungen zur Vorlage des Entwurfs der Grundprinzipien (...); BArchB DE-1 12309, Bl. 6.
4 Bericht über den Stand der internationalen ökonomischen Zusammenarbeit (...) v. 15.7.1961; BArchB DE-1 17576, Bl. 8.
5 Stellungnahme (der SPK) zum Dokument „Grundprinzipien (...)“; BArchB DE-1 3454, Bl. 56.
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Strittig waren vor allem noch die Formulierungen zur Spezialisierung in der Landwirtschaft und zur „Herausbildung von Produktionskomplexen unter Teilnahme einiger sozialistischer Länder“. Hier trat die sowjetische Seite gegen den rumänischen Standpunkt auf und versuchte eine Führungsfähigkeit im Sinne ihrer Programmatik und der „Einheit und Geschlossenheit des sozialistischen Weltsystems“ zu zeigen. Deshalb schlug der sowjetische Vertreter in der Vertreterversammlung des RGW auch vor, die Annahme der Grundprinzipien an eine Konferenz der Parteichefs zu übertragen. Dabei wurde die (von Lenin formulierte) „objektive Tendenz zur Schaffung in der Zukunft einer einheitlichen ökonomischen Wirtschaft (sic!), die von den siegreichen Werktätigen nach einem allgemeinen Plan reguliert wird“, in die Diskussion gebracht und in die Entwürfe (bis zur Endfassung) aufgenommen. Die frühere Forderung nach multilateralen Material- und Zahlungsbilanzen könnte als erster Schritt in diese Richtung gewertet werden. Die „Definition der Koordinierung“ als die „freiwillige gemeinsame Tätigkeit der sozialistischen Staaten, die auf die erfolgreiche Lösung der vor ihnen stehenden Aufgaben gerichtet ist“ schwingt etwas vage zwischen „freiwillig“ und „gemeinsam“. 1 Die sowjetische Seite versuchte also in stärkerem Maße ihre Position als Produzent programmatischer focal points zu etablieren, konnte aber kaum eine schwache Hegemonie erreichen. (3; 3) Insgesamt hatte sich die Perspektive seit dem Beginn der Arbeit deutlich vom Nutzeffekt für das ganze Lager zu einem Kompromiss zwischen „nationalen“ und „Lagerinteressen“ zwischen der „komplexen Entwicklung der Ökonomik der einzelnen Länder mit der Entwicklung der Spezialisierung der internationalen sozialistischen Arbeitsteilung“ entwickelt.
Eine verstärkte sowjetische Initiative im Sommer/Herbst 1961 passt zu der Hypothese, dass die RGW-Fragen in den Kontext der internationalen Politik gerieten. Hier beginnen sowjetische Motive zu greifen, die für die Reformvorstöße von 1962/63 bestimmend werden sollten. Sie müssen in diesem Kontext genauer analysiert werden. Bereits jetzt richteten sich Stellungnahmen wie die „Grundprinzipien“ verstärkt an die Öffentlichkeit und nicht an die Wirtschaftsfachleute - die Öffentlichkeit des Ostblocks wie die Weltöffentlichkeit. Angesichts fehlender Ergebnisse in der eskalierenden Berlin-Krise, ja gewissermaßen einer Niederlage Chruschtschovs bei den Genfer Gesprächen mit Kennedy, musste die sowjetische Seite angesichts des chinesischen Schattens unbedingt Führungskraft beweisen. Auf dem Höhepunkt der Berlinkrise besaß die DDR zudem eine günstige Position, (ähnlich dem Mai 1958) die Auffassungen der Industrieländer durchzusetzen. Die Meinungsverschiedenheiten sollen sowohl beim Besuch einer rumänischen Spitzendelegation nach Moskau (31.7.-12.8.1961) wie am Rande der Beratungen des Warschauer Vertrages vom 3.-5.8.1961 eine Rolle gespielt haben. 2 In diesen Kontext legt auch die jüngere rumänische Forschung eine wesentliche Ursache für die rumänisch-sowjetischen Spannungen. Chruschtschov habe den RGW-Mitgliedern auf der Augustkonferenz 1961 einen Plan für eine supranationale Planungsbehörde präsentiert und damit die Ängste der rumänischen Führung aktiviert, zum Rohstofflieferanten degradiert zu werden, ihr Industrialisierungsprogramm stoppen zu müssen und sowjetischer Ausbeutung ausgesetzt zu sein. 3 Abgesehen davon, dass sich im Protokoll der Konferenz kein Hinweis auf eine solche Äußerung Chruschtschovs findet 4 , müssen die Äußerungen zum „gemeinsamen Plan“ in die richtige Perspektive gerückt werden. Hier ging es um eine Zukunftsoption, die sowjetische visionäre Führungskraft beweisen sollte. Die entsprechende Formulierung vom „einheitlichen Plan“ in der zukünftigen sozialistischen Weltwirtschaft stand bei den allgemeinen Prinzipien; die konkrete
1 Rede des Gen. Nowikow zu Punkt 1 (am 15.9.1961), S. 1 u. 3; BArchB DE-1 25458, o.Bl.
2 Frickenhelm 1990, S. 241 ff.
3 Deletant 2004, S. 17.
4 Bonwetsch/ Filitov 1999.
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Planabstimmung wurde auf Initiative der sowjetischen Seite mit einem eigenen Abschnitt bedacht, in dem die „Koordinierung“ als die „freiwillige gemeinsame Tätigkeit der sozialistischen Staaten“ definiert wurde und als „Koordinierung der nationalen Volkswirtschaftspläne“. 1
Dennoch musste die rumänische Seite alarmiert sein; die Kontroverse eskalierte. Die sowjetische Seite stärkte im November 1961 durch einen Beitrag von O. Bogomolov die effizienzorientierten Auffassungen, auch wenn gegenwärtige wie zukünftige Kostenkalkulationen eine Rolle spielen sollten. 2 Die rumänische Seite ging einen Schritt weiter; sie bekundete ihre Haltung nun in einem Rahmen von höchstem symbolischen Status. Wenn auf dem Plenum des ZK der RAP im November/Dezember 1961 gegen eine „verzerrte Weise, die Grundsätze der Spezialisierung und Arbeitsteilung (zu) präsentieren“, Stellung bezogen wurde, bedeutet dies ein neues Niveau der öffentlichen Kontroverse und faktisch eine Stellungnahme der Partei selbst. 3 Damit war sie endgültig von einer „wissenschaftlichen“ zu einer „ideologischen“ Debatte geworden. Zweifellos war eine solche Äußerung ein Symbol für große Bedeutung, die man dieser Frage beimaß. Sicher erfolgte die Veröffentlichung dieses Statements nicht zufällig zu Beginn der XV. Ratstagung (12.-15.12.1961), auf der die „Grundprinzipien“ zur Debatte stehen sollten. In Bezug auf die Grundprinzipien lohnte dies aber nur, wenn die rumänische Führung noch wesentliche Veränderungen anstrebte. Auf der Ratstagung gab es zwar Kontroversen zum Verhalten Albaniens, das de facto ausgeschlossen wurde, und zu Defiziten in der Vorbereitung der Perspektivplanabstimmung; die Diskussion zu den Grundprinzipien verlief dagegen ohne relevanten Dissens; der Entwurf wurde zur Behandlung an die „1. Sekretäre“ überwiesen. 4 Die rumänische Position beinhaltete zweifellos etwas wie eine Blockadedrohung gegen weitergehende Reformversuche - eine Drohung, die aber dem aktuellen Stand der Diskussion nicht angemessen war. Der Adressat des rumänischen Statements ist nicht allein oder vorrangig im RGW zu suchen. Hier ist ein anderer Zusammenhang von erheblicher Bedeutung. Diese ZK-Tagung ist Ausdruck eines Versuches, unter den Bedingungen der zweiten Destalinisierungswelle im Ostblock die Herrschaft einer „stalinistischen“ Führung durch eine „nationale“ Politik zu stabilisieren. Die Entstalinisierung wurde durch eine Entsowjetisierung ersetzt. 5
Wenn die Endfassung der Grundprinzipien als Kompromiss angesehen wird, bei dem „the underdeveloped countries apparantly succeeded in watering down the more extreme demands on specialization sufficiently to accept the document“ 6 , war dieser Kompromiss spätestens im September 1961 erreicht. Der von der Maikonferenz 1958 ausgehende Zyklus zur Entwicklung der „Grundprinzipien“ schien im Herbst/Winter 1961 beendet. Dennoch musste
1 Rede Novikovs (15.9.1961); BArchB DE-1 25458. Endfassung der Grundprinzipien v. Juni 1962; Damus 1979, S. 274 f.
2 Montias 1967, S. 208.
3 „Unsere Partei hat immer energisch und stets vom marxistisch-leninistischen Standpunkt aus jene falschen ‚Theorien’ abgelehnt und bekämpft, die , während sie die Aufrechterhaltung vernünftiger Proportionen zwischen den Zweigen der Volkswirtschaft und den Vorrang der schwerindustriellen Entwicklung im Rahmen des gesamten sozialistischen Lagers statt im Rahmen der einzelnen sozialistischen Länder zu verteidigen vorgeben, in Wirklichkeit die Notwendigkeit verneinen, die technische und materielle Grundlage des Sozialismus zu schaffen und in einer verzerrten Weise die Grundsätze der Spezialisierung und der Zusammenarbeit im Rahmen der internationalen sozialistischen Arbeitsteilung präsentieren.“ Scintea v. 12.12.1961; zit. nach Frickenhelm 1990, S. 249; vgl. auch Montias 1967, S. 207 u. Metcalf 1997, S. 74.
4 „Alle Delegationen wiesen in ihren Diskussionsbeiträgen (...) auf die große politische Bedeutung dieses Dokumentes hin.“ Zusammenfassender Bericht über die Ergebnisse der XV. Ratstagung (...); SAPMO BArch DY 30 J IV 2/2A 878, Bl. 88. Protokoll der XV. Ratstagung, s. 11; BArchB DC-20 11437 (Mfiche)/ 941, o.Bl.
5 Zudem wurde seit Dezember 1961 die Zahl der Parteimitglieder stark erhöht. Frickenhelm 1990, S. 285ff.
6 Montias versucht, die Grundprinzipien in Segmente zu zerlegen und auf die Interessen einzelner Parteien zurückzuführen. Bei den zitierten Passagen gab es aber keine relevanten Veränderungen. Montias 1967, S. 210 ff.
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die rumänische Seite in der Endfassung nicht nur die Kröte vom „gemeinsamen Plan“ schlucken; auch bei anderen Formulierungen musste ihre Position graduelle Einbußen hinnehmen. Die Niveauangleichung erscheint nicht mehr als „sehr wichtige objektive Gesetzmäßigkeit“, sondern wird gleichberechtigt in eine Reihe von Entwicklungskriterien gestellt. Die „konsequente Überwindung“ der Niveauunterschiede verschwindet; es bleibt die „allmähliche“. 1
Diese Ergebnisse wurden auf der Konferenz der Parteiführungen im Juni 1962 bestätigt, bekamen sozusagen den symbolisch höchsten „Segen“. Anfang 1962 begann aber bereits ein neuer Zyklus, der formal auf die organisatorische Ausgestaltung der Grundprinzipien gerichtet war, auf diesem Gebiet aber wesentlich über die Inhalte der Grundprinzipien hinausging. So konstatierte im März 1962 die polnische Seite im Zusammenhang mit ihrem wichtigen Reformprogramm: Die auf der XV. Ratstagung gebilligten Grundprinzipien „legen richtig die Hauptziele der wirtschaftlichen Zusammenarbeit und der rationellen Arbeitsteilung fest. Jedoch gibt es bisher kein konkretes Programm, um diese richtigen Festlegungen zu empfehlen und zu realisieren. Aus dem gleichen Grunde macht die Entwicklung auf dem Gebiet der ökonomischen Integration der sozialistischen Länder keine Fortschritte und bleibt hinter den akut herangereiften Erfordernissen der neuen Etappe der wirtschaftlichen Entwicklung dieser Länder zurück“. 2 Vor der Behandlung dieser „neuen Etappe“ soll die institutionelle Konfiguration der vorherigen Etappe zusammengefasst werden.
5.2.4 Die institutionelle Konfiguration der „Grundprinzipien“
Die institutionelle Konfiguration, die zur Ausarbeitung der Grundprinzipien führte, war sehr vielschichtig, nicht nur die genutzten „Räume“ betreffend. Der Impuls ging im Mai 1958 stark von der Ebene 5 aus, aktivierte Mechanismen auf Ebene 2, verlagerte sich aber zunehmend wieder auf Ebene 5 und wurde durch die Rückkopplung an zentrale Symbole deutlich gehemmt und modifiziert. Von einem Interessenkonflikt auf Ebene 1 kann nicht gesprochen werden; allerdings zwangen divergierende Interessendefinitionen zu Formelkompromissen, die das institutionalistische Dilemma nicht vermindern konnten. Die Unsicherheit über mögliche Spezialisierungsergebnisse im Rahmen der „Generalperspektive“ bis 1975/80 wurde nicht relevant gemindert. Der rumänische Widerstand war stark innenpolitisch motiviert; die inneren Vorteile für eine „nationale“ Entwicklungsstrategie waren fassbarer als die zwar „rationaleren“, aber in mehrfacher Hinsicht unsichereren Anreize einer blockorientierten Strategie. Die „Nation“ begann zur zweiten Säule der Herrschaftslegitimation zu werden. Die Interessendefinition hing mit gewachsenen und
1 Vgl. den Entwurf der Grundprinzipien, BArchB DE-1 3454, Bl. 62 ff. und die Endfassung bei Damus 1979, S. 272 ff. Das kapitalistische Weltsystem sollte zunächst im „absoluten Umfang“, danach erst in der Pro-Kopf-Produktion der Länder überholt werden.
2 Aktuelle Probleme der Entwicklung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit der Teilnehmerländer des RGW (Warschau, 5.3.1962); SAPMO BArch DY 30 3480, Bl. 16. Für die organisatorische Entwicklung ist am interessantesten, dass der Plankoordinierung ein abgestimmtes System von Materialbilanzen für die wichtigsten Erzeugnisarten im ganzen sozialistischen Lager oder in einer Gruppe interessierter Länder zugrunde liegen sollte. Wer sollte diese Bilanzen erstellen und welche Geltung sollten sie erhalten? Die Grundprinzipien blieben hier vage: „Die organisatorischen Grundlagen der ökonomischen Zusammenarbeit werden ebenfalls ständig vervollkommnet: das kollektive Organ für die Organisierung dieser Zusammenarbeit - der Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe - hat sich gefestigt.“ Immerhin stand dieser Satz nun im Zusammenhang mit der Formel von der „zukünftigen Schaffung einer kommunistischen Weltwirtschaft, die (...) nach einem einheitlichen Plan geregelt wird“. Grundprinzipien der sozialistischen internationalen Arbeitsteilung (Entwurf; Anlage zum Protokoll der XV. Ratstagung); SAPMO BArch DY 30 J IV 2/2A - 878, Bl. 102; BArchB DE-1 19442.
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gerade im Herbst 1960 aktualisierten Schemata zusammen, die auf eine Begünstigung industrialisierter „Frontstaaten“ wie der DDR hinwiesen. Zudem verschärften alle Beteiligten wie die „Ideologie“ das Problem durch unrealistische Wachstumsziele. Die Entwürfe wie die Endfassung spiegeln die Parallelität von Überholstrategien und Niveauausgleich. 1 Die sowjetische Seite versuchte sich zwar - verstärkt angesichts der chinesischen Herausforderung - als Produzent von focal points zu erweisen, erreichte zunächst aber kaum eine schwache Hegemonie und zog sich auf Kompromissvorschläge zurück, die in ihrer Allgemeinheit das Problem eher verschärften. Die neuen Impulse vom Sommer/Herbst 1961 waren eher ideologischer als wirtschaftspolitischer Natur. Damit wurde ein Trend verstärkt, der im Gegensatz zur Erwartung stand, dass die Grundprinzipien „programmatische Bedeutung“ erhalten müssten: Spezialisten der DDR kritisierten ja, dass in einem zweijährigen Arbeitsprozess keine Präzisierung erreicht wurde, sondern der „konkrete richtungsweisende Charakter immer mehr verallgemeinert wurde. Damit nimmt das Dokument immer mehr den Charakter einer rein theoretischen Ausarbeitung an.“ 2 Erst auf dieser „ideologischen“ Ebene verstärkte die sowjetische Seite ihre hegemonialen Einflüsse. Die für die Ausarbeitung der Grundprinzipien zentrale Kommission für ökonomische Fragen wurde „weitgehend dadurch gehemmt, dass selbst bei methodologischen Fragen prinzipielle politische und soziale Probleme der Länder berührt werden, deren Bearbeitung zt. Zt. nicht in Ratsinstitutionen erfolgen können, da die Länder selbst, wie auch die DDR, im Rat nicht die Organisation sieht, die die organisierende durchsetzende Kraft in der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen den sozialistischen Ländern ist“. 3
Dies bedeutete, dass die „Realität“ einschließlich der Organisationsentwicklung hinter der Festlegung von allgemeinen Zielen zurückblieb. Der Versuch, die Generalperspektive der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung mit wirtschaftspolitischen Prinzipien, aber auch wissenschaftlichen Methoden zu verbinden, reduzierte sich zu einem Minimalkonsens „ideologischer“ Floskeln. Bis dahin hatten die Grundprinzipien nur die Basis eines „internationalen Regimes“ formuliert: Prinzipien und allgemeine Normen. Bei den Versuchen einer Ausgestaltung oder gar einer Revision waren nicht nur Chruschtschovs Reformvorstöße aus der zweiten Hälfte 1962 wesentlich, sondern auch die Initiativen der kleineren Länder. Angesichts der 1960/61 gezeigten schwachen sowjetischen Hegemonie wie der großen Bedeutung zumindest der rumänischen Position, konnte die weitere Entwicklung vom Wechselspiel sowjetischer Führungskraft mit den Positionen der „Satelliten“ abhängen. Aus diesem Wechselspiel resultierte - parallel zur Stagnation bei der Vorbereitung der „Grundprinzipien“ - ein neuer Anlauf zur Stärkung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Dabei spielte die VRP eine wesentliche Rolle. Es wird aber auch von einer „Vorreiterrolle“ der DDR gesprochen. 4
5.3 Der planwirtschaftliche Reformansatz
5.3.1 Die DDR als „Vorreiter“ einer Stärkung des RGW
Für Veränderungen im RGW mussten vor allem Länder mit starker
Außenhandelsabhängigkeit und großen inneren Wirtschaftsproblemen eintreten. Dies trifft vor allem für die DDR zu, die sich im Rahmen der „Störfreimachung“ ihrer Wirtschaft
1 Vgl. den Entwurf der Grundprinzipien, BArchB DE-1 3454, Bl. 62 f. und die Endfassung bei Damus 1979, S. 272 f.
2 Bericht über den Stand der internationalen ökonomischen Zusammenarbeit und Vorschläge zur Verbesserung (...) v. 15.7.1961; S. 7, BArchB DE-1 17576, Bl. 8.
3 Ebenda, S. 7f., Bl. 8f.
4 So Lemke 1995, S. 86 f., der dies allerdings aus einer Selbsteinschätzung der DDR-Vertreter wie der seit mehreren Jahren geforderten Konzentration des RGW auf die Hauptfragen ableitet.
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besonders stark auf den RGW-Raum orientierte. Ihre „Vorreiterrolle“ wurde bereits erwähnt. In diesem Zusammenhang soll die DDR ab 1960 „die Initiativen zur besseren Koordinierung oder gar Zentralisierung der Wirtschaftspolitik im RGW“ verstärkt haben. 1 Vor allem wird immer wieder hervorgehoben, dass Ulbricht auf der XIV. Ratstagung (Februar/März 1961) die Arbeit des RGW stark kritisiert und eine effizientere Koordinierung gefordert habe. 2 Ulbricht forderte die „systematische Orientierung auf die Standardisierung, Mechanisierung und Automatisierung der Produktion. Nur auf diesem Wege kann es gelingen, die historisch bedingten Unterschiede des ökonomischen Entwicklungsniveaus zu überwinden. Das kann aber nicht gelingen, wenn sich einige sozialistische Staaten nur auf ein Nebeneinander in der Entwicklung der Volkswirtschaft orientieren und nicht auf eine zunehmende Koordinierung.“ Der SED-Chef wirbt also für mehr Koordinierung gerade mit dem Argument des Niveauausgleichs. Eine arbeitsteilige Produktion sei erst im Entstehen. „Was fehlt, ist eine allseitige Begründung und Berechnung der Nutzeffekte der beabsichtigten zwischenstaatlichen Produktionsspezialisierung, eine Bilanzierung hinsichtlich der Bedarfsdeckung spezialisierter Erzeugnisse, die Festlegung von Export- und Importbeziehungen von Erzeugnissen (...) und schließlich die Bindung der vom Rat empfohlenen Spezialisierungsmaßnahmen in zwischenstaatlichen Festlegungen. Allein die letzte Frage wird im (RGW...) schon etwa zwei Jahre beraten, ohne dass es zu nennenswerten Fortschritten gekommen ist.“ Damit waren zentrale Fragen angesprochen. Die praktischen Schlussfolgerungen Ulbrichts richteten sich allerdings nur auf die „einheitliche Normung, Typisierung und
Standardisierung von Industrieerzeugnissen zwischen unseren Ländern“. 3 Liest man die Ausführungen Ulbrichts im Kontext der Agenda, war dies vor allem eine Betonung vorhandener Themen, kaum aber eine innovative Kritik. Perspektivplankoordinierung und Bilanzierung zentraler Positionen waren die Schlüsselbegriffe, ohne dass die notwendigen Mechanismen präzisiert wurden. 4 Immerhin war dies ein erster Schritt. Ohnehin waren die Berichte der DDR-Spezialisten zu diesem Zeitpunkt zwar kritisch, aber keineswegs dramatisierend; Reformimpulse gingen von hier nicht aus. So wollten die Vertreter der DDR in der Kommission für chemische Industrie - ausgehend von der Ulbricht Rede - „weitere Vorschläge über die Arbeit zur Standardisierung“ machen. Zu Organisationsfragen wurde nur kritisch angemerkt, dass „die bereits vorhandenen Formen, Methoden und Organisationen nicht genügend genutzt werden“. Ulbrichts Kritik an dem „Nebeneinander“ war somit eher ein symbolischer Akt als ein Schritt zu neuen Ufern. Sie stand deutlich in der Tradition seiner früheren Vorstellungen. Immerhin beschloss das Politbüro der SED am 11.4.1961, dass Spezialisten auf verschiedenen Ebenen „Vorschläge für die weitere Arbeit des RGW“ ausarbeiten sollten. 5
1 Ahrens 2000, S. 127. Immerhin war die DDR bei der Bildung einer Ständigen Kommission für Finanz- und Valutafragen initiativ. Steinwand an Leuschner v. 7.1.1960; BArchB DE-1 21914. Auf der XIII. Ratstagung im Sommer 1960 sollte die DDR-Delegation de Gedanken einer „tiefgreifenden Spezialisierung und Kooperation“ vertreten, ohne dass dies jedoch zu grundlegend neuen Vorschlägen führte. Vgl. auch Lemke 1995, S. 88.
2 Ribi 1970, S. 146; Ahrens 2000, S. 127.
3 Ansprache W. Ulbrichts bei dem Empfang zu Ehren der Tagungsteilnehmer des RGW am 1.3.1961, S. 6f.; SAPMO BArch DY 30 3405, o.Bl.
4 Die von Ulbricht angesprochenen Fragen wie ein “zusammenfassender Bericht zur Koordinierung der Entwicklung der Hauptzweige der Volkswirtschaft” einschließlich von Berechnungen der Brennstoff- und Energiebilanz oder Qualitätsfragen standen bereits im Bericht des Sekretariats an die Ratstagung. Die Nutzeffektsberechnungen für Investitionen wurden von der SKÖF vorgestellt. Diese sollte in Zusammenarbeit mit anderen Fachkommissionen Bilanzen der wichtigsten Zweige erstellen, die in den „zusammengefassten Bericht über die Koordinierung der Entwicklung der Hauptzweige“ eingehen sollten. Protokoll der 14. Ratstagung; BArchB DC 20 (Mfiche) 11437/ 940, Bl. 6ff. vgl. auch DY 30 3305, Bl. 32.
5 Winkler an Leuschner v. 23.6.1961: Vorschläge für die weitere Arbeit des RGW (...) auf dem Gebiet der chemischen Industrie. BarchB DE-1 21748.
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Für die Entwicklung zu einem Reformkonzept wirkte die Mitte 1961 immer deutlicher werdende Versorgungs-, Arbeitskräfte- wie Außenhandelskrise der DDR-Wirtschaft als Katalysator. Die Führung begab sich auf die Suche nach Wachstumsreserven in allen Sphären. Die dramatische Situation im Außenhandel war zwar durch die Verhandlungsergebnisse, die man im April/Mai 1961 mit der sowjetischen Seite erzielt hatte, stabilisiert worden. Eine Planausarbeitung erschien zumindest möglich. Zugleich zeigten die Verhandlungsergebnisse, dass für die nächste Zeit mit geringen Wachstumsraten (vor allem im Vergleich zur Bundesrepublik) gerechnet werden musste. 1 Weitere Verbesserungen im Außenhandel sollten die Rohstoffsituation verbessern, aber auch die Effektivität der Wirtschaft insgesamt. Dazu musste der eigene Absatz gesichert und auf moderne Bereiche konzentriert werden; die Binnenwirtschaft durch Importe qualitativ besserer Produkte entlastet werden. Dabei ging die DDR zweigleisig vor: Störfreimachung und RGW-Politik ergänzten sich. 2 Zunächst wurden die Bemühungen um Hilfen für die „Störfreimachung“ verstärkt und mit bilateralen Spezialisierungsvorhaben verknüpft. Ulbricht und Novotny diskutierten im Mai 1961, wie eine verstärkte Spezialisierung zu erreichen sei und setzten darauf, eine „exakte Zusammenarbeit“ der beiden Plankommissionen zu vereinbaren. Die Maßnahmen waren allerdings streng bilateral, bestenfalls als Abstimmung im „nördlichen Dreieck“ gedacht. Der RGW fand keine Erwähnung. 3
Im Juni 1961 verdichtete sich in der DDR die Kommunikation zu Wirtschaftsfragen insgesamt. Apel konferierte als Leiter der Wirtschaftskommission des Politbüros auch mit „leitenden Genossen“ des MAI und erfuhr hier, dass die Beschlüsse des RGW „nicht wirksam“ würden und es deswegen „keine echte Handelspolitik zwischen den sozialistischen Ländern“ gebe. „Die Außenhandelskontingente stimmen mit den Ratsbeschlüssen und langfristigen Abkommen überhaupt nicht überein.“ 4 Ähnliche Informationen kamen aus den Ständigen Kommissionen. 5
In dieser Phase begann die DDR intern, ihre RGW-Politik zu einem Reformkonzept zusammenzufassen. Seit Anfang Juni wurden verschiedene Materialien und Analysen zur internationalen Zusammenarbeit erstellt, die zur Vorbereitung einer Politbürovorlage dienen sollten. Unter Berufung auf die Parteiberatungen vom November 1960 in Moskau müssten die „prinzipiellen Schlussfolgerungen für eine grundlegende Veränderung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit der Mitgliedsländer des RGW gezogen werden“. Bei der Koordinierung der Perspektivpläne bis 1980 müssten „neue effektivere Formen der wirtschaftlichen Zusammenarbeit angewendet werden, die eine tiefgreifende Koordinierung der nationalen Volkswirtschaften ermöglichten. Das setze jedoch die Überwindung enger nationaler Standpunkte und vorhandener Autarkiebestrebungen voraus. Die Gebiete, auf denen ein „prinzipielles Herangehen“ gefordert wurde, waren durchaus umfassend: Standardisierung, Spezialisierung und Kooperation gemäß Nutzeffekten, Forschung, Entwicklung und Projektierung, Investitionspolitik, Transport, Zahlungsbilanzen. Entscheidend ist aber die Frage, welchen organisatorischen Status des RGW man kreieren wollte. Es ging ja immerhin um die „volle Bereitschaft, alles notwendige zu tun, um eine
1 Sowart 2008.
2 Lemke 1995, S. 87-89 Ahrens 2000, S. 127.
3 Niederschrift über die Aussprache beim Präsidenten der CSSR, Genossen Novotny in Prag am 23.5.1961; SAPMO BArch DY 30 3614, Bl. 173ff. Mitte 1960 hatte die CSSR-Seite für die Koordinierung der langfristigen Pläne die Stellvertreterberatung im RGW noch als kompetentes Organ mit der nötigen Rechtskraft betrachtet. Bemerkungen zu den Aufgaben der Organe des RGW auf dem Gebiet der Koordinierung der langfristigen Pläne (ca. Juni 1960); BArchB DE-1 3365, o.Bl.
4 Protokoll einer Beratung des Gen. Apel mit den leitenden Genossen des MAH am 19.6.1961; BArchB DL-2 VA/N 1590, o.Bl.; Ahrens 2000, S. 128.
5 Winkler an Leuschner v. 23.6.1961: Vorschläge für die weitere Arbeit des RGW, die sich aus den Erfahrungen (...) der chemischen Industrie ergeben; BArchB DE-1 21748.
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grundlegende Wende in der wirtschaftlichen Zusammenarbeit des RGW herbeizuführen“. Zur raschen Lösung dieser Aufgaben sei es für die Mitgliedsländer des Rates notwendig, die Autorität und die Organisiertheit des RGW wesentlich zu erhöhen. Was aber verstand man unter erhöhter Autorität? Hier ist zunächst eher ein Zurückschrecken vor organisatorischen Konsequenzen spürbar. „Die Autorität des RGW wird so hoch sein, wie weit die Mitglieder des RGW dazu beitragen, dem RGW diese Autorität zu verschaffen.“ Dies erscheint wie ein Rückfall in „stalinistisches“ organisatorisches Denken, das gegen formale „externe“ Organisationen eingestellt war. „Alle Erscheinungen von Bürokratien in der Ratsarbeit sind zu vermeiden.“ Die Institutionalisierung sollte scheinbar durch den Bezug zu einer anderen (politisch-symbolischen) Ebene realisiert werden. Es sei eine ständige Zusammenarbeit der Parteien notwendig. Man müsse bald eine Konferenz der Parteiführungen wie im Mai 1958 durchführen. 1 Somit wird bereits auf die Konferenzen von Juni 1962 und Juli 1963 verwiesen.
Die hier entwickelten Vorstellungen wurden in einem einige Wochen später entstandenen „Bericht über den Stand der internationalen ökonomischen Zusammenarbeit und Vorschläge zur Verbesserung der Arbeit des Rates (...)“ teilweise noch verstärkt. Hier wurde beklagt, dass in der praktischen Arbeit unter den Ratsländern sich „ständig widersprechende Auffassungen“ zeigen. „Es fehlt ein einheitliches Handeln in allen Grundfragen.“ So dürfe das „Prinzip der Freiwilligkeit“ nicht so ausgelegt werden, dass jedem Land die Entscheidung frei stehe „sich einer Frage des Rates anzuschließen oder nicht anzuschließen, an einer Frage interessiert zu sein oder nicht interessiert zu sein“. Die ökonomischen Schwerpunkte der Entwicklung jedes einzelnen Landes müssten international abgestimmt und der Gesamtaufgabenstellung des sozialistischen Lagers untergeordnet sein und dieser entsprechen. Dies zielte immerhin auf eine „konkrete und verbindliche Aufteilung der Produktionsprogramme auf die einzelnen Länder“ wie eine „tiefgreifende Spezialisierung ganzer Produktionsgruppen- und Zweige, die den höchsten ökonomischen Nutzeffekt und technisches Weltniveau“ garantierten.
Dabei war ohne Zweifel an eine Stärkung der „Zentrale“ gedacht: Für die „notwendige schnelle Lösung von Grundproblemen“ sei die Zusammenarbeit auf Ratsebene unerlässlich. Diese Arbeit würde zweifellos zu bedeutend größeren Erfolgen führen. Die gegenwärtige Arbeit des Rates biete aber „für die prinzipielle Veränderung in der internationalen ökonomischen Zusammenarbeit keine Garantie“. Die Schlussfolgerung: „Der Rat und seine Organe müssen zu einem Arbeitsorgan (...) für die Ausarbeitung der rationellsten Wege der internationalen sozialistischen Arbeitsteilung, der Spezialisierung und Kooperation der Produktion (werden).“ Im Zusammenhang mit der Generalperspektive müssten einige Fragen gelöst werden, die „von vornherein mehrseitigen Charakter tragen und überhaupt nur mehrseitig gelöst werden können“. Dies betreffe die Entwicklung der Rohstoffbasis und die Arbeitsteilung in Schwerpunktzweigen der verarbeitenden Industrie wie Maschinenbau und chemische Industrie. Deshalb sei es unbedingt notwendig, für den Zeitraum der Generalperspektive „mehrseitige Festlegungen vorzunehmen, die den Einsatz der Anstrengungen der einzelnen Länder gemeinsam festlegen“ und damit die „Entwicklung der Volkswirtschaft der einzelnen Länder von Anfang an koordinieren“. 2
Dieses Konzept näherte sich dem Label „Supranationalität“ ein Stück weit; nach unseren Begriffen sollte der RGW eine starke institutionelle Hierarchie (Stufe 4/5) begründen. Allerdings war diese Hierarchie in mehrfacher Hinsicht begrenzt. Es ging wohl um einen
1 Entwurf zur Vorlage für das PB über die Richtung der weiteren wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedsländern des RGW; 2.6.1961; BArchB DE 1 13912, Bl. 177ff.
2 Bericht über den Stand der internationalen ökonomischen Zusammenarbeit und Vorschläge zur Verbesserung der Arbeit des Rates insbesondere der Spezialisierung und Standardisierung; 15.7.1961; BArchB DE-1 17576, Bl. 2ff.
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verbindlichen Rahmenplan für die Generalperspektive in wichtigen Rohstoff- und Maschinenbauzweigen. Dabei muss die Vorrangigkeit dieses Planes vor der Ausarbeitung der nationalen Jahrespläne in diesem Zeitraum nicht bedeuten, dass hier an die Arbeit einer übergeordneten Behörde gedacht war. Eher wurde die Verbesserung des tradierten Mehrebenensystems bezweckt. Das Ziel der Koordinierung war ja, „durch direkte Zusammenarbeit in Form von Konsultationen und internationalen Parteikonferenzen der Mitgliedsländer des Rates die Eckzahlen für die Entwicklung des sozialistischen Lagers insgesamt und für die einzelnen sozialistischen Länder zu beschließen“. Nur so könnten „auch die konkreten Bedingungen und Besonderheiten der einzelnen Länder tatsächlich und am effektivsten berücksichtigt“ und am schnellsten ein Ausgleich im ökonomischen Entwicklungsniveau der Länder erreicht werden“. (Die Idee der „Zweigspezialisierung“ folgte einem Institutionenkostenkalkül als einzige Möglichkeit, bei akzeptablen Messungs-und Verhandlungskosten eine perspektivische Festlegung zu erreichen.) Die konkrete organisatorische Umsetzung und Kompetenzverteilung bleibt vage. Die Kommission für ökonomische Fragen müsste ein „koordinierendes Organ des RGW“ darstellen; ein neues Organ wird nicht erwähnt. 1 Souveränitätsvorbehalte werden damit zugleich anerkannt und in Frage gestellt.
Auch wenn von „supranationaler Planung“ im eigentlichen Sinne nicht die Rede sein konnte, war eine stabile Institutionalisierung angestrebt. Durchgesetzt werden sollte sie, indem die Ratsorgane sinnvolle focal points produzierten, die durch die „Autorität“ der Organe wie der Parteikonferenzen anerkannt wurden. Dennoch war eine solche Konstruktion, die auf unterschiedlichen institutionellen Mechanismen beruhte, die sich gegenseitig stützten, durchaus denkbar und entsprach dem Institutionenverständnis der Akteure. Auch wenn die angestrebte Institutionalisierung im Rahmen des RGW wohl höchstens das Niveau einer starken Hegemonie erreicht hätte, gestützt durch Mechanismen der Ebenen 3-5, hätte dies ein neues Niveau bedeutet.
Allerdings wurde dieses Reformkonzept nicht präzisiert und zur Handlungsgrundlage der DDR-Vertreter in den RGW-Gremien gemacht, sondern gegenüber moderateren Ansätzen zurückgestellt. Zunächst stand für die DDR im Vordergrund, eine verstärkte wirtschaftspolitische Unterstützung im Rahmen der Störfreimachung zu erreichen. Während die zitierten Reformansätze auf die „Grundprinzipien“ abzielten und deren Erarbeitungsstand kritisierten, waren die Konzepte und Einschätzungen zu den Grundprinzipien Ende 1961 weit weniger kritisch. Zur Vorbereitung der XV. Ratstagung, auf der das vorbereitete Dokument beschlossen werden sollte, wurde eine insgesamt positive Einschätzung gegeben. Das Dokument, das die Plankoordinierung als „Hauptmittel“ der planmäßigen Entwicklung und Arbeitsteilung bestimmte, das Prinzip des ökonomischen Nutzeffekts herausstellt wie die objektiv notwendigen Proportionen der Entwicklung sowohl der einzelnen Länder als auch des gesamten sozialistischen Lagers, entspreche den Erfordernissen der Volkswirtschaft der DDR insgesamt wie den „allgemeinen Grundsätzen der Arbeitsteilung in den Hauptzweigen“. Die Vertreter der DDR hätten sich von „Hinweisen des Politbüros“ wie von der zitierten Rede Ulbrichts auf der XIV. Ratstagung leiten lassen. „Diese Grundthesen des Genossen Walter Ulbricht sind im Dokument im wesentlichen enthalten.“ 2 Das Politbüro sollte dieser
1 Ebenda, S. 7f., Bl. 8f.
2 Die Kritik blieb dagegen recht moderat: Das Dokument formuliere nur allgemeine Prinzipien, habe die Aufgabe, Kennziffern für die Arbeitsteilung zu formulieren, noch nicht erfüllt und entspreche bei der Spezialisierung der Landwirtschaft nicht den Notwendigkeiten; eine Reihe theoretischer und praktischer Fragen einschließlich „Definition und Ziel der sozialistischen internationalen Arbeitsteilung“ bedürften weiterer Untersuchung. Zusammengefasste Einschätzung der Vorzüge und nachteile des Dokuments „Grundprinzipien (...)“; BArchB DE-1 3454, Bl. 53ff.
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Stellungnahme zustimmen, die davon ausging, dass „das Dokument im wesentlichen dem gegenwärtigen Stand der Erkenntnis entspricht und möglichst schnell zur Grundlage der Arbeit des RGW und seiner Organe werden soll“. 1 Wenn auf der XV. Ratstagung „verschiedene Delegationen“ mit „prinzipiellen Beiträgen“ zur Verbesserung der Ratsarbeit aufgetreten sein sollen, ist inhaltlich davon kaum etwas nachzuweisen. In den Beschlüssen spiegelt sich nur, dass die Anregungen Ulbrichts von der XIV. Ratstagung zu Fragen der Standardisierung aufgegriffen wurden und konkrete Vorschläge erarbeitet werden sollten. 2
Dies war eindeutig ein Zurückstehen hinter den Konzepten vom Juni/Juli 1961. Diese waren nicht zum politischen Programm der DDR geworden. Man blieb im Trend der allgemeinen Debatte. Dies hieß aber nicht, dass diese endgültig ad acta gelegt worden waren. Sie konnten nur nicht auf die Grundprinzipien bezogen werden, die sich schrittweise zu einem allgemeinen Dokument entwickelt hatten, das auch veröffentlicht werden sollte. Möglicherweise wartete man auf den „Moment“, um im Einklang mit sowjetischem Handeln vorgehen zu können.
5.3.2 Die Verzahnung mit den Positionen und Motiven der UdSSR
Als Ursache für die sowjetischen Initiativen im RGW gelten „sowjetische Interessen“. Die UdSSR habe angestrebt, die für sie ungünstige Handelsstruktur zu verändern wie die Terms of Trade zu verbessern. Beides ist bestenfalls teilweise zutreffend. 3 Diese Anliegen wurden durch die nach der Maikonferenz 1958 langsam einsetzende „organisierte wissenschaftliche Forschungstätigkeit“ präzisiert und gestützt 4 ; sie erreichten aber erst in einem spezifischen Kontext das Niveau für eine wirkliche Initiative. Möglicherweise bedurften die visionären Wirtschaftsziele des XXII. Parteitages eine visionäre RGW-Politik; die hochgesteckten Ziele standen zudem im Widerspruch zu den aktuellen Wirtschafts- und Versorgungsproblemen der UdSSR, ja zu „strukturellen Problemlagen“. 5 Eine effizienzorientierte Arbeitsteilung konnte die kognitive Dissonanz regulieren und perspektivisch vielleicht sogar real zum Wachstum beitragen. Aus diesem Geist werden dann Formulierungen von der „Notwendigkeit der pausenlosen Erhöhung des ökonomischen Nutzeffektes“ geboren. 6 Das Interesse einer verstärkten RGW-Zusammenarbeit lag aus sowjetischer Sicht stärker auf Seiten der Partner; es wurde aber durch das Schema der Systemkonkurrenz, zu dessen Ausdruck immer stärker die EWG wurde, auf die sowjetische Interessendefinition übertragen. 7 Die Mechanismen, auf denen diese „Übertragung“ erfolgte und sich mit den inneren Bedürfnissen der UdSSR verzahnte, sind von großer Bedeutung für die Entwicklung des RGW.
1 Beschlussvorlage der SPK für das PB; BArchB DE-1 3454, Bl. 48.
2 Zusammenfassender Bericht über die Ergebnisse der XV. Ratstagung (...); SAPMO BArch DY 30 J IV 2/2A 878, Bl. 88f.; vgl. auch Bl. 95.
3 Eine Arbeitsteilung, die nach der effektivsten Rohstoffproduktion strebte, konnte die UdSSR möglicherweise eher be- als entlasten. Metcalf 1997, S. 53 ff. Die Forderung nach Investitionsbeteiligungen hatte bereits in der Diskussion zu den Grundprinzipien eingesetzt; die „Produktionskooperation“ wurde dort als Prinzip verankert. Es war keineswegs vorherbestimmt, dass man sich hier bilateral schwer durchsetzen konnte. Sicherlich war es ein Motiv, die Leistungsfähigkeit der Partnerländer zu stärken und damit „bessere“ Produkte zu importieren. Die Debatten um die Preisbildung wurden Anfang der 60er Jahre eher von den Rohstoffimporteuren vorangetrieben.
4 Noch im August 1958 stellte Bogomolov fest, dass es diese Forschungstätigkeit nicht gab. Im Forschungsinstitut von Gosplan sollte eine Abteilung mit 6 Mitarbeitern gebildet werden. Niederschrift über Gespräch (...) am 7.8.1958; BArchB DE-1 3454, Bl. 1ff.
5 Anfang der 60er Jahre wurden sinkende Raten des Wachstums, der Investitionen wie der Produktivität bewusst. Segbers 1989, S. 34f.
6 Rede des Gen. Nowikow zu Punkt 1 (am 15.9.1961), S. 2; BArchB DE-1 24458, o.Bl.
7 Notizen über die Beratung beim Genossen Chruschtschov am 20.2.1963; SAPMO BArch DY 30 3420, Bl. 18ff.
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Hier sind zunächst „externe“ Einflüsse zu nennen - genauer gesagt, deren veränderte Wahrnehmung. Der Tatsache, dass auf dem XXII. Parteitag im Oktober 1961 nichts explizit zur EWG gesagt wurde, stand die „große Aufmerksamkeit“ gegenüber, welche die KPdSU seit Frühjahr 1962 diesen Fragen widmete: „Die KPdSU geht davon aus, dass die EWG zu einer Realität geworden ist und dass hierbei, wenn auch in widersprüchlicher Form die objektive Tendenz nach einer größeren Internationalisierung des Wirtschaftslebens zum Ausdruck kommt“. 1
Als der sowjetische Parteichef im Sommer 1962 die Zukunft der sozialistischen Wirtschaftsgemeinschaft skizzierte, nannte er als Motive die Bedürfnisse der inneren Entwicklung des Weltsozialismus, aber auch die Notwendigkeit, im Wettbewerb mit der kapitalistischen Welt die Oberhand zu gewinnen. 2 Die wirtschaftliche Austragung der Systemkonkurrenz gehörte zu den zentralen politischen Konzepten der sowjetischen Führung, insbesondere Chruschtschovs selbst. Sie waren ein Kernelement der „friedlichen Koexistenz“ wie der inneren Mobilisierung des Systems. Die zahlreichen Ankündigungen seit dem XX. Parteitag, die USA „zu überholen“, erhielten mit der USA-Reise Chruschtschovs 1959 neuen Auftrieb; zugleich zeigten sich deutlichere Risse im Gebäude der positiven Wahrnehmungen. Diese verstärkten sich 1960/61 beträchtlich. Dies lag nicht nur an den inneren Wirtschaftsproblemen der UdSSR, sondern auch an der Krise der DDR, die sich mit der „ökonomischen Hauptaufgabe“ von 1958 als „Vortrupp“ in der ökonomischen Systemkonkurrenz etabliert hatte. Nun erfolgte 1960/61 ein Eingeständnis, dass man in diesem Wettbewerb zunächst unterlegen war. Die erneute wirtschaftliche Unterstützung, die man im Mai 1961 der DDR gewährte, reichte ja für eine wirtschaftliche Stabilisierung nicht aus. Der „Mauerbau“ war somit auch das Symbol einer gescheiterten Vision der sowjetischen Führung. Die von der SED geforderte „Wirtschaftsgemeinschaft“ drohte jedoch auch in der Folgezeit eine Belastung für die sowjetische Seite zu bleiben.
Ulbricht warb auf der Konferenz der Parteiführer am 4.8.1961 für eine umfangreiche wirtschaftliche Stützung der DDR einschließlich einer verstärkten Arbeitsteilung. Der SED-Chef kündigte an, die Spezialisierungsvorschläge der DDR den Plankommissionen der Länder wie dem RGW mitzuteilen: „Nur wenn durch Vereinbarung mit den sozialistischen Ländern allmählich die Spezialisierung durchgeführt wird und größere Serien hergestellt werden können, was die Möglichkeit bietet, Industrieerzeugnisse von hohem wissenschaftlich-technischen Niveau zu produzieren, können wir im Wettkampf mit Westdeutschland vorwärtskommen.“ 3 Die (erneute) deutliche Verkopplung des RGW mit der politischen Sonderstellung der DDR konnte die Vorbehalte der Partner nur verstärken, dass ein stärkerer RGW zu einer ausreichenden Reziprozität der Wirtschaftsbeziehungen beitragen würde. 4 Die Durchsetzung der internen Reformkonzepte der DDR in der zitierten Form wurde dagegen zurückgestellt. Diese blieben zunächst ohne Folgen, weil der „Kampf um den Friedensvertrag“ im Vordergrund stand. Immerhin passt die bereits zitierte Behauptung in diesen Kontext, Chruschtschov habe auf der Augustkonferenz ein Konzept für eine supranationale Planungsbehörde präsentiert. 5
In abgeschwächter Form wies auch Ulbricht darauf hin. Dabei beanspruchte er eine Art Urheberrecht am Gedanken einer verstärkten Planungszusammenarbeit: Man habe 1961 diese
1 Information über die Politik der KPdSU nach dem XXII. Parteitag, S. 11; SAPMO BArch DY 30 IV A 2/20 -157, o.Bl.
2 Metcalf 1997, S. 51.
3 Rede Walter Ulbrichts am 3. (4.) August 1961 (Entwurf); SAPMO BArch DY 30 3478, Bl. 85.
4 Unter den praktischen Maßnahmen, die Ulbricht auf der „Mauerkonferenz“ vorschlug gehörte der Auftrag an den RGW, die kontinuierliche Versorgung der Bevölkerung der DDR im IV. Quartal 1961 und im Jahre 1962 durch entsprechende Abkommen oder Abkommensänderungen zu gewährleisten. Ebebnda, S. 49, Bl. 91.
5 Deletant 2004, S. 17.
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Fragen, die im Juni 1962 „auf der Besprechung der Ersten Sekretäre stehen werden“, mit Chruschtschov diskutiert, die Trennung von Außenhandel und RGW kritisiert und gefordert, dass die Koordination der Plankommissionen „das Vorrecht“ erhalte. 1
Die Bemühungen der DDR trafen auf die sowjetischen Bestrebungen, die im Dienste der Einheit des Lagers nach dem XXII. Parteitag versuchte, ihre Führungskraft im Ostblock, ihre Fähigkeit focal points zu produzieren, unter Beweis zu stellen. 2 Zur innen- wie blockpolitischen Stabilisierung wurde im neuen Parteiprogramm die Vision des Übergangs zum Kommunismus etabliert. Dies richtete sich auch auf die „ökonomische Einheit“, musste aber zugleich auf die Vorbehalte einiger Partner gegen eine stärkere RGW-Politik Rücksicht nehmen. Andererseits konnte die Aktivierung des RGW eine Stärkung des Ostblocks bedeuten, die nicht zu Lasten der sowjetischen Entwicklung ging. Die Versuche der DDR, die „Wirtschaftsgemeinschaft“ mit der UdSSR mit der RGW-Entwicklung zu koppeln sprach dagegen beide Seiten an: sowjetische Verpflichtungen und sowjetische Belastungen.
Anfang Februar 1962 propagierte Ulbricht gegenüber Chruschtschov die „Wirtschaftsgemeinschaft“ beider Länder als „Beginn einer qualitativ neuen Stufe der Integration der sozialistischen Weltwirtschaft“. Der SED-Chef trat für eine Aktivierung aller Blockgremien zur Behandlung des „Friedensvertrages mit Deutschland“ ein. In jedem Falle erfordere „die Herbeiführung der friedlichen Koexistenz in Deutschland die rechtzeitige Lösung einer Reihe wirtschaftlicher Probleme“ stelle aber auch den RGW vor „neue Probleme“. Auf einer Beratung der Ersten Sekretäre solle ein Bericht des RGW angenommen werden. 3 Die DDR stellte also eine enge „Wirtschaftsgemeinschaft“ als „Muster“ dar und versuchte den RGW in ihrem Sinne zu aktivieren und mit den Tagungen der Parteiführer zu verkoppeln.
In den folgenden Gesprächen der Parteichefs, in denen eigentlich die Frage eines Friedensvertrages behandelt wurde, waren die genannten Motive latent. Während Ulbricht deutlich auf dem „Kampf um den Friedensvertrag“ beharrte, nahm Chruschtschov eine „realistische“ Position ein. Er müsse von den Interessen seines Landes wie des ganzen sozialistischen Lagers ausgehen. Diese Äußerung bezog sich nicht nur darauf, eine weltpolitische Eskalation zu vermeiden, sondern auch auf die Folgen eines möglichen Wirtschaftsboykotts von westlicher Seite. Nach dem Mauerbau dränge nichts mehr zum Friedensvertrag. Diese Abfuhr auf deutschlandpolitischem Gebiet brachte eine Verlagerung zur „Festigung der ökonomischen Lage“. 4
Beide Seiten zeigten sich einig, dass die ökonomischen Fragen von großer Bedeutung seien. Die DDR müsse - so Chruschtschov - ökonomisch unverwundbar gemacht werden. Dies müsse man mit den Polen und Tschechoslowaken diskutieren. Darauf warf Ulbricht ein, dass die EWG auch immer effektiver werde. Nachdem der KPdSU-Chef bereits zu den Beziehungen mit Japan gewechselt hatte, kam Ulbricht nochmals auf die Wirtschaftsfragen zurück. Dabei ging der SED-Chef auf die Investitionsprobleme ein, die durch Ausgaben in wenig profitablen Bereiche wie Buntmetalle und Kohle bedingt seien. Die Produktionskosten in diesen Bereichen betrügen ein mehrfaches der Weltmarktpreise. Es sei notwendig, die Spezialisierung und die Lieferung von Rohstoffen weiterzuentwickeln. Kossygin stimmte zu, dass unprofitable Branchen geschlossen werden müssten. Dies war vordergründig auf die Wirtschaftsbeziehungen zur UdSSR gemünzt, betraf aber indirekt auch die Wirtschaftsbeziehungen im RGW insgesamt. Am Folgetag näherte sich Chruschtschov den
1 Protokoll über die Verhandlungen zwischen den Partei- und Regierungsdelegationen der DDR und CSSR am 14. und 18.5.1962 in Prag, S. 11; SAPMO BArch DY 30 3614, Bl. 244.
2 Dies zeigt der im Kapitel zur außenpolitischen Kooperation dargestellte Trend zu einer Verstärkung des Delegationsaustauschs. Vgl. auch Information über die Politik der KPdSU nach dem XXII. Parteitag; SAPMO BArch DY 30 IV A 2/20 - 157, o.Bl.
3 Ulbricht an Chruschtschov v. 8.2.1962; SAPMO BArch DY 30 3510, Bl. 195f., Lemke 1995, S. 65.
4 Vermerk Döllings über die Besprechung am 26.2.1962; PAAA, MfAA d. DDR, G-A 476, Bl. 84ff.
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Forderungen der DDR nach einer Wirtschaftsgemeinschaft, die nicht nur eine Harmonisierung der Pläne bedeuten sollte; die Wirtschaftsbeziehungen zur DDR sollten ähnlich bindend betrachtet werden wie z.B. der Plan und die Abmachungen mit der Ukraine. Die Wirtschaften beider Länder seien als einheitliches Ganzes zu betrachten. 1 Ohne den RGW zu erwähnen wurden hier eine wirtschaftliche Einheit wie eine gemeinsame Planung als die Methoden konzipiert, die Effektivitäts- und Unsicherheitsprobleme in den Wirtschaftsbeziehungen des Ostblocks lösen sollten.
Die DDR stellte die „Wirtschaftsgemeinschaft“ mit der UdSSR weiter als „Muster“ dar, als „Beginn einer qualitativ neuen Stufe der Integration der sozialistischen Weltwirtschaft“, die „unseres Erachtens objektiv notwendig wird und die alle sozialistischen Länder berührt“. Dies war wiederum als Gegenentwurf zur EWG gedacht: Im Gegensatz zur EWG ziele die Wirtschaftsgemeinschaft darauf, die Vorteile der internationalen Arbeitsteilung zum Vorteil der beteiligten Völker zu nutzen und zwar auf der Basis der gleichberechtigten Partnerschaft, der Souveränität jedes Landes auf allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens. Während in NATO und EWG die Rechte der Bevölkerung wie der Parlamente aufgehoben würden, bedeute die Wirtschaftsgemeinschaft, dass „die Besonderheiten der sozialistischen Entwicklung in der DDR vollständig der souveränen Entscheidung der gewählten Organe unseres volksdemokratischen Staates unterliegen“. 2 An eine „supranationale“ Lösung dachte Ulbricht also nicht. Die intendierte institutionellen Konfiguration bedarf einer genaueren Bestimmung. In der ersten Hälfte 1962 verdichtete sich diese Motivstruktur zu einem bedeutsamen Versuch, die Organisationsstruktur des RGW zu verändern. In dieser Phase befasste sich die DDR-Führung in neuer Intensität mit außenwirtschaftlichen Fragen. 3 Insgesamt blieb aber das Verhältnis von sowjetischer und ostdeutscher RGW-Politik widersprüchlich: sie aktivierten und hemmten sich zugleich angesichts übereinstimmender und zugleich divergierender politischer Ziele des „Hegemons“ wie des „Frontstaates“.
Nicht nur die Situation der DDR und das Wechselspiel ihrer Motive mit den sowjetischen Zielen deutete auf eine Aktivierung des RGW hin; als noch bedeutsamer erwies sich die Achse Moskau - Warschau. Polen legte im Frühjahr 1962 einen umfassenden Reformvorschlag vor. Bereits seit 1959/60 gab es polnische Einwände gegen die mangelnde Spezialisierung. Gomulka bemängelte im Juni 1960 die fehlende Koordinierung der Investitionen; dabei verliere jeder. Deshalb forderte die polnische Seite im September die Koordinierung der nationalen Produktions- und Investitionspläne. 4 Die Wachstumsraten in Polen waren bereits seit 1958 rückläufig und erreichten 1960 mit 4,5% einen Tiefstand. Ähnliche Probleme wurden 1961/62 in allen Ländern außer Rumänien deutlich. 5 Dies war keineswegs nur ein statistisches Problem, sondern motivierte durchaus zur Suche nach außenwirtschaftlichen Wachstumsquellen. Bei Spitzengesprächen im Oktober 1963 klagte Gomulka gegenüber Ulbricht über die geringe Wachstumsrate, ein Absinken der
1 Chruschtschov musste sich sogar des Vorwurfs erwehren, es habe vor 1954 engere wirtschaftliche Beziehungen gegeben. Aufzeichnung Döllings über Gespräche zwischen Ulbricht und Chruschtschov in Moskau am 26. u. 27.2.1962; PAAA MfAA d. DDR, G-A 476; vgl. auch Selvage 1998a, S. 224 ff.
2 Referat des Genossen W. Ulbricht auf der 15. Tagung des ZK der SED (Entwurf), Vorlage für PB am 15.3.1962; SAPMO BArch DY 30 J IV 2/2A - 886, Bl. 85f.
3 Die SPK sollte eine Analyse über die Einhaltung und die ökonomischen Auswirkungen von RGW-Empfehlungen ausarbeiten. Das Politbüro setzte eine Arbeitsgruppe für das Gebiet des Außenhandels ein. Vgl. SAPMO BArch DY 30 J IV 2/2A 893, Bl. 40 ff.
4 Ribi 1970, S. 144; Kaser 1967, S. 107.
5 Nach Berechnungen von Adam Zwass von 1963 betrugen die Wachstumsraten für Bulgarien 1961 2,9%, für die CSSR 1962 0,5%, für die DDR 1960 4,5%, für Ungarn 1962 5% und für die UdSSR 1962 6%. Zit. nach Metcalf 1997, S. 56, der sehr stark das Wachstumsproblem und die Modernisierungsziele hervorhebt.
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Realeinkommen und eine Revision des Investitionsplanes. Die Schlussfolgerung des polnischen Parteichefs lohnt es zu zitieren: „Wir sind wohl, scheint es, jenes Land, welches am meisten die Bedeutung der Erweiterung der Spezialisierung und der Arbeitsteilung zwischen den Ländern unseres Lagers schätzt und in diese Richtung am meisten Druck ausübt. (...) Die verschiedenen Länder haben verschiedene Situationen, mal besser, mal schlechter. Meistens ist es so, wenn es besser geht, dann gibt es eine gewisse Tendenz zur Einengung, die Zusammenarbeit möglichst von sich zu schieben. Aber es gibt keine Entwicklungsperspektiven. Wenn ich von der Entwicklungsperspektive spreche, so meine ich das natürlich nicht in dem Sinne, dass eine Stagnierung eintrete, sondern in dem Sinne, dass das bisherige Verhältnis, das bisherige Tempo des Produktionszuwachses der gesamten Wirtschaftsentwicklung (nicht) aufrecht erhalten werden kann ohne internationale Zusammenarbeit.“ Dabei war er sich mit Ulbricht einig, dass alles davon abhängt, das Problem der Rohstoffversorgung zu lösen. Ulbricht warf ein: „Was die Industrie betrifft, können sie sich beruhigen, unser Zuwachs ist auch nur 6 ½ %; nicht dass Sie denken, dass sie eine Ausnahmerolle spielen.“ Darauf Gomulka: „Das ist wenig, das ist schlecht. Wenn wir vor fünf Jahren eine enge Zusammenarbeit angeknüpft hätten, könn(t)en wir in diesem Jahr, heute schon, zehn bis zwölf Prozent Zuwachs haben.“ 1 Gomulka hatte sich sogar auf der Augustkonferenz 1961 dafür ausgesprochen, den RGW aktiv an der Lösung wichtiger Fragen wie der Vorbereitung eines Friedensvertrages mit der DDR zu beteiligen. Dieser „Raum“ war ihm also nicht grundsätzlich suspekt. Dies lag nicht nur an der Erkenntnis, dass deutliche Zahlungsbilanzprobleme mit dem Westen auf den RGW-Raum verwiesen. 2
Dagegen stand die EWG für verstärktes Wachstum durch Außenhandel; andererseits erschwerte sie für einige Länder die Exporte nach Westeuropa. 3 Wesentlich ist, dass sich 1961/62 ein ambiguitäres Muster herausbildete, dass höher gesteckte Ziele mit dem Bewusstsein von Wachstumsproblemen verband. 4 Um diese kognitive Dissonanz zu mildern, musste man „aktiv“ werden. Die Wachstumserfolge der westeuropäischen Integration boten ein zusätzliches Motiv, einen focal point für die Frage nach neuen Wachstumsquellen. Gerade auf polnischer Seite verbanden sich die inneren Wirtschaftsprobleme, die Wahrnehmung der EWG mit Erwartungen an die internationale Zusammenarbeit im RGW. 5 Der Rationalisierungstrend im Außenhandel resultierte aus ähnlichen Entwicklungen und befruchtete die Motive auf Planungsebene. Dennoch muss gefragt werden, ob die „kleineren“ RGW-Länder aus diesen Gründen an „supranationaler Planung“ interessiert waren. 6
Das Motivgerüst für eine Aktivierung des RGW bestand sowohl bei der UdSSR als auch bei einigen Volksdemokratien im Bewusstsein der strukturellen Wachstumsprobleme (Akkumulationsdefizite, Arbeitskräftemangel, Technologielücke bei einer sich „in der Welt
1 Stenographische Niederschrift der Beratung (...) am 15.10.1962; PAAA MfAA d. DDR, C 162/72, Bl. 64-68. Damit hatte Gomulka eines seiner Lieblingsthemen auch für die Folgezeit angesprochen. Vgl. Weit 1970.
2 Bonwetsch/ Filitov 1999, S. 179 u. 175.
3 Darüber klagte vor allem die bulgarische Seite. Vgl. das Kapitel zur Abstimmung des Westhandels. Bereits 1960 sanken für VRP, UVR, CSR und VRB die Exportanteile landwirtschaftlicher Produkte in den OEEC-Raum. Metcalf 1997, S. 61.
4 Dies zeigt sich sehr schön an der Haltung der CSSR-Führung. Novotny sprach in einem Zusammenhang offen von einer schlechten wirtschaftlichen Situation, von Plankorrekturen, dem Abbruch des Fünfjahrplans und einem neuen Siebenjahrplan mit sinkenden Wachstumszahlen, aber auch vom Übergang zum Kommunismus. Protokoll über die Verhandlungen zwischen den Partei- und Regierungsdelegationen der DDR und CSSR am 14. und 18.5.1962 in Prag, S. 25ff.; SAPMO BArch DY 30 3614, Bl. 258ff.
5 Nach der später zu behandelnden Junikonferenz 1962 wurden in Polen die Ergebnisse in internen Besprechungen ausgewertet. Dabei ging es ausführlich um innere Wirtschaftsprobleme. Einschätzung über die Politik der PVAP, Warschau v. 5.9.1962; SAPMO BArch DY 30 IV 2/20 - 179, Bl. 38f.
6 Metcalf 1997, S. 58f. Metcalf selbst ist kritisch gegenüber dieser Annahme. Ebenda, S. 64f.
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vollziehenden technischen Revolution“, eingeschränkte Rohstoffversorgung, Zersplitterung der Forschungspotentiale), die im Kontrast standen sowohl zu den visionären Wachstumszielen der aktuellen Programmatik als auch zu den außenhandelsgeleiteten Wachstums- und Integrationserfolgen in Westeuropa. Dies war eine Verstärkung des dominierenden Motivs des „Wettbewerbs mit dem kapitalistischen System“. 1 All diese Motive spiegeln sich im entscheidenden Reformvorstoß der polnischen (und sowjetischen) Seite im Frühjahr 1962. 2 Der Ausweg, eine Modernisierung der Wirtschaften durch verstärkte Massenproduktion („optimale Betriebsgröße“) zu erreichen, war der angemessene Ausweg, da er der geringen kognitiven Komplexität des Modells wie der hierarchischen inneren Entscheidungsstrukturen entsprach. Ein fordistisches Wachstumsmodell entsprach den nationalen Wirtschaftskonzepten und brauchte nur noch internationalisiert zu werden. Verschiedene Initiativen, vor allem von polnischer Seite, führten zur Konferenz der Partei-und Regierungschefs vom Juni 1962
5.4 Die Parteikonferenz vom Juni 1962
5.4.1 Die polnische Initiative
Die „Diskussion über die Weiterentwicklung des RGW“ mündete nicht nur in die „Grundprinzipien der internationalen sozialistischen Arbeitsteilung“ 3 , sondern vor allem in polnische Reformvorschläge wie die Vorstöße des sowjetischen Parteichefs, die einen neuen Abschnitt in der Organisationsdebatte einleiten sollten. Diese Initiativen resultierten auch aus den Defiziten der „Grundprinzipien“, die nur die „Hauptziele und die allgemeinen Methoden“ der Zusammenarbeit festlegten: „Jedoch gibt es bisher kein konkretes Programm, um diese richtigen Festlegungen zu empfehlen und zu realisieren. Aus dem gleichen Grunde macht die Entwicklung auf dem Gebiet der ökonomischen Integration der sozialistischen Länder keine Fortschritte und bleibt hinter den akut herangereiften Erfordernissen und objektiven Möglichkeiten der neuen Etappe (in) der wirtschaftlichen Entwicklung dieser Länder zurück.“ 4 Diese Fortschritte sollten nun erzielt werden.
Die polnische Parteiführung legte zu diesem Zweck Anfang März 1962 ein umfassendes Positionspapier zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit im Ostblock vor, das Bestandsaufnahme und Reformvorstoß zugleich sein sollte. Dieses Dokument sollte als Diskussionsgrundlage für eine Konferenz der Parteispitzen dienen. Ganz bewusst wurde der sowjetische Vorschlag vom September, eine solche Konferenz zur Bestätigung der Grundprinzipien einzuberufen, nicht mehr erwähnt und die polnische Parteiführung als Initiator genannt. Das Reformpapier war - wie beide Seiten hervorhoben - mit der sowjetischen Seite abgestimmt worden, und hatte deren Zustimmung gefunden. 5 In Gesprächen zwischen Novotny und Ulbricht wurde zumindest eine indirekte Arbeitsteilung zwischen UdSSR und VRP in der Reformfrage angenommen: Die früheren Vorschläge Chruschtschovs „wurden nicht angenommen - jetzt kommt Polen“. 6 Auch wenn es übertrieben sein dürfte, von einem gemeinsamen polnisch-sowjetischen Konzept zu sprechen, handelte es sich im Grunde um eine gemeinsame Initiative, ohne dass die polnische Seite ihre konzeptionelle Eigenständigkeit aufgab. Nach Aussage von Gomulka handelte es sich um
1 Dieses wird in allgemeiner Form wie als wirtschaftliche Konkurrenz im Konzept mindestens fünfmal genannt.
2 Aktuelle Probleme der Entwicklung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit der Teilnehmerländer des RGW (Warschau v. 5.3.1962); SAPMO BArch DY 30 3480, Bl. 8ff.
3 Ahrens 2000, S. 130.
4 Aktuelle Probleme der Entwicklung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit der Teilnehmerländer des RGW (Warschau v. 5.3.1962); SAPMO BArch DY 30 3480, Bl. 16, S. 9.
5 Chruschtschov an Ulbricht v. 29.4.1962; SAPMO BArch DY 30 3480, Bl. 199 f. wie die folgende Anmerkung.
6 Handschriftliche Notizen über die Partei- und Regierungsdelegation in die CSSR v. 14.-18.5.1962; PAAA MfAA d. DDR, A 14650, Bl. 35f.
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parallele Initiativen, die bereits im Januar 1962 in einem ersten Schritt abgestimmt wurden. 1 Somit ist es nicht gerechtfertigt, pauschal von der „Reformunfreundlichkeit der Moskauer Führung“ und den „nationalen Vorbehalten“ der übrigen RGW-Mitglieder zu sprechen, an denen die erwähnten Initiativen der DDR gescheitert sein sollen. 2 Der Inhalt des polnischen Dokuments verweist auf die Rolle und Interessen der UdSSR, das Reformkonzept weicht nur insofern von sowjetischen Vorschlägen ab, als es in seiner Anlage weniger den Kompromisscharakter der Grundprinzipien hervorhebt. Diese werden zwar bestätigt, aber völlig neutral behandelt. Der Schwerpunkt liegt klar auf dem Effizienzkriterium und den „Prinzipien der rationellen Arbeitsteilung und der Standortverteilung (...) im Rahmen des RGW insgesamt“; das Ziel eines Niveauausgleichs wird nicht ausdrücklich thematisiert. Dennoch lag es in der Logik des Vorschlages, dass hier die geschilderten Interessen einiger kleinerer Länder Impulse gaben. 3
Die Inhalte des polnischen Vorschlags vom März sind von erheblichem Interesse. Elemente des Konzepts wurden - verbunden mit einem Aufruf gegen den Dogmatismus in den Wirtschaftswissenschaften - von Oskar Lange am Tag vor Konferenzbeginn in Moskau veröffentlicht. Die entscheidenden organisatorischen Innovationen fehlten hier allerdings. 4 Dass die Plankoordinierung zum wesentlichen Tätigkeitsfeld des RGW bestimmt wurde, lag im Trend der bisherigen Diskussion. Wichtig ist, worin die „Wege zur weiteren Vervollkommnung“ dieser Methode gesehen wurden. Hier wird betont, dass die „Koordinierung der Pläne der Investitionsvorhaben“ (der europäischen Volksdemokratien) die Voraussetzung dafür sei, den „nächsten entscheidenden Schritt in der Entwicklung unserer Zusammenarbeit zu tun“. Bei Investitionen müsste der Bedarf der Partnerländer wie die optimale Betriebsgröße beachtet werden. Dafür sei die Koordinierung der Fünfjahrpläne oft zu kurz und eine Abstimmung der „Generalperspektive“ (15-20 Jahre) notwendig. Deshalb wird wieder gefordert, dass die „Perspektivplanabstimmung zum „Grundprinzip und zur Hauptmethode der Tätigkeit des RGW wird und ständigen Charakter trägt“. (Die Ausarbeitung der notwendigen Kennziffern für Nutzenkalkulationen sollte dazu mit neuer Energie versucht werden und auf einer einheitlichen Statistik beruhen.) Wenn dies die „Durchführung einer Reihe analytischer Arbeiten durch die Organe des Rats“ erfordere, stellt sich die Frage nach dem Ort und dem Status solcher Analysen. Immerhin sollte die Abstimmung der Investitionen zweigabhängig für alle oder nur für einzelne RGW-Länder möglich sein. Als eine Koordinationsform war an „Vereinbarungen zwischen den interessierten Produzenten einiger oder aller Länder“ gedacht, in deren Rahmen Investitionen wie Entwicklung abgestimmt werden sollten. Nach einer Erprobungsphase sollten diese Vereinbarungen „umfassendere und engere organisatorische Formen annehmen“. Weiterhin sollte der RGW allgemeine Prinzipien für die Errichtung und Leitung „gemeinsamer Betriebe“ ausarbeiten. Auch die bereits diskutierte Frage regionaler „ökonomischer
1 Vgl. Rede des Genossen Gomulka auf der XVI. Tagung des RGW, 6.-7.6.1962; SAPMO BArch DY 30 3481, Bl 220ff.
2 Lemke 1995, S. 89.
3 Die sowjetische Seite betonte, dass ihr die angestrebte Arbeitsteilung „bestimmte Vorteile“ biete, sie eigentlich aber als Wirtschaftsraum „über alle Voraussetzungen für eine allseitige Entwicklung“ besitze. Dagegen seien die Volksdemokratien „ohne eine allseitige ökonomische Integration im Rahmen des RGW nicht in der Lage, die Bedingungen für eine erfolgreiche und effektive Entwicklung ihrer Wirtschaft zu schaffen“. Cyrankiewicz/ Gomulka an Ulbricht u. Grotewohl v. 10.4.1962; Aktuelle Probleme der Entwicklung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit der Teilnehmerländer des RGW (Warschau v. 5.3.1962); SAPMO BArch DY 30 3480, Bl. 1f. u. 8ff. Bl. Zur positiven Rolle der UdSSR vgl. z.B. Bl. 12f. u. 27f.
4 Ribi vermutet dagegen, dass beide Dokumente im wesentlichen identisch waren. Er bezeichnet Lange als einen Verfasser des polnischen Konzepts. Ribi 1970, S. 156 f. Hier waren aber bereits Vorschläge der anderen Länder eingearbeitet.
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Komplexe“ wurde wieder aufgenommen. 1 Worin aber sollten die spezifischen Funktionen des RGW bei dieser Abstimmung bestehen, oder - anders formuliert - worin sollte sein Beitrag zur Etablierung einer höheren ex ante Hierarchie bestehen?
In der Spezialisierungsfrage wird kritisiert, dass sich die Lösung wichtiger Fragen jahrelang hinziehe, da die Meinungen der Ländervertreter auseinander gingen, die Ratsorgane aber keine ausreichend aktive Rolle spielten. Der Apparat des Rates ergreife nicht die Initiative, um die jeweilige Frage dem übergeordneten Organ zur Prüfung vorzulegen. Zudem ergebe sich die „ungenügende Aktivität“ der Ratsorgane aus der „Begrenztheit seiner Befugnisse“. 2 In der wichtigen Frage, wie die Forschung und Entwicklung besser koordiniert werden könne, wird sowohl das Fehlen eines „koordinierenden Zentrums“ als auch der „formale Charakter“ der Arbeiten beklagt. 3 Die Kritik verwies also in vielen Fällen auf eine stärkere organisationsgestützte Zentralisierung. Was wurde daraus geschlussfolgert?
Der allgemeine Anspruch war vielversprechend: Die Verwirklichung der neuen Aufgaben erfordere „eine Veränderung der Methoden und Formen der Arbeit sowie die Lösung einiger organisatorischer Grundprobleme. Die Hebung der Autorität und die wesentliche Festigung des RGW (...) in organisatorischer Hinsicht und die Verbesserung seiner Arbeitsmethoden sind die wesentliche Voraussetzung für einen schnellen Fortschritt auf dem Wege der ökonomischen Integration der sozialistischen Länder.“ 4
Zunächst sollten die Beratungen der Partei- und Regierungschefs verregelt und zu einem offiziellen Ratsorgan gemacht werden. Hiermit wäre zumindest der Status des RGW deutlich aufgewertet worden, möglicherweise auch seine Entscheidungsfähigkeit. Bemerkenswert ist, dass hier eine Ausstrahlung der Formen des Warschauer Vertrages vorzuliegen scheint. Dies ist ein Ausnahmefall; er deutet auf Bemühungen um die organisatorische Stärkung des Gesamtgefüges. 5 Im RGW sollte nun ein „Politisch-Ökonomischer Rat“ als „höchstes Organ“ einmal im Jahr unter Leitung der Partei- und Regierungschefs tagen. Er sollte allgemeine Analysen der internationalen Lage wie der ökonomischen Entwicklung diskutieren und eine Art Richtungskompetenz ausüben, indem er „Richtung und Etappen der ökonomischen Integration“ im RGW festlegt wie die „Hauptaufgaben und Richtungen der Tätigkeit der Organe des RGW“. Er sollte auch die „Abstimmung und die endgültige Beschlussfassung“ bei Fragen übernehmen, die „in den Organen des RGW nicht die notwendige Entscheidung finden konnten“. Die neue Autorität des RGW sollte also maßgeblich aus der Nutzung vorhandener Konsultationsformen auf Spitzenebene (Mechanismen der Ebene 4 u. 5) gewonnen werden und zugleich diese Spitzengremien verregeln und stärken. Dabei wurde aber auch das etablierte Konsensprinzip dieser Gremien importiert: „Der PolitischÖkonomische Rat fasst seine Beschlüsse auf der Grundlage der Einmütigkeit.“ 6
Als ausführendes Organ sollte ein Exekutivkomitee des RGW (EKO) die „gesamte Tätigkeit, die sich aus der Durchführung der vom Politisch-Ökonomischen Rat festgelegten Aufgaben ergibt“, leiten. Es sollte aus ständigen Vertretern der Länder im Range stellvertretender Ministerpräsidenten bestehen, die ihre Arbeitszeit zwischen Heimatland und RGW teilen
1 Aktuelle Probleme der Entwicklung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit der Teilnehmerländer des RGW (Warschau, 5.3.1962), S. 17ff.; SAPMO BArch DY 30 3480, Bl. 24 ff. u. 12 f.
2 Ebenda, S. 39.
3 Ebenda, S. 60. In der Standardisierungsfrage wurde das Fehlen eines entsprechenden zentralen Dispositions-und Koordinierungszentrum des Rates als Hauptursache der Mängel bezeichnet. Ebenda, S. 65.
4 Ebenda, S. 68.
5 Vgl. das Kapitel zur außenpolitischen Kooperation. Zur Aufwertung des Warschauer Vertrages 1961/62 vgl. Umbach 2005, S. 111 ff.
6 Aktuelle Probleme der Entwicklung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit der Teilnehmerländer des RGW (Warschau, 5.3.1962), S. 68; SAPMO BArch DY 30 3480.
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sollten, um eine wirksame Durchsetzung der Beschlüsse zu gewährleisten. Zum Aufgabenbereich sollte die Koordinierung der „Pläne der ökonomischen Entwicklung“ wie der „Pläne der Investitionsbauten auf dem Gebiet der Industrie und des Transports“ gehören, aber auch Grundrichtung und Maßnahen zur Entwicklung des Waren- und Dienstleistungsverkehrs, die Koordinierung der Handels- und Zahlungspolitik gegenüber Dritten, die Forschungs- und Entwicklungsarbeit wie die „Kontrolle und Durchführung der Beschlüsse“ von Rat und Komitee. Zu seinen umfassenden Kompetenzen zählte auch die „Ausarbeitung von Tätigkeitsprinzipien der Organe des Rates“. Dies zeigt deutlich die angestrebte Schlüsselfunktion des EKO. Zusammengefasst: „Das Komitee hat die Analyse des Zustandes der Zusammenarbeit zwischen den Teilnehmerländern des RGW auszuarbeiten und Beschlüsse über ökonomische und organisatorische Fragen zu fassen, die der Festigung und Vertiefung der Zusammenarbeit dienen.“ Innerhalb dieses Kompetenzfeldes, das faktisch die gesamt konkrete Abstimmungsarbeit umfasste, war also von „Beschlüssen“ und nicht von „Empfehlungen“ die Rede. Vor allem: „In Fragen, die den Ländern materielle Pflichten übertragen, fasst das Exekutivkomitee seine Beschlüsse mit dem Einverständnis aller interessierten Länder. In anderen Fragen fasst das Komitee Beschlüsse mit Stimmenmehrheit.“ 1 Waren damit organisatorische Veränderungen unterhalb der Ebene des „Rates“ mit Mehrheitsbeschlüssen möglich?
Dies waren deutliche Ansätze zu einer - wenn auch keineswegs „supranationalen“ - so dennoch starken Position des EKO, auch wenn die einschränkende Klausel von der Übertragung materieller Pflichten sehr dehnbar war. Andererseits war die Handlungs- und Beschlussfähigkeit der eigentlichen Ratsorgane mit der Appellationsinstanz des Politischökonomischen Rates verkoppelt, der nach den Spielregeln der Ebenen 4 und 5 agieren musste. Dies deutet auf eine interessante Gesamtkonstruktion, die komplexe institutionelle Konfiguration ergeben hätte. Sicher war vieles der Ausgestaltung in der Praxis überlassen. Dennoch war ein hoher organisatorisch gestützter Institutionalisierungsgrad - unabhängig vom Label der Supranationalität - denkbar geworden.
Dies gilt um so mehr , wenn man die Stärkung der übrigen Ratsorgane hinzunimmt. Als wichtiges Arbeitsorgan zur Vorbereitung und zum Vollzug der EKO-Beschlüsse sollten die Ständigen Kommissionen (SK) wirken. Ihr Tätigkeitsbereich sollte durch Neubildungen ausdifferenziert und erweitert werden (Statistik, Forschungskoordinierung, Standardisierung, Valuta- und Finanzfragen, Ständige Schiedskommission) und von gemeinsamen Forschungsinstituten sekundiert werden.. Von zentraler Bedeutung konnte hier die Bildung einer „Ständigen Kommission des RGW für die Fragen der Koordinierung der Wirtschaftspläne“ sein, die aus stellvertretenden Chefs der Planommissionen rekrutiert werden sollte. „Die Aufgabe dieser Kommission würde darin bestehen, die Pläne der ökonomischen Entwicklung (...) der Volksdemokratie(n) zu koordinieren und diese mit den Plänen der ökonomischen Entwicklung der UdSSR in Einklang zu bringen. Die Arbeit der Kommission müsste sich auf ein speziell dafür zu schaffendes Büro des RGW stützen, das über einen zahlenmäßig und fachlich starken Mitarbeiterstab verfügt.“ 2 Auch wenn die genaue Funktion dieser SK etwas vage bleibt, ähnelt ihre Aufgabenstellung der „Gosplankoordinierung“ der Jahre 1955/56. Die sowjetischen Spezialisten sollten durch RGW-Fachleute ersetzt werden; die Abstimmung stärker, aber nicht vollständig multilateral erfolgen; die Methoden und die Verarbeitungskapazität gegenüber früheren Versuchen professionalisiert werden. Allerdings gibt es keinen Hinweis darauf, dass diese Tätigkeit der nationalen Planung logisch und zeitlich vorausgesetzt sein sollte. Die Planung sollte national
1 Ebenda, S. 70.
2 Ebenda, S. 25.
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beginnen und nach einer Verarbeitung auf den verschiedenen Ebenen der Ratsorgane eine Voraussetzung für die weitere nationale Planung bieten. Die Vielzahl der Ebenen versprach Institutionenkosten zu produzieren, die bei Konflikten den Abstimmungsmechanismus blockieren konnten.
Grundsätzlich sollten in die Ständigen Kommissionen stellvertretende Minister delegiert werden, die „am Sitz der Kommission“ wie auch „im Lande ausschließlich auf dem Gebiet der Zusammenarbeit“ tätig sein sollten. In den Ständigen Kommissionen sollte der Schwerpunkt von provisorischen Arbeitsorganen (wie Arbeitsgruppen) auf die Büros der SK verlagert werden. 1 Damit wäre nicht gleich eine Spezialistenschicht geschaffen worden, die eine Identität und Perspektive auf der Ratsebene mit Kompetenzen nach Innen verbunden hätte, aber zumindest Ansätze zu einer epistemic community, die in der praktischen Zusammenarbeit gemeinsame Problemlösungsmuster für die Kooperationsdefizite entwickeln konnte.
Hier muss insbesondere die „Erweiterung der Pflichten und Vollmachten des Sekretariats“ genannt werden, das unmittelbar dem EKO untergeordnet sein sollte. Der Apparat des RGW sollte von etwa 130 selbständigen Mitarbeitern auf „mindestens 1000 hochqualifizierte Fachleute“ aufgestockt werden. Auch wenn die „proportionale“ Besetzung der Spitzenpositionen keine gleichberechtigte bedeuten musste, sollten die „stellenplanmäßigen Mitarbeiter des RGW“ nicht gleichzeitig ihrer nationalen Administration untergeordnet sein, sondern „einzig und allein den entsprechenden Organen des RGW“. Die Auswahl sollte durch das Sekretariat erfolgen. 2
Diese Ansätze für die Verstärkung institutioneller Mechanismen auf Ebene 4 war aber nicht der einzige „Weg“. Die „Angebotsfunktion“ der Ratsorgane (Ebene 3) sollte deutlich verbessert werden. Vor allem das Sekretariat sollte die eigene Analysetätigkeit verstärken und „kritisch-analytische Ausarbeitungen“ vorlegen und „eigene Vorschläge“ unterbreiten, die als Material für das EKO dienen sollten. „Diese Vorschläge müssen auf einer Steigerung des Nutzeffektes einzelner ökonomischer Maßnahmen durch Zusammenarbeit und entsprechende Arbeitsteilung im Rahmen des RGW ausgerichtet sein.“ Die Verwirklichung der Beschlüsse des EKO wie die diesem unterbreitete Einschätzung aller Ratsorgane sollten in dessen Hand liegen 3 Dies kann nur bedeuten, dass die Funktion der SK für Plankoordinierung eher in der Abstimmung der nationalen Entwicklungskonzepte bestehen sollte, die des Sekretariats aber in der Produktion von focal points im Sinne des kollektiven Nutzens. Als letztere konnten sie von der SK als „Lösungen“ aufgenommen werden; als Konkurrenz zu den nationalen Konzepten mussten sie über das EKO, notfalls über den „Rat“, vermittelt werden. Dies konnte eine stärkere ex ante Hierarchie im mittleren bis oberen Bereich bedeuten (Stufe 3/4). Die Kernfrage, die Spezialisierung, zeigte die bisherigen Defizite: Die Spezialisierungs-maßnahmen zögen sich wegen Meinungsverschiedenheiten oft jahrelang hin; die Ratsorgane ergriffen aber „nicht die Initiative, um die jeweilige Frage dem übergeordneten Organ zur Prüfung vorzulegen“. Die „ungenügende Aktivität“ der Ratsorgane ergäbe sich auch aus der „Begrenztheit seiner Befugnisse“. Die Schlussfolgerung für die SK für Maschinenbau bleibt aber auch „begrenzt“. Einerseits Aufwertung, andererseits keine eindeutigen Kompetenzen: Um die Arbeit dieser SK zu verbessern, komme es darauf an, ihren „Apparat bedeutend zu festigen und seine zahlenmäßige Stärke um ein mehrfaches zu erhöhen, Das bietet die Möglichkeit, dem Apparat des Rates eine Reihe von Fragen zu übertragen, die bisher in Arbeitsgruppen ausgearbeitet werden; dadurch wird die Kontrolle der Kommission verbessert und beschleunigt und die Kontrolle über die Verwirklichung der
1 Ebenda, S. 71.
2 Ebenda, S. 73f.
3 Ebenda, S. 72.
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Empfehlungen der Kommission ermöglicht“. 1 Letzteres verweist auf die zweite Seite der Medaille.
Aber auch diese zweite Seite der Medaille musste neu geprägt werden; die der ex post-Hierarchie. Wie sollte die Durchsetzungsfähigkeit der multilateralen Festlegungen verbessert werden? Nach polnischer Auffassung ergab sich der „geringe Nutzeffekt der Empfehlungen des RGW auf dem Gebiet der Spezialisierung“ daraus, dass „sie nicht die Verpflichtung nach sich ziehen, zwischenstaatliche Vereinbarungen über gegenseitige Lieferungen spezialisierter Erzeugnisse abzuschließen“. Deshalb müsse ein „Prinzip festgelegt werden, wonach nach der Annahme von Empfehlungen über die Spezialisierung der Produktion die interessierten Länder in einem bestimmten Zeitraum entsprechende Vereinbarungen über gegenseitige Lieferungen unterzeichnen müssen. Diese Vereinbarungen sollten in „Form langjähriger Kontrakte“ abgeschlossen werden, d.h. spezifischere Bestimmungen als langfristige Handelsabkommen enthalten und zivilrechtlich sanktionsfähig sein. Andererseits sollten sie Verpflichtungen enthalten wie die „Gewährleitung technischen Weltniveaus“, was bei längerfristigen Vereinbarungen stets nur unvollständige Verträge ergeben konnte. Dies hätte den Zwang verstärkt, die RGW-Lieferverpflichtungen auch vertraglich zu binden, hätte aber die beschriebenen Unsicherheiten im „normalen“ Außenhandel auf höherem Niveau wiederholt. Von „supranationalen Kompetenzen“ im Sinne eines imperativen Planes findet sich hier keine Spur. Hier konnten bestenfalls gemeinsame Unternehmen eine deutlich höhere Qualität ergeben. Immerhin sollten die Ratsorgane „verpflichtet werden, die Erfüllung der Empfehlungen über die Spezialisierung und die sich daraus für die Länder ergebenden Verpflichtungen hinsichtlich der Regelungen der Produktion sowie des Abschlusses und der Erfüllung der Kontrakte bzw. Verträge über gegenseitige Lieferungen zu kontrollieren“. 2 Die Stabilisierung des Außenhandels sollte durch die Stärkung der normativen Elemente wie der Konventionalstrafen erreicht werden. Vertraglich gebundene Waren sollten als „Prinzip“ nicht auf anderen Märkten verkauft werden dürfen, wenn die Verpflichtungen im RGW nicht erfüllt waren. 3 Sicher bedeuteten die Kontrollfunktion des EKO „über die Durchführung der Beschlüsse, die vom Politisch-Ökonomischen Rat und vom Komitee gefasst wurden“, eine Stärkung der ex post-Hierarchie. 4 Allerdings blieben die konkreten Formen dieser Kontrolle (abgesehen von Rechenschaftsberichten der anderen Ratsorgane) offen; ihre Wirkung musste von der gesamtem Institutionalisierung abhängen.
Insgesamt hätte dies ein institutionalistisches Mischsystem ergeben, eine Konstellation, die deutlich auf den Ebenen 3 (Sekretariat, Ständige Kommissionen, Forschungsinstitute), 4 (Ständige Kommissionen, EKO, „Politisch-Ökonomischer Rat“) und 5 (EKO, „Rat“) beruht hätte. Ratsorgane hätten verstärkt focal points produzieren können, ihre soziale Kohäsion verstärkt und sich auf einen neuen symbolischen Status berufen können. Allerdings wären diese durch abgeleitete Mechanismen, d.h. zugewiesene Kompetenzen, ergänzt worden, die aber wiederum vom institutionellen Status des RGW wie des Ostblocks insgesamt abhängig gewesen wäre. Das Problem bestand aber nicht nur darin, dass Kompetenzen kaum klar zugeordnet waren, Beschlüsse neben Empfehlungen liegen sollten. Die Institutionalisierung wäre von den Wirkungen unterschiedlicher institutioneller Mechanismen und ihrem Zusammenspiel abhängig gewesen. Dies ist stets problematisch, da die Basis auf den oberen Ebenen des Schemas nicht durch einen „Beschluss“ produziert werden konnte, zugleich aber
1 Ebenda, S. 39 (Bl. 46).
2 Ebenda, S. 35 f., 47 u. 39.
3 Ebenda, S. 54 ff.
4 Ebenda, S. 70.
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die Voraussetzung für die „Umsetzung“ der Beschlüsse darstellte. Dennoch war das Potential zu höherem Grad an Institutionalisierung gegeben. Die polnische Seite dachte ja immerhin an eine Art Neugründung des RGW in einem „neuen internationalen Abkommen“ (inklusive einer Namensänderung: z.B. „Organisation der ökonomischen Zusammenarbeit“). „Die Ausarbeitung entsprechender internationaler Dokumente über diese Frage und ihre möglichst schnelle Unterzeichnung wird empfohlen.“ Der Weg zu einer solchen „neuen internationalen Organisation europäischer sozialistischer Länder“ konnte von großer Brisanz sein. 1
Die sowjetische Führung betrachtete die anstehende Parteikonferenz jedenfalls als den „Raum“, in dem es nicht nur um Einheitsdemonstrationen gehen, sondern die Reformdebatte ausgetragen werden, d.h. ein praktikabler Kompromiss gefunden werden sollte. Zugleich weist die notwendige Terminverschiebung und -verlängerung bereits auf die Notwendigkeit solcher Kompromisse hin. 2 Die inhaltliche Abstimmung sollte allerdings bereits zuvor beginnen. Die dabei genutzten Formen sind für unser Thema genauso relevant wie die dabei entwickelten Konzepte.
5.4.2 Die Vorbereitung der Junikonferenz
Im Vorfeld der Parteikonferenz begann sich die Diskussion zu entfalten. Dies betraf zunächst die Partei-Öffentlichkeit. Dazu hatten ja die zitierten sowjetischen Formulierungen von der Zukunft eines „gemeinsamen Plans“ Stoff gegeben. Vorbehalte gegen einen grundsätzlichen Formenwandel kamen nicht nur von rumänischen, sondern auch von ungarischen Vertretern. Letztere äußerten Bedenken dagegen, Entscheidungen auf der Grundlage reiner Effektivität zu treffen. Selbst von polnischer Seite, die ja zu den Initiatoren der RGW-Debatte gehörte, wurde betont, dass die Zeit für einen zusammengefassten Plan für das gesamte sozialistische Lager noch nicht reif sei. RGW-Sekretär Faddejev sah sich zur Beschwichtigung veranlasst: Der RGW sei kein supranationales Planungsorgan; Koordinierung meine nicht notwendigerweise einen einheitlichen Plan; RGW-Empfehlungen unterlägen der Bestätigung der einzelnen Regierungen. 3 Dies zeigt, dass die sowjetische Seite vor der Junikonferenz das Niveau der polnischen Vorschläge keineswegs überschreiten wollte. Die „Öffentlichkeit“ war eine Ebene, auf der die Definitionen des Angemessenen artikuliert wurde, keineswegs aber die entscheidende.
Wichtiger war die Ausarbeitung eines Beschlussentwurfes, der für die kommende Parteikonferenz als „Grundlage“ dienen konnte. Obwohl die sowjetische Führung noch am 29. April vorschlug, das polnische Dokument als „Grundlage“ für die Konferenz zu nutzen 4 , setzte sich dies nicht durch. Die polnische Seite legte am 15. Mai einen neuen Beschlussentwurf vor. Er wurde zuvor intensiv mit der sowjetischen Seite abgestimmt. In ihrem Anschreiben wies die polnische Führung darauf hin, dass „sich die Formulierungen einiger Vorschläge im Beschlussentwurf von den in dem früher vorgelegten Dokument
1 Ebenda, S. 75.
2 Als Verschiebungen des Termins abgestimmt wurden, empfahl Chruschtschov, dass die Tagung am 6./7. Juni und „erforderlichenfalls“ noch am 8. Juni stattfinden sollte. Chruschtschov an ZK der SED v. 10.5.1962; SAPMO BArch DY 30 3480, Bl. 286.
3 Der polnische Beitrag stammt vom Dezember 1961, der ungarische allerdings vom September. Die Stellungnahme Faddejews erschien im Januar 1962. Immerhin konnte der einzige prorumänische sowjetische Wissenschaftler, Olejnik, gerade im April 1962 seine Auffassungen in Probleme Economice veröffentlichen. Remington 1976, S. 66f. Montias 1967, S. 198.
4 Chruschtschov an Ulbricht . 29. 4.1962; SAPMO Barch DY 30 3480, Bl. 199.
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enthaltenen etwas unterschieden“. 1 Dies war untertrieben. Auch wenn bei den Zielen weiterhin eine nutzenorientierte Perspektive auf Blockebene dominierte, wurde dies nun um das Anliegen ergänzt, die wirtschaftlichen Niveauunterschiede „allmählich zu beseitigen“. Statt einer Neugründung sollten die ausgearbeiteten „Grundprinzipien“ nun beschlossen werden. Als Hauptmethode wird die Koordinierung nicht nur der Perspektivpläne, sondern auch der laufenden Pläne genannt. 2
Letzteres klingt sogar nach einer Erweiterung der Kompetenzen. Immerhin wurde ja die „Hebung der Autorität, die grundsätzliche organisatorische Stärkung und Verbesserung“ der Arbeitsmethoden angestrebt. In dieser Frage änderten sich jedoch Schlüsselbegriffe. Die bereits zitierten allgemeinen Prinzipien der „Veränderung der Methoden und Formen“ wandelten sich in eine „Vervollkommnung“. Aus der „Lösung organisatorsicher Grundprobleme“ wurden „neue organisatorische Lösungen“ und aus der „ökonomischen Integration der sozialistischen Länder“ wurde eine „engere wirtschaftliche Zusammenarbeit“. Dies war mehr als eine Abschwächung bestimmter Formulierungen. Somit blieb vom „Politisch-Ökonomischen Rat“ nur eine jährliche Ratstagung unter Beteiligung der Partei-und Regierungschefs übrig. Das Exekutivkomitee galt nun nicht mehr so stark als entscheidende organisatorische Innovation, sondern als umgebildete Beratung der Ländervertreter. Obgleich der konkrete Aufgabenbereich des EKO beibehalten wurde, war seine Eigenständigkeit stark gemindert. „Beschlüsse“ blieben den Ratstagungen vorbehalten; das EKO auf „Maßnahmen“ beschränkt. Die Klausel zu Mehrheitsbeschlüssen bei bestimmten Fragen entfiel damit natürlich auch. Immerhin blieb die geplante Aufwertung des Sekretariats erhalten wie die vorgeschlagenen Ständigen Kommissionen. Dies betraf auch die „Hauptkommission zu Fragen der Koordinierung der Wirtschaftspläne“, allerdings ohne deren Funktionen zu beschreiben. Grundsätzlich war an eine Veränderung des Statuts, nicht aber an eine Art neuen Vertrag gedacht. 3 Auch wenn in Planungsfragen von einer „Hauptkommission“ die Rede war, wird deutlicher, dass die Ratsorgane hier eher eine koordinierende Funktion erhalten sollten als die Möglichkeit zu eigenen Initiativen. So sollte der RGW ein „solches System der Koordinierung der Pläne der Investvorhaben (erarbeiten), das es auf Grund der technischen und ökonomischen Analyse der Projektpläne (...) ermöglicht, abgestimmte Beschlüsse über die optimale Größe der zu errichtenden Industriebetreibe zu fassen, die die Nachfrage nach ihren Erzeugnissen in den anderen RGW-Ländern berücksichtigen“. Im Verlaufe der Plankoordinierung sollte zudem ein „Komplexprogramm“ für die Rohstoffversorgung aufgestellt werden. Die Errichtung „gemeinsamer internationaler Produktionsbetriebe“ sollte möglich sein; der RGW sollte allgemeine Prinzipien ihrer Organisation ausarbeiten. 4
Dagegen blieb die ex post Hierarchie auf einem ähnlichen Niveau, ja erhielt sogar Präzisierungen. Zu den erwähnten „langjährigen Kontrakten“ sollten Konventionalstrafen eingearbeitet werden, die in den „Kontraktbedingungen“ festgelegt werden sollten. Wenn die Ratsorgane verpflichtet werden sollten, die Erfüllung von Spezialisierungsvereinbarungen und der entsprechenden langfristigen Kontrakte „systematisch zu kontrollieren“, mussten die Ergebnisse aber vom Status dieser Organe abhängen. 5
1 Cyrankiewicz/ Gomulka an Ulbricht u. Grotewohl v. 15.5.1962; Beschluss der Beratung (...), Entwurf; SAPMO BArch DY 30 3480, Bl. 288; zur Abstimmung mit der UdSSR vgl. Bl. 333. DY 30 3482, Bl. 118 ff.
