Inhaltsverzeichnis
1 3 E i n l e i t u n g
2 4 Die Vision von Ostia
3 8 Neuplatonische Spuren im Werk eines Christen?
4 11 Zum abschließenden Vergleich - Augustinus Verhältnis zum Neuplatonismus
5 15 Literaturverzeichnis
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1. Einleitung
„Plotin hatte also unmerklich von dem Geist des jungen Rhetors Besitz ergriffen und ihn zu einer völlig vergeistigten Auffassung der Schönheit und des göttlichen Wesens geführt.“ 1
Mit dem Zitat des französischen Jesuiten Paul Henry sei zusammenfassend zu Beginn dieser Arbeit das vorhergeschickt, was die nachfolgenden Seiten erst aufzuzeigen versuchen werden: Augustins Rezeption des neuplatonischen Denkens. Entsprechend philosophische Denkmuster verteilen sich über das ganze Denken und Werk des großen Bischofs und Kirchenvaters 2 . Daher sei der Umfang dieser Arbeit exemplarisch beschränkt auf das neunte Buch der Confessiones, näherhin: auf die Vision von Ostia.
Die Hausarbeit folgt in ihrem Aufbau einem inhaltlichen Dreischritt. Sie referiert zu Beginn den einschlägigen Passus der „Bekenntnisse“, ehe im Anschluss der relevante Gedankengang Plotins ausgeführt wird. Abschließend gilt es, die neuplatonischen Einflüsse zu sezieren und eventuelle Nuancen, die Augustin einpflegt, vorzustellen. Es soll gezeigt werden, ob es gelingt, die Kategorien von Neuplatonismus und Christentum miteinander vereinbar wirken zu lassen. Wenn Augustin auch stark mit Plotins Gedanken sympathisiert, so lässt er jedoch nicht zu, die wesentliche Distanz abzubauen 3 . Und doch sagt er an anderer Stelle, weshalb es gerade die Platoniker sind, mit denen er sich auseinandersetzt: Sie seien diejenigen, ,„die den wahren Gott als den Urheber der Dinge, als die Lichtquelle der Wahrheit und als den Spender der Glückseligkeit bezeichnet haben, sondern auch andere Philosophen haben zurücktreten vor diesen großen Männern, den Erkennern des großen Gottes, (…)“ 4 . In gesteigerter Form gesteht er ihnen sogar zu, dass sie nach Änderung nur weniger Worte und Sätze als Christen gelten könnten 5 .
1 Paul Henry SJ, La vision d´Ostie. Sa place dans la Vie et l´Œuvre de saint Augustin, Paris 1938, übers. v. Walter
Twele, in: Carl Andresen (Hg.), Zum Augustin-Gespräch der Gegenwart I, Darmstadt 2 1975, 201-270, 201 (=Henry,
Vision). Die Seitenangaben folgen hier und im Folgenden Andresen.
2 Diese Arbeit verzichtet auf eine Darstellung seines Lebens; er selbst schreibt in Conf I,1 „Unruhig ist unser Herz,
bis es ruht in Dir“ - Wohl kaum eine andere Äußerung Augustins ist derart imstande, seinen dynamischen
Lebenswandel prägnanter zu pointieren, als diese Stelle zu Beginn der „Bekenntnisse“.
3 In De civitate Dei VIII,1 verweist Augustin expressis verbis auf den polytheistischen Charakter der platonischen
Götterlehre.
4 vgl. Aurelius Augustinus, Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat. Aus dem Lateinischen übers. v. Alfred
Schröder, München, 1911, in: Bardenhewer, Schermann, Weyman (Hgg.), Bibliothek der Kirchenväter, Bd. 1, 395
5 vgl. De vera religione 4,7 - vgl. dazu auch Christoph Horn, Augustinus, München 1995, 28 (=Horn, Augustinus)
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Die Vision von Ostia 6 2.
