PERSONEN
Maximilian, regierender Graf von Moor.
Franz, Amalia, von Edelreich.
Spiegelberg,
Schweizer, Grimm, Razmann, Schufterle, Roller, Kosinsky, Schwarz,
Hermann, Bastard von einem Edelmann.
Daniel, Hausknecht des Grafen von Moor. Pastor Moser. Ein Pater. Räuberbande. Nebenpersonen.
(Der Ort der Geschichte ist Teutschland, die Zeit ongefehr zwei Jahre.)
Man nehme dieses Schauspiel für nichts anders, als eine dramatische Geschichte, die die Vortheile der dramatischen Methode, die Seele gleichsam bei ihren geheimsten Operationen zu ertappen, benuzt, ohne sich übrigens in die Schranken eines Theaterstücks einzuzäunen, oder nach dem so zweifelhaften Gewinn bei theatralischer Verkörperung zu geizen. Man wird mir einräumen, daß es eine widersinnige Zumuthung ist, binnen drei Stunden drei ausserordentliche Menschen zu erschöpfen, deren Thätigkeit von vielleicht tausend Räderchen abhänget, so wie es in der Natur der Dinge unmöglich kann gegründet seyn, daß sich drei ausserordentliche Menschen auch dem durchdringendsten Geisterkenner innerhalb vier und zwanzig Stunden entblössen. Hier war Fülle ineinandergedrungener Realitäten vorhanden, die ich unmöglich in die allzuengen Pallisaden des Aristoteles und Batteux einkeilen konnte.
Nun ist es aber nicht sowohl die Masse meines Schauspiels, als vielmehr sein Innhalt, der es von der Bühne verbannet. Die Oekonomie desselben machte es nothwendig, daß mancher Karakter auftreten mußte, der das feinere Gefühl der Tugend beleidigt, und die Zärtlichkeit unserer Sitten empört. Jeder Menschenmaler ist in diese Nothwendigkeit gesezt, wenn er anders eine Kopie der wirklichen Welt, und keine idealischen Affektationen, keine Kompendienmenschen will geliefert haben. Es ist einmal so die Mode in der Welt, daß die Guten durch die Bösen schattiert werden, und die Tugend im Kontrast mit dem Laster das lebendigste Kolorit erhält. Wer sich den Zweck vorgezeichnet hat, das Laster zu stürzen, und Religion, Moral und bürgerliche Geseze an ihren Feinden zu rächen, ein solcher muß das Laster in seiner nakten Abscheulichkeit enthüllen, und in seiner kolossalischen Grösse vor das Auge der Menschheit stellen - er selbst muß augenbliklich seine nächtlichen Labyrinthe durchwandern, - er muß sich in Empfindungen hineinzuzwingen wissen, unter deren Widernatürlichkeit sich seine Seele sträubt.
5
Vorrede.
Das Laster wird hier mit samt seinem ganzen innern Räderwerk entfaltet. Es lößt in Franzen all die verworrenen Schauer des Gewissens in ohnmächtige Abstraktionen auf, skeletisirt die richtende Empfindung, und scherzt die ernsthafte Stimme der Religion hinweg. Wer es einmal so weit gebracht hat, (ein Ruhm, den wir ihm nicht beneiden) seinen Verstand auf Unkosten seines Herzens zu verfeinern, dem ist das Heiligste nicht heilig mehr - dem ist die Menschheit, die Gottheit nichts
- Beide Welten sind nichts in seinen Augen. Ich habe versucht, von einem Mißmenschen dieser Art ein treffendes lebendiges Konterfey hinzuwerffen, die vollständige Mechanik seines Lastersystems auseinander zu gliedern - und ihre Kraft an der Wahrheit zu prüfen. Man unterrichte sich demnach im Verfolg dieser Geschichte, wie weit ihr’s gelungen hat - Ich denke, ich habe die Natur getroffen.
Nächst an diesem stehet ein anderer, der vielleicht nicht wenige meiner Leser in Verlegenheit sezen möchte. Ein Geist, den das äusserste Laster nur reizet um der Grösse willen, die ihm anhänget, um der Kraft willen, die es erheischet; um der Gefahren willen, die es begleiten. Ein merkwürdiger wichtiger Mensch, ausgestattet mit aller Kraft, nach der Richtung, die diese bekömmt, nothwendig entweder ein Brutus oder ein Katilina zu werden. Unglükliche Konjunkturen entscheiden für das zweyte und erst am Ende einer ungeheuren Verirrung gelangt er zu dem ersten. Falsche Begriffe von Thätigkeit und Einfluß, Fülle von Kraft, die alle Geseze übersprudelt, mußten sich natürlicher Weise an bürgerlichen Verhältnissen zerschlagen, und zu diesen enthousiastischen Träumen von Grösse und Wirksamkeit durfte sich nur eine Bitterkeit gegen die unidealische Welt gesellen, so war der seltsame Donquixote fertig, den wir im Räuber Moor verabscheuen und lieben, bewundern und bedauern. Ich werde es hoffentlich nicht erst anmerken dörfen, daß ich dieses Gemählde so wenig nur allein Räubern vorhalte, als die Satyre des Spaniers nur allein Ritter geisselt.
Auch ist izo der grosse Geschmak, seinen Wiz auf Kosten der Religion spielen zu lassen, daß man beinahe für kein Genie mehr paßirt, wenn man nicht seinen gottlosen Satyr auf ihren heiligsten Wahrheiten sich
6
Vorrede.
herumtummeln läßt. Die edle Einfalt der Schrift muß sich in alltäglichen Assembleen von den sogenannten wizigen Köpfen mißhandeln, und ins Lächerliche verzerren lassen; denn was ist so heilig und ernsthaft, das, wenn man es falsch verdreht, nicht belacht werden kann? - Ich kann hoffen, daß ich der Religion und der wahren Moral keine gemeine Rache verschafft habe, wenn ich diese muthwilligen Schriftverächter in der Person meiner schändlichsten Räuber dem Abscheu der Welt überliefere.
Aber noch mehr. Diese unmoralische Karaktere, von denen vorhin gesprochen wurde, mußten von gewissen Seiten glänzen, ja oft von Seiten des Geistes gewinnen, was sie von Seiten des Herzens verlieren. Hierinn habe ich nur die Natur gleichsam wörtlich abgeschrieben. Jedem, auch dem Lasterhaftesten ist gewissermassen der Stempel des göttlichen Ebenbilds aufgedrükt, und vielleicht hat der grosse Bösewicht keinen so weiten Weg zum grossen Rechtschaffenen, als der kleine; denn die Moralität hält gleichen Gang mit den Kräften, und je weiter die Fähigkeit, desto weiter und ungeheurer ihre Verirrung, desto imputabler ihre Verfälschung.
Klopstoks Adramelech wekt in uns eine Empfindung, worinn Bewunderung in Abscheu schmilzt. Miltons Satan folgen wir mit schauderndem Erstaunen durch das unwegsame Chaos. Die Medea der alten Dramatiker bleibt bei all ihren Greueln noch ein grosses staunenswürdiges Weib, und Shakespears Richard hat so gewiß an Leser einen Bewunderer, als er auch ihn hassen würde, wenn er ihm vor der Sonne stünde. Wenn es mir darum zu thun ist, ganze Menschen hinzustellen, so muß ich auch ihre Vollkommenheiten mitnehmen, die auch dem bösesten nie ganz fehlen. Wenn ich vor dem Tyger gewarnt haben will, so darf ich seine schöne blendende Flekenhaut nicht übergehen, damit man nicht den Tyger beym Tyger vermisse. Auch ist ein Mensch, der ganz Bosheit ist, schlechterdings kein Gegenstand der Kunst, und äussert eine zurükstossende Kraft, statt daß er die Aufmerksamkeit der Leser fesseln sollte. Man würde umblättern, wenn er redet. Eine edle Seele erträgt so wenig anhaltende moralische Dissonanzen, als das Ohr das Gekrizel eines Messers auf Glas.
7
Vorrede.