2 Ebenda, S. 6 f. (Bl. 294 f.)
3 Bereits im Titel des Beschlusses war die Veränderung der Organisationsstruktur bestenfalls zu erahnen. Beschluss der Beratung der Vertreter der kommunistischen und Arbeiterparteien und der Regierungen (... des RGW) über Fragen der erweiterten Koordinierung der Volkswirtschaftspläne, der Investitionsvorhaben, der neuen Technik und der wirtschaftlichen Zusammenarbeit (...), Entwurf; SAPMO BArch DY 30 3480, Bl. 289ff., v.a. S. 14ff.
4 Ebenda, S. 9 (Bl. 297) u. S. 11 f. (Bl. 299 f.).
5 Ebenda, S. 12 (Bl. 300).
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Insgesamt blieb dieser Entwurf deutlich hinter den polnischen Vorschlägen vom März zurück. Er ist erheblich „vorsichtiger“ und folgte stärker der gewachsenen Organisationsstruktur. Er erscheint als eine Art partieller Rückzug in den besonders brisanten Fragen. Folgt man den Hinweisen der zitierten öffentlichen Äußerungen dürfte dieser Wandel maßgeblich auf sowjetischen „Einfluss“ zurückzuführen gewesen sein. Nachdem dieser Einfluss zunächst den Reformvorstoß zugelassen und gefördert hatte, bremste er nun die Ergebnisse. Die „Achse“ Moskau-Warschau übertrug nur einen Teil der Kräfte, weil der sowjetische „Antrieb“ - Widerstand antizipierend - blockierte. Von einer starken Hegemonie (oder sogar mehr) war man jedenfalls deutlich entfernt.
Zunächst erhielten die anderen „Teilnehmerländer“ die Möglichkeit, Korrekturvorschläge an diesem Entwurf einzureichen. Die Veränderungsvorschläge betrafen allerdings kaum noch die brisanten Fragen, sondern brachte eher Schwerpunktsetzungen wie redaktionelle Wünsche zum Ausdruck. Hier spiegelt sich ein gewisser Grundkonsens (oder verdeckte Vorbehalte). Die ungarische Seite wollte der jährliche Wirtschaftsgipfel nicht als Ratstagung verstanden wissen, sondern als Beratung der Partei- und Regierungschefs der RGW-Länder, „um aktuelle Fragen der internationalen wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen ihren Ländern zu erörtern“. 1
Wie stand es mit der als integrationsfreundlich geltenden DDR. Zunächst hatte Ulbricht Anfang Mai die politische und wirtschaftliche Führung zu einer Besprechung geladen, in der die „Grundorientierung“ für eine Stellungnahme zum polnischen Konzept ausgegeben werden sollte. Auf dieser Basis sollten 6 Arbeitsgruppen entsprechende Stellungnahmen erarbeiten. Ulbricht setzte den Schwerpunkt auf die Zusammenarbeit der Plankommissionen statt den Außenhandel. Dabei sollten die SPK „die Verhandlungen führen, und zwar nicht nur über die langfristige Perspektive, sondern auch über die Jahrespläne (wie es zunächst auch im polnischen Entwurf angeklungen war), d.h., alle Fragen müssen von den Staatlichen Plankommissionen behandelt und dann in Abkommen niedergelegt werden. Dies ist die Grundlage für die Außenhandelsverträge.“ Ulbricht ging es (neben seinem alten Anliegen der Typisierung und Standardisierung) darum, nationale Pläne im RGW zu koordinieren. Zwei Dinge sind dabei bemerkenswert. Die Plankoordinierung erhielt einen Primat vor der Spezialisierung; Planungssicherheit stand vor den Spezialisierungszielen: „Im Vordergrund steht also die Koordinierung der Pläne und nicht die Spezialisierung. (...) Wir brauchen keine allgemeine Lösung der Spezialisierung; denn diese setzt eine hohe Entwicklung der Planung voraus, die wir und auch die anderen Länder gar nicht haben.“ Es gäbe „einige Produktionsgebiete, wo man wirklich spezialisieren, aber auf der Basis des Weltniveaus“. Bei unsicheren Lieferbeziehungen (so bei fehlenden Ersatzteilen) sei es „rentabler, nicht zu spezialisieren“. Aber auch die Stellungnahme zum Modus der Plankoordinierung ist bemerkenswert. Eine substantielle Diskussion gab es hier nicht. Am Ende wies Ulbricht nur darauf hin, dass „es noch nicht ganz klar ist, ob die Sowjetunion die Rolle eines zentralen Planungsorgans übernehmen will“. 2 Hier klingt wieder das Modell der „Wirtschaftsgemeinschaft“ an; Souveränitätsvorbehalte gab es bei Ulbricht gegenüber einer solchen „Koordinierung“ jedenfalls nicht.
1 Die ungarische Stellungnahme, von der (neben Rumänien, das scheinbar keine Änderungsvorschläge einbrachte) am ehesten eine Senkung des organisatorischen Niveaus und Anspruchs zu erwarten war, brachte zumeist Ergänzungen und Präzisierungen. Abgesehen von der Tagung der Partei- und Regierungschefs zu Wirtschaftsfragen, für deren jährliche Einberufung sich die ungarische Seite aussprach, ist keine Diskussion brisanter Fragen oder eine Abschwächung der Vorschläge zu erkennen. Selbst auf dem Gebiet der Landwirtschaft sollten Grundprinzipien der Arbeitsteilung ausgearbeitet werden. Vorschlag der Delegation der USAO zum Entwurf des Beschlusses der Beratung (...); SAPMO BArch DY 30 3480, Bl. 322 ff.
2 Niederschrift v. 10.5.1962 über eine Beratung unter Leitung des Genossen Ulbricht zur Vorbereitung eienr Stellungnahme (... zum polnischen RGW-Konzept), S. 3 f. u. 10; BArchB DE-1 21023, o.Bl.
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Diese konzeptionelle Arbeit war durch den neuen polnischen Beschlussentwurf teilweise bereits überholt. Zwar enthält die Stellungnahme der DDR eine Reihe spezifischer Anliegen und Formulierungen. Dabei wurden „neue Formen und Methoden in der Zusammenarbeit“ gefordert, ohne aber auf diesem Gebiet wirklich Innovatives beizutragen. Wesentlich ist hier die (gleich zu zitierende) Vorstellung, dass im RGW eine allgemeine Konzeption für die Entwicklung der Länder ausgearbeitet und beschlossen werden sollte wie die Plankoordinierung in allen Planungsphasen. 1 Die polnische Seite arbeitete ausführliche Erwiderungen zu diesen Änderungsvorschlägen aus. Damit bestätigte sie ihre Funktion als Organisator und Moderator der Diskussionen. Beim DDR-Entwurf verwies sie auf einen wesentlichen Unterschied bei den Kompetenzen des RGW: „Die Korrektur (der DDR) stellt dem RGW eine neue Aufgabe, nämlich die Koordinierung der staatlichen Jahresvolkswirtschaftspläne. In Anbetracht dessen, dass der RGW die Jahrespläne praktisch nicht korrigieren kann, ist die Korrektur abzulehnen.“ Dies zeigt wiederum, dass die polnische Initiative inzwischen die Kompetenzen des RGW noch deutlicher begrenzte. 2
Neben dieser offiziellen Abstimmung gab es auch diverse bilaterale Versuche zu Vorabsprachen. Bei Treffen der Plankommissionen von DDR und UdSSR im Vorfeld der Parteikonferenz spielten die konkreten Reformmaßnahmen im RGW keine nachweisbare Rolle. Allerdings sind die allgemeinen Bezüge der bilateralen „Wirtschaftsgemeinschaft“ zur RGW-Spitzentagung aufschlussreich. Nun betont auch die sowjetische Seite den Beispielcharakter der „Wirtschaftsgemeinschaft“: „Es käme darauf an, durch die jetzigen Verhandlungen zwischen der UdSSR und DDR ein Beispiel dafür zu schaffen, was das sozialistische Lager in Zukunft werden soll. Man muss damit zeigen, wie die gegenseitigen Beziehungen zwischen zwei sozialistischen Staaten gestaltet werden müssen, bei Einhaltung der vollen Individualität in allen Fragen. Es müsste aus diesem Beispiel deutlich werden, dass, wenn nicht das ganze sozialistische Lager diesen Weg einschlägt, es nicht gehen wird. Mit den anderen sozialistischen Ländern könnten sie dieses Beispiel zur Zeit nicht schaffen. Das hätte keine politischen oder sozialökonomischen Gründe, sondern ausschließlich ökonomische. [...] Genosse Sasjadko brachte zum Ausdruck, dass es außerordentlich vorteilhaft sei, wenn die Genossen Chruschtschov und Ulbricht auf der Ende Mai vorgesehenen Beratung auf erhöhter Ebene anhand dieses konkreten Materials zeigen könnten, wie die [... Beziehungen] zwischen sozialistischen Ländern aufgebaut werden müssen. Das wäre von großer Bedeutung.“ 3
Die ältere Forschung beobachtete bereits „intensive Konsultationen“ in den Hauptstädten des östlichen Europas, vor allem zwischen VRP, DDR und CSSR. Dies deute darauf hin, dass „die von einzelnen Mitgliedsstaaten angeregten strukturellen Veränderungen in der Organisation und im Kompetenzbereich zu gegensätzlichen Standpunkten geführt“ hatte.
1 Dies betrifft die verstärkte Ausrichtung auf „Grundfragen“, die Betonung der Arbeitsproduktivität, der Forschungskooperation, der Normenfrage wie der Elektrotechnik, für die eine eingeständige Kommission mit Sitz Berlin gebildet werden sollte. Zudem sollte ein wissenschaftliches Zentrum beim RGW zur Untersuchung der Integration in Westeuropa und zur Koordinierung der Arbeit der Konjunkturinstitute gebildet werden. Weiterhin versucht die DDR, die Formulierung über ein allmähliche Angleichung des Entwicklungsstandes abzuschwächen und von einer „Heranführung an das Entwicklungsniveau der fortgeschrittenen Länder“ zu sprechen. Vorschläge der Delegation der DDR zur Ergänzung und Abänderung zum Entwurf des Beschlusses der Beratung (...); v. 29.5.1962; SAPMO BArch DY 30 3480, Bl. 205ff.
2 Konsens gab es bei der Aufwertung der Landwirtschaft im DDR-Vorschlag. Dissens bei der TWZ und der Bildung eines einheitlichen Normensystems. Meinung der polnischen Delegation zu den Ergänzungen und Änderungsvorschlägen (...der DDR), Entwurf; SAPMO BARch DY 30 3480, Bl. 325ff.
3 Niederschrift über die Beratung des Genossen Mewis mit Genossen Sasjadkov am 4.5.1962 (Entwurf v. 5.5.1962); BArchB DE-1 12310, Bl. 105f. Bei Beratungen am 23.3.1962 spielten RGW-Fragen keine Rolle. Ebenda, Bl. 76ff.
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Man gehe nicht fehl in der „Annahme, dass im einzelnen ein Konflikt zwischen den Befürwortern einer supranationalen Exekutive einerseits und den Verteidigern der nationalen Souveränität andererseits vorlag“. 1 Wer sollten aber die Vertreter einer „supranationalen Exekutive“ sein? Da weder Polen noch die UdSSR unmittelbar vor der Konferenz solche Anschauungen vertraten, bleiben wohl nur DDR und CSSR übrig. Tatsächlich diskutierten Ulbricht und Novotny im Rahmen einer Partei- und Regierungsdelegation nach Prag ausführlich wirtschaftspolitische Probleme.
Hier legte Ulbricht stärker als bei früheren Gesprächen die Betonung auf multilaterale Lösungen. 2 Man habe „mit der Sowjetunion offen über diese Fragen (der Forschungskoordinierung) gesprochen. Erforderlich sind eine Änderung der Arbeitsweise des RGW und eine bessere Koordinierung. Das können wir, zwei volksdemokratische Staaten, hier nicht untereinander ausmachen.“ Beide Seiten begrüßten den polnischen Vorschlag. Novotny betonte, dass die Zeit reif dafür sei, dass „wir uns ernsthaft mit der wirtschaftlichen Einheit des sozialistischen Lagers und der Arbeitsteilung befassen“. Man rechne damit, dass die Juni-Beratung in Moskau ein „weiterer großer Schritt zur Festigung der politischen und ökonomischen Einheit des sozialistischen Lagers sein werde. Bei grundsätzlichem Einverständnis wolle man in manchen Punkten weiter gehen als die polnischen Vorschläge. Dies betraf neben Sachbereichen wie der Landwirtschaft und der Metallurgie auch Organisations- und Kompetenzfragen: „Außerdem möchten wir, dass der Rat (...) größere Rechte bekommt. Die ökonomischen Probleme dürfen nicht auf die Schultern der Ersten Sekretäre geladen werden. Der (... RGW) ist ein solch befähigtes Organ, dass von den einzelnen Regierungen an ihre Vertreter derartige Vollmachten gegeben werden sollten, die sie in die Lage versetzen, die offenstehenden Fragen zu klären. Man muss nicht mit allen Problemen zu den Ersten Sekretären kommen und sagen: Gebt uns eure Zustimmung. Wenn wir der Meinung sind, dieser oder jener Vertreter kann nicht entschieden, so schicken wir ihn eben nicht in ein solches Gremium.“ 3 Kurz zuvor hatte Ulbricht für die DDR-Spezialisten betont, dass „die ökonomische Zusammenarbeit von den Stellvertretern der Vorsitzenden des Ministerrates für Wirtschaft geleitet und organisiert werden soll. Nur die großen Fragen der Perspektive sollen auf einer Jahresberatung der 1. Sekretäre der Parteien behandelt werden“. 4 Im weiteren Verlauf strebte die DDR eine Trennung der Konferenz der Partei- und Regierungschefs vom RGW im engeren Sinne an. Aus Sicht der DDR wie der UVR sollte beschlossen werden, jährliche Spitzentagungen zu Wirtschaftsfragen durchzuführen, ohne diesem Gremium aber unmittelbare Kompetenzen im Rahmen des RGW zuzubilligen. Dagegen stimmte die polnische Seite dem Vorschlag, „Beratungen der Vertreter der Parteien und Regierungen unabhängig von den Tagungen des RGW durchzuführen“ nicht zu. Diese Frage werde zweifellos auf der Beratung behandelt. 5 Sollte dies wie auf Seiten der CSSR eine Aufwertung der Ratsorgane bedeuten? Wie weit sollte diese Aufwertung gehen? Immerhin kritisierte Ulbricht, dass bis dahin die Vereinbarungen im RGW nicht exakt ausgearbeitet wurden und nicht in zweiseitigen Verträgen realisiert wurden. Im RGW sollten die Grundfragen „entschieden“ werden und dann die zweiseitigen Lieferungen festgelegt werden. Allerdings bleibt die konkrete Entscheidungskompetenz des RGW eher vage. Die
1 Ribi 1970, S. 156.
2 Vgl. das Gespräch mit Novotny am 23.5.1961 in Prag; SAPMO BArch DY 30 3614, Bl. 173 ff.
3 Protokoll über die Verhandlungen zwischen den Partei- und Regierungsdelegationen der DDR und CSSR am 14. und 18.5.1962 in Prag, S. 29f.; SAPMO BArch DY 30 3614, Bl. 262f. vgl. auch die handschriftlichen Notizen zu diesen treffen in PAAA MfAA d. DDR, A 14650, Bl. 44 ff.
4 Niederschrift (...) über eine Beratung unter Leitung des Genossen Ulbricht (... zum polnischen RGW-Konzept), S. 7; BArchB DE-1 21023, o.Bl.
5 Der Beschluss sollte reduziert werden auf die Formulierung: „Einmal jährlich findet eine Beratung der 1. Sekretäre der kommunistischen und Arbeiterparteien und der Vorsitzenden des Ministerrates der Mitgliedsländer des RGW statt.“ Vorschläge der Delegation der DDR (...) v. 29.5.1962; SAPMO BArch DY 30 3480, Bl. 219. zur UVR vgl. ebenda, Bl. 324, zur VRP, Bl. 333.
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Besprechung zeigte, dass kaum an eine strikte Supranationalität gedacht war; die Zentralisierung via RGW sollte mit der Wahrung „nationaler“ Kompetenzen in Einklang gebracht werden. Der nationale Standpunkt diente ganz offen als Ausgangspunkt: „Ulbricht: (...) Wir halten die Initiative der polnischen Genossen für gut. (...) Einiges muss man noch etwas schärfer präzisieren. Jeder sieht aber die Sache etwas von seinem Standpunkt. Das ist normal. (...) Novotny: So gehen wir jeder von der ökonomischen Situation unseres Landes aus. (...) Ulbricht: Ja. Wir haben deshalb auch von der Gemeinschaft der nationalen Volkswirtschaft der DDR mit der Sowjetunion gesprochen und nicht einfach von der Wirtschaftsgemeinschaft.“ 1 Zwischen Berlin und Prag gab es also einen eher allgemeinen Konsens über die Aufwertung des RGW. Dieser beinhaltete keine grundlegende „Verstärkung“ der polnischen Vorschläge, sondern Stärkungen und Schwächungen in einzelnen Bereichen der institutionellen Konfiguration.
Möglicherweise wurde die DDR ja in ihren Änderungsvorschlägen zum Beschlussentwurf genauer. Die „Neuformulierung“ zur Plankoordinierung stellt durchaus eine gewisse Präzisierung dar. Allerdings zeigte sie auch eine Reihe von Einschränkungen. 2 Vor allem beinhalten sie keine eindeutige Kompetenzverlagerung an die Ratsorgane, sondern ein Mehrebenensystem von relevanten Gremien, die zusammenspielen sollten, ohne einen Vorrang der „nationalen“ oder der „supranationalen“ Ebenen ableiten zu können: „Jedes Mitgliedsland des RGW arbeitet seine Vorstellungen über die mögliche Entwicklung der nationalen Wirtschaft unter Berücksichtigung der vollen Ausnutzung der eigenen Ressourcen aus. Diese Vorstellungen der einzelnen Länder werden im RGW koordiniert. Im Ergebnis dieser mehrseitigen Koordinierung, die in einem ständigen internationalen Arbeitsapparat des RGW erfolgen muss, sind Varianten zur Entwicklung der wichtigsten Zweige und Produktionen für die Mitgliedsländer des Rates insgesamt sowie für die einzelnen Länder auszuarbeiten. Auf dieser Grundlage wird der Beratung der 1. Sekretäre unserer Parteien und der Ministerpräsidenten vom RGW eine Konzeption für die Entwicklung der Länder zur Beschlussfassung vorgelegt. Auf der Grundlage dieser Beschlüsse arbeiten die Länder die Pläne zur Entwicklung ihrer Volkswirtschaft aus.“ Basierend auf der „Grundlinie der Entwicklung“ sollten dann Investitionspläne, Spezialisierungsbeschlüsse, TWZ wie Außenhandel koordiniert und vertraglich festgelegt werden. Auch wenn daraus kein vollständiger Automatismus folgen sollte, war die Stärkung der ex post-Hierarchie beträchtlich.. „Bei der endgültigen Fixierung der Volkswirtschaftspläne müssen die Beschlüsse des Rates auf jeden Fall Bestandteil der Pläne der einzelnen Länder sein. Der Realisierung der durch den Rat koordinierten Schwerpunktaufgaben muss von den Regierungen besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden, um ein hohes Maß von Stabilität in den Wirtschaftsbeziehungen und eine Kontinuität in den Plänen der einzelnen Länder zu erreichen.“ Wenn auch keine Supranationalität, so war hier doch eine ex post Hierarchie auf Stufe 4/5 angestrebt. „Der Außenhandel hat künftig das zu realisieren, was vorher durch internationale Koordinierung und Bilanzierung unserer Pläne im RGW festgelegt wurde.“ 3 Auch wenn die polnische Seite den etwas „nationalen“ ersten Satz als „überflüssig“ streichen wollte, betrachtete sie die weiteren Ergänzungen wohlwollend. „Die Korrektur sieht vor, der neuen Kommission zur Koordinierung der Pläne die Ausarbeitung von Varianten und
1 Dies hätten nur einige Redakteure vereinfacht. Protokoll über die Verhandlungen zwischen den Partei- und Regierungsdelegationen der DDR und CSSR am 14. und 18.5.1962 in Prag, S. 13 u. 17f.; SAPMO BArch DY 30 3614, Bl. 246 u. 249f.. vgl. auch die handschriftlichen Notizen zu diesen Treffen in PAAA MfAA d. DDR, A 14650, Bl. 44ff.
2 So bei der Koordinierung der Investitionsbauten und Formulierungen, welche die „schon heute praktizierte Taktik des Aufschiebens der Arbeit zur Spezialisierung anzuwenden (...)“ betrafen. So zumindest aus polnischer Sicht. Meinung der polnischen Delegation zu den Ergänzungen (...) der DDR; SAPMO BArch DY 30 3480, Bl. 328 f.
3 Ausführungen Schürers zur Koordinierung der Pläne bei einer Besprechung am 7.5.1962; SAPMO BArch DY 30 3305, Bl. 32f. Vorschläge der Delegation der DDR (...) v. 29.5.1962; SAPMO BArch DY 30 3480, Bl. 209f.
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Hypothesen zur rationalen Entwicklung der Produktion aller Mitgliedsländer auf der Grundlage der Planentwürfe der einzelnen Länder zu übertragen.“ Dies bedeutete, dass die Kompetenzgewinne des RGW vor allem bei der Ausarbeitung der grundlegenden Entwicklungskonzeptionen liegen sollten, die als Prämisse/ Angebot für die anderen Koordinationsebenen dienen sollte. Die vorgeschlagene Fassung der DDR unterstreiche „das Ziel der Entwicklung der zweiseitigen wirtschaftlichen Zusammenarbeit, gestützt auf die mehrseitige Koordinierung der staatlichen Pläne im Rahmen des RGW“. Die polnische Seite stimmte zu. 1
Insgesamt war die Stärkung der Angebotsfunktion dieser „kleinen Plankommission“ deutlich auf die Verarbeitung nationaler Vorgaben beschränkt. Eine imperiale (supranationale) Kompetenz kann man daraus aber nicht ableiten. Dies war zunächst eine Angebotsfunktion, die - sollte sie einer Ständigen Kommission übertragen werden - kaum die üblichen „nationalen“ Beschränkungen dieser Kommissionsarbeit überschreiten konnte. Der polnische Reformvorschlag erhielt somit bereits im Vorfeld der Junikonferenz deutliche Einschränkungen und Begrenzungen. Die Gruppe der „Supranationalisten“ erweist sich bei näherem Hinsehen eher als Vertreter einer graduellen, aber deutlichen Stärkung der Ratsorgane, aber keineswegs einer „imperialen“ Stärkung in allen Bereichen. Immerhin war diese Gruppe der stärker industrialisierten Länder eine starke „Fraktion“, die bei Unterstützung der UdSSR durchaus den RGW verändern konnte. Andererseits hatte sich hinter den Kulissen bereits eine deutliche Abschwächung des ursprünglichen Konzepts ergeben. Konnte daran der „Raum“ der Parteikonferenz noch etwas ändern?
5.4.3 Die Konferenz und die Initiative Chruschtschovs
Den Beschlüssen der Konferenz vom 6./7. Juni 1962 wird eine „weitreichende Bedeutung“ beigemessen; sie seien als „Vorstufe zur Koordinierung der nationalen Pläne durch ein zentrales übernationales Planungsorgan gedacht gewesen“. 2 Während sich im Vorfeld der Konferenz die einzelnen Länder noch bedeckt halten konnten, war nun angesichts „drohender“ Beschlüsse ein Offenbarungseid notwendig. Dabei konnten neben den skizzierten allgemeinen Motiven die spezifischeren „nationalen“ Interessenwahrnehmungen schärfer zum Ausdruck kommen. Eine Präzisierung der Standpunkte erschien notwendig. 3
Gomulka bot in seinem Referat eine „Grundlage zur Diskussion“ und wiederholte eher die allgemeinen Motive. Zudem warb er dafür, dass es nur durch Arbeitsteilung und Plankoordinierung „mit der erforderlichen Hilfe seitens der wirtschaftlich stärker entwickelten Länder möglich sein wird, in verhältnismäßig kurzer Frist die Erhöhung und Nivellierung des ökonomischen Niveaus der weniger entwickelten Länder zu erreichen“. Die Verpflichtung der Länder mit der effektivsten Rohstofferzeugung zur Versorgung der Partner stehe nicht im Widerspruch zur Spezialisierung in der verarbeitenden Industrie. (Somit war es nicht auszuschließen, dass Rumänien mit dem Argument, die Arbeitsteilung drohe die Industrialisierung zu behindern, isoliert werden konnte.) Die geringere
Außenhandelsverflechtung der SL im Vergleich zum KA verweise auf verschenkte Möglichkeiten. Die Konkurrenzsituation mit dem „imperialistischen Lager“ wie die asymmetrische „Abhängigkeit der Wirtschaft der Volksdemokratien von den Ländern Westeuropas“ hob er in einem Maße hervor, dass allein wirtschaftliche Motive für die
1 Meinung der polnischen Delegation zu den Ergänzungen (...) der DDR; SAPMO BArch DY 30 3480, Bl. 327.
2 Hacker 1983, S. 672 f.
3 Die DDR betreib mit recht großem Aufwand eine Bestandsaufnahme und die Ausarbeitung der eigenen Konzepte. Dazu wurden Arbeitsgruppen eingesetzt, die Materialien vorbereiteten und diese auf Einladung Ulbrichts präsentierten. SAPMO BArch DY 30 3305.
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Initiatorenrolle der polnischen Seite nicht entscheidend gewesen sein dürften. Diese war auch eine Folge der erfolgreichen Reintegration Polens in den Ostblock, dessen Spitze sich in der Führungsrolle gefiel. 1
Der Gesamtorganismus der Plankoordinierung und Spezialisierung blieb aber eher mit den tradierten Formen der Koordinierung langfristiger Pläne verbunden. 2 Für die Koordinierung der Investitionen und die Abstimmung der Perspektivpläne sollte der RGW ein „System der Koordinierung“ erarbeiten. 3 Das im ursprünglichen Vorschlag skizzierte Organisationsniveau wird kaum präzisiert, sondern eher abgeschwächt. „Der Sinn unserer organisatorischen Vorschläge, die auf die Hebung der Rolle des RGW und auf die Vervollkommnung seiner Tätigkeit abzielen, läuft auf folgende Hauptmomente hinaus: Erstens gilt es, das Prinzip der systematischen Durchführung von Beratungen auf höchster Ebene einzuführen, die der Problematik des ökonomischen Zusammenschlusses unserer Länder gewidmet sind.“ Im Beschlussentwurf waren jährliche Ratstagungen unter Beteiligung der Partei- und Regierungschefs vorgesehen, d.h. eine Verschmelzung von Ratstagungen und Spitzentreffen nach dem Muster der Maikonferenz 1958. Damit wäre eine klassische Organisationsform stärker „verregelt“ und mit dem RGW verkoppelt worden, die trotzdem wesentlich auf den Mechanismen der Ebenen 4 und 5 beruhte. Dadurch hätte der Status des Rates aber auch neue symbolische Kraft gewonnen, wenn auch nicht auf dem Niveau des „Politisch-ökonomischen Rates“.
Gomulka sprach weiterhin von dem nicht genügend obligatorischer Charakter der angenommenen Empfehlungen wie vom fehlenden ökonomischen Mechanismus, der die erfolgreiche Durchführung der vereinbarten Beschlüsse und Abmachungen gewährleisten könnte. Insgesamt stehen organisatorisch die ex post-Probleme stark im Vordergrund. So seien Empfehlungen anzunehmen, die „zur straffen Grundlage für den Abschluss obligatorischer Vereinbarungen und Kontrakte zwischen den interessierten Ländern werden“. Sie sollten aber selbst nicht „obligatorisch“ sein. 4
Daraus folgte: „Zweitens kommt es darauf an, in organisatorsicher Hinsicht eine schnellere und reibungslose Erfüllung der wichtigsten vereinbarten ökonomischen Beschlüsse zu gewährleisten.“ Dies war eine vage Formulierung der zitierten stärkeren ex post-Hierarchie. Der Beschlussentwurf sah hierzu vor, dass die Spezialisierungsempfehlungen „konkrete Fristen für die Aufnahme der entsprechenden Produktion enthalten und die Richtungen und den Umfang der gegenseitigen Lieferungen in den einzelnen Jahren festlegen“ sollten. Zweigvereinbarungen und gemeinsame Produktionsbetriebe waren vorgesehen; allgemeine Prinzipien sollten in den Ratsorganen ausgearbeitet werden. Es sei das „Prinzip einzuführen, wonach die Länder nach der Annahme der Empfehlungen zur Spezialisierung verpflichtet sind, im Verlaufe von einigen Monaten langjährige Kontrakte bzw. Abkommen über gegenseitige Lieferungen der spezialisierten Erzeugnisse abzuschließen“. Die Ratsorgane würden verpflichtet, die Erfüllung der Spezialisierungsempfehlungen und die daraus resultierenden Verpflichtungen der Länder zur Aufnahme der Produktion und den Abschluss
1 Abgesehen von den Belegen im Bereich der politischen und ideologischen Blockintegration können auch wirtschaftspolitische Einzelbeispiele angeführt werden. So wurde ein gemeinsamer Valutafonds für die Finanzierung von Investitionsvorhaben in Afrika vorgeschlagen, d.h. eine Innovation im Sinne der „gemeinsamen Sache“. Rede des Genossen Gomulka auf der XVI. Tagung des RGW, 6.-7.6.1962; SAPMO BArch DY 30 3481.
2 Es müsse „die Hauptform der bewussten Gestaltung der sozialistischen internationalen Arbeitsteilung auch künftig in der gegenseitigen Koordinierung der Fünfjahrpläne und der Perspektivpläne zur wirtschaftlichen Entwicklung sein, die sich auf langfristige Abmachungen über gegenseitige Lieferungen stützt, welche sowohl auf zweiseitiger als auf mehrseitiger Basis abgeschlossen werden“. Rede des Genossen Gomulka auf der XVI. Tagung des RGW, 6.-7.6.1962; SAPMO BArch DY 30 3481, Bl. 212.
3 Beschluss der Beratung der Vertreter der KAP (Entwurf v. Mai 1962); SAPMO BArch DY 30 3480, Bl. 297.
4 Rede des Genossen Gomulka auf der XVI. Tagung des RGW, 6.-7.6.1962; SAPMO BArch DY 30 3481, Bl. 34f. u. 27f.
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von Kontrakten „systematisch zu kontrollieren“. Den Ländern sei zu empfehlen, dass siezwecks Festigung der Disziplin bei der Erfüllung langjähriger Handelsabkommen - das Prinzip einführen, miteinander langjährige Kontrakte abzuschließen, in denen die gegenseitigen Verpflichtungen und die vorgegebenen Sanktionen sowohl gegenüber den Lieferanten als auch gegenüber den Bestellern enthalten sind. Damit war selbst das Prinzip der Umsetzung wieder auf das Niveau einer Empfehlung abgesenkt worden. Auch wenn dies eine deutliche Reduzierung der ursprünglich konzipierten ex post Hierarchie bedeutet (Stufe 3), zeigt die ausführliche Behandlung dieser Probleme, wie sehr sich das Unsicherheitsproblem vor das Effizienzproblem schob und den Gesamtmechanismus bestimmte. 1 „Drittens müssen die gemäß dem Statut des RGW gewährten Rechtsbefugnisse vollständiger genutzt werden, denen zufolge im Falle einer nicht vollen Einmütigkeit aller Länder die Empfehlungen von den interessierten Ländern angenommen werden können.“ 2 Hier war die Frage angesprochen, ob Entscheidungen im RGW stets von allen Mitgliedern abgesegnet werden mussten - eine Frage, die noch entscheidende Bedeutung erhalten sollte. Dies war insgesamt ein Rückzug von grundlegenden Veränderungen. Die konkreten Formen, in denen man diese Postulate verwirklichen könne, seien verschieden. Somit sollte die Ratstagung die Funktion des „Politischen Rats“ übernehmen. Wirklich neu war nicht einmal das Exekutivkomitee, das nun als eine Umwandlung der Vertretertagung aufgefasst wurde; die Aufwertung beruhte vor allem auf dem Status der Vertreter als stellvertretende Ministerpräsidenten, die ausschließlich für Fragen der internationalen Zusammenarbeit verantwortlich sein sollten. Das EKO sollte mindestens alle zwei Monate tagen. Neben neuen Ständigen Kommissionen für Forschung und Standardisierung war auch die „Hauptkommission zu Fragen der Koordinierung der Wirtschaftspläne“ vorgesehen, die aus stellvertretenden SPK-Chefs zusammengesetzt sein sollte. 3 Gomulka ging auf der Konferenz sogar noch einen Schritt weiter zurück. Die früheren Vorschläge betrachte man nicht als endgültige Formulierung. Einen Teil von ihnen, habe man selbst, nach erneuter Behandlung, gestrichen. Dies betreffe die Veränderungen im Statut wie die Bezeichnung des RGW, da das „äußere Echo“ darauf ein anderes sein könne, als gewünscht, die Resultate aber auch mit den gegenwärtigen Formen erreicht werden könnten. 4 Dies klingt nach einem Rückzug auf Raten, um die „Einheit“ des sozialistischen Lagers nicht zu gefährden. Wie stand es mit den anderen „Integrationisten“?
Ulbricht legte auf der Konferenz besonderen Wert auf das „wissenschaftlich-technische Weltniveau, den Systemwettbewerb wie die proportionale Entwicklung im SWS insgesamt zu sichern. Die grundlegende Aufgabe bestehe darin, mittels koordinierter Perspektivpläne das „ökonomische Profil eines jeden volksdemokratischen Landes zu gestalten“. Dabei ging es vor allem darum, der DDR die Rohstoffbasis zu sichern und um eine Spezialisierung im Bereich der modernsten Maschinen. Neu waren nicht diese Ziele, sondern die weniger politische Begründung. Dennoch waren Sondergewinne für die DDR im Rahmen der Etablierung eines „eigenen ökonomischen Profils“ angestrebt.
Der RGW müsse „eine entscheidende Funktion übernehmen“, allerdings nicht mittels neuer Rechte, sondern indem er „seine Rechte“ voll ausnutzt. Dabei stimmte der SED-Chef der Erklärung Chruschtschovs ausdrücklich zu, dass „es notwendig ist, den Weg zu einem einheitlichen Wirtschaftsorganismus der Staaten des RGW und später der Staaten des
1 Ebenda, Bl. 298ff.
2 Viertens umfasste die quantitative Stärkung des RGW-Apparats wie die Gewährleistung seines internationalen Charakters und Status. Rede des Genossen Gomulka auf der XVI. Tagung des RGW, 6.-7.6.1962; SAPMO BArch DY 30 3481, Bl. 219f.
3 Beschluss der Beratung der Vertreter der KAP (Entwurf v. Mai 1962); SAPMO BArch DY 30 3480, Bl. 299ff.
4 Rede des Genossen Gomulka auf der XVI. Tagung des RGW, 6.-7.6.1962; SAPMO BArch DY 30 3481, Bl 220ff.
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sozialistischen Weltsystems zu beschreiten“. Dieser Weg müsse mit der Ausarbeitung einheitlicher Pläne beginnen. Dann fasste Ulbricht die Perspektive in einen für ihn anschaulichen Vergleich. Man könne sagen, bisher habe man „zusammengearbeitet etwa wie in der Stufe I bei der Entwicklung der Produktionsgenossenschaften. Das Ziel ist, zur Stufe III zu kommen. Wir sind uns bewusst, dass dieses Ziel am zweckmäßigsten erreicht wird durch einen Übergang, wie wir ihn in der LPG Stufe II haben.“ 1 Aber selbst für diese Zwischenlösung machte die DDR keine genaueren Vorschläge. Dies erstaunt, hatten doch die DDR-Spezialisten vor der Konferenz von einer „qualitativ neuen Stufe der Integration der sozialistischen Weltwirtschaft“ als „objektiv notwendig“ gesprochen und ein mehrstufiges Konzept skizziert: Entwicklungskonzepte der Mitgliedsländer sollten im RGW koordiniert werden. Dies sollte in einem ständigen internationalen Arbeitsapparat des RGW im Rahmen des EKO erfolgen, der Entwicklungsvarianten für die wichtigsten Zweige (für die Länder wie den RGW insgesamt) ausarbeiten sollte. Diese „Planungsorganisation“ wäre damit aber stellvertretenden Ministern der Mitgliedsländer im EKO unterstellt gewesen. Auf einer Konferenz der Partei- und Regierungschefs sollten die Entwicklungskonzeptionen zu Beschlüssen werden, auf deren Grundlage die nationalen Pläne ausgearbeitet werden sollten. Auch wenn hier nur wirtschaftliche Schwerpunktbereiche koordiniert werden sollten, hätte dies die Angebotsfunktion des RGW deutlich gestärkt. Auf der Basis dieser allgemeinen „Grundlinie“ sollten dann Investitionspläne, Spezialisierungsbeschlüsse, TWZ und Außenhandel abgestimmt werden. „Bei der endgültigen Fixierung der Volkswirtschaftspläne müssen die Beschlüsse des Rates auf jeden Fall Bestandteil der Pläne der einzelnen Länder sein.“ Zudem sollten ja - wie bereits angemerkt - auch die Jahrespläne koordiniert werden. 2 Auch wenn der Übertragungsmechanismus auf die nationalen Pläne unklar blieb und dieses Modell hohe Verhandlungskosten produziert hätte, wäre hiermit eine neue Qualität erreicht worden. Eine Wirkung entfalteten diese Konzepte aber kaum noch. Der SED-Chef trug sie zwar ein Stück weit mit; insgesamt war für ihn der RGW aber vor allem ein Mittel, um stabile Rahmenbedingungen in „Grundfragen“ zu erhalten. Ausgangspunkt sollten - wie bereits zitiert - die nationalen Entwicklungskonzepte sein.
Auf der Junikonferenz handelte Ulbricht dann Organisationsfragen in zwei allgemeinen Sätzen ab, die Verantwortung für die Plankoordinierung wird an die sowjetische Seite delegiert: „Wir verstehen, dass angesichts der komplizierten nationalen Bedingungen die Vertreter der Sowjetregierung im RGW sich etwas zurückgehalten haben. Aber angesichts der wirtschaftlichen Erfahrungen der Sowjetunion - besonders auch bei der Erarbeitung des Perspektivplanes bis 1980 - (...), ist eine Verbesserung der Arbeit des (...RGW) nur möglich, wenn die Vertreter der Sowjetregierung die Initiative bei der Koordinierung der Wirtschaftspläne übernehmen.“ Dadurch werde die Gleichberechtigung der Mitglieder des RGW nicht gemindert. 3
Der hier offengelegte Erwartungsdruck gegenüber der UdSSR war im Rahmen dieser Beratung besonders interessant. Die sowjetische Führung war zu einer Stellungnahme gezwungen, die ihrem Anspruch auf eine Führungsrolle entsprach, die sich auch aus überlegener Erfahrung begründete. Allerdings war die Haltung der kleineren „Integrationisten“ keineswegs „revolutionär“. Da die sowjetische Seite weniger unmittelbares Interesse an einer Stärkung des RGW zu haben schien als diese, musste der beschränkte Reformeifer von Polen, DDR und CSSR die Möglichkeiten der Gesamtreform begrenzen.
1 Rede von Walter Ulbricht (Juni 1962); SAPMO BArch DY 30 3481, Bl. 122ff.
2 So das Ergebnis einer von mehreren Arbeitsgruppen, die im Mai 1962 Einschätzungen der DDR zur RGW-Arbeit für eine Beratung mit Ulbricht am 25.5.1962 entwickeln sollten. Diese widmete sich unter Leitung von G. Schürer der Koordinierung der Pläne. SAPMO BArch DY 30 3305, Bl. 33 ff.
3 Rede von Walter Ulbricht (Juni 1962); SAPMO BArch DY 30 3481, Bl. 126.
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Somit war es eher überraschend, wenn der KPdSU-Chef auf der Junikonferenz weitere Reformschritte „in naher Zukunft“ ankündigte. Wie war das begründet?
Für die sowjetische Seite spielte die Systemauseinadersetzung eine besondere Rolle wie die Einheit des sozialistischen Lagers. Bereits in seinen einleitenden Worten stilisierte Chruschtschov die polnischen Vorschläge zu einer „lebenswichtigen Frage“, von deren Lösung die Entwicklung des sozialistischen Weltsystems abhänge wie der Erfolg im Wettbewerb mit den kapitalistischen Mächten. 1 „Wenn schon die Kapitalisten mit der Abstimmung ihrer Wirtschaftstätigkeit bestimmte Ergebnisse anstreben, so hat uns Kommunisten, uns führenden Persönlichkeiten von Staaten mit einer Planwirtschaft (...) wie man so sagt, Gott selbst befohlen, ein Musterbeispiel an wirtschaftlicher Zusammenarbeit zu bieten. Der vereinigten Front des Imperialismus können wir eine noch fester geschlossene Einheitsfront unserer sozialistischen Gemeinschaft entgegenstellen.“ Es bestehe kein Zweifel, dass die Maßnahmen zur Entwicklung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit im RGW „eine wichtige Rolle bei der weiteren Festigung der Geschlossenheit aller Staaten des sozialistischen Weltsystems insgesamt spielen werden“. 2 Beide Probleme verschmolzen zudem in der Frage, mit welchen Mitteln die Systemauseinadersetzung geführt werden musste. Wenn die UdSSR ihren Führungsanspruch gegenüber der VRCh verteidigen wollte, musste sie nicht nur als programmatischer Innovator auftreten; sie musste auch beweisen, dass man im „friedlichen wirtschaftlichen Wettbewerb“ (gegenüber dem militärischen) erfolgreich war. So stellte Chruschtschov im Juni 1962 auch als Wege im Systemwettkampf „friedlichen Wettbewerb oder Krieg“ gegenüber „Wir haben alle Möglichkeiten und Voraussetzungen, um in diesem nicht leichten Kampf den Sieg davon zu tragen. Es kommt nur darauf an, alle Vorzüge, die uns der Sieg des Sozialismus bietet, sowohl in jedem einzelnen Land als auch im Maßstab des ganzen Systems viel besser als bisher zu nutzen.“ Dies sollte immerhin bedeuten, die „Planelemente“ im „gesamten System der ökonomischen Beziehungen“ zu festigen. 3
Die oben dargestellten Motive der sowjetischen Seite, die sich gerade im Wechselspiel mit Auffassungen der DDR und VRP herausgebildet hatten, werden nun sehr deutlich. Wenn der friedliche Systemwettbewerb in den Vordergrund trat, bot dies für die DDR die Möglichkeit, ihre Rolle als Front- und Musterstaat wieder stärker zu etablieren. Dies konnte als Hebel für die RGW-Entwicklung im Sinne der DDR dienen, konnte aber zugleich die Vorbehalte der Partner gegenüber einem politisierten RGW, der den Industrieländern diente, verstärken.
Die erwähnte Ambiguität in der Wahrnehmung zwischen Problembewusstsein und hochgesteckten Zielen war gerade bei der sowjetischen Seite auf den RGW bezogen. 4 Eine aktivere RGW-Politik konnte somit auch durch das Ziel begründet sein, angesichts gravierender Versorgungsprobleme im Inneren die Einheit des Lagers wie die Stützung der DDR kostengünstiger zu produzieren als durch konkrete bilateral eingesetzte Mittel. Gerade 1962 verschlechterte sich die Versorgungslage in der UdSSR deutlich. Ende Mai musste der KPdSU Chef bekannt geben, dass die Preise für Fleisch, Wurst und Butter verdoppelt würden; die Grundnormen für Arbeiter sollten dagegen erhöht werden. Dies bedeutete, dass es nicht nur bei Wirtschaftsfunktionären Widerstand gegen eventuelle Subventionen an die
1 Handschriftliche Aufzeichnungen Ulbrichts: Ch(ruschtschov) Einleitung; SAPMO Barch DY 30 3482, Bl. 16.
2 Rede des Genossen N.S. Chruschtschov auf der Beratung (...) Juni 1962, S. 16f, 12f. u., 23; SAPMO BArch DY 30 3481.
3 Rede des Genossen N.S. Chruschtschov auf der Beratung (...) Juni 1962, S. 5f.; SAPMO BArch DY 30 3481. Handschriftliche Aufzeichnungen Ulbrichts; DY 30 3482, Bl. 28f.
4 Entweder man beschreite kühn den Weg der weiteren Zusammenarbeit mit einem neuen wichtigen Schritt oder man stoße auf „ernste Schwierigkeiten“. Ebenda, S. 2.
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Partnerländer gab. Bei den wachsenden Protestaktionen, Streiks und kritischen Äußerungen, die Anfang Juni in den Unruhen von Novocherkassk gipfelten, waren nicht nur Stimmen gegen die schlechte Lebenssituation zu hören, sondern auch gegen die Parolen, die USA wirtschaftlich zu überholen, sowie „Geschenke“ an andere, während man selbst hungert. 1
Ökonomische Initiativen waren also notwendig wie die Selbstentlastung der UdSSR von „Hilfen“ an die RGW-Länder. Die Selbstentlastung betraf vor allem die Investitionen in die alle betreffenden Zweige, vor allem natürlich die Rohstoffe. Investitionsbeteiligungen sollten mehr Gerechtigkeit wie Effizienz sichern. 2 Solche Investitionen sollten relativ gleich gemäß dem Wirtschaftspotential verteilt werden. Die Junikonferenz also fand in einer Phase statt, in der die „Hilfsbereitschaft“ der UdSSR gegenüber der DDR regelrecht umgekippt sein soll. 3 In diesen ersten großen Verhandlungen nach dem Mauerbau spürten die DDR-Vertreter einen deutlichen Gegenwind bei der Durchsetzung ihrer Wünsche. Das Gesamtbild ist aber keineswegs völlig negativ. Die sowjetische Seite blieb auf das Wohlbefinden der DDR „verpflichtet“. Gerade die Arbeitsteilung und Planverschmelzung zwischen beiden Partnern sollte der DDR Unterstützung bieten und gleichzeitig die UdSSR von Hilfsansprüchen befreien. Die RGW-Reform ist also auch eine Form der Befriedigung der DDR-Forderungen ohne aber die von der DDR angestrebte Form der „Wirtschaftsgemeinschaft“ realisieren zu müssen. In einer völlig neuen Offenheit in dieser Frage wandte sich Chrsuchtschov gegen zu hohe Wachstumsziele einzelner Länder, die auf Kosten der anderen durchgesetzt werden sollten. „Es ist kein Geheimnis, dass bei uns auch so etwas passiert: In irgendeinem unsrer Länder wird ein Volkswirtschaftsplan aufgestellt, danach wendet man sich an seine Freunde mit der Bitte: Wir haben einen Plan für zehn Jahre aufgestellt, könnt Ihr uns nicht darüber konsultieren? Und wenn die Konsultationen beginnen, dann stellt sich heraus, dass der Plan wirklich sehr gut ist (...). Aber um diesen Plan zu realisieren, müssen von irgendwoher noch 20-30 Prozent finanzieller materieller Mittel hinzugefügt werden. Man fragt sich, wo man diese Mittel hernehmen soll, womit haben die Genossen gerechnet, als sie einen solchen Plan aufstellten? Wir haben z.B. den Plan des Aufbaus des Kommunismus für 20 Jahre ausgearbeitet. Warum haben wir geglaubt, dass (...) eben diese Frist und nicht ein kürzerer Zeitraum erforderlich ist? Vielleicht haben wir im Vergleich zu anderen irgendetwas nicht verstanden, vielleicht können wir keine guten Pläne aufstellen? Oder vielleicht haben wir nicht den Wunsch, schneller zum Kommunismus zu gelangen? Selbstverständlich könnte das für 20 Jahre vorgesehene Programm in eine kürzeren Zeitspanne verwirklicht werden, aber dafür würden wir zusätzliche Trillionen Rubel benötigen, die wir nicht haben. Was wäre, wenn das ZK unserer Partei gesagt hätte: Da haben wir einen schönen Plan des kommunistischen Aufbaus aufgestellt. Wir bitten, ihn zu konsultieren. Und während der Konsultationen würde sich zeigen, dass wir, falls nicht irgendwer die fehlenden Trillionen zur Verfügung stellen könnte, das vorgesehene Programm nicht verwirklichen können, da es nicht mit unseren finanziellen und materiellen Möglichkeiten übereinstimmt, d.h., ganz einfach gesagt, unreal ist. Es ist klar, dass wir in einem solchen Falle die Tendenz gezeigt hätten, die Interessen unseres Staates über die gemeinsamen Interessen der sozialistischen Länder zu stellen. Natürlich hätte man uns selbstverständlich die Erfüllung unserer Bitte verweigert. Und das hätte nicht zu einem guten gegenseitigen Verständnis beigetragen.“ 4 Auch wenn dies gesagt wurde, „ohne ein Land zu nennen“, konnten hiermit vor allem die DDR, die VRB und RVR gemeint gewesen sein. Eine Abstimmung im RGW diente als Schutzmechanismus, um zu verhindern, dass „ein Land die schwerste Last schleppt“. Das
1 Letzteres z.B. von einem Moskauer Arbeiter. Zubok/ Pleshakov 1996, S. 262 f.
2 Rede des Genossen N.S. Chruschtschov auf der Beratung (...) Juni 1962, S. 51 f.; SAPMO BArch DY 30 3481.
3 Ahrens 2000, S. 124. Allerdings ist sowohl die genaue Datierung wie der Grad dieses Wandels noch nicht exakt bestimmt.
4 Ebenda, S. 61f.
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kollektive „Forum“ sollte mehr Gerechtigkeit schaffen und jeglichen Verdächtigungen vorbeugen. 1
Auf einem Höhepunkt der folgenden Debatten um die RGW-Entwicklung machte Chruschtschov das Motiv der Entlastung der sowjetischen Wirtschaft durch (geplante) Arbeitsteilung gegenüber den Partnern nochmals deutlich: „Wenn Sie aber individualistisch arbeiten, werden Sie höhere Kosten haben und auch höhere Preise. Wundern sie sich dann nicht, wenn wir billiger sind. Wir werden die Maschinen nicht kaufen, wenn sie zu teuer sind und Prämien und Geschenke werden wir auch nicht geben. Werden Sie aber einen anderen Dummkopf als uns finden? Bisher haben wir auch solche Erzeugnisse abgenommen, um den Ländern zu helfen.“ Dies richtete sich nicht nur auf die sich industrialisierenden Länder, sondern ganz direkt an die DDR. „Zum Beispiel sind die Deutschen schon jetzt nicht mehr weit voraus. Sie klopfen jetzt schon, wir sollen helfen. Die deutschen Genossen werden sich natürlich kaum im Wettbewerb mit Westdeutschland halten können, wenn wir ihnen (...keine) Hilfe geben.“ 2 Dies entsprach dem Inhalt der bilateralen Gespräche von Ulbricht und Chruschtschov, in denen der SED-Chef wieder einmal sowjetische Hilfe in Deutschland- und Wirtschaftspolitik einforderte. Chruschtschov verwies auf „neue Beziehungen in Planung“; man müsse aber „unsere und Eure Möglichkeiten“ prüfen. Gerade im Zusammenhang mit dem Lebensstandart in der DDR und dem entsprechenden Systemvergleich erwähnte Ulbricht „Rat und E.W.G.“. 3
Die Selbstentlastung der UdSSR und wirtschaftliche Förderung der DDR wie der anderen kleinen Partner schienen sich über den RGW am billigsten produzieren zu lassen. Dies war eingebettet in das grundlegende Schema der Systemauseinadersetzung, das durch die schärfere Wahrnehmung der westeuropäischen Integration eine entscheidende neue Facette erhalten hatte.
Bei der inhaltlichen Gestaltung handelte es sich aber nicht nur um die Aufnahme von DDR-Forderungen, um die bilaterale Ebene zu entlasten. Zumindest bei Gomulka, Shiwkov und Novotny war es Konsens, dass die Voraussetzungen für ein höheres Niveau der Zusammenarbeit geschaffen werden mussten. 4 Letztlich ging Chruschtschov aber über die Vorstellungen der Partner hinaus, auch wenn er seine Vorschläge von einer „gemeinsamen Plankommission“ als vor allem im Interesse der Partnerländer betrachtete. Mehrfach hob Chruschtschov die Perspektive hervor, einen „einheitlichen Wirtschaftsorganismus“ der sozialistischen Länder zu bilden, einen „einheitlichen Plan einer regulierten Wirtschaft“ oder eine „einheitliche Weltgenossenschaft“. Allerdings erschien dies als ein „langwieriger und komplizierter Prozess“, der „eine Anzahl aufeinaderfolgender Stadien durchläuft“. Wie auf dem XXII. Parteitag bot Chruschtschov eine Vision als Surrogat konkreter Politik. Zudem: Die neue Stufe der wirtschaftlichen Zusammenarbeit sollte trotz der Stärkung der Planelemente „gleichzeitig die Souveränität eines jeden sozialistischen Landes festigen und
1 Jetzt müsse jedes Land seinen angemessenen Beitrag zur Entwicklung aller Bruderländer und damit zur gemeinsamen Sache leisten. „Das möchte ich vor diesem hohen Forum unumwunden sagen. Denn es ist am besten, solche lebenswichtigen Fragen nicht auf zweiseitiger Grundlage zu lösen, sondern mit unserem gesamten Kollektiv. Damit wird jeglichen Missdeutungen und unerwünschten Erscheinungen vorgebeugt.“ Ebenda, S. 65.
2 Notizen über die Beratung beim Gen. Chruschtschov am 20.2.1963; SAPMO BArch DY 30 3420, Bl. 33.
3 (Handschriftliche Aufzeichnungen Ulbrichts über Gespräche mit Chruschtschov, wahrscheinlich Juni 1962); SAPMO Barch DY 30 3482, Bl. 44 ff., v.a. 50 f.
4 Shiwkov sprach davon, die multilaterale Zusammenarbeit auf höherem Niveau zu lösen und von multilateralen Bilanzen. Auch Novotny scheint eher konstruktiv gesprochen zu haben und sich für eine verstärkte Plankoordinierung ausgesprochen zu haben, ohne gravierende Neuerungen bei der Organisation vorgebracht zu haben. Handschriftliche Aufzeichnungen Ulbrichts; SAPMO BArch DY 30 3482, Bl. 25ff.
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zur Nivellierung der gemeinsamen Linie der ökonomischen Entwicklung“ beitragen. 1 Hier werden alle die Schlüsselsymbole jeglicher Couleur bedient.
Welche konkreten Angebote machte die sowjetische Seite. Deutlich war, dass Plankoordinierung nicht nur die Abstimmung bereits beschlossener nationaler Pläne bedeuten sollte oder - wie Chruschtschov es formulierte - der Wipfel ohne die Wurzeln. Bereits während der Planungsphase sollte ein „kollektiver Entwicklungsplan“ als „präziser Orientierungspunkt“ in der Entwicklung des SWS als Ganzem hergestellt werden. Dies korrespondierte mit den Vorstellungen Ulbrichts. Dabei klang an, dass nicht nur bereits bestätigte Pläne abgestimmt werden sollten, sondern „ein einheitlicher Plan der zum RGW gehörenden Länder nach den Hauptzweigen ausgearbeitet wird“. 2 Bemerkenswert ist, dass Chruschtschov - im Gegensatz zu den zitierten Ausführungen Gomulkas - auch das „gegenwärtige Statut“ als Hemmnis für die angestrebte Plankoordinierung bezeichnet; der RGW besitze nicht die notwendigen Rechte. 3 Nach diesen Andeutungen schwenkt Chruschtschov allerdings auf die Sachprobleme um. Man müsse sich über eine abgestimmte Politik auf dem Gebiet der Investitionen einigen. 4 Immerhin führte der Vergleich mit Westeuropa so weit, dass er mit dem Souveränitätsbegriff zu spielen begann. Man dürfe nicht fürchten, in einzelnen Fällen partielle Interessen dem Gesamtinteresse zu opfern. Wenn schon die kapitalistischen Länder Teilbeschränkungen ihrer Souveränität im Kampf gegen den Kommunismus in Kauf nähmen, so müssten die sozialistischen Länder, an deren Spitze Kommunisten-Internationalisten stehen, um so mehr stets vom gemeinsamen Interesse ausgehen. Allerdings sei er weit davon entfernt, die Einrichtung eines „Gemeinschaftskessels“, die vollständige und sofortige Verschmelzung der nationalen Produktivkräfte vorzuschlagen. Er sei fest davon überzeugt, dass man dahin kommen werde. Der Zwischenraum wird mit Appellen gefüllt, aber auch mit einem praktischen Gedanken. Die Verbindung von Einzel- und Gesamtinteresse müsse durch ein „System materieller Anreize“ hergestellt werden, durch eine Art wirtschaftlicher Rechnungsführung. Hier zeigt sich wiederum das bereits angesprochene Problem, eine Anreizkonstellation zu institutionalisieren, die eine angemessene Verteilung der Kooperationsgewinne bzw. eine Kompensation für Kooperationsverluste sicherstellen konnte.
Der RGW müsse wirklich zu einem autoritativen und wirksamen Organ werden. Deshalb unterstütze man die Vorschläge der VRP - so ein „mit großen Vollmachten ausgestattetes Exekutivkomitee“. Chruschtschov rückte am Ende seiner Ausführungen die Vision wirklich neuer Organe näher an die aktuellen Vorhaben heran und konkretisiert die nächsten Schritte etwas. Die Bildung eines obersten Organs des RGW auf Ebene der Partei- und Regierungschefs habe man zum Zeitpunkt des polnischen Vorschlages für „etwas verfrüht“ gehalten. „Aber das Leben selbst lehrt uns, dass wir in naher Zukunft auf diesen Vorschlag werden zurückkommen müssen.“ Die Frage der Bildung eines autoritativen Organs, das sich ständig mit der Koordinierung der wirtschaftlichen Entwicklung befasst, werde man vielleicht auf dieser Tagung noch nicht lösen. Aber man werde es früher oder später tun müssen. In diesem Organ müssten die fähigsten Ökonomen, Ingenieure und andere Spezialisten tätig sein. Andererseits müsse die Leitung dieses Organs aus den Partei- und Regierungschefs bestehen, welche die erforderlichen Vollmachten und Rechte besäßen. Dies sei notwendig, um in einer so wichtigen Sache einen grundlegenden Umschwung zu erreichen. Diese Gedanken knüpften an den ursprünglichen polnischen Vorschlag an und
1 Rede des Genossen N.S. Chruschtschov auf der Beratung (...) Juni 1962, S. 5 - 10; SAPMO BArch DY 30 3481.
2 Ulbricht notierte sogar nur „Einheitlichen Plan der Länder des RGW ausarbeiten“. Ebenda, Bl. 32. Rede des Genossen N.S. Chruschtschov auf der Beratung (...) Juni 1962, S. 20f.; SAPMO BArch DY 30 3481.
3 Ebenda, S. 18ff.
4 Ebenda, S. 51.
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erweiterten ihn, blieben aber in der konkreten Ausgestaltung wie im Zeithorizont vage. Chruschtschov gestand selber ein, dass man sich vorläufig zu diesem Problem und den Verfahren seiner Lösung erst vortaste. 1
Für die aktuelle Beratung hatte Chruschtschov somit den Willen zu einer wirklichen qualitativen Veränderung angezeigt, zugleich die Veränderungen aber auf eine unbestimmte Zukunft vertragt und somit die Brisanz aus den Debatten genommen. Die geplanten Beschlüsse konnten aber als erster Schritt zu weiteren Veränderungen gelten konnten als Verheißung oder als Drohung aufgefasst werden. Bis dahin jedenfalls hielt die rumänische Position Chruschtschov nicht von „RGW-Visionen“ ab.
Die Partner in DDR, VRP, CSSR und VRB trugen zumindest den Gedanken einer qualitativen Veränderung mit, auch wenn sie keineswegs so weit gehen wollten, wie es sich bei Chruschtschov andeutete. Auch die ungarische Führung stimmte der polnischen Analyse und dem Beschlussentwurf grundlegend zu. Der Stand der Zusammenarbeit und die Situation erforderten entscheidende Schritte. Die multilaterale Abstimmung der Perspektivpläne sei notwendig; der RGW müsse den dafür angemessenen Apparat erhalten. Die nationalen Methoden der Planung und Statistik müssten vereinheitlicht werden. Die Organe des RGW müssten die Analysen und Vorlagen für die Planabstimmung erarbeiten; sie müssten übergehen zur konkreten, entschiedenen und viel breiteren Entscheidung aktueller praktischer Fragen. In diesem Sinne sei man für die Verstärkung des RGW-Apparates und die Erhöhung seiner Autorität. Das Exekutivkomitee solle sofort seine Arbeit aufnehmen. Man sei auch für die jährliche Einberufung von Tagungen der Partei- und Regierungschefs; diese sollten aber nicht die Funktion eines „RGW-Rates“ übernehmen. Diese sollten die Hauptrichtungen festlegen, aber nicht im Rahmen des RGW selbst. Auch angesichts des staatlichen Charakters des RGW, der auch anderen Ländern offen stehe, sei eine Beteiligung der Parteichefs im Rahmen ihrer Parteifunktionen nicht zweckmäßig. Das EKO sollte als Führungsorgan wirken und die Plankoordinierung übernehmen. Die Schaffung einer speziellen Kommission auf diesem Gebiet würde allerdings die Rolle des EKO in dieser Frage einschränken und die Arbeit erschweren. Deshalb sei man gegen eine solche Kommission. Angesichts der neuen Anforderungen an den Apparat trete man für eine Stärkung des Sekretariats ein. Es sei zweckmäßig, den auf die verschiedenen Länder verteilten Apparat an einem Ort, unter einer Führung zu vereinigen. Dies erleichtere auch die Arbeit der Ständigen Kommissionen. Natürlich könne der zentrale Apparat auch die Funktion der Sekretariate der Ständigen Kommissionen übernehmen. (Ihre Sitzungen könnten die Ständigen Kommissionen zunächst weiter in den einzelnen Ländern durchführen.) Trotz der Verstärkung des Apparates sei es nicht notwendig, dass die Länder Ständige Vertreter im Range stellvertretender Minister in die Ständigen Kommissionen entsende. 2 Wie immer man diese Vorschläge bewertet, sie sind ein Zeichen für Möglichkeiten deutlicher Veränderungsvorschläge im Rahmen „grundlegender Übereinstimmung“. Wie viel offensiver konnte eine solche Methode dann von der rumänischen Seite genutzt werden.
Musste nicht die rumänische Seite an dieser Stelle grundsätzlich gegensteuern? Die Sprache des rumänischen Parteichefs war erstaunlich moderat. So stimmte Gheorgiuh-Dej grundlegend zu, dass eine Diskussion zur Vertiefung der Zusammenarbeit zeitgemäß sei, da man sich in der Phase der Ausarbeitung der Generalperspektive bis 1980 befinde. In diesem Zusammenhang müsse de Zusammenarbeit ein tieferer Inhalt gegeben werden und die
1 Rede des Genossen N.S. Chruschtschov auf der Beratung (...) Juni 1962, S. 66-68; SAPMO BArch DY 30 3481.
2 Text des Auftretens der ungarischen Delegation (russisch); SAPMO BArch DY 30 3482, Bl. 170ff.
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Richtung der Zusammenarbeit dahingehend bestimmt werden, dass man so gut und vollständig wie möglich alle Vorzüge des SWS ausnutze. In dieser Etappe sei es „absolut unabdingbar“, dass die zwei- und mehrseitige Zusammenarbeit verbessert, die Plankoordinierung vervollkommnet und die Spezialisierung vertieft werde. Zu diesem Zweck müsse die Arbeit des RGW verbessert werden. Ausführlich werden die zugrundelegenden Prinzipien gewürdigt, ohne jedoch „Gleichberechtigung und Unabhängigkeit“ zu stark hervorzuheben und ohne die Gesamtinteressen des sozialistischen Lagers zu unterschlagen. Das Gesetz der planmäßigen proportionalen Entwicklung wird erwähnt, ohne es aber ausschließlich auf die einzelnen Länder zu beziehen. Die Plankoordinierung und Produktionsspezialisierung sei eine Voraussetzung für die Angleichung der Entwicklungsniveaus. Auf den Prinzipien beruhe die „monolithische Einheit unseres Lagers“. Somit seien die „Grundprinzipien der sozialistischen Arbeitsteilung“ eine Basis und werden als „bedeutendes Dokument“ gewürdigt.
Zwar schätzte Dej die bisherige Entwicklung des RGW wie die Ergebnisse der Plankoordinierung positiver ein als die Partner. Allerdings erklärte er sich einverstanden mit der polnischen Kritik an den unbefriedigenden Resultaten und der mangelnden Effektivität einer Anzahl von Spezialisierungsempfehlungen. Die Ursachen dafür lägen einerseits daran, dass es keine einheitliche Auffassung dazu gäbe, was spezialisiert werden soll und auf welchem Wege dies realisiert werden soll, andererseits darin, dass das uneinheitliche Entwicklungsniveau manchmal zu unterschiedlichen Standpunkten im Herangehen an diese Probleme führe. 1 Damit war zwar der Finger auf die Wunde gelegt, ohne dass aber eine Heilung ausgeschlossen schien. Ausdrücklich erwähnt Dej, dass die Beschlüsse vom Januar und Mai 1956 (VII. Ratstagung) auf die Auslastung der Maschinenbauproduktion der Länder gerichtet gewesen sei, vor allem der CSR und DDR. Dies sei ein positives Resultat der RGW-Arbeit, habe aber die zukünftige Spezialisierung, die Rolle dieser Zweige in der wirtschaftlichen Entwicklung jedes Landes wie die Abstimmung bei Defizitwaren vernachlässigt. Die Spezialisierungsanteile der Länder seien auf der VII. Ratstagung bei Maschinen und Ausrüstungen sehr unterschiedlich bestimmt wurden (Den 73% der DDR und 60% der CSR stünden 9% der RVR und 6,5% der VRB gegenüber.) Daraus folgt aber keineswegs eine Ablehnung der Spezialisierung. Allerdings könne die Vermeidung von Parallelproduktion nicht das einzige Kriterium für die Spezialisierung sein. Es müsse verbunden werden mit den Bedürfnissen der weniger entwickelten Länder nach sozialistischer Industrialisierung, die bestimmte Proportionen zwischen den verschiedenen Zweigen erfordere, aber auch mit dem Ziel, eine hohe Effektivität und geringe Kosten der Produktion zu sichern wie ein Bilanzgleichgewicht im Außenhandel. Nur durch die Beachtung aller dieser Kriterien könne man den Parallelismus beseitigen. 2 Somit sollte die vorrangige Aufgabe des RGW darin bestehen, auf der Basis der „Grundprinzipien“ ein Programm praktischer Maßnahmen für die Spezialisierung auszuarbeiten, das zur Orientierung aller Arbeiten für die Plankoordinierung dienen sollte. Auf dem Gebiet des Maschinenbaus sei es notwendig, ein breites Perspektivprogramm auszuarbeiten - mit einer Berechnung der uneinheitlichen Lage der Länder - das ihre grundlegenden Interessen korrekt verbindet wie ihre Spezialisierungsziele; diese bestünden vor allem in der Erhöhung des technischen Niveaus. Damit solle auch die vollständigere Versorgung jedes Landes mit neuen Ausrüstungen, die Vergrößerung der Serienproduktion wie der Arbeitsproduktivität erreicht werden. Dabei sollten die modernsten Maschinen und Anlagen wie Defizitwaren im Vordergrund stehen. Dieser Aufgabe solle sich die Kommissionsarbeit vorrangig widmen. 3 Allerdings sei auch der weltweite Handel zu fördern, darunter auch mit der EWG, um den
1 Rede von Gheorgiu-Dej (russisch), S. 1-5; DY 30 3480, Bl. 260 ff.
2 Ebenda, S. 6-8.
3 Ebenda, S. 8-10.
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technischen Fortschritt zu fördern. Die polnischen Vorschläge zur Koordinierung der wissenschaftlich-technischen Arbeit wurden unterstützt. Ebenso wurde die Hauptaufgabe darin gesehen, die Perspektivpläne zu koordinieren, was auf der Basis der „Grundprinzipien“ geschehen solle. Ebenso wurden gemeinsame Investitionsprojekte befürwortet wie die Koordinierung von Projekten nach den Selbstkosten, aber auch nach anderen Kriterien. Dies bedeutete keineswegs eine Zurückstellung der rumänischen Industrialisierungsziele. 1 Im Rahmen der Plankoordinierung seien deshalb einige sehr schwierige Fragen zu lösen wie das Energiedefizit Rumäniens und Mängel an diversen Rohstoffen. Hauptkriterium bei den notwendigen Investitionen sei zweifellos die ökonomische Effektivität und Rentabilität. Sie könne aber nicht das einzige Kriterium sein, wenn die proportionale Entwicklung der Volkswirtschaft gesichert werden müsse. Dabei stützte sich die rumänische Führung dezidiert auf die Beschlüsse der Parteikonferenz vom November 1960 und die „Grundprinzipien“.
Insgesamt war dies keineswegs eine Blockadepolitik der rumänischen Seite. Man war zwar ein erhebliches Stück von dem ursprünglichen polnischen Konzept entfernt, versuchte aber durchaus eigene Vorschläge für eine Verbesserung der Ratsarbeit unter Berufung auf die „Grundprinzipien“. So stimmte Dej einer jährlichen Beratung der Partei- und Regierungschefs zu Fragen der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zu. Ebenso befürwortete er einer Aufwertung der Vertreterversammlung durch die Entsendung stellvertretender Ministerpräsidenten, ohne allerdings von einem „Exekutivkomitee“ zu sprechen. Diese „Vertreterversammlung“ sollte eine allgemeine Leitungs- und Kontrollfunktion im RGW ausüben, Direktiven für die Vertiefung der ökonomischen Zusammenarbeit und der Plankoordinierung herausgeben, die Erfüllung der Beschlüsse und Empfehlungen des RGW beobachten und die Arbeit der anderen Ratsorgane koordinieren. Zentral mussten die Aussagen zu den Kompetenzen der Delegierten und den Entscheidungskompetenzen sein: „In den Organen des RGW wird die Arbeit von Delegierten der Länder geführt, kompetenten und qualifizierten Mitarbeitern, die Standpunkte vertreten, die in jedem Land unter Beachtung aller relevanten Faktoren in Verbindung mit den führenden Partei- und Regierungsorganen ausgearbeitet werden.“ Hier zeigt sich, dass eine (formal) niedrige ex ante-Hierarchie bewahrt werden sollte: „Auf diese Weise präsentieren sich in den Empfehlungen und den letzten Endes angenommenen Beschlüssen auf der einen Seite das Resultat eines Meinungsaustausches der Länder, aber auf der anderen Seite eine einhellige Entscheidung, die den Interessen des ganzen Lagers wie jedes Landes entsprechen.“ Da diese Methode vollständig den Prinzipien entspreche, die der Zusammenarbeit zugrunde liegt, halte man es „für zweckmäßig, sie auch weiterhin als grundlegende Methode bei der Vorbereitung von Materialien im Rahmen des Rates anzuwenden, gleichzeitig unterstützt von den eigenen Organen des Rates“. 2 Dies war eine deutliche Absage an den Kerngedanken einer neugestalteten Planabstimmung im Wechselspiel zwischen Ratsorganen und Regierungsverhandlungen in den „Räumen“ des Rates. Zumindest eine Stärkung der ex post-Hierarchie ließ die Formulierung aber offen.
Diese Stelle war allerdings die einzige direkte Replik zu den weitergehenden Vorschlägen der polnischen Seite wie zu den Ankündigungen Chruschtschovs, dass man bei der Organisationsentwicklung eine neue Etappe erreicht habe. (Letztere kam möglicherweise überraschend, bedauerte der rumänische Parteichef doch, den Text nicht rechtzeitig erhalten zu haben.) Allerdings hebt er die Bedeutung der Chruschtschov-Rede hervor. Für eine
1 Diese Ziele der RVR wurden auf einem Parteitag festgelegt. Im Mittelpunkt stand der Aufbau der materielltechnischen Basis des Sozialismus bis 1965. Für die Verwirklichung dieses Ziels werde ein hohes Industrialisierungstempo unter vorrangiger Entwicklung der Schwerindustrie angestrebt. Bei der Produktion von Stahl oder Elektroenergie liege Rumänien noch weit hinter den anderen Ländern zurück: noch immer sei nur 13,6% der „produzierenden“ Bevölkerung in der Industrie, aber 75,8% in der Landwirtschaft beschäftigt. Deshalb sei die „sozialistische Industrialisierung“ der richtige Weg.
2 Rede Gheorghiu-Dej; Ebenda, S. 24.
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Stellungnahme müsse man aber erst das ZK informieren und konsultieren. 1 Hier deutet sich das Konfliktpotential der kommenden Zeit an, ohne dass darüber bereits „entschieden“ war. Rumänien bremste zwar und behielt sich nationale Entwicklungsansprüche vor, fügte sich aber noch in das Spektrum der „Grundprinzipien“ wie der „Beschlüsse“ der Konferenz. Die Mechanismen der Ebene 5 wirkten durchaus und etablierten eine Hierarchie, die Rumänien von einer Fundamentalopposition fernhielt; sie führte zu Zugeständnissen, Kompromissen, aber auch zu einer Kaschierung der tieferen Gegensätze in den „Beschlüssen“. Diese waren allerdings an vielen Stellen sehr allgemein gehalten. Eine wirkliche Diskussion gab es - wohl selbst in der Redaktionskommission - nicht. Der ursprünglich als Reserve vorgesehene „3. Tag“ wurde nicht genutzt. 2 Offiziell wurde der Beschluss dann zum Beschluss einerimaginären - XVI. Ratstagung gemacht.
Dies ermöglichte einen „Beschluss“, der stark hinter dem ursprünglichen polnischen Konzept zurückblieb und angesichts seiner vagen Formulierungen konsensfähig blieb. So wurde das Entwicklungsprinzip in den Beschluss aufgenommen, allerdings abgeschwächt als „schrittweise Verringerung der Unterschiede im Niveau, das zwischen den einzelnen Mitgliedsländern existiert“. 3 Über ernsthafte Kontroversen in der Redaktionskommission ist nichts bekannt. Der Beschluss bestätigte die Notwendigkeit „neuer Formen und Methoden der wirtschaftlichen Zusammenarbeit“ und bestimmte die Koordinierung der Perspektivpläne als „Hauptmethode“ der Arbeit. Im folgenden Jahr sollte der RGW auch mit der Koordinierung der wichtigsten Investitionsvorhaben beginnen. Der Rat sollte hierzu ein „System“ ausarbeiten, das optimale Ausmaße unter Berücksichtigung der Nachfrage der RGW-Länder ermöglicht. Andererseits konnte die Koordinierung der Investitionen auch durch einzelne Gruppen interessierter Länder durchgeführt werden. Als Grundlage sollten auch die Rohstoff- und Energiebasis koordiniert werden. Zweigvereinbarungen und gemeinsame Produktionsbetriebe waren vorgesehen wie gemeinsame wissenschaftliche Einrichtungen und Projektierungsbüros. „Die Erfüllung der in diesem Beschluss vorgesehenen Aufgaben erfordert die Vervollkommnung der Methoden und Formen der Arbeit der Organe des RGW sowie neue organisatorische Lösungen. Die Hebung und Verbesserung der Autorität, die grundsätzliche organisatorische Stärkung und Verbesserung ihrer Arbeitsmethoden sind eine notwendige Voraussetzung für die (...) Weiterentwicklung der engen wirtschaftlichen Zusammenarbeit der Mitgliedsländer des RGW.“ Der Beschluss, dazu eine jährliche Tagung der Partei- und Regierungschefs durchzuführen, wurde als Ergebnis der Spitzenkonferenz, aber nicht der Ratstagung deklariert. 4 Weiterhin sollte das ständig arbeitende Exekutivkomitee (aus der Vertreterversammlung) gebildet und mit den vorgeschlagenen Kompetenzen bei der Plankoordinierung, der Vorbereitung von Dokumenten wie der Kontrolle der Beschlüsse und Empfehlungen ausgestattet werden. Die Ländervertreter sollten mindestens alle zwei Monate tagen; ansonsten sollten ihre Stellvertretern mit einem kleinen Apparat als „ständige Vertretungen beim Rat“ fungieren. Neue Kommissionen für Forschung, Statistik und Standardisierung, aber auch ein „Büro des Exekutivkomitees für Gesamtfragen (oder „zusammenfassende Fragen“) der Wirtschaftspläne“ sollte eingerichtet werden, der Apparat des RGW (im Sekretariat)
1 Rede Gheorghiu-Dej; Ebenda, S. 22.
2 Obwohl das offizielle Protokoll von „Diskussionen“ zu den polnischen Vorschlägen sprach, meinte dies wohl nur die zitierten vorbereiteten Stellungnahmen der Parteichefs. Immerhin war die rumänische Seite in der Redaktionskommission mit 3 8statt 1-2) Mitgliedern überproportional vertreten. Protokoll der Beratung der Partei- und Regierungschefs des RGW, v. 6./7.6.1962 (russ.); SAPMO BArch DY 30 3482, Bl. 8ff. vgl. auch die Handschriftlichen Aufzeichnungen Ulbrichts; DY 30 3482, Bl. 16ff.
3 Beschluss der XVI. RGW-Ratstagung, S. 7; BArchB DC - 20/ 943 (Mfiche).
4 Ebenda; vgl. auch die folgende Anm.
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wesentlich verstärkt werden. 1 Die Planungssicherheit sollte auch durch eine höhere ex post Hierarchie sichergestellt werden. Dazu sollten Spezialisierungsempfehlungen mit „konkreten Fristen des Produktionsbeginns“ versehen werden und der Lieferumfang für mehrere Jahre festgelegt werden. Die Erfüllung sollte vom EKO kontrolliert werden. Es war gefordert, innerhalb von drei Monaten Lieferkontrakte abzuschließen. Die Disziplin bei der Realisierung langfristiger Handelsabkommen sollte durch mehrjährige Verträge gestärkt werden; Konventionalstrafen sollten angewandt werden. 2
Dies ging ein ganzes Stück über die rumänischen Vorstellungen hinaus, ohne aber von der rumänischen Delegation abgelehnt zu werden. Damit waren durchaus Schritte zu einem neuen Institutionalisierungsniveau getan, das auf der organisatorischen Fähigkeit des RGW selbst beruhen sollte. Zwei Linien waren nun entscheidend: die konkrete Ausgestaltung dieser Formulierung und die Diskussion um die „neue Etappe“ in der organisatorischen Entwicklung. Die entscheidenden Räume waren wiederum die „Öffentlichkeit“, die (neugeschaffenen) Ratsorgane wie die bilateralen Konsultationsformen. Denn es darf nicht übersehen werden, dass hierbei - ganz im Sinne der dargestellten Entlastungsbemühungen der sowjetischen Seite - an ein Mehrebenensystem der Koordinierung gedacht war. So wurde „als notwendig erachtet, besondere Aufmerksamkeit auf die Festigung der wirtschaftlichen Beziehungen der Mitgliedsländer des RGW und in erster Linie zwischen den europäischen volksdemokratischen Ländern und besonders zwischen denen, die unmittelbare Grenzen haben und eng mit Kommunikationen, mit einem energetischen Netz, durch die Nähe der Rohstoffquellen verbunden sind, und besonders günstige Bedingungen für die gemeinsame Lösung einer Reihe ökonomischer Probleme haben, zu richten.“ 3 Innovationen konnten also von ganz verschiedenen Ebenen ausgehen. Ein kurzes Fazit ist angebracht.
Mindestens drei widersprüchliche Trends bestimmten die Ergebnisse der Parteikonferenz und damit der gesamten Phase. Die „Integrationisten“ wie VRP, DDR und CSSR befürworten eine deutliche Stärkung des RGW, ohne aber wirklich supranationale Lösungen anzustreben. Initiativen gingen vor allem von Polen aus. Dabei wird allerdings ein Rückzug gegenüber dem Reformkonzept vom März 1962 deutlich. Dieser Rückzug wurde aber auch durch konkrete Position der SU bestimmt, die mäßigend wirkte; zugleich verstärkte sie aber in der weiteren Perspektive die „Visionen“. Eine gemeinsame Planung erschien als Ziel, wurde aber weder inhaltlich noch zeitlich klar fassbar. Die RVR verhielt sich zurückhaltend und , aber nicht grundsätzlich destruktiv. Sie stimmte dem erreichtem Stand der „Grundprinzipien“ zu, aber auch den Beschlüsse der Junikonferenz. Eine Institutionalisierung dieses Niveaus war damit nicht ausgeschlossen. Aber im gleichen Moment aufgeschreckt durch die Vorstöße Chruschtschovs
Wie kann die institutionelle Konfiguration dieser Phase umrissen werden? Reforminitiativen beginnen genau in der Phase, in der sich vehementer Zukunftsoptimismus mit realen Problemlagen überlagern, in ein Spannungsverhältnis treten. Dies spricht für eine Anreizkonstellation, die aufgrund der Mechanismen der Ebenen 2 und 3 im RGW eine Lösung sah. Dieser focal point wurde durch das „Vorbild“ wie die Konkurrenzsituation zur westlichen Integration auf den RGW gerichtet und verstärkt. Dies trifft vor allem für die
1 Zudem sollte entsprechend dem Entwurf das Vertreterprinzip auf der Ebene stellvertretender Minister auch in den Ständigen Kommissionen gelten. Beschluss der Beratung der Vertreter (...), 7.6.1962; SAPMO BArch DY 30 3482, Bl. 174 ff.
2 Beschluss der XVI. RGW-Ratstagung, S. 9 ff.; BarchB DC - 20/ 943 (Mfiche).
3 Beschluss der XVI. RGW-Ratstagung, S. 7; BarchB DC - 20/ 943 (Mfiche).
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Länder des „nördlichen Dreiecks“ zu, die hier am aktivsten waren, aber auch für die sowjetische Hegemonialmacht.
Die Bestimmung des angestrebten Hierarchieniveaus ist dabei zentral für das Verständnis der Reformansätze. Hier kann nur die Obergrenze bestimmt werden. Dabei dachte auch der weitgehende polnische Vorschlag nicht an eine zugewiesene und dann unhinterfragte Kompetenz des RGW, sondern an ein Verhandlungssystem, in dem die Angebotsfunktion des RGW verkoppelt mit den Ebenen 4 und 5 zu einer neuen Institutionalisierung führen sollten. Bestenfalls konnte Stufe 4 erreicht werden. Der zu erreichende Grad war damit von vielen Faktoren abhängig; in der Zukunft noch von den erreichten Wachstumserfolgen (Ebene 2)
Selbst die „Integrationisten“ wollten hier einen offenen Prozess mit eigenen exit-optionen, aber kein fest gefügtes Entscheidungssystem. Dies trifft viel mehr noch auf die sowjetische Seite zu, die zu Beginn an eine Plankoordination der Volksdemokratien dachte - wie bereits den 50er Jahren, ergänzt um bilaterale Verträge.
Aber die Anreizkonstellation der UdSSR war anders gelagert, widersprüchlicher und mit anderen Ebenen verbunden. Die Reduzierung eigener Belastungen, die Wahrung der Einheit des sozialistischen Lagers wie der Nachweis ihrer Führungsposition führte sie in unterschiedliche, möglicherweise unvereinbare Richtungen. Diese Verbindung mit anderen Ebenen, vor allem der Ebene 5 (symbolische Verteidigung der Führungsposition und der Einheit des Ostblocks) ließ die sowjetische Seite bei konkreten Ansätzen kompromissbereiter gegenüber den Bedenken der anderen Länder auftreten, zugleich aber weitergehend in ihren Visionen. Sie bremste zuglich die konkreten Reformschritte und präsentierte eine weitreichende „planwirtschaftliche“ Perspektive. Gerade diese Konstellation verhinderte eine Institutionalisierung einer neuen Organisations- und Funktionsstruktur des RGW oder ließ sie zumindest offen.
5.5 Die Ausgestaltung der Ergebnisse vom Juni 1962
5.5.1 Bilaterale Konsultationen
Bilaterale Kontakte gab es zweifellos bereits im Umfeld der Junikonferenz. Diese setzten sich fort. Aus der DDR-Delegation flog W. Stoph gemeinsam mit der polnischen Führung nach Warschau und führte noch während des Fluges Gespräche über die Zukunft der wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Gomulka drängte auf die Präzisierung eines Besuchstermins in der DDR und bekundete ausdrücklich seine deutschlandpolitische Unterstützung der DDR. Unabhängig davon kam ein deutliches Interesse an einer verstärkten wirtschaftlichen Zusammenarbeit zum Ausdruck. Gomulka und Cyrankiewicz betonten, dass „es notwendig und möglich sei, die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen unseren beiden Ländern auf der Grundlage der Moskauer Beschlüsse sehr bald weiter zu verstärken und viel enger als bisher zu gestalten“. Die konkrete Zusammenarbeit sollte aber nicht auf Ergebnisse im Rahmen des RGW warten, sondern bilateral (oder im „nördlichen Dreieck“) in Szene gesetzt werden. Die polnische Führung wiederholte bei verschiedenen Gelegenheiten, so bei einem Essen, das Cyrankiewicz unter Beteiligung zahlreicher Wirtschaftsfunktionäre für Stoph gab, ihren Willen zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Stoph führte dies auf Handelsprobleme mit dem Westen zurück, aber auch auf den ehrlichen Willen, auf diesem Wege die „Entwicklung der Produktivkräfte“ zu fördern. Er spürte eine offene und freundschaftliche Atmosphäre, die weit über das sonst übliche hinausging. 1 Bei den
1 Die polnische Seite zeigte ein deutliches Interesse an einer Arbeitsteilung mit DDR und CSSR. Dazu sollte der bilaterale Wirtschaftsausschuss aktiviert werden und eine gemeinsame Kommission einberufen werden, die vor dem Spitzentreffen konkrete Vereinbarungen ausarbeiten sollte. Die polnische Führung soll stoph mehrfach gebeten haben, „dem Genossen Ulbricht auszurichten, dass sie die Bereitschaft und den festen Willen haben, mit
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Beratungen der Partei- und Regierungsdelegationen im Oktober 1962 war die wirtschaftliche Zusammenarbeit tatsächlich das „zentrale Problem“, das „Grundproblem“. 1 „Die polnische Seite stellte in den Mittelpunkt der Verhandlungen die Bedeutung der weiteren ökonomischen Zusammenarbeit auf Grund der Beschlüsse der 16. Tagung des RGW und der III. Tagung des Deutsch-Polnischen Wirtschaftsausschusses. Genosse Gomulka und Szyr übten Kritik am bisherigen Stand der wirtschaftlichen Zusammenarbeit und bezeichneten sie als noch viel zu eng und begrenzt. Gleichzeitig betonten sie das große Interesse polnischerseits an der Erweiterung und dem Ausbau der wirtschaftlichen Zusammenarbeit vor allem durch Arbeitsteilung, Kooperation und Spezialisierung in wichtigen Industriezweigen.“ 2 Die konkreten Verhandlungen betrafen allerdings nur bilaterale Probleme und Projekte und blieben (abgesehen von bestehenden Spezialisierungsbeschlüssen und einem positiven Klimawandel durch die Beschlüsse vom Juni) ohne Bezug zum RGW und seiner organisatorischen Entwicklung. Die polnische Seite schlug eher eine „regionale wirtschaftliche Zusammenarbeit“ im „nördlichen Dreieck“ vor. Dies wurde als ein Konzept dargeboten, das mit der CSSR abgestimmt sei. 3
Diese Bemühungen legitimierte Gomulka (zurecht) mit den Beschlüssen der Junikonferenz. „Dort stand generell die Frage, die alle (Mitgliedsländer des RGW...) betrifft. Uns scheint, dass wir in diesem Rahmen, im Rahmen der Spezialisierung, der Kooperierung, der Zusammenarbeit (... im RGW) Kurs darauf nehmen müssen, dass die drei Nachbarländer (...) enger zusammenarbeiten sollten, als in diesem Beschluss allgemein festgelegt ist, dass wir weitergehen sollten in der Zusammenarbeit. Vielleicht ist es nicht exakt, zu sagen, dass wir weitergehen, aber wir sollten das schneller realisieren, was auf der Juni-Beratung festgelegt wurde. Unsere Volkswirtschaften ergänzen sich gegenseitig, sind in gewissem Sinne komplementär. Bei gutem Willen wäre es uns in kürzester zeit möglich, weitgehend die Wirtschaftsorganismen dieser drei Länder zu verbinden.“ Bemerkenswert erscheinen auch die Gründe, warum „das noch nicht so ist“. Es gäbe auch objektive Gründe, entscheidend sei aber die Einstellung der Wirtschaftsfunktionäre, aber auch der Leitungen von Partei- und Regierungen. 4
Nicht die Organisationsstruktur des RGW wird also angesprochen, sondern „subjektive“ Spannungen. Dies bezieht sich zwar auf die Initiativen im RGW, steht aber in gewissem Widerspruch zur polnischen Initiative vom Anfang des Jahres. Diese zwei- und dreiseitige Zusammenarbeit war ja unabhängig von den organisatorischen Reformvorschlägen des Frühjahrs. Sie zeigt erste Züge der Desillusionierung über die Möglichkeiten des RGW selbst, vor allem der Zusammenarbeit mit den weniger industrialisierten Ländern. „Die engere wirtschaftliche Unifizierung der Länder des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe ist das Problem einer weiteren Zukunft. Aber die (...) wirtschaftliche Verbindung dieser drei Nachbarländer kann viel früher erreicht werden. Das ist ein allgemeiner Gedanke, den ich hier vorbringen möchte. Bekanntlich braucht man dazu den guten Willen aller Seiten und weiter müsste das darin seinen Ausdruck finden, dass wir schnellstens zur Koordinierung der Investitionspläne übergehen. Wie wir wissen, werden auf den Sitzungen des
uns zu einer viel engeren (...) wirtschaftlichen Zusammenarbeit zu kommen und sie konsequent alle Hindernisse in ihrem Land (...) aus dem Wege räumen werden“. Auch an die Aufnahme gemeinsamer Produktionen war gedacht. Stoph für Genossen Walter Ulbricht zur persönlichen Information, 15.6.1962; SAPMO BArch DY 30 3652, Bl. 60ff.
1 Stenographische Niederschrift der Beratung (...) am 15.10.1962; PAAA MfAA d. DDR, C 162/72, Bl. 21.
2 Bericht über die Auswertung des Besuches der Partei- und Regierungsdelegation der VRP in der DDR; PAAA MfAA d. DDR, C 162/72, Bl. 6.
3 Ebenda, Bl. 8 u. 14.
4 Stenographische Niederschrift der Beratung (...) am 15.10.1962; PAAA MfAA d. DDR, C 162/72, Bl. 30f.
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Exekutivkomitees und auch den Ausschüssen des Rates (...) diese Fragen nicht so schnell gelöst, wie wir das wünschen und wie das den beiderseitigen Bedürfnissen entspricht.“ 1
Gomulka zielte dabei auch aus politischen Gründen auf eine starke wirtschaftliche Einbindung der DDR in den RGW als Reaktion auf die Westintegration der Bundesrepublik. Ihm gehe es darum, dass die DDR ihre Wirtschaft aufs engste mit den Nachbarstaaten verbindet. Es gebe keine stärkeren als die wirtschaftlichen Bande. Erste konkrete Beschlüsse sollten den Boden bereiten für eine schrittweise Vertiefung der Zusammenarbeit. Dabei diente die EWG für beide als konkrete Vergleichsfolie. „Wir möchten nicht weniger Internationalisten sein als die Monopole des Gemeinsamen Marktes.“ 2 In seiner Antwort bekräftigte Ulbricht die Bedeutung zwei- und mehrseitiger Abmachungen. Hier werde sich praktisch zeigen, „wie weit wir real im gegebenen Fall gehen können. Es geht hier nicht um ideologische Fragen, sondern es geht hier um die realen objektiven Möglichkeiten.“ Von der Vorstellung einer supranationalen Planungsbehörde war dies wiederum ein ganzes Stück entfernt. Die Realisierung der Beschlüsse sollte den beiden Regierungen „empfohlen“ werden. 3 Ulbricht sah seine RGW-Politik in einer grundsätzlichen Kontinuität mit früheren Vorschlägen. Die Realisierung dieser Ziele stand im Vordergrund, nicht die grundsätzlich neuen Formen. 4 Dabei versuchte Ulbricht sogleich wieder eine Sonderolle der DDR zu beanspruchen. Hier gehe es nicht um einen solchen Aufbau des Sozialismus wie in der CSSR, Polen oder Rumänien, sondern um eine „tiefgehende Veränderung des Produktionsprofils“. 5 War dies die Basis für einen bi- oder trilateralen Vorstoß?
Die bilaterale Besuchskultur beschränkte sich aber keineswegs auf das „nördliche Dreieck“. Bereits vom 18.-25.6.1962 weilte Chruschtschov in Rumänien, wo er versucht haben soll, seine Gastgeber von der RGW-Reform zu überzeugen. Aber auch ein „Privatbesuch“, der Gheorghiu-Dej und Maurer im August 1962 in die UdSSR führte, soll keine Einigung gebracht haben. 6 Das hohe Kontaktniveau ist erstaunlich. Es deutet darauf hin, dass die rumänische Führung ihre Auffassung durchsetzen wollte, aber einen grundlegenden Konflikt und gar eine Isolierung vermeiden wollte. Es spricht vieles dafür, dass diese Fragen hier zwar angedeutet, aber nicht offen ausgetragen oder diskutiert wurden. Chruschtschov selbst sprach im Februar 1963 von intensiven Kontakten mit den Führungen von VRP, CSSR und DDR, abgestuft auch mit Bulgarien. „In Gesprächen mit Genossen aus anderen Ländern haben wir auch diese Fragen berührt. Für ausführliche Besprechungen boten sich jedoch keine Gelegenheiten.“ 7 Die sowjetische Seite scheint äußerst zurückhaltend agiert zu haben. 8 Es ist bemerkenswert, dass gerade in dieser Phase (September 1962) der erste Besuch Ulbrichts in Rumänien auf die Tagesordnung kam. Musste dies nicht zu Spannungen zwischen den Antipoden der RGW-Entwicklung führen? Die Bestandsaufnahme der DDR-Seite war jedenfalls sehr skeptisch. Die RVR vertrete die Meinung, dass Spezialisierung und Kooperation zwischen unterschiedlich entwickelten Ländern zu Nachteilen für den
1 Stenographische Niederschrift (...), S. 13, Bl. 32.
2 Stenographische Niederschrift der Beratung (...) am 15.10.1962, S. 14, Bl. 33; Bl. 39f., 49f., 61f u. 67.
3 Stenographische Niederschrift der Beratung (...) am 15.10.1962, Bl. 35 u. 44 f.
4 „Wenn wir das gemacht hätten, was ich vor drei Jahren vorgeschlagen habe in bezug auf den RGW, wären wir alle weiter. Ich habe ganz präzise Vorschläge gemacht, wie man industriell zusammenarbeiten soll, wie man standardisieren und typisieren sollte. Die Lage war damals noch nicht reif. Wenn wir keine Rohstoffe haben, können wir nicht zusammenarbeiten.“ Stenographische Niederschrift (...), Bl. 69.
5 Stenographische Niederschrift der Beratung (...) am 15.10.1962, S. 17, Bl. 36.
6 Frickenhelm 1990, S. 253. Der rumänische Rundfunk behandelte ausführlich die Industrialisierung des Landes.
7 Notizen über Beratung beim Genossen Chruschtschov am 20.2.1963; SAPMO BArch DY 30 3420, Bl. 24.
8 Im MfAA der DDR konstatierte man, dass auf den Empfängen keine langen Reden gehalten wurden. Die Ausführungen der sowjetischen Seite enthielten im wesentlichen nur Begrüßungs- und Dankesworte. „Auf irgendwelche Probleme wurde dabei nicht eingegangen.“ Bock an Kluge v. 9.9.1962; PAAA, MfAA d. DDR, A 7354, Bl. 35 f.
