Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis. 2
Einleitung. 3
A. Eine Begriffs- und Standortbestimmung 4
1. Bezugnahme und Präzisierung 4
2. Abgrenzung des Begriffs “Evolutionäre Ethik“ 5
3. Zum Begriff der Moral. 6
3.1 Moralentwicklung. 6
3.2 Altruismus. 7
3.3 Genetischer Altruismus 8
4. Normen und Werte 10
4.1 Normen und Fakten. 10
4.2. Die Entwicklung von Normen im Spannungsfeld zwischen Kultur, Sprache und
genetischen Grundlagen 12
5. Menschliche Freiheit 14
B. Implikationen für die Pädagogik. 15
6. Erziehung 15
7. Moral und Moralerziehung - Verhaltensbiologische Grundlagen (nach von Cube) 16
8. Drei Triebkräfte des Verhaltens (nach Mohr) 18
9. Die Bedeutung von Lernprozessen bei der Entwicklung von Wertvorstellungen (nach
Liedtke ) 20
Zusammenfassung. 23
Vom Kopf auf die Füße 24
Literaturverzeichnis 25
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Einleitung
In unserer heutigen Zeit, einer Zeit, schneller gesellschaftlicher Veränderungen, in der die Halbwertszeit auch moralischer Maßstäbe immer kürzer wird, kommen im wissenschaftlichen Diskurs wieder zunehmend Stimmen zu Wort, die fragen, ob eine Betrachtung der Natur des Menschen zu einer ethischen Orientierung beitragen könnte. Darüber hinaus zeigen der in den letzten Jahren zu beobachtende „Ethikboom“ und die Debatte um den „Werteverfall“, dass das Thema den Nerv der Zeit trifft und ebenso im Blickfeld einer breiten Öffentlichkeit steht. Erwartet werden Lösungen von Seiten der Pädagogik bzw. den Pädagogen, also all denen, die dem Menschen sagen sollen, was er zu tun und zu lassen hat. Dominierte die rationalistische Denktradition der „praktischen Philosophie" über Jahrhunderte hindurch unangefochten in den Bereichen Philosophie und Pädagogik, so sind wir heute Zeugen eines „Paradigmenwechsel“ (vgl. Treml 1999, S.10). Seit einigen Jahren drängen sich zunehmend naturalistische Argumente in der Ethikdebatte in den Vordergrund. In diesem Kontext scheint auch der Name „ Evolutionäre Ethik" wieder auf. Ihr Gegenstand ist die Behandlung ethischer Probleme auf der Basis empirischer Aussagen über die natürliche Welt (ebenda). Oder um es mit Mittwollens Worten zu formulieren: „Evolutionäre Ethik hat den Anspruch, unser moralisches Verhalten aus biologischen Ursachen heraus zu erklären“ (Mittwollen 1997, S. 153).
Aufgrund des mir gestellten Themas diese Arbeit, möchte ich im ersten Teil (A), den Begriff „Evolutionäre Ethik“ anhand zentraler Begriffe darstellen. Im zweiten Teil (B) sollen dann ausgehend von dieser Position, mögliche Implikationen für die Erziehung diskutiert werden. Grundlage dieser Hausarbeit sind Beiträge zeitgenössischer Autoren. Klassische Positionen und Literatur wie etwa die von Herbert Spencer, welcher als erster die Evolutionstheorie Darwins auf die gesellschaftliche Entwicklung anwendete, konnten aufgrund des Umfanges, keine Berücksichtung finden. Im Hinblick auf die Themenstellung erschien mir dies aber legitim.
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A. Eine Begriffs- und Standortbestimmung
1. Bezugnahme und Präzisierung „Die Theorie Darwins gehört zu den bedeutendsten und erfolgreichsten
naturwissenschaftlichen Theorien aller Zeiten. Ihr Einfluss erstreckt sich weit über das Gebiet der Biologie hinaus. (…) Es kam nicht überraschend, dass diese weltanschauliche Revolution sich auch auf das philosophische Denken niedergeschlagen hat. Der Einfluss der Evolutionstheorie auf die Entwicklung der Philosophie im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts kann kaum überschätzt werden. (…) Fasst man den Begriff ,evolutionär` nicht zu eng, so dürfte es kaum eine philosophische Disziplin geben, für die keine - mehr oder weniger elaborierte - evolutionäre Um- und Neudeutung vorgelegt wurde“. (Bayertz 1993, S.7f) Bayertz nennt im weiteren Verlauf seines Textes sechs philosophische Disziplinen. So unterscheidet er zwischen evolutionärer Metaphysik, Erkenntnistheorie,
Wissenschaftstheorie, Technikphilosophie, Ästhetik und evolutionärer Ethik. „Die evolutionäre Sicht hat nicht nur integrative Funktion, indem sie verschiedene wissenschaftliche Disziplinen zusammenbindet; sie hat vielfach auch zu ganz neuen Fragestellungen und Ergebnissen geführt“. (Vollmer 1993, S. 103) Es ist die Erkenntnis gewachsen, dass viele Systeme nur als dynamische Systeme stabil bleiben können, dann, wenn etwas in ihnen geschieht. So auch soziale und kulturelle Erscheinungen, die nur erhalten bleiben, wenn sie praktiziert werden. Der Mensch unterliegt natürlicherweise, als Teil dieser Natur mit seinen Fähigkeiten und Fehlern, der Evolution. Die Evolutionäre Ethik versucht den Evolutionsgedanken analog in die ethische Diskussion einzubringen. Sie ist daher keineswegs als Alternative zur philosophischen Ethik zu sehen, sondern als Versuch in die Ethik als philosophische Disziplin evolutive Geschichtspunkte einzubeziehen. (vgl. Vollmer 1993)
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2. Abgrenzung des Begriffs “Evolutionäre Ethik“
Das Thema dieser Arbeit lautet: „Stellen Sie die Position der Evolutionären Ethik dar und diskutieren Sie diese mit Blick auf Erziehung."
Nun erschien es mir nach einem ersten kurzen Literaturüberblick unmöglich, EINE Position evolutionärer Ethik auszumachen. Vielmehr bot sich mir ein Panorama beziehungsweise Spektrum an Positionen. Anknüpfend an Arend Mittwollen 1 , möchte ich deshalb eine Abgrenzung des Begriffes vorschlagen, der mir auch im Kontext von Erziehung als operational erscheint. An dem einen Ende dieses Spektrums steht die Humansoziobiologie, am anderen Ende eine Position, die Mittwollen als „biologistische Ethik“ bezeichnet. „Innerhalb dieses Spektrums können drei Grundpositionen unterschieden werden“: (Mittwollen S. 153) a) Die humansoziobiologische Position
exklusive Beschränkung auf das moralische Verhalten. Dieses wird versucht evolutionär herzuleiten. Es werden keine normativen Ansprüche erhoben. Im Grunde also keine „Ethik", weil sie rein deskriptiv bleibt. b) die Position der Evolutionären Ethik
diese Position schließt den Bereich des Normativen in ihre Erklärungen ein. Sie versucht darzustellen, wie sich Vorstellungen von ethischen Werten und Normen evolutiv entwickelt haben, leitet daraus aber keine Geltungsansprüche ab. Sie gesteht den Menschen eine gewisse Autonomie im Bereich der Normenbildung und ihrer Begründung zu, leitet daraus aber keinen Geltungsanspruch ab. Diese Position evolutionärer Ethik will Normen nicht rechtfertigen, dennoch einen Einfluß auf eine normative Ethik haben. c) die Position der biologistischen Ethik
hier dient die Biologie als Quelle zur Begründung von Normen. Im Extremfall wird die Ethik biologisiert, denn die Biologie wird für die Ethik sowohl notwendig als auch hinreichend, d.h. Ethik als eigene Disziplin wird überflüssig, da sowohl das Verhalten als auch diesem zugrunde liegenden Normen biologisch erklärt und begründet werden können. Zu bemerken ist, dass diese drei Positionen nicht scharf trennbar sind, sondern fließend ineinander übergehen. Wenn nachfolgend von Evolutionärer Ethik die Rede sein wird, beziehe ich mich auf die Position b.
