Inhaltsverzeichnis
Abk ürzungsverzeichnis I
Abbildungsverzeichnis II
1. Einleitung. 1
2. Werte im Wandel 3
2.1. Arbeit und Freizeit. 3
2.2. Arbeitslosigkeit. 7
2.3. Arbeitszeit und Produktivitätsentwicklung 11
2.4. Wohlstand und Armut 16
3. Bedingungsloses Grundeinkommen 18
3.1. Grundidee und historische Entwicklung 18
3.2. Modelle 21
3.2.1. Negative Einkommensteuer 22
3.2.2. Solidarisches Bürgergeld 23
3.2.3. BAG Grundeinkommen. 26
3.2.4. Modell nach Götz Werner 26
3.2.5. Liberales Bürgergeld. 27
3.2.6. Das Grüne Grundeinkommen 28
3.3. Vertreter und Standpunkte. 29
4. Finanzierbarkeit des BGE 33
4.1. Auskömmliche Höhe eines BGE 33
4.2. Finanzierbarkeit eines BGE 36
5. Chancen und Risiken 42
5.1. Persönliche Chancen und Risiken 42
5.2. Gesellschaftliche Chancen und Risiken. 45
6. Anreizwirkung auf Erwerbstätigkeit trotz Grundeinkommen 50
7. Alternativen zum BGE. 54
8. Fazit 56
Literaturverzeichnis III
Stichwortregister. VIII
Personenregister. IX
Anhang XII
Abkürzungsverzeichnis BAG = Abkürzung für Bundesarbeitsgemeinschaft Grundeinkommen Basal = fundamental, grundlegend BGE = Abkürzung für bedingungsloses Grundeinkommen BIEN = Internationale Organisation (Basic Income Earth Network) BIP = Bruttoinlandsprodukt, Messgröße gesellschaftlicher Leistungserstellung Hartz IV = gebräuchliche Verwendung für die neue
Sozialgesetzgebung von SGB II und SGB III, da der ehemalige Personalverstand Peter Hartz (Volkswagen AG) maßgeblich beim Entwurf der neuen Arbeitsmarktgesetze beteiligt war. HWWI = Hamburgisches WeltWirtschaftsInstitut; erstellte im Jahre 2006/07 eine Studie zum Thema solidarisches Bürgergeld IAB = Institut für Arbeits- und Berufsforschung (Bundesagentur für Arbeit) IKT = Informations- und Kommunikationstechnologie PDS = Partei des Demokratischen Sozialismus; jetzt „Die Linke“ Prekariat, = „ungeschützte Arbeitende und Arbeitslose“ als eine neue soziale Gruppierung
SGB II und SGB III = Gesetze zur Neugestaltung von Arbeitslosengeld und Sozialhilfe (Hartz IV)
Transferentzugsrate = wird der Prozentsatz genannt, der einer Person auf zusätzlich verdientes Einkommen abgezogen wird, wenn sie eine staatliche Grundsicherung erhält VGR = Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung WASG = Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit e.V. konstituierte sich in 2005 zur Partei und ging zusammen mit der PDS in „Die Linke“ auf
zünftige Handwerker= Handwerker die einer Handwerkszunft angehören
I
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Bedeutung von Arbeit und Muse im Zeitverlauf
Abbildung 2: Entwicklung der Zahl der Arbeitslosen in Ost-
und Westdeutschland
Abbildung 3: Kapazitätsauslastung in Deutschland von 1993-2008
Abbildung 4: Entwicklung der Arbeitszeit
Abbildung 5: Entwicklung BIP (real) zu Arbeitsstunden pro Einwohner
Abbildung 6: Funktion der negativen Einkommenssteuer
Abbildung 7: Nettoeinkommen und (Negativ) Steuer beim solidarischen
B ürgergeld
Abbildung 8: Berechnung eines BGE
Abbildung 9: Finanzierungsbedarf eines BGE
Abbildung 10: Finanzierungslücke der einzelnen Modelle
II
1. Einleitung
Die deutsche Volkswirtschaft befindet sich seit 2005 in einer Aufschwungphase. Dennoch bauen BMW, Nokia, Siemens und Co. in diesen Tagen weiter Arbeitsplätze ab. Gleichzeitig wurden in den letzten 2 Jahren ca. 1,5 Millionen neue Jobs geschaffen, während Vertreter der Wirtschaft vor einem wirtschaftlichen Abschwung warnen.