„Die Wahrheit selbst, die du bist, war anwesend, und wir fragten uns, wie das künftige Leben der Heiligen sei, das kein Auge je gesehen, kein Ohr je gehört hat und das in keines Menschen Herz gedrungen ist.“ 7
Ausgehend von dieser Feststellung, nimmt die augustinische Meditation ihren Gang. Vielfach ist sie Gegenstand literarischer Aufarbeitung geworden 8 . Dabei lässt bereits die unterschiedliche Benennung 9 dessen, was Augustin und Monica während ihrer abendlichen Unterhaltung erleben, deutlich die Schwierigkeit erkennen, die mit einer eindeutigen Bestimmung dieses Erlebnisses verbunden ist. Dieter Hattrup schlägt unter Berücksichtigung gleich gestalteter Passagen der „Confessiones“ vor, von der „Berührung von Ostia“ 10 zu sprechen. Die rhetorische Stärke Augustins zeigt sich an der Wahl des Ortes, an dem der Aufstieg stattfindet, ohne jeden Zweifel: Ostia als Hafenstadt verweist auf Augustinus’ symbolischen Übergang in sein neues Leben nach der Bekehrung 11 .
Die Verschiedenheit der Benennung offenbart das Problem, den sinnlichen Charakter der Erfahrung Augustins treffend zu erfassen. Unstrittig jedoch ist, dass er den Aufstieg zum Göttlichen, zur „Region nie versagenden Überflusses“ 12 vollzogen haben will. Bereits der Ausdruck „Überfluss“ vermag auf die plotinische Emanationslehre hinzudeuten. Medias in res nimmt die berühmte Szene in der Frage nach dem künftigen ewigen Leben der Heiligen 13 ihren Ausgang. Schon an dieser Stelle erfährt der Leser den spekulativen Grundzug der Schilderung, ist Augustin doch sicher, dass ein Ergebnis zuvor „kein Auge je gesehen, kein Ohr je gehört hat und in keines Menschen Herz gedrungen ist“ 14 . Doch wagen seine Mutter und er das
6 Innerhalb des neunten Buches der „Bekenntnisse“ findet sie sich in den Paragraphen 23 bis 26.
7 vgl. Conf. IX,10,23
8 Charles Boyer, La contemplation d’Ostie, in: Cahiers de la nouvelle journée 17, 1930, 137-161; Paul Henry SJ, La
vision d´Ostie. Sa place dans la Vie et l´Œuvre de saint Augustin, Paris 1938; André Mandouze, ›L’extase d’Ostie?‹
Possibilités et limites de la méthode des parallèles textuels, in: AM 1, 1954, 67-84
9 vgl. meine Hervorhebungen in Anm. 7.
10 Dieter Hattrup, Die Mystik von Cassiciacum und Ostia, in: N. Fischer. / C. Mayer (Hgg.), Die Confessiones des
Augustinus von Hippo. Einführung und Interpretationen zu den dreizehn Büchern, Freiburg i. Br. 1998, 389-443, 427:
„Am ehesten kommt hier der Tastsinn in Frage, den Augustinus so betont in den Vordergrund stellt (24: »attingimus
eam modice toto ictu cordis«; 25: »attingimus aeternam sapientiam«); (=Hattrup, Mystik)
11 gewiss ist es einer Bemerkung wert, dass sich auch diese Erfahrung Augustins mit dem Göttlichen wieder in einer
Gartenszene vollzieht.
12 vgl. Conf. IX,10,24
13 „Heilige“ meint die von Gott Erwählten (vgl. Augustinus’ Gnadenlehre). Letztlich wird wohl mit diesem Ort das
Paradies gemeint sein.
