Vorwort
Im Rahmen meines ersten Staatsexamens möchte ich mich vertiefend mit den Ursachen, Präventions- und Handlungsmöglichkeiten von Unterrichtsstörungen in der Grundschule beschäftigen. Während meines Blockpraktikums waren Unterrichtsstörungen immer wieder ein Thema, aufgrund eines speziellen Falls einer Schülerin, der es teilweise gelang, den kompletten Unterricht mit ihrem Störverhalten zu bremsen. Dementsprechend fiel mir auf, dass dadurch wiederum neue Störungen im Unterricht entstanden. In meinem Studium besuchte ich einige Veranstaltungen zu Themen wie z.B. Unterrichtsstörungen und schwierigen Schüler bei Dr. Wolfgang Sappert. Es weckte Interesse in mir, sich mit dieser Thematik tiefergehend auseinanderzusetzen. Vor allem, wie es dazu kommt, dass Störungen immer wieder unter verschiedensten Umständen auftretenkurzfristig sowie langfristig.
Diese verschiedenen Anregungen machten mich neugierig und gaben mir Motivation, mit dieser Arbeit einen tieferen Einblick in die Thematik zu bekommen und insbesondere die verschiedenen Blickwinkel explizit in Betracht zu ziehen. Abschließend möchte ich mich bei den beteiligten Grundschulen, der Waldschule in Flensburg, der Grundschule Japlund-Weding und der Von-Galen-Schule in Lohne bedanken, die freiwillig den Fragebogen für den empirischen Teil ausgefüllt haben.
1
Inhaltsverzeichnis
I Hinführung und Aufbau des Themas
1 Unterrichtsstörungen in der Grundschule - ein beständiges Problem? 8
2 Struktur der vorliegenden Arbeit 9
II „Unterrichtsstörungen“ -
Ursachen , Präventionen, Handlungsmöglichkeiten
Übersicht über eine Auswahl von verschiedener Ursachen, Präventionen und Maßnahmen
3 Phänomen Unterrichtsstörung 13
3.1 Zum Begriff Unterrichtsstörung 13
3.1.1 Definition nach Karlheinz Biller 14
3.1.2 Definition nach A. und R. Ortner 15
3.1.3 Definition nach Gerd Lohmann 15
3.1.4 Definition nach Rainer Winkel 16
3.2 Graduelle Unterschiede von Unterrichtstörungen 18
3.2.1 Leichte Störungen 18
3.2.2 Indirekte und direkte Störungen 19
3.2.3 Unbehebbare Störungen 19
3.2.4 Unvermeidbare Störungen 20
3.3 Erscheinungsformen von Unterrichtsstörungen 20
3.3.1 Die Clownerie 21
2
3.3.2 Despektierliches Verhalten 22
3.3.3 Die Provokation 22
3.3.4 Passives Verhalten 23
3.3.5 Zuspätkommen 24
3.3.6 Schülergespräche im Unterricht 24
3.3.7 Vernachlässigung der Hausaufgaben 25
3.3.8 Überziehen der Zeit 26
4 Mögliche Ursachen von Unterrichtsstörungen 27
4.1 Störungsursache „Schüler“ 27
4.1.1 Differenzierte Sichtweise der Schüler 28
4.1.2 Veranlagte- und entwicklungsbedingte Störfaktoren 29
4.1.2.1 Konzentrationsschwächen 29
4.1.2.2 Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (AD(H)S) 31
4.1.2.3 Hochbegabung 32
4.1.3 Bewegungsmangel 33
4.1.4 Langeweile 33
4.1.5 Mitteilungsbedürfnis 35
4.2 Störungsursache „Lehrer“ 35
4.2.1 Unterrichtsplanung 36
