Inhalt
Einleitung. 1
1 Allgemeines. 3
2 Zur Gabe-Philosophie Derridas - das Paradox der Unmöglichkeit der Gabe. 4
2.1 Dissemination des Gebens und Nehmens. 4
2.2 Dimensionen des Gebens. 7
2.3 Äquivalenz und Ambivalenz im Gabe-Ereignis. 10
2.4 „es gibt“ - sprachliche Eigenarten und ihre Paradoxien. 12
Fazit. 15
Literatur - und Quellenverzeichnis 17
Einleitung
Mit der „Möglichkeit des Unmöglichen“ wird nun, nachdem die Soziologie Jahrzehnte lang die Tausch- und Gabeereignisse in verschiedenen Kulturen beschrieben hat, die semantische Seite der Gabe und des Gebens geöffnet und betrachtet. Jacques Derrida spielt in diesem Kontext eine entscheidende Rolle in der postmodernen Philosophie, fordert und fördert neue Denkprozesse. Die Kernfrage, die sich Derrida stellt lautet: Gibt es Gabe? Diese Frage soll in dieser Arbeit auch im Film „Der Mann ohne Vergangenheit“ von Aki Kaurismäki gestellt werden. Dabei geht er formalistischen und strukturalistischen Ansätzen nach, indem er den Begriff der Gabe einerseits aus ökonomischen Aspekten, andererseits jedoch auch aus linguistischen Erkenntnissen her konstruiert. Die Gefahr der Formalisierung des Gabeereignisses in der Hinsicht, dass es sich jeden Augenblick selbst zerstören und zu einem bloßen Tauschakt werden könnte, zeigt die Polemik des Gabendiskurses, der Derrida entschieden und mit einem Komplex von Fragen nachgeht. Kann man geben, ohne zurückzugeben? Kann man schenken, ohne sich im ökonomischen Kreislauf von Tausch, Verpflichtung und Schuld zu verstricken? Kann man „sich geben“? Besonders im Film sind zwei Extrema zu erkennen: die der gesellschaftlichen Tauschökonomie, in der es vorrangig um Profit, Kapitale und Chancen geht und zum Anderen die reine zwischenmenschliche Ökonomie, die mit Gesten, Zusprüchen, Geschenken „handelt“. Zwar begibt sich Derrida bei dem Versuch, diese Fragen zu klären, immer wieder auf einen gedanklichen Spießrutenlauf durch die unlogische Logik der Paradoxien, zeigt aber gerade dadurch, dass man mit einem anderen Denken neue Erkenntnisse gewinnen kann. Er fordert eine klare Abgrenzung der Gabe vom ökonomischen Kreislauf, aber gleichzeitig sieht er die Integration (wenn auch nicht statisch) der Gabe im selben System. Diese Abspaltung soll sich im Folgenden vor allem an der Grenze von Gesellschaft und Rand-gesellschaft zeigen. Sind diese, von der Gesellschaft ausgeschlossenen Menschen tatsächlich absolut davon differenziert? Wie verhält es sich dann mit denjenigen, die freiwillig und ohne jede Rückforderung eben genau für diese Menschen aufopfern? Die Grenzen sind hier sicherlich verschwommen, teilweise jedoch auch klar zu erkennen. In einer ökonomiefixierten Gesellschaft, wie sie sich heute immer mehr etabliert, muss man sich fragen, welche Opfer man dafür bringen kann und welche Werte dadurch verloren gehen können. Ist es
denn überhaupt möglich, in einer Gesellschaft, die so stark von ihren Ökonomien geprägt ist, zu „geben“? Wenn ja, wie kann die Gabe als „reine“ Gabe dann stattfinden ohne sich gleichzeitig wieder im ökonomischen Teufelskreis zu verirren und sich somit selbst zu annullieren? Vielleicht kann eine Diskussion über offensichtliche Paradoxien selbst nur im Paradox enden, jedoch gewinnt man in diesem Gedankenprozess neue Erkenntnisse und Einsichten, die unscheinbare Dinge neu überdenken lässt. Im Verlaufe des Films kommen zahlreiche Momente vor, in denen man Tausch-und Gabenereignisse entdecken kann. Im Rahmen dieser Arbeit soll sich jedoch nur auf explizite Szenen konzentriert werden, die diese Thematik adäquat widerspiegeln. Hierbei soll diese Arbeit nicht als Filmkritik verstanden werden, sondern vielmehr als distanzierte Betrachtung sozialer und filmstilistischer Momente im Derrida'schen Kontext seines Verständnisses des Gabenereignisses. Im Folgenden wird deshalb vorerst die Denkstruktur des Gabeverständnisses Derridas behandelt und dies sogleich an Filmbeispielen veranschaulicht. Vor allem die Abhandlung von Bernhard Waldenfels über »Das Un-ding der Gabe« fügt sich produktiv in die folgende Arbeit ein und soll analytisch mit dem Film behandelt werden. Dabei werden hinter den, zu analysierenden Szenen in Klammern die Spielzeiten angegeben, um zitierfähige Stellen aus dem Film einbringen zu können. Der Hauptdarsteller wird dann, falls er in den zitierten Szenen vorkommt, wie im Film und in den dazugehörigen Sekundärliteraturen als M. 1 beschrieben. Leider kann im Rahmen dieser Arbeit nicht auf den gesamten Film eingegangen werden, auch wenn diese teilweise erst den Zusammenhang erklären. Da immer auch interpretative Elemente in analytische Fragestellungen einfließen, vor allem, wenn es um philosophische Denkweisen geht, sind Auslegungen von Szenen und Vergleichen als subjektive Sichtweisen zu betrachten.