Der Druck auf Unternehmen und Beschäftigte steigt durch den globalen Wettbewerb, die US-Immobilienkrise und die weltweit steigenden Rohstoff- und Energiepreise. Um dem Arbeitsmarkt und der Wirtschaft neue Impulse zu geben, wurden 2005 u.a. die SGB II und SGB III Gesetze, im folgenden Hartz IV genannt, eingeführt. Damit entstanden für viele Menschen neue wirtschaftliche Risiken, aber auch Chancen. Die einen bekamen die Chance auf einen neuen Arbeitsplatz, für andere galt es den Gürtel enger zu schnallen, um den Arbeitsplatz zu sichern.
Viele widersprüchliche Entwicklungen für die Menschen, die sich täglich um ihre Existenz Sorgen machen. Um diese Existenzängste zu lindern gibt es vielerlei Rezepte. Eines lautet: Bei einer guten wirtschaftlichen Entwicklung, können alle am Erfolg partizipieren, deshalb alles Augenmerk auf die Wirtschaft. Doch obwohl das BIP in den letzten 15 Jahren kontinuierlich gestiegen ist, sind die Reallöhne und die Gesamtlohnsumme in diesem Zeitraum gesunken. Heißt das, die schon von Ludwig Erhard vertretene Devise: Wachsende Wirtschaft = Wohlstand für Alle, gilt nicht mehr?
Wenn dieser Eindruck bestätigt werden sollte, müssen neue Konzepte diskutiert werden. Eines dieser Konzepte ist das bedingungslose Grundeinkommen. Ideen dazu sind ebenso wenig neu, wie sie sich eindeutig politischen Lagern zuschreiben lassen. Linke und konservative Politiker, Unternehmer, Wissenschaftler, Arbeitslose und Angestellte, Menschen aus allen Bevölkerungsschichten können sich dafür begeistern. Dies soll zum Anlass genommen werden, sich in dieser Arbeit mit dem bedingungslosen Grundeinkommen auseinanderzusetzen.
Ziel der Arbeit ist es die Idee, Vor- und Nachteile der verschiedenen Ansätze, sowie Chancen, Risiken und Alternativen zu untersuchen. Da die Befürworter eines Grundeinkommens davon ausgehen, dass Erwerbsarbeit nicht im Mittelpunkt der menschlichen Aktivitäten stehen muss und Arbeitslosigkeit ein positives Zeichen unserer wirtschaftlichen
1
Leistungsfähigkeit darstellt, werden zuerst diese beiden Begriffe näher untersucht. Eng damit verbunden sind Produktivität und Arbeitszeit. Dieser Themenkomplex wird im Anschluss erörtert. Bevor die Arbeit sich der Idee des Grundeinkommens zuwendet, wird auf Ursachen und Auswirkungen von Armut eingegangen.
Um einen Überblick über die verschiedenen Modelle des (bedingungslosen) Grundeinkommens zu bekommen, werden einige davon untersucht und gegenübergestellt. Hinzu kommt die Untersuchung der Positionen der wichtigsten gesellschaftlichen Vereinigungen, wie Parteien und
Gewerkschaften, als Organisation einerseits, sowie auch einzelne ihrer Vertreter.
Nachdem die Modelle besprochen und auf ihre Akzeptanz hin untersucht wurden, soll die Frage der Finanzierbarkeit erörtert werden. Dazu ist es unerlässlich zu definieren, wie hoch ein auskömmliches bedingungsloses Grundeinkommen sein muss, um die gewünschte Wirkung auf Arbeitsmarkt, Individuum und Gesellschaft entfalten zu können. Ob der errechnete Betrag jedoch auch aufgebracht werden kann, wird im Anschluss untersucht. Dazu werden die jetzigen Transferzahlungen als Basis herangezogen und eine mögliche Finanzierung aufgezeigt. Nachdem die finanzielle Seite beleuchtet wurde, geht es um die Chancen und Risiken für die einzelnen Menschen und die Gesellschaft als Gesamtheit. Ein Punkt dieser Untersuchung ist, wie gewährleistet werden kann, dass trotz Grundeinkommens Arbeitskräfte in ausreichendem Maße zur Verfügung stehen.
Anschließend sollen alternative Lösungsansätze untersucht werden, um festzustellen ob ein BGE überhaupt ein geeigneter Weg ist, die bestehenden sozialen Probleme am besten zu lösen.
Im Fazit wird ein zusammenfassender Überblick gegeben, dem sich ein kurzes persönliches Statement anschließt.