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ökonomisch Schwächeren führt. Im Rahmen der Außenhandelsbeziehungen stelle sie Forderungen, von denen sie von vornherein wisse, dass die DDR diese nicht erfüllen könne. Man erwarte Hilfe von der DDR bei der Industrialisierung; die Unterstützung der DDR bei der Lösung ihrer ökonomischen Aufgaben bleibe dagegen „unberücksichtigt“. Der Warenaustausch sei rückläufig; bisherige Verhandlungen zu Spezialisierung und Kooperation seien alle gescheitert. 1 Zudem warnte man im MfAA der DDR vor „Problemen, die durch die XVI. Ratstagung und durch die Bildung seines Exekutivkomitees in den zwischenstaatlichen Beziehungen der sozialistischen Staaten neu auftauchen“. Diese müsse man berücksichtigen - „zumal bei den Besprechungen in Rumänien“. 2 Dennoch versuchte die DDR eine aktive Propagierung der RGW-Politik. 3
Die rumänische Seite nutzte den Besuch dagegen gezielt, um die DDR-Vertreter mit ihren Erfolgen beim wirtschaftlichen Aufbau vertraut zu machen und das „Überschreiten der vorgesehenen Planziele“ hervorzuheben. Der rumänische Parteichef zeigte auch während der Verhandlungen den Anspruch, dass die „fortgeschrittenen Länder in erster Linie dazu beitragen müssen, die RVR auf deren wirtschaftliches Niveau zu heben“. Andererseits empfand man es in der DDR als „sehr positiv und für die Zukunft bedeutungsvoll“, wenn der rumänische Parteichef hervorhob, dass die Zusammenarbeit beider Staaten in eine neue Etappe eingetreten sei. Allerdings wird einschränkend hinzugefügt: „Es gibt viele Möglichkeiten.“ Dej stimmte dem Vorschlag Ulbrichts zu, die zweiseitige Zusammenarbeit gemäß der Beschlüsse der 16. Ratstagung, also der Spitzenkonferenz vom Juni, zu entwickeln. Er verwies mehrfach auf die Bereitschaft zur Spezialisierung und Kooperationso im Werkzeugmaschinenbau - und betonte, dass man nicht die Absicht habe, jeden Industriezweig selbst zu entwickeln. Hier bleiben deutliche Vorbehalte (auf beiden Seiten) bestehen: „In der Feststellung, dass, wenn jeder stark ist, auch das Lager stark sein wird, liegt die Tendenz der Überbetonung der eigenen ökonomischen Entwicklung.“ 4 Die rumänische Wahrnehmung war hier wohl nicht viel anders. Es gab also ein institutionalistisches Problem. Mangelndes Vertrauen ließen die Ziele des Partners als Interessenpolitik erscheinen. Das Treffen verweist aber auch auf eine gewisse Wirkung der Symbole und Beschlüsse auf RGW-Ebene. In den Verhandlungen um das Kommuniqué zeigte sich, dass „in der Grundfrage der Erweiterung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit weitgehende Übereinstimmung“ bestand. 5 So war zur ökonomischen Zusammenarbeit von einer „Auflockerung auf diesem wichtigsten Gebiet“ die Rede. Es zeigen sich hier Ansätze zu einer gewissen organisatorischen Institutionalisierung der Wirtschaftsbeziehungen. Diese waren in einem - wenn auch selektiven - gegenseitigen Interesse an der Kooperation gekennzeichnet. Immerhin sollte ein gemeinsamer Wirtschaftsauschuss gebildet werden, auf rumänischen Wunsch sogar auf der Ebene stellvertretender Vorsitzender des Ministerrats. 6 Der rumänische Parteichef schlug nicht nur Kooperationsprojekte vor, sondern auch neue Formen: „Ich würde noch weiter gehen, Genosse Ulbricht. Für bestimmte Erzeugnisse sollten wir eine Art gemeinsames Büro einrichten.“ Diese sollten gemeinsame technologische Projekte
1 Exposé zu Fragen der ökonomischen Beziehungen DDR - RVR (September 1962); SAPMO BArch DY 30 J IV 2/2 A - 916, Bl. 22 ff.
2 Winzer an Ulbricht v. 24.7.1962; PAAA, MfAA d. DDR, A 3713, Bl. 97 f.
3 Nicht nur von Ulbricht wie in den Entwürfen der DDR Seite für die Abschlussdokumente wurde die Bedeutung der XVI. Ratstagung mehrfach angesprochen. An diesem Besuch nahm auch Bruno Leuschner, der designierte Vertreter der DDR im EKO, teil . In einem Toast hob dieser die „Vertiefung der ökonomischen Zusammenarbeit auf der Grundlage der Beschlüsse der XVI. Ratstagung“ hervor. PAAA, MfAA d. DDR, A 7525, Bl. 1 ff. u. 36 f.
4 Einschätzung des Besuches der Partei- und Regierungsdelegation der DDR (... v. 15.-19.9.1962), 2. Entwurf; PAAA, MfAA d. DDR, A 17103, Bl. 1 ff.
5 Einschätzung der Verhandlungen über das Kommuniqué, 24.11.1962; PAAA, MfAA d. DDR, A 17103, Bl. 144 ff.
6 Einschätzung des Besuchs der Partei- und Regierungsdelegation (...) v. 15.-19.9.1962, 3. Europäische Abtelung; PAAA, MfAA d. DDR, A 17103, Bl. 18 ff.
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ausarbeiten. Die Suche nach neuen Formen zeigt Spielraum für die Zusammenarbeit wie die Begrenzung. „Die Aufgabe steht für uns, die RVR auf das Niveau der entwickelten Länder zu heben. Das ist eine Aufgabe für alle sozialistischen Länder. Dabei sollten uns die industriell entwickelten sozialistischen Länder helfen. Wir sollten uns mehr zusammenschließen, dann werden wir stärker sein. (...) Wir sollten uns nicht Dinge vornehmen, die wir nicht durchführen können.“ 1
Diese Worte des rumänischen Parteichefs waren wohl auch nach Moskau gerichtet. Die sowjetische Seite beobachtete den Besuch genau und äußerte die Erwartung, dass er zu einer Vertiefung der ökonomischen Zusammenarbeit beitragen werde. Unter Bezugnahme auf die Junikonferenz wurde auf die Rentabilität des „gesamten Lagers“ wie notwendige Forschritte bei Spezialisierung und Kooperation verwiesen. 2
Die Ergebnisse in dieser Hinsicht blieben ambivalent: Einerseits sprach auch die rumänische Seite sich für eine verstärkte Kooperation und Arbeitsteilung, ja für eine „Vervollkommnung der internationalen sozialistischen Arbeitsteilung“ aus, die auch im „Sinne der letzten Beschlüsse des RGW“ realisiert werden sollte 3 ; andererseits zeigte sie eine deutliche Reserve gegen eine weitere Stärkung des RGW. 4 Die rumänische Politik dieser Phase bedeutete also keineswegs eine totale Blockade der wirtschaftlichen Zusammenarbeit im Rahmen der Junibeschlüsse. Es gab eine gewisse Bereitschaft für rumänische Seite, sich zu bewegen, aber Vorbehalte gegen zentrale Lösungen und die Betonung des RGW. Es musste somit klar sein, dass weitergehende Initiativen nur dann Sinn machten, wenn sie gegenüber Rumänien durchgesetzt werden konnten. Es bestätigt sich der Eindruck vom Juni 1962: Die sowjetische Ideologieinitiative drohte für den RGW kontraproduktiv zu werden. Ob sich die von Chruschtschov angekündigte „neue Etappe“ darauf beschränkte, oder reale Schritte in Richtung eines „gemeinsamen Wirtschaftsorganismus“ beschritten wurden, hing damit in hohem Maße davon ab, ob die sowjetische Seite bereit und in der Lage war, ihre angekündigte Führungsposition inhaltlich zu füllen. Sie hing aber auch davon ab, welche Hierarchie die UdSSR oder die Länder des RGW insgesamt produzieren konnten.
Der sowjetische Parteichef brachte seine „Visionen“ nach der Junikonferenz in der Folgezeit in die Öffentlichkeit. Dies war ein deutliches Zeichen dafür, dass es um den Nachweis der gestalterischen Kompetenz der UdSSR für den Ostblock insgesamt ging. Es hatte sich nur die Rollenverteilung mit der polnischen Seite geändert. Chruschtschov berichtete etwas später, dass er viel mit Gomulka über die Fragen gesprochen habe. „Genosse Gomulka ist ein heißer Anhänger der Spezialisierung und Kooperation und er drückt sehr in diesen Fragen. Er hat mir direkt gesagt: Nimm du doch die Sache in die Hand.“ 5
In Polen gab es sofort nach der Junikonferenz „breite organisatorische Umstellungen“, die zu einer deutlichen personellen Verstärkung der Bereiche führte, die sich mit der internationalen Zusammenarbeit beschäftigten. 6 Solche Reorganisationsmaßnahmen sollten in jedem Land
1 Ausführungen des Genossen Gheorghiu-Dej auf der 1. Beratung am 15.9.1962; PAAA, MfAA d. DDR, A 17103, Bl. 79 ff.
2 Vermerk über Gespräch mit d. Protokollattaché der sowjetischen Botschaft in Bukarest, Gen. Papkin v. 31.8.1962; PAAA, MfAA d. DDR A 3754, Bl. 93.
3 Hier stimmt nicht nur Gheorghiu-Dej den Ausführungen Ulbrichts zu; dies stand auch im rumänischen Kommuniquéentwurf, allerdings verkoppelt mit Beseitigung der Niveauunterschiede und der Entwicklung jedes einzelnen Landes. Vgl. Kommuniqué (rumänischer Entwurf); PAAA, MfAA d. DDR, A 17103, Bl. 61 f. Protokoll der Verhandlungen (...);PAAA, MfAA d. DDR, A 17103, Bl. 192.
4 Dies zeigte sich auch an der rumänischen Berichterstattung. Aus einer Rede Leuschners wurden u.a. die Passagen über die Notwendigkeit einer engen Zusammenarbeit im RGW gestrichen. Vgl. Bericht über die Berichterstattung in der rumänischen Presse v. 8.10.1962; PAAA, MfAA d. DDR, A 3713, Bl. 8 ff.
5 Notizen ü. die Beratung beim Genossen Chruschtschov am 20.2.1963; SAPMO BArch DY 30 3420, Bl. 24.
6 Die Plankommission wie die Ministerien erhielten eigene Abteilung, bei den Schlüsselministerien waren dies „stellvertretende Ministerbereiche“. Das Komitee für wirtschaftliche und wissenschaftlich-technische
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durchgeführt und darüber das Sekretariat des RGW informiert werden. 1 Wie stand es mit der geplanten organisatorischen „Aufrüstung“ der Ratsorgane?
5.5.2 Entwicklungen in den Ratsorganen
Die Kompetenzzuweisung an die neuen Ratsorgane gilt als konfliktreicher Vorgang, dessen Ergebnisse begrenzt blieben und die Spannungen verschärfte. 2 Immerhin stand eine Änderung des Ratsstatuts auf dem Programm, deren wesentliche Inhalte in der Bildung des Exekutivkomitees mit dem „Recht, Empfehlungen zu Fragen der wirtschaftlichen und wissenschaftlich-technischen Zusammenarbeit beschließen zu können“ wie in der „Erhöhung der Rechte des Sekretariats des RGW bezüglich der selbständigen Ausarbeitung von Materialien zur Behandlung in den Ratsorganen“ bestehen sollten. Diese Veränderungen wurden auf der 15. Tagung der Ländervertreter in Entwürfe gegossen und sollten bereits auf der 1. Sitzung des EKO Mitte Juli bestätigt werden. 3 Die Ratsorgane sollten Initiativrechte für die Tagesordnung der Ratstagungen und EKO-Sitzungen erhalten. Das Exekutivkomitee sollte aus eigener Kompetenz Empfehlungen und Beschlüsse erlassen können. Dabei sollten die alten Bestimmungen über Empfehlungen und Beschlüsse Geltung behalten wie das Interessiertheitsprinzip, d.h. dass Empfehlungen und Beschlüsse nur mit Zustimmung der interessierten Mitgliedsländer des Rates gefasst werden konnten. In der „vorläufigen Verfahrensregeln“ für das EKO war immerhin vorgesehen, dass Empfehlungen als „angenommen“ gelten sollten, wenn im Verlauf von 60 Tagen nach Unterzeichnung des Protokolls des EKO kein Mitgliedsland mitteilt, dass es diese nicht annimmt. Dies war durchaus eine gewisse Verschiebung der Pflichten; eine grundsätzliche Verlagerung von Kompetenzen war es aber nicht. Das Exekutivkomitee blieb grundsätzliche eine Vertreterversammlung, deren Aufgabenbereich sehr weit definiert worden war. 4 Dies zeigte sich auch an der Position der Ländervertreter im EKO. Der DDR-Delegierte sollte seine Tätigkeit neben den „nationalen“ Direktiven zwar auch an den Beschlüssen der Spitzenberatungen ausrichten. Maßgeblich blieb aber die Zielstellung, dass im EKO „die wirtschaftlichen und technisch-wissenschaftlichen Fragen, die sich aus den Volkswirtschaftsplänen und dem Perspektivplan der DDR ergeben, beraten und die von uns vorgeschlagene Linie gebilligt wird. Der Plan bis 1975 muss auch von der internationalen Seite her erarbeitet werden, d.h. die notwendigen Rohstofflieferungen und der Warenaustausch müssen gesichert sein.“ 5
Parallel zu den nationalen Bemühungen sollten auch die Ratsorgane eine neue organisatorische und personelle Qualität erreichen. Die Änderungen im Statut und die Verfahrensregeln für das EKO beinhalten recht detaillierte formale Regeln; der Charakter des EKO als „Hauptausführungsorgan des Rates“ war deutlich. Allerdings war die wirkliche Bedeutung der zahlreichen organisatorischen, analytischen, kontrollierenden Kompetenzen des EKO unklar. „Das Exekutivkomitee hat im Rahmen seiner Zuständigkeit das Recht, Empfehlungen und Beschlüsse gemäß vorliegendem Statut anzunehmen. Das Exekutivkomitee kann Vorschläge zur Behandlung auf der Ratstagung unterbreiten.“ Dieses Initiativrecht, die Leitung der Plankoordinierung wie die Behandlung von Vorschlägen der
Zusammenarbeit mit dem Ausland sollte von 35 auf 63 Mitarbeiter verstärkt werden. Einschätzung über die Politik der PVAP; Warschau, 5.9.1962; SAPMO BArch Dy 30 2/20 - 179, Bl. 38.
1 Beschlussentwurf Leuschners v. 30.6.1962; SAPMO BArch DY 30 J IV 2/2A - 907, Bl. 202.
2 Ribi 1970, S. 264 ff.
3 Direktive für das Auftreten des Vertreters der DDR im Exekutivkomitee des RGW; SAPMO BArch DY 30 J IV 2/2A - 907, Bl. 203ff.
4 Vorschläge für die Änderung des Statuts des RGW (Anlage der 15. Tagung der Vertreter der Länder im Rat); Vorläufige Verfahrensregeln des EKO (...); ebenda, Bl. 210ff, v.a. Bl. 229.
5 Beschluss des PB über die einheitliche Leitung der internationalen wirtschaftlichen (...) Zusammenarbeit in der DDR (Entwurf); SAPMO BArch DY 30 J IV 2/2A - 908, Bl. 210f.
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Länder und der Ratsorgane zeigt formal viele Möglichkeiten des EKO. 1 Dies konnte die Angebotsfunktion des RGW stärken. Die Durchsetzungsfähigkeit gegenüber den tradierten Länderkompetenzen musste aber von der gesamten institutionellen Konfiguration abhängen.
Tatsächlich scheint die Arbeit des EKO kurzzeitig von einer Art Aufbruchsstimmung erfüllt gewesen zu sein. Trotz eines „Hang(s) zum Alten“, zur „formalen, routinemäßigen Arbeitsweise“ der Organe wurde ein „neuer Geist in der Arbeit des Rates“ konstatiert, der „gekennzeichnet ist durch einen Drang nach vorwärts, zum Konkreten, zum Entscheiden, gegen alles Verschieben und allgemeine Theoretisieren“. Die I. Tagung hatte einen echten Arbeitscharakter. Das Arbeitsklima nahm eine interessante Wendung: „In den wichtigsten Punkten gab es einen echten Meinungsstreit in Rede und Gegenrede. (...) Es wurde in einigen Punkten hart auf hart diskutieret. Dadurch wurde es den Arbeitsgruppen (Redaktionskommissionen) erleichtert, den wirklichen Kern der Vorschläge eines Landes zu erfassen und klare - nicht verschwommene - Vorschläge zu machen. D.h. es wurde ihnen eine wirkliche Linie für die Arbeit gegeben. Die Diplomatie hat aufgehört.“ Allerdings gab es in den vom Sekretariat vorgelegten Materialien über seine Struktur und Arbeitsweise eine „gewisse Unterschätzung der Hauptmethode der Arbeit des Rates, nämlich der Koordinierungstätigkeit“. Dagegen sei der DDR-Delegierte mit Unterstützung der polnischen und sowjetischen Vertreter vorgegangen. „Diese Frage dürfte jetzt restlos klar sein. D.h. in der Beratung musste erst richtig herausgearbeitet werden, warum die Abteilung Gesamtvolkswirtschaftliche Koordinierung und Bilanzierung die entscheidende sein wird, dass sich dort alle wichtigen ökonomischen und politischen Fragen konzentrieren werden, (und) dass diese Abteilungen das unmittelbare Instrument“ des EKO sein würden. Die Abwehrhaltung der rumänischen Vertreter war latent und wurde als störend empfunden, ohne aber als fundamentales Hindernis wahrgenommen zu werden. DDR-Vertreter Leuschner musste „darüber informieren, dass das Auftreten der rumänischen Genossen in einigen Fragen, besonders in den Arbeitsgruppen, darauf schließen lässt, dass es bei ihnen gewisse ungesunde Tendenzen gibt, ihre nationalen Interessen über das (erträgliche) Maß hinaus in den Vordergrund zu stellen. Das zeigt sich z.B. in den Diskussionen zu Verfahrensregeln und insbesondere bei den Vorschlägen zur Besetzung leitender Funktionen im Sekretariat. Ich möchte sagen, es ist so eine Art Souveränitätsfimmel, als ob sie immer Angst haben, dass ihre Interessen verletzt, dass sie übergangen werden.“ In diesem Sinne setzte die RVR auch ihren Kandidaten für den Stellvertreter des Sekretärs durch. Die Gesamteinschätzung blieb dennoch positiv: „Die neuen Aufgaben des Rates, die in den Beschlüssen der Parteiberatung fixiert sind, werden von allen sozialistischen Ländern außerordentlich ernst genommen. Bei allen gibt es eine große Bereitschaft und den Willen, auf dem vorgezeichneten Weg schnell vorwärts zu kommen. Das gilt im allgemeinen, besonders aber für die Sowjetunion und die VR Polen.“ 2
Von großer Bedeutung konnte die 2. Sitzung des EKO (25.-28.9.1962) werden, da hier die „weitere Ordnung und die Termine“ für die Plankoordinierung festgelegt werden sollten. Im Vorfeld soll eine Tagung von Wirtschaftsexperten in Moskau keine Übereinstimmung erzielt haben. 3 Andererseits soll hier das Planungsbüro als Keimzelle einer supranationalen Behörde konzipiert worden sein. 4 Dies ist zweifellos übertrieben. Zumindest wurde hier eine Verfahrensordnung für die Plankoordinierung verabschiedet; daran lässt sich rekonstruieren, welche Funktion den neuen Ratsorganen zugedacht war. Dabei ging es um die Koordinierung
1 Protokoll der Sitzung des EKO v. 10.-12.7.1962; Anlage 2 (Änderungen zum Statut), Anlage 4 (Verfahrensregeln des EKO) BArchB DC-20 11438.
2 Bericht des Genossen Leuschner am 17.7.1962 im PB über die 1. Tagung des EKO; SAPMO BArch DY 30 3417, Bl. 1ff. Protokoll der 1. Sitzung des EKO v. 10.-12.7.1962; BArchB DC-20 11438
3 Diese vom 27.8.-3.9.1962. Frickenhelm 1990.
4 Uschakow 1962.
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der Perspektivpläne bis 1980, der wichtigsten Investitionsvorhaben für 1964/65 und die nachfolgende Periode, aber auch um die Plankoordinierung für den Zeitraum 1966 bis 1970. Letzteres zeigt nicht nur den Versuch, engere Zeiträume als die „Generalperspektive“ abzustimmen; es zeigt auch ein kompliziertes Mehrebenensystem der Abstimmung. Dieses wurde vom Büro des EKO für zusammenfassende Fragen der Wirtschaftspläne ausgearbeitet und vom EKO beschlossen. Das Sekretariat sollte nun ein - vom EKO zu bestätigendes -Verzeichnis der wichtigsten Kennziffern und Erzeugnisarten entwerfen, zu denen die Mitgliedsländer Materialien ausarbeiten sollten. Der eigentliche Beginn der Koordinierung sollten aber bilaterale Konsultationen über die „wichtigsten Wirtschaftsbeziehungen“ für den genannten Zeitraum darstellen. Im Oktober 1963 - also nach gut einem Jahr - sollten die Länder dann sowohl dem Sekretariat als auch den Ständigen Kommissionen ihre „Erwägungen über die Entwicklung der wichtigsten Zweige der Volkswirtschaft für 1966 -1970 (untergliedert nach Jahren)“ vorlegen und dabei die Ergebnisse der zweiseitigen Konsultationen berücksichtigen. Auf dieser Basis hatten die Ständigen Kommissionen „Arbeiten zur Koordinierung“ der Pläne der Entwicklung der entsprechenden Zweige durchzuführen. Dabei sollten die „perspektivischen Kennziffern, die für die Generalperspektive abgestimmt wurden, berücksichtigt werden. Es ging vor allem darum, die Fragen herauszustellen, die „eine Lösung auf mehrseitiger Grundlage erfordern“. Zu diesen Fragen sollten Empfehlungen für die Länder ausgearbeitet werden; „notwendigenfalls“ sollten die ständigen Kommissionen dem EKO einzelne Probleme „zur Behandlung“ vorlegen. Als folgender Schritt war vorgesehen, dass die Länder die Empfehlungen der Ständigen Kommissionen behandeln und diesen wie dem Sekretariat „zusätzliche ihre Erwägungen (... sowie) präzisierte Angaben“ mitteilen. Dann sollten in den Ständigen Kommissionen „Berichte zur Koordinierung der Pläne“ 1 ausgearbeitet und dem Sekretariat vorgelegt werden (Mai 1964) Diese sollten die Probleme enthalten, die eine Behandlung auf mehrseitiger Grundlage erforderten. Dies war allerdings nur die eine Schiene der Koordinierung.
Das Sekretariat hatte die Aufgabe - ohne die Materialien der Ständigen Kommissionen abzuwarten - die Erwägungen der Länder zusammenfassen „unter Klärung der Probleme, die einer dringenden Behandlung bedürfen“ und nach einer Behandlung derselben im Büro des EKO 2 dem EKO diese Probleme zu berichten.
Diese Aktivitäten sollten in einem zusammenfassenden Bericht des Sekretariats über die Plankoordinierung 1966 - 1970 zusammenlaufen, der die Materialien der SK, eigene Ausarbeitungen und zusätzliche Materialien der Länder verarbeiten sollte. Es war geplant, diesen Bericht im September 1964 dem Büro des EKO für zusammenfassende Fragen der Wirtschaftspläne vorzulegen und einen Monat später dem EKO. Im November 1964 sollte er bereits „zur Behandlung“ an die Ratstagung gehen. Nach der Annahme des Berichts durch die Ratstagung sollte der „Prozess“ der Plankoordinierung im ersten Halbjahr 1965 durch langfristige Handels- u.a. Wirtschaftsabkommen für 1966-1970 abgeschlossen werden. Das Sekretariat musste dem EKO über den Verlauf der Plankoordinierung in den Mitgliedsländern wie in den Ratsorganen Bericht erstatten. 3
Welche Rolle die Ratsorgane in diesem Prozess spielen konnten, war damit aber keineswegs ausgemacht. Die Koordinierung der Generalperspektive sollte nach einem ähnlichen Schema erfolgen, dabei etwa ein halbes Jahr eher beginnen; der Ablauf war aber nur bis zu „Erwägungen zur Koordinierung der Pläne“ durch das Sekretariat geplant, die im November
1 Es war von „Plänen der Entwicklung der entsprechenden Zweige der Volkswirtschaft der Mitgliedsländer“ die Rede.
2 Dabei ist nicht klar, ob es sich um das Büro für die Plankoordinierung handelte, das ansonsten immer präzise bezeichnet wurde.
3 Protokoll der 2. Sitzung des EKO v. 25.9. - 28.9.1962; BArchB DC-20 11438 (Mfiche), Bl. 12 ff.
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1963 vorzulegen waren. 1 Ein ähnlicher Ablauf wurde von sowjetischer Seite in die Öffentlichkeit gebracht, allerdings erst im Dezember - und als „Vorschlag“. 2
Eine Übersicht dieses Ablaufes zeigt die ungebrochene Schlüsselfunktion der Länder.
Eine formale Verbindung dieser Fragen wie der Ratsarbeit insgesamt mit den Konferenzen der Partei- und Regierungschef war hier nicht mehr geplant; mit der Revision des Status war diese endgültig vom Tisch. 3 Die Ratstagung bestätigte nur die Ergebnisse in einem formalen Rahmen. Für die konfliktreiche Vorbereitung war sie ohne unmittelbare Funktion. Innerhalb der Ratsorgane war somit das EKO für die zentralen Probleme und Entscheidungen von großer Bedeutung. Dies bedeutete aber vor allem den Ausgleich nationaler Standpunkte (mittels der Mechanismen der Ebenen 4 u. 5 oder 1?). Die praktische Abstimmungsarbeit sollte zum erheblichen Teil in den ständigen Kommissionen liegen, der organisatorische Schwerpunkt aber beim Sekretariat. Dem Büro des EKO für die Plankoordinierung scheint kaum mehr als eine vorbereitende Funktion für die Sitzungen des EKO zugedacht worden zu sein. Auch wenn es in der Perspektivplanabstimmung Vorschläge für die Energie- und Brennstoffbilanzierung der Volksdemokratien ausarbeiten sollte 4 waren kaum zentrale organisatorische wie konzeptionelle Kompetenzen erkennbar. Der „zusammenfassende Bericht“ sollte vom Sekretariat ausgearbeitet werden; dem „Büro“ blieben nur wenige
1 Protokoll der 2. Sitzung des EKO v. 25.9. - 28.9.1962; BArchB DC-20 11438 (Mfiche), Bl. 9 ff.
2 So von B. Miroschnischenko in: Fragen der Ökonomie, 12 (1962), S. 25-37; vgl. Die Haltung der Sowjetunion zu den RGW-Problemen (Information der 1. Europäischen Abteilung des MfAA) v. 19.6.1963 (bzw. 22.7.1963), S. 7; SAPMO BArch DY 30 IV A 2/20 - 157 (bzw. 158).
3 Vgl. zu den Veränderungen des Statuts das Protokoll der 17. RT; BArchB DC-20 944 (Mfiche).
4 Protokoll der 2. Sitzung des EKO v. 25.9. - 28.9.1962; BArchB DC-20 11438 (Mfiche), Bl. 10.
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Wochen zur „Behandlung“. Die organisatorische Schlüsselfunktion kam ohne Zweifel dem Sekretariat zu, das zu einem „wirksamen ökonomischen Instrument des Exekutivkomitees“ entwickelt werden sollte. Dazu sollten eine Reihe „zusammenfassender Abteilungen“ geschaffen werden. Die Anzahl der Spezialisten im zentralen Apparat des Sekretariats sollte sich von 47 auf 144 erhöhen. Einschließlich der Sekretariate der Ständigen Kommissionen sollte sich die Zahl der Spezialisten von 164 auf etwa 400 im Jahre 1963 erhöhen; als Gesamtzahl der Mitarbeiter wurde 630 anvisiert, im Februar 1963 bereits 700. Besonders interessant war die „Abteilung für gesamtökonomische Arbeiten“, die zugleich die Funktion eines Apparats des „Büros des EKO für Gesamtfragen der Wirtschaftspläne“ erfüllen sollte. Diese Abteilung sollte die Materialien zur Koordinierung der Volkswirtschaftspläne und zur Analyse der Entwicklung der RGW-Länder wie ihrer ökonomischen Beziehungen für das EKO vorbereiten. Diese Abteilung sollte u.a. über eine „Gruppe Investitionen“ (14 Mitarbeiter), eine „Gruppe Produktionspläne und Materialbilanzen“ (22 Mitarbeiter) und eine „Gruppe Koordinierung der Pläne“ (26 Mitarbeiter) verfügen, welche die Materialien der Länder und der Ständigen Kommissionen zusammenfassen und analysieren sollte und zusammengefasste Dokumente und Vorschläge zur Koordinierung der Perspektivplanung ausarbeiten sollte. Insgesamt sollte diese Abteilung über 81 Mitarbeiter verfügen. Für die Systematisierung der Kontrolltätigkeit sollte ein „Büro Erfassung der Erfüllung der Empfehlungen“ mit allerdings nur 7 Mitarbeitern gebildet werden. 1 Damit wird die zitierte Einschätzung Leuschners bestätigt, dass die „Abteilung Gesamtvolkswirtschaftliche Koordinierung und Bilanzierung die entscheidende sein“ sollte. Zudem erhielt das Sekretariat gewisse Initiativrechte für die allgemeine Ratsarbeit und Kompetenzen für die Vorbereitung mehrseitiger Abkommen. 2 Dies waren sicherlich Elemente einer organisatorischen Stärkung; als Grundsteine einer zukünftigen Planungsbehörde kann man sie kaum bezeichnen.
Wie kann dieser Mechanismus eingeschätzt werden? Der Koordinierungsrahmen war in doppelter Hinsicht beschränkt: auf zentrale Bereiche und „Probleme, die Behandlung auf mehrseitiger Grundlage erfordern“. Damit konnten abgestimmte Inseln in einem Meer sonstiger Wirtschaftsbeziehungen entstehen.
Zudem mussten in diesem vielschichtigen Verfahren - nicht nur wenn man bedenkt, dass die Koordinierung der Generalperspektive wie der wichtigsten Investitionsvorhaben zusätzlich abgestimmt werden sollten - die Verhandlungskosten eine enorme Höhe erreichen. Die Länder besaßen vielfache Einflussmöglichkeiten. Gegen ihren Willen war kaum etwas durchzusetzen. Konflikte konnten in den SK und vor allem im EKO (mit Hilfe der Mechanismen der Ebene 4) überwunden werden. Selbst wenn dies gelang, blieben angesichts der vielen Variablen und des langen Zeithorizonts gravierende Unsicherheitsfaktoren. Planungssicherheit und Vertrauen waren hiermit schwer zu erzielen. Bedenkt man die Unsicherheiten bereits beim Abschluss simpler bilateraler Handels-und
Spezialisierungsabkommen, war auf diese Weise ein lockerer Koordinationsmechanismus zu erreichen, der Informationen und Möglichkeiten lieferte, kaum aber etwas wie ein abgestimmter Plan. Zudem waren die Schulden, die bei der Ausarbeitung der Grundprinzipien aufgelaufen waren, nicht bezahlt, die methodischen Voraussetzungen selbst
1 Erläuterungen zum Entwurf des Struktur- und Stellenplans des Sekretariats des Rates für 1962-1963; SAPMO BArch DY 30 J IV 2/2 (A) - 908, Bl. 231ff. Protokoll der 3. Sitzung des EKO v. 16.-20.12.1962; BArchB DC-20 11438 (Mfiche), Bl. 44 f. Protokoll der 2. Sitzung des EKO v. 25.9. - 28.9.1962, Anlage 20; BArchB DC-20 11438 (Mfiche), Bl. 69 ff. vgl. auch SAPMO BArch DY 30 A 2/2.021.
2 In Artikel IX, Punkt 2 heißt es: „(...) c) bereitet Vorschläge zu einzelnen Fragen der Ratsarbeit für die Behandlung derselben in den entsprechenden Organen des Rates vor; d) arbeitet gemeinsam mit den Ständigen Kommissionen des Rates Entwürfe für mehrseitige Abkommen zu Fragen der wirtschaftlichen und wissenschaftlich-technischen Zusammenarbeit entsprechend den Empfehlungen und Beschlüssen der Organe des Rates aus“. Die Veränderungen im Statut im Protokoll der 17. RT; BarchB DC - 20 944 (Mfiche); Damus 1979, S. 271.
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in der Statistik fehlten. Spätestens beim Abschluss der langfristigen Handelsabkommen würde das typische außenwirtschaftliche Planungsdilemma 1 die Konstruktion ins Wanken bringen. Ein „Sinn“ dieser Koordinierung konnte nur bei vielen Planungsrunden und erkennbaren Erfolgen in längerer Perspektive erzielt werden. Konzipiert war dies jedoch zunächst als Mechanismus für eine „einmalige“ Aufgabe, die Abstimmung der Pläne bis 1980. Die geringe Frequenz solcher Abstimmungszyklen musste dazu führen, dass die notwendigen institutionalistischen Voraussetzungen nicht im Rahmen der Plankoordinierung selbst geschaffen werden konnten.
Dennoch folgte eine Phase umfassender Aktivität. Einerseits waren die Vorstellungen, wie eine Plankoordinierung auf neuer Stufe oder gar eine „gemeinsame Planung“ zu realisieren sei, wenig konkret, andererseits wurde hier zunächst eine rasche Entwicklung erwartet. DDR-Spezialisten nahmen die „zunehmende Plankoordinierung einschließlich der Investitionsvorhaben“ durchaus ernst. 2 Mitte November fasste die Abteilung Außenhandel der SPK die Erfahrungen der internationalen Zusammenarbeit zusammen: „Es zeigt sich immer deutlicher, dass eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine wirksame internationale wirtschaftliche Zusammenarbeit eine Gesamtkonzeption des Rates ist. Diese darf keine Aneinanderreihung der einzelnen Interessen der Mitgliedsstaaten sein, sondern müsste ausgehend von den Gesamtinteressen des Rates die Hauptrichtung und Schwerpunkt der ökonomischen Entwicklung der Mitgliedsstaaten in den einzelnen Industriezweigen festlegen. Diese Konzeption müsste vom Rat selbst erarbeitet und von ihm für alle Mitgliedsstaaten verbindlich beschlossen und von den Mitgliedsstaaten ebenso verbindlich anerkannt werden. Ausgehend von einer solchen Konzeption erarbeiten die einzelnen Mitgliedsstaaten des Rates ihre Perspektiv- und Jahrespläne für die Entwicklung der Volkswirtschaften und gleichzeitig komplexe und detaillierte Pläne für die internationale Zusammenarbeit mit den Mitgliedsstaaten. Diese Pläne der internationalen Zusammenarbeit müssten vor allen Dingen gewährleisten, dass sie wirksam zur Lösung der Hauptaufgaben des Rates insgesamt und der Schwerpunkte der einzelnen sozialistischen Staaten beitragen.“ 3 Dies hätte eine deutliche Hierarchie zugunsten der Ratsorgane bedeutet (etwa Stufe 4); es hätte zumindest erfordert, die Funktionen des EKO in der Plankoordinierung optimal auszunutzen, zu akzeptieren und weiterzuentwickeln. In diesem Spannungsfeld zwischen Staaten und Rat konnte der Abstimmungsmechanismus gefangen bleiben, aber auch ein vorläufiges Gleichgewicht finden.
5.6 Erneute Initiativen und rumänische Reaktionen
5.6.1 Die Initiativen
Obwohl damit die Koordinierung für die folgenden Jahre einen konkreten Rahmen bekommen hatte, wurden in der Öffentlichkeit die sowjetischen Vorstöße fortgesetzt. Dies folgte auch einer inneren Logik des sowjetischen Systems. Wenn auf dem XXII. Parteitag die Zielstellung eines einheitlichen Wirtschaftsorganismus der RGW-Staaten in das Parteiprogramm der KPdSU (Oktober 1961) aufgenommen worden war und das offizielle
1 Der Außenhandel stellte eine Voraussetzung für eine exakte Planung dar, war aber von den Plankommissionen nicht ausreichend zu kontrollieren. Der Primat des Binnenbedarfs führte wiederum für die Partner zu Planungsunsicherheit, die wiederum auf die eigenen Planungsprämissen zurückwirkte.
2 Wunderlich empfahl aus diesem Grund, Untersuchungen zu den Formen und Methoden für die “systematische Organisation und Erweiterung der Kooperationsbeziehungen” durchzuführen. Wunderlich an Leuschner v. 6.10.1962; BArchB DE-1 21958, o.Bl.
3 Bemerkungen zur Arbeit der DDR bei der Durchführung der internationalen ökonomischen Zusammenarbeit, Abt. Außenhandel der SPK v. 15.11.1962; BArchB DE-1 21958, o.Bl.
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Referat Chruschtschovs auf der Junikonferenz 1962 im August/ September 1962 in ideologischen Zentralorganen der UdSSR wie des Ostblocks als Aufsatz erschien 1 , bedeutete dies eine hohe symbolische Weihe solcher Gedanken. Das Thema musste nun eine publizistische Behandlung erfahren. Immerhin ging dies im August 1962 bereits bis zu der Forderung, für die Periode 1970 bis 1980 einen einheitlichen Volkswirtschaftsplan für alle RGW-Staaten zu erarbeiten. 2 Zudem goss der KPdSU-Chef selbst Öl ins Feuer, als er auf dem Novemberplenum des ZK der KPdSU nochmals entschiedenere Schritte zur Errichtung eine einheitlichen Planungsbehörde forderte: „Wir müssen kühner an die Bildung eines für alle Länder einheitlichen Planungsorgans herangehen. 3 Hier war ein Höhepunkt erreicht, bei dem Versuch des KPdSU-Chefs, eine sowjetische Führungsrolle im wirtschaftspolitischen Bereich für das ganze sozialistische Lager zu zeigen und gleichzeitig Wege zur Erreichung der hochgesteckten Ziele zu weisen. Die bereits analysierten Grundmotive (Wachstum durch international organisierte Massenproduktion, Entlastung der UdSSR in den Wirtschaftsbeziehungen, das „Vorbild“ der westeuropäischen Integration und die Systemauseinandersetzung) blieben erhalten. 4
Neu war die Formulierung, dass „sich das sozialistische Weltsystem schnell in ein großes Industriezentrum der Welt verwandelt“. Hieraus war aus Sicht der DDR-Beobachter „klarer als bisher ersichtlich, dass die Notwendigkeit der Entwicklung eines einheitlichen Wirtschaftsorgans der sozialistischen Staaten (vorerst im Rahmen des RGW)“ auf die schnelle industrielle Entwicklung zurückzuführen sei. Die Vorschläge zielten also letztlich auf die Führungsrolle und Einheit der gesamten sozialistischen Welt, der eine Vision gegeben werden sollte. Nach einem Lob auf die Ergebnisse der Junikonferenz kündigte Chruschtschov sogleich an, dass „aller Wahrscheinlichkeit nach in nicht allzu ferner Zukunft“ erneut eine derartige Zusammenkunft auf höchster Ebene stattfinden wird, „um noch einen Schritt auf dem Wege der Entwicklung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit voran zu tun“. Von besonderer Bedeutung erschien nicht nur, dass er erstmals in der Öffentlichkeit den Vorschlag unterbreitete, „kühner an die Bildung eines für alle (RGW-...) Länder gemeinsamen einheitlichen Planungsorgans heranzugehen“. Es wird aber noch ein Stück genauer: „Die leitenden Mitarbeiter dieses Organs sollen aus Vertretern der RGW-Staaten bestehen, die über weitgehende Vollmachten verfügen. Sie müssen ‚bevollmächtigt sein, gemeinsame (für alle RGW-Länder....) Pläne aufzustellen und organisatorische Fragen zu entscheiden“. Dies klingt tatsächlich wie der Versuch, über die Kompetenz einer Organisationsform eine starke Hierarchie (Stufe 4 oder sogar 5) zu etablieren. Die konkrete Zielstellung wird aber relativiert, betrachtet man den Kontext: „Da die Koordinierung der Pläne die wichtigste Form der Zusammenarbeit der RGW-Staaten werden soll, wird diesem gemeinsamen Planungsorgan - abgesehen von dem Exekutivkomitee - das wichtigste ständige Organ des RGW werden.“ Nach wie vor ist von Plankoordinierung die Rede, nicht von Planung. Es war an mehr gedacht als das gerade konzipierte Büro des EKO, aber kaum an etwas, das einer nationalen Plankommission gleichkam. Zudem gibt es auch hier Indizien dafür, dass es sich um einen Alleingang Chruschtschovs handelte: „Bemerkenswert“ war für die DDR-Analysten, dass „sich keiner der Diskussionsredner auf dem Plenum zu diesen Fragen äußerte und dieses Problem auch keinerlei Erwähnung in der Entschließung gefunden
1 So in „Kommunist“ wie in „Probleme des Friedens und des Sozialismus“.
2 So B. Karchin.- in: Internationales Leben, 8 (1962), S. 21-29; vgl. Die Haltung der Sowjetunion zu den RGW-Problemen (Information der 1. Europäischen Abteilung des MfAA) v. 19.6.1963 (bzw. 22.7.1963), S. 8; SAPMO BArch DY 30 IV A 2/20 - 157 (bzw. 158).
3 Erschienen am 20.11.1962 in der Pravda; Die Haltung der Sowjetunion zu den RGW-Problemen (Information der 1. Europäischen Abteilung des MfAA) v. 19.6.1963 (bzw. 22.7.1963); SAPMO BArch DY 30 IV A 2/20 -157 (bzw. 158). Vgl. auch Remington 1976, S. 71.
4 Dies zeigte Chruschtschov im Februar 1963 in einer Stellungnahme vor dem EKO. Vgl. Notizen über die Beratung beim Genossen Chruschtschov am 20.2.1963; SAPMO BArch DY 30 3420, Bl. 18 ff.
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hat.“ 1 Chruschtschov berichtete selbst, dass bei der Vorbereitung der Rede ein Genosse den Einwurf machte, man solle vielleicht den Gedanken einer internationalen Plankommission nicht so fassen, da es falsch verstanden werden könne. Man habe es so belassen, denn man müsse um die internationale Kooperation kämpfen; und wer es falsch verstehe, dem werde man es „richtig erklären“. 2 Die Einschätzung, dass es bei den Ankündigungen Chruschtschovs darum ging, den „ganzen RGW-Raum in ein zentrales Planungsorgan integrieren zu wollen“ 3 betrifft zu stark die Vision, überzeichnet aber die aktuelle Zielstellung. Die Behauptung, Chruschtschov „ging es darum, eine supranationale Behörde im RGW mit der Aufgabe zu betrauen, aufgrund von Mehrheitsbeschlüssen die ‚Integration’ voranzutreiben“ 4 , übertreibt die sowjetischen Pläne völlig.
Dieser Vorstoß soll von Chruschtschov als Impuls für die Bukarester Ratstagung vom Dezember 1962 gedacht gewesen sein. Der Leiter der polnischen Delegation Jaroszewicz kündigte in der internationalen Öffentlichkeit an, dass auf der kommenden EKO-Sitzung die Ratsstatuten geändert würden und ein zentrales Planungsorgan für den gesamten RGW geschaffen würde. 5 Auf der folgenden Bukarester Ratstagung soll der „Konflikt um die Grundsatzfrage ‚Supranationalität oder einzelstaatliche Souveränität’ (...) eine besondere Akzentuierung“ erfahren haben, wobei die Eingliederung des Exekutivkomitees in die organisatorische Gesamtstruktur des RGW ein „besonderes Streitobjekt“ gebildet habe. Es sei „weder hinsichtlich der Kompetenzen dieses Organs noch bezüglich seiner Eingliederung in den organisatorischen Gesamtrahmen des Rates (...) noch in Bezug auf die Errichtung einer supranationalen Planungsbehörde ein Beschluss gefasst“ worden. 6 Die vorhandenen Dokumente bestätigen dies allerdings nicht. Weder gab es gravierende Veränderungen bei den Ergänzungen zum Statut, noch scheinen diese besonders umkämpft gewesen zu sein. Die organisatorischen Initiativen auf dieser Ratstagung wie der parallelen EKO-Sitzung verliefen auf zwei Ebenen. Zunächst wurde die konkrete Ausgestaltung der Beschlüsse vom Juni einschließlich der Statutänderung diskutiert. Hier versuchten DDR, UdSSR und VRP nochmals eine Aktivierung: „Die Herausbildung eines einheitlichen Wirtschaftsorganismus der Mitgliedsstaaten des RGW, die Lösung der komplizierten ökonomischen Probleme in allen Ländern erfordert eine wesentliche Erhöhung der Wirksamkeit des RGW. Notwendig ist eine straffe Leitung der Ratsarbeit durch das Exekutivkomitee, eine höhere Qualität der Arbeit des Sekretariats des Rates sowie die konsequente Erfüllung der Empfehlungen und Beschlüsse des Rates durch die Länder.“ 7
Die konkreten Ergebnisse blieben aber auf der Linie der 2. Sitzung des EKO. Die Umsetzung der Beschlüsse zeigte sogar Stagnationstendenzen; einige Länder hatten immer noch keine Kandidaten für die Besetzung der leitenden Funktionen des Sekretariats bestimmt. Deshalb wurde es im Ratsbeschluss zur „Erhöhung der Rolle des Exekutivkomitees als ständig wirkendes Exekutiv-Organ“ für zweckmäßig erachtet, dass der vorsitzende Ländervertreter im EKO die Leitung der Arbeit des Sekretariats und der anderen Ratsorgane zur Erfüllung der angenommenen Beschlüsse übernimmt. Im Rahmen der Statutänderung wurden die vorgeschlagenen Funktionen des EKO mit kleineren Präzisierungen angenommen. Als Kernkompetenz wurde bestätigt, dass es die gesamte Ratsarbeit leitet wie die „Arbeit zur
1 Bericht über die Ergebnisse des Novemberplenums der KPdSU (November 1962), S. 18f.; SAPMO BArch DY 30 IV 2/20 - 91, Bl. 315f.
2 Notizen ü. die Beratung beim Genossen Chruschtschov am 20.2.1963; SAPMO BArch DY 30 3420, Bl. 21.
3 Ahrens 2000, S. 153.
4 Hacker 1983, S. 673.
5 So in Le Monde v. 15.12.1962; Remington 1976, S. 71.
6 Ribi 1970, S. 164 u. 168. Es sei zu heftigen Auseinadersetzungen zwischen der rumänischen und der sowjetischen Delegation gekommen. Frickenhelm 1989, S. 258.
7 Bericht über die wichtigsten Fragen der XVII. Ratstagung, der 3. Sitzung des EKO und der 3. Sitzung des Büros des EKO, 14.-20.12.1962 in Bukarest; SAPMO BArch DY 30 3407, Bl. 94.
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Koordinierung der Pläne der Entwicklung der Volkswirtschaft, der Spezialisierung und Kooperation [...und] die Ausarbeitung der Hauptrichtungen der rationellen Arbeitsteilung in den wichtigsten Produktionszweigen“ organisiert. Zudem wurden Spezialorganisationen wie ein „Komitee für Wälzlager“ gebildet, das die Jahrespläne wie die Handelsabkommen auf diesem Gebiet abstimmen sollte. Die Bildung eines gemeinsamen Güterwagenparks wie einer Gemeinsamen Bank sollte vorbereitet werden. 1 Wesentliche organisatorische Impulse gab es auf dieser Ebene zunächst nicht.
Allerdings sollen die Probleme im Kreis der Ständigen Vertreter „sehr offen und kritisch“ diskutiert worden sein. Dabei spielte auch die weitere Entwicklung eine wichtige Rolle. Grundlage hierfür waren die Ausführungen Chruschtschovs vom November wie eine Denkschrift der polnischen Seite. Der DDR-Vertreter berichtet: „Als weiterer wichtiger Schritt auf dem Wege des engen wirtschaftlichen Zusammenschlusses der Länder wurde die Bildung eines (...) einheitlichen Planungsorgans begrüßt. (Der rumänische Vertreter äußerte, dass er ohne Stellungnahme seiner Parteiführung hierzu keine Meinung darlegen kann.) Das internationale Planungsorgan muss hohe Autorität und große Rechte besitzen. Der Aufbau des Sekretariats des Rates nach Industriezweigen und koordinierenden ökonomischen Abteilungen kann als Grundstock für ein künftiges internationales Planungsorgan angesehen werden.“ 2 Hier war tatsächlich etwas anderes intendiert als die bisherige Plankoordinierung, auch im Verhältnis nationaler und „gemeinsamer Interessen“ - allerdings kaum etwas, was einer nationalen Plankommission ähnelte. Der sowjetische Vertreter unterstich die „Notwendigkeit“, die Hauptprobleme mehrseitig zu lösen. „Zur (...) Erhöhung der Rolle des Rates bei der Lösung herangereifter komplizierter ökonomischer Probleme in allen Ländern ist es erforderlich, viel mehr als bisher von den Gesamtinteressen der Mitgliedsländer des Rates auszugehen. Es ist nicht mehr möglich, die komplizierten Fragen vom engen Standpunkt der nationalen Wirtschaften der einzelnen Länder zu entscheiden. Damit im Zusammenhang wurden auch Fragen der Beschlussfähigkeit der Ratsorgane sowie des Rechtes der Länder, entsprechend dem Statut des Rates ihre Nichtinteressiertheit an einzelnen Fragen zu erklären, behandelt.“ 3 Zum letzten Punkt erfolgte eine Ergänzung der Verfahrensregeln der Ratstagungen: „Empfehlungen und Beschlüsse erstrecken sich nicht auf jene Länder, die erklärt haben, dass sie an einer gegebenen Frage nicht interessiert sind. Jedes dieser Länder kann sich jedoch nachträglich den Empfehlungen und Beschlüssen, die von den übrigen Mitgliedsländern des Rates angenommen worden sind, anschließen.“ 4 Dies hätte eine Flexibilisierung des Interessiertheitsprinzips bedeutet.
Die nächsten organisatorischen Schritte befanden sich auf dem Niveau des polnischen Vorschlags vom März 1962 (inklusive seiner mehrschichtigen institutionalistischen Fundierung). „Das Exekutivkomitee und die Ständigen Kommissionen des RGW müssen ständig arbeitende Organe werden. Die Vertreter der Länder im Exekutivkomitee müssen öfter zusammenkommen und mehr Beratungen im engeren Kreis durchführen. Sie müssen
1 Gegenüber dem Entwurf änderte sich die Formulierung insofern, als von „leitet“ statt „leitet an“ die Rede war. Dabei dürfte es sich aber um einen Übersetzungsfehler handeln. Vgl. Protokoll der XVII. Ratstagung in Bukarest (14.-20.12.1962); BArchB DC-20 11437 (Mfiche)/ 944. SAPMO BArch DY 30 J IV 2/2A - 907, Bl. 212f. u. DY 30 3407. Damus 1979, S. 268.
2 Ahrens bewertet diese Formulierungen als Unterstützung der DDR für eine „Stärkung des RGW“. Dies waren sie auch, zudem sie nicht eindeutig den Ausführungen Chruschtschovs oder einem Kommentar zugeordnet werden können. Der Kontext der Zitate wie die tatsächlichen Initiativen der DDR sprechen aber dafür, dass man in der Frage „Planungsorgan“ eher hinter den sowjetischen und polnischen Vorschlägen zurückblieb. Ahrens 2000, S. 153f.
3 Bericht über die wichtigsten Fragen der XVII. Ratstagung, der 3. Sitzung des EKO und der 3. Sitzung des Büros des EKO, 14.-20.12.1962 in Bukarest; SAPMO BArch DY 30 3407, Bl. 94f.
4 Änderungen der Verfahrensregeln der Tagungen des RGW (Anlage 6 zum Protokoll der XVII. Ratstagung); BArchB DC-20 11437 (Mfiche)/ 944. dies wurde in Artikel IV des Statuts aufgenommen. Damus 1979, S. 267.
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mehr Zeit finden, um offene Aussprachen über Grundprobleme der Zusammenarbeit führen zu können. Komplizierte Fragen muss das Exekutivkomitee der Beratung der 1. Sekretäre zur Entscheidung vorlegen.“ 1 Insgesamt wurden institutionelle Innovationen im Sinne einer Planungsbehörde angesprochen oder angedeutet. Allerdings scheint diese - trotz der erwähnten „hohen Autorität und großen Rechte“ - nicht als supranationales Organ im strengen Sinne gemeint gewesen zu sein. Sie sollt eher die Angebotsfunktion von multilateraler Seite verstärkt werden. Möglicherweise war - wie im polnischen Vorschlag vom März - an Mehrheitsentscheidungen in bestimmten Fragen gedacht. Zumindest sollte die Vetoposition einzelner Länder durch das Interessiertheitsprinzip gemildert werden. Ein gravierender Wandel stand zudem im Widerspruch zu den konkreten Beschlüssen zum Exekutivkomitee und Sekretariat wie den Verlautbarungen für die Öffentlichkeit. Ratssekretär Faddejev erklärte nach Abschluss der Tagungen auf einer Pressekonferenz in Bukarest, dass auch in Zukunft das Prinzip der Einstimmigkeit der Beschlüsse gelten werde, internationale Organe nicht vorgesehen seien und die Zusammenarbeit im RGW die „volle Souveränität“ der Mitgliedsstaaten nicht beeinträchtige. 2 Die Beschlüsse der EKO-Sitzung wie der folgenden Ratstagung spiegeln zudem keine neue Qualität in dieser Frage wieder. Hier konnte wohl nur eine Konferenz der Parteiführungen einen Durchbruch bringen. Die Auseinadersetzung um die neuen Organisationsformen schien in eine entscheidende Phase zu treten. Allerdings blieb die Zielstellung widersprüchlich. Immerhin hatte die Vision vom „einheitlichen Wirtschaftsorganismus“ konkretere Formen angenommen. Die Folgezeit musste entscheidend dafür sein, ob diese Entwicklung fortgesetzt werden konnte oder wieder in Stagnation mündete. Dies hing stark vom sowjetischen Impulsgeber ab wie von seinem rumänischen Gegenpol.
Anfang 1963 bewies der KPdSU-Chef sein großes Interesse an einer wirtschaftlichen Standortverteilung der Produktion im sozialistischen Lager insgesamt. Bei einem Besuch des Eisenhüttenkombinates Ost führte man, wie Chruschtschov es etwas später formulierte, eine „ausführliche Aussprache“ darüber und kritisierte auch. „Es ging sogar ein bisschen hitzig zu.“ 3 Ausgangspunkt war die Frage, inwieweit bestimmte Standorte für die Roheisen- und Stahlproduktion „ökonomisch, kommerziell gerechtfertigt“ sind. Man sollte „die sozialistische Wirtschaft so gestalten, dass man eine Koordinierung, eine Zusammenarbeit im Rahmen der sozialistischen Länder herbeiführt. Übermorgen müssen wir sowieso dahin kommen. Vielleicht sollt man das Roheisen dort schmelzen, wo das Eisenerz und die Kokskohle am billigsten sind, um dann die zweite Verarbeitungsstufe dort durchzuführen, wo der Maschinenbau liegt. (...) diese Frage ist unklar. Diese Frage ist im Rahmen des RGW noch nicht behandelt worden. Vorläufig führt jeder noch eine Wirtschaft für sich, abgeschlossen von den anderen, in den Grenzen seines eigenen Staates. Das ist unsere Schwäche. Diese Fragen konnten hier noch keine Widerspiegelung finden, aber diese Fragen existieren. Die Frage des Wettbewerbs mit dem Kapitalismus ist eine Frage des Wertes und des Arbeitsaufwandes.“ Chruschtschov ging aber noch einen Schritt weiter und sprach die Konkurrenzfähigkeit innerhalb des sozialistischen Lagers an. 4 Er begrüßte zwar die ingenieurtechnische Modernität der DDR-Anlagen, bezweifelte aber ob sie „ökonomisch
1 Bericht über die wichtigsten Fragen der XVII. Ratstagung, der 3. Sitzung des EKO und der 3. Sitzung des Büros des EKO, 14.-20.12.1962 in Bukarest; SAPMO BArch DY 30 3407, Bl. 96f.
2 Ribi 1970, S. 168, Ahrens, S. 153.
3 Er habe das bedauert, aber es sei seiner Meinung nach notwendig gewesen. Notizen über die Beratung (der Mitglieder des EKO) beim Genossen Chruschtschov am 20.2.1963; SAPMO BArch DY 30 3420, Bl. 28. Dass Chruschtschov hier darauf zurückkam, zeigt die Bedeutung des Gesprächs wie des Themas.
4 „Sie werden hier Maschinen mit diesem Stahl herstellen. Wir werden mit sibirischen Rohstoffen arbeiten. Können Sie überhaupt mit uns konkurrieren. Sie müssen aber fähig sein zu konkurrieren.. (...)“ Stenographische Niederschrift der Besprechung mit N.S. Chruschtschov und W. Ulbricht in der Werkleitung des Eisenhüttenkom- binates Ost am 19.1.1963; SAPMO BArch DY 30 3712, Bl. 43-45.
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gerechtfertigt“ seien. „Auf dem Weltmarkt könnt ihr mit einer solchen Produktion aber doch nicht konkurrieren. Darum bin ich der Meinung, dass wir in der DDR, der Tschechoslowakei, in Polen, in der Sowjetunion eine Spezialisierung durchführen müssen. Für Sie ist doch die Spezialisierung sowieso notwendig; denn sonst wird es eine Warenhausproduktion, die teuer ist. Mir scheint es so. Ich kann das nicht berechnen. Gefühlsmäßig sage ich das.“ 1 Nicht minder interessant ist die Antwort Ulbrichts. Dieser setzte der Kritik an dem geplanten Kaltwalzwerk das Bedürfnis nach Spezialstählen entgegen. Vom RGW versprach er sich keine unmittelbare Wirkung: „Sie haben noch ein Argument in Reserve, die Frage der internationalen Arbeitsteilung. Das ist ein Argument, das für die Zeit gilt, nachdem das Werk fertig ist, denn bis zu dieser Zeit liefert uns niemand die Spezialstähle. Es dauert noch lange Zeit, bis diese Arbeitsteilung und Kooperation wirksam wird. Dieses Jahr beginnen wir, einen gemeinsamen Plan auszuarbeiten. (...) das wirkt sich aus im Jahre 1975. (...) Sie haben recht, wir müssen diese Arbeitsteilung vereinbaren; aber es dauert lange, mehr als 10 Jahre, bevor wir einen Nutzen davon haben.“ Ulbricht bezeichnete die Spezialisierung und den „gemeinsamen Plan“ zwar als „richtig“, sah dies aber nur als perspektivische Lösung an. Alle Länder hätten solche Werke gebaut oder geplant; man sei „sozusagen die letzten“, habe es aber aus deutschlandpolitischen Gründen am notwendigsten. Hier entfaltete sich eine Debatte über den Vorrang nationaler oder RGW-weiter Lösungen. Chruschtschov beendete sie mit einem klaren Plädoyer: „Ich gehe auch von den Maßstäben unserer Zukunft als sozialistische Länder aus. Das sind auch Maßstäbe, die wir sehen müssen; denn wenn jeder für sich baut, dann kommen wir zu Warenhausproduktion, und die wird sehr teuer sein. Warum haben die westlichen Länder die EWG geschaffen (...). Das ist eine Kooperation. Aber uns sozialistischen Ländern liegt der Gedanke der Kooperation schon ideologisch zugrunde. Dort ist der Konkurrenzkampf. Trotzdem gehen sie den Weg der Kooperation. Wir aber bauen in der Sowjetunion ein Kaltwalzwerk, die Tschechen bauen eins, die Rumänen bauen eins, die Bulgaren und die DDR auch, und dann geht jeder auf den Markt und verkauft kaltgewalzten Stahl. Man braucht doch nicht soviel. Wir haben eine Kaltwalzstraße gebaut und befriedigen alle Bedürfnisse. (...) Das Thema, mit dem wir uns hier befasst haben, ist gar nicht unser Thema. Der RGW muss dieses Thema behandeln.“ Ulbrichts Einwurf zeigt, dass im Konfliktfall der RGW zur Verteidigung des „nationalen“ Standpunktes herhalten musste: „Ein Beschluss des RGW, das Werk zu bauen, liegt vor.“ Auf diese Sinnverkehrung des RGW musste Chruschtschov deutlich antworten: „Ich möchte sagen, Genosse Walter: Der RGW ist gar kein RGW. Das ist dort so, dass jeder Staat seinen eigenen Leisten hat und seinen eigenen Stiefel draufmacht. Das wird im RGW nur registriert, und dann sagt man: Gebilligt vom RGW. Es gibt gar keine Zusammenarbeit im RGW, wie sie sein soll. Jeder macht seine eigene Einzelwirtschaft. Vorläufig sind wir noch Einzelbauern in der Beziehung. (Heiterkeit).“ In Anspielung auf die im Juni 1962 von Ulbricht gebrauchte Analogie fasst Chruschtschov seine Einschätzung zusammen: „Wir brauchen aber eine LPG. Das jetzt ist noch nicht einmal eine LPG vom Typ I.“ 2 Hier spiegelt sich die skeptische Sicht gegenüber dem erreichten Stand, das anspruchsvolle Ziel, aber auch die große Distanz zwischen beiden Punkten.
Chruschtschov setzte sich als in dieser Phase ganz persönlich für eine stärkere Rolle des RGW ein und betätigte sich als Sachwalter der „ökonomischen Rationalität“ auf der Ebene des sozialistischen Lagers. Der Grundgedanke unterschied sich allerdings nicht gravierend von seinen früheren Vorstößen. Die Motive waren „dringender“ geworden, die Ausrichtung auf neue organisatorische Lösungen stärker. Es bleibt allerdings fraglich, ob der Zeithorizont näher lag als „übermorgen“ und ob die organisatorischen Lösungen bereits konkrete Formen
1 Ebenda, Bl. 44-46.
2 Ebenda, Bl. 52f.
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angenommen hatten, oder ob Chruschtschov - wie er es formulierte - nur „so einen kleinen Igel unter den Sitz gelegt“ hatte. 1
5.6.2 Rumänische Reaktionen und sowjetische Beschwichtigungspolitik
Der „Igel“, den Kruschtschov in RGW-Fragen unter den Sitz der Partnerländer legte, konnte sich vor allem als Stachel im Fleisch der Rumänen erweisen. Somit wurde nicht zu Unrecht immer wieder betont, dass in dieser Phase, auf der 4. Tagung des EKO im Februar 1963, der Konflikt mit Rumänien einen vorläufigen Höhepunkt fand. Die Absicht der UdSSR, CSSR, DDR und eventuell Polens unter Aufgabe des Einstimmigkeitsprinzips den RGW in eine supranationale Behörde zu verwandeln, sei von Birlandeanu strikt abgelehnt worden. 2 Dies wurde allerdings vor allem aus der rumänischen Reaktion nach dieser Tagung abgeleitet, auf die gleich zurückzukommen sein wird. Die besagte EKO-Tagung sollte immerhin der Vorbereitung der nächsten Beratung der Partei- und Regierungschefs dienen. Auch von Ländervertretern im RGW wurde diese Tagung später als Einschnitt betrachtet: „Von Einzelfragen abgesehen, gab es bis zu diesem Zeitpunkt kein offenes Auftreten gegen den Geist der Beschlüsse der Juniberatung 1962.“ 3
Die Rumänische Haltung nach der Junikonferenz war ja keineswegs destruktiv. Es gab Vorbehalte, aber keine reflexartige Gegenreaktion auf der 2. Sitzung des EKO. Die rumänische Seite bekundete den Anspruch auf ein hohes und allseitiges Industrialisierungsniveau, bekräftige aber auch ihre Ansprüche auf einen Einfluss im RGW. Sie bestätigte ihre Planziele für 1963 und ein hohes Entwicklungstempo für alle Wirtschaftszweige. Im November 1962 ernannte das ZK der RAP den rumänischen Vertreter im RGW zum Kandidaten des PB. 4 Dies muss nicht unbedingt als Abwehrhaltung gedeutet werden. Zunächst war es eine Aufwertung ihres Vertreters. Die rumänische Seite drängte auf der folgenden Ratstagung darauf, als erste den Posten des stellvertretenden Ratssekretärs auszuüben. Sie setzte durch, einen der beiden Stellvertreter in der zentralen Abteilung des Sekretariats für zusammenfassende ökonomische Fragen zu stellen. 5
Tatsächlich gab der rumänische Vertreter auf der 4. Tagung eine grundsätzliche Stellungnahme zur „Bildung eines einheitlichen Planungsorgans“ ab und erklärte, dass die rumänische Seite „in der gegenwärtigen Etappe nicht mit der Idee der Bildung eines solchen Organs einverstanden“ sei . Ausgangspunkt war aber kein ausgearbeiteter Vorschlag, sondern die öffentliche Stellungnahmen einiger Partei- und Regierungschefs. Die rumänische Seite habe sich dagegen vor der gemeinsamen Beratung dieser Frage, die ja von Chruschtschov im Juni angekündigt worden war, nicht öffentlich geäußert. Aus rumänischer Sicht stellten diese Vorschläge eine Abwendung von den Beschlüssen der Junikonferenz 1962 dar. Dort sei „sehr kategorisch“ die Plankoordinierung als Hauptmethode der RGW-Tätigkeit festgelegt worden, was zu den „grundlegendsten, wichtigsten Thesen“ der Beratung gehört habe. Es habe zwar einige Meinungen „über die sogenannte Integration unserer Volkswirtschaften“ gegeben. Diese hätten sich aber nicht in den Beschlüssen widergespiegelt. Aus dieser Perspektive war die rumänische Position durchaus zutreffend: „Gegenwärtig, da wir uns erst am Anfang der Durchführung der Juni-Beschlüsse befinden, da wir erst zur Bildung einiger Organe mit sehr
1 Der Bezug dieser Äußerung ist hier nicht völlig klar. Ebenda, Bl. 45. Wie später zu zeigen sein wird, bezog sie sich durchaus auf das Thema RGW insgesamt.
2 Frickenhelm 1990, S. 259f., Brown Osteuropa, S. 176, Ribi 1970, S. 170, Montias 1969.
3 Einige Probleme der Zusammenarbeit der Länder im Rahmen des RGW in den letzten zwei Jahren (...), 30.3.1964, S. 8; BArchB DC-20 11058.
4 Frickenhelm 1990, S. 258.
5 Protokoll der 1. Sitzung des EKO v. 10.-12.7.1962 u. Protokoll der 2. Sitzung des EKO v. 25.9.-28.9.1962, Anlage 20; BarchB DC - 20 11438 (Mfiche).
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komplizierten und wichtigen Aufgaben übergegangen sind, da wir im Grunde genommen erst einen bedeutenden Schritt vorwärts (...) vorbereiten, wird vorgeschlagen, einen weiteren Schritt bei der Organisation unserer Beziehungen (...) zu tun, und das Prinzip der Koordinierung der Pläne (...) durch ein völlig neues Prinzip - das Prinzip eines einheitlichen Planes - zu ersetzen.“ Die Frage sei, welche negativen Ergebnisse es rechtfertigten, von den Junibeschlüssen zu einem anderen Prinzip überzugehen. Die rumänische Seite trete für die Durchführung dieser Beschlüsse ein, die eine „prinzipielle Grundlage“ für die Zusammenarbeit darstellten und für die „Festigung der Einheit, die Beachtung der Interessen aller Länder und des gesamten Lagers als äußerst geeignet“ seien. Wenn sich die eigene Position auf gerade verabschiedete „Beschlüsse“ berufen konnte, war dies eine „institutionalistisch“ starke Position.
Von entscheidender Bedeutung war dabei das wahrgenommene Niveau, auf dem sich die Vorschläge zu diesem Zeitpunkt befanden. Davon hing ja die Beantwortung der Frage ab, ob denn die rumänische Seite wirklich „schwerwiegende wesentliche Gründe“ habe, „aufgrund derer sie mit der Bildung dieses einheitlichen Planungsorgans als progressiver Form unserer Beziehungen nicht einverstanden“ sein konnte. Damit stellte sich die Frage, warum die rumänische Seite bereits dagegen sei, „wo erst nur die Idee eines solchen Organs zum Ausdruck gebracht wurde und noch keine organisatorischen Prinzipien, kein Arbeitsverfahren und keine seiner Aufgaben ausgearbeitet sind“. Es sei richtig, dass „wir vorerst nur eine Idee über die Schaffung eines einheitlichen Planungsorgans besitzen, ohne dass wir zu deren Unterstützung über irgendwelche Diskussionen oder Studien verfügen.“ Erst gestern habe er „zum ersten Male einige Meinungen gehört, die allerdings nicht über den Rahmen allgemeiner und persönlicher Meinungen hinausgingen.“ Eine Ablehnung auf diesem Stand der Diskussion kann schwerlich als reines wirtschaftliches Nutzenkalkül verstanden werden. „Ungeachtet dessen wirft allein die Idee der Schaffung eines einheitlichen Planungsorgans auf der gegenwärtigen Etappe eine Vielzahl von Aspekten auf und ruft zahlreiche Verkomplizierungen nicht nur ökonomischer Art, sondern insbesondere politischer Natur hervor. Zu seiner Zeit und auf entsprechender Ebene wird das alles gesagt werden.“ Zunächst waren dies unterschiedliche Schemata, die zum Konflikt führten. Birladeanu führt hier das grundsätzliche Symbol ins Feld, auf das gleich näher einzugehen sein wird: die Souveränität. Primär seien zweifellos die politischen Aspekte. Es gebe keine Frage, die nicht auf dem Wege der gegenseitigen Verständigung und „ohne Einmischung irgend eines überstaatlichen Organs, das zum Richter werden würde und seine Beschlüsse aufzwingen würde, gelöst werden könnte“. 1 Inwieweit das vorgeschlagene Planungsorgan solche Kompetenzen besitzen würde, war aber noch völlig offen. Die rumänische Stellungnahme besaß somit in vielerlei Hinsicht den Charakter einer präventiven Stellungnahme, deren Bezugspunkt genauso unsicher war, wie der für die konkrete Konzeption des Planungsorgans. Dies zeigte sich auch an den Reaktionen der anderen Ländervertreter auf die rumänische Stellungnahme. Es soll im Prinzip zu allen Hauptfragen Übereinstimmung im EKO gegeben haben. „Insbesondere im Zusammenhang mit den Fragen der Koordinierung der Pläne und der Erhöhung der Wirksamkeit der Tätigkeit der Ratsorgane sprachen sich die Vertreter im Exekutivkomitee mit Ausnahme des Genossen Birladeanu für die schrittweise Schaffung eines gemeinsamen Planungszentrums, wie das Genosse Chruschtschov vorgeschlagen hat, und den allmählichen Übergang zu einem einheitlichen Plan sowie zur Bildung von Produktionsvereinigungen und gemeinsamer Betriebe aus.“ Es scheint, dass der Vorschlag Chruschtschovs als focal point sich allgemein durchsetzte und die rumänische Seite in eine Isolierung brachte. Eine starke Hegemonie der UdSSR in dieser Frage erschien möglich (4; 3). Allerdings zeigen die „prinzipiellen“ Äußerungen aller übrigen Mitglieder des EKO, dass die Formulierungen Birladeanus von einem Organ mit Weisungskompetenz überzogen
1 Stellungnahme des Vertreters der Volksrepublik Rumänien im EKO, Birladeanu, zu Fragen der Bildung eines einheitlichen Planungsorgans (Februar 1963); SAPMO BArch DY 30 3417, Bl. 8ff.
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waren. Dies gilt auch für die sowjetische Seite. „Genosse Lesetschko führte aus, wobei er sich auf den Genossen Chruschtschov stützte, dass die Koordinierung der Pläne und gemeinsamen Planungsarbeit im Rat kein Antasten der Souveränität der Länder bedeutet, dass es (aber) gilt, alle Möglichkeiten zu nutzen zur Steigerung der Arbeitsproduktivität. Es sollen keine fertigen Pläne abgestimmt, sondern die Pläne sollen gemeinsam ausgearbeitet werden. Die Grundlage dafür sollen die Aufgaben der nationalen Wirtschaften bilden. Die gemeinsame Plankommission soll kein selbständiges übernationales Organ sein. Es kommt darauf an, die Organisationsstruktur und die Arbeitsmethoden des RGW“ den neuen Aufgaben entsprechend zu verändern. Lesetschko sprach sich dafür aus, die Arbeit grundsätzlich zu verändern, da man sonst die gestellten Aufgaben nicht lösen könne, allerdings „unter Wahrung der beschlossenen Prinzipien“. Dies deutet darauf hin, dass (soweit das konkrete Vorhaben überhaupt klar war) eine höhere Form der Plankoordinierung angestrebt wurde, die in der Tradition der Vorschläge von 1962 stand. Dies lief wohl auf einen Mischvorgang von nationaler und kollektiver Planung hinaus, bei der Ratsorgane eine analytische und organisierende Funktion übernehmen sollten, keineswegs aber eine eigenständig beschließende. Wenn die DDR-Vertreter diese Vorschläge dahin deuteten, dass die sowjetische Seite sehr konsequent und zielstrebig die Verwirklichung der Vorschläge Chruschtschovs vom November 1962 anstrebe, deutet das darauf hin, dass auch sie nicht an ein „supranationales Organ“ dachten, das der rumänischen Kritik entsprach. 1
Allerdings konnte sich gegen Ende der EKO-Sitzung eine entscheidende Wendung vollziehen. Die Mitglieder des EKO wurden zu einer Aussprache mit dem KPdSU-Chef geladen - ein einmaliger Vorgang. Der amtierende Vorsitzende Leuschner gab einen Bericht über die Sitzung des EKO, insbesondere über die Vorbereitung der „Tagung auf höchster Ebene“. Der sowjetische Vertreter spielte Chruschtschov den Ball zu und „betonte, dass in der Diskussion besonders Fragen eines einheitlichen Planungsorgans im Mittelpunkt standen und (...) bat den Genossen Chruschtschov, sich dazu zu äußern“. Dieser versuchte tatsächlich, allen einen „Igel“ zuzuwerfen. „Ich weiß, dass das unangenehm ist, aber Sie sollen sich ruhig darauf setzen.“ 2 Welche Instrumente nutzte aber der KPdSU-Chef, um seine Vorstellungen durchzusetzen? Sein persönliches Erscheinen aktivierte natürlich die Mechanismen der Ebenen 4 und 5. Letzteres spielt aber eine untergeordnete Rolle. Pragmatische Argumente standen im Vordergrund. Man brauche „nicht einmal Marxist zu sein“, um die Notwendigkeit der Kooperation zu erkennen. Die Mechanismen der Ebene 4 konnten nicht nur durch den Statusunterschied Kraft gewinnen, sondern auch durch das „geschlossene“ Vorgehen einer Mehrheit der RGW-Vertreter. Chruschtschov erwähnte ein polnisches Mandat für den sowjetischen Vorstoß („Nimm du doch die Sache in die Hand.“) wie die Unterstützung der DDR und CSSR, aber auch Gespräche mit der bulgarischen Seite. Drohte der rumänischen Seite die Isolierung? Vor allem setzte er aber auf rationale Argumente, auf Gewinn- und Verlusterwartungen (Ebene 2). Allerdings referierte er vorwiegend über die allgemeine Notwendigkeit einer Arbeitsteilung, um die „teure Warenhausproduktion“ zu vermeiden und zur Massenfließfertigung zu kommen: „Aber was unsere Zusammenarbeit betrifft, so ist sie
1 Kurze Information über die Tagung des EKO zur Vorbereitung einer Beratung der 1. Sekretäre (4. Tagung des EKO); BArchB DC-20 11058/ 18 o.Bl. In der negativen Einschätzung der rumänischen Stellungnahme durch die DDR-Vertreter war dann später auch nicht von einem „gemeinsamen Planungsorgan“ die Rede. Der rumänische Delegierte sei prinzipiell gegen Überlegungen bezüglich eines gemeinsamen Planes und praktisch gegen jede Erweiterung der Zusammenarbeit auf(getreten), die über ein Koordinierung der nationalen Pläne hinausgeht“ wie z.B. zwischenstaatliche Produktionsvereinigungen oder gemeinsame Betriebe. Mit ihrer Haltung sei die rumänische Seite „vom Wesen her“ von entscheidenden Festlegungen der Juniberatung 1962 zurückgetreten. Einige Probleme der Zusammenarbeit der Länder im Rahmen des RGW in den letzten zwei Jahren (...), S. 8; 30.3.1964; BArchB DC-20 11058, o.Bl.
2 Notizen über die Beratung (der Mitglieder des EKO) beim Genossen Chruschtschov am 20.2.1963; SAPMO BArch DY 30 3420, Bl. 18 u. 29.
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geradezu beleidigend. Wir müssen die Kooperation so entwickeln, dass wir auf Massenfließbandproduktion kommen. Das ist entscheidend. Wer das nicht versteht und wer diesen Weg nicht beschreitet, wer den Universalweg geht und alles machen will, der wird Niedergang und Bankrott erleben.“ Das zugrundeliegende Modernisierungsmuster ist - wie bereits bei den früheren Vorstößen Chruschtschovs - grundsätzlich „fordistisch“ ausgerichtet. 1 Da die sowjetischen Interessen an diesen Fragen weniger akut schienen als die der Partner („Überhaupt, wer braucht denn mehr die Kooperation, die Sowjetunion oder die Partner?“) glaubte Chruschtschov sich zurücklehnen zu können und den Entwicklungsgesetzen wie den Anreizen für die „kleineren“ Länder zu vertrauen: „Wir werden in dieser Frage nicht drängen und wir wissen, dass andere diese Frage zuerst aufwerfen werden. Das erste Klopfen wird von außen kommen.“ 2 Dies kann als Zeichen für die geringe Hierarchie in dieser Frage, aber auch für die Beachtung der Prinzipien des Oktober 1956 gewertet werden. Die Frage der „Plankommission“ stand aber kaum im Vordergrund. Er habe sie angesprochen, weil man „um die internationale Kooperation“ kämpfen müsse. Bedeutete „kämpfen“ auch die Anwendung von hegemonialen Machtmitteln (Ebene 1)? Seine Polemik gegen die Kritiker baute er (stellvertretend) an einer koreanischen Äußerung dazu auf. Dort sei geäußert worden, dass „die Sowjetunion durch die Bildung einer einheitlichen Plankommission die anderen sozialistischen Länder schlucken und ausbeuten will, dass die Sowjetunion Großmachtpolitik gegenüber den schwächeren Ländern betreiben will. Man hat uns mit dem Teufel verglichen. Auf der einen Seite habe ich mich geärgert, auf der anderen Seite habe ich gelacht. Geärgert, weil es uns kränkte und gelacht, weil es primitiv ist.“ Man müsse es den Zweiflern erklären und sie überzeugen. Dies zeigt, dass eine hegemoniale Politik im Normensystem der Parteiführer durchaus verankert ist - allerdings als negativ aufgeladenes Schema oder bestenfalls als benign hegemony. Chruschtschov geht dieser Frage keinesfalls aus dem Wege. Es deutet sich dabei an, dass eine solche Politik durchaus kognitiv-emotionale Kosten produzieren konnte („geärgert“ und „gelacht“). In diesem Sinne wollte sich Chruschtschov auch nicht zu einem Brief des EKO an die Parteiführungen äußern, sondern „die Entscheidung den Mitgliedern des Exekutivkomitees überlassen“. 3
Dennoch agierte das Oberhaupt der „Hegemonialmacht“ auch mit einer Drohung - einer „Warnung“, wie er es bezeichnete. „Wenn ein Land das nicht verstehen will, so haben wir keine Mittel, dieses Land gewaltsam dahin zu bringen, und auch nicht die Absicht dazu. Ich warne jedoch! Wir werden diesen Weg gehen und werden die Fragen klären. Mit oder ohne euch, aber wundern Sie sich nicht!“ Die „Warnung“ bestand einfach im Verweis auf verlorene Kooperationsgewinne und Nachteile für die Zuspätkommenden. 4 Diese „Warnung“ wiederholte Chruschtschov in seiner kurzen Ansprache sogar und ergänzte sie durch eine Hervorhebung des Interessiertheitsprinzips: Um die Arbeitsteilung zu regeln, müsse man nicht unbedingt einen Beschluss des gesamten Rates fassen. Diejenigen Länder, die solche Schritte für notwendig erkennen, sollen entsprechende Vereinbarungen treffen. 5 Diese implizite Drohung mit einem „RGW der zwei Geschwindigkeiten“ konnte durchaus als Druckmittel wirken, wollte sich doch Rumänien keineswegs von der Kooperation insgesamt ausschließen lassen. Allerdings setzte dies auch erkennbare oder erwartete Kooperationsgewinne voraus; zudem ist es zweifelhaft, ob dieser Weg für die internationale Planungsbehörde überhaupt denkbar war. (Konkret meinte Chruschtschov wohl die
1 Hier wie bereits 1956 dienen nicht nur die Skaleneffekte von Massenproduktion als zentrales Argument, es wird auch mehrfach auf Ford selbst Bezug genommen.
2 Notizen über die Beratung (der Mitglieder des EKO) beim Genossen Chruschtschov am 20.2.1963; SAPMO BArch DY 30 3420, Bl. 32f.
3 Ebenda, S. 1 u. 4.
4 Ebenda, Bl. 18 u. 21-25.
5 Ebenda, S. 8, Bl. 25.
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Produktionszusammenarbeit.) Es bleibt noch die Ebene 3, ein überzeugendes sowjetisches Konzept für die Umgestaltung des RGW als focal point. Gab es in der Frage der Planungsbehörde klärende Worte des KPdSU-Chefs? Immerhin stand diese Frage als Leitmotiv über seinen Ausführungen.
Obwohl er hier von „wirklich ernsten Fragen“ sprach, wich er einer klaren Festlegung aus. Es ist die Rede von einem „einheitlichen Planungszentrum“, das aber kein „Organ außerhalb des Rates“ sein sollte. Damit wäre die Planabstimmung den bisherigen Mechanismen des RGW unterworfen. Zwar ist davon die Rede, man müsse die Spezialisierung und Kooperierung „völlig anders lösen“, denn ohne Spezialisierung und Kooperierung gebe es keine Vorwärtsbewegung. Was aber heißt „völlig anders“? Es ist von „zwischenstaatlicher Kooperation bzw. der Spezialisierung“ die Rede. 1 „Für die Organisierung der engen Zusammenarbeit der einzelnen Industriezweige muss man die gemeinsamen Prinzipien beraten und die Länder müssen untereinander Verbindung aufnehmen.“ Man habe doch den Rat und müsse „das unter uns alles vereinbaren“. 2 Das alles klingt kaum nach einem starken externen Planungsorgan. In den entscheidenden Fragen flüchtet der Vertreter der Vormacht ins allgemeine. Wie aber würde die rumänische Seite reagieren. Würde dieser Rückzug ins Vage ausreichen?
Die unmittelbare Reaktion Birladeanus war durchaus positiv: es gäbe „niemand unter unseren Genossen, der überhaupt nur etwas gegen das hier Gesagte haben könnte“. Die dargestellten Mechanismen wirkten also auch auf die rumänische Seite. Aber wie stark? Er habe im EKO im Auftrage seiner Parteiführung erklärt, dass die Souveränität eine der Hauptgrundlagen der einzelnen sozialistischen Länder sei. Er bat Chruschtschov, die Frage zu behandeln, wie er im Zusammenhang mit der weiteren Entwicklung der ökonomischen Zusammenarbeit die Frage der Souveränität der Länder sieht. 3 Chruschtschov antwortete zunächst, dass „die einheitliche Planung in voller Übereinstimmung mit der Souveränität der Länder verwirklicht werden muss“. Die Planung müsse „in jedem Land erfolgen“. Man müsse die „Kooperierung durchführen auf der Grundlage der Souveränität eines jeden Landes“. Wer heute nach der „Verschmelzung der Staaten“ dränge, den werde man bremsen. 4 Die sowjetische Seite hatte eine ambitionierte Initiative begonnen und betont, man müsse um diese Frage „kämpfen“, in der konkreten Auseinandersetzung aber sogleich den Rückzug angetreten. Chruschtschovs „Igel“ hatte seine Stacheln eingezogen. Zugleich wurde die Vision nicht zurückgenommen und damit die Reinstitutionalisierung erschwert. Insgesamt wurde hier die mögliche Höhe des Chruschtschovschen Testballons „Plankommission“ bestimmt. Die Flughöhe war unterhalb der Hierarchiegrade 5 und 6, in der konkreten Planung wohl auch unterhalb der Ebene 4. Spiegelt sich dies auch in den Beschlüssen?
Am folgenden Tag lag der Beschluss des EKO vor. In einem Bericht für die kommende Spitzenkonferenz der Partei- und Regierungschefs sollte die Arbeit seit Juni 1962 eingeschätzt werden. Initiativen gab es vor allem auf dem Gebiet multilateraler
1 Dies im Zusammenhang mit dem (friedlichen) Systemwettbewerb, der die sowjetische Seite an einer Kooperation der anderen sozialistischen Ländern interessiert sein lasse. Ebenda, S. 5, Bl. 22, vgl. auch S. 1 u. 6f.
2 Ebenda, S. 12, Bl. 29.
3 Ebenda, S. 14, Bl. 31.
4 „Wir als Kommunisten verstehen natürlich, dass wir zu einem einheitlichen Staat und zur Liquidierung der Grenzen kommen werden und in politischer Hinsicht reift dafür schon jetzt das Verständnis. Aber ökonomisch sind wir noch nicht so weit. Auch hier gilt noch das Prinzip: jeder nach seinen Leistungen.“ Chruschtschov lehnte nicht nur weitere Hilfen für diesen Niveauausgleich ab, sondern auch die Abnahme von Produkten, die unrentabel sei. Zudem wurde ein gewisser Kostenausgleich im militärischen Bereich gefordert, der sich vor allem gegen die rumänische Seite richtete. Notizen über die Beratung (der Mitglieder des EKO) beim Genossen Chruschtschov am 20.2.1963; SAPMO BArch DY 30 3420, S. 14 ff., Bl. 31 ff.
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Verrechnungen einschließlich einer gemeinsamen Bank der sozialistischen Länder wie bei der Produktionskooperation auf Betriebs- und Zweigebene. 1 Die konkreten Beschlüsse zur Realisierung der „Hauptfragen“ einschließlich der „schrittweisen Schaffung eines gemeinsamen Planungszentrums“ blieben dann auch recht begrenzt. Hierzu müssten „auch einige Veränderungen in der Arbeit und in der Organisation der Ratsorgane vorgenommen werden. Diese Veränderungen sollten insbesondere das Ziel haben, die Wirksamkeit des Exekutivkomitees bei der Durchführung der Beschlüsse der 1. Sekretäre (...) zu erhöhen, einen hochqualifizierten Arbeitsstab des RGW zu schaffen, die Verantwortung der Abteilungen des internationalen Sekretariats zu erhöhen sowie die Arbeit der Ständigen Kommissionen effektiver zu gestalten“. Obwohl der Beschluss zur Durchführung der Spitzenkonferenz einstimmig gefallen war, wurde eingeschätzt, dass die „rumänischen Genossen ihre Grundhaltung zu diesen entscheidenden Fragen nicht ändern werden“. Es wurde mit „prinzipiellen Meinungsverschiedenheiten“ gerechnet. 2 Waren aber „prinzipielle Meinungsverschiedenheiten“ überhaupt noch notwendig? Eine Einschränkung souveräner Rechte im rumänischen Sinne war vor allem bei den geplanten „internationalen produktionstechnischen Vereinigungen“ zu erkennen. Eine Vorreiterrolle spielte dabei die Vereinigung der Wälzlagerindustrie, für die im Februar 1962 ein Satzungsentwurf vorlag. Hier werden umfassende „Funktionen und Vollmachten“ angedeutet: Abstimmung der Jahres-Produktionspläne, Vereinbarung der Perspektivpläne wie die Abstimmung der Nomenklatur, des Umfangs wie der Termine der gegenseitigen Warenlieferungen. 3 Hier waren wohl Unternehmen geplant, die direkt zu der Vereinigung gehören sollten und für die auch Investitionsentscheidungen getroffen werden konnten. Zudem sollte die aus Ländervertretern bestehende Leitung Beschlüsse und Empfehlungen, die für alle Länder verbindlich sein sollten, annehmen können. Zwar sollte das Einstimmigkeitsprinzip gelten, allerdings gekoppelt mit einem neuartigen Mechanismus. Bei fehlender Einstimmigkeit sollte auf Wunsch einer Mehrheit das Problem an das EKO gegeben werden. Dessen Beschluss sollte dann für alle Teilnehmerländer verbindlich sein. Dieser Mechanismus blieb zwar im Rahmen einer zwischenstaatlichen Organisation, konnte aber bei einem starken EKO erheblichen Druck auf einzelne Teilnehmerländer ausüben. Zudem sollte die Leitung in ihrer Tätigkeit dem EKO rechenschaftspflichtig sein. Hier war einiger Zündstoff vorhanden, zumal solche Zweigvereinigungen nicht nur für Wälzlager und Schwarzmetallurgie geplant waren, sondern auch für Transport- und Werkzeugmaschinenbau. 4 Letztere konnten gar nicht, erstere erst 1964 realisiert werden. Immerhin blieben Beschlüsse und Empfehlungen möglich (im Bereich Wälzlager waren Beschlüsse für die operativen Fragen, Empfehlungen für die perspek-tivischen Fragen vorgesehen); allerdings immer gemäß dem Einstimmigkeitsprinzip. 5
Allerdings hatte die rumänische Seite in der zentralen Frage der Planbehörde einen deutlichen Punktsieg errungen, einen recht leichten Sieg zudem. Konnte nun nicht über die konkrete Gestalt einer effektiveren Plankoordinierung diskutiert werden? Sicher waren für die rumänische Seite die bisherigen Konzepte ausreichend, oder sie gingen über ihre
1 Beschluss des EKO v. 21.2.1963; SAPMO BArch DY 30 3420, Bl. 7 ff.
2 Kurze Information über die Tagung des EKO zur Vorbereitung einer Beratung der 1. Sekretäre (4. Tagung des EKO); BArchB DC-20 11058/ 18 o.Bl.
3 Hinzu kamen Vorschläge für die Bedarfsdeckung, Maßnahmen zur Verwirklichung der Spezialisierung, Investitionsanalysen, Bedarfsermittlungen, Koordinierung der Forschungspläne usw. Allerdings waren die Schnittstellen zu den nationalen Plänen, den sonstigen Empfehlungen des RGW wie den Handelsabkommen nicht ganz präzise bestimmt. Satzungen über die zwischenstaatliche produktionstechnische Vereinigung der Wälzlagerindustrie Entwurf (für die vorläufige Diskussion), Februar 1963; BArchB DC-20 11438 (Mfiche) 15, Bl. 9 ff.
4 Ebenda Bl. 11 f.
5 Sozialistische Ökonomische Integration: Recht, S. 106 f.
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Vorstellungen bereits hinaus. Konnte man aber nicht gegen Teilzugeständnisse in der „gemeinsamen Planung“ Zugeständnisse in der Frage des Niveauausgleichs erzielen? Der Weg der VRB war ja auch für die RVR möglich: Der Tausch von Industrialisierungshilfe gegen einen Stärkung der RGW-Organisation. 1 Trotz dieser Signale spürten die Partner in den folgenden Monaten, dass sich die charakteristische rumänische Position, ihre nationalen Interessen in den Vordergrund zu stellen, „noch mehr bestärkt“ wurde. 2 Wie ist das begründet?
Die rumänische Führung hatte ihre Position für eine Spitzenkonferenz angedeutet, die sich organisatorischen Erneuerung widmen sollte und war damit erfolgreich gewesen. Nach außen verteidigte die rumänische Seite ihre Haltung unter Berufung auf die Grundprinzipien vom Juni 1962 wie auf die Erklärung der KAP vom Dezember 1960.
Nach Innen wurden die Parteimitglieder in internen Versammlungen darüber informiert, dass auf der RGW-Sitzung die zukünftige Industrialisierung Rumäniens und seine nationale Unabhängigkeit zur Disposition gestanden habe, weil die industriellen Pläne der RVR beschnitten werden sollten. Im Verlaufe dieser Versammlungen soll eine Atmosphäre entschiedner emotionaler Zustimmung zur Haltung der rumänischen Delegation entstanden sein. Informationen über die RGW-Politik der rumänischen Führung sollen sich in der Bevölkerung ausgebreitet und die Zustimmung zum kommunistischen Regime verbessert haben. Ohne Zweifel wurde diese Linie bestätigt und „die ganze Partei darauf orientiert“. 3 Zudem wird die Aktivierung nationaler Symbole verstärkt. 4 Damit existierte ein Anreiz für die rumänische Führung, eine solche Politik fortzusetzen, zusätzlich und unabhängig von „wirtschaftlichen Interessenkalkülen“. Diese Politik begann zudem bereits als internationales Statusinstrument zu wirken. Gerade gegenüber der westlichen Presse wurde betont: „Der RGW erkennt das Recht jeder Nation an, gemäß ihrem eigenen nationalen Interesse zu planen und sich zu entwickeln. Der RGW ist eine Organisation souveräner Staaten.“ 5 Der relativ leichte Sieg in dieser Frage sollte für die organisatorische Entwicklung des RGW entscheidende Bedeutung erlangen. Er gab der Abwehrposition Auftrieb und verstärkte die innere institutionelle Konfiguration (anfangs bestehend aus einem Modernisierungsschema, das den Leistungen des Ostblocks für die RVR skeptisch gegenüberstand und dem zusätzlichen Anreiz der inneren Stabilisierung durch „nationale“ und antirussische Politik), die eine Abwehr gegen den RGW verstärkte und eine Institutionalisierung der Zusammenarbeit im Ostblock verhinderte. Damit ging die innere Abwehrreaktion über das Notwendige hinaus, wenn man es nur als Vertretung rumänischer Wirtschaftsinteressen versteht. Dies sollte nicht ohne gravierende Rückwirkungen auf die organisatorische Entwicklung des RGW bleiben. Eine Verschärfung des Konflikts drohte vor allem dadurch, dass die rumänische Seite im Zusammenhang mit einem ZK-Plenum der RAP die
1 Die bulgarische Seite wandte sich offiziell an die XVII. Ratstagung wegen des Zurückbleiben ihres Maschinenbaus. Gerade auf dieser 4. Sitzung des EKO schlug der Vertreter der VRB nochmals vor, die Probleme der Wirtschaft Bulgariens, insbesondere des Maschinenbaus und der Unterstützung der anderen Länder zu behandeln, und zwar im Zusammenhang mit den Problemen der Spezialisierung und Kooperation der Produktion. Kurze Information über die Tagung des EKO (...); BArchB DC-20 11058/18, o.Bl. Diese Frage stand tatsächlich in der Folgezeit auf der Agenda der Ratsorgane und wurde in den Beschluss der 4. Tagung des EKO aufgenommen. Darauf wird zurückzukommen sein.
2 Dies betraf die wirtschaftliche Praxis wie öffentliche Bekundungen. Zur Haltung der RVR zur internationalen Zusammenarbeit (Nach Juli 1963); SAPMO BArch DY 30 3483, Bl. 96.
3 Einige Probleme der Zusammenarbeit der Länder im Rahmen des RGW in den letzten zwei Jahren (...), S. 9; 30.3.1964; BArchb DC-20 11058 (A 05210/1)/ 18, o.Bl. vgl. auch Frickenhelm 1990, S. 262 f.
4 Ionescu 2004, S. 70.
5 So Planungschef Marin in einem Interview für Corriere della Sera; Montias 1967, S. 214; Frickenhelm 1990, S. 263f. Zur offensichtlichen Verbindung von RGW-Fragen und der rumänischen Außenpolitik in dieser Phase vgl. auch: Zur Haltung der RVR zur internationalen Zusammenarbeit (zwischen April und Juli 1963); SAPMO BArch DY 30 3483, Bl. 101ff.
