Carl von Ossieztky Universität Oldenburg
Wintersemester 2002/2003
Seminar: Soziologische Gewaltforschung
IST WIRTSCHAFTSSPEKULATION
STRUKTURELLE GEWALT?
René Steenbock
„Es ist eine Tatsache, dass das derzeitige Finanzsystem und seine Liberalisierung jene bevorzugt, die bereits jetzt privilegiert sind und die Weltwirtschaft dominieren. Die Kosten haben die Entwicklungsländer zu tragen, besonders die ärmsten unter ihnen.“
K.S. Komo, Professor für Ökonomie
1 GRUNDLEGENDE BEGRIFFSERLÄUTERUNGEN
Ist Wirtschaftsspekulation strukturelle Gewalt bzw. kann sie es sein, wenn sie bestimmte Charakteristika aufweist? Um diese Frage zu beleuchten, scheint es zunächst sinnvoll, zu erläutern, was genau mit dem Begriffen Wirtschaftsspekulation1 und strukturelle Gewalt gemeint ist.
Die historische Wirtschaftsliteratur ist angefüllt mit Beiträgen zu spekulativen Blasen, systemischen Unzulänglichkeiten und panischer Kapitalflucht an Finanzmärkten. Während der Zeit des Goldstandards kam es zu mehreren Finanzkrisen, die durch Spekulanten ausgelöst wurden. Die Situation in der Zeit zwischen den Weltkriegen, als das internationale Finanzsystem keinen festen Regeln unterlag, wurde von vielen damaligen Marktteilnehmern als äußerst mangelhaft empfunden. Bis in die 70-er Jahre des letzten Jahrhunderts wurde der Gebrauch von Kapitalkontrollen zur Sicherung der nationalen Währungen als unerlässlich angesehen und ein wichtiger Grund für die Entwicklung einer europäischen Gemeinschaftswährung war das Bestreben, Spekulationen gegen die Wechselkurse innerhalb des gemeinsamen Binnenmarktes der EU – wie 1992/93 passiert – zu unterbinden.2
Unter diesen Gesichtspunkten ist die aktuelle Situation auf den weltweiten Finanzmärkten auf den ersten Blick durchaus erstaunlich. Seit dem Zusammenbruch der letzten offiziellen internationalen Finanzordnung – des nach dem 2. Weltkrieg geschaffenen Bretton–Woods–Systems im Jahr 1973 – hat ein grundlegendes Umdenken stattgefunden. Führende Wissenschaftler und zahlreiche Nationalstaaten propagieren die Öffnung und Liberalisierung der nationalen Kapitalmärkte. Kapitalkontrollen werden mit erstaunlicher Geschwindigkeit abgeschafft und das internationale Kapital kann wahrscheinlich ungehinderter fließen als jemals zuvor in der Geschichte. Die wissenschaftliche Theorie der Kapitalmärkte wird von einem Konzept beherrscht, dass – vor knapp 50 Jahren formuliert – inzwischen zum vorherrschenden Paradigma der Wirtschaftswissenschaften avanciert ist: der Theorie des effizienten Marktes.3 Es propagiert eine nahezu perfekte Funktionsweise liberalisierter Finanzmärkte und gesteht der Spekulation dabei eine wichtige und positive, weil marktstabilisierende Funktion zu.
Somit lassen sich zusammengefasst zwei gegensätzliche Positionen ausmachen: jene Theoretiker, die in Spekulation Segnungen der modernen Marktwirtschaft erblicken4 und jene, die die Schäden, die von Spekulationen ausgehen für gewichtiger halten als ihren potentiellen Nutzen5. Ich werde in Abschnitt 2 anhand historischer Beispiele aufzeigen, wie gewichtig die negativen Auswirkungen von Spekulation immer wieder sind und welche Protagonisten sich finden lassen.
Der zweite Begriff, dessen Klärung für die im Titel aufgeführte Fragestellung unabdingbar ist, ist jener der strukturellen Gewalt. Gewalt heißt - nach Galtung6 - unter Anwendung bestimmter Mittel auf einen anderen in dessen Sinne negativ einzuwirken. Intention der Gewalt ist es, den anderen zu unterwerfen, ihn gefügig zu machen und dadurch Macht auszuüben. Durch Gewalt kommt es zu einer – ob absichtsvoll oder nicht – Schädigung von jemandem, und der oder die Geschädigte wird dieser gegen sie gerichteten Anwendung von Gewalt in der Regel nicht zustimmen. Es herrscht somit ein Missverhältnis zwischen der aktuelle Verwirklichung der Menschen und ihrer potentiellen Verwirklichung. Gewalt kann personal7 oder strukturell sein. In beiden Fällen können Individuen getötet oder verstümmelt, geschlagen oder verletzt werden und durch den strategischen Einsatz von Zuckerbrot und Peitsche manipuliert werden. Aber während die Konsequenzen im ersten Fall auf konkrete Personen als Akteure zurückzuführen sind, ist das im zweiten Fall unmöglich geworden: hier tritt niemand in Erscheinung, der einem anderen direkt Schaden zufügen könnte; die Gewalt ist in das System eingebaut und äußert sich in ungleichen Machtverhältnissen und folglich in ungleichen Lebenschancen. Dazu Galtung: „Wenn das Potentielle größer ist als das Aktuelle und das Aktuelle vermeidbar, dann liegt Gewalt vor. Das potentielle Maß der Verwirklichung ist somit das mit einem gegebenen Maß an Einsicht und Hilfsmitteln mögliche. Wenn Einsicht und/oder Hilfsmittel von einer Gruppe oder Klasse innerhalb eines Systems monopolisiert oder zweckentfremdet werden, dann fällt das Maß des Aktuellen unter das Maß des Potentiellen, und in dem System ist Gewalt präsent.“8
[....]
1 Für eine grundlegende Definition des Begriffs vgl. Gabler, 1993, 3050.
2 Vgl. Eichengreen, Barry, 2000, insbesondere Kapitel 2, 3, 4.
3 Zu diesem wissenschaftlichen Paradigma vgl. insbesondere Butler, Eamonn, Milton Friedman, 1985 und Shiller, Robert J., 1998.
4 Allen voran Milton Friedman und seine Chicago-School. Vgl. Friedman, Milton, 1953.
5 Zu den Kritikern von Spekulationen, vor allem auf internationalen Finanzmärkten zählen Charles Kindleberger, John Kenneth Galbraith sowie Peter N. Martin. Werke dieser drei Theoretiker, die sich mit den negativen Folgen von Spekulation beschäftigen sind im Literaturverzeichnis aufgeführt.
6 Literaturhinweise zu Johann Galtung finden sich im Literaturverzeichnis.
7 Auf die personale Form von Gewalt kann und soll hier nicht näher eingegangen werden.
8 Galtung, Johann, 1975.
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René Steenbock, 2003, Ist Wirtschaftsspekulation strukturelle Gewalt?, Munich, GRIN Publishing GmbH
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