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Vorwort.
Während die Aufzucht der Seidenraupen mit den Blättern des Maulbeerbaumes bereits in Norddeutschland auf größere Schwierigkeiten stößt, weil der Maulbeerbaum hier nicht mehr vollkommen winterhart ist, ist dieselbe mit den Blättern der Schwarzwurzel (Scorzonera hispanica L.) jetzt sogar noch in St. Petersburg durchgeführt und auch noch weiter nördlich ausführbar. Zwar war die Schwarzwurzel schon seit längerer Zeit als Futterpflanze der Seidenspinnerraupe bekannt, aber eine erfolgreiche Zucht der Raupen mit diesem Futter scheiterte so lange, wie man nicht wusste, dass die Raupen bei diesem Futter eine besonders gleichmäßige Temperatur von 18 bis 20° R 1 brauchen. Ist nun damit auch die Seidenraupenzucht noch nicht am Endziel angelangt, weil eine so hohe gleichmäßige Temperatur längere Zeit nur durch Heizung erzielt werden kann, so ist doch die Seidenbaufrage dadurch ein wesentliches Stück weiter ihrer Lösung entgegengeführt worden, und es ist Aussicht vorhanden, daß nun auch noch der letzte Schritt, die Zucht einer akklimatisierten, gegen niedere Temperaturen unempfindlichen Rasse durch planmäßige Auslese bald getan wird. Die neue Zuchtmethode hat den großen Vorteil, daß die Nährpflanze bei und überall vollständig winterhart ist und schon im zweiten Jahre zur Aufzucht der Raupen verwendet werden kann. Die Anlage einer Seidenraupenzucht erfordert kaum nennenswerte Anlagekapitalien, das Schneiden des Futters und die Pflege der Raupen können von Frauen und Kindern leicht besorgt werden; der gefährlichsten Krankheit der Seidenraupen, welche den Seidenbau bei uns vollständig vernichtet hatte, kann jetzt durch sorgfältige Nachzucht und Pasteurschem 2 Zellensystem vorgebeugt werden. So dürfte sich der Seidenbau überall dort, wo die bisherige Hausindustrie nicht mehr lohnend ist, zu einer Hausindustrie eignen, welche gesund und
1 Grad Réaumur - Die Réaumur-Temperaturskala war in Europa, insbesondere in Frankreich
und Deutschland, weit verbreitet, wurde aber nach und nach wegen der besseren
Berechenbarkeit durch die Celsius-Skala abgelöst. Nachdem man 1901 die amtliche
Temperaturmessung von Grad Réaumur auf Grad Celsius umstellte, wurde die Réaumur-Temperaturskala nahezu bedeutungslos. Sie wird heute nur noch sehr selten verwendet, so
zum Beispiel in der Süßwarenindustrie und häufiger noch bei der Alp-Käseherstellung in
der Schweiz oder in Italien; Umrechnung: 1° C = 1° R · 1,25.
http://de.wikipedia.org/wiki/Réaumur-Skala.
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gewinnreich ist. Wo die Heizmaterialien billig sind, wird sich die Einführung dieser Hausindustrie schon jetzt ermöglichen lassen. Eine allgemeine Einführung derselben wird allerdings erst nach der Züchtung der akklimatisierten Rasse erfolgreich sein. Mögen die folgenden Zeilen dazu beitragen, das Ziel zu erreichen, welches Friedrich der Große bereits anstrebte, Deutschland in seinem Seidenbedarf vom Auslande unabhängig zu machen. Die Millionen, welche jetzt für Seide ins Ausland wandern, würden dann im Lande bleiben und gerade denjenigen zugute kommen, welche jetzt zu den wirtschaftlich am Schwächsten gehören. Der Verfasser.
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Vorwort zur zweiten Auflage.
