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Inhalt
Einleitung 3
1 lehre vom freyen willen konfessionelle Einordnung Gallus Schrift 5
1.1 Von der weise durch welche der Mensch die rechtfertigkeit bekumpt 6
1.2 Die Beweggründe Gallus Schrift gegen das Interim 10
2 Gesellschaftsgeschichtliche Konsequenzen 11
2.1 Bedeutung für die sozialen Verhältnisse in den Gemeinschaften 12
2.2 Theologie der Kontroversen statt Krieg 14
2.3 Adiaphora und der freie Wille im evangelischen Glaubensarten 16
Fazit 17
Literatur und Quellenverzeichnis 20
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Einleitung
„/Das man mit Gott vnd gutem gewissen / keine gemeine Confession / mit denen semptlich vnterschreiben kann / noch soll / von welchen wir wissen oder verdacht haben / Das sie vnter der selbigen Confession Namen und deckel / entweder öffentliche Irthumen vnnd Secten / verteidingen und aussbreiten. Oder sonst in etlicher fürnemer Artickel verstandt / nicht mit Gottes Wort vnd unserm rechten Christlichen verstandt vnd meinung / vberein kommen.“ 1
(Nikolaus Gallus)
Gegenstand dieser Arbeit, die Diskussion über den freien Willen im reformatorischen Kontext, ist keine theologische Debatte, die sich in einer Aktualität des Umbruchs in Kirche und Religion der frühen Neuzeit entwickelte. Der freie Wille war schon in der Antike Mittelpunkt zahlreicher Philosophien – auch und vor allem mit religiösem Hintergrund. Mit der Confessio Augustana (CA) wurde sozusagen vertraglich festgesetzt, wie ein Theologe in seinem jeweiligen Amt zu lehren und zu handeln hatte. Mit seiner Unterschrift bezeugte er seine Treue zu ihr und identifizierte sich mit ihren Inhalten. Mit der Einführung des Augsburger Interim, als Übergangslösung bis zu einem endgültigen Übereinkommen aufgrund der konfessionellen Kirchenspaltung, beginnt der Diskurs um den Begriff des freien Willens in dieser Arbeit. Im Mittelpunkt stehen hierbei der Text Nikolaus Gallus' „Erklerung vund Consens vieler christlicher Kirchen / der Auspurgischen Confession / auff die newe verfelschung der lehre vom freyen willen / wie die aus dem INTERIM von etlichen noch gefürt und verteidigt wird.“, rückblickend die CA und natürlich vergleichend das Interim von 1548. Hierbei kann man den Diskurs nicht als um bloßes "Theologengezänk" verstehen. Vielmehr ging es um Fragen, für die es keine Lösung mehr unter einem Rückgriff auf die Bibel und Bekenntnisse oder über die Einholung von Stellungnahmen und Gutachten seitens der Reformatoren gab. Luther war bereits 1546 gestorben und konnte daher keine Lösungsansätze mehr vorbringen. Die Kirche gab zu damaliger Zeit mit ihren Schriften und Bekenntnissen, Gesetze für den Alltag eines Christen vor. So kann man also von einem pädagogischen Gebrauch dieser Gesetze ausgehen, die der christlichen Gesellschaft Normen und Werte vermittelten, die sich an ihnen orientiere. In diesem Zusammenhang nahm die Debatte um die Willensfreiheit eine große Rolle ein und führte zu weitgreifenden Kontroversen durch unterschiedlichste Auslegungen und Denkweisen.
1 http://hardenberg.jalb.de/display_page.php?elementId=10671, Seite 1.