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Auseinandersetzung zu einer prinzipiellen Frage stilisierte. Der sowjetische Botschafter, der persönlich von Gheorghiu-Dej informiert wurde, konnte dies nur nach Moskau berichten. Eine sowjetische Reaktion war notwendig. Der sowjetische Parteichef beschwichtigte und bekräftigte - wie gleich darzustellen sein wird - seine im Februar gegenüber dem EKO dargelegte Haltung. Er kritisierte die rumänische Reaktion nicht wegen ihres Inhalts, sondern weil - beruhend auf Missverständnissen und einer falschen Auslegung der sowjetischen Vorschläge - „Anlass zu unerwünschten Gerüchten und Nahrung für die feindliche Propaganda geben könnten“. 1
Bereits die Art des weiteren Vorgehens der sowjetischen Seite ist von großem Interesse. Da der Botschafter in Bukarest offensichtlich zu schwach und nicht in der richtigen Position war, um solche Probleme zu klären, musste der Status der Einwirkenden erhöht werden. Gheorghiu-Dej hatte bereits Ende 1956 gezeigt, dass er nicht gewillt war, sich in solchen Situationen nach Moskau zu begeben. Eine „imperiale“ Beorderung dorthin war ohnehin außerhalb aller Möglichkeiten und Gedanken. Also wurde eine kleine Parteidelegation (da es sich um das ZK-Plenum der RAP als Anlass handelte) unter Leitung des ZK-Sekretärs J. Andropov nach Bukarest geschickt. Diese traf am 3. April auf die wichtigsten Personen der rumänischen Führung. 2 Zunächst wurde kurz über das schlechte Flugwetter gesprochen. Offensichtlich hatten die Rumänen das Flugzeug ihrer Gäste aus diesem Grund nicht direkt in Bukarest landen lassen. (Es muss Spekulation bleiben, ob sich dahinter eine kleine Machtdemonstration verbarg.) Andropov bezog sich dabei auf einen offiziellen Brief der sowjetischen Parteiführung. Dieser Brief stellte eine offizielle Stellungnahme dar, wurde in den Gesprächen verlesen und unter den „Bruderparteien“ verbreitet. 3 Ansonsten kam er aber sofort zur Sache: Er werde sich mit Erlaubnis der rumänischen Seite ohne Protokoll verhalten - sozusagen von Genosse zu Genosse. Weder das eine noch das andere (Ebene 4+5) führte aber zu einem schnellen Kompromiss wie die etwa dreistündige Diskussion zeigt. Dabei wurde „offen“ zum Ausdruck gebracht, dass die Informationen aus Bukarest in Moskau Besorgnis, Trauer und in gewissem Grade Überraschung ausgelöst hatten. Die Wortwahl deutet nicht nur auf typische Mechanismen der Ebene 4. Andropov nahm unmittelbar auf die 4. Sitzung des EKO bezug und betonte, dass die Positionen in den folgenden Fragen absolut identisch seien: Die Souveränität sollte so strikt wie irgend möglich respektiert werden. „Ich erkläre ihnen, in aller Aufrichtigkeit, dass niemals und bei niemandem von uns die Idee aufgekommen ist, die staatliche Souveränität anzutasten.“ Dies beziehe sich auf alle Länder, nicht nur auf Rumänien. Nach dieser Grundsatzerklärung ging Andropov noch genauer auf die diesbezüglichen Äußerungen des (anwesenden) Birladeanu auf der EKO-Sitzung ein. Chruschtschov habe B. gedankt und die Frage gern aufgenommen. Er habe die Gelegenheit genutzt um seine Auffassung darzulegen, dass ein Planungsorgan nur auf der Basis der nationalen Souveränität errichtet werden könne. Sollte jemand den Gedanken eines vereinten Staats(organs) vorbringen, würde die sowjetische Seite dies als erste zurückweisen, da dies noch nicht möglich sei. Dies sei wohl erst möglich, wenn die Produktivkräfte gleiches Niveau erreicht hätten, nicht aber in naher Zukunft. Aus diesem Grund habe man keinerlei Differenzen in diesen Fragen. Dies ist bestenfalls eine Bekräftigung der Positionen, die Chruschtschov vor dem EKO vertreten hatte. 4 Die direkte Bezugnahme hierauf zeigt das institutionalistische Problem. Genügte die Zusicherung des
1 Chruschtschov an Gheorghiu-Dej v. 30.3.1963; SAPMO BArch DY 30 3465, Bl. 65.
2 Neben dem Parteichef waren auch Ministerpräsident Maurer, N. Ceausescu, E. Bodnaras, Wirtschaftsexperte A. Birdladeanu sowie Vass und Pacuraru anwesend.
3 Chruschtschov an Gheorghiu-Dej v. 30.3.1963; SAPMO BArch DY 30 3465.
4 Notiz der Gespräche im ZK der RAP mit J. Andropov am 3. 4. 1963, S. 1 f.; CWIHP: virtual archive, cited by the permission of the Woodrow-Wilson-Centre for scholars; http://www.wilsoncenter.org/index.cfm bzw. http:// www.isn.ethz.ch/php
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KPdSU-Chefs nicht, um die rumänischen Bedenken zu zerstreuen? Warum wurden nach dessen Beschwichtigung rumänischer Ängste nochmals die Differenzen - als grundsätzliche Frage - vor einem obersten Parteigremium hervorgehoben und damit als „Gerücht“ in die Weltöffentlichkeit gebracht?
Der rumänische Parteichef antwortete geradezu reflexartig mit dem Verweis auf die großen Unterschiede im Entwicklungsstand der sozialistischen Länder. Im Zusammenhang des Gesprächs klingt dies eher nach einem Ausweichen. Andropov ging nur kurz darauf ein (Er wolle nicht mehr ihrer Zeit dafür „nehmen“.), betonte aber wiederum, dass man keine unterschiedlichen Auffassungen dazu habe. Wenn es unterschiedliche Verständnisse gäbe, müsse man diese Probleme klären. Dagegen kam er zum zweiten Streitpunkt, das „Prinzip des gegenseitigen Vorteils“ in den Wirtschaftsbeziehungen. Hier scheint es - auch im Sinne der Entlastung der sowjetischen Wirtschaft - keinen Widerspruch gegeben zu haben, sondern den Verweis auf die „kommerzielle Methode“. 1
Zudem kritisiere die rumänische Seite, dass die UdSSR Branchen und Industrievereinigungen unterstütze. Man solle sich aber in die sowjetische Situation versetzen. Man spreche ehrlich und bitte um Verständnis, aber auf der anderen Seite kritisierten CSR, VRP und DDR, dass die UdSSR in dieser Frage zu langsam vorgehe. Die Lösung sei die Schaffung solcher gemeinsamer Wirtschaftsorgane bei völlig freiwilliger Teilnahme. Die sowjetische Seite werde niemanden drängen, diese Form zu übernehmen. Wenn im folgenden der Brief Chruschtschovs an die rumänische Führung verlesen wurde, machte Gheorghiu-Dej unmittelbare Einwürfe zu dieser wie anderen Fragen wie der rumänischen Energieversorgung. Dabei wurde (nun) die Bereitschaft zu technischer Hilfe - selbst bei der Kernkraftnutzung - bekundet. Einwürfe zur grundsätzlichen Entwicklung des RGW erfolgten nicht. Andropov bekundete zum Abschluss nochmals, dass er nach Bukarest gesandt wurde, um zu unterstreichen, dass man keine unterschiedlichen Auffassungen in diesen Fragen besitze. Wenn es „Schattierungen der Bedeutung“ gäbe, könne man diese diskutieren. 2 Unter Nutzung einer Reihe von Schlüsselbegriffen, welche die institutionalistische Dimension des Problems deutlich machen (Verantwortung, vitales Problem, trennen, fühlen, berühren/ Sorgen machen, Gerüchte, beruhigen), brachte Andropov die sowjetischen Sorgen auf den Punkt. Man habe die Verantwortung, die Dinge zu betrachten und dürfe sie nicht schwieriger machen; das sei sehr wichtig, eine lebenswichtige Frage. Es gäbe keine Probleme, welche sie trenne; man fühle, dass es nichts trennendes gibt. Die sowjetische Seite sei nicht über Meinungsverschiedenheiten besorgt, sondern darüber, dass öffentlich ein bestimmter Standpunkt formuliert wurde. 3 Damit waren ja die Differenzen mit Rumänien in die Weltöffentlichkeit gelangt. 4
Der Brief diente einer Bekräftigung von Positionen, die von Chruschtschov bereits vor dem EKO vertreten wurden. Dort habe er betont, dass „die Schaffung eines internationalen Planungsorgans - wenn über sein Bildung Übereinstimmung erzielt wird - keineswegs eine Beeinträchtigung der Souveränität der einzelnen Staaten und eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten bedeutet. Wir hatten durchaus nicht im Auge, dass ein solches internationales Organ die gesamte Wirtschaft der sozialistischen Länder zu planen hätte, sondern wir meinten lediglich die Koordinierung jener Zweige, die für alle daran beteiligten Länder annehmbar ist.“ Die Funktionen einer solchen Planung müssten durch den RGW, nicht aber durch irgendein neues Organ ausgeübt werden. „Die planmäßige internationale
1 Ebenda, S. 2: Die Bewertung Andropovs ist nicht eindeutig, wenn er dreimal von „kommerziell“ spricht. Der Kontext weist aber auf eine Zustimmung zur rumänischen Position.
2 Ebenda, S. 2-4.
3 Ebenda, S. 4 f. Dies entsprach auch dem Begleitbrief der sowjetischen Führung vgl. oben.
4 Hacker 1983, S. 668. So begann Radio Free Europe nun systematisch über sowjetisch-rumänische Probleme zu berichten.
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Kooperation ist eine freiwillige Angelegenheit. Wir dürfen untereinander nur eine solche Kooperation vereinbaren, die für alle vorteilhaft ist. Wenn die Kooperation für eine der Seiten unannehmbar ist, wird sie unreal. Das ist vollkommen klar, und deshalb kann es darüber keine Konflikte und Unzufriedenheiten, ja nicht einmal Streit geben.“ Mehrfach betonte Chruschtschov, dass es - selbst wenn die rumänische Seite eine andere Position einnehmen würde - keinen Streit geben würde. Auch wenn der Aufbau des Sozialismus/Kommunismus eine internationale Angelegenheit sei, könne es derzeit nicht um eine wirtschaftliche Verschmelzung gehen. Dagegen würde man auftreten, da sie unter den gegenwärtigen Bedingungen keine reale Angelegenheit sei. Und es falle ohnehin schwer zu sagen, wann eine solche Fragestellung zeitgemäß und begründet sein würde. Produktionskooperation und gemeinsame Planung im RGW müssten „heute zweifellos auf nationaler Grundlage basieren. Das ist durchaus kein gemeinsamer Topf. Das ist eine Kooperation, bei der wir darüber übereinkommen, welche Arten von Maschinen und Erzeugnissen in welcher Menge in welchem Lande produziert werden (...). Eine solche Kooperation muss erfolgen auf der Grundlage der Berücksichtigung des Bedarfs der interessierten Länder und entsprechend den Prinzipien des gegenseitigen Vorteils. Genau genommen ist dies ein kommerzielles Geschäft, die Verbesserung des Handels, die Ausdehnung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen den Ländern.“ 1 Das Kernargument verband die Souveränitätsnorm mit dem „gemeinsamen Vorteil“.
Dies führte keineswegs zu einer Einigung. Die rumänische Seite ging zunächst nicht auf konkrete Streitfragen ein. Sie verteidigte ihr Recht, ja ihre „Pflicht“ zur Darlegung der Probleme vor einem ZK-Plenum. Die Führung könne Fehler machen, die Plenumssitzungen wiesen immer den richtigen Weg. Die etwas anmaßende Forderung Andropovs, dann eine ZK-Sitzung einzuberufen, wird ignoriert; das Recht, solch große Probleme mit einem „hohen Grad der Verantwortlichkeit“ zu behandeln, verteidigt. Man habe niemanden kritisiert und niemanden getadelt. Sei es nicht - prinzipiell - der richtige Weg, die aufgekommenen Probleme zu behandeln? Im folgenden ging die rumänische Seite - ausgelöst durch N. Ceausescu - sogar in die Offensive. Man selbst habe die Probleme nicht in die Öffentlichkeit getragen; dies seien andere gewesen. Die folgende Diskussion der „öffentlichen“ Darstellung der RGW-Fragen in den Partnerländern wie in Rumänien gleitet unmerklich zur entscheidenden Frage über, der Frage nach der Einheit des sozialistischen Lagers, der Einbeziehung Chinas. Die sowjetische Seite wird deutlich kritisiert, warum China (wie Korea und Vietnam) kein Mitglied des RGW sei. Dabei wurde der zentrale Topos der „Einheit“ aufgenommen und mehrfach gegen die sowjetische Auffassung gerichtet. Alles müsse getan werden, damit das sozialistische Lager wirklich ein Lager sei, so dass „unsere Einheit eine Einheit in allen Aktionen“ sei. Alle seinen am Sieg des sozialistischen Lagers interessiert. 2 Dies war eine klare Herausforderung der sowjetischen Führungsposition. Man müsse die Ursache finden, warum diese Länder kein Mitglied des RGW seien. Die rumänische Antwort folgte zu einem späteren Zeitpunkt der Diskussion, nicht zufällig von N. Ceausescu angesprochen. Dieser behauptete, unter Bezugnahme auf eine sowjetische Veröffentlichung, dort betrachte man China als ein unterentwickeltes Land, das verurteilt ist, ein unterentwickeltes Land zu bleiben. Für den RGW sei eine Reorganisation in Zonen geplant, in entwickelte sozialistische Zonen und rückständige sozialistische Zonen. Somit werde es im Sozialismus entwickelte und rückständige Zonen geben. Deshalb könnten einige Länder nicht im Rahmen des RGW kollaborieren. Diese Situation werde in der Zukunft ebenfalls existieren. Der rumänische Parteichef kommentierte dies verstärkend: „Dies ist eine sehr gefährliche Situation.“ Da nützte es auch nichts, dass Andropov nach dem entsprechenden
1 Chruschtschov an Gheorghiu-Dej v. 30.3.1963, S. 11 ff.; SAPMO BArch DY 30 3465, Bl. 60 ff.
2 Dieses Argument wurde drei Mal benutzt. Notiz der Gespräche im ZK der RAP mit J. Andropov am 3. 4. 1963, S. 7 f.; CWIHP: virtual archive, cited by the permission of the Woodrow-Wilson-Centre for scholars; http:// wilsoncenter.org/index.cfm
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Artikel fragte (was ignoriert wurde) und diese Auffassung als ungerecht und dumm bezeichnete. 1 Es stand also der Vorwurf im Raum, die Entwicklungsunterschiede im sozialistischen Lager sollten zementiert werden; die Chinesen waren damit Vorbild und potentielle Verbündete für einen Ostblock, der die Interessen der Entwicklungsländer berücksichtigte. Lassen sich konkrete Interessenkonflikte mit Rumänien nachweisen?
5.6.3 Konkrete Interessenkonflikte
Es muss nochmals auf die Frage zurückgekommen werden, ob es sich hier um eine Interessenpolitik der Rumänen handelte (Ebene 1), die auf eine „Benachteiligung weniger entwickelter Länder“ reagierte. 2 Immerhin wies Gheorghiu-Dej darauf hin, man verstehe, dass einige Länder gewisse Interessen hätten und Druck auf die Entwicklung im RGW ausübten. 3 Wenn man die Interessen der „Integrationisten“ so wahrnahm, musste dem eine rumänische Interessenpolitik gegenübergestellt werden. Tatsächlich sprachen die Rumänen eine ganze Reihe von Problemen an, die auch in der Literatur für verletzte rumänische Interessen stehen: Das Stahlwerk in Galati, das Projekt der Wasserkraftnutzung der Donau, die Förderung zwischennationaler Wirtschaftszonen. Hier spürte man sowjetischen Druck oder Widerstand. Dies wurde ergänzt durch eine Reihe allgemeinerer Probleme: die Überbewertung der westlichen Integration, eine Verzögerung der Abstimmung der Perspektivpläne von sowjetischer Seite wie Versuche einer Neudefinition souveräner Rechte im allgemeinen wie im RGW im konkreten.
Als Beispiel kann hier die sowjetische Initiative zur kollektiven Nutzung der Wasserkraft der Donau (Am „Eisernen Tor“) zur Energieerzeugung dienen. Dieses Beispiel zeigt die Höhe sowjetischer Ambitionen. Es handelte sich zugleich um den Versuch, den Nutzen „gemeinsamer Betreibe“ an einem konkreten Beispiel nachzuweisen. Die Grundmotivation lag in der Erhöhung der regionalen Elektroenergieerzeugung, um das Gesamtdefizit im RGW und die Forderungen an die UdSSR zu verringern. Somit hob der KPdSU-Chef die politische wie volkswirtschaftliche Bedeutung des Projekts hervor. Da diverse Versuche in dieser Hinsicht seit Januar 1956 versandet waren, kündigte Chruschtschov im Juni 1962 eine sowjetische Initiative in dieser Frage an. Die sowjetische Seite konsultierte sich mit Tito und konnte dessen „Interesse“ erreichen. Im März 1963 wurden alle Parteichefs im RGW nochmals schriftlich informiert. Die Frage sollte auf der Julikonferenz der Partei- und Regierungschefs diskutiert werden, um dem EKO entsprechende Anweisungen zur Beschleunigung des Projekts gegen zu können. 4 Die rumänische Seite antwortete darauf, dass die Erschließung der Wasserkraftressourcen für sie von „besonderem Interesse“ sei, sie multilaterale Lösungen und eine Behandlung der Frage auf der Julikonferenz jedoch ablehne. Vor allem wandte sich die RAP-Führung gegen jede Form gemeinschaftlichen Eigentums. „Eine solche Form des gemeinschaftlichen Eigentums würde den Donauländern (...) keinerlei zusätzliche Energiemengen bringen. Das einzige, was sich außer der Verletzung der Souveränität daraus ergeben würde, wäre eine Umverteilung der den betreffenden Ländern gehörenden Energie zugunsten solcher Länder, die keine entsprechenden Ressourcen besitzen.“ Hier sind die beiden wichtigsten Argumente zusammengefasst: Rumänien verbrauche pro Kopf sehr wenig Energie im Vergleich zu den anderen RGW-Ländern und müsse dies im Interesse seiner Entwicklung unbedingt steigern. Die Verfügung über die
1 Ebenda, S. 11 f.
2 Hacker 1983, S. 673.
3 Notiz der Gespräche im ZK der RAP mit J. Andropov am 3. 4. 1963, S. 8; CWIHP: virtual archive, cited by the permission of the Woodrow-Wilson-Centre for scholars; http:// wilsoncenter.org/index.cfm
4 Chruschtschov an Ulbricht v. 7.3.1963; SAPMO BArch Dy 30 3483, Bl. 11ff. Nach einem Beschluss der VII. Ratstagung im Mai 1956 beschäftigten sich mit dieser Frage diverse Ständige Kommissionen des RGW.
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Energieerzeugung wird als - unteilbares - souveränes Recht aufgefasst: „Kein Staat darf aus der Lage der Donauländer das Recht auf die Missachtung der Souveränität eines anderen Donau-Anliegerlandes ableiten oder sich für befugt halten, Mitinhaber eines Wasserkraftwerkes zu werden, das ihm auf Grund der Souveränität nicht gehören kann.“ Selbst wenn man die rumänische Auffassung voraussetzt, dass eine uneingeschränkte nationale Planungskompetenz zu den substanziellen Bestandteilen von Souveränität gehört, erscheint diese Forderung nach einer „skrupulösen Beachtung des Prinzips der Souveränität“ keineswegs als eine selbstverständliche Auslegung des Souveränitätskonzepts. 1 Eine Minoritätsbeteiligung hätte die Planungskompetenz kaum eingeschränkt, zumal die Betriebe kaum über Planungsrechte verfügten. Eine festgelegte Abführung von Produkten, die der nationalen Planung somit entzogen wären, gleicht eher einer vertraglichen Verpflichtung.
Zur Entscheidung dieser Frage spielten negative Anreize keine erkennbare Rolle: Die sowjetische Seite betonte zwar, dass sie trotz einer Beschneidung des eigenen Bedarfs die Bedürfnisse der Partner nicht befriedigen könne; dies war aber weit entfernt von der Drohung, bei ungenügenden Eigenleistungen und Zusammenarbeit der Partner die sowjetischen Lieferungen zu kürzen. Der Verweis auf eine „gemeinsame Ideologie“ und ein „gemeinsames Ziel“ spielt bestenfalls eine unterstützende Rolle. Eindeutig dominant war der Verweis auf den Nutzen der Kooperation für alle Beteiligten. Die Gemeinsamkeiten der sozialistischen Länder erleichterten die gegenseitig vorteilhafte Kooperation: „Aber auch zwischen den sozialistischen Ländern erfolgt eine solche Zusammenarbeit auf kommerzieller Basis.“ Dies ist ein deutliches Zeichen dafür, dass die Mechanismen auch aus sowjetischer Sicht deutlicher auf den unteren Ebenen wirken sollten, das heißt auf der Basis des „gegenseitigen Nutzens“. 2 Verpflichtungen, die nicht auf einem solchen engeren Nutzenkalkül beruhten, empfand man zu diesem Zeitpunkt als Belastung.
Bestimmte dieser Trend auch die rumänische „Interessenpolitik“? Zunächst entspricht die Behauptung, dass im RGW die Niveauunterschiede für alle Zeiten eingefroren werden sollten weder den offiziellen Deklarationen noch der praktischen Politik. Wie bereits gezeigt wurde, sahen selbst Länder wie die CSSR und DDR, denen eine zu geringe Hilfe für Rumänien vorgeworfen wurde, wachsende Maschinenlieferungen aus Rumänien vor. Dass die verstärkten Ansätze der Kooperation seit Herbst 1962 (bilateraler Wirtschaftsausschuss) stagnierten, lag wohl auch an der „Zurückhaltung“ der rumänischen Seite. 3 Auch die zunehmende Zurückhaltung im Rahmen der „TWZ“ war vor allem auf die rumänische Politik des Nachbaus von Maschinen und Anlagen zurückzuführen, die man gegenüber östlichen wie westlichen Handelspartnern praktizierte. Zudem war Rumänien im RGW noch weitgehend isoliert und nahm selbst den potentiellen Bündnispartner Bulgarien als Befürworter einer Integrationspolitik wahr. 4 Etwas später wandte sich die rumänische Seite sogar direkt gegen eine RGW-geleitete Hilfe für den bulgarischen Maschinenbau, da man dem EKO nicht „die Rolle eines Vormundes bei der Entwicklung des Maschinenbaus in Bulgarien übertragen könne. Man könne nicht die Partei- und Staatsführung eines Landes ersetzen.“ Wie bereits
1 Gheoghiu-Dej an Chruschtschov v. 15.3.1963; SAPMO BArch DY 30 3465, Bl. 12ff., v.a. 18ff.
2 Ebenda, S. 5ff., Bl. 54ff.
3 Kritisiert wurde nicht die Entwicklung eines rumänischen Maschinenbaus und ambitionierter Exportziele, sondern die Entwicklung eines nahezu identischen Produktionsprofils wie in den entwickelten Ländern. Zur Haltung der Rumänischen Volksrepublik zur Internationalen Zusammenarbeit. (nach Juli 1963); BArchB DY 30 3483, Bl. 98 f.
4 Notiz der Gespräche im ZK der RAP mit J. Andropov am 3. 4. 1963, S. 6 u. 11; CWIHP: virtual archive, cited by the permission of the Woodrow-Wilson-Centre for scholars; http:// wilsoncenter.org/index.cfm
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gezeigt, war eigentlich nur das angemessene Ausmaß und Tempo der Industrialisierung strittig. 1
Die sowjetische Seite zeigte durchaus Kompromissbereitschaft in Einzelfragen. Man seheabgesehen von den zwischenstaatlichen Produktionsvereinigungen - keinerlei Dissens und werde Rumänien in allen neuen Problemfragen unterstützen. Der sowjetischen Seite ging es auch gar nicht so sehr um die Einzelfragen, sondern um ein Problem angemessenen Verhaltens. Ähnlich wie in Polen im Oktober 1956 betonte Andropov, dass das ZK der RAP das ZK der KPdSU über ihr Vorgehen informieren sollte. „Aber das ist eure Sache. Das ist es, was uns besorgt macht. Ich sage ihnen ernsthaft, das macht uns besorgt.“ 2 Dagegen sah die rumänische Seite sowjetische Züge wie die von DDR, CSSR und VRP stets als Einheit und kaum als Einzelproblem, das durch Diskussionen oder Kompromisse gelöst werden könnte. Mehrfach wurde betont, dass ein „breiter Kreis von Fragen“ existiere und „reif für ernsthafte Betrachtung“ sei. 3 Dabei wurde aber vor allem der „Kreis“ gesehen und nicht die Einzelfrage. Bereits die Differenziertheit der Einzelprobleme - neben den hier diskutierten Wirtschaftsproblemen auch ideologische und außenpolitische Fragen 4 - weist nicht auf konkrete Interessenkonflikte, sondern auf ein übergreifendes Konfliktschema. Gheorghiu-Dej deutet an einer Stelle sogar den Vorwurf an, Einzelprobleme könnten als Druckmittel genutzt werden: Es gäbe Probleme, über die sich die Menschen Sorgen machten; sie glauben möglicherweise, dies sei so wegen der unterschiedlichen Auffassungen zur zentralen Planung und anderer Probleme; als ob die Genossen dies absichtlich als Vorwand nähmen, Dinge langsamer zu tun. „Es ist möglich, dass sie so denken. Ich denke, dies ist dumm. Dies ist der Weg, wie ich die Dinge sehe.“ 5 Wie immer man dies deutet, es ist ein Zeichen für deutliche Vertrauensverluste.
Es kann natürlich ohne Quellen der sowjetischen Seite nicht ausgeschlossen werden, dass Einzelfragen (wie Lieferungen für die Donauwasserkraftwerke) als Druckmittel gegen die rumänische Position genutzt wurde. Es gibt aber noch keine Belege dafür, dass die sowjetische Seite ein bewusstes linkage zwischen den Sachbereichen herstellte; dies sind rumänische Vermutungen oder Anschuldigungen. Dies zeigt zudem, dass die Logik des Angemessenen gegen sowjetische Druckmittel etabliert war. Die meisten rumänischen Probleme dürften jedoch auf einem etablierten Wahrnehmungsmuster beruht haben: Probleme beruhten auf einer bewussten Benachteiligung der rumänischen Seite. Nicht nur Rumänien empfand die sowjetischen Lieferungen wichtiger Rohstoffe, gerade von Eisenerz und Walzstahl, als unzureichend und spürte eine Einschränkung gegenüber den Versprechungen aus der euphorischen Phase bis Anfang der 60er Jahre. Nicht nur Rumänien spürte Widerstand gegen neue Stahl- und Walzwerke; auch die DDR musste ihr Projekt eines neuen Kaltwalzwerks gegen Widerstand durchsetzen. Dabei ging es nach Aussage von Chruschtschov mitunter heiß her. 6 Für die Nutzung der Wasserkraft der Donau besaß die UdSSR ein Eigeninteresse, die Senkung ihrer Kohlelieferungen. Sie wollte diese Frage deshalb - allerdings als kollektives Problem - auf die Agenda setzen. 7
1 Leuschner an Ulbricht v. 2.5.1963 (Information über die 5. Sitzung des EKO); SAPMO BArch DY 30 3421, Bl. 38.
2 Notiz der Gespräche im ZK der RAP mit J. Andropov am 3. 4. 1963, S. 9 f.
3 Ebenda, S. 6 f.
4 Militärhistoriker vermuten beispielsweise im einseitigen Handeln der SU in der Kubakrise im Oktober 1962 einen Auslöser des Konflikts. Ionescu 2004, S. 67 f.
5 Der Bezug dieser Äußerungen ist jedoch nicht völlig klar, da zuvor davon die Rede war, dass die rumänische Seite Fragen verzögert. Notiz der Gespräche im ZK der RAP mit J. Andropov am 3. 4. 1963, S. 15; CWIHP: virtual archive, cited by the permission of the Woodrow-Wilson-Centre for scholars; http:// wilsoncenter.org/index.cfm
6 So bei den oben zitierten Gesprächen im Eisenhüttenkombinat Ost.
7 So Chruschtschov bereits im Februar vor dem EKO. SAPMO BArch DY 30 3420, Bl. 30 f.
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Die von der rumänischen Seite als Zeichen für sowjetischen Druck gewertete Verzögerung der Planabstimmung betraf alle Länder 1 und war wohl eher ein Zeichen für wirtschaftliche und organisatorische Probleme in der UdSSR. Negative Konsequenzen waren jedenfalls keineswegs auf Rumänien beschränkt. Andropov begründete dies - wohl zurecht - mit der Umstellung des sowjetischen Planungsapparats. 2 Es gibt also keinen Beleg für eine bewusste Benachteiligung der rumänischen Seite und die Nutzung wirtschaftlicher Sanktionen gegen Rumänien. Auf rumänischer Seite wurde solche Einzelprobleme jedoch in das „antihegemoniale“ Gesamtschema eingefügt. Das zentrale Symbol dieses Schemas war der Begriff der Souveränität.
5.6.4 Souveränität als zentrales Symbol
Die Frage, wie dieses Konzept die RGW-Entwicklung beeinflussen würde, war latent. Die Ergebnisse der Krise von 1956 wie die Bemühungen um „antiimperialistische Bewegungen“ hatten den Begriff etabliert und mit einem hohen symbolischen Wert versehen. Seine Bedeutung im wirtschaftlichen Bereich blieb aber vage. Besonders die rumänische Seite hatte ihn aber gerade hier spätestens seit 1960 immer wieder angesprochen. 3 Wenn hier der RGW als eine „Organisation souveräner Staaten“ charakterisiert wurde, bedeutete dies jedoch nicht, dass es das zentrale Symbol im Rahmen der „Prinzipien“ darstellte. Der Geist des „proletarischen Internationalismus“ war - auch bei China und Rumänien - noch wach. 4 Bei der Formulierung der rumänischen Bedenken gegen „bestimmte weitgehende Formen der internationalen sozialistischen Arbeitsteilung“ näherten sich Interessenbegriff und Souveränität stark an. 5 Sie wurden nahezu zu einem Synonym. Das „Vorbild“ war hier die
1 Vgl. Die Äußerungen Novotnys hierzu. Es fehlten bei den meisten Partnern „klare Vorstellungen über ihre Perspektivpläne“. Bericht über die Verhandlungen zwischen Ulbricht und Novotny in Prag (v. 22.4.1963); SAPMO BArch DY 30 3615, Bl. 10.
2 In einer Beratung des EKO mit den Vorsitzenden der SPK wurde von sowjetischer Seite vorgeschlagen, statt auf die Koordinierung der Generalperspektive sich zuerst die Abstimmung der Pläne für 1966 bis 1970 zu konzentrieren. Dies mag sinnvoller gewesen sein, als ein Abstimmungsversuch bis 1980. Allerdings wiesen einige Teilnehmer darauf hin, dass sie über kein anderes Material als das für die Generalperspektive verfügten. Dieses enthielt aber oft nur „erste Erwägungen“ über den Zeitpunkt bis 1970. Zudem wollte die sowjetische Seite die zweiseitigen Konsultationen zu den Perspektivplänen bis 1970 nicht vor dem 2. Halbjahr 1964 durchführen und die Planprojekte der Länder dem RGW erst Ende 1964 einreichen. Dies war Ausdruck innerer Wirtschafts- und Planungsprobleme der UdSSR und bedeutete eine geringe Planungssicherheit für die Partnerländer. Die bereits erfolgten Konsultationen mit den anderen Partnern waren damit weitgehend wertlos geworden. Die Chancen für eine tatsächliche Plankoordinierung hatten sich deutlich vermindert. Information Schürers über die Beratung des EKO mit den Vorsitzenden der SPK am 24. u. 25.4.1963 in Moskau; SAPMO BArch DY 30 3421, Bl. 5f. Die DDR plante dennoch in bilateralen Konsultationen zur Generalperspektive im April/Mai 1963 ihre Wünsche anzumelden, obwohl die sowjetische Seite nur auf der Basis der im Jahre 1960 ausgearbeiteten Materialien verhandeln konnte. Information Schürers über ein Gespräch mit Lomako, 26.4.1963; ebenda, Bl. 8f. Die Rückschau zeigt jedoch die gravierenden Folgen: „Mit dieser Veränderung wurde die Koordinierung auf ein volles Jahr verschoben. Das bedeutete, dass die Länder ihre Planungsarbeit umstellen mussten, dass die Behandlung solcher Grundfragen wie z.B. die Spezialisierung der Produktion, die Lösung des Energie- und Rohstoffproblems ebenfalls aufgeschoben wurde und dass für die mehrseitige Koordinierung der Pläne bis 1970 praktisch kaum noch Zeit verblieb.“ Einige Probleme der Zusammenarbeit der Länder im Rahmen des RGW in den letzten zwei Jahren, ausgehend von den auf der Parteiberatung im Juni 1962 gegebenen Richtung zur Vertiefung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit v. 30.3.1964, S. 8; BArchB DC-20 11058, o.Bl.
3 Vgl. oben S. 45 u. 57.
4 Hier werden Rechtsgleichheit, nationale Unabhängigkeit, territoriale Integrität, gegenseitiger Vorteil wie die brüderliche und genossenschaftliche Hilfe genannt. I. Margineanu: Die Bedingungen der ökonomischen Hilfe der SU und der ökonomischen Zusammenarbeit mit den sozialistischen Ländern für den Aufbau des Sozialismus in der RVR.- in: Probleme Economice, 12 (1960); zit. nach PAAA MfAA d. DDR C 1598, Bl. 119, 121 u. 132.
5 Stellungnahme zum Dokument „Grundprinzipien der internationalen sozialistischen Arbeitsteilung“ (SPK); BArchB DE-1 3454, Bl. 51. Mao betonte mehrfach, dass Patriotismus und Internationalismus in den
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chinesische Außenpolitik, die sich selbst in internationalen Krisen am Rande des Krieges auf ihre Souveränität berief und damit versuchte, das institutionelle Gefüge zu ändern. 1 Die Übertragung des Konzepts auf die Planwirtschaften musste das Problem verstärken. Manchen Spitzenfunktionären war dies längst als Grundsatzproblem bewusst. Bereits im September 1959 bemerkte E. Apel auf einer Sitzung der Wirtschaftskommission des SED-Politbüros zu RGW-Fragen: „Das Problem (...) ist sehr, sehr kompliziert. Die Frage ist die, am Ende brauchen wir eine Plankommission des sozialistischen Lagers, und dort wird bestimmt und entschieden, nur kommen wir ein kleines bisschen mit der Souveränität der Länder durcheinander (...).“ 2 Tatsächlich begann Chruschtschov im Juni 1962 den Souveränitätsbegriff im Vergleich zu modifizieren. Man dürfe nicht fürchten, in einzelnen Fällen partielle Interessen dem Gesamtinteresse zu opfern. Wenn schon die kapitalistischen Länder Teilbeschränkungen ihrer Souveränität im Kampf gegen den Kommunismus in Kauf nähmen, so müssten die sozialistischen Länder, an deren Spitze
Kommunisten/Internationalisten stünden, um so mehr stets vom gemeinsamen Interesse ausgehen. Allerdings sei er weit davon entfernt, die Einrichtung eines „Gemeinschaftskessels“, die vollständige und sofortige Verschmelzung der nationalen Produktivkräfte vorzuschlagen. 3 Zudem hatte die sowjetische Seite hier bereits gegengesteuert. Es wurde bereits erwähnt, dass Ratssekretär Faddejew Ende 1962 die „volle Souveränität“ der Mitgliedsstaaten hervorhob. 4
Andererseits stellte sich hier die Frage, wie stabil die neuen Normen, die sich 1956 herauskristallisiert hatten, noch waren. Diese Frage stellte sich bereits bei der Ausarbeitung der Grundprinzipien. Der Entwurf brachte ja eine Aufzählung der „Prinzipien der vollen Gleichberechtigung, der gegenseitigen Achtung der Unabhängigkeit und Souveränität, der brüderlichen gegenseitigen Hilfe und des gegenseitigen Vorteils“. Dies bedeutete eine starke Anlehnung an das Normensystem der sowjetischen Erklärung vom 30. Oktober 1956. Fasst man Souveränität nicht als unveränderliche staatsrechtliche Norm, sondern als künstliche und historisch bedingte Institution, so ist eine Neudefinition ihres Inhalts wie ihrer Geltung durchaus denkbar. Einerseits: „There are of course occasions when things are not taken for granted and sovereignty is anything but habitual. (…) Sovereignty, in that respect, should be understood as an institution which is peridiodically renovated to respond to new historical circumstances.” 5 Souveränität ist inneren Wandlungen und Anpassungen ausgesetzt, aber auch Bedrohungen von fundamental anderen institutionellen Arrangements. Andererseits: Eine Welt ohne Souveränität „would be significantly different and in all likelyhood, it would be fundamentally different“. Wenn Großmächte Souveränität anerkennen, können sie nicht mehr als Hegemon im klassischen Sinne des Worts aufgefasst werden. 6 In unserem Sinne: Souveränität begrenzt die Hierarchie eines Systems. Anerkennung, Neudefinition oder Ablehnung sind die Optionen der Akteure. In der kommunistischen Theorie wurde die erste Möglichkeit auch explizit anerkannt: Souveränität besitze einen Klassencharakter, sozialistische Souveränität besitze „prinzipielle Unterschiede“ zur imperialistischen. Der
sozialistischen Ländern zu einem Ausgleich kommen könnten. So im Oktober 1938 oder auf der Novemberkonferenz 1957 (Rede v. 6.11.1957).
1 So in der Quemoy-Krise vom August 1958. Typisch für solche Situationen war wiederum, dass die sowjetische Seite vor allem die fehlende Abstimmung beklagte, China dagegen die Souveränität einseitig auslegte. Immerhin ging es hier ja um eine Bündnisfrage, die zum Krieg führen konnte und somit durchaus Abstimmung im Bündnis verlangte. Vgl. Zubok/ Pleshakov 1996, S. 220 ff.
2 Protokoll der VII. Sitzung der Wirtschaftskommission des SED-Pb v. 25.9.1959; SAPMO BArch DY 30 IV
2/2.101/11, Bl. 86.
3 Rede des Genossen N.S. Chruschtschov auf der Beratung (...) Juni 1962, S. 66-68; SAPMO BArch DY 30 3481.
4 Ribi 1970, S. 168, Ahrens, S. 153.
5 Jackson 1999, S. 433; vgl. auch Krasner 2001; Barkin/ Cronin 1994.
6 Jackson 1999, S. 432 f. u. 441.
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Charakter der Souveränität sozialistischer Staaten sei insbesondere durch ihren internationalistischen Charakter bestimmt; ihr liege das Prinzip des
proletarischen/sozialistischen Internationalismus zugrunde. 1 Dies bedeutete jedoch keineswegs, dass in der politischen Praxis ein akzeptierter „sozialistischer“ Souveränitätsbegriff vorhanden war. Gerade im wirtschaftlichen Bereich war dieser dringend definitionsbedürftig. Diese Lehrstelle nutzte die rumänische Seite zu einer eigenen Interpretation.
Birladeanu nahm hierzu auf der 4. EKO-Tagung dezidiert Stellung: Dabei kommt die wirtschaftspolitische Spielart des rumänischen Souveränitätsbegriffes zum Ausdruck - die Planungssouveränität. Allerdings wird hier weniger normativ/staatsrechtlich als wirtschaftspraktisch argumentiert. Dank der Natur der sozialistischen Gesellschaft sei die Planung ein unantastbarer Bestandteil der Souveränität des sozialistischen Staates. Dabei operiere er aber - so Birladeanu - „nicht mit juristischen Ausdrücken, sondern als Wirtschaftler, Praktiker und politischer Mitarbeiter ebenso wie alle, die wir hier anwesend sind und wissen, dass wir dieses Instrument der Souveränität täglich konkret zu jedem Zeitpunkt ausnutzen“. Hierin dürfte bei den Ländervertretern durchaus Übereinstimmung geherrscht haben, eine Übereinstimmung, die „supranationale“ Kompetenzen stets begrenzen musste. Dabei war es eben nicht - wie es für die rumänische Seite den Anschein hattegleichgültig, „was das auch für ein Organ sein mag und in welchem Range es gebildet werden soll“. Dahinter liegt dann doch ein Souveränitätsbegriff, der eben nicht pragmatisch gedacht war, sondern total. Hinzu kamen Zweifel an der Kompetenz eines solchen Organs, nationale Fragen richtig einschätzen zu können, die politische Verantwortung gegenüber der eigenen Bevölkerung, die man nicht delegieren könne, vor allem aber die mangelnde Fähigkeit übergeordneter Pläne angesichts „unterschiedlicher spezifischer Interessen der Länder“ wie des unterschiedlichen Entwicklungsniveaus diese Interessen ausreichend zu berücksichtigen. Dies werde nicht zur Festigung der Einheit beitragen, sondern zu Missverständnissen und Unzufriedenheit, die dem Geiste der Einheit nur Schaden zufügten. 2 Dies ist ein Hinweis auf weitergehende institutionalistische Probleme; es spiegelt sich darin aber auch ein uneinheitlicher Souveränitätsbegriff.
Mit der zitierten Frage an Chruschtschov spitzte Birladeanu die Frage auf die Gegensätze zu: Souveränität oder verstärkte Planungsbemühungen im RGW. Chruschtschov antwortete zunächst, dass „die einheitliche Planung in voller Übereinstimmung mit der Souveränität der Länder verwirklicht werden muss“. In der UdSSR sei das bei der Planung für die Unionsrepubliken anders, da „wir ein Staat sind, einheitliche Währungen, Preise usw. haben. (...) Für die Wirtschaftsbeziehungen mit den sozialistischen Ländern steht nicht die Frage der Verschmelzung in einen Staat. Die Planung muss in jedem Lande erfolgen. Gemeinsam werden wir die Produktion vereinbaren und jeder wird auch das zahlen, was er zu zahlen hat. Wir werden keinen gemeinsamen Topf haben, (...) auch keinen gemeinsamen Topf für den Lebensstandard, aus dem wir alle mit gleichen Löffeln schöpfen können. Solche Bedingungen sind noch nicht herangereift.“ Der KPdSU-Chef verknüpfte also die zu vollziehende Wirtschaftsgemeinschaft mit dem zuvor zu erreichenden Ausgleich der Niveauunterschiede. Dies hätte einen Formelkompromiss mit der rumänischen Seite bedeuten können; es zeigte sich aber auch die Bemühungen der sowjetischen Führung um Selbstentlastung, die mit der Souveränität legitimiert werden konnten. 3 Die wirtschaftlichen
1 Kleines Politisches Wörterbuch.- Berlin: Dietz, 1978, S. 788 f.
2 Stellungnahme des Vertreters der Volksrepublik Rumänien im EKO, Birladeanu, zu Fragen der Bildung eines einheitlichen Planungsorgans (Februar 1963); SAPMO BArch DY 30 3417, Bl. 8ff.
3 Notizen über die Beratung (der Mitglieder des EKO) beim Genossen Chruschtschov am 20.2.1963; SAPMO BArch DY 30 3420, S. 14 ff., Bl. 31 ff.
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Probleme der UdSSR zeitigten somit ambivalente Folgen für den RGW: Einerseits dürften sie ein Motiv für die verstärkte Plankoordinierung gewesen sein; andererseits verstärkten sie die Akzeptanz des nationalen Vorteils als „Prinzip“ und verkoppelten ihn mit der Symbolkraft der Souveränität. Dies resultierte sicher auch aus den Handlungsweisen sowjetischer Wirtschaftseliten. 1 Auf die Frage Gomulkas, ob die UdSSR Halbfabrikate zu Weltmarktpreisen oder Selbstkosten liefern werde, antwortete Chruschtschov klar in diesem Sinne: „Das ist eine Frage der nationalen Souveränität. (...) Jawohl, so wird es vorläufig noch sein, dass das Land, welches über Reichtümer verfügt, auch über den Vorteil, der sich daraus ergibt, verfügen wird. Wenn wir auf dieses Prinzip verzichten, würde sich ergeben, dass alle Länder ihre Ware an uns zu Weltmarktpreisen verkaufen, wir jedoch allen Ländern unser Euter zur Verfügung stellen, damit sich alle voll saugen können.“ 2 Damit zog die SU ein Stück weit mit der RVR „an einem Strick“, gab aber zugleich einen erheblichen Teil ihrer Führungskraft im RGW preis.
Die Signale an Rumänien waren jedenfalls deutlich: „Wir müssen die Kooperierung durchführen auf der Grundlage der Souveränität eines jeden Landes. Wenn wir nicht von der Souveränität ausgehen, wird es auch keine Interessen an der Kooperation geben. Die Bedingungen für die Verschmelzung der Staaten sind noch nicht herangereift und wer heute danach drängt, den werden wir bremsen.“ 3 Chruschtschov hatte Souveränität in ihrer nationalstaatlichen Variante als Prinzip anerkannt, für die ferne Zukunft aber eine Neudefinition im Sinne eines Einheitsstaates suggeriert. Damit hatte er den etablierten Schemata und Normen (einschließlich der „conservative bias“ von Souveränität 4 ) entsprochen, aber auch der grundsätzlich dynamischen Komponente kommunistischer „Weltanschauung“ Genüge getan. Ersteres drohte die Hierarchie zu begrenzen; zweiteres drohte die Befürchtungen vor radikalen Veränderungen zu verstärken. Die Verbindung dieser Perspektiven blieb jedenfalls eine Leerstelle mit gravierenden institutionalistischen Folgen.
Das darauf reagierende rumänische Wahrnehmungsmuster implizierte eine extreme Auslegung des Souveränitätsbegriffs. Dieser verwechselte oder verschmolz politische und rechtliche Dimensionen, übertrug die Totalität der Rechtsnorm auf das politische/ wirtschaftliche Handeln und schränkte letzteres damit fundamental ein. Er wird nun explizit gegen Neuansätze im RGW gestellt. Dabei ging die Auslegung der Souveränität, der Planungssouveränität so weit, dass gemeinsame Unternehmen mit diesem Prinzip unvereinbar erschienen. 5 Der Schild der Souveränität wurde somit auch in der Frage der Donaukraftwerke genutzt. Dass es sich hier um eine Ausweitung und Überdehnung des Souveränitätsbegriffs handelt, zeigt sich nicht nur daran, dass die rumänische Seite „gemeinsames Eigentum“ gegen die Auslegung der anderen Länder unterstellt; es zeigt sich
1 Im folgenden Beispiel berichtete Chruschtschov über seine Frage an ukrainische „Wirtschaftler“, warum man Eisenerz nach Polen transportiere statt Roheisen. Diese „antworteten“, dass die UdSSR so bei Weltmarktpreisen im Vorteil sei. Chruschtschov übernahm das Argument.
2 Rede N.S. Chruschtschovs (am 24.7.1963); SAPMO BArch DY 30 3483, Bl. 165.
3 „Wir als Kommunisten verstehen natürlich, dass wir zu einem einheitlichen Staat und zur Liquidierung der Grenzen kommen werden und in politischer Hinsicht reift dafür schon jetzt das Verständnis. Aber ökonomisch sind wir noch nicht so weit. Auch hier gilt noch das Prinzip: jeder nach seinen Leistungen.“ Chruschtschov lehnte nicht nur weitere Hilfen für diesen Niveauausgleich ab, sondern auch die Abnahme von Produkten, die unrentabel wären. Zudem wurde ein gewisser Kostenausgleich im militärischen Bereich gefordert, der sich vor allem gegen die rumänische Seite richtete. Notizen über die Beratung (der Mitglieder des EKO) beim Genossen Chruschtschov am 20.2.1963; SAPMO BArch DY 30 3420, S. 14 ff., Bl. 31 ff.
4 Jackson 1999, S. 434.
5 Notiz der Gespräche im ZK der RAP mit J. Andropov am 3. 4. 1963, S. 12; CWIHP: virtual archive, cited by the permission of the Woodrow-Wilson-Centre for scholars; http:// wilsoncenter.org/index.cfm
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auch bei der Anspielung auf die sowjetischen Aktiengesellschaften in Rumänien. 1 Dabei ging die rumänische Auslegung über die Interpretation der anderen deutlich hinaus, wenn sie diese Betreibe als „gemeinsames Eigentum“ betrachtete. Mit der Anspielung auf die sowjetischen Aktiengesellschaften der Nachkriegszeit weckte man Ressentiments gegen
Fremdbestimmung und Ausbeutung. Nur Formen, die keine „Verletzung der Souveränität“ mit sich brächten, würden von der rumänischen Seite unterstützt. 2 Politische und normative Argumente verschwammen: Souveränität wird zu einem Synonym für nationales Vorteilskalkül. 3
Das rumänische Souveränitätsverständnis war keineswegs allgemein akzeptiert. So konnte diese Frage eine Diskussion auslösen, was ein angemessenes Verständnis von Souveränität im Ostblock ausmacht. Chruschtschov zeigte sich mit der rumänischen „Auslegung“ der sowjetischen Vorschläge keineswegs einverstanden. Diese hätten bei ihm das „Gefühl der Verwunderung und Besorgnis hervorgerufen“. Er hätte den Eindruck, dass die sowjetischen Initiativen „etwas eigenartig interpretiert werden, und dabei scheint es, als werde ein Schatten auf unsere guten Absichten geworfen“. Dem KPdSU-Chef ging es aber nicht um eine Diskussion eines angemessenen Souveränitätsbegriffs und angemessener Formen wirtschaftlicher Zusammenarbeit; dieses Problem ignorierte der praktisch, aber kaum systematisch denkende Chruschtschov einfach und behandelte den Souveränitätsbegriff als gegeben. Es ging vor allem darum, dass die sowjetischen Vorschläge der Souveränitätsnorm nicht widersprachen. Der eigene Vorschlag sei von den besten Absichten diktiert gewesen; er schließe vollkommen irgendwelche eigennützigern Ziele und Interessen der UdSSR aus. Für die rumänischen Zweifel bestehe kein Anlass. Die Fragen des Baus und der Kooperation könnten selbstverständlich nur von diesen Ländern selbst entschieden werden. Auch das Wasserkraftwerk an der sowjetisch-rumänischen Grenze, an dem die sowjetische Seite unmittelbar interessiert sei, könne nur in gegenseitigem Einverständnis gebaut werden. Ein einseitiger Beschluss sei ausgeschlossen. „Das wäre einfach undenkbar.“ Ähnliches gelte für ein Kraftwerk an der Grenze von CSSR und UVR: „Wer kann diese Frage entscheiden? Wiederum die Regierungen Ungarns und der Tschechoslowakei.“ Zwar waren die Souveränitätsbegriffe nicht identisch; akzeptiert war aber ein diffuser Souveränitätsbegriff als zentrales Handlungssymbol, der eine Einbettung der rumänischen Ansprüche ermöglichte. Die sowjetische Seite versuchte nicht, diesen Begriff zu diskutieren. Sie versuchte zu überzeugen. 4
Eine hierarchische Lösung durch die UdSSR wie durch den RGW wird von Chruschtschov ausdrücklich verneint. Eine Investitionsbeteiligung ohne Wechsel des Eigentümers könnte beide Seiten zufrieden stellen. Auch andere Formen der Kooperation wolle man nicht ausschließen. Die sowjetische Auffassung enthalte jedenfalls „keinesfalls irgendetwas Schlechtes“ und schließe „jeden Verdacht einer Schmälerung der souveränen Rechte Rumäniens oder irgendeines andren Donau-Landes aus“. Vorwürfe dieser Art behandelte Chruschtschov wie eine persönliche Beleidigung: „Ich sage ihnen geradeheraus - wir waren besonders erstaunt und betrübt, dass ein solcher Gedanke bei Ihnen auftauchen konnte, den wir stets für unsren nächsten Freund hielten und halten (...).“ 5 Dies verweist auf eine
1 Leuschner an Ulbricht v. 2.5.1963; SAPMO BArch DY 30 3421, Bl. 36. Dies war kaum mit den geplanten „gemeinsamen Betrieben“ zu vergleichen, selbst wenn diese „gemeinsames Eigentum“ geworden wären.
2 Die anderen Länder betrachteten diese Unternehmen als Formen gemeinsamer Investitionen und gemeinsamer Leitung, aber nicht gemeinsamen Eigentums. Leuschner an Ulbricht v. 2.5.1963 (Information über 5. Sitzung des EKO); SAPMO BArch DY 30 3421, Bl. 36.
3 Die sowjetischen Vorschläge würden der RVR bedeutende Teile ihrer Energieressourcen entziehen und die Entwicklungsunterschiede der Länder vergrößern. Gheoghiu-Dej an Chruschtschov v. 15.3.1963; SAPMO BArch DY 30 3465, Bl. 23.
4 Chruschtschov an Gheorghiu-Dej v. 30.3.1963, S. 1-3; SAPMO BArch DY 30 3465, Bl. 50-52.
5 Chruschtschov an Gheorghiu-Dej v. 30.3.1963, S. 1-3; SAPMO BArch DY 30 3465, Bl. 50-52.
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tiefliegende Akzeptanz des Souveränitätsanspruchs, dessen Verletzung relevante kognitive Kosten verursacht hätte. (Ebene 5) Die Mechanismen der Ebene 2-3, hier ergänzt um die Ebene 4 konnten dies nicht kompensieren..
Dies gilt um so mehr für jegliche Planungsorgane im RGW. Allerdings bedeuten nicht nur wirklich supranationaler Organe eine „Einschränkung der Souveränität“, sondern - wie Birladeanu vor dem EKO betonte - „diesen Bestandteil der Souveränität des sozialistischen Staates in der gegenwärtigen Etappe einem überstaatlichen oder außerstaatlichen Organ zu übertragen, was für ein Organ das auch sein mag, und in welchem Rang es gebildet werden soll.“ Aus Sicht der Partner würde sich Souveränität damit in einen rein juristischen Begriff verwandeln. 1 Damit konnte es keine Lösungen jenseits der vom Juni 1962 geben. Die Bekundungen des sowjetischen Parteichefs führten nicht zu einer Lösung der Konflikte; Andropov sah sich neuen rumänischen Angriffen ausgesetzt. Vor allem warf die rumänische Seite den sowjetischen Partnern vor, eine Neuinterpretation der „Idee der nationalen Souveränität“ zu versuchen. 2 Dagegen arbeitete sie selbst mit einer Überinterpretation der aktuellen Pläne: „Wie kann die Idee der Verteidigung der Souveränität mit dem Mehrheitsprinzip in Staatenbeziehungen vereinbart werden?“ 3 Die realen Konzepte wie die Praxis der Planabstimmung war von Mehrheitsentscheidungen aber weit entfernt. 4 Dabei zeigt die rumänische Argumentation auch innere Inkonsistenzen. Einerseits belegt sie ihre Besorgnisse auch mit Stimmen aus der sowjetischen Presse und bewertet diese als offiziöse Verlautbarungen. Die Einbeziehung von neuen Kooperationsformen in das RGW-Statut wird als Problem gesehen. Andererseits wird betont, dass Souveränität nicht nur in Deklarationen begründet liege, sondern vor allem in spezifischen Handlungen. 5 Beides jedoch wird gegen die klaren Bekundungen von Chruschtschov und auch Andropov gewendet, dass es keinerlei Einschränkungen der Souveränität gegen solle. Diese werden in Zweifel gezogen - unter Bezug auf Äußerungen niederer Funktionäre bzw. der Presse. (Dabei wird implizit gefordert, die KPdSU-Spitze möge ihr Meinungsmonopol doch strikter ausüben.) Die mehrfache Betonung Andropovs, dass Chruschtschov doch versichert habe, dass man keinen „gemeinsamen Topf“ wolle, führten nicht zu einem grundlegenden Einverständnis. Man stimme mit dem überein, was Chruschtschov zur Souveränität gesagt habe, aber neben Deklarationen gäbe es noch konkrete Aktionen. Andropov konnte keinen focal point produzieren und geriet deutlich in die Defensive: In den meisten Beiträgen werde die Frage von Souveränität und Unabhängigkeit unterstrichen. Die Tendenz zur Verschmelzung der Volkswirtschaften sei - laut Lenin wie Chruschtschov - keine unmittelbare Aufgabe. Zunächst werde sogar eine Stadium gestärkter Souveränität durchlaufen. Dies sei klar und es gäbe „keine Gründe für ein unterschiedliches Verständnis dieser Frage“. 6 Andropov bekräftigte dies als offizielle Position, symbolisch verankert als Äußerung des KPdSU-Chefs wie als Äußerung im Rahmen der „Bruderparteien“: „Wir haben unsere Position vor den Bruderparteien präsentiert, dass niemand auch nur den Schatten eines Zweifels haben kann; Ich denke, dieses Problem ist vollkommen klar.“ 7 Wenn es nach den zitierten Äußerungen immer noch Unterstellungen gab, die Souveränität werde mit den aktuellen RGW-Plänen verletzt, entsprach das weder der offiziellen sowjetischen Lesart noch
1 Dieser wäre damit teilweise oder vollständig des Hauptinstruments seiner Verwirklichung beraubt. Zur Haltung der RVR zur internationalen Zusammenarbeit (nach Juli 1963); SAPMO BArch DY 30 3483, Bl. 98.
2 Dies durch Ceausescu auf der Grundlage eines Beitrages in der sowjetischen Zeitschrift „Staat und Recht“.
3 So Bodnaras. Notiz der Gespräche im ZK der RAP mit J. Andropov am 3. 4. 1963, S. 12; CWIHP: virtual archive, cited by the permission of the Woodrow-Wilson-Centre for scholars; http:// wilsoncenter.org/index.cfm
4 Im ursprünglichen polnischen Konzept vom Frühjahr 1962 war eine solche Idee enthalten, aber nur für Verfahrensfragen und nicht für konkrete Planungsentscheidungen. Danach verschwand dies aus den Entwürfen.
5 Ebenda, S. 12.
6 Ebenda, S. 9.
7 Ebenda, S. 9.
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den konkreten Plänen. Es ist ein Zeichen gravierender Deinstitutionalisierung, vor allem deutlicher Vertrauensverluste. Dies besaß auch wesentliche emotionale Komponenten, so oft wie in der teilweise hitzigen Diskussion von Ruhe und Ernsthaftigkeit die Rede war, ja auch von Dummheit, „aufgeregten Menschen“ wie den „Nerven“ anderer. 1 In dieser Phase scheint die emotionale Besetzung dieser Fragen eine Höhepunkt erreicht zu haben. 2 Wie konnte ein gemeinsames Verständnis von Souveränität erreicht werden, wenn Partner vom rumänischen „Souveränitätsfimmel“ sprachen. Die Bedeutung des Symbols konnte reduziert werden; es konnte den Sachproblemen untergeordnet werden. 3 Zudem konnte es als Prinzip neben die Kooperation, den proletarischen Internationalismus, gesetzt werden. Die sowjetische Seite versuchte aber nicht, ein solches „ideologisches“ Gebilde zu verankern; sie versuchte nur allgemein auf die Vorteile der Kooperation hinzuweisen wie auf die Notwendigkeit der „Einheit“. Dies taten noch andere, für die Souveränität einen deutlich größeren innenpolitischen Faktor darstellte, Polen und die DDR. Wie zu zeigen sein wird, propagierte gerade Bulgarien eine Symbiose von „Zusammenarbeit“ und „Souveränität“. Ulbricht stellte hier im Juli 1963 die entscheidende Frage: „Wenn in letzter Zeit so viel über Souveränität gesprochen wird, so möchte ich fragen, um was für eine Souveränität handelt es sich eigentlich, Souveränität gegenüber wem?“ Ulbrichts Antwort war zunächst spezifisch im Sinne der „Störfreimachung“. Es gehe vor allem um eine Souveränität gegenüber dem „kapitalistischen Ausland“. Daraus folgt aber noch eine allgemeinere Aussage: „Auch durch die höhere Autorität des Rates bei der Koordinierung der Pläne wird die Souveränität der Mitgliedsstaaten des Rates keineswegs eingeschränkt. Wir sind der Meinung, dass durch die wirtschaftliche Stärkung des sozialistischen Lagers auch die Souveränität eines jeden sozialistischen Staates weiter gestärkt wird. Die Souveränität hängt doch in erster Linie von der ökonomischen Kraft des Landes ab. Über welche ökonomische Kraft würde aber ein sozialistisches Land, sei es die DDR oder Rumänien, ohne die Zusammenarbeit mit der sozialistischen Völkerfamilie verfügen?“ 4 Status und Inhalt von Souveränität konnten gerade in der Wirtschaft pragmatisch mit dem nationalen Interessenkalkül verbunden werden. Ulbrichts Hauptfrage, um was für eine Souveränität es sich handelte, blieb aber unbeantwortet. Es blieb bei einem diffusen Begriff, einem allgemeinen Synonym für nationale Unabhängigkeit und Interessenwahrnehmung. Dies beeinflusste die institutionelle Konfiguration erheblich. Fassen wir die Mechanismen kurz zusammen.
5.6.5 Mechanismen der Deinstitutionalisierung
Die unterschiedlichen Auslegungen des Souveränitätsbegriffs führten also nicht zu dem Versuch, ihn präziser zu definieren. Er war als Rahmen, als Meta-Schema akzeptiert; ohne jedoch den konkreten Inhalt zu füllen. Die sowjetische Fähigkeit, mittels der Ebene 5 (oder 3 als „Angebot“) den Ostblock zu integrieren, war bereits so schwach, dass auf diesem Weg die rumänische Position nicht zu überwinden war. Die versuchten institutionalistischen Mechanismen hatten sich deutlich zu den Ebenen 1 und 2 verschoben, auch weil die rumänische Seite mit ihrem Nutzenkalkül argumentierte. Dies wirkte sich auch auf die zukünftige Formulierung der grundlegenden Prinzipien aus. Im Beschluss der Parteikonferenz vom Juli 1963 folgte die „brüderliche und gegenseitige Hilfe“ den
1 Dabei ging es natürlich zuerst um die Emotionen der anderen. Ebenda, S. 13 ff. Bei Ceausescu könnte das Misstrauen gegenüber anderen, das später psychopathologische Züge annahm, bereits hier eine Rolle gespielt haben.
2 So berichtet im März/April 1963 Leuschner über rumänische Formulierungen wie „Agraranhängsel“, „Halbkolonie“ oder dass aus der Kooperation im RGW „nur die Deutschen, die Russen und die Tschechen Vorteile“ zögen. Ahrens 2000, S. 155.
3 So ein Vorschlag Ulbrichts; Rede Ulbrichts auf der Julikonferenz 1963, S. 14; DY 30 IV A 2/2.101 - 799.
4 Rede Ulbrichts auf der Julikonferenz 1963, S. 14 f.; DY 30 IV A 2/2.101 - 799.
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„Prinzipien der vollständigen Gleichberechtigung, der Achtung der Souveränität und der nationalen Interessen, des gegenseitigen Vorteils“. 1
Zugleich verfügten aber weder die UdSSR noch der RGW über die Fähigkeit, die Nutzenkalküle überzeugend abzubilden oder side payments zu liefern. Erfolgreich war die rumänische Position aber vor allem dadurch, dass sie sich „hart“ der gemeinsamen Symbole, der Mechanismen der Ebene 5 bediente, damit eine Institutionalisierung der Deinstitutionalisierung erreichte. Die Konflikte bleiben eingehegt. Was war die Konsequenz?. Die Organisationsentwicklung des RGW war bereits im Frühjahr 1963 erfolgreich blockiert. Der rumänischen Seite gelang aber nicht nur die instrumentelle Nutzung des Souveränitätsbegriffs zur Verteidigung ihrer Positionen; sie konnte durch ihn auch konkrete Regeln beeinflussen, vor allem die zentrale Regel der Interessiertheit. Souveränität wird in den Raum der interessengeleiteten Prinzipien eingebunden und bildet zugleich deren stärkste Verankerung. In der Folgezeit wurde dies auch in der sowjetischen Publizistik bestätigt. Die gemeinsame Planungstätigkeit stehe nicht nur in keinem Gegensatz zur „Festigung der nationalen Souveränität“; sie verlange sie sogar. 2 Damit war die Souveränität als fundamentales Handlungssymbol auf allen Ebenen bestätigt worden: Parteiöffentlichkeit, Wort des KPdSU-Chefs bis zur Spitzenkonferenz der Parteien. Hier war ein „konservatives“ Regime im entstehen, das langfristige Konsequenzen haben sollte.
Die institutionelle Konfiguration verband aber gerade diesen Trend zum Vorteilskalkül mit Unsicherheit und Divergenzen auf den Ebenen 3-5. Die sowjetischen Motive waren in doppelter Hinsicht ambivalent; die versuchte Selbstentlastung wies zugleich auf eine Verstärkung der internationalen Kooperation wie eine Verstärkung der Souveränität. Auch die handlungsleitenden Schemata zeigen dies. Sie wiesen in Richtung Kooperation und „Einheit“ des Lagers; gerade letzteres verstärkte aber wiederum die Verankerung der Souveränitätsnorm. Die sprunghafte Persönlichkeit Chruschtschovs spitzte diese inneren Widersprüche eher zu als sie auszugleichen.
Zudem soll hier wiederum argumentiert werden, dass es sich für die rumänische Seite nicht um eine Interessenpolitik auf Ebene 1 oder 2 handelte. Divergierende Schemata und fehlende institutionelle Mechanismen, die Unsicherheit kompensierten, führten zu einer divergierenden Interessenwahrnehmung, die wiederum durch eine instrumentelle Nutzung unterschiedlich ausgelegter gemeinsamer Symbole verfolgt wurde. Dafür ist „Souveränität“ das Paradebeispiel. Verstärkte sich dieser Kreislauf oder gab es Ansätze zu einer Reinstitutionalisierung?
5.6.6 Ansätze einer Reinstitutionalisierung
Die Deinstitutionalisierung zeigte sich auch bei dem von Andropov gewiesenen Auswegeinem Treffen der Parteiführer. Dabei gab es bereits ein deutliches Einlenken der sowjetischen Seite: Die Parteiführer sollten sich in „irgendeiner Form“ treffen. Wenn es für Gheorghiu-Dej zu schwierig sei, nach Moskau zu kommen, würde Chruschtschov auch seinen Urlaub unterbrechen und selbst nach Bukarest kommen. Es sei der ernsthafte Wunsch, dass man sich direkt in die Augen schaue und mit den besten Intentionen die Probleme löse. 3 Dies bedeutete, die stärkste Form der Mechanismen der Ebene 4 als „Lösung“ einzusetzen.
1 Beschluss der Beratung der Ersten Sekretäre (...), Juli 1963, S. 6; BArchB DC-20 11058, o.Bl.
2 So A. Alexejew; vgl. ebenda, S. 10 f. u. 23.
3 Notiz der Gespräche im ZK der RAP mit J. Andropov am 3. 4. 1963, S. 11; CWIHP: virtual archive, cited by the permission of the Woodrow-Wilson-Centre for scholars; http:// wilsoncenter.org/index.cfm.
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Die rumänische Seite behandelte dies dilatorisch: Natürlich müsse man sich treffen, aber man benötige Zeit zur Vorbereitung. Man werde sich treffen, wenn man damit fertig sei. 1 Trotz der insgesamt aufgeregten und wenig kompromissbereiten Atmosphäre blieben einige Rest von Gemeinsamkeit in Sprache und Habitus. Der rumänische Parteichef betonte die Verpflichtungen als Genossen und Internationalisten, die Verantwortung gegenüber dem eigenen Volk wie der internationalen kommunistischen Bewegung. Andropov betonte als letzten Satz - wohl etwas resigniert - man müsse das beste tun, um die Freundschaft zu stärken. Immerhin hatte Gheorghiu-Dej gegen Ende der Diskussion - rechte zusammenhanglos und überraschend - ein insgesamt positives Fazit versucht. Gewisse Differenzen könne es immer geben; aber im großen und ganzen seien die aufgekommenen Probleme alle gelöst worden. Was die Gesamtbeziehung betreffe, gäbe es keine Divergenzen, nicht einmal ein bisschen. Diese Äußerung passt kaum zum Gesamtkontext und ist somit schwer zu deuten. Waren für den alten Kommunisten die kognitiv-emotionalen Kosten eines Bruchs doch zu hoch? Immerhin betonte Gheorghiu-Dej kurz darauf, dass er es für dumm halte, wenn aufgekommene Divergenzen Rückwirkungen auf die Beziehung insgesamt hätten. Solch einen Gedanken könne er nicht m alles in der Welt akzeptieren. Oder spielte auch das Bewusstsein eine Rolle, auf die sowjetische Hilfe angewiesen zu sein: Man habe diskutiert, was notwendig sei, um auf eigenen Füßen zu stehen. Es gab auch eine Zeit, wo man gekommen sei und um mehr gebeten habe. „Nun ist das Problem, dass wir Hilfe brauchen.“ 2 Vage einigte man sich auf ein Treffen der Parteichefs. Nach der Diskussion wollte man gemeinsam essen. Wenige Tage später bekräftigte die sowjetische Seite nochmals schriftlich ihre Position. 3
Es gab also durchaus eine gewisse Basis für eine Reinstitutionalisierung auf verschiedenen Ebenen (1 + 4 + 5) Konnte nicht das angesprochene Treffen der Parteiführungen der Raum hierfür sein oder gar die geplante Konferenz der Partei- und Regierungschefs. Immerhin hatte man ja im Juni 1962 noch einen gemeinsamen Beschluss erreicht. Die Vermutung, dass die offenkundigen Fehlschläge der verschiedenen Bemühungen „ein Gipfeltreffen der Partei- und Regierungschefs zur Überwindung der herrschenden Meinungsverschiedenheiten notwendig machten“ 4 , ist somit nur teilweise richtig. Sicher sollten die Mechanismen der Ebenen 4 und 5 die Stagnation überwinden, nicht aber im Sinne der „Visionen“ einer gemeinsamen Planung, sondern im Sinne einer verbesserten traditionellen Plankoordinierung.
Die Literatur nimmt allerdings eine Verschärfung des Konflikts an: Weder auf den Sitzungen des EKO im April/Mai 1963 noch bei einer sowjetischen Delegation, die vom 24.5 bis 5.6. in der RVR weilte, konnten die Differenzen ausgeräumt werden. Immerhin bekräftigte der rumänische Parteichef die Bindung seines Landes an zum RGW. 5 Das Verhältnis Rumäniens zur SU und zu den „Integrationisten“ habe sich eher verschlechtert. So habe Gheorghiu-Dej nicht an einem Treffen der Parteichefs anlässlich Ulbrichts 70. Geburtstag teilgenommen. 6 . Diese Wahrnehmung herrschte auch intern. Demnach wurde in der ersten Hälfte 1963 die Zusammenarbeit durch „zwei Tatsachen“ - das rumänische und sowjetische Verhalten„negativ beeinflusst“. „Beide Faktoren gaben der Vorbereitung der Parteiberatung im Juli
1 Ebenda, S. 15 f. Andropov wollte in Moskau die Bereitschaft zu einem Treffen melden. Der Zeitpunkt sollte aber über die Botschaften oder telefonisch/ direkt abgestimmt werden.
2 Ebenda, S. 15 f.
3 Chruschtschov an rumänische Partei- und Staatsführung v. 10.4.1963; SAPMO BArch DY 30 J IV 2/202 - 233 (Bd. 3).
4 Ribi 1970, S. 171.
5 Frickenhelm 1990, S. 264 ff.
6 Ribi 1970, S. 170 f.
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1963 das Gepräge.“ 1 Konnte unter diesen Umständen eine solche Beratung Ergebnisse hervorbringen?
5.7 Die Parteiberatungen vom Juli 1963
5.7.1 Bestandsaufnahme und Vorbereitung
Im März 1963 sollten die Stellungnahmen der Länder zu der von Chruschtschov angekündigten Spitzenkonferenz eingeholt werden. Zu diesem Zeitpunkt war bereits geplant, dass das EKO eine Analyse der Arbeit seit der Junikonferenz 1962 vorlegt, aus der „Vorschläge für die weitere Entwicklung und Vervollkommnung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit“ abgeleitet werden sollten. 2 Auf der 5. Sitzung des EKO (Ende April/Anfang Mai 1963) sollte die „Beratung auf höchster Ebene“ vorbereitet werden. Der dazu vom Sekretariat vorbereitete Bericht blieb aus Sicht des DDR-Vertreters „in vieler Hinsicht unbefriedigend“. Zumindest war es - wie auch die bilateralen Konsultationen zur Plankoordinierung gezeigt hatten - klar, dass die „Hauptprobleme der perspektivischen Entwicklung nach wie vor ungelöst“ waren. 3 Zeichen der Stagnation zeigte sich auch in den Ständigen Kommissionen, wo sich „keine neuen Formen und kein neuer Arbeitsstil“ durchsetzte. Daraus wurde geschlussfolgert: „Eine wesentliche Verbesserung der Arbeit der Kommission und des Rates hängt von der Erweiterung der Rechte und Pflichten dieser Organe ab.“ 4 Die DDR zeigte sich „sehr unzufrieden“ mit den seit Juni 1962 erreichten Ergebnissen. Somit wurde in der Direktive für die DDR-Delegation formuliert, dass auf der Grundlage einer exakten und umfassenden Bilanzierung „gemeinsame Konzeptionen der Länder“ für die Schwerpunktbereiche zu erarbeiten seien. Diese sollten exakte Bilanzen über Bedarf, Aufkommen und gegenseitige Lieferungen enthalten wie Vorschläge zur Koordinierung der Produktion und der Investitionen. Die angestrebte Methode kam durchaus einer „gemeinsamen Planung“ nahe: „Die gemeinsamen Konzeptionen können nicht mit den bisher im RGW angewandten Arbeitsmethoden und Organisationsformen erarbeitet werden. Die Hauptarbeit an den gemeinsamen Konzeptionen muss das ständige Arbeitsorgan des RGW unter Hinzuziehung von Länderexperten leisten. Das ständige Arbeitsorgan sollte unter Verwendung der Ländermaterialien selbständig optimale Lösungswege vom Standpunkt der Gesamtinteressen der Mitgliedsländer des RGW erarbeiten und vorschlagen. Diese Konzeptionen müssen dem Exekutivkomitee bzw. der Ratstagung zur Behandlung vorgelegt werden. Mit der Beschlussfassung werden sie verbindliche Grundlage für die Länderpläne sowie für die Abkommen und Verträge ihrer gegenseitigen Wirtschaftsbeziehungen.“ 5 Dies war eine Präzisierung der weitergehenden „Ideen von 1962“ und hätte eine deutliche Aufwertung des RGW als Entscheidungsraum und Produzent von focal points bedeuten
1 Einige Probleme der Zusammenarbeit der Länder im Rahmen des RGW in den letzten zwei Jahren (...), 30.3.1964; BArchB DC-20 11058.
2 Cyrankiewicz und Gomulka an Vorsitzenden des EKO, März 1963, SAPMO BArch DY 30 3483, Bl. 4.
3 Dies bedeutete Defizite in der Metallurgie wie bei „modernen hochproduktiven Ausrüstungen“ sowie Parallelentwicklungen in der chemischen Industrie und im Maschinenbau. Leuschner an Ulbricht v. 2.5.1963; SAPMO BArch DY 30 3421, Bl. 31ff.
4 So in der Ständigen Kommission für Buntmetallurgie, wo die Perspektivplankoordinierung im Vordergrund stand, vom Prinzip der Empfehlungen nicht abgegangen wurde und sich neben den rumänischen auch die polnischen Vertreter gegen die Aufstellung einer Gesamtbilanz für die Zinkversorgung wandten. Bericht über die Verwirklichung der Beschlüsse (...) v. Juni 1962 (ca. April 1963); BArchB DE-1 VA 44282.
5 Bestimmte Kapazitäten der Rohstoffproduktion sollten „in den Ratsorganen genau festgelegt“ werden. Direktive für das Auftreten des Vertreters der DDR auf der 5. Sitzung des EKO (Anfang April 1963); BArchB DE-1 VA 41322, o.Bl., v.a. S. 8f.
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können. Die Etablierung einer starken Hierarchie/ Institutionalisierung (Stufe 4) in diesem Raum war zumindest möglich.
Die konkret nachweisbaren Forderungen und Vorschläge des DDR-Vertreters im EKO überschritten allerdings kaum das Niveau der Junibeschlüsse von 1962. Wenn Leuschner darauf aufmerksam machen musste, dass zur Plankoordinierung eine „exakte Bilanzierung sowie ökonomische Analysen erforderlich“ seien 1 , so zeigt dies den erreichten Stand der Plankoordinierung im Zwischenraum von unverbindlichen gegenseitigen Informationen bzw. Absprachen sowie einer „gemeinsamen Planung“. Auf diesem Niveau war es nicht schwer, einen weitgehenden Konsens zu erreichen. „Es erwies sich eindeutig, dass der von uns vertretene Standpunkt sich in voller Übereinstimmung befand mit den anderen Mitgliedsländer. Besonders von der SU, der CSSR, der UVR und der VRP erhielten wir volle Unterstützung.“ Diese Übereinstimmung kam auch in den schriftlichen
Änderungsvorschlägen zum Berichts- und Beschlussentwurf zum Ausdruck. „Bei allen Ländern - außer der VR Rumänien - gab es eine solche Übereinstimmung, (so) dass es nur wenig Mühe gemacht hätte, alles auf einen Nenner zu bringen.“ 2 Die rumänische Position hatte sich aber nach dem ZK-Plenum deutlich stabilisiert und ausgeweitet: „Auf allen folgenden Tagungen von Expertenberatungen, Arbeitsgruppen, Kommissionen usw. wie auch im Sekretariat des RGW verfochten die rumänischen Vertreter in den meisten Fällen extrem diese Linie.“ 3 Dabei zeigte sich grundsätzlich, dass die rumänische Seite in den meisten Fällen Einwände und Kritiken vorbrachte, ohne dass dies Kompromisse von vornherein verhindern musste. 4 Die Kompromisse erfolgten aber zumeist zugunsten der RVR, da diese „sonst einer einheitlichen Beschlussfassung nicht zugestimmt“ hätte. Die rumänische Seite bestand in der Kommissionsarbeit darauf, dass den Ländern lediglich Empfehlungen gegeben würden. Beim Versuch der rumänischen Vertreter, die multilaterale Zusammenarbeit zurückzudrängen, wurden durchaus prinzipielle
Veränderungen bemerkt und ein Abgehen von einer früheren konstruktiven Mitarbeit. 5 Mitte 1963 wurde nicht nur wiederum bemerkt, dass die Haltung der RVR „ausschließlich von nationalen Interessen bestimmt“ werde; dieses „Charakteristische“ in der rumänischen Haltung habe sich in den letzten Monaten noch mehr verstärkt. 6 Die Definition des Angemessenen zwischen der rumänischen Seite und den anderen „Mitgliedern“ klaffte inzwischen weiter auseinander als vor dem Juni 1962, obgleich man tendenziell zum Stand der „Grundprinzipien“ und Beschlüsse vom Juni 1962 zurückgekehrt war.
Es folgte ein typisches institutionalistisches Problem - die Definition gemeinsamer Beschlüsse. Damit spiegelten sich im Berichtsentwurf des Sekretariats, der nach Bestätigung durch das EKO als Grundlage für die Konferenz der Partei- und Regierungschefs dienen sollte, bedeutsame Veränderungen. Er entsprach nach Auffassung der DDR in allen wichtigen Fragen und nicht nur bei der „Ausarbeitung gemeinsamer Pläne, (der) Wege zur Bildung eines internationalen Planungszentrums“ oder den „Vollmachten und Kompetenzen des Exekutivkomitees“ nicht mehr dem Beschluss des EKO und dem Inhalt der 4. Tagung
1 Leuschner an Ulbricht v. 2.5.1963; SAPMO BArch DY 30 3421, Bl. 33. Ansonsten fielen Schlagworte wie „Massenfließfertigung“, Konzentrieren auf Weltniveau und Produkte, bei denen man vom kapitalistischen Ausland abhängig war, Standardisierung sowie die Schaffung von Zweigvereinigungen.
2 Ebenda, Bl. 34.
3 Einige Probleme der Zusammenarbeit der Länder im Rahmen des RGW in den letzten zwei Jahren (...), S. 9; 30.3.1964; BArchB DC-20 11058 (A 05210/1)/ 18, o.Bl.
4 Bericht der DDR-Delegation über die 3. Tagung der SK für die Koordinierung der wissenschaftlichen und technischen Forschung v. 5.-11.4.1963 in Moskau; SAPMO BArch DY 30 3462, Bl. 78ff.
5 Bericht über die XIV. Tagung der SK Buntmetallurgie v. 26.-29.4. 1963 in Budapest; BArchB DE-1 VA 45484.
6 Zur Haltung der RVR zur internationalen Zusammenarbeit (Zwischen April und Juli 1963); SAPMO BArch DY 30 3483, Bl. 95ff.
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des EKO vom Februar 1963. „Die Abweichung vom Beschluss ist hauptsächlich auf die Haltung des Stellvertreters des Vertreters der Rumänischen Volksrepublik im RGW zurückzuführen.“ Die rumänischen Seite habe zu den aufgeführten Fragen eine „ prinzipiell andere Meinung als die anderen Mitgliedsländer“. 1 Der vom EKO angenommene Bericht enthielt - abgesehen von der Bildung von Industriezweigorganisationen, die durchaus Elemente „gemeinsamer Planung“ umfassen sollten - kaum organisatorische Veränderungen. Trotz moderater Formulierungen behielt sich die rumänische Seite ein schriftliches Sondervotum vor. 2 Die rumänischen Positionen richteten sich nicht nur „gegen eine gemeinsame Ausarbeitung von Plänen, gegen alles, was auf einen gemeinsamen Plan hindeutet“ oder gegen die Kompetenz der Ratsorgane, Beschlüsse zu fassen; sie beriefen sich auf die Beschlüsse vom Juni 1962 in einer „spezifisch rumänischen“ Auslegung. Wenn sie anstrebten, dass „die Ratsorgane nur sehr unverbindlich gemeinsame Grundfragen abstimmen, die dann später in zweiseitigen Konsultationen zwischen den interessierten Ländern behandelt werden“, ging man hinter den Kompromiss von 1962 zurück wie hinter die eigenen Verlautbarungen dieser Zeit. Dies betraf neben der Bildung gemeinsamer Betriebe und Zweigvereinigungen auch ein Kernziel der Ratsarbeit, die Spezialisierung, da diese in die nationale Investitionspolitik eingreife. Es sei nicht einzusehen, warum man überhaupt organisatorische Änderungen brauche. 3 Vor allem die Auslegung des Interessiertheitsprinzips drohte zum Hemmschuh für die Gesamtentwicklung zu werden. Davon wird später nochmals die Rede sein. Man könne sich nicht damit zufrieden erklären, dass man „kein Interesse an der Schaffung solcher Vereinigungen habe, sondern müsse die Frage aufwerfen, ob diese zwischenstaatlichen Vereinigungen mit ihren Funktionen nicht das Grundprinzip verletzen, das der Zusammenarbeit zwischen unseren Ländern zugrunde liegt, nämlich das Prinzip der Souveränität“. Hier wird die Souveränität zum Grundprinzip erklärt und damit eine Definitionsmacht über Prinzipien, Normen, Regeln angestrebt. 4 Damit hatte die rumänische Seite ihre Positionen bekräftigt, teilweise sogar verschärft.
Dennoch wurde das Auftreten der rumänischen Delegation nicht unbedingt als Eskalation wahrgenommen. Diese sei offensichtlich in die Sitzung des EKO mit der Weisung gekommen, die Dinge nicht zuzuspitzen und das Gemeinsame in den Vordergrund zu stellen. Somit führte diese sehr kritische Sicht nicht zu einer pauschalen Verurteilung der rumänischen Positionen. Es habe im EKO durchaus eine Reihe konstruktiver Ideen und Vorschläge der rumänischen Seite gegeben. „Es wäre falsch, von vornherein die rumänische
1 Dies betraf nicht nur die zitierten Fragen, sondern auch die Bildung von Produktionsvereinigungen, Spezialisierung und Standardisierung oder gemeinsame Betriebe. Leuschner an die Mitglieder des PB v. 5.4.1963; SAPMO BArch DY 30 J IV 2/2A - 956, Bl. 210f. Der vom EKO im Mai 1963 angenommene Bericht in : SAPMO BArch DY 30 3421, Bl. 46ff.
2 Zu den Hauptfunktionen der Industriezweigorganisationen sollte die Koordinierung der Produktionspläne, des Exportes und Importes und die Auslastung der Produktionskapazitäten gehören wie Vorschläge zur Koordinierung der Investitionspläne. Die Eigentumsverhältnisse sollten nicht verändert werden. Eine Erweiterung und Präzisierung der Funktionen wurde offengehalten. Die Grundlage sollte jedoch die „Freiwilligkeit“ wie die anderen Ratsprinzipien bilden. Bericht des EKO über die geleistete Arbeit zur Verwirklichung der Beschlüsse der Juniberatung (1962), Warschau, Mai 1963; SAPMO BArch DY 30 3421, Bl. 99ff. Die Vorschläge zur Verbesserung der Ratsorganisation beschränkten sich darauf, dass das EKO der Spitzenkonferenz Berichte über die Tätigkeit des Rates mit Vorschlägen über die Hauptrichtung der ökonomischen Zusammenarbeit vorlegt und vollständiger seine Rechte zur systematischen Beobachtung der Erfüllung der Verpflichtungen nutzt. Ebenda, Bl. 137-140.
3 Bei der Zielstellung der Ratsarbeit scheint der Kompromiss zwischen Entwicklungs- und Effizienzprinzip zugunsten der Entwicklung aufgehoben worden zu sein. Spezialisierung wurde als Eingriff in innere Planungskompetenzen nahezu grundsätzlich abgelehnt. Bei den Zweigvereinigungen gemeinsamen Betrieben wurde - wie oben gezeigt wurde - das Souveränitätsprinzip deutlich überzogen. Leuschner an Ulbricht v. 2.5.1963; SAPMO BArch DY 30 3421, Bl. 34ff.
4 Ebenda, Bl. 37 u. 39 f.
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Haltung insgesamt als negativ einzuschätzen.“ Alle Argumente müssten sehr sachlich behandelt werden, was auch die Linie im EKO gewesen sei. 1 Zudem wurde auch von der DDR ein zentrales Motiv der rumänischen Seite wahrgenommen: „Wenn man ihre Argumente einschätzt und nach den Motiven sucht, scheint eine bestimmte Skepsis gegenüber den industriell entwickelteren sozialistischen Ländern vorhanden zu sein, eine gewisse Angst, dass diese Länder bei der weiteren Vertiefung der Zusammenarbeit ökonomisch und technisch zugunsten der RVR dominieren würden und in diesem Zusammenhang tritt auch eine starke Überbetonung ihrer nationalen Interessen und der Frage der Souveränität zu Tage.“ 2 Musste diese Erkenntnis nicht dazu führen, den Partnern die „Angst“ zu nehmen, also die Beziehung zu institutionalisieren?
Hier ist natürlich die Haltung der sowjetischen Seite von Interesse. Deren Vertreter habe nach Wahrnehmung der DDR-Delegation in prinzipiellen Fragen die Juni-Beschlüsse von 1962 verteidigt und nicht zugelassen, dass jemand etwas zurückzieht. Das habe sich insbesondere in der klaren und unmissverständlichen Stellungnahme zu den Fragen der gemeinsamen Betriebe wie der Zweigvereinigungen sowie zur Plankoordinierung und Spezialisierung gezeigt. In Formulierungsfragen zeigt man sich aber nicht kleinlich und „stellte immer das Gemeinsame in den Vordergrund“. 3 Eine solche Ausrichtung auf Kompromisse zeigte auch das ZK der KPdSU. Gerade J. Andropov bekundete, dass seine Abteilung (Beziehungen zu den kommunistischen und Arbeiterparteien der SL) die RGW-Tagung im Juni vorbereite: „Es zeigt sich, dass alles schwieriger ist, als erwartet. Es kommt noch vor, dass einzelne Leute nach alten Methoden arbeiten und nicht genügend die Souveränität der anderen Länder berücksichtigen. Die rumänischen Genossen machen Schwierigkeiten. Wenn sie nicht wollen, so kann man eben warten und mit ihnen in den Formen zusammenarbeiten, die sie wünschen. Druck könnte nur großen Schaden anrichten.“ 4 Der sowjetischen Seite schien die „Einheit“ also wichtiger zu sein als die neue Qualität der RGW-Arbeit.
Eine Arbeitsgruppe unter polnischer Führung (Jaroczewicz) sollte eine außerordentliche EKO-Tagung im Mai 1963 in Warschau vorbereiten. Angesichts der sowjetischen Zurückhaltung konnten Impulse nur von den Integrationisten des „nördlichen Dreiecks“ kommen.
Gomulka und Novotny stimmten sich ab und letzterer wiederum mit Ulbricht. Bei den Gesprächen, die Ulbricht, Apel und Schürer am 22. April in der Prager Burg führten, standen wirtschaftspolitische Probleme im Zentrum, nicht unbedingt aber die Entwicklung des RGW. Novotny bekräftigte die bisher verfolgte Position: „Wir sind für Kooperation und Spezialisierung. Wir sind aber dafür, dass diese im Rahmen einer einheitlichen Planung über den Rat bestätigt werden und zwar für jene Länder, die an einer solchen Zusammenarbeit interessiert sind. Dies sollte nach einheitlichen Grundsätzen geschehen und zwar so, dass damit dem ganzen Lager geholfen wird.“ Dies verweist auf eine mögliche Isolierung Rumäniens, zugleich aber auf einen Nutzeffekt für alle, also auch für die Rumänen. Parallel hierzu betonte der KPC-Chef aber auch die Möglichkeit der zwei- und dreiseitigen Zusammenarbeit, so im „nördlichen Dreieck“ zwischen CSSR, VRP und DDR. Darüber habe er sich bereits mit Gomulka verständigt. Dies wäre durchaus eine rationale Strategie, berücksichtigt man den Anteil der in diesem Rahmen möglichen Abstimmung. Allerdings knüpfte Novotny dies an zwei Bedingungen: „Solche Vereinbarungen sollten nur in Verbindung mit dem Rat getroffen werden. (...) Es darf in der Zusammenarbeit nicht der Anschein einer fraktionellen Tätigkeit geweckt werden.“ Die CSSR sei also bereit, wenn
1 Ebenda, Bl. 40.
2 Ebenda, S. 5, Bl. 35.
3 Ebenda, Bl. 40.
4 Bericht über die Ergebnisse des Studienbesuches der Genossen Florin, Kohrt u. Markowski im Apparat des ZK der KPdSU v. 13.5.-20.5.1963; SAPMO BArch DY 30 ..., Bl. 109.
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„seitens des Rates“ gegenüber der dreiseitigen Zusammenarbeit „keine Einwände erfolgen“. 1 Dies zeigt, dass man sich vom Rat zusätzliche Effekte (vor allem Planungssicherheit) versprach, aber auch, dass politisch-ideologische Effekte beachtet wurden. Novotny hatte deshalb auch eine Unterredung mit „einigen rumänischen Genossen“ geführt und bedauerten den rumänischen Standpunkt, d.h. deren „Vorbehalte in der Zusammenarbeit im RGW“. Die Schlussfolgerungen sind aber bemerkenswert. Einerseits sollte eine Entscheidung getroffen werden, notfalls auch ohne oder gegen Rumänien. „Es müsse hier etwas geschehen und Klarheit geschaffen werden. Genosse Chruschtschov hat mit Recht gesagt, dass wir nicht darauf warten können, bis die rumänischen Genossen so weit sind.“ Andererseits hatte ihn der „Standpunkt der rumänischen Genossen überrascht. Sie seien jedenfalls bereits, mit jedem Partner über den Rat zu verhandeln, soweit dies im Interesse unserer Länder und des Lagers liegt.“ Wieder stößt man auf ein Zeichen für „Verständnis“ gegenüber der rumänischen Position. Am Ende blieb aber die Erwartung an die sowjetische Seite, eine hierarchische Lösung zu produzieren. „Die Grundlage der Zusammenarbeit biete die Sowjetunion, weil man sich auf ihre Stärke stützen kann.“ 2 Letzteres war allerdings bereits problematisch geworden.
Ulbricht ging nur kurz auf diese Fragen ein. Man sei einverstanden, was die Zusammenarbeit und die einheitliche Planung im Rahmen des RGW betrifft. Letztlich orientierte Ulbrichtwie bereits in der zweiten Hälfte der 50er Jahre - auf Schwerpunktbereiche: „Aber das neue, was uns vordringlich erscheint, sollte sein, dass für bestimmte Industriezweige einheitliche Organe geschaffen werden. (...) Für die Lösung der großen und umfassenden Aufgaben sind industrielle Verwaltungen notwendig.“ Es wird nicht ganz klar, was der SED-Chef darunter verstand. Diese sollten sich mit solchen Aufgaben befassen, wo man „mit gemeinsamen Anstrengungen große ökonomische Ergebnisse erzielen“ könne, also gemeinsame Projektierungsbüros, die „gemeinsame Verwendung von Investitionen“ usw. Dies sei das „Neue, das über die einheitliche Planung hinausgeht“. 3 Wie innovativ war Ulbricht damit wirklich?
Immerhin waren Anfang des Jahres der Öffentlichkeit ambitionierte Ziele präsentiert worden. Im Umfeld des VI. Parteitages (Januar 1963) hatte man ja noch eine „starke“ organisatorische Lösung für die Plankoordinierung angestrebt. Dies betraf das höchste Gremium der SED, den VI. Parteitag (Januar 1963), in dessen Umfeld auch mit dem KPdSU-Chef über die Perspektiven der RGW-Arbeit diskutiert wurde. Die DDR-Führung sollte durchaus als Sprachrohr sowjetischer Vorstellungen fungieren, so bei der „Koordinierung und Spezialisierung der wissenschaftlich-technischen Forschung. 4 Nicht zuletzt trat Chruschtschov öffentlich in Berlin zur RGW-Reform auf.
Das neue Anspruchsniveau wurde wenige Tage später in einem Schreiben von Ulbricht an Chruschtschov umrissen. Dabei stand es in offensichtlichem Widerspruch zu den offiziellen Proklamationen der SED. Im Umfeld des Parteitages war ja immerhin von einem „gemeinsamen Plan der Länder des RGW“ als Zielstellung die Rede. Die Substanz des Ulbrichtschen Konzepts zeigt aber eine deutliche Kontinuität zu älteren Vorschlägen: Der RGW sollte eine Plankoordinierung in Schlüsselbereichen organisieren und unterstützen. Als neue Form der Zusammenarbeit war vor allem an die internationalen
1 Bericht der Botschaft Prag über die Verhandlungen zwischen Ulbricht und Novotny in Prag am 22.4.1963; SAPMO BArch DY 30 3615, Bl. 13.
2 Ebenda, Bl. 13 f.
3 Ebenda, Bl. 14 f.
4 Da die Bedeutung dieser Frage in den anderen Ländern noch nicht richtig erkannt wie, sollte Ulbricht hierzu Darlegungen machen, die „große Bedeutung für die weitere Arbeit im RGW“ hätten. Der SED-Chef strich die entsprechenden Stellen an. Information über einige Probleme, die sich während der 3. Tagung der SK für die Koordinierung der wissenschaftlichen und technischen Forschung ergeben haben. SAPMO BArch DY 30 3462, Bl. 90.
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Produktionsvereinigungen gedacht. Aber selbst diese sollten eher eine Hilfsfunktion übernehmen. 1 Es sollte verhindert werden, dass „im RGW bzw. in den Vereinigungen ein großer bürokratischer Apparat geschaffen wird“. 2 Die Ratsorgane sollten (ähnlich Gosplan 1955/56) die Bilanzierung zentraler Güter sicherstellen. Auf dieser Basis sollten „allseitig abgestimmte Vorschläge“ ausgearbeitet werden, die vor allem die Hauptinvestitionen betreffen sollten. Der „gemeinsame Plan“ war hier eher eine Chiffre für ein mittleres Institutionalisierungsniveau. Immerhin sollte die Durchsetzung (ex post-Hierarchie) verstärkt werden, nötigenfalls mittels „materieller Sanktionen“. Zugleich sollte mittels durch eine allgemeine Regel die Interessen der DDR-Wirtschaft geschützt werden: „Bei der Koordinierung der nationalen Konzeption müsste durch den RGW gesichert werden, dass keine Kapazitäten für solche Erzeugnisse neu errichtet werden, für die Liefermöglichkeiten in bestimmten Ländern bereits bestehen (...).“ 3 Konnte man hier ein rumänische Zustimmung erwarten? Besser gesagt: War die Vorstellung, die Spezialisierung auf neue Produkte zu konzentrieren, realistisch? Dies setzte zumindest ein ausgeprägtes Vertrauen in die Reziprozität der Spezialisierungsergebnisse voraus. Intern schwingt in den Konzepten noch die Aufbruchsparole nach: Es sollte „in kürzester Frist ein Zentrum für die Koordinierung der Planungsarbeiten geschaffen werden, welches, ausgehend von den wissenschaftlichtechnischen Schwerpunkten, gemeinsame Pläne aufstellt, den Kollektivplan des einheitlichen Wirtschaftsorganismus der Länder des RGW erarbeitet und die wirtschaftliche Entwicklung des sozialistischen Lagers koordiniert“.“ 4 Im Gesamtkontext war dies jedoch bereits „erledigt“.
Vergleicht man die Konzepte der DDR (und mehr noch der anderen „Integrationisten“) in der ersten Jahreshälfte 1963 mit den konkreten Ansprüchen an die Julikonferenz zeigt sich hier ein spezifischer Realismus in den Zielstellungen, möglicherweise eine gewisse Resignation. So war in der DDR eher an eine „Koordinierung der nationalen Konzeptionen“ als an eine gemeinsame Planung gedacht. 5 Inzwischen war man sich nicht nur im klaren, dass „eine Reihe von Voraussetzungen für eine wirksame internationale Koordinierung der Pläne“ fehlte; es wurde auch als Ergebnis der Diskussion der letzten Monate anerkannt, dass „es noch keine allseitige Bereitschaft für weitergehende Schritte gibt“. Von diesen Tatsachen müsse man ausgehen und überlegen, welche Orientierung man jetzt den Ratsorganen für ihre weitere Arbeit gebe. 6
Nicht nur die rumänische Position stand also einer vertieften Planung im RGW entgegen, die angewandten Methoden besaßen deutliche innere Grenzen. Was wir an anderer Stelle als „außenwirtschaftliches Planungsdilemma“ bezeichnen, wirkte bei den langen Horizonten einer Perspektivplanung um so deutlicher. Die nationalen Planentwürfe, die als Koordinierungsgrundlage dienen sollten, wurden nicht rechtzeitig fertig; auch nach der Revision wichtiger Kennziffern wurde keine Stabilität in den Hauptbilanzen erreicht. Somit bestand die Gefahr, dass „eine auf diese Weise zustande kommende Gesamtbilanz der Länder des RGW keine sichere Grundlage bietet“. Die DDR schlussfolgerte, dass es noch eines
1 „Die internationalen Vereinigungen müssten sich besonders darauf konzentrieren, den RGW-Ländern bei der Vorbereitung und Durchführung der Hauptinvestitionen auf höchstem technischen Niveau zu helfen.“ Ulbricht an Chruschtschov v. 6.5.1963; SAPMO BArch DY 30 3465, Bl. 130.
2 Ebenda.
3 Ebenda, Bl. 135.
4 Vorschlag zum Diskussionsbeitrag über Fragen, die anlässlich der Beratung auf höchster Ebene behandelt werden sollen (29.6.1963); SAPMO Barch DY 30 3465, Bl. 182 u. 188.