Aber eben darum will ich selbst mißrathen haben, dieses mein Schauspiel auf der Bühne zu wagen. Es gehört beiderseits, beim Dichter und seinem Leser, schon ein gewisser Gehalt von Geisteskraft dazu; bei jenem, daß er das Laster nicht ziere, bei diesem, daß er sich nicht von einer schönen Seite bestechen lasse, auch den häßlichen Grund zu schäzen. Meiner Seits entscheide ein Dritter - aber von meinen Lesern bin ich es nicht ganz versichert. Der Pöbel, worunter ich keineswegs die Gassenkehrer allein will verstanden wissen, der Pöbel wurzelt, (unter uns gesagt) weit um, und gibt zum Unglük - den Ton an. Zu kurzsichtig mein Ganzes auszureichen, zu kleingeistisch mein Grosses zu begreifen, zu boshaft mein Gutes wissen zu wollen, wird er, fürcht’ ich, fast meine Absicht vereiteln, wird vielleicht eine Apologie des Lasters, das ich stürze, darinn zu finden meynen, und seine eigene Einfalt den armen Dichter entgelten lassen, dem man gemeiniglich alles, nur nicht Gerechtigkeit wiederfahren läßt.
Es ist das ewige Dacapo mit Abdera und Demokrit, und unsre gute Hippokrate müßten ganze Plantagen Nießwurz erschöpfen, wenn sie dem Unwesen durch ein heilsames Dekokt abhelfen wollten. Noch so viele Freunde der Wahrheit mögen zusammenstehen, ihren Mitbürgern auf Kanzel und Schaubühne Schule zu halten, der Pöbel hört nie auf, Pöbel zu seyn, und wenn Sonne und Mond sich wandeln, und Himmel und Erde veralten wie ein Kleid. Vielleicht hätt’ ich den schwachherzigen zu frommen der Natur minder getreu seyn sollen; aber wenn jener Käfer, den wir alle kennen, auch den Mist aus den Perlen stört, wenn man Exempel hat, daß Feuer verbrannt, und Wasser ersäuft habe, soll darum Perle - Feuer - und Wasser konfiscirt werden?
Ich darf meiner Schrift, zufolge ihrer merkwürdigen Katastrophe mit Recht einen Plaz unter den moralischen Büchern versprechen; das Laster nimmt den Ausgang, der seiner würdig ist. Der Verirrte tritt wieder in das Gelaise der Geseze. Die Tugend geht siegend davon. Wer nur so billig gegen mich handelt, mich ganz zu lesen, mich verstehen zu wollen, von dem kann ich erwarten, daß er - nicht den Dichter bewundere, aber den rechtschaffenen Mann in mir hochschäze.
8
Erster Akt. - Erste Scene.
Franz. Aber ist euch auch wohl, Vater? Ihr seht so blaß. D. a. Moor. Ganz wol, mein Sohn, - was hattest du mir zu sagen? Franz. Die Post ist angekommen - ein Brief von unserm Korrespondenten in Leipzig -
D.a. Moor. Begierig. Nachrichten von meinem Sohne Karl? Franz. Hm! hm! - So ist es. Aber ich fürchte - ich weiß nicht - ob icheurer Gesundheit? - Ist euch wirklich ganz wol, mein Vater? D.a. Moor. Wie dem Fisch im Wasser! Von meinem Sohne schreibt er? -Wie kommst du zu dieser Besorgniß? Du hast mich zweymal gefragt. Franz. Wenn ihr krank seyd - nur die leiseste Ahndung habt es zu werden, so laßt mich - ich will zu gelegnerer Zeit zu euch reden, halb vor sich. Diese Zeitung ist nicht für einen zerbrechlichen Körper. D. a. Moor. Gott! Gott! was werd ich hören?
Franz. Laßt mich vorerst auf die Seite gehn, und eine Träne des Mitleids vergießen um meinen verlornen Bruder - ich sollte schweigen auf ewigdenn er ist euer Sohn: Ich sollte seine Schande verhüllen auf ewig - denn
10
Erster Akt. - Erste Scene.
er ist mein Bruder. - Aber euch gehorchen ist meine erste traurige Pflicht - darum vergebt mir.
D. a. Moor. O Karl! Karl! wüßtest du wie deine Aufführung das Vaterherz foltert! Wie eine einzige frohe Nachricht von dir meinem Leben zehen Jahre zusetzen würde - mich zum Jüngling machen würde
- da mich nun jede, ach! einen Schritt näher ans Grab rückt!
Franz. Ist es das, alter Mann so lebt wol - wir alle würden noch heute die Haare ausraufen über eurem Sarge.
D. a. Moor. Bleib! - Es ist noch um den kleinen kurzen Schritt zu thun
- laß ihm seinen Willen, indem er sich niedersetzt. Die Sünden seiner Väter werden heimgesucht im Dritten und vierten Glied - laß ihns vollenden.
Franz nimmt den Brief aus der Tasche. Ihr kennt unsern Korrespondenten! Seht! Den Finger meiner rechten Hand wollt ich drum geben, dürft ich sagen, er ist ein Lügner, ein schwarzer giftiger Lügner - - Faßt euch! Ihr vergebt mir, wenn ich euch den Brief nicht selbst lesen lasse - Noch dörft ihr nicht alles hören.
D. a. Moor. Alles, Alles - mein Sohn, du ersparst mir die Krücke.
Franz liest. „Leipzig, vom 1. May. - Verbände mich nicht eine unverbrüchliche Zusage dir auch nicht das geringste zu verhelen, was ich von den Schicksalen deines Bruders auffangen kann, liebster Freund, nimmermehr würde meine unschuldige Feder an dir zur Tyranninn geworden seyn. Ich kann es aus hundert Briefen von dir abnehmen, wie Nachrichten dieser Art dein brüderliches Herz durchbohren müßen, mir ists als säh ich dich schon um den Nichtswürdigen, den Abscheulichen“
- - Der alte Moor verbirgt sein Gesicht. Seht, Vater! ich lese euch nur das glimpflichste - „den Abscheulichen in tausend Thränen ergossen,“ ach sie floßen - stürzten stromweis von dieser mitleidigen Wange - „mir ists, als säh ich schon deinen alten, frommen Vater Todtenbleich“ - Jesus Maria! ihr seyds, eh ihr noch das mindeste wisset?
D. a. Moor. Weiter! Weiter!
11
Erster Akt. - Erste Scene.
Franz. „Todtenbleich in seinen Stuhl zurücktaumeln, und dem Tage fluchen an dem ihm zum erstenmal Vater entgegengestammelt ward. Man hat mir nicht alles entdecken mögen, und von dem wenigen das ich weis erfährst du nur weniges. Dein Bruder scheint nun das Maas seiner Schande gefüllt zu haben; ich wenigstens kenne nichts über dem was er wirklich erreicht hat, wenn nicht sein Genie das meinige hierinn übersteigt. Gestern um Mitternacht hatte er den großen Entschluß, nach vierzig tausend Dukaten Schulden - ein hübsches Taschengeld Vaternachdem er zuvor die Tochter eines reichen Banquiers allhier entjungfert, und ihren Galan einen braven Jungen von Stand im Duell auf den Tod verwundet mit sieben andern, die er mit in sein Luderleben gezogen dem Arm der Justiz zu entlauffen“ - Vater! Um Gotteswillen Vater! wie wird euch?
D. a. Moor. Es ist genug. Laß ab mein Sohn!
Franz. Ich schone eurer - „man hat ihm Steckbriefe nachgeschickt, die Beleidigte schreyen laut um Genugthuung, ein Preiß ist auf seinen Kopf gesetzt - der Name Moor“ - Nein! Meine armen Lippen sollen nimmermehr einen Vater ermorden! zerreißt den Brief. Glaubt es nicht, Vater! glaubt ihm keine Silbe!
D. a. Moor weint bitterlich. Mein Nahme! Mein ehrlicher Name!
Franz fällt ihm um den Hals. Schändlicher, dreimal schändlicher Karl! Ahndete mirs nicht, da er noch ein Knabe den Mädels so nachschlenderte mit Gaßenjungen und elendem Gesindel auf Wiesen und Bergen sich herumhezte, den Anblick der Kirche, wie ein Missethäter das Gefängniß, floh, und die Pfennige, die er euch abquälte dem ersten dem besten Bettler in den Hut warf, während daß wir daheim mit frommen Gebeten, und heiligen Predigtbüchern uns erbauten? -Ahndete mirs nicht da er die Abentheuer des Julius Cäsar und Alexander Magnus und anderer stockfinsterer Heyden lieber las als die Geschichte des bußfertigen Tobias? - Hundertmal hab ichs euch geweissagt, denn meine Liebe zu ihm war immer in den Schranken der kindlichen Pflicht,
- der Junge wird uns alle noch in Elend und Schande stürzen! - O daß er
12
Erster Akt. - Erste Scene.