4.2.2 Verhalten 36
4.2.2.1 Unruhiges Verhalten 37
4.2.2.2 Körpersprache 37
4.2.2.3 Aufmerksamkeit und Konzentration 38
4.2.2.4 Autorität 39
3
4.2.2.5 Geringe Fachkompetenzen 40
4.2.2.6 Unsicherheit 40
4.3 Störungsursache „Schulische Rahmenbedingungen“ 40
4.3.1 Lärmbelästigung durch die Umgebung 41
4.3.2 Randstunden 41
4.3.3 Die Pausen 42
4.4 Störungsursache „Soziale Komponenten“ 43
4.4.1 Familiäre Probleme 43
4.4.2 Persönliches Umfeld 44
5 Präventionsmaßnahmen 45
5.1 Präventionen auf Lehrerseite 45
5.1.1 Die Lehrerpersönlichkeit 45
5.1.2 Körpersprache 46
5.1.3 Weiterbildungen 47
5.1.4 Feedback 47
5.2 Schülerverhalten 48
5.2.1 Bewegung 48
5.2.2 Konzentrationsübungen 48
5.3 Rahmenbedingungen 49
5.3.1 Regeln und Richtlinien 49
5.3.2 Klassenraumgestaltung 50
5.3.3 Elternarbeit 50
4
6 Handlungsmöglichkeiten 51
6.1 Maßnahmen für das eigene Lehrerverhalten 52
6.1.1 Bewusstes Ignorieren 52
6.1.2 Methodenwechsel 53
6.1.3 Autogenes Training 53
6.2 Das störende Schülerverhalten ändern 54
6.2.1 Persönlichkeit der Schüler stärken 54
6.2.2 Handlungsmaßnahmen bei Verhaltensschwierigkeiten 55
6.2.2.1 AD(H)S 55
6.2.2.2 Hochbegabung 56
6.2.3 Zeichen geben 56
6.2.4 Umgruppierung 57
6.3 Beratungsgespräche 57
6.3.1 Der Klassenrat 58
6.3.2 Elterngespräche 58
6.3.3 Gespräche mit Kollegen 58
6.3.4 Einzelgespräche mit Schülern 59
6.4 Kooperationsformen 60
5
III Lehrerbefragung
Aktuelle Unterrichtsstörungen in der Grundschule - ausgewertet anhand von Fragebögen.
7 Methodisches Vorgehen 62
7.1 Vorgehensweise 62
7.2 Erstellung der Fragebögen 63
7.3 Auswertungen und Ergebnisse der Fragebögen 64
7.3.1 Zusammenfassung 72
IV Schlussbemerkung
Präventions- und Handlungsmaßnahmen sind unumgänglich. 74
8 Literaturverzeichnis 77
6
1 Unterrichtsstörungen in der Grundschule - ein beständiges Problem?
Unterrichtsstörungen kommen in jeder noch so vorbildlichen Klasse bzw. Schule vor. Störungen sind Wesensbestandteile von Unterricht, aufgrund gegenseitigen Missverstehens von Schüler und Lehrer. Manche Störungen können reduziert werden, andere lösen sich von selbst oder sind unbehebbar.
In der Grundschule müssen die Schüler sich anfangs erst an bestimmte Regeln und Richtlinien gewöhnen und zusätzlich lernen, dauerhaft 45 Minuten im Klassenraum zu verbringen - meist sitzend auf dem eigenen Platz. Es ist naheliegend, dass dies nach einem turbulenten und bewegungsintensiven Kindergartenvormittag ungewohnt und neu erscheint. In der ersten Klassenstufe treten gewöhnlich Störungen auf, die sich alljährlich zutragen, wenn Neulinge in den Schulalltag starten. Dazu gehören unruhige Verhaltensweisen, „plötzliches Aufstehen“ oder „in die Klasse rufen“. Viele Regeln werden Schülern im Laufe des Schulalltages gelehrt, damit ihnen bewusst wird, dass für ein Zusammenleben in einer Klassengemeinschaft bestimmte Regeln vonnöten sind.