Im weiteren Verlauf dieser Arbeit möchte ich zuerst versuchen, ausgehend von der "Mitte dieses Spektrums" (b), darzustellen wie die Evolutionäre Ethik die Entstehung und Entwicklung von Moral und Normen begründet.
1 Mittwollen, A., „Konsistenz und Relevanz einer Evolutionären Ethik“; In: Philosophia Naturalis Bd. 37,
2000, S. 153-175
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3. Zum Begriff der Moral
Unter allen uns bekannten Lebewesen ist der Mensch das einzige, das zwischen „gut“ und „böse“ unterscheidet und den Moralbegriff kennt. Moral tritt beim Menschen universell auf. Alle Völker und Kulturen haben bestimmte Wertvorstellungen und Normen entwickelt, die das Verhalten des Einzelnen in einer Gruppe regeln sollen. (vgl. Wuketits 1999 S. 51) Dem Moralbegriff liegt hier ein funktionales Verständnis zu Grunde, nämlich als „die Summe der Regeln (Normen), die von den Individuen einer Sozietät zu befolgen sind, damit diese Sozietät funktionsfähig bleibt“ 2 „Es sind die Regeln des Zusammenlebens, die das Überleben der Sozietät gewährleisten sollen. Daraus folgt, dass Moralvorstellungen gruppenspezifisch sind, von der Lebenssituation einer Gruppe abhängen und bei einer Veränderung dieser Situation auch verändert werden können“. (ebda)
Nach Liedtke zählen „Moralvorstellungen mit zu dem Kanon an Wertvorstellungen oder Führungssystemen, durch die das Verhalten eines Individuums beziehungsweise einer Gesellschaft gesteuert wird“. (Litke 1999, S. 159) Wie stellt sich nun die Evolutionäre Ethik eine Moralentwicklung vor?
3.1 Moralentwicklung
„Das Moralverhalten des Menschen wird von Vertretern der Evolutionären Ethik in der Regel als Ergebnis einer genetischen Anpassung verstanden. Diese Anpassung verschafft den Genen und ihren Trägern Fitness und Überlebensvorteile“. (Mittwollen, S.156) Die Moralentwicklung ist dabei nicht ausschließlich genetisch determiniert, das heißt das Individuum hat einen Verhaltens- und Entwicklungsspielraum. Die Möglichkeit zu lernen und Umwelteinflüsse aufnehmen zu können, ist eine Prämisse Evolutionärer Ethik, und kann auch als genetische Anpassung interpretiert werden. Ethische Ansichten und moralisches Verhalten entstehen also im Wechselspiel von genetischen und milieubedingten Parametern. (ebda). Das Verhalten ist also weder allein biologisch noch ausschließlich sozial bedingt, weil der Mensch von Natur aus schon ein soziales Wesen ist und umgekehrt unser Sozialverhalten nicht von biologischen Determinanten entbunden werden kann. (vgl. Wuketits 1999, S.55)
Wenn aber auch das Prinzip des genetischen Eigennutzes (Fitness- Vorteile für den Träger) die biologische Evolution kennzeichnen soll, wie können dann altruistische Verhaltensweisen erklärt werden. Nachfolgend möchte ich daher auf den Begriff des Altruismus eingehen, da dieser Begriffsinterpretation ein anderes Moralverständnis als das der traditionellen Ethik zugrunde liegt. (vgl. Mittwollen 1998)
2 vgl. Wuketits 1999 S. 51
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3.2 Altruismus
In der traditionellen, umgangssprachlichen Ethik ist es üblich, nur bewusstes Verhalten, dessen Ziele und Gründe man angeben kann, als „Handeln“ zu bezeichnen. Sie fragt nach den Gründen einer Handlung und verleiht daraufhin das Prädikat altruistisch oder egoistisch. Die Evolutionäre Ethik hat den Anspruch den gewöhnlichen Handlungsbegriff von seiner intentionalen Bedeutung zu trennen. „Altruistisch sind nur Verhaltensweisen, die objektiv einem anderen als dem sich verhaltenen Individuum mehr Vorteile bringen als diesem. Von Absichten oder Gründen des Handelnden darf keine Rede sein. 2 Robert J. Richards definiert Altruismus als„ einen Beweggrund, der gewöhnlich zu einem Verhalten führt, von dem der Nehmende profitiert und das den Gebenden etwas kostet, ohne dass daraus irgendein Ausgleich für den Handelnden zu erwarten wäre“ 3 . Innerhalb des Begriffsystems der Evolutionären Ethik tauchen im Zusammenhang mit dem Begriff des Altruismus, zwei weitere Begriffe auf, die einer näheren Erläuterung bedürfen, da sie bei näherer Betrachtung als egoistisch motiviert erscheinen. a) Verwandtenselektion
die Gene eines Individuums gehören qua gemeinsamer Abstammung auch zum Erbgut seiner genealogischen Verwandten. Deshalb hat das Individuum nicht nur Interesse an seiner eigenen Fortpflanzung sondern möchte auch den jeweils nächsten Verwandten zu höherem Reproduktionserfolg verhelfen (vgl. Voland & Voland 1999, S. 196ff). b) reziproker Altruismus
Mohr bringt den reziproken Altruismus auf die Formel: „ hilf demjenigen, der (mit hoher Wahrscheinlichkeit) später etwas für dich tun wird" 4 . Dieser Altruismus beruht auf egoistischen Motiven, man hilft jemand anderem nur, damit die Auswirkungen des altruistischen Verhaltens im Endeffekt einem selber zukommen. Er ist eine bekannte Form des Sozialverhaltens, die schon in der goldenen Regel ausgedrückt wird. „Verhaltensweisen, die dem Handelnden nur Kosten und keinerlei Nutzen bringen, und nicht durch die oben erwähnten evolutionären Mechanismen erläutert werden können, werden als ‚echter’ Altruismus, ‚Heldenaltruismus’ oder auch als ‚genetischer Altruismus’ bezeichnet. Beispiele wären das Wirken von Mutter Theresa oder Albert Schweitzer“ (Mittwollen 2000, S. 157). Es ist evident, dass diese Tatsache, und die Tatsache, dass solche Verhaltensweisen eine große Anziehungskraft auf Menschen ausüben, nicht ohne weiteres von einer Evolutionären Ethik beantwortet werden können.
2 Vgl. Siep, L. : „Was ist Altruismus“. In: Evolution und Ethik, Reclam 1993, S. 288-306
3 Richards R. J. : ,„ Evolutionäre Ethik, revidiert und gerechtfertigt“, Stuttgart 1993. In: Evolution und
Ethik, Reclam 1993; S. 168-198.