Moors Nahmen nicht trüge! daß mein Herz nicht so warm für ihn schlüge! Die gottlose Liebe, die ich nicht vertilgen kann, wird mich noch einmal vor Gottes Richterstuhl anklagen.
D. a. Moor. Oh - meine Aussichten! Meine goldenen Träume!
Franz. Das weis ich wol. Das ist es ja was ich eben sagte. Der feurige Geist, der in dem Buben lodert, sagtet ihr immer, der ihn für jeden Reiz vom Größe und Schönheit so empfindlich macht; diese Offenheit die seine Seele auf dem Auge spiegelt, diese Weichheit des Gefühls, die ihn bey jedem Leiden in weinende Sympathie dahinschmelzt, dieser männliche Muth der ihn auf den Wipfel hundertjähriger Eichen treibet, und über Gräben und Pallisaden und reißende Flüße jagt, dieser kindische Ehrgeitz, dieser unüberwindliche Starrsinn, und alle diese schöne glänzende Tugenden, die am Vatersöhnchen keimten, werden ihn dereinst zu einem warmen Freund eines Freundes, zu einem treflichen Bürger, zu einem Helden, zu einem großen großen Manne machenseht ihrs nun Vater! - der feurige Geist hat sich entwickelt, ausgebreitet, herrliche Früchte hat er getragen. Seht diese Offenheit, wie hübsch sie sich zur Frechheit herumgedreht hat, seht diese Weichheit, wie zärtlich sie für Koketten girret, wie so empfindsam für die Reitze eine Phryne! Seht dieses feurige Genie, wie es das Oel seines Lebens in sechs Jährgen so rein weggebrannt hat, daß er bei lebendigem Leibe umgeht, und da kommen die Leute, und sind so unverschämt zu sagen: c’est l’amour qui a fait ça! Ah! seht doch diesen kühnen unternehmenden Kopf, wie er Plane schmiedet und ausführt, vor denen die Heldenthaten eines Kartouches und Howards verschwinden! - Und wenn erst diese prächtigen Keime zur vollen Reife erwachsen, - was läßt sich auch von einem so zarten Alter Vollkommenes erwarten? - Vielleicht Vater erlebet ihr noch die Freude, ihn an der Fronte eines Heeres zu erblicken, das in der heiligen Stille der Wälder residiret, und dem müden Wanderer seine Reise um die Hälfte der Bürde erleichtert - vielleicht könnt ihr noch, eh ihr zu Grabe geht, eine Wallfahrt nach seinem Monumente thun, das er sich zwischen Himmel und Erden errichtet - vielleicht, o Vater, Vater, Vater - seht euch nach einem andern Nahmen um, sonst deuten Krämer
13
Erster Akt. - Erste Scene.
und Gaßenjungen mit Fingern auf euch, die euern Herrn Sohn auf dem Leipziger Marktplatz im Portrait gesehen haben.
D. a. Moor. Und auch du mein Franz auch du? O meine Kinder! wie sie nach meinem Herzen zielen!
Franz. Ihr seht, ich kann auch witzig seyn, aber mein Witz ist Skorpionstich. - Und dann der trockne Altagsmensch, der kalte, hölzerne Franz, und wie die Titelgen alle heißen mögen, die euch der Contrast zwischen ihm und mir mocht eingegeben haben, wenn er euch auf dem Schooße saß oder in die Backen zwickte - der wird einmal zwischen seinen Gränzsteinen sterben, und modern und vergeßen werden, wenn der Ruhm dieses Universalkopfs von einem Pole zum andern fliegt - Ha! mit gefaltnen Händen dankt dir o Himmel! der kalte, trockne, hölzerne Franz - daß er nicht ist wie dieser!
D. a. Moor. Vergib mir mein Kind; zürne nicht auf einen Vater, der sich in seinen Planen betrogen findet. Der Gott der mir durch Karln Tränen zusendet, wird sie durch dich mein Franz aus meinen Augen wischen.
Franz. Ja Vater aus euren Augen soll er sie wischen. Euer Franz wird sein Leben dran sezen das eurige zu verlängern. Euer Leben ist das Orakel, das ich vor allen zu Rathe ziehe, über dem was ich thun will, der Spiegel durch den ich alles betrachte - keine Pflicht ist mir so heilig die ich nicht zu brechen bereit bin, wenn’s um euer kostbares Leben zu thun ist. - Ihr glaubt mir das?
D. a. Moor. Du hast noch große Pflichten auf dir mein Sohn - Gott segne dich für das was du mir warst und seyn wirst!
Franz. Nun sagt mir einmal - Wenn ihr diesen Sohn nicht den Euren nennen müßtet, ihr wärt ein glücklicher Mann?
D. a. Moor. Stille o stille! da ihn die Wehmutter mir brachte hub ich ihn gen Himmel und rief: Bin ich nicht ein glücklicher Mann?
14
Erster Akt. - Erste Scene.
Franz. Das sagtet ihr. Nun habt ihrs gefunden? Ihr beneidet den schlechtesten eurer Bauren, daß er nicht Vater ist zu diesem - Ihr habt Kummer so lang ihr diesen Sohn habt. Dieser Kummer wird wachsen mit Karln. Dieser Kummer wird euer Leben untergraben.
D. a. Moor. Oh! er hat mich zu einem achtzigjährigen Manne gemacht.
Franz. Nun also - wenn ihr dieses Sohnes euch entäussertet?
D. a. Moor auffahrend. Franz! Franz! was sagst du?
Franz. Ist es nicht diese Liebe zu ihm die euch all den Gram macht. Ohne diese Liebe ist er für euch nicht da. Ohne diese strafbare diese verdammliche Liebe ist er euch gestorben - ist er euch nie gebohren. Nicht Fleisch und Blut, das Herz macht uns zu Vätern und Söhnen. Liebt ihr ihn nicht mehr, so ist diese Abart auch euer Sohn nicht mehr, und wär er aus eurem Fleische geschnitten. Er ist euer Augapfel gewesen bisher, nun aber, ärgert dich dein Auge, sagt die Schrift, so reiß es aus. Es ist besser einäugig gen Himmel, als mit zwey Augen in die Hölle. Es ist besser Kinderlos gen Himmel, als wenn beyde Vater und Sohn in die Hölle fahren. So spricht die Gottheit!
D. a. Moor. Du willst ich soll meinen Sohn verfluchen?
Franz. Nicht doch! nicht doch! - Euren Sohn sollt ihr nicht verfluchen. Was heißt ihr euren Sohn? - dem ihr das Leben gegeben habt, wenn er sich auch alle ersinnliche Mühe gibt das eurige zu verkürzen?
D. a. Moor. Oh das ist allzuwahr! das ist ein Gericht über mich. Der Herr hats ihm geheißen!
Franz. Seht ihrs, wie kindlich euer Busenkind an euch handelt? Durch eure Väterliche Theilnehmung erwürgt er euch, mordet euch durch eure Liebe, hat euer Vaterherz selbst bestochen euch den Garaus zu machen. Seyd ihr einmal nicht mehr, so ist er Herr eurer Güter, König seiner Triebe. Der Damm ist weg, und der Strom seiner Lüste kann izt freyer dahinbrausen. Denkt euch einmal an seine Stelle! Wie oft muß er den
15
Erster Akt. - Erste Scene.
Vater unter die Erde wünschen - wie oft den Bruder - die ihm im Lauf seiner Exceße so unbarmherzig im Weeg stehen. Ist das aber Liebe gegen Liebe? Ist das kindliche Dankbarkeit gegen väterliche Milde? Wenn er dem geilen Kitzel eines Augenblicks zehn Jahre eures Lebens aufopfert? wenn er den Ruhm seiner Väter der sich schon sieben Jahrhunderte unbefleckt erhalten hat, in Einer wollüstigen Minute aufs Spiel setzt? Heißt ihr das euren Sohn? Antwortet? heißt ihr das einen Sohn?