Inzwischen gibt es eine Reihe an Literatur 1 , in der sich die Autoren mit diesem speziellen Thema auseinandergesetzt haben und verschiedene Ratschläge und Lösungen sowie Hinweise geben, bestimmte Unterrichtsstörungen zu vermeiden. Es sind allerdings keine Patentrezepte, die die sofortige Lösung hervorbringen, sondern Verbesserungsvorschläge und Möglichkeiten, Störungen zu verringern. Sie sollen primär zum Nachdenken anregen und nicht unbedingt eins zu eins umgesetzt werden. Es erfordert intensive Arbeit, mit Schülern ein positives Klassenklima herzustellen und dies auch beizubehalten. Man findet immer wieder Schüler mit individuellen Problemen und Niveaustufen. Einige langweilen sich oder sie finden es gerade viel spannender, sich mit ihren gerade neu gefundenen Klassenkameraden zu unterhalten, anstatt dem Unterricht zu folgen.
Allerdings gibt es nicht nur Störungen im Unterricht, die von Schülerseite produziert werden, ihre Gründe können auch anderer Natur sein. Oft stehen die Schüler im Mittelpunkt der Ursache, aber man sollte weitere mögliche Faktoren wie die Lehrkräfte oder soziale Komponenten nicht außer Acht lassen. Lehrer und Schüler können sich gegenseitig als Störfaktoren empfinden und sich demzufolge das Leben erschweren. Resultierend leiden
1 U.a. Winkel, Rainer, Der gestörte Unterricht, Diagnostische und therapeutische Möglichkeiten.
Baltmannsweiler: Schneider, 2005.; Lohmann, Gerd, Mit Schülern klarkommen. Professioneller Umgang mit
Unterrichtsstörungen und Disziplinkonflikten, Berlin: Cornelsen, 2003.; Biller, Karlheinz, Unterrichtsstörungen,
Stuttgart: Klett, 1981.
8
dadurch Lehrer in bestimmten Situationen unter ihren Schülern, aber auch Schüler unter ihren Lehrern. 2
Die Ursachen von Unterrichtsstörungen sich zudem nicht nur in der Schule oder Klasse vorzufinden, sondern können auch „individuelle, familiäre, gesellschaftliche, historische, zeittypische“ 3 Gründe haben, die außerhalb des Schulalltags liegen. Störungen können aufgrund subjektiver Wahrnehmungen als solche betrachtet werden, d.h. manche Personen sehen eine Situation als störend an, von der sich andere wiederum nicht gestört fühlen. Somit gibt es auch Unterrichtsstörungen, die eigentlich keine sind, aber in der Betrachtungsweise einzelner Personen als solche wahrgenommen werden. Hinter dem Begriff Unterrichtsstörungen verbirgt sich viel mehr, als man zuerst glaubt. Störungen bedeuten oft Konflikte zwischen Personen oder Konflikte, die durch Personen verursacht werden. Diese Konflikte finden in der Schule zwischen einzelnen Schülern oder zwischen diesen und der Lehrkraft statt. Es gibt dementsprechend qualitative Unterschiede bei Störungen wie leichte, indirekte und direkte, unbehebbare sowie unvermeidbare Störungen. 4 Im Lehrerzimmer oder auf Besprechungen klagen Lehrer über Schüler, die ihren Unterricht stören oder boykottieren. Aber gibt es immer Gründe bzw. Beabsichtigungen von Schülern den Unterricht zu stören? Sie reden mit dem Tischnachbarn oder kippeln mit dem Stuhl, anstatt aufmerksam den Unterricht der vorne stehenden Lehrkraft zu folgen. Manche Schüler finden es schwer, sich für eine bestimmte Zeit dauerhaft zu konzentrieren, leiden unter Bewegungsmangel oder brauchen wechselnde Unterrichtsmethoden, um sich neu zu motivieren.
Es gibt unterschiedliche Empfehlungen und Möglichkeiten, Schüler und/ oder Lehrer zu unterstützen, damit Störungen vermieden bzw. verringert werden können. Insbesondere die Zusammenarbeit mit Eltern, Kollegen und andere Kooperationsformen müssen in der Grundschule gefördert werden, um Grundlegendes zu erreichen. Von Anfang an müssen z. B. Grundlagen der Kommunikation und des Miteinanders mit den dazugehörigen Regeln im Schulalltag gelehrt werden.