4 Mohr, H. „Triebkräfte des Verhaltens“, Stuttgart 1999. In: Die Natur der Moral, Leipzig 1999, S. 65-73
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Spinnen wir deshalb unseren roten Faden weiter und beschäftigen uns nachfolgend in der gebotenen Kürze mit den möglichen Ursachen für genetischen Altruismus aus einer evolutionären Sicht.
3.3 Genetischer Altruismus
Die Vertreter einer soziobiologischen Betrachtungsweise evolutionärer Aspekte wie etwa Eckart und Renate Voland gehen davon aus, dass die zwei oben beschriebenen Formen von altruistischen Verhaltensweisen nicht ausreichen, um die Natur der Moral voll zu verstehen. „Altruismus kann auf einen dritten Ursachenkomplex zurückgehen, der mit einem unlösbaren genetischen Eltern / Kind - Konflikt zu tun hat“ (Voland Voland 1999, S. 195). Bereits Charles Darwin machte es einiges Kopfzerbrechen, weil er nicht erklären konnte, warum manche Organismen ihren evolvierten Eigennutz zugunsten Dritter überwinden, dennoch aber existieren, obwohl sie, biologisch gesehen, keinen Bestand haben dürften. Die Soziobiologie erklärt dieses Paradoxon damit, dass nicht der Eigennutz von Individuen, Gruppen oder Arten evolutionär relevant ist, sondern dass es im Kern um die Weitergabe der Erbanlagen geht. „Nur jene Erbanlagen bleiben auf Dauer erhalten, die konsequent eigennützlich für ihre eigene maximal mögliche Verbreitung sorgen“. (Voland & Voland 1999, S. 196) Das Paradoxon kann aufgelöst werden, wenn angenommen wird, dass genetischer Eigennutz keineswegs zu persönlichem Eigennutz zwingt. Unter bestimmten Bedingungen kann es vorteilhafter sein altruistisch zu handeln, wenn sich dieser Altruismus in der Netto-Bilanz (Kosten - Nutzen) auszahlt.
Als Phänotyp wird dabei in der Regel die Erscheinungsform eines Organismus bezeichnet, die durch seine nicht sichtbare genetische Information (Genotyp) hervorgerufen wird. Hamilton schlägt ein Konzept der Gesamtfitness (inclusive fitness) vor. Es impliziert, dass alle sozialen Lebewesen durch die natürliche Selektion genetisch daraufhin disponiert werden, ihr soziales Verhalten so zu gestalten, dass die Weitergabe ihrer Gene maximiert wird, unabhängig davon , ob sie selber oder andere Angehörige der Sippe (z.B. Kinder) diese Gene weiter geben. Dies erklärt das Verhalten, warum ein Organismus die Fitness des anderen Organismus auf Kosten der eigenen Fitness erhöht 5 .
Der eingangs erwähnte Eltern - Kind - Konflikt soll hier im Weiteren als Veranschaulichung dieser These dienen. Er spielt sich dabei auf zwei Ebenen ab.
Auf der ersten Ebene wird das Laktationsverhalten von Müttern mit Säuglingen dahingehend interpretiert, dass Mütter ihre Kinder nur solange stillen, wie das Kosten/Nutzen - Verhältnis nicht negativ für Mutter und Kind wird. Das Kind würde seinem genetischen Eigeninteresse widersprechen, wenn es die Mutter an der Versorgung eines Geschwisters hindern würde,
5 (Mohr 1999, S. 69, zitiert nach: Hamilton, L.D.: The genetical evolution of social behavior. In: Journal
of Theoretical Biology 1964, S. 1-52).
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da das Geschwister durch die gemeinsame Abstammung zur Verbreitung des eigenen Erbguts beiträgt. Dennoch gibt es eine Übergangsphase, die oft dadurch gekennzeichnet ist, dass die Interessen von Mutter und Kind bezüglich des Stillverhaltens divergieren. Die Mutter ist bestrebt, mit der Laktation aufzuhören, aber das Kind setzt einiges daran, noch weiter gestillt zu werden.
Die zweite Ebene ist grundsätzlicher Natur. Für die Eltern kann es von Vorteil sein, wenn sich einige ihrer Kinder als Helfer altruistisch verhalten. Dies ist nur möglich durch das nachhaltige Unterdrücken der eigenen Reproduktionsinteressen ihrer Kinder. Diese Form der Unterdrückung zwecks Ausbeutung altruistischer Leistungen gelingt nur, solange die Eltern in der Lage sind, Macht auszuüben. Aus der europäischen Sozialgeschichte sind dazu einige Fallbeispiele bekannt, die mit dem oben Gesagten gut interpretiert werden können. (vgl. Voland und Voland 1999, S. 202). Sie sprechen auch von ‚Helfer am Nest Gesellschaften’. Schwäbische Familien im 18. Jhrd. hielten sich z.B. einen „Dubbel“, der im Haushalt und bei der Kinderversorgung mithalf.) Die Autoren kommen zu dem Schluß, dass der stammesgeschichtliche Ursprung von Moral in den egoistischen Altruismusanforderungen der Eltern an ihre Kinder zu suchen ist. „Historisch entstand Moral durch [elterliche] Manipulation“. (Voland & Voland 1999, S. 203) Kinder haben, da sie unselbständig auf die Welt kommen, keine Alternative, als sich diese Instrumentalisierung und Ausbeutung gefallen zu lassen. Erst im Zuge ihrer Sozialisation erwerben sie die notwendigen kulturspezifischen Kompetenzen, um im Laufe ihres Lebens ihr Fitnessinteresse sozial bestmöglich umzusetzen. Zu diesem Zweck brauchen Kinder konkrete Lernmodelle als Unterstützung und „angesichts der genetischen Identität von Eltern und ihren Kindern „taugen Eltern hierfür besser als alle anderen Gruppenmitglieder“. (ebenda) Kindern bleibt nichts anderes übrig als die physische und psychische Überlegenheit ihrer Eltern zu akzeptieren, wenn sie in den Genuss elterlicher Unterstützung kommen wollen. Im Laufe ihrer Entwicklung können sie die Allmacht ihrer Eltern begrenzen. Die Autoren resümieren, dass elterliche Fürsorge und Liebe faktisch eine Form von Dominanz ist und Moral sowie Manipulation stammesgeschichtlich und individualgeschichtlich aufs engste miteinander verwoben sind.
Aus dem soeben Geschriebenen ist festzuhalten, dass die Gewissensausbildung in der Kindesentwicklung stattfindet, unabhängig von ihren Ursachen. Es ist also im Weiteren darzustellen, wie diese Entwicklung geprägt wird und was Evolutionäre Ethik unter Werten und Normen versteht.