D. a. Moor. Ein unzärtliches Kind! ach! aber mein Kind doch! mein Kind doch!
Franz. Ein allerliebstes köstliches Kind, dessen ewiges Studium ist, keinen Vater zu haben - O daß ihrs begreiffen lerntet! daß euch die Schuppen fielen vom Auge! aber eure Nachsicht muß ihnin seinen Liederlichkeiten bevestigen; euer Vorschub ihnen Rechtmäßigkeit geben. Ihr werdet freilich den Fluch von seinem Haupte laden, auf euch, Vater, auf euch wird der Fluch der Verdammniß fallen.
D. a. Moor. Gerecht! sehr gerecht! - Mein mein ist alle Schuld!
Franz. Wie viele Tausende, die voll gesoffen haben vom Becher der Wollust, sind durch Leiden gebessert worden. Und ist nicht der körperliche Schmerz, den jedes Uebermaas begleitet, ein Fingerzeig des göttlichen Willens. Sollte ihn der Mensch durch seine grausame Zärtlichkeit verkehren? soll der Vater das ihm anvertraute Pfand auf ewig zu Grunde richten? - Bedenkt Vater, wenn ihr ihn seinem Elend auf einige Zeit preiß geben werdet, wird er nicht entweder umkehren müssen und sich bessern? oder er wird auch in der großen Schule des Elends ein Schurke bleiben, und dann - wehe dem Vater der die Rathschlüsse einer höheren Weißheit durch Verzärtlung zernichtet! -Nun Vater?
D. a. Moor. Ich will ihm schreiben, daß ich meine Hand von ihm wende.
Franz. Da thut ihr recht und klug daran.
D. a. Moor. Daß er nimmer vor meine Augen komme.
16
Erster Akt. - Erste Scene.
Franz. Das wird eine heilsame Wirkung thun.
D. a. Moor. zärtlich. Biß er anders worden!
Franz. Schon recht, schon recht - Aber, wenn er nun kommt mit der Larve des Heuchlers, euer Mitleid erweint, eure Vergebung sich erschmeichelt, und morgen hingeht und eurer Schwachheit spottet im Arm seiner Huren? - Nein Vater! Er wird freywillig wiederkehren, wenn ihn sein Gewissen rein gesprochen hat.
D. a. Moor. So will ich ihm das auf der Stelle schreiben.
Franz. Halt! noch ein Wort Vater! Eure Entrüstung, fürchte ich, möchte euch zu harte Worte in die Feder werffen, die ihm das Herz zerspalten würden - und, dann - glaubt ihr nicht daß er das schon für Verzeihung nehmen werde, wenn ihr ihn noch eines eigenhändigen Schreibens werth haltet? Darum wirds besser seyn, ihr überlaßt das Schreiben mir.
D. a. Moor. Thu das mein Sohn. - Ach! es hätte mir doch das Herz gebrochen! Schreib ihm - - Franz. schnell. Dabeybleibts also?
D. a. Moor. Schreib ihm daß ich tausend blutige Tränen, tausend schlaflose Nächte - Aber bring meinen Sohn nicht zur Verzweiflung!
Franz. Wollt ihr euch nicht zu Bette legen Vater? Es griff euch hart an.
D. a. Moor. Schreib ihm daß die Väterliche Brust - Ich sage dir bring meinen Sohn nicht zur Verzweiflung!
Geht traurig ab.
Franz. mit Lachen ihm nachsehend. Tröste dich Alter, du wirst ihn nimmer an diese Brust drücken, der Weg dazu ist ihm verrammelt, wie der Himmel der Hölle - Er war aus deinen Armen gerissen, ehe du wußtest daß du es wollen könntest - da müßt ich ein erbärmlicher Stümper seyn, wenn ichs nicht einmal so weit gebracht hätte einen Sohn vom Herzen des Vaters los zu lösen, und wenn er mit ehernen Banden daran geklammert wäre -
17
Erster Akt. - Erste Scene.
Ich hab einen magischen Kreis von Flüchen um dich gezogen, den er nicht überspringen soll - Glück zu Franz! Weg ist das Schooskind - Der Wald ist heller. Ich muß diese Papiere vollends aufheben, wie leicht könnte jemand meine Handschrifft kennen? er ließt die zerrissenen Briefstüke zusammen. - Und Gram wird auch den Alten bald fortschaffen, - und ihr muß ich diesen, aus dem Herzen reissen, wenn auch ihr halbes Leben dran hängen bleiben sollte.
Ich habe grosse Rechte, über die Natur ungehalten zu seyn, und bey meiner Ehre! ich will sie geltend machen. - Warum bin ich nicht der erste aus Mutterleib gekrochen? Warum nicht der Einzige? Warum mußte sie mir diese Bürde von Häßlichkeit aufladen? gerade mir? Nicht anders als ob sie bey meiner Geburt einen Rest gesezt hätte? Wann gerade mir die Lappländers Nase? Gerade mir dieses Mohrenmaul? Diese Hottentotten Augen? Wirklich ich glaube sie hat von allen Menschensorten das Scheußliche auf einen Hauffen geworffen, und mich daraus gebacken. Mord und Tod! Wer hat ihr die Vollmacht gegeben jenem dieses zu verleyhen, und mir vorzuenthalten? Könnte ihr jemand darum hofiren, eh er entstund? Oder sie beleidigen, eh er selbst wurde? Warum geing sie so parteylich zu Werke?
Nein! Nein! Ich thu ihr Unrecht. Gab sie uns doch Erfindungs-Geist mit, setzte uns nackt und armselig ans Ufer dieses grossen Ozeans Welt -Schwimme, wer schwimmen kann, und wer zu plump ist geh unter! Sie gab mir nichts mit; wozu ich mich machen will, das ist nun meine Sache. Jeder hat gleiches Recht zum Grösten und Kleinsten, Anspruch wird an Ausspruch, Trieb an Trieb, und Krafft an Krafft zernichtet. Das Recht wohnet beym Ueberwältiger, und die Schranken unserer Krafft sind unsere Geseze.
Wohl gibt es gewiße gemeinschafftliche Pakta, die man geschloßen hat, die Pulse des Weltzirkels zu treiben. Ehrlicher Nahme! - wahrhaftig eine reichhaltige Münze mit der sich meisterlich schachern läßt, wers versteht, sie gut auszugeben. Gewissen, - o ja freilich! ein tüchtiger Lumpenmann, Sperlinge von Kirschbäumen wegzuschröken! - auch das ein gut
18
Erster Akt. - Erste Scene.
geschriebener Wechselbrief mit dem auch der Bankerotirer zur Noth noch hinauslangt.
In der That, sehr lobenswürdige Anstalten, die Narren im Respekt und den Pöbel unter dem Pantoffel zu halten, damit die Gescheiden es desto bequemer haben. Ohne Anstand, recht schnakische Anstalten! Kommen mir für, wie die Hecken die meine Bauren gar schlau um ihre Felder herumführen. daß ja kein Haase drüber sezt, ja beileibe kein Haase! -Aber der gnädige Herr gibt seinem Rappen den Sporn, und galoppirt weich über der Weyland Aerndte.
Armer Hasae! Es ist doch eine jämmerliche Rolle, der Haase seyn müßen auf dieser Welt - Aber der gnädige Herr braucht Haasen!