5 Ebenda. „Die DDR unterstreicht ihre Auffassung, dass jedes Land eine eigene Konzeption für die Spezialisierung erarbeitet und als Grundlage für die mehrseitige Abstimmung und (die) Vereinbarungen den zuständigen Ratsorganen vorlegen sollte.“ Vorschlag zum Diskussionsbeitrag über Fragen, die anlässlich der Beratung auf höchster Ebene behandelt werden sollen (29.6.1963); SAPMO BArch DY 30 3465, Bl. 182 u. 188.
6 Ebenda, Bl. 184 ff.
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„beträchtlichen Zeitraumes“ bedürfe, bis das notwendige Minimum an Stabilität in den Plänen erreicht sei. 1 Obwohl es bei der Koordinierung der Pläne nur vorbereitende Arbeiten gab, war schon absehbar, dass die nationalen Konzeptionen „materiell nicht zusammenpassen“. Neben den methodischen Problemen waren in den Rohstoff- und Energiebilanzen bereits jetzt enorme Defizite zu erkennen. Die DDR-Seite schlussfolgerte, dass „gegenwärtig keine Voraussetzungen für eine allseitige Koordinierung der Pläne und eine allseitige Spezialisierung und Kooperation vorhanden“ war. 2 Der Schwerpunkt lag auf allseitig. Ob allerdings die angestrebte „Verstärkung des ständigen Arbeitsorgans des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe (gemeinsames Planungszentrum)“ hier Abhilfe schaffen konnte erschien fraglich, würde doch dann das - oben beschriebene - Mehrebenensystem der Abstimmung entstehen. Somit plädierte man für die „entschiedene Konzentration auf Schwerpunkte der Spezialisierung [... und der WTZ] auch bei unvollständiger und mangelhafter Koordinierung der Volkswirtschaftspläne“. Auch wenn man das letztlich als Zwischenschritt zum „gemeinsamen Plan der Länder des RGW“ darstellte, war eigentlich ein Abgehen von der „allseitigen Plankoordinierung“ gemeint. „Die (gegenwärtig nicht voll realisierbare) allseitige Koordinierung der Volkswirtschaftspläne unserer Länder ist kein Selbstzweck, sondern ein Mittel, um die gestellten Hauptaufgaben zu lösen. Wenn dieses Mittel vorläufig nicht wirksam genutzt werden kann, müssen wir uns anderer Mittel bedienen, um zum Ziele zu gelangen.“ 3 Es ist damit in mehrfacher Hinsicht übertrieben, dass die DDR in dieser Phase ein „Konzept supranationaler Planung“ vertreten habe. 4 Die weitere Entfernung von solchen Ansätzen war auch durch die parallele Entwicklung des NÖS und seines Zweigprinzips bedingt. 5 Abgesichert werden sollte es durch die engere Plankoordinierung mit der sowjetischen Seite, die bis hin zu den Jahresplänen reichen sollte. Die DDR erwartete jedenfalls von der Spitzenkonferenz eine „nüchterne Einschätzung der Situation“. 6 Skepsis über den Stand der Plankoordinierung gab es auch bei den Partnern. 7 Somit führten drei Tendenzen - resultierend aus oder ergänzend zur rumänischen Positionzur tendenziellen Abwendung von der „gemeinsamen Planung“. Der Rückzug der sowjetischen Seite; die moderaten Ambitionen der „Integrationisten“, die praktischen Defizite der bisherigen Planabstimmung.
Diente der Rahmen der Spitzenkonferenz - wie von einigen Teilnehmern erwartet - als Impulsgeber oder sollten nur wieder die bestehenden Positionen in einen Formelkompromiss eingebunden werden? Welche Bedeutung hatte der ein Jahr zuvor gestaltete Rahmen der regelmäßigen Spitzenkonferenzen; konnte seine symbolische „Macht“ Hemmnisse überwinden?
1 Konzeption für den Brief an den Genossen Chruschtschov; SAPMO BArch DY 30 (J IV 2/202 - 233).
2 Probleme der Arbeit des RGW (Material für die Beratung Ulbrichts mit Novotny, April 1963); SAPMO BArch DY 30 3615, Bl. 19 u. 21. vgl. auch die folgende Anmerkung.
3 Konzeption für den Brief an Genossen Chruschtschov (Mai 1963), S. 3 f.; SAPMO BArch DY 30 (J IV 2/202 - 233). Als Vorbild wird hier die EGKS genannt.
4 Ahrens 2000, S. 154 f.
5 Dieses wurde durchaus als Vorbild für den RGW angesehen, auch wenn insgesamt die Außenwirtschafts-reform noch keine entscheidende Rolle spielte. Zu letzterem vgl. Ahrens 2000, S. 139 ff.
6 Das oben beschriebene Mehrebenensystem wird hier - etwas vereinfachend - bestätigt. Ebenda, Bl. 22. In Vorbereitung auf die Julikonferenz wurden die doch recht begrenzten Ergebnisse des Vorjahres als „gute Grundlage für die Arbeit der Ratsorgane“ bewertet. Das Problem wurde nun weniger in der Weiterentwicklung der Organisationsstruktur gesehen als in der Durchsetzung der vorhandenen Beschlüsse. Selbst bei der „Hauptmethode“ der RGW-Arbeit, der Plankoordinierung, habe es nur vorbereitende und organisatorische Arbeiten gegeben. Anfänge einer inhaltlichen Arbeit gab es nur in der Brennstoff- und Energiewirtschaft. „Als die Berechnungen zur Brennstoff- und Energiebilanz beträchtliche Defizite ergaben, brachte allein die Diskussion über diese Defizite prinzipielle Probleme und Unklarheiten der Durchführung der Koordinierung zutage.“ Ulbricht an Chruschtschov v. 6.5.1963; SAPMO BArch DY 30 3465, Bl. 177f.
7 So bei Bulgarien, Ungarn und Polen. Vgl. SAPMO BArch DY 30 3483, Bl. 147, 153.
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5.7.2 Durchführung und Ergebnisse der Spitzenkonferenz Juni/Juli 1963
Chruschtschov betonte gleich in seinen Eröffnungsworten, dass die Hauptaufgaben der internationalen Zusammenarbeit im Juni 1962 festgelegt worden seien und dass es sich um programmatische Vereinbarungen handelte. War damit noch eine „wirkliche Wende“ möglich?
Als amtierender Vorsitzender des EKO verlas der polnische Vertreter den zentralen Bericht zur Arbeit des RGW. Dabei informierte er auch über die Diskussionen mit den „rumänischen Genossen“. Diese wollten „die Zusammenarbeit auf der Basis zweiseitiger Abkommen, die dann durch Regierungsbeschlüsse in den Ländern angenommen werden. Sie wollen keine einheitlichen allseitigen Abkommen, die im RGW beschlossen werden.“ 1 Insgesamt standen aber die organisatorischen Veränderungen nicht im Mittelpunkt des Berichts. Die „weitere Entwicklung der Formen der ökonomischen Zusammenarbeit“ wie die Auseinandersetzung mit der rumänischen Position wurde eigentlich nur am Beispiel der produktionstechnischen Organisationen behandelt. Die „Schlussfolgerung“ versuchte das ursprüngliche Prinzip der Interessiertheit aufrechtzuerhalten, bekräftigte aber wichtige Prinzipien des RGW-Statuts im rumänischen Sinne. Von einer Planungsorganisation im RGW war gar nicht erst die Rede. Ansonsten werden die Probleme bei der Plankoordinierung behandelt, die „organisatorischen Fragen“ auf die Schaffung eines „qualifizierten, einheitlichen und gefestigten Apparats des Sekretariats“ konzentriert. Dies sollte in der ersten Hälfte 1964 mit dem Ziel abgeschlossen werden, dass „das Sekretariat des Rates tatsächlich zum ökonomischen Organ des Rates wurde, das die Materialien und ökonomischen Analysen vorbereitet“. 2 Von einer Plankommission auch hier keine Spur. War dies eine allgemein akzeptierte Position? Beginnen wir mit der Haltung der DDR?
In seinem Redeentwurf plädierte Ulbricht noch deutlich, aber sehr allgemein für eine Verstärkung der internationalen Zusammenarbeit. Es müsse „jetzt eine wirkliche Wende in der internationalen Zusammenarbeit eingeleitet werden“. Es gäbe bei der rumänischen Führung Bedenken gegen eine „größere Koordinierungsfunktion und Autorität“ des RGW. „Die rumänischen Genossen befürchten Eingriffe in ihre nationale Souveränität.“ Allerdings kritisierte Ulbricht zunächst nicht die inhaltlichen Positionen der rumänischen Seite, sondern die Austragung der Konflikt ein der Öffentlichkeit, was dem Ansehen des SWS ernsthaft geschadet und nicht zu seiner Einheit und Geschlossenheit beigetragen habe. Ansonsten drängte der SED-Chef auf einvernehmliche Regelungen: „Wenn es inhaltliche Meinungsverschiedenheiten über so wichtige Fragen wie Charakter und Gegenstand der Koordinierung der Pläne, die Ausarbeitung gemeinsamer Konzeptionen, gemeinsame Investitionsvorhaben und Betriebe, internationale Vereinigungen usw. (...) gibt, so müssen wir darüber sprechen und zu gemeinsamen inhaltlichen Festlegungen kommen.“ Um solche inhaltlichen Festlegungen gehe es. „Das sind die Probleme, um die es in erster Linie geht, nicht so sehr (...) die Frage der Souveränität.“ 3
Dies war ein Appell, aber kein Mechanismus, der die rumänische Position ernsthaft in Frage stellte. Implizit befand sich diese Argumentation bei der Erweiterung der Kompetenzen des Rates bereits in der Defensive. Worin bestand dann noch der Inhalt einer „wirklichen Wende“? Man müsse sich „auch über die entsprechenden organisatorischen Formen dieser Lenkung und Koordinierung verständigen“. Eine „gemeinsame Verständigung“, auch bei
1 Bericht Walter Ulbrichts über die Beratung der Ersten Sekretäre (...) und der Vorsitzenden der Ministerräte der Mitgliedsländer des RGW (für das ZK der SED); SAPMO BArch DY 30 3482, Bl. 203.
2 Bericht des Vorsitzenden des EKO P. Jaroszewicz (... Juli 1963); SAPMO BArch DY 30 3483, Bl. 135 ff.
3 Material zu Problemen des RGW, 17.7.1963; SAPMO BArch DY 30 3483, Bl. 68 ff., v.a. Bl. 73f. Dabei handelt es sich offensichtlich um den Redeentwurf Ulbrichts, der hier allerdings nicht vollständig überliefert ist; vgl. aber die folgende Anmerkung.
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„echten und komplizierten Problemen“ dürfe nicht „an den Begriffen einer internationalen Plankommission, internationaler produktionstechnischer Vereinigungen, gemeinsamer Betriebe“ und ähnlichem scheitern. Das Sekretariat sollte demnach eine „eigenständige Arbeit“ entwickeln, die aber auf die Angebotsfunktion von „Vorschlägen und prinzipiellen Lösungswegen“ beschränkt bleiben sollte. Die konkreten Vorschläge zur Verbesserung der Ratsarbeit bezogen sich dann neben der Landwirtschaft und der Befürwortung einer Reihe produktionstechnischer Vereinigungen auf die Koordinierung von Wissenschaft und Forschung. Hier schlug Ulbricht für 1964 die Ausarbeitung eines „Gesamtplanes“ vor, der die wichtigsten Aufgaben im Perspektivplanzeitraum enthalten sollte und „unter der Kontrolle“ des EKO stehen sollte. Im Sekretariat dachte man offensichtlich sogar an eine „zentralisierte Finanzierung auf Kosten der Beiträge der Mitgliedsländer. Dies hielt Ulbricht jedoch für verfrüht. Er dacht an anteilmäßige Finanzierungen gemeinsamer Forschungs- und Entwicklungsaufgaben. Den Anschein supranationaler Lösungen wollte der SED-Chef jedoch tunlichst vermeiden: „Bei der Bildung internationaler Institutionen auf dem Gebiet der Forschung und Entwicklung sollten wir in der gegenwärtigen Periode weitestgehend auf bestehende nationale Einrichtungen zurückgreifen. Diese könnten unter Einbeziehung (...) von Wissenschaftlern der interessierten Länder zu internationalen Koordinierungs- und Leitungsinstitutionen entwickelt werden.“ Ansonsten blieb nur der vage Verweis auf „eine höhere Autorität des Rates bei der Koordinierung der Pläne“. 1
Trotz der schleichenden Akzeptanz der rumänischen Position gab es eine Diskussion zur Frage der Plankoordinierung. Besonders interessant sind hier die bulgarischen und ungarischen Positionen, die am ehesten der rumänischen Haltung ähneln konnten. Andererseits war die Frage in ein grundsätzliches politisches Fahrwasser geraten, hatte doch die chinesische Führung die sowjetische RGW-Politik als Interessenpolitik kritisiert. Es waren gerade der ungarische und der bulgarische Vertreter, die gegen diese Auffassung auftraten. Die bulgarische Seite sei „nicht einverstanden mit der Position der chinesischen Genossen. Diese Position ist unhaltbar vom Standpunkt des Marxismus-Leninismus. Nur bei enger Zusammenarbeit und Vereinigung unserer Anstrengungen gehen wir den richtigen Weg zur Festigung der Unabhängigkeit und Souveränität und gewährleisten den Sieg des Sozialismus. Wir verurteilen die Behauptung, dass die Sowjetunion die Arbeitsteilung in ihrem Interesse ausnutzt. Eine größere Verleumdung ist kaum möglich. Wir werden alle Unterstützung leisten, um die Zusammenarbeit im RGW zu verbessern.“ Damit verschob sich der Schwerpunkt von konkreten Entwicklungen zur Symbolik: Die Beratung werde „eine Demonstration der Einheit unserer Länder sein“. Als Beweis für die positiven Effekte der RGW-Arbeit konnten die Bulgaren gleich noch einen Beschluss über die Hilfe bei der Entwicklung ihres Maschinenbaus mit nach Hause nehmen. Sie sprachen sich für die Produktionsvereinigungen aus, die in Übereinstimmung mit des Statut stünden und alle Beschlüsse einstimmig fassten. Trotz einer deutlichen Kritik an den bisherigen Ergebnissen folgen jedoch keine Innovationen im organisatorischen Bereich. Die Abteilungen des Sekretariats würden nicht entsprechend ausgenutzt; viele arbeiteten „nach den alten Methoden“. Insgesamt bleibt der bulgarische Standpunkt im Rahmen der Plankoordinierung. Der BKP-Chef betonte dabei, dass die inneren Ressourcen eines jeden Landes maximal genutzt werden müssten. Das sei eine „internationale Pflicht“. Die Praxis zeige aber, dass die mehrseitige Koordinierung bereits im Prozess der Planausarbeitung erfolgen müsse. Nur dann werde eine Produktion zu den geringsten Kosten gewährleistet. 2 In ähnlicher Weise lehnte sich Kádár an den Kompromiss von 1961/62 an. Bei der Planausarbeitung müssten zwei Prinzipien beachtet werden: Erstens müsste für die einzelnen
1 Material zu Problemen des RGW, 17.7.1963 (Rede Ulbrichts), S. 3, 8, 15-18; SAPMO BArch DY 30 IV A 2/ 2.101 - 799, Bl. 194 ff.
2 Niederschrift über die Rede des Gen. Shiwkow am 24.7.1963; SAPMO BArch DY 30 3483, Bl. 147 ff.
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Länder wie für die Gemeinschaft sozialistischer Länder eine optimale Entwicklung der wichtigsten Industriezweige ermöglicht werden. Zum zweiten müssten Beschlüsse gefasst werden, um die Wirtschaften der einzelnen Länder allmählich aneinander anzugleichen. Dabei müsse beachtet werden, dass in den weniger entwickelten Ländern solche Industriezweige entwickelt werden, die geeignet seien, das Niveau schneller anzugleichen. Dies müsse natürlich bei richtiger Abstimmung der Pläne erfolgen. Die ungarische Seite bestätigte damit die Beschlüsse vom Juni 1962 und verband gerade mit der Plankoordinierung und den Produktionsvereinigungen eine Strategie, um die Entwicklungsunterschiede zu überwinden. Somit dürfe man das „Denken und Handeln nicht auf die nationalen Probleme beschränken“. Die Probleme könnten nur durch den „Zusammenschluss aller Kräfte“ gelöst werden. Dabei müssten alle sozialistischen Länder beteiligt sein. Abgesehen von „gemeinsamen Organisationen“ ist von innovativen Formen aber nichts zu spüren. Nicht nur die Kritik am erreichten Stand, sondern auch die methodischen Fragen verweisen auf ein geringes Niveau und ein kaum institutionalisiertes Vorgehen bei der Plankoordinierung: Die Plankoordinierung „kann nicht so vor sich gehen, dass bereits ausgearbeitete Pläne koordiniert werden, sondern die Koordinierung der Pläne muss im Zuge der Planung in den einzelnen Ländern beginnen. Ungefähr so, erst nationale Planung, dann internationale Abstimmung und dann wieder nationale Planung, dass die endgültige Festlegung des Planes erst erfolgt, wenn international abgestimmt ist.“ 1 Diese Frage hätte mit der im EKO ausgearbeiteten Methodik eigentlich gegenstandslos sein müssen. Immerhin erfolgte von bulgarischer wie ungarischer Seite keine Schützenhilfe für die rumänische Position.
Wie stand es mit der Position eines Protagonisten, der Position Polens. Der polnische Parteichef kritisierte zwar die schlechte Umsetzung der Junibeschlüsse, sprach sich aber vor allem für eine beschleunigte Durchsetzung und nicht für einen grundsätzlich neuen Schritt aus. Die „Bedeutung der Plankoordinierung“ wird deutlich hervorgehoben. Er setzte sich für Industriezweigvereinigungen und gemeinsame Betriebe ein. Diese Vorschläge wurden aber nicht angenommen, weil - wie Ulbricht kommentierte - die Voraussetzungen in der Planmethodik und im Entwicklungsniveau noch nicht gegeben seien. Deshalb habe man auf diesen Vorschlägen nicht weiter bestanden. Allerdings dürfte hier auch das rumänische Sondervotum gegen den entsprechenden Beschlussentwurf der XVIII. Rastagung einer Rolle gespielt haben: Der Beschluss der Juniberatung 1962 sei ausreichend. Industrievereinigungen mit wenigen Teilnehmern schränkten die Möglichkeiten der Zusammenarbeit ein. Eine Realisierung könne „außerhalb des Rahmens des RGW“ erfolgen. Ansonsten könne dies gegen die rumänische Position nicht als „gemeinsamer Beschluss des RGW, sondern als zwischenstaatliche Vereinbarung angenommen werden“. Insgesamt wird hier der Rückzug von den ambitionierten Zielen akzeptiert: „Bei genauer Überlegung muss man feststellen, dass tatsächlich eine Reihe Voraussetzungen für eine solche industriezweigmäßige internationale Leitung noch nicht vorhanden ist. Es ist also kein Unglück, dass dieser Vorschlag nicht angenommen wurde. Es hätte sowieso lange gedauert, bis er realisiert worden wäre. Jetzt läuft die Sache so. Es gibt die zweiseitige Zusammenarbeit zwischen uns und der Sowjetunion, zwischen Polen und der Sowjetunion, zwischen der Tschechoslowakei und der Sowjetunion, und wir koordinieren untereinander zweiseitig. Rumänien koordiniert zweiseitig, was es will. Es ist Sache der Parteiführung und der Regierung, wie weit sie in einzelnen Produktionszweigen zweiseitig kooperieren wollen. Wir denken, dass auf dieser
1 Rede Kadars v. 24.7.1963; SAPMO BArch DY 30 3483, Bl. 152 ff. Bericht Walter Ulbrichts über die Beratung der Ersten Sekretäre (...) und der Vorsitzenden der Ministerräte der Mitgliedsländer des RGW (für das ZK der SED); SAPMO BArch DY 30 3482, S. 13, Bl. 204. Der KPC-Chef Novotny brachte zu dieser Frageabgesehen vom Vorschlag für ein produktionstechnisches Zentrum für die Eisenindustrie - nicht ein. Ebenda, S. 27, Bl. 214. Rede Kadars v. 24.7.1963; SAPMO BArch DY 30 3483, Bl. 152 ff.
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Basis erst Erfahrungen gesammelt werden müssen, die es uns ermöglichen, dann im RGW den nächsten Schritt zu tun.“ 1 Der - niedrige - Stand des Anspruchsniveaus zum Zeitpunkt der Spitzenkonferenz kann kaum besser charakterisiert werden.
Dies entsprach in hohem Maße den Auffassungen des rumänischen Parteichefs. Dieser hatte dem Bericht des EKO zugestimmt und betont, dass die Plankoordinierung „der beste Weg für die Entwicklung der Wirtschaft unserer Länder“ sei. Dabei betonte er allerdings besonders die bilaterale Konsultation und Vereinbarung der Pläne wie der Arbeitsteilung. 2
Allerdings sprach danach noch der KPdSU-Chef und konnte seine „Richtlinienkompetenz“ unter Beweis stellen. Entgegen seinem Naturell argumentierte Chruschtschov möglichst sachlich und zurückhaltend, und ohne den Partnern „einen Igel unter das Kissen zu legen“. Er betonte mehrfach den Niveausausgleich der Länder und die Freiwilligkeit der Zusammenarbeit. Die Arbeitsteilung im RGW hemme nicht die Industrialisierung, sondern biete allen Ländern die Möglichkeit zur Großserienproduktion. Er setzte sich „indirekt“ auch mit „bestimmten Argumenten“ auseinander, welche die „Unantastbarkeit der nationalen Ökonomien“ betrafen. Diese werde durch die Arbeitsteilung nicht verletzt. „Die Arbeitsteilung geschieht selbstverständlich feiwillig auf der Basis der Zweckmäßigkeit, und die Naturschätze bleiben weiter Eigentum des jeweiligen Landes.“ Immerhin vermerkte Chruschtschov: „Die Arbeitsteilung hängt von der Planungstätigkeit ab. Daraus geht hervor, dass die Planung auf ein höheres Niveau gebracht werden muss.“ Auch wenn sich das vor allem auf die einzelstaatliche Planung bezog, auf die Ausweitung der Perspektivplanung auf 15-20 Jahreszeiträume, vermerkte es Ulbricht als „hochinteressant“, dass der KPdSU-Chef „so ausdrücklich und breit die Aufgaben der Planung betonte und die Verbesserungen behandelte, die auf dem Gebiet der Planung notwendig sind“. Vorrang hatte auch für Ulbricht die Verbesserung der inneren Planungsmechanismen. Aber auch im internationalen Maßstab hatte die nationale Planung deutlich Vorrang. Die Partner verlangten immer konkrete Angaben, wie viele Maschinen und Ausrüstungen die sowjetische Seite zu liefern bzw. abzunehmen bereit sei. „Wir können jedoch keinerlei Verpflichtungen übernehmen, bevor (wir) nicht selbst präzise unsere Pläne festgelegt haben. Zuerst wird es notwendig sein, den Plan für die bevorstehenden fünf Jahre zu bestätigen. Dann wird es leichter sein, festzustellen, was uns das nächste Jahrzehnt bringt.“ Dies ist zunächst ein Abschied vom Vorrang der Perspektivplanung im internationalen Maßstab. Was bedeutet es aber für die Planungsvisionen im RGW?
Die Plankoordinierung sollte vor allem die außenwirtschaftlichen Unsicherheitsfaktoren mindern. Oft habe man sich mit der Bitte an die UdSSR gewandt: „Helft.“ „Und man müsste helfen, aber der Plan ist zu diesem Zeitpunkt meistens schon ausgearbeitet und es bereitet große Schwierigkeiten, ihn dann wieder zu verändern. (...) die UdSSR soll oftmals Mangelwaren besorgen, was nicht immer leicht und oft sehr kostspielig ist und darum sind wir für eine Koordinierung der Pläne.“ Notwendig sei „eine gemeinsame Ausarbeitung der Probleme und darum brauchen wir ein koordinierendes Organ, welches sich auf die letzten Errungenschaften der Wissenschaft und Technik stützt. Das soll kein Regierungsorgan sein, sondern ein Hilfsorgan, welches den nationalen Planungsorganen hilft, richtiger, besser zu planen.“ Nun war der Status der Planung im RGW auch offiziell und nicht nur faktisch auf eine reine Hilfsfunktion reduziert. „Wie die Staatlichen Plankommissionen Prognosen im nationalen Rahmen ausarbeiten, so müsste auch das koordinierende Planungsorgan des RGW in seiner Tätigkeit einen ausschließlich empfehlenden Charakter tragen, solange die Empfehlungen des Planungsorgans nicht durch Regierungsbeschluss in Kraft gesetzt
1 Ebenda, S. 20, Bl. 211. vgl. auch die handschriftlichen Aufzeichnungen Ulbrichts zur Rede Gomulkas, SAPMO BArch DY 30 3483, Bl. 183 ff. Anlage 3 zum Beschlussentwurf der VIII. Ratstagung; SAPMO BArch DY 30 3408, Bl. 64 ff.
2 Vgl. auch BArchB DY 30 3483, Bl. 187 ff.
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werden.“ Dies bedeutete den vorläufigen Abschied von allen Visionen einer verstärkten Planung auf RGW-Ebene. Das obligatorische Lenin-Zitat war nun nicht mehr auf die Verschmelzung der Volkswirtschaften bezogen, sondern auf eine vage Aussage, dass in der „Sphäre der materiellen Produktion“ die Entscheidung fallen werde. Auch Chruschtschov sah die Probleme der bisherigen Methoden, ohne aber eine visionäre Antwort zu wagen: „Die Kooperation und Spezialisierung entwickeln sich langsam. Jawohl langsam, das ist auch unsere Meinung und darum müssen wir geduldig und beharrlich daran arbeiten. Wer damit nicht einverstanden ist, möge sich zurückhalten.“ Darauf beschränkte sich die Polemik des sonst eher offensiven KPdSU-Chefs. Man wisse aus innerer Erfahrung, wie kompliziert eine Kooperation sei. Letztlich wurden die konkreten Fragen und Antworten zurückgestelltzugunsten der „Einheit“. „Es gilt, im internationalen Maßstab vieles zu berücksichtigen, auch die nationalen Besonderheiten. Es ist nicht notwendig, einzelne Details sofort zu einem Politikum zu erklären. Wenn es im Detail kein Einvernehmen gibt, muss man es zurückstellen. Es darf nicht geduldet werden, dass Details unsere große gemeinsame Sache beeinflussen.“ 1 Man könnte also die Haltung der UdSSR als trade off zwischen den konkreten wirtschaftlichen Motiven und der Aufrechterhaltung der „Einheit“ des Lagers im Schatten der chinesischen „Abweichung“ auffassen. Ohne Zweifel besaß die „Einheit“ einen hohen Stellenwert, der über die reinen Reputationskosten hinausging und relevante kognitivemotionale Kosten beihaltet. Diese werden allerdings gestützt von einer sowjetischen Interessenlage, die nach Selbstentlastung und Planungssicherheit verlangte.
Wie spiegelte sich dies in den Ergebnissen? Im Beschluss der Julikonferenz zum Bericht des EKO zeigte sich die Stagnation sowohl in den Zielen und Ansprüchen für die weitere Arbeit, als auch in den Ergebnissen, die bis dahin erreicht - und akzeptiert - wurden. 2 Dies betraf insbesondere die organisatorische Entwicklung: „Die Umorganisation der Organe des [...RGW], insbesondere die Bildung und systematische Arbeit des Exekutivkomitees bewirkten die Erhöhung der Rolle des Rates als kollektiver Organisator der gemeinsamen Tätigkeit des RGW bei der Koordinierung der Pläne, der Spezialisierung und Kooperation der Produktion auf der Grundlage der völligen Gleichberechtigung, des gegenseitigen Vorteils und der gegenseitigen Hilfe.“ 3 Wie bereits gezeigt, setzte sich Rumänien in der einzigen noch strittigen Frage der Industriezweigvereinigungen weitgehend durch. Der Beschluss der („parallel“ stattfindenden) XVIII. Ratstagung betonte dann auch die „im Statut
1 Bericht Walter Ulbrichts über die Beratung der Ersten Sekretäre (...) und der Vorsitzenden der Ministerräte der Mitgliedsländer des RGW (für das ZK der SED); SAPMO BArch DY 30 3482, S. 23, Bl. 214. Rede Chruschtschovs (24.7.1963); SAPMO BArch DY 30 3483, Bl. 160 ff.
2 Die zwei- und mehrseitige Zusammenarbeit habe sich gefestigt und erweitert. Erfolgreich würden früher abgeschlossene Abkommen auf verschiedenen Gebieten der Zusammenarbeit verwirklicht. Diese Zusammenarbeit habe sich nach der Juniberatung 1962 noch weiter entwickelt. Die Organisationsformen der Zusammenarbeit würden „vervollständigt und in Übereinstimmung mit den auftretenden Aufgaben durchgeführt“. Es sei aber noch nicht gelungen, alle gewünschten Ergebnisse zu erreichen. „So wurden bei der Entwicklung der (...) Arbeitsteilung auf der Grundlage der von der Juniberatung gebilligten Prinzipien nur erste Schritte getan.“ Bei der Spezialisierung wie der Kooperation und Forschung seien „eine Reihe ernster Mängel“ aufgetreten. In den konkreten Beschlüssen war davon die Rede, die Arbeit seit der Juniberatung zu billigen und den Rat zu beauftragen, die Arbeit zur Erfüllung dieser Beschlüsse fortzusetzen“. Beschluss der Beratung der Ersten Sekretäre (...) und der Regierungschefs (...) zum Bericht des Exekutivkomitees (...) v. 26.7.1963; BArchB DC-20 11058, o.Bl.
3 Bei der Realisierung der Beschlüsse vom Juni 1962, für die man eine „lange Periode“ veranschlagte, wurden die Prinzipien, einschließlich der „Achtung der Souveränität“ deutlich hervorgehoben. Die durchgeführten vorläufigen Berechnungen zur Brennstoff-Energiebilanz stellten den „ersten ernsthaften Versuch dar, eine Lösung der für mehrere Länder des RGW wichtigen Probleme auf der Grundlage der Methode der Koordinierung der Pläne, die durch die ‚Grundprinzipien (...)‘ empfohlen wurde, zu finden.“ Ein Schritt zu einer neuen Qualität der Plankoordinierung, oder gar zu gemeinsamer Planung ist nicht erkennbar. Hervorzuheben wären am ehesten die Bemühungen um eine gemeinsame Bank und multilaterale Verrechnung. Beschluss (...) v. 26.7.1963, S. 3 u. 6; BArchB DC-20 11058, o.Bl.
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des RGW festgelegten Prinzipien der vollen Gleichberechtigung, der Achtung der Souveränität und der nationalen Interessen sowie der gegenseitigen Vorteile und der kameradschaftlichen gegenseitigen Hilfe“. Es wurde den Ländern und den Ratsorganen die Verpflichtung auferlegt, die Besonderheiten der ökonomischen Entwicklung und die nationalen Interessen zu berücksichtigen und die „Schaffung von Bedingungen zu fördern, die eine allmähliche Annäherung ihres ökonomischen Niveaus sichern“. Dazu müssten die Mitgliedsländer einen gemeinsamen Standpunkt ausarbeiten. Zudem müsse die Spezialisierung zum „schnelleren Anwachsen des Maschinenbaus in den Ländern beitragen, wo dieser Zweig noch wenig entwickelt ist“. 1 Zu den wichtigsten Aufgaben wurde die „weitere Vertiefung der Koordinierung der Perspektivpläne“ gezählt. Die übliche Floskel der „Vertiefung“ steht im Kontrast zu den bereits beschriebenen geringen Ergebnissen: „Die Arbeit zur Koordinierung der Pläne für die Generalperspektive befindet sich im wesentlichen im Anfangsstadium“. Die Ratsorgane hatten sich bislang mit methodologischen und programmatischen Fragen beschäftigt und versucht, Orientierungsberechnungen für die Brennstoff- und Energiebilanz auszuarbeiten. Aber auch die Festlegung der Verfahrensweise für die nun im Vordergrund stehende Koordinierung für die Jahre 1966 bis 1970 standen im Kontrast zu einer wirklichen „Vertiefung“. Nicht nur die Verschiebung der Termine (auf 1964/65) ließ kaum ein sinnvolles Ergebnis erwarten; die Funktion der Ratsorgane in diesem Prozess wurde verwässert und gegenüber der bilateralen Abstimmung und den Handelsverträgen zurückgesetzt. Die Ausarbeitung der nationalen „vorläufigen Erwägungen“ sollten mit „gegenseitigen Konsultationen untereinander und in erster Linie mit der Sowjetunion zu den wichtigsten Fragen“ verkoppelt werden. Dadurch sollte der Prozess der Ausarbeitung der Planentwürfe mit dem Prozess der vorläufigen Koordinierung mit den Partnerländern synchronisiert werden. Zu langfristigen und entscheidenden Fragen sollten sich in möglichst kurzer Frist Verhandlungen geführt werden, bei denen die zuvor festgestellten „annähernden Lieferumfänge“ bis 1970 berücksichtigt werden sollten. (Die Koordinierung in den Ratsorganen sollte hierzu wohl parallel ablaufen). Vor allem: „Diese Verhandlungen müssen zum Abschluss von Verträgen oder vorläufigen Abkommen (insbesondere für Lieferungen, die in den Jahren 1966 und 1967 durchzuführen sind) zwischen den Außenhandelsorganen der Länder führen.“ Dies hätte eine Plankoordinierung unter der Voraussetzung bereits bestehender vertraglicher Verpflichtungen bedeutet. „Die Organe des RGW beginnen ab 2. Hälfte 1964 die Koordinierung der Pläne für 1966-1970 auf mehrseitiger Ebene unter Berücksichtigung dessen, dass die Ergebnisse dieser Koordinierung nach Möglichkeit in den o.g. Handelsverträgen berücksichtigt und falls nötig zusätzliche Protokolle zu diesen Verträgen ausgefertigt werden müssen.“ Koordinierung hätte dann bedeutet, multilaterale Rest-Probleme zu besprechen. Die Funktion der Ratsorgane wird nicht präzisiert bis auf einen zusammenfassenden Bericht des Ratssekretariats, der im November 1965 dem EKO vorgelegt werden sollte, also am Ende des Prozesses und wenige Wochen vor dem ersten „koordinierten“ Jahresplan. 2
Chruschtschovs Formulierung von der „Hilfsfunktion“ schien mehr als deutlich umgesetzt. Ansonsten formulierte der Beschluss eine Vielzahl allgemeiner Willensbekundungen in Form von „Empfehlungen“. Beispielsweise wurde dem EKO vorgeschlagen, die „Beobachtung des Verlaufs der Erfüllung der Verpflichtungen durch die Ratsländer, die sich aus den von ihnen angenommenen Empfehlungen der Ratsorgane ergeben, zu verstärken.“ Ansonsten spiegelt sich eine Wille zu Verbesserung der Ratsarbeit bestenfalls in der Fülle der Themen und Empfehlungen. 3
1 Protokoll der XVIII. Ratstagung (25.-26.7.1963) , S. 5 f. u. 13; SAPMO BArch DY 30 3408, Bl. 73 ff.
2 Ebenda, S. 10-12.
3 Neben Plankoordinierung und Spezialisierung waren dies u.a. die Rohstoffversorgung, Landwirtschaft, drei neue ständige Kommissionen (Leichtindustrie, Geologie, Radiologie/Elektronik), Forschungskoordinierung,
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Somit konnte in der Literatur nicht zu Unrecht konstatiert werden, dass die Julikonferenz 1963 mit „einem eindeutigem Erfolg Rumäniens“ endete. Es habe keine Planungsbehörde, keine Mehrheitsbeschlüsse, keine Forcierung der Spezialisierung gegeben, das rumänische Industrialisierungsprogramm wurde fortgesetzt. 1 Allerdings standen diese Fragen kaum mehr „oben“ auf der Tagesordnung. Die rumänische Position hatte sich - abgesehen von den Industrievereinigungen - ohne große Gegenwehr durchgesetzt, ohne dass die Befürworter neuer organisatorischer Formen viel 2 dafür eintauschen konnten - außer einer Aufrechterhaltung einer gewissen „Einheit“ nach außen. Die Debatte ging nicht mehr um grundsätzlich neue Formen, sondern um die Definition und Durchsetzung der Beschlüsse von 1962. „Im Ergebnis (...der) Haltung seitens der RVR wie durch die Aufschiebung der Koordinierung der Pläne ging die Parteiberatung vom Juli 1963 im Prinzip kaum über die Beschlüsse vom Juni 1962 hinaus. Sie bestätigte die Richtigkeit und Aktualität der Beschlüsse vom Vorjahr und konkretisierte Wege und Methoden zu ihrer Erfüllung. (...) Es wurden keinerlei Schritte in (...) Richtung einer gemeinsamen Planung unternommen, die Vorschläge zur Bildung zwischenstaatlicher Vereinigungen in einzelnen Zweigen des Maschinenbaus und in der Metallurgie wurden nicht beschlossen und alle Bemühungen zur weiteren Hebung der Rolle des Exekutivkomitees sowie des Sekretariates des Rates blieben erfolglos.“ 3 Dabei wurde nicht einmal das - ursprünglich von der rumänischen Seite weitgehend akzeptierte - Gleichgewicht von 1962 erreicht: „Neue Vorschläge stießen in der Regel auf entschiedenen Wiederstand der rumänischen Genossen. Die Beschlüsse der Beratung von 1962 wurden z.T. formal ausgelegt und ihres Inhaltes beraubt.“ 4 Auch hier war die rumänische Seite erfolgreich - ohne dafür Zugeständnisse zu machen. Nicht nur ein weitgehender Souveränitätsbegriff hatte sich als Symbol eines spezifischen angemessenen Handelns durchgesetzt, sondern auch die Betonung „nationaler Interessen“. Welche Konsequenzen hatte dies für die weitere Entwicklung in der letzten Phase der ChruschtschovÄra?
5.8 Der Ausklang der Chruschtschov-Ära
5.8.1 Die Hemmnisse der RGW-Kooperation
Bei der folgenden „öffentlichen“ Behandlung von RGW-Fragen in der UdSSR fällt auf, dass zur Einschätzung der Juli-Beratung „relativ zurückhaltende Formulierungen“ benutzt wurden; andererseits aber eine sehr große Zahl von Publikationen entstand. Diese Zahl wie der „erste Schwerpunkt in fast jeder Veröffentlichung“, die verstärkte Zusammenarbeit „wissenschaftlich“ zu begründen 5 , zeigt das - von Chruschtschov mehrfach erwähnte -Bemühen, die Partner zu überzeugen. Die sowjetische Seite versuchte sich erneut als Produzent von focal points. Diese versuchte man symbolisch aufzuwerten, indem man die
Westhandel, TWZ, Qualitätssicherung, die Bank für ökonomische Zusammenarbeit, Schwerpunktsetzungen. Protokoll der XVIII. Ratstagung (Zitat, S. 26); SAPMO BArch DY 30 3408, Bl. 70 ff.
1 Frickenhelm 1990, S. 269 f.
2 Aus den Vorschlägen der DDR wurde die Schwerpunktsetzung, die Arbeit an der Standardisierung, wie die Spezialisierung von ganzen Baugruppen in den Beschluss übernommen. Im Gesamtkontext waren dies aber nur Scheinerfolge.
3 Einige Probleme der Zusammenarbeit der Länder im Rahmen des RGW in den letzten zwei Jahren (...), S. 9; 30.3.1964; BArchB DC-20 11058 (A 05210/1)/ 18, o.Bl.
4 Zusammenfassung aus einem Material der Genossen der DDR, die im RGW in Moskau arbeiten, zu Fragen der Zusammenarbeit (Leuschner an Ulbricht v. 13.4.1964); SAPMO BArch DY 30 3466, Bl. 167.
5 So die Einschätzung der 1. Europäischen Abteilung des MfAA d. DDR: Information über die Haltung der Sowjetunion zu den RGW-Problemen seit der Juli-Tagung v. 1963 v. 8.11.1963, S. 1 u. 23; SAPMO BArch DY 30 IV A 2/20 - 188, o.Bl.
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„ökonomischen Gesetze des Sozialismus“ auf die internationale Ebene bezog und die internationalen Wirtschaftsbeziehungen zu den „Produktionsverhältnissen“ zählte, die sich neuen Produktivkräften anpassen müssten. Die publizierten Auffassungen konnten durchaus qualitativ neue Perspektiven andeuten, so eine einheitliche Wirtschaftspolitik, eine „echte internationale Einheit“ in der Wirtschaft oder eine „einheitliche materiell-technische Basis des Weltsozialismus“. „Das nationale sozialistische Volkseigentum wird (...) letzten Endes in ein internationales kommunistisches Volkseigentum hinüberwachsen.“ 1 Zwar wird für eine Verbesserung der Planungstätigkeit plädiert, dies aber im Sinne einer „Vervollkommnung der Plankoordinierung“ und ihrer Mechanismen. 2 Ein Schwerpunkt der Beiträge lag jedoch im Nachweis, dass die Plankoordinierung und Arbeitsteilung keine Beeinträchtigung der Souveränität darstellt. Jedes Land entwickle seinen eigenen Planentwurf, wobei es in erster Linie von seinen Bedingungen ausgehe; alle Entscheidungen des RGW würden nur mit Zustimmung der betreffenden Länder gefasst, wodurch jegliche Einmischung in die Planungstätigkeit eines Landes ausgeschlossen sei. Die gemeinsame Planungstätigkeit stehe nicht nur in keinem Gegensatz zur „Festigung der nationalen Souveränität“; sie verlange sie sogar. 3 Im Gegensatz zu den Veröffentlichungen in der ersten Jahreshälfte wurde in keinem Beitrag der Vorschlag Chruschtschovs zur Bildung eines einheitlichen Planungsorgans aufgegriffen; nur in einem Beitrag wurde der Vorschlag zur Bildung zwischenstaatlicher Wirtschaftsvereinigungen erwähnt. 4 Wieder einmal sollte die kommunistische Wissenschaftsgläubigkeit die politischen Konflikte überspielen. Insgesamt erfolgte aber eine deutliche Mäßigung auch in der „Öffentlichkeit“. Die Bedeutung der Souveränität als Symbol angemessenen Handelns wurde bestätigt, aber auch hier nicht präzisiert. Was bedeutete dies für die realen Wirtschaftsbeziehungen?
Die Betonung der Souveränität im Sinne nationaler Interessen begünstigte einen Trend, der seit Anfang der 60er Jahre in vielen Bereichen (Außenhandel, Preisbildung, TWZ) spürbar war - eine härtere nationale Interessenpolitik. Damit korrespondierte die aktuelle Methodik der Plankoordinierung mit der interessengeleiteten nationalen Planung für die internationale Kooperation - selbst bei den „Integrationisten“. Der DDR-Vertreter im RGW stellte als erstes Ziel dar, dass „die Interessen der DDR in der internationalen ökonomischen Arbeit, ausgehend von unserem Perspektivplan, vertreten werden“ müssten. 5 Gerade angesichts der 1963 deutlichen „ernsten Schwierigkeiten auf vielen Gebieten der Volkswirtschaft“ in „allen Ländern - mit Ausnahme der RVR“ 6 verschärfte sich das „nationale“ Herangehen an die Probleme: „Die Lage ist so, dass zu allen Tagungen der Ratsorgane die Ländervertreter mit strengen Direktiven ihrer Parteien und Regierungen auftreten. Aufgrund der unterschiedlichen ökonomischen Interessen der einzelnen Länder passen diese Direktiven jedoch in vielen Fällen - vor allem in grundlegenden Fragen - nicht zusammen.“ Da im RGW nur einstimmig beschlossen werden könne, kämen „Arbeitsergebnisse nur zustande, wenn alle Länder an diesen Ergebnissen interessiert“ seien. 7
1 So Sorokin und ein weiterer Verfasser in einem Sammelband in „Fragen der Ökonomie“, 6 (1963); zit. nach ebenda, S. 3 f.
2 So Miroschnitschenko in mehreren Beiträgen; vgl. ebenda, S. 7.
3 So A. Alexejew; vgl. ebenda, S. 10 f. u. 23.
4 Ebenda, S. 5 u. 18.
5 Der „Nutzeffekt“ für die Wirtschaft der DDR war der zentrale Topos seines Konzepts. Leuschner an Stoph v. 23.10.1963 (Anlage: Richtlinie für die Verbesserung der internationalen ökonomischen ... Zusammenarbeit); SAPMO BArch DY 30 3465, Bl. 214 ff. (Zitat Bl. 216)
6 Trotz einer Reduzierung der Pläne seien die Planaufgaben nicht erfüllt worden. Zudem wurde ein „stärkeres Auftreten (...) kleinbürgerlich-nationalistischer Tendenzen“ verzeichnet. Einschätzung einiger aktueller Probleme der Entwicklung in den europäischen sozialistischen Ländern; SAPMO BArch DY 30 J IV 2/202 -233 (DY 30 3465).
7 Wie soll es in der Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedsländern des RGW weitergehen (Material für Ulbricht), S. 1; SAPMO BArch DY 30 J IV 2/202 - 233 (DY 30 3465).
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Dies hatte allerdings neben der Aufwertung der „nationalen Interessen“ noch weitere institutionelle Ursachen - nicht nur angesichts einer fehlenden Präzision und Wirkungskraft der gemeinsamen Beschlüsse. Über die Grundfragen der Zusammenarbeit, die Arbeitsweise im RGW wie die „Auslegung der Beschlüsse der Ersten Sekretäre treten zwischen den Mitgliedsländern große Meinungsverschiedenheiten auf und die unterschiedlichen Standpunkte zu diesen Fragen haben sich verhärtet“. 1 „Sowohl bei der Konkretisierung und Durchführung dieser Grundsatzbeschlüsse als auch bei der Auslegung zeigen sich (...) große Meinungsverschiedenheiten zwischen den Ländern.“ Die Beschlüsse gäben eine „ausreichende Orientierung“, würden „jedoch aufgrund der mangelnden Bereitschaft der Länder nicht wirksam“. Die institutionelle Konstellation verhinderte aber sogar ein Ausweichen auf Lösungen außerhalb des RGW. „Einer Zusammenarbeit nur zwischen den interessierten Ländern im Rahmen des RGW steht aber das geltende Statut im Wege, auf das sich z.B. die rumänischen Genossen bei allen Fragen, mit denen sie nicht einverstanden sind, berufen. Das geltende Statut lässt eine Zusammenarbeit von interessierten Ländern nur dann zu, wenn die nicht interessierten Länder ausdrücklich erklären, dass sie nicht interessiert sind - was praktisch niemals geschieht.“ Eine entsprechende Änderung des Statuts sei „allerdings eine komplizierte politische Frage“. 2
Vor allem weitete sich der Vertrauensverlust zwischen den unterschiedlich entwickelten Ländern aus - das rumänische Beispiel machte Schule. „In der letzten Zeit zeigt sich immer deutlicher, dass die industriell weniger entwickelten Länder in der Zusammenarbeit im RGW in erster Linie die Aufgabe sehen, ihnen zu helfen und ihre Entwicklung zu beschleunigen. Dabei kommt ein wachsendes Misstrauen gegen die fortgeschrittenen Länder zum Ausdruck, das sich auch in solchen Äußerungen zeigt, die bisherige Spezialisierung und Kooperation habe im wesentlichen der Auslastung vorhandener Kapazitäten in der DDR und der CSSR gedient und die Entwicklung eines Maschinenbaues in den industriell weniger entwickelten Ländern behindert. Das führte in letzter Zeit dazu, dass die Auseinandersetzungen vor allem bei solchen Problemen, die unmittelbar die materiellen Interessen der Länder berühren, heftiger als je zuvor geworden sind“. Die Schlussfolgerung zeigte eine resignative Grundhaltung: „Es besteht unter den gegenwärtigen Bedingungen wenig Aussicht, diese Situation auf der Ebene des RGW wesentlich zu verändern. (...) Die politischen und ideologischen Grundfragen lassen sich durch den ausführenden Apparat mit seinen begrenzten Vollmachten nicht lösen.“ 3
Diese Blockade war nun nicht mehr allein eine Frage der rumänischen Haltung. So zeigte der rumänische Vertreter Birladeanu auf der X. Tagung des EKO im Dezember 1963 eine „gute Verhandlungsführung, war betont sachlich und objektiv“. Ohne die rumänische Haltung in grundlegenden Fragen aufzugeben, schuf die RVR hier „relativ wenig Konfliktstoff“. Die DDR-Beobachter begründeten dies damit, dass Rumänien ja erreicht habe, was es wollte, „nämlich die Wahrung ihrer Handlungsfreiheit in grundlegenden wirtschaftlichen Fragen“. „Weitere Zuspitzungen möchte die RVR offensichtlich nicht und bemüht sich so um die Aufrechterhaltung einer bestimmten losen Zusammenarbeit innerhalb des RGW.“ Dagegen hatte sich die Haltung eines Vorreiters der „Integration“ im Jahre 1962 deutlich geändert. Die VRP trat „mehrmals (insbesondere bei Fragen der Vertragspreise, der Transittarife und des Güterwagenparks) in einer sehr massiven, geradezu ultimativen Form auf, die von vornherein eine Einigung im Rahmen des RGW fast unmöglich machte und die VRP während des größten Teils der Beratung in Gegensatz zu allen anderen brachte.“ Es hätten sich „bestimmte
1 Einschätzung der Durchführung der Beschlüsse der Ersten Sekretäre der KAP der Mitgliedsländer des RGW und Schlussfolgerungen hinsichtlich realer Möglichkeiten der ökonomischen Zusammenarbeit mit den RGW-Ländern auf einigen Schwerpunktgebieten (März 1964); SAPMO BArch DY 30 3466, Bl. 52.
2 Wie soll es in der Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedsländern des RGW weitergehen (Material für Ulbricht), S. 1 u. 4 f.; SAPMO BArch DY 30 J IV 2/202 - 233 (bzw. DY 30 3465).
3 Ebenda, S. 2 f.
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polnische Erwartungen“ an die mehrseitige Zusammenarbeit nicht erfüllt. Somit versuche sie diese nun auf bilateralem Wege „schnellstens durchzusetzen“. 1 Die polnische Seite war wohl vor allem frustriert über die bisherigen Ergebnisse bei der Abstimmung der Rohstoffbilanzen und sah ihre Anstrengungen in dieser Frage nicht richtig honoriert. Hinzu kam die Frage der Transporttarife. Diese Probleme zeigten sich auch auf bilateraler Ebene und löste die Kooperationsgemeinschaft für eine verstärkte Zusammenarbeit im RGW. In den wirtschaftspolitischen Gesprächen zwischen Ulbricht und Gomulka vom Herbst 1963 sollten die Beschlüsse vom Juni 1962 und Juli 1963 diskutiert werden, sie brachten aber zugleich „in einigen wichtigen Fragen verschiedene bzw. entgegengesetzte Auffassungen“ zutage. Dies betraf vor allem die Struktur des gegenseitigen Handels und die dementsprechende Spezialisierungsrichtung. Dabei fühlten beide Seiten ihre „nationalen Interessen“ von der Gegenseite nicht genügend beachtet. Somit waren selbst zwischen DDR und VRP „ernsthafte Diskussionen“ über die „Formen und Methoden der sozialistischen ökonomischen Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern“ notwendig. (Dabei setzte sich gerade die DDR für ein exaktes Programm der Spezialisierung vor jeder Zusammenarbeit ein.) Auch zwischen diesen Partnern zeigte sich die Konzentration auf die bilaterale Ebene. Ulbricht nahm „prinzipiell zur ökonomischen Zusammenarbeit Stellung und wies darauf hin, dass die bisherigen Formen und Methoden nicht mehr den Erfordernissen entsprechen, nicht auf Schwerpunkte orientieren und zu breit angelegt sind“. Was davon in das gemeinsame Kommunique aufgenommen wurde, verweist aber nur auf die Arbeit des gemeinsamen Wirtschaftsausschusses, vor allem aber die Abstimmung der beiden Plankommissionen, die den Schwerpunkt der Kooperation ausmachen sollte. 2
Auch wenn die rumänische Seite als Vorreiter nationaler Interessen galt, wurde nationale Interessenpolitik in den RGW-Gremien nun zur Normalität: „Man dürfe nicht übersehen, dass im EKO „8 Ländervertreter sitzen mit 8 verschiedenen Direktiven ihrer Regierungen (Politbüros) in der Tasche. Jeder hält sich selbstverständlich streng an diese Direktive. Und wenn jetzt ein Vertreter, wie z.B. Rumäniens, auftritt und sich gegen diese Zusammenarbeit aus den verschiedensten Gründen ausspricht, scheitert die ganze Beratung, da nach dem Statut des RGW Beschlüsse nur einstimmig gefasst werden können. D.h. ein Vertreter kann, wenn das betreffende Land nicht zusammenarbeiten will, alles torpedieren.“ 3 Dies betraf zentrale Fragen wie die Roh- und Brennstoffbilanz oder Spezialisierungsvereinbarungen. Hier spitzten sich die latenten Probleme nochmals zu. Erfolge wie die Aufstellung eines „zusammengefassten Planes zur Koordinierung der wissenschaftlichen und technischen Forschungen“ für die Jahre 1964/65 blieben begrenzt und die Ausnahme. 4 Aber auch die Plankkoordinierung wurde von der bereits angedeuteten allseitigen Interessenpolitik bestimmt. Die Zusammenarbeit wurde als „in der Regel sachlich“ wahrgenommen, also durchaus als angemessen. Dabei „vertreten die Länder mit wachsender Konsequenz ihre Meinung und gemeinsame Standpunkte werden durch harte Auseinandersetzungen erarbeitet. Die Länder stoßen bei der Ausarbeitung ihrer Pläne bis 1970 auf komplizierte materielle Probleme.“ Dies ergab Probleme bei der Spezialisierung, der Rohstoffversorgung, im Außenhandel usw. Die zu erwartenden Ergebnisse der Plankoordinierung waren desillusionierend. Bei der Plankoordinierung bis 1970 werde es nur
1 Bericht (Leuschners?) vor dem Politbüro über die X. Tagung des EKO (7.1.1964); SAPMO BArch DY 30 3422, Bl. 51.
2 Bericht an den Ministerrat der DDR über den Besuch einer Partei- und Regierungsdelegation in der VRP v. 25.-30.9.1963; PAAA MfAA d. DDR, A 1568, Bl. 174 ff. Die DDR-Delegation wurde von Ulbricht und Leuschner geleitet.
3 Leuschner an Ulbricht v. 8.4.1964; SAPMO BArch DY 30 3466, Bl. 163.
4 An der Aufstellung dieses Planes, der dem EKO vorgelegt werden sollte, waren mehr als 600 Wissenschaftler beteiligt. Es handelte sich aber bestenfalls um eine Zusammenstellung nationaler Forschungsprogramme. Er versuchte auf „ausgewählten Gebieten“ die Forschung zu koordinieren, allerdings ohne die Anwendung des „Prinzips der nationalen Interessiertheit“. Ebenda, S. 2 u. 4.
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eine Abstimmung der wesentlichsten Warenpositionen geben. „Durch den Rat wird auf die Gestaltung der nationalen Pläne wenig Einfluss genommen werden. Vor allem wird es zu einer Darstellung der Probleme und im besten Falle zu Empfehlungen über evtl. Lösungswege auf einzelnen Gebieten kommen.“ Es werde „weder eine Gesamtbilanz noch Ausarbeitungen zur Gestaltung volkswirtschaftlicher Proportionen oder optimaler Varianten einzelner Zweige geben. In dieser Etappe der Zusammenarbeit sind dafür offensichtlich noch nicht die Bedingungen gegeben.“ 1
Das Ansehen des RGW als Organisation war erstaunlich gering; es gab „von allen Seiten herablassende Stimmen über die ungenügende Arbeit des Rates“. Die Hauptursache für die „Nichterfüllung von Aufträgen durch Organe des Rates bzw. für die Verzögerung zahlreicher Fragen“ war allerdings die „verspätete, mangelhafte oder völlig fehlende Zuarbeit einzelner Länder“. So wurden von den Ständigen Kommissionen im zweiten Quartal 1963 nur 64% der festgelegten Aufgaben erfüllt, was zu 60% an den fehlenden oder verzögerten Länderbeiträgen lag. 2 Dies betraf selbst so zentrale Fragen wie die Plankoordinierung. Die Unterlagen für den Zeitraum 1966 bis 1970 reichte nur die polnische Seite rechtzeitig ein. RVR und UdSSR kündigten mehr als ein viertel Jahr Verzögerung an. Letztlich wurde der Termin auf die „Letzten“ ausgerichtet, der Gesamtablauf entsprechend überarbeitet. 3 Dieses Verhalten zeigt, dass der RGW kurz nach einem entscheidenden Reformversuch zu einer Arena nationaler Interessenwahrung degradiert worden war; die Gewinnerwartungen der Teilnehmer waren äußerst gering. Das kritisierte Verhalten betraf cum grano salis alle Länder.
Wenn die rumänische Haltung hier „weniger Konfliktstoff“ bot, heißt das nicht, dass eine Normalisierung auf der Basis vom Juni 1962 einsetzte. Die rumänische Position war durchaus nochmals von einer anderen Qualität. Die Kooperationsvorhaben in den unterschiedlichsten RGW-Organen stießen auf Widerstand. Auf einem „breit angelegten“ Plenum des ZK der RAP wurde die von den rumänischen Vertretern im RGW eingeschlagene Linie bestätigt und die gesamte Partei darauf orientiert. Auf allen folgenden Tagungen von Expertenberatungen, Arbeitsgruppen, Kommissionen usw. wie auch im Sekretariat des RGW verfochten die rumänischen Vertreter in den meisten Fällen extrem diese Linie.“ 4 Die „nationale Position“ hatte sich in Rumänien als erfolgreiche innenpolitische Strategie erwiesen 5 ; bei den rumänischen Vertretern im RGW war sie weitgehend habitualisiert. Dies hemmte und blockierte die tägliche Sacharbeit jenseits ambitionierter Ziele wie Zweigvereinbarungen oder Plankoordinierung. 6
1 Einige Probleme der Zusammenarbeit der Länder im Rahmen des RGW in den letzten zwei Jahren (...), 30.3.1964, S. 9 u. 11; BArchB DC-20 11058. Das Dokument wurde in Moskau von den Ständigen Vertretern der DDR im RGW unterstützt von den Mitarbeitern im Sekretariat wie dem Leiter der wirtschaftspolitischen Abteilung der Botschaft Moskau erarbeitet. Die bereits zitierten Auszüge sandte Leuschner an Ulbricht.
2 Ebenda, S. 15 f.
3 Information über die 13. Sitzung des EKO; SAPMO BArch DY 30 3425, Bl. 8 f.
4 Einige Probleme der Zusammenarbeit der Länder im Rahmen des RGW in den letzten zwei Jahren (...), 30.3.1964, S. 8 f.; BArchB DC-20 11058.
5 Es setzte sogar eine zweite Desowjetisierungswelle ein, die vor allem symbolische Bereiche (Kultur, Zeitschriften, Russischunterricht, Münzen) betraf. Frickenhelm 1990, S. 299f. DDR-Beobachter sahen Mitte 1963 „kleinbürgerliche und nationalistische Tendenzen“ in der „gesamten Politik“ der RAP - bis hin zu nationalistischen Tendenzen in der Geschichtsschreibung. Einschätzung einiger aktueller Probleme der Entwicklung in den europäischen sozialistischen Ländern, S. 6 f.; SAPMO BArch DY 30 J IV 2/202 - 233 (DY 30 3465).
6 So hatte sich in der SK Buntmetallurgie nach der Julikonferenz die „destruktive“ Haltung der RVR verstärkt. Bericht über die XV. Tagung der SKBM; 31.10.1963 DE-1 VA 45484, o.Bl.
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Nur selten gelang es, aufgrund einer „einmütigen Haltung der anderen Länder“ die rumänische Position zurückzudrängen. 1 Eine Ausnahmesituation stellt die an anderer Stelle ausführlich geschilderte Abstimmung des Westhandels dar. Die rumänische Seite blockierte nicht nur gemeinsame Forschungseinrichtungen, sondern richtete sich in der SK für die Koordinierung der wissenschaftlichen und technischen Forschung grundsätzlich gegen weitere „progressive Maßnahmen“ der Zusammenarbeit, verfolgte eine
„Verschleppungstaktik“. Dabei fiel auf, dass die „gleichen Genossen der RVR in mehreren Kommissionen des RGW gleichzeitig diese Linie vertreten“. 2 Die rumänischen Vertreter -vor allem N. Ceaucescu - galten grundsätzlich als „sehr empfindlich“ in allen Fragen nationaler Kompetenzen. Veränderungen im RGW wurden in der Folgezeit grundsätzlich abgelehnt. 3
Ein Höhepunkt der rumänischen Ablehnung eines gestärkten RGW müsste im April 1964 gelegen haben, als das ZK der RAP die sogenannte „Unabhängigkeitserklärung“ beschloss, in der die staatliche Planung als eines der „grundlegenden, wesentliche und unveräußerlichen Attribute der Souveränität des sozialistischen Staates“ propagiert wurde. 4 Allerdings stellte dies nur eine Veröffentlichung längst bekannter Positionen dar, eine Art öffentliches Resümee der bisherigen Debatte. Angesichts der Bemühungen um „Einheit und Geschlossenheit“ konnte dies durchaus politische Brisanz besitzen. Zudem gibt es Hinweise dafür, dass das Dokument mit sowjetischen Ausgleichsversuchen gegenüber China im Zusammenhang stand, bei denen Rumänien als Vermittler dienen sollte. 5 Dennoch zeigte die parallel zum ZK-Plenum stattfindende 12. Tagung des EKO eine Verhärtung der Positionen. Diese waren aber kein Ergebnis der „Unabhängigkeitserklärung“, sondern eher Begleitmusik. Allein schon, dass der rumänische Vertreter Birladeanu am ZK-Plenum teilnahm und nicht an der EKO-Sitzung wurde als Affront gewertet, zumal Rumänien nur durch den Sekretär der Regierungskommission für TWZ repräsentiert wurde. Dabei vertreten die „rumänischen Genossen (...) stärker als auf vorangegangenen Sitzungen des Exekutivkomitees in der Mehrzahl der Fragen einen von der Meinung der anderen Länder abweichenden Standpunkt. Ihre Verhandlungsführung war starr und destruktiv“. Sie zeigten eine „andere politische Grundhaltung“ zur Ratsarbeit als alle anderen Mitgliedsländer. Selbstverständlich war der rumänische Vertreter nur bereit, Beschlüssen zuzustimmen, welche die „RVR zu keinen neuen Formen einer Zusammenarbeit verpflichteten“. Dabei gab es bei der Koordination des Westhandels, Fragen der Landwirtschaft und über die Unterzeichnung des Vertrages mit Jugoslawien „besonders heftige Auseinandersetzungen“. 6 Bemerkenswert ist vor allem die Auseinandersetzung um die letzte Frage. Es ging keineswegs um das ob eines Vertrages über die Zusammenarbeit mit Jugoslawien; es ging um die Frage, wer diesen unterzeichnen durfte. Der Streit hatte bereits auf der 11. EKO-Sitzung begonnen. Alle Länder schlugen dabei vor, dass der Vertrag vom Sekretär des RGW
1 So in der Landwirtschaftspolitik, v.a. einem Beschluss zum Erfahrungsaustausch in diesem Bereich. Information über die 12. Sitzung des EKO; SAPMO BArch DY 30 3424, Bl. 92 f.
2 Einschätzung der V. Tagung der SK für die Koordinierung der wissenschaftlichen und technischen Forschung, 30.1.1964, S. 6 ff.; SAPMO BArch DY 30 3462, Bl. 100 ff.
3 Neben dieser „Empfindlichkeit“ zeigte Ceaucescu auch im Kreise von Ostblockdiplomaten seine „Abneigung gegenüber der Sowjetunion, insbesondere gegenüber dem Genossen Chruschtschov“. Er wandte sich scharf gegen die Auffassung, den Beschlüssen des RGW eine höhere Verbindlichkeit zu geben. Andere rumänische Vertreter ließen sich gar nicht mehr auf Diskussionen zu dieser Frage ein und verwiesen nur noch auf entsprechende Reden Ceaucescus. Vgl. PAAA MfAA d. DDR, A 7546, Bl. 1 ff., 6 f. u. 20 ff., 38; C 1028/ 72, Bl. 96 f.
4 Herbst 1995, S. 370; Zwass 1986, S. 32.
5 Ionescu 1994, S. 70 ff. Obwohl sowjetische Diplomaten die Erfolgsaussichten der rumänischen Mission nicht sehr hoch einschätzten und annahmen, dass es der rumänischen Seite „in erster Linie um ihre eigene Position“ ging, müsse man dennoch das „rumänische Bestreben, der gefahrvollen Entwicklung Einhalt zu gebieten hoch einschätzen“. Vermerk über ein Gespräch mit dem Genossen Iljuchin von der sowjetischen Botschaft am 20.2.1964; SAPMO BArch DY 30 IV 2/20 - 354, o.Bl.
6 Information über die 12. Sitzung des EKO, S. 2 f.; SAPMO BArch DY 30 3424, Bl. 88 f.
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unterzeichnet werden sollte. Nur Rumänien war strikt dagegen und forderte eine Unterzeichnung durch die 8 Ländervertreter oder den Sekretär und einen Vertreter Rumäniens. Zu dieser Frage gab es einen „langen Streit“, der besonders heftig von den polnischen und sowjetischen Vertretern (Jaroszewicz und Lesetschko) geführt wurde. Lesetschko stellte mehrere Male fest, dass der rumänische Vorschlag die Mitglieder des EKO desavouiere, da sie von ihren ZKs und Regierungen bevollmächtigte Vertreter seien. Jaroszewicz machte zunächst eine Art Kompromissvorschlag; der rumänische Vertreter solle im Namen aller Länder unterschreiben. Auch dieser Vorschlag wurde abgelehnt. Dies führte zu dem Beschluss, auf der nächsten Ratstagung die Ministerpräsidenten entscheiden zu lassen, diese Entscheidung Jugoslawien mitzuteilen, aber kein Abkommen mit Jugoslawien zu unterzeichnen. Ein formaler Einwand hatte eine wichtige politische Entscheidung torpediert. Der Streit hierzu führte außerhalb des Plenums nochmals zu einer „scharfen Auseinadersetzung“ zwischen dem polnischen und dem rumänischen Vertreter. Jaroszewicz bemerkte, dass „die rumänische Delegation das Statut so auslege, wie sie es gerade braucht. Daraufhin sprang Genosse Cioare auf (und) rief: ‚Sie haben die Rumänische Volksrepublik beleidigt!’ und wollte den Raum verlassen. Er konnte nur mit Mühe beschwichtigt werden. Genosse Jaroszewicz korrigierte sich insofern, als er betonte, er habe nicht die RVR, sondern ihn, Cioare, persönlich gemeint.“ 1 Dies zeigt nicht nur die emotionale Aufheizung der Debatten zu diesem Zeitpunkt; es zeigt auch, dass es nicht um eine kalkulierende Interessenpolitik der rumänischen Seite ging (wie teilweise beim Westhandel), sondern um ein prinzipielles Handlungsschema, beinahe einen „Reflex“. Allerdings deutet sich auch das innenpolitische Moment wieder an. Dieses Verhalten wurde im Kontext des ZK-Plenums der RAP - bewusst oder unbewusst - gesteigert. Dies heißt jedoch nicht, das die Rumänen auf Gegenwind nicht reagierten.
Die 13. Sitzung des EKO verlief im Unterschied zur 12. Tagung und den vorbereitenden Kommissionstagungen in sachlicher Atmosphäre; zu allen Tagesordnungspunkten konnte ein einheitlicher Standpunkt erarbeitet werden. Auch die Haltung der rumänischen Vertreter war sachlich und ließ eine „normale Arbeit“ zu. Birladeanu erklärte, dass die RVR ihren in den vorbereitenden Materialien enthaltenen Sonderstandpunkt zurückziehe. Dies zeigt, dass die rumänischen Vertreter durchaus zu taktischen Zugeständnissen - möglicherweise im Zusammenhang mit einer parallelen rumänischen Parteidelegation in Moskau - bereit und in der Lage waren. 2 Möglicherweise spürten sie aber auch einen verstärkten Gegendruck der anderen Länder.
5.8.2 Förderer der RGW-Kooperation
Konnte der klare Trend im RGW zu seiner „Diskriminierung“, zur Verschleppung und Blockierung der Zusammenarbeit ohne Reaktionen bleiben? Auf der 12. Tagung des EKO entstand der Eindruck, dass „die Haltung der RVR in der Ratsarbeit noch starrer und unnachgiebiger geworden ist. Sie hemmt die Tätigkeit des Rates beträchtlich und demoralisiert zum Teil auch die Genossen der anderen Ratsländer.“ 3 Die geschilderte Episode deutet jedoch an, dass sich Widerstand zu formieren begann. Zudem deutet sich an, dass die Analysen des Vorjahres nicht mehr exakt sein mussten: „Die rumänischen Genossen sind etwas geschmeidiger geworden, ohne jedoch grundsätzlich von ihrer Linie abzugehen. Die sowjetische Seite versucht immer zu vermitteln und niemandem zu widersprechen. Bei den polnischen Genossen zeigen sich Erscheinungen, in
1 Information über die 12. Sitzung des EKO des RGW (Abteilung Planung und Finanzen, 28.4.1964); SAPMO BArch DY 30 3424, Bl. 113 f.
2 Information über die 13. Sitzung des EKO des RGW (Juli 1964); SAPMO BArch DY 30 3425, Bl. 4.
3 Information über die 12. Sitzung des EKO des RGW (Abteilung Planung und Finanzen, 28.4.1964); SAPMO BArch DY 30 3424, Bl. 116.
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grundsätzlichen Fragen zu bremsen.“ 1 Sicherlich war die polnische Seite Ende 1963 durch eine verstärkte Interessenpolitik aufgefallen, die vor allem Rohstofffragen und damit verbundene Investitionen, die Frachttarife und die Preispolitik insgesamt betrafen. Das geschilderte Verhalten von Jaroczewisz in der „Jugoslawienfrage“, aber auch bei der Abstimmung des Westhandels zeigt eine entschiedene polnische Position gegen die rumänische RGW-Politik. Aus der polnischen Haltung auf der 12. Sitzung des EKO schlussfolgerten die DDR-Vertreter, dass „Jaroszewicz die Direktive hatte, keine sinnlosen Kompromisse einzugehen, sondern eher einige Probleme ‚auf die Spitze zu treiben’ und evtl. auch einen Tagungsordnungspunkt ‚platzen zu lassen’. Damit soll(t)en offensichtlich einige klare Abgrenzungen und auch Material für die nächste Beratung der 1. Sekretäre geschaffen werden.“ 2 Möglicherweise lag ein antirumänischer Generalangriff in der Luft. Verschiedene Ländervertreter, u.a. der ungarische, sollen „zunehmend die Frage gestellt (haben), dass Rumänien auf höchster Ebene aufgefordert werden sollte, entweder aktiv mitzuarbeiten und auch neue Wege der Verbesserung der Zusammenarbeit zu beschreiten oder aus dem RGW auszutreten.“ Eine solche harte Linie hatte es bis dahin noch nicht gegeben. Zudem deutete der sowjetische Vertreter im informellen Rahmen - bei einem Abendessen „im kleinen Kreise“ - eine antirumänische Front an. 3
Warum wurde dieser Druck auf Rumänien nicht erhöht? Hier ging es ja darum, den Rat überhaupt funktionsfähig zu halten und nicht um die Durchsetzung der Reformziele von 1962/63. Zudem deuteten sich ja Möglichkeiten an angesichts des taktisches Einlenken der Rumänen auf der 13. Tagung des EKO. Allerdings war kein Handeln ohne sowjetische Rückendeckung denkbar. In diesem Sinne war die sowjetische Hegemonie noch intakt. Zentral war somit das Verhalten der sowjetischen Seite. Die 10. Tagung des EKO im Dezember 1963 hatte gezeigt, dass die moderate Linie vom Sommer 1963 fortgesetzt, ja verstärkt wurde. Dort zeigte sich, dass die Sowjetunion - und zwar noch stärker als sonst(...) um jeden Preis ausgleichen möchte“ Dabei vermisse man beim Auftreten des sowjetischen Vertreters „immer stärker (...) in vielen Fragen eine eindeutige Haltung und klare Linie“. Für die anderen Ländern war diese Haltung spürbar. Nur so sei es zu erklären, dass RVR und VRP „mit einer derart überspitzten nationalen Haltung , selbst auf die Gefahr einer Isolierung hin, aufgetreten sind“. 4 Ohne die sowjetische Seite waren alle institutionellen Mechanismen deutlich geschwächt. Eine Konstellation, in der wie im Juni 1962 wenigstens wichtige Teilergebnisse erzielt werden konnten, war damit nicht möglich. Auch in den Ständigen Kommissionen versuchte die sowjetische Seite Kompromisslösungen anzubieten, die „keine reale Lösung der Probleme darstellte und lediglich einen formalen einheitlichen Standpunkt fixieren“ wollte. 5
Dies konnte verallgemeinert werden: „Die Vertreter der Sowjetunion waren nach der Parteiberatung vom Juli 1963 in der Zusammenarbeit sehr zurückhaltend. In kaum einer Frage zeigten sie Initiative. Zu den meisten Problemen haben sie keinen festen Standpunkt, sondern schließen sich der Mehrheit an bzw. lavieren und vermitteln. Die wichtigsten
1 Einige Probleme der Zusammenarbeit der Länder im Rahmen des RGW in den letzten zwei Jahren (...), 30.3.1964, S. 10; BArchB DC-20 11058.
2 Information über die 12. Sitzung des EKO des RGW (Abteilung Planung und Finanzen, 28.4.1964); SAPMO BArch DY 30 3424, Bl. 117.
3 Lesetschko brachte - allerdings in Anwesenheit der Rumänen sein Bedauern zum Ausdruck, dass alle 1. Sekretäre beim 70. Geburtstag Chruschtschovs in Moskau gewesen seien, “leider aber mit Ausnahme der rumänischen Genossen“. Information über die 12. Sitzung des EKO des RGW (Abteilung Planung und Finanzen, 28.4.1964); SAPMO BArch DY 30 3424, Bl. 117.
4 Bericht (Leuschners?) über die 10. Tagung des EKO vor dem SED-Politbüro, 7.1.1964; SAPMO BArch DY 30 3422, Bl. 52.
5 Bericht über den Verlauf der XV. Tagung der Ständigen Kommission für Buntmetallurgie, 31.10.1963; BArchB DE-1 VA45484, o.Bl.
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inhaltlichen Auseinandersetzungen werden zwischen den Vertretern der volksdemokratischen Länder geführt, ohne tatkräftige Unterstützung seitens der sowjetischen Genossen. Durch eine solche Haltung hemmen die sowjetischen Genossen eine Vorwärtsbewegung. Durch ihr Abwarten helfen sie nicht, Widersprüche zu überwinden, sondern lassen ihre Verhärtung zu.“ Diese Einschätzung traf auf die Erwartung - zumindest bei CSSR und DDR -, dass die sowjetische Führungsposition den RGW verändern würde. Sie habe die „entscheidenden Hebel in der Hand (...) andere Methoden und Formen der Zusammenarbeit erfolgreich zu gestalten“. 1 Wenigstens zeigte die sowjetische Seite ein neues Interesse an der multilateralen Plankoordinierung, vor allem aber um die Rohstoffdefizite als Problem der Gemeinschaft zu behandeln. Zudem gab es Signale auf diplomatischer Ebene, welche die zentralen Kritikpunkte bekräftigte. Eine Ursache der „nicht voll befriedigenden Arbeit des RGW“ liege „in den Festlegungen des Statuts des RGW, die eine Beschlussfassung verhindern, falls ein Land seine prinzipielle Interessiertheit an einem Problem erklärt, die konkrete Lösung des Problems aber durch besondere Auffassungen in detail- und methodischen Fragen unmöglich macht. Eine weitere „Unzulänglichkeit“ wurde darin gesehen, dass der Rat an die Länder nur Empfehlungen gibt, deren Erfüllung dem Ermessen jedes einzelnen Landes überlassen bleibt“. Unklar bleibt, warum solche Signale (erstmalig) auf Botschafterebene gegeben wurden. Wollte man so indirekt die Reformkräfte ermutigen? Oder handelte es sich um eine nicht abgestimmte Einzelstimme? Konsequenzen hatte dies jedenfalls nicht. 2 Eine hierarchische Lösung der Probleme lag somit in weiter Ferne.
Immerhin soll der deutlichen Kritik an diesen Defiziten in der DDR ein „radikaler Reformvorschlag“ gefolgt sein. Demnach sollten die Abstimmungsmodi verändert werden und vom Prinzip der Einstimmigkeit abgegangen werden. Nach dem Vorbild der EWG habe man einstimmige Beschlüsse nur in grundsätzlichen Fragen angestrebt; ansonsten aber Mehrheitsbeschlüsse. Dies sollte durch eine Neudefinition des Prinzips der „Interessiertheit“ erreicht werden: „Wer durch sein negatives Abstimmungsverhalten zu erkennen gab, an einer Sachregelung nicht interessiert zu sein, sollte vom Mitbestimmungsprozess ausgeschlossen werden. Nur wirklich interessierte Regierungen sollten weiterhin an ihm teilnehmen. Der Vorschlag lief darauf hinaus, innerhalb des RGW Staatengruppen zu bilden und die Querulanten, Rumänien und Bulgarien, abzuhängen.“ 3
Sicherlich blieb die DDR einer der aktivsten RGW-Staaten. Der DDR-Vertreter im RGW, der ehemalige SPK-Chef Leuschner, war sehr umtriebig bei der Analyse der Situation im RGW. Nach der Julikonferenz 1963 wurden im März 1964 zwei Arbeitsgruppen eingerichtet, um ein „Material über die Probleme der internationalen ökonomischen Zusammenarbeit“ auszuarbeiten. Das Anliegen war aber vor allem, eine „realistische“ Konzeption in der gegebenen - und akzeptierten - Gesamtsituation zu erstellen. 4 Die Analyse Leuschners vom Juli 1964, eine der Quellen, die den „radikalen Reformvorschlag“ der DDR belegen sollen, wird mit einer ähnlichen Einschränkung an Ulbricht gesandt. 5 Leuschner ging von den
1 Einige Probleme der Zusammenarbeit der Länder im Rahmen des RGW in den letzten zwei Jahren (...), 30.3.1964, S. 14; BArchB DC-20 11058.
2 Der Botschafter der UdSSR in der DDR lud am 28.2.1964 den Vorsitzenden der SK für Bauwesen des RGW in die Botschaft ein und berührte dabei allgemeine Fragen der internationalen Zusammenarbeit. Die Äußerungen erreichten auch Ulbricht, der aber verwundert reagierte: „Mir ist nicht klar, warum jetzt die RGW-Fragen auf Botschafterebene beraten werden sollen?“ Berger an Ulbricht v. 12.3.1964/ Aktenvermerk über einen Besuch bei (...) Abrassimov, 29.2.1964; SAPMO BArch DY 30 3462, Bl. 144 ff.
3 Herbst 1995, S. 367 f.
4 Sowohl bei der Konzeption als auch bei den Schlussfolgerungen im entsprechenden Material wurde immer die Floskel an den Beginn gesetzt, was man für „real“ in der wirtschaftlichen Zusammenarbeit halte. vgl. SAPMO BArch DY 30 3466, Bl. 48 ff.
5 Nach Auffassung Leuschners müsse man „jetzt nach Wegen suchen, wie wir unter den gegebenen Umständen die Arbeit so gestalten können, dass wir zu spürbaren Ergebnissen kommen“. Leuschner an Ulbricht v. 8.7.1964; SAPMO BArch DY 30 3466, Bl. 196.
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„gegebenen politischen Voraussetzungen“ aus und forderte, sich „auf solche Probleme zu konzentrieren, an deren Lösung alle Länder ein gemeinsames Interesse haben und bei denen reale Voraussetzungen für die Erreichung praktischer Ergebnisse vorhanden sind“. Eine solches Problem war der aktuelle Schwerpunkt der RGW-Politik der DDR, die Forschungspolitik. Ansonsten ging es um die Übertragung „ökonomischer Hebel“ aus dem NÖS in die Außenwirtschaft und darum, „Umfang und Aufwand der im Rahmen des RGW durchzuführenden Arbeiten zu reduzieren und die Qualität der Arbeitsergebnisse zu erhöhen“. Die Zahl der Ratsorgane sollte verringert, die Arbeit auf volkswirtschaftliche Komplexaufgaben (wie die Energiebasis) konzentriert werden. „Eine Reduzierung der Aufgabenstellung des RGW und seiner Organe wird u.a. mit dazu beitragen, den formalen Charakter der Arbeit im RGW zu überwinden.“ Immerhin ging es Leuschner auch um das alte Problem der „Interessiertheit“. Eine wesentliche Schlussfolgerung zur Verbesserung der Arbeit des RGW bestehe „darin, solche Formen der Zusammenarbeit zu entwickeln, die es den interessierten Ländern gestatten, eine wirksame Zusammenarbeit zu organisieren“. Wenn es nach gründlicher Diskussion im RGW nicht möglich sei, einen Beschluss zu fassen, sollte die Zusammenarbeit zwischen den interessierten Ländern erfolgen. Dies hieß aber nicht, dass dann ein Beschluss des RGW ohne die „nicht-interessierten“ Länder getroffen werden sollte. Dies war nichts anderes als die alte Methode, auf eine zwei- oder mehrseitige Zusammenarbeit auszuweiten, diese mit dem RGW zu verkoppeln und durch den RGW zu fördern. 1 Im Prinzip ging es darum, eine solche Zusammenarbeit zu ermöglichen, ohne das Symbol der „Einheit“ des Ostblocks zu zerstören. Dies hätte sicherlich eine Normalisierung der Praxis gegen die rumänische Vetoposition bedeutet, kaum aber einen Reformansatz, der an die Konzepte von 1962/63 heranreichte.
Wie steht es mit der zweiten Quelle für das „radikale Reformkonzept“, einer Zusammenstellung der Probleme durch den neuen Vertreter der DDR im Sekretariat, Kurt Gregor, vom Januar 1965. Gregor sprach von „neuen Prinzipien und ökonomischen Grundsätzen“ für die RGW-Arbeit. Dies führte aber auf eine typische Rückzugsposition, wenn die multilaterale Arbeit nicht funktionierte, die bilaterale Abstimmung v.a. mit der UdSSR. Nun sollte selbst die „erste Hauptaufgabe“, die Koordinierung der Perspektivpläne, vorwiegend auf zweiseitiger Grundlage“ erfolgen. „In die zweiseitige Abstimmung der Perspektivpläne sollte insbesondere die Spezialisierung und Kooperation der vorhandenen Parallelproduktion einbezogen werden.“ Eine mehrseitige Plankoordinierung sollte nur für die Erzeugnisse und Objekte erfolgen, die eine mehrseitige Koordinierung erforderten (Forschung, Brennstoffe, Metallurgie, Transporte, Standards, Mangelwaren). Zudem wurde wiederum eine selbständigere Analysetätigkeit des Ratssekretariats gefordert. Zu „höheren Formen“ der Zusammenarbeit zählte Gregor vor allem „Produktionsvereinigungen“ in einzelnen Bereichen, die nun nach dem Prinzip der „wirtschaftlichen Rechnungsführung“ arbeiten sollten und eng mit den Ratsorganen zusammenarbeiten sollten. In einigen Fällen sollten die interessierten Länder sogar „Schritt um Schritt“ daran gehen, gemeinsames sozialistisches Eigentum an Produktionsmitteln zu schaffen (Atomkraftwerke, Rohstoffvorkommen). Diese Vorschläge nahmen Konzepte der Jahre 1962/63 unter dem Stern des NÖS wieder auf, gingen aber wohl deutlich über die aktuellen politischen Möglichkeiten hinaus. Ähnliches gilt für die angedeutete Veränderung der
1 „Über die von den interessierten Ländern getroffenen Festlegungen und ihre Durchführung sind die Organe des RGW zu informieren. Aufgabe der Organe des RGW ist es, alle Formen der Zusammenarbeit zu fördern, Erfahrungen auszuwerten und zu verallgemeinern.“ Diese Formen müssten erleichtert werden. Wie dies die „Stellung und Autorität des RGW und seiner Organe schrittweise“ erhöhen sollte, bleibt allerdings offen. „Wie könnte es in der Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedsländern des RGW weitergehen?“ Leuschner an Ulbricht v. 8.7.1964; SAPMO BArch DY 30 3466, Bl. 197 ff. bzw. DY 30 IV A 2/2.101 - 799, Bl. 184 ff. vgl. auch Ahrens 2000, S. 159 f.
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Beschlussmodalitäten im RGW. Gregor konstatierte, dass das „Prinzip der Einstimmigkeit und die falsche Anwendung des Prinzips der Nichtinteressiertheit (Desinteresse) eine fortschrittliche RGW-Arbeit praktisch unmöglich macht.“ Damit die überwiegende Mehrheit der RGW-Länder durch eine falsche Anwendung des Prinzips der Nichtinteressiertheit keinen Schaden erleide, müsse eine diesbezügliche Anwendungsklausel beschlossen werden. Ob der Verweis auf die abgestuften Abstimmungsregeln in der EWG als realer Reformvorschlag gelten kann, bleibt zweifelhaft. 1 Dies knüpfte immerhin an den polnischen Reformvorschlag von 1962 an und legt den Finger auf die Wunde. Gregor ging es vor allem um die Stärkung des RGW-Sekretariats. Zur offiziellen DDR-Politik wurde sein Konzept jedoch nicht. 2
Mehrheitsentscheidungen wurden in dieser Phase - abgesehen von den gemeinsamen Handelsorganisationen im Westhandel - nicht ernsthaft diskutiert. Die RGW-Politik der DDR zielte 1964 vor allem auf die Kooperation im Forschungsbereich, die selbständige analytische Tätigkeit der Ratsorgane, die Abstimmung von Schwerpunktbereichen (wie die Brennstoffversorgung) und die Anwendung „ökonomischer Hebel“ in der Zusammenarbeit. Selbst mit diesen begrenzten Reformansätzen blieb sie jedoch weitgehend allein. So war man auf der 14. Sitzung des EKO im Oktober 1964 „davon ausgegangen, dass die administrative Arbeit überwunden und ökonomische Formen und Methoden der Zusammenarbeit entwickelt werden müssen“. Dies stieß jedoch auf wenig Resonanz. „Einige Länder (insbesondere die RVR, UdSSR und VRP) halten offenbar den Zeitpunkt nicht für geeignet, eine prinzipielle Diskussion über die Arbeit und die Aufgaben des RGW zu führen. Unser Bemühen um eine kritische Einschätzung der bisherigen Arbeitsergebnisse und um die Klärung herangereifter Fragen, besonders auf dem Gebiet der Forschung und Entwicklung sowie der prinzipiellen Veränderung der Arbeitsweise der Ratsorgane wurde von niemandem unterstützt. Bemerkenswert war eine betont positive Einschätzung der bisher im Rat gelisteten Arbeit, insbesondere durch die UdSSR und RVR, sowie das Bestreben dieser Länder, keinerlei neue Meinungsverschiedenheiten und Komplikationen hervorzurufen.“ 3
Die Situation konnte sich aus der Perspektive der anderen Länder ganz anders darstellen. Unter diesen wurde 1964 „zunehmend verbreitet, an der Ratsarbeit seien nur die UVR, die CSSR und VRP wirklich interessiert“. Die RVR wolle nicht, die DDR dagegen erhalte aus politischen Gründen alles, was sie benötige, und sei deshalb nicht an der Arbeit mit den anderen Ländern interessiert. Dabei wurden „die DDR und die RVR zunehmend in einen Topf geworfen, da die DDR in letzter Zeit in mehreren Fällen internationale Verpflichtungen nicht einhalte, kein Interesse an der Teilnahme bei internationalen Vereinigungen zeige (z.B. Intermetall) usw.“ Auch in der DDR-Vertretung musste man sich mit der „falschen These“ auseinandersetzen, „in der Ratsarbeit komme sowieso nichts heraus“. 4 Eine solche Auffassung war aber bis in die Führung verbreitet. Erich Apel äußerte Ende Juli 1964 in der SPK: „RGW laufen lassen, wie es läuft. Man muss alles zweiseitig machen, zweiseitig
1 Zu einigen Hauptfragen der Arbeit des RGW (Kurt Gregor, Stellvertreter des Sekretärs des RGW, Jan. 1965); SAPMO BArch DY 30 IV A 2/2.101 - 799, Bl. 222 ff.
2 Es gelangte offensichtlich nicht einmal bis zu Ulbricht. Die Thesen für das Auftreten der DDR-Delegation auf der XIX. Ratstagung erwähnten diese Ansätze nicht, verfolgten aber in der Frage der „rationelleren Formen und Methoden der Tätigkeit“ eine etwas andere Linie als Gregor. Das Sekretariat sollte zwar eine selbständige analytische Arbeit leisten. Aber auch die Ständigen Kommissionen sollten Einzelfragen möglichst selbst entscheiden und ihre Verwirklichung den Mitgliedsländern direkt empfehlen können. Thesen für das Auftreten der Regierungsdelegation der DDR auf der XIX. Ratstagung (Anlage zum Arbeitsprotokoll des SED-Politbüros v. 24.11.1964); SAPMO BArch DY 30 J IV 2/2 A - 1069, Bl. 42.
3 Information über die 14. Sitzung des EKO (Leuschner an Pb der SED v. 27.10.1964); SAPMO BArch DY 30 3426, Bl. 6.
4 Information über die 12. Sitzung des EKO des RGW (Kunz,, Abt. Planung und Finanzen), 28.4.1964, S. 10; SAPMO BArch DY 30 3424, Bl. 119.
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ordnen. (...) Wenn es nicht lohnt Krach zu machen, machen wir es nicht.“ 1 Auch wenn die DDR eine der aktivsten Parteien im RGW darstellte, trug sie ihren Teil zur Stagnation bei.
Die Andeutung einer aktiven Koalition gegen Rumänien im April 1964 blieb eine Ausnahme, vor allem nach dem Sturz Chruschtschovs. Immerhin beurteilte man zunächst intern die kritische Position von Ulbricht als richtig und wollte die Vorschläge analysieren. Insgesamt blieb es aber bei der ausgleichenden Position. „Insbesondere lassen die sowjetischen Genossen zur Zeit keine prinzipielle Auseinandersetzung an der Arbeit des RGW im Exekutivkomitee und auf der Ratstagung zu; wahrscheinlich deshalb, weil es keine Konzeption für die Verbesserung der RGW-Arbeit gibt. Die sowjetischen Genossen mahnen zur Geduld und versuchen immer auszugleichen und Kompromisslösungen zu finden.“ 2 Dieser Trend stabilisierte sich nach dem Sturz von Chruschtschov. In eher informellem Rahmen - einem Empfang der CSSR-Botschaft in Moskau - nahm die neue sowjetische Führung gegenüber den Ländervertretern im RGW Stellung. Man dürfe die gegenwärtige Lage im Rat nicht dramatisieren. Die Fortschritte hingen nicht von Menschen, sondern von den objektiven Bedingungen ab - so dem unterschiedlichen Stand der Entwicklung. „Die Hauptfrage ist und bleibt, die Gemeinsamkeit in der Arbeit zu sichern und die Einheit unter allen Umständen zu wahren. Dabei muss man immer nach vorn streben, ohne sich jedoch von denen zu lösen, die zurückbleiben. (...) Es geht nicht, dass man in der mehrseitigen Zusammenarbeit hastet und übereilt, das man sich voneinander löst. Einmütigkeit ist die erste Forderung. Es geht nicht, dass man antreten lässt und kommandiert, wie es bei den Deutschen heißt: ‚Im Gleichschritt marsch!’.“ Trotz dieses Seitenhiebs auf die „Deutschen“ 3 wurde immerhin deren Idee aufgenommen, in Sachfragen auf die bilaterale Ebene auszuweichen und dort „wo es die Bedingungen erlauben“ auch „schneller voranzugehen“. In allen multilateralen Fragen galt aber der Primat der Einmütigkeit. Dort benötige man „Geduld, Einsicht und Verständnis“. Wenn man betonte, dass man „kein Land mehr kommandieren“ könne wie Jugoslawien zu Zeiten des Kominformbüros unter Stalin, bedeutete dies (auch im Hinblick auf potentielle sozialistische Länder) eine formale Bekräftigung der Normen von 1956. Es bedeutete aber auch eine Bestätigung der kraftlosen RGW-Politik seit April 1963: „Wenn eine Frage nicht gelöst werden kann, muss man sie vertagen und später behandeln, wenn erforderlich, muss man sie mehrmals verschieben, bis die Bedingungen für eine gemeinsame Lösung herangereift sind.“ Vom Westen jedenfalls könne man nichts kopieren; die sozialistischen Prinzipien der Zusammenarbeit seien von eigener Qualität. Die zweiseitige Zusammenarbeit sei Bestandteil der Arbeit des RGW. 4
Dem RGW wurde damit seine organisatorische Spezifik genommen, er wurde zum Synonym für die Wirtschaftsbeziehungen im Ostblock insgesamt. Damit war er weitgehend inhaltsleer geworden.
Letztlich hatten die Förderer und Vertreter einer verstärkten RGW-Kooperation selbst auf mehreren Ebenen dazu beigetragen, die organisatorische Kraft des RGW zu schwächen. Sie führten durchaus eine Interessenpolitik, ihre Reformkonzepte blieben vage und ohne entschiedene Impulse; sie ergaben sich einem Realismus über die begrenzten Möglichkeiten oder vertrauten auf die sowjetische Führungskraft. Letztere erwies sich aber als sehr gering. Die Bewahrung der symbolischen Einheit rangierte klar vor der Durchsetzung neuer
1 Aufzeichnungen zu den Ausführungen des Gen. Dr. Apel am 24.7.1964; BArchB DE-1 VA 42998, o.Bl. Für den Hinweis auf diese Quelle danke ich Ralf Kessler, Halle.
2 Zu einigen Fragen der Arbeit des RGW; Gregor an Leuschner, Jan. 1965; SAPMO BArch DY 30 IV A 2 / 2.101 - 799, Bl. 221.
3 Leuschner berichtete zudem, dass man insbesondere auf ihn einsprach.
4 Vermerk (Leuschners) über ein Gespräch auf dem Empfang Novotnys in der CSSR-Botschaft in Moskau am 2.12.1964; SAPMO BArch DY 30 3466, Bl. 205 ff. Es bildete sich eine Gesprächsrunde Breznevs, Kosygins und Mikojans mit den Vertretern Polens, der CSSR, Ungarns, Bulgariens und der DDR im RGW.
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Prinzipien im RGW. In der RGW-Politik erhielt Chruschtschov, einer der Motoren einer grundlegenden Umgestaltung des RGW, von seinen Nachfolgern eine Anerkennung als „kluger Mensch“, der „in der Frage der Einmütigkeit und des gemeinsamen Vorgehens im RGW“ seine Klugheit bewiesen hätte. 1 Insgesamt hatte Chruschtschov selbst den Grundstein dafür gelegt, dass seine dynamische RGW-Politik in die Stagnation der Breznev-Ära mündete.
Die RGW-Arbeit war im multilateralen Bereich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner reduziert. Damit wurde eine stagnierende institutionelle Konfiguration mit sehr geringer Hierarchie etabliert, die - abgesehen von den „marktwirtschaftlichen Reformbemühungen“ bis 1968 - bis zum Ende dominierend blieben. Wie kann dies aus institutionalistischer Perspektive begründet werden?
5.9 Ergebnisse und Perspektiven
5.9.1 Das Prinzip der Interessiertheit
Als Synonym für die Blockade des RGW galt und gilt das Interessiertheitsprinzip, das als Vetoposition jedes Landes genutzt werden konnte. Dieses Veto bezieht sich allerdings weniger auf die Erklärung der „Nichtinteressiertheit“ bei der Produktionsabstimmung 2 ; ein Veto entstand eher durch die Erklärung der Interessiertheit. Laut Statut (Art. 4, Abs. 3) waren Beschlüsse und Empfehlungen ja nur mit dem Einverständnis aller interessierten Länder möglich. Da ein Recht bestand, seine Interessiertheit zu erklären, nutzte Rumänien gerade die Interessiertheit als Blockadeinstrument. Dies wurde ergänzt durch die Vorstellung, RGW-Beschlüsse/Empfehlungen seien nur „einmütig“ unter Teilnahme aller Mitgliedsländer möglich; ansonsten seien es vertragliche Vereinbarungen außerhalb des RGW. Die Kritik gerade der DDR-Vertreter wurde bereits zitiert. Mit dieser Kritik war sie allerdings keineswegs allein. Auch maßgebliche sowjetische Spezialisten sprachen von der Zusammenarbeit einer „Gruppe interessierter Länder“ als Alternative zum RGW. Das Netz bilateraler Wirtschaftskommissionen schien eine Alternative zu bieten. 3 Dennoch schien die rumänische Deutung des Interessiertheits-Prinzips als Veto-Option nicht zu überwinden gewesen sein. Dabei lag Mitte der 60er Jahre eine Veränderung in der Luft. „Mehr oder mehr wird deutlich“ - so die Beobachtung in der SK für chemische Industrie - dass „es erforderlich ist, Änderungen am Statut des RGW vorzunehmen, die es den interessierten Ländern gestatten, gemeinsame Vorhaben innerhalb des RGW durchzuführen.“ Es müsse „der Zustand überwunden werden, dass ein Land, das überhaupt nicht an einem Vorhaben beteiligt ist, die Möglichkeit hat, andere interessierte Mitgliedsländer zu hindern, zu effektiven kollektiven Vorhaben der Zusammenarbeit zu gelangen.“ Besonders aufgebracht darüber zeigte sich der ungarische Delegationsleiter: „Es ist doch unmöglich, dass ein Land alle anderen daran hindern kann, eine gemeinsame erfolgreiche Zusammenarbeit zu erzielen. Das ist so, als wenn in einer Familie acht hungrig sind, aber weil einer nicht essen will, keiner essen darf.“ Allerdings erschien die Haltung der sowjetischen Vertreter in dieser Frage als „nicht einheitlich und ausgereift“, was sich an der „schwankenden Stellungnahme des sowjetischen Delegationsleiters“ zeigte. 4
1 Ebenda, Bl. 206.
2 So Kaser 1967, S. 117. Eine grundsätzliche Nichtteilnahme a der Plankoordinierng beispielsweise war nicht das Problem.
3 So Kaser 1967, S. 119 unter Bezug auf O. Bogomolov im Januar 1964 (November 1963) bzw. April 1964.
4 Information der Abteilung Planung und Finanzen über die 23. Tagung der SK für chemische Industrie des RGW; 24.5.1965; SAPMO BArch DY 30 3462, Bl. 165 f.
