Vordiplomarbeit
Fachhochschule Jena
Fachbereich Soziale Arbeit
Thema
Warum werden Menschen abhängig von Substanzen,
wie Alkohol?
Wie entsteht diese Abhängigkeit, ihre Funktion,
und
wie können sich Menschen schützen?
Sabine Prager
Grundstudium Soziale Arbeit
Vorgelegt am 20.10.2004
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Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung... 2
1. Abhängigkeit/
Sucht, was ist das?... 5
1.1. Alkoholabhängigkeit ... 7
1.2. Verlauf,
Diagnose und Behandlung... 11
1.3. Die Wirkung von Alkohol auf den menschlichen Organismus ... 13
1.4. Schlussbemerkungen zu Kapitel 1 ... 16
2. Multifaktorielle Bedingtheit süchtigen Verhaltens beim Individuum
4
Theorien ... 17
2.1
Das Individuum Genetisch bedingte Dispositionen (Vulnerabilität) ... 17
2.2. Das Individuum Pränatale und postnatale Einflüsse ... 20
2.3. Das Individuum - Hirnphysiologische Aspekte ... 21
2.4. Das Individuum verhaltenspsychologische Aspekte... 24
2.4.1 Sucht,
ein
Lernprozess ... 25
3. Die Funktionen des Suchtmittels und der Sucht für die Lebensbewältigung
des Individuums oder die Kultur des Substanzgebrauchs ... 31
3.1. Die Jugendphase als kritische Entwicklungsphase für den Einstieg in
den Gebrauch psychotroper Substanzen ... 32
3.2 Konsum
und Sucht ... 35
4. Diskussion über die gewonnenen Erkenntnisse und Konsequenzen für
die
soziale Arbeit ... 37
4.1
Prävention, ein Ansatz für den Schutz vor Abhängigkeit... 38
4.1.1. Begriffsdefinition... 38
4.1.2
Moderne Suchtprävention = Konzept zur Entwicklung und Stärkung
von Lebenskompetenz ... 40
4.2 Möglichkeiten
für
die soziale Arbeit ... 41
5. Schlussbemerkung... 43
Quellen- und Literaturverzeichnis ... 46
Anhang ... 47
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,,Verständnis von Sucht ermöglicht Verständnis für Sucht." (Koller)
0. Einleitung
Alkohol, Nikotin, Tabletten - wir haben uns daran gewöhnt, chemische Substanzen
einzusetzen, um unsere Laune zu heben, um Ärger, Frust und kleine Beschwerden
zu vertreiben. Keine Party ohne Zigaretten, Sekt, Wein, Bier oder Champagner.
Forscher wissen, dass Süchtige entgegen den Klischees in allen Gesellschafts-
schichten vorkommen. Aber ob Maurer oder Professor: Nicht jeder, der mit Alkohol
häufig in Berührung kommt, entwickelt eine Abhängigkeit. Wie kommt es, dass
mancher sein Leben lang gedankenlos Bordeauxwein trinken kann und ein anderer
dem Stoff verfällt? Warum fällt es manchen Menschen leicht, von heute auf morgen
mit dem Trinken (oder Rauchen) aufzuhören, während andere sich jahrzehntelang
damit quälen? Selbst Experten haben darauf noch keine erschöpfende Antwort.
Doch inzwischen fügen sich immer mehr Puzzleteile zu einem Bild.
Hinsichtlich unserer ,,Kulturdroge Nr.1", dem Alkohol, haben wir in der heutigen
Gesellschaft zunehmend den verantwortlichen Umgang verloren. Es ist von ca. 1,6
Millionen suchtkranken Menschen zwischen 18 und 69 Jahren auszugehen, die sich
psychisch, körperlich und vor allem sozial tief greifend schädigen. 2,4 Millionen
praktizieren einen ebenfalls schädlichen Missbrauch, und nochmals 4,7 Millionen
sind unter der Kategorie ,,riskanter Konsum" von gesundheitlicher Relevanz. Nach
neuesten Berechnungen muss man von jährlich 73.000 Toten ausgehen als direkte
und indirekte Folgen des Alkoholkonsums. Den unmittelbaren Schaden von jährlich
mindestens 20 Milliarden Euro muss die Solidargemeinschaft tragen. Dabei lässt sich
das Leiden der Abhängigen beziehungsweise der Vielkonsumenten und das ihrer
Angehörigen überhaupt nicht in Zahlen fassen. (vgl. #1, 2004, S. 74)
Angesichts dieser dramatischen Fakten bewegt mich die Frage, warum? Warum
konsumieren Menschen scheinbar freiwillig Gift? Das widerspricht allen
Gesetzmäßigkeiten der Natur. Das Ziel meiner Arbeit ist es, einen Erklärungsansatz
dafür zu finden. Ebenso wichtig erscheint mir, den Blick darauf zu richten, was Sucht
im Vorfeld verhindern kann, was Menschen stark macht, damit Abhängigkeit,
Missbrauchsverhalten und Sucht gar nicht erst entstehen.