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4. Normen und Werte
„In der praktischen Philosophie ist die Verwendung des Wortes „Norm“ terminologisch nicht geregelt. Allgemein bekannt ist, dass Normen sich auf unsere Sittlichkeit beziehen und Grundregeln des moralischen Handelns sind“. (Mittwollen 2000, S.161) Sie können als auf Vorschriften beruhende Formulierungen eines geltenden Moralkodexes verstanden werden, welche allgemein anerkannte Werte der Gesellschaft objektivieren. Dabei ist noch nicht geklärt, ob Normen unbedingt und allgemeingültig sind. (vgl. Schrader 1984) Evolutionäre Ethiker schließen sich dieser Auffassung an, indem sie Normen als Regeln, welche keine andauernde und unveränderbare Gültigkeit haben, beschreiben. Da Normen von Menschen gesetzt werden und der Mensch evolutionären Beeinflussungen, Randbedingungen und Dynamiken unterworfen ist, sind die Normen es ebenso, wenn auch indirekt. Ein unveränderliches Sittengesetz wird damit logisch ausgeschlossen, nicht aber Normen, die sich als evolutionär und sozial stabil erwiesen haben und sich, falls erforderlich, den Umständen anpassen können. (vgl. Mittwollen, S. 161) Hier spätestens könnte man fragen, ob diese Art von Ethik überhaupt normativen Charakter hat, wenn sie die Wahrheit von Normen nicht zeigt und Normen einer völligen Beliebigkeit ausgesetzt sind. Auf diese, durchaus berechtigte Kritik, werde ich an dieser Stelle nicht näher eingehen. Möglicherweise können pragmatische Kriterien, wie die Durchführbarkeit oder die gesellschaftliche Akzeptanz moralischer Werte helfen, Normen auszuwählen. Die Evolutionäre Ethik geht davon aus, dass jeder Mensch evolutionär bedingt bestimmte Grundnormen ausbildet, deren Grundstruktur bei allen Menschen gleich ist. (ebda)
4.1 Normen und Fakten
„Wir können mehr als wir dürfen. Die Frage nach dem Können ist eine faktische, die nach dem Dürfen eine normative“. (Vollmer 1999, S.211) Wie beide zusammenwirken, ist eine Frage, die im Zentrum des Interesses Evolutionärer Ethik steht. Die Frage nach dem richtigen, guten Handeln ist so alt wie die Ethik selbst, und Betrachtungen über Gut oder Böse führen meist zu ethischen und moralphilosophischen Überlegungen.
„Eine Theorie der Evolutionären Ethik muss auf der einen Seite den Unterschied zwischen Normen und Fakten aufrechterhalten, auf der anderen Seite aber eine Verbindung zwischen ihnen knüpfen“. (Mittwollen, S.162) Den Unterschied aufrecht zu erhalten ist wichtig, da die Evolutionäre Ethik eine Ethik ist, die auf naturwissenschaftlicher Grundlage argumentieren möchte. Eine Verbindung zu knüpfen ist notwendig, um normative Aussagen machen zu können.
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„Hier können so genannte Brückenprinzipien zur Hilfe genommen werden. Ihre Funktion ist es, wissenschaftliche Kritik an normativen Aussagen zu ermöglichen (Albert 1975, 76)“. (Mittwollen, S. 162) Bekannte Brückenprinzipien sind die Maxime: a) „Sollen impliziert können“
Sie ist ein Hauptargument Evolutionärer Ethiker, um die Wichtigkeit der Evolutionstheorie für eine normative Ethik zu belegen. Es wird daraufhin verwiesen, dass Normen, die den Menschen verbieten zu essen, zu schlafen, sexuelle Enthaltsamkeit oder lebenslange Monogamie abverlangen, in der Regel nicht eingehalten werden können. So wird behauptet, dass ethische Vorschriften, die den evolutionär erworbenen Verhaltendispositionen zu sehr widersprechen, nicht durchführbar sind. (vgl. Wuketits 1993) b) Das Kongruenzpostulat
Diese Maxime fordert, dass normative Elemente mit den sicheren Ergebnissen der Naturwissenschaften zumindest einigermaßen übereinstimmen sollten. (Im folgenden Beispiel wäre dies nicht der Fall: Es wäre nicht sinnvoll von Männern zu fordern, Sie sollen Kinder gebären).
Um bei der Darstellung der Genese der Normen aus der Evolution den naturalistischen Fehlschluß 6 zu vermeiden, scheint es prinzipiell zwei Wege zu geben. Der eine besteht darin, den Unterschied zwischen Fakten und Normen abzulehnen und Normen nur als Illusionen zu verstehen. Dies wäre eine Sichtweise der biologistischen Ethik und somit nach der für diese Arbeit zugrunde liegende Definition keine Evolutionäre Ethik. Der andere Weg besteht darin, der Natur einen Wert an sich zuzusprechen und darauf aufbauend ethische Regeln zu entwickeln. „ Nur wenn Aussagen über die Natur schon valuative Elemente enthalten, können daraus normative Konklusionen abgeleitet werden“. (Mittwollen, S. 163) Weiter nicht ausführen möchte ich, dass hier das Problem des naturalistischen Fehlschlusses nur verlagert wird, weil schon die Prämisse, die Natur habe einen Wert an sich, eine Wertaussage ist.
Patzig geht davon aus, dass sich bestimmte Grundelemente der menschlichen Moral über evolutionäre Mechanismen entwickelt haben. Im Laufe der kulturellen Überformung emanzipierte sich die moralische Reflexion von diesen Grundlagen, so dass heute keine Verbindung mehr zwischen genetischer Ausstattung und moralischer Anschauung besteht (vgl. Patzig 1995). Wenn wir die Möglichkeit haben, unsere Normen unabhängig von
6 Im Sinne Humes, d.h. die Problematik des Übergangs vom Sein zum Sollen betreffend, nicht im
Sinne von G.E. Moore der sich auf die Problematik der Definition von Eigenschaften bezieht. Dezidiert
wird das Mooresche Verständnis des naturalistischen Fehlschluß in Sosoe, l. K.: Naturalismuskritik
und Autonomie der Ethik, erörtert.
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natürlichen Gelegenheiten zu gestalten, muss jetzt gezeigt werden, ob und wie dies ihm Rahmen der natürlichen Evolution möglich wurde.