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Die Literatur berichtet von gescheiterten Reformansätzen: Ein Versuch, das Interessiertheitsprinzip neu zu definieren, wurde im Juli 1966 auf einer Konferenz der Partei-und Regierungschefs in Bukarest versucht. Obwohl sich eine Mehrheit einschließlich des sowjetischen Vertreters gegen ein rumänisches „Vetorecht“ wandte und die Rumänen hierbei isoliert wurden, blieb der Vorstoß ergebnislos. 1 Damus behauptet, nach langen Kämpfen um Supranationalität und Mehrheitsentscheidungen habe man sich 1967 auf das „Prinzip der interessierten Länder“ geeinigt: „Die Empfehlungen betreffen nicht die Länder, die ihr Desinteresse an der entsprechenden Frage bekunden.“ Damit sei das Einstimmigkeitsprinzip gewahrt worden, zugleich aber sichergestellt, dass die Zusammenarbeit interessierter Länder nicht blockiert werden konnten. 2 Allerdings handelt es sich bei der entsprechenden Ergänzung des Statuts um einen Passus bereits der XVII. Ratstagung vom Dezember 1962. 3 Diese Frage verweist auf einen eigenartig hohen Status formaler Regeln, die eine sichere Rückzugsposition darstellten. Es zeigt aber auch die rumänische Fähigkeit, die Regeln der eigenen Interpretation zu unterwerfen. Das Interessiertheitsprinzip war ja ursprünglich durchaus als Exit-Option und nicht allein als Veto-Option gedacht. Der formale Kern des Interessiertheitsprinzips blieb jedenfalls erhalten wie seine Begründung: Dieses sei notwendig in einer Entwicklungsphase, in der „souveräne sozialistische Staaten“ existierten, die auch unterschiedliche Interessen haben könnten. 4 Die Möglichkeit, Maßnahmen im Rahmen der „interessierten Länder“ durchzuführen, blieb eine Frage der Praxis, der Auslegung der Prinzipien. Dabei gab es durchaus Ansätze zu einer neuen Logik des Angemessenen - nicht nur in der Publizistik oder internen Konzepten.
Die Praxis hatte nämlich die zitierten Vorstellungen Leuschners über das „Interessiertheitsprinzip“ längst erreicht, ja teilweise übertroffen. Zwei- und mehrseitige Kooperationsprojekte - vor allem im Rohstoff- und Energiebereich - waren nicht selten. 5 Bei der Bildung von Zweigorganisationen wurde das Prinzip erfolgreich modifiziert. Grundstein auf diesem Gebiet war eine im Juni 1961 gebildete ständige Gruppe im Rahmen der SK für Schwarzmetallurgie. Die Produktionsorganisationen sollten natürlich im Kontext des RGW erfolgen und die Arbeit der SK ergänzen. Aber auch die Festlegung, dass die beteiligten Betreibe Eigentum der Länder bleiben, konnte den rumänischen Widerstand nicht brechen; dies wiederspreche den Prinzipien des RGW wie der Achtung der nationalen Souveränität. 6 So wurde das Abkommen über die Gründung von „Intermetall“ und das entsprechende Statut erst im Sommer 1964 von den Vertretern im EKO unterzeichnet, allerdings „außerhalb der Tagesordnung“ und zunächst von UVR, VRP und CSSR. Die anderen Teilnehmer - außer der RVR - bereiteten ihren Beitritt vor. 7
Ein zweites Beispiel war das Komitee für Wälzlager. Hier gab es eine lange Tradition multilateraler Kooperation. Diese bekam mit den Beschlüssen der Junikonferenz 1962 neuen Auftrieb, so dass die 3. Sitzung des EKO Ende 1962 die Bildung eines Komitees für Wälzlager beschloss. Dabei verhinderte die rumänische Seite weder den Beschluss noch die
1 Herbst 1995, S. 368 f.
2 Damus 1976, S. 115.
3 Änderungen der Verfahrensregeln der Tagungen des RGW (Anlage 6 zum Protooll der XVII. Ratstagung, Dez. 1962); BArchB DC-20/ 944 (Mfiche). Bei der Ergänzung handelte es sich m den 2. Absatz von Art. IV/ Abs. 3 des RGW-Statuts.
4 Das Komplexprogramm von 1971 ergänzte die bisherigen Prinzipien. Nichtinteressierte Länder dürften die Zusammenarbeit der interessierten Länder nicht behindern; die Zusammenarbeit der interessierten Länder wiederum nicht die aller. Dies wurde als „authentische Interpretation“ des RGW-Status ausgelegt. Vgl. Das System rechtlicher Regelung der sozialistischen ökonomischen Integration, 1976, S. 84-86.
5 Vgl. Kaser 1967, S. 118 u. 127.
6 Bericht des Vorsitzenden des EKO, Jaroszewicz auf der Beratung ... der Partei- und Regierungschefs (Juli 1963); SAPMO BArch DY 30 3483, Bl. 139 ff.
7 Information über die 13. Sitzung des EKO; SAPMO BArch DY 30 3425, Bl. 5.
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Aufstellung eines ambitionierten Arbeitsprogramms, das neben der Koordinierung der Perspektivpläne in diesem Bereich sogar die Abstimmung der Jahrespläne umfasste. In der Satzung, welche die SKMB bis Februar 1963 aufstellen sollte, war auch eine Festlegung geplant, „zu welchen Fragen das Komitee endgültige Beschlüsse annehmen kann“. Das Interessiertheitsprinzip schien als Prinzip freiwilliger Beteiligung anerkannt zu sein. 1 Dieser Aufbruch mündete im April 1963 in eine provisorische Ständige Kommission. Diese wurde aber Ende des Jahres auf rumänischen Einspruch aufgelöst. Letztlich erfolgte die Unterzeichnung eines entsprechenden multilateralen Abkommens durch die Ländervertreter im Rahmen der 12. Sitzung des EKO - nicht nur ohne die rumänische Unterschrift, sondern auch ohne die sowjetische. Deren Vertreter erklärte nur die Bereitschaft seiner Regierung, dem Abkommen beizutreten. Hierbei handelte es sich aber lediglich um eine „taktische Frage gegenüber der RVR“. 2 Man hielt die Fiktion aufrecht, dies als Regierungsabkommen außerhalb des RGW zu realisieren. Noch stärker geriet die rumänische Position bei der Koordination des Westhandels unter Druck, vor allem durch die polnische sowjetische und deutsche Position. Der DDR-Vertreter brachte eine bemerkenswerte Formulierung ein, die angenommen wurde: „Das Eko stellt fest, dass die interessierten Mitgliedsländer des RGW im Rahmen des RGW folgendes durchführen:“ Dann folgten die von Rumänien bestrittenen Punkte. Dies war ein bemerkenswertes Vorgehen, denn damit „wurde erstmalig in der Ratsarbeit ein Präzedenzfall geschaffen, dass trotz anderer Auffassungen einer Länderdelegation wichtige Maßnahmen innerhalb des RGW durchgeführt werden.“ 3 Die zitierten Formulierungen Leuschners gingen nicht einmal so weit, zielten aber in die gleiche Richtung. Möglichkeiten jedenfalls waren vorhanden. Dass die Anwendung des Interessiertheitsprinzips umkämpft war, zeigte auch die rumänische Position gegen eine „falsche Praxis“ in dieser Frage. Im September 1965 trat der rumänische Vertreter im Kreise der Außenhandelsminister mehrfach mit Ausführungen „von prinzipieller Bedeutung“ auf. Die rumänische Delegation hielt dabei eine „grundsätzliche Klärung des Begriffes der „interessierten Länder“ für erforderlich. Es gebe „auf diesem Gebiet im RGW falsche Auffassungen und eine falsche Praxis. Seit 1962/63 wurde eine Verletzung früher gefasster Beschlüsse auf diesem Gebiet und eine falsche Auslegung des Begriffs der Interessiertheit zugelassen. Wenn ein Land mit einer Frage nicht einverstanden ist, bedeutet das nicht, dass es kein interessiertes Land ist.“ Man sei dagegen, dass dieser Begriff genutzt werde, um frühere Beschlüsse zu verletzen. Den Partnerländern wird vorgeworfen, von den Prinzipien des Rates abzugehen; eine solche Frage müsste im Rat gestellt werden. Man sei nicht gegen neue Formen und Methoden; es könne sich aber nur um Formen handeln, die „von allen RGW-Ländern gemeinsam beschlossen wurden“. 4
Rumänien versuchte auf diesem Gebiet seine Definitionsmacht des Angemessenen zu zeigen, um Einfluss im RGW und ihr spezifisches Souveränitätsverständnis in Einklang zu bringen. Auch um diese Definitionsmacht nicht einzuschränken, wandte sich die RVR dagegen, dass „ein neues Prinzip, nämlich das der Enthaltung der einzelnen Länder bei der Beschlussfassung eingeführt wird. Das würde zu Beseitigung des Prinzips der Einmütigkeit führen.“ Geschickt wird das stark besetzte „Prinzip“ der Einheit im rumänischen Sinne gedeutet. Wenn ein Land an einer Frage interessiert sei (bzw. sein Interesse erklärte), aber mit dem von der Mehrheit vorgeschlagenen Weg nicht einverstanden sei, könne „der RGW
1 Protokoll der 3. Sitzung des EKO v. 16.12.-20.12.1962, S. 9 ff.; BArchB DC-20 (Mfiche) 11438 - 8/9.
2 Information über die 12. Sitzung des EKO (Abteilung Planung und Finanzen, Kunz); SAPMO BArch DY 30 3424, Bl. 117 f. In der Direktive des Ministerrats der DDR war formuliert, dass die DDR beitritt, wenn andere interessierte Länder „einschließlich der UdSSR“ ein solches Komitee bilden. Vgl. auch Kaser 1967, S. 118 f.
3 Information über die 12. Sitzung des EKO (Abteilung Planung und Finanzen, Kunz, April 1964), SAPMO BArch DY 30 3424, Bl. 112 f. vgl. auch das Kapitel zum Westhandel.
4 Bericht über die ordentliche Tagung der Stellvertreter der Minister für Außenhandel, 21.-23.9.1965; BArchB DL-2 VA/N 45, o.Bl. Auf den Tagungen der Generaldirektoren der AHO wurde der Begriff nicht im rumänischen Sinne angewandt.
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keine Beschlüsse fassen“. Die anderen Länder könnten auf andere vertragliche Formen ausweichen, wobei „keiner gekränkt wird“. Die rumänische Seite würde es aber „als einen gefährlichen Weg ansehen, wenn man vom Prinzip der Einstimmigkeit direkt oder indirekt abgehen würde“. 1 Allgemein bedeutete dies nicht anderes als eine Vetoposition jedes Landes, einen Einfluss auf die Entwicklung des RGW, selbst wenn man diese Entwicklung nur blockieren wollte. Konkret bedeutete dies eine Hierarchie zugunsten der RVR.
Die Frage der „Interessiertheit“ ist also kein reines Problem einer gesetzten Norm; es ist ein Beispiel dafür, wie umkämpft die Logik des Angemessenen hier war. Dennoch zeigt es, wie schwach die antirumänische Position auf diesem Gebiet insgesamt war. Die rumänische Seite war insgesamt erfolgreicher bei der Nutzung der Mechanismen auf Ebene 5. Dabei stellt sich die Frage, warum die Ausweichstrategien nicht stärker genutzt wurden, um die rumänische Position auszuhebeln. Schlussfolgerungen sind hieraus also eher für das institutionelle Gefüge möglich als für das schlechte Funktionieren der internationalen Zusammenarbeit im Rahmen des RGW. Letzteres war ein grundsätzlicheres Problem von Planwirtschaften. Eine Frage, die nicht durch das Interessiertheitsprinzip zu blockieren war, war die Koordinierung der Pläne - immerhin noch die Hauptaufgabe des Rates zu dieser Zeit.
5.9.2 Die Ergebnisse der Plankoordinierung
Die Plankoordinierung für den Zeitraum 1966 - 1970 begann entsprechend den Ratsbeschlüssen mit nationalen Plankonzepten und bilateralen Konsultationen. Die von den Ländern eingereichten Orientierungsbilanzen wurden für die wichtigsten Roh- und Brennstoffe sowie die Hauptpositionen des Maschinenbaus erstellt; sie wurden dann von den SK analysiert und Vorschlage für Empfehlungen ausgearbeitet. Im Frühjahr 1964 erhielt dieser Prozess Rückenwind: Die sowjetische Seite betonte, dass „eine sofortige aktivere Einschaltung der Organe des RGW“ in die Plankoordinierung notwendig sei. Hintergrund war aber, dass die sowjetische Seite deutliche Einschränkungen bei ihren langfristigen Verpflichtungen einräumen musste. 2 Die entstandenen Materialien wurden vom Büro des EKO in einer mehrtägigen Beratung „ausführlich behandelt“ und in einem 60-seitigen Bericht und Beschlussentwurf für das EKO zusammengefasst. Dieses befasste sich in seiner 13. Sit-zung (Juli 1964) erstmalig inhaltlich mit der Plankoordinierung bis 1970. Zu diesem Zeitpunkt war klar, dass nur die VRP in der Lage war, ihr Perspektivplanprojekt termingemäß zum Juli 1964 einzureichen. Alle anderen Länder würden dies erst verzögert tun; die RVR und UdSSR erst im Oktober. Der sowjetische Vertreter begründete die Probleme mit der Ausarbeitung des Perspektivplanprojektes ausführlich. Dieses sei intern und im Außenhandel nicht bilanziert; es drohten deutliche Defizite, vor allem bei Energieträgern und bei Walzstahl (von immerhin 4-5 Mio. t 1970). Dabei schwankte die sowjetische Seite zwischen ihrer Funktion als „Bedarfsdecker“ und einer klaren Interessenpolitik. Der sowjetische Vertreter ließ in den offiziellen Bericht die Formulierung aufnehmen, dass die zugesagten Mengen wichtiger Roh- und Brennstoffe die „maximale Möglichkeit“ darstellten. Bilaterale Lösungen wurden ausgeschlossen; die Steigerung der Eigenproduktion, gemeinsame Investitionen, Importe aus Entwicklungsländern sollten die Lösung bringen. Der Vertreter der UdSSR wies darauf hin, dass die Struktur des sowjetischen Außenhandels „nicht ökonomisch“ sei. Man habe bei umfangreichen Berechnungen festgestellt, dass die Kapitalintensität der Exportzweige rund 1,7 mal höher sei als bei den Importen. „Das sei eine große Belastung für die UdSSR und man könne dieses Verhältnis
1 Leuschner an Ulbricht v. 2.5.1963; SAPMO BArch DY 30 3421, Bl. Bl. 37 u. 39 f.
2 Dies wohl erstmalig in einem Schreiben an die Partner im Februar 1964. Informationen über die 11. Sitzung des EKO v. 25-28.2.1964 (Leuschner an PB der SED v. 11.3.1964); SAPMO BArch DY 30 IV 2/2 A - 1022, Bl. 115 f.
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nicht als normal ansehen.“ Somit war es folgerichtig, dass zu Investitionsbeteiligungen aufgerufen wurde. 1 Ähnliche Signale waren (wie bereits 1956/57) von polnischer Seite zu hören.
Die Orientierungsbilanzen galten als „vorläufige“ Abstimmung der gegenseitigen Lieferungen. Im Roh- und Brennstoffbereich zeigten sie klar die Defizite. Vor allem bei Erdöl und Erdgas lagen die Zusagen der UdSSR „erheblich unter den Anforderungen der Länder.“ 2 Im Energiebereich musste man somit feststellen, dass - trotz der Erhöhung der sowjetischen Lieferungen von 20 auf 70 Mio. t Einheitsbrennstoff - eine Deckungslücke bei den europäischen Volksdemokratien von 18 Mio. t gegenüber den Wünschen an die UdSSR offen blieb. Das Gesamtdefizit soll sogar 200 Mio. t betragen haben. Selbst intern behielt die UdSSR ein Defizit von immerhin 40 Mio. t. 3 Dabei lagen die Steigerungen der Exporte über denen der Produktion. Die Defizite folgten auch aus institutionalistischen Problemen: Das Abstimmungsverfahren und diese Zahlen deuten auf erhebliche Anreize, einen möglichst hohen Bedarf anzumelden. Die Ratsorgane konnten dies jedenfalls nicht überprüfen, da sie rein auf der Basis von Ländermaterialien arbeiteten.
Die Grenzen des Verfahrens zeigten sich auch bei der Koordinierung von Investitionen. Es wurden Materialien zu 270 Objekten eingereicht; im Oktober 1963 gab das EKO Empfehlungen für 42 Objekte, welche die Länder in den Investitionsplänen für 1964/65 berücksichtigen konnten. 4 Aber auch im Maschinenbau war die Abstimmung äußerst grob. Die Orientierungsbilanzen wurden nach einer „beschränkten Gruppennomenklatur“ von 49 Erzeugnisgruppen abgestimmt. Es erfolgte eine Abstimmung von 41 Positionen. Das Verfahren erlaubte jedenfalls nicht, den “Stand und die Perspektiven auf diesem Gebiet gründlich zu analysieren“. Eine Bilanzierung nach Typenabmessungen und Zwischenjahren erfolgte nicht. Es war zu erwarten, dass selbst bei Positionen, wo eine Bedarfsdeckung oder sogar ein Überschuss ermittelt worden war, noch Defizite und Überschüsse bleiben würden. So zeigte sich bei Werkzeugmaschinen „nicht die tatsächliche Lage, da Angaben über die Struktur der vorgesehenen Produktion und der gegenseitigen Lieferungen“ fehlten. 5
Die zweite Abstimmungsphase war durch die Terminverschiebungen äußerst gedrängt. Die sowjetische Seite kündigte an, dass sich die Beratung der Vorsitzenden der SPK auf wenige Tage beschränken müsse. 6 Auf der 17. Tagung des EKO waren die Voraussetzungen für die Plankoordinierung immer noch nicht gegeben. Erst auf der nächsten Sitzung im Juni 1965 sollte eine „Zusammenfassung der vorläufigen Erwägungen der Mitgliedsländer des RGW zu den Plänen der Entwicklung ihrer Volkswirtschaft für den Zeitraum 1966 bis 1970 sowie (eine) Zusammenfassung der Ergebnisse der 2. Etappe der zweiseitigen Konsultationen zwischen den Mitgliedsländern des RGW“ erfolgen. Allerdings hatten die RVR und MVR immer noch keine „vorläufigen Ländermaterialien“ übergeben; sie versprachen die Materialien bis Mai zu übersenden. Der Vertreter der UdSSR musste allerdings erklären, dass
1 Information über die Beratung der Orientierungsbilanzen für den Zeitraum 1966 bis 1970 (...); Meiser an Apel v. 21.7.1964, S. 2-4; BArchB DE-1 VA 45478, o.Bl.
2 Es ergaben sich folgende Differenzen für 1970: DDR (5800 kt), CSST (1000 kt), VRP (4500 kt), UVR (1000 kt), VRB (2000 kt). Ausarbeitung der SPK, Abt. Koordinierung der internationalen Zusammenarbeit, v. 15.4.1964; BArchB DE-1 VA 45478, o.Bl.
3 Bericht des EKO über die Tätigkeit des RGW v. Okt. 1964; SAPMO BArch DY 30 J IV 2/2 A - 1069, Bl. 66. Information über die Beratung der Orientierungsbilanzen für den Zeitraum 1966 bis 1970 (...); Meiser an Apel v. 21.7.1964, S. 2-4; BArchB DE-1 VA 45478, o.Bl.
4 Bericht des EKO über die Tätigkeit des RGW v. Okt. 1964; SAPMO BArch DY 30 J IV 2/2 A - 1069, Bl. 76.
5 Bericht des EKO über die Tätigkeit des RGW v. Okt. 1964; SAPMO BArch DY 30 J IV 2/2 A - 1069, Bl. 71 - 73.
6 Information über die Beratung der Orientierungsbilanzen für den Zeitraum 1966 bis 1970 (...); Meiser an Apel v. 21.7.1964, S. 10; BArchB DE-1 VA 45478, o.Bl.
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die sowjetische Seite selbst bis zur 18. EKO-Sitzung keine Materialien übersenden könnte. Die anderen Ländervertreter bestanden aber trotzdem darauf, dass dieser Punkt auf der Tagesordnung der nächsten EKO-Sitzung bleibt. 1 Hier wurde dem EKO ein ausführlicher Bericht des Büros für zusammengefasste Fragen der Wirtschaftspläne vorgelegt. Der „methodische Hauptmangel“ des Berichts bestand darin, dass von sowjetischer Seite „vorwiegend nur Außenhandelszahlen und von der Rumänischen Volksrepublik nur einige wenige Zahlen eingearbeitet wurden und auch die Angaben der anderen Länder eine unterschiedliche Aktualität“ besaßen. 2 Die „ausführliche Diskussion“ wie die „bedeutsame Rede“ des sowjetischen Vertreters brachte keine neuen Aspekte. Es klang wie Hohn, wenn der sowjetische Vertreter die „große Bedeutung“ bisherigen Plankoordinierung hervorhob, gleichzeitig aber ankündigte, dass man die fehlenden Angaben der UdSSR in den nächsten Monaten an die Ratsorgane übergeben werde. Klar waren nur die Defizite an Roh- und Brennstoffen, für die die sowjetische Seite mehr „kollektive Anstrengungen“ und eine Anpassung des Bedarfs an die Möglichkeiten forderte. 3
Dieser Ablauf der Abstimmung, vor allem die ständigen Terminverschiebungen hatten nicht nur Konsequenzen für die beteiligten Länder, sondern auch für die beteiligten Ratsorgane. Dies zeigte sich in besonderen Maße im Sekretariat: „Notwendigerweise fehlt, durch die Verschiebung der Termine (...) für eine Vielzahl von Mitarbeitern der eigentliche Arbeitsgegenstand. Sie müssen irgendwie beschäftigt werden. Ein Teil der Mitarbeiter findet sich mit diesem Zustand ab, ein anderer äußert offen die Unzufriedenheit und strebt Veränderungen an, die teilweise so weit gehen, dass sie wieder in ihr Heimatland zurück wollen. Nachdem in diesem Jahr erste Arbeiten zur Koordinierung der Pläne durchgeführt wurden, ergibt sich die Frage, worin unter den gegenwärtigen Bedingungen der Inhalt der Koordinierung der Pläne besteht. Die bisher durchgeführten zweiseitigen Konsultationen konnten die Fachabteilungen durch die Übergabe der Protokolle der Länder nur zur Kenntnis nehmen. Sie konnten sich mit wichtigen ökonomischen Beziehungen zwischen den Ländern bekannt machen. Die zweiseitigen Vereinbarungen sind dadurch charakterisiert, dass hier nur Vereinbarungen getroffen werden, wo sich die Interessen der Länder decken. Alle Vereinbarungen beinhalten endgültige, in Verträgen festgelegte Beziehungen. Schlussfolgerungen für die mehrseitige Koordinierung, die die Abteilungen erkennen könnten, sind nur in Einzelfällen möglich. Wenn solche Vorschläge aus den zweiseitigen Konsultationen für die mehrseitige Koordinierung gemacht werden könnten, entsteht sofort die Frage, ob die Länder daran interessiert sind. Die Arbeit an den Orientierungsbilanzen erfolgt auf der Grundlage der von den Ländern übergebenen Bilanzen. Es werden lediglich Formblätter mit Zahlenreihen übergeben.“ Die Vergleichbarkeit der Daten war zudem durch fehlende Erläuterungen der Daten eingeschränkt und weil nicht einmal die beschlossene Nomenklatur, Maßeinheiten und Gliederung eingehalten wurde. „Heraus kam deshalb nur eine Zusammenstellung der übergebenen Zahlen und eine Feststellung von Defiziten durch die Gegenüberstellung von Produktion und Bedarf, der Exporte und Importe, die eine, wenn auch nicht vollständige, Übersicht über die Versorgung mit Energie und Brennstoffen, mit wichtigen Rohstoffen usw. gaben. Aber es konnten keine oder nur in wenigen Fällen Lösungswege gefunden werden.“ Von den Abteilungen des Sekretariat konnten jedenfalls keine Vorschläge für das Entwicklungstempo, die Veränderung von Zweigstrukturen, die Veränderung von Investitionen, die Forschungsarbeiten, die technisch-ökonomische Begründung des Materialverbrauchs usw. gemacht werden. Dies traf selbst für die
1 Information über die 17. Tagung des EKO v. 7.-9.4.1965 (v. 12.4.1965); SAPMO BArch DY 30 3428, Bl. 6 f.
2 Information über die 18. Tagung des EKO v. 1.7.1965; SAPMO BArch DY 30 3429, Bl. 3.
3 Ebenda. Rede des Gen. Novikow zum Tagesordnungspunkt I der 18. Sitzung des EKO; 26.6.1965; ebenda, Bl. 11 ff. die Argumente wurden bereits zuvor gebracht, so auf einer Beratung im Büro des EKO zur ausarbeitung von Brennstoff- und Energiebilanzen für 1980 im Januar 1965. vgl. SAPMO BArch DY 30 3428, Bl. 1 f.
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ursprünglich zentrale „Abteilung für zusammenfassende ökonomische Arbeiten“ zu wie die „Gruppe Koordinierung der Pläne“. Ihnen fehlten einfach die Aufgabenstellungen. Die Funktion der Abteilungen für die Plankoordinierung blieb damit unklar wie ihr Ergebnis: „Bis jetzt hatte die Koordinierung in der Regel nur die Fixierung der in den Ländern bestehenden Lage zum Ergebnis.“ 1
Ähnliche „Ergebnisse“ zeigten sich auch in der Arbeit der Ständigen Kommissionen 2 wie beim folgenden Abschluss der langfristigen Handelsabkommen. Hier wurde deutlich, dass die „gefassten Beschlüsse des RGW ohne die gründliche Analyse und reale Einschätzung der tatsächlichen Lage der Ausarbeitung der Perspektivpläne in den einzelnen Mitgliedsländern“ gefasst wurde. 3 Die etablierte Erwartung, dass die sowjetische Seite focal points oder hegemoniale Lösungen produzieren würde, war endgültig geschwunden. Im gesamten Verlauf der 17. Sitzung des EKO trat der Vertreter der UdSSR „kaum mit konstruktiven Vorschlägen auf. Wir hatten den Eindruck, dass es zu den wichtigsten Fragen der Tagesordnung von der sowjetischen Seite keine Lösung der herangereiften Probleme gibt.“ 4 Das Fazit der DDR-Vertreters im April 1965 war eindeutig: Es zeigte sich „zum wiederholten Male, dass besonders die UdSSR durch ihre großen Schwierigkeiten bei der Ausarbeitung des Perspektivplanes bis 1970 die Koordinierung der Pläne, die von den 1. Sekretären (...) als die Hauptmethode der Tätigkeit des RGW beschlossen wurde, behindert. Praktisch gibt es dadurch gegenwärtig keine mehrseitige Koordinierung der Perspektivpläne.“ 5
Somit zeigte auch die von allen akzeptierte „Hauptaufgabe“ der RGW-Zusammenarbeit in dieser Phase nur sehr begrenzte Ergebnisse. Schärfer formuliert gab es nur eine Fassade der Plankoordinierung. Gerade diese praktische Tätigkeit führte aber in der Phase des „Aufbruchs“ zur Desillusionierung über die Möglichkeiten des RGW insgesamt. Dabei liefen die zentralen institutionalistischen Probleme ineinander: Blockierende Deutungen der Prinzipien, ein allgemeiner Trend zur kurzfristigen Vorteilswahrung der Akteure, Unsicherheit über das Verhalten der Partner wie die Ergebnisse und vor allem die Führungsschwäche der sowjetischen „Hegemonialmacht“. Wie viel deutlicher musste sich dies bei der konfliktträchtigen Frage nach dem Ausgleich der Entwicklungsniveaus auswirken.
5.9.3 Der Ausgleich der Entwicklungsunterschiede
Diese Frage gehörte ja bereits bei der Ausarbeitung der „Grundprinzipien“ zu den zentralen Zielen wie Streitpunkten. Die ältere wie neuere Literatur scheint sich weitgehend einig zu sein. Der RGW wurde durch einen Nord-Süd-Interessenkonflikt blockiert. Am Vorabend der Julikonferenz der Partei- und Regierungschefs habe die rumänische Seite einen Artikel zum Industrialisierungsniveau im RGW veröffentlicht und den erreichten Stand kritisiert (DDR: 100; RVR 36). Um höher entwickelte Länder einzuholen, sei ein Vorrang der Schwerindustrie notwendig; die Spezialisierung müsse dies fördern. 6 Allerdings erschienen
1 Information über die Arbeit des Sekretariats des RGW in Moskau, 20.11.1964 (internes Material Gen. Meiser), S. 16 ff. u. 25; BArchB DE-1 VA 46593, o.Bl.
2 So in der SK für chemische Industrie, die beschloss eine „prinzipielle Änderung der Aufgabenstellung“, d.h. sich angesichts des großen Zeitverzugs in der mehrseitigen Abstimmung auf einige Fragen wie die offenen Rohstoffprobleme zu konzentrieren. Information über die 23. Tagung der SKCh, 24.5.1965; SAPMO BArch DY 30 3462, Bl. 167.
3 Notiz für Gen. Hüttenrauch v. 2.8.1965; BArchB DL-2 VA/N 45, o.Bl.
4 Information über die 17. Tagung des EKO v. 7.-9.4.1965 (v. 12.4.1965); SAPMO BArch DY 30 3428, Bl. 16.
5 Information über die 17. Tagung des EKO v. 7.-9.4.1965 (v. 12.4.1965); SAPMO BArch DY 30 3428, Bl. 9.
6 Frickenhelm 1990, S. 267 f.
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1963 eine ganze Reihe von Artikeln zur Frage des Niveauausgleichs. Der Primat der Schwerindustrie wie die Ausgleichung der Entwicklungsunterschiede in relativ kurzer Zeit wurde dabei nur im Ausnahmefall in Zweifel gezogen. 1 Andere Autoren spitzten noch stärker zu: „Heute lässt sich mit Gewissheit sagen, dass Gheorghiu-Dej es 1962/63 abgelehnt hat, sich mit der Rumänien von Moskau zugewiesenen Rolle als Agrarlieferant des RGW abzufinden.“ 2 Mit Sicherheit kann man wohl heute sagen, dass dies weder das Ziel noch die praktische Politik von RGW-Ländern darstellte.
Dennoch verweisen sowohl die Quellen als auch die Literatur für Mitte der 60er Jahre auf einen Strukturkonflikt im RGW zwischen den Industrieländern und den weniger entwickelten Ländern: „Die nationalen Standpunkte der Mitgliedsländer, die sich insbesondere aus dem unterschiedlichen Niveau der Entwicklung ihrer Volkswirtschaften ergeben, wirken sich in immer stärkerem Umfange hemmend auf die Ratsarbeit aus.“ 3
Wesentlicher Indikator war dabei das Industrialisierungsniveau und der Stand des Maschinenbaus in einem Land. Die nackten Zahlen symbolisieren deutliche Erfolge. Die prognostizierten Wachstumsraten in vielen Bereichen des Maschinenbaus betrugen 150 -200% (1966 bis 1970). 4 Dies beruhte durchaus auf den Zahlen der Vorjahre.
Durchschnittliche Wachstumsraten 1961-63 (in %) 5
Dies spiegelt sich auch am vorherigen Zuwachs des Maschinenbaus im Rahmen der gesamten Industrialisierung.
1 Von rumänischer Seite war hier C. Morgesou besonders aktiv, von DDR-Seite mehrere Autoren, von denen nur G. Huber eine abweichende Position einnahm. Vgl. PAAA MfAA d. DDR C 1598, Bl. 96 ff. u. 115.
2 Ghermani 1981, S. 36.
3 Zu einigen Hauptfragen der Arbeit des RGW (Kurt Gregor, Jan. 1965); SAPMO BArch DY 30 IV A 2/ 2.101 - 799, Bl. 215. vgl. auch Herbst 1995.
4 Bericht des EKO über die Tätigkeit des RGW v. Okt. 1964; SAPMO BArch DY 30 J IV 2/2 A - 1069, Bl. 71.
5 Bericht des EKO über die Tätigkeit des RGW v. Okt. 1964; SAPMO BArch DY 30 J IV 2/2 A - 1069, Bl. 56f.
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Anteil des Maschinenbaus und der metallverarbeitenden Industrie an der Industrieproduktion (in %) 1
Quantitativ konnten sich diese Ergebnisse durchaus sehen lassen. Problematisch sind sie in ihrer Qualität, ihren Kosten für die nationalen Wirtschaften und vor allem in ihrem Verhältnis zu den Zielen. Solche Wachstumsraten waren das Ergebnis wie der Motor geradezu gigantischer wirtschaftspolitischer Ziele. Es wurde bereits gezeigt, dass solche Ziele nicht nur das Ergebnis politischer Propaganda waren, sondern ernstgemeinte Modernisierungsziele. In der Fachpublizistik sah sich die DDR gezwungen, solche Wachstumsziele zu bestätigen und auch den Primat der Schwerindustrie für alle Länder zu verteidigen: „Diese ‚kleinen’ Länder werden in relativ kurzer Zeit das Niveau hochindustrialisierter Staaten erreicht haben.“ 2 Intern sahen DDR-Vertreter diese Wachstumsziele durchaus kritisch - obwohl die DDR 1958 selber im Angesicht ökonomischer Probleme eine Wachstumsstrategie mit ähnlichen Zielen propagiert hatte. 3 Trotz „ernsthafter ökonomischer Probleme stellten sich einige volksdemokratische Länder (Bulgarien, CSSR) die Aufgabe, die materiell technische Basis des Kommunismus zu schaffen. Sie analysierten die ökonomische Lage nicht sorgfältig, stellten der Industrie und Landwirtschaft Aufgaben, die die tatsächlichen Kräfte weit überstiegen, so dass ökonomische Widersprüche aufbrachen, die zu einem ernsten Absinken des Wachstumstempos und zu anderen ökonomischen Schwierigkeiten führten.“ 4 Sachlich war eine solche Kritik durchaus nicht unbegründet; unparteiisch bzw. „objektiv“ war sie deshalb jedoch keineswegs. Gerade die DDR hatte ja - vor allem bis 1961 mehr oder weniger erfolgreich - versucht, den RGW im Sinne eigener politischer Ziele zu instrumentalisieren. Dies taten mehr oder weniger beide Seiten; stets waren Sondergewinneneben und vor den Kooperationsgewinnen - eingeplant: Hilfe des RGW für die „Frontstaaten“ oder Hilfe des RGW für den „Niveauausgleich“. Dies war ein Kampf um die angemessener Verteilung dieser Sondergewinne. Dieser Kampf definierte die Frontlinie zwischen industriell entwickelten und weniger entwickelten Ländern. Dies wurde zunehmend als eine strukturelle Konfliktlinie wahrgenommen. „Das unterschiedliche Niveau der ökonomischen Entwicklung in den RGW-Ländern hat zur Folge, dass die einzelnen Länder unterschiedliche Forderungen an die Zusammenarbeit stellen, unterschiedliche ökonomische Ziele verfolgen und entsprechend auch unterschiedliche Erwartungen hinsichtlich der Ergebnisse haben“. Die letzte Formulierung verweist bereits auf die institutionalistische Komponente. Bis Ende 1963 zeigte „sich immer deutlicher, dass die
1 I. Oleinik, E. Rajewskaja: Methodologische Probleme des Angleichens der wirtschaftlichen Entwicklungsniveaus der sozialistischen Länder.- in: Sowjetwissenschaft: Gesellschaftswissenschaftliche Beiträge, 12 (1964); PAAA MfAA d. DDR, C 1598, Bl. 52.
2 Morgenstern, Karl: Zunehmende Zusammenarbeit erhöht den Nutzen der internationalen sozialistischen Arbeitsteilung.- in: Die Wirtschaft, 40 (1963), S. 18. Zunächst erschien in den „Wirtschaftswissenschaften“ (4/1963) ein Beitrag von G. Huber, der differenzierte Entwicklungswege propagierte. Er wurde nach einer rumänischen Kritik in den Wirtschaftswissenschaften und durch den zitierten Beitrag Morgensterns als „unmarxistisch“ zurückgewiesen. Dies erfolgte in Kooperation mit dem Außenministerium, das dem rumänischen Wissenschaftler Margescu die Beiträge übermittelt wissen wollte. PAAA MfAA d. DDR, C 1598, Bl. 96 ff.
3 Vgl. Sowart 1999.
4 Zur Einschätzung der Lage im RGW (Nov. 1963); SAPMO BArch DY 30 3465, Bl. 207.
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industriell entwickelten Länder in der Zusammenarbeit im RGW in erster Linie die Aufgabe sehen, ihnen zu helfen und ihre Entwicklung zu beschleunigen. Dabei kommt ein wachsendes Misstrauen gegen die fortgeschrittenen Länder zum Ausdruck, das sich auch in solchen Äußerungen zeigt, die bisherige Spezialisierung und Kooperation habe im wesentlichen der Auslastung vorhandener Kapazitäten in der DDR und der CSSR gedient und die Entwicklung eines Maschinenbaus in den industriell weniger entwickelten Ländern behindert. Das führte in letzter Zeit dazu, dass die Auseinandersetzungen vor allem bei solchen Problemen, die unmittelbar die materiellen Interessen der Länder berühren, heftiger als je zuvor geworden sind.“ 1 Die Interessenkonflikte besaßen eine klar institutionalistische Komponente auf den oberen Ebenen unseres Modells.
Die etablierten Schemata standen in deutlichem Kontrast zur offiziellen Ideologie. Diese betrachtete den Niveauausgleich nicht nur als politisches Ziel, sondern als „objektive Gesetzmäßigkeit“, die allen Ländern nutzt und an der „sämtliche sozialistische Staaten interessiert“ seien. Von Seiten der DDR wurde noch im November 1963 die „neue Qualität der Planung und Koordinierung im Maßstab des RGW“ als „objektiv notwendig“ begründet, da sie dem „objektiven ökonomischen Gesetz“ der Konzentration der Produktion entspreche. „Es handele sich also nicht um subjektive oder enge nationale Interessen, die hinter diesen Forderungen stehen.“ Somit hielt man die eigene Position als eine Lösung, die „den nationalen Interessen jedes einzelnen Landes und den Interessen des RGW als Ganzes entspricht“. 2 Dabei wird das „Muster sozialistischer Industrialisierung“ bekräftigt; allerdings führe dies nicht zu einer vollkommen gleichen Wirtschaftsstruktur. Mitunter könnten sich Unterschiede sogar verstärken. Deshalb dürften nicht einzelne Sektoren verglichen werden, sondern das „Nationaleinkommen pro Kopf“ als wichtigster Indikator für die Annäherung genutzt werden. Mit Bemerkungen, dass der Niveauausgleich ein „komplizierter und langwieriger Prozess“ sei, was sich vor allem bei der Plankoordinierung im RGW zeige, oder dass die „Widersprüche, Schwierigkeiten und Mängel, die in diesem Prozess auftreten, überwunden werden“ könnten, versuchte man die schöne Welt der Ideologie realistischer zu machen. Zugleich versuchte man, die Vorteile der internationalen Kooperation herauszustellen. Der Niveauausgleich werden nicht durch ein „künstliches Bremsen“ des Wachstumstempos erreicht, sondern durch ein optimales Wachstumstempo aller. Dies würde innere wie äußere Quellen für das Wachstum der weniger entwickelten Länder erschließen. 3 Der DDR-Führung waren die Bedenken der Partner, eine „gewisse Angst vor Übervorteilung“ gut bewusst. 4 Allerdings hielt man dies für ein ideologisches (also ein institutionalistisches) Problem. Die Bewertung der Argumente und Motive der rumänischen Seite erscheint aber bereits als erster Schritt zu einer institutionalistischen „Lösung“ des Konflikts: Es scheine „eine bestimmte Skepsis gegenüber den industriell entwickelteren sozialistischen Ländern vorhanden zu sein, eine gewisse Angst, dass diese Länder bei einer weiteren Vertiefung der Zusammenarbeit ökonomisch und technisch zu ungunsten der RVR dominieren würden und in diesem Zusammenhang tritt auch eine starke Überbetonung ihrer nationalen Interessen und der Frage der Souveränität zu Tage.“ Es war nur die Frage, ob und wie man versuchte, diese „Ängste“ zu mindern. Klar war aber auch, dass die rumänische Seite zuerst den Niveausausgleich realisieren wollte und dabei etwa 1980 als Zieljahr galt. 5
1 Wie soll es in der Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedsländern des RGW weitergehen? (nach Juli 1963); SAPMO BArch DY 30 3465, Bl. 84.
2 Zur Einschätzung der Lage im RGW (Nov. 1963), S. 5f.; SAPMO BArch DY 30 3465, Bl. 210f.
3 Vgl. I. Oleinik, E. Rajewskaja: Methodologische Probleme des Angleichens der wirtschaftlichen Entwicklungsniveaus der sozialistischen Länder.- in: Sowjetwissenschaft: Gesellschaftswissenschaftliche Beiträge, 12 (1964); PAAA MfAA d. DDR, C 1598, Bl. 50 ff.
4 Material zu den Problemen des RGW v. 17.7.1963; SAPMO BArch DY 30 3483, Bl. 72.
5 Leuschner an Ulbricht v. 2.5.1963; SAPMO BArch DY 30 3421, Bl. 34f.
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Diese Grundlogik eines Positivsummenspiels war durchaus nachvollziehbar. Dennoch verstärkten die realistischeren Töne das Misstrauen der weniger entwickelten Länder. Die „äußeren Quellen“ waren institutionalistisch nicht genug verankert als dass sie überzeugend wirkten. Wenn hier Kredite und der Technologietransfer durch die wissenschaftlichtechnische Zusammenarbeit genannt wurde, waren die Effekte hier schwer messbar; aktuell wehrten sich die entwickelten Länder sogar gegen den kostenlosen Transfer von Technologie gemäß den Sofioter Beschlüssen von 1949. (Die rumänische Seite wich auf den Nachbau westlicher Maschinen aus.) Bei der Ausarbeitung der „Grundprinzipien“ war es - auch durch die Ideologisierung der Fragen durch die RVR - versäumt worden, diese Mechanismen zu präzisieren. Unter dem Strich mangelte es der Gemeinschaft wie UdSSR an der Fähigkeit, allgemeingültige focal points in dieser Frage zu produzieren. Dies schloss aber nicht aus, dass der RGW als Mittel einer beschleunigten Industrialisierung wahrgenommen wurde.
Im Gegensatz zu Rumänien versuchte Bulgarien ein Stück weit diesem Konzept zu folgen. Von Rumänien (und China) übernahm es die Entwicklungsziele, versuchte sie aber im und mit Hilfe des RGW zu erreichen. Bereits auf der Junikonferenz 1962 hatte die VRB ihr Zurückblieben im Maschinenbau wie eine ungenügende Beteiligung an der Spezialisierung in diesem Bereich beklagt, welche die Lage des Landes „noch mehr verschlechtert“. Dies wurde offiziell in den Beschluss der XVII. Ratstagung aufgenommen. 1 Bis 1964 galt Bulgarien durchaus als linientreu in RGW-Fragen, zeigte in diesem Jahr sogar „besonderes Interesse an höheren Formen der Zusammenarbeit“, vor allem an gemeinsamen Betrieben. 2 Immerhin erreichte es, dass die Spitzenkonferenz vom Juli 1963 empfahl, zweiseitige Konsultationen über die gegenseitigen Maschinenbaulieferungen mit der VRB bis 1970 und möglichst 1980 durchzuführen. Dabei sollten die bulgarischen Vorschläge über die Entwicklungsrichtungen ihres Maschinenbaus berücksichtigt werden. Die Nomenklatur und der Umfang der gegenseitigen Lieferungen sei zu vereinbaren, so dass die VRP auf dieser Basis Entscheidungen über den Aufbau der entsprechenden Produktionen treffen kann. Bei der Durchführung dieser Konsultationen wie bei der Plankoordinierung sei auf der „Grundlage des gegenseitigen Vorteils die Notwendigkeit zu beachten“, für die VRB „eine Produktion von Maschinenbauerzeugnissen in optimalem Umfang zu gewährleisten und ihr bei der Ausbildung der Kader, der Projektierung der Maschinenbaubetriebe, der Lieferung von Ausrüstungen und Übergabe technischer Unterlagen Hilfe zu leisten“. 3 Damit war der technologische Niveauausgleich in einem Beschluss des höchsten Ostblock-Gremiums konkretisiert worden. Dieser Weg war im Vorfeld auch von Industrieländern wie der DDR begrüßt worden. So teilte Ulbricht vor der Julikonferenz dem KPdSU-Chef mit: „Wir sind der Meinung, dass die Spezialisierung und Kooperation im Maschinenbau systematisch weitergeführt werden soll, wobei von den Erzeugnissen ausgegangen werden sollte, die im sozialistischen Lager noch nicht oder nur in geringen Stückzahlen produziert werden. Für die industriell weniger entwickelten Länder sollten besondere Vereinbarungen über die Entwicklung des Maschinenbaus im Zusammenhang mit der Ausarbeitung der Perspektivpläne getroffen werden. Wir sind bereit, über solche Vorschläge im Rahmen des RGW zu beraten, damit diese Länder eine schnellere industrielle Entwicklung erreichen.“ 4 Dementsprechende Vorschläge des EKO für Bulgarien wurden von der DDR offiziell unterstützt. 5
1 Anlage 3a zum Protokoll der XVII. Ratstagung; SAPMO BArch DY 30 3407, Bl. 64 f.
2 Vgl. das Material zur Mitarbeit Bulgariens im RGW in: PAAA MfAA d. DDR, A 4885, Bl. 62 f.
3 Auszug aus dem Beschluss der Julikonferenz 1963; SAPMO BArch DY 30 3424, Bl. 30.
4 Ulbricht an Chrsuchtschov v. 6.5.1963; SAPMO Barch DY 30 3465, Bl. 135.
5 Vorschlag zum Diskussionsbeitrag über Fragen, die anlässlich der Beratung auf höchster Ebene behandelt werden sollen (29.6.1963); SAPMO Barch DY 30 3465, Bl. 189f.
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Die DDR war auch das erste Land, das teilweise hochkarätig besetzte Studiendelegationen austauschte und Informationsgespräche begann. 1 Anfang 1964 übergab die bulgarische Seite ihre Vorstellungen zur Entwicklung des Maschinenbaus bis 1970, um die bilateralen Konsultationen vorzubreiten. Neben konkreten Anliegen (Beschäftigung überzähliger Arbeitskräfte; Hebung des Lebensstandards) standen auch strukturelle Ziele. Die Struktur der bulgarischen Wirtschaft sollte „erheblich“ zugunsten der verarbeitenden Industrie, v.a. der Maschinenbauproduktion, erweitert werden. Letztere sollte 1970 2,5 mal höher liegen als 1963; ihr Anteil von knapp 12,5 auf 26 - 28% steigen. Der Export von Maschinenbauerzeugnissen in die DDR sollte immerhin von 46 Mio. auf 530 Mio. VDM erhöht werden. Dies wäre mehr als der aktuelle DDR-Export von 240 Mio. (1963) gewesen und sollte - wie man mehrfach mündlich zum Ausdruck brachte - bis 1970 Export und Import in ein Verhältnis von 1 : 1 bringen. 2 Diese Forderung wurde zum Schlachtruf der Rohstofflieferanten. Die Forderung nach ausgeglichenen Lieferungen im Maschinenbau wurde auch von der polnischen Seite verfolgt. Deren Vertreter griff im EKO die „hochentwickelten Länder“ an, d.h. DDR und CSSR. Diese wollten „nicht mit der Wirklichkeit rechnen.“ Es sei noch nicht gelungen, zu „befriedigenden Ergebnissen“ über die polnischen Maschinenbauexporte zu gelangen. Sollte dies nicht gelingen, sei die VRP gezwungen, die vorgesehenen Importe zu senken und ihre eigenen Kapazitäten einzusetzen. 3 Auch die UdSSR forderte, den Import von sowjetischen Maschinen zu erhöhen. „Das sei eine grundlegende Forderung zur Bilanzierung der gegenseitigen Lieferungen.“ 4 Die DDR hielt einen solchen äquivalenten Austausch für „nicht möglich“, auch weil sie ja irgendwie ihre Rohstoffimporte finanzieren musste. 5
Wie waren aber die Ergebnisse für Bulgarien? Die Vertreter der DDR hielten die bulgarischen Vorstellungen über den Bedarf der DDR für „stark überhöht“. Dies wird ergänzt um das zentrale Klagelied der industrialisierten Länder, dass die Partner bei Erzeugnissen die Produktion aufnähmen, für die sie ausreichend Erfahrung und Kapazitäten besäßen. Immerhin bekundete auch die DDR mehrfach, dass sie bereit sei, aus Bulgarien in verstärktem Maße Maschinen und Ausrüstungen zu beziehen. Diese Bereitschaft war aber entscheidenden Einschränkungen unterworfen: Die Maschinen müssten dem wissenschaftlich-technischen Höchststand entsprechen wie dem Bedarf der DDR; der gegenseitige Vorteil wie die rationelle Arbeitsteilung müssten berücksichtigt werden. 6 Dies waren ja durchaus anerkannte Prinzipien des RGW. Das EKO betonte ausdrücklich, dass der „Bedarf der Mitgliedsländer mit solchen Maschinen und Ausrüstungen zu decken (ist), die dem Weltniveau entsprechen.“ 7 Dennoch konnte diese Forderung zu einer Blockade gegenüber den bulgarischen Wünschen führen.
Die Verhandlungen wurden auch dadurch erschwert, dass die bulgarische Seite ausschließlich über die Entwicklung ihres Maschinenbaus beraten wollte, sich „eng an ihre Konzeption
1 Von DDR-Seite fuhr Wunderlich im Auftrage Leuschners nach Bulgarien und traf sich dabei auch mit Parteichef Shiwkov. Es folgte ein Besuch des vorsitzenden des Staatlichen Komitees für Maschinenbau, Iwanov, in der DDR. Information über die Ergebnisse der Konsultationen mit der VRB über die Zusammenarbeit (... in Maschinenbau und Elektrotechnik bis 1970); SAPMO BArch DY 30 3466, Bl. 182.
2 Bericht über die 12. Sitzung des EKO, zum TOP: Information der VRB über die Ergebnisse der zweiseitigen Konsultationen und die sich daraus ergebenden Maßnahmen des Maschinenbaus in Bulgarien; SAPMO BArch DY 30 3424, Bl. 30 f.
3 Information über die Beratung der Orientierungsbilanzen für den Zeitraum 1960 bis 1970 (...); Meiser an Apel v. 21.7.1964, S. 6; BArchB DE-1 VA 45748, o.Bl.
4 Ebenda.
5 Grundfragen der Wirtschaftsbeziehungen zur VRB; SAPMO BArch DY 30 3466, Bl. 129.
6 Bericht über die 12. Sitzung des EKO, zum TOP: Information der VRB über die Ergebnisse der zweiseitigen Konsultationen und die sich daraus ergebenden Maßnahmen des Maschinenbaus in Bulgarien; SAPMO BArch DY 30 3424, Bl. 31 f.
7 Bericht des EKO über die Tätigkeit des RGW v. Okt. 1964; SAPMO BArch DY 30 J IV 2/2 A - 1069, Bl. 73.
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gebunden“ fühlte und die gegenseitigen Lieferungen nicht behandeln wollte. Bei den Produktionen, die in die VRB verlagert werden sollten, und an deren Export die DDR Interesse hatte, wollte diese auch technische Hilfe leisten. Diese Produktgruppen waren aber recht beschränkt. 1 Der größere Teil wurde von der DDR abgelehnt, da eigene Kapazitäten vorhanden waren. Man war auch zur Ausbildung bulgarischer Ingenieure und Facharbeiter bereit; plante den Einsatz aber unter Beachtung der eigenen Importinteressen. 2 Mitunter scheiterte es aber auch daran, dass die bulgarische Seite ablehnte oder dies an „unannehmbare“ Bedingungen knüpfte. Hier gab es vor allem Probleme, bei dem Versuch der DDR, materialintensive Produkte und „einfache Konstruktionen“ den Bulgaren zu überlassen. Zudem zeichneten sich auch Absatzprobleme der DDR ab. Somit war die interne Einschätzung der DDR gemischt. Es wurde kritisiert, dass „die bulgarische Konzeption zur Entwicklung des Maschinenbaus ein zu breites Sortiment mit zum Teil komplizierter Technik und Technologie umfasst und dass sich die Konzeption in unzureichendem Maße auf den realen Bedarf der Mitgliedsländer des RGW stützt.“ Die Konzeption nehme ungenügend auf bestehende Kapazitäten Rücksicht. Zudem waren die bulgarischen Partner „ungenügend bereit, reale und u.E. vorteilhafte Vorschläge aufzugreifen. Trotzdem kann eingeschätzt werden, dass auf einer Reihe von Gebieten gute Ansatzpunkte für die Entwicklung der Spezialisierung und Kooperation sowie der gegenseitigen Lieferungen in der metallverarbeitenden Industrie gefunden wurden.“ Berücksichtigt man, dass die DDR sogarwenn auch nur 450 statt der geforderten 1244 - Werkzeugmaschinen importieren wollte, ist das Fazit nicht völlig aus der Luft gegriffen: Die Ergebnisse der Konsultationen werden zur Entwicklung des bulgarischen Maschinenbaus beitragen. 3
Die bulgarische Seite verfolgte ihre Konzeption „mit großer Hartnäckigkeit“. In den Konsultationen mit der CSSR, VRP, UVR und RVR führte die „einseitige auf den Vorteil der VRB gerichtete Linie“ wohl zu „erheblichen Schwierigkeiten“. 4 Trotz aller Probleme und Rückschläge in den bilateralen Verhandlungen erreichte die bulgarische Seite in dieser Frage durchaus gegenüber anderen Ländern „gewisse Erfolge“, die noch über die Ergebnisse mit der DDR hinausgingen. Allerdings wurde dies durch deutliche Handelsbilanzdefizite der VRB begrenzt. 5 In Verhandlungen mit der CSSR stießen stark unterschiedliche Vorstellungen über die Austauschrelation in der metallverarbeitenden Industrie (2:1 gegenüber 1:1) aufeinander und führten phasenweise zu einem Abbruch der Verhandlungen, wobei die CSSR die bisherigen Ergebnisse einfach nicht als bindend erklärte. Bei den Verhandlungen mit Ungarn kam es - bei der gleichen Ausgangsposition - zu einem ungarischen Kompromissvorschlag von 1,25:1. Zunächst aber konnte auch bei den wichtigsten Positionen der metallverarbeitenden Industrie keine Einigung erreicht werden. 6 Dies zeigt trotz aller Probleme gewisse Erfolg für die bulgarische Seite; es zeigt aber auch, dass die Probleme nicht nur gegenüber DDR und CSSR bestanden.
Die DDR plante für die Partei- und Regierungsdelegation nach Bulgarien im September 1964 auch, die „Weiterentwicklung des RGW“ zu behandeln Gerade die Wirtschaftsverhandlungen fanden in einer „kritischen Form“ statt. Die bulgarische Seite musste erfahren, dass viele ihrer Vorschläge - zur Schaffung gemeinsamer Betriebe, zur Lieferung kompletter Anlagen,
1 Es handelte sich um Einachstraktoren, Pflanzensetzmaschinen, Elektrozüge, Etikettiermaschinen, Flachrelais, Tischfernsprecher u.a. Dies wurde ergänzt durch verschiedene chemische Anlagen.
2 Information über die Ergebnisse der Konsultationen mit der VRB über die Zusammenarbeit (... in Maschinenbau und Elektrotechnik bis 1970) v. 27.4.1964; SAPMO BArch DY 30 3466, Bl. 183. Zu diesem Zeitpunkt waren 50 Bulgaren zu diesem Zweck in der DDR.
3 Bericht über die 12. Sitzung des EKO, zum TOP: Information der VRB über die Ergebnisse der zweiseitigen Konsultationen und die sich daraus ergebenden Maßnahmen des Maschinenbaus in Bulgarien; SAPMO BArch DY 30 3424, Bl. 31 ff.
4 Grundfragen der Wirtschaftsbeziehungen zur VRB; SAPMO BArch DY 30 3466, Bl. 133.
5 Vgl. das Material zur Mitarbeit Bulgariens im RGW in: PAAA MfAA d. DDR, A 4885, Bl. 62 f.
6 Grundfragen der Wirtschaftsbeziehungen zur VRB; SAPMO BArch DY 30 3466, Bl. 133 ff.
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zur kostenlosen Überlassung technischer Dokumentationen - nicht akzeptiert wurden. Entscheidend ist dabei aber, dass dies bei den bulgarischen Delegationsmitgliedern, vor allem den Funktionären der Plankommission nicht auf „Verständnis“ stieß. 1
Dennoch zeigte sich noch im April 1965 im EKO, dass die bulgarische Seite um eine „effektivere Arbeit im RGW“ bemüht war. Die Frage des ökonomischen Niveauausgleichs stand im Mittelpunkt der bulgarischen „Überlegungen und Vorschläge“. In diesem Zusammenhang wandte man sich gegen den „ökonomischen Nutzeffekt“ als „entscheidendes Prinzip für die Spezialisierung und Kooperation“. Es kam zu einer Verschärfung der Spannungen durch die Versuche von DDR, CSSR, VRP und UVR die Kooperation m RGW nach „ökonomischen Grundsätzen“ zu vollziehen. Erst in dieser Phase zeigte sich etwas wie eine gemeinsame Linie von DDR, CSSR, VRP und UVR, der bulgarische und rumänische Widerstände entgegenstanden. Die sowjetische Seite blieb wiederum unentschieden. 2 Ihre Haltung konnte gerade gegenüber Bulgarien entscheidend sein. Die wirtschaftliche Unterstützung durch die sowjetische war Seite durchaus von Bedeutung für Bulgarien. Die langfristigen Kredite der UdSSR - die 25% der bulgarischen Investitionen entsprochen haben sollen - wurden im Januar 1964 um 300 Mio. Rbl. erweitert. 3
Immerhin lenkte sie auf Kommissionsebene „nach eingehender Diskussion“ teilweise auf die Wünsche der Mehrheit ein, in der „wissenschaftlich-technischen Zusammenarbeit“ die Sofioter Beschlüsse durch Vertragsregelungen zu ersetzen. Obwohl dies zunächst nur „Experimente“ sein sollten, versuchte die bulgarische Vertretung dies durch „formale Begründungen“ abzuwehren. Dabei wirkten die Mechanismen der Ebene 4 ein Stück weit. Die bulgarischen Vertreter in der Kommission schienen selbst nicht ganz von ihrem Standpunkt überzeugt, hatten aber die strikte Weisung, keine Kompromisse einzugehen. Dahinter lag allerdings wieder ein institutionalistisches Problem, ein Problem der Wahrnehmung und des Misstrauens. Im Hintergrund stand nämlich die Befürchtung, das „Prinzip der gegenseitigen Hilfe soll nunmehr beseitigt werden“. 4 Die sowjetische Haltung konnte aber auch die anderen Partner verunsichern. Hatte man zunächst den „Experimenten“ mit vertraglichen Regelungen zunächst zugestimmt, schwenkte man dann wieder auf die bulgarische Position um, um dann letztlich doch noch die Zustimmung zu geben. 5 Schwankende Positionen erwiesen sich als zentrales Problem der sowjetischen Führungsschwäche.
Auf der folgenden 18. Tagung des EKO wies der bulgarische Vertreter wieder auf eine ganze Reihe von Wirtschaftsproblemen hin (Rohstoffdefizite, rückläufiges Wachstumstempo, Zurückbleiben im Lebensstandart, drohende Arbeitslosigkeit). Als ersten Punkt nannte er aber das Problem, dass „die Disproportionen zwischen den Ländern in der Entwicklung des Maschinenbaus nicht abnehmen“. 6 Diese enttäuschten Hoffnungen führten aber nicht zu einer bulgarischen Totalblockade des RGW wie auf rumänischer Seite. Allerdings resultierte aus dem Zusammenspiel von rumänischer Blockadepolitik (unter Nutzung des Interessiertheitsprinzips) und bulgarischer Interessenpolitik letztlich eine Stagnation der
1 Hinweise zur Berichterstattung über den Aufenthalt und die Verhandlungen der Partei- und Regierungsdelegation der DDR in der VRB (Sept. 1964); PAAA MfAA d. DDR, A 4885, Bl. 1 f. u. 16 ff.
2 Information über die 17. Sitzung des EKO v. 7.4.-9.4.1965; SAPMO BArch DY 30 3428, Bl. 16 f.
3 Der Kredit sollte große Anlagen in der Energieerzeugung, der chemischen Industrie, Zellulosewerke u.a. finanzieren. Der langfristige Kredit soll damit 1947-1964 1,3 Mrd. Rubel erreicht haben. Allein 1963 sollen auf dieser Basis 32 Betreibe und Werksabteilungen errichtet worden sein. Vgl. das Material zur Mitarbeit Bulgariens im RGW in: PAAA MfAA d. DDR, A 4885, Bl. 40, vgl. auch Bl. 38.
4 Information über die 23. Tagung der SK für chemische Industrie, 24.5.1965; SAPMO BArch DY 30 3462, Bl. 165 f.
5 Analyse der Tätigkeit und der Arbeitsergebnisse der SK für chemische Industrie sowie für radiotechnische und Elektronische Industrie (...), September 1965; SAPMO BArch DY 30 3462, Bl. 184.
6 Information über die 18. Tagung des EKO v. 25.-29.6.1965; 1.7.1965; SAPMO BArch DY 30 3429, Bl. 3 f.
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Arbeit auch in der Ständigen Kommission für Maschinenbau (wie auch Chemie). Dabei zeigten die Beratungen zu Spezialisierungsempfehlungen „eindeutig und erneut, dass die gegenwärtigen Arbeitsformen und -methoden im RGW nicht mehr geeignet sind, effektive Maßnahmen für die Vertiefung der ökonomischen Zusammenarbeit festzulegen.“ Zusammenfassend musste festgestellt werden, dass „die Arbeit mehr und mehr formal wird und fast ausschließlich nur noch registrierenden und advokatorischen Charakter trägt.“ 1 Wo liegen die Ursachen für diese Entwicklung?
Mehrere allgemeine Tendenzen sprechen gegen einen strukturellen Interessenkonflikt auf Ebene1 bzw. 2. Der Westhandel folgte durchaus der traditionellen Struktur, d.h. Rohstoffe und landwirtschaftliche Erzeugnisse gegen Maschinen und Anlagen, diente aber stets als Alternative für die Agrarländer. Konflikte gab es auch zwischen schwächer entwickelten Ländern. Es existierte keineswegs eine klare Frontlinie entlang des Entwicklungsniveaus. Vor allem zeigte der bulgarische Ansatz, dass man den RGW als Mittel der Entwicklungspolitik wahrnehmen und nutzen konnte. Insgesamt war es nicht nur ideologisches Wunschdenken, wenn das EKO später konstatierte: “Die Vertiefung der ökonomischen Zusammenarbeit der RGW-Länder förderte die allgemeine Tendenz der Annäherung des Entwicklungsniveaus ihrer Wirtschaft.“ 2 Für die bulgarische Seite gab es durchaus positive Effekte. 3 Dies verhinderte jedoch nicht, dass auch hier die Deinstitutionalisierung dominierte. Die Partner hielten immer den anderen für schuld, dass „Parallelproduktionen“ entstanden. 4 Negative Einschätzung waren auch und vor allem ein Problem der Erwartungen im Verhältnis zu geringen oder vagen Kooperationsgewinnen. Institutionalistische Probleme aus anderen Bereichen wie der Preisbildung verstärkten die Probleme noch. 5 Eine Institutionalisierung sinnvoller Entwicklungsziele und -mechanismen war das zentrale Desiderat in dieser Frage. Somit fehlten Realismus und Vertrauen. Die unterschiedlichen Standpunkte zur Frage des Niveauausgleichs - ob er Vorrang besitze oder die Effektivität des Gesamtorganismus - waren nicht abgestimmt worden, sondern hatten sich seit 1962 verhärtet, sozusagen institutionalisiert. Sie wurden nun nicht mehr als Problem der Mechanismen und Beschlüsse, sondern als Strukturproblem „unterschiedlicher Entwicklungsstände“ wahrgenommen. Das institutionalistische Problem dahinter war aber noch deutlich, wenn „von den Ländern in der Zusammenarbeit unterschiedliche Maßstäbe angewendet“ wurden. 6
Die Probleme waren also keineswegs allein oder maßgelblich auf Entwicklungsunterschiede zurückzuführen: Es fehlte an Vertrauen in die Partner wie den RGW, an externen Anreizen durch die Hegemonialmacht, bis die Gewinne durch die Spezialisierung spürbar werden konnten, ihre Fähigkeit zur Produktion akzeptierter focal points wie sinnvolle zeitliche Modernisierungsperspektiven Der (nationale) Interessenbegriff war akzeptiert und durch das Souveränitätsprinzip gestützt. Angesichts utopischer Entwicklungsziele und kor respondierender innerer Wirtschaftsprobleme blieben Sondergewinne wesentlich und
1 Information über die 30. Tagung der SKMB v. 10.-19.6.1965; 22.6. 1965; SAPMO BArch dY 30 3462, Bl. 141 u. 143. Information über die 23. Tagung der SK für chemische Industrie v. 24.5.1965; ebenda, Bl. 162 ff.
2 Bericht des EKO über die Tätigkeit des RGW zwischen 18. u. 19. RT Okt. 1965); SAPMO BArch DY 30 J IV
2/2 A - 1069, Bl. 62, vgl. auch die Statistiken Bl. 56 ff.
3 Insgesamt war die bulgarische Seite mit den Konsultationen der Planungsorgane durchaus zufrieden und plädierte für langfristige Abkommen auf deren Grundlage. Vermerk für Apel v. 11.6.1965; BArchB DE-1 VA43063, o.Bl.
4 Information über die Ergebnisse der Konsultationen mit der VRB über die Zusammenarbeit (... in Maschinenbau und Elektrotechnik bis 1970) v. 27.4.1964; SAPMO BArch DY 30 3466, Bl. 186.
5 Bulgarien sah die Ursache für „beschleunigte Entwicklung“ des Maschinenbaus auch in der Preisschere zwischen Rohstoffen und Fertigerzeugnissen Information über die 17. Sitzung des EKO v. 7.-9.4.1965; SAPMO BArch DY 30 3428, Bl. 23.
6 Einige Probleme der Zusammenarbeit der Länder im Rahmen des RGW (...) v. 30.3.1964, S. 17 ff.; BArchB DC-20 11058, o.Bl.
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zementierten das Misstrauen. Unterschiedliche Begründungsstereotypen für diese Sondergewinne wurden zu einem Strukturkonflikt. Begründet ist dieser aber in einer komplexen institutionalistischen Struktur. Es bleibt, deren Entwicklung für den RGW insgesamt zu resümieren.
5.10 Die institutionalistische Konfiguration der RGW-Entwicklung
Hier geht es nur um einen Aspekt der Wirtschaftsbeziehungen im Ostblock, die multilaterale Organisation im RGW. Außenhandel, Preisbildung, Spezialisierung, Technologietransfer usw. wurden hier nur am Rande behandelt und bedürften einer eigenen Darstellung. Allerdings hätte die Organisationsstruktur des RGW auf diese Bereiche zurückgewirkt. Diese Struktur war in den 50er Jahren bereits stark geprägt, sollte aber mit der Ausarbeitung der „Grundprinzipien“ ein neues Fundament erhalten. Zu Beginn der Ausarbeitung der Grundprinzipien zeigte die sowjetische Seite Ansätze zu einer starken Hegemonie. Sie wollte Führungskraft beweisen und die wirtschaftspolitischen Forderungen der Partner, vor allem der DDR, „einhegen“; in erster Linie ging es aber um einen recht ambitionierten technokratischen Lösungsansatz für die Wirtschaftsprobleme des Ostblocks. Parallel hierzu wuchsen aber die „utopischen“ Wachstums- und Überholkonzepte. Deren Dynamik wurde von der beginnenden Konkurrenz zu China wie den Tendenzen des Kalten Krieges bestimmt, aber auch von der Aneignung solcher Ziele durch kleinere Länder, um zusätzliche Ressourcen für die eigene Entwicklung zu mobilisieren. Dieser vorwiegend instrumentelle Ansatz begünstigte aber die Etablierung „unrealistischer“ Wachstumsziele.
Die „Grundprinzipien“ sollten neben der reinen Effizienz wesentliche institutionalistische Probleme klären. Deshalb stand neben dem „Nutzeffekt“ die Abstimmung der Perspektivpläne bis 1975 im Mittelpunkt. Dabei wurde zu Beginn die sinnvolle Fiktion einer „wissenschaftlichen“ Lösung der Fragen erzeugt und in einem Mehrebenensystem zwischen Expertentagungen, SKÖF bis hin zur Ratstagung abgestimmt. Dies ermöglichte zunächsttrotz der latenten Gegensätze im Entwicklungsniveau - eine Arbeit ohne grundsätzliche Konflikte. Die Frage des ökonomischen Niveauausgleichs sollte mit der Frage des „ökonomischen Nutzeffekts“ verbunden werden. Allerdings war die Fähigkeit, hier kurzfristige akzeptierbare Konzepte zu entwickeln, gering, vor allem auf der sowjetischen Seite. Damit wurde das Hierarchieniveau bereits in dieser Phase deutlich begrenzt (3; 2+3).
Spätestens im Frühjahr 1960 begann sich die rumänische Gegenposition zu entwickeln. Dies lag teilweise bereits an „nationalen“ Vorbehalten, vor allem aber an der Zielstellung, die Perspektivpläne zu koordinieren. Mit dieser Verlängerung des shadows of the future wurde sowohl die Dimension der Ergebnisse wie ihre Unsicherheit erhöht. Falls dies die rumänischen Industrialisierungsziele tatsächlich beeinträchtigte, würde dies eine grundsätzliche Beeinträchtigung sein. Da diese Wahrnehmung auf technokratischer Ebene nicht ausgeräumt werden konnte, wurde auf höchster symbolischer Ebene ein Formelkompromiss gesucht. Auf der Parteikonferenz vom November 1960 wurde ein solcher mit der „allmählichen Überwindung der historisch bedingten Unterschiede des ökonomischen Entwicklungsniveaus und (der) Schaffung einer materiellen Basis für den mehr oder minder gleichzeitigen Übergang aller Völker des sozialistischen Systems zum Kommunismus“ etabliert. Das Ziel des schnellen Ausgleichs der Entwicklungsniveaus wurde etabliert mittels der typischen Mechanismen der kommunistischen Bewegung (Ebene 4+5), wenn auch unterschiedliche Wahrnehmungen über dessen Realisierung bestehen blieben. Das Problem dieses Entwurfs der Grundprinzipien war seine mangelnde Präzision, nicht aber eine klare Benachteiligung der schwächer entwickelten Länder. Dabei betrieben die Industrieländer keineswegs eine reine Interessenpolitik zu Lasten der „Entwicklungsländer“.
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Zudem ließ sich aus dem Verlauf der internen Diskussion bis dahin nicht ableiten, dass eine Verbindung von kollektivem Nutzen und nachholender Industrialisierung nicht möglich sein konnte. Ein Anreiz, die Wirtschaftsentwicklung des Lagers zu fördern, um die eigene Entwicklung zu beschleunigen, bestand durchaus. Rumänischer Widerstand zu diesem Zeitpunkt spiegelt vor allem einen Akt mangelnden Vertrauens in die Beschlüsse wider oder anders formuliert ein institutionalistisches Defizit auf den oberen Ebenen unseres Schemas.
Bei der Ausarbeitung der „Grundprinzipien“ erhielt der Niveauausgleich nicht nur den höchsten symbolischen Status als „objektive Gesetzmäßigkeit“; es wurde auch versucht, ihn sachlich mit dem ökonomischen Nutzeffekt zu verkoppeln. Die Mechanismen hierzu blieben allerdings vage. Eine rumänische Interessenpolitik hätte aber versucht, diese Mechanismen zu präzisieren und zu gestalten. Trotz vieler Ansatzpunkte blieb die rumänische Seite reserviert und wenig aktiv. Das Grundproblem war ein institutionalistisches: mangelndes Vertrauen in die konkreten Mechanismen und ihre Konsequenzen.
Zudem waren die Industrieländer nach 1954 besonders erfolgreich gewesen, mit politischen Argumenten „Extragewinne“ zu erzielen. Die Wahrnehmung, dass der RGW in deren Sinne wirke, hatte sich Anfang der 60er Jahre bereits etabliert, war als eine kognitive Voraussetzung bei der Wahrnehmung der Reformversuche. Möglicherweise liegen deren Wurzeln sogar noch weiter zurück. 1 Ein Schema beeinflusst damit unsichere Nutzenkalküle. Die Unsicherheit der Ergebnisse war auf nationaler wie internationaler Ebene evident, auf letzterer aber naturgemäß größer. Zudem waren diese Nutzenkalküle auf hohe Wachstumszahlen gerichtet, die in sehr kurzen Zeiten zu Entwicklungssprüngen führen sollten. Dies überforderte nicht nur die Wirtschaftskraft der Länder sondern auch die Fähigkeit, unsichere Handlungsfolgen zu kalkulieren.
An der 1960 spürbaren rumänischen Opposition gegen die bis dahin erarbeiteten Entwürfe der Grundprinzipien sind mehrere Facetten bemerkenswert. Der Zyklus öffentlicher Debatten war nur bedingt auf den Zyklus der internen Debatte gerichtet. In der Endphase der Diskussion hatte er keine direkte Funktion mehr - abgesehen von der innenpolitischen. Es handelte sich nicht um eine auf das Detail gerichtete Interessenpolitik, sondern um einen Kampf um die Prinzipien mit der Hilfe von Prinzipien. Die rumänische Seite war zudem maßgeblich an der Orientierung der Diskussionen auf die „Prinzipien“ beteiligt, nutzte diese symbolisch- „ideologische“ Ebene, um die eigenen Positionen zu verteidigen. Die institutionelle Konfiguration, die zur Ausarbeitung der Grundprinzipien führte, war also komplex. Der Impuls ging im Mai 1958 stark von der Ebene 5 aus, aktivierte Mechanismen auf Ebene 2-3, verlagerte sich aber zunehmend wieder auf Ebene 5 und wurde durch die Rückkopplung an zentrale Symbole deutlich gehemmt und modifiziert. Von einem Interessenkonflikt auf Ebene 1 kann nicht gesprochen werden; allerdings zwangen divergierende Interessendefinitionen zu Formelkompromissen, die das institutionalistische Dilemma nicht aufhoben, sondern tendenziell verstärkten. Die Unsicherheit über mögliche Spezialisierungsergebnisse im Rahmen der „Generalperspektive“ bis 1975/80 wurde nicht relevant gemindert. Der rumänische Widerstand war zunehmend innenpolitisch motiviert; die inneren Vorteile für eine „nationale“ Entwicklungsstrategie waren fassbarer als die zwar „rationaleren“, aber in mehrfacher Hinsicht unsichereren Anreize einer blockorientierten Strategie. Die „Nation“ begann zur zweiten Säule der Herrschaftslegitimation zu werden. Die Interessendefinition hing mit gewachsenen und gerade im Herbst 1960 aktualisierten Schemata zusammen, die auf eine Begünstigung industrialisierter „Frontstaaten“ wie der DDR hinwiesen. Zudem verschärften alle Beteiligten wie die „Ideologie“ das Problem durch unrealistische Wachstumsziele. Die Entwürfe wie die Endfassung der Grundprinzipien
1 Darauf verweist Kaser. Tatsächlich war die deutsche Handelspolitik 1933/34 bewusst darauf gerichtet, komplementäre Austauschbeziehungen zu zementieren.
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spiegeln die Parallelität von Überholstrategien und Niveauausgleich. 1 Die sowjetische Seite versuchte sich zwar - verstärkt angesichts der chinesischen Herausforderung - als Produzent von focal points zu erweisen, erreichte zunächst aber kaum eine schwache Hegemonie und zog sich auf Kompromissvorschläge zurück, die in ihrer Allgemeinheit das Problem eher verschärften. Die neuen Impulse vom Sommer/Herbst 1961 waren eher ideologischer Art als wirtschaftspolitischer Natur. Damit wurde ein Trend verstärkt, der im Gegensatz zur Erwartung stand, dass die Grundprinzipien konkrete „programmatische Bedeutung“ erhalten müssten: die Verallgemeinerung. Das Dokument nahm immer mehr den Charakter einer „rein theoretischen Ausarbeitung“ an. 2 Auf dieser „ideologischen“ Ebene musste die sowjetische Seite aber ihre hegemonialen Einflüsse verstärken.
Damit ging die Endphase der Diskussion um die Grundprinzipien über in einen neuen Zyklus, in eine Diskussion um die allgemeinen Funktionsmechanismen des RGW. Zunächst erfolgte im März 1962 ein weitgehender polnischer Reformvorschlag. Obwohl dessen Ansätze bereits in der Vorbereitungsphase der Parteikonferenz abgeschwächt wurden, blieb das Ziel bestehen, die Angebotsfunktion der RGW-Organe (Ebene 3) deutlich zu stärken. Dazu sollte die organisatorische Struktur des RGW deutlich erweitert, differenziert und professionalisiert werden. Der polnische Vorschlag zählt sicherlich zu den weitgehendsten Reformansätzen der RGW-Geschichte. Obwohl eine deutliche Stärkung der RGW-Organe intendiert war, blieb das angestrebte Hierarchieniveau deutlich begrenzt. Es lag klar unterhalb der Hierarchiestufen 5-6; von Supranationalität kann keine Rede sein. Voraussetzung war wiederum eine differenzierte institutionelle Konfiguration: Insgesamt hätte dies ein institutionalistisches Mischsystem ergeben, eine Konstellation, die deutlich auf den Ebenen 3 (Sekretariat, Ständige Kommissionen, Forschungsinstitute), 4 (Ständige Kommissionen, EKO, „Politisch-Ökonomischer Rat“) und 5 (EKO, „Rat“) beruht hätte. Ratsorgane hätten verstärkt focal points produzieren können, ihre soziale Kohäsion verstärkt und sich auf einen neuen symbolischen Status berufen können. Allerdings wären diese durch abgeleitete Mechanismen, d.h. zugewiesene Kompetenzen, ergänzt worden, die aber wiederum vom institutionellen Status des RGW wie des Ostblocks insgesamt abhängig gewesen wäre. Das Problem bestand aber nicht nur darin, dass Kompetenzen kaum klar zugeordnet waren, Beschlüsse neben Empfehlungen liegen sollten. Die Institutionalisierung wäre von den Wirkungen unterschiedlicher institutioneller Mechanismen und ihrem Zusammenspiel abhängig gewesen. Dies ist stets problematisch, da die Basis auf den oberen Ebenen des Schemas nicht durch einen „Beschluss“ produziert werden konnte, zugleich aber die Voraussetzung für die „Umsetzung“ der Beschlüsse darstellte. Dennoch war das Potential zu höherem Grad an Institutionalisierung gegeben. Kurzzeitig flackerte jedenfalls im neu gebildeten EKO eine Aufbruchsstimmung auf. Der polnische Vorschlag wurde auf einen Kompromiss reduziert, der nicht völlig substanzlos blieb, aber dennoch die Zustimmung der rumänischen Seite fand. Im Mittelpunkt stand die multilaterale Plankoordinierung.
Diese konkreten Reformbemühungen wurden aber überlagert von Vorstößen Chruschtschovs, die stärker öffentlich und allgemein als intern und konkret angelegt waren. Der neue Impuls resultierte aber aus einer Verkettung verschiedener Problemkreise: Wirtschaftsprobleme in DDR, Polen, aber auch der UdSSR selbst standen im Spannungsverhältnis zu den hochgesteckten Zielen und innenpolitischen Erfordernissen. Andererseits existierte eine doppelte Herausforderung durch China und die Ost-West-Konkurrenz, die zur Aufrechterhaltung der hohen Wachstumsziele drängte wie die UdSSR zur programmatischen
1 Vgl. den Entwurf der Grundprinzipien, BArchB DE-1 3454, Bl. 62 f. und die Endfassung bei Damus 1979, S. 272 f.
2 Bericht über den Stand der internationalen ökonomischen Zusammenarbeit und Vorschläge zur Verbesserung (...) v. 15.7.1961; S. 7, BArchB DE-1 17576, Bl. 8.
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Führungsrolle. Dies wurde verstärkt durch die zunehmende Wahrnehmung der EWG als Herausforderung. Die von Rumänien geförderte Verlagerung von einer technokratischen auf eine „ideologische“ Debatte provozierte aber die sowjetische Seite zu einem stärkeren Engagement auf „visionärer“ Ebene. Die internationale Situation motivierte die sowjetische Parteispitze wahrscheinlich, hier Führungskraft zu demonstrieren. Damit wurde den Bestimmungen zur aktuellen Plankoordinierung die Formulierung vom „gemeinsamen Plan“ zur Seite gestellt. Dies verstärkte - auch wenn es zunächst ohne konkreten Bezug blieb - die institutionalistischen Probleme. Ambitionierte Formulierungen auf programmatischer Ebene bei gleichzeitiger Vernachlässigung der konkreten Gestaltung musste die Unsicherheit der Ergebnisse verstärken.
Zudem soll hier wiederum argumentiert werden, dass es sich für die rumänische Seite nicht um eine Interessenpolitik auf Ebene 1 oder 2 handelte. Divergierende Schemata und fehlende institutionelle Mechanismen, die Unsicherheit kompensierten, führten zu einer divergierenden Interessenwahrnehmung, die wiederum durch eine instrumentelle Nutzung unterschiedlich ausgelegter gemeinsamer Symbole verfolgt wurde. Dafür ist „Souveränität“ das Paradebeispiel.
Selbst die als struktureller Interessenkonflikt aufgefasste Frage nach der Entwicklungsperspektive der Agrarländer zeigt eine institutionalistische Struktur jenseits der Ebenen 1 und 2. Mehrere allgemeine Tendenzen sprechen gegen einen strukturellen Interessenkonflikt auf diesen Ebenen. Die rumänische Seite beharrte reflexartig auf ihrer Souveränität, ohne im Einzelfall Kosten und Nutzen dieses Vorgehens zu kalkulieren. Konflikte gab es auch zwischen schwächer entwickelten Ländern. Es existierte keineswegs eine klare Frontlinie entlang des Entwicklungsniveaus, wie das bulgarische, polnische oder ungarische Beispiel zeigt. Gerade Bulgarien versuchte, den RGW als Mittel der Entwicklungspolitik zu nutzen. Dabei gab es durchaus Ergebnisse im Sinne der bulgarischen Bemühungen. Dies verhinderte jedoch nicht, dass auch hier die Deinstitutionalisierung dominierte. Die Partner hielten zumeist den anderen für Schuld, dass „Parallelproduktionen“ entstanden. 1 Negative Einschätzung waren auch und vor allem ein Problem der Erwartungen im Verhältnis zu geringen oder vagen Kooperationsgewinnen. Eine Institutionalisierung sinnvoller Entwicklungsziele und -mechanismen war das zentrale Desiderat in dieser Frage. Die Standpunkte zum Niveauausgleichs - ob er Vorrang besitze oder die Effektivität des Gesamtorganismus - waren nur allgemein postuliert, nicht aber konkret abgestimmt worden; sie hatten sich seit 1962 verhärtet, sozusagen institutionalisiert. Sie wurden nun nicht mehr als Problem der Mechanismen und Beschlüsse, sondern als Strukturproblem „unterschiedlicher Entwicklungsstände“ wahrgenommen.
Die Probleme waren also keineswegs allein oder maßgelblich auf Entwicklungsunterschiede zurückzuführen: Es fehlte an Vertrauen in die Partner wie den RGW, an externen Anreizen durch die Hegemonialmacht, bis die Gewinne durch die Spezialisierung spürbar werden konnten, ihre Fähigkeit zur Produktion akzeptierter focal points wie sinnvolle zeitliche Modernisierungsperspektiven Der (nationale) Interessenbegriff war nun eine akzeptierte Prämisse der Zusammenarbeit und wurde durch das Souveränitätsprinzip gestützt. Angesichts utopischer Entwicklungsziele und korrespondierender innerer Wirtschaftsprobleme blieben Sondergewinne wesentlich und zementierten das Misstrauen. Unterschiedliche Begründungsstereotypen für diese Sondergewinne wurden zu einem Strukturkonflikt. Begründet ist dieser aber in einer komplexen institutionalistischen Konfiguration.
1 Information über die Ergebnisse der Konsultationen mit der VRB über die Zusammenarbeit (... in Maschinenbau und Elektrotechnik bis 1970) v. 27.4.1964; SAPMO BArch DY 30 3466, Bl. 186.
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W. Ulbricht erfasste erstaunlich präzise die zugrundeliegenden institutionellen Probleme der „nationalistischen Tendenzen“ im RGW: „Die teilweise noch vorhandene Überschätzung der nationalen Möglichkeiten in der Forschungs- und Produktionsentwicklung, ein damit verbundenes mangelhaftes Vertrauen gegenüber den sozialistischen Bruderländer und in die Kraft der sozialistischen Gemeinschaft, zum Teil auch eine gewisse Angst vor Übervorteilung bei gemeinsamen Vorhaben, schaden der Entwicklung aller unserer Länder ganz beträchtlich.“ Wenige Zeilen später wurde nochmals das Schlüsselwort „Vertrauen“ ins Spiel gebracht. 1
Vertrauen war aber nicht nur ein Problem untereinander, sondern auch ein Problem gegenüber der Leistungsfähigkeit der Ratsorganisationen. Deren Ansehen sank gerade nach der Neugestaltung und einer gewissen Aufbruchsphase nach der Entstehung des EKO und der Stärkung des Sekretariats. So war es nun üblich, dass „in allen unseren Ländern auf den RGW geschimpft wird. Von uns selbst wird der Rat von allen (...) Seiten angegriffen.“ 2
Die Probleme des RGW lagen teilweise in seiner komplizierten Entscheidungsstruktur, wie sie im Zusammenhang mit der Plankoordinierung geschildert wurde. Dieses Mehrebenensystem produzierte - vor allem nach der Akzeptanz von Interessenpolitik in dieser Phase - erhebliche Verhandlungskosten, die das System lähmten. Dieses Problem sahen auch die Beteiligten. So führe die „jetzige Vielstufigkeit der Ratsarbeit (Exekutivkomitee - Ständige Fachkommission - Sektion - Arbeitsgruppe) dazu, dass das zu beratende Material in jeder Stufe an konkretem Inhalt verliert und die Lösung einer Aufgabe in der Regel 2 Jahre und mehr beansprucht“. 3 Dabei war die Rückkopplung an die einzelstaatliche Ebene noch gar nicht berücksichtigt. Die „verschiedenen nationalen Standpunkte kommen bei der Ausarbeitung der meisten Haupt- und Nebenfragen zum Ausdruck und wirken deshalb sehr vielschichtig und verzweigt hemmend auf die gesamte Ratsarbeit.“ Dies war nicht nur das Problem des oft beklagten „administrativen Herangehens“. Es war ein klares institutionalistisches Problem. Zunächst bürgerten sich Sondervoten zu Beschlüssen des RGW ein. 4 Die Ratsarbeit wurde „überwiegend von Papier und Formulierungsfragen“ dominiert; dies führte nicht nur zu langsamen Entscheidungsprozessen sondern auch zu einer „Vielzahl allgemeiner Beschlüsse“. 5 Zudem wurden die nationalen Standpunkte „vielfach nicht offen, sondern verdeckt durchgesetzt“. Die verwendeten Strategien waren vielschichtig und gingen weit über die bereits dargestellten Probleme bei den Länder hinaus. Sie äußerten sich bei der Ausarbeitung oder Auslegung methodischer Vorschriften oder Waren-Nomenklaturen, durch das Hinausschieben von Terminen oder das Beantragen zusätzlicher Untersuchungen, durch das Liefern keiner, unvollständiger oder oberflächlicher Unterlagen. Die Ratsarbeit wurde torpediert, indem dem Sekretariat des Rates das Recht abgestritten wurde, den ständigen Kommissionen aus eigener Initiative Vorschläge zur Beratung vorzulegen, indem die Prüfung eingereichter Unterlagen und die Kontrolle der Durchführung beschlossener Aufgaben durch das Sekretariat prinzipiell als eine Einmischung in die Souveränität der Mitgliedsstaaten
1 Material zu Problemen des RGW, 17.7.1963 (Rede Ulbrichts), S. 12; SAPMO BArch DY 30 IV A 2/ 2.101 -799, Bl. 202.
2 So Breznev, Kosygin, Mikojan gegenüber den Ländervertretern im EKO. Vermerk Leuschners (...) v. 2.12.1964; SAPMO BArch DY 30 3466, Bl. 206.
3 Zu einigen Hauptfragen der Arbeit des RGW (Kurt Gregor, Jan. 1965); SAPMO BArch DY 30 IV A 2/ 2.101 - 799, Bl. 217. vgl. auch Bericht des EKO über die Tätigkeit des RGW zwischen 18. u. 19. RT, Okt. 1964); SAPMO BArch DY 30 J IV 2/2 A - 1069, Bl. 119.
4 Vgl. z.B. Bericht über die 12. Tagung der SKAH des RGW (Oktober 1963), S. 4; BArchB DE-1 21958, o. Bl.
5 Information über die Arbeit des Sekretariats des RGW v. 20.11.1964, S. 2; BArchB DE-1 VA 46539, o.Bl.
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behandelt wurde oder indem einfach gegen „zugestimmte Empfehlungen“ verstoßen wurde. 1 Zentral war aber neben der Berufung auf Prinzipien wie die Souveränität ein Rückzug auf formale Regeln - vom Statut des Rates bis hin zu den Ständigen Kommissionen. Vor allem die rumänische Seite berief sich auch auf „Beschlüsse des Exekutivkomitees, angenommene methodische Richtlinien, Nomenklaturen u.a. Dokumente“. Damit entstand ein „stark administrativer Charakter der Zusammenarbeit“. 2 Die Nutzung dieser zahlreichen Möglichkeiten, den Verpflichtungen auszuweichen, zeigen die institutionalistischen Defizite sehr deutlich. Die institutionenökonomische Lösung - mehr Hierarchie - wurde aber nicht beschritten. Diese Mechanismen - allen voran aber die rumänische Auslegung des Interessiertheitsprinzips - führten zu Frustration und Resignation bei den Beteiligten. Ein ungarischer Vertreter brachte diese Situation auf den Punkt: „Wenn es uns nicht gelingt, bald eine grundlegende Änderung in der RGW-Arbeit vorzunehmen, kann man ihn auflösen, da der Aufwand an Kraft und Mitteln absolut nicht lohnt.“ 3
Konnte dies durch eine eigene Initiative der Ratsorgane kompensiert werden? Immerhin gehörte es zur Grundidee der Reformansätze von 1962/63, die selbständige Tätigkeit von Exekutivkomitee und Sekretariat des Rates zu stärken. Der Stellenplan des Sekretariats sah für 1964 fachliche 758 Mitarbeiter vor; ca. 600 Stellen waren im Herbst 1964 besetzt. Der Ausbildungsstand der Mitarbeiter war - nicht nur aufgrund von 30% mit ungenügenden Russischkenntnissen - nicht immer angemessen. Um eine „operativere und konkretere Leitung der Abteilungen“ zu erreichen, wurden die Zahl der Stellvertreter des Sekretärs erhöht, die Abteilungen zunehmend in Moskau konzentriert. Damit sollte das Sekretariat in die Lage versetzt werden, „in größerem Umfang als bisher“ Material für die Behandlung im Rat bereitzustellen. Allerdings arbeiteten Sekretariat und Ständige Kommissionen kaum reibungslos zusammen, was auch an „wenig Initiative des Sekretariats“ lag. Selbst das offizielle Fazit war deutlich: Umfang und Niveau der vom Sekretariat auszuarbeitenden analytischen und ökonomischen Materials waren „unzureichend“. Im Oktober 1964 beriet deshalb der Vorsitzende des EKO mit leitenden Mitarbeitern des Sekretariats über die Verbesserung der Arbeit. 4
Die Arbeit des Sekretariats ist auch deshalb von großem Interesse, da es sich um das einzige RGW-Organ handelte, das nicht von gleichberechtigten Ländervertretern geleitet wurde; die Mitarbeiter waren offiziell internationale Amtspersonen, die „unabhängig von den offiziellen Organen ihrer Heimatländer arbeiten“ sollten. Deshalb kam es zu Befürchtungen, dass „die Interessen der Länder in dieser du jener Frage geschmälert werden könnten“. Die Rumänen sprachen dies „mehr oder weniger offen“ aus und zeigten „wenig Interesse an einer selbständigen Arbeit des Sekretariats“. Allerdings nahmen andere Länder - bei für sie diffizilen Fragen - eine ähnliche Position ein. Hinzu kam die Befürchtung, dass „je nachdem, wie die Leitung einer Abteilung besetzt ist, das von der Abteilung herausgegebene Material durch den Standpunkt einzelner Länder bestimmt werden“ könnte. Deshalb wurde im EKO
1 Zu einigen Hauptfragen der Arbeit des RGW (Kurt Gregor, Jan. 1965); SAPMO BArch DY 30 IV A 2/ 2.101 - 799, Bl. 215 f. Bericht des EKO über die Tätigkeit des RGW zwischen 18. u. 19. RT Okt. 1964); SAPMO BArch DY 30 J IV 2/2 A - 1069, Bl. 119.
2 So bspw. In der SK für Chemie. Information über die 23. Tagung der SK für chemische Industrie, 24.5.1965; SAPMO BArch DY 30 3462, Bl. 163 u. 166. Analyse der Tätigkeit und der Arbeitsergebnisse der SK für chemische Industrie sowie für radiotechnische und Elektronische Industrie (...), September 1965, S. 20; SAPMO BArch DY 30 3462, Bl. 184.
3 Information über die 23. Tagung der SK für chemische Industrie, 24.5.1965; SAPMO BArch DY 30 3462, Bl. 166.
4 Bericht des EKO über die Tätigkeit des RGW zwischen 18. u. 19. RT Okt. 1964); SAPMO BArch DY 30 J IV
2/2 A - 1069, Bl. 120 f. Im November 1964 waren 620 Fachkräfte und 84 Verwaltungskräfte eingestellt, der Stellenplan sah bereits 776 bzw. 124 Mitarbeiter vor. Vgl. die folgende Anmerkung.