14 Im Verlassen der sinnlichen Ebene geht der folgende Aufstieg als geistige Größe auf.
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Gespräch in betont ungestörter Zweisamkeit, getragen von der Überzeugung, dass „die Wahrheit selbst“ zugegen sei und „dieses Erhabene irgendwie zu denken“ 15 unterstützt 16 . Wie genau die Unterhaltung verläuft bleibt unbekannt. Und doch konstatiert Augustinus ein erstes Zwischenergebnis: Die irdischen (fleischlichen) Sinnesgenüsse stimmen nicht mit den Freuden jenes, d.h. zukünftigen Lebens überein 17 . Von diesem Ergebnis angeregt, treibt er von „glühendem Verlangen“ motiviert den Gedankengang nach der Erkenntnis des ewigen Lebens fort. Die „Untersuchung“ wird nun auf eine kosmische Perspektive hin ausgeweitet, die gleichsam weiter transzendiert wird: Himmel, Sonne, Mond und Sterne werden überstiegen hin zu den „Geistseelen“. Aber auch in diesem dritten Stadium verweilen sie nicht, sie steigen endlich auf zur „Berührung“ der Quelle, „nie versagenden Überflusses“ 18 . Diese Quelle identifiziert Augustin mit dem zeitlosen und ewigen „Sein“. Er führt die Qualifizierung dieses Seins jedoch nicht weiter aus. Auch scheint der Schluss, nach dem das Sein als endlos bestimmt wird, schon nachhaltige Reflexion dessen, was nur kurz, aber eben gelungen, berührt wurde. Brachtendorf sieht ein Prinzip, das dem Aufstieg zugrunde liegt, sieht „die Unterscheidung des Veränderlichen vom Unveränderlichen, bzw. des Zeitlichen vom Unzeitlichen“ 19 . Er leitet es ab von der Weisheit als Ziel des Aufstiegs, von Augustin „esse solum“ definiert, die ewig sei und keiner zeitlichen Veränderung unterliege 20 .
Wohl ermattet von den Anstrengungen 21 dieses mentalen Aufstiegs, fällt Augustin in seinen Ausführungen wieder auf die sinnliche Ebene zurück 22 und „bricht“ mit dem ekstatischen Ereignis.
Das geistig Erlebte reflektiert Augustin nun methodisch anders, indem er den Aufstieg nun auf einer anderen Bewusstseinsebene 23 wiederholt. Der Zugang besteht nun darin, die einzelnen „Stufen“ des Aufstiegserlebnisses „schweigen“ zu lassen, um den Blick auf auch deren endliche, weil geschaffene, Wirklichkeit zu richten. „Alle Dinge gelangen zum Schweigen, indem sie sagen:
15 Hervorhebung von mir; eventuell deutet bereits dieses „irgendwie“ darauf hin, dass auch Augustin selbst sich nicht
imstande sah, das Nachfolgende wirklich eindeutig sinnlich klassifizierend greifen zu können.
16 Mir scheint dieser Absatz innerhalb von Conf. IX,10,23 eine Absage an diejenigen zu sein, die Gott allein
denkerisch erreichen zu wollen versuchen. Augustin setzt somit den, zu dem er aufsteigen will, als Bedingung seines
Unterfangens und bindet so seine Erkenntnis an sein Bekenntnis. Letztlich gründet diese Sicht aus der Tatsache, dass
die Vision von Ostia - im Gegenzug zu den Aufstiegsberichten von Conf VII - nach der Bekehrung stattfand.
17 Indem Augustin den Gedankengang auf diese Weise nach einer Art Ausschlussverfahren führt, scheint er sich dem
„künftigen, ewigen Leben“ ex negativo annähern zu wollen (auch Plotin nähert sich derart „dem Einen“).
18 „und noch höher stiegen wir […] und wir kamen zu […]“
19 J. Brachtendorf, Augustins »Confessiones«, Darmstadt 2005, 190 (=Brachtendorf, Confessiones).
20 ebd.; dahinter verbirgt sich die Vorstellung, nach der nur das verlässlich ist, was immer gleich ist („semper idem“).
21 Hattrup sieht Augustin eher erleichert denn angestrengt durch die geglückte Berührung mit der „stehenden
Ewigkeit des Göttlichen“; vgl. Hattrup, Mystik, 429
22 Er unterstreicht dies durch die Worte „Geräusch unserer Rede“.
23 hier als aktive Wieder-holung, als Erinnerung, nicht mehr als mentales Erlebnis, vgl. Conf. IX,10,25
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Arbeit zitieren:
Marc Sprungmann, 2008, Die Vision zu Ostia - Augustins Rezeption des Neuplatonismus, München, GRIN Verlag GmbH
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Lateinisch/Deutsch
Aurelius Augustinus, Kurt Flasch, Burkhard Mojsisch
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