Also frisch drüber hinweg! Wer nichts fürchtet, ist nicht weniger mächtig als der, den alles fürchtet. Es ist itzo die Mode, Schnallen an den Beinkleidern zu tragen, womit man sie nach Belieben weiter und enger schnürt. Wir wollen uns ein Gewissen nach der neuesten Facon anmessen lassen, um es hübsch weiter aufzuschnallen wie wir zulegen. Was können wir dafür? Geht zum Schneider! Ich habe Langes und Breites von einer sogenannten Blutliebe schwazen gehört, das einem ordentlichen Hausmann den Kopf heiß machen könnte - Das ist dein Bruder! - das ist verdollmetscht; Er ist aus eben dem Ofen geschossen worden, aus dem du geschossen bist - also sei er dir heilig! - Merkt doch einmal diese verzwickte Consequenz, diesen poßierlichen Schluß von der Nachbarschaft der Leiber auf die Harmonie der Geister; von eben derselben Heimat zu eben derselben Empfindung; von einerley Kost zu einerley Neigung. Aber weiter - es ist dein Vater! Er hat dir das Leben gegeben, du bist sein Fleisch, sein Blut - also sey er dir heilig! Wiederum eine schlaue Konsequenz! Ich möchte doch fragen, warum hat er mich gemacht? doch wol nicht gar aus Liebe zu mir, der erst ein Ich werden sollte? Hat er mich gekannt ehe er mich machte? Oder hat er an mich gedacht, wie er mich machte? Oder hat er mich gewünscht, da er mich machte? Wußte er was ich werden würde? das wollt’ ich ihm nicht rathen, sonst möcht ich ihn dafür strafen, daß er mich doch gemacht hat? Kann ichs ihm Dank wissen, daß ich ein Mann wurde? So wenig als ich ihn
19
Erster Akt. - Erste Scene.
verklagen könnte, wenn er ein Weib aus mir gemacht hätte. Kann ich eine Liebe erkennen, die sich nicht auf Achtung gegen mein Selbst gründet? Konnte Achtung gegen mein Selbst vorhanden seyn, das erst dadurch entstehen sollte, davon es die Voraussetzung seyn muß? Wo stikt dann nun das Heilige? Etwa im Aktus selber durch den ich entstund? - Als wenn dieser etwas mehr wäre als viehischer Prozeß zur Stillung viehischer Begierden? Oder stikt es vielleicht im Resultat dieses Aktus, der doch nichts ist als eiserne Nothwendigkeit, die man so gern wegwünschte, wenns nicht auf Unkosten von Fleisch und Blut geschehn müßte? Soll ich ihm etwa darum gute Worte geben, daß er mich liebt? das ist eine Eitelkeit von ihm, die Schoossünde aller Künstler, die sich in ihrem Werk kokettieren, wär es auch noch so heßlich. - Sehet also das ist die ganze Hexerey, die ihr in einen heiligen Nebel verschleyert unsre Furchtsamkeit zu mißbrauchen. Soll auch ich mich dadurch gängeln lassen wie einen Knaben?
Frisch also! mutig ans Werk! - Ich will alles um mich her ausrotten, was mich einschränkt daß ich nicht Herr bin. Herr muß ich seyn, daß ich das mit Gewalt ertrotze, wozu mir die Liebenswürdigkeit gebricht ab.
Karl von Moor in ein Buch vertieft. Spiegelberg trinkend am Tisch.
Karl v. Moor legt das Buch weg. Mir ekelt vor diesem Tintenkleksenden Sekulum, wenn ich in meinem Plutarch lese von großen Menschen.
Spiegelberg stellt ihm ein Glas hin, und trinkt. Den Josephus mußt du lesen.
Moor. Der lohe Lichtfunke Prometheus ist ausgebrannt, dafür nimmt man izt die Flamme von Berlappenmehl - Theaterfeuer, das keine Pfeife Tabak anzündet. Da krabbeln sie nun, wie die Ratten auf der Keule des Herkules, und studieren sich das Mark aus dem Schädel was das für ein Ding sey, das er in seinem Hoden geführt hat? Ein französischer Abbe
20
Erster Akt. - Zweyte Scene.
dozirt, Alexander sei ein Haasenfuß gewesen, ein schwindsüchtiger Professor hält sich bey jedem Wort ein Fläschchen Salmiakgeist vor die Nase, und ließt ein Kollegium über die Kraft. Kerls, die in Ohnmacht fallen, wenn sie einen Buben gemacht haben, kritteln über die Taktik des Hannibals - feuchtohrige Buben fischen Phrases aus der Schlacht bei Kannä, und greinen über die Siege des Scipio, weil sie sie exponiren müßen.
Spiegelberg. Das ist ja recht Alexandrinisch geflännt.
Moor. Schöner Preiß für euren Schweiß in der Feldschlacht, daß ihr jetzt in Gymnasien lebet, und eure Unsterblichkeit in einem Bücherriemen mühsam fortgeschleppt wird. Kostbarer Ersaz eures verpraßten Blutes, von einem Nürnberger Krämer um Lebkuchen gewickelt - oder, wenns glücklich geht, von einem französischen Tragödienschreiber auf Stelzen geschraubt, und mit Drathhfäden gezogen zu werden. Hahaha!
Spiegelberg trinkt, Lies den Josephus, ich bitte dich drum!
Moor. Pfui! pfui! über das schlappe Kastraten-Jahrhundert, zu nichts nüze, als die Thaten der Vorzeit wiederzukäuen, und die Helden des Alterthums mit Kommentationen zu schinden, und zu verhunzen mit Trauerspielen. Die Kraft seiner Lenden ist versiegen gegangen, und nun muß Bierhefe den Menschen fortpflanzen helfen.
Spiegelberg. Thee, Bruder, Thee!
Moor. Da verrammeln sie sich die gesunde Natur mit abgeschmackten Konvenzionen, haben das Herz nicht ein Glas zu leeren, weil sie Gesundheit dazu trinken müßen - beleken den Schuhpuzer, daß er sie vertrete bei Ihro Gnaden, und hudeln den armen Schelm, den sie nicht fürchten. Vergöttern sich um ein Mittagessen, und möchten einander vergiften um ein Unterbett, das ihnen beim Aufstreich überboten wird. -Verdammen den Sadduzäer, der nicht fleißig genug in die Kirche kommt, und berechnen ihren Judenzins am Altare - fallen auf die Knie, damit sie ja ihren Schlamp ausbreiten können - wenden kein Aug von dem Pfarrer, damit sie sehen, wie seine Perücke frisirt ist. - Fallen in
21
Erster Akt. - Zweyte Scene.
Ohnmacht, wenn sie eine Gans bluten sehen, und klatschen in die Hände, wenn ihr Nebenbuhler bankerott von der Börse geht - - So warm ich ihnen die Hand drückte - „nur noch einen Tag“ - Umsonst! -Ins Loch mit dem Hund! - Bitten! Schwüre! Tränen auf den Boden stampfend. Hölle und Teufel!
Spiegelberg. Und um so ein paar tausend lausige Dukaten -
Moor. Neinich mag nicht daran denken. Ich soll meinen Leib pressen in eine Schnürbrust, und meinen Willen schnüren in Gesetze. Das Gesez hat zum Schneckengang verdorben, was Adlerflug geworden wäre. Das Gesez hat noch keinen großen Mann gebildet, aber die Freyheit brütet Koloße und Extremitäten aus. Sie verpallisadiren sich ins Bauchfell eines Tyrannen, hofiren der Laune seines Magens, und lassen sich klemmen von seinen Winden. - Ah! daß der Geist Herrmanns noch in der Asche glimmte! - Stelle mich vor ein Heer Kerls wie ich, und aus Deutschland soll eine Republik werden, gegen die Rom und Sparta Nonnenklöster seyn sollen. Er wirft den Degen auf den Tisch und steht auf.
Spiegelberg aufspringend. Bravo! Bravissimo! Du bringst mich eben recht auf das Chapitre. Ich will dir was ins Ohr sagen Moor, das schon lang mit mir umgeht, und du bist der Mann dazu - sauf Bruder sauf! - wie wärs wenn wir Juden würden, und das Königreich wieder aufs Tapet brächten?
Moor lacht aus vollem Halse. Ah! Nun merk ich - nun merk ich - du willst die Vorhaut aus der Mode bringen, weil der Barbier die deinige schon hat?
Spiegelberg. Daß dich Bärenhäuter! Ich bin freylich wunderbarerweiß scon voraus beschnitten. Aber sag, ist das nicht ein schlauer und herzhafter Plan? Wir lassen ein Manifest ausgehen in alle vier Enden der Welt und zitiren nach Palästina, was kein Schweinefleisch ißt. Da beweiß ich nun durch triftige Dokumente, Herodes der Vierfürst sei mein Großahnherr gewesen, und so ferner. Das wird ein Viktoria abgeben, Kerl, wenn sie wieder ins Trockene kommen, und Jerusalem wieder
22
Erster Akt. - Zweyte Scene.
aufbauen dürfen. Izt frisch mit den Türken aus Asien, weil’s Eisen noch warm ist, und Zedern gehauen aus dem Libanon, und Schiffe gebaut, und geschachert mit alten Borden und Schnallen das ganze Volk. Mittlerweile - Moor nimmtihn lächelnd bey der Hand. Kamerad! Mit den Narrenstreichen ists nun am Ende.