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wie in den SK die Auffassung vertreten, dass das Sekretariat und seine Abteilungen nur auf der Grundlage von Ländermaterialien arbeiten und nur Ländermaterialien erfassen sollten. Allerdings war die Realität so, dass die Bitte des Sekretariats um Material „in den meisten Fällen abgelehnt“ wurde. Nur auf Beschluss des EKO oder einer SK wurde Material übergeben. Zudem gaben die Vertreter der Länder beim Sekretariat ihren Landsleuten in den einzelnen Abteilungen zunehmend Anweisungen darüber, welcher Standpunkt zu bestimmten Problemen zu vertreten ist. Die Schlussfolgerung war klar: Dies führte dazu, dass „die Forderung nach einer selbständigen Arbeit des Sekretariats schwer zu verwirklichen ist.“ 1 Die eigentlich selbständigen Amtspersonen blieben im Prinzip Vertreter ihrer Länder, zumal die Länder die Möglichkeit zur Abberufung besaßen. 2 „Die Tatsache, dass die Mitarbeiter des Sekretariats als Vertreter ihres Landes mit einer mehr oder wendiger straffen Linie die Interessen ihres Landes vertreten, bestimmt weitgehend die Arbeitsmethoden in den Abteilungen. Alle Mitarbeiter versuchen unter Ausnutzung ihrer Möglichkeiten oder Machtbefugnisse entweder alles in die Vorlagen hineinzubringen, was ihrem Lande nützt, oder alles herauszudiskutieren, was gegen die Interessen ihres Landes ist.“ Die Loyalität der Mitarbeiter gehörte also in erster Linie ihrem Land, in zweiter Linie oft den SK, zu denen sie zuvor gehörten, und erst in dritter Hinsicht dem Sekretariat, dem RGW. Die Arbeit in den Abteilungen wurde nur zum Teil von der Leitung des Sekretariats bestimmt. Verschiedene nationale und fachspezifische Standpunkte trafen aufeinander. Die Abteilungs- und Gruppenleiter stützten sich oft auf die Expertise von Landsleuten oder von Spezialisten, die ihren Standpunkten nahe standen. Eine einheitliche Position des Sekretariats gab es im Prinzip nicht. 3
Unabhängige Analysen waren von einer solchen Behörde kaum zu erwarten. Die „Grenzen für die Aufgaben“ des Sekretariats wurden deutlich: „So wie das Sekretariat jetzt aufgebaut ist, könnte es nur in einigen wenigen Zweigen, die leicht übersehbar sind, eine Arbeit leisten wie etwa ein Planungsorgan in unseren Ländern.“ 4 Die Mitte 1964 verstärkten Bemühungen um eine „stärkere inhaltliche und selbständige Arbeit“ des Sekretariats war vor allem administrativ ausgerichtet. Die „in der Praxis bestehende unklare Stellung“ des Sekretariats sollte neu bestimmt werden; dies war aber nur in der Praxis möglich. Die DDR-Vertreter unterstützten solche Bemühungen, vor allem aber um eigene Positionen effektiver durchzusetzen. Die nationalen Netzwerke im Sekretariat wurden dabei prinzipiell anerkannt. 5
Mit dieser Praxis war konnte sich einer der zentralen institutionellen Mechanismen, die den Ratsorganen 1962 zugebilligt worden, die symbolisch gestützte Produktion von focal points (3+5), nicht zur Wirkung kommen. Dabei wurde ein institutionelles Paradoxon deutlich: Die dem Sekretariat verweigerte Eigenständigkeit widersprach nicht nur den Statuten des RGW; eine „eigene Meinung des Sekretariats“ war eigentlich auch aus nationaler Perspektive unbedenklich. „Ein solcher eigener Standpunkt des Sekretariats, ob richtig oder falsch,
1 Information über die Arbeit des Sekretariats des RGW in Moskau v. 20.11.1964 (internes Material d. Gen. Meiser), S. 4-6; BArchB DE-1 VA 46539, o.Bl.
2 Dem neuen Vertreter der DDR im Sekretariat, K. Gregor, wurde bei seiner Berufung ausdrücklich gesagt, dass er sofort abberufen werde, wenn er der DDR Schaden zufüge. Er habe im Sekretariat die Linie der SED zu vertreten. Notiz über ein Kadergespräch mit dem Gen. K. Gregor am 21.4.1964; SAPMO BArch DY 30 3424, Bl. 122.
3 Viele Abteilungen fühlten sich noch als Sekretariat ihrer SK, obwohl sie oft nicht mehr am gleichen Ort arbeiteten. Die inhaltlichen aufgaben ihrer Arbeit erhielten die Abteilungen i.d.R. von den SK. Information über die Arbeit des Sekretariats des RGW in Moskau v. 20.11.1964 (internes Material d. Gen. Meiser), S. 5, 8, 11 u. 13; BArchB DE-1 VA 46539, o.Bl.
4 Ebenda, S. 15.
5 Ebenda, S. 28 f. Auf der XIX. Ratstagung soll eine Lösungsvariante für die Position des Sekretariats aufgezeigt worden sein.
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könnte einzelnen Ländern niemals Schaden oder Vorteil bringen, weil das Sekretariat gegenüber den Ländern keine Machtbefugnis hat. Alle Materialien des Sekretariats werden Organen des Rats vorgelegt, die aus Vertretern der Länder bestehen, die niemals einen Standpunkt des Sekretariats billigen, der dem ihres Landes widerspricht. Trotzdem das so ist, wird in der Praxis eine selbständige Arbeit des Sekretariats nicht zugelassen.“ 1 Obwohl also die Schwäche des RGW als Organisation auf zwei Ebenen existierte, sowohl eine schwache ex ante- als auch ex post-Hierarchie umfasste 2 , wurde nicht einmal die Stärkung einer der beiden Ebenen erreicht. Die nationalen Interessen hätte ja auf der jeweils anderen Ebene zur Geltung gebracht werden können.
Die „selbständige Arbeit“ der Ratsorgane wurde also weniger durch ein Interessenkalkül gehemmt als durch eine „Logik des Angemessenen“. Allerdings war man sich inzwischen auch der Planungskosten bewusst, die bei für eine wirkliche Plankommission im RGW entstehen würden. „Es ist doch kaum möglich, die tausendfältige Produktion der Ratsländer, selbst nach Schwerpunkten, durch ein zentrales Organ zu spezialisieren.“ 3 Die Grenzen einer technokratischen („wissenschaftlichen“) Lösung der Plankoordinierung hatten sich ja bereits bei der Ausarbeitung der Grundprinzipien gezeigt.
Trotz solche „objektiver“ Problemlagen blieb die sowjetische Position von entscheidender Bedeutung - vor allem in negativer Hinsicht. Sie schwankte von „visionärer“ Führungstätigkeit zu schwacher „Moderation“. Punktuell versuchte die sowjetische Seite, ihre Führungsposition unter Beweis zu stellen: in Expertenkommissionen und der SKÖF, im EKO und auf den Parteikonferenzen. Der Kompromiss vom Juni 1962 wurde somit überlagert von Initiativen oder besser „Visionen“ des sowjetischen Parteichefs. Die Propagierung einer zukünftigen „gemeinsamen Planung“ besaß keine inhaltliche Substanz und war auf eine unbestimmte Zukunft gerichtet. Dies provozierte erneuten rumänischen Widerstand, der außerordentlich erfolgreich die RGW-Entwicklung beeinflusste. Die Kopplung visionärer Ziele mit einer akuten Führungsschwäche - Chruschtschov wollte eben nur einen „Igel“ unter das Kissen der Partner legen - führte zum Aufbrechen der ansatzweise etablierten institutionellen Konfiguration, ohne etwas neues zu schaffen.
Die sowjetischen Reaktionen sind in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Ihre Motive waren in doppelter Hinsicht ambivalent; die versuchte Selbstentlastung wies zugleich auf eine Verstärkung der internationalen Kooperation wie eine Verstärkung der Souveränität. Auch die handlungsleitenden Schemata zeigen dies. Sie wiesen in Richtung Kooperation und „Einheit“ des Lagers; gerade letzteres verstärkte aber wiederum die Verankerung der Souveränitätsnorm. Die sprunghafte Persönlichkeit Chruschtschovs spitzte diese inneren Widersprüche eher zu als sie auszugleichen.
1 Ebenda, S. 7.
2 „After the efforts to put teeth into Comecon had failed in 1962-63, only decisions approved by all interested parties could take effect. Even then there was no executive power to make sure that they would actually be carried out.” Montias 1969, S. 40.
3 Einige Probleme der Zusammenarbeit der Länder im Rahmen des RGW (...) v. 30.3.1964, S. 13; BArchB DC-20 11058, o.Bl. Hier spiegelte sich die Auffassung der Vertreter der DDR im RGW wie im Sekretariat.
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Als die Frage der „Einheit“ des sozialistischen Lagers in die Öffentlichkeit gelangte, trat die Führungsmacht inhaltlich sofort den Rückzug an, versuchte aber alle zur Verfügung stehenden Mittel einzusetzen, um Rumänien „im Boot“ zu halten. Der Einsatz aller Ebenen (sowjetische Botschaft, Chruschtschov im EKO, Schreiben Chruschtschovs an die rumänische Führung, Andropov als Sonderemissär nach Bukarest, Konferenz der Parteispitzen) zeigt die Bedeutung der Frage, den sowjetischen Aufwand wie die eingesetzten Mechanismen. Das Einlenken bei Symbolen und Prinzipien (Ebene 5) genügte genauso wenig wie das Wort des KPdSU-Chefs (Ebene 4). Die Auseinandersetzungen zeigen die tiefgreifende Deinstitutionalisierung auf den oberen Ebenen des Schemas. Allerdings versuchte die sowjetische Seite nicht nur an die Logik des Angemessenen zu appellieren (Primat der „Einheit“, interne Abstimmung strittiger Fragen); sie versuchte nachzuweisen, dass es keine grundlegenden Divergenzen gab und Einzelprobleme lösbar seien. Diesen Weg erfolgreich zu gehen, reichte aber ihre Fähigkeit zur Produktion von Anreizen wie von akzeptierten focal points nicht aus. Sowohl in der Publizistik als auch in den RGW-Organen blieben die sowjetischen Initiativen zu unspezifisch und substanzlos. Die sowjetische RGW-Politik profilierte sich seit Frühjahr 1963 nicht mehr als Initiator sondern als Moderator. Kann dies als sowjetische Interessenpolitik, als Güterabwägung zwischen Außenpolitik und Wirtschaftspolitik verstanden werden? Bereits in der ersten Phase litt die sowjetische Position aber unter einer Durchsetzungsschwäche. Dies trifft auch zu, wenn man von den „Stacheln“ der Chruschtschovschen Vorschläge absieht. Die Anreizschwäche der sowjetischen Hegemonialmacht ist deutlich. Dies betrifft sowohl die Ebene 1, die Produktion direkter Anreize für einzelne Entscheidungen. Es betrifft aber auch die Ebene 2, die Produktion von Kollektivgütern als diffuser Anreiz. Gerade in der Phase, in der die „Auszahlungen“ der RGW-Kooperation unsicher waren, hätte die sowjetische Vormacht diese kompensatorisch liefern müssen, bis die internationale Zusammenarbeit ihre Möglichkeiten zeigte. Die sowjetische Seite wollte aber im Rahmen der Perspektivplankoordinierung gerade eine Entlastung eigener Aufwendungen. Die sichere Rohstoffversorgung wurde in Frage gestellt und erlitt mitten in den Verhandlungen zur Plankoordinierung einen deutlichen Einschnitt. Dies trug dazu bei, dass nicht einmal der Konsens von 1962 stabilisiert werden konnte; der Trend zu nationaler Interessenvertretung wurde verstärkt.
Die sowjetische Haltung seit 1963 beruhte nicht nur auf dieser Anreizschwäche 1 , die gegenüber dem von Energielieferungen unabhängigen Rumänien am ausgeprägtesten war, sondern auch auf dem unbedingten Ziel, die „Einheit“ des Lagers nicht weiter zu gefährden. Dies könnte angesichts der chinesischen Herausforderung als rationales außenpolitisches Ziel verstanden werden, ging aber deutlich darüber hinaus. Die Einheit sollte nicht nur bewahrt, sondern - in Fortsetzung der Bemühungen von 1955/56 widerhergestellt und verstärkt werden. In den Jahren 1963/64 sollten sowohl China als auch Jugoslawien an den RGW herangeführt werden. 2 Es beruhte auf einem fundamentalen Schema, dessen Verletzung gravierende kognitiv-emotionale Kosten verursachte und damit nicht „kalkulierbar“ war. Die Andeutung, notfalls Lösungen ohne Rumänien zu finden, wurden nie ernsthaft umgesetzt. Einzelbeispiele zeigen die vergebenen Möglichkeiten.
Der hohe kognitive Status der „Einheit“ in der sowjetischen Führung wurde von der rumänischen Seite gefördert und genutzt. Man achtete sorgfältig darauf, nicht ausgeschlossen zu werden, verwies auf die „Einheit“ des Lagers mit China und konnte mit der impliziten
1 Zur sowjetische Anreizschwäche vgl. auch Metcalf 1997, S. 68ff.
2 Chinesische Beobachter nehmen im Herbst 1963 erstmalig wieder nach zwei Jahren an Sitzungen der SK teil und zeigten vor allem Interesse an der rumänischen Haltung (Bericht über den Verlauf der XV. Tagung der Ständigen Kommission für Buntmetallurgie, 31.10.1963, S. 2; BArchB DE-1 VA45484, o.Bl. Der 19. RT wurde das bereits erwähnte Abkommen über die Teilnahme Jugoslawiens an der RGW-Arbeit vorgelegt. Bericht des EKO über die Tätigkeit des RGW zwischen 18. u. 19. RT, Okt. 1964); SAPMO BArch DY 30 J IV 2/2 A - 1069, Bl. 121.
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Drohung diese Einheit zu gefährden, die eigenen Positionen weitgehend durchsetzen. Die RVR tauschte quasi die Bewahrung der Einheit gegen die Bewahrung ihrer „Souveränität“. Dies zeigt schon das Paradoxe der Situation. Der Prestigeverlust für die UdSSR bei einem Ausscheren Rumäniens aus dem engeren Ostblock wäre beträchtlich gewesen; aber war dieser wirklich zu befürchten? Und war nicht der Verlust an Führungskraft, der nun entstand, ein ebenso rationales Kalkül? Wenn die UdSSR letztlich auf „Macht“ im Ostblock für die Bewahrung des Ganzen und ihres damit verbundenen Prestiges verzichtete, war dies eine Entscheidung, die kaum als rationales Wahlverhalten zu treffen war. Sie setzte - im Sinne von A. Wendt - eine vorherige kognitive Bewertung der Ziele voraus. Das Symbol der „Einheit“ konnte zumindest als focal point in einer unsicheren Entscheidungssituation gelten. Dazu hätten die Optionen aber wirklich durchgespielt werden müssen. Es gibt aber bisher keine Hinweise, es notfalls auf einen Bruch mit Rumänien ankommen zu lassen. Dies würde bedeuten, dass die Ebene 5 für die sowjetische Seite den Ausschlag gab.
Insgesamt sank damit die Hierarchie, die produziert werden konnte, auf das Niveau bestenfalls einer schwachen Hegemonie, zumeist sogar darunter. Dies wirkte sich nicht nur auf die großen Reformfragen aus, sondern auch auf die konkrete Arbeit in den RGW-Gremien. „Die Haltung der Delegation der UdSSR“ - so die Feststellung in diversen Ständigen Kommissionen - „ hat sich in den letzten Jahren verändert. Während sie etwa bis zum Jahre 1962/63 durch aktive Mitarbeit und gute Initiative in Erscheinung getreten ist, hat sich die Lage seit diesem Zeitpunkt geändert. Auf dem Hintergrund der bestehenden Meinungsverschiedenheiten in politischen und ökonomischen Meinungsverschiedenheiten in politischen und ökonomischen Fragen insbesondere mit der SRR ist die Haltung der Delegation der UdSSR in der Kommission durch große Labilität gekennzeichnet. Die sowjetische Delegation zeigt keinerlei Initiativen mehr, vermeidet klare Stellungnahmen zu auftretenden Problemen und passt sich in der Regel der Meinung der Mehrheit an, ohne diese aktiv zu unterstützen.“ Dies hatte Einfluss auf andere Länderdelegationen, die ihrerseits „auf eigene Initiativen verzichteten“. 1 Dies zeigt wiederum, dass eine sowjetische Führungstätigkeit von der Mehrheit der RGW-Länder erwartet wurde.
Zurückhaltung und Schwanken der Hegemonialmacht schwächte die Rolle der „Integrationisten“ im RGW deutlich, die auf eine sowjetische Führungsrolle hofften. Diese -vor allem Polen und die DDR - hatte phasenweise die Impulse gegeben. Allerdings blieben auch die Initiativen dieser Länder deutlich unterhalb eines „supranationalen“ Niveaus. Der kollektive Druck auf die rumänische Seite blieb somit begrenzt. Eine nationale Interessenpolitik wurde von allen betrieben und galt als „angemessen“ - abgesehen von der rumänischen Totalblockade. Diese war bereits bei der Ausarbeitung der „Grundprinzipien“ gleichberechtigt neben den „Standpunkt des sozialistischen Weltsystems“ gesetzt worden. Nun besaßen sie de facto Vorrang. Als wichtigstes Erbe dieser Phase ergab sich somit eine (fast) vollständige Anerkennung und „Normalisierung“ einer nationalen Interessenpolitik. Auch Ende 1965 „setzte sich die Tendenz zur Verhärtung der Diskussion bei der Vertretung der nationalen Standpunkte sowohl bei ökonomischen als auch bei Verfahrensfragen fort.“ 2 Aber auch die Ansätze zu einer Isolierung der rumänischen Blockade in einigen Bereichen wurde hierdurch wie die sowjetische Haltung konterkariert. Bei den teilweise harten Auseinandersetzungen ging die rumänische Seite zumeist als Sieger vom Kampfplatz.
Die rumänische Position erwies sich aus einer ganzen Reihe von Gründen als erfolg- und folgenreich. Sicher war die RVR gegen materiellen Druck (Ebene 1) angesichts seiner
1 Analyse der Tätigkeit und der Arbeitsergebnisse der SK für chemische Industrie sowie für radiotechnische und Elektronische Industrie (...), September 1965; SAPMO BArch DY 30 3462, Bl. 184 f.
2 Information über die 20. Sitzung des EKO, 30.11.-3.12.1965; SAPMO BArch DY 30 3431, Bl. 10.
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Wirtschaftsstruktur und des Abzugs der sowjetischen Truppen 1958 weniger empfindlich. Versuche in dieser Hinsicht sind aber auch nicht nachweisbar. Informationen über sowjetischen Druck in die Öffentlichkeit zu bringen, dürfte eher ein rumänisches Druckmittel dargestellt haben. Vor allem besaß die rumänische Seite selbst ein probates „Machtmittel“. Die sowjetische Seite reagierte ungemein empfindlich und defensiv gegen die implizite Drohung, die „Einheit“ der kommunistischen Bewegung - im Schatten der chinesischen Herausforderung - weiter in Frage zu stellen. Mit dem Hinweis, dass niemand aus dem sozialistischen Verbund ausgeschlossen werden dürfe, spielte Rumänien diese Karte ganz gekonnt und verkoppelte ihre Politik mit zentralen Symbolen und Normen der Bewegung. Dabei gelang es ihr, die Logik des Angemessenen entscheidend mitzubestimmen. Sie bezog sich erfolgreich auf Beschlüsse der kommunistischen Gipfelkonferenzen (November 1960), auf die RGW-Beschlüsse vom Juni 1962 oder auf die Bestimmungen des RGW-Statuts. Dabei deutete sie den Inhalt in ihrem Sinne, ohne dass diese instrumentelle Nutzung von Symbolen unterschiedlicher Prägekraft von den Partnern verhindert werden konnte. Die Definitionsfähigkeit des Systems blieb zu gering, um allgemein akzeptierte Prinzipien, Normen, Regeln und Prozeduren zu produzieren. Zugleich blieben die diffusen Begriffe, hinter denen sich die rumänische Seite verschanzte und in die sie ihre RGW-Politik einbettete, unangetastet. Beispielhaft hierfür sind der Souveränitätsbegriff wie für das Interessiertheitsprinzip. Die rumänische Position beruhte vor allem auf unabhängigen Schemata, auf denen ihre (in diesem Sinne interessengeleitete 1 ) Politik beruhte, die zugleich die etablierten Symbole der Partner ausnutzte und zugleich modifizierte.
Im Falle von Souveränität blieb es ja bei einem diffusen Begriff, einem allgemeinen Synonym für nationale Unabhängigkeit. Die unterschiedlichen Auslegungen des Souveränitätsbegriffs führten nicht zu dem Versuch, ihn präziser zu definieren. Die sowjetische Seite bemühte sich auch gar nicht darum, sondern argumentierte pragmatisch. Ihre Fähigkeit, mittels der Ebene 5 den Ostblock zu integrieren, war bereits so schwach, dass auf diesem Weg die rumänische Position nicht zu überwinden war. Die versuchten institutionalistischen Mechanismen hatten sich deutlich zu den Ebenen 1 und 2 verschoben, auch weil die rumänische Seite mit ihrem Nutzenkalkül argumentierte. Die institutionelle Konfiguration verband aber gerade diesen Trend zum Vorteilskalkül mit Unsicherheit und Divergenzen auf den Ebenen 3-5. Zugleich verfügten aber weder die UdSSR noch der RGW über die Fähigkeit, die Nutzenkalküle überzeugend abzubilden oder side payments zu liefern. Erfolgreich war die rumänische Position aber vor allem dadurch, dass sie sich „hart“ der gemeinsamen Symbole, der Mechanismen der Ebene 5 bediente, damit eine Institutionalisierung der Deinstitutionalisierung erreichte. Symbole besaßen noch erhebliche Bedeutung, aber Symbole der Einheit des Lagers waren (allgemein) so stark und zugleich (konkret) so gering verankert, dass ihre instrumentelle Nutzung zu einer erfolgreichen Strategie für die „nationale“ Sache wurde. Vor allem waren die Symbole bei unterschiedlichen Akteuren unterschiedlich stark etabliert. Die „Einheit“ war als Handlungssymbol stark etabliert, konnte aber zugleich als Mittel nationaler Interessenpolitik benutzt werden. So wurde zurecht konstatiert: Rumänien verdankte „seinen Erfolg dem Beharren auf einmal im RGW und von der kommunistischen Weltbewegung gefassten Beschlüssen sowie auf Deklarationen des Kreml, deren Richtigkeit die RAP zudem durch Lenin-Zitate unterstrich.“ 2 Die Logik der institutionellen Konfiguration hatte sich im Prinzip umgedreht. Die Etablierung bestimmter Symbole (Souveränität, nationales Interesse) als angemessen begründete eine Normalität der Vorteilswahrnehmung auf Akteursebene und drückte das Institutionalisierungsniveau auf RGW-Ebene deutlich (Stufe 2-3).
1 D.h. im Sinne des vorgestellten Konzepts von Alexander Wendt.
2 Frickenhelm 1990, S. 270f.
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Diese Konfiguration hatte eine weitere Konsequenz: Die Konflikte bleiben eingehegt. Die Organisationsentwicklung des RGW war bereits im Frühjahr 1963 erfolgreich blockiert. Der rumänischen Seite gelang aber nicht nur die instrumentelle Nutzung des Souveränitätsbegriffs zur Verteidigung ihrer Positionen; sie konnte durch ihn auch konkrete Regeln beeinflussen, vor allem die zentrale Regel der Interessiertheit. Hier war ein „negatives“ Regime im entstehen, das langfristige Konsequenzen haben sollte.
Der RGW wie die UdSSR produzierten also weder unmittelbare Anreize oder eine akzeptierte Verheißung auf zukünftige noch sinnvolle focal points für die akuten wirtschaftspolitischen Probleme der Länder; weder der soziale noch der symbolische Kontext konnte akzeptierte Schemata aktivieren, die zu einer neuen institutionellen Konfiguration auf höherer Stufe geführt hätten. Die Dynamik der organisatorischen Entwicklung zwischen 1960 und 1963 hatte es nicht zugelassen, dass sich eine neue institutionelle Konfiguration etablieren konnte, die den Ostblock gegenüber den Einzelstaaten, den RGW gegenüber den nationalen Wirtschaften aufwertete. Zugespitzt kann man formulieren, das N. Chruschtschov nicht der „eigentliche Architekt des RGW“ war, sondern der unfreiwillige Architekt einer Dominanz von „Souveränität“ im Wirtschaftsbereich.
Das Charakteristikum der institutionellen Konfiguration besteht in einer insgesamt geringen Hierarchie der meisten Komponenten (Stufe 2-3). Die traditionell starke Ebene 4 verliert an Gewicht; nur im Einzelfall richtet sich - mitunter durchaus erfolgreich - kollektiver sozialer Druck gegen die rumänische Seite. Dagegen dominieren Interessenwahrnehmungen (Ebene 2) und Symbole (5). Beide bleiben jedoch ungleich verteilt, diffus und unsicher, sodass Motive für die Stärkung des RGW sich mit den nationalen Vorteilsbestrebungen verbinden und blockieren konnten. Die Prägekraft bestimmter Symbole bleibt hoch, auch wenn die Debatte kaum „ideologisch“ geführt wird. Diese Symbole (Souveränität, gegenseitige Hilfe, Vorteil, Einheit) bleiben aber abstrakte Gebilde. Die dahinterliegenden Schemata sind nicht einheitlich, präzise und führen nicht zu anerkannten Prozeduren. Sie repräsentieren eine Institutionalisierung der Deinstitutionalisierung.
Vor allem die ambiguitäre Struktur des Gesamtschemas führte zu einer äußerst problematischen institutionellen Konfiguration bereits unabhängig von den
Anreizmechanismen. Dieses Schema verkoppelte als Kernkomponenten Einheit, Souveränität und nationales Interesse. Diese waren nicht nur stärker institutionalisiert als das Gesamtinteresse des Blocks; ihre Inhalte wie Beziehungen blieben vage. Ihre teilweise starke Etablierung bei gleichzeitigem diffusen Inhalt machen sie einer instrumentellen Nutzung zugänglich (Ebene 5 3). Daraus resultiert dann eine unspezifische Interessenpolitik (Ebene 2). Ein Ausbruch aus dieser negativen Institutionalisierung (Stufe 2-3) hätten starke Anreize oder starke focal points erfordert. An beides war letztlich nicht zu denken. Im besten Falle hätte eine Routinisierung der Planabstimmung zu mehr Vertrauen und höheren Formen der Zusammenarbeit geführt. Der Versuch einer institutionellen „Setzung“ bei diffusen Inhalten war problematisch. Auf der Grundlage der Beschlüsse vom Juni 1962 hätte ein gradueller Weg möglicherweise weiter geführt. Dies hätte allerdings eine innere Stabilität der beteiligten Länder vorausgesetzt. Letztlich hätten sich die Ergebnisse nur graduell unterschieden. Die Idee der gemeinsamen Plankommission muss jedoch als das bezeichnet werden, was es war, eine „Vision“ mit negativen Folgen für die institutionelle Entwicklung. Die Etablierung dieses negativen Gleichgewichts der Kooperation war durch die rumänische Seite wohl nur beschleunigt worden. Letztlich war gerade die Phase, die dem RGW qualitativ neue institutionelle Mechanismen schenken sollte, die Phase, die sie ihm nahm.
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6. Die Koordinierung des Westhandels im RGW
6.1 Das Kooperationsproblem
Die Frage, ob es im Ostblock eine relevante Koordinierung des Handels mit dem kapitalistischen Ausland (KA) gab, ist für eine institutionalistische Perspektive von besonderem Reiz, da ein ausgeprägtes Kooperationsdilemma überwunden werden musste. 1 Einerseits bestand ein Anreiz, den Außenhandel zu koordinieren, um die gemeinsame Marktmacht im Westhandel ausnutzen zu können und „Extraprofite“ zu erzielen 2 oder um die vielfach beklagte Diskriminierung durch westliche Firmen zu minimieren. 3 Andererseits gab es beträchtliche Anreize zum free ride. Ein gemeinsam stabilisiertes Preisniveau bot den einzelnen Ländern die Möglichkeit, durch eine Unterbietung, Sonderrabatte oder vorteilhafte Liefer- und Zahlungsbedingungen Teile des „Kollektivgutes“ in Anspruch zu nehmen, aber die eigenen Waren bevorzugt abzusetzen. Angesichts des oft akuten „Hungers“ nach Devisen oder devisenwertigen Waren war jede Institutionalisierung der Koordinierung stark gefährdet. Die Ursachen für schlechtere Preise im Westhandel werden u.a. im Druck der Bilanzdefizite, aber auch in der Konkurrenz der RGW-Länder gesehen, die sich insbesondere als Preisrivalität äußerte. 4 Somit verwundert es nicht, wenn in der Literatur die mangelnde Koordinierung des Westhandels hervorgehoben wird. 5 Die Probleme waren durchaus im Bewusstsein der Außenhandelsfunktionäre: Zwar ermöglichten „gegenseitige Preisunterbietungen“ mitunter die Planerfüllung eines Partners; „im ganzen gesehen“ seien sie aber immer für alle Partner schädlich. 6 Somit spiegelt die „Schlussfolgerung“, dass „nur ein abgestimmtes einheitliches Auftreten der Außenhandelsorganisationen (AHO) und die strikte Einhaltung der gefassten Beschlüsse (...) den Erfolg bei Verhandlungen mit den kapitalistischen Partnern“ sichern 7 , nicht nur den Anspruch, sondern auch das Problem. Der Primat der Planerfüllung gegenüber Preisanreizen, die mangelnde Flexibilität der Unternehmen, die Angebotsstruktur im Westhandel wie die stets akute Devisenknappheit wirkten „with a cumulated force against the cooperation of the CMEA countries on the capitalist markets. They not only hinder the conclusion of agreements (or the implementation of existing ones) between their national monopolies in this respect but even led to their rivalization”. 8 Dies würde bedeuten, dass die institutionelle Konfiguration in diesem Bereich zum Punkt 1/1 tendierte, also zur ausgeprägtesten Form einer „Anarchie“. Allerdings gab es beträchtliche Bemühungen, diese Hemmnisse zu überwinden und zu einer Kooperation zu kommen. Diese Versuche, die daraus entstehenden institutionellen „Lösungen“ und ihre Ergebnisse sollen in diesem Kapitel betrachtet werden. Dabei soll die Entwicklung der Institutionalisierung und ihre Wirkungen dargestellt werden, zunächst für die 50er Jahre, dann für die erste Hälfte der 60er Jahre. Dabei soll in diesem Falle stärker als in anderen Kapiteln auf die „Vorgeschichte“ eingegangen werden, weil hier
1 Dieses kommt einem Gefangenendilemma nahe.
2 Ausch 1972, S. 104ff.
3 Diese interne Wahrnehmung wurde auch durch westliche Berechnungen bestätigt. Wenn die UdSSR im Export nach GB 3% gegenüber westeuropäischen Exporteuren einbüßt, die anderen RGW-Länder aber 9%, bedeutet dies zumindest einen Anreiz, den Preis auf ein allgemeines Niveau zu heben. Holzmann 1962: Zahlreiche Einzelbeispiele zeugen von schlechteren Exportpreisen für RGW-Länder in den Westen zwischen 25 und 95% westlicher Konkurrenten. Dies betraf auch Rohstoffe wie Öl, Zinn oder Aluminium und ist (z.B. im Vergleich zu Jugoslawien) nicht nur teilweise auf Qualitätsunterschiede zurückzuführen. Marer 1972, S. 37ff. u. 93.
4 Marer 1972, S. 42f.
5 Korbonski 1976, S. 362 f. Kaser hält das Auftreten des RGW als kollektiver Verhandler für eine „function it is unlikely to fill“. Kaser 1969, S. 176. Einen Überblick bietet Damus 1979, Kap. IV.
6 So die Auffassung des HA-Leiters der Devisenabteilung im MAH der CSR. Aktennotiz v. 16.8.1956; BArchB DL-2 2655, Bl. 115 (?).
7 Analyse der Abt. Internationale Zusammenarbeit (...) v. 18.6.1958; BArchB DL-2 3729, Bl. 330.
8 Ausch 1972, S. 107.
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eine stärkere Kontinuität als in anderen Bereichen zu verzeichnen ist. Hier lag einer der zentralen Kooperationsbereiche des RGW in seiner „funktionslosen“ Phase vor 1954. Für die Phase ab 1957 und verstärkt ab 1962 sind die Formen und Ergebnisse einer bewussten Institutionenbildung von Interesse.
6.2 Abstimmungsformen in der Formierungsphase des RGW (1949-1953)
Zur Vorgeschichte: Die Funktion des frühen RGW bestand neben der Ankurbelung des gegenseitigen Handels vor allem in der Koordinierung des Westhandels. „In der Erkenntnis, dass die Übereinstimmung in den Handlungen der Teilnehmerländer des RGW in den Fragen ihres Handels mit den kapitalistischen Ländern eine erstrangige Bedeutung bei der Festigung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit (...) sowie bei der Bekämpfung der von kapitalistischen Ländern ergriffenen Diskriminierungen im Außenhandel und bei der Beseitigung der Konkurrenz unter den Teilnehmerländern des Rates in ihrem Handel mit den kapitalistischen Ländern hat“, beschloss die Sofioter Ratstagung vom August 1949 ein umfangreiches Maßnahmepaket zur „Koordinierung der Außenhandelspolitik hinsichtlich der kapitalistischen Länder“. Kernelemente waren - neben dem Informationsaustausch - die Beschränkung des Westhandels auf Mangelgüter, gegenseitige Hilfe beim Kauf und Verkauf, Preisabsprachen wie die Koordination des Vorgehens, um „gegenseitige Konkurrenz“ zu vermeiden. Dies umfasste auch ambitioniertere Ziele, wie eine „Abstimmung der Import- und der Exportpläne“ bei wichtigen Waren zeigt. Konkreter war eine „Beschränkung“ des Exports strategischer Güter (Erdölprodukte, Walzgüter, Buntmetalle, Mangan, Großindustrieausrüstungen). 1
Bereits 1950 wurde entsprechend dieser Beschlüsse eine „Kommission für die Koordinierung des Außenhandels der Teilnehmerländer des RGW mit den kapitalistischen Ländern“ gebildet. Die Kommission besaß ein eigenes Sekretariat und tagte zunächst auf der Ebene der Außenhandelsminister, dann von Vertretern der Ministerien (oft stellvertretenden Ministern). 2 Ende 1950 wurden Tagungen der Außenhandelsunternehmen (AHU) durchgeführt, auf denen die Außenhändler „Maßnahmen zur Koordinierung des Exportes von Getreide und Holz und des Importes von Bauwolle, Wolle und Jute“, vor allem Minimal- und Maximalpreise, festlegten. Über den Handel entsprechend dieser Vorgaben wurde auf den Kommissionssitzungen berichtet. Zudem sollte das Sekretariat der Kommission über den Einkauf von Textilrohstoffen „in allen Einzelheiten“ informiert werden. Weitere Koordinationsbereiche waren Getreide, Holz, Zucker, Rohhäute, Kautschuk, Eisenerze und vor allem Buntmetalle. Bei diesen Produkten sollte über alle Einkäufe informiert und die Preise möglichst koordiniert werden. Die Preisfestlegung und die Rechenschaftslegung über den diesbezüglichen Handels erfolgte für relativ kurze Zeiträume (zwei Monate); dies zeigt, dass an ein Organ mit nahezu permanenter Präsenz gedacht war. Zudem schlug der sowjetische Vertreter vor, eine Liste von Waren aufzustellen, bei „denen die Ratsländer stark seien und die in den kapitalistischen Ländern gebraucht“ würden. Diese Waren sollten nur noch gegen Buntmetalle gehandelt werden. Zu diesem Tagesordnungspunkt wurde dann auch ein „ausführlicher Beschluss“ gefasst. Zudem wurde eine Nomenklatur mit 48 wichtigen Warengruppen aufgestellt, über deren Westhandel Informationen ausgetauscht werden sollten. 3
Insgesamt waren dies erste Maßnahmen, um der Unsicherheit im Westhandel kollektiv zu begegnen, die angesichts des westlichen Embargos eine zusätzliche Dimension annahmen.
1 Protokoll der Ratstagung des RGW v. 25.8.1949 in Sofia; BArchB DC-20 (Mfiche)/ 915.
2 Einige Länder wurden von Stellvertretenden Ministerpräsidenten oder Stellvertretenden Außenhandelsministern vertreten, ergänzt um die Ständigen Vertreter der Länder im RGW. BArchB DL-2 3576, Bl. 4.
3 Niederschrift über die Sitzung der Kommission zur Koordinierung (...) am 16./17.2.1951; BArchB DL-2 3585, Bl. 5ff. bzw. DL-2 3576, Bl. 4ff. Auszug aus dem Protokoll der Sitzung v. 17.2.1951; DL-2 3576, Bl. 22f.
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Trotzdem ging es bereits um mehr als um Krisenmanagement; die kollektive Marktmacht sollte durch Koordination erhöht werden. Im Jahre 1952 fanden eine Kommissionssitzung und 7 Koordinierungskonferenzen statt, auf denen über die Marktlage, über getätigte Ein- und Verkäufe wie die Preise informiert wurde. Im Zentrum der Koordinierungsmaßnahmen standen Mindestpreise für die Exporte. Zudem wurde die Zahl der „multilateral koordinierten Waren“ ausgeweitet und dies keineswegs nur um „strategische Waren“. 1 (Eine Übersicht über die multilateral koordinierten Waren bietet Anlage I.) Dies bedeutete jedoch nicht, dass in der Kommission über die Abstimmungsmaßnahmen entschieden wurde. Von der Initiative zur Einberufung bis zum Beschluss der konkreten Maßnahmen blieb alles den jeweiligen AHO überlassen. Zur Rückkopplung erfolgte eine „nachfolgende Unterrichtung des Sekretariats der Kommission über die festgelegten Beschlüsse“. Zudem sollten wichtige Vertragsabschlüsse innerhalb einer festgelegten Zeit (von 15 Tagen) dem Sekretariat übermittelt werden. Wenn auch auf wenige Gütergruppen beschränkt, bedeutete dies den Ansatz zu einem hohen Monitoring-Niveau. Insgesamt besaßen diese
Kooperationsbeziehungen nicht nur das Grundmotiv einer dezentralen Koordinierung, die an die RGW-Kommission rückgekoppelt werden sollte, als „Geburtsmerkmale“; es zeigten sich bereits erste Probleme bei der Erfüllung der Beschlüsse - gegen die Interessen des Ganzen wie der UdSSR. 2
Die dezentrale Anlage schien sich mit dem Fortschreiten der „Korea-Situation“ etwas zu wandeln. Seit dem II. Quartal 1952 beschäftigte sich auch das Büro des RGW verstärkt mit der Koordinierung des Westhandels und forderte quartalsweise Berichte der Länder über a) die Erfüllung der Beschlüsse der Koordinierungskommission sowie b) die Zusammenarbeit aufgrund zweiseitiger Abkommen (Freundschafts-verträge) der AHO. Auch wenn aus diesen Berichten abzulesen ist, dass die Länder eine „Entwicklung und Vertiefung dieser Zusammenarbeit anstreben“, musste dies nicht immer reale Fortschritte bedeuten. So zeigte es sich, dass sich die AHU der DDR „in der Mehrzahl ungenügend oder gar nicht an der Zusammenarbeit beteiligen“. 3 Da Informationen für die Empfänger sehr wertvoll, für die Geber aber kostspielig sein konnten und da koordiniertes Auftreten für einige Partner Extragewinne, für einige aber verschenkte Gelegenheiten bedeuten konnten, lagen Licht und Schatten der Kooperation eng beieinander. Die insgesamt positiven Bewertungen über einen „sehr günstigen Einfluss“ und „gute unterstützende Kontakte“ werden von „ungenügend durchgeführten Beschlüssen“ aufgewogen. 4 Wie gravierend waren die institutionalistischen Probleme?
Im Sommer/Herbst 1953 gab es (im Rahmen des Neuen Kurses und der Entspannung) nicht nur erste Ansätze zu einer „gewissen Ausdehnung“ des Handels mit dem KA; auch über eine „weitere Verstärkung“ der Tätigkeit der Koordinierungskommission wurde nachgedacht. 5 Die Formen der Zusammenarbeit blieben aber sehr differenziert und „flexibel“; sie reichten von „zentral koordinierten“ Waren über multilaterale bis zu bilateralen Vereinbarungen. Die „zentrale Koordinierung“ erfolgte weiter über das Sekretariat der zuständigen RGW-Kommission. Dies bedeutete zunächst, dass Einladungen zu den Koordinierungskonferenzen an alle RGW-Länder gingen, wobei die Annahme der Einladungen „im Belieben der Länder“ verblieb. Die dezentrale Koordinierung, die über Verträge und Zusammenkünfte der interessierten AHU realisiert wurde, ergab große Unterschiede im Organisationsniveau, das
1 Es handelte sich um Kugellager, Gerbstoffe, chemische Erzeugnisse, Glas und Keramik, Kali, Streichhölzer, Möbel, Papier, Federn, Wollabfälle und Stapelfasern, die zuvor bilateral koordiniert wurden.
2 Polen, Ungarn und Bulgarien hatten 1952 Weizen oder Mais ohne vorherige Absprache in den Westen verkauft. Information des Sekretariats der Koordinierungs-Kommission (...) im Jahre 1952; BArchB DL-2 3585, Bl. 1ff.
3 Aktenvermerk für Minister Gregor v. 8.10.1952; BArchB DL-2 3594, Bl. 22.
4 Berichte ü. die Erfüllung der Beschlüsse der Koordinierungskommission (…); BArchB DL-2 3577, Bl. 1ff.
5 BarchB DL-2 3823, Bl. 79ff. u. Bl. 90. Die DDR spekulierte auf “Hilfe“ bei der Ausdehnung des KA-Handels.
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vom bloßen Informationsaustausch bis zur „straffen Koordinierung“ von An- und Verkauf, ihrer Bedingungen und Preise reichte. 1 Vor allem aber war das Niveau der Abstimmung sehr unterschiedlich und stark vom gegenseitigen Vertrauen abhängig. Die Reziprozität der Zusammenarbeit war selbst beim Informationsaustausch gefährdet. Einige AHU versuchten Informationen der Partner zu nutzen, ohne aber Gegenleistungen zu erbringen. Aus Sicht der ungarischen Seite: „Es muss festgestellt werden, dass solche Fälle das Vertrauen der Organisation in die gegenseitigen Beziehungen nicht festigen. Das Prinzip ‚soviel wie möglich zu erbitten und so wenig wie möglich zu geben’, kann auf dem Gebiet der Zusammenarbeit auch dann nicht geduldet werden, wenn es nur (in) der Praxis vorkommt.“ 2 Die „Freundschaftsverträge“ sollten von bloßen „Lippenbekenntnissen“ zu „konkreten Verpflichtungen“ führen. Denn bis dahin „war die Zusammenarbeit (...) meistens so lange gut, so lange man nicht auf einem Markt zusammenstieß“. 3 So erwies sich die Abstimmung der Zementexport als „nicht so fruchtbringend und zufriedenstellend wie erwartet“: „In erster Linie lag das daran, dass sich die geführte Korrespondenz aufgrund von (...) Fehlinformation von Seiten kapitalistischer Geschäftspartner immer wieder auf gegenseitige Beschuldigungen über eine gegenseitige Unterschreitung der festgelegten Preislimite beschränkte.“ So erhielt man „laufend Informationen, dass Rumänien den Zement unter Limitpreisen verkauft.“ 4 Eine Deinstitutionalisierung durch Vertrauensverlust war durchaus möglich, wenn man (was sich allerdings selten in den Quellen spiegelt) den „Eindruck“ gewann, dass manche Partner „nicht mit offenen Karten spielten, d.h. jeder versuchte, vor dem anderen etwas zu verheimlichen bzw. nicht offen die Dinge klarzulegen“. 5 Gerade die gegenseitige Konkurrenz mittels Preisunterbietungen zeigte erhebliche institutionalistische Probleme: „Einer der wichtigsten Gründe hierfür ist das Misstrauen, das in einer Reihe von Fällen die Ingangsetzung einer guten Zusammenarbeit zwischen den AHO stört. (...) Nicht selten kommt es vor, dass man eine befreundete Organisation für einen ebensolchen Konkurrenten hält wie eine kapitalistische Firma, indem man nämlich vergisst, dass es die Möglichkeit der Zusammenarbeit gibt. (...) Man muss bemerken, dass solche Fälle, die durch die Organisationen der befreundeten Länder zugelassen werden, manchmal ernsthaft jene Mitarbeiter der AHO abkühlen, die bestrebt sind, die Abkommen über Zusammenarbeit einzuhalten.“ 6 Jede Institutionalisierung war also hochgradig gefährdet. Bedeutet dies auch ein grundsätzlich niedriges Institutionalisierungsniveau?
6.3 Das Niveau der Institutionalisierung
Immerhin gab es auch positive Informationen, so über den kaum minder heiklen Handel mit Zucker: Da die letzte Koordinierungskonferenz zu einer eindeutigen Regelung der einheitlichen Kalkulationsbasis geführt habe, „ergaben sich keine weiteren Mängel in der Zusammenarbeit. Die für die Koordinierung geltenden Beschlüsse wurden von uns eingehalten. Der Limitpreis wurde in keinem Falle unterschritten. Zwei Anfragen der (...) Freunde, die eine Information erhalten hatten, dass die DDR unter Limit angeboten bzw. verkauft hätte, konnten wir dahingehend beantworten, dass wir in keinem Falle die Prinzipien der Zusammenarbeit verletzt haben. Verschiedene Anfragen zeigten uns, dass die (...) Freunde bei der Realisierung der Limitpreise auf Schwierigkeiten stießen. Wir konnten in einer Reihe von Fällen unsere Zustimmung zu Verkäufen unter Limit geben, mussten jedoch
1 BarchB DL-2 3577, Bl. 39.
2 Information des MAH der UVR (...) v. 16.9.1957; BArchB DL-2 3590, Bl. 239.
3 Stellungnahme zum Abschluss von Freundschaftsverträgen auf Prager Konferenz v. 9.12.1952; BArchB DL-2 993, Bl. 202.
4 Bericht über die Zusammenarbeit beim Zement-Export (...) v. 5.6.1954; BArchB DL-2 3572, Bl. 1.
5 WMW-Export an Garthoff v. 5.11.1958; BArchB DL-2 4165.
6 Information des MAH der UVR v. 16.9.1957; BArchB DL-2 3590, Bl. 243.
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in einigen Fällen unsere Zustimmung versagen, da wir selbst noch Verkäufe auf Limitbasis durchzuführen beabsichtigten.“ 1 Dies ist weder ein Beweis für eine perfekte Institutionalisierung, noch eine Wiedergabe der „Realität“. Dennoch verweist es auf eine erstaunlich hohe Quasi-Hierarchie einschließlich der Regelung von „Abweichungen“. Angesichts dieses ambivalenten Befundes müssen wir uns einer Bestimmung des Institutionalisierungsgrades nähern, um dann nach den institutionellen Mechanismen fragen zu können.
Zunächst sollen einige Argumente zusammengefasst werden, welche auf die Wirkung der Abstimmung hinweisen. So wurde es als Nachteil empfunden, dass Jugoslawien oder die VR China als Nicht-RGW-Mitglied „nicht an irgendwelche Vereinbarungen gebunden werden kann“. 2 Dies weist zugleich darauf hin, dass die Ableitung von Kompetenzen durch den RGW für diese Institutionalisierung wesentlich war. In Bereichen wie Erdöl wo „ständig Preisunterbietungen zwischen den SL“ stattfanden und zu einer „Beunruhigung der Märkte“ und zu „Preiseinbrüchen“ führten, wurde dies nicht auf ein Versagen des Prinzips, sondern mangelnde Abstimmung zurückgeführt. 3 Preisunterbietungen oder anderes auf
nichtkooperatives Verhalten wurden oft als Ausnahme dargestellt, die einer einmaligen Notwendigkeit geschuldet war. War dies überzeugend, konnte man von den Verpflichtungen dispensiert werden. 4
Die Quellen sind gefüllt von Wahrnehmungen der Erfolge und Verbesserungen wie von Mängeln und Problemen. Es soll auch hier versucht werden, die Wahrnehmung in einem Spektrum von sehr schlecht bis sehr gut zu gewichten sowie Beispiele für erfolgreiche Koordination wie für Verstöße zu finden. Letzteres ist besonders aussagefähig, da die Meldungen über Verstöße der Partner durchaus „repräsentativ“ sein dürften, bestand doch ein Anreiz, diese zu „melden“, um eine Änderung herbeizuführen. Natürlich ist auch hier mit einer erheblichen Anzahl nicht dokumentierter oder nicht bekannt gewordener Verstöße zu rechnen. Andererseits war das Beobachtungsniveau recht hoch. 5 Zudem hielt man wohl zurecht eine geringe Anzahl von Verstößen für einen Indikator des „koordinierten Auftretens“. 6 Ein erheblicher Teil der Berichte geht davon aus, dass die Beschlüsse der Koordinierungskonferenzen „nicht von allen Unternehmen und nicht in allen Teilen erfüllt worden sind“. 7 Ist dies ein Euphemismus für generelle Nichterfüllung oder ein Zeichen für Erfüllung als Regelfall? Oft war es jedenfalls als Einschränkung zu einer positiven Gesamteinschätzung formuliert. Andererseits stehen positive wie negative Beispiele und Gesamteinschätzungen sich so deutlich gegenüber, dass der Aussagewert der Berichte kaum geleugnet werden kann.
Ein Gesamtbild zeigt ein starkes Schwanken der etablierten Quasi-Hierarchie um ein Niveau auf Stufe 3 (auf einer Skala von 1 bis 5, vgl. Anlage II). Der Mittelwert, der hier allerdings nichts über den Einzelfall aussagt, ist wohl am besten mit folgender Wahrnehmung skizziert: „Allgemein kann festgestellt werden, dass die Kenntnis der Verkäufe sowie der Zahlungs- 1 Berichtüber die Erfüllung der Beschlüsse (…) im 2. Quartal 1952; BArchB DL-2 3577, Bl. 35f.
2 Zuarbeit der DIA Maschinenexport (...); BArchB DL-2 4156; DL-2 3587, Bl. 197. Bei china blieben die „häufigen Hinweise“ von DDR und CSR auf Preisunterbietungen ohne den „entsprechenden Erfolg“. DL-2 3587, Bl. 115.
3 BArchb DL-2 955, Bl. 190ff.
4 Notiz über Besprechung im AHM der CSR am 16.11.1955; BarchB DL-2 3582, Bl. 87.
5 Als der DDR-Seite auf einer Messe in Damaskus 14 Fälle von Preisunterbietungen durch die CSR-AHU bekannt geworden waren, schätzte man ein, dass es sich nur um einen „Bruchteil der wirklichen Preisunterbietungen“ handelte. BArchB DL-2 2190, Bl. 200f. Die DDR untersuchte für 1957 die Preise und Lieferbedingungen aller WZM-Verkäufe der CSR in die BRD. DL-2 10005, Bl. 233f.
6 Handelspolitische Zielsetzung für das Handelsabkommen mit der UVR 1960; BArchB DL-2 768, Bl. 702.
7 BarchB DL-2 3587, Bl. 27ff., DL-2 3500, Bl. 1ff., DL-2 3547, Bl. 43ff. DL-2 3856, Bl. 24ff. u. 199ff. DL-2 416f. DL-2 3729, Bl. 329; DL-2 3647, Bl. 65.
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und Lieferbedingungen der befreundeten Gesellschaften den operativen Abteilungen größere Sicherheit gibt und die Gefahr falscher Festlegungen verringert. Die Vereinbarungen konnten zwar unkoordiniertes Ändern von Preisen (...) nicht vollkommen verhindern, doch kann festgestellt werden, dass sie sich gegenüber einem eigenmächtigen Vorgehen hemmend auswirken und somit das Preisniveau der sozialistischen Länder auf den KA-Märkten ständig mehr stabilisieren.“ 1 Allerdings bleibt hier ausgeblendet, dass ein ganzer Teil von AHU sich der Kooperation völlig entzog, was andererseits auf die durchgeführte Kooperation stabilisierend wirkte. Die Berichte über eine „gute Zusammenarbeit“ in einigen Bereichen folgten zunächst den allgemeinen Erwartungen an solche Berichte; sie enthalten aber ohne Zweifel auch Belege für reale Ergebnisse von „wertvollen Dokumentationen“ bis zu „erheblichen Preisreduzierungen“. 2
Es muss nach den institutionellen Mechanismen gefragt werden. Die Grundmotivation für eine Zusammenarbeit lag auf den „rationalistischen“ Ebenen unseres Spektrums. Die Wahrnehmung, dass der Gesamtnutzen durch ein kurzfristiges Kalkül und die Unsicherheit über das Verhalten der Partner gemindert wurde, war weit verbreitet. Allerdings war - trotz einzelner Kalkulationsversuche der Kooperationsgewinne - der Nutzen zu unbestimmt, um selbst die Institutionalisierung begründen zu können. Er bedurfte der Stützung auf einer der oberen Ebenen. Nehmen wir eine Einschätzung über die „Erfüllung der gegenseitigen Verpflichtungen“. Dazu sei zu sagen, dass „alle Partner sich bemühen, sie nach Möglichkeiten einzuhalten. Jedoch gibt es Beispiele in unserer Zusammenarbeit, die nicht immer von einer exakten Durchführung der Beschlüsse zeugen. Die Nichteinhaltung des Limits durch einen der beteiligten Partner ist oftmals auf ideologische Unklarheit des jeweiligen Bearbeiters zurückzuführen sowie auf falsch verstandene Planerfüllung und Jagd nach Exportprämien ohne Rücksicht auf gemachte Erfahrungen und festgelegte Preise. In unserer bisherigen Zusammenarbeit mit anderen AHG der sozialistischen Länder konnten solche Vorkommnisse immer auf freundschaftlichem Wege geklärt werden.“ 3 Hier wird das Grunddilemma deutlich wie die Hoffnung, auf den Ebenen 4 oder 5 eine Institutionalisierung begründen zu können.
Angesichts der eher dezentralen Anlage der Koordinierung konnten die Mechanismen der Ebene 4 eine entscheidende Rolle spielen. Nehmen wir die Einschätzung der ungarischen Seite als Beispiel: „Die Tagungen der Vertreter betr. Koordinierung verbesserten die Zusammenarbeit zwischen den AHO, hauptsächlich durch die persönliche Verbindung, die zwischen den leitenden Mitarbeitern der AHO (...) auf diesen Tagungen hergestellt wurden. Die Erfahrungen haben gezeigt, dass die Zusammenarbeit der AHO besser war, wenn an allen Tagungen für eine Ware dieselben Vertreter teilnahmen. (...) Im Zusammenhang mit dem Abschluss von Abkommen zwischen den einzelnen AHO und deren Durchführung in der Praxis halten wir die Herstellung einer persönlichen Verbindung für wichtig. Die Erfahrung zeigt, dass in dem Fall, wenn die Generaldirektoren oder die für diese Zusammenarbeit verantwortlichen Mitarbeiter der AHO regelmäßig sich persönlich treffen, der Abschluss von Abkommen schneller vor sich geht, die Abkommen inhaltsreicher sind und besser durchgeführt werden.“ 4 Die CSR ging sogar den Schritt, eine eigene
1 DIA-Transportmaschinen an Balkow v. 19.2.1959; BArchB DL-2 4164.
2 Bericht des MAI über die Erfüllung der Beschlüsse der Koordinierungskommission (...) im I. Quartal 1955; BArchB DL-2 3577, Bl. 275f. Zahlreiche Beispiele für 1956: DL-2 3577, Bl. 413ff.
3 Bericht DIA-Elektrotechnik v. 21.5.1957; BArchB DL-2 3571, Bl. 205.
4 Deshalb plädierte man für kürzer Abstände der Treffen, mindestens 3x jährlich. Information des AHM der UVR über die Erfüllung der Beschlüsse der Koordinierungskommission (1952); BArchB DE-1 12136, Bl. 5 u. 10. vgl. auch DL-2 3577, Bl. 8 u. 34.; DL-2 3587, Bl. 113 u. Bl. 43ff., DL-2 3848, Bl. 173; DL-2 3571, Bl. 118. Zum Wirken eines Mechanismus von Bitte/ Wunsch und Erfüllung vgl. DL-2 3587, Bl. 197. Auf den Konferenzen oder bei direkten Beschwerden mussten sich die Betreffenden rechtfertigen. DL-2 3587, Bl. 222ff. Nachdem die Konsultationen auf einen Jahreszyklus festgelegt
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Hauptabteilung im MAH für die Koordinierungsaufgaben (z.B. als Stellvertreter der Handelsräte) aufzustellen, die ein Netzwerk auf handelspolitischer Ebene ausbilden konnten. 1 Eine Institutionalisierung auf dieser Basis musste aber fragil bleiben, wenn die inneren Anreizmechanismen dem entgegenstanden. Die gemeinsamen Festlegungen waren zwar mehr als „nur Empfehlungen“ - ihre „Verbindlichkeit“ war aber begrenzt. 2 Dies konnte bedeuten, dass „die Verletzung der gefassten Beschlüsse nur Vorwürfe der anderen Organisationen nach sich [zog] und zwar auf der jeweiligen Tagung, ohne irgendwelche ernsthaften Folgen zu haben. Das mobilisiert nicht zur Erfüllung der Abkommen über Zusammenarbeit, besonders in solchen Fällen, wo ihre Einhaltung mit bestimmten Opfern verbunden ist. (...) Deshalb müsste garantiert werden, dass die Einhaltung eines Abkommens über die Zusammenarbeit keine unerwünschten Einflüsse auf das materielle Interesse der AHO ausübt.“ Somit musste die „verpflichtende Kraft der Beschlüsse“ ohne die Etablierung stärkerer Hierarchien ein institutionalistisches Dauerproblem bleiben. 3 Eine Stützung durch RGW-Gremien lag nahe.
Symbolische Stützungen (Ebene 5) spielten zunächst eine gewisse - aber insgesamt untergeordnete Rolle. Kurzzeitig motivierte hier sogar der Warschauer Vertrag. So betonte die „HA Handel mit den demokratischen Ländern“, dass es aufgrund des WV notwendig sei, „insbesondere hinsichtlich des gemeinsamen Vorgehens auf den kapitalistischen Märkten eine enge Zusammenarbeit mit den befreundeten Ländern zu erreichen“. 4 Es gab durchaus symbolisch gestützte Bezüge zum „Gesichtspunkt der Gemeinsamkeit des sozialistischen Lagers“. Dies blieb allerdings eine Ausnahme und war eher mit einer negativen „Praxis“ verbunden. 5 Wesentlicher konnte die Rückkopplung der praktischen Koordinierung an entsprechende Ratsbeschlüsse sein. Auch wenn der Rahmen durch das Symbol „RGW“ mitbestimmt wurde, blieb die Ankopplung der „Praxis“ oft sehr allgemein. 6 Immerhin lieferten die AHM Quartalsberichte über die Erfüllung der Beschlüsse der Koordinierungskommission wie der Beratungen der AHO. Ob auf dieser Grundlage eine Wirkung der Koordinierungskommission ausging, die über eine Verstärkung des kollektiven Monitoring-Niveaus hinausging, muss offen bleiben. Allerdings betrifft dies vor allem eine ex post-Wirkung bei traditionell koordinierten Waren. Der Status solcher Beschlüsse konnte deutlich steigen, wenn sie innerhalb des RGW eine organisatorische Aufwertung erhielten. Wie stand es also mit Neuerungen, die vom RGW ausgingen?
worden waren, drängten die AHU auf häufigere Treffen wie kurzfristige Operativbesprechungen. DL-2 3597, Bl. 116.
1 Niederschrift über eine Besprechung im MAH der CSR am 2.7.1954; BArchB DL-2 3826, Bl. 64.
2 So schätzte man in der HV Leichtindustrie ein: „Es handelt sich in diesen Abstimmungen zwar nur um Empfehlungen, trotzdem sind wir der Meinung, dass solche Abstimmungen (...9 eine gewisse Verbindlichkeit darstellen.“ Zugleich musste die Nichterfüllung von Festlegungen konstatiert werden. Hausmitteilung v. 17.3.1959; BArchB DL-2 3569, Bl. 1.
3 Information des MAH der UVR v. 16.9.1957; BArchB DL-2 3590, Bl. 244.
4 Balkow an VEH-DIA v. 27.9.1955; BarchB DL-2 586, Bl. 3.
5 Durch die Zusammenarbeit, die auf der Basis der Gleichberechtigung und der Freiwilligkeit beruhe, hab man erreicht, dass der Handel mit dem KA reibungslos und ohne Konkurrenz untereinander verläuft. Man trage dazu bei, das sozialistische Lager zu festigen. „Dabei ist es unserer Meinung nach in erster Linie wichtig, dass wir uns als einheitliches Ganzes betrachten, nämlich als sozialistisches Lager.“ Dann folgen Klagen über die Mängel der Preiskoordinierung. Bericht der DIA Elektrotechnik über die Zusammenarbeit v. April 1957 - Jan. 1958; BArchB DL-2 3856, Bl. 366ff. In einem Entwurf „Über die Ergebnisse der Arbeit zur Koordinierung (...) v. 17.2.1959 wurde der Vorschlag, die Institutionalisierung über eine Erziehung „im Sinne des proletarischen Internationalismus“ zu verbessern, gestrichen. DL-2 4168, S. 5.
6 Dies zeigt z.B. ein weitgehend folgenloser Beschluss von DDR und CSR entsprechend den Ratsbeschlüssen über die Handelsabkommen mit dem KA zu informieren und Ex- bzw. Importwünsche des Partners mit einzubauen. Niederschrift über eine Besprechung im MAH der CSR am 2.7.1954; BARchB DL-2 3826, Bl. 64.
424
6.4 Organisatorische Innovationen infolge der Aktivierung des RGW
In den Jahren 1954/55 geriet die Arbeit im RGW insgesamt in Bewegung. Als auf der IV. Ratstagung im März 1954 eine „Reorganisation“ des RGW angestrebt wurde, bedeutete dies auch die Realisierung von „abgestimmten Maßnahmen beim Handel der Teilnehmerländer des Rates mit kapitalistischen Ländern“. 1 Mikojan betonte in seiner Grundsatzrede, dass sich auch die „internationale Lage“ geändert habe; die Diskriminierung habe nur den Kapitalisten geschadet; die UdSSR suche energisch den Westhandel auszubauen. Auf der folgenden Ratstagung sollte diese Frage einen Schwerpunkt bilden. 2 Der Tenor dieser Tagung lag dann auch auf dem Ausbau des Handels mit kapitalistischen Ländern; mit den einen, um notwendige Güter zu importieren, mit den „ökonomisch schwach entwickelten Ländern“ aus politischen Gründen. Diese Zielstellung blieb jedoch in doppelter Hinsicht beschränkt: Es sollten vor allem Defizitwaren für den RGW eingekauft werden, aber keine Defizitwaren des RGW ausgeführt werden. Dieses Anliegen hätte eine starke Koordinierung erfordert. Diese blieb jedoch im Ansatz begrenzt: Es wurde beschlossen, „in den nötigen Fällen“ Konsultationen zwischen Handelsvertretern der RGW-Länder durchzuführen, um zu einer „Abstimmung von Preisen und der Taktik“ im Handel zu kommen. 3 Auf dieser Basis war kaum ein organisatorischer Durchbruch zu erwarten.
Das organisatorische Zentrum für diese Fragen stellte nach wie vor die „Kommission zur Koordinierung des Handels der Teilnehmerländer des RGW mit den kapitalistischen Ländern“ dar. Zu deren „Aufgaben und Funktionen“ gehörte vor allem die Organisation des Handels bei „zentral koordinierten Waren“ (Export: Getreide, Naphtaprodukte, Holzmaterialien, Schwarz- und Buntmetalle, Kohle, Koks, Zucker; Import: Textilrohstoffe, Buntmetalle, Kautschuk, Eisenerze). Ihre Aufgaben bei der Koordination dieser Güter waren umfassend, aber in ihrem Statut recht allgemein formuliert. Sie reichten vom Informationsaustausch über alle diesbezüglichen Fragen bis hin zur „Abstimmung der Zeit und der Taktik des Auftretens auf den Märkten“ wie der „operativen Abstimmung des Preisniveaus“ für bestimmte Zeitperioden unter Berücksichtigung der Besonderheiten der einzelnen Märkte. Dabei konnte die Kommission „für einzelne Waren alle oder einige der vorgenannten Maßnahmen ergreifen“. In der Arbeitsordnung der Kommission, die aus Vertretern der Außenhandelsministerien bestehen sollte, fallen zwei Bestimmungen besonders auf: die hohe Sitzungshäufigkeit („in der Regel einmal im Quartal, aber auch zu beliebiger Zeit entsprechend der Entscheidung des Büros des Rates“) wie die Beschlussfassung nach dem Interessiertheitsprinzip („Entscheidungen gelten als angenommen bei Zustimmung des Vertreters des interessierten Landes“). Letzteres entsprach der Tradition der Arbeit wie den aktuellen Prinzipien des RGW insgesamt. Der ständige Arbeitsapparat beschränkte sich auf einen Sekretär, zwei Gehilfen und vier Experten. Ein umfassendes Aufgabengebiet blieb mit begrenzten Ressourcen und Kompetenzen ausgestattet. 4 Führte dieser Widerspruch zur Blockade oder zu organisatorischen Innovationen?
Immerhin arbeitete die CSR ein neues Statut für die Koordinierungskommission aus. Dabei wurden die „zentral koordinierten“ Güter ausgeweitet. Der Informationsaustausch sollte verstärkt, die Bereiche präziser bestimmt werden. Eine Reihe von
Koordinierungsbestimmungen wurde ergänzt oder genauer definiert. So sollten nun die
1 Sowjetischer Vorschlag „Über die Reorganisation und weitere Tätigkeit des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe“, S. 4. BarchB DC-20 (Microfiche)/ 917.
2 Rede Mikojans auf der IV. Ratstagung, S. 3; Protokoll der IV. Ratstagung Nr. 1/4; ebenda.
3 Beschluss der V. Ratstagung „Über den Handel mit den kapitalistischen Ländern“ , BarchB DC-20 (Microfiche)/ 918.
4 Statut der Kommission zur Koordinierung des Handels (...), o.D.; BArchB DL-2 3582, Bl. 31ff.
425
Export- und Importpläne koordiniert werden, insbesondere in Bezug auf die Zeit und die Taktik des Auftretens auf den Märkten. Die Preispolitik für einzelne Waren sollte abgestimmt werden. Wenn eine „gegenseitige Festlegung des Exports und Imports von Waren aus einzelnen Ländern“ angestrebt werden sollte, sei die „gemeinsame Linie des Auftretens“ zu koordinieren. Gravierende organisatorische Änderungen waren also nicht angestrebt. Das Interessiertheitsprinzip war weiterhin vage definiert. Beschlüsse sollten mit Zustimmung der interessierten Länder als angenommen gelten. Die Kommission sollte Tagungen der AHO einberufen können. Dazu stand es im Widerspruch, wenn nur noch zweimal im Jahr „turnusmäßig“ getagt werden sollte und dazwischen auf Beschluss der Stellvertretertagung im RGW. 1
Im Mai 1955 erhielt wiederum die CSR vom RGW den Auftrag, einen „Vorschlag für die Zusammenarbeit der volksdemokratischen Länder“ auszuarbeiten. Allerdings gab es bereits innerhalb des MAH der CSR eine „starke Debatte“, in deren Verlauf der ursprüngliche Entwurf zu einem „Torso“ zusammengestrichen wurde. 2 Zudem verhinderte diese Situation, dass eine detaillierte bilaterale Vereinbarung zwischen DDR und CSR diskutiert und unterzeichnet werden konnte. Diese Vereinbarung hätte einen Rahmen von organisatorisch neuer Qualität für die Vereinbarungen („Freundschaftsverträge“) der AHU geboten und diese auf wichtige Bereiche wie Maschinen und Anlagen ausgedehnt. Eine Rückkopplung der Vereinbarung war allerdings nur auf Ebene der Ministerien geplant und nicht gegenüber dem RGW. 3
Letztlich legte die CSR der „Koordinierungskommission“ einen Beschlussentwurf vor, der vor allem die Koordinierung des Maschinen- und Ausrüstungsexport regeln sollte. Neben der Weiterführung bestehender Regelungen sollte für eine abgestimmte Nomenklatur von Gütern ein abgestimmtes Vorgehen bei Ausschreibungen eingeführt werden. Dabei sollten Limitpreise und Zahlungsbedingungen abgestimmt werden; Abweichungen davon nur mit Zustimmung der anderen interessierten Parteien erlaubt sein. Die Außenhandelsorgane der interessierten Länder sollten konkretere Maßnahmen abstimmen. Die Handelsvertretungen sollten jeweils einen Mitarbeiter enthalten, der für Koordinierungsaufgaben zuständig sein würde. 4 Insgesamt bedeutete dies ein geringeres Abstimmungsniveau als das bilateral zwischen DDR und CSR angestrebte. Ein entscheidender Impuls ging von der RGW-Ebene zunächst also nicht aus.
Allerdings gab es beim Export von Maschinen und Ausrüstungen neben dem kommerziellen noch ein politisches Interesse, da es hier um die Beziehungen zu den „schwach entwickelten“ kapitalistischen Ländern ging. Deshalb widmete sich die Koordinierungskommission Ende 1955 nochmals diesem Thema und formulierte das Ziel einer „Erweiterung der ökonomischen Zusammenarbeit“ in den Handelsbeziehungen mit dem KA. Dabei wurde zunächst ein „Informationsaustausch in größerem Ausmaße“ angestrebt. (Angebote, Anfragen, Ausschreibungen, große Verträge). Die Festlegungen über die konkrete Abstimmungsarbeit blieben allerdings recht allgemein. So sollten die interessierten Länder bei größeren Ausschreibungen ihre Tätigkeit abstimmen, um „das Erhalten einer Feststellung
1 Vorschlag der CSR für ein neues Statut der Kommission für die Koordinierung des Handels mit den KL (...); BArchB DL-2 3582, Bl. 34f.
2 Niederschrift über die Besprechung im MAH der CSR am 28.5.1955; BarchB DL-2 3826, Bl. 59.
3 Dabei sollten die Informationen und Abstimmungen deutlich ausgebaut werden; die Koordination in jedem Falle schriftlich vereinbart werden und von den Ministerien innerhalb von zwei Tagen abgelehnt oder gebilligt werden. Preisunterbietungen sollten „in keinem Falle“ zugelassen werden. Jede Handelsvertretung sollte zwei Spezialisten für diese Fragen erhalten. Entwurf (der DDR): Vereinbarung MAI und MAH der CSR, 23.5.1955; SAPMO BArch DL-2 3826, Bl. 42ff. u. DL-2 2656, Bl. 156ff.
4 Beschlussentwurf des MAH der CSR zur Beratung in einer Tagung der Koordinierungskommission v. 25.7.1955; BArchB DL-2 3826, Bl. 42ff.
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für die Länder des demokratischen Lagers zu den günstigsten Bedingungen zu sichern. In diesen Fällen sollen das Preisniveau, die Lieferbedingungen, die Garantien und die Zahlungsbedingungen vereinbart werden.“ Die konkreten Bedingungen und Konsequenzen wurden aber nicht festgelegt, sondern den Vereinbarungen der Länder überlassen. Damit bot der RGW nur einen sehr allgemeinen Rahmen für die Institutionalisierung dieser Koordinierungsleistungen. Immerhin wurden Koordinierungskonferenzen zu bestimmten Warengruppen (mit Terminen) geplant. Insgesamt lag der Beschluss vom Jahresende 1955 in der Tradition der bisherigen Abstimmung. 1
Auf der VI. Ratstagung wurde zudem die „Verteilung der Märkte“ als Möglichkeit der Zusammenarbeit empfohlen, ohne dass sich dies in der Praxis jedoch durchsetzte. 2 Bei einer großen Anzahl von AHU blieb die Kooperation auf den Austausch von Informationen, der „Grundform der Zusammenarbeit“ beschränkt. Informationen über Marktlage, Preise, unseriöse Firmen usw. waren nützlich, besaßen aber (auch aufgrund bewusster Verzögerungen) oft „nur historischen Wert“. Zunehmend wurden aber im Rahmen einer „Konsultationspflicht“ die „Preislinie und die Verkaufstaktik“ genau festgelegt. 3 Immer wieder wurde versucht, „spezielle Preislisten“ zu erstellen und für „verbindlich“ zu erklären. 4 Die Durchsetzung von Preislimiten führte häufiger als andere Formen der Zusammenarbeit zu „Schwierigkeiten“, so dass neben Preislimiten zunächst Orientierungspreise als eine „weniger strenge“ Form angewandt wurden. 5 Ist dies ein Zeichen für die Grenzen und Gefährdungen der bisherigen Institutionalisierungsmechanismen?
Die Wahrnehmung der CSR-Außenhändler ist hier von besonderem Interesse, da sie die oben angesprochenen Institutionalisierungsprobleme direkt anspricht: „Der ernsthafteste Mangel in der Zusammenarbeit der Außenhandelsorganisationen ist die Nichtbeachtung der gegenseitigen Verträge, Abkommen, der Beschlüsse, der Protokolle und dergleichen mehr. Es handelt sich hauptsächlich um Abkommen über die Einhaltung bestimmter Preise oder Bedingungen bei den Verkäufen auf dritten Märkten. Die Nichteinhaltung der Abkommen kommt in der Regel in den Fällen vor, wenn es sich um die Erzielung einer bestimmten konkreten Handelsoperation handelt. Die Organisationen stimmen gegenseitig eine bestimmte Preisbasis ab, wodurch sie gegenüber dem Käufer zu gleichwertigen Partnern werden. Durch Senkung des Preises oder durch ein Übereinkommen über vorteilhaftere Verkaufsbedingungen (...) im Vergleich zu den abgestimmten Preisen bekommt diese oder jene Organisation die Bestellung für sich. Danach weist die Organisation darauf hin oder begründet, warum sie die Bedingungen ändern musste.“ Hier wird nicht nur das grundlegende Kooperationsdilemma deutlich, sondern auch die Gefahr der Deinstitutionalisierung auf der wesentlichen Ebene 4: Ein solches Vorgehen habe „nicht nur sehr ungünstige wirtschaftliche Folgen, sondern untergräbt auch das Vertrauen der Mitarbeiter der AHO untereinander und schafft zwischen ihnen eine Atmosphäre ungesunder Konkurrenz, gegenseitigen Misstrauens und Argwohns. In Verbindung damit wird die Koordinierung anstatt sich zu vertiefen und zu erweitern zu einer Formalität, die nur Schwierigkeiten schafft und nicht zum gegenseitigen Erfolg beiträgt.“ Somit war es vorsichtig formuliert, dass die alte Methode der Koordinierung unter den neuen Bedingungen „nicht ausreichend sein wird“. 6 Konnte die allgemeine organisatorische Stärkung des RGW hier Veränderungen bewirken?
1 Protokoll der Tagung der Kommission für die Koordinierung des Handels (...) mit den kapitalistischen Ländern v. 28.-29.12.1955 in Moskau; BArchB DL-2 2884, Bl. 45ff. vgl. auch DL-2 3577, Bl. 344.
2 BArchB DL-2 3590, Bl. 240.
3 Bericht der DIA Chemie v. 20.5.1957; BArchB DL-2 2274, Bl. 14f.
4 Vgl. BArchB DL-2 3571, Bl. 1ff. u. DL-2 3572, Bl. 71ff.
5 BArchB DL-2 3590, Bl. 235.
6 Information des MAH der CSR über die Koordinierung (...) im ersten Halbjahr 1956; BArchB DL-2 3594, Bl. 219f.
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6.5 Koordination im Rahmen der Ständigen Kommission für Außenhandel (SKAH)
6.5.1 Die Entwicklung 1956/57
Die Abstimmung des Westhandels hatte sehr frühzeitig eine eigene RGW-Kommission hervorgebracht, ohne dass diese aber im Rahmen des RGW einen wirklich bedeutsamen Status erhielt. Mit der Bildung der Ständigen Kommissionen des RGW nach der VII. Ratstagung ging die Koordinierung und ihre Gestaltung in den Kompetenzbereich der Kommissionen für Außenhandel (SKAH) und für komplette Anlagen über, deren Sekretariate die Clearingfunktion der früheren Kommission übernahmen. 1 Allerdings kamen damit die kommerziellen Ziele bei der Koordinierung des Westhandels weiter in den Sog politischer Zielstellungen gegenüber den „schwach entwickelten kapitalistischen Ländern“. Statt einer bloßen Koordinierung der Handelstätigkeit sollten nun die handelspolitischen Richtlinien abgestimmt werden. 2
Im Statut der SKAH sollte entsprechend dem sowjetischen Entwurf die konkreten Formen der Koordination verankert werden. Dagegen gab es von polnischer Seite Änderungsvorschläge „grundsätzlicher Natur“. Demnach sollten die Formen und Methoden der Koordinierung zwischen den interessierten AHO der Länder festgelegt werden. Erst „nach einer längeren Diskussion“ schlossen sich die „polnischen Genossen“ dem Standpunkt der anderen Länder an und das Statut wurde mit geringfügigen Änderungen angenommen. 3 Es handelte sich also um eine Institutionalisierung, die weniger auf der Hegemonialposition der UdSSR beruhte als auf den Mechanismen der Ebene 4, die im „Raum“ der Kommission wirken konnten. Zudem wuchs die Erwartung, dass der höhere Status dieser Kommission zu neuen Ergebnissen führen müsste. Die bulgarische Seite hielt es für „unbedingt notwendig, dass die geschaffene Ständige Kommission für Außenhandel eine allseitige Einschätzung der Zusammenarbeit, die bis jetzt zwischen den (... AHO) erfolgte, vornimmt und entsprechende Beschlüsse zwecks Verbesserung und Ausweitung der Zusammenarbeit und Vermeidung irgendwelcher Konkurrenz zwischen den sozialistischen Ländern annimmt“. 4 In dieser Phase drängten auch einzelne AHU darauf, dass „durch den Rat generell der Beschluss gefasst wird, dass die Außenhandelsgesellschaften aller sozialistischen Länder verpflichtet werden, für die von ihnen nach den kapitalistischen Märkten exportierten Artikel sich dem Abkommen bezüglich der Preisabstimmung anzuschließen“. 5
Wie auch im Intra-RGW-Handel brachten die Jahre 1956/57 eine Belebung wie eine Belastung der Koordination. Die dazu 1957 erarbeiteten Bestandsaufnahmen warfen oft kein günstiges Licht auf den Stand der Kooperation. Beschlüsse der Koordinierungskonferenzen, die von den Teilnehmern als „verbindlich“ anerkannt worden waren, wurden demnach „in vielen Fällen von den Partnern nicht ernst genommen“. Es löste „Beunruhigung“ aus, dass die Negativbeispiele in einzelnen Koordinierungsbereichen (wie Nahrungsmittel) „schon keine Einzelbeispiele“ mehr waren, sondern langsam begannen, „typisch zu werden für die Zusammenarbeit“. 6 Andererseits schätzte die DDR-Seite die Ausweitung der Koordinierung durchaus positiv ein. „Neben den im Jahre 1956 erstmalig durchgeführten Konferenzen für
1 Die Ständige Kommission für die Koordinierung (...) kompletter Anlagen arbeitete bereits Mitte Mai 1956, wurde aber im Dezember 1958 in die SKAH eingegliedert. Aufgrund regelmäßiger Informationen der Länder sollte ein unmittelbarer Kontakt für ein koordiniertes Auftreten empfohlen werden. Protokoll der Tagung v. 14.-16.5.1956; BArchB DL-2 1005, Bl. 167ff.
2 So die Forderung der CSR-Seite auf der 1. Sitzung der SKAH im April 1957; BArchb DL-2 3357, Bl. 113.
3 Bericht über die 1. Tagung der SKAH v. 3.-5.4.1957 in Moskau; BArchB DL-2 982, Bl. 182ff.
4 Information des MAH der VRB über die „Erfüllung der Beschlüsse (...)“ im IV. Quartal 1956; BArchB DL-2 3593, Bl. 163.
5 DIA Glas-Keramik: Vorschläge für die Verbesserung und Erweiterung der internationalen Zusammenarbeit (...), 19.9.1956; BArchB DL-2 3729, Bl. 130.
6 Material für die Tagung der Kommission Außenhandel des RGW; BArchB DL-2 3846, Bl. 39f.
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Waren, die neu in die Koordinierung aufgenommen wurden, wurde auch die Zusammenarbeit bei den bereits koordinierten Waren verbessert. Es ist festzustellen, dass im vergangenen Jahr eine noch festere Bindung zwischen den Außenhandelsorganisationen erreicht wurde und wenig Fälle eines unkoordinierten Auftretens zu verzeichnen sind.“ Von Interesse ist dabei vor allem der institutionelle Mechanismus, der mit dieser positiven Wahrnehmung verbunden war. „Es wirkte sich gut auf die Zusammenarbeit aus, dass im letzten Jahr [dazu] Gelegenheit war, in persönlichen Aussprachen mit den Genossen der Abteilungen für Internationale Zusammenarbeit der (...MAH der CSR und UVR) alle die Fälle zu klären, in denen Verstöße gegen die Prinzipien der Zusammenarbeit durch einzelne Organisationen festgestellt wurden. Es kommt unserer Meinung nach darauf an, diese Verbindungen zu festigen und die Möglichkeiten zu schaffen, dass diese persönliche Verbindung auch mit den Genossen der anderen Außenhandelsministerien zustande kommt.“ 1 Entscheidend waren also weniger die organisatorische Einbindung in den RGW als die Stabilisierung der Mechanismen auf Ebene 4. 2 Andererseits konnte die starke Aktivität der neuen Ständigen Kommission für Außenhandel (SKAH) hier eine Veränderung bewirken.
Gerade 1957 drängten die AHO auf ein „organisiertes Vorgehen“ und entwickelten auf ihren Konferenzen eigene Vorschläge wie die Schaffung zentraler Ein- und Verkaufsorganisationen in der Metallurgie. 3 In Bereichen, wo ein Überangebot der SL herrschte, wurde auch eine „Planabstimmung“ für „erforderlich“ gehalten. 4 Die von Teilen der „Basis“ 5 angestrebte stärkere Verregelung und Zentralisierung konnte sich mit den Bemühungen des RGW um eine verstärkte Arbeitsteilung verbinden. Eine Arbeitsgruppe der SKAH zur Erweiterung des Handels zwischen den SL befasste sich auch mit diesem Thema. Dort kam es zu dem Vorschlag - ausgehend von der Produktionskoordinierungverschiedene kapitalistische Märkte von der Warenseite her aufzuteilen, um durch eine größere und rentablere Produktion auf diesen Märkten konkurrenzfähiger zu werden. Dies wurde ergänzt durch die Idee, gemeinsame Verkaufsprogramme zu entwickeln. 6
Dies war aber keinesfalls allgemein anerkannt. Während die CSR und Polen neue organisatorische Lösungen suchten und sich auch Ungarn und Rumänien die „neuen Formen der Zusammenarbeit“ unterstützten (wie etwas vorsichtiger auch die DDR), sprach sich die UdSSR (mit Bulgarien im Schlepptau) auf einer Konferenz im Oktober 1957 für eine „Koordinierung auf der Grundlage der bisher gefassten Beschlüsse“ aus. Somit erreichte die Tagung am zweiten Tag „ihren Stillstand“; erst ein Kompromissvorschlag der DDR-Seite zeigte einen „Ausweg“ für die nächste Konferenz. 7 Somit blockierten nicht etwa Polen oder
1 Information des MAI über die Erfüllung der Beschlüsse für Waren, die zwei- oder mehrseitig koordiniert werden, für das Jahr 1956 (geheim), o.D. BArchB DL-2 3577, Bl. 413f.
2 Dies zeigte sich auch auf der Ebene einzelner AHU wie dem DIA Glas-Keramik: „Trotz der Vielzahl und der großen Unterschiedlichkeit der Exportartikel sind wenig Fälle eines unkoordinierten Auftretens auf den Märkten vorgekommen. Besonders zweckmäßig erwiesen sich die persönlichen aussprachen der AHO. Besondere Erfolge zeitigte diese Methode der Abstimmung mit den Organisationen der CSR.“ Ebenda, Bl. 421, vgl. auch Bl. 424.
3 Nach einem Beschluss der Konferenz von Varna im Juli 1957 sollten UdSSR, VRP und CSR Vorschläge für die weitere Koordinierung ausarbeiten. Die UdSSR legte diese nur mündlich dar. Nach dem Vorschlag der CSR sollte eine gemeinsame Handelsorganisation die Kontingente bündeln, sie gemeinsam mit den „Zentralen“ verhandeln und dann die „in Übereinstimmung gebrachten Mengen“ mit einheitlichen Limitpreisen und Lieferbedingungen unter die beteiligten Zentralen verteilen, die unmittelbar den Ein- oder Verkauf durchführen sollten. Grundriss der Tätigkeit des zukünftigen Ein- und Verkaufsbüros v. 1.10.1957; BArchB DL-2 3560, Bl. 14ff.
4 So in einem Beitrag der DDR-Delegation auf der Konjunkturtagung des RGW v. 5.-8.1.1958; BArchB DL-2 955, Bl. 190ff. Vgl. auch die „längere Diskussion“ Balkows mit dem Handelsrat der UVR. DL-2 1082, Bl. 11ff.
5 Andere AHG setzten auf dezentrale Lösungen. Vgl. z.B. BArchB DL-2 3571, Bl. 206.
6 Vorschläge zur Erweiterung des Handels zwischen dne SL (HA II - Allgemeiner Maschinenbau); v. 30.7.1957; BArchB DL-2 982, Bl. 230.
7 Bericht von der Tagung am 1. u. 2.10.1957 (...); BArchB DL-2 3560, Bl. 12f. vgl. auch die folgende Anm.
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Rumänien eine stärkere Koordinierung des Westhandels, sondern die sowjetische Seite. 1 Ohnehin aber hätte die stärkere organisatorische Verregelung eine institutionelle Konfiguration vorausgesetzt, in der Gremien der „Setzung“ von Regeln mit akzeptiertem Status bestanden. Angesichts der „Meinungsverschiedenheiten über die Formen einer weiteren Vertiefung der Koordination“ erwartete man (vergeblich) „nähere Anweisungen“ von den Ministerien oder vom RGW. 2
Nach längerer Diskussion, die „neben der unbedeutenden Quantität“ der koordinierten Waren auch „gegenwärtig stark“ ausgeprägte „Mängel und Schwächen“ zeigte 3 , standen im Dezember 1957 „Maßnahmen zur Verbesserung“ der Koordinierung auf dem Programm der SKAH. Selbst die rumänische Seite hatte darauf gedrängt, die Ein- und Verkäufe gegenüber dem KA zu koordinieren und die Fälle zu beseitigen, in denen „eines der befreundeten Länder Waren in kapitalistische Länder verkauft, die ein anderes befreundetes Land benötigt“. 4 Als „Hauptaufgabe“ wurde aber nur die „Vervollkommnung der (...) bewährten Formen der Koordinierung“ festgelegt. Die Rolle der Koordinierungskonferenzen der AHU sollte angehoben werden (zugleich aber auf Treffen einmal pro Jahr beschränkt werden, ergänzt um operative Treffen). Beim Kauf von Rohstoffen oder Nahrungsmitteln sollten Konsultationen mit dem Hauptkäufer dieser Waren durchgeführt werden; Abweichungen vom Preislimit sollten bei großen Warenmengen nur nach Vereinbarung mit den Partnern gestattet sein; den MAH wurde empfohlen, die Kontrolle des Preisniveaus zu verstärken; das Auftreten bei Ausschreibungen sollte abgestimmt werden. Insgesamt war dies eine wenig modifizierte Festschreibung der bisherigen Praxis. 5
Der Institutionalisierungstyp war dabei weniger „Setzung“ als dezentrale „Aushandlung“, d.h. für das Gesamtgefüge „Wachsen“. 6 Dabei wurden bei aller „Einheitlichkeit in der Auffassung“, dass eine enge Zusammenarbeit gegenüber dem KA „unerlässlich, notwendig und nützlich ist“, zahlreiche weitergehende Vorschläge der Länder nicht berücksichtigt. So wollten die DDR und die VRB durchsetzen, dass alle am Handel der jeweiligen Ware beteiligten AHO an der Koordinierung teilnehmen „sowie die Beschlüsse der Beratungen (...) und auch die dabei festgesetzten Preislimite als für sie verbindlich anzusehen haben“. Die Preislimite sollten auch Sonderrabatte enthalten. Dem war kein Erfolg beschieden wie den zahlreichen Vorschlägen nach „neuen Formen der Zusammenarbeit“: der Schaffung gemeinsamer Rohstoffreserven (CSR), eines gemeinsamen Kreditfonds (UVR), Aufteilung und Quotierung der Märkte (UVR), die Schaffung von Koordinationszentren (RVR) oder
1 Bereits auf der 1. Sitzung der SKAH hatte der sowjetische Vertreter angedeutet, dass es nicht um neue Beschlüsse zur Koordinierung gehen solle, sondern um eine bessere Durchführung der vorhandenen. Die Koordinierung sollte vor Ort erfolgen und „ohne langwierigen Verhandlungen in den Zentralen“. BArchB DL-2 3357, Bl. 115f.
2 Zwischenbericht über die Aussprache der AHO der SL v. 24.-27.7.1957; BArchB DL-2 3560, Bl. 22f. Gerade in der Metallurgie wurde ein höherer organisatorischer Status der Koordinierungsgremien angestrebt: die Koordinierungskommission innerhalb der SKAH sollte einen eigenen Ständigen Vorsitzenden und ein Sekretariat erhalten. Die Zusammenarbeit sollte nach einem „ausführlichen Statut“ geregelt werden. Vierteljährliche Koordinierungskonferenzen sollten Limitpreise u.ä. „für alle Teilnehmer verbindlich festsetzen“. Vorschlag (...) laut Resolution der Sitzung der Vertreter der AHU in Varna u. Protokoll v. 2.10.1957; DL-2 3560, Bl. 20f. u. 11.
3 Information des MAH der VRB (...) v. 13.8.1957; BArchB DL-2 3590, Bl. 176; Material für die Tagung der Kommission Außenhandel (...); DL-2 3846, Bl. 39ff.
4 Ministerium für AH der RVR an die Minister der RGW-Länder v. 26.11.1957; BArchB DL-2 982, Bl. 170.
5 Protokoll der Tagung der SKAH v. 10.-13.12.1957; BArchB DL-2 3583, Bl. 16ff. Über die Festlegungen einer Beratung der AHG der SL Anfang 1957 ging vor allem die Formulierung über die „Vereinbarung“ bei Preisabweichungen hinaus. Vgl. DL-2 3587, Bl. 16ff. Die Beschlüsse folgten im wesentlichen dem Projekt des Sekretariats der Kommission, also sowjetischen Vorstellungen. DL-2 3590, Bl. 212ff.
6 Als Beispiel für die Entwicklung der Bestimmungen, die dann von der SKAH aufgenommen wurden, vgl. die Entwicklung der Koordinierung im Bereich Transportmaschinen seit 1953. BArchB DL-2 3571, Bl. 97ff; auch DL-2 3587, Bl. 224.
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gemeinsamer Büros für Ein- bzw. Verkäufe bestimmter Waren (VRP). Dies lag an der Reserve einzelner Länder gegenüber einer „Verletzung der handelspolitischen Interessen“, wahrscheinlich aber vor allem an der Zurückhaltung der UdSSR. 1 Ähnlich erging es polnischen Vorschlägen im Bereich kompletter Anlagen, die diesbezüglichen Exportpläne zu koordinieren und gemeinsame AHG zu bilden. 2 Insgesamt blieb es bei einer „Vervollkommnung der bewährten Formen“. 3 Ergänzt wurde dies um die Absichtserklärung, zu einer „größeren Aktivität“ auf dem Gebiet der Handelspolitik zu kommen. Die Abstimmung „aller handelspolitischen und kommerziellen Hauptfragen“ sollte zu einer „höheren Form der Koordinierung der Handelspolitik“ führen. 4 Reale Ergebnisse waren jedoch nicht zu erkennen.
Die entscheidende Institutionalisierungsform blieb somit weiter der dezentrale Weg. So wurde in der SKAH vorgeschlagen, für einzelne Märkte oder Produkte sogenannte „Konsultanten“ einzusetzen. Dem setzte die DDR erfolgreich den Vorschlag gegenüber, die „Praxis (...) von Beratungen der Vertreter der interessierten Außenhandelsorganisationen beizubehalten“. Dieses Gremium sollte das Auftreten auf einzelnen Märkten „in allen Einzelheiten“ (Preise, Zahlungsbedingungen, Garantien usw.) festlegen. Die beteiligten AHO sollten sich „streng an diese Festlegungen halten“. 5 Dennoch entwickelte sich schrittweise als „höhere Form der Zusammenarbeit“ - als Ergebnis der konkreten Koordinationstätigkeit der AHO - seit 1956/57 das Konsulatantensystem (am Anfang auch „Koordinatoren“ oder System der „Patenschaft“). In den Bereichen, wo das System sich etablierte, wurde für jeden Markt (d.h. jedes Land und/oder jede Ware) ein AHU festgelegt, das als Informationszentrale und Anlaufstelle für die Koordination fungierte. 6 Immerhin erfolgte 1957 der größte Sprung bei der Ausweitung der koordinierten Produktgruppen; es kamen mehr als 30 hinzu. (vgl. Anlage I) Zudem erfolgte eine Ausdifferenzierung innerhalb der Gruppen: Bei Farbstoffen wurden 1957 für 90 Produkte Koordinatoren und Stellvertreter festgelegt, bei Chemikalien ging es um 49 Produkte.
Immerhin zeigte sich 1957 bei den „nicht zentral koordinierten Waren“ trotz der Zurückhaltung der sowjetischen Partner kein besonders negatives Bild. Die Exportländer DDR und CSR waren insgesamt am aktivsten. 7 Von den 48 Konferenzen der AHO waren immerhin 40 mehrseitig mit durchschnittlich 5 Teilnehmerländern. Wenn die Konferenzen im Durchschnitt mehr als 4 Tage dauerten, war das eine gute Gelegenheit, sich „kennen zu lernen“ und soziale Mechanismen auszubilden. Immerhin konnten als „positives Ergebnis“ Preisabstimmungen für 80% der behandelten Waren erreicht werden. Allerdings war das Kooperationsdilemma deutlich: Wenn auch nur ein Partner sich bei der operativen
1 Bericht über die durchgeführte Arbeit auf dem Gebiet der Koordinierung (...) und Vorschläge zur weiteren Verbesserung der Arbeit, o.D. BArchb DL-2 3590, Bl. 198ff. Entwurf (…) v. 1.7.1957; DL-2 3590, Bl. 193f. Bericht Raus über die 2. Tagung der SKAH, v. 31.12.1957; SAPMO BArch DY 30 J IV 2/202 - 241.
2 Diese Vorschläge erfolgten in der Ständigen Kommission im Dezember 1957. BArchB DL-2 3477, Bl. 170ff.
3 Der Beschluss der SKAH umfasste eine Steigerung der Rolle der Tagungen der AHU, einer verstärkten Kontrolle, v.a. des Preisniveaus, durch die AHM, Abstimmung bei Ausschreibungen, einem Meinungsaustausch der Ministerien sowie Informationen und Abstimmung der Handelsvertreter „vor Ort“. Protokoll der Tagung der SKAH v. 10.-15.12.1957, S. 12ff.; BArchB DL-2 3846, Bl. 117fff.
4 Bericht Raus über die 2. Tagung der SKAH, v. 31.12.1957, S. 8f.; SAPMO BArch DY 30 J IV 2/202 - 241.
5 Bericht Raus über die 2. Tagung der SKAH, v. 31.12.1957; S. 8f. SAPMO BArch DY 30 J IV 2/202 - 241.
6 Nach Aussage der ungarischen Seite wurde das (verwandte) System der „Patenschaften“ 1957 noch wenig angewandt. BArchB DL-2 3590, Bl. 239f. Die konkreten Aufgaben der Konsulatanten wurden zunächst dezentral ausgehandelt. Als Beispiel vgl. DL-2 3647, Bl. 30f.
7 Während sowjetische AHO sich nur 16x beteiligte, waren CSR an 45, die DDR an 44 und VRP an 34 Konferenzen beteiligt. 33 Konferenzen fanden in Berlin und Prag statt, 4 in Moskau. An einigen nahmen koreanische und chinesische Beobachter teil. Koordinierung der Verkäufe und Einkäufe durch die Handelsorgane in den Teilnehmerländern des RGW - nicht zentral koordinierte Waren (geheim, o.D.); BArchB DL-2 3584, Bl. 17ff.
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Koordination „nicht diszipliniert“ verhalte, entstehe ein Schaden für alle. Um so mehr treffe dies für die Partnerländer zu, die nicht an der Koordinierung teilnähmen. Deshalb wurde gefordert, dass sich alle AHO an der Koordinierung beteiligen sollten. Das Sekretariat des RGW sollte alle bekannt gewordenen Verstöße an die Stellvertreter der Länder im RGW weiterleiten. Der Status der abgeschlossenen Protokolle war ohnehin äußerst niedrig, auch wenn sie an den RGW gesandt wurden. Auch wenn das in den Protokollen so formuliert war, erfolgte keine offizielle Bestätigung durch die AHM, sondern nur deren Information. 1 Die Koordinierung in diesem Bereich verblieb also in einem erstaunlichen Maße dezentral.
6.5.2 Die Entwicklung Ende der 50er Jahre bis 1962
Neue Impulse konnten aus der 1958 verstärkten Abstimmung des Maschinenbaus kommen. Hier waren besondere Anforderungen an die Institutionalisierung gestellt, da bei heterogenen Gütern Preislimite besonders schwer aufzustellen und zu kontrollieren waren. Zudem war der Preiskampf hier stark ausgeprägt. 2 Im allgemeinen Maschinenbau wurden Fälle von Preisunterbietungen 1958 „besonders gehäuft“ festgestellt. Bei den Mitarbeitern der AHU zeigte sich „eine gewisse Resignation zu diesen Problemen“, auch weil „noch keine einheitliche Organisationsmethode gefunden wurde“. 3 Immerhin wurde „der Arbeit des Rates und seiner Kommissionen“ im Jahre 1958 ein „weitaus größerer Einfluss als bisher auf die Zusammenarbeit“ der AHU selbst in Bereichen des Maschinenbaus zugebilligt. Die diesbezüglichen Beschlüsse der IX. Ratstagung brachten zwar nur allgemeine Erklärungen, symbolisierten aber den höheren Status dieser Frage. 4 Zudem wurde in der SKAH eine eigene Arbeitsgruppe für den Export von Maschinen und Ausrüstungen gebildet, die seit Mai 1958 „Beschlüsse“ zur Verbesserung der Koordinierung ausarbeitete. Auf der 2. Plenartagung im Mai 1959 machte die DDR-Delegation einen Vorschlag zur „Verbesserung und Vertiefung des Konsultantensystems“. Dessen Prinzipien wie die Rechte und Pflichten der Konsulatanten wie der anderen Partner sollten im Protokoll exakt festgelegt werden. Obwohl die UVR und teilweise die CSR und VRP „gleiche oder sogar noch weitergehende Vorschläge (...) vorgetragen hatten, war es (...) nicht möglich, diesen Vorschlag durchzusetzen, insbesondere auch dadurch, weil auf Grund der Diskussion der UdSSR, die dafür plädierte, nicht durch zu konkrete Festlegungen die operative Handelstätigkeit zu hemmen, diese Länder von ihren eigenen Vorschlägen abrückten.“ Die Isolierung eines Teilnehmers konnte sich - gegen die UdSSR - nicht als Mittel der Institutionenbildung durchsetzen: sozusagen eine antihierarchische Hegemonie.