1 Vermutlich kommt diese Abkürzung vom Finnischen „Mies“, das einfach für Mann stehen soll. Hinweis dafür war für mich das Plakat der Polizei als Aufruf für den Augenzeugen ohne Namen: „Kuka on tämä mies?“ Irma übersetzt es in Gedanken für uns: „Wer ist dieser Mann?“ (1:10)
1 Allgemeines
Die Leitthese, die Bernhard Waldenfels in seinem Aufsatz über »Das Un-ding der Gabe« 2 aufstellt zeigt gleich zu Anfang einen sich selbst widersprechenden Punkt, der in das Paradox der Gabe einführt. Er spricht von ihrem gleichzeitigen Erscheinen und Nichterscheinen. Als Voraussetzung sei hierfür ein „ungeschriebener Vertrag“ 3 zwischen miteinander kommunizierenden Menschen notwendig. Dies zeigt sich schon in den Ausdrücken, die man einem Referenten gegenüber äußert: „ihm Aufmerksamkeit schenken“ oder „Sinn geben“. Das heißt also, dass zwischen diesen Parteien in gewisser Weise unbewusst ein Vertrag konstituiert sein muss, der dem Redner eine Vor-gabe 4 ermöglicht, die durch seine Rezipienten beantwortet wird (eben durch ihre Aufmerksamkeit etc.). Im behandelten Film „Der Mann ohne Vergangenheit“ geschehen alle produktiven Prozesse, die sujethaft in das Filmgeschehen einwirken, stets zwischen mindestens zwei Subjekten 5 . Dies zeigt die ökonomische Bedingtheit der Prozesse untereinander, durch die ein Vorankommen in der gesellschaftlichen Etablierung erst ermöglicht wird. Das allgemein bekannte Sprichwort „Eine Hand wäscht die andere.“ steht an dieser Stelle exemplarisch. Derrida selbst schreibt dem Gabenereignis eine ternäre Struktur zu: „»irgend›einer‹« (A) hat die Intention, B an C zu geben“ 6 . Durch diese formalistische Ausdrucksweise droht jedoch eine stetige Mutation der gegebenen Sache zu einem Tauschobjekt. Durch diesen formalistischen Ansatz entsteht eine Skepsis an der Möglichkeit einer „Gabe“ überhaupt. Etwas soll also existieren, indem es seine Eigenexistenz selbst annulliert. 7 Dieses offensichtliche Paradox wird dadurch erklärbar, dass die Gabe sich als unmöglich erweist, „indem sie als Tausch konzipiert und praktiziert wird“ 8 . An dieser Stelle zeigt sich gleichzeitig der Vorwurf an Marcel Mauss 9 , der den Widerspruch des Gabeereignisses zum Tauschakt nicht bedacht habe.
2 Bernhard Waldenfels: »Das Un-ding der Gabe«, in: Ders./Hans-Dieter Gondek (Hg.): Einsätze des Denkens. Zur Philosophie von Jacques Derrida, Frankfurt 1997, Seite 385 - 409.
3 Ebd, Seite 386.
4 Ich werde im Folgenden die von Derrida verwendete Getrenntschreibung von bestimmten Schlüsselbegriffen verwenden, da diese so semantisch noch besser erfasst werden können.