Die Suche nach der Antwort auf die Frage nach den Ursachen, der Genese von
Sucht, süchtigem Verhalten, suggeriert Therapiemöglichkeiten und Heilung. Meine
Erwartung an diese Arbeit ist, wenn man mehr über die Entstehung weiß, ist
3
Suchtentwicklung besser vorhersehbar, beziehungsweise man kann ihr
entgegenwirken, sie sogar verhindern... Es ist primär zu hinterfragen: Welche
Menschen werden überhaupt süchtig?
Sind es eher die Menschen, die eine genetische Anlage dazu haben, eine allgemeine
Suchtpersönlichkeit beziehungsweise bestimmte psychischen Störungen oder
schlechte psychosoziale Bedingungen in der Biografie, mit traumatischen
Erfahrungen, unbefriedigten Sehnsüchten oder bedenkenlosem Risikoverhalten?
Sind sie Opfer oder Sündenböcke einer Suchtgesellschaft, der gesellschaftlichen
Ungleichheit und Ausgrenzung, des zugespitzten Leistungswettbewerbs, einer
unbefriedigenden Beziehung oder einer krank machenden Familiendynamik, der
Verführung durch andere Menschen oder der Werbung, der Orientierungslosigkeit im
Wertepluralismus oder der modernen Vernunftorientierung oder sind es die
sensibleren, fantasievolleren, kreativeren und daher verletzlicheren Menschen?
Diese unterschiedlichen Erklärungen weisen auf eine multifaktorielle Genese bei der
Entwicklung einer Suchterkrankung hin. Sie gehen von einem Ursachenbündel aus.
Diese multifaktorielle Kausalität (siehe auch Anhang 1) wird dabei als ein komplexes
Geschehen definiert, in dem sich individuelle physio-psycho-genetische, sozial-
soziogenetische und substanzspezifische Faktoren gegenseitig beeinflussen. (vgl.
#10, 1999)
Eine der bekanntesten und akzeptierten, aber auch ältesten Erklärungsansätze ist
die "Trias der Entstehungsursachen von Abhängigkeit" (nach Ladewig, 1979, in #10,
1999). In diesem Modell werden die Faktoren Mensch, Mittel und Milieu/Gesellschaft
miteinander verbunden:
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Ein Spannungsdreieck der Sucht:
Ich werde in meiner Arbeit das ,,Ursachenbündel" aus einer Ebene dieses
Spannungsfeldes bearbeiten, die des Individuums. Dabei betrachte ich die
individuelle Suchtentwicklung des Menschen im Kontakt mit der Substanz Alkohol
und die Gefährdung durch die individuelle Vulnerabilität, die in die Manifestierung der
Diagnose: Alkoholkrank, münden kann (siehe Kategorie III der medizinischen
Unterscheidungen des Suchtmittelgebrauchs, S.4). Anhand kognitiver,
verhaltenspsychologischer Prozesse, neurobiologischer Abläufe und genetischer
Dispositionen versuche ich im Kapitel 2 und 3 der Frage nachzugehen, warum
Menschen krank machende Substanzen, wie Alkohol immer wieder konsumieren
müssen. Welche Funktion erfüllt die Sucht in der Alltagsbewältigung? Das klingt
absurdum ist jedoch eine mittlerweile bewiesene Tatsache der ganzheitlichen
Medizin, das jede Krankheit einen Sinn erfüllt, einen momentanen ,,Vorteil" hat. Ich
möchte darstellen, dass die Entwicklungsgeschichte des Individuums als
wesentlicher Auslöser der Krankheit zu betrachten ist. Allerdings kann diese
Betrachtung nicht losgelöst von den sozial gesellschaftlichen Einflussfaktoren und
der Substanz selbst ein komplexes Ergebnis liefern. Auf Grund des Umfangs dieser
Arbeit ist es mir jedoch nicht möglich darauf spezifisch einzugehen. Ich werde es nur
am Rande im Kapitel 3 erwähnen. Zum Abschluss werde ich in Kapitel 4 auf die
Konsequenzen für die soziale Arbeit hinweisen und mögliche Präventionsansätze in
diesem Arbeitsfeld diskutieren.