Lehrer klagen oft über von Schülern verursachte Unterrichtsstörungen. In der Universität werden sie theoretisch zur Genüge, aber weniger praktisch ausgebildet. Speziell Referendare oder Junglehrer müssen sich erst an den Alltag mit ihren Schützlingen gewöhnen und sie so annehmen, wie sie sind. Dies fällt oft schwer, weshalb diese Arbeit einige Sichtweisen, auch
2 Vgl.: Winkel, Rainer, Der gestörte Unterricht, 2005, S.9.
3 ebenda, S.9f.
4 Vgl.: Biller, Karlheinz, Unterrichtsstörungen, Stuttgart: Klett, 1981, S.34ff
9
aus Lehrersicht darstellen soll, um manchen Unterrichtsstörungen vorbeugen und entgegenwirken zu können.
2 Struktur der vorliegenden Arbeit
Die vorliegende Arbeit gliedert sich in zwei Teile, und zwar in einen theoretischen Teil und einen empirischen Teil. Im theoretischen Teil der Arbeit gebe ich einen Überblick über eine Auswahl von klassischen Erscheinungsformen bzgl. Unterrichtsstörungen mit Ursachen, Präventions- und Handlungsmöglichkeiten in der Grundschule. In Kapitel 3 werden zunächst verschiedene Definitionen zu dem Begriff Unterrichtsstörungen dargestellt, um die Frage zu beantworten, was unter Unterrichtsstörungen zu verstehen ist. Diese dienen als theoretische Grundlage der weiterführenden Kapitel. Anschließend werden unterschiedliche Formen von Unterrichtsstörungen in Untergruppen vorgestellt, die in der Folge in direkten Erscheinungsformen explizit beschrieben werden.
Mögliche Ursachen für unterschiedlich auftretende Störungen im Unterricht werden in Kapitel 4 von verschiedenen Standpunkten aus dargestellt. Diese Störungen, ob sie nun vom Schüler oder Lehrer herbeigeführt werden, senden oft verborgene Signale oder Botschaften aus. Zusätzlich werden Rahmenbedingungen, die den Unterricht ebenfalls beeinflussen und stören können, dargestellt.
Damit Unterrichtsstörungen von Anfang an nur minimiert auftreten, müssen diverse Präventionen eingeleitet werden, auf die ich in Kapitel 5 näher eingehe. Hier wird eine Auswahl von Möglichkeiten dargestellt, indem von verschiedenen Seiten geholfen werden kann, um Störungen entgegenzuwirken und die Konzentration der Schüler zu fördern. Verschiedene Methoden können Unterrichtsstörungen mindern, um den Unterricht erfolgreich weiterzuführen.
Treten Störungen im Unterricht kontinuierlich auf und können nicht eliminiert werden, sondern nehmen - im Gegenteil - an Intensität zu, müssen bestimmte Maßnahmen ergriffen werden, um diesen zu begegnen. Dazu werden mögliche Vorgehensweisen und kooperative Handlungsmöglichkeiten in Kapitel 6 besprochen.
Der empirische Teil der Arbeit befasst sich mit einer Befragung von Grundschullehrern der Waldschule in Flensburg, Grundschule Japlund-Weding und der Von-Galen-Schule in Lohne. Dabei wird im besonderen Maße auf häufig vorkommende Störungen im Unterricht eingegangen mitsamt ihren Ursachen, möglichen Präventionen und Handlungsmaßnahmen.
10
Die Lehrer werden nach individuellen Störungen in der eigenen Klasse befragt und nach ihrem Vorgehen, um diese zu vermeiden bzw. zu mindern. Nachdem das methodische Vorgehen beschrieben wird, folgt die Darstellung der Ergebnisse der empirischen Untersuchung. Abschließend werden diese zusammenfassend dargestellt und mit den theoretischen Ergebnissen verglichen.