4.2. Die Entwicklung von Normen im Spannungsfeld zwischen Kultur, Sprache und genetischen Grundlagen 7
Die Evolutionäre Ethik geht davon aus, dass im Laufe der kulturellen Entwicklung körperliche Merkmale, Verhaltensweisen und Vorstellungen entstanden sind, die der biologischen Fitness widersprechen, aber der natürlichen Selektion nicht unterworfen sind. Grundlage dafür war, dass sie sich im Rahmen der kulturellen Überformung nicht fitnesshindernd auswirkten. (vgl. Mittwollen) So haben wir zum Beispiel in unserer heutigen Gesellschaft mit einem Augenfehler keine Schwierigkeiten zu überleben und die genetischen Anlagen dafür können sich gut ausbreiten. Über die Kultur kann auch die Verbreitung von Vorstellungen, die der natürlichen Evolution direkt widersprechen, erklärt werden (z.B. Selbstmord oder Sterilisation). Kultur kann über die Sprache als Verbreiter von genotypisch nicht
überlebensfähigen Strukturen dienen. Wenn angenommen wird, dass bestimmte Verhaltensweisen und die dazugehörigen Vorstellungen, wie Selbstmord, Sterilisation, etc. ursprünglich genetische Grundlagen hatten, ist zu folgern, dass diesen Verhaltensweisen zugrunde liegende Gene sich nicht ausbreiten konnten, denn sie wurden zwangläufig durch die Selektion vernichtet. Da aber Vorstellungen wie Selbstmord auch über die Sprache tradiert werden können, fand eine Ausbreitung ohne genetische Verankerung statt. Es hat also im Verlauf der Evolution eine Trennung von genetischen Grundlagen und der auf ihnen beruhenden Vorstellungen stattgefunden. So kann erklärt werden, warum der Mensch Ziele oder Verhaltensweisen hat, die seinen biologischen Grundlagen widersprechen und er unabhängig von der Natur darüber reflektieren kann. (vgl. Mittwollen) Die Fähigkeit des Menschen, Normen zu rechtfertigen und nach seinen Vorstellungen zu verändern, unterscheidet ihn von den Primaten. Dies hängt damit zusammen, dass Normen sprachlich formuliert und gerechtfertigt werden. Demzufolge kann man annehmen, dass Normen zusammen mit der Entwicklung der Sprache oder nicht lange nach deren Ausbildung entstanden sind. (vgl. Vollmer S. 51)
Es wird angenommen, dass einige unserer Normen und Reflexionen noch heute stark genetisch beeinflusst werden und andere unabhängig davon sind. (vgl. dazu auch Liedtke 1999, S. 159-175)
Welche Normen dies sind und wie und in welcher Form diese im Rahmen des evolutionären Paradigmas denkbar sind, berührt die Frage nach der menschlichen Freiheit und soll im nächsten Abschnitt behandelt werde, wenn es darum geht, wie weit der Mensch
7 Es ist zu erwähnen, dass für die nachfolgenden Behauptungen bisher noch keine, mir bekannten
empirischen Untersuchungen gemacht wurden. Es handelt sich also um Hypothesen.
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f ähig ist, seine Normen selbst zu gestalten und auszuwählen und welchen evolutionären
Bedingungen er bei seinen normativen Entscheidungen unterworfen ist.
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5. Menschliche Freiheit
„In der Philosophie wird häufig zwischen der ‚Freiheit des Willens’ und der ‚Freiheit des Handelns’ unterschieden. Als Freiheit des Willens wird die Unabhängigkeit vom Kausalprinzip und das Anstoßen einer neuen Kausalreihe durch den Willen bezeichnet. Der Wille kann sich autonome Ziele setzen, die nicht auf andere Bedingungen zurückzuführen sind. Die Freiheit des Handelns bezeichnet die Wahlmöglichkeit zwischen schon existierenden verschiedenen Vorstellungen, die nicht autonom gesetzt werden, sondern in einer Kausalreihe stehen“. (Mittwollen, S. 167)
Die Evolutionäre Ethik versucht alle Lebenserscheinungen in eine naturalistische und deterministische 8 Theorie zu integrieren, dabei aber dem Menschen eine gewisse Freiheit zuzusprechen (ebenda).
Wie groß diese Freiheit ist, wie autonom der Mensch tatsächlich ist, ist unter evolutionären Ethikern umstritten und die Diskussion darüber soll hier nicht geführt werden. So vertritt z.B. Dawkins den Standpunkt, dass sich der Mensch als einziges Lebewesen gegen seine genetischen und kulturellen Bedingungen auflehnen könne. (Dawkins 1996) Als gemeinsame Grundposition der verschiedenen Ansichten lässt sich aber erkennen, dass eine Freiheit auf dem Gebiet des Handelns dem Menschen zuerkannt wird. (vgl. Mittwollen) Im ersten Abschnitt habe ich versucht anhand zentraler Begriffe wie „Moral“, „Norm“ und „Freiheit“ die Position der Evolutionären Ethik in der gebotenen Kürze darzustellen. Im weiteren Verlauf soll nun, nach einer kurzen Begriffsbestimmung von Erziehung, exemplarisch mithilfe der Zusammenfassung dreier Beiträge eine etwas konkretere Annäherung an das Thema versucht werden.
8 Determinismus soll hier nicht als Vorbestimmtheit definiert werden, sondern als Bezeichnung einer
Weltanschauung, die alles heute Existierende als Folge vorheriger Zustände erklärt. Im Grunde
können alle Phänomene über Kausalgesetze auf natürliche Grundbausteine zurückgeführt werden.
(vgl. Mittwollen)
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B. Implikationen für die Pädagogik
6. Erziehung
Brezinka definiert Erziehung als Handlungen und Handlungssysteme. (Brezinka 1990, S70ff) „Aus biologisch-antrophologischer Sicht dient Erziehung der Ergänzung dessen, was in der Person des Educanden ohne sie von selbst geschieht, sei es als Reifung oder als spontanes Lernen in unwillkürlicher oder absichtlicher Weise. Als allgemeinster Zweck gilt eine Persönlichkeitsverfassung, die man ‚Lebenstüchtigkeit’ nennen kann“. (Brezinka 1999, S. 129f) Dies ist ein komplexes Gefüge physischer (ererbter und artspezifischer) und psychischer (individuelle, kulturelle) Dispositionen.
Die Lebenstüchtigkeit als Abstraktum gibt es nicht, sondern nur bezogen auf eine bestimmte historische Lage mit bestimmten natürlichen und kulturellen Lebensbedingungen. Gerade Kindern ist es durch ihre artspezifische große Lernfähigkeit besonders gut möglich, das zu lernen, was ihren besonderen Lebensumständen entspricht. Das was oder wie erzogen wird, ist demnach immer kultur- und zeitabhängig.
Im Kontext einer Evolutionären Ethik, wie sie im ersten Teil beschrieben wurde, stellt sich nun die Frage: Was ist das Naturgegebene, genetisch determinierte, und in wie weit haben ethische Ansprüche (und damit pädagogische Intervention) sich dem zu fügen? „Der Grundfrage der Ethik nach Kant: ‚Was soll ich tun?’ ist die Frage voranzustellen: ‚Was kann ich tun?’ “. (Wuketits 1999, S. 58)
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7. Moral und Moralerziehung - Verhaltensbiologische Grundlagen (nach von Cube 9 )
Erziehung vollzieht sich innerhalb der menschlichen Gemeinschaft. Diese Sozietät konnte sich herausbilden, da sie Selektionsvorteile hatte. Der Zusammenschluss von Menschen gewährte Schutz gegen Kälte und Hitze, Schutz gegen Feinde ermöglichte die
Herausbildung von Traditionen in Verteidigung und Angriff, Erziehung der Nachkommenschaft usw.
Menschliche Moral ist darin nicht zufällig entstanden, sondern nach einer Logik, die die Überlebensfähigkeit der Sozietät gesichert hat. Diese Logik, auch als „sozietäre Logik“ bezeichnet, beinhaltet die drei grundlegenden Tugenden der Zuverlässigkeit, Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit, die nachfolgend nicht genauer erörtert werden sollen. Der Mensch, und nur er, kann sich über die evolutionäre gewordenen Naturgesetze des Verhaltens hinwegsetzen. Bekanntes Beispiel ist das Bewegungspotential des Menschen. Von Natur aus sind wir auf Bewegung programmiert. Wir können uns aber über das Laufprogramm hinwegsetzen, riskieren dann aber Herz- und Kreislaufkrankheiten. Ähnliches gilt für Eingriffe in die sozietäre Logik. Der Mensch hat Entscheidungsfreiheit gewonnen. „Entscheidet er sich für die Einhaltung der sozietären Logik, dann wird aus der (instinktiven) ‚Zuverlässigkeit’ die Tugend ‚Zuverlässigkeit’ und so weiter. Die sozietäre Moral besteht in der Entscheidung für die sozietäre Logik.“ Der Mensch kann ‚besser’ handeln als das Tier: er kann aus Mitleid handeln, Kranke und Schwache unterstützen und vieles mehr (humanitäre Moral). Dies impliziert auch, dass er gegen die (humanitäre und sozietäre) Moral verstoßen kann und er tut dies auch.