Genese von
Abhängigkeit ist ein
Ursachenkomplex
Sucht entsteht aus den Komponenten
Mensch/ Individuum, Umwelt/
Gesellschaft und Substanz/ Droge.
Innerhalb des Systems entwickelt
sich eine spannungsgeladene
Koalition mit kollaborierenden
Beziehungen, auf kollateraler Basis.
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1. Abhängigkeit/ Sucht, was ist das?
"Sucht" leitet sich aus dem griechischen Wort "siech" ab und weist auf Siechtum und
Krankheit hin.
1957 definierte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den Begriff
der Sucht als einen Zustand wiederkehrender oder anhaltender Vergiftung, die durch
wiederholten Gebrauch von natürlichen oder synthetischen Substanzen
hervorgerufen wird. Suchtstoffe rufen ein immer stärker werdendes körperliches und
psychisches Konsumverlangen mit zwingender Dosissteigerung hervor und machen
den Konsumenten abhängig, schädigen ihn. Die ausgeprägte Abhängigkeit stellt
dabei das Endstadium einer Krankheitsentwicklung dar, die schon im Vorfeld krank
machend ist. Um dieser Bandbreite Rechnung zu tragen, unterscheiden heute
Mediziner zwischen drei Kategorien:
I. dem aufgrund der Menge und/ oder der Häufigkeit riskanten Konsum, der die
Gesundheit beeinträchtigt;
II. dem Missbrauch, definiert als ein Konsummuster, bei dem die Betreffenden
trotz wiederholt auftretender negativer Konsequenzen Suchtstoffe regelmäßig
konsumieren; und
III. der psychischen und physischen Abhängigkeit. (vgl. #14, 2004)
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Kriterien für Missbrauch und Abhängigkeit von psychotropen Substanzen
Missbrauch
Abhängigkeit
(1) Wiederholter Substanzgebrauch, der
zu einem Versagen bei der Erfüllung
wichtiger Verpflichtungen bei der Arbeit,
in der Schule oder Zuhause führt.
(2) Wiederholter Substanzgebrauch in
Situationen, in denen es aufgrund des
Konsums zu einer körperlichen
Gefährdung kommen kann.
(3) Wiederkehrende Probleme mit dem
Gesetz in Zusammenhang mit dem
Substanzgebrauch.
(4) Fortgesetzter Substanzgebrauch trotz
ständiger oder wiederholter sozialer und
interpersonelle Probleme, die durch die
Auswirkung der psychotropen
Substanzen verursacht oder verstärkt
werden.
Die Kriterien für eine Abhängigkeit sind
noch nicht erfüllt.
(1) Manifeste Toleranzentwicklung
(2) Entzugssymptome oder
Substanzgebrauch zur Milderung,
Linderung oder zur Vermeidung von
Entzugsproblemen.
(3) Einnahme der Substanz in großen
Mengen und länger als beabsichtigt.
(4) Anhaltender Wunsch, oder erfolglose
Versuche, den Substanzgebrauch zu
verringern oder zu kontrollieren.
(5) Hoher Zeitaufwand, um die Substanz
zu beschaffen, zu sich zu nehmen oder
sich von ihren Wirkungen zu erholen.
(6) Wichtige soziale, berufliche oder
Freizeitaktivitäten werden aufgrund des
Substanzmissbrauchs aufgegeben oder
eingeschränkt.