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3 Phänomen Unterrichtsstörung
Wer sich mit dem Thema Unterrichtsstörungen beschäftigt, muss sich zunächst mit der Frage auseinandersetzen, wie sich Unterrichtsstörungen definieren lassen. Störungen können in verschiedenen Bereichen auftreten und sich auch auf unterschiedlichste Art und Weise äußern. Diesbezüglich werde ich vier Definitionen vorstellen, die hinsichtlich des Begriffs Unterrichtsstörungen jeweils andere Schwerpunkte setzen. Zuerst werden
Unterrichtsstörungen in grobe und überschaubare Subgruppen unterteilt. Anschließend wird eine Anzahl von bestimmten Störungen mit ihren Symptomen vorgestellt, um anhand von diesen Beispielen im nächsten Kapitel die Ursachen zu erläutern.
3.1 Zum Begriff „Unterrichtsstörung“
Heutzutage gibt es viele und verschiedene Definitionen von Unterrichtsstörungen, die allerdings in der Literatur so noch nicht lange vorhanden sind. Der Begriff war vor den 90er Jahren kaum in der Fachliteratur vorzufinden bzw. völlig unbekannt. Begriffe wie Disziplinschwierigkeiten, Verhaltensauffälligkeiten oder Erziehungsschwierigkeiten
herrschten anstelle dessen vor. Sie lehnen sich eng an den Begriff Unterrichtsstörungen an, allerdings fällt es heutzutage schwer, diese Begriffe für Störungen im Unterricht unmittelbar anzuwenden, da z.B. Auffälligkeiten im Verhalten nicht gleich zu Unterrichtstörungen führen müssen. Die ersten Begrifflichkeiten werden sofort mit an bestimmte Personen gerichtete Schuldzuweisungen in Verbindungen gebracht, so dass Disziplinschwierigkeiten und Verhaltensauffälligkeiten des Schülers auf Probleme der Eltern bzw. Betreuer mit der Erziehung zurückgeführt werden.
Bevor diverse Ursachen in Betracht gezogen werden, sollte vorerst im Rahmen der pädagogischen Möglichkeiten reflektiert werden, was von Seiten der Schule, inklusive Lehrern, Kollegen, Eltern und Schülern zur Vermeidung von Unterrichtsstörungen beigetragen werden kann.
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3.1.1 Definition nach Karlheinz Biller (1981)
„Alles, was den Prozeß oder das Beziehungsgefüge von Unterrichtssituationen unterbricht
oder unterbrechen könnte, ist als konkrete oder potentielle Unterrichtsstörung definierbar.“ 5
Als einer der ersten Pädagogen stellt Karlheinz Biller eine Definition des Begriffes Unterrichtsstörungen auf. Für ihn können mehrere Faktoren für Störungen im Unterricht Ursache sein, die von verschiedenen Personen individuell wahrgenommen werden. Biller hat sich ganz bewusst für diesen Begriff entschieden, im Gegensatz zu Verhaltensauffälligkeit, Erziehungsschwierigkeit oder Disziplinlosigkeit, aufgrund der Wertneutralität und dem ersichtlichen Bezug zur Unterrichtspraxis. Denn nur in der Praxis kann deutlich werden, welche Störungen den Lehr-Lern-Prozess kurz- oder langfristig unterbrechen. In Anlehnung an L. J. Pongratz 6 , der sich mit Verhaltensauffälligkeiten beschäftigt hat, zeigt Biller drei Arten von Normen an, die sich an die individuellen Vorstellungen des Alltags anlehnen: Sozio-kulturelle Normen, statistische Normen und subjektive Normen. Soziokulturelle Normen umfassen Regeln im Umgang und Verhalten sowie Wertehaltungen, die ein Zusammenleben von Lehrer und Schülern vereinfachen und angenehmer werden lassen, wenn sich nach ihnen orientiert wird. Verhält sich eine Klasse mit ihrem Lehrer dementsprechend normgerecht, so dass alle Beteiligten den Unterricht fortführen und folgen können, sind statistische Normen vorhanden. Entwicklungen aus dem Umgang mit Personen der sozialen Gruppe gehören den subjektiven Normen an. Lehrer beobachten demzufolge ihre Schüler im Arbeitsverhalten und Umgang mit weiteren Mitschülern. 7
Eine Unterrichtsstörung nach ihrer exakten Ursache zuzuordnen, erscheint vor allem insofern schwierig, weil alle Beteiligten ein anderes Wahrnehmungsvermögen besitzen. Biller stützt sich nicht direkt auf konkrete Personen oder Sachverhalte, die es zu Unterrichtsstörungen kommen lassen, aber tendiert dazu, Ursachen in dem Verhalten und der Umwelt der Schüler zu suchen, die wiederum resultierend aus anderen außer- und innerschulischen Faktoren entstehen können.