Als Ursache sieht von Cube die Verwöhnungen in der heutigen Wohlstandsgesellschaft, wobei Verwöhnung das Streben nach Lust ohne Anstrengung ist. Sie ist eine Vorteilsnahme auf Kosten anderer und insofern Egoismus.
Die Verhaltensbiologie zeigt, dass es sich bei der Verwöhnung um einen Eingriff in das biologische Gleichgewicht handelt. In seinem Streben nach Lust ohne Anstrengung zerstört der Mensch dabei seine natürliche Verhaltensökologie. Von Cube geht von einer Zunahme unmoralischen Verhaltens in unserer heutigen Gesellschaft aus, da
a) die Möglichkeiten der Verwöhnung zugenommen haben.
b) die Bindung als natürlicher Gegenspieler des Egoismus an Einfluss verloren habe. Wobei er hier Bindung als Voraussetzung für gemeinsames Handel definiert. (Bindung sei
9 Im nachfolgenden Abschnitt beziehe ich mich auf: CUBE, F. von, Moral und Moralerziehung. In: Die
Natur der Moral-Evolutionäre Ethik und Erziehung, Hrsg. Neumann D./Schöppe A./Tremel A.K.,
Leipzig 1999, S. 117 - 125
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durch Nähe gekennzeichnet, durch Zugehörigkeit, welches gerade ein Defizit moderner Gesellschaften sei.)
c) die Religion, die sich der Moral bemächtigt habe, an gesellschaftlichem Einfluß verloren habe und folglich durch das Schwinden religiöser Vorstellungen auch die Moral ihre transzendente Komponente eingebüßt habe. Von Cube benennt anschließend drei Ziele für eine Moralerziehung, a) Moralerziehung zu einer subjektive Grundentscheidung
Die Menschen sollen die sozietäre Logik einhalten. Das Ziel kann eine allgemeinverbindliche sozietäre Moral sein. Das erinnert stark an Kants Kategorischen Imperativ. Bei Cube ist dieser Imperativ jedoch weniger kategorisch zu verstehen. b) Moralerziehung zu einer humanitären Moral
Da der Mensch über Reflexionsfähigkeit verfügt, verfügt er auch über Empathie. Er kann sich in andere hineinversetzten und hat die Fähigkeit in die Zukunft zu denken und dadurch sein Handeln auf sich selbst zu beziehen. Der Mensch kann so jemanden bemitleiden, zugleich aber wissen, dass er selbst einmal in die Lage geraten kann. Diese reflektierte Empathie sei der Ausgangspunkt für die Tugenden. c) Moralerziehung zu einer Menschheitsmoral
Sozietäre und humane Moral müsse für alle Menschen gelten, um in Frieden zu leben. Als letzter Schritt werden daraus drei Strategien für die Moralerziehung abgeleitet. 1) Lust an Leistung
Um Verwöhnung dauerhaft zu vermeiden, muss Anstrengung lustvoll erlebt werden. Dies ist möglich und empirisch nachgewiesen 10 . Die Lust liegt dabei in der Verwandlung von Unsicherheit in Sicherheit. Schule, Ausbildung und Arbeitswelt sollten so gestaltet werden, dass die Adressaten erfolgreich bestehen können. 2) Gemeinsames Handeln
Gemeinsames Handeln verstärkt nicht nur die Bindung, sondern führt auch zu sozialer Kompetenz, insbesondere zur Erfüllung sozietärer und humaner Moral. Die Arbeit solle in der Gruppe lustvoll erlebt werden, was durch gruppenspezifische Herausforderungen und durch persönliche Anerkennung in der Gruppe möglich sei. Ansätze seien schon erkennbar. 3) Reflexion über das moralische und unmoralische Handeln
Im Mittelpunkt soll dabei die Reflexion über die Gefahren der außersozietären Aggression und damit auf die Gefahren der Ausgrenzung und Abgrenzung von Sozietäten stehen.
10 CSIKSZENTMIHALYI, M.: Das Flow-Erlebnis. Stuttgart 1987.
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8. Drei Triebkräfte des Verhaltens (nach Mohr 11 )
Damit die Moral in einer Gemeinschaft gewährleistet ist, ist der Mensch darauf angewiesen, dass die Grundlinien des Verhaltens seiner Mitmenschen vorhersehbar sind. Diese Grundlinien lassen sich, so Mohr, auf drei Triebkräfte zurückführen a) genetisch vererbte Antriebs- und Verhaltensweisen
Sie sind tief in unserer „biologischen Substanz“ verankert. Hierzu gehören auch Verhaltensweisen, die nach kulturwissenschaftlichen Deutungen das Ergebnis von kulturell entwickelten Normen darstellen. b) Traditionsanpassungen
Sie sind traditional überkommen, in langer geschichtlicher Erfahrung erprobte gesellschaftliche Verhaltensregeln, die weder geplant noch bewusst sind. (Z.B. das Verhalten in Hierarchien) c) Verfassungen und Rechtsvorschriften
Sie sind eine dünne und veränderbare Schicht von Regeln, die bewusst konzipiert und akzeptiert wurden, um bestimmten Zwecken zu dienen.
Mohr geht weiter der Frage nach, wie diese drei Schichten zusammenwirken, um unser Verhalten zu bestimmen.
Soziale Instinkte sind dabei das Produkt sozietärer Evolution, also Produkte einer Entwicklung von Moral innerhalb von Gruppen 12 .
Die sozietäre Moral des Homo sapiens wird damit als genetisch verankert und gleichzeitig in hohem Maße als kontext (kultur)-abhängig betrachtet. Dem menschlichen Verhalten wohne ein „Kompromißcharakter“ inne. Sozietäten bieten einerseits die Vorteile der Synergieeffekte (vgl. Kap.7), deshalb sind sie evolutionär entstanden, sie muten aber auch den Menschen die Kosten zu (z.B. verschärfte Konkurrenz, Einschränkung von Freiheit etc). Den Vorzügen der Synergieeffekte steht die Attraktivität der egoistischen Nutzenmaximierung gegenüber. So ist, nach Mohr, die Evolution von Mischstrategien unvermeidlich. Von Mischstrategien spricht man dann, wenn Strategie A durch Strategie B geschwächt wird, andererseits aber Strategie B nur auf Basis von Strategie A überleben kann. Auch beim Mensch sei damit zu rechnen, dass diese Mischstrategien in seinem Verhalten zum Tragen kommen (Altruismus-Egoismus, Liebe-Hass; Verzicht-Bereicherung, usw). Beide Verhaltensweisen sind genetisch programmiert, wenn auch durch Kultur und Erfahrung individuell verschieden stark. „Was sich nach außen manifestiert, ist eine kontextabhängige Variante unseres Verhaltens.“ Und bei gemischten Strategien würden die jeweils gewünschten Strategien moralisch begünstigt.