(7) Fortgesetzter Substanzmissbrauch
trotz Kenntnis eines anhaltenden oder
wiederkehrenden körperlichen oder
psychischen Problems, das
wahrscheinlich durch den
Substanzmissbrauch verursacht oder
verstärkt wurde.
Diese Unterscheidung bedeutet, das mit der Abhängigkeit die ,,Suchtproblematik"
nicht anfängt, sondern endet. (vgl. #1, 2004, S. 11-13). Die Kategorien spielen
allerdings in dieser Bearbeitung des Themas nur eine sehr untergeordnete Rolle. Ich
verwende grundsätzlich die Bezeichnung Abhängigkeit oder Sucht und kann nicht
speziell auf die genannten Stufen eingehen. Sie sollten nur der Vollständigkeit halber
erwähnt werden.
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Der Begriff Abhängigkeit wurde von Experten der WHO an die Stelle des Begriffs
Sucht gesetzt und wie folgt definiert: ,,Es handelt sich um eine Gruppe körperlicher,
verhaltens- und kognitiver Phänomene, bei denen der Konsum einer Substanz ... für
die betreffende Person Vorrang hat gegenüber anderen Verhaltensweisen, die ...
von ihr früher höher bewertet wurden."
(#11, 2004, S. 37)
Abhängigkeit ist ein Prozess, der sich im Laufe des Substanzgebrauchs entwickelt
und der am Beispiel des Alkoholismus gut zu erklären ist.
1.1. Alkoholabhängigkeit
Alkoholabhängigkeit wird nach den Richtlinien der WHO auch als Alkoholkrankheit
definiert. 1992 wurde in den USA von führenden Fachinstanzen folgende
zusammenfassende Definition des Alkoholismus formuliert: ,,A. ist eine primäre,
chronische Krankheit, deren Entstehung und Manifestation durch genetische,
psychosoziale und umfeldbedingte Faktoren beeinflusst wird. Sie schreitet häufig fort
und kann tödlich enden. A. wird durch eine Reihe von dauernd oder zeitweilig
auftretenden Kennzeichen charakterisiert: durch die Verschlechterung des
Kontrollvermögens beim Trinken und durch die vermehrte gedankliche Beschäftigung
mit Alkohol, der trotz besseren Wissens um seine schädlichen Folgen getrunken und
dessen Konsum häufig verleugnet wird."
(vgl. #2, 1998, S. 7)
Alkoholkranke sind keineswegs eine asoziale Randgruppe unserer Gesellschaft,
sondern sie leben mitten in ihr. Jeden kann es treffen. Alkohol ist eine legale Droge,
gesellschaftlich anerkannt und allgemein verfügbar. Sie gehört quasi zum
gesellschaftlichen Leben und seinen Interaktionen in allen Bereichen, ob Trauer,
Freude, Erfolg oder Misserfolg, beruflich oder privat, u.s.w. dazu. Der Gebrauch von
Alkohol hat demnach ganz viel mit den Emotionen der Menschen zu tun. Und
trotzdem hat sich im Verlauf der gesellschaftlichen Entwicklung in der globalen Welt
gezeigt, dass kein anderes Verhaltensmuster so viele medizinische, soziale und
rechtliche Probleme mit sich bringt, wie der Konsum von Alkohol.