5 Biller, K., Unterrichtsstörungen, 1981, S.28.
6 Pongratz, Ludwig J., Lehrbuch der Klinischen Psychologie. Psychologische Grundlagen der Psychotherapie,
Göttingen: Hogrefe, 1975, S.53-65. Zitiert nach: Biller, K., Unterrichtsstörungen, 1981, S.28f.
7 Vgl.: Biller, K., Unterrichtsstörungen, 1981, S.28f.
14
3.1.2 Definition nach A. und R. Ortner (2000)
„Eine konkrete oder potenzielle Unterrichtsstörung umfasst alles, was dazu führt oder führen
kann, den Prozess oder die Beziehungsgefüge von Unterrichtssituationen zu unterbrechen
(Biller 1981). Auf das Verhalten eines Schülers bezogen betrifft Stören des Unterrichts alle
Aktionen und Reaktionen, mit denen dieser sich bewusst über schulische Normen und Regeln
hinwegsetzt. Das Störverhalten richtet sich dabei gegen den Lehrer, die Mitschüler oder
gegen den Unterrichtsverlauf.“ 8
Die schon von Biller vorhandene Definition wird von Alexandra und Reinhold Ortner erweitert, indem sie sich auf das Verhalten der Schüler beziehen, die am Störungsprozess beteiligt sein können.
Der Schüler stört den Unterricht unbeabsichtigt, indem er z. B. kurz den Nachbarn fragt oder in der Schultasche kramt. Solche Störungen sind nicht auf Dauer zu vermeiden und werden im Laufe des Schulalltags immer wieder auftreten. Der Schüler kann ebenso bewusst ein Störverhalten produzieren, indem er agiert oder auf vorgegebene Handlungsweisen während des Unterrichts reagiert.
Weiterführend zählen A. und R. Ortner Formen wie Lernverweigerung, Passivität, Disziplinstörungen, akustische und optische Dauerstörungen zu bewussten Störungen, die vom Schüler ausgehen. Anhand einiger von ihnen gegebener Beispiele wird deutlich, wie sich bestimmte Störungen äußern (u.a. Herumlaufen, Kramen in der Schultasche, Zwischenbemerkungen machen, aus dem Fenster sehen, Mitschüler necken oder aufgetragene Arbeit verweigern). Aus den kontinuierlichen Störungen manchen Schülers resultieren abfallende Leistungen, die auf der einen Seite Ursache, auf der anderen Seite aber auch Folge für Unterrichtsstörungen sein können. 9
3.1.3 Definition nach Gerd Lohmann (2003)
“Unterrichtsstörungen sind Ereignisse, die den Lehr-Lern-Prozess beeinträchtigen,
unterbrechen oder unmöglich machen, indem sie die Voraussetzungen, unter denen Lehren
und Lernen erst stattfinden kann, teilweise oder ganz außer Kraft setzen.” 10
Lohmann hält seine Definition sehr allgemein, indem er nicht Personen einbezieht, sondern sich auf die Ereignisse stützt, die den weiteren störungsfreien Unterrichtsverlauf behindern.
8 Ortner, Alexandra/ Ortner, Reinhold. Verhaltens- und Lernschwierigkeiten. Weinheim/ Basel: Beltz, 2000,
S.200.
9 Vgl. ebenda, S.200f.
10 Lohmann, Gerd, Mit Schülern klarkommen. Professioneller Umgang mit Unterrichtsstörungen und
Disziplinkonflikten, Berlin: Cornelsen Scriptor, 2003, S12.
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Ulrike Albrecht, 2006, Phänomen Unterrichtsstörung - Ursachen, Präventions- und Handlungsmöglichkeiten in der Grundschule , München, GRIN Verlag GmbH
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