11 MOHR, Hans. Treibkräfte des Verhaltens. In: Die Natur der Moral-Evolutionäre Ethik und
Erziehung, Hrsg. Neumann D./Schöppe A./Tremel A.K., Leipzig 1999, S. 65 - 77
12 Die Vorstellung, dass Moral innerhalb von (Klein)Gruppen evolutionär entstanden sei (sozietäre
Moral), ist kennzeichnend für eine Evolutionäre Ethik. (vgl. Wuketits 1999 u.a)
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Mohr kommt zu dem Schluß, dass diese Ambivalenz der Moral des Menschen im Vollzug der Kulturgeschichte stufenweise durch das Recht abgelöst wurde. Am Ende seines Textes geht er noch auf die Entstehung des Rechts ein, was ich hier nicht weiter ausführen werde.
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9. Die Bedeutung von Lernprozessen bei der Entwicklung von Wertvorstellungen (nach Liedtke 13 )
Liedtkes zentrale Aussage ist: Moral beruht auf naturwissenschaftlich beschreibbaren Voraussetzungen. Seinen Wertekanon (Normen) kann und muß der Mensch aber über Lernprozesse erweitern und modifizieren.
Die in einer Gesellschaft wirksamen Wertvorstellungen, also Normen, sind nicht generell gesellschaftlich gesetzt. Zwar hat der Mensch durch einen höheren Freiheitsgrad und die Ausdifferenzierungen seiner Antriebe auch die Möglichkeit neuartige Wert- und Zielvorstellungen selbst zu setzen. Dies bedeutet aber nicht, dass gesellschaftlich gesetzte Wertvorstellungen ohne Bezug zu den elementaren Antriebs- und Wertsystemen stünden. Vielmehr ist davon auszugehen, dass unsere Wertvorstellungen entweder unmittelbar evolutiven Steuerungssystemen entspringen oder über Lernprozesse mittelbar damit zusammenhängen.
Liedtke nennt explizit zwei Wertvorstellungen, die phylogenetisch 14 disponiert sind. a) Wertschätzung des eigenen Lebens
Diese ist ein auf das Einzelwohl bezogener Wert. In der philosophischen, theologischen und juristischen Tradition Europas ist er als unmittelbarer Ausfluß des stärksten Naturtriebes, des Selbsterhaltungstriebes angesehen worden und zugleich auch als moralisch und juristisch zu schützender Wert.
Die Wertschätzung des eigenen Lebens ist auch ablesbar an Flucht- und Verteidigungsreaktionen in lebensbedrohlichen Situationen von Tier und Mensch und in der Regel durch unwillkürliche Reaktionen gesichert (z.B. Adrenalinausschüttung). So kann man nicht annehmen, dieser Wert sei vom Menschen gesetzt. Ohne den elementaren Antrieb, leben zu wollen, hätte sich das Leben niemals entwickeln können. „ ‚Die Wertschätzung des eigenen Lebens’ ist nicht nur in analoger Weise mit vergleichbaren Antrieben und Wertmustern im Tierreich verbunden, sondern in homologer Weise, das heißt auf dem Weg unmittelbarer genetischer Verwandtschaft“.
Ein Argument dafür ist das Prinzip der Parallelgesetzlichkeit. Es besagt, dass vergleichbare Organe vergleichbare Funktionen haben und dass vergleichbare Reaktionen mit vergleichbaren psychischen Zuständen verknüpft sind. Die Geltung dieses Prinzips ist die Voraussetzung jeglicher Kommunikation. Die Wertschätzung des eigenen Lebens ist ein
13 LIEDTKE, M. : Die Entwicklung von Wertvorstellungen - Genetische Voraussetzungen und der
naturalistische Fehlschluß. In: Neumann D./Schöppe A./Treml A. K. (Hrsg): Die Natur der Moral -
Evolutionäre Ethik und Erziehung., S. 159 - 175
14 Mit Phylogenese (gr.: φυλογένεση - „Stammesentwicklung“, aus φῦλον (neugr. Aussprache: fílon) -
Stamm, Geschlecht und γéνeσiς, (jénnissi) - Geburt, Entstehung) ist die stammesgeschichtliche
Entwicklung (biologische Evolution) der Lebewesen im Verlauf der Erdgeschichte gemeint.
(Brockhaus Enzyklopädie , 20. überarbeitete und aktualisierte Auflage. Leipzig, Mannheim 1996)
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‚Wert’, der als Bedingung höherer Lebensformen schon vorhanden war und vom Menschen vorgefunden wurde. Die ‚gesellschaftliche Setzung’ ist demnach sekundär. b) Erziehungspflicht
Ist eine auf das Wohl eines anderen bezogene soziale Wertvorstellung. Meint also die soziale Verpflichtung, sich um Ernährung, Pflege, Schutz und Erziehung seiner Nachkommen zu kümmern. Soweit bei der Geburt (oder Schlüpfen) die Nachkommen hilflos sind, muss bei den Eltern eine Bereitschaft ausgebildet sein, sich in angemessenem Umfang um den Nachwuchs zu kümmern. Ohne eine solche Bereitschaft hätte sich niemals das, was wir heute Erziehung nennen, evolutiv herausbilden können.
So wäre in der Klasse der Säugetiere kein einziges Junges überlebensfähig, wenn es nicht mindestens gesäugt würde. Bei höheren Primaten ist bereits ein ganzes Arsenal von ‚erzieherischen’ Verhaltensformen zu beobachten. „Die Norm Erziehungspflicht mag schließlich auch als sittliches Gebot oder rechtliche Verpflichtung kodifiziert worden sein, sie ist gleichwohl nicht vom Menschen ‚erfunden’, sondern sie ist von ihm im Bestand seiner elementaren Antriebe und Wertungsmuster ‚gefunden’ und lediglich bewusst gemacht worden“.
Die Wertvorstellung Erziehungspflicht findet in der Wirklichkeit ihren praktischen Niederschlag zwischen heroischem Einsatz und Kindesmisshandlung. Diese Varianz, so Liedtke, erklärt sich einmal aus der Varianz der genetischen Ausstattung, viel wahrscheinlicher aber aus Defiziten in der eigenen Ontogenese 15 . Eine genetische Disposition entfaltet sich niemals automatisch, sondern in Wechselwirkung mit der jeweiligen Umwelt. Durch eine ungünstige Umwelt kann es so zu inadäquaten und defizitären Entwicklungen und Reaktionen kommen. Diese Wertvorstellungen entwickeln sich nicht mechanisch, sondern so gibt es z.B. neben der Wertschätzung des Lebens, des Verbotes der Tötung bzw. Selbsttötung auch das Gebot der Selbsttötung (z.B. im Hinduismus der Selbstmord der Witwe).
Die größte Streuung der Wertvorstellungen innerhalb und zwischen den Kulturen beruht aber seiner Meinung nach auf lernabhängigen Modifikationen. (vgl. Ebert 1993) Der Mensch hat durch seine Lernfähigkeit in großem Umfang auch neue Wertvorstellungen entwickelt und schließlich rechtlich gesetzt. Aus lerntheoretischen Überlegungen handelt es sich hierbei aber um eine lernabhängige Erweiterung genetisch disponierter Wertvorstellungen, da ohne die Rückkopplung an bereits vorhandene Wertvorstellungen (Verstärker) ein Lernen neuartiger Wertvorstellungen nicht zu erklären ist. Seine lerntheoretischen Überlegungen entwickelt er anhand a) lernabhängiger Erweiterungen der Auslöser und b) über den Entwurf von Zwischenzielen, weiter. Beide Wege sollen hier nicht näher ausgeführt werden.