Allerdings verhinderte dies nicht die weitere Diskussion: Die DDR sollte entsprechende Vorschläge ausarbeiten. 5 Zunächst blieben die entscheidenden Fragen weiterhin an die AHU delegiert. 6 Abgesehen von einer Ausdehnung des Konsulatantensystems auf eine breitere
1 Ebenda.
2 Die DDR stellte 1957 Preisunterbietungen durch CSR-Firmen bis zu 30% fest und befürchtete einen „Preisdruck“. Deshalb sollte ein „einheitliches Vorgehen“ vereinbart werden. BArchB DL-2 1005, Bl. 233f. Zu den Problemen, Vergleichspreise für komplette Anlagen zu bestimmen, vgl. DL-2 3477, Bl. 25ff. vgl. auch das Material einer Tagung der Ministerien und AHO im Jahre 1958; DL-2 3647, Bl. 49ff.
3 Bericht v. 1.10.1958; BArchB DL-2 3735, Bl. 102ff.
4 Über die Ergebnisse der Arbeit (...) Entwurf v. 17.2.1959; BArchB DL-2 4168; Bericht v. Polygraph-Export v. 8.7.1959; DL-2 4168, o.Bl.)
5 Bericht über die 2.Plenartagung (...) v. Mai 1959 in Prag, S.7; BArchB DL-2 4160.
6 Die Arbeit blieb in der Tradition der 1. Plenartagung der Arbeitsgruppe, wo empfohlen wurde, die Formen der Preislimite (Orientierungspreise oder Preislimite), die Erweiterung des Konsultationssystems, die Bedingungen für die Abstimmung bei Ausschreibungen, die Verbesserung des Institutionsaustauschs zu erörtern und die Kontrolle der Beschlusserfüllung zu verstärken. Institutionalisierung wie Institutionenbildung blieben stark dezentral. Protokoll der 1. Plenartagung der Arbeitsgruppe (...) in Budapest v. 28.-31.5.1958; S. 7ff. BArchB DL-2 4160.
432
Nomenklatur von Maschinen und Ausrüstungen erschöpften sich die Festlegungen in einer „exakteren und vollständigeren Erfüllung“ oder „Vervollkommnung“ der alten Beschlüsse. 1 Dies bedeutete nicht unbedingt eine Stagnation, aber auch nicht mehr als die graduelle Ausweitung der koordinierten Waren und Verbesserung der Koordinationstech-niken. 2 Neue Impulse waren notwendig.
Seit Ende der 50er Jahre erhielt die Koordination zusätzliche Motive. Absatzproblemen und „Krisenerscheinungen“ im KA wurden kritisch wahrgenommen wie die Bildung des „Gemeinsamen Marktes“. 3 Hier deuteten sich im Verlaufe des Jahres 1957 eine außenpolitisch begründete Motivation an, dass die „wirtschaftlichen Maßnahmen der sozialistischen Länder noch besser koordiniert“ werden müssten, um ein „Gegengewicht gegen den wirtschaftlichen Einfluss der Bundesrepublik“ zu etablieren. Allerdings blieb der Anspruch mancher Außenministerien, eine außenpolitische Lenkung der Wirtschaftspolitik durchzusetzen und diese mit den anderen Außenministerien zu koordinieren, eine Marginalie. 4 Zudem erhöhten die Absatzprobleme im KA auch die Anreize, „um Rückschläge durch Auftragsrückgang zu vermeiden, bei gleichzeitiger Verstärkung des Kampfes um die Erfüllung der Pläne, getroffene Vereinbarungen zu missachten“. Dies drohte „zwischen den Mitarbeitern der AHO eine Atmosphäre einer ungesunden Konkurrenz und des Misstrauens“ hervorzurufen. 5
Bedeutsamer war aber, dass damit die Frage von den politischen Spitzen wahrgenommen wurde und auf der Konferenz der Parteiführer zu Wirtschaftsfragen, die Ende Mai 1958 in Moskau stattfand, diskutiert wurde. Die Frage, wie man sich von den „Kriseneerscheinungen“ der kapitalistischen Welt abschirmen konnte, war ein wichtiges Thema und Länder wie Ungarn, Polen oder die DDR betonten die Notwendigkeit, „eine engere Zusammenarbeit der sozialistischen Länder“ in ihrem Handel mit den KL, vor allem bei der Abstimmung der Preise und Lieferbedingungen, „zu sichern“. 6 Der sowjetische Vertreter forderte dazu auf, auch in Krisenzeiten auf dem kapitalistischen Weltmarkt zu handeln und schlug in diesem Zusammenhang vor, alle drei Monate Beratungen der Außenhandelsminister durchzuführen. 7 Am weitesten gingen aber die polnischen Vorschläge gegen die „unnötige Konkurrenz“ zwischen den AHO der RGW-Länder. Neben einer systematischen Analysetätigkeit und einer systematischen Abstimmung von Handel und Kreditpolitik in der SKAH sollten gemeinsame Handelsorganisationen für bestimmte Güter und gemischte Gesellschaften zum Export kompletter Anlagen gebildet werden. 8 Der
1 Bericht der DDR-Delegation v. 26.9.1960; BArchB DL-2 4156. Protokoll der 1. Plenartagung der Arbeitsgruppe (...), S. 7; DL-2 4160, o.Bl.
2 Die Frage war somit wieder auf der Ebene der Arbeitsgruppe angelangt, wo im Juli 1959 erneut die Regelungen zur Koordinierung im MB diskutiert wurden. Ende 1959 versuchte die DDR eine einheitliche Regelung für Maschinen und Ausrüstungen durchzusetzen, ohne dass allerdings die Kompetenzen der Konsultanten über analytische und organisatorische Funktionen hinausgingen. Bestenfalls sollten sie Vorschläge für das gemeinsame Vorgehen auf dem jeweiligen Markt ausarbeiten. Prinzipien für die Anwendung des Konsulatantensystems (...) v. 23.12.1959 u. Überarbeitete Vorlage (...) v. 6.8.1959. BArchB DL-2 4160.
3 Dies war ein wesentliches Thema auf einer großen Konferenz der MAH und von Forschungsinstituten im Januar 1959. die Koordinierungsmaßnahmen sollten auch angesichts einer „Verschärfung der Konkurrenz“ auf dem Weltmarkt verstärkt werden. BArchB DL-2 4152. vgl. auch DL-2 793, Bl. 73ff.
4 Solche Konzepte wurden im Zusammenhang mit Abstimmungen der Außenministerien der DDR und CSR im Sommer 1957 deutlich. PAAA MfAA d. DDR, A 2844, Bl. 3ff. u. 45.
5 Letzteres die Formulierung der CSR. Entwurf „Über die Ergebnisse der Arbeit zur Koordinierung (...)“ v. 17.2.1959, S. 3 u. 5; BArchB DL-2 4168.
6 Erwägungen der ungarischen Seite (...); SAPMO BArch DY 30 3474, Bl. 356; Rede des Genossen Rau zum TOP 3 (...); ebenda, Bl. 278;
7 So die Äußerungen Kabanovs nach den handschriftlichen Aufzeichnungen Ulbrichts. SAPMO BArch DY 30 3474, Bl. 305.
8 Polen: Die Fragen der Zusammenarbeit (..) auf dem Gebiet des Außenhandels; SAPMO BArch DY 30 3474, Bl. 336f.
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Konferenzbeschluss wies dagegen nur allgemein darauf hin, die Zusammenarbeit im Handel mit den KL zu verbessern und gab den Auftrag an den RGW, eine Analyse der ökonomischen Lage in den KL wie Vorschläge für das gemeinsame Auftreten der SL auszuarbeiten. Der Schwerpunkt lag dabei allerdings auf Gegenstrategien zur „Wirtschaftskrise“. 1 Diesen Vorgaben folgte die IX. Ratstagung vom Juni 1958. Zur Aufrechterhaltung der Marktpositionen sollten Preissenkungen genutzt werden, allerdings „in Abstimmung zwischen den Exporteuren“. Wenn die Vorteile abgestimmten Auftretens besser genutzt werden sollten, bedeutete dies zunächst aber nur, die „bewährten“ Formen der Kooperation „zu vervollkommnen“. Dazu sollte das „System der gegenseitigen Konsultationen“ wie die Nomenklatur zentral koordinierter Waren erweitert werden. Am ehesten ein „Fortschritt“ war der Beschluss, die Kontrolle durch die AHM und die SKAH zu verstärken. Zur „operativen Entscheidung der entstehenden Fragen“ sollten - entsprechend dem sowjetischen Vorschlagin jedem Quartal Beratungen der Außenhandelsminister durchgeführt werden. 2
Wie stark die Anreize aus der Situation des Westhandels waren, zeigt die Diskussion, ob eine GATT-Mitgliedschaft der RGW-Länder anzustreben sei. Hierzu gaben die Teilnehmerländer in der SKAH im November 1958 mündliche Stellungnahmen ab. Die polnische Seite betonte, dass sie „Maßnahmen zum Beitritt zum GATT-Abkommen“ ausarbeiten wolle, da sie als Nichtmitglied wirtschaftliche Nachteile befürchte. Durch die „Bildung des Gemeinsamen Marktes und der Freihandelszone“ steige die Bedeutung des GATT. Die ungarischen Vertreter stimmten dem zu und sprachen sich für ein „einheitliches Auftreten“ und die Ausarbeitung „gemeinsamer Prinzipien“ aus. Die CSR-Delegation informierte als einziges Mitglied im GATT über dessen Praktiken und die „Vorteile und Schwierigkeiten“, die sich aus einer Mitgliedschaft ergäben. Sollte der sowjetische Vorschlag, eine internationale Handelsorganisation im Rahmen der UN zu schaffen, scheitern, solle der Beitritt weiterer sozialistischer Länder erwogen werden. Bemerkenswert ist, dass die rumänischen Vertreter eine Mitgliedschaft ablehnten, da diese für Staatshandelsländer und angesichts vorhandener Meistbegünstigung nicht notwendig sei. Dies war eine recht offene Diskussion, bei der allerdings die Auffassung des sowjetischen Delegationsleiters das entscheidende Gewicht besaß. Dieser betonte, dass der Beitritt eines sozialistischen Landes erfolgen könne, wenn dies vorteilhaft sei und den Grundprinzipien des RGW nicht widerspreche. Der Beitritt zum GATT sei mit bestimmten Verpflichtungen gegenüber diesem Vertragswerk und seinen Mitgliedsstaaten verbunden und dürfe „daher keinesfalls zu irgendwelchen Schäden für andere sozialistische Länder führen“. Für die UdSSR bringe der Eintritt keine Vorteile; man werde ihn erst erwägen, wenn eine internationale Handelsorganisation im Rahmen der UN nicht geschaffen werden könne. Es wurde eine Expertengruppe eingesetzt, um sich weiter auszutauschen. Dort schlossen sich alle Teilnehmer, „der sowjetischen Stellungnahme und den Vorschlägen an“. 3 Die Diskussion zeigt, dass in einer solchen Frage unterschiedliche Positionen formuliert werden konnten, die sowjetische Auffassung aber eine hegemoniale Wirkung entwickeln konnte. Allerdings berücksichtigte diese Position von vornherein den möglichen Wunsch anderer Länder nach einem Beitritt. Der dabei wirkende Mechanismus ist nicht klar zu ermitteln, dürfte aber auf den Ebenen 3/4 gelegen haben.
Gemäß dem Beschluss der Ratstagung wurde im Januar 1959 (wie in den folgenden Jahren) eine Wirtschaftskonferenz zur Frage des Westhandels durchgeführt und die Ergebnisse den
1 Beschluss der Konferenz von Vertretern der kommunistischen und Arbeiterparteien (...); SAPMO BArch DY 30 3474, Bl. 291.
2 Protokoll der IX. Ratstagung v. 26.-30.6.1958: Meinungsaustausch über den Außenhandel mit den kapitalistischen Ländern in der gegenwärtigen Etappe; BArchB DC 20/Microfiche 924.
3 Bericht der Delegation der DDR in der SKAH (und komplette Lieferungen) über die 1. Tagung der Kommission v. 25.-27.11.1958, S. 9ff.; BArchB DL-2 3344, Bl. 41ff.
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AHO zur Ausnutzung empfohlen. Bei der Kontrolle der Koordinierungsbeschlüsse verließ man ein Stück weit den dezentralen Pfad der Institutionenbildung. Die SKAH beschloss, die Ergebnisse der Wirtschaftskom-mission umzusetzen und periodisch die Ergebnisse der Koordinierung zu untersuchen. Von einem grundsätzlich neuen Mechanismus war aber (aufgrund der institutionellen Kosten) wenig zu spüren. 1 Dies betraf selbst die neugeschaffene „Tagung der Stellvertreter der Minister für Außenhandel“, die „Fälle der Nichteinhaltung“ der Koordinationsbeschlüsse wie „andere Fragen der Verbesserung auf dem gegebenen Gebiet“ untersuchen sollte. So wurden auf der ersten Tagung im Juli 1959 „einzelne Fälle eines nichtabgestimmten Vorgehens “ bei Verkäufen ins KA sowie Maßnahmen zur Verbesserung dieser Kooperation behandelt. 2 Dabei ging es weniger um ein neues institutionelles Design als um die Verbesserung der vorhandenen Formen und die „Hebung der Disziplin“ der AHO bei der Umsetzung. Dies bedeutete im Grunde eine Förderung der Mechanismen der Ebene 4, die zuvor der Sparsamkeit wegen eingeschränkt worden waren. 3 Angesichts der sehr moderaten Zentralisierung müsste eine Veränderung des Institutionalisierungsniveaus stärker auf eine Statusveränderung der Koordinierung als auf eine Zentralisierung zurückgeführt werden. Im Grunde war jetzt (abgesehen von der Zahl der Koordinierungsbereiche) nur das organisatorische Niveau der Jahre 1950/52 wieder erreicht und erweitert worden. Die Behandlung dieser Fragen in der SKAH, den Konferenzen der stellvertretenden Außenhandelsminister, der RGW-Ratstagung, ja sogar des Wirtschaftsgipfels vom Mai 1958 waren aber konkreter wie symbolischer Ausdruck neuer Ansprüche, ohne gravierende organisatorische Änderungen mit sich zu bringen. Diese hätten eine Veränderung der Gesamtstruktur des RGW vorausgesetzt. Wie waren die Ergebnisse?
Die Einschätzung der Länder über die Ergebnisse der Koordinierung im Jahre 1959 war insgesamt durchaus „positiv“. So stellte nicht nur das MAH der UVR fest, dass sich die Tätigkeit der AHO in den vergangenen ein bis eineinhalb Jahren „in bezug auf die Zusammenarbeit, sowie ihre Gebiete und Methoden, wesentlich erweitert hat“ und man sie als „erfolgreich und nützlich“ ansehe. Die Flut aufgelisteter „Erfolge“ inklusive „Deviseneinsparungen“ spiegelt natürlich nicht die (gesamte) „Realität“; sie ist aber ein Hinweis darauf, was auf dieser Ebene als „angemessen“ galt. So behauptete das MAH der CSR, dass eine „Verringerung der Fälle nicht koordinierten Auftretens auf kapitalistischen Märkten“ zu beobachten sei. Dagegen bemerkte die ungarische Seite, dass aufgrund der ständigen Ausweitung der Koordinierungsbereiche „trotz der positiven Ergebnisse (...) die Fälle nicht koordinierten Auftretens (...) häufiger wurden“. Somit mussten „wesentliche Mängel“ eingestanden werden, ja selbst der Informationsaustausch als „im allgemeinen unbefriedigend“ bezeichnet werden. Dennoch bleiben die Vorschläge zur „Verbesserung“ im
1 In der Tagung der SKAH im März 1959 wurden die Ergebnisse der Moskauer Wirtschaftskonferenz vom Januar d.J. ausgewertet und beschlossen zur Verbesserung der Koordinierung diese Fragen „von Zeit zu Zeit“ auf den Kommissionssitzungen zu beraten. Die Preisfrage sollte auf einer „ordentlichen Kommissionssitzung“ beraten werden. „Je nach Notwendigkeit“ sollten „Fälle der Nichteinhaltung“ auf den Tagungen der Stellvertretenden Minister behandelt werden. Protokoll Nr. s der Tagung der SKAH 8und komplette Anlagen) des RGW v. 3.3.1959; BArchB DL-2 2785, Bl. 75. Vgl. auch die folgende Anmerkung.
2 Zusammengefasste Information über die Ergebnisse der Arbeit zur Koordination (...), S. 1f.; BArchB DL-2 VA/N 6760, o.Bl. Die Beschlüsse der SKAH folgten der Auswertung der Vorschlägen der „Arbeitsgruppe der Wirtschaftskonferenz“. Protokoll der Tagung der SKAH v. 3.3.1959; DL-2 2785, Bl. 74f.
3 Bemühungen um die Straffung der Koordinationsbereiche und die Einschränkung der Zahl und Dauer der Sitzungen gab es spätestens ab 1956. Abgesehen davon fanden 1959 32 Tagungen für zentral koordinierte Waren statt, an denen 750 Vertreter der AHO teilnahmen. Auf einer Sitzung v. September 1959 sah es die Kommission für zweckmäßig an, „kurze Zusammenkünfte“ der Leitungen der AHO „zwecks konkreter Abstimmung“ durchzuführen. Zusammengefasste Information (...), S. 3f. BArchB DL-2 6760, o.Bl. Im Sinne dieses dezentralen Weges beschloss z.B. die Konferenz für Elektroinstallationsmaterial im Januar 1960 eine Selbstverpflichtung zur Einhaltung der Beschlüsse und gegenseitigen Kontrolle. Zudem wurden die festgesetzten Mindestpreise für „verbindlich“ erklärt. Unterschreitungen bedurften der einheitlichen Zustimmung aller Partner. DL-2 3741, Bl. 111f.
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Rahmen von bloßen Erklärungen oder von kleinen Schritten. Am weitesten ging noch der Vorschlag der UVR, die Tagungen der stellvertretenden Außenhandelsminister systematischer durchzuführen und ihre Funktionen zu erweitern. Das MAH der VRP
dagegen „lenkte die Aufmerksamkeit darauf, dass das gemeinsame Vorgehen der (...AHO) elastischer sein müsste und nicht den Eindruck einer geschäftlichen Abmachung im Sinne der Verteilung von Warenpartien auf bestimmte Märkte hervorrufe“. Die Vorschläge der UdSSR beschränkten sich darauf, die Arbeit 1960 fortzusetzen und Tagungen für zweitrangige Waren zusammenzulegen. 1 Es wird deutlich, dass alle Parteien mehr oder weniger „souveränen“ Spielraum über ihre Handelsmöglichkeiten im KA zu bewahren trachtete. Dennoch erscheint die Zahl der „Fälle nichtvereinbarten Auftretens“ im Jahre 1959 relativ gering. Auch wenn sie mit den „Erfolgen“ nicht aufgewogen werden können, da die Negativbeispiele meist gravierender waren, zeigen die Zahlen wie die detaillierte Rückkopplung der Fälle an die SKAH, dass die Institutionalisierung „wirkte“: Etwa 164 Beispielen für Koordinierungserfolge standen etwa 23 Negativbeispiele in der zentralen Koordinierung und 29 in der nicht zentralen gegenüber. Dabei konnte die Rückkopplung durchaus „Verstöße“ in der Zukunft vermindern. 2 Das Gesamtbild für 1959 bleibt also gemischt. Dennoch bewirkte die moderate Erhöhung des Zentralisierungsniveaus wie die symbolische Bedeutung der Aktivitäten der Ratsorgane eine insgesamt „positive“ Einschätzung der Koordinierung. 3
Wahrnehmungen von positiven Effekten und Verbesserungen der Zusammenarbeit hielten bis Anfang der 60er Jahre an. So gab es auf einer Koordinierungskonferenz für Elektroporzellan „außer einigen Diskussionen zu Fragen der unbedingten Einhaltung der festgelegten Limitpreise keine Schwierigkeiten. Im Gegenteil kann festgestellt werden, dass auch in Diskussionen die ehrliche und offene Stellungnahme einen immer breiteren Raum gewinnt, da allseitig die Erkenntnis vorliegt, dass alle Delegationen durch die gute Mitarbeit (...) nur Vorteile daraus ziehen können.“ 4 Auch in der nach der XII. Ratstagung (Dezember 1959) verstärkt versuchten Abstimmung der Importe von Mangelrohstoffen (Walzmaterial, Kautschuk, Kupfer usw.) wurden die Ergebnisse zunächst „positiv“ bewertet. 5 Die Beschlüsse des RGW bzw. der SKAH wurden auch intern als organisatorische Grundlage, als „ständige Richtschnur des Handelns“ der AHU für die zwei- und mehrseitige Koordinierung
1 Zusammengefasste Information (...), S. 5ff. BArchB DL-2 6760, o.Bl.
2 Zusammengefasste Information (...), S. 5ff. u. Verzeichnis der Fälle nichtvereinbarten Auftretens (...); BArchB DL-2 6760, o.Bl.
3 Dies zeigt auch sehr schön die Stellungnahme der CSR für das erste Halbjahr 1959, wo der Zusammenhang der positiveren Wahrnehmung zu den zahlreichen Konferenzen und Beschlüssen deutlich wird, wie die Hoffnung auf eine stärkere Kontrolle durch das Sekretariat der SKAH wie durch die Konferenzen der stellvertretenden AHM. Information über die Zusammenarbeit (...); BArchB DL-2 794, Bl. 374ff. Als moderater Akt der Zentralisierung sollten Vertreter der AHM an den Konferenzen der AHO für nicht zentral koordinierte Waren teilnehmen, um sicherzustellen, dass die Beschlüsse der SKAH und der Plenartagungen zugrunde gelegt werden. Vorschläge v. 4.5.1960, S. 1f. DL-2 4156, o.Bl.
4 Bericht über die Koordinierungskonferenz Elektroporzellan v. 6.-9.11.1961; BArchB DL-2 3755, Bl. 37. Eine allgemeine positive Einschätzung für 1960 in DL-2 3860, Bl. 233ff.
5 Es war von „positiven Wirkungen“, „engerer Zusammenarbeit“, „großer Hilfe“ und „hohem Niveau“ die Rede. „Fälle nichtabgestimmten Verhaltens“ konnten „nicht aufgezeigt“ werden. Die Vorschläge zur „Verbesserung und Vervollkommnung“ blieben auf praktische Fragen und die Intensivierung der vorhandenen Mechanismen beschränkt. Zusammengefasste Information über die Ergebnisse (...) bei Einkäufen, 1960, S. 1-23. BArchB DL-2 VA/N 6760. Der Kern der Zusammenarbeit lag hier ohnehin bei Informationen und Konsultationen. Die DDR-Seite schätzte ein, dass die Koordinierungsbeschlüsse im MB „richtig waren und die angewandten Methoden sich in der Praxis bewährt“ hatten. Negativbeispiele dienten dazu, „um aufzuzeigen, dass es immer noch eine Reihe von AHG (...) gibt, die die getroffenen Vereinbarungen nicht beachten“ - nicht aber um die Institutionalisierung generell in Frage zu stellen. Bericht der DDR zu TOP 3 (etwa Mai 1960); BArchB DL-2 4156, o.Bl. vgl. auch DL-2 3516, Bl. 2ff.
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betrachtet. 1 Insgesamt dominierte noch ein Aufwärts-Zyklus der angestrebten Institutionalisierung. 2
Dennoch stellt sich die Frage, ob die für die 60er Jahre feststellbare Verstärkung der inneren Anreize für kommerzielle Erfolge nicht die fragile Basis der Koordinierung unterhöhlen musste. Zunächst aber motivierten die materiellen und symbolischen Folgen von EWG und EFTA eine stärkere Zusammenarbeit im RGW, befürchtete man doch von der westlichen Entwicklung „Schaden“ für den eigenen Handel wie eine „noch ausgedehntere Blockbildung der westeuropäischen Länder“. 3
Zudem bedeutete das Zusammenspiel der Koordinierungskonferenzen mit der SKAH und den Tagungen der stellvertretenden Außenhandelsminister ein neues Niveau der Beobachtung und der Rechtfertigungszwänge für „Verstöße“. Auf den Ministerkonferenzen wurde (selbst geringfügige) Verstöße protokolliert, bilateral und multilateral diskutiert, die Abweichungen „verurteilt“ und Beschlüsse über die Beseitigung oder den Weg der Einigung getroffen. Die Vertreter der Ministerien rechtfertigten sich für Verstöße und legten Rechenschaft über die internen Maßnahmen ab. „Verstöße“ wurden als „negativer Faktor der Koordinierung“ behandelt und alle Tagungsteilnehmer „verpflichtet (...), sich streng an die festgelegten Minimallimitpreise zu halten“. Wenn die stellvertretenden Minister erklärten, dass die „von neuem festgelegten Preislimite in Zukunft von keinem der Tagungsteilnehmer unter keinen Umständen versetzt“ werden sollte, war dies von der „Praxis“ weit entfernt - es spiegelt aber eine wichtigen gegenseitigen Anspruch. 4 Ein Beispiel: „Zwecks Sicherung der Valutavorteile für die VRP und die UdSSR beim Verkauf von energetischen Kohlen nach den kapitalistischen Ländern wurde vereinbart, dass [durch] die Ministerien für Außenhandel der VR Polen und UdSSR [...die entsprechenden AHO) verpflichten werden, vom Juni 1960 ab sich gegenseitig vollständige kommerzielle Informationen (...) zu übermitteln.“ 5 Das Zusammenspiel der Gremien lässt sich am besten an einem der gravierendsten Fälle mangelnder Kooperation darstellen, der Abstimmung des WZM-Exportes nach Ägypten. Hier gab es wiederholt Klagen über die Unterschreitung von Preislimiten durch das AHU der
1 Anweisung der Staatssekretäre an die Generaldirektoren der AHU der DDR über die Organisation und Durchführung der internationalen Zusammenarbeit. Anlage 1, o.D. BArchB DL-2 3860, Bl. 267ff.
2 Lanzara 1998. Dies zeigt auch der Beschluss der SKAH vom Juni 1960 „Über die weitere Verbesserung der Koordinierungsarbeit“. Die AHU drängten auf eine Präzisierung der Kompetenzen, war es doch unklar, ob die Konsultanten gemeinsam mit den anderen Delegaten selbständig die Preislimite festlegen konnten. DIA-Elektro an MAI v. 19.4.1960; BarchB DL-2 4156.
3 “Die Schaffung einer solch ausgedehnten Gruppierung würde die politische Geschlossenheit der westeuropäischen Länder im Rahmen der NATO nicht nur verstärken, sondern würde auch den sozialistischen Ländern einen einheitlichen Handelsblock gegenüberstellen, der die wichtigsten europäischen Länder umfasst und dem sich auch die USA anschließen könnten.“ Die kommerziellen Probleme wurden beim Export bestimmter Waren (v.a. Landwirtschaft) gesehen, ja ein „Übereinkommen“ zur Beschränkung des Imports aus den SL nicht ausgeschlossen. Andererseits rechnete man mit Bemühungen, den Handel mit dem RGW sogar auszudehnen. So die Ergebnisse der 2. Wirtschaftskonferenz (...) des RGW v. 22.-25.3.1960 in Sofia; BArchB DL-2 396, Bl. 125ff.
4 So ging es auf den Tagungen vom Juli und Oktober 1961 um das Dauerproblem der Zuckerverkäufe, zu dem sogar Sonderkonferenzen einberufen wurden. Trotz neuer Beschlüsse wurden wiederum 5 Verstöße festgestellt. Daraufhin wurden die AHO verpflichtet, geplante Abweichungen mitzuteilen und nur bei Zustimmung aller Partner „als angenommen zu betrachten“. Protokoll der Tagung der Stellvertretenden Minister v. 11.-14.10.1961 in Berlin; BArchB DL-2 VA/N 6762, o.Bl. Zur Behandlung von Verstößen vgl. die Anlagen zu den Ministerkonferenzen; zur Stellungnahme zu den organisatorischen, erzieherischen und disziplinarischen Maßnahmen vgl. Bericht über die Ergebnisse der Tätigkeit der Organe des AH (...). DL-2 VA/N 6761. Wie detailliert die Feststellung der Verstöße und die folgenden Festlegungen sein konnten, zeigt auch die Koordinierungskonferenzen Zement v. Mai u. Oktober 1962 u. die Ministerkonferenz v. Jan. 1963; DL-2 VA/N 6764, o.Bl. u. DL-2 VA/N 6765, o.Bl. Die (im letzten Fall 27) Negativbeispiele wurden nicht nur aufgelistet, sondern mit Stellungnahmen versehen.
5 Auf diese Weise wurden auf der Konferenz v. 12.-13.5.1960 in 7 Problembereichen Übereinkünfte erzielt. Protokollniederschrift (...); BArchB DL-2 3580, Bl. 47ff.
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DDR, das eigentlich als Konsultant auf diesem Markt wirken sollte. Ein AHU der CSR organisierte daraufhin Treffen mit dem DDR-Unternehmen, von denen die ersten beiden aber rein „formal“ abliefen. Erst auf einem dritten konnte unter Bezugnahme auf in Moskau durchgeführte technische Vergleiche eine Einigung über Minimalpreise und eine schrittweise Erhöhung der DDR-Preise erzielt werden. Allerdings wurde diese Vereinbarung bei der nächsten Ausschreibung nicht erfüllt und Angebote zu dem alten Preis unterbreitet. „Sogar bei einigen Zusammenkünften von Vertretern der MAH der Mitgliedsländer des RGW unmittelbar in Ägypten gelang es nicht, die deutschen Genossen von der Notwendigkeit zu überzeugen, die Preise zu erhöhen. Dieses Auftreten der Organisation WMW beweist, dass ihr Wunsch, in Ägypten Konsultant zu sein, zum Ziel hatte, ihre Position auf dem ägyptischen Markt zu festigen.“ Auch ein „besonderes Schreiben“ an das MAI zu diesem „sehr wichtigen Beispiel der Verletzung der Prinzipien der Koordinierung“ änderte zunächst nichts. 1 Als Anfang 1960 die Beschwerden von AHO der RVR, der VRB und der CSR durch eine Mitteilung des Sekretariats der SKAH an das MAI unterstützt wurden, glaubte die Leitung des Ministeriums reagieren zu müssen und ordnete an, dass der zuständige Generaldirektor von WMW-Export „sofort an Ort und Stelle“ mit den Delegaten der Partnerländer die Angelegenheit überprüft und bis zum 10.5.1960 einen Bericht zu geben hat. 2 Dieser Termin war bewusst gewählt, begann doch kurz darauf eine Konferenz der Stellvertretenden Außenhandelsminister, auf der „Fälle der Nichteinhaltung“ beraten werden sollten. Dort wurde vereinbart, dass im Juni 1960 in Berlin eine Tagung der Generaldirektoren der zuständigen AHO „stattfinden wird, auf der eingehend die Probleme des ägyptischen Marktes behandelt und entsprechende Beschlüsse gefasst werden“. 3 Ein solcher Weg zu einer Einigung war kostspielig; trotzdem führte auch das Zusammenwirken eines gestiegenen Monitoring-Niveaus mit unterschiedlichen Räume, in denen die Mechanismen der Ebene 4 wirken konnten 4 , zu einem Ergebnis. Andererseits konnten diese Mechanismen nur greifen, wenn nicht die Mehrzahl der Unternehmen die Beschlüsse ignorierte. 5 Wenn ein Markt (wie bei Zucker) unter starkem Preisdruck stand, war die Festlegung der Preislimite oft nur eine wirkungslose „Nachtrabepolitik“, die hinter den aktuellen Preistrends hinterherlief. Dies konnte Anreize für organisatorische Innovationen erzeugen; immerhin beklagte ein sowjetischer Vertreter auf einer Tagung der stellvertretenden Minister, dass den SL ein Koordinationszentrum fehlte. Trotz allgemeiner Unzufriedenheit wurde der sowjetische Vorschlag, ein Quotensystem einzuführen, einfach „nicht weiter diskutiert“. Immerhin sollten jedoch monatlich in Moskau durch die AHO die Limitpreise festgelegt werden. 6
Der Trend einer „verbesserten Koordinierung“ setzte sich aber auch in der Wahrnehmung des Jahres 1962 fort, auch wenn die zunehmenden Versuche, den Nutzen genau zu beziffern nur
1 Verzeichnis der Fälle nichtvereinbarten Auftretens (…), S. 2ff. BArchB DL-2 VA/N 6760.
2 Vorschläge zur Verbesserung der Koordinierungstätigkeit (…) v. 4.5.1960, S. 3; BArchB DL-2 4156.
3 Protokollniederschrift über die am 12.-13.5.1960 durchgeführte Tagung der stellv. Minister für AH des RGW; BArchB DL-2 3580, Bl. 51. Ein ähnliches Beispiel waren Preisunterbietungen bei Elektromotoren in der Türkei, das auf einer „RGW-Tagung“ ende 1961 in Prag diskutiert wurde. Die DDR-Seite konnte eine Aufnahme in das Protokoll der Tagung vermeiden und die Sache als erledigt betrachte, da die CSSR-Genossen den Ausführungen ihres Vertreters Vertrauen schenkten. DIA Elektrotechnik an MAI v. 7.12.1961; DL-2 3743, Bl. 229f. u. 231 f.
4 Die Formen sprechen schon an sich für die Mechanismen der Ebene 4. Diese zeigen sich aber auch daran, dass „ein häufiger Wechsel der Teilnehmer an den Konferenzen“ vermieden werden sollte. „Die Entsendung gleicher Teilnehmer hat positiven Einfluss auf das Niveau und das Ergebnis der Tagungen.“ Bericht über die Ergebnisse der Tätigkeit der Organe des AH der DDR (...); BArchB DL-2 VA/N 6761, o.Bl. etc. Protokoll der Tagung der Stellvertretenden Minister (...) v. 27.-30.10.1964; DL-2 VA/N 6769, o.Bl. Mitunter sollte durch „ein persönliches Gespräch der Generaldirektoren diese Haltung überwunden werden“. Bericht über die Ergebnisse der Koordinierungstätigkeit (...) v. 15.1.1963; DL-2 VA/N 6765, o.Bl.
5 Dies kam selbst bei der gegenseitigen Informationspflicht noch vor. AHG Kamera an MAI v. 30.3.1962; BArchB DL-2 3747, Bl. 10.
6 Vermerk für Minister Balkow (...) v. 3.10.1961; BArchB DL-2 VA/N 88, o.Bl.
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begrenzte Erfolge erbrachten und ein Gesamtbild eine Vielzahl gravierender Verstöße beinhaltet, die zeigen, wie machtlos die Institutionalisierung war, wenn einzelne Partner die Koordinierung ignorierten. 1
Fassen wir zusammen: Auch wenn das Spektrum des Verhaltens sehr heterogen blieb und oftmals simples Ignorieren der Kooperation einschloss, war eine Institutionalisierung auf insgesamt mittlerem Niveau (3, teilweise 4) erreicht oder stabilisiert worden. 2 Dies ist vor allem angesichts der Ausweitung der Koordinierungsbereiche, der entgegenstehenden Probleme wie Ziele im Westhandel und der stark gegenläufigen Anreize und Kosten 3 bemerkenswert. Die institutionelle Konfiguration, die dies bewirkte, beruhte auf der Wahrnehmung eines Kooperationsvorteils, der allerdings durch hohe Unsicherheit und starke gegenläufige Anreize gefährdet war. (Ebene 1). Da dezentrale Sanktionen hier kaum greifen konnten und hierarchische Lösungen vom RGW und der SU zunächst nicht zu erreichen waren, mussten die Erwartungen (auch die Erwartungen möglicher eigener Vorteile) über die Mechanismen der Ebene 4 stabilisiert werden. Dabei brachte erst das Zusammenspiel mehrer Ebenen (Konferenzen der AHO, der stellvertretenden Außenhandelsminister wie der Hauptabteilungen, Behandlung in der SKAH, auf Ratstagungen wie jährlichen wissenschaftlichen Konferenzen unter Beteiligung der AHO) die geschilderte Wirkung, indem sie die Mechanismen der Ebene 4 „vermehrte“ und symbolische unterstützte. Dies betraf allerdings nur 40-45% der gehandelten Güter. 4 Eine institutionelle Konfiguration kann folgendermaßen abgebildet werden: Stufe 3; Ebene 1 4+5+2. Somit konnte angesichts der zahlreichen Defizite dieser „Lösung“ das Glas auch als halb leer angesehen werden. Bemühungen um die „Konstruktion“ einer stärkeren Hierarchie waren nicht auszuschließen.
1 Einzelne AHU nahmen trotz Zustimmung einfach nicht an den Koordinierungskonferenz teil und unterzeichneten die Protokolle nicht. Es gab mitunter „schwere Differenzen“ so dass Tagungen ohne Protokoll beendet wurden. Fehlten die Voraussetzungen, waren auch die Mechanismen der Ebene 4 „machtlos“: „Der Vertreter des AHU Koospol weigerten sich, dem Beschluss über die gegenseitige Berichterstattung der getätigten Verkäufe zuzustimmen. Er lehnte diese Berichterstattung als überflüssig ab und war auch im Verlaufe der Konferenz nicht zu bewegen, seinen Standpunkt zu ändern.“ Dies galt allerdings als eine „von den Grundsätzen abweichende Haltung“. Die dahinterliegenden Differenzen sollten über die Ministerien beseitigt werden. Bericht über die Ergebnisse der Koordinierungstätigkeit (...) v. 15.1.1963; BArchB DL-2 VA/N 6765, o.Bl. vgl. auch die folgende Anm.
2 Wenn in der ersten Hälfte 1962 eine “größere Aktivität” und eine bessere Einhaltung der Beschlüsse konstatiert wurde, ist das allerdings auch auf die Selbstlegitimation des MAI zurückzuführen. Die Einflussnahme der AHM sei wirksamer geworden; durch die vom MAI eingeleiteten Maßnahmen sei ein „höheres Niveau in der politisch ideologischen Einstellung der Mitarbeiter“ erreicht worden. Allerdings wird die „Verbesserung in der Zusammenarbeit“ auch unabhängig von diesem Kontext festgestellt. Das Konsulatanten-System habe sich bewährt. Die Zahl der aufgeführten Verstöße (14) erscheint nicht dramatisch. Die „Vorschläge für eine weitere Verbesserung“ zielten auf eine Optimierung der vorhandenen Formen. Die Nutzenberechnungen hielt man für schwierig. Einige AHU hatten Einsparungen von insgesamt 13,5 Mio. DM im 1. Halbjahr 1962 gemeldet. Bericht des MAI über die Ergebnisse der Koordinierung (...) im ersten Halbjahr 1962; BArchB DL-2 VA/N 6764. Die Koordinierungskonferenzen ermöglichten sehr unterschiedliche Ergebnisse: Von schlecht funktionierenden Konsulatantensystemen und nicht gelieferten Informationen bis zu erfolgreichen Preisabsprachen reicht das Bild. Sie bilden aber zumindest einen Raum, in dem Stellungnahmen erzwungen werden konnten. Mit bestimmten Verhaltensweisen wollten sich die beteiligten AHO „auf keinen Fall zufrieden geben“. Vgl. die Berichte in DL-2 3741 u. 3442 sowie Anlage II.
3 Bei komplexen Gütern war eine Festlegung und Kontrolle von Preislimiten ohnehin nur schwer zu erreichen. Dennoch wurde ein beträchtlicher Aufwand betrieben, um differenzierte Preislimite einschließlich Qualitätskoeffizienten zu erstellen.
4 Anfang 1964 wurde berechnet, dass 40% des Imports und 45% des Exports des RGW koordiniert wurden. Direktive für die 14. Tagung der SKAH (...); BArchB DL-2 VA/N 98, o.Bl. an anderer Stelle ist von 45% der Importe und 32% des Exports die Rede. DE-1 46405.
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In diesem Sinne begann eine neue Phase im Kontext der offiziellen Aufwertung des RGW im Jahre 1962. Der Zeitraum nach der außerordentlichen 16. RT (Juni 1962) war auch hier geprägt „von der Suche nach neuen Organisationsformen“. 1
6.6 Reformbemühungen seit 1962
Die folgenden Reformversuche betrafen zwei Ebenen. Sie setzten die praktischen Organisationsversuche auf neuem Niveau fort. Zudem waren diese Bemühungen in die grundsätzlichere Frage eingebettet, die Handelspolitik gegenüber der EWG zu koordinieren. Die Impulse hierzu korrespondierten mit den Impulsen, die 1962 auch zur Organisationsdebatte im RGW geführt hatte. Im April des Jahres wurde in Prag beschlossen, dass die RGW-Länder dem Sekretariat Vorschläge unterbreiten sollten, in welchen Formen gegenüber den EWG-Staaten aufgetreten werden sollte und ob Kontakte mit den Organen der EWG zweckmäßig seien. Auf der Spitzenkonferenz vom Juni 1962 wurde immerhin beschlossen, die Handelsbeziehungen mit den kapitalistischen Ländern auszubauen. 2 Das Positionspapier der DDR zu dieser Frage reflektierte die Motive für eine verstärkte Zusammenarbeit gegenüber der EWG (Wachstumsimpulse größerer Märkte, Hemmnisse für den Ost-West-Handel einschließlich „ökonomischer Nachteile“ für die sozialistischen Länder durch die westeuropäische Integration, Entwicklung der „Produktivkräfte“ im „ökonomischen Wettbewerb“ der Blöcke) wie auch den geringen Willen zu einer qualitativ neuen Abstimmung. Auch wenn die „bisherige Arbeitsweise des RGW und seiner Kommissionen (...) noch ungenügend zu sein schien“, folgten daraus keine fundamentalen Schlussfolgerungen. Zur Realisierung der Koordination sollten die „bereits bestehenden Institutionen und Organe“ (jährliche Konferenzen der Konjunkturforschungsinstitute, SKAH, Außenhandelsminister bzw. Stellvertreter) ausgenutzt und personell erweitert werden. Das in Prag vorgeschlagene „wissenschaftliche Zentrum beim RGW“ sollte „schnellstens ins Leben gerufen werden und richtungsweisenden Einfluss auf die wirtschaftspolitischen Entscheidungen“ im Hinblick auf die Integration erhalten. Ein „wissenschaftlich-technisches Zentrum“ sollte die „Produktionserfahrungen“ in Ost und West auswerten und die „Störfreimachung“ koordinieren. Dies betraf im wesentlichen propagandistische und analytische Funktionen, die vom erwähnten wissenschaftlichen Zentrum wie den nationalen Organen vorbereitet werden müssten. 3 Ein Zentralisierungstrend ist hier kaum spürbar. Dieser war ja im Zusammenhang mit der XVI. Ratstagung vom Juni 1962 auf mehreren Ebenen spürbar. Die Entwicklung der EWG als Handelsblock gegen die sozialistischen Länder müsse „bei der Durchführung einer besser koordinierten Handelspolitik berücksichtigt“ werden. Dazu wurde immerhin beschlossen, dass bei einer Nichterfüllung von Verpflichtungen im RGW die entsprechenden Waren nicht auf „Märkte anderer Staaten“ exportiert werden dürften. Mit der Koordinierung und Kontrolle der „Handels- und Zahlungspolitik gegenüber den kapitalistischen Ländern“ wurde das neu gegründeten Exekutivkomitees beauftragt. 4 Bedeutete dies eine verstärkte Koordinierung?
1 Diese konnten durchaus von einzelnen AHU ausgehen, wie der Vorschlag von Chemapol Prag, eine gemeinsame Einkaufsorganisation für bestimmte Chemikalien zu gründen. Bericht v. 15.1.1963, DL-2 VA/N 6765)
2 Wüstenhagen 2001, S. 165.
3 Zu Problemen der Abstimmung einer gemeinsamen Haltung der sozialistischen Länder im RGW in Bezug auf die westeuropäische Integration (ca. April, Mai 1962); SAPMO BArch DY 30 3305, Bl. 112 ff. Die Anreize für die DDR waren aufgrund des innerdeutschen Handels wohl auch geringer.
4 Beschluss der XVI. RGW-Ratstagung, S. 4, 11, 13; BArchB DC - 20/ 943 (Mfiche).
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Immerhin setzte sich im Februar 1963 der KPdSU-Chef im EKO persönlich für eine verstärkte Koordination des Westhandels ein. 1 Darauf reagierten andere Länder wie die DDR mit eigenen Vorschlägen. Eine stärkere Koordinierung müsse erreicht werden, ohne dass „dabei der RGW direkt in den Außenhandel der Länder eingreift“. Dabei schlug Ulbricht vor, dass auf der Basis von Länderinformationen „Vorschläge für den gemeinsamen Kauf und das koordinierte Auftreten der interessierten Länder erarbeitet und vereinbart werden“. Es sei zu überlegen, ob „dafür im Rat ein ständig arbeitendes Organ geschaffen werden soll“. 2 Die folgenden Versuche, die Handelspolitik gegenüber der EWG zu koordinieren, führten zunächst zu frustrierenden Ergebnissen. Die Ergebnisse blieben auf „Festlegungen allgemeiner Art“ ohne substantiellen Inhalt beschränkt; sie wurden nur ausgearbeitet und unterzeichnet, um „eine formale Einheit zu bewahren“. Eine Koordinierung im eigentlichen Sinne wurde jedoch durch die Position der RVR verhindert. 3 Bilateral hatte sie sich durchaus für eine Koordinierung des Westhandels eingesetzt. 4 Multilateral aber hatte sie sich auf eine divergierende Position festgelegt. Der „gemeinsame Markt“ lenke nur von den eigentlichen Problemen ab; man fürchte ihn nicht und verneige sich nicht wie andere vor dem „Goldenen Kalb“. 5 Eine zeitweilige Arbeitsgruppe der SKAH diskutierte neben spezielleren Koordinationsmaßnahmen vor allem eine „einheitliche Zollpolitik“. 6 Wenn im Oktober 1963 festgestellt werden musste, dass bis dahin eine „einheitliche Handelspolitik bzw. ein geschlossenes Auftreten der sozialistischen Staaten“ gegenüber der EWG noch nicht bestehe, lag dies nicht nur daran, dass die Kontroverse mit der RVR auf einem Höhepunkt angelangt war. Die Positionen zu einer Kontaktaufnahme zur EWG divergierten stark. Gerade Ungarn und die CSSR sprachen sich zu diesem Zeitpunkt für Kontakte zu den EWG-Organen aus. Die polnische Seite sprach sich zumindest für „technische Arbeitskontakte speziellen Charakters“ aus; die EWG sei ein „natürlicher Handelspartner“ des RGW. 7 Dieser Trend schloss allerdings zunächst keine Reformen auf den praktischeren Ebenen des Westhandels aus. Hier gab es Ansätze von neuer Qualität.
1 Notizen über die Beratung beim Gen. Chruschtschov (mit dem EKO) am 20.2.1963; SAPMO BArch DY 30 3420, Bl. 29 f.
2 Ulbricht an Chruschtschov v. 6.5.1963, S. 6 f.; SAPMO BArch DY 30 (J IV 2/202 - 233).
3 Bericht über die HAL- und Expertentagung (...) v. 8.10.-11.10.1963 in Warschau; BArchB DL-2 VA/N 55, o.Bl. Ausführlich zu den Kontroversen mit der RVR: Entwurf der Direktive für (...) die 13. Sitzung des EK (Juni 1964); DL-2 VA/N 11, o.Bl.
4 So in Gesprächen mit der DDR-Führung im September 1962.
5 Aufzeichnung der Gespräche im ZK der RAP mit J. Andropov am 3.4.1963; CWIHP/ Virtual Archive; www.wilsoncenter.org/index; cited with the permission of the Wilson-Center for scholars.
6 Protokoll der Tagung der zeitweiligen Arbeitsgruppe (...) v. 16.-18.10.1962; BArchB DL-2 7661, o.Bl. Hinzu kamen Expertentagungen und die SKAH. Vgl. Protokoll der 10. Tagung der SKAH v. 23.-25.4.1963; DL-2 VA/N 6765, o.Bl. Dies bedürfte eines eigenen Kapitels. Bereits 1957 wurde auf der VIII. RT eine Formulierung gegen die EWG beschlossen; dabei dominierten jedoch die politischen Interessen der DDR, nicht die allgemeine Furcht vor einem Handelsblock. Insgesamt konnte auch jetzt nur ein „Minimalprogramm“ durchgesetzt werden, das die „handelspolitische Koordinierung im wesentlichen auf einen Informations- und Meinungsaustausch“ begrenzte. Diese Beschränkung war das „Resultat eines im Interesse des einheitlichen handelspolitischen Vorgehens aller Mitgliedsländer gegenüber den entwickelten kapitalistischen Ländern eingegangenen Kompromisses zwischen der Haltung der RVR und der der anderen Mitgliedsländer des RGW“. Die bisherige Tätigkeit des RGW zur Koordinierung (...) v. 30.3.1965, S. 5; DE-1 VA 46405, o.Bl. Die Haltung der SRR blockierte auch in der Folgezeit jede stärkere Abstimmung auf diesem Gebiet, zunehmend ergänzt um die handelspolitischen Interessen der VRP und UVR. Im Mai 1970 wurde eine nochmalige Initiative der DDR zu einem offensiveren Auftreten gegenüber den EWG-Ländern von der Mehrzahl der Partner nicht unterstützt. DL-2 VA/N 55. Zumindest „auf dem Papier“ erreichte die DDR 1972 die Festlegung, dass Direktkontakte nur mit einzelnen Ländern, nicht aber mit der EWG durchgeführt werden sollten. Ahrens 2000, S. 289 f.
7 Wüstenhagen 2001, S. 166f.
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Im November 1962 wurde der neugebildeten Abteilung Außenhandel des RGW-Sekretariats vom MAI der DDR vorgeschlagen, Sanktionen gegen Verstöße (im Rahmen der Allgemeinen Lieferbedingungen, ALB) festzulegen, ein „gemeinsames Kontrollbüro“ einzurichten wie gemeinsame Ein- und Verkaufsstützpunkte. Zudem sollten die Außenhandelspläne für koordinierte Waren ausgetauscht und abgestimmt werden. 1 Dies konnten einfache Versuche einer rationalen Regelkonstruktion zur Erzielung eines gemeinsamen Gewinns sein (Ebene 2). Es konnte aber auch bedeuten, eine Schallgrenze zu überschreiten: Wenn eine Kompetenz zur Setzung und Sanktionierung von Regeln als „gegeben“ betrachtet wurde, um in diesem Sinne abgeleitete „Institutionen“ zu schaffen, war der Prozess der Regelkonstruktion entscheidend, nicht mehr die unmittelbare Nutzenerwartung. 2 Die Unsicherheitsreduktion erfolgte dann, weil diese Wirkung oder auch nur der institutionelle Mechanismus als taken for granted angesehen wurde. Das westliche „Vorbild“ zeigte die Möglichkeit hierzu, ohne aber die komplexen institutionalistischen Voraussetzungen offen zu legen. In den Bereichen, in denen „laufend“ gegen Vereinbarungen „verstoßen“ wurde, gab es immer wieder Ansätze zu einer organisatorischen Stärkung der Koordinationsorgane. Allerdings stand dem ein anderes „Prinzip“ entgegen: „Obwohl das Problem der Kontrolle über die Einhaltung der vereinbarten Preislimite fast auf jeder Konferenz erörtert wurde, ist es bisher noch nicht gelungen, wirksame Maßnahmen dazu vorzuschlagen und zu beschließen, ohne die Souveränität der Länder zu verletzen.“ 3 (Offiziell sollten Preisunterschreitungen nur begründet und mit Zustimmung der Partner erfolgen.) Auch in der Frage gemeinsamer AHU kamen politische Bedenken auf, „da sie mit der Souveränität der betreffenden Länder zusammenhängt“. 4 Souveränität wird zum Symbol „nationaler“ Nutzenkalküle, das in Konkurrenz zu den Symbolen des Gruppennutzens (wie „RGW“) trat.
Trotzdem kann hier ein bemerkenswerter Versuch institutioneller Innovation festgestellt werden. Von den Reaktionen auf die „Integration“ in Westeuropa gingen Impulse auf die immer wieder angesprochene „Bildung gemeinsamer Handelsfirmen“ aus. Hier sollten die Erfahrungen in zwei Pilotprojekten abgewartet werden. 5 Anfang 1963 wurden Projekte für „gemeinsame Organe“ zur Koordinierung der Verkäufe von Zucker und Zement entwickelt. Vorgesehen waren Koordinierungskomitees als kollektive Organe, welche die allgemeinen Prinzipien und die allgemeine Politik der Koordinierung festlegen und kontrollieren sollten, sowie Büros als ständige Organe, welche die konkrete operative Koordinierung der Exporte übernehmen sollten. Die Büros sollten den Komitees und diese der SKAH rechenschaftspflichtig sein. Auch wenn diese Organe keine direkten Handelsfunktionen besitzen sollten, waren ihnen weitgehende Kompetenzen zugedacht. Ausgehend von nationalen Plankontingenten sollten die Mengen (als verbindliche Quartalskontingente), die Zeitpunkte sowie die Preise für die verschiedenen Märkte festgelegt werden. (Mengenkürzungen auf einzelnen Märkten sollten allerdings durch Verkäufe auf anderen Märkten kompensiert werden.) Diese Verstärkung der Funktionen der
Koordinierungskonferenzen waren aber nur ein Teil der institutionellen Innovation. Auf Vorschlag der Büros sollten die Komitees Sanktionen gegen Verstöße festlegen können, die bis zu 8% des Geschäftswertes in der jeweiligen Währung umfassen sollten. Vor allem aber sollten Komitees wie Büros Beschlüsse im Rahmen ihrer Kompetenzen durch eine qualifizierte Mehrheit (zwei Drittel) treffen können. Jedes Land sollte über eine Stimme verfügen. Dies konnte einen Präzedenzfall für die Entwicklung des RGW darstellen. Somit
1 Entwurf: Für Abteilung Außenhandel des Sekretariats des RGW v. 24.11.1962; BArchB DL-2 3741, Bl. 74f.
2 Grundlegend hierzu Brennan/ Buchanan 1993.
3 Bericht der DIA-Elektro v. 19.4.1960; BArchB DL-2 4156, o.Bl.
4 Entwurf (...) v. 17.2.1959, S. 7; BArchB DL-2 4168, o.Bl.
5 Protokoll der Tagung v. 16.-18.10.1962; BArchB DL-2 VA/N 6764, o.Bl. Protokoll der 10. Tagung der SKAH v. 23.-25.4.1963; DL-2 VA/N 6765, o.Bl.
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verwundert es nicht, dass die RVR ausführliche Stellungnahmen zu dieser Frage abgab und auf der Tagung der Stellvertretenden AHM vom April 1963, auf der die Entwürfe „geprüft“ werden sollten, ihren „grundsätzlichen Standpunkt“ zu den von allen übrigen Delegationen angenommenen Projekten abgab: Das Prinzip der Beschlussfassung in den gemeinsamen Organen durch eine qualifizierte Mehrheit widerspreche Artikel 4 des Statuts des RGW, welcher die Beschlussfassung in den Organen des RGW nur mit dem Einverständnis aller interessierten Länder vorsieht. Es sei „unzulässig, für die gemeinsamen Organe das Recht vorzusehen, Beschlüsse im Zusammenhang mit dem Umfang der Exportpläne der AHU in Bezug auf die entsprechenden Warenkontingente, Liefergraphiken, Richtung der Verkäufe nach Ländern usw. (dabei durch die qualifizierte Mehrheit) und in bezug auf solche Fragen zu fassen, die in jedem Land nur den Regierungs- und anderen zuständigen Organen vorbehalten sind“. Zudem habe die Anwendung materieller Sanktionen zwischen den AHU keine juristische Grundlage. Die geplanten Organe erforderten einen umfangreichen und komplizierten Apparat; eine richtige und operative Einschätzung der Märkte sei nicht gewährleistet. Deshalb könne sich die RVR mit Koordinierungsorganen in dieser Form nicht einverstanden erklären. Dies betreffe auch die Frage, „von welchen allgemeinen Prinzipien sich die AHU der Mitgliedsländer des RGW leiten lassen“, die an der Koordinierung interessiert seien, aber an den gemeinsamen Organen nicht teilnehmen wollten. Es sei zweckmäßig, diese Grundprinzipien „auf der Grundlage der Erfahrungen vieler Jahre der „Koordinierung“ auszuarbeiten. Einzelne Länder könnten Koordinierungsorgane in einer von ihnen gewünschten Form bilden. Ein Beschluss hierzu wurde nicht gefasst, aber die Diskussion zeigte, dass die Vetoposition der RVR anerkannt wurde. „Zur Erzielung eines einheitlichen Standpunktes“ schlug die Delegation der UdSSR vor, das „vorgesehene Prinzip der Beschlussfassung (...) durch das Prinzip der Einstimmigkeit zu ersetzen“. Ebenso näherten sich die Delegationen der CSSR und UVR dem rumänischen Standpunkt an. 1
In der ersten Hälfte 1964 wurde ein neuer Anlauf genommen, der im April seinen Ausdruck im sogenannten „Prager Programm“ fand. Dabei wurde eine neue institutionelle Form nicht durch rationale Argumente (obgleich das rumänische Vorgehen durchaus rational die Vorteile des eigenen Handlungsspielraums mit denen der erzielten Institutionalisierung zu verbinden trachtete) oder relevante Ressourcen verhindert, sondern durch den Bezug auf formale Regeln und übergeordnete Prinzipien. Entscheidend waren die oberen Ebenen unseres Schemas. Allerdings wurde der mögliche Druck auf die rumänische Seite auch dadurch gemindert, dass die sowjetische Seite diese Haltung deckte, ja teilweise sogar förderte. Im Rahmen einer Konzentration der Koordinierungsbereiche strebte sie eine wesentliche Reduzierung der zentral koordinierten Positionen an. Dies verstärkte die Möglichkeiten, je nach Interesse an den Koordinierungsmaßnahmen teilzunehmen. Zudem vertrat die UdSSR im Einklang mit Rumänien die Meinung, dass „alle Vorschläge für die Vervollkommnung der Koordinierungsmethoden (...)‚ für alle Mitglieder annehmbar ausgearbeitet werden müssten“. Im März 1964 bestand nur noch die RVR auf diesem Zusatz. Die Delegation der UdSSR dagegen „trat gemeinsam mit den übrigen Mitgliedsländern für die Fortsetzung der Ausarbeitung von Vorschlägen für neue, effektivere Formen durch die interessierten Mitgliedsländer ein.“ 2
Ein Berichtsentwurf, der für die SKAH vielfältige „Koordinierungsmöglichkeiten“ (Warenaustausch im RGW in Bereichen besonderer Diskriminierung, zollpolitische Mittel, einheitliche Kreditrichtlinien, neue Organisationsformen bei der Abstimmung) konstatierte, kam zu dem Ergebnis, dass diese „mit noch relativ geringem Erfolg ausgenutzt wurden“. Der
1 Protokoll über die Tagung der Stellvertreter der Minister für AH (...) v. 4.-8.4.1963; Statut über die Organe zur Koordinierung von Zuckerverkäufen (...) (...) Anlage 1; BArchB DL-2 VA/N 6765, o.Bl.
2 Bericht über die 14. (außerordentliche) Tagung der SKAH v. 1.-3.4.1964; Direktive für die 14. Tagung der SKAH (...); BArchB DL-2 VA/N 98, o.Bl.
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umfassende Programmentwurf zu diesem Thema zeigt jedoch, dass der Anspruch auf eine umfassende und vielschichtige Koordinierung ungebrochen war. Er reichte von der Zusammenarbeit der Ministerien über die Koordinierungsbüros für bestimmte Waren bis hin zur Analyse der verschiedenen handelspolitischen Beziehungsfelder im Verhältnis zu EWG und EFTA. Die handelspolitische Koordinierung der Ministerien sollte sich im Rahmen dieses Programms auf „handelspolitische Konsultationen der Minister, stellvertretenden Minister und Hauptverwaltungsleiter zur Erarbeitung konkreter Vereinbarungen des Vorgehens in kapitalistischen Ländern“ sowie auf die Analyse handelspolitischer Grundfragen gegenüber EWG und EFTA konzentrieren. Das Ziel sei die „Ausarbeitung von Empfehlungen für die handelspolitische Abstimmung“. Auf der Grundlage des Beschlusses des EKO vom 23.4.1964 sollte die Koordinierung der AHO umfassend geregelt werden. Die gesonderten Stellungnahmen der RVR zu jedem Programmentwurf ließen jedoch erkennen, dass „zwischen ihr und der Mehrheit der Mitgliedsländer noch wesentliche Unterschiede in der Auffassung über die Thematik und Organisation“ dieser Fragen bestanden. Eine Ministerberatung konnte nur in das Programm aufgenommen werden, als die rumänische Themenformulierung (die Beschränkung auf die bilateralen Handelsbeziehungen zu EWG und EFTA) akzeptiert wurde. 1
Bedeutete die Trennlinie zwischen der Mehrheit und Rumänien die Möglichkeit letztere zu isolieren oder bedeutete das hier angedeutete „noch“ den Weg zu Kompromissen. (Dabei lag eine Verkopplung mit der allgemeinen RGW-Entwicklung nahe; die Politisierung dieser Fragen durch RVR näherte sich dem Höhepunkt.) Allerdings hatte die UdSSR - wie bei der RGW-Reform insgesamt - bereits vor der rumänischen Stellungnahme vom Mai 1964 eingelenkt. Bereits ihre Stellungnahme zum Programmentwurf vom 3. April enthielt Änderungsvorschläge, die „teilweise dem Standpunkt der RVR entsprechen oder weitgehende Kompromisse hierzu darstellen“. Die von RVR und UdSSR vertretene Position lief somit darauf hinaus, dass die im Entwurf vorgesehenen Tagungen der Stellvertretenden Minister und Hauptverwaltungsleiter nicht planmäßig und nach festgelegten Terminen durchzuführen, sondern nur auf Beschluss der Minister. Eine Analyse der Handelsverträge der RGW-Länder mit EWG- bzw. EFTA-Staaten wollte die rumänische Seite streichen, während die sowjetische zumindest einen Informationsaustausch der Stellvertretenden Minister oder Hauptabteilungsleiter vorschlug. Vor allem lehnten beide Seiten die „Erforschung neuer organisatorsicher Formen des Handels, insbesondere die Schaffung von Koordinierungsbüros für den Handel mit wichtigen Waren ab“. Dieser Schulterschluss musste nicht auf andere Bereiche übertragbar sein; zumindest bei der Koordinierung des Westhandels wurde hiermit die rumänische Position bekräftigt und die sich andeutenden organisatorischen Fortschritte gehemmt. Auf der Tagung der SKAH scheint sich allerdings die Isolierung der RVR wieder verstärkt zu haben. Dort sollen „alle übrigen Delegationen“ die „einheitliche Auffassung“ vertreten haben, dass die objektiven Erfordernisse im Handel mit den EWG- und EFTA-Ländern angesichts der zunehmenden Diskriminierung „eine noch engere Koordinierung der handelspolitischen Maßnahmen der RGW-Länder erforderlich macht, als sie bisher bei der Durchführung des Prager Programms erfolgte und kein Tempoverlust in der Koordinierungstätigkeit zugelassen werden darf“. 2
Neue Formen der Koordinierungstätigkeit der AHO sollten zunächst auf einer Expertentagung mit einer anschließenden Beratung der Stellvertretenden Minister im Oktober 1964 beraten werden. Dabei versuchte man auf dem Weg der graduellen „Verbesserung“ weiterzugehen - gegen den Widerstand der RVR oder durch Beschlüsse der „interessierten
1 Bericht über die außerordentliche 14. Tagung der SKAH 27.-29.5.1964 in Moskau; BArchB DE-1 VA 13856, S. 17-20.
2 Bericht über die außerordentliche 14. Tagung der SKAH 27.-29.5.1964 in Moskau; BArchB DE-1 VA 13856, v.a. S. 27.
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Länder“. 1 Die RVR ließ im Protokoll als Sondervotum festhalten, dass sie die bestehenden Koordinierungsformen für ausreichend halte und sich neuen Festlegungen anschließen werde, wenn diese für die RVR von Interesse seien. Die koordinierte Handels- und Zahlungspolitik musste wegen des „besonderen Standpunktes“ der RVR auf Delegationsleiter-Ebene beraten werden und führte zu einem Zusatzprotokoll. Obwohl Ende Mai eine 6-tägige Expertenberatung in Moskau zu einer akzeptierten Fassung der Beschlussentwürfe geführt hatte, blockierte dann die RVR in der SKAH unmittelbar darauf die Beschlussfassung. Dies erfolgte ohne den im April angedeuteten Schulterschluss mit der UdSSR. Diese scheint sich der Auffassung der „Mehrheit“ wieder angenähert zu haben: „Die Verhandlungen wurden durch die Auseinandersetzungen zwischen den 7 einen gemeinsamen Standpunkt vertretenden Mitgliedsländern und der in prinzipiellen Fragen von der bisherigen Konzeption zur Koordinierung der Handelspolitik abweichenden Stellungnahme der Delegation der RVR gekennzeichnet.“ In dieser Konstellation musste sich erweisen, welche institutionellen Mechanismen zwischen RGW und sowjetischer Hegemonie welche Wirkung entfalten konnten. Die rumänische Seite nutzte jedenfalls alle Möglichkeiten der Gremien, um die Behandlung dieser Fragen immer weiter zu verschieben. (Expertengruppen über EKO auf nächste Sitzung der SKAH). Dabei berief sie sich auch auf die Formen. Das Programm gewährleiste nicht einen Meinungsaustausch zwischen den Mitgliedsländern in der entsprechenden Form. Die rumänische Delegation blieb aber isoliert. Die anderen Delegationen beharrten auf der Annahme der Dokumente, die sie als „Minimum vereinbarter Maßnahmen für die immer dringender werdenden Aufgaben zur Koordinierung der Handelspolitik“ betrachteten. In dieser Sackgasse versuchte die sowjetische „Hegemonialmacht“ ihrer Funktion gerecht zu werden. Sie schlug vor, auf einer nochmaligen internen Beratung der Minister bzw. Delegationsleiter zu einer „endgültigen Klärung der Grundfragen“ zu kommen. Dort entwickelte zunächst der rumänische Außenhandelsminister seine Hauptargumente. Diese bezogen sich auf das politisch-symbolische Argument: die Souveränität der rumänischen Handelspolitik; sie verwiesen aber auch auf eine bisher ungenügende Abstimmung und die Bereitschaft, die Güterflüsse im RGW abzustimmen, aber nicht darüber hinaus. Dies führte zu Gegenargumenten der anderen Vertreter, welche die rumänische Position inhaltlich nicht akzeptierten, aber nicht grundsätzlich attackierten. Vor allem dürfe kein Mitgliedsland, das nicht zustimme, die anderen dazu zwingen, „ebenfalls keine Koordinierung der Handelspolitik durchzuführen“. Die RVR sollte daher „an der Koordinierung solcher Maßnahmen teilnehmen, an denen sie es vermag“. 2 Eine solche Definition des Interessiertheitsprinzip schien den Ausweg zu bieten. Immerhin wurden als Ergebnis der Ministerberatung alle Dokumente in der vorliegenden Fassung zur Vorlage für das EKO angenommen. Die Mechanismen der Ebene 4 wirkten. Dies sowjetische Position blieb ambivalent: sie trug nun zur rumänischen Isolation bei, aber auch zum
Kompromisscharakter der Beschlüsse.
Im Punkt I. des Programms blieben unterschiedliche Formulierungen (multilaterale Konsultationen der Mitgliedsländer in der Handelspolitik gegenüber der operativen Koordinierung der laufenden handelspolitischen Maßnahmen einschließlich Tagungen der Minister, Stellvertretenden Minister und HAL) erhalten. In Punkt II setzte sich die rumänische Formulierung durch (Informationsaustausch über die handelspolitischen Maßnahmen der EWG- und EFTA-Länder statt „gemeinsames Studium handelspolitischer
1 Im Herbst 1964 wurden neben der Optimierung der vorhandenen Mittel v.a. unterschiedliche Formen gemeinsamer Organisationen (gemeinsame Vertreter, ständige Koordinierungsbüros, gemeinsame AHO) diskutiert. Protokoll der Tagung der Stellvertretenden Minister v. 27.-30.10.1964; BArchB DL-2 VA/N 6769, o.Bl. Zum diesbezüglichen Stand Anfang 1965 vgl. den Bericht der Delegation der DDR in der SKAH v. 30.3.1965; DE-1 46405, o.Bl.
2 Bericht über die außerordentliche 14. Tagung der SKAH 27.-29.5.1964 in Moskau; BArchB DE-1 VA 13856, S. 30.
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Maßnahmen“). Im Schlussabsatz wurde als Thematik für die folgenden Ministerberatungen ebenfalls auf die rumänische Formulierung (Handelsbeziehungen jedes Mitgliedslands des RGW zu jedem Mitgliedsland von EWG und EFTA) angenommen. Somit musste „insgesamt“ eingeschätzt werden, dass die „in der Auseinadersetzung mit der RVR-Delegation zustande gekommenen Dokumente, insbesondere das Programm der weiteren Arbeit und der Beschluss der Kommission über die Durchführung einer Ministerberatung (...) nur ein Minimum vereinbarter Maßnahmen zur Koordinierung der Handels- und Zahlungspolitik gegenüber EWG- und EFTA-Ländern darstellen“. Für die Ministerberatungen erwartete man, dass die rumänische Seite „die gesamte Tätigkeit auf diesem Gebiet auf das Niveau eines Informationsaustausches und zu nichts verpflichtenden Konsultationen herabzudrücken“ versuchen werde. Das Einstimmigkeitsprinzip in der SKAH könne letztlich entsprechende Empfehlungen weiter verhindern. 1
Auf der 13. Sitzung des EKO (Juli 1964, Budapest) gab es wenigstens eine Annäherung der Standpunkte; dies ermöglichte eine gewisse Bewegung zu einer verstärkten Institutionalisierung. Ungarn regte die Bildung eines Koordinierungsbüros an, das den Export bestimmter Waren, vor allem von Agrarerzeugnissen, koordinieren sollte. Selbst Rumänien stimmte einer Koordinierung in operativer Form zu. 2 Diese Ansätze wurden aber weitgehend zur Makulatur angesichts der deutlichen Versuche der RVR, VRP, UVR und phasenweise der CSSR, eine eigenständigere Handelspolitik gegenüber der EWG zu führen. 3 Den entsprechenden Anreizen war die institutionelle Konfiguration nicht gewachsen. Für die Organisationsentwicklung bedeutete dies bestenfalls Stagnation. Noch im Januar 1966 konnte „aufgrund des Einwandes der Delegation der SRR“ kein Beschluss über die Bildung des Koordinierungsbüros für Zement gefasst werden. 4
Wie umkämpft die Frage dennoch war, zeigt die Koordinierung bei Zinn. Nachdem die UdSSR ihre „bisherige labile Haltung“ zu den neuen Koordinationsformen aufgegeben hatte, geriet die RVR auf einer Tagung im April 1965 unter starken Druck. Es sei eine „Prinzipienfrage“, wenn ein nicht-interessiertes Land die konstruktive Arbeit der anderen kritisiere und blockiere. Somit konnte ein Statut des Koordinierungsbüros für Zinnverkäufe ausgearbeitet und gebilligt werden (obwohl es sich noch nicht um eine selbständige Absatzorganisation handelte), das Koordinierungsbüro für Zinn wurde behandelt. 5 Im EKO konnte im Juli 1964 immerhin eine Annäherung der Standpunkte und ein Beschluss über eine „Zwei-Wege-Strategie“ erreicht werden. Dies lag nicht zuletzt an einer weniger harten Haltung der rumänischen Seite. Bilateral sollte jedes Land die Möglichkeiten im Westhandel ausschöpfen. Eine koordinierte Handels- und Zahlungspolitik sollte für den Fall geprüft werden, dass die Verträge von Rom voll in Kraft träten. Dies war nicht mehr als ein Formelkompromiss, der für die Abstimmung der Handelspolitik keine neuen Instrumente bot - im Gegenteil. 6 Die damit einsetzende Grundsatzdebatte um das Prinzip der Interessiertheit (September 1965) zeigt, dass die zuvor dezentrale und relativ autonome Koordinierung des Westhandels in die Debatten und die allgemeine Gestalt des RGW eingemündet war. 7 Dabei
1 Bericht über die außerordentliche 14. Tagung der SKAH 27.-29.5.1964 in Moskau; BArchB DE-1 VA 13856, v.a. S. 32.
2 Wüstenhagen 2001, S. 170.
3 Wüstenhagen 2001, S. 167ff.
4 Bericht über die 17. Tagung der SKAH v. 11.-14.1.1966, S. 8; BArchB DL-2 VA/N 98, o.Bl.
5 Bericht über die v. 22.-24.4.1965 in Leipzig durchgeführte Beratung der Stellvertreter der Minister für AH (...); BArchB DL-2 VA/N 45, o.Bl.
6 Beispielsweise erfuhr die DDR von polnischen Verhandlungen mit der EWG-Kommission im März 1965 erst über ihre Botschaft in Moskau. Wüstenhagen 2001, S. 170ff.
7 In der ersten Hälfte 1965 führten die Diskussionen zu neuen Formen der Zusammenarbeit (Bildung gemeinsamer AHO usw.) zu einer Vereinbarung der stellvertretenden Minister ohne die SRR. Diese trat dann im
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bestimmte die SRR aber die institutionelle Ebene. (Ebene 5 statt 2+4) Die Isolierung der SRR angesichts einer „prinzipiellen“ Haltung der sowjetischen Seite bedeutete zwar, dass ihre „ablehnende Haltung“ nicht mehr „voll zur Wirkung kommen konnte“; trotzdem blieb die institutionelle Entwicklung stark gehemmt. 1 In den meisten Bereichen war ein „isoliertes, unkoordiniertes Vorgehen der Mitgliedsländer“ die Normalität. 2 Damit war sie von der übergreifenden institutionellen Konfiguration abhängig geworden. Erst 1969/70 kam esangesichts deutlicher Hemmnisse, die Ziele im Westhandel zu verwirklichen - zu einer Annäherung der Standpunkte und zu einer gemeinsamen Resolution gegen die EWG. Organisatorische Innovationen bedeutete dies jedoch nicht. Ein von der UdSSR im Zusammenhang mit dem Komplexprogramm von 1971 vorgeschlagenes „neues Maßnahmesystem zum Schutz der Interessen der sozialistischen
Außenwirtschaftsbeziehungen mit kapitalistischen Ländern“ stieß auf Ablehnung. Bilaterale Koordinationsbemühungen unter Wahrung der Souveränität erschienen als die angemessene Form. 3
6.7 Institutionalisierte Koordination des Westhandels: Fazit
Die Koordinierung des Westhandels im RGW stellt eine Art institutionalistisches Experiment dar. Ein ausgeprägtes Kooperationsdilemma, das in seiner ambivalenten Anreizstruktur von den Akteuren begriffen wurde, ist ein idealer Testfall für die Aussagefähigkeit unseres Modells wie für die Wirksamkeit der im RGW entwickelten institutionellen Konfigurationen. Zudem war das Problem auch ein Experimentierfeld für die unterschiedlichsten Organisationsformen. Diese waren durchaus innovativ und teilweise der allgemeinen RGW-Entwicklung voraus. Bereits in der Anfangsphase wurde eine (Ständige) Kommission etabliert, dann Konsultanten, regelmäßige Abstimmungen der Unternehmen selbst; zumindest als Vorschlag folgten eine Vielzahl von organisatorischen Ansätzen: gemeinsame
September 1965 mit Ausführungen „von prinzipieller Bedeutung“ zum Begriff der „interessierten Länder“ auf und verteidigte auch in diesem Bereich (bis auf die Ebene der Generaldirektoren-Beratungen“ ihren Anspruch auf Einstimmigkeit. Dabei berief sie sich auf die „Prinzipien des Rates“. Bericht über die Tagung der Stellvertretenden AHM (...) v. 21.9.-23.9.1965; BArchB DL-2 VA/N45, o.Bl. Protokoll der XIV. Sitzung der SKAH v. Juni 1965 (Anlage 7); DL-2 VA/N 47, o.Bl.
1 Im Januar 1966 zeigte sich in der SKAH, dass “erstmalig vom Vorsitzenden der Kommission gegenüber dem Auftreten der Delegation der SRR eine prinzipielle und eindeutige Haltung eingenommen wurde, dass die Meinung der SRR nicht gerechtfertigt ist und dadurch die Interessen der anderen Mitgliedsländer nachteilig betroffen werden. Diese Haltung des Vorsitzenden, die von allen übrigen Länderdelegationen stark unterstützt wurde, hatte zur Folge, dass die ablehnende Haltung der Delegation der SRR nicht voll zur Wirkung kommen konnte und die Delegation der SRR einer einheitlichen und festen Haltung aller anderen Delegationen gegen-überstand.“ Trotzdem konnte die SRR Beschlüsse der SKAH, den Bericht an das EKO, die Tagesordnung für 1966 wie den Beschluss über die Organisation für Zementverkäufe blockieren. Ihre grundsätzliche Position änderte sich nicht. Bericht über die 17. Tagung der SKAH v. 11.-14.1.1966, S. 3ff.; BArchB DL-2 VA/N 98, o.Bl. Es half auch nichts, die Fragen auf die Ebene des EKO zu heben. Nicht nur die SRR, sondern auch die VRP lehnte die Behandlung dort ab, da dies zu keinem anderen Ergebnis führen würde als in der SKAH. Information über die 21. Tagung des EKO des RGW; 14.2.1966; SAPMO Barch DY 30 3432, Bl. 7 u. 19. Im November 1965 wurden für 10 weitere Produkte die Aufstellung von Koordinierungsbüros beschlossen, in der Folge aber nur noch für 4 diskutiert. Dabei wurde von den interessierten Ländern aber nur ein Büro für den Verkauf kompletter Krankenhauseinrichtungen beschlossen; bei Zellulose, Kunstfasern und Farbstoffen wurden die Entscheidungen verschoben oder für nicht zweckmäßig betrachtet. Die Arbeit an neuen Koordinierungs-formen sollte „unter Berücksichtigung des gegenwärtigen Standes“ fortgesetzt werden. Bericht über die v. 22.-26.4.1966 in Plovdiv durchgeführte Tagung der stellvertretenden Minister für AH, S. 5f. DL-2 VA/N 45, o.Bl.
2 So die Kritik des polnischen Chemieministers zu Kauf und Verkauf von Lizenzen und Anlagen im KA. Die rumänische Seite versuchte dieses Problem zu „bagatellisieren“; die Interessen der Einzelländer seien außerordentlich unterschiedlich. Information über die 23. Tagung der SK für chemische Industrie, 24.5.1965; SAPMO BArch DY 30 3462, Bl. 167.
3 Selbst die CSSR hielt dies nicht für erforderlich. Wüstenhagen 2001, S. 176ff.
447
Unternehmen bzw. kollektive Koordinationsgremien, Sanktionsmechanismen,
Mehrheitsentscheidungen. Dennoch muss man fragen, ob die ursprüngliche Organisationsstruktur prinzipiell verändert wurde.
Organisationsstruktur bis 1956
Koordinierungs-Kommission des RGW für die Büro des RGW konferenzen
der AHU Will man den Charakter der Institutionalisierung zusammenfassen, der die Koordinierung des Westhandels bestimmte, fällt zunächst ihr äußerst heterogenes Niveau auf. Von der simplen Nichtteilnahme an der Koordinierung über zahlreiche Verstöße reicht das Spektrum bis zur weitgehenden Ausrichtung an den Koordinierungsbeschlüssen. Die zahlreichen plastischen Beispiele für das Nichtfunktionieren der Abstimmung darf den Blick auf die Tastsache nicht verstellen, dass insgesamt ein mittleres Niveau der Institutionalisierung erreicht wurde. Sowohl in der Wahrnehmung der Zusammenarbeit als auch bei den konkreten Beispielen schwankt das Institutionalisierungsniveau um einen mittleren Wert, der ein zumindest hegemoniales Niveau - auch ohne Hegemon - darstellte.
Bei der Wahrnehmung der Kooperation durch die Akteure (Außenhandelsunternehmen, Außenhandelministerien, Ständige Kommission für Außenhandel) wurde auf einer Skala von 1 - 5 (von sehr schlecht bis sehr gut) ein geringes Schwanken um einen mittleren Wert festgestellt. Zudem wird dieser auch bei den Einzelbeispielen bestätigt, bei denen eine Tendenz zugunsten der positiven Beispiele deutlich wird. (vgl. Anlage II)
Angesicht der gegenläufigen Anreize ist dies ein durchaus ernst zu nehmender Institutionalisierungsgrad. Zumindest war von den dezentralen Organisationsformen kaum ein höherer Durchsetzungsgrad zu erwarten. Dieser beruhte zunächst (wohl) auf dem „taken for granted“ Charakter der RGW-Beschlüsse auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, der von der sowjetischen Position hervorgebracht und gestützt wurde. Dies verdeckte aber nur den allgemeinen Mechanismus: Ein Kooperationsanreiz unter hoher Unsicherheit (Ebene 2) bzw. bei einem ausgeprägten Kooperationsdilemma mit hohen Anreizen zum „Abweichen“ (Ebene 1) bedurfte einer externen Stützung. Diese lieferte angesichts der mangelnden
448
Sanktionsfähigkeit (oder -willens) zunächst vor allem die Mechanismen der Ebene 4, die zur Stabilisierung der Erwartungen beitrug. Dies erklärt auch die sehr unterschiedlichen Ergebnisse angesichts wechselnder personaler Konstellationen. Diese fragile institutionelle Konfiguration, die als Spielart eines „internationalen Regimes“ verstanden werden kann, drohte Mitte der 50er Jahre mit dem Aufleben des Westhandels zu erodieren, wurde aber im Rahmen der auflebenden RGW-Arbeit, insbesondere im Rahmen der SKAH, symbolisch gestützt. S. Ausch stellt dem zurecht die entgegengesetzte innere Anreizstruktur gegenüber: „In the framework of the given economic mechanism, the subjective will and good intentions stemming from a feeling of ‚CMEA solidarity’ (no doubt present nut only at the higher levels of economic leadership but frequently also in the salesman themselves) are not sufficient to ensure the implementation of adequate measures (…) in spite of earlier accepted ‘recommendations’. (…) their internal economic mechanism of direct plan instructions (…) forces them to act, in spite of their best intentions, against their common interests and, thus, against the interests of their own”. 1 Damit ist zwar ein wichtiger Teil der institutionellen Konfiguration angedeutet; ihre Wirkungen aber deutlich unterschätzt. Die erreichte „Realität“ war (fast) genauso weit von „adequate measures“ entfernt wie von dem oben erwähnten Punkt 1/1 des institutionellen Spektrums.
In der Folgezeit begannen auch ernstzunehmende Versuche, die Organisationsstruktur zu optimieren, die aber auf eine „Verbesserung“ der tradierten Mechanismen beschränkt blieb.
Organisationsstruktur 1956/58
ferenzen der AHU Konsultanten für
Warengruppen
Eine Veränderung ist hier bestenfalls im Status und in der Ausstattung der Ständigen Kommission für Außenhandel im Vergleich zur vorherigen Kommission zu erkennen. Andererseits war die Kommission im Vergleich zur vorherigen für den Außenhandel insgesamt zuständig, die Bedeutung des Westhandels im Gesamtspektrum des RGW sank eher. In der dezentralen Koordination wurden die Bemühungen der AHU wenigstens noch an das Sekretariat des RGW rückgekoppelt, das die Ergebnisse an die Stellvertreterversammlung im RGW meldete.
Die entscheidende organisatorische Innovation lag aber eher außerhalb der RGW-Gremien, bei den Tagungen der Außenhandelsministerien. Die Minister waren aber mit den anfänglich quartalsweise durchgeführten Tagungen überfordert. Die jährlichen Tagungen der Konjunkturforschungsinstitute besaßen dagegen kaum Bedeutung. Die RGW-Gremien einschließlich des neuen EKO befassten sich dagegen vor allem mit Grundsatzfragen.
1 Ausch 1972, S. 110. Ausch verweist vor allem auf die erheblichen Preisunterschiede im Westhandel.
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Organisationsstruktur seit 1958
Entscheidend war, dass die Räume, auf denen die Mechanismen der Ebene 4 wirken konnten, vervielfacht und vernetzt wurden. Im bestehenden Spektrum (Koordinationstagungen der AHO, Tagungen Stellvertretender Minister und Hauptabteilungsleiter, SKAH, Ratstagungen) lag die operative Arbeit bei den „dezentralen“ Gremien. 1 Hier war ein Beschluss- und Rückkopplungsmechanismus etabliert worden, der eine schwache bis mittlere Hierarchie garantieren konnte - nicht mehr und nicht weniger. 2 Die Beschlüsse der RGW-Gremien bedeuteten kaum inhaltliche Innovationen, symbolisierten aber einen höheren Status dieser Tätigkeit.
Die institutionelle Konfiguration kann deshalb im Kern als ein Hierarchieniveau um die Stufe 3 - 4, basierend auf einer Kopplung der Ebenen 2 und 4, zunehmend gestützt von Ebene 5, erfasst werden. (3-4; 1 2+4 5)
Die Institutionalisierungsform war zunächst vor allem durch „Wachsen“ dezentraler Formen bestimmt. Das Rinnsal der Versuche einer rationalen Setzung von Organisationsformen mündete Mitte 1962 in den Strom von Bemühungen einer RGW-Reform. Diese Versuche rationaler Regelkonstruktion, bedeuteten eine neue Qualität nicht so sehr wegen ihrer Bemühungen um Gemeinschaftsorgane, die Sanktionen aussprechen konnten und einer Mehrheitsregel folgten; eine neue Qualität barg vor allem der Versuch, Kompetenzen nicht aus der „Einigung“, sondern aus bestehenden Institutionen abzuleiten. (Ansonsten wäre eine vertragliche Regelung außerhalb des RGW unter den jeweils „interessierten“ Partner die adäquate Form gewesen. Dies spricht aber auch nochmals für die symbolische Kraft von RGW-Lösungen.) Dieser institutionalistische Paradigmenwechsel wurde aber durch die Blockade der RVR verhindert und zugleich bestätigt: Diese bezog die Legitimation ihres Handelns selbst aus dem Rekurs auf Prinzipien und Regeln des RGW. Vor allem gelang es ihr, Souveränität zu einem solchen Prinzip zu machen. Somit war die institutionelle
1 Im Jahre 1966 wurde im Rahmen der Dezentralisierungsbemühungen in den Binnenwirtschaften (NÖS etc.) die Kontrollbefugnis wieder stärker auf die Generaldirektoren der AHU verlagert. Die stellvertretenden Minister sollten nur ungelöste Probleme behandeln, sich ansonsten aber mit den Grundfragen der Warenkoordinierung befassen. Betr.: Tagung der Stellvertreter der Minister für AH der RGW-Länder v. 25.-28.10.1966 in Warschau; S. 2f. BArchB DL-2 VA/N 45, o.Bl.
2 Dies sowjetische Seite wie das Sekretariat des RGW glaubte 1965 sogar eine gewisse Verbesserung bei der Einhaltung der Beschlüsse erkennen zu können. 1966 waren die Fälle von Nichteinhaltungen stark zurückgegangen, aber gerade bei Preisfragen noch erheblich. Bericht über die v. 22.-24.4.1965 in Leipzig durchgeführte Beratung der Stellvertreter der Minister für AH, S. 9f.; dass. Plovdiv v. 22.-26.4.1966, S. 3ff. u. 7. BArchB DL-2 VA/N 45, o.Bl. Der “Sonderstandpunkt“ der RVR blieb aber deutlich und wesentlich. Die Standardformulierung auch auf den folgenden Sitzungen lautete, die RVR halte die bestehenden Formen für ausreichend.
450
Konfiguration, welche die Organisation des RGW insgesamt bestimmte, entscheidend für die institutionelle Stagnation in diesem Bereich.
An dieser Stagnation war die sowjetische Führungsmacht maßgeblich beteiligt. Zunächst gab sie 1954 zwar das Signal, den Westhandel und eine entsprechende Koordination zu aktivieren; dann aber blockierte sie die Etablierung multilateraler Formen, um den eigenen Handlungsspielraum nicht einzuengen. Angesichts der rumänischen Blockade führte sie keine klare „hegemoniale“ Politik in eine Richtung, sondern schwankte zwischen Verständnis für die rumänische Haltung, einer Moderatorenrolle und einem kollektiven Druck auf die rumänische Position.
Dezentrale Institutionalisierungsformen erreichten ihre Grenze in einem System, das den Akteuren auf dieser Ebene wenig Kompetenzen lassen konnte. Die Kooperationsprobleme grundsätzlicher Natur, im Außenhandel und in der Organisationsentwicklung des RGW finden sich deshalb hier wieder. Bedeutet dies, dass eine grundlegende institutionelle Konfiguration des Ostblocks verallgemeinert werden kann?
451
7. Eine institutionelle Konfiguration des Ostblocks?
An dieser stelle kann keine allgemeine institutionelle Konfiguration des Ostblocks bestimmt werden. Dies hat mehrere Ursachen. Natürlich ist die Zahl der Fallbeispiele zu gering für eine Abstraktion. Vor allem aber liegt es an der Unterschiedlichkeit und Dynamik der jeweiligen institutionellen Mechanismen. Eine Verallgemeinerung, die über Einzelkapitel hinausgeht, ist somit eigentlich nicht möglich. Im folgenden geht es mit nur um einige zugespitzte Thesen und Perspektiven.
Zunächst: Der Ostblock der Chruschtschovära verkörpert kein imperiales Hierarchieniveau. Die Hierarchien - sowohl hegemonialer als auch kooperativer Art - liegen eher im mittleren Bereich, unterliegen aber eher starken Schwankungen. Dies trifft auch für zentrale Beziehungsbereiche - wie die Besetzung der Parteiführungen oder die Gestaltung des RGW - zu. Somit kann der Institutionalisierungstyp kaum als „Setzung“ beschrieben werden; er war vor allem „Wachsen“ mit Elementen von Aushandlung.
Was bedeutet dies für die institutionellen Mechanismen? Hier ist eine geringe Bedeutung der Mechanismen der Ebenen 1 und 6 zu konstatieren. Es bestand eine erstaunliche Fragilität der institutionellen Mechanismen, als in der „Destalinisierungskrise“ unhinterfragte Gegebenheiten erodierten. Dabei zeigte sich eine teilweise stark sinkende Hierarchie angesichts steigender Herrschaftskosten, die beim Wegbrechen von institutionellen Elementen auf den oberen Ebenen entstehen. Die sowjetische Seite beherrschte die 1956 massiv notwendige Neudefinition des Angemessenen keineswegs allein. Andere Akteure -vor allem, aber nicht nur China - waren zu beachten wie die neuen antistalinistischen/ antiimperialen Elemente, die sich in den Handlungsschemata erstaunlich deutlich etablierten. Herrschaftskostenkalküle und kognitiv-emotionale Kosten ergänzten sich und verhinderten einen rein machttechnischen Umgang mit den „schwierigen“ Partnern. Die Räume des Krisenmanagements blieben fragil und näherten sich bei der politischen Abstimmung nur langsam dem differenzierten Niveau im wirtschaftlichen Bereich. Obwohl die Mechanismen der Ebenen 4 und 5 zentral blieben, war das Gesamtgefüge immer deutlicher einem Trend zu rationaleren Nutzenkalkülen ausgesetzt. Somit werden die Mechanismen der Ebene 2 oder immer wichtiger; ohne dass die Hegemonialmacht diese Ebenen wirklich beherrschte. Es ist jedoch von fundamentaler Bedeutung, dass generell die Mechanismen der Ebene 2 und mehr noch der Ebene 1 kaum eine Rolle spielten. Dies lag zunächst an der mangelnden Produktionsfähigkeit entsprechender „Güter“ (Drohungen, Angebote), vor allem aber daran, kein linkage zu den Problembereichen herstellen zu können. Daraus folgte eine teilweise sehr geringe Hierarchie auch in zentralen Fragen. Insgesamt ist die Anreizschwäche - abgesehen von focal points bei Personalfragengravierend. Eine flexible Anwendung unterschiedlicher institutioneller Mechanismen ist kaum zu erkennen.
Somit ist eine Anreizschwäche des Hegemons wie der Organisationen des Ostblocks zu konstatieren. Im wirtschaftlichen Bereich fehlte es vor allem an der Fähigkeit, neue Anreize zu produzieren. Andererseits blieben die Gewinnerwartungen bei neuen institutionellen Designs zu vage. Die Verklammerung von Ebene 4+5 blieb die dominierende institutionelle Konfiguration. Dies deutet zunächst auf eine Grundkonstitution des Ostblocks als „soziales Netzwerk“ kommunistischer Führungsgruppen, das auf gemeinsamen Schemata (wie gemeinsamen Machterhaltungsinteressen) gründete.
Bei der Koordinierung des Westhandels zeigte eine institutionelle Konfiguration von 4+2 5 durchaus eine Wirkung, die trotz eines starken Kooperationsdilemmas eine mittlere Institutionalisierung ermöglichte. (Ähnliches könnte für den bilateralen Außenhandel gezeigt werden.) Auch organisatorische Innovationen erschienen hier denkbar. Allerdings führte mangelndes Vertrauen und geringe Gewinnerwartungen insgesamt zu einer Lähmung; die institutionelle Konfiguration stagnierte auf einem mittleren Niveau, da die
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alten Mechanismen der Ebenen 4+5 langsam erodierten. Erst deutliche Impulse auf den Ebenen 2+3 hätten stärkere Hierarchien ermöglicht und dann im nächsten Schritt eine neue Logik des Angemessenen etablieren können. Diese relative Schwäche der Mechanismen, die angesichts chinesischer Impulse herausgefordert wurden, führte zu einer enormen Aufwertung der „Einheit“. Dabei müsste noch genauer untersucht werden, ob dies für die Führungsmacht eine Frage von Reputationskosten (Ebene 2) oder stärker kognitivemotionale Kosten (Ebene 5) war. Vorerst kann ein Zusammenspiel beider Ebenen angenommen werden. Dies machte aber die „Einheit“ zu einer Ware, die von „Abweichlern“ wie Rumänien erfolgreich zur Durchsetzung ihrer Vorstellungen genutzt werden konnte. Dabei lag das Problem der verhinderten RGW-Reform keineswegs bei einem Interessenkonflikt auf Ebene 1. Rationalistisch lässt sich durchaus eine stärkere Hierarchie durch den RGW begründen. Hier spiegelt sich ein institutionelles Defizit, das mangelndes Vertrauen und geringe Gewinnerwartungen vereinte. Zudem war das Konzept für den RGW keineswegs auf imperiale Hierarchiegrade ausgerichtet. Der RGW sollte vor allem in seiner Angebotsfunktion für kooperative Lösungen gestärkt werden (Ebene 3); die Durchsetzung sollte dann durch eine Verkopplung mit den Ebene 4+5 erfolgen. Mittel- bis längerfristig hätten sich dann reale Kooperationsgewinne zeigen müssen (Ebene 2). Dies hätte keineswegs einen Souveränitätsverzicht bedeuten müssen. Allerdings verhinderte nicht nur der - auf einer diffusen Souveränitätsnorm beruhende - rumänische Widerstand eine RGW-Reform. Die mangelnde Führungskraft der sowjetischen Seite, aber auch die begrenzten Ziele der „Integrationisten“ begrenzen die Reformimpulse. Vor allem aber war es die Ambivalenz der sowjetischen Politik, die in die Sackgasse führte, die Mischung aus visionären Äußerungen Chruschtschovs und fehlender Substanz der konkreten Konzepte wie fehlendem politischen Durchsetzungswillen. Dadurch wurden die „normalen“ institutionalistischen Probleme nochmals verstärkt. Sie beruhten nicht nur auf mehreren Ebenen und waren somit voraussetzungsreich; die neu etablierten Schemata (Souveränität) blieben diffus und waren sowohl einer instrumentellen wie einer kognitiv-emotionalen Logik zugänglich. Damit war die symbolische oder soziale Logik des Angemessenen entscheidend geschwächt, wurde die (geringe) Anreizfähigkeit des Systems zu einem entscheidenden Problem. Diese Anreizschwäche bestand bei der sowjetischen Seite auf drei Ebenen: 1. Der Produktion von positiven und negativen Anreizen, die tatsächlich als „Güter“ eingesetzt werden konnten. 2. Der Produktion und Stützung von kooperativen Lösungen und den entsprechenden Gewinnerwartungen. 3. Der Produktion von programmatischen und praktischen focal points. Bei einer gleichzeitigen Tendenz des Gesamtsystems zu den „rationalistischen“ Ebenen musste dies zur Stagnation führen. Aus institutionalistischer Perspektive war der Ostblock somit längerfristig nicht lebensfähig. Die Fundamente für einen anderen Weg fehlten seit Mitte der 50er Jahre auf materieller wie ideeller Ebene. Um solchen trivialen Aussagen zu entgehen, ist allerdings die weitere Untersuchung institutioneller Konfigurationen notwendig.
453
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Ralph Sowart, 2008, Die Institutionalisierung des Imperiums, München, GRIN Verlag GmbH
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