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Luther selbst führt ein Paradox an, indem er sagt:
„Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ (Martin Luther, Von der Freiheit eines Christenmenschen. 1520.) Diese Radikalisierung und strenge Differenzierung des Willens auf weltlicher und geistlicher Ebene durchzieht das protestantische Denken und spiegelt sich klar im, in dieser Arbeit behandelten Text von Gallus wider. Welche Funktion hatte also der menschliche Wille vor allem bei der Bekehrung zum gläubigen Christen? Spielt er eine entscheidende Rolle in der Verantwortung von Handlungen? Gallus geht hierbei auch explizit auf die „rechtfertigung“ ein, die in der CA, wie auch im von ihm kritisierten Interim behandelt wird. Diese Fragen drehen sich nun stark um das christliche Menschenbild. Die Diskussion über die Möglichkeit eines freien Willens – in Hinsicht auf die Verdorbenheit des menschlichen Wesens durch die Erbsünde, war theologisches und demnach auch ein Thema des gemeinen Volkes. Waren die Städte und Länder, die sich bedingungslos hinter die Seite der Reformation und somit klar gegen den Kaiser stellten, in der Lage, ihr geistiges und finanzielles Kapital im Reich ohne zu große Verluste auch in der Bevölkerungszahl durchzusetzen? Hier vollzieht sich eine starke Vermischung aus macht- und religionspolitischen Aspekten. Mit der Anerkennung eines freien Willens im Menschen musste auf protestantischer Seite mit einer großen Abwanderungszahl zur anderen Konfession gerechnet werden, da viele Zweifel aufkamen. Die Protestanten forderten vor allem die Anerkennung der Rechtfertigung allein aus der Gnade, also ohne jedes eigene Verdienst des Sünders 2 . Hier zeichnet sich schon deutlich die Auffassung ab, dass der Mensch eben keinen freien Willen, in Bezug zu Gott 3 haben kann. Durch den Vergleichsversuch Karl V. Mit seinem Interimsentwurf entfachte er heftige Diskussionen und Kontroversen, die nicht zuletzt auch in den eigenen Reihen der reformatorischen Seite mündeten. Leider ist es im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich auf weitere Positionen einzugehen. Gallus geht in seiner Schrift auf verschiedene Punkte der CA, sowie des Interim ein. Interessant für diese Arbeit ist jedoch der Abschnitt über den freien Willen, der in den Fokus gerückt werden soll. Durch die vielen Einflüsse auf die Vorgänge der Reformation, sowie auf Gallus selbst, können in dieser Arbeit der komplexe Zusammenhang lediglich einige Sichtweisen dargelegt werden. Besonders interessant wäre es, die Äußerungen von Martin Luther, Philipp Melanchthon oder Matthias Flacius Illyricus noch tiefer in die Betrachtungen mit einzubeziehen, als es im Folgenden oberflächlich geschieht.
2 Vgl. dazu: Rabe, Seite 427.
3 Luther beharrte stets darauf, dass der Mensch in Bezug zu Gott keinen freien Willen haben kann. Dieser Bezug ist für ihn elementar. Im Laufe der Reformation versteifen sich jedoch strenge Anhänger der evangelischen Lehre darauf, dass der Mensch in keiner Hinsicht einen freien Willen besitzen könne. Vgl. dazu: Grane, Die Confessio Augustana, S. 144.
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1 „lehre vom freyen willen“ - konfessionelle Einordnung Gallus' Schrift
Nikolaus Gallus, geboren 1516 als Sohn von Petrus, dem fürstlichen Rat und Bürgermeister der Stadt Köthen, studierte seit 1530 an der Wittenberger Hochschule, unter anderem als Schüler Philipp Melanchthons und mit großem Einfluss Luthers. 4 Schon hier steht fest, dass Gallus konfessionell der evangelischen Richtung zuzuordnen ist und aus einer hoch angesehenen Familie stammte. Auf Empfehlung Luthers wurde Gallus 1543 in das Amt des Diakonus in Regensburg berufen, als in diesem Gebiet die lutherische Lehre erfolgreich verbreitet wurde. Nach der Einführung des Interim 5 durch Karl V., gegen das sich Gallus entschieden zu Wehr setzte, ging er mit zahlreichen anderen evangelischen Geistlichen zurück nach Wittenberg, wo alsbald erste Unterhandlungen mit dem Kurfürsten Moritz von Sachsen wegen der Annahme des Interims stattfanden. 6 Nach der stark kritisierten Gesinnungswandlung seines früheren Vorbildes Melanchthon, näherte sich Gallus später immer mehr Matthias Flacius, „der allein es wagte, gegen alle Zugeständnisse seiner Collegen im Bekenntnis und Cultus zu protestiren“ 7 .
Gallus' öffentliche „Erklerung“ bildet einen direkten Einspruch gegen das Augsburger Interim 8 , ferner auch gegen das 1559 erschienene Leipziger Interim als sozusagen überarbeitete Form des kaiserlichen Entwurfes für die Ländereien unter Moritz von Sachsen mit einigen zusätzlichen Zugeständnissen an die Protestanten, als interimistische Kontroverse. Damit stellte sich die Frage nach einer Einheit von Lehre, Bekenntnis und Kirchenverfassung und an dieser Stelle auch das Problem des Verhältnisses von Kirche zu Stadt und Land. Eine solche theologische Diskussion mündet damit in eine gesellschaftlich und politisch bedeutende Problematik eines zu legitimierenden Widerstands gegen die weltliche Macht im politischen Sinne. Bei Glaubensfragen, wie sie in dieser Zeit sogar zu einem Schisma führten, kann man eine würdige Einheit nicht durch weltliche Gesetze wie ein Interim klären, sondern allein aus den Überzeugungen der Konfessionen entstandenen Grundsätze und Bekenntnisse.