Im Gegensatz zu anderen toxischen Substanzen mit hohem Missbrauchpotenzial,
wie z.B. Tabak, kommt es im Verlauf einer Alkoholikerkarriere zunächst meist nicht
primär zu gesundheitlichen Schädigungen, sondern zu negativen sozialen
Auswirkungen, weil Alkohol eine bewusstseins-verändernde Droge ist. Sie betreffen
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sowohl den Konsumenten selbst (z.B. Führerscheinverlust), wie auch das soziale
Umfeld (Familie und Beruf). Außerdem werden ca. 80% aller verübten Straftaten
unter Alkoholeinfluss begangen. (vgl. #12, 2004)
Nach dem Konsum von größeren Mengen Alkohol werden Denkprozesse, Sprache
und Wahrnehmung beeinträchtigt. Weiter können Koordinationsstörungen und
Gedächtnisverlust auftreten. Manche Menschen werden unter Alkoholeinfluss
depressiv, andere werden aggressiv. Alkohol erzeugt eine individuelle Wirkung, sein
Gebrauch äußert sich euphorisierend, erheiternd, anregend. Verstärkter übermäßiger
Alkoholkonsum führt zu einer Trennung der Affekte. Auf der einen Affektseite kommt
es zu aggressiver Redseligkeit, überzogener Selbstüberzeugtheit und nicht selten
Handgreiflichkeit, auf der anderen Affektseite erzeugt Alkohol eine Entwicklung von
Rührseligkeit (Weltschmerz) und Depressionen bis hin zum Verstummen. (vgl. #13,
2004)
Weitere Auswirkungen können sein: Enthemmung, Streitbarkeit, Aggressivität,
Affektlabilität, Aufmerksamkeitsstörungen, Lauf- & Standunsicherheit, verwaschene
Sprache und Bewusstseinsstörungen, sowie im toxischen Konsumbereich,
Koordinationsstörungen (Lallen, Taumeln) bis hin zur Bewusstlosigkeit,
Atemstillstand, Unterkühlung, Erfrieren usw. Alkoholiker haben außerdem eine
besonders hohe Suizidgefährdung. Etwa 20% aller Suizidtoten sind alkoholkrank.
Das bedeutet, dass bei ihnen die Lebenssuizidrate 60 bis 120 Mal so hoch ist, wie
bei Nichtalkoholikern. (vgl. #12, 2004)
Der Übergang von dem normalen Genusstrinker zum Alkoholgefährdeten ist fließend
und gerade darum rutschen wohl so viele Menschen in die Alkoholabhängigkeit
hinein. Häufig fängt es damit an, dass sie versuchen Stress oder andere
Belastungen durch den Alkohol erträglicher zu gestalten oder nicht aufzufallen, nicht
abseits zu stehen. Das ist besonders in der Adoleszenzphase der Entwicklung
Jugendlicher der Fall. ,,Jugendliche haben früh die Lektion zu erfüllen, ihre
unverwechselbare Identität und Individualisierung aufzubauen...", schreibt der
Bielefelder Jugendforscher Klaus Hurrelmann und meint weiter, dass Jugend heute
,,...so stark wie vielleicht noch nie eine Phase der Selbstsuche ist" (vgl. in #19, 2004,
Hurrelmann, 2001).
Diese Selbstsuche ist eingebettet in ein gesellschaftliches Umfeld, in dem die
berufliche Orientierung angesichts unklarer Zukunftsperspektiven schwieriger wird,
soziale und wirtschaftliche Bedingungen sich verschlechtern und Chancengleichheit
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eher abnimmt. Auf der anderen Seite stehen eine Fülle von scheinbaren und
verlockenden Möglichkeiten. Unter diesen komplexer werdenden Bedingungen, die
eigene Orientierung zu finden, erfordert eine hohe Eigenleistung. Jugendliche
erleben in dieser Zeit Frustration, Angst und Unsicherheiten. Den meisten
Jugendlichen gelingen die erforderlichen Entwicklungsprozesse und sie finden ihre
eigene, ihnen gemäße Identität, entwickeln ihren Selbstwert, Vertrauen in ihre
Fähigkeiten und ihre Selbstwirksamkeit. Aber nicht alle bringen die Voraussetzungen
dafür mit, den Prozess des Erwachsenwerdens produktiv zu bewältigen. Aber nicht
nur Jugendliche geraten durch Stress Angst und Unsicherheit in diesen Teufelskreis,
es werden jedoch in dieser Phase der menschlichen Entwicklung die Fundamente für
eine spätere Alkoholkrankheit gelegt. (vgl. #19, 2004)
Im Laufe der Zeit greifen dann Menschen immer öfter zur Flasche und brauchen
immer größere Alkoholmengen. Schließlich kommt es zu einem Kontrollverlust nach
Trinkbeginn, d.h., die Betroffenen trinken weiter, obwohl sie sich vielleicht fest
vorgenommen hatten, an diesem Abend nur ein Bier zu trinken. Sie denken häufiger
an Alkohol, versuchen in einer Unterhaltung nicht über ihren Konsum zu sprechen
und trinken heimlich. Es bauen sich Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle auf, die zu
einer depressiven Verstimmung oder sogar zu einer Selbstmordgefährdung führen
können. Es bildet sich eine körperliche Abhängigkeit heraus, die schließlich dazu
führen kann, dass der Betroffene einen gewissen Alkoholspiegel benötigt, damit sein
Gehirn und sein Körper regelrecht funktionieren. Er kann zu einem so genannten
Spiegeltrinker werden, der schon am Morgen zur Flasche greift und während des
Tages immer wieder Alkohol zu sich nimmt. Alkoholiker befinden sich in einem
Teufelskreis; einerseits trinken sie, um sich das Leben angenehmer zu gestalten,
andererseits führt gerade das Trinken immer wieder zu unangenehmen Situationen,
Auseinandersetzungen und Schuldgefühlen, die sie wiederum im Alkohol ertränken.