2
2. Werte im Wandel
2.1. Arbeit und Freizeit
Seit Entstehung der menschlichen Zivilisation, haben sich die sozialen und wirtschaftlichen Beziehungen, der technologische Entwicklungsstand, sowie die Formen des Zusammenlebens permanent fortentwickelt. Damit ging eine dramatische Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse einher. Auch Werte und Begriffsdefinitionen unterliegen einem beständigen Wandel, so zum Beispiel das Verständnis von Arbeit und seiner gesellschaftlichen Stellung gegenüber Muse und Freizeit. Das Wort Arbeit entstammt dem indogermanischen Wortstamm „orbho“ und heißt so viel wie "verwaist" oder "zu schwerer körperlicher Tätigkeit verdingt" 1 und deutet auf eine Mühsal oder Qual hin. Weitere Herleitungen, wie „labor“ (lateinisch), „tripalare“ (spätlateinisch) = quälen, „rabu“ (slawisch) = Fronarbeit besetzen alle den Begriff der Arbeit mit einem negativen Vorzeichen. Daneben kann unter Arbeit (work, opera) auch etwas Positives wie Werk, Leistung oder Schöpfungsergebnis verstanden werden. 2
Heute ist die offizielle Definition des Begriffes Arbeit „ … bewusstes, zielgerichtetes Handeln des Menschen zum Zweck der Existenzsicherung wie der Befriedigung von Einzelbedürfnissen; zugleich wesentl. Moment der Daseinserfüllung.“ 3
Schon daran zeigt sich der Wandel vom Verständnis des Begriffes Arbeit. Diese, heute meist Erwerbsarbeit genannt, gibt es seit Beginn unserer Zivilisation. Die Menschen konnten ihr Überleben sichern, indem sie durch jagen und sammeln ihre Gemeinschaft versorgten. Hierzu war es notwendig, dass alle Mitglieder der Gesellschaft produktiv tätig waren. Wer nicht mitwirken oder mithalten konnte wurde ausgestoßen. 4 Ausnahmen waren nur die Jüngsten, die noch nicht in der Lage waren, die Gemeinschaft zu unterstützen. Später als die Menschen sesshaft wurden, kam es im Zuge der Entstehung von Ackerbau und Viehzucht zu verstärkter Arbeitsteilung. Hier zeichneten sich erste Tendenzen ab, dass auch Mitglieder der Gemeinschaft versorgt werden konnten die nicht an der Erstellung des Tagwerkes teilhatten, neben Kindern auch Alte und Kranke. Dennoch war es unabdingbar, dass weitgehend alle
1 o.V. Was ist eigentlich "Arbeit"? (2008)
2 Vgl. Fisch, S. (2000) S. 7
3 Brockhaus (Hrsg.) (1997) S. 234
4 Vgl. Darwin, C. (2005) S. 112
3
arbeiteten, um das Überleben ihrer Gemeinschaft zu gewährleisten. Wer arbeitete, konnte am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Im antiken Griechenland und im römischen Imperium stellte sich die Situation vollkommen anders dar. Zu dieser Zeit war es zum einen durch eine höhere Produktivität und zum anderen durch den massenhaften Einsatz von Sklaven möglich, dass sich ein Teil der Bevölkerung, die Bürger, der produktiven Arbeit entziehen konnte. Der berühmte Ausspruch des Apostel Paulus „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ richtete sich gegen die damaligen Verhältnisse, in der die sklavenhaltende Oberschicht sich dem Müßiggang hingab und auf Kosten ihrer Knechte und Sklaven lebte. 5 Die negative Bedeutung von Arbeit sieht Vobruda damit aber nicht in Frage gestellt. Zu dieser Zeit verstand man unter Arbeit hauptsächlich Tätigkeiten in der Landwirtschaft, im Handel und im Handwerk. Den arbeitenden Menschen war die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben verwehrt. Nur die, die keiner produktiven Arbeit nachgingen, konnten sich gesellschaftlichen Aktivitäten widmen. Den Bürgern galt Arbeiten als unwürdig. „Die Arbeit gegen Lohn war in der Antike entehrend, da herrschte die Einstellung vor; „wer Lohn nimmt wird zum Sklaven“ (Ipsa merces est auctoramentum servitutis)“. 6 Sklaven jedoch, die den Großteil der schweren Arbeit verrichteten waren völlig recht- und besitzlos. Platon erklärte sogar, dass er nur die „ ... freiwillige Dienstbarkeit den Dienst um der Tugend willen…“ 7 anerkenne. Damit trat der Begriff der Muße gegenüber
5 vgl. Vobruda, G. (1989) S.10
6 o.V. Arbeit und Armut im Mittelalter (2004)
7 Ickler, M. (2007) S. 34 (Zitat aus Platon Symposium 184c)
4
dem des Arbeitens in den Vordergrund.