Auch wenn im Diskurs über die Willensfreiheit oft über das Zurückgreifen auf altbewährte Bekenntnisse und Bibelzitate gegangen werden musste, um adäquat diskutieren zu können, bezieht Gallus selbst, in seiner Schrift immer wieder Stellen aus der Heiligen Schrift mit ein, um seine
4 Vgl. NDB 6, Seite 55 f.
5 Weiter hierzu: siehe Punkt 2 6 Vgl. ADB 8, Seite 351.
7 Ebd., Seite 352.
8 Ferner auch gegen das 1559 erschienene Leipziger Interim als sozusagen überarbeitete Form des kaiserlichen Entwurfes für die Ländereien unter Moritz von Sachsen mit einigen zusätzlichen Zugeständnissen an die Protestanten. Vgl. hierzu: Preger, S. 141 f.
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Argumente zu bestärken. In diesem Sinne eröffnet er auch seine Schrift mit dem Abschnitt „Von dem Menschen nach dem Falle“
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und berichtet
„Von der weise / durch welche der Mensch die rechtfertigung bekumpt“.
Was im fließenden Text vor allem auffällt ist die Weise, wie mit der Groß- und Kleinschreibung umgegangen wird. Grundsätzlich werden auch Nomen klein geschrieben. Lediglich solche mit besonderem semantischen Hintergrund, wie Gott, der Mensch (hier im Mittelpunkt der Diskussionen um den freien Willen), die Gnade und so weiter. Gallus baut hier zunächst Grundlagen zum weiteren Verständnis auf, in dem er beispielsweise anführt, dass dem Menschen die Gnade nur ohne einen freien Willen in ihm greifbar wäre
10
. Da der Mensch durch Adams Sündenfall von Grund auf verdorben sei, wäre er „der ersten eingeschaffnen gerechtigkeit beraubt“ und nur Christus, der heilige Geist und die Gnade Gottes können zu seiner Seligwerdung in ihm wirken. In diesem Punkt verdeutlicht Gallus gleich zu Anfang seine entschiedene Haltung gegen die Sichtweise der Vertreter des Interim:
„Praeparation zu empfahung Göttlicher Gnaden sollte in dem Menschen vnd seinem freyen willen stehe / ist falsch / unrecht / vnd der heiligen schrift zuwider“
11
. Um dies zu begründen, verweist er sogleich auf Rom. Am 8. Eph 1.2
12
, in dem also schon in der Bibel festgesetzt steht, dass der Mensch verdorben, zu allem Guten untüchtig und allein durch die „gnädige election vnd vocation“ dazu fähig sei, Gnade zu empfangen und selig zu werden.
1.1 „Von der weise durch welche der Mensch die rechtfertigkeit bekumpt“
In diesem neuen Abschnitt geht Gallus auf eine „erste annemung Göttlicher Gnade mit freyem willen“ ein. Er geht davon aus, dass die Gnade und Seligkeit von Gott angebotene Güter wären und er Mensch habe lediglich eine Art freien Willen, sie anzunehmen, „wen er zu guter vernunfft oder verstandt kompt /“ oder nicht. „Das aber in des Menschen verstandt und freyen willen sölte stehen / das Evangelion mit seiner gnad anzunemen / ist falsch vnnd unrecht“ 13 . Dennoch räumt er einen sehr knapp bemessenen freien Willen insofern ein, als das er „[...] durch den Geist Gottes bewegt werde / das der böse unwillige wille / gut vnd willig werde / höre Gottes wort / gleube vnd folge 9 Die CA beginnt (nach dem ersten Punkt „Gott“) genauso wie das Augsburger Interim mit diesem Thema. 10 Vgl. Gallus, A2 verso.
11 Ebd.
12 Vgl. http://www.bibel-online.net/bibel_4/45.roemer/8.html:
„1 SO ist nu nichts verdamlichs an denen / die in Christo Jhesu sind / die nicht nach dem Fleisch wandeln / sondern nach dem Geist. 2 Denn das gesetz des Geistes / der da lebendig machet in Christo Jhesu / hat mich frey gemacht von dem Gesetz der sünden vnd des todes. 3 Denn das dem Gesetz vmmüglich war (Sintemal es durch das Fleisch geschwechet ward) Das that Gott / vnd sandte seinen Son in der gestalt des sündlichen Fleisches / vnd verdampte die Sünde im Fleisch durch Sünde / 4 Auff das die gerechtigkeit vom Gesetz erfoddert / in vns erfüllet würde / Die wir nu nicht nach dem Fleische wandeln / sondern nach dem Geist. 5 DEnn die da fleischlich sind / die sind fleischlich gesinnet / Die aber geistlich sind / die sind geistlich gesinnet.“ (Lutherübersetzung aus letzter Hand, 1545) 13 Gallus, A3 verso.
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Mathias Seeling, 2008, Der freie Wille in der Reformation, Munich, GRIN Publishing GmbH
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