Spiegelberg stutzig. Pfui, du wirst doch nicht gar den verlorenen Sohn spielen wollen? Ein Kerl wie du der mit dem Degen mehr auf die Gesichter gekritzelt hat, als drey Substituten in einem Schaltjahr ins Befehlbuch schreiben! Soll ich dir von der großen Hundsleiche vorerzehlen? ha! ich muß nur dein eigenes Bild wieder vor dich rufen, das wird Feuer in deine Adern blasen, wenn dich sonst nichts mehr begeistert. Weißt du noch wie die Herren vom Kollegio deiner Dogge das Bein hatten abschießen lassen, und du zur Revange liesest ein Fasten ausschreiben in der ganzen Stadt. Man schmollte über dein Rescript. Aber du nicht faul, läßest alles Fleisch aufkaufen in ganz L. daß in acht Stund kein Knoch mehr zu nagen ist in der ganzen Rundung, und die Fische anfangen im Preiße zu steigen. Magistrat und Bürgerschaft düßelten Rache. Wir Pursche frisch heraus zu siebzehn hundert, und du an der Spize, und Mezger, und Schneider und Krämer hintenher, und Wirth und Barbierer und alle Zünfte, und fluchen, Sturm zu lauffen wider die Stadt wenn man den Purschen ein Haar krümmen wollte. Da giengs aus, wie’s Schießen zu Hornberg, und mußten abziehen mit langer Nase. Du läßest Doktores kommen ein ganzes Koncilium, und botst drey Dukaten wer dem Hunde ein Recept schreiben würde. Wir sorgten die Herren werden zuviel Ehr im Leibe haben und Nein sagen und hattens schon verabredt sie zu forciren. Aber das war unnötig, die Herren schlugen sich um die drey Dukaten, und kams im Abstreich herab auf drei Bazen, in einer Stunde sind zwölf Recepte geschrieben, daß das Thier auch bald drauf verreckte.
Moor. Schändliche Kerls!
23
Erster Akt. - Zweyte Scene.
Spiegelberg. Der Leichenpomp wird veranstaltet in aller Pracht, Karmina gabs die schwere Meng um den Hund, und zogen wir aus des Nachts gegen tauend, eine Laterne in der einen Hand, unsre Raufdegen in der andern, und so fort durch die Stadt mit Glockenspiel und Geklimper, bis der Hund beigesezt war. Drauf gabs ein Fressen, das währte bis an den lichten Morgen, da bedanktest du dich bey den Herren für das herzliche Beileid, und ließest das Fleisch verkauffen ums halbe Geld. Mort de ma vie, da hatten wir dir Respekt, wie eine Garnison in einer eroberten Vestung - Moor. Unddu schämst dich nicht damit groß zu pralen? Hast nicht einmal so viel Schaam dich dieser Streiche zu schämen?
Spiegelberg. Geh, geh! Du bist nicht mehr Moor. Weißt du noch wie tausendmal du die Flasche in der Hand den alten Filzen hast aufgezogen, und gesagt: Er soll nur drauf los schaben und scharren, du wollest dir dafür die Gurgel absauffen. - Weißt du auch noch? he? weißt du noch? O du heilloser, erbärmlicher Prahlhanß! das war noch männlich gesprochen, und edelmännisch, aber -
Moor. Verfluchtseyst du, daß du mich dran erinnerst! Verflucht ich, daß ich es sagte! Aber es war nur im Dampfe des Weins, und mein Herz hörte nicht was meine Zunge pralte.
Spiegelberg schüttelt den Kopf. Nein! nein! nein! das kann nicht seyn. Unmöglich Bruder, das kann dein Ernst nicht seyn. Sag, Brüderchen, ist es nicht die Noth die dich so stimmt? Kommt, laß dir ein Stükchen aus meinen Bubenjahren erzählen. Da hatt ich neben meinem Hauß einen Graben, der, wie wenig, seine acht Schuh breit war, wo wir Buben uns in die Wette bemühten hinüber zu springen. Aber das war umsonst. Pflumpf! lagst du, und ward ein Gezisch und Gelächter über dir, und wurdest mit Schneeballen geschmissen über und über. Neben meinem Hauß lag eines Jägers Hund an einer Kette, eine so bißige Bestie, die dir die Mädels wie der Blitz am Rockzipfel hatte, wenn sie sichs versahn, und zu nah dran vorbey strichen. Das war nun mein Seelengaudium, den Hund überall zu necken wo ich nur konnte, und wollt halb krepiren vor
24
Erster Akt. - Zweyte Scene.
Lachen wenn mich dann das Luder so gifftig anstierte, und so gern auf mich losgerannt wär, wenns nur gekonnt hätte. - Was geschieht? Ein andermal mach ichs ihm auch wieder so, und werf ihn mit einem Stein so derb an die Ripp, daß er vor Wuth von der Kette reißt und auf mich dar, und ich wie alle Donnerwetter reißaus und davon - Tausend Schwerenoth! Da ist dir just der vermaledeyte Graben dazwischen. Was zu thun? Der Hund ist mir hart an den Fersen und wüthig, also kurz resolvirt - ein Anlauf genommen - drüben bin ich. Dem Sprung hatt ich Leib und Leben zu danken; die Bestie hätte mich zu Schanden gerissen.
Moor. Aber wozu izt das?
Spiegelberg. Dazu - daß du sehen sollst, wie die Kräffte wachsen in der Noth. Darum laß ich mirs auch nicht bange seyn, wenns aufs äusserste kommt. Der Muth wächst mit der Gefahr; die Kraft erhebt sich im Drang. Das Schicksal muß einen großen Mann aus mir haben wollen, weil’s mir so queer durch den Weg streicht.
Moor ärgerlich. Ich wüßte nicht wozu wir den Muth noch haben sollten, und noch nicht gehabt hätten.
Spiegelberg. So? - Und du willst also deine Gaben in dir verwittern lassen? Dein Pfund vergraben? Meynst du, deine Stinkereyen in Leipzig machen die Gränzen des menschlichen Witzes aus? Da laß uns erst in die große Welt kommen. Paris und London! - wo man Ohrfeigen einhandelt, wenn man einen mit dem Nahmen eines ehrlichen Mannes grüßt. Da ist es auch ein Seelenjubilo, wenn man das Handwerk ins große praktizirt. - Du wirst gaffen! Du wirst Augen machen! Wart, und wie man Handschriften nachmacht, Würffel verdreht, Schlösser aufbricht, und den Koffern das Eingeweid ausschüttet - das sollst du noch von Spiegelberg lernen! Die Kanaille soll man an den nächsten besten Galgen knüpfen, die bei geraden Fingern verhungern will.
Moor zerstreut. Wie? Du hast es wol gar noch weiter gebracht?
Spiegelberg. Ich glaube gar, du setzest ein Mißtrauen in mich. Wart, laß mich erst warm werden; du sollst Wunder sehen, dein Gehirnchen soll
25
Erster Akt. - Zweyte Scene.
sich im Schädel umdrehen, wenn mein kreisender Witz in die Wochen kommt. - Steht auf, hitzig. Wie es sich aufhellt in mir! Große Gedanken dämmern auf in meiner Seele! Riesenplane gähren in meinem schöpfrischen Schädel. Verfluchte Schlafsucht! Sich vor’n Kopf schlagend. Die bisher meine Kräffte in Ketten schlug, meine Aussichten sperrte und spannte; Ich erwache, fühle wer ich bin - wer ich werden muß!
Moor. Du bist ein Narr. Der Wein bramarbasirt aus deinem Gehirne.