Im Mittelalter wandelte sich die Einstellung zur Arbeit gegenüber der Antike deutlich. In dieser Zeit war die Gesellschaft in 3 Stände, Klerus, Adel und den Stand der Bauern und Bürger eingeteilt. Durch weiter zunehmende Arbeitsteilung wie im Handel und Bergbau, die weitere Differenzierung des Handwerkes, aber auch die zunehmende Anerkennung von Wissenschaft und den geistlichen Berufen als Arbeit, wandelte sich die Einstellung zur Arbeit allmählich. Luther wirkte in die gleiche Richtung, indem er die Hierarchie der Arbeit aufhob und die griechischen Wörter für Arbeit (ponos/ergon) mit Beruf im Sinne von Berufung übersetzte. 8 Dennoch so Walthers, war auch Luthers Arbeitsbegriff weit von seiner heutigen Bedeutung entfernt. Auch John Locke trug mit seinen Werken zur Aufwertung der Arbeit bei, indem er unter anderem Arbeit und Eigentum miteinander verband und damit dem Adel die Legitimation, seines ohne Arbeit erworbenen Reichtums, entzog. 9
Die industrielle Revolution, die im späten 18. Jahrhundert in England begann und sich bis Mitte des 19. Jahrhunderts in ganz Europa durchsetzte, veränderte die Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen grundlegend. Die damit einhergehende französische Revolution löste das Ständesystem allmählich auf und (Lohn-) Arbeit im heutigen Sinne wurde für den Großteil der Bevölkerung zur selbstverständlichen Beschäftigung. Obwohl anfangs, durch Einführung neuer Arbeitsmethoden noch mehr Arbeitsplätze im Handwerk verloren gingen, als für die neue industrielle Produktion benötigt wurden, erhöhte sich der Bedarf an Arbeitskräften kontinuierlich. Diese mussten oft unter unmenschlichen Bedingungen leben und arbeiten. Dennoch gab es vermehrt Menschen, die vom Produktionsapparat nicht benötigt wurden. Damit waren jetzt nicht nur die Herrschenden, sondern auch ein immer größer werdender Teil der Armen ohne Arbeit. Da aufgrund der neuen gesellschaftlichen Strukturen der Zwang zur Arbeit verstärkt wurde, galt nicht arbeiten als „Ausnutzung“ der Gesellschaft. Von der Kritik meist ausgenommen waren und sind die Wohlhabenden, die nicht auf Kosten der Gesellschaft leben, so zumindest die landläufige Meinung. Diese Sichtweise wurde aber immer wieder heftig kritisiert, wie von Morus, der die Adligen als faul bezeichnete, weil diese von der Arbeit der anderen lebten. 10 Später, auf die neuen Herrschaftsverhältnisse zugeschnitten, kam ähnliche Kritik von Marx, Engels und Anderen.
Bis heute hat sich das Verhältnis zur Arbeit nicht wesentlich verändert. Wer heute nicht arbeitet, ist entweder reich und muss nicht arbeiten oder er ist arm,
8 Vgl. Walther, R. (1990) S.12ff
9 Vgl. Ickler, M. (2007) S. 38
10 Vgl. Hanesch, W. (1988) S. 56
5
dann gilt es, wenn die Person erwerbsfähig ist, sie schnellstmöglich in Lohn und Brot zu bringen.
Letztere Gruppe wird in unserer Gesellschaft nun mit verschärften Methoden zur Erwerbsarbeit gedrängt. Begründet wird diese Aktivierung mit der Notwendigkeit, die Menschen zu einer selbstständigen Versorgung durch Erwerbsarbeit bewegen zu müssen. Dass sich die Gesellschaft unwillige Mitbürger nicht leisten kann oder will und sie zur Arbeit zwingt, scheint nach unserem heutigem Verständnis jedermann als Selbstverständlichkeit. Ein Grund ist das Gerechtigkeitsproblem gegenüber der arbeitenden Bevölkerung. Sieht man sich jedoch Artikel 12 des Grundgesetzes genauer an, so ist dort in Absatz 2 festgeschrieben „Niemand darf zu einer bestimmten Arbeit gezwungen werden, außer im Rahmen einer herkömmlichen allgemeinen, für alle gleiche öffentliche Dienstleistungspflicht.“ 11 Dass jedoch die neuen Regelungen des SGB II zur Arbeitsaufnahme verfassungskonform sind, scheint ein Urteil des Sozialgerichts Schleswig zu beweisen. 12
Unter diese Aktivierungsmaßnahmen fallen jedoch nicht nur Unwillige, sondern auch Menschen die unverschuldet, z.B. durch Massenentlassungen wie bei AEG, Allianz, RAG Deutsche Steinkohle oder der Telekom in Arbeitslosigkeit geraten sind. Sollten diese Menschen ein gewisses Alter bereits überschritten haben, so sind sie am Arbeitsmarkt nur schwer vermittelbar. Nach einer Übergangszeit von bis zu 24 Monaten unterliegen auch sie den Hartz IV Gesetzen.