5 Subjekte deshalb, weil auch der Hund (Hannibal) mit seiner Zuneigung und, wenn auch teilweise eingebildeter, Schutzfunktion etwas zu geben vermag. Mit dieser Funktionalität seines Daseins befindet er sich bereits mitten in einer Tauschökonomie.
6 Jacques Derrida: Falschgeld. Zeit geben I, München 1993, Seite 21.
7 Waldenfels, Seite 388.
8 Ebd.
9 Jacques Derrida bezieht sich in „Falschgeld“ immer wieder auf das Essay von Marcel Mauss „Die Gabe. Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften“ (frz. „Essai sur le don“), in dem es über Tauschgeschehen und Gabenprozesse in fremdländischen, naturnahen Kulturen geht.
Aufgrund dessen analysiert Derrida die (vermeintliche) Gabe, in Abgrenzung zum Tausch, als klarer Kritikpunkt zu Mauss:
„Man könnte soweit gehen zu sagen, daß selbst ein so monumentales Buch wie der Essai sur le don von Marcel Mauss von allem möglichen spricht, nur nicht von der Gabe: der Essai handelt von der Ökonomie, dem Tausch und dem Vertrag (do, ut des), vom Überbieten, dem Opfer, der Gabe und der Gegengabe, kurz von allem, was aus der Sache heraus zur Gabe drängt und zugleich dazu, die Gabe zu annullieren.“ 10
2 Zur Gabe-Philosophie Derridas - das Paradox der Unmöglichkeit der Gabe
2.1 Dissemination des Gebens und Nehmens
Bei der Dissemination, also der Ausbreitung oder Verstreuung der Gabe wird der Sprechakt als intentionaler Akt betrachtet. Dabei wird zwischen einem verbalen „Geben“ und der nominalen „Gabe“ an sich und schließlich zwischen einem Geben von etwas und dem Geben, das Bedingungen für alles Gegebene darstellt, unterschieden. 11 Bei diesem Gabevorgang besteht wiederum eine „rückkehrlose Dissemination“ nach Derrida, die sein formalistisches Denken bestärkt. Es besagt also, dass es in diesem Zusammenhang eben kein „Geben und Nehmen“ geben kann, da es sonst in einem Tauschcharakter enden würde. Demnach muss im Akt des Gebens das Gegebene stets weitergegeben werden, jedoch nie zurück. Die Gabe muss als Gabe jede Reziprozität, die aus ihr resultieren könnte, umgehen, um sich selbst aufrecht erhalten zu können. Durch diese Unumkehrbarkeit zeichnet sich ein „Außen des Gebens“ ab, da es weder bei sich selbst beginnen, noch bei sich enden kann. Dieses „Außen“ bedeutet also eine Art „nicht feste“ Integration, wenn man so will, ein „internes Außen“ des Gebens / der Gabe in einem ökonomischen Kreislauf. 12 Eine „reine“ Gabe, falls es sie geben sollte, distanziert sich somit von diesem Kreislauf einer Gegen-gabe, da sie sonst nicht sein kann, was sie vor-gibt, sondern lediglich Tausch-Objekt ist: „Gabe, wenn es sie gibt, gibt es nur in dem, was das System unterbricht und das Symbol zerbricht, in einem rückkehrlosen Aufbruch, in einer Division ohne Dividende, das heißt ohne das systematische oder symbolische Mit-sich-sein eines Gabe-gegen-Gabe.“ 13 (Falschgeld, Seite 24)
10 Derrida: Falschgeld, Seite 37.
11 Waldenfels, Seite 392.
12 An dieser Stelle sei erwähnt, dass sich Derrida oft auf die Ökonomie zur Verdeutlichung bezieht. Die eigentliche Abgrenzung der Gabe von einem ökonomischen System soll sich hierbei gerade durch ihre uneigentliche Integration in ihm konstituieren. Wie dies zu verstehen ist, wird an späterer Stelle angeführt.
13 Hier wird deutlich, dass das Gegebene nicht unbedingt eine Sache, ein Ding im ökonomischen Sinn sein muss,
Arbeit zitieren:
Mathias Seeling, 2008, Vergessen geben - Kaurismäkis „Der Mann ohne Vergangenheit“ im Kontext des Derrida'schen Gabendiskurses, München, GRIN Verlag GmbH
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