15 Unter Ontogenese (gr.: οντογένεση; Kompositum aus ον on = das Wesen + γέννηση génnäsä = die
Geburt, die Entstehung) Individualentwicklung eines Organismus (im Gegensatz zur Phylogenese).
(Brockhaus Enzyklopädie, 20. überarbeitete und aktualisierte Auflage. Leipzig, Mannheim 1996)
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Sein Fazit ist, dass jeder Genotyp auf die Wechselwirkungen mit einer spezifischen Umwelt angewiesen ist, soll er sich zu einem bestimmten Phänotyp entwickeln. Das, so Liedtke, gilt auch für die genetisch zur Verfügung stehenden Wertvorstellungen. Für die Entwicklung solcher Wertvorstellungen, über die der Säugling nicht gleich von Geburt an verfügt, ist eine Abfolge von Bedürfnisbefriedigung erforderlich. (Von physischen Grundbedürfnisse wie Nahrung, das Kontaktbedürfnis über das Neugier- und Spielverhalten bis hin zu einem stabilen Vertrauen in die Umwelt). Es ist also kein rationaler Akt, sondern das Ergebnis vorangegangener emotionaler Befriedigung. Auch die lernabhängige Übernahme kulturspezifischer Wertvorstellungen ist kein bewusster Vorgang, sondern ein weitgehend unbewusster Lernprozess.
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Zusammenfassung
Die in dieser Arbeit dargestellten Positionen lassen unschwer erkennen, dass eine Evolutionäre Ethik die Entstehung von Moral und Normen auf der einen Seite als genetisch determiniert betrachtet, im Zuge eines dialektischen Prozesses von genetischen- und Umwelt Einflüssen, dass durch Kultur- und Sprachentwicklung der Mensch aber auch durch unbewußte Lernprozesse seine eigenen Wertvorstellung entwickeln kann. In diesem Rahmen ist Erziehung möglich, genetisch sogar existentiell (Erziehungspflicht). Konkrete Handlungsanweisungen sind von einer Evolutionären Ethik allerdings nicht zu erwarten. Vielmehr lassen sich einzelne allgemeine Handlungsprämissen ableiten. (Wie vielleicht. “Handle wahrhaftig, gerecht und zuverlässig“.) Auf philosophischem Gebiet werden zwei Problembereiche erkennbar: a) Die Natur der Moral
Probleme bereitet die Untersuchung der Natur der Moral. Da Ethik normative, also wertende Aussagen machen muss, genügen nicht rein deskriptive Aussagen.
Um aber nicht dem naturalistischen Fehlschluß zu erliegen, muss die Kluft zwischen Seins-und Sollenssätzen mit Hilfe der formalen Logik übersprungen werden. Dies ist eine offensichtliche Unmöglichkeit nicht nur der evolutionären Ethik, sondern auch der traditionellen Ethik. Die Versuche das Problem zu lösen sind zum einen, „der Natur einen Wert an sich zuzusprechen“. (Mittwollen 2000) Oder wie etwa Liedtke, der in diesem Zusammenhang von „kognitiver Täuschung“ spricht, wenn er behauptet, dies seien nur theoretische und keine praktischen Probleme. „Auch der Vorwurf des naturalistischen Fehlschluß ist ein Produkt des - unerkannt - mit sich selbst, mit der Struktur der Logik und seiner Sprache, nicht aber mit den abgebildeten Strukturen der Realität befassten Erkenntnisvermögens“. (Liedtke 1999, S. 168) Seins- und Sollenssätze unterscheiden sich in ihrer zeitlichen Dimension, wonach Handlungsanweisungen (sollen) immer auf die Zukunft bezogen sind. Es gibt, so seine Schlußfolgerung, einen sachlogischen Zusammenhang zwischen Seins- und Sollenssätzen, zwischen genetisch disponierten Verhaltensformen und den erfahrenen Wertvorstellungen.
b) Der einer Evolutionären Ethik zugrunde liegende Freiheitsbegriff Aus dem hier Dargestellten folgt, dass im Rahmen einer Evolutionären Ethik primär eine Handlungsfreiheit angenommen wird. „Es müßte [daher] gezeigt werden, wie viel Unabhängigkeit eine Handlungsfreiheit von den gegebenen biologischen Determinanten erreichen kann und wie diese aussehen. Demnach ist es eine wichtige Aufgabe für die Evolutionäre Ethik zu zeigen, wie die große Entscheidungsfreiheit des Menschen im Laufe der Evolution möglich geworden ist, und ob, bzw. welche Anpassungen dahinter stehen“. (Mittwollen 2000)
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Vom Kopf auf die Füße
Was wäre, wenn Darwin gewusst hätte, dass die Dinosaurier nicht von den Säugetieren ausgerottet wurden? Hätte er dann den Kampf ums Dasein als gegenseitigen Vernichtungskampf gedeutet? Heute gibt es, durch neue Erkenntnisse in der Molekularbiologie, auch Gründe zu behaupten, das oberste Prinzip der Evolution sei Kooperation und das Streben nach Gemeinschaft. So etwa der Freiburger Neurobiologe und Psychiater Joachim Bauer, der die Vorstellung eines egoistischen Genes aus molekularbiologischer Sicht für unhaltbar hält. Er konstatiert, dass am Anfang allen Lebens Resonanz und Kooperation standen. Abgesehen vom Kampf um Ressourcen, diene Aggression der Bewahrung der körperlichen Unversehrtheit und der Abwehr von Schmerzen. Für das menschliche Gehirn gelte dies in besonderem Maße, da nicht nur bei körperlichem Schmerz, sondern auch bei psychischem Schmerz (z.B. Ausgrenzung) eine Aktivierung der Schmerzentren zu beobachten sei. Aggression sei demnach kein inneres Bedürfnis des Menschen, sondern nur notwendiges Mittel, um Bindung zu erwerben und zu verteidigen oder sich in eine Gemeinschaft einzubringen. Deshalb könne man dort, wo die Ressource Zuwendung zu knapp gehalten werde (etwa in einer bestimmten Familie oder am Arbeitsplatz) einen Zuwachs an Aggression feststellen. Die Evolution habe uns mit dem Bedürfnis nach gelingenden Beziehungen ausgestattet, auf der anderen Seite fehle uns aber ein Automatismus, der diese gute Beziehung garantiere. Dieser Spalt zwischen Anspruch und Wirklichkeit zwinge den Menschen sich auf einen Suchprozess zu begeben, um diesen Spalt zu schließen. Dieser Suchprozess sei das, was wir Kultur nennen. (vgl. Bauer 2006) Für eine Pädagogik, die “an das Gute im Menschen“ glaubt, mag diese naturwissenschaftliche Begründung wie eine Heilsbotschaft klingen. Es bleibt spannend und könnte dennoch beruhigend wirken, denn hier liegt auch eine Legitimation, dass nicht alle pädagogischen Bemühungen der Vergangenheit oder der Zukunft umsonst gewesen sind oder sein werden.
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