Das Wort Freizeit ist aus dem mittelalterlichen Begriff ,,frey zeyt" abgeleitet. Es bedeutete im Mittelalter die Zeit der Friedenspflicht während eines Marktes oder Festes und galt für alle Personen. 13 Das heutige Verständnis von Freizeit ist durch die Aufklärung geprägt. Freizeit ist eine individuell disponible Zeit, die jedem Menschen uneingeschränkt zu Verfügung stehen soll. Damals wandte sich diese Forderung gegen die Willkür absolutistischer Herrscher. Die Freizeitbeschäftigungen haben sich seit der Antike bis heute nicht entscheidend geändert. Zu ihnen gehören im Wesentlichen Muse, kulturelle oder politische Aktivitäten.
Doch heute gelten jene, die wenig oder nicht arbeiten wollen und einen starken Hang zu Freizeit und Muße haben, als faul und uneinsichtig. Wer kein Einsehen hat, dass Erwerbsarbeit nach heutigem Muster und in seinem heutigen Ausmaß notwendig ist, versteht die wirtschaftlichen Gegebenheiten nicht, die uns durch
11 Grundgesetz Artikel 12 Abs. 2
12 Aktenzeichen S6 AS 70/05 ER 08.03.2005; Urteilsbegründung siehe Anhang
13 Vgl. Opaschowski, H.W. (1996) S.100
6
Globalisierung, demographischen Wandel und den ökologischen Problemen bevorstehen. Grundlage des marktwirtschaftlichen Handelns ist die Erwerbsarbeit und dass morgen mehr denn heute. So zumindest argumentieren Ökonomen wie Hans-Werner Sinn „Für die meisten Arbeitnehmer hieße dies, daß sie nun 42 statt 38 Stunden pro Woche arbeiten müßten. Das ist kein Beinbruch.“ 14 Anders sah es Friedrich Nietzsche, der erkannte, dass die Wertmaßstäbe immer mehr zugunsten von Muße zu Arbeit verlagert werden „ … der Hang zur Freude nennt sich bereits >Bedürfnis der Erholung< und fängt an, sich vor sich selbst zu schämen.“ 15
Der oben genannten Entwicklung geschuldet, stellt „Arbeit für alle“ das Leitbild der gegenwärtigen Wirtschafts- und Sozialpolitik und unseres gesellschaftlichen Denkens dar. Wie aus der obigen Darstellung hervorgeht, gibt es jedoch im historischen Zeitverlauf keinen festen Wertebegriff für Arbeit und Freizeit. Im soziologischen Kontext ist Arbeit heute nicht nur Erwerbsarbeit, sondern beinhaltet alle Beschäftigungen, die der persönlichen Entwicklung dienen. Dazu zählen auch Tätigkeiten, wie das soziale Engagement, künstlerische Betätigungen und sinnfreie Aktivitäten, die der Entwicklung der Persönlichkeit dienen. Dieser weite Begriff von Arbeit könnte noch von großer Bedeutung für die weitere Entwicklung unserer Gesellschaft sein. Im nächsten Abschnitt sollen die gesellschaftlichen Ursachen und Auswirkungen von Arbeitslosigkeit eingehend untersucht werden.
2.2. Arbeitslosigkeit
Arbeitslosigkeit ist ein Phänomen, das seit Beginn der industriellen Revolution immer wieder auftritt, von strukturellen, konjunkturellen und saisonalen Entwicklungen beeinflusst. Bereits zwischen 1784 und 1844 kam es zum Verlust von Arbeitsplätzen durch technologische Neuerungen, die verschiedene Weberaufstände auslöste. Hierbei wurden zünftige Handwerker, durch die industrielle Produktion von Stoffen, ihrer Arbeit „beraubt“. In den späten 1920er bis Anfang der 1930er Jahre kam es zu Massenarbeitslosigkeit in bis dahin nicht gekanntem Ausmaß. Die Folgen sind hinlänglich bekannt. Nach dem Zweiten Weltkrieg gelang in Deutschland ein beispielsloses Wirtschaftwunder, was für Wohlstand und Arbeitsplätze sorgte. Erst in den Siebzigern stellte sich
14 Sinn, H.W. (2003) S.11
15 Nitzsche, F. (2006)
7
erneut Arbeitslosigkeit ein, die bis heute kontinuierlich gestiegen ist. Der bisherige Höhepunkt wurde 2005 mit über 5,29 Mio. Arbeitslosen erreicht. 16 Seitdem geht die Arbeitslosigkeit beständig zurück. Dieser Rückgang, so werden wir später noch sehen, gründet nicht alleine darauf, dass existenzsichernde Vollzeitarbeitsplätze geschaffen wurden.