Spiegelberg hitziger. Spiegelberg, wird es heißen, kannst du hexen Spiegelberg? Es ist Schade daß du kein General worden bist, Spiegelberg, wird der König sagen, du hättest die Oestreicher durch ein Knopfloch gejagt. Ja, hör ich die Dokters jammern, es ist unverantwortlich daß der Mann nicht die Medizin studirt hat, er hätte ein neues Kropfpulver erfunden. Ach! und daß er das Kamerale nicht zum Fach genommen hat, werden die Sullys in ihren Kabinetten seufzen, er hätte aus Steinen Louisd’ore hervorgezaubert. Und Spiegelberg wird es heißen in Osten und Westen, und in den Koth mit euch ihr Memmen, ihr Kröten, indeß Spiegelberg mit ausgespreiteten Flügeln zum Tempel des Nachruhms empor fliegt.
Moor. Glück auf den Weeg! Steig du auf Schandsäulen zum Gipfel des Ruhms. Im Schatten meiner väterlichen Hayne, in den Armen meiner Amalia lockt mich ein edler Vergnügen. Schon die vorige Woche hab ich meinem Vater um Vergebung geschrieben, hab ihm nicht den kleinsten Umstand verschwiegen, und wo Aufrichtigkeit ist, ist auch Mitleid und Hilfe. Laß uns Abschied nehmen Moriz. Wir sehen uns heut, und nie mehr. Die Post ist angelangt. Die Verzeihung meines Vaters ist schon innerhalb dieser Stadtmauren.
Schweizer. Grimm. Roller. Schufterle. Razmann treten auf.
Roller. Wißt ihr auch, daß man uns auskundschaftet?
Grimm. Daß wir keinen Augenblick sicher sind aufgehoben zu werden?
26
Erster Akt. - Zweyte Scene.
Moor. Mich wunderts nicht. Es gehe wie es will! saht ihr den Schwarz nicht? sagte er von keinem Briefe, den er an mich hätte? Roller. Schon lange sucht er dich, ich vermuthe so etwas. Moor. Wo ist er, wo, wo? will eilig fort. Roller. Bleib! wir haben ihn hieher beschieden. Du zitterst? - Moor. Ichzittre nicht. Warum sollt ich auch zittern? Kameraden! dieser Brief - Freut euch mit mir! Ich bin der Glücklichste unter der Sonne, warum sollt ich zittern?
Schwarz tritt auf.
Moor fliegt ihm entgegen. Bruder, Bruder, den Brief! den Brief! Schwarz giebt ihm den Brief, den er hastig aufbricht. Was ist dir? wirst du nicht wie die Wand? Moor. Meines Bruders Hand! Schwarz. Was treibt denn der Spiegelberg? Grimm. Der Kerl ist unsinnig. Er macht Gestus wie beym sankt Veits Tanz.
Schufterle. Sein Verstand geht im Ring herum. Ich glaub er macht Verse.
Razmann. Spiegelberg! He Spiegelberg! - Die Bestie hört nicht. Grimm schüttelt ihn. Kerl! träumst du, oder? -
Spiegelberg dersich die ganze Zeit über mit den Pantominen eines Projektmachers im Stubeneck abgearbeitet hat, springt wild auf. La Bourse ou la vie! und pakt Schweizern an der Gurgel, der ihn gelassen an die Wand wirft, - Moor läßt den Brief fallen, und rennt hinaus. Alle fahren auf.
Roller ihm nach. Moor! wonaus, Moor? was beginnst du?
27
Erster Akt. - Zweyte Scene.
Grimm. Was hat er, was that er? Er ist bleich wie die Leiche.
Schweizer. Das müssen schöne Neuigkeiten seyn! Laß doch sehen!
Roller nimmt den Brief von der Erde, und ließt.
„Unglücklicher Bruder!“ der Anfang klingt lustig. „Nur kürzlich muß ich dir melden, daß deine Hoffnung vereitelt ist - du sollst hingehen, läßt dir der Vater sagen, wohin dich deine Schandthaten führen. Auch, sagt er, werdest du dir keine Hoffnung machen, jemals Gnade zu seinen Füssen zu erwimmern, wenn du nicht gewärtig seyn wollest, im untersten Gewölbe seiner Thürme mit Wasser und Brod so lange traktirt zu werden, bis deine Haare wachsen wie Adlers-Federn, und deine Nägel wie Vogelklauen werden. Das sind seine eigene Worte. Er befiehlt mir den Brief zu schliessen. Leb wohl auf ewig! Ich bedaure dich -Franz von Moor.“
Schweizer. Ein zuckersüßes Brüdergen! In der That! - Franz heißt die Kanaille?
Spiegelberg sachte herbey schleichend. Von Wasser und Brod ist die Rede? Ein schönes Leben! Da hab ich anders für euch gesorgt! Sagt’ ichs nicht, ich müßt’ am Ende für euch alle denken?
Schweizer. Was sagt der Schafskopf ? der Esel will für uns alle denken?
Spiegelberg. Haasen, Krüppel, lahme Hunde seyd ihr alle, wenn ihr das Herz nicht habt etwas Grosses zu wagen?
Roller. Nun, das wären wir freylich, du hast recht - aber wird es uns auch aus dieser vermaledeyten Lage reissen, was du wagen wirst? wird es? - Spiegelberg miteinem stolzen Gelächter. Armer Tropf! aus dieser Lage reissen? hahaha! - aus dieser Lage reissen? - und auf mehr raffinirt dein Fingerhut voll Gehirn nicht? und damit trabt deine Mähre zum Stalle? Spiegelberg müßte ein Hundsvot seyn, wenn er mit dem nur anfangen
28
Erster Akt. - Zweyte Scene.
wollte. Zu Helden, sag ich dir, zu Freyherrn, zu Fürsten, zu Göttern wirds euch machen!
Razmann. Das ist viel auf einen Hieb, wahrlich! Aber es wird wohl eine halsbrechende Arbeit seyn, den Kopf wirds wenigstens kosten.
Spiegelberg. Es will nichts als Muth, denn was den Wiz betrifft, den nehm ich ganz über mich. Muth, sag ich, Schweizer! Muth, Roller, Grimm, Razmann, Schufterle! Muth! - Schweizer. Muth?Wenns nur das ist - Muth hab ich genug um baarfus mitten durch die Hölle zu gehen.
Schufterle. Muth genug, mich unterm lichten Galgen mit dem leibhaftigen Teufel um einen armen Sünder zu balgen.
Spiegelberg. So gefällt mirs! Wenn ihr Muth habt, tret einer auf, und sag: Er habe noch etwas zu verlieren, und nicht alles zu gewinnen! -
Schwarz. Wahrhaftig,da gäbs manches zu verlieren, wenn ich das verlieren wollte, was ich noch zu gewinnen habe!
Razmann. Ja, zum Teufel! und manches zu gewinnen, wenn ich das gewinnen wollte, was ich nicht verlieren kann.
Schufterle. Wenn ich das verlieren müßte, was ich auf Borgs auf dem Leibe trage, so hätt’ ich allenfalls morgen nichts mehr zu verlieren.
Spiegelberg. Also denn! Er stellt sich mitten unter sie mit beschwörendem Ton. Wenn noch ein Tropfen deutschen Heldenbluts in euren Adern rinnt - kommt! Wir wollen uns in den böhmischen Wäldern niederlassen, dort eine Räuberbande zusammen ziehen, und - Was gafft ihr mich an? - ist euer bisgen Muth schon verdampft?
Roller. Du bist wohl nicht der erste Gauner, der über den hohen Galgen weggesehen hat - und doch - Was hätten wir sonst noch für eine Wahl übrig?
29
Erster Akt. - Zweyte Scene.
Spiegelberg. Wahl? Was? nichts habt ihr zu wählen! Wollt ihr im Schuldthurm stecken, und zusammenschnurren bis man zum jüngsten Tag posaunt? Wollt ihr euch mit der Schaufel und Haue um einen Bissen trocken Brod abquälen? Wollt ihr an der Leute Fenster mit einem Bänkelsänger Lied ein mageres Allmosen erpressen? oder wollt ihr zum Kalbsfell schwören - und da ist erst noch die Frage, ob man euren Gesichtern traut - und dort unter der milzsüchtigen Laune eines gebieterischen Korporals das Fegfeuer zum voraus abverdienen? oder bey klingendem Spiel nach dem Takt der Trommel spazieren gehn, oder im Gallioten Paradis das ganze Eisen-Magazin Vulkans hinterschleifen? Seht, das habt ihr zu wählen, da ist es beysamen, was ihr wählen könnt!