Wenige Industriezweige eignen sich so wie der Seidenbau zur Hausindustrie. Wo immer er betrieben wird, sind es die schwachen Kräfte der Frauen und Kinder, welche ihn ausführen. Die jetzige große Zeit führt nun leider auf Jahrzehnte zu diesen schwachen Kräften noch eine große Schar Kriegsbeschädigter, die nicht mehr imstande sind, ihren bisherigen Beruf ausführen. Unsere Pflicht ist es, ihnen Berufe zu erschließen, in denen sie die ihnen verbliebenen Kräfte zu eigenem Nutzen verwenden können. Der Ehrensold, welchen ihnen das dankbare Vaterland verleiht, ist nicht imstande, ihnen auf die Dauer innere Befriedigung zu gewähren. Der Segen der Arbeit würde ihnen verloren gehen, wenn wir nicht dafür sorgen, daß sie eine Beschäftigung finden, in welcher sie die Ihnen gebliebenen Kräfte zu eigenem Vorteile ausnutzen können. Da kann der Seidenbau mit vollem Erfolge eintreten, Bisher bezogen wir unsere Seide aus denjenigen Ländern, welche uns in diesem Weltbrande als Feinde entgegenstehen. Millionen wanderten alljährlich in das feindliche Ausland, welche wir als einen Tribut dieser Staaten zahlen mußten. Diese Millionen können wir uns erhalten, sie können unseren Braven zugute kommen. Sie werden eine dauernde Kriegskontribution unserer Feinde sein.
Ein Hindernis scheint sich dem Seidenbaue bei uns in den Weg zu stellen. Bisher wurden die Raupen des Seidenspinners mit den Blättern des Maulbeerbaumes gefüttert. Maulbeerbäume sind aber bei uns nur spärlich vorhanden, und Bäume kann man nicht aus der Erde stampfen. Sie brauchen Jahre, bis sie so weit sind, dass ihnen ohne Schaden ein Teil ihres Laubes genommen werden kann. Schnelle Hilfe tut aber unseren Tapferen not. Da will es nun die Ironie der Weltgeschichte, daß gerade eine Russin es sein mußte, welche zeigte, wie die schon längst als Futterpflanze der Seidenraupe bekannte Schwarzwurzel mit Vorteil zur Seidenzucht verwendet werden kann. Als ich vor neunzehn Jahren in Petersburg bei Werderewski diese Zuchtmethode eingehend studierte, deren Ergebnis die vorliegende Schrift war, da ahnte ich freilich nicht, daß dieses Studium noch einmal den Erfolg haben würde, in dieser Weise unserem Vaterlande zu nützen. Ich habe mich damals, einige Jahre später, durch im Großen durchgeführte Versuche überzeugt, daß auf dieser Grundlage
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der Seidenbau bei uns sehr gut durchführbar ist, wenn genau nach den in der vorliegenden Schrift angegebenen Anweisungen verfahren wird. Dankbar gedenke ich noch heute der wirksamen Unterstützung, welche mir damals zwei Männer gewährten, von denen den einen leider bereits seit Jahren der kühle Rasen deckt, während sich der andere noch heute bester Gesundheit erfreut: die Herren Geheimer Oberregierungsrat Simon und Geheimer Regierungsrat Gürtler. Dankbar sei auch jenes Mannes gedacht, in dessen Händen die technische Durchführung der Versuche lag, des damaligen Direktors der Webschule in Rowawes, der mit unermüdlicher Treue die Versuche Rowawes ausführte.
Wie aus den folgenden Zeilen hervorgeht, erfordert der Seidenbau eine besonders peinliche Pflichterfüllung. Das aber ist es ja gerade, was unseren lieben Kriegsbeschädigten in Fleisch und Blut übergegangen ist, und weshalb gerade sie sich so besonders für den Seidenbau eignen. Pünktlichkeit und Sauberkeit sind die Grundpfeiler des Seidenbaues, wenn er Erfolg haben soll. Die Schwierigkeiten, welche sich sonst dem Seidenbaue entgegenstellten, sind leicht zu überwinden. Der größte Feind, die Körnchenkrankheit der Seidenraupe, kann durch das Pasteurisieren 2 fern gehalten werden. Sache der interessierten Kreise wird es sein, dafür zu sorgen, daß in Deutschland nur pasteurisierte Eier zur Verwendung gelangen. Und auch die anderen Schwierigkeiten sind jetzt überwunden, welche früher der Ausdehnung des Seidenbaues bei uns als Hindernis entgegentraten. Es ist dafür gesorgt worden, daß die erzogenen Kokons bei uns einen Markt finden, so daß der Züchter einen sicheren, lohnenden Absatz für deine Produkte hat. Die einleitenden Schritte sind getan, den deutschen Seidenbau gleich von vornherein zu organisieren, und ich kann jedem, der sich dem Seidenbaue zuwenden will, nur dringend raten, sich dieser Organisation, über die ich gern Auskunft gebe, anzuschließen, In diesem Jahre ist der vorgerückten Jahreszeit wegen der Beginn der Zucht nicht mehr möglich, schon deshalb nicht, weil die Futterpflanzen fehlen. Aber es ist noch die Zeit, die Futterpflanzen heranzuziehen, so daß im nächsten Jahre der Seidenbau im großen Maßstabe aufgenommen werden kann. Die Zeit bis dahin kann damit
Gemeint ist hier nicht eine kurzzeitige Erwärmung. Erklärung siehe Seite 25. 2
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ausgefüllt werden, die für die Zucht nötigen Einrichtungen auszuführen. Diese sind so leicht herzustellen, daß sie sich jeder selbst anfertigen kann.