Durch Arbeitslosigkeit verändern sich für den Betroffenen in unserer heutigen Gesellschaft zwei wesentliche Dinge. Zum einen steigt das Risiko stark an, in finanzielle Armut zu geraten. Zum anderen findet eine soziale und gesellschaftliche Ausgrenzung statt.
Rein rechnerisch ließe sich das Problem der finanziellen Armut, verursacht durch Arbeitslosigkeit, leicht lösen. In Deutschland werden jährlich Waren und Dienstleistungen im Wert von 2.423 Mrd. € (BIP 2007) hergestellt und davon 1.376 Mrd. € für private Konsumausgaben produziert und verbraucht. 17 Eine Kapazitätsauslastung von 100 % wurde in den letzten Jahren in der Industrie nie erreicht, derzeit liegt sie bei 87,50 %. 18 Das bedeutet, es könnten kurzfristig Konsumgüter und Dienstleistungen in Höhe von knapp 1.618 Mrd. € produziert und verbraucht werden.
16 Vgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales (Hrsg.) (2008) S. 7 u. 75
17 Vgl. Statistisches Bundesamt (Hrsg.) (2008) S. 12
18 Vgl. TA professional (2008)
8
Auf die Gesamtbevölkerung gerechnet bedeutet dies, dass pro Person jährlich 19.700 € (mtl. 1.640 €) für Konsumzwecke zur Verfügung stehen könnten. Bei einer gleichmäßigeren Verteilung müssten sich also auch Arbeitslose keine Gedanken machen, ob ihr Auskommen gesichert ist. In wieweit, dies ein
Gerechtigkeitsproblem darstellen würde, sei im Fortgang der Arbeit noch zu diskutieren.
Ein weitaus schwierigeres Problem stellt die durch Arbeitslosigkeit erzeugte Ausgrenzung dar. Die heutige Gesellschaft sieht ihren Hauptlebensinhalt in der Erwerbsarbeit. Dies zeigt sich daran, dass heute bereits in der Schule beginnend, nicht auf das Leben sondern aufs Berufsleben vorbereitet werden soll. Dass dies zudem nicht gut gelingt, zeigen die Klagen von Arbeitgebern, die immer wieder kritisieren, dass junge Menschen unsere Schulen zu schlecht ausgebildet verlassen.
Soziale Ausgrenzung findet nicht nur durch Mangel an verfügbarem Einkommen statt. Auch das Ansehen von Arbeitslosen sinkt mit der Dauer der Arbeitslosigkeit rapide. Wollen diese ihre Wohnung oder auch nur ihre Kontoverbindung wechseln, beim Amt einen Antrag stellen oder müssen anderweitig ihren beruflichen Status offenbaren, so heißt es häufig, dass der Bitte leider nicht entsprochen werden kann, solange sie arbeitslos sind. Dies hat maßgeblich mit dem Vertrauen zu tun, welches man Arbeitslosen entgegenbringt, ihren Status Arbeitslosigkeit zu beenden, weniger mit der aktuellen finanziellen Situation. Vielmehr geht man immer noch davon aus,
9
dass Arbeitslosigkeit selbst verschuldet ist, sei es aus Faulheit oder aus Unfähigkeit.