Roller. So unrecht hat der Spiegelberg eben nicht. Ich hab auch meine Plane schon zusamen gemacht, aber sie treffen endlich auf eins. Wie wärs, dacht ich, wenn ihr euch hinseztet, und ein Taschenbuch oder einen Almanach, oder so was ähnlichs zusamensudeltet, und um den lieben Groschen recensirtet, wie’s wirklich Mode ist?
Schufterle. Zum Henker! ihr rathet nach zu meinen Projekten. Ich dachte bey mir selbst, wie wenn du ein Pietist würdest, und wöchentlich deine Erbauungsstunden hieltest?
Grimm. Getroffen! und wenn das nicht geht, ein Atheist! Wir könnten die vier Evangelisten aufs Maul schlagen, liessen unser Buch durch den Schinder verbrennen, und so gieng’s reissend ab.
Razmann. Oder zögen wir wieder die Franzosen zu Felde - ich kenne einen Dokter, der sich ein Haus von purem Quecksilber gebaut hat, wie das Epigramm auf der Hausthüre lautet.
Schweizer. Steht auf und gibt Spiegelberg die Hand. Moriz, du bist ein grosser Mann! - oder es hat ein blindes Schwein eine Eichel gefunden.
Schwarz. Vortreffliche Plane! honete Gewerbe! Wie doch die grossen Geister sympathisiren! Izt fehlte nur noch, daß wir Weiber und Kupplerinnen würden, oder gar unsere Jungerschaft zu Markte trieben.
30
Erster Akt. - Zweyte Scene.
Spiegelberg. Possen, Possen! Und was hinderts, daß ihr nicht das meiste in einer Person seyn könnt? Mein Plan wird euch immer am höchsten poussiren, und da habt ihr noch Ruhm und Unsterblichkeit! Seht arme Schluker! Auch so weit mus man hinausdenken! Auch auf den Nachruhm, das süsse Gefühl von Unvergeßlichkeit - Roller. Undoben an in der Liste der ehrlichen Leute! Du bist ein Meister-Redner, Spiegelberg, Wenns drauf ankommt, aus einem ehrlichen Mann einen Hollunken zu machen - Aber sag doch einer, wo der Moor bleibt? -
Spiegelberg. Ehrlich,sagst du? Meynst du, du seyst nachher weniger ehrlich, als du izt bist? Was heist du ehrlich? Reichen Filzen ein Drittheil ihrer Sorgen vom Hals schaffen, die ihnen nur den goldnen Schlaf verscheuchen, das stockende Geld in Umlauf bringen, das Gleichgewicht der Güter wieder herstellen, mit einem Wort, das goldne Alter wieder zurükrufen, dem lieben Gott von manchem lästigen Kostgänger helfen, ihm Krieg, Pestilenz, theure Zeit und Dokters ersparen - siehst du, das heis ich ehrlich seyn, das heis ich ein würdiges Werkzeug in der Hand der Vorsehung abgeben, - und so bey jedem Braten den man ißt, den schmeichelhaften Gedanken zu haben; den haben dir deine Finten, dein Löwenmuth, deine Nachtwachen erworben - von groß und klein respektirt zu werden - Roller. Undendlich gar bey lebendigem Leibe gen Himmel fahren, und truz Sturm und Wind, truz dem gefrässigen Magen der alten Urahne Zeit unter Sonn und Mond und allen Fixsternen schweben, wo selbst die unvernünftigen Vögel des Himmels, von edler Begierde herbeygelockt, ihr himmlisches Koncert musiciren, und die Engel mit Schwänzen ihr hochheiliges Synedrium halten? Nicht wahr? - und wenn Monarchen und Potentaten von Motten und Würmern verzehrt werden, die Ehre haben zu dürfen, von Jupiters königlichem Vogel Visiten anzunehmen? -Moriz, Moriz, Moriz! nimm dich in Acht! nimm dich in Acht, vor dem dreybeinigten Thiere!
31
Erster Akt. - Zweyte Scene.
Spiegelberg. Und das schrökt dich, Hasenherz? ist doch schon manches Universalgenie, das die Welt hätte reformiren können, auf dem Schind-Anger verfault, und spricht man nicht von so einem Jahrhunderte, Jahrtausende lang, da mancher König und Curfürst in der Geschichte überhüpft würde, wenn sein Geschichtschreiber die Lüke in der Successions-Leiter nicht scheute, und sein Buch dardurch nicht um ein paar Oktavseiten gewönne, die ihm der Verleger mit baarem Gelde bezahlt - Und wenn dich der Wanderer so hin und her fliegen sieht im Winde - der mus auch kein Wasser im Hirn gehabt haben, brummt er in den Bart, und seufzt über die elenden Zeiten.
Schweizer. klopft ihm auf die Achsel. Meisterlich, Spiegelberg! Meisterlich! Was, zum Teufel, steht ihr da, und zaudert?
Schwarz. Und laß es auch Prostitution heissen - Was folgt weiter? Kann man nicht auf den Fall immer ein Pülvergen mit sich führen, das einen so im stillen übern Acheron fördert, wo kein Hahn darnach kräht! Nein, Bruder Moriz! dein Vorschlag ist gut. So lautet auch mein Katechismus.
Schufterle. Bliz! Und der meine nicht minder. Spiegelberg, du hast mich geworben!
Razmann. Du hast, wie ein anderer Orpheus, die heulende Bestie, mein Gewissen in den Schlaf gesungen. Nimm mich ganz, wie ich da bin.
Grimm. Si omnes consentuint ego non dissentio. Wohlgemerkt ohne Komma. Es ist ein Aufstreich in meinem Kopf; Pietisten - Quaksalber -Rezensenten und Jauner. Wer am meisten bietet, der hat mich. Nimm diese Hand Moriz.
Roller. Und auch du Schweizer? giebt Spiegelberg die rechte Hand. Also verpfänd ich meine Seele dem Teufel.
Spiegelberg. Und deinen Nahmen den Sternen! was liegt daran, wohin auch die Seele fährt? Wenn Schaaren vorausgesprengter Kuriere unsere Niederfahrt melden, daß sich die Satane festtäglich herauspuzen, sich den tausendjährigen Ruß aus den Wimpern stäüben, und myriaden
32
Arbeit zitieren:
Friedrich von Schiller, 2008, Die Räuber, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Zweite Moderne oder Postmoderne?
Ein Architektur–Diskurs
Kunst - Architektur, Baugeschichte, Denkmalpflege
Fachbuch, 77 Seiten
Karl August Lingner - Leben und Werk eines sächsischen Großindustriell...
Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus
Forschungsarbeit, 125 Seiten
Die literarische Gestaltung de...
Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde
Fachbuch, 114 Seiten
'Dreipfeil gegen Hakenkreuz' - Symbolkrieg in Deutschland 1932
Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg
Wissenschaftlicher Aufsatz, 25 Seiten
Die Vertreibung der Sudetendeutschen 1945 aus ihrer Heimat. Hintergrün...
Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg
Wissenschaftlicher Aufsatz, 36 Seiten
'Flatland' and Einstein's Universe - On Our Relationship t...
Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)
Wissenschaftlicher Aufsatz, 15 Seiten
Social capital as competitive ...
Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft
Doktorarbeit / Dissertation, 245 Seiten
Begriff, Bedeutung und Handhabung des Grundrechtes auf Eigentum in den...
Jura - Öffentliches Recht / Staatsrecht / Grundrechte
Doktorarbeit / Dissertation, 322 Seiten
Fernsehhelden auf der Narrenschaukel - Materialien zum saarländischen ...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Fachbuch, 67 Seiten
Anonym's Text Die Räuber ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Anonym hat den Text Die Räuber veröffentlicht
Die Räuber. Analysen und Reflexionen
Jugendprotest, politisches Leh...
Friedrich von Schiller, Martin H. Ludwig
Otfried Preußler: Der Räuber Hotzenplotz
Kommentar und Kopiervorlagen f...
Björn Bauch, F. J. Tripp
Der Räuber Thalamus und andere Geschichten
Brainstories zur Lernbiologie ...
Christina Buchner
0 Kommentare