Berlin-Dahlem, am 1. Juli 1915
Udo Dammer
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Inhalts=Verzeichnis.
Vorwort zur ersten Auflage. 2
Vorwort zur zweiten Auflage. 4
Die Schwarzwurzel. 8
Der Zuchtraum und seine Einrichtung. 11
Die Aufzucht der Raupen. 16
Die Gewinnung der Eier für die Nachzucht 24
Das Abtöten der Puppen. 26
Einige Zahlen für den Kostenvoranschlag. 27
Schlu ßwort 28
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Die Schwarzwurzel.
Die Schwarzwurzel (Scorzonera hispanica L.) ist eine in Südeuropa wildwachsende Pflanze aus der Familie der Körbchenblüter oder Compositae. Bei uns in Deutschland kommt sie bisweilen auf Grasplätzen, sonnigen Hügeln und ähnlichen Standorten, meist wohl nur verwildert, vor. Dagegen wird sie, namentlich in Süd= und Mitteldeutschland, neuerdings auch in Norddeutschland, ihrer äußerst wohlschmeckenden Wurzeln wegen vielfach angebaut. Die Pflanze ist ausdauernd, erreicht eine Höhe von 60 bis 125 Zentimeter, hat eine grundständige Rosette eiförmig=länglicher bis lanzettlicher, vorn zugespitzter Blätter, aus welcher sich oberwärts ästige Stängel erheben, deren Aeste je ein Blütenkörbchen tragen. Der kahle Hüllkelch dieser ist halb so lang wie die gelben Blüten. Die bei uns im Juni und Juli erscheinenden Blütenkörbchen haben einen Durchmesser von 4½ bis 5 Zentimeter, Die Samen behalten ihre Keimkraft höchstens zwei Jahre. Frische Samen, gleich nach der Ernte ausgesäet, keimen leicht und sicher, ohne nennenswerten Ausfall, ältere Samen liegen längere Zeit in der Erde und keimen dann nur noch zum Teil. Während zu einer erfolgreichen Kultur der Pflanze behufs 3 Gewinnung der Wurzeln ein sehr tiefgründiger, gut gelockerter Boden von vorzüglicher Beschaffenheit notwendig ist, ist für die Kultur der Schwarzwurzel als Futterpflanze der Seidenraupe ein magerer Boden vorzuziehen, weil saftstrozende Blätter sich nicht so gut als Futter eignen wie derbere Blätter. Aus diesem Grunde sind auch erst die Blätter der zwei= oder mehrjährigen Pflanze als Futter verwertbar. Die Aussaat erfolgt entweder im Herbst oder so zeitig wie möglich im Frühjahre, und zwar auf Beeten in Reihen, welche 10 Zentimeter von einander entfernt sind. Um die Blätter bequem schneiden zu können, mache man die Beete nicht breiter als einen Meter. Nachdem die Beete umgegraben und glatt geharkt sind, spannt man eine Schnur 5 Zentimeter vom langen Beetrande entfernt längs desselben, zieht mit dem Harkenstiel an derselben entlang eine flache Furche und legt in Abständen von genau 10 Zentimetern je 2 bis 3 Samen zusammen. Die ersten Samen werden 5 Zentimeter vom schmalen Beetrande entfernt gelegt. Dann rückt man die Schnur um 10 Zentimeter weiter,
3 Original-Seite 9; mittelhochdeutsch: behuof = 1. Nutzen, Gewerbe, Geschäft; Zweck,
2. beheben = erhalten, nötig sein.
Arbeit zitieren:
Prof. Dr. Udo Dammer, 2008, Über die Aufzucht der Raupe des Seidenspinners mit den Blättern der Schwarzwurzel (Scorzonera hispanica L.) , München, GRIN Verlag GmbH
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Tanja Hammer folgt nun Über die Aufzucht der Raupe des Seidenspinners mit den Blättern der Schwarzwurzel (Scorzonera hispanica L.)
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