Anhand der Arbeitslosenzahlen sieht man, dass auch in wirtschaftlich guten Zeiten ein immer größerer Teil von Menschen, nicht mehr in den Erwerbsarbeitsprozess integrierbar ist. Auch wenn die offiziellen Arbeitslosenzahlen derzeit von einem Rückgang der Arbeitslosen um 1,5 Mio. Menschen sprechen, zeigt die kleine Anfrage der FDP von Anfang 2008 ein anderes Bild. Die Antwort von Klaus Brandner (Bundesarbeitsministerium) bestätigt, das 2,86 Mio. Personen die ALG II beziehen aus verschiedenen Gründen nicht als arbeitslos verzeichnet sind. Das macht ca. 54 % der AGL II Empfänger aus. Bei Beziehern von AGL I sind es 286.000 (25 %). 2007 nutzten allein 312.000 AGL II und 225.000 ALG I Empfänger die „58er- Regelung“. Diese besagt, dass Arbeitnehmer, die mit 58 oder älter arbeitslos werden, Anspruch auf Arbeitslosengeld haben, wenn sie dem Arbeitsmarkt dauerhaft nicht mehr zur Verfügung stehen. Das heißt 537.000 ältere Arbeitnehmer waren 2007 zwar arbeitslos, aber tauchten nicht in der offiziellen Statistik auf. 19 Da nun seit Jahren mit allen Mitteln versucht wird, Arbeitslosigkeit durch die Bereitstellung von Arbeitsplätzen zu bekämpfen, und das mit mäßigem Erfolg, scheint der Blick verloren gegangen zu sein, dass es auch noch andere Möglichkeiten geben kann, als die verfügbaren Ressourcen in die Bereitstellung von Arbeitsplätzen zu investieren. Doch mittlerweile äußern in unserer Gesellschaft auch anerkannte Persönlichkeiten Alternativen, über die es nachzudenken gilt. Ein möglicher Weg aus der Arbeitslosigkeit, ist die freie Zeit anderweitig sinnvoll zu nutzen und Arbeitslosigkeit nicht als beklagenswerten Zustand zu betrachten. Denn überdenkt man die Definition des Begriffes Arbeitslosigkeit, so kann sie auch als etwas aufgefasst werden, was sie heute tatsächlich ist. Arbeitslosigkeit zeigt uns in beeindruckender Weise, welche enormen Leistungen unsere Gesellschaft in den letzten 200 Jahres vollbracht hat. So sind wir heute in der Lage mit immer weniger Arbeit einen immer höheren Output an Waren und Dienstleistungen zu produzieren. Da Arbeitslosigkeit kein guter Gradmesser für den Wohlstand einer Gesellschaft und die dafür benötigten Arbeitskräfte ist, sollen im nächsten Abschnitt die Indikatoren Arbeitszeit und Produktivität untersucht werden, die genauere Analysen über die Effizienz unserer Gesellschaft zulassen.
19 Vgl. Schwenn, K. (2008) S.12
10
2.3. Arbeitszeit und Produktivitätsentwicklung
Wie die Begriffe Arbeit und Freizeit sich entwicklungsgeschichtlich verändert haben, so gab es auch dramatische Entwicklungen in den Bereichen Arbeitszeit und Produktivität.
Betrachten wir die Entwicklung der Arbeitszeit ist festzustellen, dass bis zur Erfindung und Verbreitung der Elektrizität der Arbeitstag aufgrund natürlicher Bedingungen, im Sommer auf 12 und im Winter 7-8 Stunden begrenzt war. Dies änderte sich erst durch die massenhafte Verbreitung des elektrischen Lichtes. Damit wurde die Nacht zum Tag und man konnte unabhängig von natürlicher Dunkelheit arbeiten.
In Europa wurden laut einer Studie um 1800 den Arbeitern eine 60-72 Stundenwoche abverlangt. Ihren Höhepunkt fand diese Entwicklung zwischen 1830-1860 mit bis zu 85 Stunden Wochenarbeitszeit. Danach trat allmählich eine Verbesserung ein und die Arbeitszeit reduzierte sich von 78 Stunden (1870) auf ca. 60 im Jahre 1914. Während des Ersten Weltkrieges stieg die Arbeitszeit wieder auf 60-85 Stunden pro Woche an. 20 Nach dem Zweiten Weltkrieg (1947) wurde in Deutschland zunächst durchschnittlich 39,1 und im Jahre 1956 48,4 Stunden gearbeitet. 21 Erst ab 1965 ging die Arbeitszeit auf 40 Stunden zurück und wurde bis weit in die 1980er hinein beibehalten. Mitte der 1980er drängten die Gewerkschaften auf die 35 Stunden Woche.
20 Vgl. Rutz, M. (1958) S. 5,10,12,21,23
21 Vgl. Erhard, L. (1957) S. 30
22 Vgl. IAB (Hrsg.) (2007)
11
anfangs in vielen Bereichen der Wirtschaft zu Engpässen an Arbeitskräften, was teilweise bis zum Ende der New Economy anhielt und darin gipfelte, dass Greencards für Immigranten ausgestellt wurden, die den deutschen Arbeitsmarkt in der IT-Branche unterstützen sollten. Damit war im Westen keine Notwendigkeit gegeben die Arbeitszeit weiter zu verkürzen. Im Osten dagegen herrschte eine extrem hohe Arbeitslosigkeit. Deshalb fehlte hier die gewerkschaftliche Verhandlungsposition. Im Zuge der Globalisierung kehrte sich der Trend um. Zwischenzeitlich forderten ganze Branchen die Erhöhung der Arbeitszeit auf 42 bis 44 Stunden pro Woche.