(vgl. #13, 2004)
Kurz formuliert: ,,Sie trinken, um zu vergessen, dass sie trinken."
Der Alkoholkonsum entzieht sich zunehmend der willentlichen Kontrolle und damit
der Verantwortung des Betroffenen. Er muss sein immer wiederkehrendes Verlangen
von neuem befriedigen und kann nicht mehr frei entscheiden, ohne Alkohol zu leben.
Es gibt kaum ein Organsystem, das dabei nicht geschädigt wird.
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Die meisten Alkoholiker sind erst unter großem Leidensdruck zu einem Entzug
bereit, da ihnen im Anfangsstadium des Verlaufs die Krankheitseinsicht fehlt.
Man schätzt, dass in Deutschland 3-5% der Bevölkerung, das bedeutet bis zu über 4
Millionen Menschen alkoholabhängig sind. Der Gesellschaft entsteht durch die
Folgen des Alkoholismus, wie Produktionsausfall, Frühberentung und
Behandlungskosten jährlich ca. ein Schaden von 40 Milliarden Euro. Etwa die Hälfte
aller Straftaten wird unter Alkohol verübt und jedes Jahr werden ca. 280 000
Führerscheine eingezogen. Schon alleine durch diese Zahlen ist ersichtlich, welche
große Bedeutung die "Trinksucht" für unsere Gesellschaft hat. Unter den
Alkoholabhängigen gibt es etwa 700 000 Kinder und Jugendliche bis 21 Jahre. (vgl.
#12, 2004)
Sucht gehört vermutlich zum Wesen des Menschen, denn zu allen Zeiten und in
allen Ländern waren Menschen davon betroffen. Immer versuchten Menschen, sich
den Nöten, Qualen und Mühen des Alltags zu entziehen und in eine Euphorie zu
entweichen, wenigsten für eine kurze Zeit. Dieses Verhalten war eingebettet in ihre
Kultur und vollzog sich im Rahmen von Ritualen, Anlässen, Religionen und
gemeinschaftlicher Lebensbewältigung. Die Menschen waren sich dabei immer der
damit verbundenen Gefahren und Risiken bewusst und warnten vor den Folgen
eines unkontrollierten und aus diesem Kontext losgelösten Gebrauchs. Heute sind
Menschen in unserer Gesellschaft nicht mehr naturorientiert, wie ihre Vorfahren
sondern konsumorientiert und losgelöst von ihren Ursprüngen, ihren
anthroposophischen Fähigkeiten, die Orientierung und Sicherheit geben können.
Die entscheidenden Unterschiede zwischen ausweichendem Verhalten, Gewöhnung
und süchtigem Verhalten bestehen in der Zwanghaftigkeit, in der Intensität und
Maßlosigkeit und darin, dass Sucht eine Eigendynamik entwickelt, die die
ursprünglichen Auslöser in den Hintergrund treten lässt. Eine Steuerung und
Kontrolle wird somit immer schwieriger und die Folgen (siehe genannte Zahlen) sind
nicht wirklich absehbar. Die Kulturdroge Alkohol ist zum ,,Selbstläufer" avanciert und
hat sich auf Grund der hedonistischen Grundmentalität der Menschheit zu einer
Bedrohung für einen vulnerabel veranlagten Prozentsatz der Bürger innerhalb der
modernen Wohlstandsgesellschaft herausgebildet.
(Hedonismus = Sinnlust und Genuss)
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