Betrachten wir zunächst einmal die Entwicklung der Arbeitszeit in Form des Arbeitsvolumens und die Produktivitätsentwicklung unabhängig von Globalisierung und anderen externen Einflussgrößen. Das Arbeitsvolumen ist der Indikator, welcher das Maß unseres gesellschaftlichen Aufwandes
tatsächlich widerspiegelt. Im von der IAB untersuchten Zeitraum von 1960 bis 2006 sank das geleistete Arbeitsvolumen von 56,38 Mrd. auf 56,14 Mrd. Stunden. 23 Auf den ersten Blick scheint sich die These zu bestätigten, das neue Branchen mittelfristig die Zahl der Arbeitskräfte aufnehmen können, die durch den Wegfall von alten Industrien entfallen. Damit würden Innovationen und Produktivitätssteigerungen keine Arbeitsplätze vernichten, sondern diese immer nur in Neue wandeln. Betrachtet man die Zahl der geleisteten Stunden jeweils im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung zum jeweiligen Zeitpunkt, so entsteht ein völlig anderes Bild. Wurden 1960 55,96 Mio. Menschen versorgt, so waren es 2006 bereits 82,35 Mio. 24 Rechnet man die beiden Kennzahlen auf geleistete
23 Vgl. IAB (Hrsg.) (2007) + zugesendete Excelaufstellung mit langer Zeitreihe
24 Vgl. Statistisches Bundesamt (Hrsg.) (2007) S. 42
12
Arbeit zitieren:
Frank Müller, 2008, Bedingungsloses Grundeinkommen , München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Die Bürgergeldidee - historische Entwicklung, erhoffte und befürchtete...
Hausarbeit, 40 Seiten
Empowerment und Selbstbestimmung bei Menschen mit geistiger Behinderun...
Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik
Hausarbeit, 43 Seiten
Psychosoziale Betreuung in der Suchthilfe, veranschaulicht am Beispiel...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Praktikumsbericht / -arbeit, 36 Seiten
Schein und Sein der Unternehmensberatung - Eine kritische Auseinanders...
BWL - Unternehmensethik, Wirtschaftsethik
Seminararbeit, 26 Seiten
Substitution und ihre psychosoziale Begleitung - Eine Erhebung zum Ste...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Diplomarbeit, 83 Seiten
Der Systemische Ansatz in Theorie und Praxis
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Hausarbeit (Hauptseminar), 27 Seiten
Ein bedingungsloses Grundeinkommen - Eine Forderung der Menschenrechte
Ein etwas anderer Blick auf me...
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Hausarbeit (Hauptseminar), 25 Seiten
Migration und Soziale Arbeit - Die Stellung der Sozialen Arbeit in der...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Hausarbeit, 27 Seiten
Bedingungsloses Grundeinkommen
Diskussion der Vor- und Nachte...
BWL - Unternehmensethik, Wirtschaftsethik
Studienarbeit, 13 Seiten
Freundschaften im Jugendalter. Entwicklungspsychologische Betrachtunge...
Psychologie - Entwicklungspsychologie
Zwischenprüfungsarbeit, 25 Seiten
Migration: Formen und Erklärungsmodelle
Geowissenschaften / Geographie - Bevölkerungsgeographie, Stadt- u. Raumplanung
Seminararbeit, 14 Seiten
Nahrungstabus in der modernen Gesellschaft
Eine strukturale Analyse unser...
Hausarbeit (Hauptseminar), 27 Seiten
Entwicklung von Freundschaft als Form der sozialen Beziehung im Kinder...
Pädagogik - Kindergarten, Vorschule, frühkindl. Erziehung
Zwischenprüfungsarbeit, 30 Seiten
Die Situation der Substitutionsbehandlung in Deutschland. Hat sich die...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Diplomarbeit, 137 Seiten
Frank Müller's Text Bedingungsloses Grundeinkommen ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Frank Müller hat den Text Bedingungsloses Grundeinkommen veröffentlicht
Frank Müller hat einen neuen Text hochgeladen
Bedingungsloses Grundeinkommen * Jobs on Demand
oder: Taschengeld statt Hamste...
Monika Berger-Lenz, Christopher Ray
Public Services and the 1990s: Issues in Public Service Finance & Mana...
John Wilson, Peter Hinton
0 Kommentare